Ungeladene Hochzeitsgäste

Ungeladene Hochzeitsgäste

Vorwort:

Der lang ersehnte Tag ist endlich da!
Caroline Miles und Peter Stein treten auf Soulebda vor den Traualtar.
Doch so idyllisch, wie sich die beiden sich diesen Tag vorgestellt hatten, ist er leider nicht.
Die Feier wird überschattet von dem Versuch der Terrororganisation HEMA, an die Höllenformel zu kommen. Eine biologische Formel, die so gefährlich war, dass sie in mehreren Teilen, in verschiedenen Laboratorien der Welt gelagert wurde.
Verschiedene Geheimdienste beteiligen sich an der Jagd nach der HEMA, doch wer kann wem trauen? Plötzlich will jede Seite die Formel für sich.

Während ihre Freunde verzweifelt versuchen, allen anderen zuvorzukommen und die Formel zu vernichten, erleben Caroline und Peter eine denkwürdige Hochzeitsreise.

 

Einige Personen aus der Geschichte
Peter Stein und Caroline Miles die Protagonisten der Geschichte
Frank Brauer Chef der beiden
Jessica Dafore Peter Steins rechte Hand
Benjamin Levi ehemals Mossad, Jessicas große Liebe
Randy Kaufmann Nerd Computer-Ass und Frauenheld
Wolfgang Decker Chef der Wachtruppe mit Kampferfahrung
Johann und Bernd starke Hände und gute Freunde
Hannes Meier ein Hühne mit Verstand
Jerome n’Antakert ein Wohltäter vor Ort
Sarah und Vera zwei untrennbare Mädchen
Bernd Schuster ein Mann mit Flugbenzin im Blut
Dana Stern Technik Genie beim Mossad
Fransiska Haufberger Starreporterin
Madame  Ma’Difgtma viel mehr als eine Haushälterin
Mike Nr 1 und Dave Nr 2 zwei ehemalige CIA Leute
Dagan Mayr eine Legende
Colonel Lem Dagans rechte Hand
Major Meresch Kommandoführer und Technik Genie
Shaah Kalaaf Anführer der Terrorgruppe HEMA
Niina Mischaulk Anführerin der Terrorgruppe HEMA
Klaus Wolgarath Technik Genie der HEMA
Claude Neuffe „Der Architekt“ der HEMA
Claudette Campriso eine Schönheit mit besonderen Eigenschaften
Orimnija „die Metzgerin“ Auftragskillerin der HEMA

Ostseereise

Peter stand am Heck und blickte in das Kielwasser. Der Tag war herrlich gewesen. Die Seeluft tat gut und die Ostsee zeigte sich von ihrer freundlichen Seite.

Caroline kam zu ihm und stellte sich neben ihn.

„Ein wunderschöner Anblick.“, sagte sie und blickte nach Westen, wo die Sonne anfing im Meer zu versinken.

„HHMM.“

Sie schaute Peter erstaunt an. „Was hast du?“

„Ich hab Angst.“

„Was? Wovor?“

„Vor dem, was kommt.“

„He, wir haben die Fremdenlegion aufgemischt, eine Rebellion gewonnen und mit dem russischen Bären gekämpft. Wovor sollten wir noch Angst haben?“

„Das meine ich nicht. Ich hab Angst vor den nächsten 30 Sekunden!“ Caroline sah Peter an und ihre Augen fingen an zu leuchten. Peter griff in seine Tasche und holte einen Ring hervor…

Es war ein wunderschön gearbeiteter, dennoch schlichter, goldener Ring mit feinen Linien, er zeigte zwei Schlangen, die, eng umschlungen und umwickelt, untrennbar und dennoch todesmutig bis zum Ende, sich gegenseitig in den Schwanz bissen und zu verschlingen schienen. Die Augen waren in kleine rote Brillanten gefasst, winzig klein, aber bei der Größe des Ringes sah das einfach wunderbar aus.

„Oh, Peter…“ sagte Caroline nur langsam, dann fiel sie Peter um den Hals und küsste ihn. “Ich weiß nicht ob das gutgeht, aber solange das gutgeht, möchte ich mit dir zusammen, ein gutes Paar, ein noch stärkeres Team und eine noch bessere Ehefrau abgeben, aber sei dir gewiss, das wird alles andere als einfach, denn ich gebe nie einfach nach, habe immer eine eigene Meinung und das muss nicht zwingend deine sein. Wenn wir aber erst einmal gemeinsam am gleichen Strick in die gleiche Richtung ziehen, dann sind wir unbesiegbar!“

„Genau deswegen liebe ich dich und genau deswegen möchte ich, dass du meine Frau wirst, willst du das Wagnis eingehen, solange wie es dauert und mit mir zusammen an dem gleichen Strick ziehen, möglichst in die gleiche Richtung?“

„Ja, ich will!“, lachte Caroline.

„Und oh Welt – sei dir klar, dass sich hier zwei Alphatiere zusammengetan haben, wir werden das Gute in die Welt bringen und das Böse…“

„Peter lass gut sein, das Böse wird früh genug erkennen, dass wir jetzt doppelt so stark sind und es wird hoffentlich auch erkennen, dass es sein Haupt nicht mehr erheben sollte!“

So endete die abenteuerliche Reise, die beide nach Russland geführt hatte, wo sie letztendlich einen der brutalsten Menschenhändlerringe der letzten Jahre gesprengt hatten. Zusammen mit ihren Freunden, die weltweit agierten konnten, konnten die Verbrecher ausgeschaltet oder dingfest gemacht werden. Alle bis auf einen, den Anführer – er galt nach einem Flugzeugabsturz als vermisst.

So ging die wunderbare Schifffahrt weiter und das Ende der Reise näherte sich. Bald würde der Alltag wieder einsetzen.

**

Einige Tage später.

Zu Hause

Fröstelnd drückte sich Caroline gegen Peter und er legte schützend seine Arme um sie. Die mächtige Buche, unter der sie standen, hätte sie im Sommer sicher vor dem Regen geschützt, doch jetzt, Anfang Oktober, schützte kein grünes Blätterdach mehr.

Unter dem Baum befanden sich außer Caroline und Peter noch Jessica mit ihrer großen Liebe Benjamin Levi, unser Chef Frank Brauer, der Leiter unserer Sicherheitsabteilung, und das Urgestein Wolfgang Decker, Randy Kaufmann, das Computergenie, und Hannes Meier, ein Hüne, der immer da war, wenn man ihn brauchte.

Der eisige, nasskalte Wind war der erste Vorbote des herannahenden Winters und ließ Caroline sich wärmesuchend gegen mich drücken.

Es war totenstill in dieser Ecke des Friedhofes, und auch von uns sagte niemand ein Wort. Caroline und Jessica ließen ihren Tränen ungehemmt freien Lauf, während die Kerle die harten Männer heraushängen ließen, was aber außer Decker keiner schaffte. 100 Meter von uns entfernt knieten Vera und Sarah vor einem kleinen Grab mitten im nassen Gras.

**

Zwei Tage davor…

Am anderen Ende der Republik, mitten in einer kleinen Vorstadt, läutete es an der Tür und als Vera die Tür öffnete, stand Fransiska Haufberger vor ihr. Die beiden Frauen fielen sich lachend in die Arme. „Komm rein.“, sagte Vera freudestrahlend und brachte ihren Gast ins Haus.

„WOW, schön habt ihr euch eingerichtet.“, meinte Fransiska, als sie sich umgeblickt hatte.

„Ja, wir sind immer noch am Ausräumen und dauernd stellen wir die Möbel wieder um, aber irgendwann sind wir fertig. Und dann wird das unsere Liebeshöhle sein.“, lächelte Vera sie verschwörerisch an.

Sie und Sarah waren vor zwei Monaten aus ihrer Mietwohnung in der Innenstadt ausgezogen und hatten sich ein kleines Häuschen am Rand der Vorstadt gekauft.

In den letzten acht Monaten, die Sarah in den USA unter den scharfen Augen von General Willers im Krankenhaus lag und mit dem Leben kämpfte, waren sich die beiden noch näher gekommen.

Da Vera ihre große Liebe nicht aus den Augen ließ, hatte Willers sie kurzerhand als Krankenschwester eingestellt und ihr die Pflege von Sarah übertragen. Abgesehen davon, dass er so einen Hüttenkoller bei Vera verhinderte, konnte er sich sicher sein, dass Sarah die beste Pflege bekam, die es gab und hatte noch Personal frei.

Willers kannte die beiden, seit man ihn nachts aus dem Bett gezerrt, in ein Flugzeug gesetzt und nach einem abenteuerlichen Flug auf der Südseeinsel Soulebda abgesetzt hatte.

Nach blutigen Kämpfen brauchten dort hunderte Verletzte dringend Hilfe. Für ihn und die anderen Ärzte waren Vera und Sarah von unschätzbarem Wert und aus der beruflichen wurde eine feste private Freundschaft mit gegenseitiger Hochachtung.

Als der Präsident zu einem seiner halbjährigen Checks ins Bethesda Hospital kam, ließ er es sich nicht nehmen, die beiden Heldinnen persönlich zu besuchen und ihnen für ihren Einsatz in Russland zu danken. Er verlieh den beiden Mädchen dabei den Silver Star.

Immerhin hatten die beiden mit dazu beigetragen, eine der größten Verbrecherorganisationen zu zerschlagen, der auch mehrere amerikanische Staatsbürger zum Opfer gefallen waren.

Aber als sich Sarahs Zustand wieder stabilisiert hatte, stellte Vera eine Veränderung bei Sarah fest. Sie konnte es zwar nicht genau beschreiben, doch Sarah war nicht mehr dieselbe Frau.

Was immer in Sarah vorging, es machte Vera Angst. Umso glücklicher war Vera, als Sarah ihr vorschlug, sich gemeinsam ein kleines Häuschen zu kaufen. Schon drei Tage nach ihrer Rückkehr aus den Staaten klapperten die beiden Immobilienmakler ab und fanden genau das, was sie suchten. Ein kleines Haus, gerade groß genug für zwei feurige Mädels und das auch noch zu einem erschwinglichen Preis.

Sie kauften das Haus und begannen, sich einzurichten. Natürlich ließen es sich ihre Freunde nicht nehmen, zu helfen, wo sie nur konnten und schon kurze Zeit später war das Haus bezugsfertig.

An die Blicke der Nachbarn, die die beiden Frauen seltsam ansahen, hatten sich Vera und Sarah schnell gewöhnt und mit ihrer offenen Art hatten sie das Eis bald gebrochen. Bereits nach dem ersten Straßenfest waren die beiden in die Gemeinschaft integriert.

Fransiska schaute sich um „Ich könnte glatt neidisch werden. Kein Vergleich zu meiner Stadtwohnung. Dauernd irgendwelcher Krach und nervende Leute.“

„Ich konnte anfangs gar nicht schlafen, es war viel zu ruhig, und ich musste mich erst daran gewöhnen, dass mich nicht dauernd Sirenen oder anderer Lärm aus dem Schlaf reißen. Such dir einen Platz. Willst du einen Kaffee, oder was anderes?“

„Kaffee wäre toll.“

Als Vera ihr den Kaffee brachte fragte sie, „Und was führt dich her?“ Fransiskas Augen wurden einen Tick finsterer. „Ist Beate hier? Ich würde gerne mit ihr reden.“

„Sie ist unterwegs und besorgt noch ein paar Sachen.“ Vera hatte den Stimmungswechsel sehr wohl mitbekommen, zumal Fransiska nicht nach Sarah, sondern nach Beate gefragt hatte. Binnen Sekunden schien die Temperatur im Raum ins Bodenlose zu fallen. Doch Vera widerstand der Frage, warum Fransiska mit Sarah reden wollte.

Die beiden plauderten und versuchten die Atmosphäre aufzulockern, doch es nützte nichts. Es war fast erlösend, als Sarah nach einer halben Stunde mit ihren Einkäufen zurückkam. „Fransiska, Liebes, schön dich zu sehen.“, rief Sarah freudestrahlend. Doch schon bekam sie die aufgeladene Spannung mit.

„Was ist?“ fragte sie.

„Können wir reden?“

**

Südlich des Flughafen Rostock Laage befinden sich einige kleine Dörfer, Zehlendorf und Recknitz. Die alte Moorlandschaft erstreckt sich großflächig über die auslaufenden Flächen. Dazwischen, nahe dem Schloss Rossewitz, steht eine kleinere Fabrikhalle, die täglich mehrfach von Kleinbussen und SUVs angefahren wird.

Was nur wenigen Anwohnern bekannt sein dürfte, hier befand sich zur Zeit der DDR ein geheimes Forschungslabor, tief unten im Moor hineinversenkt, falls je einmal etwas schief gehen sollte.

In den unteren Laboratorien forschen Menschen in Weißkitteln und Brillen, Handschuhen und Atemschutz an allerlei gefährlichen Stoffen. Nebenan ist auch ein Reinraum der obersten Schutzklasse. Die Wissenschaftler hier arbeiten unter Vollschutz und sehen aus wie aufgeblasene Gummimännchen.

Es herrscht Ruhe, Kontrolle und absolute Gründlichkeit, nichts kann hier passieren … da geht der Alarm hoch. Die Beleuchtung ändert sich. Alarm Stufe 4, die höchste Alarmierungsstufe.

Offene Versuche werden zwangsbelüftet und der Vernichtung zugeführt, Geräte und Schränke schließen vollautomatisch und die Wissenschaftler drängen sich in den Untersuchungsraum. Sie warten auf das Einsatzteam, das gleich kommen wird. Das professionelle Verhalten der Angestellten zeigt, dass das ständige Training sich bewährt hat.

**

„Ich kann nicht länger mit diesem Unrecht leben.“, hatte Fransiska zu ihr gesagt. „Ich habe damals mitgeholfen, dieses Monster zu erschaffen. Ich will es wieder gut machen.“

Sarahs Gedanken rasten. Das Monster war niemand anderes als der ehemalige Generalstaatsanwalt Trommer. Trommer hatte ihr Unglück schamlos ausgenutzt, nur um nach oben zu kommen. Er hatte sie zum Tode verurteilen lassen und das, obwohl er genau wusste, dass sie ihre Tochter nicht ermordet hatte. Trommer wusste, dass ihr Mann der Mörder war, angestiftet von seiner damaligen Geliebten.

Dennoch hatte Trommer ein Medienspektakel in Szene gesetzt und so Karriere gemacht.

Das sie noch lebte, verdankte sie nur ihren Freunden, die vor diesem Unrecht nicht die Augen verschlossen hatten, und sich gegen den damals übermächtigen Generalstaatsanwalt stellten.

Der Preis für ihr Leben war teuer erkauft. Sie war „tot“.

Unter Einsatz ihres Lebens hatten Vera, Jessica -Peters bessere „Arbeitshälfte“-, Randy und Peter, der als Henker Beate eigentlich hätte hinrichten sollen, sie „getötet“ und als Sarah Schlosser wieder auferstehen lassen.

Seitdem hatte es keine ruhige Minute mehr in ihrem Leben gegeben. Trommer hatte zur Jagd auf sie geblasen, was Sarah gemeinsam mit uns Abenteuer im bayrischen Wald, in der Südsee und letztlich sogar in Sibirien erleben ließ. Und auch wenn mit jedem Abenteuer das Band zwischen uns stärker wurde, ihre Vergangenheit schwebte wie ein Damoklesschwert über ihr.

„Trommer ist tot. Ich will vor die Welt treten und ihr sagen, was für ein Blender und Scheißkerl Trommer wirklich war. Ich werde offen zugeben, dass er mich, genau wie alle Welt, getäuscht hat und Beate Fischer ein wirklich unschuldiges Opfer war, nicht nur sein Werkzeug.

Ich will, dass du dein Leben zurückbekommst, und dass du aufrecht, ohne Angst und ohne dich dauernd umzudrehen, durch dein wirkliches Leben gehen kannst! Lass mich dafür sorgen, dass du den Namen Beate Fischer wieder mit Stolz tragen kannst.“

Sarahs Beine drohten, unter ihr nachzugeben, und sie setzte sich zitternd hin, während sich ihre Gedanken überschlugen. Nach einer kleinen Ewigkeit lichtete sich der Neben in ihrem Kopf und Sarah fasste einen Entschluss.

„Nein, Fransiska, bitte lass Beate Fischer ruhen. Beate ist tot und Sarah steht vor dir, bitte lass Beate ruhen, mir zuliebe„

Fransiska sah Sarah an und nickte.

**

Auf dem Friedhof…

Emotional aufgewühlt kniete Sarah in Veras Armen auf dem nassen Grab. Ein trauriger, weißer Marmorengel stand am Kopfende des Grabes, auf dessen Sockel der Name „Ella Fischer“ eingemeißelt war.

Etwas weiter unten, in kleiner Schrift, halb von den Pflanzen bedeckt, stand ein weiterer Name. „Beate Fischer“.

„Ich bin tot.“, flüsterte Sarah.

„Nein Schatz, du lebst.“, entgegnete Vera leise.

„Mein altes Leben…“

„Sarah, Beate…ich…“

„Ich hab sie gesehen, Vera. Sie war bei mir im Flugzeug“

„Wer?“, flüsterte Vera.

„Ella.“, hauchte sie. „Wir standen beide direkt neben dir und haben zugesehen, wie du, Fransiska und Hawkins, darum kämpftet meinen Körper am Leben zu halten.

„Ich bin tot.“, flüsterte Sarah wieder. „Mein altes … Ella war traurig, weil es mir so schlecht ging, aber ich … ich war glücklich. Ich hab meine Ella im Arm gehalten… nach all den Jahren hatte ich sie wirklich gefunden. Sie hat mich angelächelt und meine Hand gehalten… ich hab sie wirklich gefühlt.

Ella war warm und voller Licht. Ich wollte mit ihr gehen, sie nie wieder los lassen, aber dann wurde ich zurückgezogen. Zurück in eine kalte Welt voller Schmerz.“, schluchzte Sarah.

Vera kniete sich jetzt hemmungslos weinend direkt vor Sarah.

„Ich weiß, dass ich dir deine Familie nicht ersetzen kann“, sagte sie von Tränen erstickt, „aber du bedeutest mir alles, bitte lass mich nicht allein.“

„Was?“

„BITTE! Lass mich nicht allein.“, flehte Vera.

„Liebes, wovon redest du?“

„Ich hab furchtbare Angst. Angst um dich, Angst um mich. Du hast dich verändert. Ich habe furchtbare Angst, dass du wieder zu einem anderen Leben zurückkehrst, ein Leben ohne mich. Oder, dass du einen Weg wählst, auf dem ich dir nicht folgen kann.“

„Vera, sieh mich an!“ Vera schaute in Sarahs smaragdgrünen Augen, aus denen die Tränen genauso flossen wie aus ihren, doch zugleich einen festen Willen zeigten.

„Du und ich werden uns niemals wieder trennen! Ganz gleich was kommen wird, wir zwei gehören zusammen. WIR SIND EINE FAMILIE! Du, ich… und die anderen Verrückten.“

Eine Ewigkeit hielten sich die beiden schönen Frauen im strömenden Regen fest, kniend auf der nassen Friedhofserde, eng umschlungen, bis Sarah aufstand und sich vor dem Marmorengel erneut hinkniete. Sie strich liebevoll über den Namen ihrer Tochter.

„Ella, mein Liebes, ich werde zu dir kommen, aber es wird noch etwas dauern, ich weiß, dass du das verstehst.“

Dann glitten ihre Finger zu dem Schriftzug mit ihrem Namen.

„Ruhe in Frieden.“

Dann stand Sarah auf, half Vera auf die Beine und sich gegenseitig haltend kamen beide zu uns. Als ich Sarahs Augen sah, wusste ich, dass unsere Familie wieder vollständig war.

Still und endlos hielten wir uns alle fest. Weder der kalte Oktoberwind noch der Regen konnte uns in diesem Moment etwas anhaben. Schließlich verließen wir gemeinsam den Friedhof.

„Ich hab dir gesagt, du sollst was Anständiges anziehen.“, brummte Decker zu Hannes. „Komm ja nicht auf die Idee, krank zu werden.“

Selbst Sarah konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und Vera schaute Decker dankbar an. Er wusste eben, wann das Richtige gesagt werden musste.

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Am nächsten Tag begann Fransiskas Kreuzzug.

Schonungslos und ohne Rücksicht auf ihre eigene Person zerrte sie Trommers Lügengerüst ins Licht. Sie zeigte, mit welchen Intrigen und hinterhältigen Machenschaften er sich nach oben gearbeitet und welche Folgen das für alle Beteiligten hatte.

Sich selbst schonte sie dabei kein bisschen. Sie gab offen zu, auf seine Lügen und Schmeicheleien hereingefallen zu sein. Sie gab zu, wenn sie ihren Job als Journalistin richtig gemacht hätte, sie vielen Menschen viel Elend erspart hätte.

Ungläubig und fassungslos auf einen solchen Betrüger hereingefallen zu sein, schwor sie öffentlich, dafür zu sorgen, nie wieder zuzulassen, dass ein solcher Blender Menschen ins Unglück stürzen würde.

Der Name Beate Fischer wurde mit keiner Silbe erwähnt…Beate Fischer war tot und begraben.

**

Die Neuigkeiten über unsere bevorstehende Hochzeit waren in unserer Arbeitsstätte wie eine Bombe eingeschlagen.

Offenbar hatte man nicht nur in den oberen Rängen der Verwaltung gewettet, was eher wahrscheinlich wäre, ein wilder Kampf mit ein- oder zwei Komplettausfällen oder eine Vereinigung der beiden Alphatiere. In unserer Arbeitsstätte hatte Jessica eindeutig den Jackpot gewonnen.

Was uns aber nicht bewusst war, kam dann am ersten gemeinsamen Arbeitstag in Form einer lächelnden Jessica auf uns zu.

„Ihr sollt euch heute um neun Uhr bei Frank melden, er hat Besuch von ganz oben!“ Wir schauten uns noch fragend an, als wir auf dem Weg in das Büro von Frank waren und anklopften.

„Herein“, kam die fordernde Stimme von Frank. Er stand zusammen mit einigen Damen und Herren am Kommunikationsmöbel, einem hohen Tisch, an dem man stehend gut diskutieren und dennoch in seine Unterlagen sehen konnte. Intern nannten wir das Möbel einfach die Quatschtheke, dennoch waren hier oft gute Ideen ersonnen und ausgebrütet worden.

„Ah, das sind sie ja, unsere Helden, dann darf ich einmal vorstellen: Frau Generalkonsul Dr. Indoria Dschaling’ah aus Soulebda, der stellvertretende Botschafter der vereinigten Staaten von Amerika, Mister Mike Fisher. Als Nächstes aus der Verwaltungszentrale der russischen Föderation in Moskau Herr Generalmajor Fjodor Lipinski und Militärattaché Majorin Irina Garabowski. Aus dem Außenministerium in Tel Aviv Frau Dr. Liza Munja, aus Paris die Staatssekretärin Frau Helena Mularoni und unsere verehrte Staatssekretärin Frau Dr. Melanie Cordes sowie Herr Dr. Thorsten Gehrlein, der Leiter der Abteilung „Z“ aus Berlin.“

Die Angesprochenen verbeugten sich kurz bei ihrer Vorstellung, dann fuhrFrank fort. „Ich übergebe das Wort nun an die Staatssekretärin Frau Dr. Melanie Cordes, bitte schön“. Er führte sie in die Mitte des großen Büros.

„Vielen Dank, Herr Decker für die Vorstellung. Da dies kein offizieller Anlass ist, verzichte ich auf die Titel der hier anwesenden Würdenträger und komme gleich zum Grund des heutigen Treffens. Sie beide, Frau Miles und Herr Stein, haben in den letzten Monaten Übermenschliches geleistet. Sie haben zur Aufdeckung und Zerschlagung einer der übelsten Menschenhändlerkette beigetragen, sich ehrenamtlich für die junge Demokratie in Soulebda stark gemacht und dort an der Zerschlagung einer Revolte teilgenommen.

Sie haben an diversen anderen Operationen sehr erfolgreich teilgenommen, die teils so geheim waren, dass nicht einmal wir im Ministerium vollständig informiert waren.“

Frau Cordes griff zu ihrem Glas und fuhr fort.

„Während dieser Zeit kam Ihre Erholung viel zu kurz und so habe ich die Gelegenheit, Ihnen Ihren zustehenden Urlaub der letzten Monate sowie – auf Bitten der hier Anwesenden und deren Auftraggeber – einen einmaligen Sonderurlaub von vier Monaten zuzugestehen.

Sie werden hiermit für volle vier Monate vom Dienst freigestellt, bei vollen Bezügen versteht sich. Bitte sehen Sie das auch als kleines Dankeschön von unseren Regierungen, die wir hier inoffiziell vertreten. Nun möchte ich das Glas auf Sie erheben und Ihnen für den neuen Lebensabschnitt als Ehepaar alles nur erdenklich Gute wünschen!“

Die anderen Vertreterinnen und Vertreter erhoben die Gläser und stießen mit uns an. In dem anschließenden Gespräch schilderten die Vertreter der Länder einige Besonderheiten, die auf uns zurückzuführen waren und die Auswirkungen. Eine Anekdote folgte der anderen und wir wurden über den grünen Klee gelobt.

Es wurden diverse Grüße der Leute hinter den Linien überbracht und last but not least die Einladung nach Soulebda zur Hochzeit überreicht. Wir waren nun offizielle Geladene der Regentin.

Endlich, nach fast drei Stunden, endete der Empfang und wir verabschiedeten uns. Als wir wieder auf Jessica trafen, lächelte sie uns zu. „Ihr Glückspilze, ich habe hier die Tickets und Belege, es geht übernächste Woche los und ihr sollt euch noch bei Dr. Schemmlein melden.“ Damit drückte sie uns je eine kleine Mappe in die Hand und verschwand.

Unsere Vorbereitungen in Deutschland liefen an, zwei Singles würden das Land verlassen und als Paar wiederkehren. Von Penelope wusste ich per Mail, dass ihre Mutter eine Linienmaschine erbeten hatte, um die Gäste einzufliegen und ein freundlicher Air Line-Besitzer aus Kuala Lumpur hatte sofort zugesagt und eine seiner A380 abgestellt.

**

In der Fabrikhalle nahe Schloss Rossewitz hupen die Sirenen immer noch. Die Sicherheitsschleuse öffnet sich und drei Leute in Atemschutz treten ein. Schwarz gekleidet mit Sonderausweisen und jeder Menge Sonden, halten sie Geräte hoch vor die Brust der Wissenschaftler. Dann fallen gedämpfte Schüsse und alle Weißkittel gehen zu Boden, ehe sie überhaupt verstehen, was da gerade geschieht. Der fragende Blick der Weißkittel bleibt auch in den Gesichtern stehen, als sie sterben.

Eine sportliche Blondine nimmt sich die Atemschutzmaske ab. Sie sieht jung, zielbewusst und zielstrebig aus und dirigiert die anderen beiden an die Arbeit.

Sie selbst nimmt den Wissenschaftlern die Ausweise ab und geht an den Zentralrechner. Ein USB-Stick wird eingesteckt. „Fertig, Klaus!“, sagt sie schließlich.

In ihrem Ohr trägt sie einen Sender. Kurze Zeit später flimmern diverse Formeln auf dem Bildschirm und die Dame speichert alles auf zwei USB-Sticks. Einen anderen Stick steckt sie in den Rechner und lädt etwas herunter. Darauf fangen die Bildschirme überall an zu flackern und die Festplatten werden überschrieben.

„Zwei Minuten“, ruft die Blondine und hebt zwei Finger hoch. Die beiden anderen antworten auch mit zwei Fingern, ohne einen Laut zu sagen. Dann werden sie alle schneller.

Das Trio nimmt einige Unterlagen und Wechselplatten mit, als es die Räume verlässt. Nachdem die Türen verschlossen sind, läutet erneut ein Alarm auf, diesmal Stufe 5 und auf einem zentralen Bildschirm flimmert ein rotes Bild auf mit einem Countdown, der bei 240 Sekunden gestartet wurde.

Oben fährt ein SUV zur Autobahn und fädelt sich in den Verkehr ein. Im Rückspiegel sieht man in der grünen Moorfläche Rauch aus der einsamen Fabrikhalle aufsteigen, dann folgt ein greller Blitz.

Eine halbe Stunde später hält der SUV auf einem Parkplatz und Schüsse fallen. Die Blondine steigt um in einen BMW der sportlichen Oberklasse, wird vom Fahrer mit einem Kuss begrüßt und das Auto rast los, kurz danach vergeht auch der SUV im Feuer einer Explosion.

**

Die Diplomaten-Suite im Airbus ist wunderbar, wir liegen Arm in Arm auf der Kombiliege, unter uns gleitet fast lautlos das Meer dahin. Peter schaut mich mit seinen großen fordernden Augen an, seine Hand ist um meine Schulter gelegt und mein Gesicht ruht auf seiner Brust, da sehe ich ihn mir genauer an.

Mein Blick wandert über sein Gesicht, seine Augen, die Mimik, diese hübschen Ohren und den fordernden Mund, aber dieses Mal will ich ihn nicht küssen, stattdessen will ich etwas klären, ein- für allemal.

„Peter – wir müssen reden!“

Sofort erreicht dieser Satz diese ihm eigene Wirkung. Peter setzt sich auf und bedeckt sich mit dem weichen Laken, die andere Seite reicht er mir. Auch ich setze mich auf und schau ihm nun direkt ins Gesicht.

„Das was du da unten in Russland abgezogen hast, das wirst du niemals wieder tun! Du wirst nicht einmal im Geist daran denken! Wir sind ein Team.

Ich weiß, du hast versucht, mich zu retten und bist stattdessen ganz bewusst in die Gefangenschaft gegangen. Das ehrt dich, aber so nicht. Wir beide sind ein Team. Du und ich, wir reißen die Welt entzwei, wenn es sein muss. Aber das, was du getan hast, waren die Gründe auch noch so gut durchdacht, das wirst du niemals wieder tun. Ist das klar? War das unmissverständlich klar? Niemals wieder!“

Peter hatte mich mit einem Trick in Russland aus der Schusslinie gebracht, er hatte mich niedergeschlagen und so gerettet. Er selber ging stattdessen in Gefangenschaft, aus der wir ihn dann mit Unterstützung unserer Freunde zuletzt wieder befreiten. Aber es war eine harte Zeit für uns alle.

„Schatz, du weißt genau, das war die einzige Möglichkeit, dich aus der Gefahrenzone zu bringen, um dich zu retten.“

„Niemals wieder sagte ich, sonst reiße ich dich auseinander! Ich werde dich suchen und ich werde dich finden, und ich werde dich wirklich auseinanderreißen. Das weißt du besser als jeder andere, dass ich das kann. Also lass dieses „Ich bin ein einsamer Held“-Getue, wenn du mich willst. Es gibt kein du oder ich, es gibt nur uns oder aber es gibt gar nichts. Verstanden?“

Mein eiskalter Blick verfehlt seine Wirkung keineswegs. Peter kennt mich zu gut, er weiß ganz genau, dass ich genau das tun würde, was ich ihm androhe, sollte er jemals wieder mich so hintergehen, sei es auch noch so ehrenvoll im Versuch.

„Ich rechne dir diesen ehrenhaften mutigen Opfergang hoch an, aber sieh, die hätten mich niemals getötet, die wollten doch was von mir. Dich aber hätten sie gebrochen und einfach brutal umgebracht und das völlig umsonst und ohne Sinn. Zusammen aber mein Lieber, sind wir erstklassig, aber wirklich nur zusammen.“

„Ja, Caroline, ich habe dich verstanden und ich will dein Partner, dein bester Freund und dein Mann sein, ja, all das will ich für dich sein. Zusammen können wir viel mehr erreichen als jeder alleine!“ Peters Blick lichtete sich wieder.

„Nun komm und lass uns diesen himmlischen Flug als wirklich himmlischen Flug genießen, du weißt dass ich diese Luftnummern sehr mag.“, und er greift nach mir.

„Nein, jetzt nicht, ich bin jetzt nicht in der Stimmung, das eben war wichtig und wird jetzt nicht gebürstet. Jetzt nicht!“

„Komm doch, ein wenig in diesem wunderbaren Bettchen…“, und er greift nach meinem Arm. In dem folgenden Handgemenge entwickelt sich ein kleiner, aber bestimmter Machtkampf zwischen uns beiden und ich muss tatsächlich aufpassen.

Sein Training ist ihm wirklich gut bekommen. Stark wie ein Bär und flink wie ein Löwe agiert er in dem engen Raum, aber ich kontere wie eine Panterin, die ihre Jungen beschützt und am Ende ist es die Panterin sowie ein fieser Krav Maga-Trick, der Peter zu Fall bringt.

In das Bettlaken eingewickelt und feste verschnürt, gefällt es ihm definitiv nicht, aber ich hatte doch klar und deutlich – N E I N – gesagt.

Diesmal muss der Jäger, der die Panterin mit bloßen Händen fängt, eben eine Niederlage einstecken. In der Ecke sitzend, die Handflächen in den Kniekehlen eingeklemmt und die Blutzufuhr zu den Beinen begrenzt, wirkt er besiegt und deutlich sauer auf mich.

In meinen hauchdünnen Kimono gehüllt verlasse ich kurz die Suite und Jessica konnte einen kurzen Blick in die Kabine erhaschen, ihr Lächeln sagt alles.

An der Bar lasse ich mir zwei gute Drinks machen und mit einem Lächeln von der Barmixerin geht es zurück in die Kabine. Ich werfe einen prüfenden Blick in die Kabine: „Ich bring uns einen Drink, der uns wieder auf die Beine und in Fahrt bringt.“

Schon lasse ich den Kimono an meinem Körper sanft herabgleiten. Dann reiche ich Peter seinen Drink. „Komm, du Held, ich weiß doch, dass du dich schon befreit hast.“

Mit einem Sprung ist er bei mir und nimmt mir das Glas aus der Hand. Darauf küssen wir uns leidenschaftlich. Der Whisky schmeckt gut und bringt die nötige Wärme in uns. „Jetzt darfst du, mein Schatz, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für uns!“

**

Der TGV rast auf der Hochgeschwindigkeitsspur entlang. Im Erste-Klasse-Abteil sitzen vier Personen an einem Konferenztisch und diskutieren heftig. Der Platz an der Stirnseite ist noch leer, da tritt ein Mann im besten Business-Anzug ein. Sofort verstummt die Diskussion, alle Augen richten sich auf den jungen Manager.

„Sie haben eingewilligt!“ Gewaltiger Jubel brandet auf. Damit nimmt der Mann am Kopfende Platz, während eine schöne, junge, blonde Dame im knappen Kleidchen eintritt. Sie serviert kleine Häppchen sowie ein Glas frischen Champagner. Der Mann an der Stirnseite drückt einige Knöpfe und an jedem der vier anderen Tischplätze erscheint ein Touchscreen. „Wenn Sie bitte noch das Geschäft mit Ihrer Kennung signieren möchten…“, und er tippt dabei seine Kennung ein.

Am anderen Kopfende leuchten fünf Balken auf, der erste Balken ist von Rot auf Grün gewechselt, nach und nach wechseln die anderen auch auf Grün. Das Champagnerglas erhoben lächelt der Manager den anderen zu.

„Auf uns und unser größtes Geschäft!“ Zusammen mit den anderen trinkt er und freut sich über einen erstklassigen Abschluss.

Plötzlich greift der Managertyp mit zwei Fingern vorne in seinen Kragen, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen. Seine Stimme versagt, dafür werden seine Augen größer und er starrt das Mädchen mit dem Getränketablett an. Die anderen vier röcheln auch kurz, schließlich sinken sie alle in sich zusammen und sind kurz danach tot.

Die fesche Dame lässt das Tablett fallen, schubst den Anzugträger achtlos von seinem Platz, um sich selbst hinzusetzen. Dann schiebt sie einen USB-Stick in einen Schlitz und tastet mit einem Finger zu ihrem Ohr.

„Fertig, Klaus?“

An der Wand flimmern einige Bildschirmseiten auf und ein Ladebalken läuft, Danach wieder etwas Geflimmer und zuletzt ist nur noch die MeldungERROR am Bildschirm zu sehen. Die Blondine nimmt den Stick aus dem Gerät und verlässt seelenruhig den Raum.

**

SOULEBDA

Auf Soulebda hatte man sich bestens auf die bevorstehende Hochzeit vorbereitet. Der große Festplatz vor dem Präsidentenpalast war bereits wunderschön hergerichtet. Überall spielte Musik, die ganze Insel schien versammelt zu sein.

Wir trafen auf unsere Freunde, die mit uns hier so manches Abenteuer erlebt hatten. Das Wetter war bestens gewählt es war die Zeit der ersten Sonnenwechsel, hier auf Soulebda hatte man drei Ernten und die erste war gerade in die Lager verbracht worden. In zwei Wochen würden die Regentage kommen, aber bis dahin wären wir bereits auf der Hochzeitsreise.

Unser Empfang war herrlich, wir trafen auf unsere Freunde von den Stammeskriegern und begrüßten sie ausgiebig. Es hatte einen Wechsel an der Spitze gegeben.

Der bisherige Oberhäuptling war nach kurzer schwerer Krankheit vor Mualebda getreten und hatte, wie es sich gehört, alles an seinen Nachfolger übertragen. Schann’an Xarktipxli, aber wir dürfen ihn einfach Schann’an nennen.

Folglich kennt er auch uns genau und begrüßt uns in deren Sprache. Es ist eine Sprache, die nur die wenigsten auf der Insel verstehen, geschweige denn reden können.

Uns beiden wurde vor einiger Zeit in einer geheimen Zeremonie diese Ehre zuteil und wir können mit ihnen jederzeit und über alle Entfernungen reden, etwas das uns in Russland sehr geholfen hat.

Als wir uns beide nochmals dafür bedanken, erhalten wir stattdessen eine Art Abfuhr. Wir müssen unsere Geschenke von damals, diese einfachen Ringe abgeben. Weg sind sie.

Wir geben sie sehr ungern, denn sie verbanden uns doch stark mit diesen wunderbaren Menschen. Doch da werden wir erneut überrascht. Wir erhalten andere Ringe, ebenfalls einfach im Aussehen und deutlich filigraner. Wir nehmen sie gerne und mit dem Bewusstsein an, immer noch der Gruppe der Stammeskrieger anzugehören.

„Dies sind die Ringe der Erfahrung. Ihr werdet sie so lange tragen, bis ihr erkennt, dass ihr sie nicht mehr benötigt. Wir sagen es euch nicht, wenn ihr sie aber zu lange tragt, verliert ihr eure Kräfte. Also hört auf euch und auf eure Seelen. Sonst seht ihr eure Ahnen früher als gewollt.“

„Wie sollen wir erkennen, wann der rechte Moment gekommen ist?“, schaut mich Peter fragend an.

„Wir werden es erkennen, vertraut euch und vertraut uns!“ Dabei drehe ich mich um und erkenne weit hinter uns Schann’an, wie er mir zuwinkt und in meinem Kopf erwacht ein Gedanke.

„Ihr werdet es erkennen, vertraut mir.“

**

NEAPEL

Auf der Terrasse stehen einige Sonnenschirme, um die brütende Hitze von den makellosen Körpern der Sonnenanbeterinnen fern zu halten. Zwei sonnengebräunte, junge, sportliche Männer sitzen unter einem Sonnendach und betrachten ihre Notebooks. Die wunderschönen Mädchen wissen, dass jetzt Arbeiten angesagt ist und halten reichlich Abstand.

„Klaus, hast du die Daten der ersten beiden?“

„Ja, Shaah, die sind da, ich warte auf die Bereitstellung der dritten, aber der Satellit ist noch nicht auf Position.“

„Was ist mit Niina, ist die bereits auf der Yacht?“

„Nein, noch nicht, sie trifft zusammen mit Orimnjia ein“

„Kacke, das wird wieder eine Mordsschweinerei, wenn Orimnjia dabei ist. Sag ihr, sie soll nicht wieder das ganze Boot blutrot färben!“

„Ok, Boss“

„Was ist mit dem Satelliten?“

„Er kommt jetzt gleich in Reichweite, geht gleich los, Boss…“

Der andere Mann gibt die Daten in den Rechner ein, dann macht er sich daran, den richtigen Satelliten anzuzapfen. Auf dem Display leuchtet ein Antares 21 grün auf. Die Sendeanlage ist auf dem Berg montiert und vom letzten Wirbelsturm noch in Leidenschaft gezogen, aber immerhin kommt das Signal vom Satelliten an und die Übertragung der hochkomprimierten Daten beginnt.

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Der Satellit Antares 21 rast auf seiner Kreisbahn um die Erde und hat seine vier Parabolantennen zur Erde gerichtet. Die Sonnenkollektoren versorgen den kleinen Wächter im All auch nach 5 Jahren immer noch mit reichlich Energie. Eigentlich ist der kleine Blechkubus aber abgeschrieben und müsste bald verglühen. Da er in einem ungefährlichen Bereich kreist, hatte ihn zwar die NORAD auf ihrem Überwachungsschirm, aber mit dem Vermerk „Inaktiv“ versehen.

Damit galt Antares 21 als „Taube Nuss“. Tatsächlich ist der kleine Satellit einer von sieben verschiedenen Satelliten weltweit, die von der Terrorgruppe „HEMA“ heimlich übernommen wurden. Kein einziger ist als aktiv markiert und alle sind sie zum Verglühen vorgesehen.

Abgeschrieben und eigentlich „kalt“ gelten diese kleinen Teile allesamt als „Taube Nuss“ – ideal für die Terrorgruppe „HEMA“

Die HEMA, eine der wohl gefährlichsten Organisationen der letzten Jahre. Wann immer eine Gräueltat geschah, die alles nur Vorstellbare sprengte, konnten es nur drei Organisationen sein und die HEMA war immer dabei. Was genau der Name bedeutete, wurde nie richtig geklärt, aber international setzte man „HEMA“ einfach mit „heavy maltreatment“ gleich, was leider nur allzu oft zutraf.

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Bei der ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt wundern sich die Ingenieure über die seltsamen Störungen in einem der unteren Funkbänder. Da die Störungen aber nur sporadisch alle 78 Minuten auftauchen und den Betrieb nicht beeinträchtigen, werden sie auf den Generalfilter gesetzt, als „Industrial Trash“ markiert und fortan ignoriert. Der Funkbetrieb der großen Satelliten geht indessen weiter.

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Im Fachbereich 6 der ESOC sitzt ein junger Ingenieur und wundert sich über die Störsignale. Da sie als „Industrial Trash“ gemerkt sind, kann er auf den freigegebenen Datenstrom zugreifen und isoliert die ersten fünf Störungen.

Dann, nach seiner Schicht, macht er sich an die Datenströme. Zuerst sehen sie tatsächlich nach Störungen aus der Industrie aus, irgendwelche defekte Mikrowellen oder Industriesender. Der junge Ingenieur aber greift aber weiter und lässt nicht nach. Als er auch den letzten Datenstrom isoliert hat und signifikante Übereinstimmungen feststellt, wird er unsicher und greift zur Tastatur. Sein früherer Arbeitskollege und Freund hatte ihm schon während des Studiums öfter aus der Patsche geholfen.

Also tickert er die Mail über eine gesicherte Leitung. „Hi, Randy, ich hab da mal eine Frage…“ Kurz danach greift er zum Hörer, geht auf eine gesicherte Leitung und wählt eine Nummer in Deutschland.

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Zu Hause

Randy sieht das rote Licht, eine sichere Leitung und nimmt den Hörer ab. „Technische Abteilung, Kaufmann?“

„Hi, Randy, Pasquale hier von der ESOC, geht’s gerade?“

„Hi, Pasquale, lange nichts gehört voneinander“, Randy grinst in das Telefon. „Hängst du immer noch im Keller von Darmstadt rum oder haben sie dich inzwischen an die frische Luft gelassen?“

Doch dann schildert ihm sein Freund die merkwürdigen Daten, auf die er gestoßen ist. Nach einer guten halben Stunde ist Randy Feuer und Flamme und bittet Pasquale um die Daten, die er auch auf dem Sonderkanal erhält.

In der Technikwerkstatt hat Randy die Datenströme erhalten und isoliert. Schnell ist ihm klar, dass das kein Müll ist, sondern etwas mehrfach Gepacktes und Verschlüsseltes. Als er seine diversen Werkzeuge gegen den Datensatz schickt, fällt ihm eine Gemeinsamkeit auf. Irgendwo hat er das schon einmal gesehen.

Nach einigen harten Stunden fällt ihm auf, dass der Algorithmus mit einigen ihm bekannten Eigenschaften versehen ist. Nach und nach schält er die Zwiebel des Datenstroms ab und kommt immer näher an die Wahrheit. Zuletzt aber bleibt er an einem Code hängen, der ihm ins Auge sticht.

Aus dem Safe nimmt er ein Handy und einen Daten-Stick, speichert die Daten ein und verbindet den Stick mit dem Handy. Dann wählt er eine Nummer in Israel. Es klingelt…

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TEL AVIV

Dagan Mayr steht zusammen mit zwei seiner engsten Berater über einer Landkarte gebeugt, als die Tür aufgeht und Colonel Lem hereinkommt.

Dagan schaut ihn an und Lem hebt kurz eine Augenbraue.

„Danke, meine Herren. Morgen wie immer zum Rapport, einen erfolgreichen Dienst wünsche ich!“ Die beiden Leutnante stehen stramm und eilen hinaus.

„Es gibt etwas sehr Interessantes aus Deutschland“, beginnt Lem und Dagan schaut interessiert auf.

„Weiter!“

„Randy Kaufmann, der Computerspezialist, ist an einen Satelliten-Datenstrom geraten, der ihm komisch erschien und er hat begonnen, ihn zu analysieren.“

„Weiter?“

„Der Datensatz ist offenbar hochverschlüsselt, aber diesem Randy kamen einige Teile bekannt vor. Er fragt gezielt bei uns nach, wegen eines Projekts namens Ronja.“

„Ja, Kaufmann hatte bei uns Einblick in empfindliche Bereiche, geben Sie ihm die Daten heraus, auch die die aus Sektor Ultraviolett, sollte er danach fragen.“

„Wirklich die auch?“

„Ja, aber nur wenn er danach fragt. Jetzt lassen sie die beiden Leiter der Abteilung 6 und 7 kommen, ich muss sie was fragen!“

Colonel Lem geht in den Elektronikbereich. Neben ihm geht eine reizvolle junge Frau. Auf ihrem Namensschild steht der Name und Abteilung VII. Sie lächelt ihn freundlich, aber unbestimmt an und Colonel Lem lächelt zurück. „Wer hat heute bei Ihnen Dienst in der Sonderabteilung?“

„Heute hat Dana Stern Dienst, Colonel“, und sie verschwindet in einen Seitengang.

Lem geht direkt zum Laboratorium, Abteilung VII, intern bekannt als die Signalabteilung. Am Empfang weist der diensthabende Leutnant auf eine Frau mittlerer Größe mit schulterlangem dunklem Haar. Sie steht mit zwei Hauptleuten an einem Signalgenerator und sie betrachten diverse Graphen.

„Das da, ist euer Problem, genau hier ändert sich die Amplitude und ihr müsst die Signalisierung nachjustieren, sonst fällt das aus dem Raster.“ Die Hauptleute nicken ihr zu.

Da wirbelt die Frau herum „Das ist aber Kacke, da hängt das Leben unserer Piloten dran, verdammt nochmal, packt gefälligst den Schrott ein und zurück ans Reißbrett damit!“ Die beiden Hauptleute laufen rot an und packen ihre Sender vom Messplatz und verlassen, hastig Colonel Lem grüßend, schnell den Bereich.

Die Frau schaut zu Colonel Lem auf, stellt sich als Dr. Ingenieur Dana Stern vor und fragt freundlich, wie sie helfen kann. Lem mustert die Dame kurz, sie sieht klug und verdammt clever aus. Sie hat zwar eine etwas untrainierte Figur, dafür einen straffen Busen und einen absolut wunderbaren Augenaufschlag, dem man alles glauben würde.

Colonel Lem schluckt nochmals, dann zieht er sie ins Vertrauen. Die Augen von Dana werden dabei bei jedem Satz größer. Schließlich meint sie nur:

„Oh mein Gott, das ist der von Schleitz-Algorithmus, der hat uns immer schon Probleme bereitet, wo zum Teufel taucht der denn auf?“

Als Lem ihr sagt, was er weiß und von woher, wird Dana Stern bleich im Gesicht. „Der Mann da, dieser Kaufmann, der ist in größter Gefahr!“

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SOULEBDA

Die Insel Soulebda hatte nichts von ihrem Zauber eingebüßt.

Von der oberen Terrasse von Carolines Dienstvilla hatte man einen fantastischen Blick auf Meer. Am endlosen Stand konnte ich Jessica und Ben sehen, die dicht nebeneinander im Sand lagen.

Unter mir, zwischen den Palmen, tobten Caroline und Veronique mit Caro’Pe, Veroniques Tochter, die gleichzeitig unser Patenkind war, umher. Caro’Pe war nach Veroniques Mutter benannt worden und bedeutete in der Stammessprache Trägerin des Lichtes, was vortrefflich zu diesem kleinen Wirbelwind passte. Sie schaffte es spielend, alle in Atem zu halten.

Als Caroline zu mir nach oben schaute, warf sie mir eine Kusshand zu, die ich liebevoll erwiderte, um gleich wieder meine Sorgenmiene aufzusetzen.

„Was ist? Du siehst aus, als ob du kalte Füße bekommst.“, fragte mich Bernd Schubert.

Bernd Schubert, Veroniques Ehemann und Caro’pes Vater, war einer meiner besten Freunde und ein hervorragender Pilot. Sein Kopilot hatte ihm eine Menge Drogen untergeschoben und sich abgesetzt, als Bernd Schubert verhaftet wurde.

Nach einer abenteuerlichen Flucht – an der meine Freunde nicht ganz unbeteiligt waren – hatte Bernd während der Schlacht um Soulebda sein Flugzeug in eine Rakete gesteuert, um Veroniques Leben zu retten. Seitdem galt Bernd auf der Insel als ein Nationalheld.

Doch Bernd ließ sich das nicht zu Kopf steigen, packte an und gründete auf Soulebda eine eigene, weltweit agierende Luftfahrtlinie.

Ohne zu zögern, war Bernd in seinem Flieger bis nach Sibirien geflogen, hatte Sarah in einem abenteuerlichen Flug das Leben gerettet und sich anschließend mit seiner Propellermaschine einen Kampf mit vier MIG 31 geliefert. Die Tatsache, dass er noch lebte, sprach für sich.

Madame Ma‘ Difgtma, der gute Geist des Hauses, trat auf die Terrasse und brachte uns zwei Gläser Whisky. Während Bernd sein Glas beinahe ehrfürchtig serviert bekam, stellte sie mir das Glas mit einem finsteren Blick hin. Allem Anschein nach, hatte sie mir noch nicht verziehen, dass ich während unserem ersten Abenteuer auf Soulebda, mit Caroline zusammen, bei einem heftigen Streit und dem darauf folgendem heißen Liebesspiel, die halbe Einrichtung des Hauses zertrümmert hatte.

„Also, wo drückt der Schuh?“

„Ich mache mir eben meine Gedanken.“

„Tja, Caroline zu zähmen, wird sicher nicht einfach.“, grinste er.

„Caroline ist nicht zu zähmen. Um ehrlich zu sein, das würde ich gar nicht wollen. Caroline ist perfekt, so wie sie ist.

Nein, ich mache mir Gedanken über mein Leben, und ob ich es nicht ändern sollte, bevor etwas Schlimmes geschieht.“

„Dein Leben ändern… du hörst dich an wie James Bond in der Midlifecrisis.“

„Das ist nicht lustig. In Sibirien hätten wir beinahe Sarah verloren.

Ich hab mir vorher nie über Konsequenzen Gedanken gemacht. Nein, ich hab mich, ohne zu überlegen, kopfüber in irgendwelche Abenteuer gestürzt und nie darüber nachgedacht, dass meine Freunde, die mir helfen, diese Abenteuer zu bestehen, zu Schaden kommen könnten.

Und dass Sarah noch lebt, verdankt sie nicht mir, sondern dir und den Schatten, die lieber das Risiko eingingen, im Gulag zu landen, statt Sarah sterben zu lassen.

In Sibirien hat mich Decker gewarnt. Er sagte mir, dass es nicht nur um mein Leben geht, sondern dass viele andere Leben und Schicksale von meinem Handel abhängen. Ich hab es damals nicht allzu ernst genommen, jetzt verstehe ich, was er mir sagen wollte.“

Nachdenklich nippte Bernd an seinem Bourbon.

„Weißt du“, meinte er, „Decker hat Recht, mit dem was er sagt. Oftmals kennen wir die Tragweiten unserer Entscheidungen nicht, oder erkennen sie erst viel später, wenn sie nicht mehr rückgängig zu machen sind, aber deshalb können wir nicht einfach aufhören, Entscheidungen zu treffen. Klar sind von deinen Entscheidungen auch deine Freunde betroffen, aber das muss nicht zwingend schlecht sein.

Sarah lebt, weil du entschieden hast, sie nicht hinzurichten. Du hast ihr und Vera ein zweites Leben geschenkt.

Genauso Fabienne. Du hast mit deiner Entscheidung nicht nur ihr Leben gerettet, sondern Dagan eine wichtige Hilfe in seinem Kampf gegeben. Wer weiß, wie viele Leben dieses Team schon gerettet hat.

Oder nimm mich. Hättest du dich nicht entschieden, mit Caroline die Rebellion zu unterstützen, würde ich heute in einer Gefängniszelle vor mich hin schimmeln.

Und glaub mir, ich bin dir mehr als dankbar, dass du in den Krieg gezogen bist.

Selbst Jessica hat ihre Liebe nur gefunden, weil du dich mit Trommer angelegt hast. Denk mal darüber nach.“

Ich riss mich vom herrlichen Anblick der Terrasse los und setzte mich zu Bernd an den Tisch.

„Fest steht“, fuhr Bernd fort, „egal wie du es drehst, du weißt nie, was geschieht. Wie sagst du immer: ‚hätte, hätte Fahrradkette‘. Du heiratest in vier Wochen! Also hör auf, dir Gedanken zu machen, über Dinge, die du nicht ändern kannst.

Jeder von uns kennt das Risiko, das er eingeht, wenn er dem anderen zu Hilfe kommt. Auch Sarah kannte es und sie würde immer wieder losziehen, um deinen oder den Hintern eines anderen „Familienmitgliedes“ zu retten.

Wenn du dir Sorgen machen willst, dann denke darüber nach, was geschieht, wenn du nochmal so eine Nummer mit Caroline abziehst wie in Kosinski. Ich wette, sie hat dir in allen Einzelheiten erklärt, was sie dann mit dir anstellt.“

Jetzt musste ich lachen. „Ja, das hat sie.“

„Und?“

„Sagen wir so…, ich werde in Zukunft kein Kampftraining mehr bei Decker schwänzen.“

„Oh Mann, das wird dir nichts nützen.“

„Was ist denn mit dir? Haben dir die Russen noch Schwierigkeiten gemacht?“

„Nein, es scheint so, als ob wir nie da waren. Die Russen sind knallharte Geschäftsleute, sie haben ihre drei Prozent Mehranteile genommen und meine Frachtlinie wird sogar als offizieller Partner gehandelt. Wenn man mal von den paar Idioten absieht, sind die Russen eigentlich ganz in Ordnung.“

„Ja, Idioten gibt es überall. Ich frage mich bloß, warum die immer mir über die Füße laufen müssen.“

„Du ziehst das Böse eben magisch an.“

„Ich hoffe doch, dass es in nächster Zeit keine Abenteuer mehr gibt. Frank dreht langsam durch. In letzter Zeit bin ich mehr durch die Weltgeschichte gekurvt, statt mein Job zu erledigen.“

„Um ehrlich zu sein, ich hoffe auch, dass du uns, zumindest eine Zeitlang, nicht in irgendwelche haarsträubende Geschichten reinziehst.“

Ich lachte. „Ich werde mein Bestes geben, versprochen.“

Dass die nächste haarsträubende Geschichte längst begonnen hatte, und wir alle in ein Abenteuer ungeahnten Ausmaßes hineingezogen wurden, wusste in diesem Moment niemand von uns.

**

TEL AVIV

„Was meinen Sie mit ‚in Gefahr‘?“ fragte Lem.

„Damit will ich sagen, wer immer dieses Signal gesendet hat, er weiß, dass es nicht dort angekommen ist, wo es sollte. Das Signal zurückzuverfolgen ist ungefähr so schwierig, wie einen Öltanker zu verfolgen, der seine Ladung verliert. Und da es sich hier wohl um ein sehr geheimes Signal handelt, wird man alles versuchen, um jeden unschädlich zu machen, der davon Kenntnis hat.“

„Können Sie das Signal entschlüsseln?“

„Klar kann ich das, allerdings dauert das einige Zeit. Der Schleitz-Algorithmus ist verdamm schwer zu knacken.“

„Woher kenne Sie diesen Schleim-Algorithmus?“

„Schleitz. Ich hatte während meiner Zeit als Verbindungsoffizier zum CIA mit einer Verbrecherorganisation zu tun, die diesen Algorithmus benutzt hat, um ihre Aktionen abzustimmen.

Wir konnten immer nur kleine Zellen dieser Organisation zerschlagen, haben aber nie den Kopf der Schlange erwischt. Ich schätze, die Schlange ist wieder da.

Jedenfalls haben diese Verbrecher nie auch nur eine Sekunde gezögert, Menschen zu töten, auch Unbeteiligte, wenn es um ihre Sicherheit ging.“

„Wie schnell können diese Verbrecher das Signal zurückverfolgen?“

„Wahrscheinlich sind sie schon hinter diesem Kaufmann her.“

**

Zu Hause

„Brauer.“, meldete sich Frank, als das Telefon läutete.

„Hallo Frank.“ Frank erstarre, als er die Stimme am anderen Ende erkannte. Die Stimme gehörte niemand anderen Dagan Meir, dem ehemaligen Chef des israelischen Geheimdienstes, dem „Onkel“ von Caroline.

„Was zum Teufel hat dieser Mistkerl jetzt schon wieder angestellt?“, fragte er als erstes.

Ein leises Lachen ertönte aus dem Hörer.

Die beiden verband eine tiefe Freundschaft. Als die Rebellion auf Soulebda ausbrach und der ehemalige Präsident alle Verbindungen zur Außenwelt kappte, war Frank mit einem Rettungsteam um die halbe Welt gereist, um Caroline und Peter von der Insel zu holen. Doch dort angekommen, hatte sich das ganze Team den Rebellen angeschlossen und Frank hatte die Aufgabe, zusammen mit israelischen und amerikanischen Soldaten die Hauptstadt zu schützen.

„Nein, mein Freund, diesmal rufe ich nicht wegen Peter an. Er und Caroline sind ausnahmsweise unschuldig.“

„Die beiden sind nie unschuldig, wenn die Hütte brennt, und dein Anruf lässt vermuten, dass es sich um einen Großbrand handelt.“

„Da hast du Recht. Es brennt mehr als nur ein Haus.“ Der ernste Ton in Dagans Stimme ließ Böses ahnen. „Wo ist Randy?“

Randy ist der Computerspezialist und Obernerd der Verwaltung. Frank wusste, dass Randy für „Onkelchen“ Soft- und Hardware testete und somit Verbindungen zum Mossad hatte, doch nie an irgendwelchen Operationen teilnahm. Frank schaute auf die Uhr, es war 20 Uhr 30. Randy hatte keine festen Arbeitszeiten, da er sowieso die meiste Zeit in seinem Büro saß, hatte Frank ihn von der Zeiterfassung ausgenommen.

„Ich gehe davon aus, dass er entweder in seinem Büro oder zu Hause sitzt und den Monitor anstarrt.“

„Du musst ihn sofort aus dem Verkehr ziehen!“

„Ich soll was?“

„Randy und jeder in seine Nähe sind in großer Gefahr. Wir schicken gerade ein Einsatzteam, um ihn zu isolieren, bis zu seinem Eintreffen muss er in Sicherheit gebracht werden.“

Frank fragte erst gar nicht, ob das ein Scherz war, oder in welcher Gefahr Randy schwebte. Als erfahrener Kommandoführer wusste er, wann es Zeit war, Fragen zu stellen und wann man zuerst Handeln musste.

Jetzt war nicht die Zeit, Fragen zu stellen und Frank drückte den roten Knopf.

**

Decker hechtete über den Flur.

Als der Alarm losging, hatten er und alle diensthabenden Beamten ihre Waffen und Schutzausrüstung geschnappt und bildeten einen Sicherheitsring um die Zentrale.

„Was zum Teufel ist hier los?“, brüllte Decker, als er keinen wütenden Mob oder Ausbruchsversuch feststellte. „Wer hat den Alarm ausgelöst?“

Frank kam um die Ecke und winkte Decker zu sich.

„Decker, Hannes, Johann zu mir. Der Rest sichert sofort die Tore und Eingänge. Jeder Einzelne, der sich im Gebäude aufhält wird genauestens kontrolliert. Es besteht akute Gefahr eines oder mehrerer bewaffneter Eindringlinge!“

„Ihr habt es gehört! Vier-Mann Teams bilden. LOS!“, bellte Decker.

Frank ging, Decker neben sich, in Richtung der Verwaltungsflure. Hinter ihnen kamen Hannes und Johann, in voller Schutzausrüstung.

„Was hat Peter diesmal angestellt?“, fragte Decker, während er sich seinen Helm überzog.

„Ausnahmsweise nichts. Es geht um Randy. Anscheinend will ihn jemand umlegen.“

„Und dazu greifen sie ein Gefängnis an? Wem ist er auf die Füße getreten, etwa dem KGB, FSB oder wie die gerade heißen?“

„Keine Ahnung, die Warnung kam von weiter südöstlich.“ Mehr brauchte Frank nicht zu sagen. Decker wusste genau, wer gemeint war, und dass Warnungen von dort ernst zunehmen waren.

Mittlerweile waren sie vor Randys Büro angekommen und Frank hoffte innständig, dass Randy auch da war. Während Randy hochschrak, als Decker die Tür aufriss, fiel Frank ein Stein vom Herzen. Er hatte schon damit gerechnet, ein Einsatzkommando zu seiner Wohnung schicken zu müssen.

Hannes und Johann sicherten die Tür nach beiden Seiten des Flures, während Frank und Decker in Randy Büro stürmten.

„Was geht denn hier ab?“, fragte Randy verstört.

„Bring ihn in den b.g.H.“, wies Frank Decker an.

„Das wollte ich schon immer, schade, dass es nicht Peter ist!“, brummte Decker.

Das konnte sich Frank nur allzu gut vorstellen. Den Wunsch, Peter in den besonders gesicherten Haftraum zu stecken, hegte so ziemlich jeder, der mit Peter zusammenarbeitete.

„Ich soll was? Kann mir mal einer sagen, was hier los ist?“, wollte Randy wissen.

„Ich erklär dir es später, jetzt kommst erst mal mit.“, sagte Frank und Decker zog Randy hinter seinem Schreibtisch heraus.

„He, ich muss das Programm beenden, ich kann nicht einfach…“ Der Rest des Satzes ging im Chaos unter.

Das Glas der Fensterscheibe barst in tausend Einzelteile und ein Geschoss riss Randy ein paar Haare vom Kopf. Lediglich die Tatsache, dass die Kugel das Gitter des Fensters geschrammt hatte, rettete Randys Leben.

Noch bevor das Knallen des Schusses ertönte, hatte Decker Randy zu Boden geworfen und Frank einen heftigen Stoß verpasst.

Jetzt, da die Angreifer mitbekommen hatten, dass ihre Kugel danebengegangen war, belegten diese das Büro mit Dauerfeuer. Dazwischen schlugen Explosionsgeschosse ein, rissen große Löcher in die Wände und ließen Splitter und andere Trümmer auf die am Boden liegenden herabregnen.

Die Tür lag genau im Feuerbereich und Decker hatte Randy in den toten Winkel des Zimmers gezogen, während Frank unter dem Schreibtisch durch zu ihnen robbte.

„Die Scharfschützen sofort aufs Dach! Schweres Gewehr und Geschützfeuer von Süden! Die gesamte Anlage abriegeln und ruft die verdammte Kavallerie!“, brüllte Decker in sein Funkgerät.“

„Verdammt, was ist hier los?“, fragte Randy, während Glassplitter auf ihn regneten.

„Sag du es mir, mich wollen die Schweine nicht umlegen, sondern dich! Hast du einen Peter-Stein-Fanclub gegründet?“

„Wir kommen rein und holen euch raus.“, rief Hannes. Er und Johann hatten sofort reagiert, als sie mitbekamen, was im Inneren des Büros vorging.

„Lass deinen Arsch aus der Schusslinie.“

Hannes legte die beiden Schutzschilde übereinander, schätzte den Winkel der Geschosse und sprang in den Raum. Mit den Schilden erweiterte er den toten Winkel so weit, dass Decker, Frank und Randy die Tür erreichen konnten.

Johann robbte herein und zog Frank, der keine Schutzkleidung trug, heraus und Decker packte Randy mit festem Griff und zerrte ihn heraus.

Gerade er Randy in den Flur gestoßen hatte, wurden Hannes die Schilde von einem weiterem Explosivgeschoss aus den Händen gerissen.

Ohne nachzudenken hechtete Decker wieder in den Raum und riss Hannes zurück in den Flur.

„Ihr bringt Randy in den b.g.H. und lasst ihn nicht aus den Augen.“, befahl er Hannes und Johann und rannte aufs Dach, ohne sich eine Atempause zu gönnen.

Dort hatten die Scharfschützen angefangen, das Feuer zu erwidern und es hatte sich ein heftiger Schusswechsel entwickelt. Zum Glück konnten die Sprenggeschosse die dicke Betonmauer, hinter der die Scharfschützen lagen, nicht durchschlagen.

Mit einem schnellen Blick über die Brüstung schätzte Decker die Situation ein. Er packte den Schützen, der direkt neben ihm lag.

„Da unten der dunkle Transporter. Schnapp ihn dir!“

Der Schütze legte ein neues Magazin ein, stellte das Fernrohr richtig ein und durchsiebte die Reifen und den Motorblock des Transporters.

„So, ihr Arschlöcher, jetzt versucht mal abzuhauen.“

„Achtet auf die Eingänge dort drüben, haltet sie im Gebäude fest, bis das SEK da ist!“

Gerade als die Schützen zeigten, dass sie verstanden hatten, brauste ein Hubschrauber über das Dach.

„VERTEILEN!“ brüllte Decker und die Schützen hechteten auseinander. Mehrere Garben einer Maschinenpistole schlugen zwischen den Männern ein, die ohne Deckers Warnung sicher Opfer gefordert hätte.

Der Hubschrauber drehte um und kam zurück, als ein weiterer Helikopter erschien und aus der offenen Seitentür wurde das Feuer auf die Angreifer eröffnet. Dagans Pilot gab den Verbrechern keine Gelegenheit, sich auf ihn einzuschießen. Gekonnt lenkte der Pilot seinen Hubschrauber in Kurven, die er mit den Schützen abgesprochen hatte.

Die Angreifer erhielten mehrere Treffer und suchten ihr Heil in der Flucht. Doch sie hatten ihr Ziel erreicht. Eine Handvoll Angreifer konnte entkommen, als die Schützen auf dem Dach Deckung suchten. Ein Teil aber hatte die Gelegenheit zu spät erkannt und wurde im Gebäude festgenagelt.

Als die ersten Sirenen ertönten, gab es einen letzten Ausbruchsversuch, den Deckers Scharfschützen im Dauerfeuer vereitelten.

„Sagen Sie dem Einsatzleiter, dass die Typen Sprenggeschosse haben.“, warnte Decker die Einsatzkräfte des SEK, als diese sich einen Überblick verschafften. Von der Feuerkraft ausgehend würde ich sagen, da sind noch etwa 5 Mistkerle im Gebäude.“

Und diese 5 setzten sich mit allen zur Wehr, was sie hatten.

„Haltet sie von den Fenstern fern!“, befahl Decker als das SEK vorrückte.

Mit einem wirkungsvollen Scharfschützenfeuer hielten Deckers Männer die Angreifer von den Fenstern fern, dann flogen Blend- und Sprenggranaten durch die Fenster und das SEK stürmte das Gebäude.

Nach weniger als einer halben Minute war der Spuk vorbei. Von den Angreifern hatten nur zwei überlebt und einer schaffte es noch, sich selbst in den Kopf zu schießen. Der zweite war so schwer verletzt, dass eine Befragung völlig sinnlos war.

Der Hubschrauber mit Dagans Leuten kam zurück und landete auf dem Dach.

Einer der Männer kam auf Decker zu gerannt und reichte ihm die Hand.

„Major Kosliwski. Das war gute Arbeit, Herr Decker.“

„Sagen Sie ihrem Piloten, wir schulden ihm was. Und jetzt will ich wissen, was zum Henker hier los ist!“

„Keine Ahnung, mein Auftrag lautet, Randy Kaufmann nach Tel Aviv zu bringen.“

„Kommen Sie mit.“ Decker übernahm die Spitze und brachte Kosliwski und zwei seiner Männer zum b.g.H.. Dort hatten Hannes und Randy mit einem vier Mann Team den Flur gesichert.

„Alles Ok. Das ist der Taxidienst. Holt ihn raus.“ Hannes öffnete die Tür der Zelle und winkte Randy heraus.

„Herr Kaufmann, ich bin Major Kosliwski. Dagan schickt mich, um Sie nach Tel Aviv zu bringen.“

„Ich verstehe überhaupt nicht, was hier geschieht. Kann mir das vielleicht mal jemand erklären?“

„In Tel Aviv wird man bemüht sein, Ihnen alle Fragen zu beantworten.“

„Ok. Mein Rechner ist sowieso hinüber. Vom mir aus kann es losgehen.“

„Hannes, du begleitest ihn und lässt ihn nicht aus den Augen.“, wies ihn Decker an.

„Mein Auftrag lautet nur, Herrn Kaufmann nach Tel Aviv zu bringen.“

„Kaufmann wird ohne Begleitung nirgendwo hin gehen!“, entschied Decker.

Kaum waren die Worte ausgesprochen, nahmen Hannes und Johann Verteidigungshaltung ein.

Kosliwski war klug genug zu erkennen, dass Decker es ernst meinte und nicht nachgeben würde, und er würde Dagan nur ungern ohne Randy gegenüber treten.

„Ok, sie kommen beide mit uns.“

Auf dem Weg zum Hubschrauber nahm Decker Hannes zur Seite.

„Was sollte das? Ich hab gesagt, du sollst aus der Schusslinie bleiben, Wolltest du den Helden spielen?“

„Du warst isoliert und ich musste eine Entscheidung treffen. Und ich als dein Stellvertreter, habe das getan, was ich für richtig hielt.“

„Dieses Mal lasse ich das durchgehen. Lass es dir aber bloß nicht zu Kopf steigen.“, brummte er ihn an.

„Pass mir bloß auf den Kleinen auf. Falls es Ärger gibt, rufst du uns. Randy hat ein paar Geräte, die das können, ob die Israelis das wollen oder nicht. Verstanden? Wenn es gar nicht anders geht, dann rufst du… du weißt schon, wen ich meine.“

„Alles klar, Boss.“

Über dem Dach schwebten mittlerweile nicht weniger als vier Hubschrauber, als Randy und Hannes zu Dagans Hubschrauber gebracht wurden.

Als der Helikopter abhob und verschwunden war, sammelte sich Decker für eine Sekunde. Dann hob er sein Funkgerät und rief alle Stellen an.

„Im ersten Hof antreten! Ich will eine komplette Meldung in fünf Minuten!“

**

Decker warf seinen Helm auf Franks Schreibtisch.

„Bilanz?“, fragte der.

„Zwei Verletzte mit Streifschüssen und vier weitere Verletzte mit kleineren Schnittverletzungen. Zum Glück keine Toten. Verdammt, das hätte ins Auge gehen können. Was hat dieser kleine Nerd bloß angestellt?“

„Dagan sagte, dass Randy und jeder in seiner Nähe in großer Gefahrwären. Wie es aussah, hatte er Recht.“

„Hat er auch gesagt, um was es geht?“

„Nein, aber glaub mir, ich werde es erfahren.“

„Das waren keine durchgeknallten Hobbyverbrecher oder Kleinkriminellen. Die hatten schwere Waffen, Unterstützungsteams und Luftunterstützung. Ich schätze die Zahl der Angreifer auf insgesamt zehn bis zwölf. Wer auch immer die waren, sie meinten es ernst.“

Das Telefon klingelte und Frank ging heran. „Ja, soll hochkommen.“

Er legte wieder auf und sah zu Decker. „Der Einsatzleiter des SEK.“

Der wurde kurz darauf von einem Beamten in Franks Büro gebracht und stellte sich vor. „Teller, HK und Einsatzleiter.“

„Brauer“, Frank gab ihm die Hand und stellte ihm dann Decker vor. „Der Leiter unserer Sicherheitstruppe, Herr Decker.“

„Decker, von Ihnen hab ich schon gehört. Sie haben doch damals die Geiseln befreit und nebenher die halbe Fremdenlegion zum Teufel gejagt.“

„Das sind alte Geschichten, erzählen Sie lieber, wie es da draußen aussieht.“

„Wir haben dank Ihrer Scharfschützen keine Ausfälle. Das war wirklich klasse, wie sie den Wagen ausgeschaltet und die Fenster frei gehalten haben.

Wir haben zusammen acht Tote gezählt. Vier gehen auf das Konto ihrer Scharfschützen, drei wurden beim Zugriff getötet und einer hat sich selbst das Gehirn rausgeblasen. Überlebt hat nur ein einziger, der aber so schwer verletzt ist, dass wir noch nicht wissen, ob er es schafft.

Ich schätze, dass zwei bis drei Angreifer entkommen sind. Wir fahnden mit Hochdruck nach diesen. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie eine Frau und zwei Männer durch den Kugelhagel gelaufen sind.“

Und jetzt zur Jackpot-Frage, was wollten die von Ihnen?“

Frank und Decker wechselten einen kurzen Blick. Die beiden kannte sich lange genug, um sich mit einem einzigen Blick abzusprechen.

„Das wissen wir noch nicht. Wir gehen von einem gescheiterten Fluchtversuch aus.“

„Haben Sie denn keine Ahnung, wen die herausholen wollten?“

„Noch nicht, im Todestrakt und auch bei den anderen schweren Jungs sitzen einige Angehörige des organisierten Verbrechens. Bis jetzt können wir nur Vermutungen anstellen. Aber das halten wir für die plausibelste Erklärung. Wir werden mit Nachdruck allen Hinweisen nachgehen und sicher schnell Ergebnisse erzielen.“

„Schätze, die Sache wird ein paar Wellen schlagen. Freut mich, dass ich dem berühmten Wolfgang Decker kennenlernen durfte. Nochmal Danke für Ihre Unterstützung.“, verabschiedete sich Teller und verließ das Büro.

Schweigend saßen die beiden da und Decker rieb sich seine Schläfen.

„Seit dieser andere Mistkerl angefangen hat, selbstständig zu denken, fliegen mir mehr Kugeln um die Ohren, als damals in der Armee. Dauernd versucht irgendein Idiot, mich umzubringen. Wenn ich das meiner Frau erzähle, wird sie durchdrehen.“

Frank musste trotz der ernsten Lage grinsen. Er selbst war während der Kämpfe auf Soulebda schwer verletzt worden und seine Frau hatte ihm die Hölle heiß gemacht und ihm ein Ultimatum gestellt. NIE WIEDER! Wenigsten konnte er diesmal seiner Frau erklären, dass er an diesem Vorfall unschuldig war.

„Dafür gibt es seit diesem Tag keine Langeweile mehr. Ich glaube, es würde uns fehlen, wenn die beiden Chaoten oder die anderen ohne uns klar kämen.“

WAS?“, fragte Decker ungläubig.

„Ach nichts.“ Und beide mussten grinsen.

**

„Wie geht’s weiter, Orimnjia?“, fragte der kleinere Mann die Frau, die an der Spitze lief, gefolgt von einem anderen größeren Mann.

„Weg – erstmal weg, da der Volvo, schnappt ihn euch!“

Sie hielten einen Volvo neuerer Bauart an und zogen die Fahrerin aus dem Wagen. Mit quietschenden Reifen raste der Wagen über die befahrene Hauptstraße. Dass jeder Blitzautomat sie dabei erwischte, war der Frau offenbar egal. Sie fuhren in ein Parkhaus an Rande der Stadt und wechselten den Wagen, schon ging es weiter.

Dass die Frau dabei äußerst brutal vorging, hielt die beiden Männer hellwach, sie trauten ihr nicht. Am Ausgang der Stadt, befahl sie auf einem kleinen Parkplatz, einen anderen Wagen zu besorgen. Währenddessen rief sie bei Shaah an und berichtete von dem Fehlschlag.

„Komm umgehend und alleine zum Treffpunkt in Neapel, sofort“, war dessen Antwort.

Die Frau nahm eine schwere Sporttasche aus dem Fond des Wagens und als die beiden Männer in einem Mercedes S Klasse vorfuhren, ordnete sie an, den anderen Wagen auf dem hinteren Parkplatz zu verstecken. Kaum waren die beiden Männer in den Wagen eingestiegen, stieg eine Qualmwolke aus dem Inneren auf. Die Frau aber stieg in die S-Klasse und als sie losfuhr, detonierte etwas in dem anderen Wagen mit den beiden Männern.

**

Major Kosliwski sprach mit dem Piloten des Hubschraubers, dann wandte er sich seinen Gästen zu.

„Wir bringen Sie so schnell wie möglich weg nach Tel Aviv, Sie sind noch nicht aus dem Schneider. Unsere Männer melden ungewöhnliche Aktivitäten vor uns im Luftraum. Versichern Sie sich, dass die Gurte gut sitzen, es könnte holprig werden.“

Der Hubschrauber wurde von zwei baugleichen Modellen flankiert und sie wechselten unregelmäßig die Positionen. Plötzlich setzte der linke Hubschrauber eine Serie Leuchtfackeln ab und im Funk wurde es hektisch. Die Staffel flog eine Steilkurve, trennte sich kurz, um sich sofort wieder in anderer Formation zu verbinden und es ging in Höchstgeschwindigkeit weiter zum Flughafen.

„Da sind unsere Leibwächter“, Major Kosliwski deutete auf zwei Staffeln Düsenjäger, die plötzlich auftauchten und um die Hubschrauber kurvten. „Die andere Staffel ist offenbar weiter draußen, jetzt können wir sicher landen!“

Der Hubschrauber setzte ganz in der Nähe einer Linienmaschine ohne Kennzeichnung auf und die Passagiere rannten hinüber, um einzusteigen. Kaum waren sie an Bord und nahmen Platz, da erloschen draußen die Lichter am Flughafen. Nicht einmal die Maschine, in der sie losrollten, hatte die Lichter angeschaltet.

„Die Piloten brauchen das nicht und wir werden schlechter gesehen.“, erklärte Major Kosliwski und die beiden Deutschen nickten nur leicht. Dann hob die Maschine im Steigflug ab, so dass der Magen der Passagiere gefordert wurde. Hannes und Randy schauten sich an, und Randys Gesicht wurde zusehends grüner.

Etwa 12 Kilometer nördlich musste ein unbekannter Hubschrauber notlanden, als zwei Abfangjäger direkt auf ihn zuflogen, und über ihm in den Himmel stiegen, mit eingeschaltetem Nachbrenner.

Mit ihrem Abgasstrahl raubten sie dem Helikopter den Auftrieb und die nötige Luft zum Antrieb. Als der Hubschrauber im Gras aufschlug, stürmten Polizeikräfte und stellten zwei Überlebende. Danach bargen sie zwei andere, die weniger Glück hatten.

Dazu ein kleines Arsenal an Waffen, Granaten, Sprengstoffen und Munition. Leider war einer der Rechner zerschlagen und die Handys allesamt nur noch Schrott.

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„Verflixt das hat mir gerade noch gefehlt!“, Shaah warf das Cognac-Glas über die Mauer. Dann sah er Klaus an. „Der Helikopter hat den Computerfuzzi nicht mehr abgefangen, sondern er selbst wurde abgefangen und unsere Leute hatten Pech. Es gab zwei Gefangene und die haben sich nicht mal liquidiert!“

„Wir müssen bei der Personalauswahl härter werden.“, bestätigte Klaus seinen Sitznachbarn. Dann hob er seine Hand und Shaah schaute ihn an.

„Was hast du?“

„Da kommen die Flugdaten rein! Ich meinen den richtigen Flugplan, wir haben in Neapel vielleicht noch eine Chance. Da wird der Flieger zwischenlanden.“

„Diesmal will ich ein positives Ergebnis. Setz Claudette Campriso ein, die schafft es rechtzeitig und die wird nicht versagen!“

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SOULEBDA

Auf Soulebda hatte der tägliche Regenguss gerade nachgelassen, da schlenderten wir Hand in Hand über den Marktplatz.

Ich liebte es immer noch, mit Peter zusammen interessante Früchte zu probieren, deren Namen zu lernen, was man damit alles anfangen kann, und Peter war als Hobbykoch ein guter Begleiter.

Die Vielfalt der Salate, diese herrlichen Früchte und diese lieben Menschen, die uns ihre Ernte zum Testen anboten. Natürlich erkannten die Allermeisten uns sofort und waren sehr freundlich, andere waren einfach nur kundenorientiert und als sie dann erfuhren, wer eben an ihrem Stand war, da fühlten sie sich geehrt.

Dann wurde die Standanordnung deutlich ungeordneter, es sah aus, als würden wir an einen Marktbereich kommen, der sichtlich älter war.

Die Menschen erschienen auch anders gekleidet, es sah so aus, als seien sie aus einer anderen Zeit. Irgendetwas war anders, aber wir erkannten es nicht sofort.

Dann erst sahen wir vor uns eine Art Schranke oder Sperre und eindeutig einige Stammeskrieger ihrer schmucken Bekleidung. Einer stellte einem Kunden einige Fragen und verwies ihn dann von der Schranke. Dabei ließen die Krieger uns keine Sekunde aus dem Blick.

Wir wollten gerade wenden und gehen, da rief ein anderer Mann uns nach. In einer Sprache, die wir durchaus verstanden, es war die geheime Sprache der Stammeskrieger.

Wir drehten uns gleichzeitig um und erkannten einige Häuptlinge, die auf uns zukamen.

„Sprecht oder verschwindet von diesem heiligen Platz“, sagte der Größte von ihnen und wir hoben die Hand zum Gruß und antworteten in der Stammessprache.

„Wir grüßen euch, oh, ihr Kinder Mualebdas.“ Die Häuptlinge bildeten eine Gasse bis zur Schranke, diese hob sich und wir traten hindurch.

Stammeskrieger, die eine Gasse bildeten, geleiteten uns weiter auf diesem urtümlichen Markt, bis hin in das Zentrum dieses älteren Platzes. Hier baten sie uns zu warten, und einige umringten uns in zwei gestaffelten Kreisen.

Das Lied, das sie anstimmten, hatte ich in meinen ersten Jahren hier oft genug gehört. Ich dachte, es wäre eine Art Kinderlied, aber hier wirkte es gleich ganz anders.

