In nur einer Nacht – Teil 1

„SCHEISSKERLE, ihr verdammten SCHEISSKERLE! VERPISST EUCH BLOSS VON HIER“ schrie sie es ihnen direkt in ihr dämliches Gesicht.
Mit zugeschlagener Tür und kreischenden Reifen bretterte der schwarze Caravan vom Gelände.
„VERDAMMTE VOLLIDIOTEN! FICKT EUCH!“ Alle Zeichen standen für den Beginn eines gründlichen Tobsuchtsanfalles.
„AHHHH NEIN…AUCH DAS NOCH! JETZT FÄNGST NOCH AN ZU PISSEN!“ Ihr hautenges Shirt allein bot sicher nicht mehr lange Schutz vor dem immer dicker werdenden Tropfen.
Sie zitterte am gesamten Körper und man konnte es bereits erahnen wie es ihr fröstelte.
„Sollte ich Ihr meine Hilfe anbieten?“
„Vertraue einfach deinem Instinkt und benutze deinen Verstand.“ dachte ich und tat es ab als eine verrückte Idee. Es wird sich schon jemand um sie kümmern. Eine Frau, ein Mann, es kommt zu einem Streit und am Tag darauf ist alles wieder im Lack.
„So ist es doch meist.“ Und beruhigte mich.
Doch war er es, mein Verstand, der es mir unmöglich machte, in mein Auto zu steigen, den Motor zu starten und davon zu fahren. Vielleicht mochte ich mich auch täuschen , aber etwas an ihr machte den Eindruck einer kalten, fast schon ohnmächtigen Furcht. Ich war mir daher auch ziemlich sicher, dass sie nicht auf mein Angebot, sie bei diesem Sauwetter in meinen Wagen zu bitten, eingehen würde. Kein Plan was da gerade abging. Sicher aber, um kein erneutes Risiko einzugehen.
„Hey Du, das mache ich sonst nicht sonst so. Aber es scheint als konntest Du Hilfe gebrauchen?“ Hatte ich etwas dabei zu verlieren? Die Antwort wäre ein eindeutiges NEIN.
Ich wendete mich ihr zu und versuchte meine Anspannung und die Aufregung, vor allem die in meiner Stimme unter Kontrolle zu bringen.
„Übrigens, ich bin Stephan.“
„Hi, kein Ding, ich bin Nina, sag doch einfach nur Nina.“ antwortete sie spontan und dennoch abwesend.
Denn so wie sie mich anschaute, machte es mir schon sehr den Eindruck, als hätte sie längst jeden klaren Gedanken daran aufgegeben wie es mit ihr in dieser Nacht weitergehen würde.
„Hey Nina, kein Problem. Los hüpf rein, sonst sind wir gleich pitschnass.“
Bereits bis auf die Haut spürte ich meine nassen Klamotten und war mir auch ein wenig sicher, das Nina mir dankbar für mein Angebot war. Ich startete dem Motor und schon bald stieg eine wohlig warme Luft aus den Lüftungsschächten.
Warum mir ihr goldglänzendes Armbändchen, das sie an ihrem Handgelenk trug, auffiel, weiß ich nicht. Nur halt merkwürdig, als sie es plötzlich abnahm, die Tür meines Wagens öffnete, ihren Arm ausstreckte und es zu Boden fallen ließ.
Ganz zweifellos sah ich Nina dabei sehr verwundert an.
Ich gestand, dass sie mir gefiel. Ein außergewöhnlich gutaussehendes Mädchen und mein Gehirn begann sofort alles an ihr an einer bestimmten Stelle abzuspeichern.
Dazu gehörte ganz sicher ihr traumhaft schönes Gesicht, das durch den Regen in langen Strähnen herabfallende, blonde Haar, ihr wohlgeformter toller Busen, der durch ihre nasses Shirt erhob und so herrlich prall hervor stand.
Für Sekunden dachte ich einfach nur, mir steht hier gerade eine atemberaubende Frau zum Greifen nahe gegenüber. Doch für diesen Moment sollte es das sein, die paar, wenn auch süßen Kleinigkeiten, die ich an ihr entdeckte. Für alles Andere wäre es einfach noch der falsche Zeitpunkt. Doch kein Zweifel, dass ich sie jetzt schon verdammt gerne umarmt hätte.
„Das Beste wäre, diese Schweine lassen sich nie wieder bei mir blicken.“ und rümpfte angewidert ihre Nase.
Süß sah sie aus wenn sie so wütend war.
„Freunde da gerade? Ein schlimme Geschichte? Willst Du drüber reden?“
„Ne, nicht wirklich.“
„Ja natürlich, ich verstehe.“ und für eine Weile schwiegen wir.
Zwischenzeitlich hatte es aufgehört zu regnen. Das beunruhigte mich, denn ich dachte zunächst, sie würde nun ihren Weg allein weiter fortzusetzen.
Es war bereits 4.00 Uhr morgens und eigentlich standen die Zeichen bisher für einen entspannenden Abend. Der Club war gut gefüllt und ich, ja für mich wurde es Zeit mal wieder unter Leute zu kommen. Allmählich leerte sich auch der Parkplatz vor dem Club, auf dem wir immer noch mit laufendem Motor standen.
Ich dachte, ich machte es kurz. Ich brächte sie wohin sie will und das war es dann eben. Und wir würden uns nie oder vielleicht irgendwann mal durch einen Zufall wieder sehen.
„Wer weiß so was schon.“ dachte ich.
Doch die Möglichkeit, sie mit zu mir zu nehmen schien mir zunächst völlig absurd.
„Du, verstehe mich richtig, aber ich will heute Nacht nicht allein sein.“
„Nein warum, also wenn Du willst?“
„Was denn?“ erwiderte sie mit einem süßen Lächeln in ihrem Gesicht.
„Also wenn Du willst ist bei mir heute Nacht sicher auch genug Platz für uns Beide.“
Oh je, jetzt war es raus.
Wusste es der Himmel, welcher Teufel mich gerade ritt. Bis gerade eben noch konnte ich es mir beim besten Willen nicht vorstellen, mit ihr heute Nacht meine eigenen vier Wände zu teilen.
Mein Herz sprang bereits jetzt schon im Dreieck und mein Gesicht glühte vor Erregung.
Jeder meiner Blicke klebte bereits an ihr und mein Atem stolperte, als sich ihre prallen Brüste bei jedem Atemzug erhoben.
Dann setzen auch wir uns endgültig in Bewegung und beim Verlassen des Parkplatzes kamen uns immer noch ein paar Leute und Pärchen entgegen. Ich sah herüber zu dem hell erleuchteten Eingang des Clubs, vor dem immer noch die selben gelangweilten Türsteher seit Stunden auf und ab gingen. Dann waren wir fort. Noch einmal schaute sie sich um, als wollte sie sich vergewissern, dass uns auch niemand beobachtete, als wir uns Auf und Davon machten. Wie ausgewechselt war auch plötzlich so was wie ein Lächeln in ihrem hübschen Gesicht zu erkennen, als ich für einen Bruchteil von Sekunden zu ihr herüber sah.
„Danke Stephan, hatte ich das schon gesagt? Dass Du das machst für mich?“
„Nein nein, ist schon okay Du.“ erwiderte ich.
„Störe ich auch nicht? Na Du weißt schon.“
„Tust Du nicht. Niemand da der wartet.“
Ein Mädchen mit mir allein in meiner Wohnung. Ich begann zu grübeln,wie lange das nun schon her war und Nina, ja, sie gefiel mir auf Anhieb. So etwas wie Faszination auf den ersten Blick? Oder war es ihre etwas, na ja , prekäre Situation, die ich mir auch ein wenig dabei zu Nutze machte? Sicher von Beidem etwas, aber es war mir egal denn ich glaubte, was das betrifft schon seit einiger Zeit nicht mehr so wirklich an Zufälle. Aber das hier schien wirklich ein schöner und geiler Zufall zu sein. Ich dachte, das Blödeste was ich jetzt tun könnte wäre sie danach zu fragen, was da vorhin abgelaufen war. Sie zu fragen, wer die Typen waren, die es plötzlich so eilig hatte davonzukommen und sie einfach haben stehen lassen. Dann streckte sie ihren Arm zu mir aus und streichelte sanft über meine Wange.Ich versank widerstandslos in diesem Gefühl, das mir während unserer Fahrt durch die Nacht durch jedes meiner Glieder fuhr.
Ich hatte sie jetzt schon gern und das schon nach so kurzer Zeit. Um es genau zu sagen nach Stunden, doch ich wollte auch vorsichtig und behutsam sein. Sicher ist man das, wenn man gerade, wie ich eine Frau kennenlernte und das noch auf eine doch eher ungewöhnliche Art und Weise. Das ließ. sich, so sehr ich mich auch wieder danach sehnte, nicht bestreiten. Gleich da vorne die Straße rechts rein und dann noch ein kleines Stück weiter geradeaus da wohnte ich. Eine dunkle, aber dafür ruhige Seitenstraße. Ich war mir ziemlich sicher, wir Beide hatten jetzt nur noch den selben Wunsch. Raus aus unseren Klamotten,die immer noch nass und klamm waren und die Nina fast schon wie eine zweite Haut einhüllten, so dass die Nippel ihrer Brust, die gerade hart hervorzustehen schienen, deutlich zu erkennen waren.      Scheinbar gefiel es Nina bei mir. Und da es bereits fast 6.00 Uhr morgens war sehnten wir uns  nach etwas Schlaf. Trotzdem interessierte sie sich zuerst für jedes Detail  meiner Wohnung, vor allem für das Bad. Ich zeigte ihr, wo alles, was man jetzt für ein heißes Duschbad so brauchte zu finden war. Ich wollte das sie sich in meiner bescheidenen Hütte einfach nur wohl und sicher fühlte. Handtücher, ein Duschgel, alles lag für sie bereit während ich mir schon ernsthaft überlegte, wo ich wohl heute den Rest der Nacht verbringen würden. Na ja, irgendwo musste sie ja schlafen. Vielleicht nehme ich die Couch und überlasse ihr mein Bett? Unsere Blicke tauschten sich ständig als sie das Bad betrat. Nicht das es meiner Aufmerksamkeit entgangen wäre, aber Nina ist eine besonders attraktive Frau, fast schon exotisch und das erregte mich auf eine ganz besondere Weise. Ich stellte mir bereits vor, wie gerade das Wasser ihren nackten Körper herab perlen würde. Wäre es doch ein Leichtes gewesen, aus irgendeinem Grund das Bad zu betreten und ich würde sie sicher in diesem feinen Nebel, der bereits das gesamte Bad einhüllte mit meinen Blicken verschlingen.
„Kein Problem, wird Dir sicher gut tun.“
„Hey Stephan, was ist mit Dir? Willst Du nicht? Es ist herrlich.“
„ Ja, ist glaube das ist eine gute Idee.“
Ohne mich gerade selbst betrachten zu können, strahlte ich. An meinem mächtig herangewachsenen Glied, das bereits wie eine Lanze aufrecht stand, war beim Betreten des  Bades jetzt nichts mehr zu ändern. Erneut treffen sich unsere Blicke als ich die Dusche öffnete und Nina, die  sich ein kleines Grinsen einfach nicht verkneifen konnte, blickte schnell dabei in eine andere Richtung.
„Danke Stephan, ich hätte nicht gewusst was ich getan hätte ohne Dich.“
Hey, jetzt bis Du erst mal hier und in Sicherheit.“ entgegnete ich ihr.
In diesem Moment reinster Erregung versprach ich ihr sogar so lange bleiben zu können wie sie es nur wollte. Zu zweit war es ziemlich eng in der Dusche und so ließen sich die dauernden Berührungen unsere Körper nicht vermeiden. Zweifellos waren es ihre Hände, die von meinem Gesicht, entlang meiner Arme, über meinen Körper bis herunter zu meinem Glied entlang glitten.
Es waren ihre strahlenden, blauen Augen, in die ich dabei tief blickte, ihr amazonenhafter Körper, an dem das Wasser wie ein feiner Rinnsal herab perlte. Wie zu einem neuem Leben erweckt, traten wir aus der Dusche und hüllten uns in ein riesiges Badehandtuch. Die Fliesen unter unseren Füssen waren nass und kalt. Ich küsste ich sie auf ihre Wange.
„Das kannst Du doch sicher noch besser.“ flüsterte mir Nina mit einem schelmischen Lachen zu.
Unweigerlich segelte das Tuch zu Boden, als ich meine Hände in ihren Nacken legte und sie widerstandslos so nah an mein Gesicht heran zog, bis sich unsere Lippen zärtlich berührten. Ihre plötzlich so riesigen blauen Augen sahen mich an bei einem wunderschönen Kuss.
Na ja, ich wusste halt im Moment nicht mehr so genau, wie lange es her war, dass mich eine Frau so küsste wie Nina in diesem wunderschönen Augenblick. Wie in einem Rausch, besessen von uns und blind vor Geilheit stolperten wir geradewegs in mein Schlafzimmer und ergriffen Besitz von uns.
Unersättlich auf unsere Körper, auf hemmungslosen Sex, nach dem wir uns sehnten. Noch bevor ich Nina küsste, nahm ich ihr feuchtes Haar aus ihrem glücklichen Gesicht.Während sie bereits zu meinem mächtig herangewachsenem Glied griff und es  bei weit geöffneten Schenkeln langsam in ihrem Unterleib versenkte. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir miteinander und ineinander gekommen waren, bevor wir uns die Decke bis an unsere Ohren zogen, uns gegenseitig wärmten und Arm in Arm einschliefen.
Sicher war es bereits zur Mittagsstunde, als ich allmählich meine Augen öffnete. Nur gut, dass ich es gewöhnt war mit wenig Schlaf auszukommen und so war ich der Erste, der auf den Beinen war. Als ich mich jedoch zu Nina drehte, sah ich, wie sie noch immer auf dem Bett lag
„Ich glaube dann werde ich wohl wieder gehen. Danke für alles.“
„Nein, Du kannst bleiben. Es ist mein Ernst. Bitte bleib, von mir aus so lange Du willst.“  Nina lächelte mich an und warf mir einen Kuss zu.
Und sie blieb
Doch gab es da doch noch eine Sache. Außer ihrer Kleidung, die sie gestern trug und einer kleinen ledernen schwarzen Tasche, die mit Stresssteinen besetzt war, hatte sie ja nichts bei sich. Das wollten wir auf jeden Fall schleunigst ändern.Am besten gleich nach einem gemeinsamen Frühstück, für das ich glücklicherweise gut vorbereitet war. Ja, meist freitags nach meiner Arbeit tauchte ich noch in irgendeinem Supermarkt unter und deckte mich mit dem Nötigsten ein. Und so ließen wir uns es schmecken.
Nina sah mit ihren blonden Haaren und ihren blauen Augen einfach super aus. Sie wirkte in dem Augenblick, als ich ihr den Becher mit frischem Kaffee reichte so unglaublich anziehend auf mich. Sicher war auch ihr bewusst, welche Wirkung sie auf mich hatte.
Vielleicht hätte so mancher Mann einfach nicht den Mut gefasst sie anzusprechen. Doch ich tat es und ich war mir auch sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, sie erst einmal hier bei mir wohnen zu lassen.
Nach unserem gemeinsamen Frühstück griff Nina zu ihrer Tasche und zog ihr Handy hervor. Während ich mir derweil noch einen Becher Kaffee gönnte, der mir heute Morgen wirklich mal gut gelungen war, verschwand sie in das Wohnzimmer und ich hörte sie telefonieren. Ich genoss den Kaffee Schluck für Schluck während ich versuchte, ein paar Wortfetzen des Telefonats einzufangen.
„Du, lass Dich nicht stören, ich geh mal ins Bad.“ und verschwand dort, wo ich sie gestern zum ersten Mal in den Arm nahm und sie küsste.
„Stört es Dich nicht? Ich würde auch gleich noch gerne.“ flüsterte sie mir zu, während sie ihr Handy mit ihrer rechten Hand fest an ihr Ohr drückte.
Selbst von hier aus konnte ich hören, dass das Gespräch zunächst hektisch und aufgeregt verlief. Erst mit lauter Stimme, dann wieder ganz leise, so dass ich kein Wort von dem verstand. Doch ich war fest entschlossen, das allmähliche Vertrauen ,dass wir in dieser phantastischen Nacht aufgebaut hatten nicht sofort aufs Spiel zu setzen und blieb so lange im Bad, bis sie plötzlich  unbemerkt in der Tür stand, mich ansah und mir dabei zulächelte.
Zuerst dachte ich, um von dem erregten Telefonat abzulenken. Es war mir egal. Sie war hier, hier bei mir und nur das zählte. Bei unserer Umarmung und einem Kuss spürte ich sie. Die Wärme ihres Körpers. Eingehüllt und  gefangen in ihrem betörenden Duft raubte sie mir Stück für Stück den Verstand.
„Ach so ja, das war Britta, meine beste Freundin. Sie hat sich nur Sorgen gemacht wo ich bin.“ erklärte Nina.
„War sie auch gestern Abend dabei?“ fragte ich sie etwas neugierig und wissbegierig.
„Ja, ist aber schon eher mit einem Typen abgehauen. Wir können sie gleich treffen. Sie packt mir gerade ein paar Sachen zusammen und wir können alles bei ihr abholen.“
„Bin dabei, kein Ding.“ entgegnete ich ihr.
Während ich Nina das Bad überließ, schlüpfte ich derweil in meine Klamotten.Vom Schlafzimmer aus gelang es mir, hin und wieder einen Blick rüber in das Bad zu werfen. Zweifellos, dieses Mädchen konnte einem Mann gefährlich werden. Sicher aber auch ungeachtet der Gefahr, die nur ganz allein von ihr ausging, von ihrer unfassbaren Schönheit. So mancher könnte schon auf dumme Gedanken kommen wenn man sie so ansah. Ich war glücklich darüber, in der kommenden Woche frei zu haben und sie nicht allein lassen zu müssen. Eine Gewissheit, die mich wirklich tief beruhigte. Eine Weile später waren wir dann auch so weit. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber merkwürdig war es schon. Beim Verlassen des Hauses blickte Nina, noch bevor sie in meinen Wagen stieg, wie gestern vor dem Club in alle Richtungen, fast, als wollte sie wiedermal ganz sicher gehen, von Niemanden hier beobachtet zu werden.
„Was ist mit Dir Stephan? Können wir?“  Sicher hatte sie meinen fragenden Gesichtsausdruck längst bemerkt.
„Ja lass uns los damit wir schnell wieder zurück sind.“ Ich wollte es schnell hinter mich bringen um den Rest des Tages mit ihr gemütlich in meiner Wohnung zu verbringen. Es begann auch wieder zu regnen und ich dachte, außer einer gemütlichen Couch wäre das auch der sicherste Ort für sie. Warum auch immer.
„Die Straße erst mal eine Weile gerade aus.“ wies Nina mir den Weg und wir setzten uns langsam in Bewegung.
Ich weiß nicht, ob es nicht noch viel zu früh war um von Liebe zu sprechen. Sicher war nur,sie war da und ich hoffte, dass sie nicht wieder gehen würde. Klar, ich hatte sie verdammt gerne, das ließ. sich nicht mehr bestreiten.Und wie gerne hätte ich es ihr gestanden doch ich wollte unsere kleine Beziehung nicht gefährden. Auf keinem Fall sollte sie spüren, dass es letztlich auch ihre Hilflosigkeit war, die uns zueinander geführt hatte.  Ich fühlte mich ihr gegenüber so verpflichtet und war schrecklich aufgeregt zu gleich.
„Gleich da vorne nach links und wieder geradeaus.“ warf Nina ein.
„Okay, Du weißt den Weg.“ entgegnete ich ihr und streckte für Sekunden meine Hand nach ihr aus.
Der Weg führte uns immer mehr und mehr an Stadtrand. Ich kannte die Gegend hier. Sie galt als sehr vornehm und eine glänzende Fassade der Häuser jagte im Vorbeifahren die Andere.
„Hey Stop, wir sind da.“
Ich hielt an und staunte zunächst nicht schlecht.
„Sieh mal, da vorne ist Britta.“ und Nina lächelte.
Dann öffnete sich die Tür meines Wagens. Nina sprang heraus und ohne die Straße zu beachten flogen sich die zwei Frauen in die Arme. Zugegeben, Ninas beste Freundin Britta war wirklich mit ihren rostroten Haaren und ihrem sommersprossigen Gesicht ein echter Blickfang, jedenfalls für so manchen Mann. Ich versuchte den Kuss, den die Beiden sich bei ihrer Umarmung gaben zu ignorieren und rührte mich nicht von der Stelle. Erst auf Ninas Zuwinken näherte ich mich langsam diesen zwei überaus attraktiven Frauen, ihre Blicke auf mich gerichtet.
War es das nun?
Würde Nina mir jetzt beichten, dass sie bei Britta bleiben will?
-Danke für Deine Hilfe und für eine tolle NachtVielleicht noch ein letzter Kuss?
Ich bewegte mich wie mechanisch auf die Beiden zu, gefasst und hoffentlich würde man meine Enttäuschung nicht allzu deutlich im meinen Gesicht erkennen, wenn wirklich der Moment des Abschieds gekommen wäre.
„Hi, Du bist also Stephan. Ich bin Britta, schön Dich kennenzulernen.“ Ich küsste Britta hauchdünn zur Begrüßung auf ihre Wange.
Zuerst betraten die Mädchen und anschließend ich die Villa. Ein wirklich prächtiges Haus und das war noch die absolute Untertreibung. Mit einem Salon, in dem ein wohlig wärmendes Kaminfeuer vor sich hin loderte. Eben alles das, was ich mit einem Wort als einen „Goldenen Käfig“ bezeichnen würde.
„Hey Britta, Stephan. Ich freue mich.“
Endgültig beruhigt und meiner Sache sicher war ich erst, als Nina mich auf zwei prallgefüllte Reisetaschen, ein wahrer Berg vom Hosen, Jacken und Mänteln und etliche Paar Schuhe und Stiefel aufmerksam machte.
Also her mit dem ganzen Zeug und nichts wie weg von hier. Je eher, je besser. Es war nicht meine Welt und hoffte auch nicht die ihre. Warum sonst sollte sie das alles hier aufgeben. Einen Palast gegen meine bescheidene Hütte eintauschen? Ich nutzte die verbleibende Zeit um diesen Berg an Houte Couture Ausstattung in meinem Wagen zu verstauen aber immer wieder zwischendurch mit aufforderndem Blick zu Nina, endlich die Platte zu putzen.
Die Beiden hatten sich dennoch eine Menge zu erzählen obwohl sie sich doch gestern erst in diesem Club gesehen haben mussten.
Dann war er da.
Der Moment ihres Abschiedes von Britta.
Aus ihrer Welt der Reichen und Schönen.
Ein letztes Mal fielen sich die Zwei zum Abschied in die Arme.
„Pass auf sie auf, versprich es.“ gab mir Britta auf den Weg.
„Das werde ich, so gut ich kann, ich verspreche es.“ schwor ich ihr.
Ihre Stimme klang belegt, fast etwas angstvoll. Dann wendete sie sich ab von mir als wäre es ein Abschied für immer und von Nina, die bereits in meinem Wagen saß.
„Schwöre es, lass sie niemals länger allein als es wirklich sein muss.“
„Ich schwöre es.“ antwortete ich ihr nun doch etwas verstört.
„Vergiss das nie, ja?  Bitte nie, niemals! Und jetzt geht. Es ist besser wenn ihr jetzt verschwindet.“
Wir waren zurück, wieder zu Hause.
In meiner Wohnung.
Meine Gegend aus der ich komme.
Spätestens jetzt wusste, wohin ich wirklich gehörte und das war auch gut so. Wichtig war nur, dass Nina ohne zu zögern mit mir kam. Alle meine Gedanken und Sorgen, dass sie mich wieder verlassen würde waren grundlos.
Nur heraus aus diesem goldenem Gefängnis, dass ganz sicher nicht ihr zu Hause war. Wo immer sie auch herkam, aus welcher Familie oder aus welcher Stadt, es war Britta, die sie hier aufnahm und wohnen ließ. Und nicht zuletzt war es nicht zu übersehen, dass die Beiden sich gut verstanden. Vielleicht sogar mehr als nur das. Mir erschien es, als war das der  Hauch von Liebe zwischen zwei sehr attraktiven Frauen.
Durch Nina füllte sich meine Wohnung mit neuem Leben. Sie trug auch schon wieder eine Jeans und ein Shirt so wie es mir an ihr gefiel. Eben ein ganz normales Mädchen wie ich es mir immer vorstellte und dennoch so unfassbar schön. Solange sie hier bei mir war fühlten wir uns sicher. Mir war klar, dass das nicht immer so bleiben konnte. Der Tag würde ganz sicher kommen, an dem ich sie allein lassen müsste, spätestens dann, wenn ich mich sehr früh morgens auf den Weg zu meiner Arbeit machen würde. Ich dachte, es wäre erst einmal besser, niemandem von ihr zu erzählen und das sie jetzt hier bei mir war.
Brittas letzten Worte zu unserer Verabschiedung besorgten mich sehr. Und je mehr ich darüber nachdachte, je mehr nahm ich mir vor, sie vielleicht zur Rede zu stellen. Doch das würde bedeuten in dieses Haus zurückzukehren. Und wenn, dann allein, ohne Nina und wer weiß was mich erwartete. Ich verwarf den Gedanken auf der Stelle. Vielleicht täuschte ich mich und sie meinte es nur gut mit uns Beiden. Wünschte uns Glück. Nina gehörte jetzt zu mir.
So eine Art Trennungsschmerz. Ich wusste es halt nicht besser.
Für mich klangen ihre Worte bedrohlich, wie eine eindeutige Warnung. Angst um Ninas Sicherheit machte sich breit und ich hoffte, dass ich mich gründlich irrte. Es war Herbst und die Dunkelheit fiel schlagartig über die Stadt herein. Tief genoss ich es, dabei zuzusehen, wie sich Nina mehr und mehr bei mir einrichtete bis tatsächlich alle ihre Sachen irgendwo verstaut waren. Ein wahres Kunststück, dass sie da vollbracht hatte. Ich spürte bereits mit einer großen Genugtuung, wie sich mein Leben in nur einer Nacht von Grund  auf änderte.
Doch war es halt nicht mehr als ein Trugschluss anzunehmen, dass wir von nun an jeden Weg gemeinsam gehen würden, um uns halt nicht, und sei es für nur noch so kurze Zeit, aus den Augen zu verlieren. Jedes mal, wenn ich das Haus verließ, und sei es auch nur für einen Moment, standen wir erst eine Weile einfach nur so da, sahen uns an, nahmen uns in die Arme, küssten uns und ich ging, fast immer mit den selben Worten.
„Ich geh dann mal, es dauert sicher nicht lange.“
Und fast immer bat sie mich.
„Beeil Dich mein Schatz, ja? Versprichst Du es?“
Jedes mal kämpfte ich mit aller Gewalt gegen dieses Gefühl sie allein lassen zu müssen und ich versuchte mir vorzustellen was dabei in ihr vorging. Meistens raste ich durch die Straßen, rannte durch die Fußgängerzonen und hetzte durch die Läden ohne jeglichen Blick und Beachtung für meine Umwelt. So wie heute. Mal eben auf einen Sprung runter in die Stadt und während ich auf dem Parkplatz des Konsums gerade ein paar Einkäufe im Wagen verstaute, näherte sich zur gleichen Zeit mit langsamer Fahrt eine sportliche Edelkarosse, gesteuert von einer sehr eleganten Frau mit rostroten Haaren und sommersprossigem Gesicht. Ohne jeden Zweifel, es war Britta, und für einen Moment sah ich meine Chance zum Greifen nah mich ihr zu erkennen zugeben. Ich winkte zu ihr herüber.
„Hi Britta, was für ein schöner Zufall.“ begrüßte ich sie etwas verlegen.
„Hey Stephan. Allein?. Wo ist Nina?“ fragte sie mich irritiert und sah mich ernster Mine an.
„Zu Hause. Ich bin auf dem Weg zu ihr.“ versuchte ich mit leicht erregter Stimme zu schlichten.
„Hast Du vergessen was ich Dir gesagt habe?“
Ihre Stimme klang dabei ermahnend. Doch ich dachte, in ihren Augen tatsächlich so etwas wie Besorgnis zu entdecken. Und diesmal hatte ich das Gefühl, dass sie nicht nur um Nina sorgte, sondern um uns Beide. Tatsächlich begann ich ihr zu vertrauen, mehr als bei unserem ersten Treffen in ihrer Burg, bestehend aus Glanz und Glimmer, dass sie dazu noch als ihr zu Hause bezeichnete. Es war windig und recht kühl und ich bat Britta zu mir in den Wagen zu steigen.
„Habt ihr es hier zum Ersten mal getan?“ fragt sie und lächelte mir zu.
„Was meinst Du? Ach so dass…nein nicht hier.“ Ich war felsenfest davon überzeugt, sie wusste was passiert ist.
Fast vergaß ich die Zeit und Nina wartete in meiner Wohnung auf mich. Aber wann bekäme ich noch einmal die Möglichkeit dazu Britta allein zu treffen und ich wollte auch fest daran glauben, dass sie die richtige Freundin für Nina ist. Auch ich wäre sicher gern befreundet mit ihr und so blieb ich. Doch die Stimmung wechselt von Minute zu Minute, während wir miteinander reden und dabei auch immer wieder die vorbeiziehenden Menschen durch die Windschutzscheibe des Wagens beobachteten.
„Du musst sie schützen. Und nicht nur sie sondern auch Dich. Du verstehst mich?“
So schrecklich selbstbewusst und  selbstsicher, wie Britta mir in diesem Moment vorkam, so deutlicher wurde sie.
„Vielleicht wenn wir mal einer sagen würde was eigentlich los ist?“
„Später Stephan.Wenn die Zeit gekommen ist und sie bereit ist es Dir zu erzählen.“
„Von was redest Du?“ entgegnete ich etwas verärgert.
„Warte noch ein wenig, aber treib sie nicht. Das wäre ein Fehler.“
Zugegeben, es war meine volle Absicht sie mit etwas mit lauterer Stimme zu provozieren um endlich die ganze Wahrheit aus ihr herauszulocken.
Bisher tappte ich völlig im Dunkeln, so als wäre es ihre Absicht, mich ahnungslos da stehen zu lassen. Ich sah also keinen anderen Ausweg als Britta zu bitten mir die ganze Geschichte zu erzählen. Und ich hoffte, sie tat es schonungslos und ohne jegliche Umschweife. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Etwas zu erfahren dem ich nicht gewachsen war.
„Du willst es nicht anders also höre mir jetzt ganz genau zu Stephan. Du musst wissen, dass es ein paar Leute gibt, die Nina und auch noch etwas Anderes als ihr Eigentum betrachten. Und wenn einem etwas gehört, dann will man es auch wieder haben. Um jeden Preis und sei er auch noch so hoch. Hast Du das verstanden?“
Es war bereits später Nachmittag und ich hatte es ziemlich eilig von hier zu verschwinden. Sicher wartete Nina bereits auf mich und ich hoffte, sie hatte die Wohnung nicht allein verlassen.
„Meldet Euch ihr Zwei. Schon bald. Nina hat meine Nummer. Nicht vergessen, es ist sehr wichtig.“
Dann trennten sich Brittas und meine Wege und sie verschwand. Nur noch beseelt von einem Gedanken, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren, mit tausend Gedanken in meinem Kopf an Nina, raste ich davon. Als ich eintraf, liegt das Haus wie immer friedlich in der Abenddämmerung und in den Fenstern brannte Licht. Vollkommen irritiert und aufgebracht von dieser Begegnung kramte ich im meiner Jacke nach meinem Schlüssel und öffnete langsam die Tür. Ich betrat die Wohnung, legte den Schlüssel auf die Kommode, hing meine Jacke an den Haken, schnappte mir den Beutel mit den Einkäufen um ihn in der Küche abzustellen.
„Wieder da.“ kündigte ich mich an.
„Wo warst Du so lange?“
Ich sah Tränen über ihre Wange laufen und verfluchte mich selbst für meine Nachlässigkeit. Hastig drehte sich Nina zu mir und fiel mir um den Hals. Erregt und schuldbewusst spürte ich ihr Herz bis zu ihrem Hals .Ich schaute sie an, küsste sie einmal,zweimal und auch ein drittes Mal und entschied, sie von nun an nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Alles ergab für mich überhaupt keinen Sinn. Was also um alles in der Welt war es , was diesem Mädchen gefährlich werden könnte. Fragen über Fragen, die von nun an dringend nach einer Antwort suchten.
Die Tage vergingen, schöne Tage und auch Nächte und je mehr die Zeit verstrich, um so deutlicher und  klarer wurde es, dass wir einfach zusammen gehörten. Ich versuchte gegen dieses verdammte Misstrauen, ein Misstrauen gegen Alles und Jeden anzukämpfen. Leider aber allzu oft mit nur sehr geringem Erfolg. Ich ertappte mich bei jedem mir zunächst unbekannten Geräusch, sei es im Hause oder draußen auf der Straße entweder sofort an das Fenster oder zur Tür zu gehen. Meistens war dann auch nichts und ich war sofort wieder die Ruhe selbst.Auch von dem zufälligen Treffen mit Britta hatte ich ihr noch nichts erzählt.
„Vielleicht ein Fehler“ dachte ich mir, wo ich doch gerade begann dieser Frau zu vertrauen.
Ich ging auch immer seltener zu meiner Arbeit, meldete mich immer häufiger krank bis ich dort irgendwann gar nicht mehr erschien. Der Brief einige Wochen später in meinem Kasten war das Resultat, meine fristlose Kündigung.
Doch anstelle mir Sorgen zu machen wie es mit mir weitergehen würde, freute ich mich über die Tatsache, nun Tag und Nacht für Nina da sein zu können. Bis zu dem Morgen, an dem ich der Erste war, der aus dem warmen, gemütlichen Bett kroch, schlaftrunken im Bad verschwand und anschließend in die Küche torkelte um einen Kaffee und ein Frühstück vorzubereiten. Zuerst bemerkte ich es gar nicht. Alles erschien halt so wie immer bis ich begann den Tisch zu decken und mir mehrere Umschläge, die dort herumlagen, auffielen. Neugierig betrachtete ich sie, nahm jeden einzelnen in die Hand. Keiner von ihnen war adressiert oder besaß einen Absender. Wurden sie hier abgegeben und Nina nahm sie etwa in Empfang? Vielleicht sogar an dem Nachmittag als ich Britta vor dem Konsum traf? Wann sonst hätte jemand sie hier überbringen sollen. Irgendwer wusste nun Bescheid über den Ort, an dem sie sich aufhielt.
„Wir brauchen es doch jetzt sicher, oder?“ flüsterte Nina mir zu, während sie ihre Arme von hinten um meinen Körper legt. Ich hatte sie bei der Aufregung  nicht einmal kommen gehört.
„Was ist es denn.? fragte ich sie neugierig.
„ Mach sie auf, dann weißt Du es.“ antwortete Nina mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Los Nina, sag schon.“ Ich ahnte es vielleicht bereits doch ich wollte es aus ihrem Munde hören.
„Na komm, mach schon. Es gehört uns, wirklich, mach Dir keine Sorgen.“ Ich nahm den ersten Umschlag, öffnete ihn vorsichtig. Der Atem stockte mir ein wenig beim Anblick mehrerer Bündel Geldscheine, alle sorgfältig in Banderolen eingefasst.
Nach weiteren fünf Umschlägen war der kleine Tisch, an dem wir saßen und Kaffee schlürften zu gut einem Drittel mit Bündeln eingedeckt. Das musste ein kleines Vermögen sein. Meiner Schätzung nach mehr, als ich jemals nach jahrelanger Arbeit nach Hause brachte und der Job, den ich hatte war nicht gerade der Unterbezahlteste.
„Hey Du woher ist es, wo hast das her, so einen Haufen Geld.“
„Das ist eine lange Geschichte aber wir können es behalten. Es ist von Britta. Und vielleicht gibt es sogar noch viel mehr.Und auch noch andere Sachen.“
Geld zu haben ist die eine Sache wenn es das Eigene ist. Natürlich brauchten wir es, nachdem meine Einnahmen und ein paar Ersparnisse fast aufgebraucht waren. Längst füllte sich täglich mein Briefkasten mit Mahnungen und Zahlungsaufforderungen und als  Nächstes müssten wir  raus aus der Wohnung. In meinen Gedanken sah ich uns schon an ganz anderen Orten. Alles erschien plötzlich so einfach zu sein und wenn ich ehrlich zu mir war, war das alles auch schon viel mehr mit Nina. Ich mochte sie nicht nur, nein, ich war mir bereits sicher sie zu lieben und ich hoffte es ginge ihr auch so.
Warum sonst stieg sie damals vor dem Club in meinen Wagen?
Warum sonst ging sie mit mir, wo es ihr doch bei Britta an nicht zu fehlen schien?
Ich langer Zeit mal wieder spürte so etwas wie Glück. Aber genau das machte sie aus. Sie am liebsten mit Haut und Haaren zu verzehren zu wollen.
„Hey Nina, hör mal zu, ich muss Dir auch was beichten.“ und bat sie etwas nervös zurück an den Tisch.
„Ich habe Britta getroffen, doch schon vor ein paar Tagen und soll Dich grüßen. Wir sollen uns bald bei ihr mal melden.“
Sofort griff Nina zu ihrem Handy und das Treffen mit Britta wurde ausgemacht. Keine Spur vom Misstrauen oder Vertrauensbruch wovor ich doch in dieser Sekunde so große Angst hatte. Stattdessen immer wieder ein Kuss von ihr. Es hatte es tatsächlich begonnen. Ein ganz neues Leben von dem ich bislang noch nicht viel wusste. Nicht einmal in meinen aller kühnsten Träumen und dass es ausgerechnet Jemandem wie  mir mal so widerfahren würde.
Das Treffen mit Britta in ihrer Villa verlief  herzlich. Die beiden Frauen fielen sich richtig an den Hals aber  dieses mal verstand ich es. Ich ließ. sie halt und man hatte sich auch mal wieder ein Unmenge an Neuigkeiten zu berichten. Außer eine Hausangestellten, die diesmal zu beobachten war, war Britta scheinbar die Einzige im Haus. Ich  fragte mich wie schon bei unserer ersten Begegnung warum das so war. Mit einem Servierwagen wurde Kaffee und Tee in den Salon gebracht, in dem bereits für drei Personen gedeckt war. Durch ein riesiges Panoramafenster blickte man über eine Terrasse in einen parkähnlichen Garten so groß wie ein Tenniscourt. Mit einem Pool und auch sonst so allem, was das Herz für ein luxuriöses zu Hause so begehrte. Na ja, wer es unbedingt braucht, der soll es genau so machen, vorausgesetzt man kann es sich leisten.
Ohne unhöflich erscheinen zu wollen, konnte ich meine Neugierde nicht im Zaum halten.
„Sag Britta lebst Du allein hier?“ Etwas überrascht sah sie mich an, doch die Antwort kam prompt als rechnete sie bereist mit dieser Frage.
„Nein mit meinem Mann. Der ist aber sehr oft nicht da.“ antwortete sie mir.
„Wo ist er? Was macht er so?“
„Er ist mal wieder unterwegs, irgendwo. Geschäfte.“
„Geschäfte?“
„Ja Geschäfte halt, ich weiß es nicht. Nur wenn er kommt solltet ihr Zwei nicht mehr hier sein“
Ich ahnte es. Eine Warnung, deutlich und unmissverständlich. Und sicher ging es dabei auch um Nina die in höchster Gefahr war, welcher Art auch immer. Britta betrachtete es von nun als meine ganz alleinige Aufgabe Nina zu schützen. Das Treffen neigte sich auch bereits dem Ende, als sie mich  noch bat, sie in ein Arbeitszimmer gleich neben dem Salon zu begleiten. Auffällig war der gewaltige Tresor, den Britta zuerst nach Eingabe einer Zahlenkombination und anschließend mit einem dafür speziell angefertigtem Schlüsseln öffnete.Diskret schaute ich zu Seite bis sie mich bat näher zu treten. Vor mir offerierte sich ein wahres Arsenal an automatischen Handfeuerwaffen und Revolvern. Einige der Marken waren zu erkennen. Ein tschechische CT 75 Kaliber 9mm, mehrere Modelle der Marke Tokarew und Heckler&Koch, eine Beretta Kaliber 9mm aber auch Marken wie Remington und Smith&Wesson waren vertreten. Außerdem waren im hinteren Bereich des riesigen Tresors  einige Jagdgewehre und eine Pump Gun S68 Kaliber 68mm zu erkennen.Und zu allen natürlich die passende Munition in Hülle und Fülle.
„Wenn es soweit ist werdet ihr so was brauchen.“ mahnte uns Britta sehr eindeutig.
„Nehmt Euch weg was ihr braucht damit ihr Euch sicherer fühlt. Er wird es sicher nicht einmal bemerken dass was fehlt.Und nun geht, geht bitte.“
Ich schnappte mir die Beretta,die Smith&Wesson und die Pump Gun, dazu etliche Schachteln mit der passenden Munition, griff mir Nina und nach einer kurzen Verabschiedung standen wir vor der Tür.
„Was ist das für eine Tasche?“ fragte ich Nina.
„Die sollen wir ihnen geben wenn sie kommen würden.“
„Wer denn bloß. Von wem redet sie denn andauernd?“
„Einfach nur abgeben und alles ist gut. Und nicht nachsehen was drin ist.“
Im Eiltempo verließen wir diese Gegend, von der ich schon einmal behauptete, nie wieder hierher zurückkehren zu müssen. Wie lange würde eigentlich meine Wohnung noch ein sicheres Quartier für Nina und für mich sein? Von nun an waren wir bewaffnet. Nur alleine schon für den illegalen Besitz so mancher dieser Waffen würde ich für einige Monate hinter schwedische Gardinen abwandern. Abgesehen von gut 200.000 Euro in bar, die ich nicht hätte erklären könnte.Wir hatten etwas, was irgendwelche Unbekannten gerne wieder hätten. Um jeden Preis, vielleicht sogar  um den Preis unseres eigenen Lebens. Mein Augenmerk richtete sich dauernd auf diese lederne Reisetasche, die Britta Nina mitgab, kurz bevor wir gingen und die nun mitten in meinem Wohnzimmer stand.
Ich hatte plötzlich das  Gefühl als liefe die Zeit für uns von nun an rückwärts und das alles sowieso nur noch eine Frage der Zeit war bis etwas passierte. Wir entschlossen uns, eine Pistole und die Pump Gun in der Wohnung zu behalten und die andere unter dem Sitz meines Auto zu deponieren. So hätten wir immer Schutz, egal wo wir uns auch gerade befänden. So sehr ich Nina auch liebte und ihr vertraute, es war höchste Zeit mir die ganze Wahrheit zu sagen. Noch an diesem Abend nahm ich sie in den Arm und versprach, sie nie wieder zu verlassen.
Und dann, zuerst noch etwas zögerlich, mit ihrem Kopf auf meinem Schoss begann sie mir ihre Geschichte zu erzählen.
Nina rückte noch ein deutliches Stück näher an mich heran. An ihrem doch ernsthaften Gesichtsausdruck und auch immer wieder mit einem Zucken ihrer Achseln überlegte sie, an welcher Stelle und zu welcher Zeit sie beginnen würde.