„Peter, die rufen Mualebda an, so wie man es früher offenbar getan hat, wenn man ihre Hilfe erflehte. Schau nur, die tanzen den Erscheinungstanz.“

Peter schaute dem Treiben zu und hörte auch dem Singsang genau zu. Ehe er dann aber etwas sagen konnte, wurde es um uns herum neblig und all diese Menschen schienen zu verschwinden. Vor uns stand der Oberste Kriegshäuptling Schann’an Xarktipxli. Wir begrüßten ihn freundlich und mit der gebotenen Würde.

„Ihr wurdet Zeuge eines uralten Rituals, ich habe es weggeschickt in die Zeit.

Ihr aber werdet, wenn die Zeit gekommen ist, das brauchen. Vergesst nicht was ihr hier gesehen habt, es wird früher oder später wichtig werden! Jetzt geht wieder, wir sehen uns auf eurer Hochzeit, ich komme mit meinen Häuptlingen und dem hohen Priester. Geht jetzt!“

Mit einem Wink seiner Hand verschwand der Nebel, er selbst verschwand auch in einem Nebel und wir? Wir standen auf dem Marktplatz vor einer Hauswand und wurden von einigen Menschen angeschaut, als ob wir uns verlaufen hätten.

Später, als wir in meiner alten Dienstwohnung beim Essen saßen und über das Geschehene sprachen, kam Ma’Difgtma dazu und servierte den Nachtisch.

Gerade berichtete Peter von dem Erscheinungstanz auf dem alten Marktplatz, da fiel Ma’Difgtma der Topf aus der Hand und zerschellte auf dem Boden.

„Wo habt ihr das gesehen?“, ihre tiefschwarze Hautfarbe nahm eine geradezu helle Nuance an.

Als Peter es ihr sagte, rannte sie weg in die Küche und wir sahen sie an diesem Abend nicht mehr. Jerome n’Antakcket, ihr ältester Sohn, beruhigte uns und erklärte uns, dass Ma‘ früher bei den Schamanen eine Ausbildung durchlaufen hatte und sie schien irgendetwas zu wissen.

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Über dem Mittelmeer

Das beruhigende Rauschen der Düsenmaschine hatte Randy in den Schlaf gewogen. Kosliwski und zwei der Begleiter saßen zusammen und besprachen, was da vor einer Stunde geschehen war. Hannes saß in einer anderen Sitzgruppe und versuchte zu schlafen, außerdem verstand er kein Hebräisch. Dann sprach ihn Kosliwski an.

„Wissen Sie, mit wem Herr Kaufmann vorher noch alles gesprochen hat? Wir wissen von einem Kontakt in das ESOC und von dort müssen die Informationen ursprünglich gekommen sein, kennen Sie da einer seiner Freunde?“

„Nein, Randy spricht nicht viel über sein früheres Leben und seine Freunde. Ich weiß nur, dass er fast überall in den weltweit wichtigsten Netzwerk-Knotenpunkten einen oder mehrere Freunde hat, oder zumindest jemanden kennt.“

„Schade, denn wer das auch immer war, diese Person ist genau wie Ihr Randy in akuter Lebensgefahr und wir können nichts tun.“

„Pasquale le Neuffe, Dornheimer-Straße 128 in Darmstadt, 4. Etage, er fährt nur Rad, kein Auto, fast zwei Meter, hager und lange blonde Haare…“, kam es da aus der anderen Sitzgruppe.

Kosliwski schaute seine beiden Kollegen nur kurz an, schon sprangen sie an ihre Rechner und wurden aktiv. Danach setzte er sich zu Randy.

„Was können Sie mir noch sagen, Herr Kaufmann?“

„Nennen Sie mich Randy, Kaufmann klingt immer nach Dienst und Arbeit.“, er grinste, als er die Hand Kosliwski entgegen streckte.

Kosliwski grinste und erwiderte den Handschlag „Byrt, mit Ypsilon. Meine Eltern mochten Burt Lancaster, aber der Standesbeamte konnte den Namen nicht schreiben, deswegen also Byrt.“ Damit setzte er sich neben Randy.

Eine halbe Stunde später wusste Kosliwski alles über Pasquale, was er wissen musste, gab einige Anweisungen an seine Kollegen, dann klappte er sein Notebook auf.

„Randy, ich möchte dir jemand vorstellen, Dr. Dana Stern. Die Frau hat die Sache mit der Verschlüsselung erkannt und die Gefahr erklärt, in der du stecktest.“, und er schaltete die Vision ein.

„Guten Tag, Herr Kaufmann, ich bin Dana Stern von der Signalabteilung hier in Tel Aviv. Sie sind da auf etwas gestoßen, das haben wir lange nicht mehr gesehen, eine Verschlüsselung, die…“

„Der von Schleitz-Algorithmus, ja, das ist eine verdammte harte Nuss. Das Ding ist fast nicht zu knacken, aber ich glaube, ich hab es geschafft…“, unterbrach Randy.

„Aber der ist… wie geschafft… was meinen Sie damit?“ Dana stockte der Atem, sie nahm ihre Brille ab und drehte sich erstmals voll in die Kamera, um Randy zu sehen.

Randy errötete nicht, er war gerade in seinem Element und legte jetzt erst richtig los:

„Das ist nicht nur eine einfache Zwiebel wie beim Tor-Projekt, die haben die Datenpakete komplett neu strukturiert und geordnet. Alles beruht darauf, dass die IP-Pakete eine andere Paketgröße vorgeben, der leere Raum wird aber nicht mit Null gefüllt, sondern mit Maskierungen für den eigentlichen Code, der ist dann wie üblich mehrfach verschachtelt und…“

„… schalenartig ineinander verstrickt, die dann alle einzeln verschlüsselt werden können und somit jedem Angriff…“, fiel Dana ihm ins Wort und Randy schaute Dana mit offenem Mund an.

„Genau, nur so klappt es, dass die Pakete auch bei Verstümmelungen noch immer lesbar sind, ein genialer Ansatz von diesem von Schleitz“, Randy lächelte erstmals Dana an.

„Ja, sicherlich genial, aber er war ein übler Nazi! Danke, Herr Kaufmann, Sie sind nicht minder genial, wir krebsen seit Jahren an diesem von Schleitz-Algorithmus herum. Ich freue mich auf unser Treffen…“

Das Bild erlosch und Kosliwski schaute Randy fragend an „Ich habe kein Wort von dem verstanden.“ Randy aber lächelte in sich hinein und spulte den Videomitschnitt zurück, bis das Gesicht von Dana ohne Brille erstmals voll ins Bild kam. Diese Einstellung betrachtete er eine Weile.

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SOULEBDA

Ihr niedliches Gesicht verdeckte die Sonne, da plätscherte auch bereits der Eimer mit kühlem Wasser auf unsere von der Sonne verwöhnten Körper und Caro’Pe rannte einem Wirbelwind gleich zu Penelope und quiekte vergnügt.

Ich sprang auf und reichte Peter die Hand. Als er vor mir stand und die Sonne uns beleuchtete, da schaute ich Peter lächelnd an.

„Einen Cent für deine Gedanken, Liebling“

„Hast du dir jemals Gedanken gemacht, Deutschland für immer zu verlassen? Also den Job dort aufzugeben und etwas Neues zu unternehmen, etwas, das nicht mit deinem alten Beruf zu tun hat?“

„Seit Sibirien ging mir das ein- oder zweimal durch den Kopf, Caroline. Aber ich bin eben immer noch der pflichtbewusste Mann im Staatsdienst, und ich habe nur noch drei Jahre bis zur frühestmöglichen Pensionierung.“

„Schau dir die kleine Caro’Pe an, ich hätte mir Penelope nie als eine klasse Mutter vorgestellt und heute, was hat sie alles erreicht? Sie hat ihren Doktor gebaut, hat die allerbeste Laudatio erhalten, die es bei den Engländern je gab und heute leitet sie das Bildungsressort in Soulebda. Sie ist eine liebevolle Mutter, eine wunderbare Ehefrau zu Bernd und…“

„Du vermisst Penelope ab und zu an deiner Seite?“

„Ja sicher, aber nicht nur das, schau doch, was alle unsere Freunde erreicht haben und wie wenig ich dir bisher geben kann…“ Mit diesen Worten nahm ich Peter in den Arm und er hielt mich fest.

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Zu Hause

Der Sicherheitschef kommt in Begleitung dreier Sicherheitsbeamter und zwei weiteren Leuten in Zivil in die Signalabteilung des ESOC. Als sie die Tür zum Labor öffnen, schauen die Angestellten erschreckt auf.

„Pasquale le Neuffe?“, fragt der Sicherheitschef und einige Hände zeigen auf einen blonden Mann im hintersten Maschinenbereich. Sie gehen direkt auf die Station zu.

Pasquale le Neuffe schaut von den Bildschirmen hoch in die besorgten Gesichter, als er seinen Vorgesetzten und den Sicherheitschef erkennt, nimmt er Haltung an.

„Ausloggen, abmelden, mitkommen. Herr Pasquale le Neuffe, wir nehmen Sie mit in die Sicherheitszentrale, Sie sind in konkreter Gefahr!“ An den Gesichtern der Sicherheitsleute erkennt Pasquale, dass diese nicht spaßen. Die beiden Personen, Mann und Frau, in schwarzen Kleidern und Sonnenbrille riechen förmlich nach CIA.

„Meine Tasche?“

„Können Sie mitnehmen, aber geben Sie mir Ihre beiden Handys.“

Der Sicherheitschef reicht sie an die Leute in Schwarz weiter, dann geht die kleine Prozession nach draußen. Ein leises Murmeln flammt auf, bis die Schichtleiterin ein einziges Mal ruft: „Ich bitte um mehr Professionalität, wir haben hier zu arbeiten!“ Sofort kehrt wieder Ruhe ein und die Geräte sind die einzigen, die summende Geräusche verursachen.

Vor dem Ausgang stehen drei schwarze Limousinen, gedeckt durch zwei Leute der Sicherheit, mit je einer MP im Anschlag. Rasch steigt man ein und braust davon. Als die kleine Karawane an einem Bus vorbeifährt, explodiert etwas und zerreißt den Bus und die beiden ersten Wagen.

Das Grauen ist kaum zu fassen. Als die Sicherheitsbehörden eine Stunde später alles gesichtet haben, stellen sie fest: Pasquale le Neuffe ist unter den Toten.

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TEL AVIV

Dana Stern steht vor ihrem Direktor und dem Geheimdienstchef. Neben den beiden steht eine Legende, Dagan Mayr. Dana kennt den Mann nur von einigen Fotos.

„Dr. Stern, es gibt einige Änderungen. Wir schicken Sie mit einem S2-Team nach Neapel, dort werden Sie zusammen mit einem deutschen Spezialisten an der Dechiffrierung des Von-Schleitz-Algorithmus arbeiten.

Ihr Labor befindet sich an Bord der USS Naphtenia, einem der neuesten Forschungsschiffe. Für die Dauer unterstelle ich Sie dem Geheimdienst.“ Dabei weist der Direktor auf Dagan Mayr. Er nimmt Dana Stern mit sich, sieht sie kurz, aber scharf an und beginnt mit seiner Einweisung. Eine Stunde später sitzt Dana im Flieger nach Neapel und murmelt „Napoli, endlich was Gutes zu essen.“ Dann versucht sie etwas zu schlafen.

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MITTELMEER

Der Flüssiggastanker LNG (Liquefied Natural Gastanker) „Hispaniola“ fährt durch das Mittelmeer, wie vorgesehen haargenau auf Kurs. Sie haben in Katar ihre dicken Membrangastanks mit verflüssigtem Erdgas befüllt und laufen zum ersten Mal den neuen Hafen in Italien an.

Mit ihrer Füllung, dem auf -162°C gekühlten und verflüssigten Gas, stellen sie die Energieversorgung für Hunderttausende von Familienhäuser über ein Jahr sicher. Südlich von Ischia hat man eine Anlegestelle ins Mittelmeer gepflanzt. Hier ist der Gastanker weit genug weg vom Festland und kann sorgsam entladen werden. Nachdem die geplante Gaspipeline aus politischen Gründen nun doch nicht gebaut wurde, hat man den Hafen und die Infrastruktur in nur einem Jahr aus dem Boden gestampft.

„Kapitän, der Lotse kommt, die haben für die Jungfernfahrt tatsächlich den großen Kahn geschickt!“ Kapitän Walleruth nickt seinem Ersten Offizier Bruxer zu.

„Offenbar wollen die alle auf das Begrüßungsfoto. Wissen die Leute in der Küche, dass diesmal nicht nur einer an Bord kommt?“

„Ja, Kapitän, sie wissen alle Bescheid und sind alle auf den Posten, nur Kobalski ist noch im Lager.“

Das Lotsenschiff kommt längsseits und mehrere Leute in Seekleidung wechseln auf die „Hispaniola“ über, dann dreht das Lotsenboot ab und verschwindet.

Wenige Minuten später deutet das Pling im Bordaufzug auf das Eintreffen des Lotsen und der Gäste hin. Als es aber vor der Aufzugstür poltert, sehen die beiden Offiziere erstaunt nach.

Am Boden liegen zwei Mann der Wachmannschaft und entsetzt starren Kapitän und Erster Offizier in die Läufe schallgedämpfter Waffen, ehe auch sie mit Löchern im Kopf zu Boden gehen. Dann legen die ersten der beiden Bewaffneten ihre Schutzkleidung ab.

Eine Frau mit langem schwarzen Haar und sehr sportlichem Aussehen und ein Kämpfertyp mit Vollbart und kräftigen Armen übernehmen das Schiff. Aus der Aufzugtür kommen weitere Leute. Die schwarzhaarige Frau geht an das Fenster, prüft sachkundig einige Einstellungen an Ruder und Maschine und greift sich ein Funkgerät.

„Vollzugsmeldung in drei Minuten.“, sagt sie in aller Ruhe. Dann wartet sie.

Nach und nach treffen die Meldungen ein. „Funkerei ok, 1 Mann!“

„Küche und Messe ok, 8 Mann!“

„Maschine ok, 2 Mann!“

„Personalräume ok, 4 Mann!“

„Medizin ok, 2 Mann!“

„Ein Mann fehlt noch, wo ist der 20. Mann der Besatzung? Finden und liquidieren, Meldung danach sofort an mich!“

Dann schaltet sie auf einen anderen Kanal: „Seraphim, setz den Spruch ab!“

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In der Funkleitstelle meldet Leutnant Bengalozzi seinem Vorgesetzten, dass die Statusmeldung der „Hispaniola“ seit drei Minuten überfällig ist. Dieser schaut auf den Plan und die Uhr und murmelt zu seinem Leutnant:

„Da sind die Lotsen an Bord gegangen, die machen sicher Fotos und futtern Häppchen. Das ist die erste Fahrt dieses Tankers zu uns, danke für die Meldung, die können Sie ignorieren“

Leutnant Bengalozzi markiert in seinem Bericht den Tanker mit grüner Farbe, was bedeutet: „fährt mit Sonderauftrag“. Dann macht er sich fertig, um seinen Dienst zu übergeben. In einer halben Stunde kann er bei seiner jungen Frau sein und sie hat ihm heute nicht nur leckeres Essen versprochen, sondern einiges mehr.

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Zu Hause

Fransiska Haufberger hatte es geschafft. Sie hatte durch genaue Recherchen herausgefunden, wen Trommer alles bestochen hatte, und sie hatte für die Verurteilung einiger höheren Beamte gesorgt. Schließlich nahm die Justiz den Fall auf und begann genauer nachzuforschen.

Als Ergebnis kam der Richterspruch mit der Aufhebung der Urteile von Trommer. Betroffen waren davon alle Urteile seit drei Jahren. Die Richter stellten einvernehmlich fest, dass damit auch vier Urteile aufgehoben würden, die leider zu spät kämen, da die Verurteilten bereits hingerichtet waren.

Dabei war auch das Urteil über Beate Fischer. Mit Bedauern wurde nochmals festgestellt, dass die Aufhebung zu spät käme. In den nächsten Tagen wurden die Urteile wie immer kommentiert.

Nicht immer sehr professionell, dennoch erfolgte eine Aufarbeitung der Fälle. Mehrere Presseberichte und einige Reportagen später wusste jeder, was für ein Mensch Trommer war und man bedauerte die unschuldig Hingerichteten.

Für Fransiska Haufberger begann nun ein anderes Leben. War sie bisher die Starreporterin der ACP, so interessierten sich plötzlich die großen Agenturen weltweit für diese Frau.

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SOULEBDA

Kilometerweit führte ich Caroline, fest im Arm haltend, den Strand entlang zu einer der Dünen. Der Strand war menschenleer und die Sonne neigte sich zum Meer. Der Himmel stand genau wie das Meer in Flammen und Carolines rote Haare leuchteten.

Für eine Sekunde sah ich die Caroline, die ich im Foyer des Ministeriums kennen lernte. Unbändig, selbstbewusst und die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Und jetzt? Jetzt stellte ich fest, dass es noch genau dieselbe Caroline war, genauso unbändig, genauso selbstsicher und genau so schön.

NEIN, sie war schöner geworden!

„Setzt dich.“ Ich zeigte auf die Düne und als sie sich in den Sand gesetzt hatte, kniete ich mich vor sie. In ihren Augen leuchtete die untergehende Sonne, ein unglaublich schöner Anblick.

„Ich werde dir jetzt mal etwas erzählen, dass ich dir bis heute verschwiegen habe.“

„Was? Du hast noch Geheinisse vor mir?“, lachte Caroline, wurde aber wieder ernst, als sie mein Gesicht sah.

„Ja, und eines davon ist verdammt finster.

Zwei Mal stand ich davor kurz aufzugeben. Das erste Mal vor 24 Jahren. Damals hab ich Frank kennen gelernt. Er führte eine öffentliche Hinrichtung durch und wir kamen ins Gespräch. Er meinte, ich sollte mal darüber nachdenken, Henker zu werden, ich hätte das Zeug dazu. Anscheinend kannte er mich besser als ich mich selbst.

Ich brauchte genau eine Minute, um mich zu entscheiden. Frank wechselte in die Leitung und der Job wurde frei. Frei für mich.

Weniger als ein Jahr danach war ich ein körperliches und seelisches Wrack. Mit Sicherheit hätte ich mir ein paar Wochen später das Hirn rausgeblasen, aber es gab jemanden, der mich auffing und zu dem Peter Stein machte, der heute vor dir steht.

Jessica hatte mich gerettet und sie wurde zur wichtigsten Frau in meinem Leben, und das blieb sie bis zu einem bestimmten und besonderen Tag.

Ein paar Tage davor stand ich vor dem Untersuchungsausschuss. Sie wollten mich wegen Beate einen Kopf kürzer machen, konnten mir aber nichts nachweisen.

An diesem besonderen Tag, brachte ich Vera und Sarah zum Bahnhof und fuhr dann zum Ministerium. Ich war zum zweiten Mal am Ende. Die beiden loszulassen und zuzusehen, wie sie aus meinen Leben verschwanden … Das war hart. Ich hatte mir an diesem Tag fest vorgenommen, den Job und alles andere auch hinzuwerfen. Ich wollte mir einfach einen ruhigen Job in der Verwaltung suchen und in Ruhe abwarten, bis ich in Rente komme.

Im Ministerium aber saß eine ganz besondere Frau und wartete auf mich.“

Jetzt fing Caroline an zu lächeln. Sie wusste, dass ich von ihr sprach.

„Von diesem Tag an stand mein Leben auf dem Kopf. Ich habe Dinge gesehen, Abenteuer erlebt und Sachen gemacht, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Du denkst, du hättest mir nichts gegeben oder weniger als ich verdient habe? Da liegst du falsch. Das, was du mir gegeben hast, kann man unmöglich in Worte fassen, aber ich versuche es.

Du hast mir ein Leben geschenkt, das mich glücklich sein lässt. Ein Leben, das mich später nicht fragen lässt, war das alles? Ein Leben, auf das ich mit Stolz schauen kann, ein Leben, das ich niemals gegen irgendetwas anderes eintauschen möchte.

Ich brauche keine Frau an meiner Seite, die Ministerin oder irgendetwas anderes ist. Ich brauche dich an meiner Seite, ganz gleich was du bist oder tust.

Du hast mir auf dem Boot gesagt, du weißt nicht, ob das gut geht, aber solange es geht, würdest du alles tun, um mir eine gute Frau zu sein. Das ist mehr als ich erhofft hatte. Es ist mir gleich, ob in Deutschland, Soulebda oder in einem abgelegenen Winkel der Welt. Ob in diesem Job oder einem anderen, dort wo wir zwei zusammen sind, ist unser Zuhause.

Du hast auch gesagt, dass es nicht immer einfach sein wird. Nein, das wird es ganz sicher nicht. Weder du noch ich wissen, was die Zukunft für uns bereithält, aber eines weiß ich ganz sicher. Solange wir zusammenhalten und am gleichen Strang ziehen, werden wir die Sieger sein.

Alles was ich von dir möchte, um für immer an deiner Seite zu stehen, ist ein Versprechen. Bitte versprich mir, dass du dich nicht änderst, nur weil du glaubst, es für mich tun zu müssen. Bleib Caroline, die Unbändige, bleib Caroline, die Wwilde, bleib die Caroline, die im Ministerium auf mich wartete.“

Caroline fiel mir um den Hals und hielt mich einfach fest. Dann, nach einer Ewigkeit, als die letzten Sonnenstrahlen verloschen, schwor sie mir, genau diese Caroline zu bleiben.

„Du erinnerst dich schon noch daran, dass wir uns ein paar Tage später die Köpfe einschlagen wollten?“

Ich grinste. „Ja, da war so was. Ich erinnere mich auch, wie es ausgegangen ist.“

Das brachte mir einen leichten Hieb in die Seite ein.

„Mistkerl. Ich hab dich aus Mitleid gewinnen lassen.“

„Ah, ich verstehe, du wolltest mit mir ins Bett und hast dich deshalb k.o. schlagen lassen.“

Das kostete mich einen weiteren Schlag in die Seite.

Wir hatten uns an diesem Tag einen harten Kampf geliefert. Sollte Caroline gewinnen, würde ich mich zurückziehen und sie würde leitende Henkerin werden. Im unwahrscheinlichen Falle eines Sieges meinerseits, würde sie sich mir eine Nacht hingeben müssen.

Tja, ich gewann und aus einer Nacht, wurde einmal lebenslang.

**

„Da seid ihr ja endlich! Wir versuchen schon die ganze Zeit, euch zu erreichen.“, rief Jessica aufgeregt, als wir zur Terrasse zurückkamen.

„Was ist, habt ihr mit dem Essen auf uns gewartet?“, fragte ich lachend, bis ich Jessicas besorgtes Gesicht sah.

Ben schaltete den Fernseher an und startete eine Aufnahme.

„Sehen wir noch einmal die Bilder eines Hobbyfilmers an, der diese zufällig mit einer Drohne gemacht hat.“, erklärte ein Moderator, der nicht zu sehen war.

Ein verwackeltes Bild unseres Gefängnisses war zu sehen, dann startete die Aufnahme. Zwischen dem Dach des Gefängnisses und einem Gebäude, das südlich davon lag, war ein heftiger Schusswechsel im Gange. Die Drohne filmte von Norden her und man konnte das Dach des Gefängnisses recht gut sehen. Als das Bild herangezoomt wurde, waren die Beamten zu erkennen, die die Angreifer in Schach hielten, bis ein Helikopter über das Dach fegte und von einem zweiten Helikopter vertrieben wurde.

„Bis jetzt gehen die offiziellen Stellen von einem gescheiterten Ausbruchsversuch aus, der durch Sicherheitsbeamte in Zusammenarbeit mit dem SEK vereitelt wurde.“

„Wow, da werden Frank und Decker aber einige Statements geben müssen. Wissen sie schon, wen sie da rausholen wollten?“, fragte ich Jessica und die sah Ben an.

Mir gefror das Blut, als ich Bens Blick sah. Der spulte die Aufnahme etwas vor. Die Drohne filmte immer noch, man sah jetzt mehrere Hubschrauber um das Gefängnis schwirren, während einer auf dem Dach stand, dem sich ein Pulk Bewaffneter näherte.

Die Männer wurden ganz klar von Decker angeführt und der Hüne neben ihm war niemand anderes als Hannes.

„Wir gehen davon aus, dass der Gefangene, den man freipressen wollte, hier verlegt wird.“, kommentierte die Stimme die Bilder. Hannes hatte den Gefangenen fest im Griff und brachte ihn zum Hubschrauber. Als er ihn hineinstieß, zoomte das Bild wieder etwas heran.

„Peter!“, flüsterte Caroline.

„Ich sehe es!“ Der Gefangene war niemand anderes als Randy!

**

„Was heißt das, du weiß nicht, was hier los ist?“, fragte ich Ben.

„Das heißt, ich weiß es nicht.“

„Dann ruf an und frag!“

„Peter, denkst du wirklich, ich hätte es nicht versucht? Ich bekomme keine Antwort. In Tel Aviv wird nicht mal das Gespräch angenommen.“

„Dagan redet nicht mit dir?“

„Nein, tut er nicht.“

„Das Notfall-Protokoll?“, fuhr Caroline dazwischen.

„Genau das.“

„Könntet ihr beiden kurz daran denken, dass ich kein Geheimagent bin und Klartext reden?“, fragte ich.

„Das Notfall-Protokoll besagt, dass im Falle einer Krise alle Kommunikation eingestellt wird. Irgendwo klafft eine riesige Sicherheitslücke, Menschen sind in Gefahr und sterben. Dagan schützt seine Leute. Er igelt sich ein und wartet, bis die Kommunikation wieder sicher ist.

Solange werden Nachrichten nur von ihm persönlichen ausgesuchten Leuten weitergegeben.“, erklärte sie mir.

„Und? Ich denke ihr habt das schon ein paar Mal erlebt, wie geht es weiter und wie bekommen wir jetzt raus, ob das was mit Randy zu tun hat, und was mit ihm ist?“

„Peter… Das Notfall-Protokoll… Das gab es noch nie! Die Rebellion, Russland… das war alles nichts dagegen!“

„Gegen was?“

Caroline sah mich an. Und diesen Ausdruck ihrer Augen kannte ich nur allzu genau. Es war der Ausdruck von Caroline, der Kriegerin.

„Wir sind im Krieg.“

OOHHH verdammt! Nicht die ANDEREN sind im Krieg, nicht DAGAN ist im Krieg… NEIN, WIR sind im Krieg. Soviel zum Thema Urlaub und einer ruhigen Hochzeitsvorbereitung!

Aber hatte ich sie nicht erst vor einer Stunde genau darum gebeten? Ich wollte ihr Versprechen, dass sie sich niemals ändert, und genau DAS war meine Caroline! Caroline, die Kriegerin.

Und das war sicher, wenn Caroline in den Krieg zieht, dann nur mit mir an ihrer Seite!

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Golf von Neapel

Auf der USS Naphtenia ging Dana neben Lem in Richtung Besprechungsraum.

Auf dem Weg dorthin befragte Lem sie, wie weit sie mit dem Entschlüsseln des Schleim-Algorithmus sei.

-Schleitz! Der verdammte Schleitz…- Dana wollte Lem gerade darauf hinweisen, hielt sich aber zurück.

Lem war kein Unbekannter für sie. Sie hatte öfter schon mit dem Geheimdienst zu tun gehabt und kannte diesen und seine führenden Köpfe. Lem war einer davon.

Lem, das wusste sie über ihn, war ein brillanter Analytiker. Viele wichtige Leute hörten zu, wenn er sprach, aber das Wichtigste, er gehörte zum inneren Kreis um Dagan.

Dagan war offiziell im Ruhestand, dennoch saß er jeden Tag in seinem Büro und leitete eine Abteilung, die auf keinem Dienstplan auftauchte. Er umgab sich mit „Nichten“ und „Neffen“, Leuten, denen er bedingungslos vertraute und die genauso bedingungslos seine Anweisungen ausführten und sich ausschließlich ihm gegenüber rechtfertigen mussten.

In diesen Kreis der Nichten und Neffen konnte man nicht aufsteigen, oder sich dorthin versetzen lassen, nein, man wurde erwählt. Insgeheim hatte Dana gehofft, in der Zeit, die sie für den Geheimdienst oder sie CIA gearbeitet hatte, würde Dagan auf sie aufmerksam werden, doch sie hatte vergeblich auf ein „Treffen“ gewartet. Nun hatte sie eine zweite Chance, und sie schwor sich, diese zu nutzen.

Einen der wichtigsten Berater Dagans zu belehren, war vielleicht nicht der beste Weg dazu.

„Wir arbeiten mit Hochdruck daran. Die Hinweise von Herrn Kaufmann waren sehr hilfreich, doch nun beginnt erst das eigentliche Entschlüsseln.“

Ein Läufer kam durch den Flur und blieb vor Lem stehen. „Der Hubschrauber ist im Landeanflug, Colonel.“

„Danke.“

Der Läufer verschwand und die beiden gingen weiter.

„Sie werden mit Kaufmann zusammenarbeiten. Ich schätze, Sie werden ihn gebrauchen können.“

„Darf ich eine Frage stellen?“

„Raus damit.“

„Wie ist der Status von Kaufmann? Ich weiß nur, dass er Computerspezialist ist, welche Sicherheitsfreigabe hat er?“

„Kaufmann ist externer Berater. Er testet die Programme und Spielzeuge, die Ihre Abteilung entwirft und herstellt. Dabei hat er für uns schon einiges an Schaden abgewendet. Und er wird mit Sicherheit einmal ein „Neffe“ werden.“

Dana fasste alles zusammen, was sie von Randy wusste. Er war mit 26 Jahren vier Jahre jünger als sie und arbeitete in Deutschland. Somit war ihr Wissen schon erschöpft.

„Dieser Randy ist 26, arbeitet als Berater und Sie wissen jetzt schon, dass er „Neffe“ wird? Was hat er getan, die Welt gerettet?“

Lem blickte sie von der Seite an. „Fragen Sie ihn doch selber. Er ist im Landeanflug.“

**

-Das ist er also.- dachte Dana, als Randy von einem Unteroffizier in den Besprechungsraum gebracht wurde.

-Seltsam.- Dana wusste nicht, was es war, aber dieser Randy war völlig anders, als sie sich vorgestellt hatte. Nicht unbedingt vom Äußerlichen, nein, von seiner Art.

Randy wirkte nicht eingeschüchtert, als er vor den Offizieren und anderen Leuten stand. Er schaute nicht schüchtern zu Boden und erfüllte auch sonst kein Klischee des typischen Nerds, der die Welt nur vom Bildschirm aus betrachtete.

Dann führte Lem Randy zu Dana. „Randy, das ist Dana Stern. Sie ist unser Genie in dieser Sache.“

„Wow, Sie sehen in echt ja noch viel besser aus… Ich meine…Hallo…Randy, schön, Sie kennen zu lernen.“

Während Lem in sich hinein lachte, versammelten sich die anderen Teilnehmer auf ihren Plätzen. Es war unmöglich zu sagen, wer von den Beiden röter im Gesicht war, Dana oder Randy.

Als alle Platz genommen hatten, fasste ein Analyst zusammen, was man bisher wusste.

Ein Signal, das fälschicherweise an das ESOC gesendet wurde, zeigte durch die Verschlüsselung mit dem Schleitz-Algorithmus, dass eine Terrororganisation, die schon früher im Visier der CIA war, wieder aufgetaucht war. Das rücksichtslose Vorgehen und die Tatsache, dass man selbst vor einem Angriff auf ein Hochsicherheitsgefängnis nicht zurückschreckte sowie ein waffenbeladener Hubschrauber ließen vermuten, dass es sich bei den verschlüsselten Daten um etwas wirklich Wichtiges handeln musste.

„Können Sie abschätzen, wie lange es noch dauert, bis Sie das Signal entschlüsselt haben?“, fragte einer der Anwesenden Dana.

„Nun, mit den hier an Bord zur Verfügung stehenden Mitteln… Ein bis zwei Wochen.“

Unmut machte sich breit. „Allerdings…“

„Allerdings was, Frau Stern?“

„Die Amerikaner haben auf ihrer Basis in Neapel eine viel bessere Ausrüstung, wenn wir die benutzen könnten, wäre das in ein bis zwei Tagen zu schaffen.“

„Dann können wir den Amerikanern auch gleich die Sache in die Hand geben.“, meinte einer der anwesenden Offiziere. „Kommt nicht in Frage. Denken Sie sich etwas anderes aus!“

Eine hitzige Diskussion entbrannte, was wichtiger wäre, Geheimhaltung oder Schnelligkeit.

„Darf ich auch was sagen?“, fragte Randy.

„Aber sicher doch.“, antwortete Lem so laut, dass alle Gespräche verstummten.

„Wir könnten die Anlage der Amerikaner benutzen, ohne dass diese wissen, wozu wir die Anlage brauchen. Wir brauchen einfach nur ein Programm, das verhindert, dass die Daten dort zwischengespeichert werden und nach Beendigung wieder hergestellt werden können.“

Alle einschließlich Dana sahen Randy mit großen Augen an.

„Wie lange brauchen Sie für so ein Programm?“, wollte Lem wissen.

„Einen Tag, wenn mir Frau Stern zur Hand geht, vielleicht einen halben.“

„Dann an die Arbeit, Dana, Sie werden ab sofort mit Kaufmann ein Team bilden. Verstanden?“

„Ja, Colonel.“

„Gut, los ihr zwei, ich will das Programm in 24 Stunden. Bis dahin hab ich die Genehmigung der Amerikaner. Und jetzt ab mit euch und entschlüsselt mir endlich diesen Schleim-Algorithmus!“

SCHLEITZ, ES HEISST SCHLEITZ!!! „Verstanden, Colonel.“

Randy und Dana verließen den Raum, während die anderen zurück blieben.

„Solange wir nicht wissen, um was es sich handelt, können wir nicht aktiv werden.“, meinte einer der Offiziere.

„Was immer es ist,“, sagte Lem, „wir müssen uns darauf einstellen, dass es eine haarige Angelegenheit wird. Randy und Stern werden es zusammen schaffen, diesen Schleitz-Algorithmus in wenigen Tagen zu entschlüsseln, dann sehen wir weiter.“

„Schleitz?“, fragte ihn der Offizier.

„Ja, natürlich Schleitz. Was ist? Auch ich habe Humor!“

Dana hörte noch ein brüllendes Lachen aus dem Besprechungsraum und konnte sich den Gedanken nicht verwehren, dass dort auf ihre Kosten gelacht wurde.

**

Genau einen Tag später brachte ein Hubschrauber die beiden zur amerikanischen Basis in Neapel. Lem war davon überzeugt, dass man Randys Spur verloren hatte, und wollte nicht durch ein starkes Sicherheitsaufgebot die Neugierde der Amerikaner wecken. Daher schickte er lediglich Kosliwski mit den beiden los.

Hannes würde mit seiner Statur auffallen und das Risiko, dass ihn irgendein Amerikaner erkennen würde, war durchaus real, also musste er zähneknirschend an Bord bleiben.

Natürlich wollten die Amerikaner wissen, warum man ihre Anlage benutzen wollte, und wahrheitsgemäß erklärte Lem, dass es sich um ein neues Programm zur Ver- und Entschlüsselung handele, das man im Echtzeitbetrieb testen wolle. Und bei Erfolg würde man es ihnen als Verbündete selbstverständlich ebenfalls zur Verfügung stellen.

Genauso selbstverständlich glaubten die Amerikaner kein Wort und ließen die Israelis nur allzu gerne an ihre Computer.

Randy hatte Wort gehalten und mit Dana zusammen in weniger als 18 Stunden das versprochene Verschleierungsprogramm geschrieben und in die Rechner der Anlage eingeschleust.

Als Dana den Stick mit dem Virus einschob, konnte sie eine leichte Gänsehaut nicht unterdrücken. Das war schon eine andere Nummer, als in Tel Aviv hinter dem Schreibtisch zu sitzen.

Kaum waren alle Daten eingespeist, begannen die Computer zu arbeiten.

Natürlich bemerkten die diensthabenden Analytiker und Techniker dass da etwas nicht stimmte. Als man nachschauen wollte, was die Israelis trieben, meldete der Computer, dass er überhaupt nicht in Betrieb sei.

Als die herbeigerufenen Spezialisten eintrafen, entwickelte sich ein Kleinkrieg zwischen ihnen und Randy. Während Dana das Signal entschlüsselte, veränderte Randy permanent das Virus und passte es an.

Nach 6 Stunden, meldete man den Vorfall an die CIA und die NSA, die nun ihrerseits über den großen Teich hinüber versuchten, Randy zu bezwingen. Doch der nutzte eine abgewandte Form des Schleitz-Algorithmus und die Amerikaner bissen sich die Zähne aus.

**

„Programm beendet.“, verkündete eine Stimme 34 Stunden später, als der Rechner seine Arbeit beendet hatte.

„Dana?“, Randy schubste Dana leicht an, die eingenickt war.

„Schon da.“

„Das Programm ist fertig.“

„Wollen wir uns mal ansehen, was da entschlüsselt wurde?“

„Ich weiß nicht.“, meinte Dana zu Randys Vorschlag. „Vielleicht haben sie schon mitbekommen, dass wir den Rechner blockieren und haben eine Kamera auf den Bildschirm gerichtet. Wir sollten warten, bis wir wieder an Bord sind.“

„Schätze, das haben die ganz sicher mitbekommen.“

Dana überzeugte sich, dass alle Daten auf dem Stick gespeichert waren und schloss das Entschlüsselungsprogramm. Randys Virus würde nun dafür sorgen, dass der Rechner alles unwiderruflich löschen würde, was die letzten 34 Stunden geschehen war.

„Hör mal, Dana, wir haben Lem doch was von 48 Stunden gesagt, das heißt wir haben noch etwas Zeit. Meinst du, wir könnten uns noch ein paar Stunden Urlaub gönnen?“

„Ist das dein Ernst? Wir… Wieso nicht. Wird schon nicht auf eine Stunde ankommen, wenn der Rechner länger gebraucht hätte, müsste Lem auch warten.“, grinste Dana.

„Ihr wollt was?“, fragte Kosliwski ein paar Minuten später entgeistert.

„Etwas Essen gehen.“

„Die haben hier eine hervorragende Kantine. Tut euch keinen Zwang an.“

„Ach, kommen Sie, wir wollen einfach draußen was gemütlich essen. In ein, zwei Stunden sind wir zurück. Ich meine, niemand weiß, dass ich hier bin. Also?“

Kosliwski tat sich sichtlich schwer. Aber zwischen Randy und Dana tat sich was, das konnte selbst ein Blinder erkennen.

„Ich komme mit. Keine Angst, ich werde euch Turteltauben schon nicht auf dem Schoß sitzen.“

Randy lächelte Kosliwski dankbar an und zu dritt fuhren sie in die Altstadt von Neapel. Dort herrschte dermaßen viel Betrieb, dass Kosliwski schon bald den Überblick über etwaige Verfolger verloren hatte, andererseits konnten sie selbst in der Menge untertauchen.

In einer kleinen Seitenstraße fanden sie ein Restaurant, das Kosliwski einigermaßen überblicken konnte. Er setzte sich an einen freien Tisch und überließ einen anderen freien Tisch Dana und Randy, wobei er sich so unsichtbar machte, wie er konnte.

Als das Essen vor ihnen stand, wusste Randy, dass Dana genau die Frau war, die er haben wollte: klug, gut aussehend und gerissen. Jetzt drehte sich alles um die Frage, wie er das Dana beibringen sollte.

„He, bist du noch da?“, fragte sie ihn.

„Oh, tut mir leid. Was hast du gesagt?“

Dana sah ihn zweifelnd an. „Ich sagte, dass es mir gefallen hat, die Amerikaner hinters Licht zu führen. Es war aufregend. Sonst sitze ich nur hinter dem Schreibtisch und entwerfe Software. Endlich konnte ich was tun, das zumindest ansatzweise verrückt war.“

„Ja, das war cool. Ich hätte gerne ihre Gesichter gesehen.“

„Was ist mit dir? Hast du denn vorher schon mal was Verrücktes gemacht?“

„Naja, ich hab mich mit der Justiz angelegt, als ich geholfen habe, eine zu Unrecht verurteilte Frau zu retten, hab die Gelder einer Söldnertruppe verschwinden lassen, war bei einer Palasterstürmung dabei und neulich hab ich ein Gefängnis des russischen Geheimdienstes sabotiert. Das war lustig, ich hab alle Anrufe…“, verlegen schwieg er. Frank, Dagan und Mike hatten ihm eindrücklich erklärt, das diese Sachen niemals stattgefunden hatten und jetzt… hatte er Dana in Verlegenheit gebracht.

„Schon gut, bei mir sind deine Geheimnisse sicher.“, sagte Dana und sah Randy plötzlich mit ganz anderen Augen. Und dann beschloss Dana zum ersten Mal in ihrem Leben auch etwas total Verrücktes zu tun. Sie packte Randy und drückte ihre Lippen ganz fest auf seine.

Und DAS tat nun wirklich verdammt gut.

**

Randy war völlig überrascht doch erwiderte den Kuss genauso leidenschaftlich. Er genoss die Berührung, den Duft und das Gefühl.

Plötzlich aber war alles anders.

Was es war, konnte Randy später nicht mehr sagen, Ob eine Bewegung, ein Gefühl oder der Instinkt. Er hechtete nach vorne, stieß Dana zu Boden und schon schlugen Kugeln ein, wo er und Dana eine halbe Sekunde zuvor gesessen hatten.

Kosliwski war aufgesprungen, hatte seine Waffe gezogen und schoss auf einen Mann mit einer Maschinenpistole, der am Eingang stand.

„Unten bleiben!“, rief er Randy und Dana zu und suchte Deckung hinter einer Sitzgruppe.

Jetzt durchsiebten mindestens zwei Maschinenpistolen das Restaurant. Splitter sausten umher und Glas splitterte.

„Runter mit ihnen!“, brüllte Kosliwski einer Kellnerin zu. Als er diese in Deckung ziehen wollte, zog sie ein schmales Messer und stieß es ihm in den Rücken.

„BYRT!“, Randy stürzte sich brüllend auf die Kellnerin und überraschte diese mit seiner Kraft. Mit aller Wucht ließ Randy seinen Kopf auf die Stirn der Kellnerin krachen, nahm Byrt die Pistole aus der Hand und schoss der Kellnerin mitten in die Brust.

Die Schießerei war erst Sekunden am Laufen, als plötzlich aus allen Ecken des Restaurants Schüsse fielen. Die Kugeln sausten kreuz und quer durch die Luft und jeder schien auf jeden zu schießen.

Randy kroch über den Boden zurück zu Dana, die unter einer Sitzecke Deckung suchte und legte sich schützend über sie.

„Hinter dir!“, brüllte Dana und Randy wirbelte herum. Doch bevor Randy schießen konnte, hatte sich ein Mann auf ihn geworfen und drückte ihn mit seinem Gewicht zu Boden. Ein weiterer sprang dazu und hielt Dana mit einer Waffe in Schach.

Von einer Sekunde zur anderen war es totenstill und leises Sirenengeheul und erste Schreie waren zu hören. Weitere Männer kamen dazu gerannt und Kommandos ertönten.

„Bringt sie raus! Schnell!“ Dana und Randy wurden durch das völlig zerstörte Restaurant gezerrt, in einen Van ohne Fenster geworfen und von Männern mit Sturmhauben auf den Boden gedrückt. Schließlich zerrte man ihnen einen Sack über den Kopf und fuhr scheinbar endlos herum.

Irgendwann endete die Fahrt. Beide wurden aus dem Wagen gezerrt, in einen Raum gebracht und auf einen Stuhl gestoßen. Es folgte eine gründliche Durchsuchung, bei der man ihnen alle Gegenstände abnahm. Mit Schrecken fühlte Dana, wie man ihr den USB-Stick aus der Tasche zog. Anschließend ließ man die beiden schmoren.

Als man Randy die Kapuze vom Kopf zog, blendete ihn helles Licht und er kniff die Augen zusammen.

„Das hätte ich mir denken können.“, brummte eine Stimme.

Eine Gestalt trat zwischen ihn und die helle Lichtquelle und Mike blickte auf Randy herunter.

„Als es hieß, ein Hacker sitzt an unserem eigenen Computer und lässt alle Experten alt aussehen, hätte ich mir denken können, dass du das bist.“

„Darf ich?“, fragte Randy und zeigte auf Dana. Als Mike nickte, zog Randy auch Dana die Kapuze herunter. Sie kniff die Augen zusammen und sah sich panisch im Raum um.

„Keine Sorge, das sind Freunde von mir.“

„Freunde?“

„Naja, neulich waren wir es noch.“

„Was zum Teufel habt ihr in unserer Anlage getrieben und wieso wollten euch die Typen im Restaurant umlegen?“

„Ich weiß nicht, warum man mich umlegen will, wirklich nicht. Was ist mit Byrt?“

„Euer Mann, der mit im Restaurant war? Tut mir leid, er hat es nicht geschafft.“

„Was? Aber…“

„Jetzt raus mit der Sprache, was habt ihr an unseren Computer gemacht?“, fragte Mike und sah Dana an.

„Mein Name ist Dana Stern, ich arbeite für den israelischen Geheimdienst und möchte umgehend zu meinem Vorgesetzten Colonel Lem auf die USS Naphtenia gebracht werden.“

„Ich weiß, wer Sie sind, aber bevor ich nicht weiß, was Sie an unserem Computer getan haben, gehen Sie nirgendwo hin.“

Dana blickte starr geradeaus.

Mike ging zu einem Tisch am anderen Ende und schaute sich die Sachen an, die man bei der Durchsuchung gefunden hatte. Mit Schrecken sah Dana, wie der Mann den USB-Stick in die Hand nahm und sie anschaute.

„Ich schätze, alle Antworten sind hier drauf. Gut, wir finden es auch so heraus. Bringt sie zum Schiff.“

Als einer der Wachen Randy packen wollte, stellte sich Dave dazwischen und sah die Wache nur an. Der nahm sofort die Hand von Randy und er wurde zusammen mit Dana wesentlich höflicher als zuvor zurück zum Wagen gebracht.

Wieder saßen sie im Van ohne Fenster und wurden durch die Stadt gefahren. Die Fahrt endete am Kai, wo ein Boot darauf wartete, Dana und Randy zur Naphtenia zu bringen.

„Wir haben vier Killer im Restaurant ausgeschaltet, dazu kommt die Killerin, die du erschossen hast. Das war eine reife Leistung. Ihr Name war Kamille de Bauseau, eine weltweit gesuchte Attentäterin. Du hast verdammt viel Glück gehabt und eine riesengroße Portion Mut bewiesen. Gut gemacht.“

„Hier.“, brummte Dave und hielt Randy seinen USB-Stick hin. „Wir mussten eine Kopie machen. Und pass auf deinen Hintern auf, mein Freund.“

„Danke, mein Freund.“ Randy nahm den Stick und ging mit Dana zusammen an Bord des Bootes.

**

Eine halbe Stunde standen die beiden vor Lems Schreibtisch und warteten.

„Einen Moment noch.“, sagte er ganz ruhig. „ Ich muss nur noch den Brief hier zu Ende schreiben. Einen Brief, in dem ich Kosliwskis Witwe und ihren drei Kindern erkläre, dass ihr Mann tot ist, weil zwei Vollidioten nicht in der Kantine essen wollten.“

Dana zuckte bei jedem einzelnen Wort zusammen und die Tränen liefen über ihr Gesicht.

Lem legte den Stift hin, stand auf und stellte sich vor Dana.

„Sagen Sie mir, Frau Stern, war es das wert?“

ANTWORTEN SIE! WAR ES DAS WERT?“, brüllte er Dana an, als diese nicht antwortete.

„Es war meine Schuld…“, stammelte Randy.

KLAPPE HALTEN!“

ER IST ZIVILIST! SIE SIND PROFI! SIE KENNEN DIE RISIKEN! UND SIE LIEFERN SO EINE SCHEISSE?!“

„Ich hab sie überredet…“

RAUS!“

Randy hatte sich schon halb umgedreht und stellte sich wieder vor Lem.

„Nein!“

„Was?“, zischte Lem und sah Randy zum ersten Mal direkt an.

„Vor zwei Tagen haben Sie gesagt, dass Dana und ich ein Team sind, dann scheißen Sie uns gefälligst auch als Team zusammen.“

„Ganz wie Sie wollen!“

Eine halbe Minute später bereute Randy seinen Entschluss, aber er blieb tapfer neben Dana stehen, die heulend, mit den Händen auf dem Rücken, da stand und sich anhören musste, wie unfähig und blöd sie beide waren. Randy, direkt neben ihr, fasste sich ein Herz, besiegte seine Angst und ließ seine Hand unbemerkt von Lem in Danas Hand gleiten und Dana packte dankbar zu.

**

„Machen Sie nicht zu viele Vorwürfe.“, sagte Dagan später, als er mit Lem eine Videokonferenz abhielt.

„Das war meine Schuld, ich habe die Situation völlig falsch eingeschätzt und ihnen nur Kosliwski mitgegeben.“

„Nein, Sie haben die Situation aufgrund Ihrer Erkenntnisse richtig eingeschätzt. Keiner konnte wissen, dass wir ein riesiges Sicherheitsproblem haben.“

„Haben die Daten auf dem Stick wenigstens etwas ergeben?“

„Es scheint ein Teil einer Formel zu sein. Bis jetzt wissen wir nur, dass es sich um einen biologischen Stoff zu handeln scheint.“

„Eine biologische Formel?“ Sofort gingen alle Alarmsirenen bei Lem los. Eine biologische Formel in Händen einer Verbrecherorganisation, die rücksichtslos alle tötet, die davon Kenntnis haben. Das verhieß nichts Gutes.

„Ja, mich beunruhigt das genauso. Vielleicht war es Glück, dass unsere amerikanischen Freunde nun Kenntnis davon haben. Sie werden an der Neutralisierung der Verbrecher ebenso interessiert sein wie wir. Ich werde mal mit meinen Freunden auf der anderen Seite reden.“

„Was soll ich mit den beiden Blindgängern anstellen?“

Dagan überlegte lange. „Packen Sie die beiden nicht zu hart an. Stern wird ihre Lektion gelernt haben und sie nie wieder vergessen. Wir alle bauen im Leben mal Mist. Das war ihr Bock, aber ich glaube an Stern. Und Randy… Er wird es auch noch lernen.

Bis wir das Sicherheitsloch geschlossen haben, setzten wir das Notfall-Protokoll in Kraft.“

„Verstanden.“

„Ich schicke Ihnen Verstärkung. Und Lem, wer immer dieser Verräter ist… ich will ihn haben!“

**

SOULEBDA

„Was tust du da?“

Jeromes Schwester stand neben ihm und sah ihm zu, wie er sich Kreuzfahrschiffe ansah.

„Ich buche Carolines und Peters Hochzeitsreise.“

„Du könntest dir langsam einen eigenen Computer anschaffen.“ Ihren PC hatte Jerome während der Rebellion benutzt. Mit einem simplen WLAN-Verstärker hatten sie sich von hier aus in den Computer der Polizei gehackt und sich so Papiere und andere Unterlagen beschafft.

„Nein, ich brauche etwas, dass man nicht zurückverfolgen kann.“, grinste er.

Michelle, seine Schwester, beugte sich zum Monitor und schaute sich das Schiff an. Es war die „Peace of Mind“.

Ein modernes und wunderschönes Schiff. 340 Meter lang, 56 Meter breit und 155.000 Tonnen schwer.

Sie schaffte 22 Knoten und bot 3600 Passagieren Platz.

„Schönes Schiff, und was heckst du aus?“

Das ist nicht irgendein Schiff, das ist die diesjährige 70000 tons of metal.“

„Die was?“

„Ein Heavy Metal Festival.“

„Du willst die beiden auf einem Heavy-Metal-Schiff ihre Hochzeitsreise antreten lassen. Wie kommst du auf so eine Idee?“

„Das wirst du nicht glauben, aber Peter steht darauf und Caroline mag die Musik auch. Normalerweise touren dieses Schiffe durch die Karibik, doch durch den anhaltenden Erfolg haben die Veranstalter beschlossen, eine zweite Route zu befahren. Und zwar von Sidney nach Wellington. Also quasi um die Ecke.“

„Aber die Hochzeitsreise… Eine Hochzeitsreise soll doch romantisch sein… die soll… ich weiß nicht, aber doch nicht so.

„Kannst du dir die beiden bei einer normalen Kreuzfahrt vorstellen? Die sterben doch vor Langeweile.“

Michelle lachte. „Ja, dass wäre möglich.“

**

Irgendwo in Deutschland

An der Sicherheitstür prangte das große Firmenlogo der BAYDERICH AG und ein Schild „Vorzimmer – Leiter Bio-Referat VII“ und darunter „Prof. Dr. Ing. Karl-Wilhelm Lemberger“. Der Sicherheitsmann öffnete die Tür.

Zwei gut gekleidete Personen, ein Mann und eine Frau, in Begleitung eines Sicherheitsmannes traten vor den Tresen. Dahinter zuckte der wache Rotschopf einer Mittfünfzigerin mit Telefon-Nahkampferfahrung hoch. Ihr stechender Blick versetzte den Sicherheitsbeamten in Ehrfurcht, er kannte sie offenbar und er wechselte sofort die Blickrichtung.

Auf ihrem Namensschild stand zu lesen „Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth“. Jemand, der sich eine promovierte Mitarbeiterin ins Vorzimmer setzte, wusste für gewöhnlich ganz genau, was er wollte.

„Sie müssen Thekla Melissa Neureuth und Samuel Legdorn sein. Sie haben genau 41 Minuten, nehmen Sie genau hier Platz, der Chef kommt in einer Minute!“ Die Gäste nahmen Platz und saßen still.

So klar und hart wie ihre Anleitungen, so klar würden wohl auch ihre Ergebnisse sein, die diese Frau zu liefern gewohnt war. Konzentriert arbeitete sie weiter, ließ die beiden aber keine Sekunde aus den Augen. Jede Bewegung, sei es auch nur eine Bewegung des kleinen Fingers, wurde registriert. Diese Frau war perfekt hier in der Zentrale.

Nach 45 Sekunden drückte sie eine Sprechtaste: „Ihr Termin ist da, Professor. Zeit 15!“

Pünktlich nach 15 Sekunden öffnete sich eine weitere Sicherheitstür und Karl-Wilhelm Lemberger trat herein, gab den beiden die Hand und geleitete die beiden Gäste in einen anderen Raum. „Elisabeth, bitte dreimal wie üblich, ja?“. Der Rotschopf sprang sofort auf und nickte kurz: „Jawohl, dreimal wie üblich, Herr Professor!“

Prof. Lemberger schloss die Tür und schaute auf sein bereitliegendes Tablet, schon leuchteten die Daten der Besucher auf und er überflog diese Einträge kurz.

„Was kann ich diesmal für unseren Geheimdienst tun?“, Lemberger lächelte kalt lächelnd und wissend.

Die Frau zog ihr Tablet aus der Tasche und zeigte es Lemberger mit den Worten: „Diese Formel ist uns in einem sicherheitskritischen Bereich entwendet worden. Was ist das, was kann man damit anstellen und welche Gefahr besteht, Herr Professor?“ Lemberger schaute die beiden kurz an, danach wieder länger auf die Formel, dann wieder zu den beiden Gästen.

Er drückte einige Tasten an dem Schreibtisch und die Tür wurde verriegelt, die Lüftungsklappen an den Fenstern schlossen sich und das Licht wurde rötlich gedimmt. An der Tür hupte es kurz einmal und ein Display meldete „Secure“. Sein Blick verfinsterte sich und er schaute von unten her, fast drohend, zu den beiden Besuchern, seine Augen sahen dabei funkelnd aus.

„Wenn das A: kein Test oder gar B: kein Trick ist, dann haben Sie offenbar ein verfluchtes Problem, in Ihrem Interesse rate ich Ihnen zu A:?“

„Leider nein, Herr Professor, diese Formel ist in der freien Wildbahn! Unsere Spezialisten sagen, dass sie jetzt schon sehr gefährlich sei, aber noch unvollständig, was zum Teufel ist das für eine Höllenformel?“

„Sie haben es sehr genau beschrieben, eine Höllenformel, Ihre Sicherheitsstufe?“ Die beiden übergaben ihre Sicherheitsausweise an Prof. Lemberger, dieser schob die Ausweise durch ein Lesegerät und nach einem kurzen Blick auf das Display gab er die Ausweise mit einem Dank zurück, dann begann er mit seinen Ausführungen…

38 Minuten später öffnete sich die Tür, die beiden Gäste verabschiedeten sich rasch und verließen schnellstens das Gebäude. Prof. Lemberger schaute kreidebleich zu Scheurer-Grobschloth: „Rufen Sie das Alpha und Beta Team her, sowie den Sicherheitstrupp Omega! Verflixt nochmal, das ist ein Notfall! Elisabeth, wir haben ein riesiges Problem!“

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SOULEBDA

„Wir sind im Krieg, das Notfall-Protokoll ist aktiviert und es herrscht damit Nachrichtensperre. Im Moment sind wir also auf uns alleine gestellt. Solange wir nicht wissen, was vorgefallen ist, müssen wir vom Schlimmsten ausgehen.“

„Also in zehn Minuten im großen Arbeitszimmer.“ Ben und Jessica nickten und rannten los. Peter und ich rannten zur Dienstvilla und richteten das Arbeitszimmer her.

Dann trafen unsere Freunde der Reihe nach ein. Ben und Jessica, Penelope und Bernd, Ma‘ Difgtma und Jerome n’Antakcket. Penelope stieß als letzte dazu und dann begannen wir unser Wissen auszutauschen. Wir wussten wenig, aber das Wenige was wir zusammen bekamen, machte uns bereits Angst.

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TEL AVIV

Dagan Mayr hatte sein inneres Team zusammengezogen, alles handverlesene Freunde, auf die er sich wirklich verlassen konnte. Dann begannen sie, die Fakten zusammenzutragen, um sich ein klares Bild machen zu können. Nach und nach kam man zu einem Bild des Schreckens

  • Ein alter Feind ist wieder aufgetaucht.
  • Er verwendet äußerst komplexe Verschlüsselungstechniken.
  • Der alte Feind geht bedenkenlos über Leichen.
  • Er hat den Geheimdienst infiltriert.
  • Sie schrecken nicht vor Hochsicherheitsbereichen zurück.
  • Ihnen stehen Modernste Techniken zur Verfügung.
  • Der Feind ist sehr gut vernetzt.
  • Er plant, einen biologischen Kampfstoff zu bauen.
  • Die Formel ist sehr komplex.
  • Offenbar plant der Feind einen großen Schlag.

Dann fügte Sigrid Nirethidt, die Leiterin der Abteilung „D“, die weiteren Fakten hinzu. Als Mikrobiologin war sie eine der Kapazitäten weltweit, die sich mit Bio-Waffen ausgezeichnet auskannte.

  • Die Formel ist noch unvollständig, aber jetzt schon tödlich.
  • Der Feind operiert weltweit.

Matouf Schronje, ein unscheinbarer junger Mann, legte seine Fakten dazu und einige der Anwesenden atmeten tief ein.

Sein Fachgebiet war die Mikroelektronik, militärische Kommunikation und das Fernwirken, also alles, was mit Fernsteuerung zu tun hatte.

  • Die Weltraumkontrolle hat die Funksignale lokalisiert.
  • Die Kommandozentrale ist zu 98% Wahrscheinlichkeit im Raum Neuseeland.
  • Der Feind wird die Zentrale verlegen, wenn er gewarnt wird.

„Aber wie soll der Feind wissen, dass wir seine Zentrale fast gefunden haben, das würde ja bedeuten…“

„Ja, in der Tat“, begann Dagan, „das würde bedeuten, wir haben einen Verräter in unserer Mitte, der dieses Geheimnis bereits verraten hat. Danke meine Freunde, das war es für heute, ihr hört morgen von wieder mir.“ Dann setzte sich Dagan Mayr an seinen Schreibtisch und begann einige Mails in seinem Terminal zu schreiben.

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„… Und das ist sicher, ich meine, wenn die wirklich wissen, wo wir sind, dann ist hier bald die Hölle in Dosen! Dann geht’s hier ab und … was … wie sicher bist du dir dabei?“ Klaus Wolgarath, das Technik-Genie der Terrorgruppe HEMA hatte das Handy abgeschaltet und ging zu seinem Anführer. Shaah Kalaaf schaute ihn an und erkannte sofort, dass da etwas schief lief.

„Was ist passiert?“

„Die Israelis kennen sehr bald und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unsere Zentrale, die Verlässlichkeit meiner Kontaktperson ist hoch. Sie wissen bereits, dass die Zentrale hier in Neuseeland ist, aber noch nicht wo. Wir haben maximal eine Woche, eher weniger, dann knallt es hier. “

Shaah Kalaaf rief nach Claude Neuffe, seinem Planer. Er nannte ihn nur „Architekt“ und dieser kam angerannt. Sein sportliches Aussehen, gepaart mit einer tiefen Bräune, zeichnete ihn als guten Sportler aus, er setzte sich zu den Männern und schaute die beiden fragend an.

„Claude, wir sind wahrscheinlich entdeckt, wir brauchen sofort das Ausweichquartier. Die Zeit läuft, wie weit seid ihr mit der Planung, diese Fregatte zu übernehmen?“

„Das schaffen wir in der kurzen Zeit nicht mehr, die geht Ende der Woche in die Werft, und fällt dann aus, aber ich hätte da eine Alternative. Momentan gibt es in unserer Reichweite nur drei Schiffe mit der nötigen Größe und Ausstattung.“

Er tippte auf seinem Tablet herum und präsentierte das Ergebnis.

„Das erste ist die USS Rafael Peraltalon, ein funkelnagelneuer Raketenzerstörer, der vor Sydney liegt, um kommende Woche an einer Übung teilzunehmen. Der hat die beste Ausstattung, ist aber mit unserer Leuten derzeit nicht zu übernehmen.

Dann ist da die Kileauea, eine Privatyacht des Multimilliardärs Frederick Caputena, die hat wirklich alles, was man sich für teuer Geld einbauen lassen kann. Aber der Narr von Eigner hat die Maschinen sauer gefahren und das Schiff ist seit einigen Wochen in der Werft, vermutlich noch eine weitere Woche und es ist wirklich schade, denn die wollte ich immer mal sehen, ach ja…“

Alle schauten sie ihn an, sie wussten genau, jetzt kommt ein Klopfer, denn Claude Neuffe wusste genau, wie er eine Praline verpacken musste.

„Ja, dann gibt es noch etwas Besonderes, ein Kreuzfahrschiff, die „Peace of Mind“. Das ist die diesjährige „70.000 tons of metal“, das auserkorene Flaggschiff der ganzen Heavy Metal Festival Gemeine weltweit.

Das ist ein 340 Meter langes Luxus-Schiff, gut 56 Meter breit und über 155.000 Tonnen schwer und sie ist mit der derzeit modernsten Satellitenübertragungstechnik ausgestattet, die es weltweit im zivilen Bereich gibt.

Und das tollste daran ist, sie ist bereits unterwegs, direkt nach Wellington. Sie kommt aus Sydney, über Soulebda, das ist diese neue Route. Sie kommt uns quasi besuchen!“ Dabei lächelte er gewinnend und seine blendend weißen Zähne kamen zur Geltung.

Shaah Kalaaf sah sich Claude lange an, dann lächelte er leicht zurück und fragte: „Was brauchst du alles, um die „Peace of Mind“ zu übernehmen und wie lange musst du dafür planen?“

„Der Plan ist seit Monaten fertig. Ich brauche nur 23 Mann, exakt 23 Mann. Ich liefere dir übermorgen einen Plan, wie wir das Schiff übernehmen können. Wichtig ist, bei den 23 Mann müssen wir drei mit dabei sein, sonst klappt das nicht.“

„Das hast du dir schon früher einmal ausgerechnet?“

„Ja, sicherlich, aber da war es die Karibikroute, diesmal aber kommen die sogar hierher zu uns.“

Shaah Kalaaf sah in die Augen der Beteiligten, sie hatten plötzlich alle ein seltsames Leuchten bekommen.

„Ich bin ein Heavy Metal Fan. OK – du kannst loslegen. Du, Klaus, sorgst für die Evakuierung des Stützpunktes, sobald er fertig ist, wir haben nur Tage.“

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SOULEBDA

Peter und Caroline standen vor Heylah ai Youhaahb, der Präsidentin von Soulebda. Heylah hatte die beiden in den Palast eingeladen. Ihre Tochter Penelope stand mit ihrem Mann, Soleab n’Amsala, daneben und die drei lächelten uns an.

„Nach eurer Hochzeitszeremonie werdet ihr eine kleine Reise unternehmen und zwar auf der „Peace of Mind“. Ich glaube, ich muss euch nicht erzählen, was das für ein Traumschiff ist. Ihr beiden Turteltauben habt eine Reservierung erster Klasse erhalten, die Reise beginnt eigentlich in Wellington, eine Woche nach der Hochzeit. Die „Peace of Mind“ kommt aber direkt an Soulebda vorbei. Hier sind die Unterlagen.“ Dann öffnete sie ihre Arme und umarmte uns beide. Wir waren ihr wirklich ans Herz gewachsen, nach den ganzen Aufregungen der letzten Zeit.

„Aber nun, meine liebe Caroline, begrüße deine geliebte Penelope so, wie es sich für eine offizielle Nun’tschula gehört.“

Ich bedankte mich bei Heylah und drehte mich zu Penelope um. Dann umarmte ich sie und küsste sie leidenschaftlich und innig. Soleab umarmte und küsste mich auch, dann lächelte er Peter an.

Die Ehrenwache der Präsidentin, bestehend aus zwei Dutzend Frauen und Männern, stimmten einen lauten, klaren Gesang an: „Nun’tschula auma Kahlscha’daar namaija“. Sie wiederholten fünf Mal diesen Ehrengruß. Der Gesang hallte in dem Palast wieder und es klang sehr würdevoll.

„Ja, Peter, mein guter Freund und Stammesbruder. Einige Dinge haben wir euch voraus. Dieser Brauch ist einer davon. Hier herrscht das Matriarchat. Als Ehepaar darf sich die Frau eine offizielle Geliebte aussuchen, eben eine Nun’tschula. Meine Frau und ich haben uns damals für Caroline, also die Trägerin des Kahlscha’daar, des höchsten Ordens der Ehre, entschieden und wir haben diese Entscheidung niemals in Frage gestellt.“

Peter und Soleab umarmten sich nochmals, sie hatten bei dem letzten Kampf auf Soulebda eine besondere Freundschaft geschlossen.

„Du musst mir mal erklären, was eine Nun’tschula alles zu tun hat.“

Soleab lachte laut auf, als er mit Peter durch den Palast zum Ausgang ging „Das ist nicht nur das, woran du jetzt denkst, da gehört noch viel mehr dazu, was ihr Aufgeklärten Europäer nicht verstehen werdet. Aber ich weiß von Caroline, dass sie durchaus verstanden hat, was zu ihrem Job gehört, und im Vertrauen, sage ich dir, sie macht das wirklich gut.“

Peter wusste jetzt nicht mehr als vorher, einmal abgesehen davon, dass er wieder einmal eine neue Seite von Caroline als wunderbar bezeugt bekam, was auch immer dahinter steckte.

Vor dem Palast stand eine Abordnung der Stammeskrieger. In deren Mitte standen zwei in lange, edle Gewänder gekleidete Personen, eine Frau und ein Mann. Einer der Stammeskrieger kam auf Peter zu, grüßte höflich und stellte die beiden als die hohen Priester Xialorenga und Xialang vor. Die beiden blieben in dem geschützten Kreis der Stammeskrieger, aber grüßten ihn sehr höflich.

„Die beiden hohen Priester möchten Caroline und dich heute Abend zur Stau’Gunda-Zeit im Priesterzelt treffen. Das ist nach eurer Zeit um 20.30 Uhr.

Peter weitete seine Hände und überkreuzte sie auf seiner Brust „Wir werden kommen und danken für die Ehre der Einladung.“

Soleab schaute Peter lächelnd an und nickte leicht anerkennend „Du hast sehr viel über unsere Traditionen gelernt, das gefällt mir gut.“

Später am Abend hatten wir die Kleidung gewechselt, um anständig auszusehen. Dann kamen die hohen Priester aus dem Priesterzeit auf dem großen Festplatz und luden uns ein, ihnen in ein größeres Zelt zu folgen.

Das große Zelt war prächtig hergerichtet. 21 Dienerinnen in traditioneller Bekleidung standen an jeder Seite und hielten je einen Lüster. Vorne gab eine kleine Erhebung, diese stiegen die beiden hohen Priester hinauf und drehten sich zu uns um.

„Wir sind Xialorenga und Xialang“, begann Xialorenga. Als Frau begann sie gemäß der Tradition des Matriarchat mit der Rede: „Wir sind im Auftrag Mualebdas hier, um euch die Gnade der Hochzeitssegnung anzubieten.“

Xialorenga, der Mann, fuhr fort: „Diese Gnade wurde in der langen Geschichte Soulebdas bisher nur 134 Paaren zuteil, ihr wärt das 135 Paar. Ihr wisst ja, dass das Mualebdas Glückszahl ist.“

Xialorenga fuhr fort: „Ihr sollt den Segen beider Welten erhalten, ihr habt ja auch die Kräfte beider Welten in euch versammelt, daher der doppelte Segen – seelisch und weltlich.“ Wir verbeugten uns ordnungsgemäß und bedankten uns für die Auszeichnung und den Segen.

Dann traten Heylah ai Youhaahb, die Präsidentin und Penelope zu uns in das Zelt.

„Ihr werdet ja bereits dieses Wochenende heiraten,“ sagte die Präsidentin. „Wir sind heute hier zusammen gekommen, um die Prüfung von euch einzufordern. Es gibt drei Prüfungen, die bezeugen sollen, ob ihr wirklich soweit seid, die Gnade Mualebdas in euch aufzunehmen. Doch seid gewarnt, diese Prüfung ist wirklich eine Prüfung, eine harte Prüfung sogar. Ihr müsst diese Prüfung nicht ablegen, keiner der weltlichen Führer würde das jemals erfahren. Aber alle Seelenführer und Krieger Soulebdas würden das sofort wissen.“

Xialorenga und Xialang schauten uns an und fuhren fort: „Entscheidet euch JETZT!“.

**

NEAPEL

Randy hatte Dana auf ihr Zimmer begleitet und sie bat ihn, noch nicht zu gehen. Die beiden standen in der Zimmermitte, Dana umarmte ihn einfach und begann laut zu schluchzen. Randy streichelte ihr Haar und sprach eine Weile kein Wort, bis ihr Weinen nachließ.

Dann schluchzte Dana: „Kosliwski war so nett, und jetzt… seine Frau und die drei Kinder… ich hab das nicht gewollt…“

Dann küsste Randy sie langsam und vorsichtig auf die verweinten Augen.

„Das wollte keiner von uns, wir sollten unsere Lehren darauf ziehen. Der Job da draußen ist schmutzig und gefährlich, lass uns beide das nie mehr vergessen!“

Dana schaute Randy lange an. Mit einem tiefen Aufatmen umarmte sie ihn und erwiderte den Kuss erstmals innig und tief.

Beide lächelten sich an, als sie das schöne Bett sahen, aber beide sahen auch die flimmernden Rechner und dann sagten sie fast gleichzeitig „… aber erst müssen wir an die Arbeit…“. Dann nahmen sie an den Rechnern Platz, um der Entschlüsselung nachzujagen. So vergingen die Stunden mit harter Arbeit.

**

„Was meinen Sie mit ‚verschwunden‘?“ Kapitän Van der Lubbkens war aufgesprungen und starrte den meldenden Leutnant an.

„Sie wollen mir nicht etwa erklären, dass Sie einen 570.000 Tonnen Gastanker verloren haben? Das ist keine Schaluppe, das Ding hat GPS-Sender, Sensoren und wirft ein Radarbild wie ein verdammter Flugzeugträger!“

„Also, das ist so, wir hatten die Radarbilder und Sensordaten der „Hispaniola“ im Speicher, der letzte Eintrag ist von Leutnant Bengalozzi. Er hat vermerkt, dass die Lotsen an Bord gegangen sind, und das Schiff weiter fuhr, aber dass eine Standardmeldung ausblieb.“

„Reden Sie weiter, kommen Sie zum Punkt!“, fuhr Van der Lubbkens den jungen Leutnant an. „Der diensthabende Kapitän hat die Meldung auf ‚Ignorieren‘ gesetzt, weil das offenbar Presseleute waren, und dann hat keiner mehr darauf geachtet bis…“

„Bis was?“

„Bis dass die GPS-Daten zeigten, dass der Tanker eine winzig kleine Insel angefahren hat, dann verschwand das Signal der…“

Van der Lubbkens war aufgesprungen und stand am Hauptpult der Leitstelle. Dort lud er sich die Transferfiles der „Hispaniola“ auf seinen Bildschirm, las kurz die Daten und drückte zwei rote Knöpfe. Dann setzte er sich auf den Stuhl des Diensthabenden.

Einige Lämpchen wechselten die Farben und irgendwo hupte eine Sirene einsam vor sich hin. Der junge Leutnant schaute erbärmlich aus der Wäsche und Van der Lubbkens grinste ihn frech an.

„Sie sollte besser den Flur freimachen, hier bricht jetzt gleich das Chaos aus!“, sagte er ganz entspannt zu dem Leutnant. Der wiederum lief kreidebleich an, stellte sich an eine seitliche Konsole und schaute zur Tür, hinter der es deutlich lauter wurde.

Durch die Tür stürzten fünf Männer und eine Frau in Kampfausrüstung auf Van der Lubbkens zu und nahmen Haltung an.

Dann begann der Kapitän: „Die ‚Hispaniola‘, ein moderner 570.000 Tonnen NLG Tanker, wurde vor mehreren Stunden offenbar entführt. Die letzte gesicherte Meldung kam um Dreizehnhundert Uhr an dieser Position, alle späteren Positionsmeldungen sind anzuzweifeln. Gehen Sie davon aus, dass Gewaltmittel eingesetzt wurden. Fragen?“

Die sportliche Dame im Rang eines Hauptmanns trat vor.

„Wie stark ist die Besatzung, was war das Ziel und gab eine Cascade-Meldung?“ Van der Lubbkens schaute sie lächelnd an „20 Mann Besatzung, Ziel war Ischia, der neue Hafen für NLG’s und es gab keine Meldung über Cascade.“

Die Frau nickte kurz und gab Order an ihre Begleiter „Antreten auf Alpha, dann Abmarsch!“. Schon stürmte die Truppe aus dem Raum und der junge Leutnant schaute Van der Lubbkens an „Was bitte ist Cascade?“

„Cascade, das ist das digitale Rettungs- und Informationssystem der Hochseeschifffahrt, für piratenverseuchte Gebiete, die Besatzung löst Bojen aus, die selbstständig Meldungen mit Positionsdaten absetzen.“

„Danke, das kannte ich nicht, davon haben sie in der Ausbildung noch gar nichts gesagt.“

„Das ist ja auch neu – und nun – wegtreten!“

**

Randy schaute Dana an und sie nickte ihm zu „Dana, das ist es, wir haben den Algorithmus zerlegt. Er funktioniert genau, wie wir es berechnet haben. Das ist die Lösung, lass sie uns in den Rechner einlesen und dann die Botschaft entschlüsseln.“

Während Randy die Systeme koppelte, betrachtete Dana ihn und spürte, wie sehr sie diesen Mann bereits lieben gelernt hatte. Er hatte sich schützend vor sie geworfen und er hatte sie dabei vor einer blutrünstigen Killerin gerettet. Er hatte die Verantwortung über den Fehlschlag im Restaurant mit getragen, und er war auch mit ihr zusammen, um das Rätsel zu lösen.

Oh ja, sie spürte wie ein Gefühl in ihr aufstieg, ein Gefühl, das ihr sagte, dass das der richtige Mann sei. Der Mann, auf den sie immer gehofft hatte und den sie nie zu treffen geglaubt hatte. Dass es dann aber ausgerechnet ein Deutscher sein musste, welche Ironie der Gefühle, aber das Gefühl war echt und es war stark und es… Da erst bemerkte sie, dass Randy sie bereits seit einiger Zeit lächelnd anschaute.

„Erde an Dana, bereit zum Beamen?“

Diesmal lief sie nicht rot an, sondern sie stand auf und zog Randy zu sich und küsste ihn. Dann schloss rasch die Türe ab, mit der anderen Hand zog sie Randy zu sich und küsste ihn noch leidenschaftlicher.

Randy aber lief rot an, irgendwie war er nicht darauf gefasst gewesen. Doch dann sagte Dana mit einem Lächeln im Gesicht zu Randy: „Ja, Randy, bitte beame mich!“

Randy schaute zur Uhr, sie hatten noch sechs Stunden Zeit, bis man sie erwartete. Er lächelte sie an, küsste sie und dimmte das Licht etwas. Wären die Wände noch dünner gewesen, hätte man Dana im Flur sagen gehört: „Beam me up, Randy!“

**

AUSTRALIEN

Noch ehe der Morgen graute, rasten drei vollbesetzte Zodiacs an die Küste und landeten. Es stiegen 24 Mann aus, die sich sofort in die Büsche schlugen.

Kurz darauf hatte sich der Sturmtrupp aufgeteilt und zu einer Alleinstehenden Villa hochgearbeitet. Die Scharfschützen prüften ihre Optiken, zwei Teams standen an den beiden Türen der Villa, das dritte hing an Seilen von dem Dach herunter, da gab der Kommandoführer den Angriffsbefehl.

Zwei Türen wurden aufgehebelt und die Trupps stürmten das Haus. Von überall her schien man ein „Sicher“ zu hören und kurze Zeit später gab es etwas Tumult in einem der angrenzenden Häuser. Zwei Bedienstete, offenbar Hausmeister, wurden zusammengetrieben und knieten mit gefesselten Händen im Gras.

„Tango 1 negativ“, klang es im Funk, „Tango 2 negativ“ und dann kam der Spruch von Tango 3, ebenfalls negativ. Der Mann in der schwarzen Kleidung sah aus wie ein schlecht gekleideter Ninja, er schaute die Hausmeister an und sprach sie in der Landessprache an.

„Wo sind die Leute alle hin, wann sind sie weg und wohin?“ Zitternd antwortete der Ältere dem Schwarz gekleideten: „Gestern Abend sind sie alle weggefahren und wollten für eine Woche in Urlaub, dabei haben die doch hier alles, einen schönen Pool…“

Der Schwarz gekleidete Mann hob die Hand und der Hausmeister schwieg. „Bringt sie weg und lasst sie los. Tangos: Alles durchsuchen, ich will, dass ihr alles auf den Kopf stellt, Funker zu mir!“

Ein junger Mann – ebenfalls in rabenschwarzer Kluft – sprang herbei und übergab ein Sprechset an den großen Mann in Schwarz. „Tango-Alpha an Great Head – die Vögel sind ausgeflogen!“

Zehn Minuten später kamen die Männer in Schwarz zusammen und legten die gefundenen Artikel auf einen Tisch, darunter einige USB-Sticks und ein offenbar beschädigtes Notebook. Man prüfte die Speicher-Sticks und befand sie für gefährlich infiziert. Als man das Notebook sichern wollte, stellte man fest, dass die beiden Festplatten verschlüsselt waren. Man kam offenbar nicht an die Daten heran. „Einpacken und abrücken.“

Als die Schlauchboote bereits auf dem Meer waren und sich ihrem Treffpunkt näherten, verging die wunderschöne Villa am Berg in einer grellen Explosion.

**

TEL AVIV

Im Video-Konferenzraum leuchteten mehrere Displays.

Unter jeden war eine Einblendung des Standortes und man sah auf dem zentralen Display Dagan Mayr stehen. „Dr. Stern und Herr Kaufmann, erzählen Sie bitte, was Sie herausgefunden haben.“

Randy und Dana saßen an einem Schreibtisch mit einigen Notebooks. Sie nickten sich gegenseitig kurz zu und Dana begann mit den Erklärungen. Randy stellte zufrieden fest, dass auf einigen Displays die Leute teils mit offenen Mündern da saßen. Offenbar hatten sie bei ihrer Auswertung ins Schwarze getroffen.

Einige Zwischenfragen wurden umgehend von den beiden beantwortet und nach knapp 20 Minuten war Dana durch. Sie übergab an Randy.

„Nachdem wir zusammen den „Von-Schleitz-Algorithmus“ geknackt hatten, konnten wir die Nachricht angehen, darf ich weiter fortfahren?“ „Moment noch“, kam es von Dagan und einige Displays mit Teilnehmern erloschen. „Bitte.“, sagte er dann mit einer einladenden Geste.

Randy berichtete, was bei dem Datenstrom alles entschlüsselt wurde. Von den konkreten Plänen, eine geächtete Bio-Waffe neu zu erschaffen, von den Plänen in diversen Labore einzudringen, um Kulturen und wichtige Stoffe oder Formen zu rauben. Er berichtete von den Erfolgen und den Fehlschlägen.

Haargenau war das der Reihe nach verzeichnet und chronologisch geordnet. Tatsächlich schien das alles auf einen gemeinsamen Punkt zusammenzulaufen, der allerdings noch nicht erreicht wurde. Dann folgten noch einige Informationen über Operationen, die man nicht weiter einordnen konnte. Danach endete Randy.

Dagan schaute schweigend in die Runde. „Wir haben bisher Glück gehabt. Die suchen noch eine wichtige Komponente zum Bau, die Formel ist offenbar noch unvollständig.

Dr. Stern und Herr Kaufmann, das haben Sie sehr gut gemacht, ich melde mich bald wieder.“ Damit erlosch der zentrale Bildschirm und auch die anderen Displays gingen der Reihe nach aus.

Colonel Lem schaute die beiden an, setzte ein Lächeln auf und schaute die beiden nochmals genauer an.

„Sehr gut, ihr beiden, das war eine Spitzenleistung, ihr seid wieder rehabilitiert. Wir fliegen morgen Mittag weiter, genießt den Tag, aber bitte auf dem Stützpunkt.“

Randy und Dana aßen noch eine Kleinigkeit in der Kantine, dann verschwanden sie gemeinsam in Danas Zimmer. Den Stützpunkt würden sie heute bestimmt nicht verlassen. Dafür wollte Randy Dana noch ein paar mal beamen …

**

SOULEBDA

„Etwas enger und dafür im Rücken mehr frei.“, sagte ich zur der Schneiderin, als sie mir das Hochzeitskleid anpasste.

„Sie sehen wunderschön aus, das Kleid ist wie für Sie geschnitten.“, bestätigte die Schneiderin.

Penelope hielt sich die Hände vor das Gesicht und sie war sprachlos. Das hatte ich an ihr lange nicht mehr erlebt.

Das Kleid war im weißen Meerjungfrauenstil geschnitten, sehr leicht und hatte einen langen Einschnitt an der Seite, der von der Schulter bis zur Kniekehle einen Zentimeter weit verlief. Der Rücken war weit ausgeschnitten, um reichlich Luft an die Haut zu lassen, dafür besaß die Brustpartie einen Herzausschnitt und war blickdicht.

Eine Stunde später schlenderten Penelope und ich über den Parkplatz, als Jerome mit quietschenden Reifen neben uns hielt.