N: „Es ist jetzt bald zwei Jahre her. Weißt Du warum ich das so genau weiß?“
S: „Nein woher sollte ich, bitte sage es mir.“
N: „Ich habe im Oktober Geburtstag und an diesem Abend wollten wir es so richtig krachen lassen. Alle meine besten Freundinnen und ich natürlich.“
S: „Und wohin ging es?“
N: „In den selben Laden vor dem wir uns getroffen haben.“

Es war der angesagteste Club der Stadt. Ich kannte ihn sicher auch schon bevor ich Nina dort zum ersten Mal begegnete. Klar, ein paar Munkeleien gabs da schon über diesen Laden, aber alle die dort hingingen waren sich über eines einig: Wer hier den Abend alleine verbringt ist selbst Schuld.

N: „Die Leute vom Club hatten alle Hände voll zu tun mit uns.“
S: „Warum?“
N: „Sie stellte sofort drei Stehtische zusammen so dass wie acht Mädels alle genug Platz hatten. Und das fiel natürlich auf.“
S: „Kann ich mir gut vorstellen.“
N: „Und nachdem ein Drink nach dem Anderen an die Tische gebracht wurde, kamen auch auch schon die ersten Typen auf uns zu und fragte was hier los ist.“
S: „Klar, das bleibt nicht aus. Waren sie okay?“
N: „Ein paar von Ihnen waren ganz nett aber sonst eher langweilig. Wollten sich halt etwas amüsieren und das war es dann halt.“

Ich hätte es so manchem Mann nicht einmal verdenken können bei Nina sein Glück zu versuchen.Na ja, und wie bereits gesagt, wer das nicht so recht vertragen konnte befand sich hier am falschen Ort.

S: „Erzähl weiter, was ist dann passiert?“
N: „Na ja, ist schon etwas komisch wenn ich Dir das jetzt erzähle?“
S: „Spuks einfach aus. Es ist okay.“
N:„ Ich weiß nicht ob es ich mir eingebildet hatte, aber ich hatte das Gefühl dauernd von einer Frau, die ganz in unserer Nähe stand, beobachtet zu werden.“
S: „Mmmhhh, ein Frau?“
N: „Ja  eine Frau. Sie sah toll aus was mir gleich aufgefallen war. Mit ihrem rostroten lange Haaren und ihren graugrünen Augen. Komisch eigentlich, das sie ganz alleine zu sein schien. Wunderte mich eigentlich aber ich hab sie um ihr Aussehen beneidet.“

Ich war mir absolut sicher, wen Nina damit meinte. Der plötzliche Glanz in ihren Augen verriet es mir.

N: „Und weißt Du was Stephan wer sie war?“
S: „Sag Du mir es.“
N: „ Es war Britta. Schlimm?“
S: „Nein, bitte erzähl weiter.“           N: „Aber nicht böse sein, versprich es bitte.“
S: „Nein, warum denn, ich verspreche es.“

Ninas Geschichte fesselte mich bereits mittlerweile so sehr, dass ich dachte, mich keinen Millimeter von der Stelle bewegt zu haben. Immer wieder glitten meine Hände dabei sanft über ihren Körper und über ihre Wangen.

N: „Na gut, also die Stimmung war echt geil. Aber immer wieder schaute sie zu mir herüber und lächelte mir zu. Und wenn ich mal ganz ehrlich bin, es gefiel mir. Sie sah einfach toll aus.“
S: „Ja das ist sie, Britta ist wirklich eine klasse Frau.“

Der leichte Faustschlag auf meinen Arm einem süßen Lächeln auf Ninas Gesicht war mir sicher.

N: „Hey Du, schon gut. Ist sie ja auch. Und dann kam sie einfach auf mich zu. Wollte wissen was abgeht, nahm mich in den Arm und küsste mich auf meine Wange.“
S: „Was dachtest Du in diesem Moment?“
N: „Ich weiß nicht warum, aber bei ihrer Berührung brannte und loderte es in mir wie ich es vorher noch so gespürt hatte.“
S: „Und die Anderen? Was dachten sie?“
N: „Die bekamen davon nichts mit. Waren alle mit irgendwelchen Leuten beschäftigt.“
N: „Dann gab sie mir ihre Adresse und ihre Telefonnummer und verschwand.“
S: „Und Du? Wie hast Du dich gefühlt dabei?“
N: „Ich fühlte mich gut,verdammt gut sogar.Ich wusste sofort dass ich sie wiedersehen wollte.
S: „ Hast Du?“
N: „Ja, sofort am nächsten Tag habe ich sie wirklich angerufen und sie lud mich ein zu ihr ein. In ihr Haus. Du kennst es ja bereits.“
N: „Und weißt Du was? Ich ging hin. Ich wollte es einfach. Ich musste sie wiedersehen.“

Ich begriff allmählich was in Britta vorgegangen sein musste, als ich mit Nina bei ihr auftauchte um sie für immer von dort wegzuholen.

N: „Nur ein Wochenende später stand ich vor ihre Tür, sie bat mich herein in ihr tolles Haus und wir fielen uns sofort in die Arme, küssten uns, rissen uns dabei fast zu Boden. Auch so manche Nacht darauf blieb ich einfach bei ihr.“
S: „Hast Du es noch Jemanden erzählt? Den anderen Mädels?“
N: „Nein, Niemandem, die traf ich auch immer seltener, wir telefonierten, aber sonst gab es nur noch Britta. Von nun an jedes Wochenende und bald auch jeden Tag und auch fast jede Nacht.“
N: „Ich liebte sie. Mehr als ich für einen Mann je empfunden hatte. Ich wurde zu ihrer Spielgefährtin. Weisst Du was ich damit meine?“
S: „Vielleicht, aber sag Du es mir lieber.“
N: „Britta liebte es, mich an meine äußersten Grenzen zu bringen. Und sie hatte alles was sie dafür benötigte. Ich dachte ich kannte jeden Winkel in ihrem riesigen Haus bis eben auf einen Raum, der sich im Keller des Hauses befand.“
N: „ Sie nannte diesen Raum ihr persönliches Spielzimmer, dass sie nur ganz besonderen Leuten zeigte. Das freute mich darüber dazu zu gehören und ich folgte ihr dahin. Sie hätte mich mancher Nacht sonst wo hinbringen können, ich wäre ihr gefolgt.“
S: „Und was gab es da so alles?“
N: „Na ja, außer eben ein riesiges französisches Bett war ein X-Cross an der Wand befestigt, eine Auswahl an Peitschen und Gerten. Verschiedene Instrumente wie Nadelräder, Nippelklammern, verschieden Dildos aus Edelstahl, Halsbänder und eine Vaginalbirne.“
S: „Wow, erzähl einfach weiter, Bitte.“
N: „Gefällt es Dir?“
S: „Ja.“
N: „Auf der anderen Seite des Bettes stand sogar ein richtiger Galgen aus Metall. Du weißt schon? Mit einer richtigen Henkers schlinge.“
S: „Und habt Ihr, ich meine hast Du?“
N: „Klar, nachdem sie mich manchmal an dem X-Cross so richtig durch gedroschen hatte musste ich mich von ihr hochziehen lassen lassen.“
N: „Einmal sogar solange dass ich dachte ich würde dabei draufgehen. Aber sie hat sehr auf mich Acht gegeben dass nichts passierte.“
N: „Eines abends als wir mal wieder spielen wollten schellte es an ihrer Tür.“
S: „Und wer kam?“
N: „ Es waren Männer, genauer gesagt, es waren vier Männer und Britta kannte sie sogar flüchtig. Es kam zu einem Streit mit ihnen. Glaube die gehörten zu den Leuten ihres Mannes. Keine Ahnung was der macht. Ich weiß nicht warum,zog mich schnell an aber sie hatten mich bereits entdeckt.“
N: „Die vier Typen grinsten und fingen an mich zu befummeln. Britta drohte es ihrem Mann zu erzählen, der aber wie so oft nicht da war.“
S: „Und habe sie Dich, na Du weißt schon.“
N: „Nein, haben sie nicht aber ich hatte Angst sei würden mich jetzt alle vier der Reihe nach vergewaltigen. Aber Britta stand plötzlich mit einer Pistole in ihren Händen vor ihnen und ich war in Sicherheit. Dafür danke ich ihr noch heute.
S: „Ließen sie Euch dann in Ruhe.“
N: „Ja fast, ich wollte mich dafür bei diesen Typen, na ja, vielleicht rächen und schlich aus dem Haus. Der Schlitten da draußen vor dem Haus musste ihnen gehören.“
S: „Was hast Du dann getan?“
N: „Der Wagen war offen und ich sah sofort die lederne Reisetasche und nahm sie an mich und verschwand. Als ich wieder unbemerkt zurück in das Haus kamen waren sie fort.“
S: „Was war in der Tasche drin?“
N: „Tja Stephan, sieh nach. Da vorne steht sie. Britta sagte noch dass es der größte Fehler meines Lebens war und sie würden es bemerken und wiederkommen um sich dass zu holen was Ihres ist.“
N: „Britta und ich trennten uns für ein paar Tage. Sicherheitshalber. Ich verbrachte nur noch die Nächte bei ihr. Und ich liebte jede einzelne von ihnen, ich genoss es wenn sie über mich herfiel, wir uns küssten. An unseren nackten Körpern spielten. Der geilste Sex und die geilsten Orgasmen die ich bis dahin hatte. Und eines abends verabredete ich mich auch mal wieder mit einer Freundin und wir verbrachten den Abend bis in den frühen Morgen in dem Club. Zwei Männer sprachen uns an. Ganz nett die Beiden, ja und dann…
N: „Ja und dann waren  die auch nicht besser als alle Anderen und fielen in ihrem Wagen richtig über mich her.“
S: „Ja und weiter?“
N: „Weiter?“
S: „Ja.“
N: „Ich knallte dem Ersten eine, sie schmissen mich aus seinem Wagen und verschwanden.
N: „Ja und dann, dann kamst Du.“

Nina fühlte sich schuldbewusst. Ich sah es ihr an. Doch es gehörte nun einmal zu einem Teil ihres Lebens.
„Hey Du weinst ja.“ Sie wischte sich ihre Tränen mit dem Handrücken aus ihren Augen.
„War es das jetzt mit uns? fragte sie flehend mit verängstigtem Gesicht.
„Nein mein Schatz. Ich liebe Dich.“ und mit sichtlicher Erleichterung schlief sie in meinen Armen ein.
Nun kannte ich ihre Geschichte und ich war mir der Gefahr für uns Beide, die von ihr auf so bedrohliche Weise ausging, mehr als bewusst. Natürlich gab es da auch noch glückliche Momente, Stunden und auch Nächte. Wenn wir uns bis spät in die Nacht liebten, der Sex mit Nina, bei dem ich immerzu an die Geschichte mit ihr und Britta in diesem Keller der Villa denken musste. Spätestens dann trieb es mich zu absoluten Höchstleistungen. Ansonsten begannen wir Beide unser Leben mit dem auf einer Festung zu vergleichen. Mit Waffen in unsere Wohnung, einem Haufen Bargeld und einer Reisetasche randvoll mit Kokain, sicher im Wert von 1.000.000 Euro oder sogar mehr?
Waren wir bereit, gemeinsam den Kampf aufzunehmen. Gegen Kampf gegen eine uns noch unbekannte Macht, die für Geld alles tun würde, auch töten wenn es sein musste.
Doch wenn diese uns noch unbekannte Leute das waren für das wir sie hielten, hieß Töten nicht nur ausschalten. Töten hieß für solche Typen foltern, je grausamer und schmerzhafter je besser. Der Tod selbst wäre nur noch die absehbare Folge.
Trotz allem schwelte in uns der Übermut. Wer waren sie, dass wir uns so vor ihnen fürchteten bis wir uns nicht mehr von selbst auf die Straße trauten? Damit musste nun endgültig Schluss sein.
Zuerst beschlossen wir die Tasche, einen großen Teil des Geldes und die Pump Gun an einem anderen nur uns bekannten Ort zu deponieren. Schnell waren wir uns einig, dass der sicherste Ort da ist, wo sich möglichst viele Menschen aufhielten. So entschieden wir uns für ein Schließfach am Bahnhof. Gesagt und getan, wir machten uns auf den Weg. Ich ignorierte die Blicke der Leute, die sie uns im Vorbeigehen zuwarfen. Ich schob alles wie immer auf Ninas unfassbare Schönheit nach der sie sich herumdrehten.
Nicht vorstellbar, was passieren würde wenn wir uns jetzt einer Personenkontrolle unterziehen müssten, was auf  Bahnhöfen nicht so ganz unüblich war. An einem Schalter der Bahn mieteten wir ein Schließfach auf unbestimmte Zeit und erhielten jeweils einen Schlüssel. Vor unseren Augen verschwanden eine Waffe, getarnt in einer Jacke, eine Tasche voll mit Kokain und 150.000 Euro in bar.
Geschafft, wir lachten und  nahmen uns in diesem Labyrinth von Gängen, umgeben von tausenden Schließfächern erleichtert in die Arme. Danach schlenderten wir wir zwei Verliebte durch den endlos erscheinenden Bahnhofstrakt und belohnten uns, wenn auch nur mit einem Kaffee und sahen dabei in die vorbeiziehende Menschenenge.
„Siehst Du, war doch gar nicht schwer.“ Zweifellos gelang es mir nicht die Furcht, die in Ninas schönem Gesicht stand somit endgültig zu betrieben zu haben. Doch eines wussten wir ab sofort mehr als je zu vor. Das wir nun endgültig zusammen gehörten und betrachteten uns bereits als ein unschlagbares Team auf dem Weg zurück in unsere Freiheit. Noch einmal machten wir Halt auf den Weg zurück zu meinem Wagen.Vor einem großen Schaufenster, hinter dem auf eine großen Plakat  die Stadt Rio de Janeiro zu sehen war. Schweigend blickten wir uns an. Zwei Menschen, ein und der selbe Gedanke? Hand in Hand verließen wir die riesige Halle und tauchten ab in Richtung unseres gemütlichen zu Hauses.
„Sieh mal Stephan, wir hatten Besuch.“ Beide schwiegen wir nachdenklich als wir zu Hause eintrafen. Irgendjemand hatte uns etwas vor die Wohnungstür gestellt und wollte sicher sein, dabei  nicht erkannt werden? Denn wenn derjenige es gewollt hätte, hätte er sicherlich die Möglichkeit gehabt zu warten, bis wir persönlich erreichbar gewesen wären.
„Was glaubst Du von wem das kommt?“ fragte Nina verwundert.
„Ich glaube das werden wir gleich erfahren.“ antwortete ich.
Ein Paket ohne Absender das offenbar wir bekommen sollten. Natürlich neugierig aber auch vorsichtig nahmen wir es mit herein.Die Situation entspannte sich etwas als wir es auf dem Küchentisch abstellten und zuerst den Umschlag öffneten, der dort als erstes zu sehen war. Er war für Nina und somit stand auch fest, dass das Paket von Britta war. Sicher hatte sie jemanden damit beauftragt es uns zu überbringen.
„Und sag, was schreibt sie? fragte ich Nina.
Ich spürte sofort, dass es eine traurige Nachricht war, als sie sich setzte und es schien als begann sie zu weinen. Sie bat mich gut zuzuhören und begann ihn mir vorzulesen.

„ Meine geliebte Nina!“

Ich hatte es Dir ja versprochen und darum gehören nun alle diese Sachen hier jetzt Dir. Ich weiß dass Du sie immer möchtest und nun tu damit was Du willst. Trage sie so als eine kleine Erinnerung an eine sehr schöne Zeit mir Dir, denn wenn Du das liest, solltest Du wissen, dass wir uns von nun an nie mehr wiedersehen werden.
Und versprich mir jetzt einfach dass Du auf Dich aufpassen wirst. Und nun befolgt bitte meinen letzten Rat. Du und auch Stephan. Zögert nicht zu lange und wartet nicht bis es zu spät ist.

Verschwindet von hier solange noch Zeit dafür ist. Für alles Andere habe ich gesorgt. Seht einfach mal nach, was noch in dem Päckchen für Euch bereit liegt und macht Euch um mich keine Sorgen. Ich komme schon klar.

Ich liebe Dich
Britta
Um ein Haar fast brach Nina in meinen Armen zusammen und glitt dabei zu Boden, hockte dort, die Arme fest um ihre Knie geschlungen und mit einer Hand hielt sie den Brief. Sie heulte, sie heulte einfach bitterlich und mit  allergrößte Mühe versuchte ich sie zu beruhigen.
Schier unfassbar was sich da sonst noch alles offenbarte. Eine edle Schatulle mit Ringen vermutlich von unschätzbaren Wert. Ein kleiner verschnürter Beutel aus einem weichen, samt ähnlichen Material, jedoch gefüllt mit hochkarätigen Diamanten  und ein etwas größeres Couvert enthielt Vertragsunterlagen einer Kontoeröffnung auf Ninas und meinem Namen bei der „Bank of Cayman Islands“.Von einem auf den andere Moment waren wir reich, sehr reich sogar. Die Cayman Islands sollten also unser festgesetztes Ziel sein wenn es mir gelänge Nina davon zu überzeugen ,wie zwingend und auch gut vorbereitet, dank ihrer Freundin Britta, unsere Flucht sein würde. Ich hoffte sie mit allen meinen zur Verfügung stehenden Kräften davon zu überzeugen.
„Hey Du, lass es uns einfach tun.Lass uns mir dem ganzen Kram und dem Geld von hier verschwinden. Einfach weg, weit weg von hier.“
„Nein, nicht jetzt, nicht gleich. Ich muss sie nochmal sehen.“ erwiderte Nina.
„Hast Du denn nicht verstanden? Wir müssen hier weg. Am besten noch sofort.“
„Ich kann nicht.“ Ihre Stimme schluchzte.
„Aber Du musst. Wir müssen. Das war auch ihr Wunsch. Wir schaffen das, Du wirst sehen.“
„Wenn Du meinst Stephan, dann lass es uns tun. Ich komme mit Dir. Egal wohin wir gehen und egal wohin Du gehst. Ich bleibe bei Dir.“

Das waren sie, diese kurzen Momente des Glücks. Glücklich über uns Beide und in unseren Köpfen reiften bereits die ersten Gedanken an ein ganz neues Leben in weiter Ferne. Wir hatten Visionen von einem sorgenfreien Leben in einem Land, in dem es das ganze Jahr über Sommer sein würde. Es tat uns gut zu träumen und lenkte uns ab von der Gefahr, die unweigerlich und unaufhaltsam begann ihren Schatten über uns zu werfen. Bis zu dem darauffolgenden Morgen, an dem ich wie so oft der Erste war, der auf den Beinen stand, in der Küche mit einem Becher Kaffee dem Morgen einläutete während Nina noch schlief.
Ich drohte fast zu ersticken, so stockte mir der Atem und es schoss mir wie tausend Nadelstiche durch meine Glieder, als sich die Schlagzeile des lokalen Teils der Zeitung las.

„Junge Frau ermordet in der Südstadt aufgefunden“

„Gestern wurde im Süden der Stadt die grausam zugerichtete Leiche eine jungen Frau von Spaziergängern entdeckt ….. wie bereits bei ähnlichen Vorfällen geht die Polizei von einer Tat im Drogenmilieu aus.“

Es war der Schock, die meine Arme und Beine schwer werden ließen als wären sie mit Blei angefüllt. Natürlich berichtete die Zeitung auch in den nächsten Tagen über diesen grausamen Vorfall. Alles passte zueinander, die Gegend, die Beschreibung des Opfers und ich ließ. absolut keinen Zweifel daran, dass es sich um Britta handelte. Ja, sie war es und es hatte sie erwischt und früher oder später würde auch Nina davon erfahren. Alles was ich über sie bis dahin wusste ergab auch einen Sinn, doch es war mir egal ich fasste für uns Beide einen Entschluss. Wenn alles gut gehen würde,wären wir in ein paar Tagen fort. Für immer.
Die nächste Tage und Nächte verliefen ruhig. Für meine Begriffe zu ruhig. Oft liege ich stundenlang wach und fühle mich am anderen Morgen wie gerädert. Alles kommt mir vor wie eine Taktik, wie ein ausgeklügeltes Spiel dass man mit uns trieb. Ich glaubte auch nicht, dass Britta selbst noch unter der schlimmsten Folter unter Versteck preisgegeben hatte. Wie ein Ritual überprüfte ich die Beretta Kal. 9mm, die seit Wochen jede Nacht auf dem Nachttisch lag, bevor ich das Licht löschte und versuchte ein paar Stunden Schlaf zu ergattern.
„Kannst Du schlafen Nina?“
Sie seufzte schwer als sie mir versuchte zu antworten.
„Nein Du? Nicht wirklich.“
Natürlich hatte sie es auch in der Zwischenzeit erfahren. Sie fürchtete sich davor es zu glauben, doch letztendlich bestand für uns Beide kein Zweifel mehr. Irrtum ausgeschlossen. Ninas beste Freundin Britta war tot.
„Wir können so nicht weitermachen. Uns hier verschanzen und abwarten.“
„Was meinst Du damit?“ fragte Nina.
Wir beschlossen bis zum nächsten Abend abzuwarten, zurück zum Bahnhof zu gehen um das Schließfach leer zu machen und dann endgültig die Stadt zu verlassen. Unser Plan schien sich zunächst zu erfüllen. Wieder einmal holten wir ein Teil des Geldes, diese Reisetasche bis auf die Pump Gun unbemerkt aus dem Schließfach und verschwanden wie zwei Reisende aus dem Bahnhof. Zu Hause wartete noch etwas Gepäck mit unseren Sachen. Wir wollten es nur noch holen um dann die Nacht in einem Hotel in einer anderen Stadt zu verbringen. Vielleicht auch schon ein oder zwei Tage später sässen wir bereits in der Maschine, die uns auf die Cayman Islands brachte.
Auf dem „Owen Roberts International Airport“ auf der Insel Grand Cayman würden wir dann schon weiter sehen. Selbst für das Visum und einer Kontaktadresse in George Town, der Hauptstadt der Insel hatte Britta gesorgt, was wir erst etwas später feststellten. Wahrscheinlich fahren wir gerade zum allerletzten Mal in die dunkle Nebenstrasse in der ich wohne.
Es war sicher nicht mehr als ein Bauchgefühl, eine Intuition, doch ich bestand darauf die Wohnung allein zum letzten Male zu betreten während Nina im Wagen auf mich wartete.
Sofort erkannte ich das die Wohnungstür einen kleinen Spalt aufstand. Jemand hatte sie mit Gewalt geöffnet. Vorsichtig öffnete ich sie bis ich genügend Platz hatte um in die Wohnung einzutreten. Niemand war hier, aber wie lange noch. Ich machte halt und stürzte zurück auf die Strasse. Dort sass Nina immer noch in meinem Wagen und wartete.
„Was ist los Stephan, wo sind unsere Sachen?“ fragte sie aufgeregt.
„Sie waren hier. Und Du musst weg. Sofort.“
„Und Du, was machst Du?“
„Frag nicht und fahr. Nimm dir irgendwo ein Zimmer und melde dich. Mach dir keine Sorgen und jetzt mach dass Du wegkommst.“
„Nein Du, nicht ohne Dich. Ich gehe nicht allein.“
„Ich liebe Dich Nina, dass weisst Du. Aber bitte verschwinde. Sicher kommen sie wieder.“
Wir umarmten und küssten uns. Auf mein Flehen hin setzte sie sich an das Steuer und während ich dem Wagen noch hinterher sah, bemerkte ich nicht den dunkelen Caravan, der in der selben Sekunde in meine Strasse einbog. Mit hoher Geschwindigkeit näherte er sich mir und das extrem lautes Kreischen der Reifen nach einer Vollbremsung drang tief in meine Ohren. Die Seitentür öffnete sich hastig mit Geschepper und der heftige Schlag mit einem stumpfen Gegenstand gegen meinen Kopf liess mich sofort bewusstlos werden. Erst als ich mein Bewusstsein widererlangte, bemerkte ich dass wir fuhren. Man hatte mir die Hände mit Paketband gefesselt und ausser mir waren zwei finstere Gestalten, die mich ständig beobachteten, zu erkennen. Sie unterhielten sich aber ich verstand kein Wort vom dem was sie redeten. Ich vermutete, sie waren Osteuropäer, Ukrainer oder so was. Mein Schädel pochte und schmerzte und das warme Gefühl auf meiner Wange war mein Blut, dass mir das Gesicht herunterlief. Der Boden des Fahrzeuges war hart und kalt und bei jeder Abzweigung schleuderte ich umher und schlug erneut mir dem Kopf gegen das Blech. Keine Ahnung wie lange wir schon unterwegs waren. Bei dem Typen, der den Caravan lenkte, hatte ich das Gefühl, dass er etwas Deutsch verstand.
„Hallo wohin fahren wir?“
„Nicht reden und nicht fragen mein Freund?“ antwortete er.
Die Anderen lachten und für diese Dreistigkeit meinen Mund auf zu machen erhielt ich sofort ein paar heftige Fusstritte in meinen Unterleib. Ich zog es also erst einmal vor den Mund zu halten. Dann fuhren wir ein gutes Stück sehr langsam. Ein kalter Luftzug erfasste meinen Körper durch das  herabgelassene Seitenfenster und liess mich frösteln.
„Gleich sind wir da und dann wirst Du sehen was wir mit Dir machen.“ Der Rest lachte lauthals und dann nach einer Weile stoppte dann auch das Fahrzeug. Man verband mir die Augen mit einem Tuch das so ekelhaft stank, dass ich würgen musste. Alles um mich herum war nun stockfinster.
„Sag Bescheid dass wir da sind und jetzt mach das Tor auf.“ hörte ich den Fahrer kommandieren.
Ich versuchte nicht den Verstand zu verlieren und jeden Moment neu einzuschätzen. Zweifellos, es war das Gerumpel und Gepolter eines Tores, dass soeben geöffnet wurde. Im Schleichtempo setzte sich das Fahrzeug erneut in Bewegung. Aber diesmal nur von sehr kurzer Dauer und es schien als hätten sie ihr Ziel erreicht. Die Schmerzen an meinen Handgelenken wurden unerträglich. Mein gesamter Körper schmerzte durch die unnatürlich verzerrte Haltung auf dem kalten Boden des Caravans. Dazu pochte mein Schädel durch sie ständigen Schläge auf meinen Kopf und es schien, als wollten meine Augen aus ihren Höhlen springen.
Die Seitentür des Caravans öffnete sich und zwei Männer ergriffen mich an meinen Armen und zerrten mich gewaltsam aus dem Fahrzeug. Sofort ging ich an Ort und Stelle zu Boden und schlug mit dem Gesicht auf den Boden. Da lag ich mit dem Blick auf harten Beton gerichtet und jeder Befreiungsversuch und jeder Widerstand wäre vollkommen sinnlos.
„Nina, hoffentlich konntest Du verschwinden.“ schoss es mir durch den Kopf. Endlich nahmen sie mir auch die Augenbinde ab. Es dauerte einige Minuten, bis sich meine Augen an das gleißende Neonlicht gewöhnten. Erst dann erkannte ich, dass wir uns in einer riesigen ausgedienten Lagerhalle, einer Art Autowerkstatt befanden. Mit voller Wucht stemmte mir einer dieser Kerle, die mich hierher brachten seine Knie in meinen Rücken,dass mir fast die Luft ausblieb.
„Durchsucht ihn, aber gründlich.“ befahl eine Stimme aus dem Nichts. Sofort machte sich der Kerl, der es offensichtlich genoss, mir immer wieder erneut ins Gesicht zu schlagen, ans Werk. Außer an dem Kontaktspeicher meines Handys war zunächst nichts für sie vom größerem Interesse und Bedeutung. Mit fixierten Hand und Fußgelenken, gelehnt an ein altes Ölfass zwangen sie mich auf dem harten, kalten Betonboden abzuhocken.
„Endstation.“ dachte ich. Wenn sie nicht das bekämen, was sie wollen bin ich für sie ein Niemand. Und sicher würden sie mich das sehr hart spüren lassen. Soviel war sicher. Ein einziges großes Leiden und ein einziger großer Schmerz.
„Nina, ich liebe Dich.“ Tiefe, innige Gedanken, an meinen Schatz irgendwo da draußen. Mit ihrem Bild vor meinen flimmernden Augen verlor ich das Bewusstsein.

***
„Scheiße, Keller!“ Wütend warf Schneider die Zeitung mit dem Artikel auf den Tisch. Die Leiche der Frau wurde zwar im Gesicht unkenntlich gemacht, doch durch den hochgerutschten Rock die zerrissene Bluse und den verrutschten BH schaffte es die Leiche auf alle Titelblätter.
Schneider, seines Zeichens Innenminister sah Polizeioberrat Keller vorwurfsvoll an.
„Verdammt, das ist das ist die wievielte Leiche in den letzten vier Wochen?“
„Die Vierte.“
„Die Vierte? Und das erzählst du mir seelenruhig? Vier Tote in vier Wochen? Keller!“
„Wir tun was wir können…“
„Keller, die Hütte brennt. Die scheiß Zeitungen rösten mich seit Tagen und jetzt erst recht. Hast du dir die Braut auf dem Foto mal angesehen? Die drei Kerle hat Keine Sau interessiert, jetzt auf einmal, rufen alle Fernsehsender an und wollen ein Interview und wenn ich keines gebe, veranstalten die Medien ein Spießrutenlaufen.
Was soll ich denen sagen? Keller tut was er kann?“
„Es wäre die Wahrheit.“
„Damit kommen wir nicht weiter! Ich brauche Ergebnisse. Also, was wisst ihr?“
„Die drei Männer waren Kleindealer, die wahrscheinlich auf eigene Rechnung sich ein Stück vom großen Kuchen abgeschnitten und dabei umgekommen sind.
Bei der Frau liegt die Sache anders. Sie gehörte zum inneren Kreis. Das wissen wir, weil wir sie eine Zeitlang beobachtet haben. Das ist alles, was wir bisher wissen.“
„Mehr hast du nicht?“ fragte Schneider entsetzt.
„Wir haben eine achtköpfige Sondergruppe gebildet. Der Mord ist erst 28 Stunden her, was erwartest du?“
„Mehr als das hier!“
„Dann gib mir die Mittel dazu! Du hast unseren Etat zusammengestrichen und jetzt bekommst du die Quittung. Wir haben alle Leute abgezogen die wir konnten. Alles was wir entbehren können ermittelt in der Drogenszene.“
„Ich hab Gar nichts zusammengestrichen, das weißt du genau.“ Schneider setzte sich frustriert hin.
Keller der genau wusste, wie die Medien über Schneider herfallen würden, hatte keinen Funken Mitleid mit ihm. Das Wahlversprechen die Personaldecke der Polizei aufzustocken war genauso unerfüllt geblieben, wie die Zusage zusätzliche Mittel bereitzustellen.
-Ich hab es euch gesagt. Jetzt hab ihr den Salat.-
Nach einer Weile sah Schneider sein Gegenüber an.
„Setz Baumann auf die Sache an.“
„Was?“ fragte Keller entsetzt.
„Du hast mich schon verstanden. Setz Baumann auf dieses Syndikat an.“
„Geht nicht. Baumann ist suspendiert.“
„Suspendiert? Seit wann und wieso?“
„Seit der großen Razzia vor drei Wochen. Er hat drei Dealer durch die Mangel gedreht um zu erfahren wo die Drogen versteckt sind. Zwei hat er ziemlich übel zugerichtet, der dritte hat dann das Versteck verraten.“
„Wurde wenigstens etwas gefunden?“
„Sieben Kilo Heroin.“
„Sieben Kilo!? Ihr suspendiert einen Beamten, der sieben Kilo Heroin findet?“
„Einer der Dealer hat einen doppelten Armbruch, der zweite eine zertrümmerte Nase.“
„Ist mir Egal, die Suspendierung ist ab sofort aufgehoben.“
„Nein, endlich habe ich Baumann wo ich ihn haben will, im Aus!“
„Ich weiß, dass du Baumann nicht magst, aber er hat Erfolge vorzuweisen.“
„Das hat nichts mit nicht mögen zu tun, seine Erfolge kommen uns teuer zu stehen. Jedes Mal wenn er so eine Nummer abzieht, habe ich hunderte Beschwerden über Polizeigewalt und andere Klagen am Hals. Nein, Baumann ist draußen!
Überhaupt, hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was geschieht, wenn er die Sache mit seinen brachialen Methoden versaut? Wie viele Interviews musst du dann wohl geben?“
„Ich sag dir, an was ich denke. In sechs Monaten ist Wahltag. Weder ich, noch unser Chef will in sechs Monaten den Hut nehmen, nur weil so ein paar beschissene Kriminelle glauben, sie könnten hier tun und lassen, was sie wollen. Deswegen wirst du Baumann anrufen und ihn in die Ermittlergruppe einsetzten.“
Keller schwieg beharrlich.
„Sie es mal so… Baumann wird irgendwann wieder Mist bauen. Nach den Wahlen braucht ihn kein Mensch mehr. Sobald er nach den Wahlen wieder Scheiße baut, werde ich ihn persönlich zum Mond schießen.“
Keller verdrehte die Augen. Und murmelte dann,
„Also gut. Aber wenn die Kessel mit Scheiße explodiert, sag nicht ich hätte dich nicht gewarnt!“
**
Die Messerhand sauste nach unten, doch noch bevor sie in Augenhöhe war, hatte ich sie umfasst, und den Schwung genutzt die Klinge abzulenken. Mit derselben Bewegung, mit der mich dieser Arsch abstechen wollte, steckte er sich das Messer selbst in den hinteren Teil seines Oberschenkels.
Jaulend knickte sein Bein ein und er fiel zu Boden. Sein Kumpel (Arsch2) lief genau mit seiner Nase genau in meinen Ellbogen, wobei seine Nase knirschend nachgab.
Arsch3, der am lautesten getönt hatte, mir den Arsch aufzureißen, stand plötzlich allein da.
Naja, ganz alleine stand er nicht. Das Mädchen, das er gegen die Wand gedrückt hatte war noch da und meine Begleitung stand 5 Meter hinter mir.
Arsch 1 und 2 fertigzumachen hatte genau 3 Sekunden gedauert. Arsch 3 hatte das Glück ein paar Meter abseits zu stehen.
Da er keine Anstalten mehr machte auf mich loszugehen, ging ich zu ihm.
„Kilian, lass gut sein.“ sagte meine Begleiterin.
„Was? Der kleine Scheißer wollte mir vor einer halben Minute den Arsch aufreißen. Ich sollte ihm doch wenigstens die Gelegenheit dazu geben.“ Mittlerweile stand ich direkt vor ihm und er hob beschwichtigend die Hände.
„Was ist Pisser, du wolltest doch den dicken Mann machen, ich warte.“ Sagte ich zu ihm.
„Schon gut, ich will keinen Ärger.“
„Du feiges Stück Scheiße. Zu dritt ein Mädchen verprügeln wollen, aber alleine in die Hose pissen. So ein Stück Scheiße wie du kotzt mich an.“
Meine Hände schossen vor, packten ihn am Kopf und zogen ihn herunter, während mein Knie noch oben ging.
Grunzend ging Arsch3 nach unten und er blieb stöhnend liegen.
„Verdammt Kilian. Das war nicht nötig.“ Giftete meine Begleiterin.
„Finde ich schon.“
„Ach Mist. Es hätte gereicht ihnen dienen Ausweis zu zeigen, aber nein, du musst gleich eine Schlägerei vom Zaun brechen. Scheiße, ich hätte auf die anderen hören sollen. Du bist und bleibst ein Kotzbrocken.“
Wütend drehte sich meine Begleiterin um und ging in Richtung Hauptstraße wobei die Heels klackend leiser wurden.
-Tja, das war´s wohl mit dem Date heute.-
Etwas frustriert wollte ich ihr folgen.
„Also, ich stehe auf die Bad-Boys.“ Meinte das Mädchen.
Ich betrachtete sie mir etwas genauer. Das Mädchen war Anfang zwanzig, hatte eine traumhafte Sanduhreinfigur, lockige schwarze Haare die bis zur Schulter gingen, grau-grüne Augen und ein verdammt feminines Gesicht. An hatte sie eine Jeans, eine passende Bluse der jetzt ein paar Knöpfe fehlten und ein paar Boots.
Sie kam auf mich zu. Dazu musste sie über Arsch 1 steigen, der jammernd am Boden lag und sich das Bein hielt. Sie nutze das drüber steigen und verpasste ihm einen Tritt in die Eier, der ihn noch lauter jaulen ließ.
Respekt, ich musste grinsen, die Kleine war genau so böse wie ich.
„Was hattest du denn mit den Idioten?“
„Ach, der eine da“, sie zeigte auf Arsch 1 „wollte mich den ganzen Abend abschleppen. Er konnte wohl das Wort –NEIN- nicht verstehen.“
„Schätze, er hat es jetzt kapiert.“
Sie trat näher an mich heran. „Sorry, dass ich ihnen das Date versaut habe.“
„Ach was, die kommt wieder.“
Sie ging auf Tuchfühlung mit mir. „Muss sie heute nicht, ich bin Judith.“
„Kilian.“
„Bist du Bulle oder böser Junge?“
„Ich würde sagen, beides.“
„HHMM, auf die Sorte steh ich besonders. Tja, da dein Bett wohl leer bleibt, was hältst du davon, wenn wir zwei es benutzen.“
Ohne ein weites Wort hielt ich ihr den Arm hin und Judith hakte sich unter.
„Hast du auch Handschellen?“ fragte sie auf dem Weg zum Auto.
„Glaub mir, Judith, ich bediene alle Klischees vom bösen Bullen. Auch das mit den Handschellen.“
**
25 Minuten später hatte sich Judith von mir die Handschellen anlegen lassen und ritt auf mir sitzend ihrem ersten Orgasmus entgegen.
Wir vögelten die ganze Nacht bis wir erschöpft nebeneinander lagen. Judith war ein Vamp, der nicht genug bekommen konnte. Sie forderte trotz gefesselten Händen und holte sich das, was sie wollte.
Sie jammerte auch nicht über die unbequemen Handschellen. Sie genoss die Stunden und als sie dann genug hatte, ließ sie sich die Handschellen nicht abnehmen, sondern sich lediglich die Hände vor den Körper fesseln.
So lag sie neben mir und schlief, während ich mich fragte, ob mein eigentliches Date für heute Nacht auch so abgegangen wäre?
Wohl eher nicht…
-Manchmal ist es von Vorteil, ein Kotzbrocken zu sein.- Grinste ich in mich hinein.
**
SSMMMM SSMMM
Das Vibrieren des Handys beendete die kurze Nacht.
Ich griff das Teil und überlegte kurz, es gegen die Wand zu werfen…Mit dem Handy in der Hand setzte ich mich an den Tisch der ein paar Schritte neben dem Bett in meiner Bude stand.
-Chef- stand auf dem Display.
-Was will der denn?-
Egal, ich nahm den Anruf an.
„Baumann.“
Inzwischen war auch Judith aufgewacht, nackt nur mit den Handschellen bekleidet setzte sie sich aufrecht ins Bett und ich warf ihr den Schlüssel der Handschellen zu.
„In mein Büro, in einer halben Stunde.“ Ertönte die Stimme von Milewski, meinem Dienstgruppenleiter
„Vergiss es, ich bin suspendiert.“
„Jetzt nicht mehr. 30 Minuten.“
Schon hatte er aufgelegt. Ich legte das Handy zurück und fing den Schlüssel wieder auf, den mir Judith, jetzt ohne Handschellen, zurückwarf.
„Suspendiert?“ fragte sie. „Was hast du denn angestellt?“
„Ich war böse.“
„Weißt du, du gefällst mir.“ Sie kramte in ihren Sachen und fischte einen Stift heraus. Auf ein Stück Papier schrieb sie mir ihre Nummer auf.
Anscheinend hatte Judith keine Probleme nackt zu bleiben, und ich genoss ihren Anblick.
„Hier, meine Nummer, falls mal wieder ein Date ausfällt, ruf mich an.“
„Mal sehen.“ Ich stand auf, ging ins Bad und wusch mich kurz ab.
„Ich muss los. Kannst dir ruhig Zeit lassen. Ein anderes Date ist nicht in Sicht. Wenn du gehst, zieh einfach die Tür hinter dir zu.“
„Keine Angst, mich hier alleine zu lassen?“ fragte sie.
Ich war schon fast aus der Tür, dann drehte ich mich um, ging zum Schlüsselboard und nahm den Zweitschlüssel der Wohnung, den ich Judith zuwarf.
Keine Ahnung was Judith hatte, das anderen fehlte. Sie hatte einfach das gewisse Etwas.
-Wir sind gar nicht so verschieden- dachte ich mir.
„Nein. Falls du ihn nicht brauchst… leg ihn auf den Tisch.“
Damit ließ ich die nackte Judith allein und machte mich auf den Weg ins Büro.
**
„Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen, du stehst noch immer ganz oben auf der Abschusslist.“ Sagte Milewski zu mir, als ich in seinem Büro saß.
Dankend griff ich zu dem Becher mit heißem Kaffee und nippte daran. BAAHH! Milewski hatte immer noch keine Ahnung, wie man anständigen Kaffee kocht…Naja, besser als gar keinen Kaffee.
„Der einzige Grund, warum du hier bist liegt daran, dass Keller Druck von Oben bekommen hat.“
Milewski hatte sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und wartete.
Milewski und mich verband eine Art Hass-Liebe. Milewski war mein Chef und so schwer es mir auch fiel, das zuzugeben, er machte seinen Job gut. Das gleiche dachte er wohl von mir, denn solange ich Erfolg hatte, hielt er seine schützende Hand über mich, auch wenn ich ihn noch so viele Nerven kostete.
Allerdings hatte sich herausgestellt, dass der Dealer dem ich den Arm gebrochen hatte, Papas Liebling war und Papa Anwalt mit vielen Kontakten war und so konnte auch Milewski meine Suspendierung nicht verhindern.
„Vielleicht sollte ich Keller dann einen Gefallen tun und eine Zeitlang Urlaub machen.“
„Hör zu, du sturer Bock! Nutze die Chance und versaue es nicht wieder!“
„Also gut, ich will dir trotzdem keine falschen Hoffnungen machen. Wen hat du alles in die Sondergruppe gesteckt?“
„Ich? Niemand! Die Sondergruppe hat Keller höchstpersönlich ausgewählt.“
Ich stöhnte auf. Auch das noch, lauter Speichellecker die Keller brühwarm alles auftischen werden.
Milewski sah auf seine Uhr. „Ich hab für acht Uhr eine Besprechung angesetzt, also kannst du dir gleich einen persönlichen Eindruck machen.“
„Lass es uns hinter uns bringen.“ Ich goss den Kaffee ins Waschbecken und stellte die Tasse ab. Zusammen gingen wir in den Besprechungssaal in dem die anderen schon auf uns warteten.
Ich nahm am oberen Ende des Tisches Platz und sah mich um.
Was für ein trauriger Haufen!
Von den acht Anwesenden waren zwei Frauen. Eine sah ich heute zum ersten Mal, die andere kannte ich von früheren Einsätzen. Ihr Name war… Verdammt… Annika Jansen. Sie hatte eine Zeitlang in der Bereitschaft gearbeitet, und ich erinnerte mich daran, dass sich Annika bei Einsätzen, bei denen es „rund“ ging durchaus behaupten konnte.
Von den anderen sechs kannte ich vier mit Namen. Berger und Schaum waren beide erfahrene Ermittler, dich sonst als Zweierteam unterwegs waren. Das war gut und schlecht. Gut war, dass beide sich kannten, schlecht war, dass sie es nicht gewohnt waren in einem größeren Team zu arbeiten.
Schaller kam aus der „Steuerabteilung“ und Graling hatte zuletzt Einbrüche bearbeitet.
Die beiden die ich nicht kannte, waren ganz klar Neulinge, die wohl gerade erst mit ihrer Ausbildung fertig waren.
Als erstes fragte ich die mir unbekannte Frau nach ihrem Namen.
„Silvia Kammer. Ich wurde auf eigene Wunsch von der Abteilung für Verkehrsdelikte in diese Gruppe versetzt.“
„Verkehrsdelikte?“ fragte ich fassungslos und sah Milewski an.
Der sagte nichts und verzog auch keine Miene.
„Ja, Verkehrsdelikte! Ich hatte die Schnauze voll von irgendwelchen Prolls mit dicken Auspuffrohren.“
Das hörte sich schon besser an.
„Und ihr beiden?“
„Delling Karsten. Das hier ist meine erste Ermittlungsgruppe.“ Sagte der eine.
„Jens Wagner, auch meine erste Gruppe.“
HHmm, wieder blickte ich mich um. Zwei erfahrene Ermittler, eine Kollegin die sich auch im Handgemenge behaupten konnte, eine die kein Blatt vor den Mund nahm und Wagner, der einen guten Eindruck auf mich machte, soweit die positiven Aspekte.
Graling und Schaller konnte ich noch einschätzen und Delling sah ich auch noch neutral.
Vielleicht war mit dieser Truppe ja doch was anzufangen.
„Für diejenigen die mich noch nicht kennen, mein Name ist Baumann. Abgekürzt KB. Diejenigen die wissen was das heißt, können die Unwissenden ja einweihen.
Das wichtigste zuerst, ich bin Chef dieser Truppe! Wer ein Problem damit hat, kann sich jetzt dazu äußern und verschwinden. Wer die Klappe hält und hierbleibt, macht später genau das, was ich sage.“
Ich schwieg und sah in die Runde.
Silvia Kammer ergriff die Gelegenheit.
„Dann will ich auch gleich etwas klar stellen. Solange deine Anweisungen Sinn machen und du sie, sollte etwas unklar sein, mir erklärst, habe ich kein Problem damit. Aber ich springe nicht nur weil du laut brüllst.“
Ich konnte eindeutig Milewskis Mundwinkel zucken sehen. Na warte.
Aber Hut ab. Kammer wurde mir immer sympathischer.
Da sonst keine Einwände kamen fuhr ich fort. „Bevor aus dieser Runde irgendwas an irgendwen rausgeht, werde ich gefragt. Und wenn der oberste Guru der Republik was wissen will, ich komme vor ihm! Dazu Anmerkungen?“
Diesmal hatte keiner etwas zu sagen.
„OK, dann bringt mich mal auf den neusten Stand.“
Schaller zögerte kurz dann ergriff er das Wort.
„Wir wissen kennen mittlerweile die Identitäten aller Opfer. Kuhlinski und Saleri waren Kleindealer. Vielleicht kann einer von Euch dazu was sagen.“ Schaller sah Berger und Schaum an und Berger hakte ein.
„Wir haben die beiden schon ein paarmal eingebuchtet. Typische Junkies die zur Finanzierung ihres Eigenbedarfs dealen. Was Auffällt ist die Tatsache, dass beide für ein paar Monate von der Bildfläche verschwanden und plötzlich clean wieder da waren und im größeren Stil dealten.“
Schaum legte nach. „Der dritte war bis jetzt als Dealer unbekannt.“
„Ich habe ihn gekannt.“ Warf Graling ein. „Er hat ein paar kleine Brüche gemacht. Auch versuchter Bandendiebstahl und so weiter. Sein Name war Holler. Holler war einfach blöd. Der hätte nie das Zeug zum richtigen Kriminellen oder Dealer gehabt, wer immer ihn um die Ecke gebracht hat, er wollte dass Holler als Drogenjunkie schnell vergessen wird. Und wie bei den anderen beiden, hat ihn ein paar Monate vor seinem Tod keiner gesehen.“
Das brachte mich zum Nachdenken. Alle drei verschwanden für eine Zeit, tauchten wieder auf und waren kurze Zeit später tot. Das legte den Schluss nahen dass alle drei für denselben Boss oder Organisation gearbeitet hatten.
„Was ist mit der Frau?“
„Sie war die Ehefrau eines der Hauptverdächtigen.“ Schaller hatte wieder übernommen. „Britta Perlinger, 32 Jahre und 4 Jahre mit Darius Sorokin verheiratet.
Darius ist, nach allem was wir wissen, der Kopf eines landesweiten Syndikates. Drogen, Waffen, Prostitution, alles was du willst. Bei ihm bekommst du es. Unser Problem ist, dass Darius alle Geschäfte über eine Mittels Organisation abwickelt. Offiziell hat er überhaupt nichts damit zu tun. Keiner den wir bis jetzt hochgenommen haben, hat auch nur ein Sterbenswörtchen über ihn fallen lassen, falls sie überhaupt dazu lange genug gelebt hätten.
Solange wir ihn nicht in Flagranti erwischen, ist er sauber.“
„Wir haben schon Mal versucht einen Ermittler einzuschleusen. Zwei Monate später waren wir alle auf seiner Beerdigung.“ Warf Schaum ein.
„Was ist mit der Perlinger?“
„Wissen wir nicht genau. Wir haben sie eine Zeit lang überwacht und gehen davon aus, dass sie genau wusste mit was ihr Mann sein Geld verdient.“
Berger holte einen Stapel Bilder aus seiner Tasche und schob sie zu mir herüber. Auf fast allen Bildern war Sorokin zu sehen.
„Wer ist das?“
Berger schaute nach.
„Darius.“
Darius war ein Schrank von Kerl. Er hatte brutale Gesichtszüge und legte offenbar Wert auf ein böses Aussehen. Kleider und Haltung sollten jedem suggerieren, leg dich nicht mit mir an.
So ein Wichser! Warte du Arsch. Ich krieg dich.
Ich blätterte die Bilder weiter durch… Was war das? Auf einem Bild waren Britta Perlinger und eine andere Frau. Blond, gute Figur, geile Titten und hübsches Gesicht. Die beiden sahen sich genau ins Gesicht und die Haltung sowie der Ausdruck in Brittas Augen verriet, das die beide nicht nur guten Freundinnen waren.
„Wer ist die Frau?“
„Wissen wir nicht. Sie hat die Perlinger einige Male besucht. Eine Überprüfung gab es nicht, denn bevor wir dazu kamen, wurde die Überwachung abgeblasen.“
„Wer hat das Angeordnet?“
„Keller. Es hieß die Sache würde die Kosten nicht rechtfertigen.“
Ja, das klang ganz nach Keller.
Es folgten noch einige Informationen, die aber alle zweitrangig waren. Noch immer hielt ich das Bild von Britta mit der unbekannten Frau in der Hand und irgendwas in mir sagte mir, dass diese Frau der Schlüssel war.
„Ich will wissen wer die Frau auf dem Foto ist. Berger und Schaum, ihr klopft bei Darius auf den Busch, Kammer, Delling und Wagener ihr nehmt euch die Verkehrskameras in der Nähe von Sorokins Anwesen vor. Vielleicht haben wir Glück und die Braut kam mit ihrem Auto.
Graling und Jansen, ihr fragt euch in der Szene um, vielleicht kennt sie jemand.
Schaller überprüft die Handydaten der Perlinger. Ich will wissen, mit wem sie telefoniert hat. Wenn eine Frau darunter ist, finde heraus, wer es ist.
Fragen?“
Es gab keine, also schickte ich das Team los, seine Arbeit erledigen.
Im Flur gingen Jansen, Schaller und Kammer nebeneinander.
„Ich finde, er ist gar kein so großer Kotzbrocken.“ Meinte Kammer.
„Wart mal ab, biss etwas nicht läuft, wie er will, dann lernst du ihn richtig kennen.“ Antwortete Schaller.
Ich ging mit Milewski zurück in sein Büro, wo ich ungefragt die Kaffeemaschine befüllte und zwar mit der richtigen Menge an Kaffee.
„Also?“ fragte er.
„Wird sich zeigen.“
„Tu mir und dir einen Gefallen und versuch es wenigstens.“
„Keine Sorge. Ich werde mein Bestes geben.“
Als ich nach 12 Stunden nach Hause zurück kam war die Wohnung leer und Judith verschwunden. Ich sah zum Tisch und tatsächlich, den Schlüssel hatte sie mitgenommen.