„Einsteigen, bitte einsteigen, es gibt Neuigkeiten.“ Kaum waren wir im Wagen, brauste er zur Dienstvilla.

**

Zu Hause

„Was?“, fragte Decker fassungslos ins Telefon.

„Er hat was getan? Unser Randy?“

Wieder hörte er der Stimme von Hannes zu, der Decker von dem Zwischenfall in Neapel berichtete.

„Ich hab verstanden. Hör zu, ab jetzt lässt du ihn nicht mehr aus den Augen, verstanden?“ Dann hörte Decker wieder zu und der fassungslose Ausdruck auf seinem Gesicht blieb.

„Was hat er? Reden wir hier von demselben Randy? Na schön, dann lässt du eben beide nicht mehr aus den Augen.“

Nach ein paar weiteren Minuten legte Decker auf.

Grübelnd stierte er vor sich hin. Wie sollte er bloß den Entschluss, den er längst gefasst hatte, seiner Marianne beibringen?

**

„Hast du eine Minute?“, fragte er Frank eine halbe Stunde später, der an seinem Schreibtisch saß.

„Sicher! Komm rein. Was gibt’s Neues?“

„Du hast doch von der Schießerei in Neapel gehört.“

„Ja, kam in den Nachrichten, Es hieß…. Nein! Oder?“

„Doch! Randy war mitten drin.“

„Ist ihm was passiert?“

„Nein, zum Glück nicht. Er hat verdammt viel Glück gehabt. Unsere Freunde aus Amerika, DIE Freunde, waren mehr oder weniger zufällig vor Ort und haben eingegriffen. Aber du wirst es nicht glauben, Randy hat Kamille de Bauseau umgelegt!“

„Kamille de Bauseau? Wie zum Teufel hat er das gemacht?“

„Er hat sie angesprungen, k.o. geschlagen und erschossen.“

„In was ist dieser Nerd bloß reingeschlittert?“

„Hat Dagan denn noch nichts verlauten lassen?“

„Nein, er und all seine Leute sind vom Erdboden verschwunden. Ich hab mit Caroline telefoniert, sie sagt, das wäre das Notfall-Protokoll. Keine Kommunikation, außer durch persönliche Boten, da irgendwo ein Sicherheitsleck ist.“

„Ich hab noch eine Neuigkeit.“

„Schlimmer als das das? Dann will ich es gar nicht wissen.“

Decker grinste. „Nein, ist was Lustiges. Randy war in Begleitung, als sie ihn umlegen wollten. Einer weiblichen Begleitung.“

„Er hat eine Freundin? Er ist gerade mal drei Tage weg.“

„Tja, wo die Liebe hinfällt.“ Dann wurde Decker wieder ernst.

„Ich will nicht drumherum reden. Ich bin losgezogen, um Caroline und Peter den Arsch zu retten, und das schon zwei Mal. Das schlimme daran ist, das ich die beiden so gerne habe, dass ich es jederzeit wieder tun würde. Das gleiche gilt für Randy.

Er gehört zu uns und ich werde ihn nicht im Stich lassen. Ich brauche unbezahlten Urlaub, um diesen Nerd herauszuhauen, egal, in welchem Schlamassel er auch sitzt!“

Frank sah ihn nachdenklich an.

„Nein, du bekommst keinen unbezahlten Urlaub!

Zufällig habe ich nachgelesen, dass es in Tel Aviv eine spezielle Schule für Prävention und Gebrauch von nichttödlicher Gewalt für Vollzugsbeamte gibt. Du und Hannes seid ab sofort dorthin abgeordnet. Randy belegt einen Platz im neuen Austauschprogramm für Computerfachwissen.“

„Danke. Ich werde mir Randy schnappen, nach Soulebda bringen und dafür sorgen, dass er pünktlich zur Hochzeit erscheint.“

„Oh, die Hochzeit…Meine Frau ist schon ganz aufgeregt. Ich glaube, Iris hat eine Unsumme für Kleider ausgegeben.“

„Meine hat gerade ganz andere Probleme. Sie war nicht begeistert, als ich ihr gesagt habe, das ich Randy nachfliege.“

„Was hältst du davon, wenn Iris und ich Marianne mit nach Soulebda nehmen, dann sehen wir uns alle dort?“

„Danke. Ihr seid echte Freunde.“

„Das sind wir alle, sonst hätten wir die Probleme erst gar nicht.“

Decker schluckte kurz, dann war er wieder das alte Urgestein.

„Ich würde gerne Johann die Leitung der Sicherheitsabteilung übertragen. Johann würd das hinbekommen und hat sich schon öfter bewährt. Aber Johann, Bernd Gratzweiler und Helmer fliegen in ein paar Tagen auch nach Soulebda. Ich werde also Markus Schiffler die Leitung geben.“

Johann und Bernd gehörten dem Rettungsteam an, dass mit Frank damals nach Soulebda flog, um uns zu herauszuholen. Helmer gehörte zu Sarahs Sicherheitsteam und Heylah, die Präsidentin Soulebdas hatte darauf bestanden, dass alle Helden der Rebellion samt ihren Familien eingeladen wurden.

„Damit bin ich einverstanden. Gute Wahl.“ „Dann werde ich Schiffler mal überraschen.“

Als Decker draußen war, griff Frank in eine seiner Schubladen, holte einen Ordner hervor und schlug ihn auf. In diesem waren die Bilder und Steckbriefe der meist gesuchten Verbrecher der Welt enthalten.

Mit einer großen Genugtuung riss er Kamille de Bauseaus Bild heraus, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb.

-Mein Randy!- dachte er nicht ohne Stolz.

**

SOULEBDA

Vera fiel mir als erstes um den Hals. Nur eine halbe Sekunde später war Sarah mit dabei.

„Hallo, mein Lieblingsbösewicht.“ Drückte mir Sarah einen Kuss auf den Mund. „Wo ist deine zukünftige Braut?“

„Sie regelt alles mit dem Zoll, ah, da kommt sie.“

Caroline kam um die Ecke und die beiden rannten zu ihr und sprangen sie förmlich an. Nicht ganz ohne Neid stellte ich fest, dass Caroline weit mehr Küsse bekam als ich…. Hmmmm, ob ich meinen Junggesellenabschied mit den drei… Darüber musste ich in Ruhe nachdenken. Aber als ich zu den drei Frauen kam, wurde ich sofort in die Mitte genommen.

„Ihr wohnt natürlich bei uns.“, hatte Caroline entschieden und bereits dafür gesorgt, dass die Gästezimmer in der Villa zurechtgemacht wurden. Außer Vera und Sarah sollten noch Fabienne und Fransiska bei uns einquartiert werden. Für Frank, Decker und die anderen war ein ganzes Hotel reserviert worden.

Allerdings wussten wir nicht, ob Fabienne kommen würde, denn sie gehörte zu Dagans Stab und war genauso verschwunden wie alle Nichten und Neffen. Doch der Gedanke, Fibi nicht dabei zu haben, machte uns traurig.

Als wir an der Villa ankamen, wurden Vera und Sarah mit Jubelgeschrei begrüßt. Jerome hatte jedem erzählt, dass die berühmteste Krankenschwester und ihre beste Hilfe, die Soulebda je gesehen hatte, kommen würden.

Zu Tränen gerührt standen die beiden da und wussten gar nicht, was sie sagen sollten.

Caroline brachte Sarah nach der Begrüßung in die Villa, während Vera mit mir vor der Tür stehen blieb und zusah, wie die über hundert Menschen winkend in Richtung Stadt zurück gingen.

„Was für ein Empfang. Das haben wir gar nicht verdient. Wir haben doch nur etwas geholfen und ein paar Verbände angelegt.“, meinte Vera verlegen.

„Wenn du das schon ergreifend findest, dann warte mal den offiziellen Empfang heute Abend im Palast ab. Heylah hat extra eine Ehrung für euch vorbereitet.“

„Ich weiß nicht… Ich meine… Ich weiß nicht, ob ich da hingehen soll. Ich hab das wirklich nicht verdient. Schemmlein und Willers waren die wahren Helden, nicht ich.“

„Jetzt sag ich dir mal was! Ohne Euch wären alle Ärzte aufgeschmissen gewesen. Ihr habt das mehr als verdient. Außerdem müsst ihr kommen. Caroline wird heute Abend offiziell Penelopes Nun’tschula, da braucht sie euch.“

„Ich hab immer noch nicht verstanden, was eine Nun’tschula genau macht.“ Sarah hatte sich etwas zu trinken besorgt und kam mit Caroline an ihrer Seite zu uns.

„Um ehrlich zu sein, ich auch nicht, außer dass eine Nun’tschula eine Art Geliebte ist. Aber irgendwie muss auch ein neuer Status verbunden mit speziellen Aufgaben dabei sein. Aber da meine zukünftige Braut nicht mit der Sprache herausrückt…. Heute Abend wissen wir mehr.“

„Tut mir leid, aber das Gesetzt von Hurg´fest, das eine Nun’tschula befolgen muss, besagt, dass ausschließlich Penelope als meine Geliebte, meinen Status und meine Aufgaben verkünden darf.

Nur so viel, jede Herrin legt die Aufgaben ihrer Nun’tschula selber fest, es gibt also keine festen Regeln.“

„Und du, bekommst du auch eine Geliebte, zusätzlich meine ich?“, fragte mich Vera schelmisch.

„Tja, gute Frage… Wie ist das Liebes? Bekomme ich auch eine Nun’tschula?

„Leider nein.“, sagte sie mit großem Bedauern in der Stimme, das ÜBERHAUPT NICHT ernst gemeint war. „Das Matriarchat erlaubt nur den Frauen eine Nun’tschula.“

Alleine für das gespielte Bedauern hätte ich Caroline übers Knie legen können. Und dieses Mal hätte ich das sicher geschafft!

**

TEL AVIV

Da Dagan nicht zu erreichen war, hatte sich Decker erst gar nicht in angemeldet und sich einfach in einen Flieger nach Tel Aviv gesetzt. Sein Notfallplan war klar. Er wusste, wo der Geheimdienst sein offizielles Gebäude hat und würde dort notfalls richtig Ärger machen.

Kaum gelandet, nahm er sein Gepäck und reihte sich in die Schlange am Einreiseschalter ein.

Decker grinste in sich hinein. Er war erst einige Minuten hier und schon hingen zwei Männer und eine Frau an seinen Fersen.

„Wie viele hast du entdeckt?“, fragte eine angenehme Stimme neben ihm.

„Drei.“

„Es sind fünf, die Frau am Schalter und der Tourist mit der blauen Mütze. Hallo, Wolfgang, schön dich zu sehen.“

„Hallo, Fabienne. Der mit der Mütze ist mir tatsächlich entgangen.“

„Komm, wir brauchen nicht anstehen, es sei denn, du hättest irgendwas zu verzollen.“, lachte Fabienne.

„Nein, außer ein paar Fragen.“ Er bot Fabienne den Arm an und die hakte sich unter.

„Fragen sind Zollfrei.“, erwiderte sie lachend.

Zusammen verließen die zwei die Halle und gingen nach draußen. Dort winkte Fabienne einem Taxi. Kurz darauf hielt ein Taxi neben ihnen, in das sie einstiegen.

„Darf ich wissen, wo wir hinfahren?“

„Sicher, du gehörst zu uns. Wir fahren zu Dagan.“ Wo Dagan sich aufhielt, ließ sie aber offen. Der Taxifahrer fuhr schnell und über einige Querstraßen, er gehörte ganz offensichtlich zum Geheimdienst. Schließlich hatte die Fahrt ein Ende. In einem Hof, der zu einem Gebäude mitten in der Stadt gehörte, hielt der Fahrer an und Fabienne verschwand mit Decker in einem Seiteneingang.

Decker, der mit einem Bunker gerechnet hatte, staunte nicht schlecht, als er Dagan in einem gemütlich eingerichteten Zimmer traf.

„Wolfgang, mein Freund.“ Dagan umarmte Decker herzlich. „Ich sehe, Fabienne hat dich wohlbehalten hergebracht. Nimm bitte Platz.“

Dagan wies auf zwei bequeme Sessel, die an einem kleinen runden Tisch standen. Decker nahm dankend Platz und ließ sich von Fabienne etwas zu trinken geben.

„Wollen wir noch etwas Smalltalk halten oder kommen wir gleich zum Wesentlichen?“

„Lieber gleich dazu. Smalltalk ist nicht so mein Ding. Wo ist Randy?“

„Randy ist zusammen mit Hannes auf der USS Naphtenia, vor Neapel.“

„Ich wüsste gerne, was Randy überhaupt getan hat, was hat er angestellt?“

„Nichts! Ein Techniker der ESOC, Pasquale le Neuffe, hat durch Zufall ein Signal aufgefangen, das von einem totem Satelliten gesendet wurde. Er konnte nichts damit anfangen und hat es an Randy weitergeleitet, in der Hoffnung, dass der etwas herausfindet.

Es stellte sich heraus, dass eine terroristische Organisation namens HEMA über tote Satelliten kommuniziert und es dabei zu einer Panne kam. Die Daten, die Pasquale le Neuffe auffing, waren hochsensibel. Als die Terroristen bemerkten, dass ihre Daten in den falschen Händen waren, versuchten sie alles zu tun, um die Mitwisser auszuschalten.“

„Was ist mit diesem Pasquale, ist der dann nicht auch in Gefahr?“

Dagan schaute kurz nach unten. „Wir wissen von vier Leuten, die die Nachricht aufgefangen haben. Randy hat als einziger überlebt.“

„Wie viele Verluste?“

„Zwölf, mit unserem Mann in Neapel dreizehn.“

Decker musste Dagan nicht sagen, dass ihm die Verluste leid taten, es stand in seinem Gesicht geschrieben. „Was sind das für beschissene Daten?“

„Es ist ein Teil der Höllenformel!“

**

„Wolfgang, ich habe Angst. Wenn diese Formel vollständig in die falschen Hände gerät, kommen sehr finstere Zeiten auf uns zu.“

„Was gedenkst du dagegen zu tun?“

„Ich weiß es noch nicht. Irgendwo sitzt ein Verräter. Solange ich nicht weiß, wer das ist, ist jeder Schachzug, den ich mache, umsonst.“

„Ein Verräter, etwa…“

„Nein! Niemand meiner Nichten oder Neffen. Er muss weiter oben sitzen.“

„Und jetzt?“

„Ich brauche ein Team, dem ich bedingungslos die Sicherheit der Welt anvertrauen kann und das außerhalb meiner Reichweite agiert.“

Decker musste schlucken. Er wusste, welches Team Dagan meinte, und er wusste auch, dass Dagan sehr verzweifelt sein musste, wenn er dieses Team ins Rennen schickte. Aber Decker wusste auch, dass dieses Team bis jetzt alle Gegner bezwungen hatte!

„Nun, dieses Team versammelt sich gerade. Allerdings hätte ich da noch ein paar Fragen dazu.“

„Schieß los!“

„Was ist mit den Amis?“

„Unsere amerikanischen Freunde sind genauso besorgt wie wir. Zur Unterstützung haben sie die Colonels Smith und Miller abgeordnet. Ich habe im Gegenzug Major Meresch angefordert. Das war soweit logisch, da die drei sich schon kennen und bewiesen haben, dass sie zusammenarbeiten können.

Nachdem Zwischenfall in Neapel haben die Amerikaner dieselben Daten wie wir und haben sicher auch herausgefunden, was diese Daten bedeuten. Sie werden mit uns zusammenarbeiten und alles tun, um hinter das Geheimnis zu kommen.“

„Ich höre da ein ganz dickes ABER.“

„Ich frage mich, wie weit unsere Allianz und unsere gemeinsamen Interessen wirklich gehen.“

Decker verstand genau, was Dagan damit sagen wollte.

„Deshalb brauche ich euch und was noch wichtiger ist… Ich brauche Peter!“

**

SOULEBDA

Wir hatten uns entschieden, wir würden uns dem Test unterziehen. Die beiden hohen Priester ließen uns ziehen und würden sich bei uns wieder melden.

Endlich gingen wir zurück zur Villa. Es roch bereits köstlich und nach einem kleinen Essen teilten wir uns in der Dienstvilla auf.

Aus dem Schlafzimmer waren Begeisterungsrufe zu hören. Caroline war mit Vera und Sarah darin verschwunden und hatte ihr Hochzeitskleid angelegt. Da ich es nicht sehen durfte, saß ich mit Jerome auf der Terrasse.

„Ich hab es schon gesehen, es steht ihr fantastisch.“, neckte Jerome mich.

„Mach nur so weiter, dann erzähl ich deiner Mutter, was du sonst noch so im Dschungel getrieben hast.“

Jerome grinst aber. „Meine Mutter ist die Tochter einer Schamanin, die weiß alles. Alles von mir, alles von dir, alles über jeden.“

„Alles? Deshalb schaut sie mich immer so böse an.“

„Ach, sie mag dich. Wäre es nicht so, hätte sie dir längst irgendein Froschgift in deinen Whiskey gemixt und du hättest dich in irgendwas Hässliches verwandelt.“

Hmmmm, dass Madame Ma‘ Difgtma nicht einfach eine Haushälterin war und Bezug zu den Stämmen hatte, wusste ich schon lange, aber dass ihr Wissen soweit ging… nun, das erklärte einiges.

Die Mädels kamen aus dem Zimmer zu uns und gesellten sich dazu.

„Caroline sieht traumhaft aus. Was trägst du eigentlich?“, fragte Sarah.

„Keine Ahnung.“

„Was?“, fragte Vera ungläubig.

„Frag den da.“ Ich zeigte auf Jerome, der ein breites Grinsen auftrug, als er Vera und Sarah erklärte, warum ich das noch nicht wusste.

„Xialorenga und Xialang, unsere hohen Priester, haben die beiden zu einer Prüfung eingeladen. Bestehen sie die Prüfung, sind sie vollwertige Mitglieder der Stämme und werden als Krieger darin aufgenommen. Ist das der Fall, wird Peter in Kriegertracht vor dem Altar stehen. Falls nicht, bekommt er einen langweiligen Anzug von der Stange.“

„Haha. Dein Humor ist wirklich spitze.“

Aber … von der Seite hatte ich es noch gar nicht gesehen. Kriegertracht? Ich stellte mich gerade im Lendenschurz vor… und das vor dem Altar…

„Caroline auch? Gibt es denn weibliche Kriegerinnen?“

„Natürlich. Jedem Angehörigen der Stämme, ob Mann oder Frau, steht es offen, den Weg eines Kriegers zu wählen. Zugegeben, die Männer stellen den Hauptteil.“

„Wie viele Kriegerinnen gibt es denn zurzeit?“

„Wenn Caroline die Prüfung besteht, zwei.“

„Es gibt nur eine andere Kriegerin? Wer ist sie? Ich würde mich wirklich gerne mit ihr unterhalten.“, jetzt war sogar Caroline neugierig geworden.

„Sie steht hinter dir.“

Caroline fuhr herum und sah in die dunklen Augen von Madame Ma‘ Difgtma.

**

NEAPEL

„Weiß Randy schon, dass ich komme?“ fragte Decker.

„Nein, keine Kommunikation.“, antwortete Fabienne.

„Ok, sorry, daran muss ich mich erst gewöhnen.“

Nach der Landung im Stützpunkt waren sie in einen Hubschrauber umgestiegen. Die beiden saßen nebeneinander und waren auf dem Weg zur Naphtenia, die sich als kleines Spielzeugschiff am Horizont zeigte.

Decker starrte aus dem Fenster und beobachtete die verschiedenen Schiffe, die unter dem Hubschrauber ihre Bahnen zogen. Motorboote und Segelschiffe liefen in Richtung Neapel oder kamen von dort, um aufs offene Meer zu gelangen.

Ein schnittiges Schnellboot, dessen Steuermann aufrecht am Steuer stand, lenkte sein Boot mit hoher Geschwindigkeit zwischen den anderen Booten durch und zog sich den Zorn mancher Skipper zu.

„Wer ist denn diese geheimnisvolle Frau, die mit Randy zusammen war?“

„Dana Stern, unsere beste Ingenieurin. Sie hatte die Aufgabe, den Code zu entschlüsseln. Zusammen mit Randy haben sie es in Rekordzeit geschafft.“

„Also das passende Gegenstück zu… DAS BOOT! GEHEN SIE RUNTER!“ Decker hatte den Piloten des Hubschraubers an der Schulter gepackt und zeigte auf das Schnellboot.

Das fuhr noch immer zwischen den Booten durch.

„Was?“, fragte der Pilot nach hinten.

„Tun Sie es, sofort!“, befahl Fabienne. „Was ist mit dem Boot?“

„Der Mann am Steuer hat seine Mütze verloren und sich keinen Millimeter bewegt.“

Der Pilot hatte seinen Landeanflug abgebrochen und steuerte das Schnellboot an.

Als er einige Meter darüber schwebte, sah Fabienne, was Decker gemeint hatte. Am Steuer stand eine Puppe.

„Rufen Sie die Naphtenia und geben Sie Alarm!“, brüllte Fabienne.

Gerade als der Pilot den die Naphtenia rief, schlugen Kugeln in den Hubschrauber und zerstörten das Funkgerät. Ein anderer Helikopter flog in der Vier-Uhr-Position und jemand schoss mit einem Sturmgewehr auf sie.

„Der Funk ist hin!“

„Verdammt!“ Decker fischte sein Handy aus der Tasche und rief Hannes Nummer an, während der Pilot abdrehte und zu entkommen versuchte.

„Hallo Boss.“, meldete sich Hannes. „Wie geht…“

„Halt die Klappe. Das Schiff wird angegriffen! Gib Alarm! Das Schnellboot auf Steuerbord!“

„Scheiße, wir sind getroffen!“, brüllte der Pilot, als der Hubschrauber anfing, eine Rauchspur hinter sich herzuziehen.

„Habt ihr denn keine Kanonen? Ich denke, das ist ein Militärhubschrauber!“

„Nur die hier.“, Fabienne hielt Decker ihre Beretta hin.

„Besser als nichts.“ Decker beugte sich zur Tür, öffnete sie und der Fahrtwind drückte sie ganz auf.

„Wir müssen sie neben uns bekommen. Aber Vorsicht, wir haben nur einen Versuch!“, rief Decker dem Piloten zu.

„Ich versuch es.“ Wieder schlugen Kugeln in den Hubschrauber ein und ein Warnsignal ertönte.

Unterdessen hatte das Schnellboot einen Zickzack-Kurs eingeschlagen und raste mit voller Geschwindigkeit auf die Naphtenia zu.

Fabienne hielt Decker ihre Waffe hin, doch der wusste, dass Fabienne eine sehr viel bessere Schützin war als er, und schüttelte den Kopf. Fabienne machte sich feuerbereit und Decker stützte sie, so dass sie eine feste Position hatte.

„Er muss nachladen! JETZT!“, rief Decker.

Der Pilot schenkte ein wenig nach links und nahm die Geschwindigkeit drastisch zurück. Für drei Sekunden schwebte der andere Helikopter neben ihnen und Fabienne schoss. Anstatt auf irgendwelche Teile zu schießen feuerte sie ihr ganzes Magazin auf den Piloten.

Ob Zufall, Glück oder Können, der andere Pilot wurde zumindest verwundet, denn der Hubschrauber drehte schwankend ab.

Statt aufzujubeln, schauten Fabienne und Decker besorgt zur Naphtenia. Dort hatte sich das Schnellboot auf weniger als 1200 Meter genähert und raste nun direkt auf das Schiff zu.

Bei 1000 Meter sah Decker eine Bewegung auf dem Schiff, als sich eine der Phalanx-Kanonen, die für die Nahverteidigung der Naphtenia zuständig war, ihre Läufe auf das Schnellboot richtete.

Der Hubschrauber mit Fabienne und Decker blieb soweit außer Reichweite, wie es ging, um nicht erfasst zu werden. Die sechs Läufe der Gatling spukten Feuer und ließen das Wasser um das Schnellboot kochen.

Da keine Reaktion erfolgte, korrigierte der Computer die Richtung und die Kanone feuerte erneut. Wie eine laute Motorsäge jaulte die Gatling auf. Das Schnellboot wurde nur 600 Meter vor der Naphtenia regelrecht durchgeschnitten, als eine gewaltige Explosion erfolgte.

Die Druckwelle fegte über die Naphtenia hinweg und riss Antennen und andere Gegenstände von den Aufbauten. Sogar der sowieso schon angeschlagene Hubschrauber mit Fabienne und Decker wurde wie ein Spielzeug herumgewirbelt.

Nur mit allergrößter Mühe konnte der Pilot einen Absturz vermeiden und steuerte weiter die Naphtenia an.

„Die wollen wissen, ob wir irgendwo anders landen können.“

„Nein. Bringen Sie uns da runter.“, wies Decker auf die Naphtenia.

„Negativ Naphtenia! Wir sind beschädigt und müssen landen!“

Während der Hubschrauber mit seinen Insassen rauchend über dem Landedeck schwebte, liefen Besatzungsmitglieder hin und her, um Trümmer zu entfernen, die die Explosion dorthin gefegt hatte.

Keine Sekunde zu früh war das Deck zur Landung frei, denn der Hubschrauber verlor immer mehr Leistung und stürzte die letzten zwei Meter einfach herunter.

„Verdammt, das war knapp. Kommen Sie in die Messe, ich gebe Ihnen ein Bier aus.“, sagte Decker zum Piloten.

„Das ist ein amerikanisches Schiff, da gibt’s keinen Alkohol.“, erwiderte der erleichtert, dass er noch lebte, und was noch wichtiger war, dass er seine Passagiere lebend zum Schiff gebracht hatte.

„Was? Ok, ich gebe Ihnen einen Gutschein, den Sie jederzeit einlösen können.“

„Geht klar.“

Als Fabienne und Decker ausstiegen, kam ein Offizier gerannt und brachte die beiden umgehend zum Kapitän.

Überall liefen die Leute scheinbar planlos umher, doch Decker als ehemaliger Truppenführer wusste, dass dies nur so aussah. Jede der rennenden Gestalten wusste genau, was sie zu tun hatte.

„Quinten, Kapitän der Naphtenia.“, stellte der sich vor, als der Offizier Decker und Fabienne zur Brücke gebracht hatte.

Dort stand auch Hannes, immer noch mit dem Handy in der Hand, und winkte den beiden zu.

„Ich bin Fabienne Stahl, vom Amt für Äußere Angelegenheiten, Herr Decker, ebenfalls Mitarbeiter des Amtes.“

Quinten verzog keine Miene, denn er wusste, dass das „Amt für Äußere Angelegenheiten“ ein anderes Wort für Geheimdienst war.

„Wer auch immer Sie sind, Sie haben mein Schiff gerettet. Da ist eben mehr als nur der Tank explodiert.“

„Haben Sie Verletzte?“, fragte Fabienne.

„Es sind noch nicht alle Meldungen eingegangen, aber es scheint, als ob wir Glück gehabt hätten. Bis jetzt nur ein paar Leichtverletzte. Wie zum Teufel sind Sie dahinter gekommen?“

„Herr Decker bemerkte, dass der Steuermann eine Puppe war und hat den Notruf abgesetzt.“

Quinten musterte Decker langsam von oben bis unten. „Nun, dann schulden wir Ihnen einiges, wenn Sie einen Wunsch haben, dann zögern Sie nicht.“

„Ja, den hab ich tatsächlich. Geben Sie dem Piloten des Hubschraubers ein Bier aus.“

**

SOULEBDA

Madame Ma‘ Difgtma stand hinter uns und schaute uns beide mit ihren durchdringenden Augen an. Dann richtete sie ihren Blick auf Peter, lächelte ansatzweise und holte etwas aus einer ihrer Taschen und gab es ihm.

„Das hier ist die heilige Kralle der Zanovakay, einem mythischen Sagenvogel aus der Urzeit Soulebdas. Kuratoren aller Länder würden für die Kralle Unsummen zahlen, einige würden dafür sogar töten. Pass auf sie auf, sie ist nicht nur unbezahlbar, denn es gibt nur eine einzige, sie hat die Macht dich im „Hier und Jetzt“ zu verankern.

Du wirst die heilige Kralle brauchen, im letzten Teil der Prüfung. Du musst aber erkennen, wann und vor allem, wie du sie einsetzt. Das ist nicht leicht, du wirst es aber erkennen. Wichtig ist nur, dass du diese Kralle unbedingt zurückbringst. Hast du das verstanden? Du musst sie unbedingt zurückbringen!“

Madame Ma‘ Difgtma’s Blick ließ keine Widerrede zu, das war uns beiden klar. Peter nahm die Kralle, sie sah eigentlich unbedeutend aus und ähnelte einer Kralle eines großen Raubvogels. Aber jetzt sah er die Kralle der Zanovakay mit anderen Augen an und würde sie bewachen.

Madame Ma‘ Difgtma schaute uns nochmals an und winkte uns zu: „Kommt mit mir in das Zimmer der Wahrheit.“

Sie ging vor uns in der Dienstvilla um eine Ecke und stand dann vor einer Schranktür.

„Gib mir die Kralle“, forderte sie Peter auf. Sie nahm die Kralle und rieb über das dunkle Holz.

Das Quietschen war grässlich, wie bei einer alten Schiefertafel und einem Stück Kreide. Da öffnete sich die Tür nach innen und Madame Ma‘ Difgtma gab die Kralle an Peter zurück: „Tretet hindurch!“

Kaum waren wir in dem dunklen Raum, zog Nebel auf und die Tür war verschwunden. Nebel umfing uns und es roch nach verbrannten Kräutern. Hier und da schien ein wenig Holz an der Seite zu liegen und zu glimmen, daher kam offenbar der Nebel. Wir gingen weiter und weiter und vor uns tauchte etwas Helles auf.

Der Nebel lichtete sich etwas und wir befanden uns auf einem Dorfplatz der Stammeskrieger. Umgeben von mindestens 80 Kriegern trat der Oberhäuptling hervor und begrüßte uns beide in der Stammessprache.

Wir erwiderten den Gruß mit dem nötigen Respekt. Dann traten die beiden hohen Priester mit dazu, die Priesterin trat zu Peter und der Priester zu mir.

„Es ist so weit, die Prüfungen beginnen. Ihr habt euch entschieden, diese abzulegen, und ihr müsst dies jetzt beweisen.“, sagten die beiden hohen Priester und der oberste Kriegshäuptling kam auf uns beide zu. Die Krieger bildeten einen engeren Kreis um uns und senkten die Speere, langsam kam mehr und mehr Unbehagen in uns auf. Diese Speere waren scharf und tödlich.

„Viele vor euch haben die Prüfungen auch versucht, nicht wenige sind gescheitert, aber sie traten noch im selben Moment vor Mualebda!“

In diesem Moment begannen die Krieger mit einem Singsang. Leise tanzten sie um uns herum und hatten die Speere in unsere Richtung gesenkt. Sie würden unser Leiden verkürzen, wenn wir versagten, dessen waren wir uns sicher.

„Nur einmal in der Dekade ist es gestattet, diese Prüfungen zur Eheschließung abzulegen. Wann war die erste dieser Zeremonien nach eurer Zeitrechnung – Antwortet!“

Der Gesang stoppte und die Krieger spannten ihre Arme mit den Speeren, es sah bedrohlich aus, diese Waffen waren absolut tödlich, das wussten wir beide.

Ich sah Peter an und er mich, dann lächelten wir beide. „Nach unserer Zeitrechnung war die erste Zeremonie anno 665. Wir sind das 135. Paar, das diese Gnade empfangen darf, und es geschieht nur einmal in der Dekade: das macht dann das Jahr 665.“

Der oberste Kriegshäuptling hob die Hand und rief: „Richtig!“. Die Krieger tanzten wieder, es klang aber immer noch bedrohlich.

„Richtig, das war die leichte der Fragen. Wie ihr beide wisst, herrscht hier das Matriarchat. Was ist aber, wenn jemals das Grauen über unsere schöne Insel kommt und unser aller Überleben bedroht, was dann, sagt, was dann?“

Erneut stoppte der Gesang und die Krieger spannten die Speere, die mit der Spitze auf unsere Herzen zeigten. Peter und ich schauten uns an. Das hatten wir schon einmal gehört, vor einiger Zeit… Mein Blick bekam etwas Leuchtendes und Peter nickte mir zu.

„Damit sich unser Volk gegen jeden Feind verteidigen kann, bekam es seinerzeit die Macht von Xaraxalaxam. Damit würde ich die Urahnen des Volkes rufen, damit würden sich die erste Frau und der erste Mann aus dem Vulkan erheben und alle Feinde der Insel mit ihrem Feuer verbrennen!“

„Verbrennen würdet ihr die Feinde? Soso?“, sagte der oberste Kriegshäuptling, „Bist du dir deiner Sache so sicher?“. Mit einem Mal stieg Feuer und Rauch auf, wir beide verloren den Halt unter den Füßen und schienen in ein flammendes Loch zu stürzen. 20 oder 30 Meter tiefer blieben wir liegen. Überall um uns herum flammte es auf, die Hitze war zu spüren und Schweißtropfen tanzten auf unseren Körpern.

„Ihr wollt unsere Feinde verbrennen? Dann beweist mir, dass ihr nicht selber verbrennt und steigt an der flammenden Kette hoch.“

Hinter uns war eine fast glühende Eisenkette, die sich schräg nach oben bewegte, etwas Gras fiel auf die Kette und verbrannte augenblicklich. Diese Kette strahlte eine unheimliche Hitze ab. Von unten aber stieg brennendes Pech auf uns zu und würde uns gleich erreicht haben. Wir würden elendig verbrennen, wenn wir hier blieben, das war uns klar.

Peter sah mich mit einem klaren Blick an. „Vertrau mir Liebling, halt dich an mir fest und vertrau mir!“

Ich umarmte Peter am Hals und er griff die Kralle, die er von Madame Ma‘ Difgtma erhalten hatte. Am unteren Ende der Kralle konnte er sie fest mit einer Hand halten und die Kralle stieß er in eines der glühenden Kettenglieder.

Augenblicklich schien sich die Kralle an dem hellglühenden Metall festzusetzen und wir wurden nach oben gezogen. Beide schrien wir auf, als wir kurz der glühend heißen Kette zu nah kamen und uns verbrannten. Doch dann hingen wir bereits in der Luft und das brennende Pech hatte den Boden unter uns überflutet. Unter uns tobte das Feuer. Auf diese Weise, an der heißen Kette hängend, gelangten wir nach oben auf sicheres Terrain.

„Lass los“, rief Peter und ich landete auf festem Boden. Dann versuchte Peter, auch die Kralle zu lösen, aber sie hing fest und löste sich nicht. In seinem Gesicht stand Überraschung und Schreck zugleich. Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf: Die Kralle muss ab…

„Liebling, lass los!“, schrie ich ihm zu und kurz bevor die Kette mit der Kralle in einer Wand verschwand, ließ Peter sie los. „Nein!“, rief er, doch die Kralle verschwand krachend und knisternd in der Wand und Peter fiel mir zu Füßen. Quietschende, scharrende Geräusche aus der Wand dann war es still.

Sofort stürzte ich mich auf Peter und küsste ihn. „Liebling, du lebst!“ Da war Peter die Kralle egal und auch er hielt mich ganz fest und küsste mich.

Ruhe kam auf, eine ungewohnte Ruhe. Der Boden schien plötzlich wieder eben, die Hitze des Feuers und der glühenden Kette waren verschwunden, ebenso wie unsere Brandblasen. Es wirkte surreal und alles war still. Einzig der drückende Nebel war noch da.

Die Krieger standen um uns herum und standen still, ihre Speere gen Himmel gestreckt. Dann traten der oberste Kriegshäuptling, die beiden hohen Priester und auch Heylah mit ihrer Tochter Penelope zu uns. Der Oberhäuptling lächelte, als er sagte:

„Ihr habt es geschafft, ihr habt die Prüfungen bestanden. Ihr seid hiermit das 135. Paar in der langen Ahnenreihe, die diese Ehre erlangt.“ Der oberste Kriegshäuptling drückte uns ein Aschesiegel auf die Stirn, das sich schmerzvoll einbrannte. Dann lächelte er mit seinen blendend weißen Zähnen und trat einen Schritt zurück. Heylah und Penelope traten vor und lächelten uns an.

Lächelnd sagte Heylah zu uns: „Ihr dürft in der Ehrentracht Soulebdas heiraten, ihr habt es tatsächlich geschafft!“

Damit umarmte sie uns beide und Tränen standen in ihren Augen. Penelope aber grinste Peter frech an, küsste uns beide und meinte dann zu Peter: “Wie machst du nun Madame Ma‘ Difgtma den Verlust der Kralle klar?“. Wir schauten Peter an und es schien, als wechselte Peters Gesicht tatsächlich die Farbe.

Madame Ma‘ Difgtma trat von hinten auf uns zu und streckte die Hand fordernd aus: „Gib mir die heilige Kralle der Zanovakay, dem mythischen Sagenvogel aus der Urzeit Soulebdas, wieder zurück, ich fordere meine Kralle zurück!“

Peter schaute Madame Ma‘ Difgtma an, dann sah er zu mir, küsste mich und sagte zu Madame Ma‘ Difgtma: „Ich habe die heilige Kralle gegen das wahre Leben meiner Caroline eingetauscht, und ich finde, es war ein wahrlich lohnenswerter Tausch!“

Der Gesang und die Musik verstummten, man hörte irgendwo etwas Holz knisternd im Feuer vergehen. Madame Ma‘ Difgtma stand gut vier Meter von Peter entfernt.

Jeder spürte, dass etwas in der Luft lag. Man konnte die Spannung förmlich spüren. Die Blicke gingen von Ma‘ Difgtma zu Peter und zurück. Mit einem einzigen Satz sprang die ältere Frau auf Peter und warf ihn zu Boden. Das hatte er nicht erwartet, wir anderen ebenso wenig. Sie kniete über Peter, der noch leicht benommen am Boden lag.

„Du hast die heilige Kralle verloren“, schrie sie laut auf, „… dann stirb!“. Sie hielt einen Dolch in der Hand und wollte zustoßen, da sprang ich sie an und warf Madame Ma‘ Difgtma um.

Der Kampf um den Dolch, der gerade entbrannte, war kurz und heftig. Sie war in der Tat eine sehr gute Kämpferin. Ich musste wirklich kämpfen und hatte Angst um Peter, Angst um mich, aber am Ende war ich dann doch siegreich.

Alle um uns herum jubelten und Madame Ma‘ Difgtma stand vor mir. Dann half sie mir, der Jüngeren, auf die Beine, aber mit einem Lächeln im Gesicht. „Zeig mir bitte das Ding in deiner Hand, Liebes.“ Ich sah meine Hand an und hielt darin die heilige Kralle der Zanovakay…

„Nur eine echte Kriegerin stürzt sich in wagemutig in solch ein verlorenes Gefecht. Nur ein wahrer Krieger wägt ab und entscheidet sich für das Herz des Geliebten. Ihr habt beide das einzig Richtige getan und ihr werden beide entsprechend dafür belohnt werden. Behaltet diese Kralle, achtet auf sie und bewahrt sie gut auf. Gebt sie irgendwann einmal an euer erstgeborenes Kind weiter.“

Mit diesem Worten trat sie vor uns und nahm uns an den Händen. „Folgt mir.“

Erneut ging es durch den Nebel und die Lichter verschwanden. Wieder roch es nach verbranntem Holz und Kräutern und Licht drang vor uns aus einem Spalt, auf den wir zugingen. Dann standen wir wieder im Flur und die Wand hatte sich geschlossen.

Madame Ma‘ Difgtma sah zum ersten Mal grinsend zu Peter und lächelte ihn sogar an.

„Du bist ein guter Krieger, nun sei ein guter Mann. Aber wenn ich Caroline ein einziges Mal etwas Schlechtes über dich sagen höre, dann sehen wir uns wieder und dann wirst du eine Woche unter der Erde leben, als Wurm oder Larve! Glaube mir, ich meine das auch so!“

Mit einem lauten Lachen verschwand sie in der Küche und wir beide blieben zurück.

Wir hatten die Prüfungen absolviert und gewonnen. Jetzt stand aber noch eine weitere Aufgabe vor uns und die hatte es in sich. Meine Ernennung zur Nun’tschula.

**

„Seid ihr endlich soweit?“, rief Jerome an der Tür.

Vor der Tür stand eine Limousine, die darauf wartete, Vera, Sarah, Caroline, Jerome und mich zum Palast zu fahren.

Da es sich um eine besonders traditionelle Zeremonie handelte, trugen Jerome und ich die dafür vorgesehene Tracht. Ein langer bunter Stoffrock, dessen Muster den Status des Trägers preisgab. Jerome hatte mir erklärt, dass mein Muster mich als Ehrengast der Präsidentin ausgab, während seiner den Rang eins Befehlshabers der Palastwache zeigte.

Als wir die Frauen kommen hörten, drehten wir uns um.

WOW, da kamen Caroline, Vera und Sarah, in kurzen Baströcken mit freien Oberkörpern. Allerdings waren die Haare so frisiert, dass die Brüste bedeckt waren. Bei Vera, deren Haare dafür nicht lang genug waren, hatte man geschickt die Haare auf die richtige Länge verlängert. Abgerundet wurde das Bild durch goldene Sandalen, die bis zu den Knien geschnürt waren. Alle drei Frauen waren mit einem glänzenden Öl eingerieben, dass ihre Haut golden schimmern ließ.

Dazu trugen die Frauen den passenden Schmuck. Nur Caroline trug zusätzlich einen goldenen Gürtel in der Hand, den ihr Penelope nachher anlegen würde, als Zeichen ihres Dankes, dass Caroline die Bitte, ihre Nun’tschula zu werden, angenommen hatte.

Es war ein wunderbarer Anblick!

„Mein Freund, manchmal beneide ich dich.“, raunte mir Jerome ins Ohr. Dann drehte er sich um und öffnete den Frauen die Tür der Limousine.

Mit Jerome auf dem Beifahrersitz und mir zwischen den Frauen fuhren wir zum Palast, den Caroline als offizielle Nun’tschulas Penelopes wieder verlassen würde.

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NEAPEL

Acht Stunden später, während der Pilot trotz strengstem Alkoholverbot einen unglaublichen Rausch hatte, wurde still und leise eine Kiste beschädigter Teile in ein Beiboot verladen, die von zwei Technikern und zwei Seeleuten begleitet die Naphtenia verließ.

Die „Teile“ lagen eng aneinander gepresst im Dunkeln und genossen jeden Moment.

Auf hoher See wurde die Kiste auf ein aufgetauchtes U-Boot verladen und die See verschlang das U-Boot wieder.

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Zu Hause

Das Licht im großen Konferenzraum ging wieder an.

Vorne am Tresen stand Prof. Dr. Ing. Karl-Wilhelm Lemberger von der BAYDERICH AG. Er wurde flankiert von einem Anzugträger zur Linken und drei Uniformierten, einer Frau sowie zwei Männern, auf der rechten Seite. Unten im Saal saßen drei Gruppen, die offenbar zu unterschiedlichen Bereichen gehörten. Der Anzugträger trat an das Pult, schaute sich die Gruppen genauer an, dann begann er zu referieren.

„Wie Professor Lemberger festgestellt hat, sind wichtige Bestandteile geheimer Formeln aus den Laboren der BAYDERICH AG entwendet worden. Die Täter gingen dabei äußerst sachkundig, aber auch unglaublich brutal vor. Aus den Laboratorien wurden keine Überlebenden gemeldet. Wir vom Ministerium haben durch Hilfe befreundeter Dienste erfahren, dass es in anderen Ländern und Laboratorien ähnliche Überfälle gab.

Damit steht fest, dass das ein gelenkter multikontinentaler Angriff ist, und das Ziel ist offenbar die Schaffung einer Bio-Waffe mit monströser Wirkung. Ursprünglich war allen Staaten klar, dass diese biologische Waffe ganze Länder entvölkern könnte. Deswegen haben sich sogar die Länder zusammengefunden, die normalerweise solche Waffen herstellen und sie haben tatsächlich eine weltweite Ächtung ausgesprochen. Das war bereits 1972. Kein Staat der Welt hat versucht, diese Höllenmaschine zu bauen, sie waren weise genug zu erkennen, dass das höchst gefährlich ist und es dann tatsächlich unterlassen.

Jetzt ist eine Terrorgruppe, die wir als HEMA kennen, auf den Dreh gekommen, sich diese Waffe zu beschaffen. Ein Zustand, den wir nicht erlauben können, das muss unter allen Umständen verhindert werden. Dazu mehr von der verantwortlichen Leiterin, Frau Oberst Junglinger von der taktischen Einsatzplanung, bitte, Frau Oberst.“

Der Vortrag von Junglinger war militärisch präzise, kurz und klar. Sie sprach von der Gefahr, die von der Substanz ausging, und dass diese den Decknamen „Höllenmaschine“ bekommen hatte. Sie machte klar, dass die beiden letzten Teile der Formel nicht auch noch gestohlen werden durften. Eines der beiden Teile lag im Zentraltresor von Bagnoli nahe Neapel, bewacht von einer Hundertschaft der Armee, der zweite Teil lagerte in einer Außenstelle der CemTrax, einem Partnerunternehmen der amerikanischen Muttergesellschaft, nahe dem Truppenstützpunkt Fort Manux. Ein Eindringen in diesen Armeestützpunkt haben die Analysten ausgeschlossen.

Die Aufgabe der drei Teams war es, sicherzustellen, dass die Formeln an Ort und Stelle blieben. Danach folgten die Einweisungen der Teams.

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SOULEBDA

Vor dem Palast in Soulebda hielt die Fahrzeugkolonne, die Türen öffneten sich und unter lautem Jubel stiegen Vera, Sarah und zuletzt Caroline aus.

Sie wurden von der Ehrengarde der Präsidentin empfangen und in den Palast begleitet. Den Mädchen folgten ihre Begleiterinnen und dann erst kamen die Männer. Zusammen ging die Prozession zum Palast.

Der ganze Palast war voller Gäste. An allen Ecken standen Wachen und überall jubilierten und sangen die Stammeskrieger mit ihren Frauen. Die Männer standen hinter den Frauen und dahinter die Leibgardistinnen.

Jetzt würde der erste der beiden Ehrungen beginnen, die Auszeichnung von Vera und Sarah. Während Caroline neben zwei Wachsoldaten stehenblieb, gingen die beiden jungen Frauen ein, zwei Schritte weiter. Dann erklangen Fanfaren.

Die beiden waren sichtlich überrascht, als sich ein Vorhang öffnete und Colonel Willers vor ihnen stand. Unter großem Jubel überreichte der Mediziner den beiden die Goldene Ehrenmedaille des Kongresses und sprach ihnen nochmals den Dank für diese einzigartige Aktion aus.

Erneut erklangen die Fanfaren und die drei Frauen gingen zusammen weiter. Durch eine breite Gasse schritten die Frauen und stellten sich vor die Präsidentin auf einer aufgezeichneten Linie aus Rosenblüten auf.

Trommeln schlugen, als Penelope aus einem Seitengang hervortrat und auf die Versammlung zukam. Sie war in einen prächtigen Seidenschleier in den Landesfarben gehüllt, und ihr eingeölter Körper war mit leuchtenden Perlen der Tzarah-Muschel übersät. Es sah aus, als würde Penelope am ganzen Körper leuchten. Penelope hielt vor ihrer Mutter, der Präsidentin, und begrüßte sie ehrenvoll.

Die Trommeln verstummten. Präsidentin Heylah ai Youhaahb erwiderte den Gruß ihrer Tochter, drehte sich zu den drei Mädchen um und wies mit der Hand Caroline an, vorzutreten. Erneut schlugen die Trommeln und Caroline trat langsam nach vorne, in ihren Händen trug sie den goldenen Gürtel.

Als Caroline vor der Präsidentin und gegenüber von Penelope stand, verstummten die Trommeln erneut. Von draußen drangen die Fanfarenklänge herein und einige Gäste spürten eine Gänsehaut im Nacken.

Als die Fanfaren verstummten, trat Präsidentin Heylah ai Youhaahb einen Schritt nach vorne, hob beide Hände einladend zu den beiden jungen Frauen und diese traten je einen Schritt nach vorne. Dann sang sie mit lauter klarer Stimme:

„Nun’tschula auma Kahlscha’daar namaija.“

Aus dem Saal brandete ein Jubelgesang auf. Als die Trommeln dreimal schlugen, verstummte der Gesang wieder.

„Penelope ai Youhaahb, du, meine Tochter, hast dir diese Frau hier zur Nun’tschula, zu deiner Lebensteilerin erwählt. Bestehst du auf dieser Wahl?“

„Ja, Frau Präsident, ich, Penelope ai Youhaahb, wähle diese Frau hier zu meiner Nun’tschula und ich bestätige meine Wahl.“

„Caroline Miles, Trägerin des Kahlscha’daar, du hast die Wahl von Penelope ai Youhaahb gehört. Stellst du dich dieser Aufgabe, eine Lebensteilerin zu sein?“ Dabei hob sie ihre Hand zur Warnung.

„Ehe du zu rasch antwortest – bedenke, was du wählst, Eine Lebensteilerin teilt das Leben, die Aufgaben, die Sorgen und Nöte, die Pflichten und Kämpfe, aber auch die Freuden und zumindest zeitweise das Lager mit der geliebten Person!“ Sie senkte ihre Hand einladend in Richtung Caroline.

„Ja, Frau Präsident, als Nun’tschula bin ich bereit, alle Aufgaben und Pflichten zu übernehmen, sobald ich von Ihnen dazu ernannt werde.“

Erneut schlugen die Trommeln, und als die Präsidentin wieder die Hand hob, verstummten sie erneut.

„Caroline Miles, so tritt vor und übergib als Zeichen der Nun’tschula, den goldenen Gürtel an Penelope ai Youhaahb, meine Tochter.“ Caroline trat einen weiteren Schritt vor, kniete vor Penelope und hielt den geöffneten goldenen Gürtel an beiden Händen hoch. Penelope trat in den geöffneten Gürtel ein und er wurde geschlossen. Dann drehten sich beide zum Volk. Penelope trat dabei hinter Caroline und diese blieb vor ihr knieend am Boden.

„Hiermit nehme ich dich, Caroline Miles, zu meiner Nun’tschula. Du sollst mir immer und jederzeit eine gute Beraterin sein. Du sollst eine gute Freundin und eine noch bessere Geliebte sein.“

„Du sollst mir eine gute und tapfere Kriegerin sein, sollte ich kämpfen oder meine Ehre verteidigen müssen, und du sollst allen Schaden von mir abwenden, oder aber mit mir untergehen und zu Staub zerfallen, sollte dein Schutz einmal ausbleiben.“

Ein weiterer Fanfarenstoß schallte durch den großen Saal.

„Du, als meine Nun’tschula wirst mir helfen, neue Freuden zu erkunden, neue Kraft zu spenden und meinen Körper überall und jederzeit in die Höhen der Lust zu treiben, so ich es anordne.“

Ein erneuter Fanfarenstoß schallte durch den großen Saal.

Einige der Gäste schauten sich untereinander leicht grinsend an und auch Penelope und Caroline lächelten sich dabei an.

„Du, als meine Nun’tschula wirst mir heute Abend zu Diensten sein. Wenn ich dir die weiteren Aufgaben auftrage, wirst du alle diese Aufgaben erledigen ohne nachzufragen und stets tapfer, klug und weise für mich eintreten?“

„Ja, ich als deine Nun’tschula werde dies stets tun, das schwöre ich hier vor den Göttern, vor euch allen und vor dem Volk von Soulebda!“

Trommeln ertönten und von draußen erklangen wieder die Fanfaren mit den tiefen Tönen. Jetzt wussten alle Menschen in der Hauptstadt, was geschehen war, und dass der Schwur der Lebensteilerin abgegeben wurde.

Die Präsidentin ließ die beiden jungen Frauen neben sich stehen und hielt schützend ihre Hände über deren beider Köpfe. „Nun gebt euch den Lebenskuss, wie es sich für eine ernannte Nun’tschula gehört.“

Ein tiefer, inniger, langer Kuss besiegelte die Ernennung und im Saal brandete kanonartig der Gesang wieder auf. „Nun’tschula auma Kahlscha’daar namaija“ und das wiederholte sich mehrmals.

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Die Nacht verbrachte ich mit Penelope in ihren Gemächern im Palast. Nach einem ausgiebigen Bad lag ich in ihrem Schoß und sie lächelte mir zu.

„Nun zu den anderen Aufgaben, meine Geliebte. Vergiss nicht, du hast geschworen, meine Aufgaben zu erledigen, so wie ich sie anordne.

Ich habe ein geheimes Verlangen, eines das nach einigen besonderen Reizen auf meinem Körper ruft, und du wirst sie mit mir zusammen und gemeinsam erleben und durchleben.“

„Was immer du willst, Penelope, du weißt, dass ich dich liebe“

„Ja, meine Süße, ich will wissen, wie diese Peitschen auf der Haut brennen. Einige meiner Mädchen sagen, es stimuliert die Durchblutung, andere sagen es fördert viel mehr, und zwei meiner liebsten Mädchen sagen, sie lieben danach bedeutend intensiver.

Das alles interessiert mich sehr und mit meinem Mann habe ich das besprochen, er kann mir da aber nicht helfen und daher bist du an der Reihe.

Du wirst mich auf diese Reise begleiten, mir die Schmerzen nehmen, bis ich sicher bin, dass auch ich sie selbst auszuhalten verstehe. Dann werden wir beide diese erkunden und uns in Liebe ergeben.“

„Ja, Süße, wann immer du willst!“

„Zwei Wochen nach deiner Hochzeit will ich das mit dir erleben, stell dich darauf ein, das dauert dann eine Weile!“

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Im Luftraum über Deutschland

An Bord der US Regierungsmaschine saßen die Colonels Smith und Miller und wurden von dem Regierungsvertreter instruiert. Die Truppe im hinteren Teil der Maschine bekam natürlich nichts davon mit.

„Es ist unsere Überzeugung, dass diese Biowaffen auf jeden Fall aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Alles, Formeln usw., was Sie finden, ist sicherzustellen, damit wir es in die USA bringen und kontrollieren können.“

„Sir, wir haben den Auftrag erhalten, alles zu vernichten, die Befehle waren da recht klar.“

„Ich war heute noch beim Briefing des Generalstabs, die haben jetzt andere Anweisungen und ihre Order müsste bereits als Mail unterwegs sein. Wir müssen sicherstellen, dass keine andere Macht diese Höllenmaschine in die Finger bekommt. Nur wir können sie kontrollieren und vielleicht vernichten!“

„Welche Befehle haben Sie vom Generalstab für uns?“

„Finden und Sicherstellen der Biowaffen, Verbringung in die USA. Der Schutz anderer Personen ist zu vernachlässigen, das ist Ihre Order, hier sind die schriftlichen Befehle.“

Die Colonels Smith und Miller zogen sich in ihren Raum zurück und lasen die Befehle. Tatsächlich, genau das stand hier schwarz auf weiß. Die wollten die Bio-Waffe also kontrollieren und nicht vernichten.

Sie sahen sich kurz an, sagten kein Wort, das war auch nicht nötig. Dann gingen sie zu ihren Männern, um die neuen Befehle auszugeben.

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NEAPEL

„Verdammt nochmal, was ist mit den beiden fehlenden Teilen, wieso habt ihr die noch nicht?“

Shaah Kalaaf war außer sich und wäre das keine Videoübertragung gewesen, wäre die Berichterstatterin wohl im Boden verschwunden.

„Ihr hattet die Aufgabe herauszufinden, wo die beiden Teile sind und sie zu besorgen, wieso hab ich die noch immer nicht?“

„Shaah, wir haben den ersten Teil in einem Labor ausfindig gemacht, aber wir kommen da nicht herein. Das ist innerhalb eines Hochsicherheitstraktes und seit ein paar Tagen wurde die Bewachung von Zivilisten auf Militär umgestellt. Die wissen offenbar, dass wir da sind.“

„Wo ist die Formel?“

„Im Zentraltresor des Komplexes, innerhalb Bagnoli. Die Koordinaten kommen – jetzt!“

Shaah schaute sich die Daten an und prüfte mit Google Earth, wo dieses Gebäude lag. Dann schaute er in das Display.

„Morgen früh hast du deine Mannschaft beisammen, ich sorge dafür, dass ihr da Zugang bekommt, und zwar über die dann offenen Notsysteme. Die werden alle offen sein, bereitet euch vor. Ich will die Formel und keine Beweise oder Gefangenen. Ist das klar?“

Claudette Campriso stand vor dem erloschenen Display und fuhr sich mit der Hand durch ihr wunderschönes, schulterlanges, blondes Haar. Dann drehte sie sich um zu ihren beiden besten Leuten, beides gestandene Kämpfer. Der größere der beiden sah sie mit einem Lächeln an und sie erwiderte sein Lächeln, schließlich waren sie seit längerem zusammen.

„Der einzige Weg das Notsystem zu aktivieren, ist durch eine Naturkatastrophe, die alles außer Kraft setzt, was Türen verriegelt, aber dazu müsste ein Vulkan das Labor überfluten oder…“

„… oder es müssten sich alle Höllenfeuer vereinigen und die Stadt verbrennen, die Labore sind nur 400 Meter vom Hafen entfernt.“

„Wie willst du da ein Höllenfeuer veranstalten?“, schaute der Jüngere die Frau mit der Modellfigur fragend an. Sie aber lächelte nur.

An ihrem Notebook startete sie ein paar Programme, dann flimmerte ein Display auf, das eine andere Schönheit zeigte. Im Hintergrund sah man heftige Regenschauer und Blitze. Die Schönheit hielt sich an einem Gerät fest.

„Statusmeldung?“

„Der beschissenste Sturm der letzten Wochen tobt über dem Golf von Neapel, und wir verstecken uns mitten unter ihm.“

„Gut, ihr müsst morgen früh in voller Fahrt in den Hafen von Bagnoli fahren und genau an diesem Punkt, Werftplatz 21, auf das Land treffen. Der Tanker muss in voller Fahrt sein, wir brauchen ein Höllenfeuer. Eines, das alles vergehen lässt und alle Türen und Tore öffnet, die wir für unsere Aufgabe brauchen. Hast du verstanden?“

„Bagnoli wird leuchten wie eine Fackel direkt aus der Hölle. Grüß mir meinen geliebten Halbbruder, Liebes, ich warte auf der anderen Seite!“

Claudette Campriso lächelte und schaltete auf dem Rechner, als sich ihr Boss meldete.

„Was hast du für mich?“

„Zwei Dinge, zum einen soll ich dir einen lieben Gruß von deiner geliebten Hebronne ausrichten und zweitens wird sie morgen früh mit dem Gastanker ganz Bagnoli zum Leuchten bringen. Wenn die verdammte Stadt brennt, werden alle Notausgänge geöffnet und wir kommen rein, um uns den Teil der Formel zu holen.“

„Gut, wenn du diesmal wieder versagst, solltest du besser in das Feuer gehen!“ Der Bildschirm erlosch wieder.

Claudette schluckte kurz, dann straffte sie ihr eng anliegendes Lederkostüm und ging auf die beiden Männer zu.

„Packen wir’s an.“

**

An Bord der NLG Hispaniola schwankte alles, was nicht fest war. Es schien, als tobte sich das Meer aus. Die schwarzen Wolken wurden durch einige Blitze unterbrochen, man meinte, das salzige Wasser im Golf würde kochen.

In einem der beiden Rettungsboote lag ein Mann und versuchte verzweifelt, das Notfunkgerät zu aktivieren, aber es blieb stumm. Da fiel ihm wieder ein, das schaltet sich automatisch ein, wenn das Rettungsboot ins Meerwasser fällt. In einem der kleinen Fächer lag das, was er suchte: ein Marine-Notfunkgerät, ob aber die Sendeleistung ausreichte?

Rasch schaltete der Mann das Gerät ein, drückte die „Distress“-Taste, GMDSS leuchtet grün auf und er begann zu senden.

**

Obermaat Leumenkeys hatte Dienst an der Funkkonsole. Nur Verrückte würden bei dem Wetter auf See sein, verrückte und natürlich sie hier von der königlichen Marine. Seine Verlobte Marianne hatte ihm ein Bild von ihrer zweiten Tochter geschickt, ach, wie gerne wäre er jetzt bei seiner Familie.

Ehe er in Gedanken völlig abschweifte, leuchteten Alarmmeldungen auf und das Meldesystem Global Maritime Distress and Safety System, kurz GMDSS, schlug an. Beim Abprüfen der Kennnummer flammte das Bild des Schiffes auf und die Augen des Obermaats wurden größer. Mit zittriger Hand drückte er den roten Knopf…

Oberleutnant van der Leuntkins schaute sich die Daten an und nahm den Hörer in die Hand. „Hier ist die königliche Fregatte..“ Weiter kam er nicht, denn er wurde unterbrochen.

„Verdammt, egal wer ihr seid, wir wurden überfallen. Hier ist die NLG Hispaniola, Kobalski mein Name, wir wurden entführt, das Schiff ist unter fremder Kontrolle und die wollen morgen mit voller Fahrt in den Hafen von Bag….“

Dann folgte ein Knall und die Verbindung war weg.

„Karte!“, schrie der Oberleutnant und man reichte ihm rasch die Seekarte, er las die Koordinaten vom Rechner und suchte den Punkt auf der Karte. Als er auf Land nach Orten suchte, die mit „Bag“ begannen, wurde er kreidebleich im Gesicht und griff zum Kommandohörer.

„Hier ist der Wachoffizier, geben Sie Alarm.“

**

SOULEBDA

„Ich muss sagen, das Matriarchat hat seine Vorteile.“ Bernd Schubert legte zwei Chips auf den Tisch. „Ich erhöhe.“

„Klar, deine Frau ist auch nicht gerade mit ihrer Geliebten im siebten Himmel, während du mit ein paar Kerlen Poker spielst.“, brummte ich und legte zwei Chips dazu. „Ich gehe mit.“

„Das Matriarchat hat seine Vorteile. Eigentlich hat es nur Vorteile. Ich bin auch mit dabei.“ Soleab warf seine Chips dazu.

Ich schaute zu Jerome. „Was ist mit dir?“

„Ich werde mich hüten, eine andere Meinung zu haben als unser Regierungschef.“, lachte der.

„Blödsinn! Du hast dauernd eine andere Meinung als ich.“, meinte Soleab.

„Eine andere Meinung zu haben, ist der Job eines Beraters, dafür bezahlt der Staat mich.“

„Nein, ich will wissen, ob du mitgehst.“, sagte ich. „Wieso Soleab und Heylah ausgerechnet dich als Berater haben, ist mir sowieso schleierhaft.“

„Das kann ich dir sagen, ich bin der Beste. Keiner kennt die Stämme besser als ich. Ich vermittele sozusagen zwischen den Welten.“ Dann legte er zwei Chips dazu und anschließend noch zwei. „Und ich erhöhe.“

„Das letzte Mal hat euch das Matriarchat auch nicht geholfen.“

„Nein.“, sagte Soleab, und sah mich durchdringend an. „Aber es wird nie wieder einen Bürgerkrieg auf dieser Insel geben. Das schwöre ich dir. Nicht solange ich lebe!“

„Jetzt lasst die blöde Politik sein. Wir müssen unserem Nun’tschula Mann die Zeit vertreiben. Nicht dass er sich zu genau ausmalt, was Caroline und Penelope gerade treiben.“, warf Bernd in den Raum.

Wir alle, ich eingeschlossen, lachten herzlich. Ich gönnte Caroline ihre Nacht mit Penelope. Während der Rebellion hatten Penelope und Caroline auch eine Nacht miteinander verbracht. Allerdings versüßten mir in dieser Nacht zwei von Penelopes Dienerinnen die Wartezeit. Diesmal hatte ich nur drei Kerle und ein Kartenspiel… Das Leben konnte ungerecht sein…

SSMMM SSMMM summte es in Soleabs Tasche.

„Der Palast.“, teilte er uns mit, nachdem er einen Blick auf das Display geworfen hatte.

„Das ist der Nachteil, wenn man Regierungschef ist, man muss immer erreichbar sein.“, seufzend holte er sein Handy hervor und nahm den Anruf an.

„Amsala.“, meldete er sich und wir alle sahen sein Gesicht einen ungläubigen Ausdruck annehmen.

„Es ist für dich!“, Soleab hielt mir das Handy hin.

**

„Sie sichern mit ihren Leuten den Flughafen.“, ordnete Soleab dem völlig verdutzen diensthabendem Offizier der dortigen Dienststelle an.

Der hatte gelangweilt auf seinen Bildschirm geschaut, bis er bemerkte, wer da an seiner Theke stand. Soleab war in das Büro getreten und wartete geduldig, bis der Offizier sich erbarmte, zu ihm zu schauen. Dann war dieser wie von einer Tarantel gestochen aufgesprungen und hatte sich stramm vor Soleab gestellt.

„Herr Präsident!?“

**

„Decker. Ich brauche dich am Flugplatz. Wir landen in 30 Minuten.“

„Wir?“

„Ich hab Randy dabei. Jemand will ihn umlegen und derjenige scheut kein Risiko. Überhaupt kein Risiko. Hast du verstanden?“

„Alles klar. Ich bin unterwegs.“

„Peter?!“

„Ja?“

„Das ist kein Spaß.“

„Verstanden.“

Verdammt, wenn Decker, der sowieso NIE Spaß macht, schon sagt, dass es kein Spaß ist, dann dampfte es aber ganz schön.

„Versuch den Deckel auf der Sache zu lassen. Häng es nicht an die große Glocke. Die Mistkerle werden schnell genug wissen, wo wir sind. Vielleicht können wir so einen kleinen Vorsprung herausholen.“

„Ich hab verstanden, und ich lasse mir was einfallen.“

Ich gab Soleab das Handy zurück und schaute in drei erwartungsvolle Gesichter.

„Leute, ich weiß, ich soll euch mit irgendwelchen Abenteuern verschonen, aber ich glaube, ich stecke schon wieder tief drinnen und brauche eure Hilfe.“

Soleab, Jerome und Bernd sahen sich untereinander an, dann grinsten sie alle drei.

„Dazu hat man doch Freunde. Außerdem ist Poker mit Bernd stinklangweilig. Er grinst immer, wenn er ein gutes Blatt hat.“, antwortete Soleab.

„Was tue ich? Stimmt überhaupt nicht!“

„Ach ja, du grinst schon die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd, ich wette, du hast ein Spitzenblatt.“

„Hmm“. Bernd legte seine Karten auf den Tisch. Es war ein Full House.

„Verdammt, deswegen zieht ihr Inselfuzzis mir jedes Mal die Hosen runter! Ihr seid ja schöne Freunde…“, rief Bernd in unser brüllendes Gelächter.

**

„Ich soll was tun?“ fragte der diensthabende Offizier.

„Sie sollen den Feueralarm auslösen. In einer anonymen Anzeige, die dem Palast vorliegt, heißt es, dass die Systeme in einem Ernstfall versagen werden.

Nächste Woche kommen jede Menge Hochzeitsgäste, darunter ausländische Würdenträger. Was ist, wenn die Information sich als wahr erweist und einer der Gäste umkommt, weil unser Sicherheitssystem versagt? Und jetzt drücken Sie auf den roten Knopf!“

„Jawohl, Herr Präsident!“

Der Offizier drückte den Feueralarm und die Sirenen im Flughafengebäude fingen an zu schrillen.

„Sichern Sie mit ihren Leuten den Flughafen und sorgen Sie für einen geordneten Ablauf!“

„Verstanden!“

„Und sorgen Sie dafür, dass auch der Tower geräumt wird! Ich will das volle Programm!“

Kaum war die „Übung“ angelaufen, ging Soleab mit Bernd zu seinem Wagen und fuhr zur Startbahn. Jetzt, mitten in der Nacht, war so gut wie kein Betrieb. Jerome und ich saßen im zweiten Wagen und fuhren hinter Soleab her.

„Typisch, da brüllt einer und schon springen alle und machen, was er sagt, ohne zu fragen.“, sagte ich zu Jerome.

„Von wem er das wohl gelernt hat.“, grinste Jerome und spielte so auf die Befreiung von Soleab und den anderen Würdenträgern an, die der ehemalige Präsident hinrichten wollten und die Jerome und ich in einer verzweifelten Aktion befreit hatten.

SSMM SSMMM…

„Ja?“

„Der Pilot sagt was von Feueralarm und dass wir nicht landen können.“

„Sag ihm, es ist nur eine Übung und er soll den Vogel runterbringen.“

„Eine Übung? Oh Mann, das kann auch nur dir einfallen. OK. Wir sehen den Flugplatz.“ Decker legte auf und tatsächlich hörte ich das leise Heulen von Triebwerken, das immer lauter wurde.

In einem riskanten Manöver setzte der Pilot die Maschine ohne Landelichter auf die Landebahn und brachte das Flugzeug zum Stehen.

Wir fuhren direkt neben das Flugzeug und schon war Decker auf der Landebahn. Er blickte sich sichernd um, dann winkte er die Insassen heraus.

Zu meinem Erstaunen kam nicht Randy heraus, sondern zuerst Fabienne und eine andere Frau und dann erst Randy, den Schluss machte Hannes.

Fabienne lief direkt zu mir und fiel mir um den Hals.

„Hallo, mein Retter.“

„Lass das. Hallo, Fabienne.“

„Hallo, Bad-Man, na, schon Hochzeitsfieber?“ begrüßte mich Hannes und Randy winkte mir zu.

„Noch kann ich es unter Kontrolle halten.“

„Los, nicht rumstehen, wir müssen hier weg.“, brummte Decker, ging aber zu Soleab, den er ihn herzlich umarmte. Dasselbe taten Bernd und Jerome.

Als er bei mir stand, zögerte er kurz, doch dann drückten wir uns genauso herzlich wie die anderen.

„Lass dir das bloß nicht zu Kopf steigen.“, warnte er mich, als er mein Grinsen sah.

Schnell hatten wir die fünf aufgeteilt. Die Frau, Randy und Fabienne stiegen zu Soleab, Decker und Hannes zu uns.

„Wir fahren zu unserer Villa. Dort ist es am sichersten.“, schlug ich Soleab vor und der war einverstanden.

Als wir die Landebahn verließen, drehte das Flugzeug und verschwand wieder in der Nacht.

„Gute Idee, das mit dem Alarm.“, lobte mich Decker.

„Das war Soleabs Idee. Wer ist die Frau?“

„Dana Stern. Israelischer Geheimdienst.“

„Auch eine Nichte?“

„Nein, aber das wird sie bestimmt irgendwann mal werden. Außerdem ist sie Randys Freundin.“

„Randys Freundin? Ich dachte, die gäbe es nur auf Second Live.“

Hannes lachte. „Nein, die ist echt, und ich sag dir was. Ihretwegen hat sich Randy mitten in einer Schießerei eine Terroristin geschnappt und sie umgenietet.“

„Randy?“

„Ja, außerdem hat ihn Dagan höchstpersönlich gelobt!“

„WOW.“

Wir fuhren unterdessen zur Villa. Dort angekommen, brachten wir unsere Gäste erst einmal ins Wohnzimmer.

Dann beratschlagten wir, wie wir die beiden am besten beschützen konnten.

**

„Wer sind diese Leute?“, fragte Dana leise, die mit Randy etwas abseits stand.

„Meine Freunde.“

„Freunde, wie die in Neapel?“

„Nein, das sind meine echten Freunde. Der Mann mit Brille ist Soleab, er ist der Parlamentspräsident von Soulebda. Der Große neben Hannes ist Jerome n’Antakcket, einer der wichtigsten Berater der Regierung. Die zwei am Fenster sind Bernd Schubert und Peter Stein. Bernd ist Pilot und fliegt alles was Flügel hat. Seine Frau ist hier die Verteidigungsministerin.“

„Und wer ist Peter?“

„Peter ist Henker und arbeitet bei mir zu Hause.“

„Du hast einen Henker als Freund?“

„Freund… Nein, er ist eher ein Bruder. Wenn ich einem Menschen mein Leben anvertraue, dann ihm.“ –Oder deines.- fügte er im Stillen dazu.

„Ok. Jetzt im Ernst. Wer sind die Vier.“

„Was?“

„Du willst mir erzählen, dass der Präsident eines Staates mich mitten in der Nacht mit dem Auto abholt, und auch noch selber fährt?“

„Naja, er ist nicht direkt Präsident, hier herrscht das Matriarchat, Soleab ist Parlamentspräsident und Vorsitzender des… ähm, doch… Er ist hier der Boss…also nach Heylah… meine ich, und Heylah… hmmm du wirst es sehen. Hier ist einiges anders, als wie du es gewöhnt bist.“

Verlegen sah er Dana an, die ihn mit großen Augen ungläubig ansah.

**

Morgens um 11 Uhr hatten wir uns im großen Besprechungszimmer versammelt. Wir, das waren neben Caroline und mir, Levi, Jessica, Vera, Sarah, Fabienne, Hannes, Bernd Schubert, Veronique, Soleab, Penelope, Jerome und natürlich Dana und Randy.

-Das ist sie also.- Dachte Dana. –Die berühmte Caroline Miles, die Nichte Nummer 1. Diejenige, die schon als Dagans Nachfolgerin gehandelt wurde, und die ihre Karriere und ihr Leben daheim für ihre große Liebe einfach aufgegeben hatte.-

Caroline war am frühen Morgen von ihrer Nacht mit Penelope zurückgekommen und hatte nicht schlecht gestaunt, als sie im Wohnzimmer Decker in einem Sessel fand.

Der erhob sich und stellte sich vor uns Wartende. Dagan hatte es ihm überlassen, was und wie viel er uns erzählen sollte, doch Decker wusste, wenn wir erfolgreich sein sollten, mussten wir wissen, um was es ging, und vor allem, was alles auf dem Spiel steht.

„Wir haben ein Problem. Und mit wir, meine ich uns alle. Nicht nur wir hier im Raum, sondern wir als die ganze Welt.

Ein paar richtig böse Jungs haben sich Teile einer Biowaffe unter den Nagel gerissen. Ein Freund von Randy hat das Signal aufgefangen und an Randy weitergeleitet. Insgesamt haben vier Leute auf der Welt das Signal empfangen und Randy ist der Einzige, der noch lebt.

Dagan hat versucht, die Leute zu schützen und dabei 13 Leute verloren. Die Verbrecher meinen es also ernst.

Die Formel für die Waffe ist in drei Teile aufgeteilt. Was Randy aufgefangen hat, ist nur ein Teil. Dagan geht davon aus, dass die Terroristen sich trotz aller Gegenmaßnahmen die beiden anderen Teile ebenfalls aneignen.

Ist die Formel erst einmal komplett, wird das verdammt ernst werden. Die Terroristen werden uns drohen, und um ihren Drohungen Nachdruck zu verleihen, werden sie die Waffe einsetzten. Dann reden wir von Tausenden, wenn nicht sogar Abertausenden von Toten.

Warum ich euch das erzähle?

Weil wir diejenigen sind, die diese beschissenen Terroristen ein und allemal aus dem Verkehr ziehen werden! Wir werden die Scheißkerle umlegen und die Formel für immer zerstören!

Fragen?“

Wir sahen uns an… Oh ja, da gab es Fragen!

„Hat jemand Fragen außer Peter?“

Sarah stand auf. „Wieso wir?“

„Fabienne.“, Decker nickte Fabienne zu.

„Wir haben ein Leck. Irgendwo, ganz weit oben, sitzt ein Verräter. Bis zu meiner Abreise wusste Dagan nicht, wer es ist. Da ich jetzt keinen Kontakt mehr zu Dagan habe, gehe ich davon aus, dass der Verräter noch immer aktiv ist.

Dagan muss davon ausgehen, dass alle Schritte, die er macht, an die Terroristen weiter getragen werden. Da wir ohne Verbindung zu ihm sind, wissen die Terroristen nicht, was wir tun.“

Levi ergriff das Wort. „Ich weiß, dass wir als Team unschlagbar sind, aber wir brauchen Verstärkung. Alleine schaffen wir das nicht, Terroristen sind keine gewöhnlichen Verbrecher oder Söldner wie die Mistkerle in Russland oder MacAllisters Männer.“

Decker übernahm wieder. „Unsere Freunde von der CIA werden eine Kampftruppe zusammenstellen. Die wird ausschließlich der CIA unterstehen. Als Berater sind Mike und Dave eingeteilt.

Dagan steuert Meresch dazu. So werden wir einen gewissen Rückhalt haben.“

„Einen gewissen Rückhalt?“, fragte Caroline zweifelnd.

„Die Amerikaner haben Befehl, die Formel an sich zu bringen, nicht sie zu zerstören.“

Shit! Ich wusste doch, dass die Sache einen Haken hatte!

„Und welche Befehle hat Dagan für seine Leute?“

„Dieselben. Dagan kann nicht zulassen, dass eine Seite allein in Besitz der Formel ist.“

Das ist Bullshit!“, rief Vera. „Hat denn keiner dieser Idioten etwas gelernt? Wir sollten dieses Scheißding unschädlich machen.“

„Dazu müssen wir sie erst mal haben.“

Da musste ich Decker zustimmen.

Carolin blickte zu mir, ich nickte ihr zu und sie stand auf.

„Ich kenne Dagan schon als kleines Kind. Er hat mich nie belogen. Wenn Dagan sagt, dass wir die Welt rette müssen, dann glaube ich ihm. Ich bin dabei!“

Nun stand ich auf. „WIR sind dabei.“ Sarah war die Nächste und noch bevor sie richtig stand, folgte ihr Vera.

Und so stand bald das ganze Team zusammen.

„Tut mir leid, mein Schatz, aber wir müssen die Hochzeit wohl verschieben.“, sagte Caroline.

„Ich heirate dich später genauso gerne.“

NEIN!“, kam es von Decker.

„Ihr dürft die Hochzeit nicht verschieben. Die Terroristen wissen, dass Randy zu eurem Kreis gehört. Wenn ihr die Hochzeit absagt, wissen sie, wo er ist. Dann können sie eins und eins zusammenzählen, und das Überraschungsmoment ist verschenkt.

Tut genau das, was ihr geplant habt. Allerdings könnte es sein, dass die Flitterwochen etwas anders ausfallen.“

„Ich werde die Marine in Alarmbereitschaft versetzten.“, warf Veronique ein. „Wir haben genug prominente Gäste, mit dem ich das begründen kann, ohne dass Verdacht geschöpft wird. Außerdem werde ich anordnen, dass eine Zweierstaffel rund um die Uhr in der Luft ist und eine zweite in Bereitschaft.“

„Ok. Genehmigt.“, gab Soleab sein Einverständnis.

„Ich sage das nur ungern.“, sagte Jessica, „aber wenn das mit den Amerikanern und Israelis stimmt, werden wir zwischen die Fronten geraten.“

Jetzt herrschte betretenes Schweigen. Die Linie ging quer durch das Team. Caroline, Fabienne, Dana und Levi standen in Dagans Nähe. Was wäre wenn???

NEIN!“, sagte Benjamin laut und deutlich.

„Ganz egal, wo wir herkommen, ganz egal, wer uns nahe steht. Wir entscheiden es hier und jetzt, ob wir ein Team sind oder nicht. Ein Später gibt es nicht!“

EIN TEAM!“, rief Caroline. „JA.“, schloss sich Fabienne an und alle anderen, ich eingeschlossen, stimmten ein.

Obwohl Dana keinen dieser Menschen kannte, sie wusste einfach, dass diese Leute das Richtige taten. Und noch ein Gefühl kam in ihr auf. Mit Randy an ihrer Seite fühlte sie sich nicht nur dazugehörend, nein, sie fühlte sich zu Hause!

„Dana?“, fragte Randy.

Das war der Moment der Wahrheit. Als Angehörige des Geheimdienstes hatte sie Dagans Anweisungen zu befolgen. Doch hier und jetzt, musste sie eine Entscheidung treffen, eine Endgültige!

„EIN TEAM!“, schwor sie und Randy nahm sie fest in den Arm.

**

Eine Stunde später saßen Heylah, Soleab, Penelope, Veronique, Bernd und Jerome in Heylahs Arbeitszimmer.

„Ich mache mir Sorgen.“, sagte Soleab zu Heylah.

„Ja, der Gedanke, dass jemand diese Waffe einsetzt, ist grauenvoll.“

„Ich mache mir vor allem um unsere Freunde Sorgen. Besonders wenn sie Erfolg haben sollten.“

„Was meinst du?“, fragte ihn Penelope.

„Wenn sie es tatsächlich schaffen, diese Terroristen auszuschalten und die Formel an sich zu bringen, dann werden die Amerikaner nicht zögern, diese an sich zu bringen. Notfalls werden sie unsere Freunde einfach opfern.“

Penelope keuchte erschrocken auf.

„Machen wir uns nichts vor. Wir haben es hier nicht mit unseren Freunden aus dem Außenministerium zu tun. Soleab hat voll und ganz Recht.“, pflichtete Bernd Soleab zu.

„Jerome?“, fragte Heylah.

„Auch wenn ich diesmal gerne eine andere Meinung hätte, Soleab Einschätzung ist richtig.

Heylah saß eine Minute schweigend da, dann blickte sie in die Runde.

„Diese Menschen sind unsere Freunde! Ohne sie würden wir immer noch einen blutigen Bürgerkrieg führen oder wären längst tot. Ich werde nicht zulassen, dass sie einfach geopfert werden.

Die Streitkräfte werden in Alarmbereitschaft versetzt. Sollte es notwendig sein, ziehen wir in den Krieg, um unseren Freunden zu helfen, diese Formel zu zerstören. Notfalls auch gegen die USA!“

**

Unterdessen waren die Hochzeitsvorbereitungen weiter gelaufen.

„Na, was sagst du?“, fragte ich Caroline und zeigte mich ihr.

Sie durfte mich ja vor der Hochzeit sehen und bewunderte mich in meiner Kriegertracht.

Anders als ich befürchtet hatte, war es kein einfacher Lendenschurz, sondern ein kunstvoll gewebtes Hemd, das bis zur Hüfte ging, und eine halblange Hose, die ebenfalls mit reichlichen Verzierungen in Handarbeit gewebt wurde. Der khakifarbene Stoff war mit Perlen, Knochen und Goldstücken verziert. Dazu kamen noch bunte Stickereien.

„Madame Ma‘ Difgtma sagt, dass der Anzug extra für mich angefertigt wurde. Entweder wussten die, das wir die Prüfung schaffen, oder sie schneidern hier verdammt schnell.“

Caroline lachte und bestaunte die kunstvolle Arbeit. Dann schloss sie die Tür.

„Peter, was hältst du von der Sache?“

„Ich finde es schade, dass wir unter solchen Bedingungen heiraten… andererseits… warum sollte unsere Hochzeit anders sein als unser Leben? Lass uns das schönste Fest feiern, das diese Insel je gesehen hat und dann treten wir den Bösen in den Arsch.“

Wir umarmten und hielten uns fest.

„Ich weiß, was du denkst.“, sagte ich zu ihr.

„Ach ja?“

„Ja. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich habe dir geschworen, dich nie wieder zu hintergehen und die „der einsame Held Nummer“ abzuziehen. Ich werde mein Wort halten. Du weißt schon: wir sind ein Team.“

„Peter, ich hatte furchtbare Angst um dich. Du warst allein und gefangen, und ich konnte dir nicht helfen. Ich hatte ehrlich Angst, dich nie wieder zu sehen. Lieber gehe ich mit dir unter, als alleine weiter zu leben.“

„Keiner von uns beiden wird jemals wieder allein sein. Wir leben, kämpfen und gewinnen zusammen. Und falls wir den Kürzeren ziehen, gehen wir zusammen unter. Versprochen. Außerdem hab ich viel zu viel Angst davor, was du dann mit mir anstellst.“

Wieder hielten wir uns fest aneinander gepresst.

„Ich hab ein Geschenk für dich.“, sagte sie zu mir.

„Man soll nichts vorher schenken, das bringt Unglück.“

„Nein, es ist kein Hochzeitsgeschenk. Setz dich!“

Ich ging zu einem Sessel und setzte mich brav hin.

„Als Penelopes Nun’tschula werde ich öfter nicht da sein können. Ich habe ihr geschworen, ihre Aufgaben und Bitten zu erfüllen. Das wird dazu führen, dass ich du öfter ohne mich auskommen musst. Deswegen habe ich ein Geschenk für dich.“

Sie ging zur Tür, öffnete diese und kam dann mir Vera und Sarah an der Hand wieder zu mir. Während Caroline vor mir stand, gingen Vera und Sarah rechts und links neben ihr auf die Knie.

„Wann immer ich meine Pflichten als Nun’tschula erfülle, sollst du nicht alleine sein müssen. Meine zwei Freundinnen werden an meiner Stelle für dich da sein. Was immer dein Wunsch ist, sie werden ihn dir erfüllen, aber übertreibe es nicht!“

**

Golf von Neapel

Hebronne schaute die beiden Männer genau an. Mit der Pistole in der Hand stand sie da wie eine Richterin über Leben und Tod.

„Hat der Mann noch etwas übertragen, etwas gesendet, etwas gesagt?“

„Der hatte das Gerät nicht mal richtig eingeschaltet, da war er bereits hinüber.“, lachte der Man mit der Figur eines Preisboxers.

„Und das Funkgerät, habt ihr das zerstört?“

„Äh nein, das eine war das eingebaute in dem Boot und das Handgerät haben wir über Bord geworfen.“

„Wer hat es über Bord geworfen?“

„Ich habe es weggeworfen und im Wasser aufschlagen gesehen, damit macht keiner mehr eine Meldung.“

„Hast da das Handgerät vorher zerstört?“

„Nein, wozu? Das liegt auf dem Meeresgrund und ist hinüber, du solltest als Chefin wissen, dass Wasser elektrischen Geräten nicht gut bekommt, das ist kaputt, aus und hinüber.“, brüskierte sich der Preisboxer.

„Genau wie du“, Hebronne schoss dem überraschten Mann ins Gesicht. Noch ehe sein toter Körper auf dem Deck aufschlug, schaute sie die übrigen Männer und Frauen an:

„Ein Marine-Seenotrettungsfunkgerät sendet bei Kontakt mit Seewasser automatisch die gespeicherten Kennungen und schäumt sich auf, damit wird es unsinkbar. Das Gerät sendet seit einer halben Stunde unsere Schiffskennung, die Position und alles was man braucht, ihr Versager. Und dich sollte ich gleich mit erschießen, du warst mit dabei, also nochmal zur Frage – konnte der Mann noch irgendwas sagen?“

„Nein, nur dass wir morgen früh…“, da bellte ein Schuss… Schon schlug auch sein toter Körper auf dem Deck auf.

„Bindet sie an etwas Schweres und werft sie über Bord.“ Dann ging Hebronne an die Kommandostation der „Hispaniola“ und nahm das Mikrofon für den Interkom.

„Alle mal herhören! Ich will in 10 Minuten volle Kraft auf die beiden Propeller, wir müssen unseren Plan vorverlegen. Die wissen, wo und wer wir sind, und spätestens beim ersten Sonnenlicht greifen die uns an. Ich will euch alle voll bewaffnet an Deck sehen und abwehrbereit, ist das klar?“

Dann schaute sie ihren Vertreter an: „Was ist?“

„Wer will uns morgen früh entern?“

„Die ganze verdammte Spaghetti-Armada, wir müssen so schnell machen wie möglich, sonst schaffen wir das nicht. Wie ist das Wetter im Radar und wie groß ist die Entfernung zum Ziel? Arbeiten die Störsender noch?“

„Ein ausgewachsener Sturm bis kurz vor die Küste und wir haben noch 55 Meilen vor uns. Ja, die Störsender arbeiten noch.“

„Zweieinhalb Stunden, eher drei Stunden bei dem Sturm, das wird verdammt happig werden, treib die Jungs an, das wird verdammt eng!“

**

Auf der Meulendeiks, einer niederländischen Fregatte der De-Zeven-Provinciën-Klasse, heult der Alarm los und die Besatzung besetzt die Gefechtsstationen. Kapitän Landjungjengs, ein alter ergrauter Seebär, und die Offiziere werden gerade von dem Wachoffizier instruiert, da poltert der Erste Offizier los:

„Wie zum Teufel konnte sich ein Gastanker wie die „Hispaniola“ so lange verstecken, der Pott ist doch gewiss nicht klein?“

„Der Sturm hat einige der Sensoren in Mitleidenschaft gezogen und selbst das Küstenradar in Ischia hat nichts registriert.“

„Kapitän, die Jungs mit den großen Köpfen in der Zentrale reden ganz offen von elektronischer Kriegsführung. Die haben den Tanker getarnt, an den Radardaten herumgespielt, und das Wetter hat denen die besten Karten zugespielt.“

„Haben wir denn zumindest jetzt die genaue Position von der NLG Hispaniola oder sind das immer noch Vermutungen?“

„Sir, der Golf um Neapel ist ein schwarzes Loch, die Aufklärung meldet keine Sicht für optischen Satelliten und die Radarsatelliten stehen an der falschen Stelle. In frühestens zwei Stunden können die ersten Maschinen starten, die Amis hatten eine P3 Orion verloren, die Maschine hat es in dem Sturm voll zerlegt, dabei sind die fast unkaputtbar.“

„Das über Bord gegangene Funkgerät der „Hispaniola“ wurde zuletzt vor Ventotene geortet, bei der Strömung kann die NLG Hispaniola aber 35 Meilen südlich davon sein, Sir.“

„Wann ist das Hauptradar wieder einsatzklar, Elo?“

„Frühestens in zwei Stunden, Sir.“

„Sie haben eine Stunde, klotzen Sie ran!“

„Kontaktieren Sie die Leitstelle! Wurden die anderen Schiffe in der Region verständigt und wo stehen diese?“

„Die USS Naphtenia, ein Aufklärungsschiff, fährt von Süden her auf uns zu. Von Norden kommt eine italienische Typ III-Korvette zu Hilfe. Die Trägergruppe 6 ist bei einer Übung nahe Zypern und damit außerhalb der Radar Reichweite, Sir.“

Der Kapitän schaut in die Runde: „Ihnen ist schon klar, wenn die Hispaniola in einem Hafen hochgeht, verbrennt alles im Umkreis von hundert Meilen?“

Noch während die Offiziere beratschlagen, kommt die Meldung über Lautsprecher: „Radar an Kapitän, die Anlage zeichnet wieder.“

„Legen Sie die Daten in die OPZ“, ordnet der Kapitän an und kurz danach flimmert der Lagetisch auf. Dann wird das Bild darauf klarer, ein Raster erscheint, die Küste und danach die Daten vieler Schiffe.

„Wo ist die Hispaniola?“

Auf dem großen Tisch leuchten hunderte kleiner Punkte auf. Einer davon wird mit einem roten Kreis gekennzeichnet, dann ein weiterer hoch im Norden und noch ein dritter Punkt in der Mitte des Meeres.

„Welcher ist die Hispaniola?“

„Moment, Kapitän, äh, laut der IT alle drei?!“

„Fragen Sie die Daten bei den anderen Schiffen ab, das kann doch nicht sein.“

„Kapitän, die Daten der anderen Schiffe sind bereits hinterlegt, ich glaube, wir werden hier elektronisch veräppelt, Sir.“

**

SOULEBDA

Auf Soulebda läuten die Glocken, der große Tag war endlich da. Traditionell wird am späten Nachmittag geheiratet, je höher die Stellung des Paares desto später die Zeit. So will es seit jeher der Brauch.

Auf dem Festplatz vor dem Palast hat sich ein mächtiger Stern aus mehreren Tausend Menschen gebildet. Die fünf Hauptstämme haben sich zusammengefunden, die Palastwache stellt einen weiteren sechsten Teil und zwei Teile des Sternes werden durch einen Teil der Bevölkerung gestellt. Nun stehen acht Teile eines großen farbenfrohen Sternes beieinander und haben einen Mittelteil freigelassen. Sie alle tragen Leuchten und erhellen den Stern aus Menschen noch mehr.

Da verstummen die Glocken. Mächtige Fanfaren ertönen aus den Ecken des Palastes und spielen einen wohlklingenden Marsch. Aus den Hallen des Palastes klingt das herrlich. Bei den tiefen Tönen spüren die Gäste das Beben im Körper.

Ganz in der Tradition der Kriegerstämme hat man zwei Landkanus gebaut. Es sind zwei mächtige Kanus, die scheinbar auf Palmblättern schwimmend hergetragen werden. Ein jedes der beiden Kanus wird von ungefähr zwanzig Menschen bewegt. Viele hunderte Palmblätter stellen den Ozean dar und mit der Wellenbewegung wirkt es wunderschön.

Um den Festplatz haben sich Menschenmassen versammelt, und auf den Treppen zum Palast finden die geladenen Honoratioren und Staatsgäste ihren reservierten Platz.

So haben die Gäste einen wunderbaren Blick, auf das was sich abspielt. Es heißt, es würde ein Schauspiel, das letztmalig vor 125 Jahren gezeigt wurde.

Die Spannung steigt, als die beiden Kanus langsam in den riesigen Stern eintauchen, dann scheint sich das Meer der Palmblätter zu bewegen. Ein Sturm braust auf, der mitten in dem Stern aus Leibern dargestellt wird.

Im Sturm kentern die beiden Schiffe und aus den beiden Landkanus wird ein einziges Floß, das zwei Menschen aufnimmt, die sich auf das Floß retten.

***

Der Sturm tobte!

Das Blättermeer wogte unter mir hin und her, Wellen schlugen auf das Kanu ein, als Jerome mich packte.

„Wir sehen uns auf der andern Seite, Peter, mein Freund.“, rief er und stieß mich vom „untergehenden“ Kanu auf das Floß.

Ähnlich wie beim Stagediving fing mich die Menge auf und brachte mich sicher auf das Floß.

Vom gegenüberliegenden wurde Sarah vom Kanu auf das Floß gebracht, da sie Caroline mit ihren roten Haaren am ähnlichsten sah.

Durch das tobende Meer wurde das Floß in Richtung des Palastes durch den Stern getragen. Aufrecht stand ich darauf und hielt Sarah fest umschlungen. Dann, nachdem wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, ließ Sarah sich auf den Boden des Floßes fallen. Einen Moment stand ich noch alleine aufrecht, dann legte ich mich neben sie und hielt sie wieder im Arm.

Eine weitere Fanfare kündigte Mualebdas Eintreffen an und das Blättermeer kam in Bewegung.

***

Im Hintergrund singen die Chöre der Insel die Hymne vom Erwachen Mualebdas. Farben tauchen auf, Rauch, Nebel und ein schwarzer Schatten kommt herbei, als die Palmblätter gewendet werden. Es sieht so aus, als sei Mualebda selbst dem Meer entsprungen und trüge die beiden Überlebenden auf ihrem Rücken zu den ersten Stufen des Palastes.

Hier werden sie abgesetzt und Mualebda entschwindet im Meer aus bewegtem Blättern. Die beiden Geretteten aber schwanken und gehen zu Boden, knapp 10 Meter voneinander getrennt.

Erneut werden sie von bewegten Blättern bedeckt, alles wird von einem Gesang und der wunderschönen Musik begleitet. Die Beleuchtung ist einmalig, die Farben wechseln ständig und erzeugen ein Gefühl, mitten auf dem Meer zu sein.

***

Mualebda erschien, um die Urahnen seines Volkes zu retten.

Dunkle und helle Blätter bildeten eine riesige Harpyie, die auf das Floß zuflog. Die Gäste mussten von der Tribüne aus eine grandiose Vorstellung erleben.

„Wir sehen uns auf der anderen Seite, mein Schatz!“, rief mir Sarah zu und gab mir noch einen Kuss, als Mualebda sie vom Floß zog und auf seinem Rücken zum Palast trug.

Dann wurde ich vom Blättermeer verschlungen und Mualebda trug mich ebenfalls zur ersten Stufe des Plastes.

Als ich meinen Fuß daraus setzte und mich umsah, konnte ich zum ersten Mal das riesige Aufgebot sehen, dass mir zusah. Die Tribüne mit den Gästen und Freunden, die Menge unter mir und alle anderen.

Vor meinem inneren Auge sah ich all meine Freunde und Bernds Stimmer erklang.

„Klar sind von deinen Entscheidungen auch deine Freunde betroffen, aber das muss nicht zwingend schlecht sein.“

Diese Worte hatte Bernd mir auf der Terrasse mitgegeben. Und nun erkannte ich den Sinn dieser Worte erst richtig.

Meine Freunde, all diese Menschen, hatten alleine zu meinen Entscheidungen geführt!

Und DAS war etwas verdammt GUTES!

Lächelnd schritt ich auf die Rosenknospe zu, die sich langsam öffnete.

Da kam sie! Meine Caroline!

Mit leuchtenden Augen, flammenden Haaren und prächtig gekleidet, entsprang sie der Knospe.

Mein Herz machte einen Aussetzer, als Caroline auf mich zukam. Nie hatte sie schöner ausgesehen als in diesem Moment. Ihre grünen Augen und die roten Haare waren perfekt abgestimmt mit dem wundervollem Brautkleid im Meerjungfrauenstil.

Als ich ihre Hand griff, um mit ihr die Stufen zu ersteigen, bekam ich einen elektrischen Schlag. Und ich war mir sicher, dass es keine statische Entladung war.

DAS war LIEBE!

***

Die Vorstellung ist grandios. Manches Theater würde sich um eine solche Aufführung reißen.

Da öffnet sich das Meer aus Blättern und aus dem einen Blätterwald entsteigt Peter in der Ehrentracht der Stammeskrieger. Farbenfroh und wohl aussehend.

Ein Raunen geht durch die Menge, vornehmlich aus der Schar der weiblichen Gäste. Die begleitenden Fanfaren bilden einen gelungenen musikalischen Hintergrund zu dem Krieger.

Dann öffnet sich auf der anderen Seite das Blätterwerk. Es sieht so aus, als bilde sich ein überdimensionales Rosenblatt, das sich langsam öffnet und auf den Krieger zubewegt. Kurz vor ihm stoppt es und öffnet sich unter dem Stoß von scheinbar hundert Fanfaren vollends.

Aus der Rose entsteigt die Braut, in einem farbenprächtigen Hauch aus feinsten Schleiern. Sie bedecken die Braut und sie steht da wie eine leuchtende Waldgöttin, dicht neben dem tapferen Krieger in seiner herrlichen Montur. Die beiden bilden ein sehr schönes Paar.

Erneut scheint sich das Blätterwerk zu bewegen, es löst sich langsam auf und die beiden kommen auf der ersten Stufe an. Diese ersten Stufen sind mit Blattwerk ausgeschmückt. Auf den ersten Stufen zur Palasttreppe erscheinen plötzlich die Stammeskrieger nacheinander, wie es scheint fast aus dem Nichts.

Ein Raunen geht durch die Besucherreihen, das kannte man nicht und wird es auch nicht mehr sehen, denn seltsamerweise versagen hier alle Kameras.

Aber allen Gästen ist klar, das muss ein klasse TV-Trick sein. Am ersten Plateau steht der Oberste Kriegshäuptling Schann’an Xarktipxli, eine Stufe darunter die beiden hohen Priester und warten auf das künftige Paar, die Schritt für Schritt die Treppe hinauf steigen.

Am Plateau des Obersten Kriegshäuptlings angekommen, erschallen erneut die Fanfaren aus dem Palast. Es klingt herrlich, als die tiefen sonoren Töne der Nebelhörner einfallen, das untermalt das melodische Erlebnis und einigen der Gäste stehen die Haare zu Berge. So etwas haben sie noch nicht erlebt, dass Töne, so gekonnt vermischt, so herrlich wirken können.

Der Oberste Kriegshäuptling begrüßt das Paar und in Begleitung der hohen Priester gehen sie auf eine kleine Anhöhe zu, diese hat Öffnungen und sie verschwinden darin.

Mit dem Ertönen der tiefsten Fanfaren erlöschen nach und nach die Lichter auf der Treppe. Ein Trommelwirbel ertönt. Dann ein leichtes Raunen unter den Tausenden.

Mit einem Donnerschlag flammen vier mächtige Flak-Scheinwerfer eine Etage höher auf, sie richten ihre Strahlen direkt senkrecht in den Himmel. Aus diesem hellen Lichtpfahl tritt nun die Regierungspräsidentin Heylah ai Youhaahb hervor und kommt die Treppenstufen herab.

An ihrer Seite ihr Schwiegersohn, Soleab n’Amsala, der Parlamentspräsident von Soulebda. Man könnte meinen, die beiden entstiegen direkt dem Licht.

Jubel brandet auf, schlichter, ehrlicher Jubel und die starken Lichter der Scheinwerfer erlöschen nach und nach. Gleichzeitig entzünden sich Leuchten am Boden.

Diese beiden lieben Menschen, Heylah und Soleab, sind die Seele der Insel, das spürt man sofort. Die Freude und Ehrlichkeit, die von den beiden ausgeht ist, einfach ansteckend. Der Jubel bestätigt das.

Nun stehen die beiden Parteien des Inselstaates beieinander. Einerseits die Stammesführung mit dem Obersten Kriegshäuptling und den beiden hohen Priestern, andererseits die amtliche, staatliche Gewalt in Form der Regierungspräsidentin mit ihrem Parlamentspräsidenten.

Beide Seiten haben die Berechtigung, Ehen zu schließen, und nur ganz selten waren beide Varianten zusammen durchgeführt worden. Heute ist solch ein seltener Tag.

***

Die drei Parteien stehen nun auf dem mittleren Plateau vor dem Palast. Von allen Seiten kann man diese Zeremonie gut beobachten, die Lichter sind auf das Plateau gerichtet und beleuchten alles im hellen Licht.

Dass hinter den Reihen aufmerksame Augen das Treiben genau beobachten, fällt gar nicht auf. Einige Geheimdienstler aus den Staaten, andere aus dem Nahen Osten, sogar diverse aus dem asiatischen Raum sind mit dabei. Nicht zu vergessen der eigene Staatsschutz von Soulebda, denn die Warnungen, die kürzlich eintrafen, waren eindeutig.

Dennoch verhalten sich diese ‚heimlichen‘ Leute so, wie man es gewohnt ist: Unsichtbar bleiben und ja nicht auffallen.

Traditionell beginnt die Frau den Festakt. Heylah ai Youhaahb als die amtierende Regierungspräsidentin erhebt ihre Arme und beginnt einen Gesang, der, von starken Lautsprechern verstärkt, wunderschön klingt.

Sie singt vom Erheben Mualebdas und der Frage nach dem Versprechen, die Menschen auf immerdar zu schützen. Der herzergreifende Gesang endet mit einem Fanfarenstoß, der bei den Gästen erneut ein Aufstellen der Nackenhaare verursacht. Tosender Jubel braust auf und das Volk johlt, das war schon jahrelang nicht mehr zu sehen oder hören.

Das Brautpaar wird vor diese Frage gestellt, auf immerdar für das Volk von Soulebda und auch füreinander einzustehen, schwört diesen edlen Schwur und die Lautsprecher übertragen den Schwur über den gewaltigen Festplatz.

Ein erneutes Grollen der tiefen Fanfaren kündet nun den zweiten Schritt an, den Schwur vor den Stammeskriegern und dem Obersten Kriegshäuptling.

Von außen bringen Stammeskrieger Fackeln und umstellen den Platz, dann ruft der Oberste Kriegshäuptling Mualebda an und fordert die Kraft und die Macht an, um sie den Liebenden anzubieten.

Ehe diese aber annehmen können, müssen sie auf einen scheinbar brennenden Baumstamm steigen und beweisen, dass sie die Richtigen sind. Natürlich sind keine echten Flammen im Spiel, die Schleier würden sofort verbrennen, aber das Schauspiel ist genial.

Die Liebenden können sich auf dem wankenden Baumstamm tatsächlich halten. Als sie sich dann in der Mitte treffen, kommt Ruhe in das Holz und endlich erteilt auch der Oberste Kriegshäuptling Schann’an Xarktipxli seinen Segen.

Zum grandiosen Finale erklingen nochmals alle Fanfaren, die Chöre singen erneut ein ergreifendes Lied und unter brausendem Beifall wird das Ende der Hochzeit eingeleitet.

Nach und nach verteilen sich die Menschen auf dem großen Festplatz und überall ist wird gesungen und musiziert. Die freundliche und glückliche Stimmung ist überall zu spüren.

Die soeben Getrauten erhielten kurz Zeit, sich frisch zu machen, und finden sich nun zum traditionellen Speertanz in der Platzmitte ein. Dabei tanzen sie inmitten von vier extra dicken Speerpaaren, die wechselweise die Position wechseln, und die Tänzer dürfen dabei von den Speeren nicht berührt werden.

Zwei Vertreter aus Schottland sehen sich das an und nicken anerkennend mit den Köpfen. „Für Südsee Leute eine sehr gute Leistung.“ Bemerken sie anerkennend.

Der Tanz ist eine Herausforderung für manch einen geladenen Gast, aber alle versuchen es dem Hochzeitspaar gleichzutun. Ab und an gerät ein Fuß in Mitleidenschaft und der Tanzende gibt einen kleinen Schmerzensschrei von sich. Wichtig ist aber die Unterhaltung, denn das fördert den Zusammenhalt im Volk.

Die beiden Schotten tanzen den Tanz natürlich fehlerfrei.

Gutes Essen und reichlich erlesene Getränke, dazu Gesang und Tanz, lassen die Nacht verfliegen. Als der Morgen graut, zieht sich das Hochzeitspaar in den Palast zurück. Eine unvergleichliche Hochzeit endet mit dem Gesang der Chöre. Nach und nach kehrt etwas Ruhe ein. Dann geht die Sonne auf und taucht den Tag in ein traumhaft helles Licht.

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NEAPEL

Ein anderes unvergleichliches Licht vertreibt langsam die schwarzen Sturmwogen im Golf von Neapel.

Da branden die Wellen vor den Wachschiffen auf und in voller Fahrt rauscht ein mittelgroßes Containerschiff auf die Schiffe zu. Es scheint aus dem Nichts gekommen zu sein, denn das Radar ist immer noch gestört. Während ein Sicherungskommando das Containerschiff entert, spielt sich 20 Meilen nördlich ein ähnliches Schauspiel ab. Dort ist es eine große Fähre, die mit voller Kraft versucht, gegen die Kräfte des Sturmes, in einen Hafenbereich einzulaufen.

Als die Verwirrung am größten ist, geht die eigentliche Warnmeldung fast im Funk unter. Die NLG Hispaniola bricht in voller Fahrt aus den Nebelwolken heraus und steuert direkt auf den Hafen von Bagnoli zu. Es sind nur noch 10 Meilen bis in den Hafen und der riesige Tanker wird sich nicht so schnell stoppen lassen. Man braucht eine Entscheidung – und zwar jetzt sofort.

In der Hafen Kommandantur oberhalb des Hafenkomplexes erscheint der mächtige Gastanker wie ein Saurier aus grauer Vorzeit. In der Kommandantur stehen der Hafenkapitän und die Militärs. Entsetzt sehen sie auf das nahende Grauen, wähnten sie doch alle den Gastanker noch 80 Meilen weiter nördlich.

Doch jetzt bahnt sich der Tod in Form von einigen hunderttausend Tonnen verflüssigtem Erdgas seinen Weg in den Hafen. Nichts kann das riesige Schiff stoppen. Im Hafen beginnen die Sirenen zu jaulen.

Das Grauen nimmt seinen Lauf.

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Kapitän Fittipaldi steuert seine Korvette Garibaldi vor dem Hafenbereich und erkennt sofort die akute Gefahr. Seine kleine Korvette ist schnell, und nahe genug an der aus der Nebelbank herausbrechenden NLG Hispaniola. Seine Befehle sind knapp, klar und laut.

„Klar bei Kollision, wir rammen den Gastanker. Äußerste Kraft voraus!“, er wirft dann einen Blick zu seinem Ersten Offizier:

„Übernehmen Sie die Männer, retten Sie so viele wie möglich! Ich bleibe nur mit den Freiwilligen an Bord.“

Zwei Rettungsboote bleiben hinter der Korvette zurück und drehen so schnell wie möglich aus dem Gefahrenbereich ab.

Die Menschen an Bord grüßen zum letzten Mal ihren Kapitän, dann verschwinden die kleinen Boote im Nebel.

„Fertigmachen zum Rammen! Es war mir eine Ehre mit Ihnen zu dienen, leben Sie wohl!“

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Über dem Golf von Neapel setzt eine Learjet Militärmaschine zum Landeanflug an, da brüllt der Copilot durch die Sprechanlage:

„Backbord vor uns, da kollidieren zwei Schiffe: eine kleine Korvette und ein Riesentanker! Alle Mann festhalten, wir drehen ab, Notabstieg nach Neapel!“

Noch während der Learjet abdreht, zeichnet sich 1200 Meter unter ihnen eine Verzweiflungstat ab, wie sie nur selten zu erleben ist. Während sich die Kommandantur und das Militär uneinig sind, was zu tun ist, braust der Gastanker ungebremst mit gut 22 Knoten, also fast 40 Stundenkilometer, immer näher und unaufhaltsam auf den Hafen zu.

Der italienische Kapitän der kleinen Korvette Garibaldi setzt in voller Fahrt zum Rammstoß in die Seite des Gastankers an.

Die schmale, schnittige Korvette mit ihren gerade einmal 2000 Tonnen Wasserverdrängung hat auf 26 Knoten beschleunigt und zuvor alle entbehrlichen Mann in den Booten zurückgelassen. Stolz und mutig steuert der Kapitän mit seinen Freiwilligen die Korvette in die Seite des riesigen Gastankers. Mit 48 Stundenkilometern bricht sie durch die Seitenwand des riesigen Gastankers und scheint für einen Moment darin zu verschwinden.

Mit Entsetzen hatte man eine riesige Explosion erwartet, aber es gibt erst nur einen Knall und das auf -162° gekühlte verflüssigte Erdgas friert alles in Sekundenschnelle ein. Bei diesen Kräften bricht Stahl wie Glas und was dann kommt, geht sehr schnell.

Die Garibaldi bricht, völlig vereist und zerbrechlich wie Glas, auseinander. Der Gastanker reist auf, bricht danach an der Backbordseite auseinander und kommt vom Kurs ab, seine Geschwindigkeit wird abrupt gestoppt und das Meer scheint mit einem weißen kochenden Dampf überzogen. Die weiße Dampfwolke ist ungeheuer groß und wächst zusehends.

Da geschieht es. Ein Feuerball erhebt sich im weiten Hafen, der im Umkreis von vielen Meilen zu sehen ist und das ganze Meer scheint zu brennen.

Die Druck- und Hitzewelle ist verheerend. Der ganze Hafen scheint in Flammen aufzugehen. Hunderte kleiner Boote und Schiffe, die hier draußen ankern, werden ein Opfer der Flammenhölle, aber die Katastrophe ereignet sich noch auf dem Wasser und der Stadt bleibt zum Glück das Ende im Feuer erspart.

Viele der Industrieanlagen in der nahen Stadt schalten in die Notabschaltung, in den Banken und Versicherungen fahren die Server herunter und bei der BAYDERICH AG, nahe am Hafen, tritt der Alarmplan in Kraft.

Überall fahren die Systeme in den Sicherungsmodus.

Die enorme Hitze des Feuerballs haben die Sensoren bei der BAYDERICH AG anschlagen lassen. Produktionssysteme werden gesichert, Gastanks ausgeblasen und zur Sicherheit abgefackelt. Die Notbelüftungen werden geöffnet und der Alarmplan versiegelt Zufahrten und öffnet die riesigen Luftschächte zum Abblasen der Anlagen.

Seitlich neben den geöffneten Luftschächten seilt sich ein knappes Dutzend Menschen in die Anlage ab. Darauf haben sie gewartet, der verschlossene Weg zu der Formel wird gerade freigemacht.

Oben auf dem Gebäude bleibt ein kleiner Sicherungstrupp zurück und eine Frau sendet einen Funkspruch: „Wir sind drin!“

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RAMSTEIN

Die Landung der Regierungsmaschine auf der Landebahn 09 in Ramstein-Miesenbach verlief problemlos. Die Maschine wurde auf einen der vielen Plätze abgestellt, dann entluden die Soldaten mit der Bodenmannschaft rasch den Flieger. Währenddessen übergab der Beamte den beiden Colonels die aktuellen schriftlichen Befehle. „Sie haben Ihre Befehle und nun viel Erfolg!“

Damit schloss sich die Heckklappe und die Maschine rollte weg. Die beiden Colonels ließen die Soldaten antreten, zwei einsatzbereite und bestens ausgebildete Truppen, aber keiner der Trupps war bisher im Feld oder hatte Kampferfahrung. Smith und Miller sahen sich kurz an, dann gab es die erste Order an den leitenden Captain Moosfield.

„Beziehen Sie diese Quartiere, stellen Sie Verbindung her! Der Quartiermeister zeigt Ihnen die Versorgung, Meldung bei uns stündlich auf Tribble Alpha.“

„Verstanden!“, schon verschwand Captain Moosfield mit seinen Mannen, die Colonels bestiegen einen Jeep der Bereitschaft und fuhren los.

„Lass uns mal sehen, ob Geronimo mehr weiß.“, meinten sie und der Wagen fuhr los in Richtung Einsiedlerhof. Am Ende des riesigen Geländes standen einige hundert Container und davor befanden die ganzen Parabolantennen für die Satellitenübertragung. Das Areal wurde intern nur „Satellite Garden“ genannt. Über diese Containersiedlung steuerten die Amerikaner die Drohnen in der westlichen Welt. Da das Gelände gesichert war, gab es nur einen Punkt für Treffen und den kannte jeder, der schon einmal hier war, als „Moo’s Pub.“

Moo‘s Pub war eine typische rabenschwarze Country Longe außerhalb der Basis nahe dem Einsiedlerhof. Hierher kamen die altgedienten Hasen und jene, die sich auskannten. Die laute Musik und der Geruch amerikanischer Burger und Getränke schufen ein kleines Gefühl von Heimat.

Der Barkeeper erkannte die beiden Colonels und grüßte sie freundlich. Nach einem kleinen Wortwechsel hatten sie die Antworten, die sie brauchten, und gingen in einer der vielen Nebenräume.

Dort saßen einige stämmige Leute mit einem tadellosen Haarschnitt und rabenschwarzer Haut. Als die beiden hochgewachsenen Weißen in den kleinen Nebenraum traten, begann der Mann mit der schwärzesten Haut lauthals zu lachen.

„Hey, ihr beiden Vögel, Moo hat mir schon gesagt, dass ihr in der Base seid. Jungs, lasst uns mal eben eine Stunde alleine, das sind sehr gute Freunde von mir, diese weißen Halbaffen haben mir unzählige Male das Leben gerettet.“

Als der Raum leer war, schaute der Mann die beiden an: „Schön euch wieder zu sehen. Wollt ihr nur reden, oder wollt ihr REDEN?“

„Wir haben uns lange nicht gesehen und wollten mal REDEN.“

„Gut kommt mit, ich gebe einen aus.“ Er verließ mit den beiden den Pub. Auf dem Parkplatz stand ein uralter Chevrolet-Lieferwagen, der offenbar schon bessere Zeiten erlebt hatte. Aber als die drei hinten in den Wagen einstiegen, war ihnen klar, dass der Innenraum eine hochwertige Ausstattung hatte. Modernste Abhörtechnik und allerfeinste Elektronik befanden sich überall. Das breite Grinsen des Mannes wurde von einem kurzen Zischen unterbrochen, als er einen Knopf drückte und es aus dem Schuh von Colonel Miller kurz dampfte.

„Jetzt können wir reden, verdammt nochmal, was treibt ihr hier? Ich habe gehört, dass es da ganz heftig rauscht im Blätterwald, ihr seid doch nicht etwa wegen dem Bio-Dreck hier, oder?“

„Doch, und wir sollen in Italien aufräumen!“

„Vergesst Italien, vergesst Napoli, die HEMA hat halb Bagnoli verbrannt, indem sie einen Gastranker hochgejagt hat! Zum Glück hat ein mutiger Italiener sich geopfert und den Gastanker noch im Meer verbrennen lassen, aber die Formel ist längst nicht mehr dort in der Stadt. Die letzten Zahlen waren 123 Tote in der Fabrik, wie viele in der Stadt umgekommen sind, weiß ich nicht, aber offensichtlich weniger als anfangs befürchtet. Die HEMA hat buchstäblich jeden umgelegt, der ihnen in der Fabrik über den Weg lief.“

„Ein heldenhafter Italiener, wer hätte das gedacht.“

Die beiden Colonels sahen sich kurz an, dann fuhr ihr Freund fort.

„Ihr werdet diese Nacht nach Diego Garcia fliegen und morgen geht’s weiter. Freut euch auf Sonne und Meer, es geht nach Soulebda.“

„Davon steht in unseren Befehlen aber noch nichts.“

„Aber bald, eigentlich müsste euer Funker sich längst gemeldet haben. Lasst mich raten, die haben euch taufrisches Gemüse mitgeschickt ohne Kampferfahrung?“

„Absolutes Grünfutter!“

„Ihr wisst, was das bedeutet, für die da oben seid ihr bereits abgeschrieben!“

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Noch am Abend flogen die Soldaten mit einer C-17 Transportmaschine in die Nacht hinaus und ihr Flug wurde nur für einen Tankvorgang unterbrochen. Auf der Basis in Diego Garcia herrschte reges Treiben und man konnte auch zwei B2 in den Sheltern erkennen, es war offenbar etwas im Gange.

Nach einem weiteren Tankstopp luden sie ihre Ausrüstung in eine zivile Transportmaschine und starteten nach einer Stunde in den aufgehenden Morgen gen Soulebda.

„So Männer, ruht euch nochmal aus, die folgenden sechs Stunden bilden den letzten Schlaf, den ihr auf lange Zeit bekommen werdet.“

Bei diesen Worten machten sich die Truppen, noch ein Nickerchen zu halten. Die Colonels begaben sich in ihre Kabine und schlossen die Tür.

„Was meinst du zur aktuellen Entwicklung, die wollen, dass wir unsere Freunde hintergehen?“

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SOULEBDA

Die Hochzeit war ein unvergessliches Fest über drei volle Tage. Am Ende des dritten Tages, quasi im kleineren Kreise von nur wenigen Hundert Menschen, überraschte mich Peter.

Levi, Hannes, Bernd und Decker hatten sich im Halbkreis drapiert und ich wurde von Penelope und Fabienne auf einen Stuhl in die Mitte gesetzt, dann setzte eine leichte Musik ein.

Peter trat vor und meinte: „Weißt du, mein Schatz, wir haben bei der Hochzeitsfeier etwas ausgelassen – den Hochzeitstanz.“

Soleab klatsche in die Hände und mehrere Paare Tänzer und Tänzerinnen kamen in den Raum und begannen den traditionellen Hochzeitstanz, in den ich mich einreihte und Peter mit zog.

Zusammen tanzen wir und sogar Soleab zog Penelope mit auf die Tanzfläche.

Die Leute, viele unserer Freunde und der Stammesklan, sie standen auf und zollten Beifall, ein jeder auf seine Weise.

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Ganz Soulebda hatte gefeiert und getanzt. Dann begannen die Aufräumarbeiten. Peter lag in meinen Armen und wir ließen die Sonne des frühen Morgen auf unserer Haut wirken. Endlich etwas Ruhe, endlich die Füße hochlegen und endlich Wind um die Haare. Da klopfte es an der Tür.

„Ihr solltet jetzt endlich mal aufstehen, Ma‘ hat ein wunderbares Essen gerichtet und ich glaube, ihr müsst mal wieder zu Kräften kommen.“

Frisch geduscht und Hand in Hand traten wir nach unten auf den Balkon. Unsere Freunde hatten sich versammelt und wir unterhielten uns bei dem wunderbaren Essen. Zum ersten Mal traten wir als richtiges Ehepaar auf.

Peter saß neben mir, Jessica, Vera, Sarah, Fabienne an der einen Seite. Bernd Schubert, Veronique, Soleab, Penelope, Jerome und natürlich Dana und Randy nahmen die andere Seite der prächtigen Tafel ein. Madame Ma‘ Difgtma und ihre Küchenmannschaft hatten einiges zu tun, aber endlich lächelte auch Madame Ma‘ Difgtma Peter an.

Dann kamen Levi und Hannes dazu mit den letzten Meldungen.

„Herhören, das ist jetzt aktuell. Die Terrorgruppe HEMA hat im Golf von Neapel einen Gastanker gesprengt und dadurch fast eine Stadt ausgelöscht. Ein mutiger Kapitän hat das schlimmste verhindert. Mitglieder der Gruppe haben die vorletzte Formel gestohlen, der ganze Brand hatte nur den Zweck, Zutritt in den geschützten Bereich zu erhalten. Das Blutbad, das sie dabei in der Firma hinterließen, war grauenhaft.

Jetzt fehlt nur noch ein Teil und diese Höllenformel ist einsatzklar. Und jetzt kommt‘s. Dagan hat seinen Maulwurf gefunden, es war ein Minister der Führungsebene! Es wird noch geprüft, ob das alles war. Wenn wir morgen früh was von Dagan hören, war es nur dieser eine Maulwurf.

Ihr beide aber,“ und damit zeigte Levi auf Peter und mich, „Ihr müsst morgen um 14.00 am großen Landungspier 17 sein. Da legt eine Fähre an und bringt euch zur Hochzeitsreise. Ihr seid auf der „Peace of Mind“ der diesjährigen 70.000 tons of metal eingecheckt.“

„Leider ist der Kahn vollbesetzt, wir können also keinen Schutz für euch mitschicken, passt also auf. Wir versuchen euch zu informieren, was wir hier erfahren. Aber ihr habt erst einmal Pause und genau das macht ihr auch, Pause, abschalten, Hochzeitsreise!“

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Am frühen Nachmittag verließen wir mit unserem Gepäck Soulebda und die Fähre schipperte los auf die „Peace of Mind“ zu. Als wir näher kamen, erfasste uns bereits der harte Klang von Heavy Metal und unsere Augen begannen zu leuchten.

„Peter, das wird klasse, keine Galauniform, außer zum Kapitäns Dinner und ansonsten bequeme Badesachen und harte Musik. Peter, Liebling, das wird eine klasse Hochzeitsreise, endlich einmal keine Gewalt!“

Zwei der Frauen neben uns auf der Fähre sahen erst sich, dann uns erstaunt an und wir mussten zusammen lachen: „Keine Sorge, er schlägt mich nicht.“

Jetzt lächelten auch die beiden Frauen wieder und die jüngere meinte: „Sie schlägt mich auch nicht…“ und wir lachten nochmals. Kurze Zeit später legten wir an.

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Während wir noch mitten in den Vorbereitungen für die Hochzeit steckten, landeten nacheinander die Helden der Rebellion.

Mehrere von Heylah gecharterte Maschinen hatten Frank, seine Frau, Deckers Frau, Helmer, Johann, Bernd, Schemmlein und jeden Arzt, Krankenschwester und Pfleger, der während und nach den Kämpfen geholfen hatte, nach Soulebda gebracht.

Mit dabei war natürlich auch die populärste Heldin Soulebdas der neueren Geschichte, Fransiska Haufberger. Um keinen Preis der Welt wollte sich Fransiska die Gelegenheit entgehen lassen, eine Reportage über die Hochzeit zu drehen. Dennoch hatte sie ihrem Arbeitgeber klar gemacht, dass sie als Gast zur Hochzeit geladen war. Also hatte der sich dazu entschlossen, gleich ein ganzes Team zur Berichterstattung mitzuschicken und das seltene Ereignis live in die Welt zu übertragen.

Am Flughafen erwartete die Passagiere eine riesige Überraschung. Die Bürgermeisterin von Soulebda Stadt, Nauyra Bet’sudtita, eine braungebrannte Schönheit, begrüßte ihre Helden persönlich und hinter ihr stand die halbe Stadt. Zumindest konnte man den Eindruck gewinnen, dass die halbe Stadt sich am Flughafen versammelt hatte…

Franks Frau, Iris, war sichtlich gerührt, als sich die Bürgermeisterin Nauyra Bet’sudtita vor Frank, als einem der Retter ihrer Stadt verbeugte. Frank allerdings war zum ersten Mal richtig verlegen und wusste nicht, was er sagen sollte.

„Irgendwie, werde ich das Gefühl nicht los, dass du mir nicht alles erzählt hast, was hier so passiert ist.“, flüsterte Iris ihm zu.

„Hallo Liebes.“, Decker trat aus dem großen Gefolge und umarmte seine Frau.

Marianne war mittlerweile wieder etwas milder gestimmt. Schließlich kannte sie ihren Wolfgang und der würde sich auch nicht mehr ändern. Wolfgang würde immer losziehen, um seinen Freunden beizustehen und ganz ehrlich… seine Loyalität war einer der Gründe, warum sie ihn so liebte.

„Was macht unser Held?“, fragte ihn Frank.

„Wir haben ihn und seine Freundin sicher untergebracht. Sie sind bei unseren Freunden untergekommen. “

„Gut. Ich habe noch immer keinen Kontakt zu Dagan, also wird die Sache noch nicht ausgestanden sein.“

„Mach dir keine Sorgen, wir haben hier alles unter Kontrolle. Das ist das Schöne an einer Insel, man muss erst mal herkommen. Die Marine überprüft jedes Schiff, das in Richtung Insel fährt, und Veronique hat eine Zweierstaffel in der Luft.“

Nach der überschwänglichen Begrüßung brachte eine Delegation die Helden der Rebellion zu ihrem Hotel und sorgte dafür, dass kein Wunsch unerfüllt blieb.

Die Bürgermeisterin aber blieb am Flughafen, denn schon eine halbe Stunde später landete aus Diego Garcia eine weitere Maschine, die die amerikanischen Ärzte und Sanitäter brachte.

Natürlich war auch eine Abordnung der USS Theobald mit dabei, die weiter durch den Pazifik fuhr, und ihr wachsames Auge auch auf Soulebda hielt.

Höhepunkt war eine Staffel F/A-18 der Theobald, welche Rauchspuren in Landesfarben hinter sich herziehend über die Stadt donnerte, und eine Ehrenrunde um die Vulkane flog.

Mit dabei, aber im gelandeten Flieger wartend, bis sich der ganze Rummel gelegt hatte, waren Mike, Dave und eine Abteilung Soldaten.

So kam ein Staatsgast nach dem anderen an und die Bürgermeisterin hatte an diesem Tag alle Hände voll zu tun.

Am Abend gab es in der Stadthalle eine Galaveranstaltung, bei der den Ehrengästen die Entstehung, Geschichte und Kultur der Insel in einem grandiosen Schauspiel präsentiert wurde.

Frank und Decker hatten sich für eine kurze Zeit abgesetzt und saßen mit Soleab und Bernd zusammen, um die neue Situation zu besprechen. Beherrschendes Thema war natürlich der Golf von Neapel. Terroristen, die nicht davor zurückschreckten, eine ganze Stadt in Trümmer zu legen, mussten unbedingt gestoppt werden. Soleab informierte seine Freunde, dass sie notfalls auf die Hilfe der Armee Soulebdas zählen konnten.

„Wir müssen vorsichtig sein. Ich weiß nicht, wer der wirkliche Feind ist. Wir müssen darauf gefasst sein, einen Zweifrontenkrieg zu führen.“

„Bevor die Amis oder die Israelis, etwas unternehmen können, müssen wir diese beschissene Formel erst mal haben.“, brummte Decker. „Und das wird ein harter Brocken. Zuerst müssen wir herausfinden, wo HEMA seine Zentrale hat. Dagan sagte, er schickt sofort einen Boten, sobald er sie ausgemacht hat.“

„Die Frage ist, wie wir dann dort hinein kommen.“

„Dazu brauchen wir unsere amerikanischen und israelischen Freunde.“

„Die uns anschließend opfern werden, um die Formel in die Finger zu bekommen.“

„Ja, genau die.“

„Was für ein Mist.“, brummte Frank. „Wolfgang…“

„Nein! Ich werde das durchziehen. Das beste Team der Welt steht hinter mir und wir werden das schaffen, aber ich brauche dich. Wenn die Sache schief geht, müssen du und Fransiska einen Riesenwirbel veranstalten, den man in der ganzen Welt hört.“

„Wie ich Fransiska kenne, wird das kein Problem für sie sein.“, lachte Frank.

„Lassen wir es für heute gut sein und genießen den Abend.“, sagte Soleab. „Was haltet ihr von unserer Gala?“

„Ich liebe diese Insel, aber Kultur, die länger als eine Stunde dauert, ist hier genauso langweilig wie bei uns.“, grinste Decker und alle lachten.

„Herr Schubert?“ Einer der Gäste trat mit Penelope an seiner Seite zu der Gruppe.

„Ja?!“

„Das ist Herr Gerhardt, der neue deutsche Botschafter. Herr Schubert, ein sehr geschätzter Freund und Träger des Kahlscha’daar, dem Zeichen des absoluten Vertrauens.“, stellte Penelope die beiden gegenseitig vor.

Sofort versteifte sich die Atmosphäre. Schließlich war Bernd noch immer in Deutschland zur Fahndung ausgeschrieben und lediglich die Tatsache, dass Heylah ein Gesetz erlassen hatte, das Bernd als Träger des Kahlscha’daar schützte, verhinderte eine Auslieferung an die deutschen Behörden.

„Herr Schubert, ich möchte Ihnen von einer neuen Entwicklung berichten. Vor zwei Monaten haben polnische Fahnder einen Drogenring gesprengt und auch einen Drogenkurier verhaftet. Dieser wurde nach Deutschland ausgeliefert. Um Aussicht auf Strafmilderung zu bekommen, hat er ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Der Name des Kuriers ist Alfons Silberstein.“

Bernds Augen blitzen auf. Silberstein war der Mistkerl, der seine Drogen in Bernds Helikopter gepackt und sich abgesetzt hatte, als dieser verhaftet wurde.

„In seiner Aussage vor dem Haftrichter werden Sie, was diese unschöne Sache mit den Drogen im Hubschrauber betrifft, entlastet. Der Prozess gegen Herrn Silberstein wird voraussichtlich in sechs Wochen beginnen. Ich habe die Aufgabe, Sie hiermit als Zeuge zu laden.“

Frank und Decker schlugen Bernd gleichzeitig auf die Schulter.

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Diego Garcia

Am Tag zuvor auf Diego Garcia war Mike mit seiner Truppe gelandet und die Männer konnten sich auf dem Stützpunkt die Beine vertreten, bevor es weiter nach Soulebda ging.

Auf dem Weg nach Diego Garcia hatte Mike jede Menge Zeit zum Nachdenken. Dave hatte es auf den Punkt gebracht. Die neuen Befehle besagten nichts anders, als ihre langjährigen Freunde und Gefährten zu hintergehen und sie notfalls als „personellen Verlust“ hinzunehmen.

Immer wieder schweiften seine Gedanken zurück zu dem Tag, an dem er Caroline Miles und Peter Stein kennengelernt hatte. Der kurze dramatische Kampf im Fahrstuhl, die Schlacht um Fransiskas Hütte, die Rebellion auf Soulebda und letztlich der Kampf gegen die Menschenhändler in Sibirien. All die Kämpfe hatten zusammengeschweißt und nun …

Mike hatte seine Befehle in jedem dieser Einsätze gedehnt, gebogen und manchmal schlicht ignoriert. Der Grund, warum man ihn nicht längst vor ein Kriegsgericht gestellt hatte, war einfach. Er hatte Erfolg.

Doch Erfolg hatte in diesem Fall einen üblen Nachgeschmack. Wenn er Erfolg hatte, war die Formel in seinem Besitz. Mike war klar, dass Dagan nicht einfach zusehen würde.

Mike war zwar durchaus bereit, diese Frage der Führungsebene beider Geheimdienste zu überlassen, doch als er hörte, dass sie nach Soulebda flogen, wusste Mike, wer für Dagan ins Rennen stieg. Ihm war klar, dass weder Caroline noch Fabienne oder Dana ihm die Formel einfach überlassen würde. Nein, sie würden darum kämpfen!

Er musste einen Weg finden, das zu verhindern!

„Colonel Smith?“, kam ein Adjutant zu Mike und salutierte.

„General Colby wünscht Sie zu sehen.“

Der Adjutant drehte sich zackig um und schritt voraus, während Mike vor sich hin brütend folgte.

„Colonel Smith.“, kündigte der Adjutant Mike beim General an. Der trat auf den General zu und salutierte.

Beim General stand ein weiterer Mann, der zwar eine Art Uniform trug, aber eindeutig Zivilist war.

„Colonel, schön, dass Sie es so schnell geschafft haben, Ihre Truppe hier her zu bringen.“

„Danke, Sir.“

„Das ist Mister Kraemer. Er wird Sie und Ihre Truppe begleiten.“

„Sir?“

„Kraemer ist Chef einer Spezialeinheit. Er und seine Männer gelten als Zivilisten. Da es nicht ganz auszuschließen ist, dass wir auf fremdem Hoheitsgebiet agieren müssen, können wir auf diese Art eventuelle diplomatische Hürden umgehen.“

Spätestens jetzt dämmerte es Mike, was hier gesagt wurde. Kraemer und seine Leute waren nichts anderes als Söldner, die das taten, wozu man sie bezahlte. Sie kannte das „Problem“ Moral nicht. Zumindest nicht in dieser Sache. Sie sollten keine Zivilisten umbringen, Morde begehen oder Ähnliches. Sie sollten nur ein paar Daten beschaffen. Und das ohne Rücksicht auf Verluste.

„Sir, wie ist der Staus der Einheit mir gegenüber?“

„Sie und Colonel Miller werden Kraemer als Berater unterstützen.

Auf Soulebda wird noch Major Meresch von der israelischen Armee dazu stoßen. Leider konnten wir das nicht verhindern, aber auch er wird lediglich als Berater tätig sein.“

„Was ist mit meiner Einheit, General?“

„Die wird in Soulebda als Reserve bleiben und nur auf meinen Befehl hin aktiv werden. Hier sind Ihre Befehle.“

Colby übergab Mike einen Umschlag, den Mike sofort öffnete und die Befehle daraus durchlas. Da stand es, schwarz auf weiß, er war kalt gestellt! Colonel Smith fungierte als BERATER! In Mikes Kopf bildete sich eine dunkle Wolke aus Wut und Hilflosigkeit.

Verdammt, Mike hatte schon tief eingeatmet, um Colby zu sagen, dass er ihn am Arsch lecken könne. Doch gerade als sich der erste Laut bildete, gewann der Verstand die Oberhand und schluckte Mike es hinunter.

Wenn er Colby jetzt sagte, dass er ihn am Arsch lecken könne, würden sie sich einen anderen suchen und der würde sich sicher nicht dieselben Gedanken machen wie er.

„Verstanden, Sir.“

„Gut, ich lasse sie jetzt mit Mister Kraemer alleine. Er wird Ihnen seine Truppe vorstellen. Viel Glück.“

Damit ließ Colby ihn stehen und verschwand.

„Hören Sie, Smith, ich weiß ziemlich genau, wie angepisst Sie sind, aber lassen Sie uns zusammenarbeiten.“ Kraemer hielt ihm die Hand hin und Mike schlug mit einem gedanklichen –leck mich- ein.

COLLINS! ANTRETEN IN ZWEI MINUTEN!“, brüllte Kraemer und hinter ihm lief einer seiner Männer los.

Kraemer führte Mike in einen Hangar an der Landebahn, in dem 50 Mann angetreten waren.

Der Soldat in Mike erkannte sofort die Kampfkraft dieser Truppe. Das waren keine Möchtegernsoldaten, das waren richtige Soldaten. Ehemalige Seals, Green Baretts, Ranger… Eine verdammt harte Truppe.

„Ein weiteres Detachement ist bereits eingeschifft und unterwegs ins Einsatzgebiet.“, verkündete Kraemer.

„Wie viele?“

„Dreißig Mann, dazu ein Vorauskommando aus 10 Mann, das bereits nach der neuen Zentrale der HEMA sucht.“

„Haben Sie Hinweise darauf, wo diese sein könnte?“

„Nein, bis jetzt haben wir weder aus Washington noch aus Tel Aviv einen Hinweis bekommen.“

Mike war mittlerweile im „Funktionsmodus“ angelangt. Zuerst musste er die Lage erfassen, dann sondieren und schließlich eine Entscheidung treffen. Noch war er dabei, die Fakten zu erfassen.

Im Inneren des Hangars konnte Mike schweres Gerät erkennen und er war sich sicher, dass Kraemers Truppe auch über schwere Waffen verfügte. Diese Truppe war durchaus in der Lage, mit den Soldaten, die ihn begleiteten, kurzen Prozess zu machen…

Während Kraemer dastand und wartete, dass Mike sich zu seiner Truppe äußerte, lichteten sich der Nebel und die Ungewissheit in dessen Kopf. Mit einem Mal war ihm klar, dass er genau hier und jetzt vor seinem Gegner stand. Nicht Caroline, Fabienne oder Dagan war der Feind. Nein, es war diese Truppe!

„Sie haben eine wirklich gute Einheit, Kraemer! Ich bin beeindruckt.“

„Danke, Colonel. Das ist Collins, mein Stellvertreter.“ Kraemer winkte einen seiner Männer herbei. Collins, ein 1,8 Meter großer Schrank baute sich vor Mike auf, doch Mike ließ sich von dessen Auftreten nicht einschüchtern.

„Colonel!“, Collins reichte Mike die Hand und ließ sich auf das, „Ich schau dich böse an Spiel“ ein, das er schon nach Sekunden verlor.

-Mit dem werde ich meine Freude haben.- dachte sich Mike, spielte aber weiter den angenehm überraschen Soldaten.

„Wir fliegen in 12 Stunden los. Seien Sie pünktlich.“, damit versuchte Mike die beiden einzuwickeln, indem er den Naiven spielte, und Kraemer lachte.

**

 

TEL AVIV

Dagan saß in seinem Büro und schaute sich die Livebilder der Hochzeit an. Lem saß neben ihm und keiner sagte ein Wort, als das Brautpaar Hand in Hand die Stufen erklomm und vor die Präsidentin trat.

„Unglaublich, oder?“, fragte Lem.

„Ja. Ich weiß noch als Caroline so klein war …“

„Stimmt… Sie war so groß.“ Lem zeigte einen Meter hoch. „Sie konnte beinahe, ohne sich zu bücken, unter dem Tisch durchlaufen.“

Dagan schluckte kurz, dann war er wieder der Dagan, den alle kannten.

„Lem, sie haben eine Zentrale verloren und brauchen schnell eine neue und vor allem eine leistungsstarke. Was tun sie, um zu verhindern, dass ihre neue Zentrale auch ausgeschaltet wird?“

„Ich würde mir eine mobile Zentrale suchen, eine die den Standort wechselt, schwer zu lokalisieren ist und bei der schon alle Geräte vorhanden sind, die ich brauche. Vor allen würde ich sicherstellen, dass man sie nicht einfach in die Luft jagt.“

„Und wo bekommen sie eine so leistungsstarke Zentrale in kurzer Zeit her?“

„Tja, das ist die eine Million Schekel Frage.“

**

SOULEBDA

Nachdem das Paar den weltlichen sowie den Segen der Priester erhalten hatte, verließen Mike, Dave und Meresch ihren Beobachtungsposten.

Um sicher zu gehen, dass sie nicht belauscht wurden, schaltete Mike den Störsender ein.

„Was macht eigentlich dein bester Kumpel, Menachem?“

„Den haben sie zum Major befördert und jetzt hat er ein eigenes Kommando.“

„Und du?“

„Mich wollten sie auch befördern, aber dann würde ich die meiste Zeit am Schreibtisch sitzen, und darauf hatte ich keine Lust. Wenn ich mir allerdings diesen Mist hier ansehe, frage ich mich, wie ich so blöd sein konnte, nein zu sagen.“

„Welche Befehle hast du?“, fragte er Meresch.

„Zu verhindern, dass deine Seite allein die Formel bekommt.“

„Ich habe dafür zu sorgen, dass genau das geschieht.“

„Dann haben wir ein verdammtes Problem.“

„Hör zu! Ich will weder gegen dich noch jemand anderes, der uns nahe steht, kämpfen. Wir müssen verhindern, dass es überhaupt zu einer solchen Situation kommt.“

„Nur damit das klar ist, wir reden hier von Meuterei.“, warf Dave ein. „Du weißt, ich stehe immer hinter dir, aber ich will vorher wissen, wohin die Reise geht.“

„Meuterei?“, fragte Mike.

„Da bin ich mir nicht so sicher!

Der erste Befehl, den ich erhielt, besagte, ich solle alles tun, um diese Formel zu vernichten. Unterschrieben vom Präsidenten persönlich! Doch es stand auch in dem Befehl, dass um die Formel ein für alle Mal unschädlich zu machen, auch personelle Verluste in Kauf zu nehmen sind.

Der nächste Befehl aber besagte, ich solle die Formel sicherstellen, und dieser sowie der Befehl von gestern, waren unterzeichnet vom Befehlshaber der Armee und dem Leiter der CIA.

Ich frage mich, ob der Präsident weiß, dass seine Befehle geändert wurden.“

Die drei sahen sich schweigend an.

„Die haben uns alle drei kalt gestellt. Kraemer wird alles tun, um die Formel nach Washington zu bringen. Also was tun wir?“

„Es hat mir zwar niemand gesagt, aber ich bin auch nicht blind.“, sagte Meresch. „Es ist kein Zufall, dass wir gerade jetzt auf dieser Insel sind. Hier geht es nicht um die Hochzeit. Dagan hat das einzige Team versammelt, dem er trauen kann.

Wir sollen nur Randy und Dana mitnehmen, doch ich bin mir sicher, dass Decker und die anderen ebenfalls losziehen, um die Formel zu suchen. Und sie werden sie sicher vernichten, also müssen wir nur dafür sorgen, dass unsere Freunde die Formel zuerst finden.“

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An Bord der Peace of Mind

„If you love, then fight!”, donnerte die Stimme von Sheila Lizzy.

Sheila war genau die Rockröhre, die man sich als Frontfrau einer Metallband vorstellte. 1,6 Meter geballter Sex in schwarzem Leder, lange blonde Haare und eine Reibeisenstimme, die sie unverwechselbar machte.

Jetzt sang sie ihre bekannteste Ballade, tausende Feuerzeuge schwangen hin und her und erleuchteten das Deck vor der Bühne.

Ganz vorne, in den ersten Reihen, hielt ich meine Caroline eng umschlungen und wir sahen uns tief in die Augen.

Welches Lied passte besser zu uns als dieses?

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Israelisches U-Boot Hebron – Spitzname „Todesschatten“

“If you love, then fight!”

Sonar-Leutnant Beredin summte leise mit, bis er sah, dass sein Captain vor ihm stand.

„Schön, dass Ihnen die Musik gefällt, Beredin.“

„Sorry, Captain, aber ich bin ein echter Fan von Sheila Lizzy. Ich wollte Karten für den Pott, bin aber leer ausgegangen.“

„Tja, und jetzt sind Sie genau darunter und das auch noch auf Staatskosten. Was tut sich sonst so in der Welt?“

Beredin drehte sich zu seinem Pult und rief alle Kontakte auf, die er feststellen konnte.

„Keine Kontakte im Umkreis von 50 Meilen. Im weiterem Umkreis, zwei Kontakte.

Hier ist ein Frachter mit Kurs auf Wellington, Entfernung 134 Meilen, der sich stetig von uns entfernt, Geschwindigkeit 18 Knoten.

Außerdem eine Fähre, Brisbane-Auckland, Entfernung 157 Meilen, Geschwindigkeit 14 Knoten, näherkommend. Schätze, sie passiert uns in 12 Stunden, mit einer Entfernung von 8 Meilen.“

„Gut, halten Sie die Augen auf. Wir haben eine Warnung aus Tel Aviv bekommen.“

„Verstanden. Captain, eine Frage.“

„Schießen Sie los.“

„Wer könnte Interesse daran haben, ein Schiff voller Metaller zu entführen?“

„Was das angeht, habe ich genau so viel Ahnung wie Sie. Vielleicht ein militanter Anhänger der klassischer Musik.“, grinste Kapitän Tamar, wurde aber sofort wieder ernst. „Das Problem bei Warnungen aus Tel Aviv ist, dass diese fast immer stimmen, also richten Sie ihre Ohren nach draußen und nicht nur nach oben.“

„Verstanden, Captain.“

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Peace of Mind

Mit einem gigantischen Feuerwerk wurde die erste Nacht der Mettallgemeinde gefeiert und die „Peace of Mind“ zog friedlich ihre Bahn durch den Stillen Ozean, mit mindestens zwei Verliebten an Bord und ohne zu wissen, dass 30 Meter unter ihr eines der modernsten U-Boote Israels über sie wachte.

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„Schau, ist das nicht herrlich!“, rief ich und kuschelte mich in Peters Arm, während die Lichter des Feuerwerks die schönsten Farben und Figuren in den nächtlichen Himmel zauberten.

Peter hielt mich im Arm und küsste mich, es war so richtig romantisch, dazu die passende harte Musik. Auf der riesigen Leinwand mittschiffs hatte ein ultrastarker Laser-Beamer „Iron Maiden – The Number of the Beast“ projiziert und die Fangemeinde begann allmählich aufzutauen und mitzugehen.

Im Inneren des schönen Schiffes aber hatten sich bereits die Bösen in ihren Kabinen versammelt. Gleich neben der kleinen Messe lag das Sendesystem mit der gesamten IT.

Shaah Kalaaf hatte seine Leute zusammengetrommelt und instruierte nochmals die Mannschaft.

„Wir befinden uns hier auf Deck 6 mittschiffs. Kabine 66, eine kleine Messe mit Konferenzausrüstung. Diese ist für uns reserviert und unsere neue Zentrale. Vor uns beginnen die Technikräume der IT, hinter uns die Satellitensysteme und die ganze Netzwerktechnik.

Wir haben die Kabinen vor, neben und hinter der Schaltzentrale, unser Zentrum ist aber hier. Wir haben die Schlüssel dazu und jeder, der hier hereinkommt und nicht zu uns gehört, wird kassiert, ist das klar?“ Einstimmiges Nicken kam von seinen Leuten.

„Klaus hat die Pläne ausgearbeitet und jeder von euch hat sie auswendig zu kennen. Wir werden an zwei Stellen Versorgungen aufnehmen, das sind diese Inseln da, hier und später noch die da. Bis wir im weiten Ozean sind, will ich, dass keiner von euch auffällt, wir haben keinen Plan B.

Wer hier einen Fehler macht, den werfe ich eigenhändig über Bord. Und zwar vor das Schiffsheck, die Turbinenpropeller machen aus euch dann Frikassee – also keine Fehler. So, Klaus, und nun zu dir, weise die Leute in die Decks ein.“

Klaus Wolgarath, das Technikgenie der Terrorgruppe, verteilte die Pläne und gab auch an alle eine DVD mit den ganzen Plänen aus. Danach zeigte er die zusammenhängende Stromversorgung und die Fluchtmöglichkeiten. Kurzum, es gab eine gute Einweisung und die Leute hörten aufmerksam zu.

„Jeder von euch bekommt eine solche iWatch, die ist auf das Handy gekoppelt. Damit seid ihr immer erreichbar und wir wissen, wo ihr euch herumtreibt. Passt auf die Handys auf, die kann ich nicht ersetzen, und es sind keine normalen iPhones, sondern wir haben sie überarbeitet.“ Er verteilte die neuen Geräte und sie wurden bereitwillig angelegt und eingeschaltet.

„Jetzt macht euch mit den Plänen vertraut, um 09.15 h mache ich eine Führung für euch, wir treffen uns am Punkt 53 in den Plänen. Alles klar, dann schafft was.“

Keiner achtete auf die 23 Leute, die über die Decks gingen und nach und nach das ganze Schiff kennenlernten. Sie gingen auch in Personalbereiche und es gelang ihnen dennoch, nicht aufzufallen. Am späten Nachmittag war die Besichtigung abgeschlossen und die Leute bekamen ihre Aufgaben zugeteilt. Dann verschwanden sie in ihre Gruppen aufgeteilt und mischten sich unter das Volk.

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„Verdammt, was ist mit der Leistung aus der Maschine acht!“, tobte ein Ingenieur und verglich die erzeugte Leistung mit dem angezeigten Output. Der 42 KW starke Generator lieferte immer weniger Leistung zum Verteiler, jetzt fehlten bereits 8 KW. Seinen Vertreter wies er an: „Wenn der Leitungsabfall auf 10 KW steigt, gib Bescheid, dann müssen wir den Generator wechseln.“

In der neuen Zentrale trug Klaus Wolgarath, der jedes Wort mitbekommen hatte, den Schwellwert von 9 KW in sein Notebook ein. Mehr hatte er also nicht zu Verfügung, das würde vom Maschinenstand noch geduldet. Aber 9 KW war eine Menge Leistung, damit konnte er zufrieden sein.

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Wir lagen in unseren Liegestühlen und beobachteten die Menschen, die an uns vorüberzogen. Metaller sind ein besonderer Menschenschlag und haben für gewöhnlich wenige Berührungsängste.

Ab und zu trafen wir auf einige merkwürdige und dann wieder auf echt durchgeknallte, aber nette Mitreisende. Unser Liebespärchen von Soulebda sahen wir auch wieder, sie hatten sich bereits voll in den Ablauf integriert und rockten zu der Musik.

„Sag mal, Liebling, kommt nur mir es so vor, oder laufen hier einige Gruppen umher und checken das Schiff ab?“ Peter prostete mir mit seinem Drink „Nicht nur dir sind die aufgefallen, ich denke, die gehören zu zwei Banden, aber irgendetwas passt da noch nicht.“

„Ja, zu gut angezogen und alle haben die gleichen Nike Air Max an. Komisch ist auch, dass bisher jeder von denen die gleiche Uhr trägt, oder?“

Da überall an Bord Bilder gemacht wurden, fielen wir auch nicht weiter auf, als wir nach und nach die Leute ablichteten, die wir in diese Gruppe der „Komischen“ einordneten.

Am anderen Morgen, nach einer harten und sehr schönen Nacht mit guten Drinks und wenig Schlaf, verglichen wir unsere Bilder.

„Schon komisch, dass die sich immer an zentralen Punkten herumtreiben und immer zu dritt auftauchen. Wir sollten mal unsere Freunde fragen, ob die mit denen etwas anfangen können.“

„Die werden dich auslachen und dir sagen, dass du Urlaub machen und nicht Gespenstern nachjagen sollst!“

„Ja, Schatz, aber dir kommt das doch auch komisch vor, oder?“

Das WLAN an Bord war schnell und wir loggten uns auf dem Server in Soulebda ein. Randy bekam die Bilder in sein Postfach, und wir wünschten unseren Freunden gute Jagd, auf wen auch immer, und baten um ein Update.

„Schau mal, ist das nicht Magdalene de la Crux, die Krankenschwester?“, fragten wir uns und winkten ihr zu. Freudig quietschend, jemanden entdeckt zu haben, kam sie mit ihren drei Mädchen auf uns zu. Sie berichteten, dass sie sich auf dem Schiff hier als medizinische Angestellte beworben hätten, angenommen wurden und heute dienstfrei hatten.

„Na, wie ist es auf so einem Ozeanriesen Dienst zu haben?“

„Auch nicht anders als in einem großen Krankenhaus, diese Metaller sind doch tatsächlich sehr ordentlich und wir haben erst zwei Schnittwunden durch Glasbruch gehabt. Auf der letzten Fahrt mit Standardpublikum hatten wir deutlich mehr zu tun.“

Wir verabredeten uns für den Nachmittag zum Brunch und spazierten weiter über Deck. Überall harte Metaller, schöne Mädchen und heiße Musik, es war einfach nur herrlich.

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SOULEBDA

Randy lag im Arm seiner Dana. Sie schlummerte nach einer weiteren harten Nacht in seinen Armen. Das Leben zu zweit hatte eben auch seine Vorzüge und er war sich sicher, Dana ist die Frau, mit der er weiter zusammenleben wollte.

„Sie haben Post“, jammerte es aus seinem Notebook, das auf dem Nachttisch stand. Normalerweise würde er die Mail nur ignorieren, aber bei der hier stach ihm der Absender sofort ins Auge, die Mail kam von Caroline und hatte mehrere Bilder als Anhang. Randy schaute genauer hin.

Mit der Bitte, die mal durch den Gesichtsscanner zu jagen, schickte Randy die Daten auf den entsprechenden Server und brühte sich einen heißen Kaffee. Er wollte sich gerade wieder an seine Dana kuscheln, als ein PLING aus dem Notebook kam, ein Treffer bei der Erkennung nach weniger als 15 Minuten? Das ging sonst aber deutlich langsamer, dachte er sich und schaute sich die Info an.

Orimnjia, Natalia. 34 Jahre, Terroristin, sehr gefährlich, Profikillerin der H.E.M.A. Äußerst brutal, arbeitet nie alleine, bei Kontakt sofort Meldung an… flackerte es über den Bildschirm.

Randy sprang in seine Badehose und schnappte sich das Notebook, schon flitzte er über den Gang zu den Anwesenden auf der Veranda.

„Ich hab was, ich hab was!“, schrie er.

Sarah lachte ihn an und meinte mit Fingerzeig auf seine Hose: „Ja, das sehen wir alle und das sieht gut aus“. Das allgemeine Gelächter erstarb, als Randy gar nicht darauf einging, sondern erzählte:

„Caroline hat vom Schiff Bilder geschickt und mich um einen Personendurchlauf auf dem Rechner gebeten. Der hat angeschlagen und das da ausgespuckt!“

Damit zeigte Randy die Daten der ersten Abfrage, noch während diese über den Bildschirm lief, kam das zweite PLING mit einem weiteren HEMA-Verdächtigen und dann noch einer und noch einer.

Fabienne sah die Bilder und rief: „Holt sofort die anderen her!“

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Peace of Mind

Kapitän Fischer, ein alter Seebär mit elegantem schlohweißen Bart und ebenso weißem vollen Haar, schaute dem Treiben der Besichtigung auf der Brücke gelangweilt zu. Diese Metaller waren anders als alle anderen, die er bisher gefahren hatte, dachte er sich, die wirken deutlich interessierter und hatten auch für die Schönheit des Meeres ein Auge.

Sein Erster Offizier kam auf ihn zu, nickte freundlich. „Ich löse Sie ab, Kapitän.“

„Ablösung erfolgt!“, antwortete er und die beiden standen eine Weile auf der „Peace of Mind“ beieinander und besprachen den Tag.

Dann ging Kapitän Fischer und machte seinen täglichen Ausflug an das Oberdeck. Die See war ruhig, einige Delfine begleiteten die Bugwelle des Schiffs. Draußen am Horizont zog ein Containerriese seine einsame Spur und Fischer schaute nach unten auf das Treiben seiner Passagiere.

Als alter Musiker hatte er noch einige der Stars erlebt, die hier an den Leinwänden prangten. Motorhead hatte er erlebt, Metallica hatte an Bord getobt, sogar Iron Maiden hatte gezeigt, was Musik ist. Er als alter Seemann hatte alles mitgemacht: Rod Steward hatte hier seine Lieder gesungen und die Frauen schmolzen dabei dahin.

Er liebte die See und er liebte Heavy Metal, Classic Rock und gute Musik. Er schlenderte weiter auf seinem Schiff, ohne sich bewusst zu sein, dass die wohl gefährlichste Terroristentruppe an Bord war und zu einem letzten Schlag ausholte.

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Am vierten Tag fuhren wir eine der Versorgungsinsel an. Das waren normale Inseln mit einem Versorgungsterminal für Hochseeschiffe, die Rampen reichten bis zu 150 Meter ins Wasser, um auch Schiffen mit viel Tiefgang, das Anlegen zu ermöglichen.

Während die Güter mit Gabelstaplern an Bord gebracht wurden, konnten die Wasserratten von uns das herrliche Wasser genießen und plantschten in dem erfrischenden Nass.

Auch wir hatten unsere Masken übergezogen und schnorchelten um dieses riesige Schiff. Deutlich konnte man die zwei Gondelantriebe am Heck sehen und die mächtigen Propeller dazu. Was allerdings dieses strömungsoptimierte Halbschalengerät unter der Schiffsmitte sollte, darauf konnten wir uns keinen Reim machen, wir würden später jemanden von der Besatzung darauf ansprechen.

Noch während wir tauchten, tönte eine Unterwassersirene und gab an, dass der Badezauber vorbei war.

Natürlich dauerte das Abzählen etwas länger, aber die Metaller waren echt gut gesittet. So ging die Fahrt weiter hinaus auf die offene See. Die Fahrt ging zwischen Vanuatu und Fidschi hindurch hinunter nach Wellington und würde gute anderthalb Wochen dauern. Erst dann käme die nächste Versorgungsmöglichkeit, ein umgebauter Flottenversorger der Australier.

Wegen der Unterwasserriffe vor Fidschi war der Kurs genau vorgegeben. In den unkritischen Gebieten würde die „Peace of Mind“ aber mit 26 Knoten fahren und danach wieder auf 23 reduzieren.

Als noch alles verstaut wurde, sah ich mit Peter, dass 21 größere, leuchtend orangene Container in die Staubereiche geschoben wurden. Die Aufschrift „Medical Devices, store dry and cool“ irritierte uns, denn all diese Container wurden in den Generatorenraum II gebracht, wo es weder trocken noch kühl war.

Bei den Typen, die davor standen, wollten wir aber nicht nachfragen, die sahen nicht vertrauenswürdig aus. Also gab es nur ein paar getürkte Fotos von Verliebten, die wir dann zu Randy sandten. Irgendetwas Seltsames ging hier vor, wir wussten nur nicht was.

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SOULEBDA

PLING, PLING, machte der Rechner mit der Gesichtserkennung. Er hatte den Stapel Fotos abgearbeitet und das Ergebnis stand fest. Von unseren 19 abgelichteten Personen waren bisher 7 als hochgradig gefährlich erkannt worden, alle zusammen wurden der HEMA zugerechnet. Mit dieser Nachricht kam Randy zurück. Spätestens da war dann die Stimmung am Boden. Die HEMA war dabei, sich ein Schiff unter den Nagel zu reißen, wenn sie es nicht schon getan hatten. Decker stellte die Frage, die es auf den Punkt brachte.

„Weshalb aber dieses Schiff, was macht die „Peace of Mind“ so einzigartig?“ Dana hatte am Rechner gesessen und drehte das Display zu den anderen.

„Ich glaube, ich weiß es. Das Schiff hat eine absolut einzigartige Satelliten-Funkstation an Bord, es kann als mobiles Fernsehstudio völlig autark arbeiten. Außerdem ist die „Peace of Mind“ mobil, schnell und sie ist ein Ziel, das man nicht so einfach wegbomben kann, sie hat Tausende Passagiere.“

Sarah schaute die anderen an. „Hat die HEMA kürzlich einen Stützpunkt verloren, wer weiß, ob da etwas war oder bringt es heraus?“

Dana schaute Randy an und die beiden rannten in ihr Zimmer. „Wenn, dann sollten wir so etwas herausfinden können, oder?“

„Aber Hundertprozentig.“ Randy hatte das Spezialhandy an den Rechner angeschlossen und wählte die Nummer in Israel. Auch wenn er damit nicht zu Dagan kam, müsste er zumindest in seiner Nähe herauskommen. Es klingelte.

Die Verbindung kam zustande, Randy gab seine Kennungen ein und authentifizierte sich. Schon war er im Technikmenü. Er platzierte seine Fragen, die Erkenntnisse und seinen Spezialcode, den Dagan ihm einmal gegeben hatte. „Für schlimme Zeiten“ hatte er damals gesagt. Dann speicherte Randy alles ab und loggte sich aus.

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TEL AVIV

Im Entwicklungslabor des Mossad prüfte Dipl. Ing. Merat die Ergebnisse und die Post. Dabei prangten im Posteingang unter SEC2 vier Mails, die er prüfte. Als die Mail von Randy an der Reihe war, erkannte Merat die Signierung und die persönliche Adressierung an Dagan und er verständigte den Diensthabenden.

Kurz darauf klingelte bei Lem das Telefon, er hatte gerade Dagan und einen Analytiker zu Besuch. „Was, von wem stammt die Nachricht, aha, danke, ja, wir übernehmen.“

Lem klickerte auf seinem Rechner und schaute die Anwesenden an. Ein kurzer Blick und der Analyst hatte verstanden, stand auf und ging.

„Ich glaube, wir haben die neue Zentrale der HEMA gefunden, sie ist auf einem Kreuzfahrtschiff in der Südsee und jetzt rate mal, von wem diese Informationen kommen?“

„Unser Team auf Soulebda?“

„Besser, von Caroline und Peter, die beiden sind an Bord der „Peace of Mind“. Sie haben gerade mindestens sieben Mitglieder der HEMA identifiziert, sie vermuten mindestens 19, dies wurde aber noch nicht bestätigt.“

Dagan schaute interessiert. „Caroline und Peter, natürlich, wer sollte auch sonst da reinschlittern? Lem, ich glaube, wir sind ein großes Stück weiter.“

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TODESSCHATTEN

„Herr Kapitän, Kontakt auf 170, da kommt ein anderes U-Boot in unseren Bereich.“ Sonar-Leutnant Beredin schaute aufgeregt zu seinem Kapitän. Malewski, der 1. Offizier, kam dazu und verglich die Daten, dann sah er auf die elektronische Karte.

„Wo ist das andere Ziel?“

„Exakt hier, Kapitän.“ Die elektronische Karte zeigte immer das eigene U-Boot in der Bildmitte. Das fremde U-Boot, das sich näherte, kam von achtern, also von hinten.

„Wo kommt der her?“

„Aus der Monroe-Senke, er wird, wenn er den Kurs beibehält, die „Peace of Mind“ in drei Stunden erreichen, Kapitän, das scheint ein wirklich altes Boot zu sein. Den Geräuschen nach ein Projekt 614 oder später, die hatten solche Elektroantriebe.“

„Wir gehen tiefer auf 300.“

„Tauchoffizier, wir gehen auf 300 Meter.“

Das israelische U-Boot versank im geräuschlosen Schatten des Meeres und ein altes U-Book kam langsam näher, ging längsseits der „Peace of Mind“, tauchte auf und verblieb an der Seite. Das israelische U-Boot kam wieder näher an das Kreuzfahrtschiff und fand seinen Platz im Lärmschatten der Propellergondeln.

„Finden Sie alles über das andere Boot heraus“

„Jawohl, Kapitän.“

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SOULEBDA

Die Nachricht von Randy blieb nicht lange geheim. Noch in der gleichen Nacht drangen gedungene Killer in die Dienstvilla auf Soulebda ein, zumindest versuchten sie es. Soleab hatte vorsorglich die Stammeskrieger informiert und diese hatten einen Schutzschirm aufgestellt.

Die Stammeskrieger hatte die Anweisung Gefangene zu machen, was sich aber als schwieriger herausstellte. Die Angreifer, es waren sechs gut ausgebildete Kämpfer, kämpften dummerweise gegen die hier heimischen Stammeskrieger und waren von Anfang an auf verlorenem Posten.

Mit dem ersten Knall flammten die Lichter der Alarmanlage auf, aber da lagen bereits drei der Angreifer verschnürt auf dem Boden. Die anderen drei hatten einen harten Kampf geliefert und ihr Leben verloren.

Die drei Überlebenden wurden Soleab und Jerome vorgeführt. Alle drei waren mit je einem starken Ast gefesselt, Arme und Beine waren fest verschnürt. Man sah ihnen an, dass die Fesseln fest saßen.

Hinter jedem der drei stand ein Stammeskrieger und passte auf, dass der Gefangene auf keine dummen Ideen kam.

Jerome trat vor den Ersten, schaute ihm in die Augen und grinste breit. Seine weißen Zähne blitzten auf. Dann schaute er zu Soleab.

„Dürfen wir die nachher essen?“ Dabei zwickte er dem Ersten in die Rippen, als wolle er das Fleisch prüfen. Das war dann offenbar zu viel für den Gefesselten und der Angesprochene verlor das Bewusstsein, plumpste wie ein nasser Sack auf den Boden.

Der Zweite aber war ein besonders harter Hund, er schaute Jerome an und spuckte ihm ins Gesicht. Jerome schlug ihm dafür sofort hart in das Gesicht. Als er nochmal ansetzte, grinste Jerome nur und meinte „Mach nur, Kleiner, sowas wie dich hab ich im letzten Krieg schon Hundertfach…“

„Nein!“, ertönte eine Frauenstimme hinter den Leuten. Madame Ma‘ Difgtma kam langsam hinzu und schaute sich den geschlagenen Attentäter an. Verdutzt, dass sich eine Frau in die Handlungen einmischte, verzichtete der harte Hund darauf zu spucken.

„Haltet ihn fest, die drei bekommen jetzt etwas Medizin von mir.“

Madame Ma‘ Difgtma begann am Tisch etwas anzurichten. Es rauchte und zischte, bald schoss dunkler Rauch aus dem Gefäß, an dem sie arbeitete, und beim Ablöschen blubberte es sonderbar. Es stank fürchterlich. Dann goss sie ein dickflüssiges, gelbgrünes Zeug in drei Tassen und kam mit einem Tablett zu den Gefesselten.

„Mund auf!“, befahl sie und Jerome öffnete dem ersten den Mund und drückte einen Stock auf die Zunge. Madame Ma‘ Difgtma goss das glibbrige Zeug in die erste Kehle und vergewisserte sich, dass es geschluckt wurde. Das gleiche wiederfuhr den zweiten und auch er schluckte das Zeug.

„Lasst sie los, der Zaubertrank wirkt bereits.“ Die beiden kippten zitternd einfach auf den Rücken und blieben liegen. Ihre Augen weiteten sich und ein Zittern durchlief ihre Körper.

„Jetzt den da, der spielt nur den Ohnmächtigen. Einer Kriegsschamanin macht der aber nichts vor. Packt ihn und bringt ihn mir, der ist besonders böse und ich freu mich auf den.

Endlich wieder ein Wesen, das ich verhexen kann!“ Unter Geschrei brachten sie den Mann, der den Bewusstlosen vorgab, zu ihr an den Tisch und setzten ihn immer noch gefesselt auf einen Stuhl.

„Linke Hand“, sagte Ma‘ Difgtma ohne eine Regung und Soleab drückte die offene Handfläche auf die Tischplatte.