***

Ich erwachte.
Mein Bewusstsein kehrte langsam zurück. Ich überlegte mit aller Kraft,wie lange ich nun schon hier war. Unerträglicher Schmerz in meinem Kopf und in allen meinen Gliedern, als hätte man meinen Körper mit Meißeln bearbeitet. Meine Zunge klebte mir am Gaumen.
„Wasser.“ Mein erster klarer Gedanke.
Vielleicht nur ein Schluck Wasser wäre jetzt die Erlösung. Ich wusste nicht, ob mich diese Typen verstehen würden, wenn ich sie darum bitten würde. Sicher war nur, keiner von ihnen schien aus dieser Gegend zu sein, geschweige aus diesem Land. Ich blieb also bei meiner ersten Vermutung. Es waren sicher Russen.
Jeder einzelne von ihnen in der Lage, für Geld jemanden eine Kugel durch den Kopf zu jagen und danach so zu tun, als wäre nichts geschehen. Ein Kerl, ein Fettwanst in einem Blaumann und mit einer Schweißerbrille auf seiner Stirn hatte einen irrsinnigen Spaß daran, mir der Flamme eines Schweißbrenners vor meinem Gesicht herumzufuchteln. Vermutlich hatte er die Aufgabe, einige Luxuskarossen, die zu sehen waren für den illegalen Automobilmarkt fit zu machen. Andere hatten wohl offensichtlich nur die Aufgabe, dieses gesamte Treiben zu bewachen. Immer wieder öffnete sich das Tor dieser ausgedienten Werkshalle.
Zwei von ihnen gingen heraus und wiederum zwei kamen herein. Jeder von ihnen mit einer Maschinenpistole der Marke AK47 bewaffnet. Das hieß also besser Abwarten. Warten darauf, dass etwas passierte, obwohl für den Moment schien es so, als hätte niemand mehr so rechtes Interesse an mir. Dieses fette Schwein mit dem hochroten Kopf und seiner Schweißerbrille auf seiner Stirn machte mich zunehmend nervöser.
Hätte ich die Möglichkeit, würde ich ihm am liebsten mit einer der herumliegenden Eisenstangen seinen Schädel zertrümmern. Einfach nur so für sein dämliches, hämisches Grinsen. Ausgerechnet jetzt erinnerte ich mich, wie ich mir als kleiner Junge die Finger an einer offenen Flamme einer Kerze verbrannte. Wie ich vor Schmerzen schrie. Ich schätzte, ich würde auspacken, wenn man mir androhte, sonst meinen Körper mit der tiefblauen Flamme eines Schweißbrenners zu bearbeiten.
Und somit Nina verraten? Sie ans Messer zu liefern um mein Leben zu retten? Ich hoffte stark genug zu sein, wenn der Moment gekommen wäre, an dem sie es aus mir heraus prügelten.
„Nina, Nina…immer wieder Nina.“ schoss es mir durch den Kopf. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Vielleicht schon mit dem gesamten Geld und den Diamanten auf den Weg auf die Cayman Islands? Die Reisetasche, randvoll mit Kokain hätte sie nicht gebraucht um an Geld zu kommen und dort ein ruhiges und zufriedenes Leben zu führen. Denn sie hätte dort ein beträchtliches Vermögen erwartet.
„Zu spät.“ dachte ich. Sie ist fort und hoffentlich in Sicherheit und ich? Mich hätte sie zurückgelassen und irgendwann blieb ihr nur noch die Erinnerung an uns und wie wir uns kennenlernten. „Nein!“
Nicht Nina. Ich versuchte mit allen mir zur Verfügung stehende Kräften diesen absurden Gedanken zu verwerfen. Ein für alle mal.
Es war zwar nackte Todesangst, die mich längst ergriff, während ich immer noch an den Händen und an den Füssen gefesselt vor mich hinkauerte. Vielleicht half es, mir die Gesichter dieser Typen einzuprägen, halt auf alles zu achten was sich ich hier abspielte. Zu welchem Zweck auch immer. Ablenkung vor der Furcht, diesen Ort hier vielleicht nicht mehr lebend zu verlassen. Namen, aus irgendeinem Grund wollte ich wissen, wie sie hießen. Die meiner Bewacher riefen sich Alexej und Jegor. Der Fettsack mir dem dummen Gesicht wurde Lew gerufen. Er war nicht nur fett sondern auch dumm. Und die anderen schienen das zu wissen. Ich schätzte, gäbe man ihn eine Pistole um sich selbst eine Kugel in den Kopf zu schießen, er täte es. Irgendwas heckten sie aus und dieser Lew, ein Trottel der nun mal auch war, war ihr Handlanger. Er legte mir von hinten einen Kabel um den Hals und zog wie bei einem Strangulationswerkzeug zu, dass ich dachte ohnmächtig zu werden. Durch die Luftnot spürte ich, wie mein Gesicht zu kribbeln begann. Alles vor meinen Gesicht verschwamm. Mein Kopf dröhnte und schon nach Sekunden schien alles um mich herum dunkel zu werden.
„Es reicht jetzt Lew.“ Dieses Riesenarschloch ließ von mir ab.
„Mach ihn los.“ befahl Alexej.
„Los?“ wunderte sich der Typ namens Jegor.
„Ja, los machen Lew, nimm ihm seine Fesseln ab. Aber bewacht ihn. Wenn er versuchen sollte abzuhauen, schießt ihm in die Kniescheiben.“
„Was soll das Ganze?“ stammelte Jegor.
„Der Boss will es so. Er wird heute Nacht noch hier sein. Also los jetzt.“
Sie banden mich los und gaben mir auch tatsächlich etwas zu trinken. Der große Boss. Deshalb ließen sie mich sicher am leben. Er war auf dem Wege hierher. Soviel bekam ich also heraus.
Unter strengster Bewachung und Beobachtung versuchte ich ein paar Schritte zu gehen.
„Da vorne gibt es Wasser. Oder willst Du ihm etwa so unter Augen treten?“
„Wem?“ wagte ich den Versuch zu fragen.
„Dass wirst Du dann schon früh genug erfahren.“ Alle lachten.
Alexej führte mich bei vorgehaltener Waffe in einen total verdreckten und modrig riechenden Waschraum. Aber es gab Wasser und ich ließ es mir über meine geschundenen Handgelenke laufen. In einen gesplitterten Spiegel betrachtete ich mein Gesicht. Die Platzwunde an meiner Stirn durch die Schläge mit einem stumpfen Gegenstand schien zu verkrusten.
„Du siehst elendig aus.“ flüsterte ich zu mir. Ich schwörte es mir und für Nina, mich solange auf den Beinen zu halten, bis sie meine Stärke und meine Kraft vielleicht für immer gebrochen hätten.
„Ich liebe Dich Nina, weißt Du das eigentlich?“ Meine Lippen bewegten sich so leise, dass nur ich selbst es verstehen konnte.
„Schluss jetzt da, rauskommen.“ brüllte Alexej.
Schnell noch mal pissen und dann nahm er mich fast schon wie  gewohnt mit der AK47 im Anschlag in Empfang.
„Hier wieder hinsetzen und nicht bewegen. Sonst müssen wir dich wieder fesseln.“ Es war der Verstand, der mir sagte, ihre ständigen Drohungen unweigerlich zu befolgen. Ich rührte mich daher nicht von Stelle, so genoss ich mein erstes kleines Stückchen Freiheit.
Aufgeben, trotz meiner fast schon ohnmächtigen Furcht vor weiteren Folterattacken oder sogar vor dem Tod?
Nein.
„Sorokin ist spät.“ bemerkte Alexej.
„Er wird kommen, ganz sicher. Wenn er sagt, er kommt, dann kommt er.“ entgegnete Jegor.
Mit der Zeit setzte sich alles zusammen wie ein großes Puzzle. Zwei Leute, dieser Alexej und der Typ namens Jegor,  waren in irgendwas eingeweiht und kommandierten und der gesamte Rest dieser Horde waren Lakaien. Leider nur zu meiner Gewissheit Lakaien mit einem lockeren Finger am Abzug. Und alle, egal wer von ihnen machten auch nicht unbedingt den Eindruck zum Verhandeln. Bis eben auf zwei Ausnahmen einfache Befehlsempfänger. Heimatlose Kleinkriminelle,ausgestattet mit der Macht und dem Befehl auf der Stelle zu töten, wenn es die Situation erforderte. Erneut wurde das Tor geöffnet. Es herrschte eine zunächst unerklärliche Aufregung unter den Leuten, als ein geschlossener Transporter, gefolgt von zwei Limousinen, im Schritttempo die Halle befuhr. Die Blicke meiner beiden Wachhunde wendeten sich ab von mir.
„Darius.“ murmelte Alexej.
„Sag ich doch, da ist er.“ Grinste Jegor. Die Türen der Edelkarossen, beide vermutlich englisches Fabrikat mit fremdländischem Kennzeichen wurden geöffnet. Ich bezeichnete den Mann als eine Hüne, besser noch als einen Kleiderschrank auf zwei Beinen, der gerade den Hallenboden, beim Heraussetzen seiner Beine aus einer der Limousinen, betrat. Der andere erschien mir eher klein und hager, gekleidet in einem dunklen Anzug, der jegliche Wirkung eines gut gekleideten Mannes völlig verfehlte. Beide Männer begrüßten sich. Sie forderten zwei ihrer Laufburschen auf den Transporter zu öffnen. Mit roher Gewalt zerrten sie sechs Mädchen, alle sicher nicht älter als zwanzig von der Ladefläche. Diese Girls waren alle samt ein einziger Traum. Makellose Körper und prall hervorstehende Brüste, die Haare weit bis über ihre Schulter. Diese Sache lag sicher klar auf der Hand. Irgendwann landete jede von ihnen als willenlose, tabulose Bordellhure in einem seiner Bars, Clubs oder Puffs. Der Typ im Format eines Kleiderschrankes, den man Darius rief, begutachtete jede einzelne von ihnen. Sie schienen nunmehr sein Eigentum zu sein. Auf der hochglanzpolierten Haube des Bentleys lag ein Aktenkoffer bereit. Auf den Befehl des Hageren wurde er geöffnet.
„Was soll dass sein?“ brüllte Sorokin.
„Alles wie vereinbart. Die Summe stimmt.“ Erwiderte der Hagere, der sofort einen guten Schritt zu Sorokin Abstand nahm. Es kam zu einem handfesten Streit. Die Leute wurden zunehmend nervöser und es lag eine lebensbedrohliche Stimmung in der Luft. Dem Hageren ins Gesicht zu schießen betrachtete Darius Sorokin als seine höchst persönlichste Angelegenheit. Seine zwei Begleiter wurden bei einem Fluchtversuch in Richtung des Tores der Halle von zwei Salven aus einer AK47 niedergestreckt. Die Mädchen schrien und liefen auseinander doch niemand wagte sie anzufassen, wenn auch in den Gesichtern einiger Kerle nichts als die pure Geilheit auf einen schnellen Fick mit ihnen zu sehen war.
„Das ist er also. Darius Sorokin.“ Dieser Mann war in jeder Weise furchteinflössend, dass einem das Blut in den Adern gefrieren könnte. Schon sein Anblick genügte und das war sicher auch voll und ganz seine Absicht. Die absolute Nummer eins im Milieu.
Ich versuchte ständig meine Gedanken neu zu ordnen. Wie für alles im Leben musste es doch eine schlüssige Erklärung geben. Wer war dieser Mann? In meinem Kopf wollte es einfach nicht „Klick“ machen. Nina, die sich vielleicht schon unter karibischer Sonne in Sicherheit befand erwähnte ihn nie. Ich hoffte, sollte ich das alles hier tatsächlich überleben, sie wiederzusehen. Es gab da ja noch das Schließfach am Bahnhof. Wir hatten es zwar ausgeräumt. Aber vielleicht wäre das genau der Schlüssel zu ihr. Eine Botschaft, eine Nachricht, etwas Geld für meine endgültige Flucht. Den Schlüssel hatte ich sogar noch an meinem Bund. So Hals über Kopf wollten wir von hier verschwinden, wenn es ging sogar für immer. Ja, Nina ist ein kluges Mädchen, weil ich es so wollte und mich in meiner prekären Situation  an irgendwas klammern wollte.
Blieb doch nur noch Britta. Verdammt Britta, die es übel erwischt hatte. Na klar. So und nicht anders musste es sein. Brittas Mann, der nie zu sehen war oder den wir nicht sehen sollten. Ihre ständigen Warnungen. Das Geld, die Diamanten,das Koks,Waffen, die Caymans.
„Britta Perlinger.“ Alles passte so gut zusammen. Kein Zweifel, er war es. Darius Sorokin war Brittas Mann. Und vielleicht sogar gab er den Auftrag sie umlegen zu lassen. Ich begann ihn nicht nur zu fürchten, sondern auch zu hassen. Abgrundtief zu hassen. Aber diesem Kerl ging es nicht um das Geld, sondern ums Prinzip. Obwohl ich Zweifel hatte, ob das Wort Prinzip für einer Killer wohl angemessen sein würde.
„Wer ist er?“
Langsamen Schrittes, in Begleitung von Alexej und Jegor, näherte sich mir diese Hüne eines Mannes. Er schien dabei alles andere um sich herum in den Schatten zu stellen. Dieser Kerl hatte gerade einen Mann erschossen und ging zur Tagesordnung über. Mir vorzustellen, dass er auch Britta auf dem Gewissen hatte, vertiefte nur mehr meine Abscheu gegen ihn. Ich dachte, um so einen Kerl ins jenseits zu befördern, bedürfte es sicher mehr als nur eine Kugel. Solche Typen wie er haben mehrere Leben und kommen meist davon.
„Vielleicht weiß er wo der Stoff und die Steinchen sind.“ Verrieten ihm die andere Beiden.
„Und warum er?“
„Vermutlich kannte er …“
„Erwähne ihren Namen nicht. Verstanden!“ drohte Sorokin.
Alexej und Jegor, zwei üble Kerle nur allein für sich, kuschten. Überhaupt taten alle hier, was er verlangte. Meist genügte nicht einmal ein Wort von ihm und trotzdem wusste jeder sofort, was er tun sollte. Und so wurden auch weiter Transporter mit Kisten für die Weiterfahrt beladen. Was da auch immer drin war, es war sicher Hehlerware. Drogen, Alkohol, Kartons mir Hightech Geräten aus Einbrüchen, vielleicht sogar Waffenschmuggel für den Nahen Osten. Man hörte ja so einiges darüber. Warum ich mich so manchmal, wenn auch nur für Momente, nicht vor ihm fürchtete, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht gefiel mir seine Art sogar so manches mal. Nein, ich wollte es nicht zulassen, für den Mann, den ich gerade noch hasste, plötzlich so etwas wie Sympathie zu empfinden. Klar, es war Nina, die mir einfach keine Sekunde aus dem Kopf ging und an die ich dachte. Für die ich hier das alles überstehen wollte. Für sie allein sollte es sich lohnen zu kämpfen. Wenn es sein müsste bis zum Schluss. „Lasst mich mit ihm allein.“ befahl Sorokin.
Außer mir folgten ihm auch die sechs Mädchen in einen abgeschiedenen Teil der Halle, der mit gläsernen Wänden unterteilt war. Von hier aus hatte er einen Überblick über das Geschehen und  behielt mich dazu fest in seinem Blick.
„Ich will ja kein Unmensch sein.“ Alexej und Jegor brachten Getränke herbei. Champagner und Gläser für die Mädchen, eine Flasche Cognac für ihn und sogar heißen Kaffee, den ich jetzt wirklich brauchte. Das stank den Beiden enorm ausgerechnet mich jetzt auch noch zu bedienen. Mit fragender Mine zogen sie sich zurück.
„Und gefallen sie Dir. Eine schöner als die andere.“ Sorokin duzte mich. Sicher nicht aus purer Freundlichkeit, sondern um sein perfides Spiel mir zu treiben.
„Welche gefällt Dir?“ fragte er zu meiner Verwunderung.
Es war das blonde Mädchen unter ihnen. Vermutlich eine Polin, der man wie so oft hier ein besseres Leben versprach. Sicher nicht älter als achtzehn Jahre aber bildschön.
„Eine gute Wahl und jetzt frag sie wie sie heißt.“ forderte Sorokin.
Ich wendete mich zu ihr zu.
„Wie heißt. Du, dein Name. Sag mir deinen Namen.“ Sie verstand nicht meine Sprache aber vielleicht den Sinn meiner Frage.
„Arjona.“ antwortete sie zaghaft.
Ich konnte es nicht leugnen, sie gefiel mir. Sie tat mir einfach leid. Ahnte sie vielleicht, warum sie und die anderen Mädchen hier waren? Was für ein fataler Irrtum an ein besseres Leben zu glauben. In ihrem hübschen Gesicht stand die nackte Angst. Man sah es. Alles sahen das. Sorokin, der dass wohl zu tiefst genoss, die anderen Girls und ich. Einmal mehr brannten sich die Erinnerung an schöne Stunden  Nina in mein Gedächtnis.
„Heute Nacht kannst Du sie haben. Tu mit ihr was Du willst.“ Was für ein Heuchler dachte ich.
„Aber zuerst stelle ich Dir ein paar Fragen. Antwortest Du korrekt, alles ist gut. Lügst Du, stirbt eine dieser Frauen.“ Es hatte begonnen. Nun war ich an der Reihe.
Die Mädchen gehörten ihm. Er hatte dafür gezahlt wenn auch der Hagere dafür ins Gras beißen musste. Sie waren sein Eigentum, wie man wohl in diesen Zuhälter kreisen zu sagen pflegte. Starb eine von ihnen durch mein Versagen, hatte nicht er, sondern ich ein gewaltiges Problem. Eine tote Frau bringt halt kein Geld. Na ja, und von Problemen hatte ich nun wirklich die Nase gestrichen voll.
Perlinger legte seine CZ 75 Kaliber 9mm mitten auf den Tisch den wir teilten, befüllte einen Schwenker mit  Cognac der Marke „Chateau de Plassacc“ und lehnte sich besonnen zurück.
„Also mein Freund, wo ist es?“ Seine Laune sank von einem auf den anderen Moment auf den Tiefpunkt.
„Was?“ fragte ich um Zeit zu gewinnen.
„Was? Du fragst was? Ich glaube Du verkennst deine Situation.“ Er brüllte, dass auch die Mädchen augenblicklich ihren Mund hielten. Mit einer Hinhaltetaktik kam ich also nicht weiter. Er würde es durchschauen und mich spüren lassen.
„Schon mal gesehen?“
Es war eine Photographie von Britta, die er mir vorlegte. Jetzt wieder lügen und er rastet völlig aus. Ich hielt die Luft an bis es aus mir herausplatzte. Völlig unüberlegt, ungewollt, auf volles Risiko, mit dem Gedanken an eines dieser Mädchen hier suchte ich nach der richtigen Antwort. „Ja.“
Es herrschte Totenstille. Sorokin stand auf, ging zu einem kleinem Fenster, so dass sich sofort nur seine reine Gestalt der Raum verdunkelte. Doch ohne mir gleich wutentbrannt an meine Gurgel zu gehen, setzte er sich wieder mit den Worten:
„Richtige Antwort.“
Man spürte die reine Erleichterung, die sich Raum breit machte. Nur er allein entschied was richtig und was falsch war. Also völlig zwecklos ihn zu umgehen oder es kostete sofort ein Menschenleben. Die erste Runde schien überstanden. Doch von wie vielen Runden? Was hatte er vor? Wie weit würde er wirklich gehen? Wie viel ist so einem Typen ein Menschenleben wert nur für sein eigenes Selbstwertgefühl. Diese Branche schien keine Regeln zu kennen. Niemand hier schlief, niemand wurde abgelöst.Keiner kannte den anderen, und wenn, dann nur flüchtig. Wer das nicht mitmachte oder aushielt wurde auf der Stelle eliminiert. Um jegliche Gefahren eines Verrats vorzubeugen. Wie heißt. es noch: Die Konkurrenz schläft nicht. Selbst aus dieser Perspektive noch ließ sich erkennen, wie sich immer wieder das Tor öffnete, ein Fahrzeug fuhr herein und es wurde wieder im Eiltempo be- und entladen.
„Also nochmal. Wer hat das Zeug?“  brummelte Sorokin ungeduldig.
„Auf jeden Fall ist es nicht hier. Ich weiß es nicht.“ Falsche Antwort dachte ich.
Er senkte tief seinen Kopf und sah mich wie von unten an. Sein dämonischer Blick sagte mir, dass nun was passieren würde. Dann beugte er sich über den Tisch zu mir herüber und schob sachte die CZ 75 Kal.9mm herüber in meine Richtung.
„Geh daraus und erschieße sie.“ befahl er. Unter den Mädchen herrschte eine unglaubliche Aufregung gemischt aus Schrecken und Todesangst.
„Wen erschießen?“ Totale Irritation.
Dann stand Sorokin wieder auf und sah zu dem jungen, blonden Mädchen. Mir stockte der Atem. Seine wulstigen Finger zeigten eindeutig auf Arjona. Sein Spiel mit mir ging  auf. Ausgerechnet sie. Er hatte mich also voll und ganz in seiner Hand.
Es gab ihn wirklich. Den Moment, an dem an einem in Sekunden ein ganzes Leben vorbeizieht. Und das war so einer dieser Momente. Er hatte mich dort, wo er mich haben wollte. Ein Mensch wird unwillkürlich sterben um einem anderen das Leben zu schenken. Von meiner allertiefsten Absicht, so Nina vor dem Schlimmsten zu bewahren um sie wiederzusehen konnte er nur ahnen. Nur ein Schuh drückte gewaltig, dass es durch meine Hände passieren sollte. Wie mechanisch griff zu der Waffe, wendete mich zu diesen unschuldigen Frauen und warf meinen Blick auf Arjona. Das Mädchen war kreidebleich und zitterte am ganzen Leib. Ich reichte ihr meine linke Hand, in der anderen fest die  CZ 75 Kal.9mm.
Dann zerrte ich sie aus dieser Gruppe Frauen. Jede einzelne von ihnen mit einer ungewissen Zukunft, aber sicher bestimmt für ein Leben in Gefangenschaft und Sklaverei. Sie schrien entsetzlich, als ich mit Arjona diesen Raum verließ,herab zu dem übrigen Abschaum, der schon gespannt wartete, was nun passiert. Sie folgte mir, vielleicht mit einem allerletztem Funken Hoffnung in ihrem bebenden Körper doch noch mit ihrem Leben davon zukommen. Ich streichelte ihr über ihr blondes glattes Haar und mit leichtem Druck auf ihre schmalen Schulter zwang ich sie auf die Knie. In ihren tränen überströmten Gesicht sah ich das von Nina.
„Verzeih mir, aber ich tue es für Dich, nur für dich.“ Meine Gedanken und meine Kraft gehörten jetzt Nina allein. Mein kraftloser rechter Arm erhob sich und ich richtete die Waffe auf den Schädel dieses Mädchens. Tränen in meinen Augen verwischten die  Sicht und dann dieser ohrenbetäubende Knall. Ich verriss den Schuss durch meine zitternde Hand und streifte sie nur an ihrer Schläfe. Mit verdrehten Augen brach sie zusammen und zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen auf dem Hallenboden. Ein grauenhafter Anblick und bei dem übrigen Gesindel herrschte eiskaltes Schweigen. Erst ein zweiter aufgesetzter Schuss direkt in ihr Herz tötete sie. Sorokin, dieses Schwein applaudierte aus dem Hintergrund und alle andere gingen zur Tagesordnung über. Mir wurde kotzübel.
Für ein paar Minuten ließ er mich in Ruhe. Wie lange noch? Ich war mir nur allzu sicher, dass er solange weitermachen wird, bis er bekommt was er will. Mit meinen Kräften am Ende und ohne jegliches Zeitgefühl vermutete ich bereits den nächsten Tag. Hilfe von draußen.? Vielleicht irgendwann. Doch ich verlor den Glauben an irgendeine Art von Gerechtigkeit und so überließ ich mich mir selbst und meinem weiterem Schicksal.
***
Seit drei Tagen saß ich nun an der Sache und kam keinen Schritt weiter. Bei Darius auf den Busch klopfen fiel aus, da er verschwunden war. Anrufe in seinen legalen Firmen wurden mit der Begründung, dass er auf Geschäftsreise sei, abgewimmelt.
Auch in der Szene schien keiner die Frau auf dem Bild zu kennen. Was Graling aber anmerkte war, dass in der Szene eine Heidenangst herrschte.
Auf eigene Initiative hatte er sich mit Jansen im Rotlichtmilieu umgehört, da sie mit der Drogenszene eng verbunden war. Auch hier fand Graling, dass niemand aus Angst, vor was oder wem auch immer, mit ihnen reden wollte.
Die einzige Spur hatten Kammer, Delling und Wagner gefunden. Sie hatten sich alle Überwachungsvideos, im Umkreis von 1000 Meter von Brittas Wohnung, vorgenommen und die Videos ausgewertet. Eine private Kamera hatte tatsächlich zwei Bilder der geheimnisvollen Frau gezeigt. Eines wie sie am Rand des Erfassungsbereichs einen Wagen abstellte, das zweite wie sie an der Kamera vorbeiging.
Das zweite war scharf genug, um die Frau zu erkennen, das erste ließ eher vermuten dass es unsere Frau war, da sie dieselben Kleider trug.
Weiter half uns das auch nicht, da die Auflösung der Kamera so gering war, dass das Heranzoomen des Wagens lediglich die Marke feststellen ließ. Ein silberner VW Golf. Hurra, davon gab es ja nur ein paar tausend.
Dennoch! Der traurige Haufen hatte sich wirklich ins Zeug gelegt und was gefunden.
Mit den Bildern der Kamera saß ich zu Hause und versuchte irgendwie weiterzukommen als die Tür aufging.
„Kilian?“ hörte ich Judiths Stimme.
„Komm rein.“
Ich hörte wie sie den Schlüssel aus der Tür zog und ihn wieder in ihrer Handtasche verstaute.
Sie kam mit zwei großen Tüten in meine kleine Zweizimmerwohnung und stellte die Tüten auf den Tisch.
„Ich hab was zu essen mitgebracht, hast du Hunger?“
Ja hatte ich tatsächlich.
„Ich hoffe nichts, was man mit Stäbchen isst.“
„Nein, ich dachte mir schon, dass du darauf nicht stehst.“
Sie packte das Essen aus und ich stellte entsetzte fest, dass alles noch im rohen Zustand war.
„Gibt es hier saubere Töpfe?“
Ich lachte. „Ja, die gibt es tatsächlich. Dort neben der Spüle, findest du alles.“
Judith brachte das Essen zum Anrichte und schaute in die Schränke.
„WOW Kilian, ich bin beeindruckt. Das hätte ich von einem Junggesellen wie dir nicht erwartet.“ Sagte sie als sie meine große Auswahl an hochwertigen Kochutensilien sah.
„Tja, wenn man keine Freunde hat, hat man viel Zeit zum Kochen.“
„Gar keine Freunde?“
„Mit mir hält niemand lange aus. Nicht mal Freunde.“
Sie hatte die Flasche mit Rotwein geöffnet, hatte sich die passenden Gläser gesucht und jedem von uns einen Schluck ausgeschenkt.
„Wer braucht Freunde?“ murmelte sie und reichte mir ein Glas mit dem wir anstießen.
„HHMM, ein guter Tropfen.“
„Ist aus meinem Keller. Hab ich irgendwann mal gekauft.“
Ich betrachtete mir das Etikett. Esslinger Osterberg, über 50 Euro die Flasche, verdammt teuer, um es einfach mal zu kaufen.
„Lust auf Steak?“
„Steak? Bei so was sage ich nicht nein.“
Judith begann sich der Zubereitung zu widmen und ich räumte den Tisch soweit ab, dass wir es und daran gemütlich machen konnten.
Schon kurze Zeit später zog der angenehme Duft von Judiths Kochkünsten durch die Wohnung.
„Radio?“ fragte ich sie.
„Klar, was mit Rock!“
Ich grinste, ich sah diese Frau heute zum zweiten Mal und sie gefiel mir besser als alle anderen zusammen.
Eine halbe Stunde später saßen wir am Tisch und genossen das Essen.
„Klasse gemacht. Rezept deiner Mutter?“
Judith lachte verächtlich auf.
„Nein, die hab ich nie kochen sehen. Dafür hatte sie Personal.“
Die Art wie sie Personal aussprach, sagte mir, dass sie diesen Zustand nicht vermisste.
„Personal, aha.“
„Lass das. Ich habe es gehasst.“
Wir aßen weiter bis ich sie aufforderte.
„Ok. Erzähl was von dir.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Bis vor fünf Jahren war ich an der Birkenwaldschule, dann Uni, und seit eineinhalb Jahren hab ich meine eigene Agentur.“
Nicht viel? Das verriet eine ganze Menge! Die Birkenwaldschule ist eine Privatschule für Hochbegabte. Für echte Hochbegabte, nicht irgendwelche Bälger, deren Eltern glauben das verzogene Handeln ihrer missratenen Kinder wäre ein Zeichen von Hochbegabung. Die Birkenwaldschule war dermaßen irre teuer, dass wirklich nur die Elite sich den Besuch leisten konnte.
Nur drei Jahre Uni? Judith machte nicht den Eindruck ein Studium abgebrochen zu haben, dass hieß sie hat in nur drei Jahren ein komplettes Studium durchgezogen. Und der teure Wein, sagte mir schließlich dass ihre Agentur kein Flop war.
„Was hast du denn Studiert?“
„Politikwissenschaft.“
„Und was für eine Agentur hast du? Werbe oder Mode?“
„Politik.“
„Politikagentur? Noch nie gehört. Was macht man denn da?“
„Ich schreibe Reden.“
„Reden? Für wen?“
„Für alle die mich dafür bezahlen. Hast du die Debatte über die Herabsetzung des Wahlalters verfolgt? Das meiste davon hab ich geschrieben.“
„Nein ehrlich gesagt, gehen mir solche Debatten am Arsch vorbei. Ich dachte immer die Politiker haben ihre eignen Redenschreiber.“
„Haben sie auch. Aber ich bin besser und wenn es um was Wichtiges geht, kommen sie zu mir.“
Sie lächelte selbstsicher und schob ein Stück Steak nach.
Ich stellte das Weinglas ab und schaute sie mir an. Zum ersten Mal saß jemand an diesem Tisch, bei dem ich nicht dachte, -wann geht sie endlich wieder.-
„Und du?“
„Was ist mit mir?“
„Ich weiß dass du Bulle bist und böse genug um suspendiert zu werden. Aber ich glaube nicht, dass du suspendierst wurdest, weil du krumme Dinger drehst. Ich denke jemand kommt mit deiner Art nicht klar.“
„Kommt hin.“