Ehe der Gefangene etwas machen konnte, hatte er einen Dorn in der Haut, überrascht schaute er die Schamanin an. Sie schaute ihn nur kurz an, rupfte den Dorn aus der Hand und es tropfte etwas Blut. Ma‘ Difgtma setzte einen kleinen Frosch auf die Wunde und der überraschte Mann schrie kurz auf, dann wurde er ruhiger und wirkte auf einmal lethargisch.

„Ihr könnt ihn losbinden und bringt die beiden nach draußen, an die frische Luft, die werden mir sonst die Wohnung vollmachen.“

Soleab und Jerome brachten die Gefangenen nach draußen und die Stammeskrieger passten auf, dass sie sich in das Gebüsch übergaben. Wild röchelnd atmeten die beiden schwer, da hörten sie von drinnen ihren Kollegen schreien.

Neiiiin, bitte nicht – keine Spinnen, neiiiiin, ahhhhhhhh….“

Dazwischen klang der monotone Singsang von Ma‘ Difgtma. Es klang melodisch und einprägsam, war aber aus der Distanz nicht richtig zu verstehen. Nach und nach wurde das Geschrei des Mannes leiser, dann hörte man nur noch Ma‘ Difgtma singen.

Als die Stammeskrieger die beiden erleichterten Gefangenen in das Haus zurückbrachten, stand der Dritte apathisch neben dem Tisch und Ma‘ Difgtma schnitt einige Kräuter.

„Was ist mit ihm…“, fragte der erste der beiden Gefangenen.

Ma‘ Difgtma schaute ihn an und wedelte mit einem Kräuterbusch.

„Ich habe ihn verhext, seine Seele gehört jetzt mir und er ist mein Krat’Zakatah. Eine Art Homunkulus, sein Wille ist gebrochen, sein Geist ist weg, er ist nur noch eine leere, dumme Hülle, die ich füllen kann, wie und mit was auch immer.

Schaut – Krat’Zakatah – geh an das Feuer und trinke vier Schöpfkellen heißes Wasser, dann komm wieder.“

Der Angerufene trottete an die Feuerstelle und trank vier Kellen Wasser, dann ließ er die Kelle fallen, kam zurück und stellte sich wieder mit dampfendem Mund an den Tisch.

Die beiden anderen Gefangenen hatten immer noch schwere Krämpfe und ihre Pupillen waren geweitet. Sie sahen den ehemaligen Kollegen, ihren Anführer und Freund, wie er da stand wie eine Marionette, dann schauten sich die beiden an und Ma‘ Difgtma trat vor die beiden.

„Na ja, das Durchdenken von Anweisungen ist nicht mehr seine Stärke.“

„Nun zu euch Helden, ihr sagt mir alles, was ich wissen will, alles sagt ihr mir, jedes kleine Geheimnis. Andernfalls verhexe ich euch auch und ihr endet als Braten am Grill.“

Die beiden wurden immer noch gefesselt an den Tisch gesetzt und angebunden. „Mund auf“ befahl Ma‘ Difgtma und der erste bekam eine Vogelkralle in den Mund. Unfähig diese auszuspucken oder zu schlucken, musste er still zuhören.

„Seine linke Hand!“ Soleab legte die linke Hand auf den Tisch und Ma‘ Difgtma setzte eine giftig grüngelbe Made auf die Hand. Die Made bewegte sich langsam auf der Haut, drehte sich ein paarmal und begann ein Sekret abzusondern. Der Mann fing an zu schreien, seine Bewegungen wurden schnell langsamer, dann saß er still.

„Und nun zu dem Fragenspiel!“, sagte Ma‘ Difgtma.

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Peace of Mind

Es begann am späten Vormittag. Eine weitere Besuchergruppe kam auf die Brücke der „Peace of Mind“. Zumindest sah das so aus. Ein hochgewachsener sportlicher Mann mit feinen Gesichtszügen und gut gestutzten Bart schaute zu Kapitän Fischer und lächelte ihn an.

„Herr Kapitän, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“

Neugierig kam Kapitän Fischer etwas näher mit seinem Wachoffizier an der Seite, dieser war auch im Dienst der Leibwächter des Kapitäns.

„Aber ja doch.“

„Was würden Sie sagen, wenn Sie erfahren, dass unter Ihrem schönen Schiff genau mittig am Hauptschott eine 400 Kilo Sprengladung klebt?“ Damit zeigte er Kapitän Fischer eine gute klare Farbaufnahme mit der Ladung.

Kapitän Fischer zögerte kurz, ein leichtes Zucken ging durch sein Gesicht.

„Ich würde mich fragen, wie Sie das sinkende Schiff gut 100 Meilen von der nächsten Insel entfernt verlassen wollen, wenn Ihnen 3000 wütende Metaller auf den Fersen sind?“

Der Mann mit Bart schaute seinen Nebenmann an: „Clever, der Mann, oder?“

„Klar, eine Lusche macht man nicht zum Kapitän.“, grinste der Nebenmann.

„Also gut, Herr Kapitän, wir übernehmen das Schiff! Es muss kein Blut fließen, aber ich habe kein Problem ein Massaker zu veranstalten, denn in diesem Moment legt ein U-Boot an der Steuerbord an. Sie sehen, wir kommen von Bord, wann wir wollen.“

„Was wollen Sie?“

„Der ist echt klug, der gefällt mir.“

„Ich nehme Ihr schönes Schiff in Besitz und nutze es als meine Zentrale und als Sendestation. Sehen Sie, da ist so eine nette Anlage installiert, die brauche ich, weil man meine eigene leider weggebombt hat.“

„Und wie geht es weiter?“

„Der ist klug, sagte ich doch, er sieht bereits die nächsten Schritte.“

„Schweig jetzt. Herr Kapitän, Ihre Mannschaft sollte sich ruhig verhalten, dann wird Ihnen und der Mannschaft nichts geschehen. Wir leihen uns die „Peace of Mind“ für drei Wochen und verschwinden dann wieder. Ja, wir wissen dass Sie in einer Woche landen müssen um die nächste Proviantlieferung anzunehmen. Das ist alles geregelt.“

„Ich nehme an, Sie geben mir keine Garantie, dass meinen Passagieren nichts geschieht?“

„Exakt. Ich gebe Ihnen lediglich mein Wort, das muss Ihnen reichen.“

„Abgemacht, keinem Passagier geschieht etwas, wenn wir uns ruhig verhalten.“

„Deal!“ Lachend gingen die Männer von der Brücke. Der Wachoffizier schaute den Kapitän an: „Soll ich einen Notruf absetzen, Kapitän?“

Der Kapitän schaute den jungen Offizier an und schüttelte langsam den Kopf. „Sie haben es gehört, keinem geschieht etwas, wenn wir uns ruhig verhalten. Wir werden also die Füße still halten und die Klappe auch. Die haben sicherlich nicht nur den Rumpf vermint.“

Aus der Kommandokonsole kam ein kurzes Pfeifen, dann eine Nachricht. „Genau Herr Kapitän, wir haben das Schiff längst übernommen und würden solch einen Versuch extrem hart bestrafen. Ich schlage vor, Sie bestrafen Ihren Mann nach eigenem Ermessen.“

Der Kapitän schaute seinen 1. Offizier an: „Den WO ablösen und in seinem Quartier unter Arrest stellen.“

„Jawohl, Herr Kapitän!“ und der 1. Offizier handelte.

**

Die Schiffsentführung wäre gut ausgegangen, aber wie immer gibt es im Leben einige Menschen, die sich deutlich dümmer verhalten als andere. In diesem Falle waren es die Leute auf dem alten Diesel-U-Boot.

Anstatt das Auftauchen als Event zu nutzen, gab sich die Besatzung auf dem U-Boot als Seeräuber aus und verhielten sich auch äußerst brutal.

Ehe Shaah Kalaaf etwas unternehmen konnte, hatten die U-Boot-Fahrer die ersten Frauen in Kabinen gezerrt und vergingen sich an ihnen. Die Begleiter der Frauen nahmen das nicht hin und einige Kämpfe entbrannten. Schließlich fielen die ersten Schüsse und drei der Passagiere lagen tot auf dem Boden.

Ab da tobten die U-Boot-Piraten mit vorgehaltener Waffe durch die „Peace of Mind“.

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TODESSCHATTEN

„Kapitän, auf der „Peace of Mind“ fallen Schüsse, es wird geschrien und erneut geschossen… Kapitän? Da sterben Leute. Eben fallen Gegenstände ins Wasser, ich glaube, die werfen die Leichen über Bord, Kapitän.“

„Kampfstationen“, sagte der Kapitän ruhig, „Gehen Sie hinter das feindliche Boot!“

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Peace of Mind

„Verdammt, Vladislav, was fällt dir ein, deine Leute machen einen auf wilde Piraten, seid ihr wahnsinnig! Befehle deinen Leuten sofort, dass sie aufhören sollen und sich auf ihr Boot zurückziehen!“

Vladislav nickte seinem Begleiter zu und der sprach auf dem Flur in ein Funkgerät.

„Hör mir zu, du feiner Elitepinkel. Ohne mich bist du hier alleine und am Ende. Für die paar Kröten machen wir keine Freifahrt. Ich will 60% oder wir fahren weiter und wir können jederzeit dieses Scheißboot versenken. Also, was ist jetzt?“

„Vladislav – der Plan war ganz genau durchdacht, entweder du spielst mit oder ich brauche dich nicht mehr, war DAS jetzt klar!“

„Du verdammter Elitepenner, komm mit an die Reling und ich zeige dir, wer hier das Sagen hat. Dimitri, sind die soweit?“

Der Mann mit dem Funkgerät auf dem Flur hob den Daumen.

**

TODESSCHATTEN

„Die legen ab, Kapitän, sie entfernen sich nach 087 und die öffnen ihre Mündungsklappen, Kapitän.“

„Verdammt, was macht der?“, brummte der 1. Offizier.

„Entfernung zum Ziel?“, fragte der Kapitän.

„475 Meter Kapitän.“

„Laden Sie Rohr 1 und Rohr 2 mit ADCAP 1, und setzen Sie die Abstandssicherheitsschaltung auf null. Laden Sie danach Rohr 4 und 5 mit Abfängertorpedos.“

Im vorderen Kampfstand wurde hektisch gearbeitet. Die schweren Torpedos wurden geladen, die Sicherheitsschaltung, die dafür sorgen sollte, dass der Torpedo nicht zu früh hoch ging, sondern erst nach 500 Meter scharf wurde, war ausgeschaltet. Diese beiden Torpedos würden sofort beim Auftreffen detonieren.

Dann wurden die neueren schlankeren Abfängertorpedos geladen. Diese Waffen waren neu. Sie hatten eine einzige Aufgabe, fremde Torpedos zu zerstören, dafür waren sie deutlich schneller und wendiger.

Als die Waffen geladen waren, meldeten vier Lichter, dass das israelische U-Boot bereit für den Angriff war.

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Peace of Mind

„Schau und lerne, ich lasse einen Torpedo auf das Schiff feuern, dann weiß hier jeder, wer am Drücker ist. Der Pott säuft so schnell nicht ab.

Fertig, Dimitri? Dann los!“

„Nein!“, schrie Schaah.

Man sah, wie aus dem Bug des U-Bootes etwas Helles schoss und sich schnell auf die „Peace of Mine“ zubewegte.

Aber dann geschah vieles gleichzeitig.

An der Stelle, an der das U-Boot eben noch im Wasser war, sprang ein riesiger Wasserpilz aus dem Meer und zerriss das ganze U-Boot. Der Lärm der Detonation war ohrenbetäubend.

Der helle Fleck aber, der auf das Kreuzfahrtschiff zuschoss, wurde gestoppt und unter Wasser sah man kurz eine Art Feuerpilz.

Der erstaunte Vladislav aber schaute zu Shaah Kalaaf, als dieser ihm direkt in den Kopf schoss. Der Schrank von einem Kerl im Flur konnte nicht mehr reagieren, aus seiner Kehle spritzte Blut. Als er zu Boden fiel, stand Orimnjia hinter ihm mit zwei blutigen Klingen in der Hand.

Auf der Brücke der „Peace of Mind“ summte ein Signal und der Kapitän ging ran.

„Ich habe Sie gewarnt, Sie sollten die Füße still halten – jetzt erleben Sie, dass ich auch anders kann!“

„Wir waren das nicht, das U-Boot wurde doch torpediert, haben Sie das nicht gesehen?“

Doch der Funk blieb ruhig.

Kapitän Fischer schaltete auf den Notrufkanal. „Ich rufe das U-Boot, das uns eben das Leben gerettet hat, können Sie mich empfangen? Wir haben da eine Mine am Rumpf…“

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Shaah Kalaaf hatte das Funkgerät in die Ecke geworfen und er rief zu Orimnjia: „Mach dir den Weg frei zur Sendestation und sichere sie gegen alles, was kommt!“

Mit einem lauten Gebrüll schrie Orimnjia auf, sie hatte die beiden noch tropfenden Klingen in den Händen und rannte mit ihren Leuten durch den Flur.

Irgendwie lief diese Aktion aus dem Ruder.

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Seit der Explosion des anderen U-Bootes herrschte Aufregung an Bord. Die ersten Ansätze einer Panik brandeten auf, aber legten sich dann rasch wieder, als die Stimme des Kapitäns über Lautsprecher kam:

„Hier spricht der Kapitän! Fremde Kämpfer unbekannter Stärke haben versucht, dieses Schiff zu entführen. Sie bringen Menschen um, gehen Sie in Ihre Kabinen und verbarrikadieren Sie sich. Ich melde mich, wenn die Gefahr beseitigt ist.

Ich wiederhole: Fremde Kämpfer unbekannter Stärke haben versucht, dieses Schiff zu entführen, sie bringen Menschen um, gehen Sie in Ihre Kabinen und verbarrikadieren Sie sich. Ich melde mich, wenn die Gefahr beseitigt ist.“

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Peter und ich waren aufgesprungen, als wir die Explosion hörten und orientierten uns. Der Speisesaal, in dem wir waren, war nur schwach besetzt, da brachen fünf rumorende, laut schreiende Männer mit Masken und Pistolen durch die Tür und begannen um sich zu schießen.

Wir waren von einer massiven Holztür vor Blicken und Geschossen geschützt. Die Filettiermesser aus dem gebratenen Spanferkel rissen wir an uns und machten uns zum Angriff bereit. Die fünf lärmenden Männer waren kein echtes Hindernis, aber sie besaßen Pistolen und Munition.

Die Pistolen, es waren Brünner M75 9mm, waren geladen und Ersatzmagazine hatten die Männer auch bei sich. Beides würden sie aber nie mehr brauchen.

Hinter dem Tresen befand sich eine Sprechanlage. Peter drückte auf die Taste „Brücke“ und hob ab. Es meldete sich ein Wachoffizier.

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Kapitän Fischer strahlte die Ruhe in Person aus. Jetzt hatten seine Leute die Notrufe abgesetzt, aber es kam einfach keine Verbindung zustande.

„Nehmt die Kurzwellensender!“, rief der Kapitän und der Funker nahm sich seine uralte Morsetastatur und hieb auf sie ein.

Auf dem Oberdeck direkt am zentralen Antennenmast waren die eigentlichen Sender eingebaut. Mit dem ersten Sendeimpuls vernichtete eine Sprengladung diese starken Kurzwellsensender. Der Mast schwankte etwas, dann brach er seitlich um, riss die Kabel ab und fiel schließlich ins Meer.

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SOULEBDA

-Das wird lustig- dachte Mike, als der Wagen mit Kraemer, Collins und drei seiner Männer vor Carolines Dienstvilla hielt und alle ausstiegen.

Kraemer und seine 50 Mann waren vor drei Tagen auf Soulebda angekommen, hatten sich am Flughafen eingerichtet und warteten auf ihren Einsatz.

Dann war die Nachricht von Caroline wie eine Bombe eingeschlagen. Die HEMA hatte eine neue Zentrale. Die „Peace of Mind“!

Verdammt, der Profi in Mike musste diesen miesen Terroristen Anerkennung zollen. Nicht einmal Colby würde die Peace of Mind mit mehr als 3500 Passagieren und Besatzungsmitgliedern in die Luft jagen.

Decker, der durch Randys Verbindung nach Tel Aviv viel schneller informiert wurde als Kraemer, hatte die anderen im Besprechungsraum versammelt. Er arbeitete schon an einem Plan, als er die Meldung erhielt, dass Kraemer Befehl erhielt, mit Randy und Dana nach Manus zu fliegen.

„Manus?“, fragte er Lem.

„Ja, die Insel liegt im Gebiet, in dem sich die Peace of Mind aufhält. Von ihrer Basis dort können sie schneller agieren.“

„Lem, das ist Bullshit. Woher wussten die, dass es die Peace of Mind ist, die entführt wird und wie konnten sie so schnell eine Basis errichten?“

„Ja, das sind gute Fragen. Ein Kreuzfahrschiff war die logische Schlussfolgerung.

Die Basis muss schon vorher für einen bestimmten Zweck errichtet worden sein. Wir haben Satelitenaufnahmen davon, ich schicke sie Randy.

Das ist kein Zeltcamp. Die Anlage ist eine Hochsicherheitszone, mit allem Drum und Dran. Wie du sicher weißt, ist Manus kein eigener Staat, sondern UN-Treuhandgebiet unter australischer Verwaltung. Also interessiert es niemanden, wer sich dort einnistet.

Welchen Zweck die Anlage hat, wissen wir nicht, vermuten aber, dass sie im Bedarfsfall eine Art Guantánamo werden kann.

Dass es die Peace of Mind trifft und dass sie gerade dort durch die Gegend fährt, ist einfach Zufall. Sie befuhr die Gegend, in der die HEMA ihre eigentliche Zentrale verlor.“

Decker schaute sich die Bilder von der Basis auf Manus an. Das war eindeutig eine Festung. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu sehen war, sein geübtes Auge erkannte Sperrzonen, überlappende Feuerbereiche, diverse Bunkeranlagen und zahlreiche unterteilte Verteidigungsbereiche.

Wer immer diese Anlage gebaut hatte, er wusste, wie man sie mit wenigen Leuten gut verteidigen konnte und wie man Insassen davon überzeugen konnte, nicht abzuhauen.

„Und was wollen sie von Dana und Randy?“

„Falls es einen Datentransfer zu den Terroristen auf der Peace of Mind kommt, wird diese sicher auch verschlüsselt sein. Randy wird sie auffangen und entschlüsseln müssen.“

„Lem, der dritte Teil der Formel ist in den Staaten. Wenn Randy den zweiten Teil entschlüsselt, haben wir verloren! Und zwar wir ALLE.“

„Ich weiß. Und Dagan weiß es auch. Aber wir können den Amerikanern die Formel nicht allein überlassen. Tu, was immer du tun musst, um das zu verhindern.“

„Soll ich nur verhindern, dass die Amerikaner sie alleine bekommen?“, fragte er resigniert im Stillen.

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Darüber dachte Decker nach, als er erfuhr, dass Kraemer auf dem Weg zu ihm war, um Randy und Dana abzuholen.

„Hör mal, Großer.“ Er nahm Hannes zur Seite. „Du musst mal wieder Babysitter spielen, doch diesmal wird es etwas anders laufen als beim letzten Mal.“

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Zehn Minuten später trafen Kraemer und seine Männer ein. Mike fing sie an der Tür ab und brachte sie zu dem Besprechungsraum, in dem sich Randy und Dana zusammen mit Decker, Hannes, Sarah und Fabienne aufhielt.

„Hallo, Herr Kaufmann, es freut mich das so bekannte Genie kennen zu lernen.“, begrüßte ihn Kraemer betont freundlich, bedachte aber weder Decker, noch sonst irgendwen mit einem Blick.

„Das ist Kraemer, der Leiter einer Abteilung, die dich und Dana nach Manus bringen soll, um bei der weiteren Entschlüsselung zu helfen.“, stellte Mike klar. Dann machte er Decker mit Kraemer bekannt.

Decker, der mit Randy und Dana ihr weiteres Vorgehen abgesprochen hatte, drehte sich zu Randy um.

„Ok, ihr habt es gehört. Hannes wird euch begleiten.“

„Nein! Wird er nicht!“, warf Kraemer ein.

„Sagt wer?“, fragte Decker freundlich.

„Ich!“

„Dann passen Sie mal auf. Kaufmann ist Zivilist und untersteht meiner Abteilung. Entweder Sie nehmen Hannes ebenfalls mit oder Sie verduften ohne Randy.“

Mike sah die Katastrophe auf Kraemer zukommen und versuchte, sie noch in letzter Sekunde abzuwenden.

„Kraemer, als Ihr Berater rate ich Ihnen, auf Decker zu hören. Er ist ein sehr erfahrener Einsatzleiter und sein Team ist wirklich erstklassig.“, riet Mike ihm.

Mike war es nicht entgangen, dass Fabienne zwischen zwei von Kraemers Männern stand, und dass sich Sarah sowie Hannes in eine günstige Position gestellt hatten.

„Kannten Sie den alten Franzosen?“, legte Mike nach, wobei die Frage rein rhetorisch war. Jeder, der in diesem Gewerbe arbeitete, hatte von dem alten Franzosen gehört und kannte die Legenden, die man über ihn und seine Truppe erzählte.

„Decker hat mit nur sechs seiner Leute die ganze Truppe des alten Franzosen zum Teufel gejagt.“

Kraemer stand für eine Sekunde unentschlossen da, wollte aber auf keinen Fall, dass seine Autorität vor seinen Leuten in Frage gestellt wurde.

„Ich sehe nur einen alten Mann, einen einfältigen Riesen und zwei Frauen, die ihre Titten gepusht haben. Das beeindruckt mich nicht wirklich.“, sagte er abfällig.

„Collins!“

Collins ging einen Schritt auf Randy zu und Decker trat ihm in den Weg. Als Collins seine Hand auf Decker legte, geschah einiges gleichzeitig.

Fabienne, die zwischen zwei von Kraemers Männern stand, trat dem linken Mann voll gegen das Knie, packte den rechten an der Schulter und wirbelte ihn um die eigene Achse. Beide hatten ihre Pistolen rechts und mit einem Ruck hatte Fabienne beide Waffen aus den Holstern gezogen. Eine richtete sie auf den Kopf des rechten Mannes, die andere auf Kraemers Kopf.

Sarah wirbelte um den Linken, der sich das Knie hielt, riss ihr Kampfmesser heraus und legte es ihm von hinten an die Kehle.

Hannes packte Nummer vier einfach an der Kehle und hob ihn hoch.

Das schlechteste Los hatte Collins erwischt. Kaum berührte er Decker, stand er bereits kopfüber in der Luft und schlug mit voller Wucht mit dem Gesicht auf den Boden auf, um sofort Deckers Schuhsohle hinein zu bekommen.

Decker stand über ihm, fixierte ihn am Boden und hatte ihn in einem sehr schmerzhaften Haltegriff. Dann drückte er sehr schmerzhaft in die Nervenpunkte von Collins rechter Hand.

„So, und jetzt sprich mir nach!“, forderte Decker Collins auf.

„Ich, der junge Pisser“,

Da Collins nichts sagte, erhöhte Decker den Druck auf die Nervenenden und Collins heulte auf, wie ein kleines Kind.

„Ich, der junge Pisser“, keuchte er mit schmerzverzehrtem Gesicht.

„werde tun, was der alte Mann sagt“,

„werde tun, was der alte Mann sagt“,

„weil er mir sonst alle Knochen bricht.“

„weil er mir sonst alle Knochen bricht.“

Decker hatte, während er Collins zeigte, wo sein Platz ist, Kraemer fest mit den Augen fixiert und nicht ein einziges Mal geblinzelt. Damit war klar, wem er alle Knochen brechen würde, sollte Kraemer seinen Forderungen nicht nachkommen.

Mike genoss die Demütigung und legte nach.

„So wie ich das sehe, sind Sie tot, Kraemer! Sie und ihre Männer! Ausgeschaltet von einem alten Mann, einem einfältigen Riesen und zwei gepushten Tussis.“ Beim Wort Tussi entsicherte Fabienne die Waffe an Kraemers Kopf hörbar.

Decker drehte Collins den Arm noch etwas um und ließ ihn dann los. Immer noch Kraemer fest im Blick, trat er vor diesen. Mike, der in seiner Ausbildung auch Psychologie studiert hatte, sah eindeutige Anzeichen von Angst bei Kraemer, als Decker vor ihm stand. Das leichte Zucken seiner Fingerspitzen, die Schweißperlen auf der Stirn sowie das Blinzeln von Kraemers rechtem Auge, verrieten ihn.

„Ich wiederhole mich sonst nie, aber du scheinst nicht der Hellste zu sein. Also Hannes wird die beiden begleiten, oder du verschwindest von hier und zwar ohne Randy und auch ohne Dana. Ich höre!“

„Er kann mitkommen!“, presste Kraemer nach ein paar Sekunden hervor.

„Gut so! Und jetzt hör mir ganz genau zu! Wenn einem der drei auch nur eine Haar gekrümmt wird, komme ich dich holen. Und das wird dann eine ganz hässliche Sache! Verstanden?“

Ohne Antwort abzuwarten, gab er den anderen einen Wink und die ließen ihre „Opfer“ los. Hannes ließ den Mann einfach fallen, der am Boden liegen blieb und sich die Kehle hielt.

Sarah zog das Messer zurück und Fabienne senkte die Pistolen, die sie auf den Boden fallen ließ.

„Ihr meldet euch zweimal täglich!“, befahl Decker Hannes und ging dann mit Sarah und Fabienne aus dem Raum.

Kraemer stand noch immer da und bewegte sich nicht. Um sicher zu gehen, dass er seine Lektion verstanden hatte, sagte Mike zu ihm.

„Wussten Sie, dass der alte Franzose, als er starb, keine Eier mehr hatte? Ich rate Ihnen ernsthaft, Decker nicht zu verärgern.“

**

Peace of Mind

„Ich habe mir Heavy Metal etwas anders vorgestellt.“

Einer der anderen deutschsprachigen Passagiere half Caroline und mir, die Zentrale der HEMA zu blockieren, in der Orimnjia sich mit dreizehn anderen Terroristen verschanzt hatte.

Schnell hatte sich unter den Metallern Widerstand formiert. Unkoordiniert, aber wirkungsvoll hatten die Metaller große Teile des Schiffes unter ihre Kontrolle gebracht. Einige Passagiere hatten die Initiative ergriffen und angefangen, den Widerstand zu organisieren.

Unsere „Interpol-Truppe“ gehörte dazu. Die bestand aus einem jungen Hamburger Streifenpolizisten, zwei schwedischen Kommissarinnen, einem russischen Milizleutnant und einem saudischen Polizisten. Alle sprachen englisch und bildeten den ersten harten Kern des Wiederstandes.

Der Sturm brach los, nachdem Shaah Kalaafs letzter verzweifelter Versuch, die Lage unter Kontrolle zu bringen, gescheitert war. Fünf seiner Leute hatten etwa 500 Passagiere zusammengetrieben und auf dem Oberdeck versammelt.

Shaah hatte sich mit acht seiner Männer auf der „kleinen Brücke“ verschanzt, während Kapitän Fischer die große Brücke hermetisch abgeriegelt hatte. Fischer hatte das computergesteuerte Sicherheitssystem der Peace of Mind deaktiviert und steuerte den Ozeanriesen von Hand. Auf diese Weise hatte Fischer das Schiff gegen jeden Versuch von Wolgarath, die Steuerung zu übernehmen, geschützt.

Einer von Shaas Männern und Klaus Wolgarath hatten sich die Passagierlisten vorgenommen und waren beide der Meinung, dass Sheila Lizzy den größten Einfluss auf die Metaller haben würde, also wurde Sheila zu Shaah gebracht.

„Du mieses Schwein.“, waren Sheilas erste Worte und es waren zwei Männer nötig, um zu verhindern, dass diese 1,60 Meter große Frau sich auf ihn stürzen konnte.

Als einer der Männer Sheila schlug, schritt Shaah ein.

„Hören Sie, Sheila, ich wollte die Angelegenheit ohne Blutvergießen über die Bühne bringen. Das will ich noch immer. Ich bin nicht an einem Blutbad interessiert. Wenn aber meine Anweisungen nicht befolgt oder meine Leute angegriffen werden, werde ich unerbittlich Gewalt anwenden.“

„Das tun Sie doch sowieso. Ich habe gesehen, wie Ihre Leute wehrlose Passagiere erschossen haben.“

„Das waren nicht meine Leute! Meine Leute sind Profis. Diejenigen, die gegen meine Anweisungen gehandelt haben, wurden schnell und konsequent bestraft.“ Er zeigte auf Vladislav, der noch mit halbem Kopf da lag. „Ich bitte Sie inständig, mir zu helfen, weiteres Blutvergießen zu verhindern.“

„Und wie stellen Sie sich das vor?“

„Gehen Sie auf die Bühne und sagen Sie den Leuten, dass sie unseren Anweisungen folgen sollen. Es liegt bei Ihnen, ob weiteres Blut vergossen wird oder nicht.“

Dabei erkannte Sheila sehr wohl, dass Shaahs Hand immer in der Nähe seiner Waffe blieb. Er wollte ihr Angst machen, sie einschüchtern und mit einem Mal erkannte Sheila Shaahs schwache Stelle.

Anders als viele Leute glaubten, hatte Sheila als blonde Frontfrau einer Metallband nicht nur eine gute Stimme und große Möpse, nein, Sheila hatte auch einen messerscharfen Verstand. Und Sheila benutzte ihn!

„Sie wollen also, dass ich zu den Leuten rede?“

„Ja, Sie erklären den Menschen, was sie tun sollen.“

„Gut, ich werde tun, was Sie verlangen, dafür verzichten Sie auf weitere Gewalt.“

„Ich verspreche es Ihnen.“, log ihr Shaah ins Gesicht, doch Sheila erkannte die Lüge sofort. Sie ließ sich aber, ohne es sich anmerken zu lassen, von Shaahs Leuten zur Bühne bringen.

Vier der Männer blieben an den Decksaufgängen stehen und richteten ihre Waffe auf die 500 Metaller. Klaus, der mit seinem zweiten Mann den rechten Decksaufgang sicherte, hatte ein mulmiges Gefühl bei der Sache.

Er hatte Sheilas Aufflackern in den Augen sehr wohl bemerkt. Anders als Shaah glaubte er nicht mehr daran, dass der Plan noch zu retten war. Wolgarath hielt es für das Beste, sich abzusetzen, und das solange es noch ging.

Unterdessen hatte Sheila die Bühne erreicht und wurde mit vorgehaltener Waffe auf die Mitte der Bühne gestellt, auf der schon alle Instrumente für das nächste Konzert standen.

Auf den Großleinwänden rechts und links neben der Bühne, sahen die Metaller die kleine Sheila neben dem gut einen Kopf größerem Terroristen stehen, der eine Waffe auf sie richtete.

Unsicher ging Sheila zu einem der Mikrophonständer, nahm das Mikro und schaute kurz zu dem Mann mit der Waffe. Der hatte seine Aufmerksamkeit auf die Menge vor der Bühne gerichtet, denn Sheila schien ihm die geringste Gefahr zu sein.

Für einen kurzen Moment sammelte sich Sheila. Um sich gegen allzu aufdringliche Fans behaupten zu können, hatte ihr Manager immer darauf bestanden, dass Sheila regelmäßig mit ihren Bodyguards trainierte. Jetzt standen die Bodyguards machtlos in der Menge und sahen Sheila zitternd auf der Bühne stehen.

Shaah, der von der kleinen Brücke aus zusah, war beruhigt, dass er die Lage scheinbar wieder voll seine unter Kontrolle brachte. Die Datenübermittlung startete und sobald er das Schiff wieder in der Hand hatte, konnte er damit beginnen, mit Klaus Hilfe die Formel zu ergänzen.

Fünf Sekunden, die einer Ewigkeit gleichkamen, stand Sheila da, dann wirbelte sie herum, trat dem Terroristen mit aller Kraft in die Eier und rammte ihm die Finger ins Gesicht.

Stöhnend und blind sackte der Mann, ohne einen Schuss abzugeben auf die Knie und hielt sich das Auge. Und das alles in Großbild!

„Die Waffe dieser Scheißkerle ist Angst!“, rief sie in das Mikro. „Aber wenn wir keine Angst haben, dann haben sie auch keine Waffe! Schnappt euch die Wichser!“

Damit drehte sie sich um, griff ihre Bassgitarre und schlug sie dem Terroristen mit aller Wucht ins Gesicht.

Klaus sah, wie sich mehrere Hundert Metaller zu ihm umdrehten und wie auf Kommando brüllend auf ihn zu rannten.

Für Klaus war die Rechnung einfach. Er hatte noch 10 Schuss, etwa 200 wütende Metaller kamen auf ihn zu und er hatte noch etwa zwei Sekunden, bevor sie ihn erreichten.

Ohne weitere Zeit zu verlieren, drehte sich Klaus um und lief! Sein Partner war weniger intelligent. Er glaubte, die Meute stoppen zu können und schoss in die Menge. Als einer der Metaller zu Boden ging, hielt die Menge tatsächlich für eine halbe Sekunde inne, dann brach sie über ihn herein und riss ihn buchstäblich auseinander.

Damit war Shaahs letzter Versuch, das Ruder herumzureißen gescheitert und das Chaos brach über ihn herein.

Klaus und ein weiterer Mann konnten sich zu Shaah auf die kleine Brücke durchkämpfen, wobei sie mehrere Passagiere verletzten, doch sie schafften es.

„Ich hab die Daten. Wir müssen uns zu Orimnjia durchschlagen.“

„Vergiss es! Wir kommen hier nicht heraus. Wir sind noch fünf Mann und da draußen sind ein paar hundert. Und du hast es selbst gesehen, die reißen uns in Stücke! Orimnjia hat noch dreizehn Mann, wenn überhaupt, muss sie sich zu uns durchkämpfen.“

**

TODESSCHATTEN

„Captain, auf der Peace of Mind, wird wieder geschossen.“, rief Beredin.

„Alle Offiziere auf die Brücke!“, befahl Captain Tamar.

„Wir müssen die Lage unter Kontrolle bringen. Nazath, Sie führen ein Enterkommando auf die Peace of Mind und sorgen für Ordnung.“

„Was ist mit der Meldung des Kapitäns, das die Peace of Mind eine Mine unter dem Rupf hat?“

„Sobald Sie die Lage unter Kontrolle haben“, sagte Tamar zu Nazath, „sorgen Sie dafür, dass die Peace of Mind die Fahrt auf vier Knoten verringert, damit die Taucher sich die Sache ansehen können.“

„Captain.“, warf Miriam Yaeli, der zweite Offizier ein. „Wir können nicht einfach an Bord gehen. Ein fremdes U-Boot hat die Peace of Mind geentert und es gab wahrscheinlich Tote. Wenn wir einfach an Bord gehen, gibt es eine Panik oder schlimmer, die Passagiere greifen uns an. Wir müssen ihnen klarmachen, dass wir die guten sind! Bevor wir an Bord gehen.“

„Verdammt! Sie haben recht.“

„Ich weiß, was wir tun!“, rief Beredin und rannte los.

„Äh, Captain?“, sagte Malewski.

„Lassen Sie ihn, Beredin wird wissen, was er tut.“ –Zumindest würde ich es ihm raten.- fügte Tamar im Stillen hinzu.

**

Peace of Mind

Mittlerweile hatten über 1000 Metaller die oberen Decks besetzt und weitere 1000 standen zwischen Shaah und Orimnjia. Nachdem Klaus auf der kleinen Brücke angekommen war, hatte es keine weiteren Tote oder Verletzten gegeben und es herrschte so etwas wie Zuversicht unter den Metallern.

Magdalene de la Crux und ihr Team hatten zusammen mit anderen Passagieren um die Verletzten gekümmert. Bis jetzt hatte es unter den Passagieren und der Besatzung acht Tote geben. Fünf Passagiere und drei Besatzungsmitglieder, die sich zwischen die Passagiere und die Terroristen gestellt hatten. Außerdem hatte es etwa 100 Verletzte gegeben, doch das Schiff war weitgehend unter Kontrolle der Metaller.

Eine Frau sah das U-Boot als erstes. Sie sah genau auf die Stelle, an der die Masten des U-Bootes die Wasseroberfläche durchbrach.

„Sie kommen zurück!“, rief sie und zeigte auf das auftauchende U-Boot, dessen Turm 300 Meter neben der Peace of Mind durch das Wasser brach.

Erste Anzeichen von Panik wichen schnell einer grimmigen Entschlossenheit.

„Wir lassen sie erst gar nicht an Bord!“, brüllte einer der Metaller. „Los, Leute, sucht euch Waffen!“ Er drehte sich um, zerschlug einen hölzernen Liegestuhl, und schwang eine der Latten wie einen Knüppel.

Nur kurze Zeit später hatten sich Stühle, Tische und alles, was die Metaller in die Finger bekamen, in Waffen verwandelt.

Grimmige Gesichter sahen zu, wie die 12 Soldaten des Enterkommandos in zwei Zodiac Boote stiegen.

„Was macht der denn da?“ fragte die Frau, die als erstes das Boot entdeckt hatte. Alle sahen, wie ein Besatzungsmitglied zum Flaggenmast lief und an dessen Leine etwas befestigte.

Beredin machte seine selbstentworfene Fahne an der Leine fest und zog sie nach oben. Es dauerte einige Sekunden, bis ein Windstoß die Fahne entfaltete, doch als sie wehte, brüllten tausend Kehlen auf einmal los.

Die Flagge war schwarz, hatte in der Mitte einen weißen Kreis in dem eine geballte Faust abgebildet war, deren Zeige- sowie der kleine Finger nach oben abgespreizt waren.

Um sicher zu gehen, dass seine Botschaft ankam, drückte Beredin die Playtaste seines I-Pots, der mit der Lautsprecheranlage des Bootes gekoppelt war, und ein Song, den jeder Metaller schon am ersten Riff erkannte, dröhnte über das Wasser. Es war Sheila Lizzys größter Hit, Dark Waves.

Freihändig auf der Brüstung stehend, reckte Beredin beide Arme in die Luft, zeigte den Mano cornuta und brüllte, so laut er konnte.

Unter tosendem Gebrüll wurde von den Decks der Peace of Mind der Gruß tausendfach erwidert. Jetzt wusste jeder an Bord: Hier kam Hilfe!

Der Rest des Gebrülls ging unter, als Kapitän Fischer die Sirene der Peace of Mind ertönen ließ.

Mentari, einer der indonesischen Stewards, erfasste die Situation als erster. Mit Händen und Füßen machte er einigen Passagieren klar, dass sie ihm folgen sollten und zusammen liefen sie zur Luke, durch die Vorräte an Bord gebracht wurden, und nur drei Meter über der Wasserlinie lag. Mit Gesten zeigte er den Passagieren, wie die Gangwayleiter herabgelassen wurde, und öffnete die Tür, die Nazath zielstrebig ansteuerte.

**

„Wir müssen uns organisieren und verhindern, dass die Mistkerle sich organisieren können.“

Nach dem Kampf im Speisesaal waren Caroline und ich auf die „Interpol-Truppe“ gestoßen und zusammen hatten wir mit den erbeuteten Waffen der Terroristen, Orimnjia in ihrer Zentrale festgenagelt.

„Das werden wir nicht können. Ich schätze, dass sich da zwischen zwölf und fünfzehn Terroristen verschanzt haben. Wenn die ausbrechen, werden wir sie nicht aufhalten können.“, schätzte eine der schwedischen Kommissarinnen die Situation ein.

Gerade als ihre Kollegin etwas ergänzen wollte, hörten sie, dass die Tausend Metaller aufbrüllten und die Schiffssirene die das Schiff erzittern ließ.

Caroline lief zu einem der Fenster und schaute heraus.

„Es ist eines von unseren! Unsere Freunde kommen!“, rief sie und strahlte über das ganze Gesicht.

„Ok, du nimmst sie in Empfang und wir denken uns was aus.“, schlug ich ihr vor.

„Pass ja auf dich auf!“, sagte sie zu mir. „Ich will keinen toten Helden!“

„Keine Angst, und jetzt los.“ Caroline drehte sich um und lief los.

Einer der Metaller drückte sich an ihr vorbei, als sie den Flur verließ.

„Sheila schickt mich, sie sagt, dass ich vielleicht helfen kann.“

„Wenn Sie eine gute Idee haben, wie wir verhindern, dass sich die Mistkerle absprechen, wäre uns schon geholfen.“

Der Mann überlegte kurz, dann grinste er breit. „Und ob ich da eine Idee habe. Ich brauche eine Rowdy Crew.“

„Schätze, so eine große Crew hatten sie noch nie.“, grinste der russische Leutnant und rief etwas auf Russisch in die Flure.

Innerhalb von Sekunden hatten sich über hundert russische Metaller versammelt und warteten auf Anweisungen.

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„Captain, da!“

Miriam Yaeli zeigte zur Brücke, auf der eine Taschenlampe anfing zu blinken.

„Da morst jemand die Schiffskennung.“

Sie hob den Daumen in die Höhe als Zeichen, dass sie verstanden hatte.

„Mine unter dem Rumpf!“, las sie die Morsezeichen mit. „Hauptschott, 400 Kilo!“

Wieder hob sie den Daumen.

„Der Kapitän fragt an, wie weit er die Geschwindigkeit verringern soll.“

„Sagen Sie ihm, er soll auf vier Knoten gehen.“

„Captain, die Entführer lesen das sicher mit. Wenn sie Panik bekommen, zünden sie die Mine vielleicht.“

„Beredin! Sofort zu mir!“

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Kapitän Fischer sah zu dem U-Boot, auf dem nacheinander vier Männer aus dem Turm Luke stiegen, um die vordere Ausstiegluke zu sichern.

„Verstanden, gehe auf vier Knoten.“, las Miriam mit.

„Mündungsklappen öffnen und die Taucher losschicken.“

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Auch Shaah sah die Bote auf die Peace of Mind zuhalten. Ihm war klar, dass sich keine Köche an Bord der Zodiacs befanden, sondern Kampftruppen und er wusste, dass er handeln musste!

„Orimnjia, du musst zu uns kommen. Zusammen können wir uns zu den Booten kämpfen. Wenn wir von Schiff sind, jagen wir den Pott in die Luft. Dann haben die genug anderes zu tun, als uns zu folgen.“

„Verstanden, wo treffen wir uns?“, antwortete sie.

„Treffpunkt…“, der Rest des Satzes ging in einen infernalen Lärm unter.

Der Metaller, den Sheila geschickt hatte, war niemand anderes als der Tontechniker ihrer Band. Zusammen mit dem russischen Leutnant hatte dieser mit seiner neuen Rowdy Crew die riesigen Boxen von der Bühne in die Gänge rund um Orimnjia und ihre Zentrale aufgestellt.

Als alles angeschlossen war, ließ der Techniker Sheilas Keyboarder einen Ton erzeugen, der sich wie der Bohrer eines Zahnarztes anhörte. Nur dass dieser Bohrer mit 180 Dezibel arbeitete.

Da wir vorgewarnt waren, hatten wir uns alles etwas in die Ohren gestopft. Doch die Terroristen in ihrer Zentrale waren nicht darauf vorbereitet.

„Wir können auf 195 erhöhen“, schrieb der Techniker auf einen Zettel, denn reden war unmöglich. „Das bringt die um die Ecke.“

„Gefahr für die Passagiere?“, schrieb ich darunter.

„Wahrscheinlich.“, war die Antwort.

Ich dachte kurz nach, dann schüttelte ich den Kopf. Ich hoffte, dass die Terroristen sich nicht schon abgesprochen hatten und dass Caroline die Soldaten zu uns brachte, bevor die Scheißkerle auf die Idee kamen auszubrechen.

**

Nazath hatte sich schnell ein Bild von der Lage gemacht. Er und seine Soldaten wurden von Mentari und seinen Helfern überschwänglich begrüßt.

Mentari konnte nur bruchstückhaftes Englisch, als eine rothaarige Frau auf Nazath zukam und ihn auf Hebräisch ansprach.

„Ich bin Caroline Miles. Willkommen an Bord.“

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SOULEBDA

Ma‘ Difgtma schaute die beiden weinenden Männer am Boden an.

Selten hatte sie Männer so weinen sehen, aber die beiden hatten sich als Helden versucht und waren kläglich an ihr, der Schamanenkriegerin, gescheitert. Mit einem Trunk ließ sie die leidenden Männer am Boden in die Bewusstlosigkeit gleiten, dann rief sie Soleab und Jerome zu sich.

„Die Kleinen waren recht geschwätzig. Ich habe hier eine lange Liste, die Caroline und unsere Freunde schnellstens haben sollten. Die da, gehören zu einer Mordsbubenbande namens HEMA und sind fiese Terroristen.“

Dabei zeigte sie auf die beiden schlafenden Männer und den tumb in der Gegend stehenden Mann. Die Liste gab sie Jerome, der sofort los rannte. Dann sah sie zu Soleab und bat ihn, sich zu setzen.

„Wir müssen uns vorbereiten, vermutlich brauchen wir einen Gara’manga Ischtuzu, einen Eingreiftrupp aus unseren besten Schattenkriegern. Diese HEMA-Leute haben vor Papua Neuguinea einen Stützpunkt im dichtesten Dschungel, da brauchen wir unsere Leute.

Rede du mit den Stämmen und ich rede mit der Präsidentin, wir treffen uns bei ihr im Palast. Morgen zur Mittagszeit und, Soleab“, dabei schaute sie ihn eindringlich an, „das kann hart werden, wir müssen mit wirklich bösen Menschen kämpfen, du weißt, was das heißt – keine Gnade!“

Soleab schaute sie an und fragte sie: „Wirst du mitkommen, Ma‘ Difgtma?“

Sie begann einige Sachen zusammen zu räumen.

„Ja, selbstverständlich, ich sammle meine Sachen zusammen, hier geht es nicht nur um Caroline und Peter, nicht nur um unsere anderen Freunde. Wenn ich das richtig verstanden habe, was diese Winselnden da sagten, dann geht es um das Schicksal aller Menschen, da werdet ihr mich brauchen!“

**

Als die Hercules auf dem Flugplatz von Momote auf Manus ausgerollt war, wurden Hannes, Randy und Dana aus dem Flieger gebracht und in eines der bereitstehenden Fahrzeuge gesetzt. Das Fahrzeug war eindeutig als Gefangenenfahrzeug vorgesehen, überall Gitter und Fenster oder Türen konnten nicht geöffnet werden. Die Hitze und Feuchtigkeit, die ihnen entgegenschlug war enorm, hier war von Urlaubsklima nichts zu spüren.

Der Trupp Soldaten, der dann ausstieg, bezog in einigen Lkw Platz und alsbald fuhren sie los.

Was ihnen entging, war ein Zwei-Mann-Team, das mit Teleobjektiv bewaffnet jeden, der aus der Maschine kam, ablichtete. Die Bilder wurden bewertet und dann über Satellit nach Israel übertragen.

Währenddessen rumpelten die ersten Fahrzeuge auf der holprigen Straße entlang.

Die alten Gefangenenlager kamen ins Bild und verschwanden wieder, dann tauchte aus dem Dschungel dieses Lager auf. Aber das war kein Lager, sondern ein Bunkerkomplex. Sie fuhren in die Schleusen ein, bereits diese waren stark befestigt und einfach zu verteidigen. Nach genauen Kontrollen fuhr der Tross weiter.

Die Wachtürme und Befestigungsanlagen fielen sofort ins Auge und da würden sicherlich noch viel mehr sein. Das Wenige, was sie sehen konnten, ähnelte den japanischen Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und da hatten sich die GIs schon die Zähne ausgebissen. Überall Masten mit Sensoren, Kameras, starken Lampen. Das Ding war eine Festung.

Sie konnten sehen, wie eine mächtige Startanlage aus dem Dschungel geschnitten wurde. Die Traktoren bohrten sich in den Dschungel und rodeten eine Landebahn, an die 120 Meter breit und schier unendlich lang, die bald fertig sein würde. Hannes schaute sich alles sehr gut an und auch Dana prägte sich so viel ein, wie in der Kürze der Zeit möglich. Überall wuselten Leute herum, Einheimische, die offenbar hart behandelt wurden, aber auch Soldaten in Uniform, die auch mitarbeiteten.

Nur Randy schien das scheinbar alles kalt zu lassen, denn er schaute scheinbar nur in die Luft, so als interessiert ihn das alles nicht. Schließlich erreichten sie in einem weiteren abgegrenzten Bereich eines der kleinen neueren Häuser mit Klimaanlage und Strom. Das war auch fabrikneu aus dem Boden gehauen worden: ein richtiges kleines Fertighaus, mit allem was man brauchte.

Man installierte ein Telefon in dem Haus, das über die Vermittlung funktionierte und füllte den Kühlschrank auf. „Wasser aus Wand nix gudd.“, sagte einer der einheimischen Bediensteten und verschwand schnell wieder.

Randy baute seinen Rechner auf und ließ einige Programme laufen, dann winkte er die beiden anderen zu sich. Auf dem Bildschirm erschien der Umriss des Hauses und drei rote Punkte, darunter der Vermerk: Wanze. Die beiden anderen nickten, das war klar, dass das Haus überwacht wurde.

Er scannte die Netzwerkumgebung, fand die beiden gesicherten WLAN-Netze und suchte weiter, dann fand er auch das versteckte Netz. Über die beiden WLAN-Netze, die Randy entdeckte, versuchte Randy erst gar nicht Nachrichten nach außen zu senden. Diese nutzte er nur für seine Spielereien, um den Bewachern etwas vorzugaukeln.

Stattdessen untersuchte er den Kühlschrank und schnappte sich eine längliche Dose Ginger Ale. Zu dritt tranken sie das Gesöff und dann begann er, aus dem Blech etwas zu basteln.

**

Fransiska Haufberger hatte einen Anruf von AAC, einer der drei größten Presseagenturen mit erstklassigem Namen erhalten. Man lud sie in die Zentrale nach Brüssel ein und sie erschien, wie man es von ihr kannte. Erstklassig im Auftreten und im Erscheinungsbild wurde sie an der Empfangszentrale vom Juniorchef persönlich erwartet.

Dieser begleitete sie in einen großen Konferenzraum, indem vier andere Verantwortliche saßen: der Eigentümer und Chef selbst, sein angestellter Geschäftsführer, die beiden Leiterinnen für die Nachrichtenabteilung und der sie begleitende Juniorchef. Nach der warmherzigen Begrüßung kam der Chef direkt auf den Punkt.

„Frau Haufberger, Sie haben bisher eine exzellente Arbeit geleistet und sind mittlerweile im Inland als auch im Ausland als eine vertrauenswürdige Pressevertreterin bekannt.

Wir hatten einen unfallbedingten Ausfall bei uns und unser Ancorman muss ersetzt werden. Meine Berater haben Sie für diesen Platz vorgeschlagen, obwohl Sie noch nicht zu uns gehören. Aber sie halten Sie für das Gesicht, dem Glauben geschenkt wird und das auch harte Fakten knallhart angehen kann. Sind Sie an diesem Job interessiert?“

Fransiska hatte von dem grässlichen Hubschrauberabsturz gehört, bei dem der bisherige Ancorman ums Leben kam. Lange Zeit hatte sie ihn als heimlichen Ziehvater angesehen, er war stets ein Vorbild und nun sollte sie ihn beerben, ausgerechnet sie?

Aber Fransiska war eben Fransiska und bei ihrem alten Sender sah sie seit dem Vorfall mit Trommer keine Zukunft mehr. Folglich fiel ihr die Entscheidung einfach. Noch am gleichen Tag wurde der Vertrag unterzeichnet. Sie würde hauptsächlich im Zentralstudio arbeiten, aber auch von unterwegs berichten.

Ihr erster Auftrag war bereits ein Hammer „Finden Sie alles Wichtige über die HEMA heraus und helfen Sie bei deren Zerschlagung!“ Bei der Einweisung in ihre neue Dienstwohnung ging ihr die HEMA nicht mehr aus dem Kopf, ausgerechnet diese schrecklichen Leute…

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Peace of Mind

Mit vier Knoten Geschwindigkeit fuhr die „Peace of Mind“ 280 Meilen nördlich von Papua Neuguinea durch die warmen Gewässer.

Unter dem Schiff versuchten die israelischen Kampfschwimmer der Mine am Rumpf Herr zu werden. Offensichtlich war diese Sprengladung magnetisch verankert. Aus einer Öffnung perlten Gasblasen aus, die sich schnell als Kohlenstoffdioxid herausstellten.

Kopfschmerzen bereiteten allerdings acht Drähte, die je zu vieren in Bug- als auch Heckrichtung gezogen waren und über Isolatoren in den Sprengkörper gingen. Offensichtlich stellten sie eine Funkantennenanordnung dar. Die Taucher vermaßen die Kabellängen, schossen Bilder und machten sich auf die Rückkehr zum U-Boot.

„Der Magnet-Detektor hat 12 Magnetfelder in Kreisform festgestellt aber diese Antennen irritieren mich, diese Form ist mir fremd.“, musste der Leitende Ingenieur mit seinen Funkern feststellen. „Anders ist es mit der Ausgasung, wir vermuten einen CO2-Generator und das wäre auch schlüssig.“

„Was machen wir mit den Antennen? Was sagen unsere Profis an Land?“

„Von der Zentrale kommt keine Erklärung, sie vermuten irgendeine Kurzwellenapparatur, können aber zu den Frequenzen nichts sagen.“

„Wer kann uns da noch helfen, wer könnte sich damit noch auskennen, wir können doch nicht die Passagiere fragen, ob sie sowas schon mal gesehen haben und…“

„Das ist es!“, schlug Captain Tamar mit der Hand auf den Tisch. Metaller sind keineswegs dumme Leute, da sind bestimmt auch clevere Junge und Alte darunter, könnte sein, dass wir da Hilfe erhalten könnten. Wie weit sind die Einsatztruppen an Bord?“

„Die sind wohl immer noch im Kampf.“ „Egal, gib dem Kapitän drüben Bescheid, er soll seine Passagiere mit einbeziehen, vielleicht haben wir Glück.“

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Das Gejaule vor der Satellitenstation war unerträglich. Immer noch jagten die Schallwellen an die Kabine der Übertragungstechnik. Mittlerweile mussten die Terroristen in der Technikkabine am Kollabieren sein.

Einige Techniker hatten vier weitere mächtige Lautsprecher in Kreuzform vor dem einzigen Eingang platziert. Offenbar richteten die Techniker die Lautsprecher auf einen unsichtbaren Punkt vor dem einzigen Ausgang aus. Endlich gingen bei den vier Leuten an den Messgeräten die Daumen gleichzeitig hoch.

Ein Deck höher erklärte uns einer der Techniker mit einem fiesen Lächeln, was seine Jungs da bauten.

„Ihr wisst doch, dass Schallwellen schwingen, sich ausbreiten in Sinusform, also Berg und Talwellen, mal einfach gesagt, und dass man diese Wellen schwächen oder verstärken kann. Zwei Wellen in der passenden Zeit abgespielt verdoppeln diese Welle und damit die Amplitude…“ Er sah unsere verdutzten Gesichter.

„Na, vergesst es, die Schallwelle wird einfach doppelt so laut, aber nur exakt im Brennpunkt! Und wir, wir haben nicht zwei, sondern viermal diese Welle genau hinter dem Ausgang konzentriert. Wer in diesen Bereich eintritt, der bekommt die vierfache Leistung ab, das ist etwa so, als steht man unter einer startenden Rakete, es zerreißt dich einfach. Versteht ihr jetzt in etwa, was ich mit Schalldruck meine?“

„Wie groß ist der Bereich, der so extrem ist, kann man den beschreiben?“ „Natürlich, er entspricht etwa einem Kubikmeter, etwa einen Meter über dem Boden geht’s los und dann je einen Meter in alle Richtungen, das ist die Todeszone.“

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Shaah Kalaaf und Klaus Wolgarath hatten sich zum seitlichen Bootsauslass durchgeschlichen und Kämpfe vermieden, soweit möglich.

Jetzt standen sie an der Box, aus der die Schlauchboote und die Versorgungsschnellboote ausgesetzt werden konnten. Von den letzteren wussten sie, dass sie große Tanks hatten. Dennoch stopften sie so viele Reservetanks wie möglich rein.

Shaah versuchte mit dem Funkgerät ein letztes Mal Kontakt aufzubauen, aber nur ein grässliches Quietschen kam aus dem Gerät. Also drückte er mehrfach den Signalknopf, auch wenn Orimnjia das nicht hören konnte, vielleicht sah sie ja das Signal und verstand. Der Lärm der Lautsprecher übertönte alles.

„Hast du die Daten bei dir, wir haben eine letzte Chance, ich kenne eine Anlegestelle mit Übertragungsmöglichkeit. Also, hast du die Daten?“, schrie Shaah zu Klaus Wolgarath.

„Ja, Shaah, ich habe alles bei mir.“

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„Fiiiiiep“ machte es über die Lautsprecheranlage. „Achtung, Achtung! Hier spricht der Kapitän, bitte alle herhören. Passagiere mit Funkerfahrung, erfahrene Amateurfunker und andere Kurzwellenprofis melden sich bitte umgehend beim Kapitän. Ich wiederhole. Passagiere mit Funkerfahrung, erfahrene Amateurfunker und andere Kurzwellenprofis melden sich bitte umgehend beim Kapitän.“

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Orimnjia hatte tatsächlich verstanden und wusste, was das Leuchtsignal am Funkgerät bedeutete.

Ihr Kopf schien zu platzen und einige ihrer Mitstreiter waren kurz vor dem Kollaps, als sie die Zeichen zum Angriff gab. Alles, was man sich in die Ohren stopfen konnte, hatten sich die Verzweifelten in die Ohren gesteckt. Dann trieb Orimnjia die Streiter an und sie rannten so schnell sie konnten aus dem dunklen Sendecontainer.

Da die Metaller die Seitengänge außer einem alle versperrt hatten, war das die einzige Fluchtrichtung und die Verzweifelten versuchten genau dahin zu stürmen. Doch etwa einen Meter nach der Tür traf sie etwas Unsichtbares und mähte sie einen nach dem anderen hinweg. Sobald die Fliehenden den Brennpunkt passierten, war es so, als zog ihnen jemand den Stecker raus und sie fielen einfach in sich zusammen.

Bei einigen der so Gefällten trat Blut aus Mund und Ohren, ein klassisches Zeichen dafür, dass die Schädelbasis offenbar gerissen oder gebrochen war. Der Schalldruck musste höllisch gewesen sein.

Am Ende hechtete Orimnjia aus der Tür und robbte an den Kämpfern vorbei zu einem Versorgungsschacht, ohne es zu ahnen, hatte sie den einzigen wunden Punkt dieser Schallkanone gefunden – schon war Orimnjia in dem Schacht verschwunden.

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Die Techniker schalteten die Soundanlage endlich ab. Das grausame Geräusch eines Zahnarztbohrers erstarb. Dann untersuchten die Techniker die Sendeanlage, sie war intakt. Da Orimnjia nichts zu senden bekommen hatte, war ihr die Anlage auch nicht wichtig. Gut zwanzig Metaller sicherten die Sendeanlage und würden aus jedem Terroristen Kleinholz machen, der sich näherte.

Als die Satellitenverbindung wieder stand, ratterten die Drucker los und die Techniker schauten nach den Ausdrucken. Einer der Bordfunker schaute auf den roten Drucker, der die Statusmeldungen ausgab und staunte nicht schlecht, als er die Meldungen las.

„Du und du, ihr bringt das da sofort zum Kapitän, das ist extrem wichtig! Nehmt euch vier Mann mit und lauft, es eilt!“

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„Captain, die haben an Bord tatsächlich einen Passagier gefunden, der uns weiterhelfen kann, er wird gerade zu uns gebracht.“

Von oben drang ein Ruf in das U-Boot: „Platz da auf dem Niedergang, bringt den Mann zum Kapitän.“

Captain Tamar betrachtete den älteren Passagier und sprach ihn auf Englisch an. Dieser begann leicht zu lachen und antwortete auf Hebräisch.

„Malinkus ist mein Name, Uwe Malinkus. Sie können frei mit mir reden, ich spreche auch Ihre Sprache. Sie haben ein Problem zu lösen und ich kann Ihnen vielleicht dabei helfen?“

Tamar lächelte leicht „Wir haben eine 400 Kilo schwere Miene magnetisch an dem Passagierschiff kleben, offenbar mit einer Funkeinrichtung, über die wir uns nicht im Klaren sind, was das ist. Hier sind die Bilder, Herr Malinkus, bitte helfen Sie uns, wenn möglich.“

Malinkus betrachtete sich die Bilder der Antennenanordnung. Er schaute sich die Bilder genauer an und grinste in sich hinein.

„Herr Captain, Ihre Taucher können die Funkdrähte durchtrennen, die bilden keine Gefahr mehr, das ist eine uralte Bauform einer russischen Langwellenantenne. Keine Ahnung, wie die Russen diese Antennen nannten, wir sagten zu denen immer Marconis lange Gabel. Captain, das ist eine Langwellenantenne für den U-Boot-Funk. Sagen Sie bitte, da treten doch nicht etwa seitlich Gase aus, oder?“

„Doch, Kohlenstoffdioxid, um genau zu sein. Was wissen Sie darüber?“

„Verdammt, das ist eine Garotschka, diese Minen hatten die Russen früher unter die schwersten Schlachtschiffe der Feinde montiert. Weil die Batterien aber unheimlich viel Strom brauchten, hatten die Russen einen Gasgenerator dabei, der CO2 ausblies. Knipsen Sie die Antennen ab, verstopfen oder verkleben Sie den Gasaustritt und die Mine sprengt sich selber vom Rumpf ab, ohne hochzugehen. Den Fehler haben die Russen in der Konstruktion nie beseitigen können. Machen Sie es so.

Und noch etwas. Ich bin Dr. Ing. Uwe Malinkus, ich war früher Chefausbilder für die maritime Kommunikationsstelle IV der Deutschen Marine. Wir bildeten die Minentaucher aus. Reicht das als Legitimation?“

Der Kapitän nickt und schickte seine Taucher raus, gleichzeitig ging die Information an den Kapitän der „Peace of Mind“.

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Der Kampf auf den Decks war brutal und endete für immer mehr der Angreifer mit deren Ende. Deck für Deck wurde gesäubert und die Metaller drängten die Angreifer weiter nach oben auf das Oberdeck. Auf der anderen Seite rannte Peter mit der „Interpol-Truppe“ die Treppe hoch und jagten zwei der Terroristen die Gangway entlang, direkt in die Arme der Israelischen Kampftruppe. Das Ende kam für die beiden Terroristen dann schnell.

„Caroline!“, rief Peter laut in meine Richtung und er rannte auf mich zu. Gerade wollte ich Peter in die Arme fallen, da drang aus einem der Versorgungsschächte ein Schuss, der mir galt. Er streifte mich aber nur, weil eine der Kommissarinnen in die Schussbahn trat und daraufhin getroffen zusammenbrach. Ein lautes hysterisches Fluchen und Gekreische rumpelte aus dem Schacht, aus dem der Schuss kam, und wurde schnell leiser.

Die Israelis sicherten den Raum ab und kümmerten sich um die schwedische Kommissarin, die eine schwere Verletzung in der Brust erlitten hatte, während Peter den Streifschuss an meinem Arm prüfte.

Ich sah Peter an, gab ihm meine letzten beiden Magazine. „Hol sie dir Tiger!“ Mit der Waffe und neuer Munition rannte Peter los, zwei Israelis folgten ihm. Das Ziel hieß Orimnjia.

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Ein Terrorist nach dem anderen wurde überwältigt. Als nur noch zwei übrig waren, versuchten diese vom Oberdeck aus ihr Glück in der Flucht und sprangen über Bord. Einer verfing sich dabei in den Resten des Antennenmastes und wurde sprichwörtlich aufgespießt, der andere klatschte aus über 50 Meter Fall auf dem Meer auf und trieb leblos in Richtung Heck, wo er im Sog der Propellergondeln verschwand.

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Im Achterdeck dröhnten die Motoren des beladenen Schnellbootes, der Lärm der Generatoren, Lüftern und anderen Hilfsgeräte übertönte jegliche Durchsage. Shaah warf Klaus noch einige Boxen mit Wasser und Nahrung zu. Sie wussten, wer auf offener See überleben will, braucht vor allem Trinkwasser.

„Dann lass uns verschwinden, Orimnjia muss sehen, was aus ihr wird und wo sie bleibt.“, ordnete Shaah an und Klaus gab Gas.

Damit legten sie mit dem Boot ab und fuhren in die entgegengesetzte Richtung vom U-Boot weg und verschwanden in den ersten Nebelschwaden. Mit etwas Glück wurden sie nicht entdeckt und konnten zur Prinz-William-Henry-Insel kommen. Diese Insel, auch Mussau genannt, war das Ziel von Shaah Kalaaf und Klaus Wolgarath.

„Diese verdammten Affen haben mich hereingelegt, das lasse ich sie jetzt spüren. Klaus, hast du den U-Boot-Sender schon hochgefahren?“

„Noch zwei Minuten, diese alten Russenröhren brauchen eine Weile, aber die sind sehr zuverlässig.“

„Ist es endlich soweit, ich habe so wenig Geduld.“

„Warte noch, er kann noch nicht senden.“

„So, Shaah, gleich ist es soweit, ich werfe die Angelantenne aus. Moment bitte, noch nicht senden.“

Das Kabel verschwand im dunklen Himmel. Danach montierte Klaus Wolgarath das andere Ende an dem alten Sender.

„Da schau, die „Peace of Mind“ kommt aus dem Nebel, jetzt gehört sie dir, Shaah.“

Mit einem gefährlichen Blinzeln in den Augen drückte Shaah auf die beiden gummierten Knöpfe. Aber anstatt dass die „Peace of Mind“ auseinanderbrach, schien sich hunderte Meter hinter dem Passagierschiff eine riesige Wand aus Wasser aufzutürmen.

Kreidebleich vor Hass warf Shaah den Sender mit allen Kabeln über Bord. Seine Hände ballten sich und die weißen Knöchel traten hervor.

„Das werdet ihr mir büßen, die ganze Welt soll das büßen.“ Er schrie noch minutenlang, während das Boot weiterfuhr.

Nach einer halben Stunde Fahrt drehte Klaus Wolgarath das Licht in der kleinen Kajüte an und schaltete das Navigationsgerät ein.

Sie hatten sich nicht verrechnet, der Kurs passte im Wesentlichen. Mit nur noch 90% Power anstatt Vollgas fuhren sie weiter, die nächsten Stunden würden hart werden und sie würden sogar auf 80% Motorleistung gehen müssen, um die Maschinen nicht zu ruinieren. Aber das Ziel war klar und lag genau vor ihnen, nur noch anderthalb Tage, dann waren sie knapp vor dem Ziel. Ihre Rache würde fürchterlich werden, das schworen sich beide.

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Tatsächlich war genau das eingetreten, was Dr. Ing. Uwe Malinkus vorhergesagt hatte. Kaum waren die Drähte gekappt und die Gasaustrittsöffnung mit einem Metalldeckel schnellverklebt, da verformte sich das Gehäuse und mit einem lauten „Blongg“ löste sich die Mine. Sie sank gute 20 Meter tiefer, bis eine Halteleine sie am Weitersinken hinderte.

Während die „Peace of Mind“ darüber hinwegfuhr, rasten die Taucher in ihrem Schlauchboot zu dem U-Boot und stiegen um. Weit hinter ihnen durchbrach eine aufgeblasene Rettungsinsel die Oberfläche, unter der die Mine hing. Der nächste Morsespruch war an den Kapitän gerichtet „Volle Fahrt“. Kurz danach brodelte das Wasser am Heck der „Peace of Mind“ und das Schiff nahm wieder rasch Fahrt auf.

Als die Wasserfontäne der Detonation aufstieg, waren alle außer Gefahr, einzig die Rettungsinsel war ein Totalverlust.

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MANUS

Randy hatte die leere Blechbüchse aufgeschnitten und mit einigen Kleinteilen in eine Satellitenantenne verwandelt. Als der Sendeempfänger auf die Blechdosenantenne abgestimmt war, begann er über seinen Rechner mit den ersten Übertragungen. Der Kontakt aus Israel kam schnell zustande, die Authentifizierung klappte. Er berichtete dann vom aktuellen Status, der Position und allem, was sie unterwegs gesehen hatten.

Als Antwort kam eine verschlüsselte Datei von Dagan höchstpersönlich signiert mit dem aktuellen Update.

Die nächste Meldung ging direkt nach Soulebda und wurde vom Kommunikationszentrum direkt in den Palast weitergereicht. Auch aus dem Palast kamen die aktualisierten Updates und Randy schaute überrascht, als man ihnen den Besuch von einer Frau ankündigte, den Besuch von Ma‘ Difgtma nebst Begleitung.

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Im Kommunikationsbunker auf dem Gefangenenlager schaute der dortige Leiter seinen Spezialisten über die Schulter.

Hinter ihm befanden sich ganze Batterien an Bildschirmen. Sie zeigten die einzelnen Gebäude, teilweise das Innere der Häuser, die Umgebung und jede Menge Gänge, Gräben und geschützte Stellungen.

„Was sendet dieser Kaufmann?“, fragte der Oberleutnant.

„Momentan surft er im Web und versucht irgendwelche Nachrichten abzurufen, aber wir unterbinden das in zufälligen Abständen, der ist wohl doch nicht so clever, wie die von der Abwehr dachten.“

Tatsächlich lasen sie jedes Wort mit, das über das WLAN getickert wurde, die Übertragung über die Satelliten blieb vorerst unentdeckt. Ebenso wie der Trojaner, der sich langsam durch die ersten Firewalls fraß und der vom anderen Ende der Insel aus gestartet worden war. Auch wenn das ein Bunker war, so war er trotzdem angreifbar und der Feind war schon da.

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Peace of Mind

„Wichtige Nachricht für den Kapitän!“, stürzte der Melder auf die Brücke, „Herr Kapitän, wir haben die Satellitenstation wieder in unserer Gewalt, sehen Sie, was aus dem Notfallmelder kam…“

„Danke, und kommen Sie wieder zu Atem.“ Dann las Kapitän Fischer die Meldungen durch.

„Haben wir zwei Passagiere mit Namen Caroline Miles und Peter Stein an Bord?“

„Ja, Kapitän, das frisch getraute Paar von Soulebda, Suite 101.“, meldete einer der Offiziere.

Kapitän Fischer nahm den Hörer und schaltete auf Ansage.

„Achtung, Achtung, eine Durchsage, hier spricht Ihr Kapitän. Die Passagiere Caroline Miles und Peter Stein werden gebeten, sich umgehend beim Kapitän auf der Brücke zu melden, ich wiederhole…“

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TEL AVIV

„Das sind eindeutig Randy Kaufmann, Dana Stern und dieser Hannes Meier, ja, ganz eindeutig.“ Dagan nickte nur und die beiden Analysten verabschiedeten sich. Mit einem Blick auf seine Uhr wählte er eine Nummer am anderen Ende der Welt.

„Vorzimmer von Heylah ai Youhaahb, was kann ich für Sie tun?“ Dagan identifizierte sich und die Vorzimmerdame reagierte sehr gut. Schnell wurde er zur Präsidentin durchgestellt. Heylah hörte Dagan sehr genau zu, als er zum Wesentlichen kam:

„Frau Präsident, ich brauche Ihre Hilfe, genauer die Hilfe Soulebdas und ihrer einzigartigen Krieger.“

„Ich weiß bereits, dass Sie ein Problem in unserer Nähe haben.“ Heylah lächelte in das Telefon, als wenn Dagan das sehen könnte.

„Hören Sie, Dagan, hier sind gerade weitere Informationen eingegangen. Die „Peace of Mind“ ist frei, die Position geht Ihnen gerade per Mail zu. Aber nach dem, was ich hier lese, sind die beiden Hauptterroristen mit einem Schnellboot entkommen.“

„Klasse, das passt zu meinen Informationen. Randy Kaufmann, Dana Stern und Hannes Meier werden auf einer Insel festgehalten, auf der die Amerikaner die Autorität darstellen.“

„Das ist richtig, neben mir sitzt Soleab und meine Vertraute Ma’Difgtma, ich schalte auf Lautsprecher.“

Nach der Begrüßung begann Heylah wieder. „Wir machen hier gerade zwei Maschinen startklar und kommen Ihnen und Ihren Leuten mit zwei Abordnungen unserer Stammeskrieger zur Hilfe. Ma’Difgtma wird an der Operation mit teilnehmen, ich hoffe Ihre Leute haben keine Angst vor Zauberei.“

„Sie wollen mit zwei Maschinen auf der Insel landen, beachten Sie, Frau Präsident, das ist keine einfache Anlage, in die Sie da wollen. Das ist eine der letzten Festungen aus dem Kaiserreich, die nie geknackt wurden. Sie werden dort starken Widerstand erleben, Radarüberwachung und rechnen Sie mit SAM und Flak.“

„Was können Sie uns noch geben, Dagan?“

„Ich sende Ihnen alles, was wir haben. Wir hatten vor einigen Jahren einen Versuch unternommen, im Südwesten an der Küstenpartie mit einem Transportflugzeug zu landen und die Pläne waren fast fertig, wurden aber nicht umgesetzt. Sie kennen das ja, politische Veränderungen.“

„Verstehe, wir werden da runter gehen, wir müssen es einfach.“

Dagan lachte kurz auf: „Sehr gut, wir haben auf Manus bereits eine kleine Abordnung. Ich schicke die Daten gleich durch und noch eine Frage: wir beobachten Aktivitäten auf der nordöstlichen Insel, hier nennen wir die Insel Prinz-William-Henry-Insel, bei Ihnen wird sie Mussau genannt. Können Sie da auch mal vorbeischauen? Dies ist auch in den Daten enthalten, die wir bereits haben.“

„Dann werden wir drei Maschinen schicken.“

„Das ist gut, auf Mussau sind noch zwei alte Landebahnen, davon können beide genutzt werden.“

„Das hilft uns weiter, danke, Dagan“

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SOULEBDA

Am Folgetag wurden auf dem Julam’da Airfield drei Herkules- Maschinen beladen. Schemenhafte Gestalten wuselten um die Maschinen herum und verschwanden in ihnen. Als eine Fahrzeugkolonne vorfuhr, wurde es nochmals ein wenig hektisch. Soleab verabschiedete Ma’Difgtma und machte Bernd Schuster nochmals klar: „Pass auf, dass alle wieder gesund heimkommen, und riskier nicht wieder dein Leben, ist das klar?“

Während die Motoren warm liefen, verabschiedete sich Bernd Schuster mit seinen drei Mannschaften aus Stammeskriegern und Geheimdienstlern. In seine Maschine waren dann noch einige andere gute Freunde aus alten Tagen eingestiegen, davon sahen einige sehr europäisch aus.

Die drei Herkules-Maschinen, schwere Transportmaschinen mit großen Zusatztanks, starteten und verschwanden in der Nacht.

„Zurück zum Palast“, gab Soleab vor und die Kolonne rollte davon.

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Peace of Mind

Peter war der Spur von Orimnjia gefolgt. Es schien, als versuchte sie, zu den Schnellbooten zu kommen. In den engen Gängen war es schwierig, nichts zu übersehen, und Orimnjia war eine Messerkämpferin, aber offenbar keine präzise Schützin.

Die beiden Israelis gaben die Positionen andauernd durch. Endlich hatte man mich mit einem Verband wieder aus der Obhut entlassen. Von einem der Israelis bekam ich eine Ausrüstung, Munition und Headset, dazu eine Waffe.

„Wo seid ihr?“, fragte ich über Funk nach.

„Deck 3, mittschiffs, hinter dem Hospital, auf dem Weg zu den Booten.“

„Ich komme mit drei Mann vom Heck her zu euch, diese Frau ist gefährlich. Passt auf, man nennt sie Orimnjia, die Metzgerin.“

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Über der Südsee

Der Flug verlief ruhig, es war eine sternenklare Nacht, als die drei Herkules-Maschinen ihre Bahnen zogen. Dann, noch weit vor der Küste drehte eine der Maschinen ab, sank auf die niedrigste Höhe und flog weiter auf ihr Ziel die Insel Mussau zu.

Keine der Radarsensoren schlug an. Die Maschine flog für das Radar zu niedrig. In der Kabine erklang ein Signal, das zeigte noch 5 Minuten.

Im Cockpit hatten die Piloten ihre Nachtsichtbrillen an, der dritte Mann hatte seine Augen auf dem großen Bildschirm. Seine Angaben waren klar und präzise. In der Kabine erklang das Signal noch eine Minute lang. Dann öffnete sich die große Heckklappe und die Leute machten sich startklar.

Ein letzter Ton kündigte es an, jetzt erfolgt die Landung, da rumpelte die Maschine bereits auf dem alten stillgelegten Flugplatz entlang. Ab der Mitte der Landebahn sprangen rechts und links abwechselnd je zwei dunkle Gestalten von der Heckklappe und verschwanden im Nichts. Als die Maschine ausrollte, sprangen die nächsten Gestalten ab. Als die Herkules schließlich am Ende der Bahn drehte, kam ein wütender Farmer mit Machete auf die Maschine zu. Noch ehe er die Maschine genauer sehen konnte, wurde der Mann von hinten gepackt und verschwand ohne einen Ton in den Büschen.

Noch in der Nacht wurde die Herkules an einem alten Traktor befestigt und in das nahe Buschwerk gezogen. Tarnnetze flogen über die Maschine und beim ersten Sonnenlicht war die Maschine mit Buschwerk getarnt und nahezu verschwunden. Eine einzige Nachricht wurde übertragen: „Condor 1 ist gelandet.“

Eine Notbesatzung blieb zurück, der Rest verschwand in der nahen Halle und kurz danach fuhren zwei Gruppen in den dichten Wald. Das Ziel war eine stattliche Villa und lag an der Küste.

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Die beiden anderen Maschinen hatten es ungleich schwerer. Bereits weit vor der Küste schlugen die Radardetektoren an und zeigten, dass die Luftraumüberwachung nicht schlief. Die Maschinen flogen dicht übereinander und der Flug war offiziell als Versorgungsflug nach Papua-Neuguinea angemeldet. Aber eben nur als ein einzelnes Flugzeug. Jetzt musste sich zeigen, wie gut die Piloten ihre Arbeit konnten und wie müde die Radarcontroller waren.

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John Colorado saß an der alten Radarkonsole und löste sein Kreuzworträtsel. Auf dem Flugplan standen die drei Maschinen, die heute noch seinen Bereich überfliegen würden. Der Job war alles andere als das, was er sich vorgestellt hatte, als man ihn für ein Abenteuer für Technikfreunde in der herrlichen Südsee anwarb.

Das moderne Radargerät war immer noch im Aufbau und er musste mit einem System arbeiten, das sicherlich schon in Vietnam eingesetzt wurde.

Jetzt versauerte er hier bereits seit vier Monaten und wurde andauernd wegen seines Namens mit John Denver gehänselt. Er hasste seine trinkenden Kollegen, und was er noch mehr hasste, war, dass er mit diesem Kreuzworträtsel nicht weiterkam.

Flugunfähiger Vogel, 6 Buchstaben mit „K“ am Anfang und „R“ am Ende. Da blinkte die Info am Bildschirm auf mit den Flugdaten des ankommenden Flugzeuges.

Kasuar 126. Ein Leuchten ging durch das Gesicht des jungen Mannes, er konnte das Rätsel lösen – KASUAR- genau das passte in die Kästchen.

„Manus Control, Kasuar 126, guten Abend, fliegen Sie weiter auf 212. Wünsche guten Flug.“

„Roger, Manus Control, danke.“

Weiter ging es mit dem Rätsel, endlich klappte es wieder und ein Wort fügte sich in das nächste. Er fühlte sich wie ein kleiner Held. Dieses blöde Rätsel hatte ihn die letzten Stunden gekostet. Irgendwann erlosch das Licht auf dem Bildschirm und der nächste Flieger würde frühestens in drei Stunden auf den Bildschirmen aufleuchten.

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An Bord der zweiten Maschine war die letzte Stunde hektisch gearbeitet worden. Eine Drohne war zusammengesteckt worden, sie würde aus dem Flugzeug fallen und nach 50 Metern freiem Fall die Flügel entfalten. Dann würde es hektisch werden, das wussten die Leute in den Maschinen.

Langsam sanken die beiden Maschinen auf 5500 Meter und die Heckklappe öffnete sich. Die Drohne fiel aus der Herkules und verschwand in der Dunkelheit.

Am Bildschirm steuerte eine junge Frau die Drohne, sie drehte mit ihr eine Rolle, damit sich die Flügel entfalten konnten und zündete den kleinen Düsenmotor. Die Geschwindigkeit stieg an. Auf dem Bildschirm konnte man deutlich sehen, wie sich die Drohne den beiden Maschinen näherte. Dann zählte die Pilotin über Interkom rückwärts „3…2…1… aktiv!“

An Bord der Herkules waren ab diesem Zeitpunkt die Sendekennungen abgeschaltet, einzig die Drohne sendete die Kennung der Linienmaschine weiter und stieg auf die anfänglichen 6500 Meter.

Die junge Frau meldete über Interkom: „Laurin ist aktiv, ich wiederhole, Laurin lässt grüßen.“

Die beiden Herkules sanken tiefer und tiefer und drehten langsam ein.

Die Propeller in Segelstellung verschwanden sie hinter den ersten höheren Bergen, dann kamen sie der Oberfläche näher. Wenn etwas an der Aufklärung nicht stimmte, würden die beiden Maschinen in einem Feuerball im Urwald verglühen, das war ihnen klar.

Das Signal zur Landung leuchtete auf und die Motoren brüllten auf. Begleitet vom lauten Schreien der Brüllaffen aus dem Urwald setzte die erste Maschine auf dem breiten Strand auf, rollte weiter und die zweite folgte.

Alles oder nichts hieß es nun. Die Oberfläche am Strand sollte genug Halt für die beiden Maschinen bieten, aber es war alles andere als garantiert. Wenn sie auf weichen Kies trafen, würde die erste Maschine seitlich wegsacken und damit wäre es gelaufen.

Sie durften nur nicht stehenbleiben und damit steckenbleiben. So rollten die Maschinen langsam weiter und die Trupps sprangen seitlich aus der Heckklappe und rollten sogleich weg. Mit dem Verlassen der letzten Leute gaben die Motoren alles, hoben die Maschinen ab, flogen in knapp 10 Meter Höhe über das Wasser und verschwanden im Dunkel der Nacht. Dieser Stunt war gelungen, aber sie waren noch weit vom Ziel entfernt.

Außer den überlauten Brüllaffen rauschte nur noch der Urwald. Die Landung der beiden Truppen war geglückt. Ob und wie sie wieder in die Heimat gelangen würden, das stand auf einem ganz anderen Blatt. Und auch hier gab es nur eine einzige kurze Meldung: „Condor 2 und 3 gelandet.“

Über dem Himmel in über 6000 Meter flog eine einsame Drohne weiter auf Südwestkurs und sendete weiterhin die Kennung der vermuteten Maschine.

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Peace of Mind

Auf der „Peace of Mind“ kehrte so langsam die Normalität wieder ein. Die Metaller sammelten sich und halfen beim Aufräumen, während im Deck 3 die Jagd nach der Metzgerin weiter lief.