„Außerdem, bist du so gut, dass sie nicht auf dich verzichten können.“
„Ja, kommt auch hin.“
„Mir gefällt deine Art. Solange du mich nicht dumm anmachst können wir gute Freunde sein.“
Darauf stieß ich mit ihr an. „Keine dumme Anmache, versprochen.“
In einer gelockerten Atmosphäre genossen wir den Rest des Essens und anschließend einen heißen Fick durch die ganze Wohnung.
Wieder ließ sich Judith von mir fesseln und dominieren, nur um sich das zu holen was sie wollte.
Irgendwann lagen wir zusammen im Bett und sie drückte sich gegen mich. So schlief sie ein und ich schaffte es wirklich etwas abzuschalten.
Am Morgen zog sich Judith nur ihr kurzes Shirt an und ließ mich den Rest ihres Körpers bewundern, während sie das Frühstück bereitete und ich wieder auf den Monitor starrte, um irgendeinen Einfall zu bekommen.
„An was arbeitest du denn?“ fragte sie mich, als sie mir einen Teller mit einem Brötchen darauf hinstellte.
Mein Blick wanderte von ihren nackten Füßen, den wohlgeformten Beinen, über die rasierte Scham, den flachen Bauch, die geilen C-Möpse zu ihrem Gesicht, das mich wissend angrinste.
-Dir gefällt, was du siehst.-
-Oh, ja.- gaben meine Augen zurück.
„Wir haben eine Leiche und eine Spur. Ich weiß nur nicht wo wir die Spur finden.“
Ich erzählte Judith was ich wusste und das war nicht viel.
„Darf ich mal sehen?“ fragte sie und schaute sich das Bild an.
„Klar.“
Judith starrte das Bild an und überlegte.
„Was dagegen das ich das mal einem Freund zeige? Er ist ein Experte in Bildbearbeitung. Vielleicht kann er mehr aus dem Bild herausholen.“
„Das haben unsere Experten auch versucht, besser geht es nicht.“
„Das sind eure Experten, mein Freund ist ein echter Experte.“
Ich grinste. Wieso zu Teufel nicht? Ich hatte nichts zu verlieren.
„Ok. Versuchen wir es.“
„Es gibt aber zwei Dinge die du wissen solltest.“
„Ich wusste das die Sache einen Haken hat. Was ist mit deinem Freund? Sitzt er im Knast oder so was?“
Judith schubste mich an. „NEIN! Erstens, er ist Koreaner.“
„Na und? Mir ist völlig egal, welche Hautfarbe, Religion, Haustier oder Rasse jemand hat.“
„Ich weiß, du hasst sie Alle gleich viel.“ Lachte Judith.
Dazu unterließ ich jeden Kommentar, schließlich hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
„Und das Zweite?“ fragte ich sie.
„Das Zweite ist… Du wirst es sehen. Lass uns einfach hinfahren.“
„Willst du nicht vorher was anziehen?“
Judith stellte sich breitbeinig vor mich und grinste mich verschwörerisch an. Ihr herrlicher Duft und ihre Wärme taten ihre Wirkung. „Wenn du darauf bestehst.“ Sagte sie ohne sich zu rühren.
-Das blöde Bild läuft nicht weg-. Also schnappte ich sie und warf sie wieder auf das Bett.
Gegen Mittag fuhren wir zusammen in die Innenstadt. In einer Seitenstraße stellte ich den Wagen ab und wir gingen zu Fuß zu einem heruntergekommenen Haus, an dem die meisten Klingeln abgerissen oder nicht beschriftet waren. Auf so einer drückte sie dreimal kurz und einmal lang. Nach einigen Sekunden tönte der Summer und die Tür ging auf. Durch ein schmutziges und zugestelltes Treppenhaus gingen wir nach oben. Irgendwo heulte ein Kind und zwei Erwachsene schrien sich gegenseitig an.
Wie oft hatte ich solche Treppenhäuser schon gesehen…
Schließlich kamen wir unter dem Dach an. Ohne Anzuklopfen öffnete Judith die Tür und rief, „Hi Lee. Ich hab noch jemanden dabei, also nicht erschrecken.“
Ich staunte. Die Wohnung stand in krassen Gegensatz zum Treppenhaus. Sie was sauber und aufgeräumt, es lag kein Haschischduft in der Luft, wie ich es erwartet hatte und es dröhnte auch kein lauter Fernseher.
Zielstrebig steuerte Judith durch die Wohnung zu einem Zimmer am Ende des Flures, dessen Tür offen stand.
Dort klopfte sie an den Türrahmen und sagte dann.
„Hallo Lee. Ich hab einen Freund mitgebracht, er ist Polizist und braucht deine Hilfe.“ Damit winkte sie mich in das Zimmer.
Zwei Sachen fielen mir sofort auf. Erstens, der Raum musste die Brücke eines Raumschiffes sein, denn genau stellte ich mir diese vor. Überall standen Rechner, Monitore und was weiß ich noch alles. Es summte, leuchtete und blinkte im ganzen Raum.
Zweitens, ich wusste jetzt, was Judith gemeint hatte. Lee war ein Teenager, der höchstens 15 Jahre alt war.
Mir lag die Frage, ob mich Judith für dumm verkaufen wollte schon auf den Lippen, doch ich schluckte es herunter. Abwarten!
„Gratuliere, Mister Polizist, sie haben keine dumme Frage gestellt und somit den Hauptpreis gewonnen.“
„Den was?“
„Den Hauptpreis. Die meisten Idioten lassen gleich einen blöden Spruch über mein Alter los und sind damit raus. Sie haben den Mund gehalten und ich werde versuchen ihnen zu helfen. Also was hat der Freund von Frau Doktor für ein Problem?“
Ich reichte ihm den USB Stick auf dem die Bilder gespeichert waren. Er schob den Stick in einen der vielen Rechner und öffnete die Datei.
„Judith meinte, du könntest das Bild hier etwas verbessern, so dass wir das Kennzeichen erkennen können.“
Lee schaute sich das Bild kurz an, drehte sich zu mir und meinte, „Klar kein Problem. Was krieg ich dafür?“
„Was? Hör zu…“
„He, war nur Spaß. Immer locker bleiben Alter.“ Beschwichtigte Lee.
Ich lachte erleichtert auf, und packte ihn. „Nenn mich noch einmal Alter, dann reiß ich reiß dir die Zunge raus und steck sie in eines der Laufwerke.“
Lee flackerte mit den Augen und sah Judith hilfesuchend an.
„Ich glaube er meint es ernst.“ Sagte sie zu Lee.
„Ist Mann OK?“
„Mann ist klasse.“
„Gut Mann. Keine Sorge, dem Freund und Helfer greife ich gerne unter die Arme.
Für mich klang das eher, wie denen zeige ich gern, was sie nicht können konnte aber damit leben.
„Ok, also… Als erstes brauche ich das Pixelprogramm….“ Lee fing an sich was zurecht zu murmeln, von dem ich kein Wort verstand. Gleichzeitig flogen seine Finger über die Tastatur und das Bildschirmbild wechselte sooft, dass meine Augen zu flimmern anfingen.
Plötzlich stoppte Lee und grinste. „Das war es. Jetzt müssen wir warten.“
„Wie lange?“
„Eine Stunde, Vielleicht eineinhalb. Hat einer von Euch Bock auf Pizza?“
„Und ob.“ Meinte Judith zustimmend.
Wir gingen hinter Lee her in seine Wohnzimmer, in dem seltsamerweise weder ein Computer, noch ein Fernseher stand. Lediglich eine Stereoanlage vertrat die moderne Technik.
Lee schnipste mit dem Finger und die Stereoanlage spielte klassische Musik.
Er sah wohl meinen verwunderten Blick. „Hab ich mit zwölf zusammen getüftelt.“
Während Judith und ich es uns auf dem Sofa bequem machten, brachte Lee eine Schachtel mit kalter Pizza aus der Küche. Etwas beruhigt, stellte ich fest, dass Lee doch wenigstens eines der Klischees des verrückten Nerds erfüllte.
„Was zu trinken?“
„Hast du Kaffee?“
„Ich kann kochen.“
Ich sah Judith zu wie sie begeistert zur Pizza griff und sagte dann, „Hast du eine Maschine, dann koche ich selber.“
„Steht alles in der Küche.“
„Danke.“ Ich erhob mich und ging in die Küche. Die war sogar aufgeräumter und sauberer als meine Küche und dass wollte was heißen!
Ich befüllte die Kaffeemaschine und startete.
Als der Kaffee fertig war, suchte ich drei Tassen, goss aus und brachte sie zu den beiden.
„Danke Mann.“ Sagte Lee und nippte am Kaffee.
„UHHHH; Mann wollen sie, dass ich so jung schon einen Herzinfarkt bekomme?“
„Was? Das ist Kaffee.“
„Nein Mann, das ist Gift.“
Wenigstens schmeckte Judith mein Gebräu.
„Sie haben Glück, dass Frau Doktor sie noch dieses Jahr zu mir gebracht hat.“
„Heißt dass, du hast eine Zusage?“ fragte Judith mit einem leuchten in den Augen.
„Ja, Anfang des Jahres, geht es über den großen Teich.“
„Lee geht an das M.I.T.“ Erklärte sie mir.
„M.I.T.? Cool.“ Vom M.I.T. hatte selbst ich schon gehört und wusste, dass dort nur die Besten unterkamen.
„Wird sicher schwer, hier alle Freunde zurückzulassen?“
Lee schien zu überlegen, ob ich ihn veralbern wollte, während ich nicht verstand wieso er mich so seltsam ansah. Doch Judith sprang ein.
„Lee hat keine Freunde.“
„Doch, dich Frau Doktor.“
Judith lächelte ihn an und ich verstand allmählich was hier lief. Lee war genauso ein Wunderkind wie Judith. Kids die das Wort Kindheit nicht kannten. Sie wurden von Anfang an zur Elite gedrillt und da blieben Freunde auf der Strecke.
„Ich sehe in ihrem Gesicht, sie haben es kapiert. Keine Freunde aber das Wissen eines Genies. Scheißegal, in fünf Jahren hab ich in den Staaten sicher meine eigene Firma und scheffele Millionen, nicht solche Almosen wie Frau Doktor hier.“
„Schon Mal darüber nachgedacht zur Polizei zu gehen? Wir brauchen immer Genies wie dich.“
„Klar hab ich darüber nachgedacht, aber erstens, die Mittel die ich für gute Arbeit bräuchte könnt ihr euch nicht leisten und zweitens, ihr zahlt beschissen. Aber keine Angst es gibt E-Mail, falls ihr mich mal wieder braucht.“
Scheiße, dieser kleine Teenie wurde mir immer sympathischer.
Wir plauderten noch eine Weile, dann piepte etwas in der Kommandobrücke von Lees Raumschiff.
„Was ist das?“ fragte ich.
„Das Bild ist fertig.“
Wir gingen zurück und ich starrte den Bildschirm an.
„Scheiße!“
Auf dem Bildschirm war ein gestochen scharfes Bild zu sehen. Nicht nur das Kennzeichen und die Frau waren genau zu erkennen, der ganze Wagen war in allen Einzelheiten zu sehen.
„Das Programm hab ich mal aus Langeweile geschrieben, kein großes Ding.“
„Hör zu, du Genie, falls du hierzulande mal einen umlegst, hast du jetzt was gut bei mir.“
Lee lachte. „Ich werde es mir merken.“
Er zog den USB Stick wieder heraus und reichte ihn mir zurück. „Bitte A… äh Mann.“
„Danke Lee.“
„Ich wusste, dass du der richtige bist.“ Judith gab Lee einen Kuss auf die Wange, was diesen tatsächlich knallrot werden ließ. „Ich werde dich nochmal besuchen, bevor du fliegst, versprochen.“
Lee brachte uns zu Tür und verabschiedete sich Judith.
„Passen sie mir bloß auf Frau Doktor auf, sie war als einzige nett zu mir.“ Sagte er zu mir.
„Keine Sorge, ich hüte sie wie meinen Augapfel.“
„Wieso nennt er dich eigentlich immer, Frau Doktor?“ fragte ich Judith während wir durch das schmutzige Treppenhaus nach unten gingen.
„Weil ich es bin.“
„Du hast einen Doktor?“
„Ja, Politwissenschaft.“
Scheiße, irgendwie kam ich mir bei diesen Kids verdammt alt und unwissend vor.
**
„WO hast du das her?“ fragte Schaum staunend, während die anderen das Bild sprachlos anstarrten.
„Tja, ich hab eben richtige Experten.“
„Hast du das Kennzeichen schon überprüft?“
Ich schaute Graling finster an. „Klar, der Wagen ist auf Britta Perlinger zugelassen.“
„Scheiße, eine beschissene Sackgasse.“ Fluchte Berger.
„Nicht unbedingt.“ Murmelte Kammer.
„Was?“
„Ich sagte, nicht unbedingt. Der Wagen.“
Ich schaute mir den Wagen wieder an. Ein silberner VW Golf.
„Was ist mit dem Wagen?“
„Der ist getunt. Seht ihr den Doppelauspuff? Das ist ein Petroff-Maxx. Teuer und illegal .Ich möchte wetten, dass der Rest des Wagens genauso illegal Getunt ist. Die TÜV-Plakette aber ist brandneu. Also entweder ist die Plakette gefälscht, oder sie haben für den TÜV den Auspuff und alle anderen Teile gewechselt und danach wieder die illegalen angebracht. So wie der Wagen aussieht machst du das nicht zu Hause in der Garage. Dafür kommen nur spezielle Tuningwerkstätten in Frage. Hat Sorokin vielleicht Bezug zu einer solchen?“
Ich schaute in die Runde.
„Frau Kammer hat das heutige Tagesziel gesteckt. Los an die Arbeit.“
Doch bevor sich einer erheben konnte, stürmte Milewski in das Besprechungszimmer.
„Wir haben eine weitere Leiche!“
**
„Verdammt!“
Dellinger war ganz Blass und Wagner hatte mit Sicherheit auch seine erste Frauenleiche vor sich.
Die Tote war jung, blond, hatte eine gute Figur und war in einen blauen Müllsack eingewickelt.
Berger und Schaum ließen zwar die erfahrenen Ermittler heraushängen, doch das war purer Selbstschutz. Dieser Anblick lässt keinen kalt, im Gegenteil er brachte mich in Rage.
Kammer stand etwas abseits und kam auch nicht näher.
„Was denkst du KB? Derselbe Täter wie bei den anderen?“
Ich schaute mir die Tote genauer an… Sie hatte zwei offensichtliche Verletzungen. Einen Streifschuss am Kopf, und ein rundes Einschussloch direkt auf dem Herz.
„Ich weiß nicht. Irgendwie was stimmt nicht. Einerseits haben sie sie angeschossen, andererseits mit einem Herzschuss getötet. Der Streifschuss spricht dafür, der Herzschuss dagegen. Wenn sie sie angeschossen haben um sie zu quälen, warum haben sie ihr dann ins Herz geschossen und nicht gewartet, bis sie langsam stirbt?“
„Vielleicht hat einer gepfuscht und er musste nachlegen?“ meinte Berger.
„Sie scheint sonst keine Misshandlung spuren zu haben, nur die Schusswunden.“ Sagte Schaum und ergänzte, „die anderen Opfer aber, waren übel zugerichtet, besonders die Perlinger.“
„Ich gehe jede Wette ein, dass sie aus Osteuropa kommt. Jung, blond und hübsch, das passt genau und erklärt auch, warum in der Rotlichtszene keiner mit und reden will. Pure Angst.“ Teilte Berger uns seine Meinung mit.
„Milewski und Keller werden Amok laufen.“ Jansen war dazu gekommen und schaute mit zusammengepressten Lippen auf die Tote.
In mir brodelte der blanke Hass. Wer immer diese Frau ermordet hatte, ich würde ihn mir schnappen. Und wenn er Glück hatte, aber auch nur dann, würde er den Rest seines Lebens im Knast verbringen.
**
„Kein Ausweis, keine Papiere, kein Sonst was.“ Graling kam mit den Ergebnissen der Spurensicherung zurück.
Das war genau das, was ich erwartet hatte. Niedergeschlagen saß das Team im Besprechungsraum und ich ließ meinen Blick über die anderen schweifen.
Seltsam, irgendetwas ging in mir vor, dass ich nicht von mir kannte… Diese Truppe hatte alles versucht, hatte sich ins Zeug gelegt und doch den Mord an der jungen Frau nicht verhindern können. Doch anders als sonst, gingen mir die anderen diesmal nicht am Arsch vorbei. Verdammt, das hier war MEIN Team, MEINE Leute und jemand hatte uns ans Bein gepisst und ich würde es nicht ungestraft durchgehen lassen!
„Also gut.“ Sagte ich. Gehen wir den Hinweisen von Kammer nach. Ich will wissen wie viele Werkstätten es gibt, die den Golf der Perlinger so Tunen können. Berger und Schaum, ihr findet heraus, ob Perlinger zu Werkstätten einen Bezug hat.“
Milewski öffnete die Tür und winkte mir zu, in sein Büro zu kommen. Ich stand auf und folgte ihm, blieb aber an der Tür noch einmal stehen und drehte mich um.
„Gute Arbeit Team. Wir werden uns die Schweine kaufen!“
Während Wagner und Delling breit grinsten, sahen sich die anderen sprachlos an.
„Hab ich mich gerade verhört, oder hat KB uns gerade gelobt?“ fragte Graling.
„Ich weiß nicht, aber es macht mir Angst.“ Antwortete Jansen.
**
„Keller ist am Durchdrehen.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Die zweite Tote Frau innerhalb einer Woche. Kellers Boss wird ungeduldig.“
„Es steht im frei selber nach dem Mörder zu suchen, oder einen anderen Ermittler auf die Sache ansetzen.“
„Hast du nicht wenigstens etwas, dass ich ihn sagen kann?“
„Nur das wir die erste Spur haben und ihr nachgehen.“
„Was für einer Spur?“
„Wir gehen dem Wagen nach.“
„Komm lass dir nicht die Würmer aus der Nase ziehen.“
„Da ist nicht mehr. Wir überprüfen das Auto.“
„Scheiße. Das wird weder Keller noch Schneider gefallen.“
„Ich kanns nicht ändern, aber wenn du ihm was Gutes sagen willst, wenn jemand den Mörder schnappt, dann dieses Team.“
Milewski starrte mich an. „Geht’s dir gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen? KB lobt andere? Ich würde es nicht glauben, wenn es jemand erzählt.“
„Keine Ahnung was mich das reitet, aber ich hab ein gutes Gefühl mit dem Team. Zumindest solange keiner aus der Reihe tanzt und ich ihm den Kopf abreißen muss.“
„OK, das klingt schon eher wie KB.“ Lachte er.                              ***
Ich kämpfte gegen diese Woge der Übelkeit. Bis hier her hatte er mich bereits gebracht. Sorokin war es tatsächlich gelungen, mich zu seinem Instrumentarium des Tötens zu machen. Meine Hände zitterten. Nein nicht nur meine Hände. Ich zitterte unaufhörlich am ganzen Körper, was diesem Dreckskerl nicht verborgen blieb.
Vielleicht spielte es auch keine Rolle. Sicher war es bereits beschlossene Sache mich und auch diese Mädchen zu töten. Schon allein des Risikos, dass er eingehen würde, wenn jemanden von uns die Flucht gelänge.
„Freilassen?“ dachte ich.
Wenn mein Verstand auch nur noch halbwegs funktionierte, war klar, dass er ausgerechnet das garantiert nicht tun würde. Dann doch lieber ein schneller Tod im Kugelhagel einer AK47, vielleicht bei einem Fluchtversuch?
Der dumpfe Schlag einer Stahlspitze von hinten in den Kopf und dieser Spuk hätte endlich ein Ende. Ich rang um jeden einzelnen, klaren Gedanken. Sollte ich tatsächlich das Leben eines weiteren Mädchens in Kauf nehmen? Ihn also solange hinhalten, bis er mich endgültig durchschaute oder die Geduld verlor?
Auch dem Intelligentesten, dem Machtmensch, für den sich Sorokin zweifellos hielt, müsste doch auch mal ein Fehler unterlaufen. Ich verließ mich auf dieses Gesetz der Natur. Ausgerechnet Lew, dem Volltrottel mit der Schweißerbrille, den Auftrag zu erteilen Arjonas Leiche zu beseitigen war sicher der Erste von ihnen. Ausgeschlossen, dass der Fettwanst nur annähernd in der Lage war, ihren toten Körper, eingehüllt in einem Müllsack für immer und ewig verschwinden zu lassen.
„Eine sehr beeindruckende Vorstellung.“ Sorokin applaudierte wieder.
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung was er nun im Schilde führte. Doch für den Rest meines Lebens in den Knast zu gehen stand nun wirklich nicht auf meiner Liste. Mein Ziel wurde es von Stunde zu Stunde, von hier zu fliehen, bevor hier das erste Sondereinsatzkommando zum Angriff bläst. Also was hätte ich zu verlieren? An meinen Händen klebte bereits Blut. Das Blut von Arjona und für die das draußen hätte ich sie allein auf dem Gewissen.
„Versuch ruhig zu bleiben.“ flüsterte ich mir ständig zu. Vielleicht hatte ich Sorokin sogar etwas überzeugt. Ständig wechselte er seinen Platz. Von seinem Stuhl an das Fenster, vom Fenster wieder zurück an den Tisch. Ich begann ihn zu beobachten bei jedem dieser Schritte, die hallend auf dem Boden zu hören waren. Die CZ75 Kal.9mm lag wieder auf dem Tisch, während er mir ständig den Rücken zuwendete. Wie leicht wäre es gewesen sie mir zu schnappen und das gesamte Magazin auf ihn abzufeuern. Käme es wirklich dazu, ich würde ihn nicht auf der Stelle töten, sondern ihn verrecken lassen.
„Verdammt.“ schrie er. Ich befürchtete einen Wutausbruch.
Ich erschrak, sah ihn an und danach auf meine Hände, die tatsächlich aufgehört hatten zu zittern. Ich spürte die wiederkehrende Kraft in meinem Körper und betrachtete das als einen persönlichen Erfolg auf dem Weg endlich hier raus zu kommen. Mich schnellstmöglich auf die Suche nach Nina zu machen und dann den Rest meines Lebens mit ihr unter der Sonne der Caymans zu verbringen.
„Ja. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“ beschloss ich. Selbst für weitere Menschenleben, wenn sie mich unweigerlich an mein ersehntes Ziel brächten.
„Ich bekomme für gewöhnlich das, was ich will.“ Sorokin kam mir vor wie eine tickende Zeitbombe, die jeden Augenblick drohte zu explodieren. Immer wieder tauchten auch Alexej und Jegor auf und versorgten ihn mit irgendwelchen Informationen von draußen. Zeitweilig schien dabei seine Stimmung auf den endgültigen Nullpunkt abzusinken.
„Und vergiss nicht, was Du den Jungs da unten versprochen hast.“ bemerkte Aleexej und warf dabei einen lüsternen Blick auf die Mädchen.
„Wenn ich mit dem hier fertig bin und jetzt raus mit Euch.“ verwies er die beiden Gestalten des Raumes.
„Nehmt sie hier mit.“ Perlinger zeigte auf das Mädchen mit dem dunklen Lockenkopf. Wenn ich mich nicht täuschte und ihren Namen richtig verstand hieß sie Jenaya. Ich gestand, ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit, vermutlich aus Rumänien. Aleexej und Jegor ergriffen sie hart und brutal an ihren Armen und zerrten sie zu dem übrigen Gesindel. Als man sie zwang, die leere Ladefläche eines Transporters zu besteigen, verlor sie ihre Highheels. Schnell bildete sich eine Schlange lüsterner, gieriger, geiler Kerle und einer nach dem anderen bestieg die Ladefläche des Transportes. Zweifellos würde dieses zarte Geschöpf die Vergewaltigungen von mindestens zehn dieser Leute nicht überstehen.
„Ab und zu muss man die Meute füttern, sonst parieren sie nicht.“ Sein fieses Grinsen in seinem Gesicht erfüllte mich mit noch mehr Hass und Abscheu.
„Und jetzt geh da runter und beende das Spiel.“
Ich nickte.
„Und nimm die hier mit. Oder willst Du dass sie dich lynchen?“ Wieder schob er die CZ75 Kal.9mm zu mir herüber. Ich sah mich bereits in Gedanken die Waffe auf seinen Kopf anzulegen. Doch es waren nur Gedanken und so steckte ich sie in den Hosenbund und näherte mich der Meute, die mich hämisch grinsend erwartete. Sie zogen das arme Ding von der Ladefläche  und legten sie in mitten der Halle halbnackt auf den Boden.
Sie lebte.
Ihre zerrissenes Kleid hing ihr in Fetzen vom Leib und ihr übriger Körper wies eine nicht geringe Anzahl blauer Flecken auf. Aus einer Verletzung an ihrer Stirn lief ein kleines Rinnsal ihres Blutes. Sicher durch harte, brutale Schläge auf ihren Kopf um sie gefügig zu machen.
„Du kommst zu spät. Schickt er Dich?“ spottete Alexej.
„Auch egal. Sie ist fertig, das sieht man doch.“ bemerkte Jegor, der grundsätzlich sein Maul nicht halten konnte und zu Allem seinen Senf dazu gab.
„Ja Perlinger schickt mich um zu sehen was mit ihr ist.“ Es herrschte ein respektvolles Schweigen. Niemand eigentlich wusste genau welche Rolle ich eigentlich in diesem Spiel einnahm. Das streute Unsicherheit unter ihnen und mir garantierte es zu mindestens für den Moment körperliche Unversehrtheit.
„Dann mach sie kalt und geh zurück zu Darius und sag ihm, der Fall ist erledigt. Die Jungs hatten ihren Spaß.“ kommandierte Alexej.
„Nein nicht ich. Er macht es.“ und zeigte dabei auf Lew, diese Hohlhaftladung in einer ölverschmierten Monteurskombi. Das Mädchen, das wahrscheinlich Jenaya hieß, blickte mich mich mit ihren schmerzerfüllten leeren Augen an. Irgendetwas sagte sie zu mir mit leiser Stimme doch ich verstand es nicht:
„Va rog sa ma omoare !” Lew erdrosselte sie ohne auch nur die geringste Gegenwehr mit einem Kabelbinder. Nur in Sekunden verfärbte sich ihr Gesicht in ein tiefes blau und ihre Zunge stand spitz heraus. Ihre Augen drohten aus ihren Höhlen zu springen und mit einem letztem Gewürge und Geröchel blieb sie regungslos am Boden liegen. Und Lew? Er war genau die richtige Wahl und diesmal blieben meine Hände sauber. Er war dumm und alle wussten das. So dumm, dass er sich eine Zigarette anzünden würde, nachdem er sich einen Kanister Benzin über den Kopf geschüttet hätte.
„Tot oder lebendig?” fragte ich mich, als ich ihnen anschliessend den Rücken zuwendete.
Doch es geschah nichts.
Beobachtet von Sorokins diabolischen Blicken gingen alle wieder irgendwelcher Tätigkeiten nach.
Die Verwirrung, die ich damit unter ihnen verbreitete, war einfach perfekt. Doch sicher nicht Grund genug, mich in irgendwelcher Sicherheit zu wiegen. Ich war mir sicher, dass sich diese finsteren Gestalten bereits vorstellten, mich ich in einem Erdloch zu sehen, dass mit Beton zugegossen würde. Na ja, die alte Mafiamethode eben. Zwei der Mädchen waren tot und davon ging eines dieser jungen Leben auf mein Konto. Der Tod zweier Menschen um ein Leben zu retten. Das Leben der Frau, die ich abgöttisch liebte. Das Leben von Nina. Ich erschrak, als ich immer noch den blanken Waffenstahl der CZ75 Kal.9mm in meinem Hosenbund verspürte. Sollte ich das Risiko eingehen, sie nicht auf den Tisch zurückzulegen, am dem Sorokin bereits wieder saß und auf mich wartete? Ein Risiko, dass mich mein Leben kosten könnte? Stattdessen dachte ich darüber nach, dass aus dem Magazin bereits zwei Schuss fehlten. War sie also geladen, verblieben dreizehn Schuss. Ich war also plötzlich ungewollt im Besitz einer Waffe und bereit zu töten wenn es die Situation erforderte.
Sorokin musterte mich, schien sich auf mich zu konzentrieren. Ich bemühte mich stattdessen ihm nicht dabei in sein Gesicht zu sehen. Ständig betraten auch Alexej und Jegor den Raum und bei jeder schlechten Nachricht die er bekam sank auch sein Gemüt, dass ihn zu einem brandgefährlichen Individuum machte.
„Macht Euch runter in Stadt und haltet die Augen auf.“ befehligte er Alexej und Jegor.
„Und nehmt ein paar Leute mit. Ich will wissen was da los ist.“
„Ja Darius, wir nehmen den Caravan und vier Leute.“ antwortete Jegor.
„Und kontrolliert jeden Laden. Ich will alles wissen was dort abgeht. Und jetzt verschwindet Ihr Schwachköpfe.“
Das Tor wurde geöffnet und die Zwei verschwanden in Begleitung von vier weiteren Männern mit dem Caravan, der mir durch meine Herkunft in noch bester Erinnerung war. Sicher verschwanden sie nicht unbewaffnet, doch von ihren AK47 Sturmgewehren war nichts zu sehen bevor sie den Caravan allesamt bestiegen. Ich konnte Alexej und diesen Jegor nur am Rande verstehen, aber es klang, als würden irgendwelche Leute auf dem Kiez Fragen stellen. Seine Nervosität und grenzenlose Wut durch die dauernden Anrufe auf seinem Mobiltelefon ließ ihn vergessen nach seiner Waffe zu fragen, die ich immer noch in Hosenbund trug. Mir der Fernbedienung auf seinem Tisch betätigte er einen riesigen Flachbildschirm. Mein erster Kontakt zu Außenwelt seit nun fast drei Tagen und drei Nächten. Sogleich berichteten die lokalen Nachrichten von einem weiteren Leichenfund, der wiederum dem Milieu zugeordnet wurde.
Eine Spezialeinheit der Kriminalpolizei machte es sich zur Aufgabe sich des Falles anzunehmen. Ich vernahm diese Meldungen mit der allergrößten Genugtuung. Schien es doch so, als würde sich die Schlinge um Sorokin immer enger zuziehen. Sogar der Einsatzleiter, ein gewisser Kilian Baumann nahm vor laufender Kamera Stellung zu dem erneuten Fund einer Frauenleiche.
Eine etwas achtzehn Jahre alte Prostituierte, getötet durch einen Schuss in ihr Herz. Die gesamte Beschreibung dieses Mädchens passte nur auf eine Person. Auf Arjona, die ich auf Sorokins Druck erschoss und für die er seine Hände in Unschuld wusch.