Kapitän Fischer hatte wieder Fahrt aufgenommen und auf den oberen Decks ging die Party langsam wieder los.

Vor den kritischen Bereichen aber standen je ein halbes Dutzend Leute und würden es Orimnjia unmöglich machen, tiefer ins Schiffsinnere zu gelangen. So war der Plan. Auf dem Oberdeck nahe der Brücke zogen einige Freiwillige zusammen mit der Technik Crew neue Drähte, um zumindest auch im Kurzwellenbereich senden zu können.

Im unteren Teil des Schiffes aber lag das Bordlazarett und hier herrschte Hektik. Die Verletzten kamen nach und nach hierher, einige wurden gestützt, einige wenige auf Tragbahren.

Das israelische U-Boot war bereits abgetaucht, es fuhr unter Wasser deutlich schneller und ruhiger als an der Oberfläche. Außerdem gab es da weniger Wellen.

Zusammen mit der „Interpol-Truppe“ saßen zwei Sicherheitsleute und der Wachoffizier an den Bildschirmen der Bordüberwachungsanlage und beobachteten die Monitore, bereit, jede Bewegung an die zwei Trupps weiterzugeben.

„Wachoffizier an Tango 1, Bewegung im Schlauchbootlager 3. Bestätigt! Verdächtige ist im Schlauchbootlager 3.“ Da erlosch die Kamera in diesem Lager. „Diese Schlampe ist gut!“, brummte die Kommissarin, „ich hoffe, unsere Leute sind besser…“

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SOULEBDA

Am frühen Morgen landete Fransiska Haufberger auf dem Flughafen von Soulebda und freute sich, endlich wieder liebe Freunde zu sehen.

Ihre Crew wurde in einen Bus geladen und in ein Hotel gebracht. Fransiska saß im vorderen Wagen und fuhr mit Jerome voraus, sie hätten sich sicherlich viel zu erzählen gewusst, aber die aktuellen Neuigkeiten waren natürlich wichtiger und Jerome wusste einiges zu berichten.

„Das ist wieder einmal typisch für die beiden, anstatt sich auf einer herrlichen Fahrt zu vergnügen, machen die eine Piratenfahrt durch die Südsee und ich bin nicht mit dabei.“ Dann lachten sie beide laut los.

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Vor der Insel Mussau

Ein einsames Schnellboot rauschte über das Meer. Shaah hing über der Reling und übergab sich nur noch. Sein Gesicht war bereits grünlich angelaufen, es konnte aber auch an den Algen liegen, die vom nahenden Ufer berichteten. „Sind wir bald da, ich kann nicht mehr?“

„Ja, Shaah, noch eine halbe Stunde, dann sind wir am Ziel. Das da vor uns ist bereits Mussau, wir sind bald am Ziel. Schau, ob du bereits einen ans Handy bekommst.“

„Uaaaa, jetzt nicht“, kollerte Shaah und übergab sich erneut. Er war offenbar kein begeisterter Seefahrer, im Gegensatz zu Klaus Wolgarath, der hatte die Fahrt sehr genossen. Sie hatten die Ersatzkanister bis auf einen alle verbraucht und dann über Bord geworfen. Terroristen halten es wohl nicht so mit dem Umweltschutz.

Shaah wusch sich den Kopf mit Wasser und kramte das Handy aus der Tasche. Als es sich einbuchte, war er froh, ein Netz zu haben und wählte die Nummer an Land.

„Niina Mischaulk, bist du das, hier Shaah Kalaaf. Macht euch bereit, wir sind fast da. Ja, klasse und richtet mir einen heißen Tee, ich muss mich mal so richtig auskotzen!“

Niina Mischaulk stand auf der Terrasse und trieb ihre Männer erbarmungslos an. Ihre langen blonden Haare wehten im Wind und sie sah im frühen Morgenlicht aus wie eine germanische Göttin. Sie hatte breite Schultern, war durchtrainiert und mit einem kräftigen Busen ausgestattet. „Macht schon, ihr lahmen Enten, Shaah wartet nicht gerne. Habt ihr das Badewasser eingelassen, die Funkanlage hochgefahren und den Ofen angeheizt? Ihr wisst, was Shaah mit euch macht, wenn er warten muss!“

Niina Mischaulk genoss es, Männer zu dominieren. Noch viel lieber hätte sie eine Peitsche dabei geschwungen und auf nacktes Fleisch eingedroschen, aber da ihr Chef kam, musste sie sich etwas beherrschen.

Was sie nicht mitbekam, war, dass bereits einige Stammeskrieger ganz nah bei ihr waren, unsichtbar im nahen Laub des Urwaldes versteckt, aber jederzeit einsatzbereit. Im hinteren Teil des Dschungels machten sich die anderen Stammeskrieger fertig und Ma’Difgtma hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihre Kampfmontur angelegt. Wenn sie über den Platz lief, machten die Stammeskrieger ihr bereitwillig Platz. Sie alle wussten nur zu gut, das war keine alte Frau, das war eine der härtesten Kämpferinnen, die Soulebda je hervorgebracht hatte.

In der Mitte des Platzes nahm Ma’Difgtma Platz und schaute in sich hinein, dann sagte zu den Kriegern: „Die beiden sind gelandet – es geht los!“

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Washington

„Nun, technisch gesehen ist das kein Problem, nur organisatorisch ist es unmöglich.“, sagte der Techniker der NSA zu Rusch, dem Direktor der CIA.

Dieser hatte den besten Techniker der NSA auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung via Satellit angefordert und der stand nun zusammen mit Creed, dem Chef der Armee, im Büro des Direktors und zeigte auf eine Karte des Südpazifiks.

Als bekannt wurde, dass die „Peace of Mind“ von der HEMA entführt wurde, hatten die Chefs der CIA und der Armee schnell eins und eins zusammengezählt. Der einzige Grund, warum man die „Peace of Mind“ kaperte, war die Satellitenanlage, die man brauchte, um die aus Neapel gestohlenen Daten an den Boss der HEMA zu senden.

Das Kreuzfahrschiff war die ideale Zentrale, dass die Entführung völlig aus dem Ruder laufen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Allerdings war eine Versenkung der „Peace of Mind“ zu keiner Zeit eine Option, da man Gefahr sah, die Daten ebenfalls zu verlieren.

Weil nicht damit zu rechnen war, Shaah oder ein anderes Mitglied der HEMA lebend zu fangen, war die logische Schlussfolgerung, den Datenverkehr abzufangen, der mit Sicherheit erfolgen würde.

„Erklären Sie das!“

„Wenn Sie mit Ihrer Vermutung Recht haben und es zu einem Datenverkehr mit der „Peace of Mind“ kommt, sind wir rein technisch in der Lage, diesen abzufangen bzw. mitzuhören. Allerdings werden Daten nicht einfach in alle Himmelsrichtungen gesendet. Die Daten werden gezielt in eine bestimmte Richtung gesendet. Um die Daten mitzulesen, muss man das Ohr in der richtigen Richtung haben.

Allerdings ist in der Gegend, in der sich die „Peace of Mind“ aufhält keiner unserer Satelliten stationiert. Bis wir einen Satelliten in der richtigen Position haben, werden die Daten schon gesendet sein.“

„Das ist keine Alternative!“

„Wenn man beim Empfänger nichts erreichen kann, versucht man es beim Absender. Wissen Sie denn, von wo die Daten gesendet werden?“

Der Direktor und der General tauschten einen kurzen Blick.

„Wir vermuten den Absender in einem 200 Meilen weiten Umkreis von Neapel.“

„Neapel? Etwa die Sache mit dem Flüssiggastanker. Dem italienischen Kapitän müsste man ein Denkmal bauen.“

„Wird man sicher auch. Was ist jetzt mit den Daten?“

„Nun, Neapel ist eine ganz andere Gegend. Da wimmelt es von Satelliten. Was immer die senden, wir bekommen es mit.“

„Wie schnell können Sie mir diese Daten beschaffen?“

„Nun, das wird etwas dauern. Wie Sie sich vorstellen können, ist dort eine Menge Datenverkehr unterwegs, besonders nach der Sache in Bagnoli.“

„Diese Sache hat von jetzt an oberste Priorität. Ich will alles, was mit diesem besonderen Algorithmus verschlüsselt ist, sofort haben. Setzen Sie so viele Leute darauf an, wie Sie müssen, aber beschaffen Sie mir diese Daten!“

**

Peace of Mind

„Hol sie dir, Tiger!“ Oh ja, ich würde sie mir schnappen. Diese Schlampe hatte es gewagt, meine Caroline anzuschießen.

Mit den beiden Soldaten lief ich Orimnjia nach.

Die erwartete uns schon am ersten Schott. Kaum bogen wir um die Ecke, sausten uns ein paar Kugeln um den Kopf.

Wir suchten Deckung, doch bevor wir das Feuer erwidern konnten, war Orimnjia verschwunden.

„Verdammt, wenn das so weitergeht, erwischt sie noch einen von uns.“

„Wenn wir zu langsam sind, entwischt sie. Los.“ Ich hechtete weiter zum nächsten Schott.

**

Caroline war mittlerweile auf der Brücke bei Kapitän Fischer und Nazath angekommen.

„Sie geht in Richtung Boote.“, meinte Fischer, der mit den anderen Orimnjias Flucht auf dem Monitor verfolgte.

„Riegeln Sie die Zugänge zu den Decks ab.“ Fischer zeigte Nazath die Zugänge von Orimnjias Fluchtweg zu den Decks. „Auf diese Weise kann sie nur zu den Booten gelangen.“

Nazath griff sein Funkgerät und dirigierte seine Männer an die entsprechenden Punkte. Fischers Crew hatte, ohne dass man es ihnen befehlen musste, gehandelt und unterstützte die Israelis, wo sie nur konnte. Sie zeigte ihnen die kürzesten Wege und half beim Öffnen verschlossener Türen oder Schotts.

„Wir brauchen jemand bei den Booten. Falls sie genug Zeit hat, kann sie sich absetzen.“, warnte Caroline.

„Wir haben keine Leute, die schnell genug vor Ort sein können.“ Nazaths Leute waren alle im Einsatz. Die beiden Sanitäter halfen Magdalene de la Crux beim Versorgen der Schwerverletzten, zwei Mann sicherten die Brücke und der Rest hatte sich in Teams aufgeteilt, um zu verhindern, dass Orimnjia wieder auf die Decks gelangte.

„Wir haben die Interpol- Truppe und 3500 Metaller. Wir haben genug Leute.“

NEIN!“, sagte Fischer entschieden. „Ich werde keine weiteren Leben riskieren. Weder unter den Passagieren noch unter meiner Besatzung! Wenn diese Frau deswegen entkommt, dann ist es eben so!“

Der Blick in seinen Augen sagte Caroline unmissverständlich, dass Fischer sich nicht umstimmen lassen würde!

Schweigend sah sie auf den Monitor und verfolgte das Drama.

**

„Sie will zu den Booten.“

Hatte Orimnjia uns bei den ersten Schotts noch das Leben schwer gemacht, lauerte sie uns jetzt nicht mehr auf. Entweder wollte sie uns in eine Falle locken oder sie nutzte den Vorsprung, um zu den Booten zu gelangen.

„Laufen wir!“, meinte mein Mitstreiter.

Der zweite Mann nickte und wir sprangen auf und rannten in Richtung Boote und genau in Orimnjias Falle.

**

Die hatte sich zu den Booten durchgeschlagen, doch ein Rettungsboot eines Ozeanriesen loszubekommen, dauert seine Zeit. Zeit, von der Orimnjia wusste, dass sie diese nicht hatte. Sie musste erst ihre Verfolger erledigen.

Der Raum, in dem der Zugang zu den Booten lag, war ideal für einen Hinterhalt. Hinter einer Stahlsäule hatte sie gute 20 Meter freies Schussfeld, während ihre Verfolger deckungslos im Raum stehen würden.

Die einzige Deckung war einige Stahlträger rechts und links neben der Tür, doch die mussten ihre Verfolger erst mal erreichen.

**

„Sie hat die Boote erreicht.“

Fischer, Caroline und Nazath sahen auf dem Monitor, wie Orimnjia zielstrebig zu einem der Boote lief. Dann ging sie hinter der Stahlsäule in Deckung und legte sich dort ihre Waffen zurecht, um ihre Verfolger zu erledigen.

Sie suchte einen festen Stand und richtete ihre Waffe genau auf die Tür. Wer immer da durchkam, er würde genau in ihre Kugel laufen.

„Rufen Sie Ihre Leute!“, rief Fischer entsetzt, als er uns auf dem Bild der anderen Kamera erblickte, als wir genau zur Tür rannten.

Nazath griff sein Funkgerät und instinktiv wusste Caroline, dass der Ruf zu spät kommen würde!

PETER NICHT DIE TÜR! RUNTER!-

**

PETER NICHT DIE TÜR! RUNTER!-

Einer der Soldaten war einen halben Schritt vor mir und hatte den Rand des Schotts erreicht, als ich ihn zurückriss und wir stolpernd zu Boden fielen.

Der zweite Soldat hinter mir stoppte gerade noch rechtzeitig, als die Kugeln nur wenige Zentimeter weit über mir in die Schiffswand einschlugen.

Schnell hatten wir neben dem Schott Deckung gefunden und Orimnjia hatte ihr Überraschungsmoment verschenkt.

-DANKE, SCHATZ!-

-SIE SITZT HINTER EINER SÄULE. 15 METER HALBLINKS.-

-ALLES KLAR.-

-PASS AUF DICH AUF!-

**

„Woher wussten Ihre Männer das?“, fragte Fischer und schaute Nazath an, der mit seinem Funkgerät da stand und noch kein Wort gesagt hatte.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete der verdutzt.

Carolin saß da und starrte ihre Hand an. Sie trug zwar den Ring, den ihr Xialang bei unserer Ankunft auf Soulebda gegeben hatte, doch sie hatte ihn nicht benutzt.

Dann erinnerte sie sich an Xialangs Worte.

„Dies sind die Ringe der Erfahrung. Ihr werdet sie so lange tragen, bis ihr erkennt dass ihr sie nicht mehr benötigt. Wir sagen es euch nicht, wenn ihr sie aber zu lange tragt, verliert ihr eure Kräfte. Also hört auf euch und eure Seelen… Ihr werdet es erkennen, vertraut mir.“

Still lächelte Caroline vor sich hin.

**

„Woher wussten Sie das?“, fragte einer der Soldaten

„Lange Geschichte. Sie sitzt hinter einer Stahlsäule 15 Meter halb links. Rechts und links neben dem Schott sind zwei Träger, hinter denen wir Deckung haben. Dort müssen wir aber erst mal hinkommen.“

„Sind Sie Hellseher oder sowas?“

„Eher sowas.“

Die beiden sahen sich an und fingen an zu grinsen. “David. Das ist Amit.“, sagte der Soldat rechts neben mir.

„Peter.“

„Freut mich einen hellsehenden Metaller kennenzulernen. Halb links?“, fragte David.

„Ja.“

„Ich halte sie unten und ihr rennt.“

David lud sein Sturmgewehr neu, atmete tief durch, dann brachte er es in Anschlag und schoss eine Salve genau in Orimnjias Richtung. Da er wusste, wo diese Deckung gesucht hatte, zwangen schon die ersten Schüsse Orimnjia in Deckung.

Amit und ich hechteten los und sprangen hinter den rechten Stahlträger. Dort übernahm Amit den Feuerschutz für David. Er schoss solange, bis David sicher hinter dem linken Stahlträger Deckung gefunden hatte.

Orimnjia schoss, ohne ihren Kopf aus der Deckung zu nehmen, in unsere Richtung. Auch wenn die Kugeln ungezielt waren, kamen einige doch unangenehm nahe.

„Ok, Hellseher, was jetzt?“

„Wir lassen das Hellsehen und gehen zur Mathematik über.“

„Was?“

Ich zeigte auf die Schiffswand, die leicht diagonal zu der Stahlsäule verlief, hinter der Orimnjia saß. „Wenn ich mich richtig erinnere, lautet ein Satz der Geometrie, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel.“ Ich zeigte auf eine Stelle ca. 6 Meter von uns entfernt und 4 Meter vor Orimnjia. „Ich brauche zwei Sekunden.“

Amit verstand meinen Plan und David nickte ebenfalls. Amit lud durch und schoss auf die Stelle, die ich ihm gezeigt hatte. Die Kugeln prallten an der Bordwand ab und sausten als Querschläger in Orimnjia Richtung.

Ich sprang auf und lief zur Säule in der Hoffnung, dass kein Querschläger mich traf. Gerade als ich direkt an der Säule war, traf der letzte Querschläger Orimnjias und ihre Pistole flog über den Boden.

Auf der anderen Seite war auch David war auch aufgesprungen und zusammen stürzten wir uns auf Orimnjia.

Die schien sich zu ergeben, denn sie leistete keinen Wiederstand mehr, als David sie packte.

Amit, der losgerannt war, stieß die zweite Waffe von Orimnjia weg, während David sie am linken Arm gepackt hatte. Wir hatten eine der meistgesuchten Terroristinnen der Welt geschnappt!

-STOPP- Meine Alarmierenden schrillten. Ihr Name war die Metzgerin. Diesen Namen trug sie nicht wegen ihrer Schießkünste. Ich sah das Aufzucken ihrer Augenwinkel und sprang vor.

Ich konnte Orimnjia gerade noch am Ärmel ihrer Bluse fassen und den Arm nach unten lenken. Die Klinge, die Davids Kehle treffen sollte, wurde abgelenkt und traf nur die Sicherheitsweste.

„Verdammt!“, rief David auf und packte die Messerhand. Jetzt sprang Amit hinzu und zusammen brachten sie Orimnjia auf die Knie.

„Du mieses Drecksstück.“

„Leck mich. Lasst mich sofort los, oder ich lasse den Pott hochgehen.“

„Spar dir deine Drohungen, die Mine ist längst hochgegangen. Deine Freunde haben nicht auf dich gewartet. Schöne Freunde.“

„Fick dich!“

Ich schaute erst zu David, dann zu Amit. In beiden Gesichtern lag Zustimmung.

Ich hob Orimnjias Pistole auf und schaute nach, ob sie geladen war.

-Caroline, sieht jemand zu?-

-Ich sehe dich, Orimnjia steht im toten Winkel.-

-Was denkst du?-

Caroline brauchte nicht lange nachzudenken. Gerade kam Magdalene auf die Brücke, um Kapitän Fischer einen ersten Bericht über die Schwerverletzten zu bringen und der sah nicht sehr gut aus.

-Leg die Schlampe um.-

Ich stellte mich genau vor Orimnjia und schaute sie fest an.

„He, du Held, ich bin eine hilflose und unbewaffnete Frau. Du willst mich doch nicht wirklich umlegen?“

„Ich bin von Beruf Henker. Hilflose Frauen zu töten ist mein Job.“

Damit schoss ich ihr genau zwischen die Augen und Orimnjias Gehirn verteilte sich über den Boden.

David und Amit ließen sie fallen und Orimnjias Leiche fiel wie eine Puppe um.

„Henker, Hellseher, Mathematiker und Metaller? Coole Mischung.“, meinte David.

**

„Wir haben 121 Verletzte, davon schweben 4 in Lebensgefahr und 28 sind so schwer verletzt, dass wir sie dringend in eine Klinik bringen müssen.“, lautete Magdalene ernüchternder Bericht.

Vier der Passagiere waren Ärzte, die sofort bei der Versorgung halfen. Sogar ein erstklassiger Chirurg half dem Bordarzt, doch das Schiffkrankenhaus war trotz seiner Modernität einfach nicht groß genug für dieses Katastrophe.

„So ein Mist! Nein – das ist Scheiße!“, verlor Fischer die Beherrschung.

Auf der Karibikroute gäbe es genug Möglichkeiten Menschen mit Hubschraubern an Land zu bringen, doch mitten in der Südsee sah die Sache anders aus.

Fischer starrte auf die Karte. Die Peace of Mind befand sich genau in einem Dreieck zwischen Papua-Neuguinea, der Nordspitze Neuseelands und Soulebda.

„Nehmen Sie Kurs auf Soulebda, dort hat man während des Bürgerkriegs gelernt, mit einer großen Anzahl Verletzter klar zu kommen. Die Versorgung dort ist erstklassig.“, riet ihm Caroline.

Fischer dachte einen kurzen Moment nach, dann nickte er. „Herr Johnson, Kurs auf Soulebda.“, befahl er dem Offizier am Steuercomputer. „Volle Fahrt voraus. Jagen Sie, wenn nötig, die Maschinen in den roten Bereich, egal was der Chefingenieur sagt, und bringen Sie uns auf direktem Kurs dorthin.“

„Verstanden, Kurs Soulebda, volle Fahrt.“

**

Mussau

Auf Mussau hatte sich Madame Ma’Difgtma ein Bild von der Lage verschafft.

Sie, ein weiterer Krieger, Decker und Levi berieten nun wie der Angriff ablaufen sollte.

Um zu verhindern, dass Shaah wieder entkommen konnte, hatten sie gewartet, bis dieser und Wolgrath an Land und in dem Anwesen verschwunden waren.

Die Stammeskrieger hatten bei der Aufklärung ganze Arbeit geleistet. Sie hatten festgestellt, das im und um das Anwesen herum 24 Terroristen verteilt waren. Davon sechs im Haus, einschließlich Shaah, Niinja und Wolgrath.

„Die Krieger werden sich um die Kjuestu´tur außerhalb des Hauses kümmern und dafür sorgen, dass ihr ungesehen in das Haus gelangt. Im Inneren des Hauses, werdet ihr die besseren Kämpfer sein. Deswegen werdet ihr die dortigen Kjuestu´tur töten.“, sagte Ma’Difgtma zu Decker.

„Kjuestu´tur?“, fragte er.

„Misthaufen wäre eine freundliche Übersetzung.“

„Nun, Kjuestu´tur ist passend. Gut! Ben, Vera und Sarah, ihr übernehmt den ersten Stock. Johann, Gratzweiler und ich das Erdgeschoss. Kein Risiko eingehen. Die werden sich nicht ergeben, also versucht erst es erst gar nicht.

Hört zu! Wenn wir es schaffen, diese Schweinebande zu erledigen, bevor sie die Formel zusammenbasteln und weiterschicken, haben wir gewonnen. Das ist das Zweitwichtigste!

Wichtiger ist nur, dass ihr wieder heil aus dem Haus kommt. Verstanden?“

Alle nickten.

„Dann los!“

Die Krieger schwärmten aus und gingen auf die Jagd.

„Sarah?“ Decker nahm Sarah zu Seite. „Bitte pass auf dich und Vera auf.“

„Keine Sorge, Wolfgang. Ich hab meine Lektion in Russland gelernt.“

„Ich weiß. Hals und Beinbruch.“ Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest.

Schon eine Minute später waren es nur noch 22 Terroristen. Als nächstes starben die Männer, die den Bootsschuppen bewachten.

Beide gingen über den Strand, als sich wie von Geisterhand zwei Gestalten hinter ihnen aus dem Boden erhoben und scharfe Klingen ihre Kehlen durchschnitten.

Madame Ma’Difgtma saß da und schien zu meditieren. In Wirklichkeit hatte sie Kontakt mit ihren Kriegern. Sah, was sie sahen, und hörte, was diese hörten. So „vernetzt“ dirigierte sie die Krieger von einer Stelle zur anderen und die Terroristen wurden dezimiert, ohne dass es bemerkt wurde.

„Vorsicht!“, flüsterte Decker.

Ein weiteres Terroristenteam ging vom Haus aus auf ihr Versteck zu, doch plötzlich verschwanden die Männer spurlos. Immer wieder bewunderte Decker die Fähigkeiten dieser so besonderen Menschen.

Von Madame Ma’Difgtma dirigiert, konzentrierten sich die Stammeskrieger auf ein Team nach dem anderen. Diese waren sich ihrer Sache anscheinend so sicher, dass sie nicht einmal in regelmäßigen Abständen Meldung machten. Denn dann wäre mit Sicherheit aufgefallen, dass sich schon über die Hälfte nicht mehr meldete.

So hatten die Krieger leichtes Spiel und nach weniger als 30 Minuten waren alle 18 Terroristen außerhalb des Hauses tot.

„Ok, es geht los. Denkt daran, kein Risiko.“ Mit diesen Worten führte Decker seine Truppe zum Angriff.

**

Washington

„Ich glaube, ich hab da etwas Interessantes.“, informierte der Abhörspezialist seinen Vorgesetzten.

„Was haben Sie?“

„Eine verschlüsselte Meldung, die unser Vogel über Zypern aufgefangen hat. Ich kann zwar noch nicht sagen, ob sie mit dem Schleitz-Algorithmus verschlüsselt ist, aber sie ist auf jeden Fall mit einer nicht üblichen Handelssoftware codiert.“

„Ich komme zu Ihnen.“

**

Mussau

Nach allen Seiten sichernd rückte Deckers Truppe vor. Diese sechs Zivilisten sollten die Welt retten und obwohl sich Decker Sorgen um jeden einzelnen machte, er platzte fast vor Stolz beim Gedanken, diese Truppe führen zu dürfen.

Die Bäume und Sträucher nutzend arbeitete sich der Trupp vor. Im Obergeschoss des Hauses waren Bewegungen an den Fenstern zu sehen, es musste also jemand oben sein. Decker und Levi sprachen sich mit Handzeichen ab und beide vergewisserten sich, dass auf allen Waffen Schalldämpfer aufgesetzt waren. Da Sturmgewehre im Inneren des Hauses eher hinderlich waren, waren alle mit Pistolen bewaffnet, zusätzlich hatten Johann und Gratzweiler kurzläufige Maschinenpistolen.

Sie schlichen weiter bis zur Tür. Dort angekommen musterte Decker das Schloss. –Ich hätte einen unserer Einbrecher mitnehmen sollen.- dachte Decker und überlegte, wie er das Schloss am lautlosesten aufbrechen könnte.

Johann stieß ihn an und zeigte auf die Klinke.

Langsam drückte Decker die Klinke herunter und tatsächlich ging die Tür auf.

-Bist bei der nächsten Beförderung dabei.- versprach Decker lautlos.

Gerade als Decker die Tür aufdrücken wollte, hielt ihn Benjamin zurück. Levi griff in seine Tasche und holte eine kleine Sprühdose hervor und sprühte die Türscharniere mit einem Leichtlauföl ein. Als er nickte, öffnete Decker lautlos die Tür soweit, dass sie das Innere des Flures sehen konnten.

Aus dem Obergeschoss waren Stimmen zu hören, also mussten mindestens zwei Terroristen oben sein. Aus einem Zimmer im Erdgeschoss war das typische Geräusch von Geschirr zu hören, das weggeräumt wurde.

Die Treppe führte direkt neben der Tür nach oben. Dort gab es einen Flur, der von unten nicht einzusehen war.

Decker gab das Startzeichen und er und Levi traten entschlossen, aber leise in den Flur.

Nichts geschah und das restliche Team schloss sich an.

Benjamin führte Vera und Sarah die Treppe nach oben und Decker seinen Trupp in Richtung der Geräusche.

Anders als in Filmen knarrte die Treppe kein bisschen und Levi konnte nach der Hälfte der Treppe den Flur einsehen. Niemand hielt sich dort auf und er schlich weiter. Sarah hatte die Deckung nach links übernommen und Vera sicherte nach unten.

Die Stimmen waren jetzt deutlicher zu hören. Eindeutig unwirsch wies eine Frau einen Mann zurecht, der ebenso bissig eine Antwort gab.

Levi machte den beiden klar, dass sie zuerst die Zimmer überprüfen sollten, aus denen keine Stimmen oder Geräusche zu hören waren.

Während Levi seien Waffe auf die zweite Tür im Flur auf der rechten Seite hielt, aus der die Stimmen kamen, schlichen Vera und Sarah zu ersten Tür links.

Leise öffnete Vera die Tür und Sarah hielt sich bereit, doch das Zimmer war unbeleuchtet und anscheinend leer. Insgesamt gab es fünf Räume und Vera schlich mit Sarah zur nächsten Tür.

Schließlich waren nur noch zwei Zimmer übrig. Das Zimmer, in dem die Terroristen waren, und eine weiteres. Gerade wollte Vera diese Tür öffnen, als unten zuerst schallgedämpfte Schüsse und dann das Aufbellen nicht schallgedämpfter Waffen zu hören waren.

**

Washington

„Das ist es. Es ist eindeutig dieser verdammte Schleitz-Algorithmus.“

Der Techniker der NSA übergab Direktor Rusch von der CIA einen USB-Stick.

„Gut, haben Sie weitere Kopien davon?“

„Nein, Ihren Anweisungen gemäß wurden keine weiteren Kopien davon angefertigt.“

„Löschen Sie alle Dateien, die zu diesen Daten führt. Haben Sie das verstanden?“

„Ja, ich werde alles löschen.“

„Unwiderruflich und nicht wiederherstellbar!“

„Selbstverständlich.“

Kaum hatte der Techniker den Raum verlassen, rief Rusch bei dem Chef der Armee, Creed, an.

„Wir haben die verschlüsselten Daten. Ich schlage vor, dass wir sie zu Kraemer schicken, damit seine Leute den Schleitz entschlüsseln können.“

„Ich halte das für ein Risiko, wir sollten ihn selbst entschlüsseln.“

„Das Risiko, dass die Israelis in der Zwischenzeit dahinterkommen und sich an den Präsidenten wenden ist ungleich größer. Kraemer kann die Daten in zwei Tagen entschlüsseln lassen, dann können die Israelis machen, was sie wollen, sie kommen zu spät.“

„Ich halte es immer noch für falsch, lassen Sie wenigsten eine Kopie der verschlüsselten Daten anfertigen.“

„Damit mir die Scheiße um die Ohren fliegt, wenn doch etwas geschieht? Vergessen Sie es. Ich habe die Daten aus Fort Manux besorgt, die der Bayderisch AG und jetzt die aus Neapel. Sobald Kraemer alle drei Teile entschlüsselt hat, haben wir alle Zeit der Welt. Selbst der Präsident würde eine vollständige Formel nicht einfach wegwerfen.“

„Was halten Sie von den Gerüchten, dass die Deutschen eine private Truppe losgeschickt haben, um die Formel zu zerstören.“

„Die Deutschen? Was wollen die gegen uns oder Kraemer ausrichten?“

„Es gibt Anzeichen, dass Soulebda seine Armee in Alarmbereitschaft versetzt hat, um notfalls zu Gunsten der Deutschen einzugreifen.“

„Sie haben doch die USS Theobald dort unten, schicken Sie die wenn nötig los, die wird wohl schnell mit dieser Insel fertig werden.“

„Ich soll einen souveränen Staat angreifen ohne Befehl des Präsidenten? Sind Sie verrückt geworden?“

„Nicht angreifen, Sie sollen nur den Kurs etwas ändern, Soulebda wird den Hinweis schon verstehen.“

„Die werden einen Riesenkrach beim Außenministerium veranstalten. Das ist Ihnen sicherlich bewusst. Ebenso die Tatsache, dass dieser Staat mit uns verbündet ist.“

„Bis die Wellen so hoch schlagen, haben wir die Formel vollständig.“

„Ich hoffe, Sie haben Recht, Rusch. Was ist mit unseren Beratern auf Manus?“

„Das ist ja das Schöne an Beratern, man kann sie jederzeit abziehen. Rufen Sie sie also jetzt zurück.“

„Und was ist mit den beiden Deutschen und der Israeli?“

„Um die muss sich Kraemer kümmern.“

**

Mussau

Decker schlich um die Treppe herum und sah wie Benjamin mit Sarah und Vera Stufe um Stufe nach oben schritt.

Zusammen mit Johann und Bernd bildete er eine Dreiecksformation. Langsam, aber zielsicher näherten sie sich den Geräuschen, die aus der Küche zu kommen schienen.

An der offenen Tür angelangt stellte Decker fest, dass man die Person dort drinnen nicht sehen konnte, da der Teil der Küche, in dem sich die Person aufhielt, hinter einer weiteren offenen Tür lag.

Decker gab Gratzweiler das Zeichen die Tür im Auge zu behalten und schlich mit Johann weiter.

An der nächsten offenen Tür konnte Decker Shaah mit dem Rücken zu sich an einem Laptop sitzen sehen.

Decker zeigte auf Shaah. „Ich erledige den Typen, du zerstörst den Computer. Ganz gleich was geschieht!“

Johann nickte und entsicherte die Maschinenpistole.

Wahrscheinlich war es ein Instinkt, den sich Shaah im Laufe seines Lebens als Terrorist angeeignet hatte. Als er das Entsichern der Waffe hörte, sprang er auf und fuhr herum. Eine Hand griff nach der Pistole, die auf dem Schreibtisch lag, doch Decker war schneller.

Decker schoss ihm drei Kugeln in die Brust und Shaah ging zu Boden, Johann sprang vor und hielt mit der MPI auf den Laptop. 30 Schuss aus der Waffe ließen den Laptop in Tausende Einzelteile zerspringen.

In diesem Moment kam Wolgrath mit einer Waffe in den Raum gestürmt. Der erste Schuss ging daneben und bevor er einen weiteren Schuss auf Johann abgeben konnte, hatte Decker ihn zur Seite gestoßen und schoss auf Wolgrath.

Johann, der die MPI nachladen musste, ließ diese einfach fallen und riss seine Pistole hoch. Wolgrath gab noch drei Schüsse ab, von denen einer Deckers Schutzweste traf und diesen zurücktaumeln ließ, doch dann hatte Johann die Pistole schussbereit und schoss Wolgrath in den Kopf.

Decker, der zurückgetaumelt war, sah, dass Shaah, obwohl er getroffen war, versuchte, die Waffe zu heben. Er trat mit aller Wucht gegen Shaahs Hand, so dass diesem die Pistole aus der Hand gerissen wurde. Dann jagte Decker Shaah noch zwei Kugeln in den Kopf.

Bernd hatte den Flur gesichert, als die Schüsse fielen. Er sah eine Bewegung in der Küche und hob die Maschinenpistole. Als er eine Gestalt sah, gab er eine kurze Salve in die Küche ab, die aber daneben ging.

Dann erklangen das Aufbellen von Wolgraths Waffe und Gratzweiler war für einen Sekundenbruchteil abgelenkt.

Genau in dieser Sekunde stürmte der Terrorist aus der Küche und schoss. Bernd ließ sich einfach zu Boden fallen und hielt mit der MPI auf die Gestalt, die nur drei Meter vor ihm stand.

Als diese zurücktaumelte und von den Kugeln durchsiebt wurde, fühlte Bernd einen brennenden Schmerz am Arm und an der Seite. Doch die Schutzweste hatte seinen Körper vor den übrigen Kugeln des Terroristen geschützt.

**

Manus

BUM, BUM, hämmerte es an die Tür.

„Herr Kaufmann!“

Randy sah aus dem Fenster und sah einen Wagen und drei Personen vor der Tür stehen.

„Ich mach auf.“, rief Hannes. Er ging zur Tür und öffnete. Collins und zwei seiner Männer standen vor der Tür.

„Wir brauchen Herrn Kaufmann und Frau Stern.“

„Was ist denn los?“ Dana kam zur Tür.

„Sie sagen, sie brauchen euch.“

Randy kam zur Tür und Collins sah ihn an. „Wir haben die zwei fehlenden Teile der Formel bekommen. Einer ist noch mit derselben Software verschlüsselt wie der erste Teil. Sie haben den Auftrag bekommen, diesen Teil zu entschlüsseln und die Formel vollständig zusammenzustellen.“

Randy hatte das Gefühl einen Schlag in den Magen zu bekommen! Dana war blass geworden und Hannes konnte nur mit Mühe sein unbeteiligtes Gesicht beibehalten.

Wie konnte das geschehen? Was war passiert? Die letzte Meldung von Decker lautete, dass sie kurz davor standen, die Terroristen mit ihrer Formel zum Teufel zu jagen! Und jetzt hatten Kraemer und Collins alle Teile?

Vor zwei Tagen hatten sich Dana und Randy den Beobachtern ihres Schlafzimmers eine heiße Show geboten. Doch statt den heißen Sex zu genießen, hatten sich die beiden unter der Decke abgesprochen, wie sie sich in genau dieser Situation verhalten würden. Randy hoffte inständig, dass er die letzte Option nicht ausführen musste.

„Alles klar. Wir kommen sofort.“, meinte Randy nur und schob Dana zur Tür. Hannes schloss sich an und Collins machte den Schluss.

Gerade als Dana einsteigen wollte, griff sich Randy an seine Hosentasche. „Verdammt, ich hab den Stick mit der Software liegengelassen. Den brauchen wir, Moment, ich hol ihn.“

Er lief ins Haus zurück und die anderen warteten. Als er nach zwei Minuten noch nicht zurück war, schickte Collins einen seiner Männer mit einem Wink los, um nach Randy zu sehen.

**

Mussau

Die Tür wurde aufgerissen und ein Mann erschien, den Ben sofort erschoss. Niinja, die hinter diesem stand, warf sich zur Seite und schoss durch die halb geschlossene Tür und zwang Levi, zur Seite zu springen.

Sarah hatte Vera hinter sich gezogen, als die Tür, vor der Vera stand aufflog. Ein Riese, der mindestens so groß wie Hannes war, packte Vera und hielt sie als Schutz vor sich.

Als die Tür aufflog und Vera aufschrie, fuhren Sarah und Ben herum, doch beide konnten nicht schießen, ohne Vera zu treffen.

Die hatte in dem Klammergriff des Riesen ihre Pistole verloren, doch auch Vera hatte ihre Lektionen gelernt.

Als der Riese, der sie mit beiden Armen umklammert hatte, einen Arm löste, um seine Waffe zu greifen, glitten ihre Hände in die Ärmel ihrer Jacke.

Vera machte sich so schmal, wie sie konnte, rutschte etwas nach unten und ließ mit einem Aufschrei ihre Hände auf die Oberschenkel des Riesen sausen.

Der brüllte auf und ließ Vera fallen. Ungläubig starrte er auf die beiden Spritzen an, die in seinen Beinen steckten. Er wollte seine Waffe heben, doch seine Muskeln gehorchten nicht mehr.

Ben hatte in dieser Sekunde freies Schussfeld und schoss den Riesen nieder.

Das alles hatte Niinja die Gelegenheit gegeben, sich mit einem Sprung in den Flur zu hechten und ihre Waffe auf Sarah zu richten. Als Niinja schoss, warf sich Sarah zur Seite und die Kugel verfehlte sie, traf aber die Wand, prallte ab und riss Sarah die Waffe aus der Hand.

In diesem Moment schoss Levi den Riesen nieder und Niinjas Augen folgten dem Kampf gegenüber.

Mit einer flüssigen Bewegung griff Sarah ihr Messer und schleuderte es auf Niinja. Die erkannte die Bedrohung und zuckte zurück. Die Klinge flog einen Zentimeter entfernt an ihr vorbei und blieb neben ihrer Kehle im Türrahmen stecken.

Niinja hob ihre Pistole und grinste Sarah hämisch an.

„Vorbei, du Schlampe. Pech geha..“

Der Rest des Satzes ging in einem blutigen Gurgeln über, als Sarahs Messer in ihre Kehle fuhr.

Sarah brachte ihre smaragdgrünen Augen direkt vor die sterbenden Augen von Niinja.

„Den Trick hab ich in Russland gelernt, Miststück.“ Sie zog ihr zweites Messer aus Niinjas Kehle und stieß ihr die Klinge in die Brust.

Vera, die sich aus dem Griff des toten Riesen befreit hatte, sprang zu ihrer Waffe und hob sie auf. Auch Sarah hob ihre Pistole auf, doch die war nach dem Treffer des Querschlägers unbrauchbar und so zog sie ihr ersten Messer aus dem Holz des Türrahmens. Vera und Ben hielten sich bereit, doch es erschien niemand mehr.

Zur Sicherheit sahen die drei erneut in alle Räume des Stockwerkes und fanden niemanden mehr.

„Wolfgang!“, rief Ben nach unten.

„Alles klar!“, kam die Antwort.

„Erster Stock ist sicher! Wir kommen runter.“

„OK! Erdgeschoss ist sicher.“

Immer noch die Waffen vor sich haltend gingen Ben, Sarah und Vera zur Treppe.

Kurz vor der ersten Stufe blieb Sarah stehen, packte Vera und drückte sie fest an gegen sich. „Ich liebe dich!“, sagte sie und Küsste Vera leidenschaftlich.

Vera erwiderte den Druck. „Ich liebe dich auch.“, murmelte sie zwischen zwei Küssen.

Dann schlossen sie sich Ben an, der vorausging und in sich hineinlächelte.

Unten fanden sie Decker, der Bernd einen Verband anlegte, und Johann, der mit der Maschinenpistole den Flur sicherte. Ben hob Gratsweilers MPI auf und zusammen durchsuchten die beiden den Rest des Hauses.

Als sicher war, dass alle Terroristen im Haus ausgeschaltet waren, rief Decker Madame Ma’Difgtma. Dann ging er zu den Resten des Laptops und schaute sich die Einzelteile an. Hier waren sicher keine Daten mehr wiederherstellbar.

Er war sicher, dass Shaah keine Daten gesendet hatte, die Terroristen waren ausgeschaltet und mit ihnen die Formel! Sie hatten gewonnen! Die Welt war gerettet und alle seine Freunde am Leben!

Zum ersten Mal, seit Frank den Alarm im Gefängnis ausgelöst hatte, atmete Wolfgang auf. Mit diesem Hochgefühl ging Decker Madame Ma’Difgtma entgegen.

Die kam auf ihn zu, als er eine Bewegung hinter sich fühlte. Instinktiv wirbelte Decker herum und stand vor Claude Neuffe, der mit einer Pistole genau auf seinen Kopf zielte. Die Zeit schien still zu stehen, als ein Schatten zwischen Decker und Neuffe huschte und Neuffe verwundert auf das Messer in seinem Herz schaute.

Die Kriegerin Ma’Difgtma hatte die fünf Meter schneller zurückgelegt, als es Claude oder Wolfgang erfassen konnten, und dem Terroristen die Klinge ins Herz gejagt.

Langsam sank Neuffe in die Knie und kippte zur Seite.

„Madame, Sie sind eine unglaublich gute Kriegerin.“, sagte Decker zu seiner Lebensretterin.

„Ach was, vor ein paar Jahren hätte ich ihm in derselben Zeit das Herz herausgeschnitten. Ich befürchte die 84 Sommer machen sich langsam bemerkbar.“, antwortete sie.“ Das war der letzte Kjuestu´tur. Habt ihr die Daten vernichtet?“

-Hat sie gerade 84 Sommer gesagt???- Staunend sah Decker ihr nach, als sie zum Haus schritt.

„Ja, das haben wir und mit den Terroristen starb auch die Höllenformel.“ „Mualebda sei Dank.“

SSSMMM SM SM SSSMMM, vibrierte es lautlos in Deckers Tasche. Der Rhythmus sagte ihm, dass es Randy war, der ihn über Satellit anrief.

„Wir haben die Formel vernichtet.“, waren Deckers erste Worte.

„SCHEISSE, NEIN! Kraemer hat alle drei Teile und ich…“, dann hörte Decker eine Salve aus einem Sturmgewehr und die Verbindung brach ab.

„RANDY!“

**

Manus

RANDY!“, rief Dana

Hannes wirbelte herum, schlug den Mann neben sich nieder und drehte sich um, um ins Haus zu laufen, als Collins ihn mit dem Gewehrkolben niederschlug.

Dann richtete er das Gewehr auf Dana. „Keine falsche Bewegung!“

Die Tür des Hauses flog auf und Collins Mann schleifte einen bewusstlosen Randy aus der Tür zum Wagen.

„Er hat seine eigene Satellitenverbindung aufgebaut und mit jemandem geredet.“

„Verdammt. Schafft ihn vor das Hauptgebäude und nehmt die Schlampe auch mit.“

„Rühr mich nicht an, du Wichser!“, fauchte Dana und wollte sich auf Collins stürzen.

Der hob das Gewehr und zielte auf den Kopf von Hannes.

„Stopp, oder ich blase deinem Freund hier das Gehirn raus!“

Mühsam beherrschte sich Dana und ließ sich zum Wagen bringen, in den sie auch Randy verfrachtet hatten.

„Was machen wir mit dem Kerl?“, fragte einer der Männer Collins.

„Schaff ihn, außerhalb der Anlage in den Dschungel und lass ihn verschwinden. Und mach das Loch gleich etwas größer, da kommen bestimmt die beiden anderen auch rein.“

**

Peace of Mind

Die Peace of Mind pflügte mit Volldampf durch die Wellen des Pazifiks und hielt Kurs auf Soulebda.

Ich traf Caroline im Schiffskrankenhaus. Magdalene de la Crux legte ihr gerade einen frischen Verband an, während Caroline sie mit Fragen bombardierte wie es Freyja, der Kommissarin unserer Interpol-Truppe, ging.

„Ihr Zustand ist kritisch, aber Dr. Kuhlis tut, was er kann.“

Zusammen mit Magdalene gingen wir eine Tür weiter und sie ließ uns einen Blick hineinwerfen. Neben dem Tisch, an dem Kuhlis Freyja operierte, lagen Lene, ihre Freundin, und Fahrut, ihr saudischer Kollege, und ließen sich Blut abzapfen.

„Ich würde diese Scheißbande am liebsten in kleine Stücke hacken.“, fluchte Caroline bebend vor Wut.

„Hier ist keiner mehr dieser Mistkerle übrig. Aber du wirst sicher noch Gelegenheit dazu bekommen, Schatz.“

Ich nahm sie in den Arm und hielt sie, als ein atemloser Steward zu uns gerannt kam. „Sie müssen sofort auf die Brücke kommen. Ein wichtiger Anruf!“

Wir schauten uns an und liefen dem Steward hinterher.

„Sie scheinen wichtige Freunde zu haben.“, begrüßte uns Kapitän Fischer und zeigte auf das Satellitentelefon.

Caroline nahm den Hörer und hielt ihn so, dass ich mithören konnte.

„Hier ist Decker. Wir haben die HEMA zerschlagen und die Terroristen erledigt, aber Kraemer hat die komplette Formel. Fragt mich nicht woher, Randy hat mich angerufen, dann ist die Verbindung abgebrochen.

Ihr seid näher an Manus als wir. Ihr müsst sofort zu Randy! Wir kommen so schnell nach, wie wir können.“

„Verstanden. Wir lassen uns was einfallen.“

„Caroline, Peter! Randy… ich befürchte das Schlimmste.“

Damit beendete Decker das Gespräch. Caroline ließ den Hörer sinken und presste die Lippen zusammen.

„Kapitän Fischer, wir müssen sofort nach Manus. Können Sie einen Abstecher machen?“

Fischer sah auf seien Karte. „Nein! Um Sie mit einem Boot an einem Punkt abzusetzen, von dem sie Manus erreichen können, müsste ich den Kurs um 15 Grad ändern und würde so 20 Stunden Zeit verlieren. 20 Stunden, welche die Verletzten nicht haben. Tut mir leid.“

Ich wollte gerade einwenden, dass er um das Schicksal der Welt ging, als Caroline mich zurückhielt.

„Darf ich einen Anruf tätigen, Herr Fischer?“

„Selbstverständlich.“

Zwanzig Minuten, nachdem Caroline mit Dagan geredet hatte, setzten wir auf das israelische U-Boot über.

Nazath, seine Sanitäter und sechs Soldaten waren auf der Peace of Mind geblieben, die übrigen, darunter auch Amit und David saßen bei uns im Zodiac und halfen uns beim Einsteigen ins U-Boot.

„Kurs 300 auf Manus zu. Äußerste Kraft voraus.“, befahl Tamar dem wachhabenden Offizier, dann drehte er sich zu uns um.

„Willkommen an Bord.“

**

USS Theobald

„Admiral, Sir, ein Funkspruch für Sie.“ meldete der Nachrichtenoffizier und übergab ein Blatt Papier mit roten Stempeln an den Verbandsführer der USS Theobald, Admiral Folkers. Der las sich das Schreiben in aller Ruhe durch und begann zu lächeln.

„Verflixte Politiker, was haben die denn da wieder verbockt.“, brummte er vor sich hin, als er weiterlas.

Mit einem Blick zum Diensthabenden übergab dieser das Schreiben an den Captain des amerikanischen Trägers. Captain Barris schaute den Admiral fragend an, als er das Mail las und drehte sich zum Rudergänger um.

„Neuer Kurs 140 mit 32 Knoten.“

Der Rudergänger wiederholte den Befehl und drehte den Carrier auf den neuen Kurs ein. Der Richtungswechsel wurde an den ganzen Begleittross durchgegeben. Mit 32 Knoten pflügte der schwere Supercarrier nun durch das Meer, Kurs Südost, Kurs Soulebda.

Captain Barris schaute den Admiral an, dieser lächelte ihn an: „Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig reden.“

„Kommandant verlässt die Brücke!“, meldete der Wachoffizier, als die beiden Offiziere hinausgingen und sich im Besprechungsraum hinsetzten.

Man schenkte sich einen Drink ein und der Admiral gab eine köstliche Habanos aus.

Admiral Folkers blies den Rauch in den Besprechungsraum und sah zu, wie sich ein wunderbarer Kringel bildete. Dann sah er Captain Barris an und begann mit seiner tiefen, kehligen Stimme einen kleinen Monolog.

„Wir reiten hier von Guam runter Richtung Australien, um an einer lange geplanten Übung als Flottenleitung zu agieren und nun soll ich mit meinem ganzen Tross Kurs auf eine malerische Südseeinsel nehmen. Sind denen in Washington etwa die seltenen Erden ausgegangen oder klingt das alles wie ein schlechter Scherz? Weshalb all dieses Säbelrasseln?“

„Admiral, vor nicht ganz einem Jahr waren wir hier in einen Aufstand verwickelt und haben dem souveränen Staat Soulebda geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Präsidentin ist nicht nur hübsch, Sir, die Frau ist verdammt clever! Wenn ich den Befehl bekäme, hier vor Soulebda Rabatz zu machen, dann würde ich mir meine eigenen Gedanken machen, Sir.“

„Ich habe die Akte gelesen, auch das was nicht veröffentlicht wurde, klingt alles etwas nach Indianer Jones. Aber wir haben damals alles richtig gemacht, ich will das dieses Mal nicht falsch machen, nur weil da ein paar Anzugträger etwas verbockt haben.“ Dabei sah er Captain Barris eindringlich an.

„Uns jetzt klären Sie mich mal über Soulebda auf, was ist damals wirklich passiert und weshalb muss ich meinen Verband wie einen wilden Hengst durch die Südsee peitschen?“

„Also, das war so…“, begann Captain Barris.

**

Manus

Vor der amerikanischen Festung wurden von einigen Soldaten Löcher in den sandigen Boden gegraben, offensichtlich sollten das drei Gräber werden. Die Löcher waren vor dem dichten Urwald gegraben worden. Dann stiegen die Grabenden aus den Löchern und tranken etwas gegen den Durst.

Zu ihrer Erleichterung standen sie fast im schattenspendenden Dickicht des Dschungels. Plötzlich verschwanden sie rückwärts in den Blättern. Wenige Momente danach tauchten sie plötzlich auf, aber aus den drei schmächtigen weißen Soldaten waren plötzlich drei dunklere Soldaten geworden und sie waren deutlich breiter gebaut.

„Lauf, du kleine Schlampe, oder ich knall dich vorher noch mal durch.“ Geifernd trieb einer der Soldaten Dana vor sich her. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt und sie hatte ein Seil um den Hals, ihre Augen waren tränenunterlaufen.

Ihnen folgten zwei Soldaten, die eine schwere zweirädrige Schubkarre mit Hannes darin schoben, und Randy wurde an den Händen gefesselt hinterher geschleppt. Ganz am Ende kam Collins nach und trieb die Männer an.

Vor den Löchern blieben die beiden Gefangenen stehen. Hannes lag noch in der schweren Karre. Ein paar weitere Männer brachten einen Stuhl, einen Tisch und ein Notebook, stellten alles auf und ein anderer junger Mann mit Brille nahm an dem Notebook Platz. Als das Stromkabel lag, schaltete der Brillenmensch das Notebook ein. Er steckte seinen USB-Stick ein und klackerte eine Weile auf dem Rechner, dann nickte er Collins zu.

„Lasst die Schlampe schon direkt vor ihrem Grab hinknien und bringt mir den Nerd.“

Jetzt begann Dana zu zittern, so würde sie also sterben, auf einer verdammten Insel, die kein Mensch kennt. Aber immerhin zusammen mit ihrem Geliebten. Randy wurden die Fußfesseln gelöst und man zerrte ihn an den Tisch. Sie schaute mit Tränen in den Augen zu ihrem Geliebten.

Vor Randy stand Collins und zeigte nur ganz leicht mit der Waffe auf Dana.

„Hör zu, Fuzzi, ich sage das nur einmal. Setz die Formel zusammen. Beim ersten Fehler stirbt der Große in der Schubkarre, danach deine kleine Schlampe, alles klar? Dann los!“

Randy schaute schweißgebadet zu Collins auf „Wasser, ich brauch Wasser, ich kann sonst nicht klar denken.“

Collins deutete auf einen der Männer, die am Dschungelrand standen. „Gib dem Deutschen was zu trinken.“

Als Randy den Mann mit der Flasche Wasser ansah, verharrte er kurz und ein leichtes Lächeln durchlief sein Gesicht. Dann trank er einen tiefen Schluck, atmete noch einmal durch und begann.

**

TODESSCHATTEN

Es war erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit das U-Boot durch das Wasser schoss. Von lautloser Fahrt war aber nichts mehr zu spüren, hier war pure Kraft im Spiel und einige Leuchten im Fahrstand wechselten von grün auf orange, eine sogar auf rot. Zwei jüngere Matrosen sahen mich abwechselnd unwohl an.

Der Ingenieur sah sich die Anzeigen im Display an und grinste mich nur breit an: „Made in Germany, das Boot hält viel mehr aus, viel mehr.“

Wir rauschten durch eines der schönsten Gewässer dieser Welt direkt auf eine einsame Inselgruppe zu.

„Noch zehn Minuten, fertigmachen zum Ausbooten, Mechandes, machen Sie Ihre Männer bereit.“

Captain Tamar stand mit zwei seiner Offiziere am elektronischen Kartenstand.

„Hier werden wir gleich anlanden, vorher reduzieren wir auf 20 Knoten und ab hier auf 10 Knoten, dann auf Schleichfahrt, dann sind wir hier. Unsere Freunde erwarten uns bereits hier und hier.“

„Wen haben die denn da alles eingeschleust?“

„Soulebda hat hier zwei Teams geschickt, wir haben aber noch keine Funkverbindung mit ihnen.“

Peter sah mich an und ich ihn. Gleichzeitig zogen wir unsere Ringe vom Finger und gaben sie Captain Tamar zur Verwahrung.

„Ich glaube, die brauchen wir nicht mehr“, lächelte ich Peter an. Dann zog er mich zu sich und wir schlossen die Augen und konzentrierten uns.

Vor uns begann alles zu verschwimmen, irgendwer hatte Puder in der Luft verstreut oder war es nur Nebel oder sonst etwas? Dann trat aus dem dichten Nebel einer der Stammeskrieger in seiner vollen Kampfausrüstung.

„Na, das hat aber gedauert, bis ihr das mit den Ringen verstanden habt“, fuhr er uns lächelnd an und wir begrüßten ihn.

„Wir kommen gleich an Land und zwar…“ Der Stammeskrieger lächelte uns mit seinen weißen Zähnen breit an: „Ich weiß, wo ihr seid, und ich freue mich, wieder mit euch kämpfen zu dürfen, und Mualebda ist mit uns.“ Dann erklärte ich ihm, was wir uns ausgedacht hatten.

„Hey hallo, seid ihr noch da?“, klopfte uns Captain Tamar auf die Schulter.

Wir schüttelten kurz den Kopf. Lächelnd schaute ich ihn an: „Schönen Gruß aus Soulebda, die Truppen stehen bereit. Sie kennen jetzt den Plan und erwarten uns schon.“

Captain Tamar schaute den Kommandoführer an: „Dagan hat uns vorgewarnt, dass die beiden komische Fähigkeiten haben, und dass wir uns nicht wundern sollen.“

Sein Kommandoführer nickte nur, er hatte das von Dagan auch gehört und wusste, wenn er so etwas sagt, dann hatte das seine Gründe. Er hob die Finger: „Drei Minuten!“, sagte er zu seinen Leuten. Die Männer des Trupps bestätigten alle

„Drei Minuten.“

**

MANUS

Mit nassen Füssen traten wir an Land und waren sofort im dichten Dschungel verschwunden. Die Ausrüstung war komplett und das Boot legte gerade wieder ab, um im Dunkel zu verschwinden.

Wir verschwanden im dichten Buschwerk, legten die Ausrüstung zusammen, die ersten begannen zu kontrollieren. „Wo sind jetzt die Stammeskrieger?“, fragte der Kommandoführer.

„Genau hinter Ihnen“, lächelte Peter ihn an und auf einmal traten die Stammeskrieger aus dem Nichts in die kleine Lichtung.

„Wie machen die das, ich hab nichts gesehen…“

„Ja, seid froh, die nicht zum Feind zu haben, die sind nicht nur gut, die sind wirklich sehr gut.“

Rasch informierten uns die Stammeskrieger über die ganzen Posten, die Lager, wer von ihnen sich wo befand und dann zeigten sie auf einen Platz vor dem Zaun, da würden wir zuerst einschreiten müssen.

Dann übersetzen wir den Plan der Stammeskrieger an den israelischen Kommandotrupp. Die nickten und lächelten, offenbar waren sie von der Taktik angetan.

„Sowas haben wir jetzt doch noch nicht erlebt und das klappt wirklich?“

„Dafür garantieren wir, die Stammeskrieger sind ganz besondere Leute und ihr werdet euch noch wundern. Schaut zu und lernt.“

**

Mussau

Decker und Levi hatten das Haus von oben bis unten durchsucht. Dann endlich kam der Funkspruch: „Gefunden, wir haben die Backupserver der HEMA gefunden, kommt runter.“

Johann stand vor einer Bücherwand und grinste breit, dann schob er das Regal zur Seite. Dahinter blinkten in einem Rack vier aufgestapelte Server und ein wahres Speichergrab.

Ben stand davor und hatte die Masterkonsole offen vor sich. „Wir entfernen die letzten Sicherungen und fahren dann die SAN herunter. Ich bin gespannt, was unsere Spezialisten alles da rauslesen können. Schau, die haben eine verdammte QNAP TS-EC mit 12TeraByte.“ Bens Augen leuchteten.

„Pass nur auf, dass du keine Falle übersiehst, sonst ist es Essig.“

„Spielverderber“, grummelte Ben zu Decker.

Nachdem die Maschinen heruntergefahren waren, bauten sie zuerst das SAN System aus und verstauten es in einem sicheren Transportbehälter. Dann nach und nach die Server.

Gerade als die Arbeiten weitestgehend abgeschlossen waren, sahen sie Fahrzeuglichter vor der Einfahrt.

„Unser Taxi kommt, alles einpacken, es geht heim!“

Schon beluden die Männer den Lkw und schlossen die Heckklappe, da schaute Decker in die Mündung einer Maschinenpistole. Vom Beifahrerplatz schob sich ein weiterer Bewaffneter und stellte sich breitbeinig vor die Truppe, der Mann am Steuer hob seine MP und grinste breit. „Die HEMA bedankt sich für die Hilfe!“, und dann begann er zu lachen.

„Eure Waffen haben wir schon im Laster, das wird ein kurzer Besuch.“

Ehe er das Kommando zum Feuern geben konnte, geschahen aber einige sehr merkwürdige Dinge gleichzeitig.

Hinter dem Mann aus dem Beifahrerstand waren zwei Stammeskrieger aufgetaucht, halbierten mit Buschmessern den Mann und trennten seinen Arm mit der Waffe ab. Noch ehe er einen Schuss abgeben konnte, fielen seine Körperteile einzeln auf den Boden.

Der Fahrer allerdings bekam plötzlich große Augen und einen starren Blick. Der Anblick blieb starr, nur der Kopf drehte sich ein wenig zur Seite, dann fiel der leblose Körper ohne Kopf zu Boden.

Hinter dem Kopf des Fahrers, der immer noch aus dem Fenster schaute, tauchte ein zweiter Kopf auf. Es war der von Ma’Difgtma und sie hielt den Kopf des Fahrers aufgespießt auf einem Messer in der Hand.

„Der macht nichts mehr, jetzt aber los, ehe noch mehr kommen.“

Decker schaute Ma’Difgtma an, von Minute zu Minute stieg seine Achtung für diese unglaubliche Frau.

Eine merkwürdige Kolonne rollte zum nahen Landefeld, der Lkw, zwei Luxuslimousinen und ein Porsche-Geländewagen, dann verschwanden die Fahrzeuge in nahen Dschungel. Nach einer knappen Stunde brummte es und der Lkw hatte einen neuen Anhänger am Haken, eine Herkules.

Alles andere war dann schnell vorbei, die Leute waren alle an Bord und die Ausrüstungen verstaut. Die schwere Herkules nahm Geschwindigkeit auf und verschwand in der Dunkelheit. Als sie über dem Gebäude des Shaah hinwegflog, zündeten mehrere Sprengladungen und ein mächtiger Feuerpilz übergab das Gebäude dem Meer.

Endlich ging es heim nach Soulebda. Noch an Bord wurden die Daten aus der SAN gezogen und nach Israel übertragen. Dort ratterten die Rechner und zogen die Fäden, einen nach dem anderen, aber rasend schnell. Als die Herkules im Landeanflug war, lagen die Ergebnisse der Auswertung bereits auf Dagans Schreibtisch und er schaute mit seinen Leuten sich die Daten genauer an.

„Verflixt, die haben ja wirklich jeden und alles erpresst“, sagte einer der Auswerter zu Dagan. „Sehen Sie sich diese Summen an, die da zusammenkommen, sind das jetzt alle Zahlen oder kommt noch was?“

„Das sind alle Zahlen, damit wäre die Wirtschaft einiger Länder gerettet.“

„OK, jetzt nehmen wir die Deutschen mit ins Boot, die dürfen auch etwas tun. Ich glaube, die freuen sich auf das, was jetzt kommt.“

**

Peace of Mind

Die „Peace of Mind“ fuhr so schnell wie lange nicht mehr durch die herrliche Südsee. An Deck und unter Deck wurden die Verletzten versorgt, so gut es gerade eben ging.

Auf der Brücke schaute der Funkoffizier auf das Radar, von links schob sich eine Ansammlung Schiffe auf sie zu. Der Geschwindigkeit nach mussten diese sehr schnell und recht groß sein.

Mit einem Mausklick auf die Symbole wurde ihm auch klar, weshalb die so schnell waren: das waren Kriegsschiffe der NAVY und der große Fleck war nichts anderes als ein riesiger Flugzeugträger. Ein Doppelklick und die viele Daten lieferten die Information: CVN USS Theobald sowie die Militärkennung.

„Kapitän, Kapitän!“, rief der Funkoffizier, „Sie suchen doch ein Krankenhaus? Ich hab da zufällig ein verdammt gutes gefunden und – äh – es kommt direkt auf uns zu.“

Der Kapitän schaute verdutzt, kannte er doch den merkwürdigen Humor seines Offiziers. Als er Kapitän die Kennung des Schiffverbandes und des Trägers sah, kam endlich wieder ein Leuchten in sein Gesicht.

„Stellen Sie mir sofort eine Verbindung zu dem Träger her …“

„Ja, Sir!“

**

„Captain, Sir, hier ist ein Partyschiff dran,“, sagte der junge Funker „Ich glaube, es ist die „Peace of Mind“. Sir, die haben einen Notruf gesendet, die bitten uns um medizinische Hilfe, Sir, die haben… ich glaube, die haben Probleme, Sir…“

„Was Sie nicht sagen, geben Sie mal her, Seemann!“, Captain Barris sah auf den Funkkanal und drückte die Sendetaste.

„Hier ist Captain Barris von der USS Theobald, kommen.“

„Hallo Theobald, hier spricht Kapitän Fischer von der „Peace of Mind“. Wir wurden von Terroristen überfallen und haben viele Verletzte, wir brauchen dringend medizinische Hilfe.

Wir haben hier 121 Verletzte, davon schweben 4 in Lebensgefahr und 28 sind so schwer verletzt, dass sie dringend in eine Klinik bringen müssten.

Captain Barris, die Terrorgefahr ist vorbei, aber hier liegen die Menschen im Sterben. Ich bitte um Hilfe, kommen.“

Admiral Folkers, der den Funkspruch mitgehört hatte, kam dazu. „Verdammt, das ist die 70.000 tons of metal, drehen Sie bei, wir helfen.“

Auf den Schiffen des Verbandes schrillten die Alarmsirenen und die Mannschaften machten sich klar.

Als sich die beiden Schiffe näherten, schaute Captain Barris den Admiral an und er grinste ihn an. „Mit meiner ersten Frau waren wir einmal auf der 70.000 tons of metal, sowas geht einem durch Mark und Bein.

Sind unsere Lazarette an Bord bereit?“

„Alle medizinischen Abteilungen sind bereit, die beiden Versorger sind auch bereit und kommen dann längsseits. Ich bin gespannt, was die alles mitbringen.“

210 Meilen vor Soulebda verharrte der Schiffsverband und die Übernahme der Verletzten begann. Der Stille Ozean macht seinem Namen alle Ehre.

Die Schwerstverletzten wurden auf die USS Theobald gebracht und die transportfähigen Menschen sofort in die Hubschrauber aufgeteilt, die sich sogleich aufmachten nach Soulebda. Die nicht transportfähigen wurden in den Bordlazaretten versorgt, notdürftig operiert und dann auf Krankenzimmer verlegt. Sobald wie möglich starteten mehrere Versorgungsflüge mit den Verletzten nach Soulebda.

Kapitän Fischer wurde von Admiral Folkers und Captain Barris empfangen.

Im Konferenzraum des Kapitäns trafen sie zusammen. Kapitän Fischer brachte die israelitischen Spezialisten Nazath und Mentari mit an Bord und berichtete, was sich zugetragen hatte.

Während Captain Barris entspannt zuhörte, schienen Admiral Folkers die Fäden langsam zu entgleiten, es wurde langsam alles zu verworren.

„Moment, bitte!“, fragte er los „Hab ich das richtig verstanden? Ein Erste-Klasse-Passagierschiff, die 70.000 tons of metal, wird mitten in der Südsee überfallen und zur Terroristenzentrale der HEMA, die eine biologische Höllenformel zu entschlüsseln versucht.

Ein paar Passagiere sorgen dafür, dass die halbe Welt verrückt spielt, und spielen böser Bulle mit den Terroristen und dann schalten sich die Jungs vom Mossad auch noch ein?

Die Terroristen haben sogar ein U-Boot und eine Mine an dem Dampfer und dennoch schaffen es die Handvoll Freizeit-Djangos, die Lage zu drehen, die Terroristen auszuschalten oder zu vertreiben?“

Mit einem Kopfnicken zu den beiden israelischen Spezialisten begann er wieder zu grinsen. „Ok, ich glaube, soeben ist bei mir auch ein Groschen gefallen, reden Sie weiter.“

Kapitän Fischer berichtete weiter, von den beiden U-Booten, der Mine, der Flucht der Anführer und dem blutigen Showdown bei den Schlauchbooten.

„Und das ganze wegen einer einzigen Höllenformel, die all das rechtfertigen sollte?“, schaute der Admiral fragend die anderen an.

Als diese der Reihe nach nickten, war die eben noch gute Laune des Admirals wie weggeblasen.

„Ok, meine Herren, folgendes – Sie beide -“ und damit sprach er die Israelis an „wollen sicher telefonieren und ich habe jetzt auch ein paar Anrufe zu tätigen. Meine Herren, besten Dank, ich hoffe wir können allen Ihren Verletzten helfen, wir sehen uns noch. Ordonnanz, begleiten Sie die beiden Offiziere zur Kommunikationszentrale, die müssen jetzt telefonieren.“

Damit ging Admiral Folkers in sein Arbeitszimmer, schloss die Tür und nahm den Hörer in die Hand. „Verbinden Sie mich mit Norfolk, Priorität und verschlüsselt und zwar pronto, ja?“

Er goss sich einen heißen Tee ein, brannte die halb gerauchte Zigarre erneut an und zog an der herrlich duftenden Kubanischen.

Das Telefon läutete. „Sir, Norfolk über die gesicherte Leitung, Sir, Admiral Hankys ist dran für Sie.“

„Danke, Admiral Hankys, John, gehen Sie bitte auf Zerhacker.“

An seinem Telefon drückte der Admiral einige Knöpfe und nacheinander leuchteten die LED grün auf. Als die letzte grün leuchtete summte es einmal kurz.

„John, ich liege hier mit meiner Trägergruppe vor Soulebda, habe über einhundert Verletzte von einer Terroristenfahrt der „Peace of Mind“ an Bord genommen und das Ganze wegen einer biologischen Höllenformel, die aus mehreren Teilen besteht. John, ich vermute, mein Einsatz hier hängt auch direkt oder indirekt damit zusammen.

John, ich will nicht meine ganzen Gefallen, die du mir noch schuldig bist, einfordern, aber um Gottes Willen, hier stinkt etwas ganz gewaltig.

Bitte schau, wer da alles die Strippen gezogen hat und uns hierher schickt. Aber pass auf, da sind ganz oben ein paar von uns mit involviert.“

„Ok, ich bin ganz Ohr, erzähl mir mehr.“

Dann berichtete Admiral Folkers und Admiral Hankys hörte genau zu.

**

Manus

Collins schaute zu Randy. „Was ist, wie geht’s voran?“

„Der Rechner rechnet, aber ihr musstet ja meinen Highspeed-Rechner kaputtschießen und der Schrott hier braucht eben länger.“

Collins schaute verärgert Randy an und befahl den hinter ihm stehenden Soldaten: „Erschießt den Mann in der Schubkarre. Typisch Nerd. Ich glaube, du musst nur richtig motiviert werden.“

Kein Schuss fiel. „Verdammt, ich sagte, erschießt den Dicken!“ Collins drehte sich um und musste würgen, eine Klinge steckte in seiner Brust.

Mit letzter Kraft sah er wie seine Wachsoldaten alle am Boden lagen. Zwei der Soldaten, die er hier aber noch nie gesehen hatte, obwohl sie die Uniform des Camps trugen, kamen mit Messern auf ihn zu. Als Letztes sah er, wie einer der Soldaten seinen Kopf anhob, der andere sein Messer ansetze, dann wurde es dunkel.

Dana hatte das alles noch nicht ganz verstanden, sie zitterte noch am ganzen Leib. Randy war aufgesprungen und rannte auf sie zu, hob sie an und umarmte sie: „Schatz, wir haben überlebt…“

Jetzt erst realisierte sie, dass sie wahrscheinlich heute noch nicht sterben würde.

Hannes war plötzlich wieder putzmunter. „Hast du die Daten? Sind das die Daten, hinter denen alle her sind?“

Randy schaute Hannes mit grimmigen Augen an „Die Daten sind alle hier drauf, auf diesem einzigen Stick. Jetzt werden wir den Rechner zerstören, dann gibt es nur diese eine Version.“

„Dann mach mal hin, das Ding darf niemals in irgendwelche unbefugten Hände gelangen. Hast du verstanden, unter keinen Umständen?“

„Schnell, wir müssen weg.“

Die kleine Truppe verschwand im Dschungel. Zurück blieben ein zerstörtes rauchendes Notebook und mehrere böse Menschen, die tot am Boden lagen. Daneben saß der Soldat Collins auf seinem Stuhl, aber ohne Kopf. Im Hintergrund lag drohend eine Festung im dichten Urwald.

Als die Patrouille nach einer halben Stunde Alarm schlug, war Kraemer am Ausrasten.

„Mann, geben Sie Großalarm, riegeln Sie die Insel ab und lassen Sie alle antreten, sofort! Wo sind die Deutschen mit der Formel? Ich will die mit der Formel, besser noch nur diesen Randy und die Formel. Bringt sie mir! Koste es, was es wolle, der Nerd und die Formel müssen überleben. Die will ich. Macht mit dem Rest, was ihr wollt.“

**

SOULEBDA

Aus Soulebda waren die Meldungen über die ankommenden Verletzten wie eine Bombe eingeschlagen. Die Radarstation der Insel hatte die USS Theobald mit dem ganzen Verband natürlich ausgemacht.

Mit der Ankündigung, dass die Amerikaner Verletzte von der „Peace of Mind“ bringen würden, hatte Heylah ai Youhaahb den Alarmstatus von Rot auf Gelb geändert.

Fransiska Haufberger war wieder in ihrem Element. Vor dem Zentralkrankenhaus hatte sie die eine Hälfte der Kameras aufbauen lassen, die anderen standen am Flughafen und Fransiska zeigte, was in ihr steckte.

Die beiden ersten Hubschrauber mit amerikanischer Marinekennung kamen gut ins Bild, als sie vor dem Krankenhaus einschwebten und die ersten vier Schwerverletzten in das Krankenhaus gebracht wurden. Die weiteren Verletzten aus den Hubschraubern und später aus den Flugzeugen folgten.

Zwei der Begleitpersonen wurden angehalten und von Fransiska freundlich gebeten, vor der Kamera Stellung zu nehmen, eine schwedische Kommissarin und ein iranischer Ingenieur. Fransiska Haufberger stellte die Fragen geschickt, aber fair und ließ die beiden Passagiere im guten Licht stehen.

Der Ingenieur gab nüchtern die reinen Fakten wieder, die er erlebt hatte und durfte recht früh wieder gehen. Das war zu wenig für eine gute Sendung.

Als aber dann die Schwedin von der Befreiungsaktion an Bord berichtete und von Caroline und Peter zu erzählen begann, ließ Fransiska die Kamera laufen und schwieg. Stattdessen lieferte die Kommissarin ein Bild der Geschehnisse an Bord und dieses Bild war fast hollywoodreif.

Mit den allerbesten Wünschen zur baldigen Genesung an ihre verletzte Kollegin verabschiedeten sie schließlich die Kommissarin und Fransiska berichtete von den weiteren Fakten. Nach und nach landeten die Flugzeuge und brachten weitere Verletzte.

Als die ersten Meldungen von den Vorfällen und vielen Verletzen eintrafen, handelten die Verantwortlichen bei AAP in Brüssel schnell und brachten die Topstory in der Hauptnachrichtenzeit.

Über die glorreiche amerikanische Flotte, den Verband der USS Theobald, wurde berichtet, dass die Trägergruppe wesentlich an der schnellen Hilfe der „Peace of Mind“ mit den tausenden Metalfans und deren heroischen Taten beteiligt war und sie legte nach. Fransiska Haufberger schaffte es, dabei stets sachlich, klug und fair vorzugehen, ihre Gesprächspartner kamen immer sehr gut weg.

Die Geschichte um die 70.000 tons of metal und wie die Menschen dort eine weltweite Terrorgruppe besiegten, mit ein wenig guter Hilfe von Profis, ging wie ein Lauffeuer um die Welt.

Schließlich erschien auch noch Heylah ai Youhaahb, die Präsidentin von Soulebda. Sie bedankte sich vor der laufenden Kamera bei den Amerikanern, die sogar eine wichtige Seeübung unterbrochen hätten, um Leben zu retten.

Als die Kameras am Flughafen abgeschaltet waren, fragte Fransiska Heylah ai Youhaahb, weshalb sie denn gerade jetzt zum Flughafen gekommen sei.

„Ich erwarte eine Maschine mit einigen weiteren Verletzten, aber die waren nicht auf dem Partyschiff. Die haben das aufgeräumt, was diese Terroristen angestellt hatten. Einen der Verletzten kennen Sie gut, Fransiska, es ist Bernd Schubert.“

„Oh, nein, was hat er sich denn diesmal eingefangen, wieder eine Rakete?“ Heylah ai Youhaahb lachte laut und Fransiska grinste sie an. Beide wussten von der Aktion, mit der Bernd Schubert zur Legende geworden war, als er seine Maschine in die heranrasende Rakete lenkte, um seiner großen Liebe das Leben zu retten.

„Nein, diesmal nur ein paar Kugeln und die Verletzungen sind offenbar halb so wild. Tja, und dann sind dann noch ein paar gute Freunde mit an Bord. Fransiska, darf ich Sie um was bitten? Diesmal keine Kameras – ja?“

Die Herkules der Luftwaffe rollte aus, Heylah ai Youhaahb und Fransiska schauten zu, wie die Truppe ausstieg. Sanitäter stürmten über die Gangway zum Flieger und Bernd wurde auf einer Trage direkt in einen Krankenwagen gebracht. Er erkannte Heylah ai Youhaahb und Fransiska hinter der Scheibe und winkte ihnen noch zu.

Als dann Ma’Difgtma, Decker, Levi, Ben, Vera, Sarah, Johann und Gratzweiler aus dem Flieger kamen, staunte Fransiska nicht schlecht. Einige trugen Verbände, aber sie lächelten alle ihrer Präsidentin zu. „Das ist die halbe Einsatzgruppe von Peter und Caroline, was zum Teufel machen die alle hier und wo ist der Rest der Truppe?“

„Der Rest der Truppe kämpft in diesem Moment.“ Fransiska erschrak.

„Möge Mualebda ihnen beistehen.“, flüsterte Heylah ai Youhaahb und Fransiskas Gesicht wechselte die Farbe.

**

BERLIN

Die Omega-Truppe war keine einfache Sicherheitstruppe, sie war zwar vom Innenministerium, aber die Jungs waren auch in Steuerfragen bestens ausgebildet.

Und einige aus der Truppe waren sogar noch ganz anders vernetzt, das wussten aber nur wenige. Alle in der Truppe waren hochmotiviert.

„Schau dir das an, Hans, die haben die Summen über diese fünf Wege transferiert. Unsere Spürnasen haben hunderte Gigabyte an Daten untersucht und jetzt liegt der Weg offen. Das ist eindeutig ein Spiel in der oberen Liga, das die da abgezogen haben.“

Sein Gegenüber nickte und hielt ein Handy ans Ohr. Das Tablet lag auf dem Tisch und die Augen hatte er scheinbar überall. „Gut – danke, das ist klasse, richte bitte Dagan meine besten Grüße aus, ja?“ Damit legte er auf.

„Ok, unsere Freunde aus Israel haben eben das geliefert, was wir suchen. Das waren die Puzzlesteine, die gefehlt haben, jetzt können wir loslegen.“

„Sag mal, woher kennst du eigentlich diesen Dagan Mayr?“

„Sagen wir so, das ist Verwandtschaft, er ist mein Onkel.“

„Wie weit sind wir, können wir loslegen?“

„Ja, gib das Signal, es geht los.“

„Informieren Sie Professor Lemberger, das soll er uns mal erklären!“ Der Security-Mann des Omega-Trupps schaute auf das Telefondisplay, wo sich jetzt gerade Professor Dr. Ing. Karl-Wilhelm Lemberger aufhielt. Gebäude 45, Vortragsaal 11, Ebene 2. Der Mann war ständig auf Achse und hielt Vorträge im Haus in irgendwelchen Labors.

Dann verschwand der Wachmann mit dem Handy am Ohr und der Leiter von Omega verglich einige Mails und Kontoauszüge. Aus dem Umschlag zog er einen weiteren Kontoauszug und verglich die Kontonummern.

„Dieses verdammte Weibsstück. Na, dann wollen wir doch mal sehen, wie gerissen die tatsächlich ist.“ Dabei tippte er einige Texte in sein Pad ein.

**

Der Rotschopf von Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth zuckte kurz hoch, als ihr Handy summte, ihre Augen suchten den Empfang ab. Kein Kunde, kein Vorgesetzter, jetzt oder nie … schon nahm sie ihre Handtasche und hastete zur Damentoilette. „Ingrid, ich bin kurz zur Toilette.“ Schon hastete sie los.

In der Toilette eingeschlossen beruhigte sie sich wieder. Sie tippte kurz in ihr Handy und hatte bereits die Kontobevollmächtigte dran, sie identifizierte sich ihr gegenüber online und dann las Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth das Unfassbare:

„Problem beim Einzahlen auf die angegebene Kontonummer. Konto ist nur für maximal 500.000 Euro zugelassen, neue Bestimmungen seit Monatsanfang. Was tun?“

Mist, das hatte sie übersehen! Dass es an den Konten Änderungen gab, hatte sie zwar gelesen, aber nicht genau welche. Jetzt brauchte sie ein anderes Konto oder das ganze schöne Geld wäre weg.

Aus ihrem Notizbuch notierte sie einige Kontodaten und tickerte sie der Bankerin durch. Kurz danach kam das OK.

„Konto zugelassen, Überweisung eingeleitet, Transfer vollzogen. Schönen Tag!“, stand da zu lesen. „Verdammt, das war knapp, fast wären die 4.500.000 Euro verloren gewesen! Was hätte der Shaah mit mir gemacht…“, murmelte sie leise vor sich hin.

In diesem Moment bewegte sich unterhalb des Türgriffs der Türschließer von außen und aus dem „Besetzt“-Schild wurde ein „Frei“-Schild. Die Tür öffnete sich.

Ungläubig starrte Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth in die Mündung zweier Pistolen. Der bleiche Hausmeister mit Schweißperlen auf dem Kopf verschwand aus dem Türbereich und hinter den beiden bewaffneten Beamten stand eine Frau mit einem Tablet, sie winkte und meinte: „Danke für die Überweisung, wir buchen gerade ab…“

„Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth? Kriminalpolizei – Sie sind hiermit festgenommen!“

Scheurer-Grobschloth saß auf dem WC mit einer brennenden Kippe im Mundwinkel und wirkte etwas überrollt.

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Prof. Lemberger schaute aus der hinteren Reihe über ausgebreitete Papiere, neben ihm standen zwei Beamte und hatten ihn soeben aufgeklärt, was in seinem Institut so lief. Sein Kopf war knallrot und er zitterte, offenbar war er sehr wütend und kämpfte mit der Selbstbeherrschung.

„Elisabeth, die Leute hier … all diese Konten … all das viele Geld … Terroristen und Geheimnisverrat, Elisabeth… die sagen, Sie gehören zur HEMA zu der …“ Dann brach es aus ihm heraus: „Verdammt, Elisabeth, was haben Sie sich dabei gedacht? Sie haben all meine Forschungen hintergangen, unser ganzes Land haben Sie verraten, man sollte Sie … man sollte Sie … Sie… Hexe … Sie… “ Seine Hand ging ans Herz und er verzog vor Schmerzen das Gesicht und kollabierte.

„Schnell den Bereitschaftsarzt – Verdacht auf Infarkt.“

Scheurer-Grobschloth aber schaute mit einem Blick der Verachtung auf den am Boden liegenden Professor. „Unfähiger, debiler Genmüll, dich sollte man verbrennen. Du hast das alles nicht verstanden, mein wahrer Leiter kommt bald und wird mich hier herausholen, ihr seid alle tot, wenn der Shaah kommt.“

„Abführen!“, war die einfache Antwort und zwei Beamte führten Scheurer-Grobschloth in Handschellen ab.

Im Raum sahen sich die Beamten an: „Welcher Shaah?“

„Na, der von Persien bestimmt nicht, aber du kannst ja mal die Maschine fragen.“ Dabei übergab er seinem Kollegen ein Notebook und dieser loggte sich in das Sicherheitsnetz des Innenministeriums ein.

„Ihr da, alles markieren und mitnehmen.“ Schon machte sich eine Hundertschaft junger Polizeibeamter an die Ordner.

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„Sie sind also Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth, 54 Jahre, Jungfrau zumindest nach dem Sternzeichen, Blutgruppe Null negativ, ja, das passt auch zu Ihnen. Sie sind verhaftet worden wegen … oh das ist ja interessant.

Sie sind eine der von der HEMA. Nun denn, zuerst möchte ich ihnen mitteilen, dass ihr Professor den Infarkt überlebt hat. Das kann ich von ihrem Freund, dem sogenannten Shaah Kalaaf, leider nicht behaupten.

Seine Überreste hat man auf einer Südseeinsel aufgelesen, zusammen mit einigen anderen seiner Kumpanen und gut zwei Dutzend anderer sterbefreudiger Idioten.

Keine Sorge, Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth, wir verhören Sie hier nicht. Wir teilen Ihnen nur mit, dass Sie zu unseren amerikanischen Freunden überstellt werden. Die Auslieferungspapiere sind hier und Ihr Zimmer in Guantanamo oder sonst irgendwo ist bestimmt schon gerichtet.

Dass die ganzen Gelder gesichert wurden, können Sie sich selber denken, und ja, auch die Gelder auf den 21 anderen Banken. Die Cayman Islands sind nicht mehr so verschwiegen wie früher einmal.

Noch etwas, ach ja, diese nette Formel hat man sichergestellt und man hat auch sichergestellt, dass damit keiner mehr jemals etwas anfangen kann und jetzt verabschiede ich mich von Ihnen. Legt sie in Fesseln und schafft sie mir aus den Augen, ab in die Gefangenenmaschine nach den USA.“

Elisabeth Scheurer-Grobschloth wurde hinausgebracht, dabei hatte sie ein fieses, gemeines Lächeln im Gesicht, gerade so, als wüsste sie, dass sie nicht lange eingesperrt würde.

„Ich darf aber noch einmal telefonieren oder?“

„Ja, da drüben in der Bereitschaftszelle.“

Das Telefonat dauerte nicht sehr lange, dann brachten die Beamten Scheurer-Grobschloth aus dem Trakt. Als sie weg war, kamen zwei weitere Leute in den Raum. Auf ihren Ausweisen stand Thekla Melissa Neureuth und Samuel Legdorn, Bundesnachrichtendienst.

Sie sahen den Mann, der Elisabeth Scheurer-Grobschloth soeben verabschiedet hatte, fragend an. Der Mann sagte nur: „Die Falle ist gestellt!“

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Washington

„Verdammt noch einmal, was ist denn da in der Südsee los? Ihr solltet doch den Inselaffen dort Angst machen, stattdessen spielt dieser Admiral den tapferen Helden und alle Welt bejubelt die großartigen Beziehungen mit Soulebda.“

Damit warf CIA-Direktor Rush den Hörer auf das Telefon. Irgendwie lief die ganze Sache aus dem Ruder.

Erneut klingelte das Telefon, ein Gespräch aus Europa, berichtete die Dame an der Vermittlung, eine gewisse Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth sei in der Leitung.

„Ich hoffe für Sie, dass das Gespräch wichtig ist, keiner sollte unsere Verbindung kennen und jetzt das, schnell, was ist los?“, blaffte Direktor Rush Scheurer-Grobschloth an und sie berichtete von ihrer Festnahme und dass sie in wenigen Minuten nach Amerika überführt würde.

„Das lässt sich regeln, ich hole Sie da raus, machen Sie keine weiteren Fehler und was macht die Formel, wie weit sind Ihre Leute damit?“

„Die ist in unseren Händen und verfügbar, holen Sie mich hier raus und wir sind wieder im Geschäft.“

„In Ordnung und jetzt keine weiteren Anrufe, bis wir uns hier sehen.“

Wenigstens war die Formel noch in Reichweite. Wer diese Formel hatte, der würde auch die Macht in seinen Händen halten, das war Direktor Rush klar. Jetzt hieß es nur noch, ein paar Tage lang die Füße still halten.

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BERLIN

In der Zentrale standen Thekla Melissa Neureuth und Samuel Legdorn vom Geheimdienst nebeneinander und sahen die Spezialisten an, die das Telefongespräch in erstklassiger Qualität aufgezeichnet hatten. „Die Falle ist gerade zugeschnappt.“

Neben ihnen standen zwei amerikanische Kollegen und nickten ihnen anerkennend zu.

„Gut gemacht. Dann wollen wir einmal ein paar Verrätern den Garaus machen, besten Dank für die Zusammenarbeit. Ich denke, wir haben bald einen neuen CIA-Direktor.“

„Immer wieder gerne.“ Damit verabschiedeten sich die Geheimdienstler.

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SOULEBDA

„Also, wir wissen, dass das da vor uns ein wahres Bollwerk ist. Wahrscheinlich von den Japanern übrig geblieben und unzerstört. Daneben haben die eine kleine Wohnstadt aufgebaut, in einem der Häuser hatten die uns gefangen gesetzt.“

„Sicherungen, Befestigungen, habt ihr etwas Genaueres?“

„Randy hat mit Decker Kontakt und Decker hat Information, die müssten gleich kommen“

Es waren nur handschriftliche Zeichnungen, aber Decker hatte einiges zu Papier gebracht. Sperrzonen, eigene unterteilte Verteidigungsbereiche, Schützengräben, überlappende Feuerbereiche, dann noch vier vermutliche Türme mit Flugabwehr.

„Was wissen wir von deren Bewaffnung?“

„In den vier Türmen sind garantiert Flak-Geschütze und geht mal von MANPADS (Man Portable Air Defense System) aus, also den Nachfolgern der Stinger-Raketen. Aber der Turm in der Mitte macht mir mehr Sorgen, der ist höher und überdeckt das ganze Lager. Der sieht gepanzert aus und hat überall Antennen.“

„In Deckers Plan ist der nur als Baustelle verzeichnet?“

„Ja, offenbar sind diese Pläne nicht die aktuellen.“

„Verdammt, was wollten die Amis da aufbauen, Fort Knox im Dschungel?“

„Egal, wir müssen jetzt von der Insel runter, wir haben den Datenstick und brauchen einen Weg nach Hause.“

„Das klappt nur über den alten Bereich hier hinten, da stehen zwei Hangars, einer mit einem Hubschrauber und ein anderer.“

„Was ist dort drin?“

„Wissen wir noch nicht, aber ein paar Stammeskrieger sind vor dem zweiten Hangar. Im ersten stand ein Bell Jet Ranger, das passt nur für maximal 8 Personen und der fliegt nicht weit.“

„Wir brauchen einen richtigen Transporter, wir haben hier fast 40 Leute, die müssen wir von der Insel wegbringen.“

„Ok, auf zum Hangar.“

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„Das ist nicht dicht, ihr müsst den O-Ring da ersetzen!“

Die beiden Mechaniker kontrollierten die tropfende Pumpe und begannen mit der Arbeit. Schnell hatten sie die beiden Halbschalen geöffnet, gesäubert und den alten brüchigen Gummiring gegen einen neuen getauscht, schon schraubten sie die Pumpe zusammen.

Im Hydraulik-Tester trieben sie die Pumpe bis auf 100 PSI. „Gut“, meinte der Chefmechaniker, „mehr als 7 Bar brauchen wir nie, baut die Spritpumpe ein.“

Die beiden Techniker verschwanden mit dem Bauteil und kletterten die Leiter empor, um in der Motorgondel der alten Antonow An-26 Maschine zu verschwinden.

„Hoffentlich hält die Kiste noch die Überführung zum Schrottplatz aus, am nahen Flughafen wird die dann noch als Löschmodell herhalten, zu mehr taugt die An-26 eh nicht mehr…“, murmelte er vor sich hin.

Chefmechaniker bei den US Streitkräften, toller Job, Abenteuer und immer das neueste an Technik. Toll, er lachte innerlich in sich hinein und was hatte er da? Einen ausgemusterten Bell Jet Ranger mit einem defekten Heckrotor und eine uralte Russen-Maschine.

Noch zwei Jahre, so lange lief sein Vertrag noch und dann wäre sein Häuschen bezahlt, Madelaine, seine hübsche Frau würde dann endlich Zeit für ihn haben.

„Madelaine…“, sagte er leise und schaute in die grünen Augen einer wunderschönen Frau mit knallrotem Haar. Sie lächelte ihn an.

„Nein, ich bin nicht Madelaine, ich heiße Caroline, aber Madelaine ist auch ein sehr schöner Name. Du bist also der Chefmechaniker hier?“

Verdutzt schaute er sich um, keine versteckte Kamera, nichts nur diese Klasse-Frau alleine vor einem Werkzeug Container.

„Äh, ja der bin ich und du bist hier bestimmt falsch, ich habe dich hier im Camp noch nie gesehen.“

„Eben erst angekommen, sag mal, was ist mit dem Vogel da, fliegt der noch?“

„Die da?“ Der Daumen des Mechanikers zeigte nach hinten, dann grinste er. „Die wird heute überführt, auf den Flughafen von Momote, das verkraftet die vielleicht noch, aber weiter fliegt der Schraubensack nicht mehr. Wieso, wohin willst du?“

„Knapp 1500 Meilen weiter.“

„So, 1500 Meilen weiter weg, ich hab da vielleicht eine Möglichkeit, Lust auf eine Exkursion?“

„Natürlich!“

„Da drüben, in dem zweiten Hangar, da steht noch eine Gulfstream, die macht locker 5000 Meilen.“

„Da drüben in dem Hangar?“

„Ja, da drüben, komm ich zeig sie dir, meine Liebe …“

Als die beiden die schmale Tür durchschritten hatten, drückte der Chefmechaniker die Frau an die Hangartor.

„So, mein Käfer, jetzt mal Tacheles, du schleichst hier rein und willst von der Insel. Das hier ist Sperrgebiet und du treibst dich hier rum?“

„Ja, ich mag Abenteuer!“

„Verstehe, du hast also Lust auf ein Abenteuer.“

„Sag mal, das Einzige, das ich da drüben sehe, ist eine alte, verwanzte Liege und ein schrottreifer Helikopter. Aber die Gulfstream fehlt.“

„Uuups, mein Fehler.“

Damit hatte der Chefmechaniker ein Messer in der Hand und richtete es auf die Frau.

„Das Einzige, was hier fliegt, kommt in einer Stunde. Eine Herkules von Guam, aber jetzt genug geredet, Süße – Ausziehen!“

„Ausziehen, so, was willst du denn mit mir anstellen, Kleiner?“

„Ich habe seit Monaten nichts Frisches mehr gehabt und du bist auf der Flucht. Daher ist es egal, ob du heute Abend fehlst oder nicht, richtig?“

„Ehe ich mich ausziehe, die Maschine landet hier oder nebenan?“

„Die landet hier und bringt Teile für meine Jungs. Runter mit den Klamotten, ich mach keinen Witz, ausziehen oder du hast Sex nach deinem Tod…“

Vor dem Hangar hatten sich Peter und zwei Stammeskrieger versteckt, dann hörte man von drinnen ein paar Geräusche und Caroline kam aus dem Hangar. „In einer Stunde landet hier eine Herkules, die könnte uns helfen.“

„Was ist mit dem da drinnen?“

„Der kommt nicht mit, los jetzt.“

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USS THEOBALD

“Admiral Hankys ist für Sie auf der abhörsicheren Leitung, Sir!“ Der Ordonnanzoffizier begleitete den Admiral bis vor dessen Raum und stellte sich vor die Tür, die der Admiral schloss.

Er nahm an dem Schreibtisch Platz, stellte das Telefon ein und nahm ab. „Admiral Folkers hier.“

„Hallo Admiral, Pete, ich habe Neuigkeiten für dich. Die Übung in Australien wird verlegt, weil einige Länder mit Bränden kämpfen müssen und auch die Marinen einsetzen.

Außerdem hat der Präsident den CIA-Direktor entlassen und der Senat hat das bestätigt, er wird in diesen Minuten verhaftet.

Das bedeutet für dich, dass dein Auftrag hier abgeschlossen ist. Solltest du noch einen Grund für den Verbleib haben, kannst den mir binnen 21 Tagen mitteilen. Hast du verstanden, Pete, du hast drei Wochen Spielraum.“

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MANUS

Das Brummen der Maschine klang nicht nach einer Herkules. Stattdessen kam eine Kurzstreckenmaschine und rollte vor den Hangarplatz. Aus dem Ladebereich schleppten die Techniker einige Container und rollten sie aus dem Weg.

„Da passen 12 Mann rein, zur Not 14, aber dann sitzt einer auf meinem Schoß“, sagte ich zu Peter.

„Verflixt, wir können die Leute nicht hier lassen, das wäre ihr sicherer Tod. Wir haben knapp 40 Leute und die Ausrüstung. Gut, diese können wir aufgeben. Aber 40 Mann sind 40 Mann.“

„Wir könnten aber zumindest die hier rausbringen, was meinst du?“

„Die Kiste fliegt nicht soweit und wenn, dann kommen wir nur einmal weg zum Flugplatz bei Manus. Aber mit dem Ding musst du mehrfach fliegen, vergiss das, das klappt logistisch nicht.“

„Flieg du mit den Frauen und pack den Flieger randvoll!“

„Peter, wir haben etwas besprochen und du hast mir etwas geschworen, keine Einzelaktionen mehr. Vergiss also die Heldennummer.“

„Schatz, ich musste es zumindest versuchen, du weißt…“

„Vergiss es, Ende der Diskussion.“

„Damit ist der Traum vom Fliegen gestrichen, schau mal.“

Die kleine Maschine rollte bereits wieder an und verschwand auf der Betonpiste.

„Wir brauchen etwas Anderes.“

„Ja, lasst uns hier verschwinden, hier gibt es nichts mehr für uns.“

„Ja klar, aber Moment noch, das wird Randy freuen, schau ein Spielzeug für ihn.“

**

Im Camp mit den anderen Stammeskriegern informierten uns die Freunde, was sich hier inzwischen getan hatte. Die Stammeskrieger waren im Dschungel daheim, sie kamen auch deutlich schneller voran als wir, oft kam es uns so vor, als huschten sie nur so entlang.

Dana und Randy hatten sich mit elektronischen Bastelarbeiten beschäftigt, schließlich hatten sie in einigen der Häuser gründlich geputzt. Derzeit hatten sie einen Sender fast einsatzklar, aber eben nur Kurzwelle und unverschlüsselt.

„Hey ihr beiden, was haltet ihr von diesem Kasten?“

Randys Augen begannen sofort zu leuchten, als er den Rechner ansah, den wir aus dem Hangar mitgenommen hatten.

„Geil, ein Panasonic-Touchbook, alles dabei im Dock, Funkkarte, Maus und ihr habt auch an das Netzteil gedacht, alles prima. Das Teil wird mir Spaß machen, sobald wir Strom haben, aber solange muss der Akku herhalten.“

Voller Spannung schaltete er das Gerät ein und ein tiefes Brummen ertönte: „Warning low Battery!“ Dann schaltete er das Gerät wieder aus.

„Nächstes Mal bringt ihr ein volles mit, ja, oder zumindest eine Solarstation“, er feixte mit seinem breitesten frechen Grinsen.

Die Stammeskrieger indes waren auf der Insel verstreut und wir hatten überall wunderbare Späher, da wir mit ihnen ja reden konnten. Von einer ufernahen Station aus besorgten die Stammeskrieger einen Solarlader. Die Soldaten würden sich wundern, wenn am Morgen das Funkgerät sich nicht meldete, das fehlte nämlich auch.

So verwirrten die Krieger die Amerikaner um Kraemer, wenn er seine Truppen in den Norden schickte, knallte es im Süden und umgekehrt. Kraemer fehlte die Erfahrung mit den Stammeskriegern und so setzte er auf brutale Kraft.

Die Stammeskrieger berichteten, dass auf einer Anhöhe Kanonen in Stellung gebracht wurden, sechs Kanonen mit großen Rohren. Damit konnte man eine gewaltige Fläche schnell mit Feuer belegen, das war uns schnell klar.

Die logische Folge wäre ein Angriff auf die Stellung und genau das, wussten wir, würde auch Kraemer erwarten.

Unsere Späher zeichneten ein genaues Bild der Kanonen in die Erde, eindeutig schwere Feldhaubitzen. Die würden zur Not den Dschungel umgraben, wenn die Munition reichte.

„Ok, die Artillerie die darf nicht eingesetzt werden, sonst gibt das hier ein grausames Schlachten, was tun wir?“, fragte Hannes.

„Es gibt nur drei Möglichkeiten:

  1. Wir unterbrechen die Munitionszufuhr, aber das, was die bereits vor Ort haben ist da.
  2. Wir sorgen dafür, dass die Kanonen nicht schießen können, aber die werden bewacht und gegen Sabotage geschützt sein und
  3. Wenn die nicht zielen können, ist es aus.“

Randy hatte die passende Idee. Aus den ganzen Mitbringsel gab er den Stammeskriegern eine kleine Digitalkamera und wies die Krieger ein. Anschließend wurden sie genauestens instruiert, was wir an Bildern brauchten .

Bis zum Abend hörten wir nichts von dem Kameratrupp, dann standen sie vor Randy und übergaben voller Stolz die Kamera.

Wir stärkten uns derweil im Camp. Die Stammeskrieger konnten Feuer machen, die man nicht sah, und kochen, ohne dass es auffiel. Es schmeckte teils schrecklich, aber es hielt uns bei Kräften.

Dann kam Randy mit der Kamera an.

„Das Ganze ist eine einzige Falle, schaut her, die haben 155mm Haubitzen aufgestellt und gut gesichert. Fallen und Stacheldraht überall, aber …“, damit klickte er weiter und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Aber keine einzige der Kanonen hat einen Richtsatz, kein Peilsystem oder sonst was, die fehlen alle, das sind Attrappen.“

„Mist, dann stehen die richtigen bösen Kanonen an einem anderen Platz!“, konstatierte einer der jüngeren Stammeskrieger.

„Genau und von dort aus besteht die Gefahr, glaubt ihr, dass ihr die finden könnt?“

„Mualebda wird uns helfen“, mit einem breiten Grinsen verschwand der junge Kämpfer.

„Ok, wir brauchen eine Übersicht, was gerade auf der Insel los ist“, brummte Hannes uns zu, aber er sah nur zwei, die auf dem Boden saßen und Händchen hielten.

„Was machen die beiden denn da?“, fragte Hannes und Dana lachte erstmals wieder.

„Telefonieren, nach Hause telefonieren“, Randy fing auch an zu grinsen, nur Hannes verstand das nicht.

„Sie versuchen, mit ihren Stammeskriegern zu reden“

Peter und ich saßen da und konzentrierten uns nur auf uns beide. Als wir uns auch ohne uns anzusehen erkennen konnten, trat der Nebel auf, den wir bereits kannten.

-Weiter konzentrieren-

-Ja, Schatz-

-Es ist anstrengend-

-Du schafft das Schatz-

All die Stammeskrieger auf der Insel kamen näher, sie kamen quasi ins Bild, wir konnten tatsächlich mit ihnen die Insel durchqueren. Die Krieger zeigten uns, was sie jeweils sahen und das war alles andere als einfach zu lösen.

Kraemer hatte die Insel, oder besser seinen riesigen Bereich, in dem er herrschte, in Quadranten aufgeteilt und in jedem der Bereiche stand eine eigene Bedrohung. Hier Nebelgranatwerfer, dort Raketenwerfer, überall Minen und Sperren. Der Bastard hatte sehr viel Zeit in den Ausbau gesteckt und hatte eine Verteidigungsanlage geschaffen, die ihresgleichen suchte.

Wir konzentrierten uns immer noch und suchten weiter, aber irgendetwas war plötzlich anders. Es war als schubst jemand an einen alten Fernseher mit Wackelkontakt, das Bild in unseren Gedanken bekam Unterbrechungen, ganz so, als klopft jemand gedanklich an.

Ich drückte Peters Hand fester und er erwiderte meinen Druck. Dann tauchte ein weiterer Schatten auf, der Schatten saß auf einem Teppich, der Teppich lag in einem schönen Raum, in meinem Raum auf Soulebda. Das Bild wurde klarer, der Schatten war eine Frau und sie wurde langsam zu Madame Ma’Difgtma.

„Ihr müsst noch viel noch lernen, ich rufe euch schon lange, wieso hört ihr mich nicht?“

Wir hatten eine Verbindung zu Ma’Difgtma und erleichtert berichteten wir ihr, was sich zugetragen hatte.

„Langsam, langsam nur einer, ihr habt ja alles verlernt, was euch beigebracht wurde“, sie lachte laut auf.

„Wartet einen Moment“, Ma’Difgtma warf etwas aus einer ihrer Beutel in das kleine Feuerchen vor sich. Es flammte auf und wir fühlten uns, als säßen wir neben ihr, direkt in dem schönen Zimmer. Es wurde tatsächlich warm in unserer Vorstellung und wir rochen die Gerüche auf Soulebda, all diese wunderbaren gebratenen Fische, das Obst…

„Halt, nicht abdriften, bleibt bei mir, bleibt schön bei mir und jetzt erzählt weiter, Peter, du zuerst.“

Dann berichtete Peter, danach erzählte ich und Ma’Difgtma hatte danach ein umfassendes Bild der Lage. Sie schaute uns an und warf wieder etwas ins Feuer, das Bild wurde wieder klarer.

„Ich werde hier berichten, vergesst nicht, wie ich euch gefunden habe! So könnt ihr mich auch rufen, ihr müsst es euch nur endlich zutrauen und es auch machen.“

Wir stimmten ihr beide zu.

„Geht jetzt, passt auf euch alle auf und bleibt mir am Leben. Das ist ein Befehl!“

„Hey, hey – was ist los mit euch?“ Hannes schüttelte uns beide, wir kamen wieder zu uns und zurück auf die Insel, zurück in das kalte, übelriechende von Brüllaffen verseuchte Dschungelleben.

„Sagt mal, nehmt ihr die gleiche Medizin oder was? Ihr habt beide angefangen, laut zu reden und dann wie bei einer Ansprache mit Jawohl geantwortet?“

Einige der Stammeskrieger hatten sich um uns gesetzt und murmelten etwas in ihrer Sprache. Wir, die ihrer Sprache mächtig waren, mussten kurz auflachen.

„Er meinte, wir sind gut, wenn es um das Zuhören geht, aber du musst das alles noch lernen, du kleines Kind.“

Außer Hannes lachten alle anderen kurz auf.

„Wir sollen euch grüßen von Ma’Difgtma auf Soulebda. Sie wissen jetzt Bescheid und werden sich bald wieder bei uns melden.“

**

Am nächsten Tag saß Randy am Rechner und hatte eine brillante Idee.

„Wir sollten eines der Lager übernehmen, dort wird es einen Netzwerkzugang geben. Bisher hatten die überall Netz mit Richtfunk, wenn die das beibehalten haben, müssten wir so in deren internes Netz kommen. Versteht ihr, wir wären dann drin?“

„Toll, sollen wir anklopfen und sagen, hallo, dürfen wir mal telefonieren?“

„Ja, genau so dachte ich mir das, oder fast genauso, naja, lasst mich machen.“

„Südlich von unseren Standort befand sich ein Treibstofflager mit Maritim-Flugbenzin, das Lager war sehr gut gesichert und kaum zu betreten, wenn man gesehen werden konnte. Aber dies ist ein Umstand, der bei den Stammeskriegern so nicht gilt. Nicht einmal eine halbe Stunde, nachdem zwei Stammeskrieger aufgebrochen waren, das Lager auszukundschaften, kam bereits die Informatio:n „Ihr könnt kommen, die sind alle am Schlafen.“

„Macht nichts kaputt, falls wir später nochmal hier rein müssen“, kam von Hannes, der das Team begleitete, die sorgenvolle Information.

Randy zeigte wieder einmal, dass auch ein MacGyver auf ihn stolz wäre.

Er schaltete sich auf den Netzwerkverteiler im Camp, einer kleinen schwarzen Kiste, die an der Stromversorgung des Camps hing und hatte Zugang zu einem der Knoten, die er von seinem ersten Besuch bereits geknackt hatte. Auf einem der Versorgungswagen fand er eine Rolle Glasfaser Kabel und verlegte das rabenschwarze und recht dünne Kabel vom Netzwerkverteiler aus dem Camp heraus immer weiter hinaus in den Dschungel. Zweimal machten sie einen Schlenker und an der Wendung verlegten sie mit den Stammeskriegern jeweils eine Falle.

Diese Menschen waren immer wieder voller Überraschungen. Dieses kleine, dünne Kabel zum Beispiel sicherten sie, indem sie Dornen darum wickelten und diese mit dem ausgepressten Gift einiger Schlangen benetzten. Die armen Leute, die dem Kabel nachliefen und sich dabei die Finger aufrissen, würden ihr blaues Wunder erleben.

Während die Leute in dem Spritlager wieder erwachten und sich mit genug Rum stärkten, tickerte Randy bereits am nächsten Netzknoten und bohrte sich nach und nach durch die erste Firewall. Dann schaute er ernüchtert drein, klappte alles zusammen und verschwand mit seinen Beschützern im Dschungel.

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„Was meinst du mit, ‚wir müssen da rein‘, du hast jetzt doch einen Rechner und kommst in deren Netz?“

„Ja, ich bin drinnen. Aber die haben das äußere Netz vom Inneren komplett getrennt, da liegen garantiert auch eigenständige Kabel. Wir müssen da rein, wir müssen vor Ort sein.“

„Was machen wir mit dem USB-Stick?“

„Der bleibt hier draußen, der geht auf jeden Fall nicht in das Lager. Wir überlassen diesen USB-Stick den Stammeskriegern. Ich denke, es gibt keine besseren Bewacher.“

„Abgemacht, wann gehen wir rein, wie gehen wir vor?“

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Im Luftraum über Manus

Der Hubschrauber brummte und wackelte nicht schlecht, sicherlich war die letzte Wartung überfällig. Aber hier auf den Admiralsinseln, und zu denen gehörte nun einmal auch die Insel Manus, lief die Zeit etwas anders ab.

Mike und Dave saßen zusammen mit Meresch und einer dunkelhaarigen Schönheit, die Meresch nur als Iduna vorgestellt hatte, in dem wackelnden Hubschrauber.

„Was habt ihr jetzt vor? Mich hat man direkt in Australien aktiviert, ich sollte zu einer Flottenübung, die urplötzlich abgesagt wurde“, begann Meresch das Gespräch.

„Wer ist die Frau, ich sage nichts in Gegenwart dieser Frau! Entschuldigen Sie, Lady, aber ich kenne Sie nicht“, konterte Mike.

„Sie können mich Iduna nennen, mein richtiger Name ist etwas komplexer und ich gehöre auch zum Außenministerium in Israel.“

„Also vom Mossad“, meinte Dave und Meresch nickte. „Ja, sie ist in meinem Team dabei und sie ist gut.“ „Wie ist nun der Name?“, fragte Dave nun deutlich freundlicher.

„Innamennajahivalsuduringabinaja, ich sagte ja, Iduna ist schöner und schneller.“

Vor ihnen flogen zwei weitere Hubschrauber, ein schwerer Transporthubschrauber und ein älterer Jet Ranger und alle flogen sie zum neuen amerikanischen Camp.

„Achtung, anfliegende Hubschrauber, Sie verstoßen gegen eine Flugverbotszone, drehen Sie ab!“

„Authentisiere dich mal bei denen, ich hoffe, da hockt keiner mit nervösem Finger an den Knöpfen.“

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In der Abwehrzentrale des Camp Bulldog schrillten die Sirenen. Die waren so laut, dass wir sie sehr gut hören konnten. Dank der Stammeskrieger gelangten wir schnell in die Baumkrone eines wahren Riesen. Von hier aus konnten wir das Camp gut sehen, die Festung war zur Abwehr erwacht, irgendetwas hatte sie geweckt.

Das nächste, was wir sahen, war, dass die Abdeckungen von den Abwehrtürmen herunterklappten, danach sogar die große in dem mächtigen zentralen Turm.

„Peter, schau dir die Türme an!“ Peter schaute durch sein Fernglas: „Flak-Kanonen, die haben eine fertige Flugabwehr.“

„Ja, das sind Flak-Geschütze, ich sehe die Gatling-Kanonen und, Moment, die große in der Mitte kommt jetzt auch hoch. Ach du grüne Neune, das ist eine 40mm Schnellfeuerkanone für AHEAD-Munition“, grummelte Peter.

„Advanced hit efficiency and destruction. Das ist die verbesserte Airburst-Munition, die zerlegen dich auf 35 Kilometer in Legosteine mitsamt deinem Flugzeug.“

Als nächstes sahen wir, wie sich der große Turm in der Mitte drehte.

„Vorsicht, die schießen!“, rief ich und da flammten auch schon aus der mittleren, großen Kanone fünf kurze Flammen auf, dann folgte der Schall mit lautem BAMM- BAMM- BAMM- BAMM- BAMM.

Wir sahen nur noch, dass am Himmel eine Wolke stand und dass etwas zu Boden fiel, was immer dort geflogen war, es existierte nicht mehr.

Unser begleitender Stammeskrieger schaute die große Kanone an und meinte dann abfällig: „Mächtiger Badda-Bouumm!“

**

Kraemer stand in der Zentrale und betrachtete die Kamerabilder. „Sind für heute Transportflüge avisiert?“

„Nein, Sir, keine Eintragungen für heute, Sir.“

„Haben die sich gültig authentisiert?“

„Sir, der Code ist noch gültig, aber von vorgestern. Was sollen wir tun, Sir?“

„Sofort abschießen, alle drei!“

Einige Kommandos wurden gebrüllt und dann flammten an den Kanonensteuerungen Lichter auf.

„Wir schießen, Sir.“

**

Plötzlich stand der Hubschrauber schräg in der Luft, alles pfiff und jede Menge übler Töne drangen aus der Kabine.

„Festhalten, wir gehen runter!“, schrie der Co-Pilot, als der Hubschrauber nach unten sauste.

Noch ehe sie erkennen konnten, was da gerade vor sich ging, spürten sie eine Druckwelle und irgendwelche Kleinteile klatschen an die Außenhaut des Hubschraubers.

Der schwere Transporthubschrauber war in der Luft getroffen und explodiert. Der folgende kleinere Jet Ranger hatte auch wenig Glück, ihn erwischte es beim Abdrehen. Lediglich der dritte, in dem Mike, Dave, Meresch und Iduna saßen, hatte mehr Glück.

**

SOULEBDA

„Penelope!“, rief Fransiska erfreut, als sie die Tür geöffnet hatte. „Komm doch rein.“

„Danke, Fransiska. Ich will dich nicht stören, du hast sicher viel zu tun, seit die Metaller hier eingetroffen sind.“

„Oh ja“, Fransiska zeigte auf den Hafen, in dem die Peace of Mind vor Anker lag. Das Kreuzfahrtschiff wurde von der einer internationalen Polizeitruppe gründlich auf den Kopf gestellt und alle Passagiere und die Mannschaft wurden befragt. „Eine Riesenstory. Und das scheint ja nur die Spitze des Eisberges zu sein. Kaum vorstellbar, was geschehen wäre, wenn unsere Freunde nicht diese Terroristen gestoppt hätten. Stell dir vor, die Formel wäre zusammengesetzt worden.“

„Ja, das wäre schlimm.“

Penelopes Stimme ließ Fransiska aufhorchen.

„Du kommst nicht einfach so zu Besuch vorbei. Es ist noch nicht vorbei, oder?“

„Nein. Erinnerst du dich an die Schatten, jenseits des Teiches?“

„Mike, Dave und die Amerikaner, die geholfen haben, mich aus Russland herauszuholen? Wie könnte ich die jemals vergessen?“

„Ja, genau diese Schatten meine ich. Mike und Dave brauchen deine Hilfe.“ Penelope übergab Fransiska ein paar Papiere und ging.

Als Fransiska sich die Papiere durchlas, wurde sie blass und wütend. Ihr erster Impuls war eine Liveschaltung an alle Nachrichtensender dieser Welt, doch ihre Professionalität gewann schnell die Oberhand. Das hier musste still und leise erledigt werden.

**

MANUS

„Sie stürzen ab!“ rief Caroline. Ein Helikopter der eine Rauchspur hinter sich herzog stürzte in Richtung Dschungel.

„Verdammt. Was jetzt?“

„Peter, egal wer es ist, wir müssen helfen!“

„Dann los, bevor die Soldaten aus dem Camp vor uns dort sind.“

Wir kletterten gerade vom Baum, als im Camp schon ein Trupp zusammengestellt wurde, um zur Absturzstelle zu gelangen.

Doch die Soldaten hatten keine Chance, vor uns zur Absturzstelle zu gelangen. Die Rauchsäule wies den Weg und zehn Stammeskrieger führten Caroline und mich schnell zur Absturzstelle.

Dort fanden wir das rotorlose Wrack einer MI 14. Der Torso des Hubschraubers rauchte, brannte aber nicht offen. Der hintere Rotor war abgerissen und die Fenster der Kanzel waren zerbrochen. Dennoch war der Rumpf noch intakt und nur die Trümmer der abgebrochenen Teile lagen rauchend herum.

„Eines muss man den Russen lassen, sie bauen stabile Sachen“, meinte ich und versuchte, die Tür des Helikopters zu öffnen.

„Zehn Minuten!“, rief Trusg´jerset. Was er damit meinte, war klar, in zehn Minuten mussten wir hier weg sein.

Mit aller Kraft riss ich am Hebel und es gelang mir, die Tür zu öffnen. Caroline half mir, die Tür aufzuschieben und zum Dank sahen wir in zwei Gewehrläufe.

Als uns die Insassen erkannten, senkten sie ihre Waffen.

„Was zum Teufel treibt ihr hier?“, frage Mike und auch Meresch schaute recht überrascht.

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehten sich beide um und halfen erst Dave, der sich benommen aus seinem Gurt zu befreien versuchte, dann hoben sie zusammen eine bewusstlose Frau aus ihrem Sitz und trugen sie zu uns.

„Hier!“

Mit Caroline trug ich die Frau vom Hubschrauber weg, während Mike und Meresch nach den Piloten sahen. Dave taumelte noch immer leicht benommen aus dem Wrack.

Einer der Piloten hatte überlebt und Meresch zerrte ihn aus dem Hubschrauber.

„Drei Minuten“, kam die Ansage.

„Was sagt er?“, fragte Mike.

„Das wir in drei Minuten hier weg sein müssen“, übersetzte ich.

„Was ist in drei Minuten?“

„Dann kommen die Jungs, die euch abgeschossen haben.“

„Ok, erst weg, dann reden.“

Meresch hatte sich die Frau über die Schulter gelegt, und Mike trug mit mir den Piloten. Caroline und Dave, der sich wieder gefangen hatte, sicherten nach hinten.

Kaum waren wir wieder im Dschungel verschwunden, verwischten die Krieger unsere Spuren. Gerade sahen sie noch, wie der Trupp Soldaten das Wrack erreichte, dann waren sie unauffindbar im Dickicht verschwunden.

**

Was soll das heißen, sie sind verschwunden?“, fragte Kraemer am Funkgerät. Sein Truppführer hatte ihm gemeldet, dass im Hubschrauber lediglich ein toter Pilot saß. Die Insassen, und nach den Blutspuren im Inneren zu schließen gab es welche, sowie der Copilot waren verschwunden und nicht aufzufinden.

„Es muss doch Spuren geben, sucht sie!“

„Verstanden.“

Die fünf Soldaten fingen an auszuschwärmen und fanden nicht die kleinste Spur. Schließlich gab der Truppführer nach drei Stunden resigniert auf und der Trupp kehrte zurück ins Lager.

**

„Also, was zur Hölle treibt ihr hier?“, wollte Mike wissen.

Wir waren ca. 500 Meter von der Absturzstelle entfernt. Dave half mir, den Piloten zu verbinden und Meresch kümmerte sich um die Frau.

„Wir genießen unsere Flitterwochen“, antwortete Caroline.

„Hört zu, man hat uns gerade abgeschossen, unser Pilot ist tot und wir hatten einen wirklich miesen Tag. Könnten wir also das Geeier weglassen?“

Caroline und ich sahen uns an. Schließlich wussten wir von Mikes Befehl, die Formel sicherzustellen.

„Wer ist die Frau?“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.

„Ihr Name ist Iduna. Lenkt nicht ab!“

„Sind wir Freunde? Verbündete?“, fragte ihn Caroline leise.

„Nach all den Sachen, die wir zusammen durchgestanden haben, fragst du mich das wirklich?“, Mike schien ernsthaft beleidigt zu sein.

„Hier geht es nicht um dich, um mich oder um uns. Hier geht es um die ganze Welt. Und diese Welt wird nicht untergehen, wenn ich es verhindern kann!“

„Ihr habt die Formel also?“

Caroline schwieg und Mikes Augen wanderten umher.

Colonel Mike Smith war klug, sehr klug, sonst hätte er es nicht geschafft, alle seine Einsätze zu überleben. Weder er noch Dave oder Meresch hatten ihre Waffe schussbereit und sie waren von 10 Stammeskriegen umzingelt. Ein Wink von Caroline würde genügen und keiner von ihnen würde diesen Platz lebend verlassen. Entsprechend vorsichtig trat er auf sie zu.

„Mein Befehl lautete, die Formel sicherzustellen. Meresch hat denselben aus Tel Aviv bekommen. Wir haben uns während eurer Hochzeit abgesprochen und wir alle drei halten diese Befehle für falsch und werden sie nicht befolgen.

Keiner von uns wird diese Formel weitergeben. Wir werden sie vernichten! Ich gebe dir mein Wort als FREUND!“

Caroline sah die drei der Reihe nach an, dann schloss sie für eine Sekunde die Augen.

-Was denkst du?- hörte ich sie in meinen Gedanken.

-Ich glaube, er sagt die Wahrheit.-

-Was glauben die Krieger Soulebdas?-

-Die Augen dieses Mannes sind aufrichtig. Ich erkenne auch in den Augen der anderen, dass er die Wahrheit sagt.- antwortete Trusg´jerset.

„He ihr Gedankenleser, ich mag es nicht, wenn man über mich spricht und ich es nicht höre.“

„Was ist mit der Frau? Denkt sie auch wie ihr?“

„Ich verbürge mich für sie. Dagan selbst hat sie geschickt. Du weißt, dass Dagans Befehle nicht immer die gleichen sein müssen, als die, welche der Geheimdienst ausgibt“, sagte Meresch.

„Dann lasst uns hier verschwinden. Wir haben nämlich noch einiges zu erledigen.“

**

WASHINGTON

„Herr General?“, meldete sich Captain Jill Gestring vom Empfang des Bethesda Hospital.

„Ja?“, Willers saß hinter seinem Schreibtisch, sah sich einige Befunde durch und drückte, ohne aufzusehen, auf den Knopf der Sprechanlage.

„Ihre Nichte Fransiska ist aus Soulebda zurück und fragt an, ob Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit für sie hätten.“

„Meine Nichte Fransiska?“

„Ja, Augenblick, sie sagt die Fransiska mit „s“.

Jetzt fiel bei Willers der Groschen. Er sah auf den Monitor der Anlage und sah Fransiska Haufberger neben Jill stehen.

„Ahh, meine Nichte, sicher schicken Sie sie hoch.

**

MANUS

Ich hatte Caroline nackt auf einen Bock gefesselt und ihr Hintern glühte knallrot. Ich hatte ihr gerade 10 Paddelhiebe versetzt und kniete neben ihrem Kopf.

„Und jetzt bedankst du dich dafür.“

„Nie im Leben!“, fauchte sie.

Mit Bedauern hob ich das Paddel und stellte mich neben ihr rotes Hinterteil.

„Letzte Gelegenheit, brav danke zu sagen.“

„Darauf wartest du lange, Peter. Peter! PETER!!!“

Ich schrak aus dem besten Traum der letzten Wochen.

„Was?“

„Wach auf, wir haben Probleme!“, weckte mich Caroline leise.

„Was ist?“

„Randy und Dana sind weg!“

Jetzt war ich wach! „Was heißt weg? Wo ist der Stick!?“

„Den hat Trusg´jerset. Er sagt, das die beiden sich ins Gebüsch geschlagen haben, um… Du weißt schon. Das hatten die beiden auch getan und dann sind sie verschwunden. Trusg´jerset hat ihre Spur verfolgt, sie sind in Richtung Camp verschwunden.“

„Was treiben die zwei Verrückten bloß?“

Als wir mit den fünf „Abgeschossenen“ ins Camp zurückkamen, hatte uns Randy von seinen Sorgen erzählt. Er teilte uns mit, dass zumindest theoretisch die Möglichkeit bestand, dass es einen gemeinsamen Backupserver in den Bunkern geben könnte, welche mit den Computern des Wohncamps verbunden waren.

War das der Fall, gab es die Formel noch, wenn auch verschlüsselt.

Lange hatten wir darüber beraten, wie wir es schaffen könnten, in das Camp zu kommen. Das hieß, reinkommen war nicht das Problem, zu den Servern zu gelangen aber schon.

Das Camp war eine Festung und ein Angriff unsererseits war reiner Selbstmord, blieb also nur ein heimliches Eindringen. Doch Randy wies darauf hin, dass wir nicht ewig Zeit dazu hatten. Auch wenn die Formel verschlüsselt war, irgendwann wäre sie entschlüsselt.

Und jetzt hatte allem Anschein nach Randy nicht vor länger zu warten.

„Dieser verrückte Nerd. Los, wir müssen ihm nach!“

„Wecken wir die anderen?“ fragte ich.

„Nein. Je mehr von uns durch den Dschungel schleichen, um eher werden wir entdeckt.“

So schnell wir konnten folgten wir und Trusg´jerset den beiden. Da wir uns außerhalb der Sensoren halten mussten, brauchten wir eine halbe Stunde, um zu der Stelle zu gelangen, an der die beiden sich ins Camp geschlichen hatten.

Doch wir kamen zu spät. Randy und Dana hatten sich durch eine Mulde unter dem Zaun durchgeschlichen.

„Wieso haben sie keinen Alarm ausgelöst?“

„Ich wette, Randy hat sich in das Sicherheitssystem eingehackt und den Alarm in diesem Abschnitt ausgeschaltet.“

„Diese Agentennummer steigt ihm langsam zu Kopf. Sollen wir die anderen rufen?“

„Nein, das dauert zu lange.“ Caroline wandte sich an Trusg´jerset. „Informiere du die Krieger im Camp, wir werden mit euch Kontakt halten.“

„Möge Mualebda euch begleiten. Hört auf seine Stimme und ruft uns, wenn ihr Hilfe braucht.“

**

WASHINGTON

„Ja?“, fragte der Stabschef des Weißen Hauses, als das Diensttelefon klingelte

„Hier ist General Willers vom Bethesda. Ich habe hier einige Untersuchungsergebnisse des Präsidenten, anlässlich seiner letzten Untersuchung. Wir mussten einige Tests wiederholen, bis wir eindeutige Ergebnisse hatten. Ich würde sie dem Präsidenten gerne mitteilen.“

„Ok, faxen Sie mir die Ergebnisse, ich lege sie ihm vor.“

„Mit Verlaub, es sind private und vertrauliche Mitteilungen zwischen Arzt und Patient. Und der Präsident hat mich in keinster Weise von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden.“

„Dann kommen Sie hier her.“

„In diesem Fall müsste ich einige Apparate hier abbauen und ins Weiße Haus bringen.“

„Willers! Sie machen mich fertig! Wie lange brauchen Sie?“

„Fünfzehn Minuten.“

„Gut, ich schiebe Sie am Mittwoch um 10 Uhr ein. Können Ihre Ergebnisse solange warten?“

Willers sah zu Fransiska, die mitgehört hatte. Die nickte resigniert.

„Das ist ok. Danke.“

**

MANUS

Natürlich kamen wir nicht allzu weit.

Randy hatte zwar die Wärme, sowie die optischen Sensoren an dieser Stelle des Camps ausgeschaltet, doch einer Streife war die Mulde unter dem Zaun aufgefallen und hatte Alarm gegeben.

Kraemer ließ aber nicht die Sirenen heulen, sondern legte sich auf die Lauer.

„Weißt du, was ich gerade geträumt hatte?“ fragte ich Caroline, während wir zum Camp schlichen.

„Ich weiß genau, was du geträumt hast. Du warst –auf Sendung- und deine Antenne war weit ausgefahren.“

„Wirklich?“, ich musste schmunzeln. „Ob die Krieger oder Madame Ma‘ Difgtma es auch mitbekommen haben?“

„Ich bin sicher Madame Ma‘ Difgtma wird dir es mitteilen und die Krieger hatten bestimmt ihren Spaß.“

Gerade als ich mir das vorstellte, wurden wir von vier Scheinwerfern angestrahlt und mindestens 10 Laserpunkte tanzten auf jeden von uns.

Schon eine Sekunde später fielen vier Soldaten über uns her, nahmen uns die Waffen ab und legten uns Handschellen an.

**

PIP PIP PIP

Fiepte es durch unser Lager. Iduna war sofort wach und griff ihr Satellitenhandy.

Auch Mike, Dave und Meresch wurden von dem Piepen geweckt und hörten wie Iduna aufgeregt auf Hebräisch fluchte.

„Sie haben sie erwischt!“

„Was? Wer hat wen erwischt?“, fragte Mike, dann bemerkte er erst, dass wir nicht mehr im Lager waren.

„Verdammt! Wer ist das, am anderen Ende der Leitung?“ wollte er von Iduna wissen.

„Wir haben seit Beginn der Operation, ein Beobachtungsteam am Camp. Von ihm wussten wir immer, wer und wie viele Männer sich im Lager aufhalten. Eure Freunde haben versucht, sich ins Lager zu schleichen und wurden erwischt. Sie bringen sie gerade ins Innere der Bunker.“

„So eine verfluchte Scheiße!“ Der Anführer in Mike überschlug sofort seine militärischen Optionen. Er hatte neben Hannes, Dave und Meresch, acht israelische Soldaten, sechszehn Stammeskrieger, Iduna und den verletzten Piloten.

Das war nicht genug!

„Wie stark ist das Beobachtungsteam?“

„Vier Mann.“

„Damit kommen wir nicht weit!“

„Ich weiß, was du dir gerade überlegst“, sagte Dave zu ihm, „aber dafür sind wir nicht stark genug.“

„Ich bin kein Idiot. Der einzige Grund, warum die in das Camp geschlichen sind, ist diese beschissene Formel. Ich wette, Randy und Dana haben versucht, sich ins Camp zu schleichen und dass Caroline und Peter ihnen gefolgt sind.“

„Ja, das ist am wahrscheinlichsten.“

„Ich werde nicht zusehen, wie diese Mistkerle unsere Freunde da drinnen auseinander nehmen. Außerdem hab ich mit denen da drinnen noch eine Rechnung offen. Niemand schießt mich ungestraft vom Himmel.“

Meresch war hinzugekommen und auch Iduna gesellte sich dazu.

„Ich gebe Dave nur ungerne Recht, aber wir sind nicht stark genug, um das Lager anzugreifen. Du hast die Festung gesehen. Um da rein zu kommen bräuchten wir eine Armee.“

Mikes Blick wanderte umher, bis er Trusg´jerset erblickte, der mittlerweile zurückgekommen war.

„Ich weiß, wo wir eine Armee herbekommen!“

**

„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr es mir so leicht macht“, meinte Kraemer.

Nach den Handschellen hatte man uns Säcke über die Köpfe gezogen und in die Bunkeranlage gebracht. In einem größeren Raum hatte man uns die Säcke dann wieder vom Kopf gezogen, allerdings ohne die Fesseln zu lösen.

In selben Raum saßen auch Randy und Dana.

„Tja, ich dachte auch nicht, dass ihr so schlau seid“, entgegnete ich so sarkastisch, wie ich konnte.

Die Antwort kam prompt und brutal. Ein Faustschlag in den Bauch ließ mich zusammenklappen.

„Noch irgendwelche klugen Sprüche?“

„Also die Russen konnten das besser“, keuchte ich.

Dafür gab es einen weiteren Schlag.

PETER! LASS DAS! Wir können nicht abhauen oder kämpfen, wenn du dich jetzt fertig machen lässt!- Hämmerte Carolines Stimme auf mich ein.

„Ich bin ganz Ohr, weitere Kommentare?“

Ich schwieg und schaute zu Dana und Randy. Sie hatten sich, zumindest sah es so aus, bissige Kommentare verkniffen. Dennoch sah Randy aus wie ein Häufchen Elend und blickte schuldbewusst nach unten.

„Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen. Erst kommt der Nerd mit seiner Freundin, um mir die Formel zu entschlüsseln und dann die beiden, die meine Freunde von der Peace of Mind verjagt haben.“

„Deine Freunde?“, hakte Caroline nach.

„Ja, was glaubt ihr, wer dafür gesorgt hat, dass ich den Job hier bekomme?“

Jetzt fügte sich das ganze Bild zusammen. Die HEMA hatte alle Dienste hintergangen. Um auf Nummer Sicher zu gehen und alle Verräter in den eigenen Reihen kaltzustellen, hatte man eine private Truppe angeheuert und war so in eine hervorragend gestellte Falle der HEMA getappt!

„Ich sehe es in euren Augen. Ja, das war eine geniale Idee von Shaah. Die private Truppe, von der jeder glaubte, sie sei sicherer als die eigenen Leute.

Laster, bring die beiden in getrennte Verhörzimmer und quetsch sie aus. Ich will alles wissen, also nimm ruhig das volle Programm.“

„Was ist mit den beiden?“, Laster zeigte auf Dana und Randy.

„Um die kümmere ich mich gleich persönlich.“

Laster und vier seiner Männer rissen Caroline und mich von den Stühlen und zerrten uns aus dem Raum.

-Warte bis sich eine gute Gelegenheit ergibt.- ermahnte mich Caroline, während wir durch einen langen Flur geschleift wurden. -Spiel den Schwachen und wiege sie in Sicherheit.-

**

Kraemer stellte einen Stuhl vor Dana und Randy, die nebeneinander mit Handschellen gefesselt auf ihren Stühlen saßen. Ganz ruhig setzte er sich hin und schaute von einem zum anderen.

„So, ihr zwei verliebten Turteltauben. Ich werde das jetzt nur ein einziges Mal freundlich sagen. Du“, er sah Randy an, „wirst mir diese Formel jetzt entschlüsseln. Ich habe die Möglichkeit, es selbst zu tun. Doch mit deiner Hilfe geht es schneller.

Stopp!“ Kraemer hob die Hände, als Randy etwas sagen wollte. „Erst zu Ende hören!

Falls du dich weigerst oder versuchst mich zu hintergehen, werde ich deine süße Freundin hier Stück für Stück auseinander nehmen.“ Er nickte kurz und zwei Männer sprangen auf Dana zu und rissen ihr die Kleider vom Leib.

Als Randy aufspringen wollte, stieß ihn Kraemer zurück.

„Bis jetzt ist ihr nichts passiert, es liegt an dir, ob das so bleibt!“

**

Den Schwachen musste ich nicht lange spielen.

Kaum waren wir getrennt, begann es Ernst zu werden. Durch meinen „Gastaufenthalt“ in Russland war ich einigermaßen trainiert, was die Prügel anging.

Immerhin schien man zu glauben, ich könnte tatsächlich etwas über die Formel zu wissen, denn allzu brutal war die körperliche Gewalt nicht. Anfangs konnte ich noch Kontakt mit Caroline halten, dann begann das, was Laster Phase Zwei nannte.

Sie setzten mich unter Drogen und damit verlor ich jeden Kontakt mit Caroline. Ähnlich wie in Sibirien durchdrangen meine Gedanken den Nebel nicht mehr. Nur mit Glück konnte ich damals mit ihr für einen Augenblick in Kontakt treten, doch dieses Mal standen wir beide unter Drogen.

Nach der fünften Fragerunde kroch ich sabbernd über den Boden.

**

Caroline erging es nicht anders. Man hatte ihr die Fesseln nicht abgenommen. Kraemer schien ihre Akte zu kennen und wusste wohl, dass Caroline eine Kampfmaschine ist, der man keine Gelegenheit geben durfte, ihre Fähigkeiten einzusetzen.

Ihre Wachen banden sie also an ein stählernes X und schnitten ihr die Kleider mit ihren Messern vom Leib. Laster pendelte zwischen Caroline und mir hin und her, überprüfte die Menge, die wir an Drogen bekamen und ordnete die Portion Gewalt an, die er für nötig hielt.

Selbst Caroline war nach sieben Fragerunden nicht mehr in der Lage, den Nebel in ihrem Kopf zu besiegen und versank langsam in einem Dämmerzustand.

**

Der Tritt traf mich in die Seite und warf mich um.

Egal! Wo ist dieses blöde Taschentuch? Ich sabberte hier den ganzen Boden voll. Das geht überhaupt nicht!

Meine Kleider lagen verstreut in der Zelle und ich kroch nackt in ihr herum. Doch der teuflische Drogencocktail den mir Laster verpasst hatte, ließ mich nur an eines denken…

Ich musste ein Taschentuch bekommen! Ich wollte den Boden nicht vollsabbern!

Laster und drei Soldaten waren in der Zelle und sahen mir zu, wie ich herumkroch. Ein weiterer Tritt knackte ein paar meiner Rippen an und ich fiel wieder zur Seite.

Ah ja, hatte ich nicht in meiner Hose ein Taschentuch? Klar hatten die Mistkerle gefilzt, mir alle Waffen abgenommen, aber das Taschentuch war noch da!

Mit einem klaren Ziel kroch ich auf meine Hose zu, die auf der anderen Seite der Zelle lag und bekam auf dem Weg dorthin noch einen Tritt mit auf den Weg.

**

„Ich sehe nur Nebel“, sagte Trusg´jerset zu Mike.

„Und was bedeutet das?“

„Solange ich einen Nebel sehe, leben sie, mehr kann ich nicht sagen.“

Wieder fluchte Mike. Gestern hatte er mit Hilfe von Trusg´jerset Kontakt mit Soulebda aufgenommen. Madame Ma’Difgtma wurde umgehend in den Palast gebracht und Heylah hatte Soleab, Jerome, Veronique und Decker dazu gerufen.

Als das Bild der Lage klar war, beriet man sich.

**

SOULEBDA

NEIN!“, sagte Decker bestimmt zu Sarah. Er war gerade dabei, seine Sachen in den Wagen zu laden, der ihn zum Flugplatz bringen würde.

„Wolfgang, Vera und ich werden mitkommen!“

„Hör zu! Das hier ist eine ganz andere Nummer, als das was wir bis jetzt erlebt haben. Es geht um einen militärischen Angriff, da habt ihr beide nichts zu suchen.“

Als Sarah mitbekommen hatte, dass Wolfgang und Ben ohne sie und Vera losziehen wollten, war sie sofort zu Decker marschiert und stellte ihn zur Rede.

„Bist du schon einmal mit einem Fallschirm gesprungen? NEIN! Also bleibt ihr hier.“

„So schwer wird das schon nicht sein. Man springt aus einem Flugzeug und zieht an einer Leine, den Rest erledigt die Schwerkraft!“

Decker blieb stehen.

„Sarah, ich hab Angst um euch. Ich werde alle Hände voll zu tun haben und kann mir nicht noch um euch Sorgen machen.“

„Jetzt hörst du mir mal zu! Vor gerade einmal zwei Wochen haben wir uns alle etwas geschworen. EIN TEAM! Wir gehören dazu!“

„Du bist verdammt…AAAHHH SCHEISSE! FABIENNE!“

Fabienne, die genau wusste, was sich hier gerade abspielte, war in Hörweite geblieben. Grinsend stand sie Sekunden später vor Decker.

„Du kümmerst dich um die beiden und lässt sie nicht aus den Augen.“

„Alles klar!“

„Verfluchte Weiber!“, fluchte Decker als er seine Sachen ins Auto lud.

**

„Deine Aufgabe in diesem Land ist es nicht, Kriegerin zu spielen. Du wirst hier bleiben und deine Pflichten erfüllen“, sagte Heylah ai Youhaahb zu ihrer Tochter Penelope.

„Mutter, ich spiele die Kriegerin nicht, ich bin eine Kriegerin. Ich habe im Bürgerkrieg genauso gekämpft wie alle anderen auch. Jerome, sag es ihr!“, wandte sie sich an ihn.

Der war gerade dabei, Heylah über die neusten Entwicklungen in den USA zu unterrichten, als Penelope in ihr Amtszimmer stürmte.

Soleab hatte seiner Frau eine klare Absage erteilt, doch damit wollte sich Penelope nicht abfinden.

„Penelope…”, begann Heylah und hielt inne, als Jerome seine Hand auf ihren Arm legte.

„Ja, du hast sehr tapfer gekämpft und ich war immer froh und stolz, wenn du an meiner Seite warst“, sagte Jerome. „Du bist ohne Frage eine sehr tapfere Kriegerin. Und genau diese brauchen wir hier.

Penelope, genau wie im Bürgerkrieg wird es auch diesmal Opfer geben. Nicht alle unserer Soldaten werden gesund und lebend zurückkommen. Heylah wird all deine Kraft und Hilfe brauchen, wenn die Truppe zurück ist.“

Er ließ die Worte wirken und sah, dass Penelope sie verstanden hatte.

**

„Du passt auf dich auf! Verstanden?“, mahnte Jessika ihren Ben.

„Klar, keine Sorge, so eine Bunkeranlage knacke ich mit links.“

„Mach es lieber mit rechts und bring mir meine Familie zurück. Und zwar alle!“

**

MANUS

„Condor drei an Condor eins. Die Musik ist an.“

Bernd hatte den Radarstörer seiner Maschine eingeschaltet und ein großes Loch auf allen Radarschirmen der Umgebung erzeugt.

„Condor Eins, an Condor Staffel. Höhe weiter 300 Fuß“, Es klang Veroniques Stimme, die auf dem Copilotensitz des führenden Herkulesflugzeuges saß.

Bernd schaute nach links und sah die drei Herkulesflugzeuge seitlich versetzt hintereinander fliegen. Er hielt sich in der Mitte über der Formation und verhinderte mit dem Störsender, dass die Flugzeuge entdeckt wurden.

„Condor Staffel. Entfernung zum Ziel 5000 Meter. Beginne Steigflug auf 600 Fuß. Bereitmachen zum Absprung!“, kam Veroniques Anweisung.

Wie im Lehrbuch stiegen die Maschinen an einem unsichtbaren Faden aufgereiht auf die angegebene Höhe und die Heckklappen öffneten sich.

„Alles klar?“, fragte Fabienne in der zweiten Maschine laut, als Sarah aufstand und die Leine ihres Fallschirmes einhakte.

„Ich bin Ok.“

„Vera?“

Die hob den Daumen und Fabienne überzeugte sich, dass die Leinen auch wirklich sicher eingehakt waren.

„Denkt dran, beim Landen abfedern, nicht steif machen!“

Die beiden nickten und reihten sich in die Linie der Soldaten ein.

Decker und Ben, die ganz vorn an der Rampe der zweiten Maschine standen, schlugen sich gegenseitig auf die Schulter und warteten.

In der ersten Maschine sprang das Licht von Rot auf grün und die die Soldaten des ersten Bataillons der Palastgarde sprangen aus der Maschine. Drei Sekunden später sprangen auch Decker, Ben und die Soldaten der zweiten Maschine.

Den Schluss machte Jerome im dritten Flugzeug. Er hatte seinen Standpunkt gegenüber Heylah schnell klar gemacht. Auch als Berater blieb er immer noch Befehlshaber der Garde und entweder er führte seine Truppe an oder Heylah musste ihn entlassen.

Bernd bot sich ein grandioses Schauspiel, als er das Gardebataillon aus ihren Flugzeugen springen sah.

Einmal mehr fühlte er seine Verbundenheit mit diesem Volk, das ihm eine neue Heimat gegeben hatte.

Als alle Soldaten ihre Maschinen verlassen hatten, schlossen sich die Heckklappen und die Maschinen drehten wieder zurück auf das offene Meer.

„Condor eins an Condor Staffel, Kurs 040, Höhe 1000 Fuß“, erklang die Stimme des Piloten des ersten Flugzeuges.

„Condor drei an Condor eins, wo ist meine Frau?“

„Sorry, Condor drei, ich dachte, Sie wüssten Bescheid. Sie sprang als erste.“

„Ich bring sie um!“, fluchte Bernd. „Erst hol ich sie raus, dann bring ich sie um!“ Am liebsten hätte er sofort kehrtgemacht, doch erst musste er die Flugzeuge zurückbringen, ohne dass sie entdeckt wurden.

**

WASHINGTON

Der Hubschrauber des Präsidenten schwebte um Punkt 9.55 Uhr auf dem Dach des Bethesda Hospital ein und dieser wurde umgehend in das Büro von General Willers gebracht.

„Guten Morgen General.“ Begrüßte er Willers. „Was für ein wichtiges Ergebnis müssen sie mir denn mitteilen? Ich hoffe nicht, dass ich auf Leckeres verzichten muss“, scherzte der Präsident.

„Nein, Herr Präsident, Sie müssen auf nichts verzichten, ich muss Sie um meine Entlassung bitten!“, antwortete dieser, nachdem er dem Präsidenten die Hand gegeben hatte.

„WAS?“

„Ich habe Sie hintergangen und Sie unter einem falschen Vorwand hier herbringen lassen.“

Der Agent, der mit im Zimmer war, nahm sofort eine gespannte Haltung an, griff unter seine Jacke und sah sich im Zimmer um.

„Willers, was ist hier los?“

Ohne ein weiteres Wort übergab ihm Willers seine Befehle, die Creed und Rusch eigenmächtig abgeändert hatten, und die von Mike über Penelope und Fransiska nun zu ihm gelangt waren.

Zehn Minuten später stürmte ein vor Zorn bebender Präsident aus Willers Büro.

„Schaffen Sie Creed ins Weiße Haus!“, wies er den dienstältesten Agenten an, der ihn begleitete. „Das FBI soll sofort Rusch festnehmen! Ich will in zehn Minuten eine Direktleitung zur Theobald! Wer ist unser Verbindungsoffizier auf Soulebda?“

„Colonel Norman Kresser, Sir.“

„Den holen Sie auch ans Telefon!“

**

MANUS

Vier Tritte hatten meine Rippen ganz schön mitgenommen, doch immerhin hatte ich meine Hose erreicht und konnte endlich mein Taschentuch herausnehmen.

Einige hämische Bemerkungen fielen über die Sabberspur, die ich hinterlassen hatte, aber die konnte ich ja nun endlich aufwischen. Meine rechte Hand fuhr in meine Tasche um das Tuch zu greifen, als mich ein Blitz durchzuckte.

„Was hat der?“, fragte einer der Söldner.

„Keine Ahnung, vielleicht braucht er noch ein paar Tritte in den Arsch“, antwortete Laster.

Der Blitz durchzuckte meinen ganzen Körper und ein elektrischer Schlag ließ alle Sinne erwachen. Der Nebel in meinen Kopf war wie weggeblasen, meine Sinne erwacht und mein Körper gehörte wieder mir.

Ich hielt nicht das Taschentuch in der Hand, ich hielt die Kralle der Zanovakay.

„Trag sie, denn es wird der Tag kommen, an dem sie dein Leben und das Leben deiner Liebsten rettet“, erklang die Stimme von Madame Ma’Difgtma ganz nahe in mir.

Die Kralle hatte mich ins Hier und Jetzt katapultiert. Und HIER und JETZT war ich kein sabberndes Etwas! Ich war ein Krieger! Ein Krieger Mualebdas!

Aus den Augenwinkeln sah ich den Mistkerl Anlauf nehmen, um mir einen weiteren Tritt zu verpassen. Bevor der es überhaupt realisieren konnte, war ich aufgesprungen und ließ die Kralle mit einem Aufschrei aufwärts über seinen Bauch nach oben wandern.

Mühelos durchdrang die Kralle Uniform, Haut, Muskeln und schlitzte ihn von Unterbauch bis zur Brust auf.

Der Zweite hatte noch gar nicht verstanden, wie ihm geschah, als ihm die Kralle die Kehle heraus riss.

Der Dritte schaffte es immerhin ein überraschtes Gesicht zu machen, bevor ich ihm die Kralle in den Schädel trieb.

Laster, der einen Meter abseits gestanden hatte, wollte zu seiner Waffe greifen. Da hatte ich ihn auch schon gepackt und hielt ihm die Kralle an die Kehle.

„Wo ist meine Frau?!“

Laster blickte sich panisch um. Ein nackter, blutbespritzter Mann hatte gerade innerhalb einer Sekunde drei seiner Leute brutal zerhackt und die Augen seines Gegners machten klar, dass sein Leben am seinen Faden hing.

„Im Raum links nebenan“, presste er hervor.

„Wie viele Männer sind bei ihr?“

„Drei.“

„Wie ist der Zugangscode für die Türen?“

„2810.“

Er log! Ich konnte es in seinem Gesicht ablesen. Ich hatte viele Menschen hingerichtet und wusste, wann jemand im Angesicht des Todes die Wahrheit sagte und wer bis zum Ende log.

Ich ließ die Kralle einige Millimeter in seinen Hals eindringen und presste ihn gegen die Wand. Blut lief aus der Wunde und ich treib die Kralle sehr schmerzhaft nach oben. „Das ist ein Alarmcode. Letzte Chance!“

„6563!“

Das war die Wahrheit. „Gut, das macht es schneller für dich.“ Mit einem Ruck brach ich ihm das Genick und ließ ihn fallen. Heute gab es keine Gefangenen!

Ohne mir das Blut abzuwaschen, zog ich mir meine Hose, Schuhe und Hemd an, dann sammelte ich die Waffen der vier Söldner ein und alle Magazine, die sie bei sich trugen.

Zwei Pistolen lud ich durch und öffnete vorsichtig die Tür. Anscheinend hatte niemand mitbekommen, was in meiner Zelle geschehen war, denn der Flur war leer.

Es gab auch keine Anzeichen von Alarm, als ich mich vor die Tür von Carolines Zelle stellte und den Zugangscode eingab.

**

Siebenunddreißig Stunden hatte Randy bisher unter den wachsamen Augen von Kraemer und seinen Leuten nun am Computer gesessen und gearbeitet.

Dana war noch immer nackt auf eine Liege gefesselt und schaute ihm stumm zu. Kraemers Männer hatten Dana zwar begrabscht, doch sonst keine Gewalt gegen sie angewandt. Jetzt war Randy beinahe fertig mit seiner Arbeit.

Ein Blick zu Dana reichte ihnen, um sich abzusprechen.

„Ich bin fertig“, sagte er zu einem der Männer und der schickte einen anderen Mann los, um Kraemer zu holen.

Der kam und schaute sich den Bildschirm an.

„Ok, Genie, dann zeig mir deine Arbeit, aber ich warne dich, keine Dummheiten!“

„Keine Dummheiten.“ Randy drückte auf die Entertaste und auf dem Bildschirm wurde eine Formel sichtbar, die immer komplexer wurde.

Randy drehte sich zu Dana um. „Tut mir leid, Süße. Ich liebe dich.“

Dana liefen die Tränen über das Gesicht und sie sah ihn stolz an. „Ich liebe dich auch, Schatz.“

Die Formel wurde immer größer und begann den ganzen Bildschirm zu füllen. Schließlich löste sich die einzelnen Buchstaben, Zahlen und Symbole in einzelne Pixel auf, die einen Totenkopf bildeten, der zu Kraemer sprach.

„Fick dich, du Arsch!“, sagte die freundliche Stimme des Totenkopfes, dann wurden alle Bildschirme schwarz.

Kraemer starrte den Bildschirm an, sprang auf und riss das Netzwerkkabel heraus, doch es war zu spät. Der Virus, den Randy entwickelt und losgelassen hatte, war gnadenlos. Seit über drei Stunden wütete er schon im Netzwerk, wies Rechner an, die Festplatten zu formatieren, baute Überspannungen auf und wartete nur auf den Startbefehl, alle Systeme lahm zu legen.

Als Randy die Entertaste drückte, gab es kein Zurück mehr. Alle Computer der Anlage spielten verrückt und zerstörten sich selber.

Mit einem Schrei schlug er Randy nieder, packte ihn und zerrte ihn zu Dana.

„Das wird jetzt verdammt hässlich werden und du bist daran schuld, denk daran, wenn deine Schlampe hier schreit.“

Gerade wollte er Dana einen Schlag versetzten, als der erste Alarm losging.

„Eindringlinge in der Anlage! Eindringlinge in der Anlage!“

„Was?“

„Achtung, Angreifer von außen! Achtung, Angreifer von außen!“

„Verdammt! Um euch kümmere ich mich später.“

**

6563

Ich gab die Kombination auf dem Tastenfeld neben der Tür ein und rechnete mit dem Aufheulen eines Alarmes, doch nichts geschah. Die Tür öffnete sich und mit beiden Waffen im Anschlag betrat ich Carolines Zelle.

Laster hatte nicht gelogen, es waren drei Männer bei ihr. Caroline selbst, war nackt an das X gefesselt und dämmerte vor sich hin. Eine Schmeißfliege fummelte an ihren Brüsten und ließ sich auch nicht meinem Eintreten stören.

Einer der Söldner drehte den Kopf in meine Richtung und sein Gehirn spritzte gegen die Wand.

Als der zweite zu Boden ging, schaute der Mistkerl, der meine Frau betatschte, dann doch auf und ich jagte ihm drei Kugeln in den Unterleib.

Blutend und schreiend ging er vor Caroline auf die Knie und ich trat ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Bewusstlos brach er zusammen und blutete vor sich hin.

Ich holte die Kralle hervor und drückte sie Caroline in die Hand. Sofort bäumte sich ihr Körper auf und Caroline riss die Augen auf.

„Willkommen im Hier und Jetzt!“

**

Trusg´jerset blieb abrupt stehen und sah Mike und Decker an.

„Die Krieger Mualebdas sind erwacht und kämpfen! Sie rufen uns zu Hilfe!“

**

Decker traute seinen Augen nicht.

Die Soldaten des ersten Bataillons der Palastgarde waren soeben abgesprungen und schwebten ihrem Einsatz entgegen. Die Palastgarde das waren keine Soldaten, die ihre Uniformen zur Show trugen, das waren alles ausgebildete Profis. Schon kreisten die beiden Mädchen an den Fallschirmen an ihm vorbei, als ginge es zum Kaffeekränzchen.

„Wenn ihr auch nur ein einziges Mal aufschreit, mach ich euch fertig“, brummte er in sich hinein. Er wusste genau, dass er von Sarah und Vera nicht gehört werden konnte, aber er hatte ja auch nur Angst, dass die beiden Mädchen irgendwohin abdriften und alle alarmieren würden.

Die Soldaten des ersten Bataillons verschwanden im Dschungel und nichts geschah, kein Alarm und nichts. Die Brüllaffen plärrten alles zusammen, was sich nicht die Ohren zu halten konnten. Die soeben gelandeten Spezialkräfte sammelten sich.

Jerome hatte aus der ehemaligen Palastgarde eine Truppe Spezialisten geformt und das lange Training zeigte hier endlich seine Wirkung. Die Schattenkrieger hatten dank Soleabs Mithilfe, einiges an die neue Garde gegeben und die Garde vieles gelehrt.

Dennoch hatten sie zehn der besten Schattenkrieger mit in die Garde aufgenommen und somit besaßen sie etwas, das keine andere Spezialeinheit aufweisen konnte: eine abhörsichere Verbindung zu allen anderen.

-Trusg’jerset, wir sind gelandet, sag den anderen Bescheid.-

-Sie wissen es und warten, wir können jederzeit losschlagen. Das Camp ist umzingelt, die Zäune offen, wir können los.-

-Mualebdas Krieger, Caroline und Peter, warten bereits auf uns.-

-Wir kommen.-

**

An den TV Monitoren rieben sich die Leute die Augen, andauernd schien etwas vorbei zu huschen, aber sie konnten nicht den Hauch eines Wesens erkennen. Dann wurde es nach zehn Minuten wieder ruhiger, das mussten kleine Tiere oder so etwas gewesen sein, denn die Kameras waren hochauflösende Überwachungskameras. Der Dienstbetrieb ging weiter.

**

Endlich hatte ich wieder klare Gedanken. Ich war wie frisch geduscht. Als hätte ich zwei Tage ausgeschlafen und alle meine Kräfte gesammelt. Vor mir stand mein Liebster Peter in seinen teils blutigen Kleidern.

Er schaute mich an und küsste mich lange, tief und innig. Die Kralle der Zanovakay fuhr es mir durch den Kopf. Peter hatte uns beide damit in das Hier und Jetzt zurückgebracht. Ich musste später Madame Ma’Difgtma unbedingt danken.

Rasch war ich in meiner Kampfmontur und dank Peter bestens bewaffnet. Die Wächter mit ihrem 9 mm brauchte die Waffen nie mehr. Jetzt hieß es aufräumen und so schnell wie möglich zu Randy, ehe er die Formel zusammensetzen konnte.

„Hier Schatz, das hatten die beiden Guards an der Tür übrig“, Peter drückte mir eines der beiden gefährlich aussehenden Kampfmesser in die Hand.

„Wohin zuerst?“

„Nächste links, da muss ein Kontrollraum sein.“

Wir huschten aus dem Raum und zogen die Tür wieder zu. Die Tür schloss sich mit einem leichten Summen. Rasch waren wir um die Ecke, der junge Wachsoldat lief Peter in die Hände und versank völlig überrascht im endlosen Schlaf.

Durch die kleine Scheibe konnten wir sehen, dass zwei Mann im Raum waren. Einer brütete über einem Rätsel und der zweite wachte an den Kontrollen.

-Zwei Männer, einer rechts, der wacht, der andere links löst ein Rätsel- gab ich an Peter durch und er nickte bloß und zückte sein Messer.

„Südseeinsel mit Sou.. am Anfang und einem ..a am Ende“, fragte der Ratefuchs den Wachmann an den Kontrollen.

„Scheibenkleister!“, schrie dieser und sank mit einem Messer in der Brust auf den Schreibtisch.

„Soulebda“, sagte ich und der Ratefuchs erschrak, suchte seine Waffe und den Alarmknopf. Er schaute in die aufgerissenen Augen seines Kollegen, dann wurde es um ihn dunkel, ehe er auch nur einen Knopf drücken konnte.

„Tja, zu viel Wissen ist gefährlich“, murmelte Peter und zog sein Messer aus dem zweiten Wächter heraus.

„Da, Block B, Zelle 31, da sind sie“, ich zeigte auf den Bildschirm.

Randy saß am Rechner und hämmerte auf die Tastatur ein. Dann kam Kraemer dazu und stand vor Dana, die nackt und gefesselt war. Wir sahen, wie sich am Bildschirm etwas aufbaute.

„Schnell, es eilt!“

Ein kurzer Blick auf den Lageplan, wo waren wir?

„Da, war der Kommandoraum, von da kamen wir und da vorne den Weg entlang über die Treppe, dann links die zweite Zelle.“ Gerade als wir aufbrechen wollten, stockten wir beide, sahen uns an und schlossen halb die Augen.

Trusg’jerset hatte uns gerufen, eindeutig sahen wir den Nebel aufsteigen und Trusg’jerset stand vor uns.

-Die Freunde aus der Heimat sind da, die Sondereinheit aus dem Palast kommt eben aus dem Himmel. Die Amerikaner und die zwei Sternträger sind auch dabei. Wir werden jetzt gleich losschlagen, zählt bis 20.-

Da verschwand er aus dem Nebel und wir rissen die Augen auf.

„Das ist zu früh, die lösen den Alarm aus.“ Schon rannten wir über den Flur und mit einem Sprung gelangten wir über die Gitter, dann rannten wir durch den anderen Flur und genau in die beiden Wachen hinein, die vor Randys Zelle standen.

Der erste fiel sofort mit gebrochenem Genick zu Boden, der zweite wollte gerade den Alarmknopf drücken, als Peter ihn stoppte. Wir hatten gewonnen und keinen Alarm ausgelöst.

In dem Moment schlugen die Sirenen an. Überall flammten Lichter auf, einige Türen wurden aufgerissen und Menschen rannten irgendwohin.

„Eindringlinge in der Anlage! Eindringlinge in der Anlage!“

„Achtung Angreifer von außen! Achtung Angreifer von außen!“, plärrte der Lautsprecher.

Wir konnten uns gerade noch seitlich an die Wand stellen, da ging vor uns die Tür auf und Kraemer kam mit der nackten Dana heraus, sie hatte die Hände hinter dem Rücken gefesselt.

Als er uns sah, schlug auch schon die erste Kugel direkt neben uns ein. Kraemer schubste Dana auf Peter zu, sie stürzte nackt in seine Arme und Peter fing sie auf.

Wieder zwang mich eine Kugel in Deckung und Dana schaute uns erschrocken an. Peter grinste frech Dana an und sie rief nur: „Randy, was ist mit Randy?“

„Erst mal rein da und was anziehen, im Adamskostüm kämpfen wir seit 2000 Jahren nicht mehr, Dana!“

Randy kam langsam zu sich und murmelte: „Dana, hallo Peter, mein Liebling…?“ und er rieb sich seinen blutigen Hinterkopf.

„Hier Liebes, darin siehst du wieder besser aus.“ Ich half Dana schnell beim Ankleiden und wir verteilten die Waffen.

„Wir müssen raus und nach oben, unsere Verstärkung greift von außen an! Das ist eine verdammte Festung, die rennen alle in den sicheren Tod, wir müssen ihnen helfen.“

„Ahh, der Lageplan, da an der Tür“, murmelte Randy und wir zogen ihn an den Plan, dann wurde Randy wieder zu jenem Nerd, den wir kannten.

„Scheiße, das ist gut, wir müssen irgendwie in diesen Gang rein. Da steht das Racks mit dem Sicherungsserver, danach hier vorbei zu diesem Mittelschacht. Wenn wir dort sind, haben wir gewonnen.“

„Wieso, da sind wir genau mitten im Gelände, darüber ist der riesige Kanonenturm?“

„Eben rauf im Aufzug, die Leute wegputzen und wir können den Jungs jeden Schutz geben, den wir wollen.“

„Sag mal, hast du zu lange mit Dana geknutscht, woher kommen plötzlich diese Affinitäten, gute Pläne aus dem Nichts zu zaubern?“, fragte ich.

„Gewöhnlich mache ich sowas und bekomme dann gleich von allen die Hucke voll“, steigerte Peter noch die Aussage.

„Also machen wir das so, oder muss ich die Backup Bänder selber vernichten?“, fragte Randy.

„Vorsicht, die Tür!“, schrien Peter und ich gleichzeitig. Da wurde die Tür geöffnet und wir schossen den ersten mit der Flash-Bang-Granate zusammen, warfen die Granate nach draußen und schlossen die Tür. Es krachte draußen einige Mal fürchterlich.

„Raus jetzt!“, ich stürmte voran. Draußen lagen drei Mann mit aufgerissenen Augen und blutigen Ohren am Boden. Ihre Waffen und Munition nahmen wir mit, schon verschwanden wir die Treppe hinab nach unten.

**

Die Kampftruppe drang durch einen der aufgeschnittenen Zäune in die Anlage ein. Geführt von Jerome stürmten sie in eines der Gebäude und schalteten die ruhenden Wachen aus.

„Passt mir auf die Alarmgeber auf und vergesst keinen der Wachen!“

Auf der anderen Seiten hatten sich Decker und Ben den Zugang freigemacht, gefolgt von Sarah und Vera traten sie ein, während Fabienne mit einigen Soldaten Deckung gab.

Hinter der Anlage hatten die Kampftruppen ein weiteres Element aus dem Zaun gelöst und drangen in die Anlage ein. Bisher war alles sehr ruhig und still gegangen. Sicherlich wäre es auch noch so geblieben, aber einer der Wachen kam aus dem WC zurück und sah die Eindringlinge. Über Funk gab er Alarm.

„Eindringlinge in der Anlage! Eindringlinge in der Anlage! Achtung, Angreifer von außen! Achtung, Angreifer von außen!“, drang es aus den Lautsprechern und die Sirenen ertönten.

Die Hauptanlage war wie ein Hufeisen aufgebaut, in der Mitte befand sich die Zentrale mit dem großen Turm mit der 40mm Kanone. Außen herum befanden sich schalenförmig weitere kleinere Gebäude und Lager. Dann erst kamen die größeren Gebäude. Außen schließlich waren in den Ecken die Wachtürme mit Flak und Maschinengewehren.

Decker war mit seinem Team auf dem Weg zu dem Hauptturm, als der Alarm hochging. Seine Soldaten, gut 20 an der Zahl, dazu Ben und die Mädchen, waren eingekreist und würden bald beschossen werden.

Einer der Wachtürme wurde bereits bekämpft und im gegenüber liegenden Wachturm fielen Schüsse. Nach und nach flammten mehr und mehr Scheinwerfer auf, die alles absuchten und von überall her wurde offenbar auf die Eindringlinge geschossen.

-Wir sind eingekreist, brauchen Hilfe, Ben, Decker, Sarah und Vera-

Diese Nachricht ging an alle, die sie empfangen konnten, auch an Peter und mich. „Ben, Decker, Sarah und Vera sind in der Falle! Wir müssen ihnen helfen, sonst knallen die sie der Reihe nach ab!“, riefen wir Randy und Dana zu, als wir unten durch den Keller liefen.

„Stopp!“, brüllte Randy und gab uns je einen 10 Liter Kanister Aceton mit. Damit liefen wir weiter, um schließlich vor einem Computerrack stehen zu bleiben.

Randy kippte einen Behälter nach dem anderen in eine große Metallwanne und wir leerten unsere auch hinein.

Schließlich kippte er die ersten Magnetbänder in die klare Brühe und wir sahen, wie sich die Kunststoffteile rasch auflösten. Heraushängende Magnetbänder wurden zu einer schleimigen Masse und Randy kippte weitere Magnetbänder in die blubbernde Brühe. Als er den Notauswurf des Bandlaufwerkes drückte, spuckte der Server das Tape aus und es verschwand in dem Aceton.

„Höllische Brühe, Aceton löst die Kunststoffbänder schneller auf, als man denkt und zerstört die Bänder garantiert. Was übrig bleibt, ist wie Kaugummi und verdammt brennbar!“

„Ihr solltet da vorne die Feuerlöschtreppe aufbrechen, dahinter ist ein Notaufstieg nach oben. Nehmt Brecheisen mit, die werden wir brauchen.“

Die Absperrung war ohne Schloss, denn immerhin war das der Notaufstieg. Hier muss im Notfall jeder das Gebäude verlassen können und der Notfall war gerade eingetreten.

Mit einem Pling setzte sich der Aufzug in Bewegung und rauschte direkt nach oben. Wir machten uns feuerbereit und erwarteten eine kampfstarke Truppe.

**

WASHINGTON

Die Türen wurden aufgerissen und ein halbes Dutzend Agenten stürmten herein. Creed, der Chef der Armee, saß an seinem Schreibtisch und unterzeichnete gerade einige Befehle, als er unterbrochen wurde.