Dieser Baumann wirkte auf mich arrogant und lebensmüde zugleich. Sich vor einer laufenden Kamera zu präsentieren und dem Kartell den Krieg zu erklären käme normalerweise einem Todesurteil gleich. Mut oder Dummheit? Ich wusste ihn nicht recht einzuschätzen. Doch seine absolute Entschlossenheit diesen Ring hier aufzufliegen zu lassen und den Mörder dieses Mädchens zu fassen beunruhigte mich auf eine ganz besondere Weise sehr.
„Was wird mit uns?“ fragte mich eines der Mädchen, die offensichtlich der deutschen Sprache mächtig war.
„Ich weiß es nicht.“ antwortete ich.
„Werden wir alle sterben, wie die anderen Beiden?“
Ihr Blick war angstvoll und leer.
„Warum sollte er Euch töten?“ versuchte ich sie zu beruhigen.
„Und Du? Tötest Du uns wie Arjona?“ entgegnete sie.
„Warum sollte ich das?“
Ohne jegliches Gefühl von Scham und Respekt belog ich dieses Mädchen. In Wahrheit war es mir egal, ob man ihr Gehirn von der Wand abkratzen müsste. Hauptsache es brächte mich ein Stück näher an meine Freiheit und natürlich zu Nina. Oder war es bereits auch schon die Lust und die Gier, die ich so manches mal verspürte,mir eines dieser Girls zu schnappen, ihr die Klamotten vom Leib zu reißen und sie nach Strich und Faden zu benutzen und zu vergewaltigen? Sie beim einem durchflutendem, lang anhaltendem Orgasmus wie in einem Rausch solange zu würgen, bis sie durch den Druck meiner Hände auf ihren Hals leblos unter mir zusammen brach?
In nur einer Nacht lernte ich die Liebe meines Lebens kennen und bereits Tage später bin ich ein zweifacher Mörder.
Es roch nach Aufbruchstimmung. Sorokin, der an den Rest der Truppe den Auftrag erteilte, Kisten  und Kartons in großer Menge in die Transporter zu verladen, überließ mich mir selbst.
Der Regionalsender der unterschwellig sein Programm ausstrahlte, berichtete immer wieder in einem geordneten Stundenrhythmus über die Ermittlungsergebnisse der Sonderkommission, geleitet von diesem Kilian Baumann. Dieselmal sogar in Begleitung einer höchst attraktiven Frau namens Judith, die ihm beratend in seinem Team zur Seite stand. Mehr war aus meinem Blickwinkel auf den Bildschirm nicht zu erkennen. Achtete ich auch immer wieder auf Sorokin und die zum Zerbersten angeheizte Stimmung, die für jeden hier von Stunde zu Stunde immer bedrohlicher wurde. Vielleicht  war es wirklich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bullen hier auftauchten und die Bude sturmreif schossen.
Kilian Baumann. Dieser Name setzte sich in meinem Kopf fest wie in einem Speicher, als würde ich, ohne es zu ahnen diesem Kerl, dieser Mischung aus Arroganz, Karrieregeilheit aber auch absoluter Entschlossenheit mal irgendwann über den Weg laufen.
Es wurde zunehmend schwieriger aus Sorokin schlau zu werden. Was wäre, wenn diese Mädchen recht behielten und er sie der Reihe nach erledigt? Eine nach dem Anderen um seine Jäger auf eine falsche Spur zu setzen. Er hatte mich und diese Frauen in seiner Gewalt. Niemand der ihn daran hindern würde uns alle zu töten. Ich musste weiter versuchen meinen Fluchtplan zu entwickeln. Doch der stand auf den wackeligsten Füssen, die ich mir überhaupt vorstellen konnte. Selbst wenn es mir gelänge bis vor das Tor der Halle zu kommen. Wie würde es dann weitergehen? Ich wusste nicht wo wir waren, hatte kein Geld und die Bullen hatten bereits zur Jagd auf  Sorokin geblasen. Von Alexej und Jegor seit Stunden kein einziges Signal.
„Ich bin von unfähigen Idioten umgeben.“ brüllte er.
„Und Du mach endlich dein Maul auf.“
Wutentbrannt schnappte er sich wahllos eins der Mädchen und schlug sie. Er schlug sie so heftig in ihr Gesicht,dass ihre Nase blutete. Man hörte ihr Geschrei bis in den letzten Winkel dieser Bruchbude.
„Macht weiter ihr Idioten und glotzt nicht rum.“ schrie er herunter zur Meute. Keiner, der es gewagt hätte, ihm in diesem Moment zu widersprechen. Sofort waren alle wieder mit irgendwas beschäftigt. Das Tor wurde geöffnet und der schwarze Caravan befuhr die Halle. Zweifellos. Alexej und Jegor, seine Laufburschen waren wieder da. Doch sie kamen allein. Was war passiert? In den stündlichen Berichten des Senders sprach man bereits von ersten Festnahmen auf dem Kiez. Es hatte Razzien gegeben, bei dem die vier anderen Typen dingfest gemacht wurden. Irgend jemand da draußen machte seine Arbeit besonders gründlich.
„Amateure. Nichts als Amateure.“ schrie er.
„Darius?“ fragten sich seine Wachhunde.
„Der Kerl war zu dämlich einen Müllsack wegzubringen.“
Ganz ohne jeden Zweifel. Die Rede war von Lew, für den gerade die letzten Minuten seines armseligen Lebens abliefen.
„Ihr Beide schafft ihn mir aus den Augen. Aber endgültig, verstanden?“
Achselzucken.
„Raus mit ihm. Macht ihn kalt und stellt Euch nicht dümmer an als ihr schon seid.“
Alexej und Jegor schnappten sich diese armselige Kreatur und brachten ihn durch einen Hinterausgang der Halle nach draußen. Dort lebte er schon seit Jahren in einem verdreckten, ausgedienten Wohnwagen. Sie zwangen ihn mit vorgehaltener Waffe hineinzugehen und die Tür des Wohnwagens zu verschließen. Von außen verbarrikadierten sie die Tür mit einer Propangasflasche. Aus einer guten Entfernung behakten  Alexej und Jegor mit der AK47 die Flasche und mit einem ohrenbetäubenden Knall stand die alte Karre in Flammen. Sein grauenhaftes Gebrüll war noch fast eine volle Minute zu hören und dröhnte durch die Nacht, als er bei lebendigem Leibe verbrannte.
Danach kehrten sie mit einer heuchlerischen Unschuldsmiene zurück und Sorokin setzte sein Verhör mit den Beiden fort.
„Was ist mir den Albanern?“
„Kein Interesse im Moment an Luxusautos.“ antwortete Alexej.
„Und die Russen?“
„Haben andere Lieferanten.“ warf Jegor mal wieder ungefragt in die Runde.
„Und die Mädchen?“
„Ist zu heiß geworden. Die Straße ist voll mit Nutten.“ erwiderte Alexeej.
„Und die Bullen?“
„Stehen an jeder Ecke seit dem sie die Kleine gefunden haben.“
„Koks und Edelsteine?“
„Frag doch ihn wenn Du wissen willst, wo das Zeug ist.“ Beide sahen mich bemitleidend an als wollten sie von diesem Moment an nicht in meiner Haut stecken. Doch anstatt mir jeden Finger einzeln zu brechen heckte er schon wieder den nächsten Plan aus.
„Wer ist der Oberbulle?“ fragte Sorokin, fast mit einer Art Vorahnung.
„Ein gewisser Baumann. Mehr wissen wir nicht. Aber vielleicht kennst Du ihn.“
„Mmmhhh Baumann, Baumann. Ich dachte den hätten sie rausgeschmissen aus seinem Verein. Ja, ich erinnere mich wer er ist.“
„Ja genau der. Fast hätte er Dich schon mal gehabt Darius.“
„Ja aber eben nur fast.“ grinste Sorokin.
Während ich ihnen Wort für Wort zuhörte, betrachtete ich mich selbst als ihr Gefangener. Ein Alptraum, der einfach nicht enden wollte, aus dem ich nicht erwachte.
Was also nun?
Sorokin machte auf mich den Eindruck als verlor er den Verstand. Den Auftrag, die Mädchen auf einem der Transporter zu verfrachten erteilte er mir. Wieder so eine Episode seines mittlerweile undurchsichtig gewordenen, perfiden Spiels?
Ich vertraute auf den Verstand der Mädchen, oder das, was davon übrig war, mir zu folgen. Doch Fehlanzeige. Ich vermutete, die Älteste von ihnen rannte plötzlich auf das Tor zu, schob es zur Seite und verschwand.
„Los hinter ihr her. Bring sie zurück.“ schrie Sorokin. Instinktiv griff ich nach einem herumliegenden Stück Kabel und folgte ihr auf der Stelle.
Dunkelheit. Aber für Sekunden spürte ich die auch die Freiheit die mich umgab. Sie machte meinen Plan an eine Flucht für nur einen Bruchteil von Sekunden konkreter. Doch was würde ich tun wenn ich sie erwischte?
Sie töten? Nur um meiner Selbstwillen?
Sie laufen lassen? Und eine Stunde später wären sie da und würden mich in Handschellen abführen?
Sie Sorokin zurückbringen? Ihr garantiertes Todesurteil.
Ich entschied mich für ihre Verfolgung. Nach einer kurzen Orientierung fand ich sie auf einem Stück Gehweg hier inmitten eines verlassenen Industrieviertels, in der sich also auch das Versteck, diese alte Werkstatt befand. Sie war gestürzt und hatte sich dabei das Knie aufgeschlagen. So hatte ich ein leichtes Spiel sie zu ergreifen. Mit dem anderem Bein trat sie nach mir, doch ich versuchte sie zunächst mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu beruhigen. Das gelang mir mehr Schlecht als Recht und schlug ihr ins Gesicht.
„Dummes Mädchen. Warum tust Du das?“ fragte ich sie.
„Wir werden sowieso alles sterben.“ heulte sie.
„Und was soll ich jetzt mit dir machen?“
„Tu doch was Du willst. Es ist doch sowieso vorbei.“ schluchzte sie.
„Vielleicht aber auch nicht?“ machte ich ihr ein wenig Hoffnung. Ich verriet ihr, dass  eine Horde Bullen bereits nach Sorokin fahndete. Es gab ihr so etwas wie einen leichten Hoffnungsschimmer in ihrem Gesicht.
Vielleicht hätte ich ihr die Freiheit geschenkt, bis ich plötzlich Scheinwerfer aufleuchten sah, die sich uns mit langsamer Fahrt näherten. Eigentlich tat sie mir verdammt leid. Noch während ich ihr auf ihre Beine half und versuchte, ihr aufgeschlagenes Knie notdürftig zu versorgen, fielen zwei Schüsse, abgefeuert aus dem geöffneten Seitenfensters des schwarzen Caravans. Der eine traf sie in ihre Stirn und der andere knapp unter ihrem Hals. Noch in meinen Armen brach sie blutüberströmt zusammen.
Sorokin hatte Alexej und Jegor auf uns angesetzt. Ein Wahnsinniger, ein Geistesgestörter, der einen nach dem anderen auslöschen wird, wenn nicht bald irgendwas passierte. Trotz der ständigen, nunmehr noch größeren Gefahr, die mich umgab, hielt ich daran fest, dass wir einfach zusammengehörten. Nina und Ich. Er erhob seine Hand und ballte sie zur Faust, als wolle er mir einen Schlag damit ins Gesicht versetzten. Doch wider erwartend ließ er sie donnernd auf die Tischplatte herabfallen.
„Wir müssen verschwinden. Wenigstens für ein paar Tage.“ stellte Sorokin fest.
„Wohin?“ fragte Alexej, nicht ganz überrascht über seinen Entschluss.
„Über die Grenze. Kenne da ein paar Leute in Rotterdam.“
„Rotterdam?“ stutzte Alexej.
„Ja ich weiß. Interpol sucht da auch schon. Aber die Leute da haben ein paar Bars und Puffs. Da können wir die Mädchen unterbringen.
„Oder wir erledigen sie alle gleich hier.“ bemerkte Jegor.
Alle ihre Blicke wendeten sich zu mir, als betrachteten sie es als meine Aufgabe eine nach der anderen zu liquidieren.
„Vielleicht sollten wir alle nochmal ein bisschen Spaß mit ihnen haben und sie nachher für uns tanzen lassen.“ Der Ausdruck in Jegors Gesicht sprach eine eindeutige Sprache. Alles stand für einen außerplanmäßigen Stellungswechsel bereit. Minütlich konnte es losgehen und auf sein Signal wären wir fort.
Die Party, so wie es diese Kerle nannten,begann. Sie griffen sich die Mädchen und rissen ihnen die Klamotten an ihren Oberkörpern herunter, so dass ihre prallen Brüste deutlich zu sehen waren. Sie schlugen sie in ihre Gesichter und auf ihre Körper, traten nach ihnen bis sie Boden gingen. Die ersten ließen bereits die Hosen herunter so dass ihre aufrecht stehenden Lanzen zu sehen waren. Eine nach der anderen wurde von ihnen brutal vergewaltigt, während wiederum zwei andere dieses Abschaums der Menschheit damit befasst waren, drei Kisten unter einem stählernen Träger der Halle zu positionieren. Sorokin verfolgte mit großer Genugtuung diese ganze Schauspiel und zwang mich deutlich hinzusehen.
Über jeder der Kisten wurde ein Seil, am Ende mit eine Henkerschlinge versehen, befestigt. Als sie mit ihnen endgültig fertig waren, zwangen sie die Mädchen, die Kisten zu besteigen und man legte ihnen die Schlinge um ihre Hälse und zog sie fest. Ihre Hände hatte man auf ihren Rücken mit Elektrokabeln verschnürt. Nach  einer ganzen Weile brutalster Vergewaltigungen standen sie hilflos, heulend auf den Kisten. Ihre Körper bebten vor Angst und glänzten schweißnass in dem flackerten Neonlicht der Werkstatthalle. Ihre Köpfe bildeten einen unnatürlichen Winkel und ihre Gesichter verfärbten sich in ein tiefes Blau, als man jeder von ihnen die Kisten unter ihnen mir einem Fußtritt wegstieß. Ihre langen, schlanken Beine ruderten wild in alle Richtungen und es war zu erkennen, wie sich die Stricke allmählich immer tiefer in ihre weichen Hälse eingruben und begannen sie erbarmungslos zu erdrosseln.
„So geht man um mir diesen Schlampen, wenn sie wertlos sind.“ bemerkte Sorokin voller Zynismus.
Mit der CZ75 Kal.9mm würde ich es nicht schaffen, jedem hier, einschließlich Sorokin eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Ich drohte den Verstand zu verlieren beim Anblick ihres Todeskampfes. Und dennoch wuchs unaufhörlich der feste Wille und das starke  Gefühl in mir zu töten. Töten für ein einziges Ziel, dass ich nicht aufgeben wollte.Ohne an jemand ganz bestimmtes dabei zu denken. An einen Menschen, der mir die Kraft gab, das hier alles durchzustehen. Selbst noch in der letzten bevorstehende Minute des Todes dieser unschuldigen Mädchen dachte ich an Nina.
***
Wir saßen beim morgendlichen Briefing.
„Es gibt zwei Werkstätten zu denen Sorokin Bezug hat.“ Erklärte Graling. „Eine davon tunt Autos und motzt so ziemlich jede Karre auf, die es gibt. Ich schlage vor, dass wir uns auf diese Werkstatt konzentrieren.“
„Das heißt wir müssen einen Blick hineinwerfen.“ Stellte Kammer fest.
„Vorschläge?“ fragte ich.
„Warum fahren wir nicht einfach hin?“ fragte Wagner.
„Und lassen einen Streifenwagen tunen?“ fragte Schaum spöttisch.
„Nein, die Idee ist gut!“ warf ich ein. „Die ist sogar spitze. Was fährst du für eine Karre?“ fragte ich Wagner.
Der wurde tatsächlich leicht rot. „Twingo.“
Beim Gedanken an einen getunten Twingo mussten alle grinsen.
„Delling?“
„Kombi, Familienkutsche.“
„Wo sind die Zeiten, wo junge Leute noch coole Karren hatten?“
„Ich hab eine.“ Meldete sich Jansen.
„Was, einen Pampersbomber?“
„Einen R8.“
„Du fährst einen R8?“ fragte Berger ungläubig.
„Ich nicht, mein Freund hat einen, aber ich bin sicher, er überlässt ihn uns.“
-Ich würde das auf keinen Fall!- Aber in meinem Kopf begann sich ein Plan zu formen. „Ok, folgender Plan. Wagner und Delling, ihr fährt mit Jansens Auto in die Werkstatt. Lasst ruhig die Prolls raus hängen, bekommt ihr das hin?“
„Klar, Boss.“ Kam es von Delling.
„ÄHHM.“ meldete sich Wagner. „Auf was genau sollen wir denn achten?“
Der Junge hatte wirklich Grips in der Birne. Zumindest er dachte mit.
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„Ihr stellt nur den Wagen ab.“ Grinste ich.
Graling verstand als erster den Plan.
„Du willst die Karre mit Kameras und Wanzen spicken?“
„Genau. Berger und Schaum, ihr beobachtet die Werkstatt und haltet die Augen offen. Jansen, du beschaffst und das Auto.“
„Und ich?“ fragte Kammer.
„Du kommst mit mir und lernst ein Genie kennen.“
**
Dreimal kurz und einmal lang, das hatte ich mir gemerkt.
Lee öffnete die Tür und ließ uns ins Treppenhaus.
„Was für ein Genie wohnt bitte in so einer Bruchbude?“ wollte Kammer wissen.
„Eines, das du auf keinen Fall auf sein Alter ansprechen darfst.“
„Ok, ich wird es versuchen.“ meinte Kammer dazu sarkastisch.
Ich drückte die Tür auf und rief nach Lee.
„Lee, ich bin es, der Freund von Frau Doktor.“ Dann besann ich mich auf unseren Besuch mit Judith. „Ich habe eine Kollegin dabei.“
Lee schaute aus der Kommandobrücke und winkte uns zu.
„Hallo Mann, Alles klar?“
„Ja. Hör mal du Genie, ich hätte da eine Herausforderung.“
Lee lachte. „Hör mal, Mann. Erstens, ich bin tatsächlich ein Genie, also weiß ich, das du das Wort Herausforderung nur benutzt, um meinen Ehrgeiz zu wecken. Zweitens, ich denke nicht, dass dein Problem für mich, wirklich eine Herausforderung ist. Also Was geht ab?“
Kammer sah mich von der Seite an. Sie konnte nicht glauben, dass ein pickeliger Teenager ungestraft, so mit KB reden durfte.
Tatsächlich hatte ich damit kein Problem. Denn Lee war mir sympathisch und wenn er mir helfen konnte, ließ ich mich auch „ärgern“.
„Wir müssen ein unsichtbares Auge und Ohr in einen Raum bringen, ohne dass es jemand mitbekommt?“
„Ah, ich verstehe, braucht man dazu nicht eine richterliche Erlaubnis?“
„Du schaust zu viele Filme. Wer viele Fragen stellt, bekommt auch viele Antworten.“
„Mann, sie sind mir vielleicht einer.“
„Also? Ist das jetzt eine Herausforderung? Wir dachten an ein Auto.“
„Kommen sie mit.“ Lee verließ die Kommandobrücke und brachte uns in sein Schlafzimmer, wo er in einer Kiste kramte.
„Ich denke dass hier, ist was sie brauchen.“ Er gab mir ein zwei Minigeräte, gerade doppelt so groß wie eine Perle, die beide mit je einer Knopfbatterie verbunden waren.
„Packen sie die Teile einfach auf die Nackenstützen und verstecken sie die Batterie in Futter. Lassen sie die Fenster auf und sie haben tolle 360 Grad Umsichten in HD und die passenden Tonaufnahmen. Sie schieben den USB Stick hier“, er gab mir einen in die Hand, „in einen Lappi oder Tablet, linken sich einfach ein und es geht los. Die Batterie hält drei Tage, also warten sie nicht zu lange. Und nein Mann, es war keine Herausforderung.“ Grinste er mich an.
„Wo hat du den denn her?“ wollte Kammer wissen.
„Ist eine lange Geschichte.“
„Schon kapiert. Ich frage nicht weiter.“
**
„Wow, was für eine Schleuder!“ Wagner und Delling standen im Hof der Inspektion, als Jansen mit dem R8 ihres Freundes auf den Parkplatz fuhr. Der Wagen war rotbraun und sogar mir gefiel das Auto. Und noch etwas gefiel mir sogar viel besser. Die Kiste war ein Cabrio, das hieß, wirkliche 360 Grad Sicht.
Jansen stieg aus und ließ die Türen offen stehen. Da wir keinen richterlichen Beschluss hatten, mussten wir das Auto selbst verwanzen und konnten nicht die Kollegen der Technik um Hilfe bitten.
Wie Lee vorgeschlagen hatte, steckte ich die Kleinen Kameras einfach auf die Nackenstütze und siehe da, da sie auf beiden Nackenstützen steckten, fielen sie gar nicht mehr auf. Jetzt mussten wir nur noch die Batterie verstecken. Ich löste die Nackenstütze aus der Halterung, schob die Batterie in das Halteloch der Stütze und steckte sie vorsichtig wieder darauf.
Wagner hatte ein Laptop aufgeklappt und schob den USB Stick in den Port.
„Ich fasse es nicht.“ Murmelte er. Auf dem Bildschirm waren zwei hervorragende Bilder zu sehen.
„Prima, dann umziehen und ab.“
„Umziehen?“ fragte Delling.“
„Du bist ein reicher, verzogener Fuzzi mit zu viel Geld, also zieh dir was Passendes an.“
**
Als die beiden zurückkamen hatten sie schlabbrige Hosen, schwarze T-Shirts und weite Jacken an. Außerdem waren sie mit Ketten behängt und jeder trug eine Baseballkappe, Delling schief und Wagner verkehrt herum.
„Jo, Mann, besser?“
Jansen bog sich vor Lachen, während ich mir Delling vorknöpfte.
„Hör mir mal gut zu Jungspund! Das ist kein Spaß! Der Kerl bringt Leute um, einfach so aus Spaß. Was glaubst du, was er mit dir macht? Ich hab keine Lust deinen Familienkombi zum Leichenwagen umzubauen, also lass den Scheiß und tu deinen JOB!“
Verunsichert und ernst nickte Delling. „Verstanden.“
„Wunderbar. Jansen?“
Jansen hielt Wagner den Schlüssel hin, als der danach griff, packte sie ihn am Arm.
„Mein Freund ist Kampfsportlehrer! Ein Kratzer und er bringt euch um. Langsam und mit Genuss!“
„Alles klar.“ Grinste Wagner, riss ihr den Schlüssel aus der Hand und sprang ins Auto.
„ZU LANGSAM!“ rief er Delling zu und schwang sich hinter das Lenkrad. Mit Quietschenden Reifen donnerten die Beiden vom Hof.
Als sie in die Hauptstraße einbogen, hupten mindestens drei Autos und Jansen wurde kreidebleich.
„Na komm, wir wollen sie nicht zu weit vorfahren lassen.“ Und mit Jansen am Steuer folgten wir den Beiden.
Berger und Schaum waren mittlerweile seit 36 Stunden ununterbrochen vor der Werkstatt und hatten sich in einem der Nebengebäude eingenistet.
Unsere Helden nutzten die Gelegenheit und drehten mit dem R8 noch eine Runde durch die Stadt, bis wir vor Ort waren, dann fuhren sie bei der Werkstatt vor.
Jansen startete die Aufnahmen und wir konnten uns ein erstes Bild machen. Anscheinend ging man davon aus, dass derjenige,der die Kohle für eine solche Karre hat, sich auch das richtige Tuning leisten konnte. Jedenfalls wurden Wagner und Delling nicht abgewimmelt.
Der Typ, der mit ihnen sprach, lief mit Wagner und Delling ums Auto und zeigte an verschiedenen Stellen auf die Karosserie und machte Vorschläge. Nach einer Ewigkeit schien er den Auftrag anzunehmen, stieg ein und fuhr das Auto in die Werkstatt und nach einer weiteren Ewigkeit, kamen Wagner und Delling heraus. Jansen hatte die Wanzen aktiviert und wir sahen das Innere der Werkstatt.
Schon nach einer Minute, war klar, hier stimmte etwas nicht.
„Hörst du was?“
„Ja, die reden alle russisch.“
„Sieh dir die Hektik an. Ich hab noch nie eine Werkstatt gesehen, in der so eine Hektik herrschte.“
„Du hast Recht. Sie mal!“ Berger zeigte auf den Bildschirm. „Der packt Taschen und ein anderer verstaut sie. Wenn du mich fragst, die wollen abhauen.“
„Kannst du das heranzoomen?“
Jansen zoomte das Bild größer und tatsächlich, im unteren Bereich der Werkstatt wurde zusammengepackt.
„Sie mal dort oben.“ Jansen zeigte auf eine Art Obergeschoss.
„Sorokin!“
„Da ist noch Einer. Siehst du ihn, dort hinter Sorokin.“
„Ja, bekommst du ihn schärfer?“
„Nein, Aber vielleicht kommt er näher heran.“
Der zweite Kerl stand am Rande der Erfassung und drehte uns mehr den Rücken zu, doch irgendwann würde er sich umdrehen und näher kommen.
„Von euch kann nicht zufällig einer Russisch?“
„Nur für den Hausgebrauch.“ Brummte Berger. „Wir müssen uns das übersetzen lassen.“
Verdammt, die Bande war am abhauen…
„Ok, lass die Aufnahmen weiterlaufen, mach eine Kopie und bring sie zu einem unserer Übersetzter, ich brauche keine Wortübersetzung, nur einen Zusammenschnitt.“
„OK, wir wechseln uns ab. Berger bringt die Aufnahmen zum Übersetzer und ich nehme weiter auf.“
„Gut, machen wir es so.“ Ich hatte schon längst meinen eigenen Entschluss gefasst. Mit den „guten“ Methoden und üblicher Polizeiarbeit würden wir nicht weiter kommen. Die Bande war am Abhauen und würde verschwunden sein, bis wir einen Durchsuchungsbefehl bekamen.
„Wir sehen uns morgen früh.“
**
Gegen Mitternacht stand ich mit dunkelgrauen Klamotten, einen Steinwurf entfernt, von der Werkstatt. Ich würde mich da drinnen umsehen, koste es was es wolle.
„He, so nicht.“ Flüsterte eine Stimme an der Hausecke. Ich fuhr herum und Jansen stand da, ganz in schwarz.
„Was soll das?“ herrschte ich sie an.
„Ich komme mit!“
„Kannst du vergessen.“
„Der Wagen dort drinnen gehört meinem Freund, ohne ihn wüssten wir gar nichts. Also hab ich das Recht mitzugehen!“
Gerade wollte ich Jansen auf ihr „Recht“ zusammenstauchen, als eine weitere Stimme dazukam.
„Hört mit dem Scheiß auf und schafft euch hier her.“
Berger und Schaum standen an der Ecke.
„Ist das eine Art Rebellion?“ fauchte ich die drei an.
„Wir sitzen mächtig in der Scheiße. Vor einer halben Stunde wurden drei weitere tote Frauen gefunden. Die Scheiße kocht. Wir dachten uns schon, dass du da rein willst.“
„Und jetzt wollt ihr mich aufhalten? Ihr und welche Armee?“
„Ich glaube das hast du falsch verstanden.“ Erwiderte Berger und zog sich eine Sturmhaube über.
„Für dich hab ich auch eine, nur für den Fall.“
**
„Was wissen die Kollegen bis jetzt?“ fragte ich leise, als wir uns der Werkstatt näherten?
„Alle drei wahrscheinlich Osteuropäerinnen. Eine erwürgt, die anderen beiden wurden erhängt.“
In mir wuchs eine riesige Wut hoch. Diese Mistkerle!
Mittlerweile waren wir an der Halle der Werkstatt angekommen. Alles schien ruhig und verlassen zu sein. Leise brach Schaum die Tür auf und wir schlichen hinein.
Durch die Fenster gelang gerade genug Licht, so dass wir uns orientieren konnten. Die Halle war groß und unübersichtlich. Mit Handzeichen verständigten wir uns und teilten uns auf, um die Halle zu durchsuchen.
Vorsichtig, um keinen Lärm zu machen huschte ich unter die Balustrade um nicht von oben gesehen zu werden. Berger und Schaum hatten sich aufgeteilt und durchsuchten den hinteren Teil, während Jansen die Treppe nach oben schlich.
Anders als in Actionfilmen schlichen wir nicht mit Knarre und Taschenlampe über Kreuz, durch die Halle, sondern leise und ohne Licht.
An einem Van standen die Türen auf und im Inneren der Ladefläche, waren Kisten und Taschen. Ich musste mich erst versichern, dass niemand im Fahrerabteil saß, bevor ich den Wagen besteigen und durchsuchen konnte und schlich seitlich nach vorne.
Als ich den Kopf hob, sah ich Berger winken. Er zeigte auf eine Ecke, die ich nicht einsehen konnte und so schlich ich zu ihm.
Dort lag einer der Russen auf einem alten Sessel und schlief tief und fest.
Verdammt! Soviel zur Durchsuchung, ohne das es jemand mitbekam.
Ich zog einen Teleskopstock aus meiner Tasche und wollte gerade zu dem Schlafenden um sicher zu stellen, dass er uns nicht stören würde, da ging in der Halle das Licht an.
Der Schlafende riss die Augen auf und wir holten die Kanonen hervor.
„Waffen weg! Oder wir legen die Kleine hier um!“ Zwei Männer standen oben auf der Balustrade und hatten Jansen in der Mitte. Beide hatten eine Pistole auf Jansen gerichtet und die stand kerzengerade zwischen den Beiden. Die zwei schienen das als ein Zeichen von Angst aufzufassen, denn sie richteten ihre Waffen jetzt auf uns.
Der Typ, der aus dem Schlaf gerissen wurde, hatte ´jetzt ebenfalls eine Pistole gezogen, war aber noch immer leicht desorientiert.
Der Mann der Links von Jansen stand grinste noch leicht, dann explodierte Jansens Ellbogen genau auf seinem Auge und bevor der zweite das überhaupt mitbekam, hatte Jansen, wie eine Balletttänzerin den Fuß oben und trat im mit aller Wucht ins Gesicht.
Ohne auch nur einen Schuss abzugeben ging einer zu Boden, der andere verlor das Gleichgewicht und fiel die vier Meter nach unten auf den harten Boden. Knochen brachen und er blieb bewusstlos liegen.
Der Verbrecher, der in meiner Reichweite stand, bekam das schon nicht mehr mit. Der Teleskopstock krachte gegen seine Stirn und ließ die Lichter ausgehen. Berger und Schaum hatten ihre Waffen schussbereit, doch es kam kein weiterer Verbrecher.
„Und Jetzt?“
„Sehen wir uns um.“
Jansen schleifte ihren Gegner zur Treppe und gab ihm oben einen Stoß. Kullernd, sich ein paar Knochen brechend, landete er neben seinem Kumpel.
„Reife Leistung.“ Sagte ich zu ihr.