„General John Creed, auf Befehl des Präsidenten werden Sie hiermit festgenommen.“

„Ihnen fehlt die Vollmacht, mich einfach so zu verhaften, der Senat und der Präsident müssen…“

„…einen Haftbefehl von einem Bundesrichter erwirken, um sie dann festzunehmen. Immer das gleiche mit euch Papierdrachen. Als Bundesrichter habe ich den Haftbefehl eben unterschrieben und der Präsident hat mich und diese Herren hier beauftragt, mehr sage ich nicht, denn das reicht jetzt – Abführen!“

Die Handschellen klickten und der Armeechef wurde aus dem Saal geführt. Einige Soldaten standen mit offenen Mündern da und wussten nicht, was gerade geschah. Überall tauchten FBI-Agenten in Schutzwesten auf und machten schnell klar, dass das keine Übung war. Die Wachen und Leibwächter des Generals knieten bereits mit den Handflächen hinter dem Kopf an einer Wand und wurden von einigen Agenten bewacht. Die ganze Aktion war binnen Minuten vorüber.

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In Langley war es ungleich schwerer, hier wäre das FBI nicht so einfach eingedrungen, aber in Langley gab es die Interne Ermittlungstruppe. Als die Chefin, Debbie Jones, den Befehl des Präsidenten telefonisch erhalten hatte und zeitgleich die Bestätigung per Fax kam, war genug vorhanden und sie alarmierte ihre Leute. An der Hauptpforte wurden die Wachen abgelöst und durch Posten der „Internen“ ersetzt. Die heranbrausenden Wagen des FBI erhielten sofort Zufahrt.

In der vierten Etage rannten zwei Leibwächter in das Vorzimmer vom Amtschef Rush und sahen in die Läufe einiger Dienstwaffen. In Handschellen wurden die beiden abgeführt.

„Nun, dann wollen wir einmal“, sagte der führende Special Agent in Begleitung des Bundesrichters Mike O’Sonnyvan. Sie betraten in das Zimmer des Amtschefs und unterbrachen ihn mitten in einer Sitzung.

„Die Sitzung ist geheim!“, brüllte Rush, aber der Bundesrichter lächelte ihn kalt an und meinte, „Und Sie sind hiermit festgenommen. Hier ist der Haftbefehl.“ Schon klickten die Handschellen.

Mit einem Blick auf die beiden Anwesenden, ein Major und eine Frau, offenbar aus Europa, schaute der Bundesrichter die Frau genauer an und bekam ein breites Grinsen.

„Die da werden auch festgenommen. Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth, ich begrüße Sie auf dem Territorium der vereinigten Staaten.“ Die Agenten nahmen die Frau und den Major in Haft.

„Ich werde mich sofort beim Präsidenten beschweren, was glauben Sie, wer sie sind?“

„Ich bin der von ihm beauftragte Bundesrichter. Wir wurden vom Präsidenten geschickt, Sie festzunehmen. Würden Sie sich bitte wehren, dann dürften die Herren hier Sie einfach erschießen, das würde lästigen Papierkram ersparen und obendrein Steuergelder sparen. Aber die Militärs und die Geheimdienstler, die ich erlebt habe, da hatte kein einziger den Schneid dazu, die haben immer nur ihre Untergebenen in den Tod geschickt. Ja, wie ich sehe, sind Sie genau so feige wie…“

Rush stand vor dem Bundesrichter und hatte seine Waffe im Anschlag. „Zu feige also, ist das Ihre Ansicht? Na, dann passen Sie mal auf!“ Dann steckte er sich die Waffe in den Mund …

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Vor der Tür standen vier Agenten, sie hielten die Wächter und das Stabspersonal in Schacht, als es im Zimmer neben ihnen einmal laut knallte. Die Tür öffnete sich und die Special Agents sowie der Bundesrichter kamen heraus. Auf dem Boden lag ein Mann, dessen Kopf mit einer Uniformjacke abgedeckt war.

„Am Ende war er zumindest tapfer genug, sich selbst zu richten.“

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MANUS

Mit einem Pling öffnete sich die Schleuse der Brandschutztür und wir standen oben im mittleren Verteidigungsturm. Überall tönten und summten irgendwelche Geräte, es blinkte und hupte ringsherum.

Die Besatzung des Turmes war in Hektik, das konnten wir sofort erkennen, offenbar waren sie beim Beladen der schweren Kanone. An drei Stellen steckten die Teams Container in die Halterungen und arretierten diese. Als sich die aus sechs Männern bestehenden Teams umdrehten, zögerten wir keinen Moment. Dana hatte einen Mann an einer Konsole im Visier und Randy hatte seine beiden Männer ebenfalls vor seiner Waffe.

Den Ausbruchsversuch der beiden Helden von Randy beendeten wenige Schüsse, während der Konsolenmann einfach nur seine Hände hob und bat: „Nicht schießen.“ Schnell wurde er gefesselt und nach draußen an eine der Halterungen gebunden, so drehte er sich mit dem Geschütz und hatte bestimmt eine klasse Aussicht.

Wir verschlossen die Türen und auch den Feuerwehrzugang. Dann betrachten wir das 40mm Geschütz.

„Das ist eine Bofors 40mm Schnellfeuerkanone für AHEAD Munition“, erklärte Peter mit einem Blick zu Randy und Dana, „Das bedeutet Advanced hit efficiency and destruction. Das ist eine Airburst Munition, die kann aber auch ganz normale Granaten verschießen und man kann sie online wechseln.“

Dana schaute Peter grinsend an und lächelte dann zu mir herüber. „Und hier steht die Frau, die die Pläne für unsere Armee beschafft hat.“ Dabei zeigte sie auf mich und Randy fing lauthals an zu lachen.

„Was denn, woher soll ich wissen, was meine liebe Frau alles zusammengeklaut hat“, dabei musste Peter auch laut lachen, doch sofort erstarb unser Lachen wieder.

„Sie sind in Gefahr, Decker und Ben, Sarah, Vera und Fabienne“

„Kannst du die Kanone bedienen?“

„Ja, Schatz, du kennst die Pläne und weißt, was man schalten muss, um nach unten zu schießen und ich werde denen da unten einheizen.“

-Wer ist von den Krieger Mualebdas ist in den Türmen noch am Kämpfen? Verschwindet sofort aus den Türmen am Rande, wir, die Krieger Mualebdas, haben den großen Turm erobert und werden die Türme beschießen-

-Wir sind gleich weg, gib uns eine Minute und Mualebda sei Dank-

„Ok, das läuft jetzt wie folgt: hier diese Sperre sorgt dafür, dass wir nicht nach unten richten können, weg damit.“ Ein Bolzen flog nach hinten aus dem Geschütz.

„Das sind die Kontrollen für die Munition, AH für AHEAD, EX für Explosion und die dritte vergessen wir!“

Peter hatte Platz genommen und schaltete die Plattform ein. Es summte und die Lichterorgel schaltete ein Licht nach dem anderen auf grün.

„Zielpeilung, Kamera und Richtoptik“

„Der Abzug, einmal ist Einzelschuss, halte ihn und die Welt geht unter.“

„OK, wie beim Bund an der Flak, nur besser und moderner.“

„Sehr viel moderner.“

-Wir haben die Türme verlassen, schießt, schießt jetzt oder nie-

Peter und ich sahen uns an.

„Im Uhrzeigersinn!“ Er richtete die Kanone auf den ersten Wachturm.

Zwei Granaten zerrissen den Wachturm in tausend Teile. Schon drehte der Turm weiter und der nächste Turm platzte förmlich in der Dämmerung, erneut drehte sich der Turm und wir beschossen den dritten Turm mit zwei Granaten. Der Turm explodierte. Beim Ausrichten auf den letzten Turm nahm dieser uns mit seinem MG unter Feuer. Überall klatschte es und außen stoben die Querschläger weg.

Da drückte Peter den Abzug durch. Sechs Granaten verwandelten den Wachturm komplett in Kleinstteile.

„Umschalten auf EX“, rief ich.

„Behalt die Zielpeilung bei, das rote Licht kommt von mir, das ist dein Ziel.“

„Ok, Schatz“, er drehte den Turn ein wenig und die Rohre richteten sich tiefer und tiefer nach unten.

„Anschlag, tiefer geht’s nicht.“

„Das reicht, zweimal feuern!“

Die beiden Granaten verwandelten den gepanzerten Unterstand in ein explodierendes Chaos.

-Links neben dem roten Tor ein Fenster das MG- drang es in unsere Köpfe, schon schwand das Geschütz dahin und neben dem roten Tor war nichts mehr.

-Das Nachbargebäude mit den weißen Fenstern, zwei Raketenwerfer-

Da klaffte bereits ein riesiges Loch im Dach.

„Sorry, hatte AH gewählt.“

-Generatoren Raum , links neben den drei Silos. Der Eingang ist mit zwei Jeeps verstellt und an der Tür ist ein gelbes Schild-

Vier Granaten verwandelten die Generatoren in ein brennendes Etwas. Überall im Lager flackerte das Licht, an unserem Geschütz fiel der große Überwachungsmonitor aus.

„Randy, Dana, da hinten der Notstromschalter, ja, der da, drückt ihn herunter“

Hinter uns wummerte ein Diesel und der große Bildschirm begann wieder sein Bild zu zeigen.

So schnell wie wir die Nachrichten unserer Stammeskrieger erhielten, so schnell schossen und zerstörten wir die angegebenen Ziele.

-Hubschrauber von hinten, der Fluss.-

-Welcher, da sind zwei?-

-Der große-

Peter drückte auf AH und drehte gleichzeitig auf das Ziel. Hinter dem großen Lager stieg eine Gazelle mit Granatwerfern an der Seite hoch und drehte sich auf uns ein, da drückte Peter den Abzugshebel. Der Hubschrauber wurde zersiebt und explodierte.

-Wo ist der andere?-

-Fliegt in Richtung Haupttor.-

-Das ist Kraemer.-

-Den kriegen wir.-

„Feuer!“

Es machte Klack.

„AH ist alle.“

„Dann halt EX!“

Ein Schuss und die Hülse verklemmten sich. Aber die Granate hatte einen Sendemast zerstört und Teile davon fielen in Richtung der Gazelle. Der fragile Rohrrahmen am Heck wurde einfach abgerissen und der Hubschrauber knallte auf dem Boden auf.

Aus der Kanzel stieg Kraemer aus und wollte in den Dschungel flüchten, aber auf der Gegenseite stand ein großer Mann auf, es war Decker. Er ging auf Kraemer zu. Kraemer aber riss die Maschinenpistole hoch und drückte ab.

Da erst sah er das verbogene Stück Metall, das einmal seine MP war, er warf sie weg und zog ein übel aussehendes Kampfmesser.

Kraemer brüllte Decker an: „Jeden Moment kommt eine B2 Spirit und rasiert diese Insel aus dem Ozean, ihr habt mich zwar geschlagen, aber ich nehme euch alle mit!“

Ringsumher tauchten nach und nach die Stammeskrieger auf. Offenbar war das Camp geschlagen. Die Stammeskrieger hatten einen großen Ring um die beiden gezogen, Decker und Kraemer. Mike trat zu den beiden.

„Ich hatte Ihnen doch geraten, Decker nicht zu verärgern. Wissen Sie noch, was mit dem alten Franzosen geschah?“

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Auf der USS Theobald

„Ja, Herr Präsident, wir sind immer noch auf See an einem herrlichen Tag, aber wir liegen nicht mehr vor Soulebda. Wir haben vor zwei Tagen Kurs West eingeschlagen und befinden uns auf der Höhe von Palau, Koordinaten…“

Der Präsident sprach ruhig, klar und eindringlich. „Hören Sie, Admiral, ich habe eine Dringlichkeitsmeldung für Sie. Sie müssen einen unserer Atombomber aus Diego Garcia abfangen und zur Umkehr bewegen.“

„Eine B2 Spirit auf Abwegen? Ich bin ganz Ohr, Mr. Präsident“

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Seit Stunden flog die Spirit of St. Augustin in 38.000 Fuß über dem Ozean, sie hatten Jakarta überflogen, unentdeckt vom Radar und hatten die Molukken vor sich. Die beiden Piloten, Captain Speelinger und Captain Mc. Cormick, hatten die Flugroute genau wie befohlen eingehalten.

„Hey John, was gibt es heute aus der Mittagsküche?“

„Truthahn Sandwiches und das da soll wohl Hühnchen sein, was willst du, Mark?“

„Das Hühnchen bitte und eine Coke.“

„Kommt sofort, wir danken dir, oh Volk von St. Augustin, für diese fabelhafte fliegende Mikrowelle.“

Abwechselnd aßen sie ihr Essen und erfrischte sich an der Brause.

„Noch anderthalb Stunden zum Ziel. Haben wir inzwischen andere Instruktionen erhalten oder sind die alten noch gültig?“

„Alles ist grün, die Befehle gelten noch.“

„Warum sollen wir eine unbewohnte Insel aus dem Ozean löschen, hast du dich jemals über unsere Befehle gewundert?“

„Nein, und du solltest das auch nicht, kommenden Monat sind die internen Bewertungen und rate mal wer dann bewertet wird, na, wir. Warum glaubst du, lassen die uns so etwas ausradieren? Um zu beweisen, dass man uns auch Wichtiges erledigen lassen kann. Vielleicht fliegen wir einmal über Kims Palast …“

„Träum weiter, aber du hast ja recht. Die bewerten den Flug und den Einsatz, also strengen wir uns eben an!“

„Zielpeilung?“

„Positiv, noch 67 Minuten!“

„Ok, letzter Check der Systeme in T minus 30 Minuten.“

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Der Auftrag

Der CAG Commander Air Group saß mit seinen Piloten im Briefingraum. Vor ihm hatte der Kapitän gerade sein Briefing beendet und übergab an den Flottenadmiral.

„Meine Herren, wir haben soeben um 11.35 Uhr Lokalzeit vom Präsidenten einen Auftrag erhalten, der nicht einfach ist. Wir müssen eine für das Radar unsichtbare B2 Spirit abfangen. Die Besatzung hat falsche Befehle eines Verräters aus DC erhalten und soll eine angeblich unbesetzte Station mit MK 82 ausradieren. Die Station ist aber besetzt und da sind über 200 Menschen.

Ihre Aufgabe ist es die Maschine zu finden und abzufangen. Ich bin sicher, dass die merken, dass etwas nicht richtig läuft, wenn einige F/A 18 um sie herumtänzeln.

Also nochmal: suchen und finden Sie die Maschine. Sollte sie nicht zu finden sein, haben wir einen Sammelpunkt über dem Ziel und setzen dort Luftmarkierungen, damit nicht angegriffen wird.“

„Ja, Leutnant?“

„Sir, Admiral, dürfen wir die Maschine zur Not abschießen?“

„Sagen Sie, Seemann, haben Sie eine Meise, das sind zwei Milliarden Dollar, die Sie abschießen wollen. Möchten Sie etwa zur Army, die suchen solche Helden?“

„Selbstverständlich haben Sie nicht das Recht die Maschine abzuschießen. Sie suchen und finden die Maschine. Wenn Sie dabei versagen, fliegen Sie mit Nebelwerfern Luftmarkierer über dem Zielgebiet und dann sollten Sie beten, dass Ihre Kollegen in der B2 besser beim Nachdenken sind als Sie.“

Der Admiral ging zusammen mit dem Kapitän und grummelte: „Eine B2 Spirit abschießen, was haben Sie für Abenteurer an Bord?“

Der CAG teilte seine Air Groups ein, die Gebietsaufteilung war klar, ebenso der Zeitplan. Der Träger war bereits unterwegs in den Süden, es konnte klappen.

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Die erste Gruppe wurde in den Himmel katapultiert.

Die Lt. Spencer „Bull“ und Lt. Killrogg „Madeye“ flogen auf ihre Gipfelhöhe und richteten sich auf eine längere Suche ein. Die Außenstationen waren mit Tanks versehen und das musste lange reichen.

Mit der zweiten Gruppe flogen die Lt. Callows „Casher“ und Lt. Mertinger „Stencer“ ihren Kurs ab. Auch sie mussten eine riesige Fläche absuchen.

Gefolgt von der dritten Gruppe von Lt. Portsmith „Po“ und Lt. Fencer „Shower“. Das gleiche galt auch für sie.

Mit der vierten Gruppe donnerten die Lt. Fuller „Buffy“ und Lt. Kalhiggins „Big Mo“ in den Himmel der Südsee. Die Fläche, die es zu untersuchen galt, war immer noch riesig.

Dicht dahinter die Gruppe fünf um Lt. Schneyder „Gopher“ und Lt. Malone „Tiger“. Sie mussten am weitesten fliegen und würden in der Luft nachgetankt werden.

„Blaue Teams, hier Tango, wünsche gutes Gelingen und findet mir den Vogel.“

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MANUS

Die Brüllaffen hatten ihren Spaß, als die Soldaten dem Dschungel entgegenschwebten und nach der Landung unter dem grünen Blätterdach verschwanden.

Decker lief nach der Landung sofort los, um nach Vera und Sarah zu sehen, und fand die beiden zusammen mit Fabienne. Sie trennte gerade mit Sarah Veras Fallschirmleinen durch, um Vera zu befreien, die einen Meter über dem Boden hing.

„Alles klar?“

„Wir sind ok!“

„Dann los, zum Sammelpunkt.“ Zusammen liefen die Vier zum Sammelpunkt, wo Jerome dabei war, seine Truppe zu sammeln.

„Antreten und durchzählen…“, befahl er gerade, als er bemerkte, dass Veronique ebenfalls abgesprungen war.

„Was zum Teufel…?“, fuhr Jerome auf. Doch ihm wurde schnell bewusst, dass seine Soldaten um ihn herumstanden, zuhörten und dass es jetzt ein schlechter Zeitpunkt war, sich mit seiner Verteidigungsministerin zu streiten.

Die Stammeskrieger, welche die Garde begleiteten, schwärmten aus und gleich darauf erschienen zwei von ihnen, zusammen mit Trusg´jerset.

„Wir rücken ab!“, befahl Jerome und ließ seine Truppe Trusg´jerset folgen.

Während sich Levi mit an der Spitze befand, reihte sich Decker mit den Frauen in die Mitte der Kolone ein.

Im unserem Lager angekommen, sprang Iduna Ben förmlich um den Hals.

„Hallo, Ben!“

„Iduna, schön dich zu sehen. Wo hat es dich denn hin verschlagen?“

„Dagan hat mich nach Ceylon geschickt, dort hab ich die letzten zwei Jahre verbracht. Jetzt dachte er wohl, da ich sowieso in der Nähe bin… Jedenfalls hat er mich mit dieser „Spezialtruppe“ da zugeteilt.“ Sie zeigte auf Meresch, Mike und Dave, zu der nun auch Hannes gehörte.

Die waren dazugekommen und begrüßten auch Decker und die Mädels.

„Fabienne, das hier ist Iduna“, stellte Benjamin die beiden vor. „Sie ist Dagans Nichte in diesem Teil der Welt. Fabienne ist eine Nichte für Sonderangelegenheiten.“

„Wir sind also sozusagen Schwestern“, stellte Iduna fest und sofort waren sich die Frauen sympathisch. Noch während Fabienne, Sarah und Vera mit Iduna bekannt machte, brüteten Decker, Ben, Jerome, Mike, Dave und Meresch über den Bildern der Anlage.

Sie glichen die Bilder mit den Verteidigungsanlagen ab und trugen die Erkenntnisse von Mike und den anderen über die Alarm und Überwachungsbereiche ein.

„Wird eine verdammt harte Nuss!“, brummte Decker.

„Randy muss sich von hier aus in das System eingehackt haben, ich bin zwar kein so großes Genie wie Randy, aber ich könnte es versuchen. Allerdings… Sind wir erst einmal im Vorfeld, sind wir für jeden gut sichtbar“, meinte Dave.

„Wenn wir erst einmal innerhalb des Hufeisens sind, haben wir so gut wie gewonnen.“ Mike zeigte auf ein Bild, dass die ganze Anlage von oben zeigte. „Die Feuerbereiche sind fast alle dazu ausgerichtet, Gegner im Vorfeld niederzuhalten.“

„Das größte Problem scheint der Turm zu sein. Wer den Turm kontrolliert, kontrolliert das Vorfeld“, stellte Jerome fest.

„Was mir Sorge macht, ist dieser Bereich hier.“ Decker zeigte auf einen Bunkerbereich, der links neben der Hufeisenmitte lag. „Von dort kontrollieren sie die Start und Landebahn. Selbst wenn wir die anderen heraushauen, können wir keine Flugzeuge landen lassen. Diese Bunker müssen wir auf jeden Fall erledigen, wenn wir wieder hier weg wollen.“

„Ausgerechnet! Was immer dort drinnen ist, es ist gut gesichert. Dieser Bunker sind an besten befestigt. Selbst wenn wir es schaffen, den Turm zu besetzen, den Bunker müssen wir von innen knacken.“

„Wenn wir bloß ein paar Bunkerknacker hätten, wären wir besser dran. Verdammt, Bernd und etwas Luftunterstützung wären jetzt genau das, was wir bräuchten.“

„Ich schlage vor, du führst deine Truppe breit auseinander gezogen und beschäftigst mit der Hälfte deiner Männer die Besatzung. Ben, Meresch, die anderen Israelis und ich nehmen den Turm. Die andere Hälfte schaltet die Bunker an der Landebahn aus“, unterbreitete Decker seinen Vorschlag.

„Gut, ich führe den Angriff auf die Anlage, und du den auf den Turm, Mike übernimmt die Bunker.“

„Was ist mit mir?“, fragte Veronique.

„Was soll mit dir sein?“

„Welchen Angriff führe ich?“

„Überhaupt keinen! Du hältst dich hinten!“

„Was? Hör mal, ich bin die oberste Befehlshaberin und ich…“

NEIN!“, schnitt Jerome ihr das Wort ab. „Um es klar und deutlich auszudrücken. Als Verteidigungsministern, bist du mein Befehlshaber, aber im Einsatz habe ich das Kommando über meine Truppe und sonst niemand! Du bist für unser Land zu wichtig, um hier in Stücke geschossen zu werden. Ende der Diskussion!“

Veronique stand weiß und bebend vor Zorn da, weil Jerome sie vor den anderen so abkanzelte, doch sie hielt sich zurück. Jerome hatte das Kommando, ob es ihr gefiel oder nicht.

„Konntet ihr mit Caroline oder Peter in Kontakt treten?“, fragte Jerome Trusg´jerset.

„Bis jetzt konnte ich nur den Nebel sehen. Sie scheinen zu schlafen.“

„Schätze, wenn der Angriff losgeht, werden sie schon wach werden. Also bringen wir die Truppe nach vorne.“

Wieder übernahmen die Stammeskrieger die Vorhut und brachte die Truppe nach vorne an das Camp heran.

Veronique, noch immer enttäuscht, wurde von Mike angestoßen und mit einem Kopfnicken aufgefordert mitzukommen. Schließlich sind Befehle … dehnbar, zumindest für Colonel Smith.

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„CAC, CAC!“ Leutnant Spencer lief aufgeregt auf die Brücke, auf der sein Chef zusammen mit Folkers und Barris beriet, wie man den B2 aufhalten könnte.

Ohne abzuwarten fing Spencer aufgeregt an, auf die drei einzusprechen.

„Erinnern Sie sich an die Hochzeit neulich auf Soulebda? Wir haben da eine Idee!“

**

Lautlos und unerkannt, waren die Soldaten Soulebdas sowie die Israelis in Stellung gegangen. Dave hatte sich über Randys PC in das System eingehackt, doch so leicht machten Kraemer und seine Leute es ihnen dann doch nicht. Sie hatten die richtigen Schlüsse gezogen und das System neu gesichert.

Immerhin schafften es einige Stammeskrieger ungesehen in die Anlage einzudringen und zumindest eine Gasse für die nachfolgende Truppe zu öffnen.

Decker, Hannes, Ben machten sich bereit, um zusammen mit Mereschs Israelis den Turm zu stürmen, sobald der Angriff begonnen hatte und die Verteidiger beschäftigt waren.

„Ihr bleibt hinten und kümmert euch um die Verletzten“, wies Decker Vera und Sarah an.

„Wir kommen mit.“

SCHLUSS JETZT! Ich habe das Kommando und sage, was ihr zu tun habt. Entweder ihr haltet euch daran, oder es war euer letzter Einsatz! Fabienne, Iduna, ihr helft beim Bergen und Sichern! Verstanden?!“

„JA!“, kam es einstimmig.

Decker ging nach vorne und machte sich bereit, als Trusg´jerset abrupt stehen blieb.

-Die Krieger Mualebdas sind erwacht und kämpfen! Sie rufen uns zu Hilfe!-

Informierte er die Stammeskrieger.

„Eure Freunde sind erwacht und kämpfen im Inneren der Bunker“, erfuhr Decker von dem Krieger, der seine Truppe begleitete und auch Jerome wurde unser Erwachen mitgeteilt.

„Also gut, jetzt oder nie! Angriff!“

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Im Luftraum vor Manus

„Ich liebe diesen Teil der Welt“, teilte Mc. Cormick Speelinger mit. Er schaute nach unten zum tiefblauen Meer, in dem ab und an ein grüner Punkt unter ihnen zurückblieb.

„Wenn ich erst einmal in Rente bin, werde ich mir hier eine Insel kaufen und es mir gemütlich machen.“

„Kannst dir ja unser Ziel kaufen, das wird auch nicht mehr allzu teuer sein.“

„Du bist ein Scherzbold.“

„Gib mir lieber die Zeit bis zum Ziel.“

„Noch 20 Minuten und 45 Sekunden.“

**

MANUS

Der Angriffsbeginn verlief wie aus dem Lehrbuch. Aber auch nur der Beginn! Die Besatzung des Lagers wurde überrascht, fing sich aber schnell und setzte sich zur erbittert zur Wehr.

Die ersten Stellungen wurden schnell niedergekämpft und ausgeschaltet, doch dann begann sich der Widerstand zu verstärken.

Als Decker sah, wie der Turm zum Leben erwachte, wurde ihm schnell klar, dass er seine Truppe unter den Turm bringen musste, wo sie im toten Winkel vor den Geschützen in Sicherheit waren. Also stürmten er, Ben und die Israelis los.

Die Besatzungen der flankierenden Türme waren beschäftigt und Decker schaffte es tatsächlich, sich bis unter den Turm durchzuarbeiten, doch dann wurden sie von zwei anderen Wachtürmen unter Feuer genommen.

Entsetzt sah Vera, wie ein Israeli und zwei Soulebdalesen zu Boden gingen. „Unser Einsatz!“, rief sie nur, packte ihr Verbandsmaterial und lief los!

Sarah war nur einen halben Schritt hinter ihr, als sie den ersten Verletzten erreichte und ihn mit Sarah zusammen hinter eine ausgehobene Verteidigungsstellung zog.

Fabienne und Iduna hatten die um sie herumsausenden Kugeln ignorierend einen weiteren Verletzen zu Vera geschleift.

„LOS!“, rief Sarah und lief mit Fabienne los, um den Israeli zu bergen, als sie von einer seitlichen Stellung beschossen wurden.

Decker packte den Stammeskrieger, der ihn begleitete. „Sag Peter, er muss den Turm besetzen und den Wachturm gegenüber erledigen!“ Dann wandte er sich an Ben.

„Die Stellung dort!“ Er zeigte auf einen Unterstand, der begonnen hatte Jeromes Männer festzunageln.

Levi packte Hannes und die zwei Männer, die neben ihm lagen.

„Ihr beschäftigt die Typen dort hinten. Zwei Mann kommen mit mir, zwei mit Decker.“

Unter dem Feuerschutz von Hannes und den beiden Israelis arbeiteten sich Ben, Meresch und Decker von zwei Seiten an den Unterstand heran und schalteten ihn mit ein paar Handgranaten aus.

Sarah und Fabienne hatten den verletzten Israeli mittlerweile zu Vera gebracht, als plötzlich aus einer schon ausgeschalteten Stellung wieder auf die Frauen geschossen wurde.

Iduna reagierte als erstes.

Wie eine Tänzerin bewegte sie sich, rannte mitten durch die Kugeln auf den Schützen zu und schaffte es, die Distanz zu überwinden, ohne tödlich getroffen zu werden.

Als Fabienne Iduna losrennen sah, sprang auch sie auf und lief ihr hinterher.

Glücklicherweise war der Schütze dermaßen auf Iduna fixiert, dass er Fabienne gar nicht wahrnahm. Auch sie schaffte es, hinter die Deckung zu springen, wo Iduna schon in einem Nahkampf verwickelt war. Iduna, die sich zwei Streifschüsse eingefangen hatte, kämpfte verzweifelt gegen einen 1,85 Meter großen Mann, mit dem Fabienne kurzen Prozess machte.

„Bist du Ok?“, fragte Fabienne.

„Etwas angesengt, aber es geht.“

Sie schauten über die Deckung und sahen gerade, wie Decker und Ben den Unterstand aushoben, als der Turm sich zu drehen begann und die anderen Wachtürme in ihre Bestandteile zerlegte.

„Wurde verdammt nochmal Zeit“, brummte Decker, als ihm die Trümmer des ersten Wachturms um die Ohren flogen.

Die Besatzung des Lagers war nun ernsthaft beschäftigt und Fabienne konnte mit Iduna weitere Verletzte zu Vera bringen, die zusammen mit Sarah ihr Bestes tat.

Decker sammelte seine Truppe, die bis jetzt zwei Verletzte zu beklagen hatte.

„Ok, ich würde sagen, wir helfen Mike, den Bunker zu knacken.“

„Jerome teilt mit, dass er das Vorfeld komplett überwunden hat und sich nun ins Innere der Anlage begibt. Die ersten Feinde ergeben sich“, teilte der Stammeskrieger mit.

„Gut, dann wollen wir mal.“

**

„Die wissen wohl, dass wir kommen“, sagte Mike zu Veronique. Er hatte gehofft, dass die Besatzung des Bunkers sich an der Verteidigung des Lagers beteiligen würde, doch die blieb und sicherte die Eingänge durch mehrere Stellungen, die trichterförmig zum Bunkereingang führte.

„Ohne zu unken, aber wenn wir das Teil frontal angehen, gibt es ein Massaker“, brummte Dave.

„Wir müssen sie irgendwie von der Seite packen. Am besten…“ Der Krieger, der sie begleitete, hatte seinen Arm gepackt.

„Welches Hindernis muss als erstes ausgeschaltet werden?“

„Der linke Unterstand. Sein MG nagelt uns sofort fest“, zeigte Mike.

„Wartet.“ Der Krieger saß still da und schaute in die Ferne.

„Was tut der denn …“ Der Rest des Satzes ging in einer ohrenbetäubenden Explosion unter, als das MG Nest in einem Feuerball aufging.

„Wie hat er das gemacht?“, wollte Dave fragen, als vier F18 über ihre Köpfe donnerten.

Veronique schaute nach oben und sah Bernds alte Maschine über der Anlage kreisen.

„Das war ein Volltreffer“, sagte Bernd zu Kresser, der auf dem Kopilotensitz saß.

„Alles nur eine Frage der Technik“, antwortete der und markierte auf einem Tablet einen Punkt. An der Unterseite von Bernds Flieger hatte Normen eine Zielerfassung angebracht, welche den gesteuerten Bomben ihrer Begleiter den Weg wies. „Condor sechs, Waffe los!“

„Condor sechs, Waffe ist los!“, kam die Bestätigung. Der A-6E und die eine weitere GBU12B waren unterwegs zu dem Punkt, den Kresser markiert hatte.

„Dort ist deine Frau!“ Madame Ma’Difgtma zeigte Bernd, wo sich Veronique aufhielt. „Die Krieger sagen mir, dass deine Frau mit den anderen um dieses Gebäude kämpft.“

Bernd legte den Flieger in eine Kurve und sah sich den Bunker und die Verteidigung davor an.

„Norman, das Bunkervorfeld.“

„Bin schon dabei!“

Während Norman das Bild des Vorfeldes auf das Tablet brachte, zischen Leuchtspurgeschosse am Cockpit vorbei und verfehlten Bernds Flieger nur sehr knapp.

„Harpyiers, hier hat es einer auf uns abgesehen.“

„Harpyie eins, verstanden.“

Eine der F-18 drehte auf das Camp ein und belegte mit ihrer Bordkanone die Stelle, von der aus die Leuchtspurgeschosse aufstiegen.

„Ok! Condor sieben und acht! Alle Waffen frei!“

„Condor sieben, alle Waffen frei!“

„Condor acht, alle Waffen frei!“

„Sie sollen die Köpfe einziehen“, rief Kresser Madame Ma‘ Difgtma zu und die gab die Warnung weiter.

Das Bunkervorfeld verschwand in 12 Explosionen, dann stürmten Mike, Dave und die Soldaten der Garde vor.

**

„Zeit bis zum Einsatz, noch fünf Minuten, acht Sekunden.“

Mc. Cormick blickte auf den wolkenlosen Himmel. Na ja, beinahe wolkenlos. Ein paar dünne Wolken …

Spielte ihm sein Auge einen Streich oder erschien da ein großes S am Himmel? Er schaute genauer hin und tatsächlich. Jetzt erschien sogar ein T hinter dem S

„Speelinger, da schreibt einer was in den Himmel!“

„Was?“

„Backbord, auf 030.“

Speelinger legte die B2 in eine leichte Kurve, um besser sehen zu können.

„Verdammt, was ist das?“

„S-T-, das scheint ein Kreis zu werden… Nein, ein O!“

„STOPP!“, riefen beide gleichzeitig.

„Was soll das? Der Luftraum sollte doch gesperrt sein!“

„DA!“ – unter der Schrift erschienen blaue und rote Streifen.

„Radar an! Ich will wissen, was da vorgeht!“

**

„Wir haben sie! Die Augustin hat ihr Radar eingeschaltet!“, meldete die E2 der USS Theobald.

„Kurs 200, Höhe 18.000 Fuß. Entfernung 12.000“

**

„Da unten schwirrt ein ganzes Geschwader herum. Laut Kennung alles unsere.“

„Haben wir visuellen Sichtkontakt zum Ziel?“

„Positiv, Ziel in Sicht.“

„Zoom es ran!“

„Was für eine Scheiße!“, fluchte Mc. Cormick. Gerade als das Bild auf dem Monitor erschien, erhellten ein Dutzend Explosionen das Bild.

„Das Ziel ist nicht geräumt! Da kämpft jemand!“

„Ich wette, unsere Jungs schwirren hier nicht zum Spaß rum… SHIT!“ Eine F18 war vor dem Cockpit vorbei gedonnert.

„Was zur Hölle soll das?!“

„Skipper, links!“

Speelinger schaute aus dem Seitenfenster und sah eine weitere F-18 direkt neben sich gehen.

„Ok. Rufen wir sie!“

**

„Sie drehen ab!“ Folkers, der mit Barris das Drama auf der Brücke mitverfolgt hatte, atmete erleichtert auf.

„Das war haarscharf. Sagen Sie der Augustin, sie soll nach Diego Garcia fliegen. “

„Ay.“

**

Jetzt konnte niemand mehr Mike, Dave oder Veronique aufhalten. Sie stürmten vor und erreichten den die Reste der Unterstände, die den Bunker gesichert hatten.

Von den Besatzungen war nichts mehr zu sehen, nur aus dem Bunker selbst wurde noch geschossen.

„Frag meinen Mann, ob er die Tür wegblasen kann“, wies Veronique den Stammeskrieger an.

„Deine Frau möchte in das Innere des Bunkers“, sagte Madame Ma’Difgtma.

„Norman? Ist noch was übrig?“

Kresser überprüfte seine Liste, die ihm sagte, welche A-6E, welche Waffen mit sich trug und was noch übrig war.

„Halt den Vogel ruhig, dann puste ich die Tür weg.“ Er markierte den Eingang mit seinem Stift auf dem Tablet.

„Condor neuen, Waffe frei!“

„Condor neun, Waffe ist frei.“

Der Eingang wurde förmlich pulverisiert und noch bevor alle Trümmer auf dem Boden lagen, drangen die Soldaten unter Mikes Führung ein.

Decker hatte mit angesehen, wie die F-18 und die A-6 jeden weiteren Widerstand im Keim erstickten. Gnadenlos wurde ein Bunker nach dem anderen geknackt oder von Caroline und mir im Turm beschossen.

Jerome kam zu Deckers Deckung gerannt und warf sich dahinter.

„Wir haben alle Gebäude außer dem Bunker, den Mike angreift.“

„Dann sollten wir schleunigst dorthin.“

Jerome winkte einen seiner Offiziere zu sich und wies ihn an, mit einem Zug alle Verletzen zu sammeln, damit sie unmittelbar nach Sicherung des Flugfeldes ausgeflogen werden konnten.

Mit seiner Truppe arbeitete sich Decker zu Mike durch, der gerade im Inneren des Bunkers verschwand. Hier zeigte sich das hervorragende Training der Israelis, die den Bunker unter Mereschs Führung schnell unter Kontrolle bekamen.

„Wir haben den Bunker, das Landefeld ist sicher!“, meldete Levi und Jerome rief sofort seine Herculesmaschinen zurück.

Als sich die Truppe sammelte, hörte Decker, wie ein Hubschrauber startete, nur um unmittelbar nach dem Start von den Turmgeschützen abgeschossen zu werden.

Als das Wrack aufschlug, kroch Kraemer heraus. Sofort wurde er von Soldaten, Stammeskriegern und Israelis umstellt.

„Jeden Moment kommt eine B2 Spirit und rasiert diese Insel aus dem Ozean, ihr habt mich zwar geschlagen, aber ich nehme euch alle mit!“, rief er und fuchtelte mit dem Messer herum. Dann blickte er grinsend zur Uhr.

„Und zwar genau… Jetzt!“

Alle sahen sich um, doch nichts geschah.

Kraemer schien fassungslos zu sein.

JETZT!“, brüllte er

„Er hat nur ein Messer, darf ich?“, fragte Veronique und sah Decker bittend an.

„Ausnahmsweise nicht, ich hab noch eine Rechnung mit diesem Scheißhaufen offen.“

Auch wenn er nichts von den letzten dramatischen Minuten im Bunkerinneren wusste, hatte man ihm doch erzählt, dass Collins Dana und Hannes erschießen wollte, um Randy gefügig zu machen.

„Du wolltest meine Freunde umlegen? Hatte ich dir nicht erklärt, was ich dann mit dir anstelle?“

„Komm doch, alter Mann, ich bin keine Pfeife wie Collins.“ Kraemer ging in Kampfhaltung, und Decker ging ganz entspannt lächelnd auf ihn zu.

„Oh, oh, dieses Lächeln kenne ich. Das hat er mit mir auch mal gemacht“, flüsterte Hannes Mike zu.

„Und?“

„Ich war froh, dass es nur eine Übung war.“

Decker blieb nicht stehen, Kraemer wich einen Schritt zurück und entschloss sich, mit dem Messer zuzustoßen.

Das Ergebnis war, dass das Messer ins Leere stieß und es von Kraemers Hand in die von Decker gelang. Der stieß Kraemer von sich und hielt spielend dessen Messer hoch.

„Naja, viel besser ist das auch nicht.“ Er steckte sich das Messer in den Gürtel und ging wieder auf Kraemer zu.

Der versuchte nun, Decker mit einem Karatetritt zu erwischen, doch Decker blockte ab und ließ Kraemer mehrfach ins Leere laufen.

„Mann, du könntest meiner Truppe nicht mal die Schuhe putzen. Das ist ja erbärmlich!“

Mit einem Schrei trat Kraemer nach Deckers Kopf. Wolfgang Decker fing den Fuß mit der linken Hand ab, packte mit der rechten Hand Kraemers Messer und stieß es ihm in den Unterleib. Noch bevor Kraemer merkte, dass sein Messer in seinen Eiern steckte, trat Decker im das Standbein durch und Kraemer fiel winselnd zu Boden.

„Du bist ein miserabler Kämpfer.“ Damit beugte sich Decker zu Kraemer runter und brach ihm das Genick.

Alle starrten auf den Toten, als Veronique die Stille bewusst wurde. Es gab keine Explosionen mehr und es wurde nicht mehr geschossen, nur Bernds Flieger tuckerte noch über der Anlage.

Während Veronique ihrem Mann zuwinkte, umarmte ich oben im Turm meine Caroline.

„Solche Flitterwochen macht uns keiner nach.“ Ich küsste sie leidenschaftlich und endlos.

**

Nachdem Bernd gelandet war, lief Veronique auf ihn zu und sprang ihm um den Hals. Ministerin hin oder her, das war ihr egal und Bernd unterließ jeden Vorwurf. Er war einfach nur glücklich, dass seiner Frau nichts geschehen war.

Kurz hinter Bernd landete die erste der drei Herculesmaschinen und die Verletzten wurden unter Aufsicht von Vera, Sarah und den Sanitäten eingeladen.

Sieben Tote hatte die Garde zu beklagen, dazu kamen noch 47 Verletzte. Iduna, die sich von Vera ein paar Verbände anlegen ließ, weigerte sich, mit den anderen Verletzen zu fliegen. Und so hob die erste Maschine nur eine halbe Stunde später wieder nach Soulebda ab.

Dann wurde es still. Die Toten wurden in Bernds Flieger gebracht und nebeneinander gelegt. In diesem Moment war die Stimmung trotz des gewonnen Kampfes auf dem Tiefpunkt. Zusammen mit seiner Frau brachte Bernd die Toten zurück, wo Heylah und Penelope sie empfingen.

Die Stimmung besserte sich nur langsam, doch allmählich wurde allen bewusst, welch entscheidende Schlacht sie hier geschlagen und – vor allem – gewonnen hatten.

Wir saßen in unserer Runde und erzählten uns die Geschehnisse gegenseitig aus unserer Sicht, als Trusg´jerset zu Randy kam und ihn zur Seite zog. Der sprach kurz mit Dana und zu dritt verließen sie unseren Kreis, um im Urwald zu verschwinden.

Etwa fünfzig Meter von der Landebahn entfernt hatte Trusg´jerset ein Feuer entfacht. Er blieb davor stehen, griff in seine Kriegertracht und reichte Randy den USB-Stick.

Für einen Moment hielt Randy die Luft an.

Das Labor in Bagnoli und alle Aufzeichnungen darin waren nur noch Asche, ebenso die Labore der Bayderisch AG oder die Server in den Bunkern. Er hielt das letzte Exemplar der Höllenformel in der Hand, welches noch existierte.

Zusammen mit Dana, Hand in Hand, ließ er den Stick ins Feuer fallen. Stumm sahen die drei zu, wie sich der Kunststoff und das Metall verformten und die Formel für immer zerstört wurde.

Trusg´jerset legte beiden die Hand auf die Schulter, dann ließ er sie am Feuer zurück.

**

SOULEBDA

„Schau! Die Peace of Mind ist noch da!“, rief Caroline und zeigte aus dem Fenster zum Hafen, wo das Kreuzfahrschiff vor Anker lag, als die Herkules im Landeanflug auf Soulebda war.

„Ob die Metaller noch eine Party mit uns schmeißen?“, fragte ich.

Die Antwort bekam ich bei der Landung. Dort wartete anscheinend die ganze Insel mit allen Besuchern.

„Ich denke schon, und das wird ganz sicher keine kleine Party sein“, antwortete Caroline.

**

Mittlerweile waren fast zwei Wochen nach der großen Hochzeitsfeier auf Soulebda vergangen.

Der Terroralptraum an Bord der „Peace of Mind“ war vergessen, die Exkursionen auf Manus mit dem schrecklichen Kampf am Ende waren auch vorbei und die Abschlussfeier der 3500 Heavy Metal Freunde hier auf Soulebda stand uns jetzt noch bevor …

Auf dem riesigen Platz unmittelbar vor dem Palast wurde ein Fest vorbereitet, wie es allen Bewohnern noch lange in Erinnerung bleiben würde.

Die Musikanlage von der „Peace of Mind“ war ja mobil und wurde in den Containern gut verpackt hier an Land aufgebaut. Lediglich bei der Stromversorgung gab es ein paar Probleme, aber unsere amerikanischen Freunde hatten zwei starke Turbinen-Generatoren zur Verfügung gestellt.

Die Generatoren waren noch von einem der Versorger des Theobald-Verbandes per Hubschrauber geliefert worden. Leider konnten die Freunde der Theobald nicht mitmachen, sie waren bereits auf dem Weg in das verschobene Manöver nahe Australien.

Mit diesen Generatoren und den Versorgern an Land stand jetzt genug Strom zur Verfügung. Was die Sound- und Lichtmeister dann zusammen mit den Feuerwerkern mischten, hatte man zuletzt bei der Jahr-2000-Feier in Sydney gesehen.

Am frühen Abend war der riesige Platz fast komplett belegt. Man hatte eine breite Straße freigelassen, hier musste im Notfall die Präsidentin durch und da hatten alle dafür Verständnis und keiner fragte nach.

Mit dem Sonnenuntergang, der hier in der Südsee rasch erfolgte, flammten die ersten Lichter auf, die Pyromeister hatten sich so richtig ins Zeug gelegt. Kein Wunder, sie hatten ja 120 Zentner mit auf die Reise genommen und wer will das alles schon mit nach Hause nehmen?

Dann ging es los. Mangels Leinwände wurden die Videobilder an die weißen Außenwände des großen Palastes übertragen und die überschweren Laserprojektoren zauberten fantastische Bilder.

Sheila stand auf der Bühne und sie war auf allen Wänden zu sehen. Als sie in die Gitarre griff und „Dark Waves“ anspielte, tobten 3500 Metaller auf dem Platz. Die Musiker im Background hauten in die Vollen, sie zeigten so richtig, was sie alles drauf hatten.

Umringt von der halben Inselbevölkerung tobte ein Festival und alle machten sie mit, die Metaller wie auch die Bevölkerung von Soulebda. Nach und nach traten die Künstler auf und konnten endlich einmal so richtig zeigen, was sie drauf hatten. In den folgenden Stunden gaben die Musiker ihr Bestes.

Keiner hatte bemerkt, dass fleißige Helferlein der Armee rund um den Platz aktiv waren und Kabel zogen, Geräte hin und herzogen und irgendwelches Zeug aufstellten. Es fiel einfach nicht auf bei der grandiosen Vorstellung auf der Bühne. Überall wuselt es herum, emsig wie fleißige Ameisen.

Dann sollte pünktlich um Mitternacht eine kurze Pause sein, stattdessen erloschen auf einen Schlag die Lichter . Vier Feuerwerkraketen rasten, von den vier Ecken des Platzes aus gestartet in den Himmel, zauberten helle, weiße Sterne in den Himmel um Soulebda und erleuchteten den riesigen Platz.

Aber was dann kam, versetzte auch die alteingesessenen Metaller und Musiker in Erstaunen. Hinter der Bühne flammten nacheinander über 40 Flakscheinwerfer der Luftabwehr auf und zauberten einen Dom aus Licht in den Nachthimmel. Dann ging ein Raunen über die Bühne.

Von beiden Seiten der freien Straße, aus dem Palast und hinter der Bühne klangen Fanfaren auf und die Metaller sahen sich um, was ging da vor sich?

Lichter flammten an der Straße auf und sorgten für Aufmerksamkeit und von beiden Seiten stürmten die Stammeskrieger aller Stämme in voller Kampfmontur herein, Es waren weit über 200 in voller Tracht und sie tanzten eine halbe Stunde lang ihre Tänze, unterstützt von den Musikern der Bands.

Dann, als endlich der ganze Platz belegt und die breite Straße mit den Stammeskriegern ausgefüllt war, flammten oben am Palast Lichter auf. Von einem Lichterfluss begleitet, den Kinder anführten, trat die Präsidentin in einem leuchtend weißen Gewand herab und blieb auf der unteren Treppe stehen. Sie hob ihre Hände und rief zum legendären Tanz der Stammeskrieger auf. Ihre liebliche Stimme, durch die Verstärker getragen, klang über den riesigen Platz und alles verstummte.

Was folgte, war einem riesigen Haka-Tanz der Maori vergleichbar, da nahmen die Stammeskrieger Aufstellung und begannen ihren Kriegertanz. Untermalt von Trommeln und Fanfaren wurden die Augen der härtesten Metaller feucht, sie schauten sich das Spektakel an und waren begeistert. Mit dem letzten Ton erloschen die starken Scheinwerfer und tauchten den Platz für einen Moment in Dunkelheit.

Dann erstrahlten die anderen Lichter wieder und der ganze Platz war leer. Die Stammeskrieger waren alle verschwunden.

Ein Raunen ging durch die 3500 Metaller, das Licht flackerte kurz, erlosch für einen Moment und kam wieder und – da war der Platz wieder voller Stammeskrieger, die dieses Mal blieben und ihren Tanz beendeten.

Wohin waren sie verschwunden, wie kamen sie zurück? Die Metaller waren sprachlos.

Am Ende erklangen die tiefen Fanfaren aus dem Palast und die basstragenden Nebelhörner zusammen und die Vorführung war beendet.

Ein Jubel brandete auf, der nicht enden wollte. So hatte man die Metaller lange nicht jubeln gehört. Auf der Bühne waren die Sänger versammelt und auch sie jubelten mit, das hatten auch sie als knallharte Profis noch nicht erlebt.

Einige Metaller in den ersten Reihen waren tatsächlich durch die Haka-Darbietung richtig erschrocken und rasch nach hinten gewichen.

Wieder flammten Lichter bei der Präsidentin auf, gerade hatten zwei junge Frauen ihr ein anderes Kostüm angelegt und traten zur Seite, da erklang die zentrale Fanfare im Palast und übertönte alles. In einem hellen Lichtermeer verschwand die Präsidentin und die Lichter wechselten wieder auf die Bühne.

Jetzt waren die Metaller wieder dran und bedankten sich mit einem riesigen Applaus.

Metaller und Stammeskrieger grüßten sich voller Ehrfurcht, ein jeder jubelte dem anderen zu, dann entschwanden die Stammeskrieger so schnell, wie sie gekommen waren.

Das anschließende Fest dauerte gut drei Tage und forderte einiges an Organisation, guten Mägen und mehr. Die Aufpasser der Metaller hatten die Lage im Griff, es gab wenig zu berichten. Hier und da verschwand eines der Inselmädchen vor Freude quiekend im Dschungel, nur um wenig später wieder anderswo aufzutauchen, in Begleitung eines Stammeskriegers, sonst blieb es überall friedlich.

Das große Aufräumen dauerte noch einmal einen vollen Tag. Auch hier zeigten sich die Metaller von ihrer besten Seite. So viel Hilfe war lange nicht erfolgt und alleine die Verabschiedung war sehr emotional. Viele schworen sich, wiederzukommen und Urlaub auf Soulebda zu machen.

Dann ließ Kapitän Fischer auf der „Peace of Mind“ die Signale ertönen und es wurde Zeit für den Abschied. Als das riesige Schiff losfuhr, winkten viele Menschen und auf beiden Seiten flossen die Tränen. Diese Reise würde in die Annalen der Heavy-Metall-Geschichte eingehen und das gleich aus mehreren Gründen.

**

An anderen Tag stand ich mit Peter unter der warmen, breiten Dusche und wir ließen das Wasser an uns herabperlen. Es war ein herrliches Gefühl, ihn unter der Dusche so nah zu spüren und wir ließen uns Zeit.

Madame Ma’Difgtma, der gute Geist des Hauses, zeigte sich wieder von ihrer besten hausmütterlichen Seite. Wir lächelten ihr beide zu und sie lachte auch herzhaft. Es hatte einige Zeit gebraucht, aber jetzt nach all den Abenteuern hatte sie Peter endlich in ihr riesiges Herz geschlossen.

Dass in Ma’Difgtma eine knallharte Kriegerin steckte, wussten wir und sie hatte sogar Decker beeindruckt und das wollte etwas heißen.

Als wir an die große Tafel kamen, hatten einige bereits Platz genommen. Randy und Dana fehlten noch, sie mussten offenbar noch einiges an Schlaf nachholen.

Als es klingelte, trat ein Palastbote vor und übergab Ma’Difgtma einen versiegelten Umschlag und der Bote ging wieder. Sie hielt den verschlossenen Umschlag an ihre Stirn und lachte laut auf.

„Penelope lässt dich zu sich in den Palast rufen“, damit übergab sie den Brief an mich. Da wir uns bei Ma’Difgtma über nichts mehr wunderten, öffnete ich das Siegel des Palastes.

Alle schauten sie mich an und sahen eine einsame Träne an meiner Wange herablaufen, dann lächelte ich und schaute in die Runde.

„Es ist richtig, Penelope ruft mich, ihre Nun’tschula, zu sich. Ich werde wohl für mehrere Tage weg sein.“

Soleab und Jerome setzten ihr breitestes Grinsen auf und sagten kein Wort. Bernd schaute zu seiner Veronique und sie gab ihm einen Rippenstoß, damit er schwieg. Meine Freunde aus Deutschland schauten noch unwissend und Peter grinste auch nur, als er fragte: „Willst du uns nicht endlich sagen, was Penelope mit dir vor hat?“

„Wenn ich das nur wüsste…“

Nach dem gemeinsamen Frühstück verabschiedete ich mich von den Lieben: „Ich hoffe doch, dass ihr noch einige Tage hier bleibt, die Maschine nach Deutschland geht erst Ende kommender Woche.“

Peter stand auf und nahm mich in den Arm, gab mir einen langen intensiven Kuss. „Peter, du schmeckst nach Marmelade, Schatz!“

„Übertreibe es nicht bei Penelope und erzähl mir danach genau, was du alles erlebt hast. Das heißt, wenn du das darfst, ja – Schatz?“

**

Als ich pünktlich um 10.00 Uhr im Palast eintraf, wurde ich bereits erwartet. Mineola und Sinatola, die beiden Assistentinnen, standen bereit und empfingen mich.

Wie immer waren die beiden Hübschen sehr schön gekleidet und sie führten mich in die Privaträume, dann aber baten sie mich in einen anderen Raum, den ich noch nicht kannte.

Mineola und Sinatola sahen mich an: „Vertrau uns, wir werden dir kein Leid zuführen, aber du musst uns jetzt vertrauen.“

Sie legten mir einen Seidenschal über die Augen, gerade so dicht, dass ich nichts mehr sehen konnte und dann führten sie mich weiter. Einige Türen, zwei Treppen, wieder ein Gang, der recht kühl war, dann wurde es wieder wärmer. Aber ich hatte keine Orientierung mehr, diesen Bereich des Palastes kannte ich offenbar nicht.

„Bleib bitte stehen.“ Damit lösten Mineola und Sinatola den Seidenschal und ich befand mich in einer Höhle. Jetzt erkannte ich die Höhle wieder, hier hatte während des Aufstands der Präsident zu den Göttern gebetet und wir hatten den Verrat durch die Fernsteuerung hinter einer der Wände aufgedeckt.

Jetzt aber hatte man alles umgebaut. Lichter und Fackeln lösten sich ab, in dem großen Raum spannte sich ein Gewirr aus Balken und Seilen, die von oben gehalten wurden. Die Balken waren in gut vier Meter Höhe und hatten zahlreiche Umlenkrollen, Ösen und Seile. Es gab drei herrlich anzusehende Schlafmöglichkeiten und überall brannten Feuerstellen.

„Komm mit uns, wir bereiten dich vor für deine Aufgaben.“

„Was kommt jetzt?“

„Jetzt kommen die rituellen Waschungen, sie werden dir gefallen.“

„Wann kommt Penelope?“

„Sie ist schon längst da und schaut dir genau zu, zu dir kommt sie aber erst später. Wie wir sagten, vertrau uns einfach.“

Ehe ich etwas sagen konnte, knackste ein Lautsprecher und ich hörte Penelopes Stimme.

„Meine geliebte Nun’tschula. Ich habe dir bei der Einführungszeremonie gesagt, dass ich dich zwei Wochen nach deiner Hochzeit zu mir rufen werde und dass ich eine Reise plane, die ich erleben will.“

Da fielen mir wieder die Erinnerungen ein.

-Ja meine Süße, ich will wissen, wie diese Peitschen auf der Haut brennen. Einige meiner Mädchen sagen, es stimuliert die Durchblutung, andere sagen es fördert viel mehr, und zwei meiner liebsten Mädchen sagen, sie lieben danach bedeutend intensiver. Das alles interessiert mich sehr und mit meinem Mann habe ich das besprochen. Er kann mir da aber nicht helfen und so bist du an der Reihe. Du wirst mich auf diese Reise begleiten, mir die Schmerzen nehmen, bis ich sicher bin, dass auch ich sie selbst auszuhalten verstehe. Dann werden wir beide diese erkunden und uns in Liebe ergeben.-

Von vorne traten zwei weitere Schönheiten in die Höhle ein. Sie waren braungebrannt, durchtrainiert und kräftig, nicht so filigran wie die beiden, die mich hierher gebracht hatten.

Noch während Mineola und Sinatola mich entkleideten und sanft wuschen, arrangierten die braunen Schönheiten einige Dinge, spannten Seile, ab und an hörte ich eine Peitsche knallen. Ich sah etwas rundes, offenbar ein Fass, das sie hereinrollten und an irgendetwas befestigten. Aus der Wanne mit dem herrlichen weichen Wasser konnte ich nicht alles sehen, was da draußen vor sich ging.

Meine Haare wurden straff zu einem Knoten zusammengebunden. Aus der Wanne mit dem herrlich duftenden Wasser entstiegen, trockneten mich Mineola und Sinatola ab und hüllten mich in einen Hauch von Nichts, so dünn war der weiße Seidenschal, er verdeckte absolut nichts.

Während sie mich in die große Höhle führten, kamen die beiden anderen Mädchen mit Lederfesseln auf mich zu. Zwei Hand- und Fußfesseln mit weichem Stoff gefüttert zeigten sie mir und die beiden legten mir diese Fesseln an.

Fest genug, dass sie sich nicht lösen konnten und lose genug, um nicht weh zu tun. Erst da konnte ich die beiden braungebrannten Schönheiten genauer ansehen. Sie hatten ihren Umhang abgelegt und trugen einen goldenen Halsring mit einem angehefteten kleineren Ring. Um die Hüfte ein schmales Lederband und dazu Ledermanschetten und Lederschuhe. Ein hübsches kleines Höschen verdeckte den Intimbereich und die vollen Brüste schwangen frei vor mir.

„Wir grüßen dich, oh Nun’tschula, deine Herrin Penelope hat uns genauestens instruiert. Wir werden die Anweisungen, wie es unsere Aufgabe ist, ebenso genau umsetzen. Deine Herrin hat ein Safe Word ausgemacht, das gilt bei ihr, du aber als Nun’tschula hast diese Ehre nicht. Du wirst die Dinge, die kommen, ausstehen und auszuhalten haben.“

Während sie meine Hände und Füße in Seile einfädelten, erfuhr ich, dass die etwas größere Ling Tau’Tzeh und die andere mit dem wunderschönen Busen Sang Tio’Zuang genannt wurde. Ling und Sang waren die Namen, die ich mir merkte.

Schließlich stand ich mitten im Raum, vor mir ein großes 2000 Liter Holzfass und ich war an Händen und Füßen mit langen Seilen gefesselt, die irgendwo in den Umlenkrollen verschwunden waren.

Als die Seile angezogen wurden und sich langsam strafften, trat aus einer der Seitentüren eine weitere Frau, ganz in Rot und mit einer roten Maske bekleidet herein, sie stellte sich hinter mich.

„Fass!“, hörte ich nur einen scharfen Ton, dann rollten Ling und Sang das große Fass auf mich zu und ich wurde darübergelegt.

Vor mir standen Mineola und Sinatola und lächelten mich an, sie sollten mir nur die Sicht nehmen, das war mir schnell klar.

„Paddel!“, tönte es von hinten und ich hörte, wie etwas in der Luft geschwungen wurde.

„Geht los!“ Ertönte es gleichzeitig mit dem ersten Schlag auf meinen Hintern.

**

WASHINGTON

„Die nächste ist Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth, vortreten!“, lautete der Aufruf. Dann tobte der Wachtmeister los: „Wieso ist die nicht gefesselt, hier steht extrem gefährlich?“

„Aber Sir“, sagte der Zwei-Meter-Mann, dessen Begleiter fast noch größer und breiter war. „Das ist doch nur eine Frau …“ Im selben Moment hatte diese Frau mit ihren Beinen den einen Wachmann an die Wand geklatscht und den anderen mit einem Schulterstoß an die Ecke des Gefangenenwagens. Beide lagen nach Luft schnappend am Boden und Frau Dr. Elisabeth Scheurer-Grobschloth schwang sich mit einem Schwung auf das Dach des Wagens, sprang auf ein kurzes Hausdach und rannte auf eine kleine Absperrung zu.

„Nicht da hinein, das ist der Zoo, die haben gleich Fütterung!“, schrie der Wachmann.

„Hab schon bessere Witze gehört“, schrie sie und sprang.

Sie rollte sich im Heu ab und orientierte sich, kein Mensch war da. Gerade als sie aufspringen wollte, quietschte es hinter ihr. Scheurer-Grobschloth drehte sich um und sah in die Augen eines Tieres, etwa einen halben Meter hoch.

Das Quietschen kam näher und sie sah eine Hyäne vor sich, nicht sehr groß, knapp einen halben Meter.

Ohne zu wissen, was das für eine Art war, ging sie ein paar Schritte rückwärts und sah auf dem Schild die Beschreibung.

„Tüpfelhyäne, Savannentier, aktive, gefährliche Rudeltiere“

„Ich muss raus hier!“, murmelte Scheurer-Grobschloth vor sich hin, da kamen aus den Seiten einige weitere Tiere und die waren größer als die erste. Dann kamen weiter Tiere, zwei, drei, fünf, neun… Sie war umzingelt.

Da lag ihre Rettung, genau vor ihr: eine Heugabel, die in einem Haufen steckte. Gerade als Scheurer-Grobschloth die Heugabel aufnehmen wollte, packte diese eines der großen Tiere und zerbiss die Gabel mit einem einzigen Happs.

Das sah jetzt gar nicht mehr gut für Scheurer-Grobschloth aus. Sie suchte sich eine Deckung und ging rückwärts in den Unterstand. Einige Tiere folgten ihr, dann mehr und schließlich liefen alle Tiere quiekend in den Unterstand.

Am Polizeiwagen half der ältere Mann den beiden kräftigen Wachmännern auf die Beine.

„Wo ist die hin gerannt?“

„Da rauf, nach drüben in den Zoo, genau hinter uns über den Zaun!“

„Der Zaun da zwischen der Buche und dem Antennenmast?“

„Ja, genau über diesen Zaun, weshalb?“

In diesem Moment hörte man das unbändige Geschrei einer Frau und die Laute eines Rudels mordender Hyänen. Die Schreie der Frau wurden lauter und wilder.

„Dahinter ist das Hyänen-Gehege, die bekommen einmal am Tag ein kleines Rindvieh zu fressen. Ich glaube, dieses Mal haben sie ein größeres Rindvieh bekommen.“

„Können wir da noch etwas retten?“

„Da kannst du jetzt nicht rein. Die zerbeißen ihre Knochen wie trockenes Brot, da sind die Tüpfelhyänen drinnen, die sind schlimmer als Löwen, die fressen alles, auch die Knochen.“

„So möchte ich nicht enden.“

Die Schreie wurden leiser, dann verstummten sie endlich. Man hörte nur noch die quietschenden schmatzenden Hyänen.

„Ja, die reißen deinen Bauch auf und machen dich leer und dann…“

„Hör jetzt endlich auf, ich muss Meldung machen und will danach mein Frühstück essen.“

„Mahlzeit!“

„Ihr seid Kumpel, Ruhe jetzt. – Justice 3-12 Monroe an Zentrale, kommen …“

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Als die Wärter dazukamen, fanden sie im Hyänengehege einen Teil der rötlichen Gefangenenkleidung, einen kleinen Teil des Fußes in einem Sportschuh und diverse Reste an Innereien, genug um eine DNA-Bestimmung durchzuführen. Die Beamten vor dem Zoo nahmen die Reste in einer Plastiktüte mit.

Eine Tageszeitung berichtete am Tag darauf: „Terroristen-Hyäne im Zoo von Hyänen lebendig gefressen!“

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SOULEBDA

Das Klatschen hatte aufgehört und mein Po musste rot sein wie bei einem Pavian. Ich bebte noch am ganzen Körper. Noch immer hing ich über dem großen Fass und die strenge Dame hinter mir hatte bestimmt noch einiges andere vor.

Mineola und Sinatola kamen auf mich zu und gaben mir ein Glas Wasser. Es erfrischte herrlich, schon kam der nächste Befehl der strengen Frau, deren Name ich nicht einmal kannte.

„Als X an den roten Querbalken binden!“

Ling und Sang halfen die Fesseln zu lösen und brachten mich unter den besagten roten Balken. Dort angekommen fesselten sie meine Hände weit auseinandergestreckt und danach streckten sie meine Beine, dann spannten sie die Seile. Straffer und straffer und meine Füße verloren den Kontakt zum Boden.

„Genug!“, tönte aus einem Lautsprecher.

Die Tür ging auf und da kam Penelope herein, sie kam nicht, sie schwebte förmlich. Gekleidet in einem kleinen, weißen Kostüm, das ihre Bräune noch hervorhob und sehr viel weniger verbarg als vielmehr freizugeben, kam sie herein. Ich konnte nicht anders, als sie anzusehen und was soll ich sagen, ich wurde heiß auf sie.

Sie berührte meinen Po und fühlte die roten Flächen, die das Paddel hinterlassen hatte. Ihre Hände hatte sie in Eiswasser getaucht und das wirkte auf meiner Haut nochmal unheimlich stimulierend.

„Ich will sehen wie die feine Peitsche, von der meine Mädchen sprachen, wirkt. Wie sie sich nach und nach in die Haut brennt und wenn ich es sehe, wenn ich den Schmerz sehen und fühlen kann, dann und nur dann kann ich ihn auch auf mich nehmen, also Xarafa, fang an.“

Xarafa, was der Name auch immer aussagen sollte, jetzt kannte ich ihn. Penelope schaute mich mit einem Gesicht voller Leidenschaft an, während ich hinter mir hörte wie eine Peitsche durch die Luft schwang.

Dann der erste Schlag, ich fühlte ihn genau von links oben an der Schulter beginnend nach rechts unten an der Hüfte entlang: Fein und dennoch ganz durchgezogen Xarafa wusste genau, was sie tat. Meine Augen ganz auf Penelope gerichtet, trieb jeder weitere Schlag das Lustgefühl an und sie nahm das mit Genuss auf. Xarafa wechselte die Hand und Schlagrichtung und mein Rücken musste wie ein X aussehen.

Dann endlich ein lustvoller Schrei von mir, ich konnte nicht anders.

„Stopp!“, ordnete Penelope an.

„Was ist, Schatz?“

„Ohhh, das war guuut!“

„Xarafa mach jetzt den Spiegel.“

Penelope wurde entkleitet und erhielt ebenfalls Hand- und Fußfesseln, ebenfalls gut gepolstert. Dann band man sie an mich, spiegelbildlich, Gesicht zu Gesicht, Busen auf Busen, so hingen wir in den Seilen.

„Geht los“, sagte Xarafa

Schon bedachte sie uns beide mit den Schlägen, gleichzeitig zogen die Schmerzen und kurz danach die Lust durch unsere Körper. Da war tatsächlich Lust im Schmerz, das war richtiger Lustschmerz. Xarafa wusste genau, was gefordert war und sie trieb Penelope und mich in unseren ersten Orgasmus und wir schrien ihn aus uns heraus.

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Einen Tag später kamen Penelope und ich Arm in Arm auf die große Terrasse und wir grüßten die Freunde, die uns jubelnd begrüßten.

„Hey, endlich sehen wir euch auch wieder, na, wie geht’s unseren beiden? Kommt und nehmt Platz!“

„Nee danke, aber sitzen ist gerade nicht so gut“, meinte Penelope und alle lachten herrlich drauf los. Es war ein herrliches, erfrischendes Lachen und wir beide sahen uns an, küssten uns und lachten mit.

Nur Peter sah aus, als wollte er gerne mehr wissen, er kam langsam auf Penelope und mich zu und fragte mich leise:

„Na Schatz, was musstest du als Nun’tschula erleben?“

Jedoch Penelope legte ihren Zeigefinger auf meinen Mund und lächelte Peter verführerisch an.

„Das mein Held wird dir eine gute Nun’tschula niemals sagen, weil es ihr verboten ist!“

Peter stand da wie ein begossener Pudel und alle lachten laut, schließlich musste auch Peter mit einstimmen. Wir lachten alle zusammen, tranken zusammen und zumindest Penelope und ich rieben  unsere Hinterteile zusammen.

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Ich gönnte Caroline ihren Spaß mit Penelope. Schließlich hatte Caroline, wie sie es mir versprochen hatte, Vera und Sarah während ihrer Abwesenheit zu mir geschickt.

Am Abend, nachdem Caroline wieder zurück war, lagen Dana und Randy zusammen im Bett und hielten sich gegenseitig fest umschlungen.

„Weißt du, was verrückt ist?“, fragte Dana.

„Du meinst außer uns, die anderen oder die ganze Welt?“

„Nein, während der ganzen Zeit habe ich mir nicht einmal die Frage gestellt, was aus uns wird, wenn es erst einmal vorbei ist.“

„Ich schon.“

„Ja? Und, sag es, du großes Genie?“

„Wir bleiben zusammen, bekommen einen ganzen Stall voller kleiner Genies, werden zusammen alt und leben glücklich für immer.“

„Für immer?

„Klar, als Genies wird uns da schon irgendwas einfallen.“

„Du bist verrückt. RANDY!“, schrak Dana auf.

Neben dem Bett stand Trusg´jerset und drei weitere Krieger.

Die rissen die Decke vom Bett und packten die beiden, um sie aus dem Bett zu holen.

„He! Was soll das denn?“, fragte Randy überrascht, als die vier Krieger die zwei aus dem Zimmer brachten. Schließlich hatten beide nichts an und Dana war es sehr unangenehm, nackt von zwei Kriegern durch das Haus geschleift zu werden.

„Was zum…“ Trusg´jerset, der Randy festhielt, brachte Randy und Dana durch das große Wohnzimmer nach draußen, zur Terrasse, die mit Fackeln beleuchtet war.

Schließlich standen die beiden nackt und flankiert von den Kriegern auf der Terrasse.

Im großen Halbkreis standen dort Xialorenga und Xialang, Madame Ma‘ Difgtma, Jerome, Soleab und Heylah und eine große Abordnung aller Stämme Soulebdas.

Auch Caroline und ich standen im Halbkreis und wir alle trugen unsere Kriegertracht. Vera und Sarah hatten ebenfalls vier Kriegern aus dem Bett gezerrt und auf die Terrasse gebracht.

Na ja, ich hatte die beiden vorgewarnt und so hatten sie sich nicht nackt ins Bett gelegt, sondern trugen- zufällig – die Landestracht.

„Peter, was zum Teufel, geht hier vor sich?“, fragte mich Randy.

„Ihr bekommt, was ihr verdient!“, antwortete ich einfach.

Madame Ma‘ Difgtma trat zuerst auf Vera und Sarah zu.

„Ihr beide habt in all den Kämpfen der letzten Zeit viele Leben unseres Volkes gerettet. Oft habt ihr, ohne an eure Sicherheit zu denken, geholfen und mit eurem Wissen Leben erhalten. Während gewissenlose Menschen Leben nehmen, habt ihr um jedes einzelne tapfer gekämpft.

Dies soll euch gedankt werden.“

Madame Ma‘ Difgtma drehte sich zu uns um, reckte beide Arme in die Luft und rief: „Harsur´tserat! Harsur ´tes gastert!“

„Harsur´tserat! Harsur ´tes gastert!“, riefen die Krieger aus vollen Hals.

„Mit Achtung und Stolz, nehmen wir euch, als Kriegerinnen für das Leben in unseren Stamm auf.“

„Harsur´tserat! Harsur ´tes gastert!“, riefen alle Krieger noch einmal und reckten Speere, Messer oder Hände in die Luft.

Dann trat Madame Ma‘ Difgtma zu Dana und Randy, die noch immer festgehalten wurden.

„Nun zu euch! Ihr habt untereinander einen Schwur geleistet, lieber zu sterben, als diese schreckliche Formel in falsche Hände gelangen zu lassen.

Auch im Angesicht des sicheren Todes, von Folter und Leid, habt ihr euren Schwur gehalten. Nur Mualebda weiß, wie viele Leben ihr so gerettet habt.

Wer so handelt, der ist ein wahrer Krieger Mualebdas.“

Voller Ehrfurcht tat sie einen Schritt zurück, ging auf die Knie, verbeugte sich so tief sie konnte und wir alle taten es ihr nach. In tiefer Stille knieten wir vor den beiden, bis Xialorenga und Xialang sich erhoben und vor Randy und Dana traten. Xialorenga winke und zwei Männer sowie zwei Frauen brachten für Randy und Dana die Ehrentracht der Stämme.

Trusg´jerset ließ es sich nicht nehmen, Randy beim Einkleiden zu helfen, während Dana von den Frauen eingekleidet wurde.

Als die beiden ihre Ehrentracht vollständig trugen, winkte die Priesterin Xialorenga Dana, Caroline, Sarah, Vera und Madame Ma‘ Difgtma zu sich und bildete einen Kreis mit ihnen.

„Ich sehe voller Stolz, dass erstmals seit 135 Jahren, wieder mehr als eine Kriegerin über das Volk Mualebdas wacht.“

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Zu Hause

Für Fransiska hatte sich alles geändert.

Durch ihre exklusive Berichterstattung hatte sich ein düsteres Bild gezeichnet, das der Welt vor Augen führte, wie knapp sie an einer Katastrohe vorbeigeschrammt war.

Sorgfältig wägte sie ab, welchen Beitrag sie publik machte und was besser ungeschrieben blieb. Dennoch erklomm sie in Rekordzeit die Leiter nach oben.

Doch all das änderte nichts an Fransiskas Schwur, alles zu hinterfragen, sich nicht mehr blenden zu lassen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

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NEW YORK, UN Vollversammlung

„… und so, Frau Präsident“, der Präsident der Vereinigten Staaten schaute von seinem Rednerpult in der UN Versammlung zu Heylah ai Youhaahb, „sehe ich voller Bewunderung auf eine kleine Nation, die aufstand und handelte, als die großen Nationen dieser Welt zögerten und so kläglich versagten.

Frau Präsident, ich verbeuge mich in tiefer Demut vor dem tapferen Volk Soulebdas.“

Ein Beifallssturm brach über Heylah herein, der die Tränen ungehemmt über das Gesicht liefen.

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Zu Hause

„Wir sind da“, weckte der Taxifahrer Vera und Sarah, als er das Taxi vor ihrem Haus zum Stehen gebracht hatte. Die Anspannung der letzten Wochen forderten ihren Tribut und so hatten die beiden die Fahrt verschlafen.

„Was? Ah!“, wachte Vera auf und weckte Sarah.

„Liebes, wir sind zu Hause.“

Jetzt wachte auch Sarah auf und sie stiegen aus. Der Fahrer half noch, die Koffer ins Haus zu stellen und bekam dafür ein saftiges Trinkgeld.

Als der Fahrer die Tür geschlossen hatte, umarmte Sarah ihre Vera und hielt sie fest umschlungen.

„Ich bin zu Hause, Liebes. ICH, SARAH SCHLOSSER, LEBE UND BIN ZU HAUSE, BEI MEINER FAMILIE!“

„WIR sind zu Hause, mein Schatz.“

Endlos standen die beiden, sich gegenseitig festhaltend da und vergaßen alles um sich herum.

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TEL AVIV

Wie gerne hätte Dana jetzt Randy an ihrer Seite gehabt, doch der war seit drei Tagen wieder in Deutschland und musst seinem Job nachgehen.

Dana stand vor Lems Schreibtisch und wartete, während Lem sie durchdringend ansah.

„Also, habe ich das richtig verstanden?“, begann Lem. „Sie und Kaufmann hatten beschlossen, die Formel zu vernichten?“

„Ja.“

„Um jeden Preis?“

„Ja.“

„Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie Befehl die Formel sicherzustellen, von Vernichten war nie die Rede.“

„Ich kannte meine Befehle.“

„Sie wussten also, dass Ihr Entschluss die Formel zu vernichten, gegen Ihren Befehl sprach und dennoch haben Sie die Formel vernichtet?“

„Ja, Colonel.“

„Sie haben eine Gewissensentscheidung über Ihren Befehl gestellt?“

„Das ist korrekt, Colonel.“

Lem schwieg einen Moment, dann holte er ein Schriftstück aus einer Schublade des Schreibtisches hervor.

„Frau Stern, beim Geheimdienst geht es nicht um Gewissensentscheidungen. Ihre Vorgesetzten müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Befehle und Anweisungen umgesetzt werden und nicht nach eigenem Ermessen geändert werden.

Sie verstehen sicher, dass für Menschen, die so denken wie Sie, kein Platz beim Geheimdienst ist. Hier!“ Er schob das Schriftstück in Danas Richtung. „Das ist Ihr Auflösungsvertrag. Ich rate Ihnen, unterschreiben Sie freiwillig, bevor ich Sie rauswerfe.“

Dana stand da wie vor den Kopf geschlagen. Nur langsam realisierte sie, was Lem ihr gerade gesagt hatte, dann fühlte sie eine ungeahnte Wut in sich aufkommen.

Das ist also der Dank! Du rettest die Welt und als Dank bekommst du einen Arschtritt!

Lem beugte sich vor und hielt ihr den Stift hin.

„Sagen Sie mir, Frau Stern, war es das wert?“

Er stellte ihr dieselbe Frage zu zweiten Mal, doch diesmal ließ sich Dana nicht einschüchtern. Wütend trat sie vor und riss ihm den Stift aus der Hand.

Ohne das Schriftstück durchzulesen, unterschrieb sie, dann warf sie Lem den Stift zu.

JA, VERDAMMT! Das war es! Ja, das war es wert! Und damit Sie es wissen, Colonel! Sie können mich!“

Lem saß da und biss die Zähne aufeinander, während seine Mundwinkel verräterisch zuckten.

Statt zu explodieren, grinste er und schob Dana einen Zettel hin.

„Sie haben Urlaub. Am Montag in zwei Wochen, melden Sie sich bei dieser Adresse. Ich rate Ihnen pünktlich zu sein. Dagan hasst es, wenn eine neue Nichte zu spät kommt, besonders wenn diese sich aussuchen darf, wo sie arbeitet.

Und jetzt… raus!“

Als Dana immer noch halb überrascht, wütend und aufgewühlt aus Lems Büro kam, wurde sie von Fabienne und Iduna umringt, die natürlich ÜBERHAUPT NICHT mitbekommen hatten, was in Lems Büro vor sich ging.

„Wir haben eine neue Schwester“, lachte Iduna.

„Scheint so“, stimmte Fabienne zu. „Also neue Schwester, zufällig kenne ich in Deutschland ein richtig gutes Team, das etwas Verstärkung braucht. Ich meine, nur für den Fall, dass du dort gerne arbeiten möchtest.“

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Zu Hause

Frank saß seit fünf Minuten da, ohne ein Wort zu sagen und starrte Caroline und mich an.

Irgendwie kannte ich diesen Gesichtsausdruck von Frank noch nicht und das machte mir etwas Angst. Sonst, wenn er minutenlang still saß, kamen gewöhnlich ein Anschiss und ein Donnerwetter und die kannte ich nur allzu gut. Aber diesmal…

NEIN!“, sagte er nur.

„Nein? Nein, was?“, fragte ich überrascht.

Caroline und ich hatten es uns mit unserer Entscheidung nicht einfach gemacht, doch für uns beide kam ein Weiterarbeiten als Henker nicht mehr in Frage.

Wir hatten genug davon!

Als ich mir die Liste der aufgehobenen Todesurteile, die wöchentlich länger wurde, durchlas, wurde mir beinahe übel. Von den Todesurteilen, die mit Sicherheit zu Unrecht verhängt wurden, hatte ich selbst fünf Todesurteile vollstreckt, Caroline zwei.

Dazu kamen noch einmal sechs, die noch nicht vollstreckt waren, aber in meinem Trakt einsaßen. Und das alles wegen einem Idioten, der Karriere auf Kosten unschuldiger Leben machte.

Mit dieser Liste waren wir zu Frank gegangen und hatten ihm gesagt, dass wir den Job hinwarfen. Und nun kam ein NEIN!?

„Caroline hat eine sichere Versorgung. Als Dagans Nichte muss sie sich keine Sorgen um fehlende Dienstzeiten machen. Du schon!

Du hast noch fünf Jahre, bis du ohne Abzüge gehen kannst. Ich lasse nicht zu, dass du 35 Dienstjahre einfach wegwirfst.“

„Wir werden diesen Job nicht mehr ausüben! Ganz egal, was du sagst!“

„Das verlangt auch niemand von euch!

Fransiska hat mit ihren Enthüllungen über Trommer eine Lawine losgetreten, die das ganze Land in Aufruhr versetzt hat. Zum ersten Mal sieht es so aus, als ob die Befürworter für die Abschaffung der Todesstrafe eine solide, politische Mehrheit zusammen bekommen. Jedenfalls sind alle Todesurteile ausgesetzt, bis man in der Politik eine Lösung gefunden hat.

Jedenfalls, da bin ich mir sicher, wird es keine neuen Todesurteile geben.

Sarah wird die Leitung ihres Gefängnisses übernehmen, dein Trakt wird mit dem Trakt von Richard Facher zusammengelegt und Facher wird der neue Leiter.“

„Meinen Trakt? Was ist mit mir?“

„Das Ministerium stellt eine Sondergruppe zusammen, welche die Vorfälle untersucht, die zu den Fehlurteilen geführt haben, sowie über das weitere Vorgehen, Strafen und Umwandlung von Urteilen berät. Auch ohne Todesstrafe werden wir kaum arbeitslos werden. Jedenfalls habe ich einen Experten zu der Gruppe abzustellen. Das ist ein Job, der verdammt viel Diplomatie und Fingerspitzengefühl erfordert. Deswegen wird Caroline den Job übernehmen!“

„Und ich?“

„Ich habe mit dem Gedanken gespielt, dich Decker zuzuteilen, doch irgendwie glaube ich, würde das nicht gut gehen. Jedenfalls nicht gut für dich!

Nein, durch den Aufwand, der entsteht, muss ein neuer Verwaltungsposten geschaffen werden, den du übernimmst. Deine Aufgabe wird es sein, die Vorschlage der Expertengruppe zu testen und umzusetzen.“

„Bullshit! Das ist total öde und langweilig!“

„Es ist wichtig! Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann und der weiß, wie man Hindernisse beseitigt oder notfalls umgeht! Außerdem… Auf dem Posten kann ich dich ab und an entbehren, falls ihr zwei wieder einmal in der Welt unterwegs seid.“

Ich schaute zu Caroline, die mich anlächelte und nickte.

„Also gut. Danke, mein Freund.“

„Und jetzt, wenn ihr gestattet, habe ich noch einen ganzen Aktenberg abzuarbeiten.“

Grinsend standen wir auf und Caroline küsste Frank dankbar, bevor wir ihn mit seinen Akten alleine ließen. Draußen vor der Tür nahm ich Caroline in den Arm und küsste sie.

„Was meint Frank damit, falls wir mal wieder in der Welt unterwegs sind?“

„Oh Peter …“, sagte Caroline und küsste mich.

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Ende dieser Geschichte…

 

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