„Wie schon gesagt, mein Freund ist Kampfsportlehrer.“
Ich kümmerte mich um den Wagen und die Taschen. In einer waren mindestens drei Millionen Dollar. Dazu jede Menge Euro und andere Währungen. Zusammen schätze ich den Wert auf 8 Millionen Euro.
„KB!“ rief Berger.
Ich stieg aus dem Van und ging zu ihm.
Er stand vor einem dunklen Fleck auf dem Hallenboden, und ich musste kein Prophet sein um zu erkennen, dass das Blut war. Dann wies Berger nach links, dort lagen zwei Kisten unter einem Stahlträger, auf dessen Mitte an zwei Stellen der Staub fehlte.
„Hier sind wir richtig.“ Brummte er.
„Was machen wir jetzt mit diesen Typen?“ wollte Schaum wissen.
„Wir holen uns ein paar Informationen.“
„Dir ist schon klar, dass wir nichts davon vor Gericht verwenden können?“ warnte mich Berger. „Hab ich auch nicht vor. Ich will diese Scheißbande aus dem Verkehr ziehen.“
„Ok, ich bin dabei.“
„Schaum?“
Der nickte nur.
„Was ist mit dir Jansen?“
„Nur wenn ich mitmachen darf. Die Scheißkerle haben meine Möpse gegrapscht. Niemand tut das ungestraft!“
Ich grinste, anscheinend hatte ich einen guten Einfluss auf mein Team, oder einen schlechten, je nachdem wie man es sah.
„Nehmen wir den da.“ ich zeigte zu dem Schläfer, der noch bewusstlos am Boden lag.
Zusammen mit Berger zerrte ich ihn auf einen Stuhl und wir fesselten ihn daran fest. Mit dem Stuhl zusammen, brachten wir ihn neben einen Amboss und weckten ihn unsanft auf.
„Frau Jansen, bitte.“
Jansen holte aus und ließ seine Hand in sein Gesicht krachen.
Nach dem dritten Hieb war der Penner wach.
„Sprichst du deutsch?“
Was folgte war ein langer Fluch auf Russisch.
„Klappe halten!“
Der Mann hörte nicht und so musste Jansen erneut tätig werden. In der Zwischenzeit schaute ich mich um und holte mir das Passende aus dem Werkzeugvorrat.
Nach drei Ohrfeigen hielt der Russe den Mund.
„Gut, jetzt da ich deine Aufmerksamkeit habe, erkläre ich dir was. Und ich bin mir sicher, dass du mich verstehst.
Du interessierst mich einen Scheiß! Ich will Sorokin und die Typen die die Frauen umgelegt haben. Ich stell dir ein paar Fragen und wenn du dich bockig anstellst, werde ich mit dem Hammer hier“, ich hielt ihm einen Fäustel vor das Gesicht, „deine Fingerchen bearbeiten. Erst haue ich dir einen Finger zu Brei und wenn mir die nächste Antwort nicht gefällt, schneide ich ihn den Finger mit dieser Blechschere ab. Verstanden?“
Wieder erklang ein russischer Fluch und der Wichser wagte es tatsächlich mich anzuspucken.
Ich schaute zu Berger und der packte den rechten Arm des Wichsers und zusammen mit Schaum brachten sie seine Hand auf den Amboss. Mit einer Wasserpumpenzange, quetschte ich ihm den kleinen Finger, spreizte ihn ab und ließ den Hammer darauf sausen. Als die Knochen nachgaben und in zig Stücke sprangen, heulte der Wichser auf.
„Also. Nochmal. Verstanden?“ und ich hielt die Blechschere an den Finger.
„JA!“ heulte der Mann auf.
„Na also. Geht doch.“
**
Nach einer Stunde wusste ich so ziemlich alles.
Der Name von Wichser war Alexej, aber ich beschloss bei Wichser zu bleiben. Sorokins Frau hatte eine ganze Tasche mit Drogen und einer Menge Geld auf die Seite geschafft und es der geheimnisvollen Frau gegeben. Wichser kannte leider nur den Vornamen der Frau. Nina.
Jetzt war Sorokin dabei sich nach Rotterdam abzusetzen und das viele Geld im Van, war eine Reisekasse.
„Wer von euch Schweinen hat die hier umgelegt?“ Ich hielt ihm das Bild von der blonden Frau aus dem Müllsack vors Gesicht.
„Der Neue.“
„Name?“
„Den weiß ich nicht.“
Da wir mittlerweile bei einem zertrümmerten Zeigefinger angekommen waren, fiel dieser in den Dreck.
Schaum hatte sich das Schweißgerät geschnappt und jedes Mal wenn ein Finger auf den Dreckigen Boden fiel, verschloss er mit der blauen Flamme die Wunde.
Anschließend wurde Wichser, von Jansen wieder mit ein paar Ohrfeigen aus der Bewusstlosigkeit geholt.
Wichser heulte wie ein kleines Kind. während ich mit der Zange den Daumen auf den Amboss legte.
„NAME!“
„Ich weiß ihn nicht! Sorokin hat ihn herbringen lassen. Seine Braut hat Sorokins Sachen! Ich kenne nur den Vornamen! Stephan!“
Jansen holte ihr Handy heraus und hielt ihm ein Screenshot von der Überwachungskamera vors Gesicht.
Es zeigte den zweiten Mann bei Sorokin. Wie erhofft, war er nach unten gegangen und so direkt vor die Kamera in Jansens Auto gelaufen.
„JA, der ist es. Das ist Stephan.“
„Kommen wir nun zu der eine Million Euro Frage. Wo sind Sorokin und dieser Arsch auf dem Bild?“
„Ich weiß es nicht.“
Der Hammer sauste nach unten und zertrümmerte den Daumen.
„AAAHHH“
„WO sind die Beiden?“
Als Wichser nur noch seinen Ring und den kleinen Finger an der linken Hand hatte, war ich mir sicher, dass er wirklich nicht wusste, wo sich Sorokin aufhielt.
Die drei sollten das Geld bewachen und sich morgen früh mit Sorokin treffen. Der wollte nicht mit dem Geld zusammen durch die Gegend laufen, solange er nicht sicher war, ob man nach ihm suchte. Im Falle einer Festnahme, wäre das Geld nämlich weg.
Tja Sorokin, Pech gehabt, deine Reisekasse ist weg und ich sitze dir im Nacken.
Ich holte mein Handy heraus und rief Milewski an.
„Verdammt Baumann! Wo bist du? Hier brennt die Hütte. Wir haben drei weitere tote Frauen und du machst Urlaub! Schaff deinen Arsch her!“
„Ich weiß es schon. Es war Sorokin, er will nach Holland.“
Schweigen.
„Woher weißt du das?“
„Willst du nicht wissen.“
Wieder schwieg Malewski.
„Wie sicher ist deine Information?“
„100%“
„Also gut, ich lasse ihn zur Fahndung ausschreiben.“
„Wenn du schon dabei bist, ich schick dir ein Foto von einem Typen. Er hat die Tote im Müllsack erschossen und den Mord an einer der drei Frauen in Auftrag gegeben. Wir wissen lediglich den Vornamen. Stephan.“
Ich schickte Malweski den Screenshot mit dem Bild des zweiten Mannes.
„OK, das Bild hat eine gute Qualität, jemand wird ihn erkennen.“
„Sehe ich auch so.“
„KB, Was kosten mich diese Infos?“
„Nichts, Ich denke nicht, dass Sorokin oder einer seiner Leute Anzeige gegen mich erstattet.“
„Verstanden. Ich will gar keine Details. Und jetzt schaff deinen Arsch her.“ Damit beendete Milewski das Gespräch.
„Hast du nicht was vergessen?“ fragte Jansen.
„Nein. Was soll ich vergessen haben?“
„Die Frau, diese Nina. Sollen wir die nicht auch zur Fahndung ausschreiben?“
„Auf keinen Fall. Wenn wir sie zur Fahndung ausschreiben, taucht sie unter und ist mit der Kohle und dem Stoff weg. So macht sie vielleicht einen Fehler.“
„Was machen wir mit den drei Typen?“ fragte Berger.
„Die lassen wir einfach hier. Sorokin wird seine Reisekasse suchen und jemanden schicken. Ich glaube nicht dass er selbst kommt, falls doch werdet ihr ihn in Empfang nehmen. Ich schicke euch ein Zugriffsteam.“
„Alles klar.“
Schaum öffnete das Tor und ich fuhr den Van zusammen mit Sorokins Reisekasse aus der Werkstatt. Hinter mir folgte Jansen mit dem R8.
„Um sechs Uhr, im Büro.“
„Ok. Bis später.“ Sie gab Gas und war verschwunden.
Berger verschloss die Halle und zog sich mit Schaum auf ihren Beobachtungsposten zurück.
„Ich glaube KB hat einen schlechten Einfluss auf uns.“
***
Sicher war, dass sie die Jagd auf Darius Sorokin eröffnet war. Ich zählte also weiterhin auf seine Unvorsichtigkeit. Nur je häufiger er nicht aufpasste, je eher lieferte er auch mich mit ans Messer. Direkt in die Hände der Bullen und von dort aus geradewegs in den Knast. Immer öfter kam es auch zu handfesten Streitigkeiten zwischen Sorokin und seinen beiden Handlangern Alexej und Jegor.
Sie begannen Sorokin zu misstrauen. Flucht würde bedeuten, dass Morden ging weiter. Nur halt an einer anderen Stelle. Egal also wohin wir gingen. Irgend jemand hatte ihn garantiert immer im Visier. Entweder die Bullen oder auch seine ärgste Konkurrenz. Nur ihn zu schnappen, egal von welcher Seite, dass schaffte bisher noch niemand.
Er war zu raffiniert und jeder Zeit dazu bereit, alle die, die ihm bei der Ausführung seiner dubiosen Geschäfte im Wege standen gnadenlos aus dem Weg zu räumen. Dazu kam die Befähigung Menschen zu manipulieren. Sie zu seinem eigenen Zwecke zu Mordinstrumenten zu machen. Ich betrachtete mich bereits selbst als ein schillerndes Beispiel dafür. War ich doch bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine ganz normaler Mann wie vielleicht jeder andere auch. Der ein ganz normales Leben führte und immer auf der Suche nach etwas ganz Besonderem. Einer Frau, um mit ihr ein schöne Zeit zu verbringen. Vielleicht sogar ein ganzes Leben wenn es dann irgendwie passte? Doch woher sollte ich ahnen, dass es ausgerechnet einmal der Tod höchstpersönlich sein würde, der mich beim Erreichen meiner Sehnsüchte und Ziele auf Schritt und Tritt begleitete.
Eine Rückkehr in mein altes Leben?
Fehlanzeige. Nie mehr wieder.
Entweder gelang mir die Flucht, wenn der richtige Zeitpunkt dazu gekommen wäre, oder ich ging gnadenlos mit oder durch Sorokin unter. Ich genoss mein kleines Stückchen Freiheit, nicht mehr ständig unter seiner Beobachtung zu stehen. Für den verbliebenen Rest dieser Teufelsbrut war ich von nun an der Neue. Und niemand hatte auch nicht mehr den geringsten Zweifel daran, dass Sorokin etwas mit mir vor hatte. Klar war nur, dass es etwas war, bei dem ich durchaus mein Leben riskieren würde. Allein schon aus diesem Grunde wäre der Begriff Vertrauen zu ihm und zu den Anderen wohl völlig deplatziert. Während weiterhin unter den Dreien lautstark über weitere Vorgehensweisen verhandelt wurde, sagte ich nur etwas, wenn sie mich danach fragten. Der Rest des Haufens begab sich daran, die Halle, die einem Umschlagplatz für Drogen, Alkohol, aber auch Waffen und wenn es sein musste auch zum Zwecke der Prostitution glich, wieder in eine ansehnliche Werkstatt unter dem Tarnmantel  „Autotuning“ zu verwandeln.
Auch für Lew, den armen Irren, der nur noch als ein Häufchen Asche zu bewundern war, wurde Ersatz gefunden. Ein arbeitsloser Schrauber, den sie auf dem Kiez aufgriffen. Der aber, bei allem Respekt eine Menge von Autos verstand. Hauptsache der Typ  war wasserdicht und wusste auf was er sich da einliess. Na ja, mir war es egal, solange ich jeden Augenblick für mich ganz allein planen konnte, wie ich endlich hier rauskam.
„Wer ist denn dieser Baumann?“ riskierte ich die Frage.
„Ein ganz besonders brutales Schwein. Nur leider auf der falsche Seite. Sonst könnten wir ihn noch glatt gebrauchen.“ erklärte Alexej.
Sorokins Mine veränderte sich in eine finstere Grimasse, als ich seinen Namen erwähnte. Ich erfuhr auf diese Weise, dass sie Beiden sich schon seit Jahren ein unerbittliches Katz und Maus Spiel lieferten.
„Und wer bist Du? Warum bist Du hier?“ fragte Alexej interessiert.
„Ich dachte das wüsstet Ihr.“ kam spontan meine Antwort.
Alexej und Jegor lachten und schenkten mir ein handbreit gefülltes Glas Wodka der Marke Beluga Allüre ein.
„Sag uns deinen Namen. Und dann lass uns trinken.“ prostete Alexej mir zu. Ausgerechnet der Typ, der mir noch vor Tagen am liebsten die Kehle durchgeschnitten hätte, bot mir etwas zu trinken an. Nicht dass ich von Spirituosen etwas verstand. Aber das Zeug ging in den Clubs und Bars für dreihundertfünfzig bis vierhundert Euro die Flasche über den Tresen. Und hier war davon kistenweise zu sehen. Ein wahres kleines Vermögen nur an Hochprozentigem. Von all den anderen Sachen mal ganz abgesehen. Der Alkohol lockerte seine Zunge und  so erfuhr ich immer mehr von Sorokins Plänen.
„Stephan.“ erwähnte er meinen Namen und zog ihn ein wenig ins Lächerliche. Doch ich hinderte ihn nicht im Geringsten weiter zu plaudern. Schätze nur, wenn Sorokin erfahren würde dass er und Jegor nicht dem Mund halten konnten, gäbe es Ärger. Hoffte ich es doch ein wenig für die Beiden.
„Weißt Du Stephan, die Geschäfte auf dem Kiez laufen schlecht.“
„Warum? fragte ich ihn, wenn auch ein wenig mit einem heuchlerischen Unterton.
„Zuviel Konkurrenz. Die Albaner werden immer mehr und er will keinen Krieg.“ erklärte Jegor.
„Und seit ein paar Tagen wimmelt es da vor Bullen.“ fügte Alexej hinzu.
Es roch nach Aufbruch. Nach einer Weile gesellte sich Sorokin wieder zu unserer Runde. Alexej und Jegor, die dem Wodka gut zugetan waren, rieten ab.
„Lass uns hier abwarten, bis etwas Gras über die Sache gewachsen.“ Sorokin starrte die Beiden mit offenem Munde an.
„Nein, wir fahren nach Rotterdam und da geht die Ladung aufs Schiff. Wir kassieren und tauchen dann eine Weile unter.“
Zwei der Transporter standen beladen mit Waffen und Munition  für die Peschmergatruppen im Nordirak bereit. Seine neue Einnahmen quelle. Illegale Waffengeschäfte für Krisengebiete. Seine Hintermänner in den Niederlanden erwarteten uns bereits und heute Nacht sollte es losgehen. Im Abstand von je einer Stunde sollten sich der Caravan, in dem zusätzlich aufgeteilt in zwei Taschen ein Millionenvermögen verstaut war, zwei Transporter beladen mit Kisten aus Holz, in dem sich Sturmgewehre vom Typ AK12  Kal. 7,62 mm befanden und zum guten Schluss Sorokin mit seinem Luxusschlitten auf den Weg machen. Er befahl mir seinen Wagen zu fahren.
Kein Zweifel, das er somit das Vertrauen zu den Anderen erneut aufs Spiel setzte. Alexej und Jegor, die dem Alkohol immer noch reichlich frönten, versuchten Unruhe unter den Leuten zu stiften.
Vielleicht entging es deshalb den Beiden völlig, außer sicher durch ihrem handfesten Rausch, das seit einer Weile zwei Typen mit einem R8 unter ihrem Arsch, neugierig  hier in der Gegend auf und ab fuhren.
„Seht nach was da los ist und macht den Zwei Feuer unterm Arsch.“ Doch sie schliefen bereits auf völlig verdreckten, abgewetzten Sesseln, die in einer Ecke der Werkstatt zu einer Art Sitzgruppe zusammengerückt wurden.
„Wenn ich hier fertig bin mach ich Typen alle.“ Sorokin war stocksauer.
Für mich bedeutete dass wieder einen weiteren Schritt in die ersehnte Freiheit. Die Zeit lief und der Gedanke heute Nacht mit Sack und Pack das Land zu verlassen missfiel mir gewaltig. Doch vielleicht wäre heute Nacht genau der Augenblick, die Chance, auf die ich seit Tagen hoffte, endlich gekommen, um von hier zu verschwinden. Einfach loslaufen wenn der Moment günstig wäre. Egal wohin oder in welche Richtung. Nur weg von hier. Es würde schon irgendwie weitergehen. Oder er hatte vielleicht ein oder zwei von den Typen hier bestochen um uns alle, einem nach dem anderen zu liquidieren und machte sich dann mir der Kohle allein aus dem Staub? Meine Gedanken an Nina schienen plötzlich so weit weg zu sein. Sorokin zu vertrauen wurde von Stunde zu Stunde zu einer Zerreißprobe. Ich wusste nicht, wie lange es noch dauern würde bis ich meine erste und letzte Dummheit begehen würde und das Spiel wäre endgültig aus. „Geh und sieh Du nach wer die sind.“ Ich folgte seinem Befehl wie eine lebensverlängernde Notwendigkeit. Draußen stand Juri, der neue Autoschrauber und fachsimpelte mit zwei Männern, die jedoch auf mich keinen Verdacht erweckten. Wortfetzen ließen vermuten, dass es sich dabei um ihren R8 handelte. Tuningfreaks halt, Typen mit Goldkettchen und dunklen Lederjacken, die einen Tipp bekommen hatten. Wenigstens funktionierte so unsere Tarnung. Eine Weile beobachtete ich das Treiben unter den Dreien doch ich hegte weiterhin nicht den geringsten Verdacht. Es wurde sogar laut gescherzt und man unterhielt sich aufgrund einiger Verständnisschwierigkeiten mit den Händen. Klar, Juri der Schrauber war der deutschen Sprache kaum mächtig, aber sonst war er, was sportliche Autos betraf, voll in seinem Element.  Erst nach dem aus der Dämmerung des Abends Dunkelheit wurde, bestiegen die zwei mächtig coolen Typen den R8, der seit Stunden  genau vor der Toreinfahrt der Werkstatt stand. Mit geöffneten Dach und schallend lauter Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, machten sie sich davon. Ich beobachtete sie solange, bis ihre Rücklichter plötzlich nicht mehr zu sehen waren.
„Verdammt, wo sind die hin?“
Egal, sie waren fort und ich sah in ihnen keine weitere Bedrohung.
„Wo zum Teufel ist eigentlich Sorokin?“ wunderte ich mich.
Zwei schliefen ihren Rausch aus, der Rest spielten Karten und unterhielt sich und Sorokin war einfach nicht auffindbar und nur noch ein paar Stunden Zeit bis zu unserem Aufbruch. Ich nutzte die Gelegenheit um etwas Schlaf nachzuholen, den ich bitter nötig hatte. Ich begann zu dämmern und meine Augen flimmerten. Ja, heute Nacht ist es soweit. Bei der nächsten Gelegenheit wäre ich fort. Bei irgendeiner Rast auf dem Wege nach Rotterdam mache ich mich aus dem Staub. Es muss einfach gelingen. Meine Ungeduld Nina endlich wiederzusehen hatte bereits ihren Höhepunkt überschritten. Schlaf würde ich das nicht nennen wollen, aber es tat gut, unbeaufsichtigt durch die Anderen die Beine hochzulegen. Gut zwei Stunden vergingen, als ich durch irgendetwas da draußen aus meinem Halbschlaf geweckt wurde.
„Sorokin kommt zurück.“ dachte ich. Aber auf eine so plumpe Art sich hier Einlass zu verschaffen.? Das passte nicht zu ihm. Das klang eher wie das Klirren einer Kette, die man gerade mit einem Bolzenschneider gekappt hatte.
Zweifellos, wir bekamen Besuch. Ungebetenen Besuch wie sich herausstellte. Aus meiner halbwegs sicheren Lage im halbdunklen der Werkstatt sah ich, wie sich schätzungsweise drei Leute mit Sturmhauben über ihren Köpfen gewaltsam Eintritt verschafften.
„Bitte nicht die Albaner.“ war mein erster Gedanke. Sorokins Erzfeinde vom Kiez,die vielleicht hier etwas aufmischen wollten. Und das raffinierte Schwein hat es gewusst und hat sich verpisst?
„Nein das passt alles nicht.“ Nicht ohne das Geld und die Waffen. Damit würde er sich nur selbst an das Messer ausliefern. Und diese Schergen würden ihm als eine lächerliche Witzfigur draußen auf dem Kiez bloßstellen.
Das Geschrei und Gefluche passte zu Alexej, den sie sich als erstes vornahmen. Das Gebrüll, als sie ihm jeden einzelnen Finger mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten war einfach nur erbärmlich und ich hielt mir die Ohren zu. Die Kerle, oder waren nur zwei von ihnen Männer, waren in ihrer Vorgehensweise unfassbar brutal. Sie zeigten Alexej ein paar Photos, doch der wimmerte nur noch unaufhörlich unter seinen unsäglichen Schmerzen. Ich dachte, ich müsste mich endgültig übergeben, als der Maskierte zu einer Blechschere griff und ihm jeweils zwei seiner gesplitterten Finger an jeder Hand, ohne mit der Achsel zu zucken, abschnitt. Wertlos, wie er nun für ihn war, würde Sorokin, wenn er wieder auftaucht, ihm den Rest geben und ihn voll Blei pumpen . Soviel war mal sicher.
Klar und deutlich hörte ich Alexej meinen Namen ausrufen, bevor er dann endgültig das Bewusstsein verlor. Seine Wunden mit dem Schweißbrenner zu veröden gab ihm wohl endgültig den Rest. Ich betrachte es einfach, ohne die geringste Spur von Mitleid, als einen Mann weniger auf der Liste der Leute, die mir gefährlich werden könnten und meinen Fluchtplan vermasseln würden. Eines stand jedoch außer Frage. Der Typ, außer Sorokin, nach dem sie sonst noch suchten, war nicht mehr und nicht weniger ich selbst. Es brannte sich tief in mein Bewusstsein mit ihm auf der gleichen Liste gesuchter Verbrecher zu stehen und lehrte mich das Fürchten auf eine ganz besondere Weise.  Arjonas Mörder, der ich war und den man um jeden Preis einlochen wollte. Und diese Leute mit den Sturmhauben waren auch keine Vorhut der Albaner, sondern das waren Bullen. Kilian Baumann, dieser halb wahnsinnige Anführer eines Sondereinsatzkommandos der Kripo war uns auf die Schliche gekommen. Wie auch immer er das schaffte, er kannte mein Gesicht und er würde nicht ruhen mir gegenüber zu stehen um mir tief in die Augen zu sehen. Und der Rest seiner Truppe wartete sicher da draußen verschanzt auf den Befehl, uns gewaltig Feuer unterm Arsch zu machen. So wie sie anrückten, verschwanden sie auch wieder. Leise und unbeobachtet. Das war das Ergebnis ausgeklügelter Polizeiarbeit. Profis halt und sie würden wiederkommen. Sie schnappten sich den Caravan, schlossen ihn kurz und verschwanden durch das geöffnete Tor. Verfolgt von diesem R8.
Tuningfreaks? Wohl kaum. Alle Achtung, ihre Tarnung war perfekt.
„Anfänger! Ich habe es mit Anfängern zu tun.Und Versagern!“ Sorokin war zurück. Wer jetzt ungefragt seinen Mund öffnete unterschrieb sein eigenes Todesurteil. Auch nur ohne einen einzigen Schuss abzugeben, gab es zwei Tote bei einem Sturz von einer Treppe und Alexej, den sie zum Krüppel machten.
„Eine Frau? Ihr wollt mir erzählen dass es eine Frau schafft zwei meiner Leute kalt zumachen?“
„Ja Darius. Wir dachten wir hätten sie als Geisel aber dann war es schon zu spät.“
„Zu spät. Wofür?“ Sein hochroter Kopf ließ nichts Gutes vermuten.
„Und die Kohle. Wo ist der Van?“
„Weg. Sie haben ihn mitgenommen.“ erklärte Jegor.
„Dann passt jetzt mal auf was man mit Versagern wie Euch macht.“ Sorokin zerschlug eine leere Wodkaflasche und legte den messerscharfen Flaschenhals an Alexius Kehle. Vielleicht deshalb, weil das arme Schwein sowieso nichts mehr zu verlieren hatte und er von nun an jeden Mann brauchte. Er stieß zu und alle um ihn herum sahen, wie sein Blut aus seinem Hals sprudelte. Ein bedrohendes Schweigen breitete sich aus.
Auch ich presste meine Lippen fest zusammen und versuchte krampfhaft in eine andere Richtung zu sehen. Ein ziemlich herber Verlust. Acht Millionen, von dem ein Teil für einen Mädchenhändlerring in Rotterdam gedacht war. Eine Reisetasche, randvoll mit Kokain und eine gutes Kilo Rohdiamanten, die irgendwie auf mein Konto gingen. Und jetzt noch die Peschmergatruppen, die dringend auf ihre Waffen warteten. Würde mich nicht wundern, wenn ihre Abgesandten, die in Europa und auch in Deutschland operierten, hier plötzlich auf der Matten stünden um sich einfach zu holen, was man ihnen versprach.
Und ich stand von nun an gleich mit zwei Gegnern im selben Ring. Darius Sorokin, einer der europaweit meist gesuchtesten Gangster und wen ich sonderbarerweise noch mehr fürchtete war Kilian Baumann, ein profilierungssüchtiger Einsatzleiter bei der Kripo, der nicht ruhen würde um mir und dem Gesindel hier gewaltig den Arsch aufzureißen.
Ich atmete innerlich auf, als ich erfuhr, das Rotterdam erst einmal auf Eis gelegt wurde. Die Transporter wurden entladen und ab einem bestimmten Blickwinkel machte die Werkstatt den Eindruck eines Waffendepots. Kisten, ausgelegt mit Holzwolle zum Transport von Sturmgewehren und Maschinenpistolen, wiederum kleinere mit der passenden Munition Kal.7,62 mm, dazu kamen Kisten mit russischen Handgranaten der Marke Krol, Drofa und Vjiuschka, tragbare Magazine mit Patronengürteln für Maschinengewehre und ein nicht gerade unbeachtliche Menge an Sprengstoff und Zündern. Das Zeug wurde rund um die Uhr im Wechsel bewacht von denen, die noch übrig blieben und war ein wahres Vermögen wert. Irgendwer interessierte sich immer für so was und seien es nur ein paar Leute, die einen Überfall auf eine Filiale irgendeiner Bank planten. Sorokin bediente sie. Doch für den Augenblick saß er echt in der Klemme und änderte ständig und stetig seine Strategie.
„Ich will es wieder.“ Seine Worte hatten den Klang einer Kriegserklärung gegen Baumann und seine Leute. Ja, er beschloss die Sache ab sofort selbst in die Hand zu nehmen und bildete eine Gruppe, die nun an jeden Abend auf dem Kiez patrouillierte sollte. Dazu gehörte er, dieser Jegor, ein Typ namens Artjom, eine echt undurchsichtige Gestalt und ich. Der Rest blieb und bewachte die Werkstatt.
Auch Juri, der Schrauber, der die Aufgabe hatte dafür zu sorgen, dass alles weiter den Anschein einer Tuningwerkstatt hatte.
„Und später dann reden wir beide.“ Ich nickte, doch mit einem Gefühl das es mir heiß und kalt den Rücken herunter lief.
„Oder dachtest Du ich hätte dich vergessen?“
„Sicher nicht.“
„Also mach deine Sache gut. Und versuch nicht abzuhauen oder zu den Bullen zu gehen.“ drohte er mir.
„Verstanden.“
„Das hoffe ich doch, sonst jage ich dich bis an das Ende er Welt und ein Mensch wird sterben.“
Er zeigte mir das Bild einer Überwachungskamera. Ich dachte mein Herz würde zersplittern. Die beiden Frauen auf dem Bild zeigten eindeutig Britta, seine ermordete Frau und Nina vor seiner Villa. Ich erkannte die Gegend auf Anhieb.
„Kennst Du die Kleine daneben ihr?“ Und hielt seinen Finger eindeutig auf Ninas Gesicht.
Lügen hatte keinen Sinn. Er wusste es sowieso.
„Ja , ich kenne sie.“
„Woher? Deine kleine Nutte?“
„Hab sie in einem Club aufgegriffen.“ Sorokin gefiel diese Fragespiel. Ich hätte ihn gerne auf der Stelle erschossen als er Nina eine Nutte nannte.
„Und willst Du sie wiedersehen?“ fragte er grinsend.
„Ja will ich.“
„Um jeden Preis?“ erwiderte er.
„Ja um jeden Preis.“
Es fiel mir schwer meine innere Ruhe wiederzufinden. Zu sehr begannen wieder meine Hände zu zittern und meine Stimme drohte sich bei jedem Wort zu überschlagen.
„Ich kann dir helfen sie zu finden. Ich kriege dann was mir gehört und ihr könnt verschwinden.“
Alles klang nach einem vielversprechenden Deal. Doch wusste er genau wie ich, dass an meinen Händen genügend Dreck und Blut klebte. Und dieser gerissene Hund würde wieder einmal davon kommen?
Ich hatte keine andere Wahl und willigte ein. Ich war der Köder und mein Gesicht war mittlerweile polizeibekannt.
„Mach deine Sache gut Stephan, das ist doch dein Name.“
„Ja.“
„Wenn nicht, lege ich dich um. Und danach schnappe ich mir die kleine Hure und werfe sie den anderen zum Fraß vor. Du hast gesehen was dann passiert. Und nichts in der Welt wird diese Idioten daran hindern sie fertig zu machen.“
Sorokin sprach eine eindeutige Sprache und mir stockte der Atem. Noch bevor wir in der darauffolgenden Nacht ausrückten schob er mir zwei Magazine für die CZ75 Kal.9mm herüber.
„Nimm die und behalte sie. Vielleicht wird sie Dir mal deinen Arsch retten.“ Er lachte laut und hämisch. Hatte dieses Schwein es doch die ganze Zeit gewusst, dass ich seine Waffe im Hosenbund trug. Er versorgte mich Geld und meinen Papieren, die sie mir bei meiner Ergreifung abnahmen. Sogar mein Handy bekam ich zurück. Zwecklos, sie würden es rausbekommen, ob ich es benutzt hätte. Also zu gefährlich. Der erste der ausstieg war ich. Alle wurden an verschiedenen Stellen auf dem Kiez abgesetzt. Ein Treffpunkt wurde ausgemacht. Wer in drei Stunden dort nicht erschien galt als Verräter und wäre seines Lebens nicht mehr sicher. Also, los ging es.
Was war heute für ein Tag? Ein Freitag und ich überlegte zuerst, wie lange ich nun schon bei diesen Verbrechern war. Fast schon zwei Wochen.
Ich nannte dieses Pack eine Horde von skrupellosen Killern. Und ich? Wer genau war ich in diesem ganzen Spiel? Nur im Falle meiner Ergreifung einer von ihnen und ich  würde für Jahre einwandern. Auf dem Kiez herrschte Hochbetrieb. Lichter und Reklamen wo man hinsah. Gefolgt von einer Bar, einem Sexclub oder einer Spielhölle nach der anderen. Von überall dröhnte Musik und in den Seitenstraße boten Mädchen ihre Liebesdienste an.
„Hey auf der Suche? Komm ich hab hier ein Zimmer.“
Das Mädchen war blond, ausgesprochen hübsch und höchstens achtzehn Jahre. Ein Mädchen wie Arjona, der ich durch ihr Herz schoss und dabei an die Frau dachte, die ich liebte.
„Nein Du, später mal.“ Und fort war ich.
Ich ging weiter und weiter. Völlig ziellos entlang hunderter Lichtreklamen, die immer wieder in den schrillsten Farben aufleuchteten. Ich sah mich um und erkannte auf Anhieb in unmittelbarer Nähe diesen Typen namens Artjom. Klar, Sorokin hatte ihn auf mich angesetzt um auf mich aufzupassen, damit ich keine Dummheiten machte. Ich  tat so, als hätte ich ihn nicht bemerkt.
„Guten Abend. Wir sind von der Polizei Abteilung Personenfahndung. Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“
Mein Herz stand still. Ich dachte das wars. Sie haben dich. Freiwillig hielten mir die Zwei ihre Dienstausweise unter die Nase. Ich merkte mir ihre Namen. Delling und Wagner.
„Worum geht’s?“ fragte ich die Beiden.
„Schonmal dieses Mädchen gesehen?“
„Ne, noch nie. Was ist mit ihr?“ belog ich die Zwei nach Strich und Faden.
„Von zu Hause abgehauen. Wir suchen sie. Danke.“
Wiedereinmal ein Bild einer Überwachungskamera von Nina. Ähnlich wie das, was Sorokin mir zeigte. Nicht nur ich sondern auch Baumann und seine Leute suchten sie. Um sie zu den Mördern von Britta zu führen. Und somit zu Sorokin und letztendlich auch zu mir. Minuten später bremste Sorokins Limousine direkt neben mir und wir verschwanden im Eiltempo zurück zur Werkstatt.
„Sie werden deine kleine Schlampe finden, sie ist hier sicher ganz in der Nähe und dann werden wir sehen, was diesem Baumann das Leben seiner Leute wert ist. Vielleicht sogar acht Millionen?“
Wurde Sorokin mir am Ende noch sympathisch ? Wohl kaum, aber der Schlüssel zu seinen Millionen waren diese beiden Schnüffler, die ganz ohne Frage zu Kilian Baumann und seiner Soko gehörten. Und tatsächlich schafften Jegor und Artjom zwei Nächte später zwei winselnde Typen, verschnürt mit Seilen und verbundenen Augen her. Ich erkannte sie sofort wieder. Während einer Verfolgungsjagd, bei der Artjom bei einem Schusswechsel gestreift wurde, zogen die beiden vermeintlichen Tuningfreaks dann letztendlich doch den Kürzeren. Eine reine Frage der Zeit bis Baumann mit seinen Leuten hier wären.                                                           ***
„Kein blinder Aktionismus! Wir warten.“ Bellte Schulz der Leiter des SEK
Einheiten des SEK hatten die Halle umstellt und warteten auf das Zeichen zum Zugriff.
„Nur die Ruhe, die werden einen Fehler machen und dann schlagen wir zu. Solange lassen wir sie im Glauben, sie würden den Ton angeben.“
**
Judith war unersättlich. Diesmal hatte sie in ihren Taschen, die sie mitbrachte keine Lebensmittel, sondern Spielzeug für Erwachsene.
Dieses junge Ding, ließ mich Sachen treiben, die ich für unmöglich gehalten hatte. Innerhalb eine sehr kurzen Zeitspanne hatte sich ein bedingungsloses Vertrauensverhältnis entwickelt. Etwas dass sich nicht kannte.
Ich würde es ganz sicher nicht Liebe nennen, aber ich genoss jede Minute mit ihr. Sogar, als sie mich eine Stunde vor dem Wecker aus dem Schlaf riss um mir mitzuteilen, dass es wieder Zeit wäre, ihr Verlangen zu befriedigen.
Aber ich stand meinem Mann, schließlich war ich der Held der Stunde. Auch wenn es niemand wusste…
Milweski hatte Keller tatsächlich dazu gebracht, den Deckel auf dem Topf zu lassen.
Mit dem Fund der drei toten Frauen, schlugen die Wellen verdammt hoch und die Zeitungen überschlugen sich mit Vermutungen.
Mileski machte Keller klar, dass Sorokin sich ins Ausland absetzten wollte und das er, erst einmal untergetaucht, kaum noch zu ergreifen wäre.
Und so schrieb man Sorokin und diesen Stephan still und leise zur Fahndung aus und lenkte die Presse absichtlich in die falsche Richtung. Die toten Frauen waren nicht denselben Mördern zum Opfer gefallen, sondern albanischen Schleusern.
Mein Team schwärmte aus und suchte unterdessen Nina.
Berger und Schaum blieben auf ihrem Beobachtungsposten bei der Werkstatt und konnten regen Betrieb feststellen, doch Sorokin hatte sich entweder gut getarnt, oder war nicht gekommen.
Jedenfalls blieb es ruhig und Sorokin schien sich nicht abzusetzen, was ohne Reisekasse auch schwierig war, also blieb die Frage, wo er sich aufhielt.
Abends kam dann Judith zu mir und brachte ihr Spielzeug mit.
Diesmal kochte ich und zauberte ihr ein fantastisches Menü.
„Sag mal wie viele solcher Genies, wie Lee kennst du noch?“ fragte ich während der Vorspeise.
„Kennen tue viele, aber Freunde von mir sind kaum welche davon.“
„Ist das so? Hat man als Genie weniger Freunde?“
„Ja, nur weil jemand ein Genie ist, kann er dennoch ein Arsch sein. Lee hatte es in der Schule wirklich nicht leicht. Er war besser als die meisten und das hat einiges an Missgunst geweckt. Sobald du besser bist als die anderen, versuchen die dich fertig zu machen.“
„Und du? Wie viele Freunde hattest du?“
„Keinen einzigen, aber ich komme klar, schließlich hab ich jetzt dich.“
Kurze Zeit später wurde der dritte Gang des Essens kalt und Judith lag gefesselt auf dem Boden und winselte darum, endlich kommen zu dürfen…
Ich stellte Judith ein paar Stunden später eine Tasse Kaffee hin, die sie mit ihren gefesselten Händen ergriff.
„Ich brauche eine Idee. Wie bekomme ich Sorokin, und wie bekomme ich heraus, was er als nächstes vorhat?“
„MMHHH.“
„Oh, sorry.“ Grinste ich und nahm ihr den Knebel aus dem Mund.
„AU, du bist ganz schön gemein.“
„Ja, so was hab ich schon öfter gehört.“
„Ich arbeite ab und an mit einer Bekannten zusammen, die da eventuell weiterhelfen könnte.“
„Noch ein Genie?“
„Nicht so eines wie Lee oder ich, aber sie ist eine Koryphäe wenn es um Psychologie geht.“
„Was hast du mit einer Psychiaterin zu tun?“
„Wenn es um bestimmte Kernpunkte einer Rede geht, muss ich wissen, wir ich meine Zuhörer überzeugen kann. Das ist so ähnlich wie die Süßigkeiten an der Kasse. Du musst wissen, wo du die Süßigkeiten hinstellst. Und da sind gute Tipps Gold wert.“
„Ich brauche keinen Psychiater, wahrscheinlich würde ich einen Psychiater in den Wahnsinn treiben.“
„Du sollst ihr ja auch Fragen über diesen Sorokin stellen. Vielleicht kann sie dir ein paar Tipps geben, etwa wie er tickt oder was er wahrscheinlich als nächstes tut.“
Das war eine Schnappsidee, oder? HHMMM, bei Lee hatten sich Judiths Vorschläge als Volltreffer erwiesen. Was hatte ich also zu verlieren? Nichts!
„Ok, Frau Doktor. Aber ich werde mich nicht auf eine Couch legen!“
„Wenn du mich losbindest, könnte ich Susanne anrufen.“ Meinte sie nur und hielt mir ihre gefesselten Hände entgegen.
„Das geht auch mit Fesseln!“
**
Vier Stunden später, traf ich in Judiths Agentur Susanne Greif, die Psychiaterin, die meine Frau Doktor mit Tipps versorgte.
Erst als diese an der Tür klingelte, nahm ich Judith die Handschellen ab, was diese mir mit einem Stoß in die Seite dankte. Na warte du Schlange…
Judith stellte uns vor. Irgendwie hatte ich mich auf einen weiteren pickligen Teenager eingestellt, doch Greif war eine Mittfünfzigerin, groß, hager mit hellgrauen Haaren. Elegant gekleidet, war sie genau die Frau, die man sich als Psychiater vorstellt.
„Damit das klar ist, normalerweise arbeite ich nicht mehr mit der Polizei zusammen, ich bin nur hier, weil Judith mich darum gebeten hat.“
„Nicht mehr? Warum?“
„Weil ignorante Polizisten meine Ratschläge ignorieren und so das Leben anderer Menschen gefährden.“
„Ignorante Bullen…“ Ich schüttelte entsetzt den Kopf.
„Sie können sich ihren Sarkasmus sparen. Ich kenne sie aus vielen Artikeln, sie gehören zu den ignorantesten Polizisten die es gibt.“
„Bis jetzt hatte ich mit meinen Methoden, so ignorant sie auch aussehen, Erfolg.“
„Dann müssen sie jetzt aber ganz schön verzweifelt sein, wenn sie Hilfe von Leuten wie mir suchen.“
„Vor zwei Wochen hätte ich ihnen in den Arsch getreten und ihnen zum Andenken einen Strafzettel für falsches Parken an ihre arrogante Stirn geklebt, doch dann hat mir ein pickeliger Teenager wertvolle Hilfe gegeben. Ich habe gelernt zuzuhören, wenn man einen Experten vor sich hat. Sie sind eine Expertin. Also, was ist? Sie reden und ich höre zu.“
Judith war abwechselnd Weiß und Rot angelaufen. Greif aber setze tatsächlich ein leichtes Lächeln auf.
„Mit ihnen als Patient, hätte ich wahrscheinlich eine Lebensaufgabe. Sagen sie, sind sie privat versichert?“
Ich lachte und das Eis war gebrochen.
**
„Milewski wird durchdrehen!“ meinte Schaum.
„Milewski? Was glaubst du was Keller mit uns macht, wenn er davon Wind bekommt?“ Ergänzte Berger.
Der „innere Kreis“, also Schaum, Berger, Jansen und ich saßen gegenüber der Halle und berieten uns. Die Vorschläge und Tipps die mir Greif gegeben hatte waren durchaus logisch. Das Problem war die Umsetzung.
Die Vorschläge von Greif hatte ich in einen Plan umgewandelt.
Das was wir vorhatten war genau so verrückt wie das Eindringen in die Halle, nein, es war noch um einiges Verrückter.
„Wenn wir das durchziehen wollen, müssen wir die anderen einweihen und ich weiß nicht ob die mitmachen werden. Wenn auch nur einer zu Keller geht, fliegt uns die Sache um die Ohren.“ Fuhr Berger fort.
Da war etwas dran. Graling und Kammer würden wahrscheinlich mitmachen. Schaller unser Finanzmensch… Der Knackpunkt waren Delling und Wagner. Sie waren die Hauptakteure.
Mitmachen würden sie, doch in Gegensatz zu uns „alten Hasen“, konnten wir die Risiken des Planes besser einschätzen.
„Wie wäre es, wenn ich das mache?“ fragte Jansen. „Bei einer Frau wären sie wahrscheinlich unvorsichtiger.“
„Nein, falls dich doch jemand gesehen hat, wüssten sie was wir vorhaben.“
„Also, sind wir uns einig, dass wir das Team einweihen?“
Fragte ich.
Alle nickten und mein Plan nahem Fahrt auf.
**
Ich saß im Besprechungsraum und wartete auf die anderen. Das Team und ich hatten ein Abkommen getroffen. Da der Kaffee den die anderen tranken dünne, durchsichtige Brühe war, und nichts mit richtigen Kaffee zu tun hatte, gab es zwei Kannen die bereitstanden. Eine für mich, eine für den Rest.
Und da niemand KB verärgern wollte, war meine Kanne immer voll. Ja, es hatte Vorteile der Kotzbrocken zu sein.
Schaller kam als erstes und hatte die Nase in einigen Unterlagen stecken.
„Hör mal, ich hab die Handyprotokolle soweit ausgewertet. Das Problem ist, dass die Perlinger anscheinend sonst keine Hobbys hatte. Fast alle Gesprächsteilnehmer waren Frauen in ihrem Alter. Der Name Nina, taucht in keinem Protokoll auf. Sie muss also Kosenamen benutzt haben. Das hat die Auswahl um die Hälfte reduziert. Ein Teil davon heißt „Liebes“ der andere Teil „Schatz“. Ich tippe auf eine der „Liebes“.
„Wie viele „Liebes“ hast du zur Auswahl?“
„Achtzehn.“
„Warum können Frauen keine Namen benutzen, wie Männer das tun?“
„Das musst du gerade sagen.“
„Wieso, ich hab noch nie zu einem von euch Liebes gesagt.“
„Nein, bei dir heißt es Arsch eins, Arsch zwo…“
„Mann Schaller, du hast ja Humor! Ich würde es nicht glauben, wenn es mir jemand erzählt hätte.“
„Da kommt wieder der sarkasmustropfende KB zum Vorschein.“
Bevor wir das Thema vertiefen konnten, trafen Kammer und Graling ein. Den Schluss machten Delling und Wagner.
„Berger und Schaum, sind noch auf ihrem Beobachtungsposten, wir können also anfangen. Ich habe einen Vorschlag, den ich euch gerne unterbreiten würde. Vorher aber, will ich wissen, ob von euch noch einer eine Idee hat.“
„Ja, hab ich tatsächlich.“ Meldetete sich Schaller.
„Es geht ums Geld.“
-Ja, dass hätte ich mir denken können. Unser Finanzmensch…-
„Vielleicht gehen wir das Problem mit dieser Nina von der falschen Seite an.
Wir sollten nicht die Frau suchen, sondern das Geld.
Nehmen wir mal folgendes an… Du bist mit einer Menge Stoff und Kohle unterwegs. Was tust du? Trägst du die Sachen mit dir herum?
Nein, ganz sicher nicht. In deiner Wohnung lässt du es sicher auch nicht, denn wenn du schnell verschwinden musst, ist alles weg.
Also deponierst du es irgendwo, wo du immer Zugang dazu hast. Die Frage ist also, wo ist das?“
Verdammt, von der Sicht hatte ich das noch gar nicht gesehen.
„Ein gutes Versteck…“ grübelte Kammer. „Sie könnte einen Wagen gemietet haben und es dort versteckt halten.“
„Ich weiß nicht. Ziemlich riskant. Wenn sie dich finden, dann vielleicht auch das Auto.“ Gab Graling zu bedenken.
„Ein Schließfach!“ rief Wagner.
„Gar nicht schlecht.“ Brummte ich.
„Ja, aber das Problem ist, dass es tausende Schließfächer gibt. Bahnhof, Busbahnhof, Flughafen, Einkaufszentren…“ grübelte Kammer.
„Schaller, kannst du herausfinden, ob eine der Kontakte sich in der Nähe von einem Ort mit Schließfächern aufgehalten hat?“
„Klar, gib mir ein paar Stunden.“
„Ok. Weitere Ideen?“
Da es keine gab, unterbreitete ich meinen Vorschlag und alle sahen mich mit ungläubigen Augen an.
**
„Ich hab sie! Es war „Liebes, Nr.3.“ kam Schaller in mein Büro gestürmt. „Sie war mehrmals am Bahnhof. Ich hab die Überwachungsvideos angefordert, die müssten schon auf dem Weg sein.“
„Klasse.“
Kurze Zeit später saßen wir im Videoraum und schauten uns die Bilder der Überwachungskameras an. Dank Schallers Daten, konnten wir die Uhrzeiten ziemlich genau einschätzen. Dennoch war es eine Herkulesaufgabe, die Videos zu Überprüfen. Kam ein voller Zug an, waren hunderte Menschen gleichzeitig zu sehen. Standbild für Standbild musste überprüft werden.
„DA!“ Kammer zeigte auf eine Frau am linken Bildrand.
„Zoom das mal ran.“
Unser Techniker zoomte das Bild auf Kammers Anweisungen näher, und tatsächlich, sie war es. Das Bild war etwas unscharf, doch die Frau war eindeutig die von uns gesuchte Nina.
„Der Typ da hinter ihr, bekommst du den schärfer?“
Der Techniker tat sein bestes, doch das Gesicht blieb halb verdeckt und unkenntlich. Aber ich war mir sicher, dass es unser Stephan war.
„Ok, nächstes Datum.“
Wieder suchten wir über eine Stunde, bis wir fündig wurden. Diesmal fand eine Kamera die beiden in einem Nebenzugang zum Bahnhof aber es waren eindeutig unsere Turteltauben.
Zur Sicherheit schauten wir auch das dritte Überwachungsvideo an. Diesmal war die Frau alleine unterwegs, das wichtigste aber war, sie verließ den Bahnhof ohne Taschen.
„Gut, wir brauchen die Hundestaffel.“
**
„Was zum Teufel ist hier los?“ fragte ein sichtlich aufgebrachter Dienstgruppenleiter der Bundespolizei.
Keine halbe Stunde nachdem wir die Hundestaffel angefordert hatten, wurde der Bahnhof weiträumig abgesperrt. Offiziell suchten wir nach einem Sprengsatz, was dazu diente die mysteriöse Nina aus ihrer Deckung zu locken. Sie würde sich denken, dass man auch die Schließfächer durchsuchen würde. Blieb die Frage, ob wir das Geld und das Rauschgift entdeckt hatten.
Sie würde keiner offiziellen Stellungnahme Glauben schenken und mit Sicherheit selber nachsehen.
Jetzt da wir die Nummer von „Liebes 3“ hatten, wurde die natürlich rund um die Uhr überwacht. Doch so einfach machte es uns Nina dann doch nicht. Das Handy war ausgeschaltet, doch sobald sich das änderte, würde Schaller es wissen.
„Wir suchen eine große Menge an Bargeld und Rauschgift.“
„In der Alarmmeldung hieß es, eine Bombe.“
„Das soll auch so bleiben. Tut mir leid, dass wir sie nicht vorwarnen konnten.“
„Scheiße Baumann, du hättest mich anrufen können.“
„Hör zu, die Sache ist äußerst wichtig. Ein falsches Wort und wir haben noch mehr Leichen. Spiel einfach mit OK?“
„Von mir aus, ist immerhin besser als eine echte Bombe.“
Das Bellen eines Hundes verriet das Eintreffen der Hundestaffel. Kammer persönlich war zu der Einsatz Führung gefahren und hatte mitgeteilt, dass keine Sprengstoffhunde, sondern Spürhunde gebraucht wurden, sondern welche die auf Drogen und Bargeld abgerichtet waren.
Die acht Hundeführer schwärmten aus und fingen an den Bahnhof zu durchsuchen. Um nicht aufzufallen, wurde wirklich der ganze Bahnhof abgesucht, nicht nur die Schließfächer.
Um die kümmerte sich ein Team von zwei Hundeführern. Einer hatte einen Schäferhund, der an den Türen der Schließfächer schnüffelte.
Die Schließfächer waren in sechs Reihen übereinander angebracht, und bei den unteren drei Reihen machte ich mir keine Sorgen. Die vierte Reihe konnte der Hund noch am unteren Rand kontrollieren, doch der Hundeführer beruhigte mich, sollte sich etwas in dieser Reihe befinden würde der Hund das ausfindig machen.
„Und was ist mit Reihe fünf und sechs, heben sie den Hund hoch?“ fragte ich sarkastisch.
Der zweite Hundeführer, eine junge schwarzhaarige Beamtin erwiderte das Lachen. „Ja, genau das tun wir, nur nicht diesen Hund.“
Sie ging zu ihrem Wagen und holte einen kleinen West Highland White Terrier.
„Das ist ein Witz, oder?“
„Nein, aber wenn sie lieber den Großen hochheben wollen, tun sie sich keinen Zwang an, aber Vorsicht, der Hund kann beißen.“
Kopfschüttelnd sah ich zu wie die Hundeführerin den Hund an jedes Schließfach der fünften und sechsten Reihe hob. Schließlich waren alle Schließfächer kontrolliert und nichts gefunden.
„Gut das war Block eins. Weiter zu Block zwei.“
Insgesamt, gab es fünf Blocks mit Schließfächern, und da die Kameras die Beiden nur an den Zugängen gefilmt hatten, kamen alle fünf Blöcke in Frage.
Am zweiten Block schlug der Schäferhund an. Sofort öffneten wir das Schloss und holten eine Sporttasche hervor. Als wir die Tasche durchsuchten, fanden wir muffige Wäsche und zwei Joints.
Fluchend stellten wir die Tasche ohne die Joints zurück und suchten weiter.
„Treffer!“ meldete die Hundeführerin bei Block4, Reihe fünf. Der West Highland White Terrier hatte angeschlagen und erneut kam der Bolzenschneider zum Einsatz.
„Heureka.“
In der grauen Reisetasche, lagen Stoff und Euros von mehr als drei Millionen, dazu ein Seidenbeutel mit einer Menge Diamanten. Der Inhalt einer zweiten Tasche ließ einiges an der Hochstimmung verfliegen. Waffen! Und eine 9mm war noch das kleinste Kaliber.
„Was haben die vor, wollen die in den Krieg ziehen?“ fragte Kammer.
„Scheint so, umso dringender müssen wir die Zwei aus dem Verkehr ziehen.“
„Was machen wir jetzt mit den Sachen?“
Gute Frage. Der Van mit Sorokins Reisekasse, hatte ich einfach auf dem Polizeihof geparkt, ohne den Inhalt preiszugeben. Schließlich wusste ja keiner was davon. Das hier, war jetzt kein Geheimnis mehr.
Wir tauschen die Scheine gegen markierte Blüten, den Stoff und die Diamanten, gegen was anderes, dann packen wir wieder alles ein und stellen die Tasche zurück. Ich muss wohl nicht sagen, dass es rund um die Uhr überwacht wird oder?“ sah ich den Chef der Bundespolizei an.
„Besorge dir einen Beschluss, dann geht’s klar.“
Kammer packte alles wieder ein und Milewski regelte die Überwachung des Schließfaches.
**
„FALSCHER BOMBENALARM AM BAHNHOF!“ war die Schlagzeile und die passenden Bilder zeigten, wie Hunde den Bahnhof durchsuchten.
Ich hoffte, dass dieser Teil meines Planes aufging und nun wurde es Teil, den nächsten Teil anlaufen zu lassen.
**
Während Wagner und Delling Feuer und Flamme waren, starrten mich die anderen „alten Hasen“ fassungslos an, als ich ihnen meinen Plan unterbreitete.
Graling, Schaller und Kammer konnten nicht glauben, dass ich es ernst meinte.
„Was geschieht, wenn das in die Hose geht, weißt du sicher selber.“ Graling hatte als erstes die Sprache wiedergefunden.
„Ja, das weiß ich, aber ich halte es für eine reelle Chance die Mistkerle zu schnappen.“
„Also ich bin dabei.“ Rief Delling.
Wagner zierte sich da schon eher, nachdem er die Sorgenfalten der anderen gesehen hatte.
„Wie steht die Chance dass die Sache in die Hose geht?“
„20%“ das es nicht klappt, 10 % dass es in einer Katastrophe endet.“ Antwortete ich ehrlich.
Graling nickte vor sich hin und auch Schaller schien meine Einschätzung zu teilen.
Aber, ich nahm durchaus wahr, dass keiner mit dem Gedanken spielte Milewski oder gar Keller zu informieren.
„Ok, wie heißt es, no Risk no Fun. Ich mach mit.“
„Danke Team, dann starten wir heute Abend.
**
Während Berger und Schaum weiterhin auf ihrem Beobachtungsplatz gegenüber der Werkstatt saßen, durchkämmte der Rest des Teams den Kiez. Allerdings suchten nicht alle dasselbe.
Graling und Kammer bildeten ein Team, Schaller und Jansen ein weiteres, das dritte Team bildete ich alleine.
Alle drei Teams hatten dieselbe Aufgabe. Wir beobachteten Wagner und Delling.
Die beiden suchten sich jeden heraus, der nach Zuhälter oder Nutte aussah, und befragten sie nach Nina.
„Da kommen zwei zwielichtige Gestalten auf euch zu.“ Meldete Jansen und warnte Wagner vor.
„Fragt sie!“ funkte ich sie an.
Wir sahen zu, wie die Wagner den beiden Ninas Bild vorhielten und die ihre Köpfe schüttelten.
„Das waren mit Sicherheit Kunden der Sitte.“ Meinte Schaller zu den Typen.
„Wahrscheinlich.“ Grinste ich.
„Ich sehe einen aus der Halle!“ rief Graling. „Er kommt die Straße herunter.“ Wir hatten uns alle die Gesichter derjenigen die die Überwachungskameras aufgezeichnet hatten.
„Bestätige, einer der Typen die die Wagen beladen hatten.“ Bestätigte Kammer.
„Schnappt ihn!“
Wagner und Delling steuerten ihn zielstrebig an, stoppten ihn und zeigten ihm Ninas Bild.
Der schüttelte den Kopf und ging weiter.
„OK, ihr zwei bleibt in der Nähe, die anderen hängen sich an den Typen. Ich will wissen, mit wem er sich trifft.“
Unauffällig blieben wir an dem Werkstattfuzzi und verfolgten ihn.
„Ich glaube ich sehe noch einen. Positiv, die beiden halten Blickkontakt.“
„Wir bleiben an Nr. eins.“
Jetzt war klar, das Sorokins Truppe den Kiez absuchte. Sie suchten Nina genauso wie wir. Und ganz sicher suchten sie das, was Greif mir gesagte hatte!
„Wo die sind, schleichen sicher noch mehr herum. Ich will eine Fotoserie von dem zweiten. Wir bleiben weiter an Nummer eins. Mal sehen wen er noch trifft.“
Nach drei Stunden hatten wir vier Bilder von vier Mistkerlen. Zwei waren eindeutig der Werkstatt zuzuordnen.
„Da ist der Typ der die Blonde umgebracht hat!“ rief Jansen erregt.
Tatsächlich! Da kam Stephan auf mich zu. –Hallo Mister Killer!-
Ok, lasst die anderen sausen, wir hängen uns an denen. Wagner, Delling, euer Auftritt!“
„Alles klar, Boss.“
Langsam kreisten wir Stephan ein.
„Sollen wir ihn schnappen?“ fragte Graling.
„Nein, wenn wir ihn jetzt schnappen, ist Sorokin weg, wir schnappen die beiden zusammen.“
„Das geht nur wenn dein Plan aufgeht.“
„Wird er, vertrau mir.“
„Du bist der Boss.“
Gespannt sahen wir wie Delling und Wagner zu Stephan kamen. Sie gingen zielstrebig auf ihn zu und hielten ihm ihre Ausweise unter die Nase.
„Da stimmt was nicht.“ Meldete sich Graling. „Sieh dir den Kerl an, der bekommt gleich einen Herzinfarkt. Ein Gewohnheitsverbrecher ist das sicher nicht.“
„Nein, trotzdem hat er die Frau umgebracht.“
„Wagner, mach ihn noch etwas nervöser.“
Wagner verwickelte Stephan in ein Gespräch und befragte ihn wohl etwas intensiver und wir alle konnten mitverfolgen, wie Stephan immer nervöser wurde.
Dann, nach einer Weile ließen es Wagner und Delling gut sein und ließen Stephan ziehen.
„Ok, der Köder ist gelegt, jetzt wird es spannend.“
**
SSSMMMM SSSMMMM SSSMMMM
Ich zog meinen Arm unter Judith heraus und schaute auf die Uhr. 3 Uhr20.
„Sie haben zugeschlagen!“ meldete sich Graling.
**
„Sorokin ist ein Machtmensch.
Er wird nicht nur alles tun, sein Geld zurück zu bekommen, er wird auch seine Macht demonstrieren. Das muss er, weil er sonst aus dem Geschäft raus ist.“
Susanne Greif hatte aus allen Fakten die ich ihr geliefert hatte, ein psychologisches Profil erstellt.
„Wenn er sich einfach zurückzieht, würde er jedem signalisieren, dass er den Kürzeren gezogen hat.
Sorokin ist nicht die Sorte Mann, die sich in den Ruhestand begeben. Sie brauchen die Macht die sie über andere ausüben, und das kann er nur, wenn er in der Branche bleibt. Hat er einmal die Kontrolle über seine Gefolgsleute verloren, würde ihn keiner mehr ernst nehmen.“
„Sie wollen mir als sagen, dass er sich an mir rächen will.“
„Nein, nicht will, er muss sich an ihnen rächen um zu zeigen, dass er der Big-Boss ist.“
„Und wie will er das machen?“
„Er wird sich ein Druckmittel suchen, mit dem er erstens sein Geld zurückfordern kann und zweitens, eines dass sie tatsächlich gefügig macht.“
„Eine Entführung!“ fuhr Judith dazwischen.
„Ja, das wäre die wahrscheinlichste Variante.“
„Mich wird er kaum entführen, Judith vielleicht?“
„Nein, denn er weiß nicht wie ihr Verhältnis zu ihr ist, ihr Ruf als Kotzbrocken eilt ihnen voraus, er wird also nicht annehmen, dass die Bindung zu Judith allzu groß ist.“
„Also wird er es auf das Team absehen.“
„Das wird am wahrscheinlichsten sein.“
**
„Wie war es?“ fragte ich Graling.
Mit Ausnahme von Schaller, war das ganze Team versammelt. Schaller saß in der Zentrale und überwachte Ninas Handy. Bis jetzt hatte sie es noch nicht eingeschaltet, doch Schaller lag auf der Lauer.
„Wir mussten die beiden bremsen. Sie haben sich dermaßen zur Wehr gesetzt, dass Sorokins Männer, beinahe gekniffen hätten.“
„Der Leiter des SEK ist hier.“ Rief Berger.
„Bring ihn herein. Jansen, was ist mit den Kameras?“
Jansen saß am Laptop und hatte die Bilder von Lees Kameras vor sich. Delling und Wagner hatten je eine der Kameras aus dem R8 an der Kleidung. Mit neuen Batterien ausgestattet sendeten beide hervorragende Bilder und Jansen hob den Daumen.
Der Leiter des SEK kam zu uns. Es war Dirk Schulz, den ich gut kannte. Wir mochten uns zwar nicht, aber wir respektierten uns gegenseitig.
„Wie ist die Lage?“
„Zwei unserer Männer wurden entführt und werden in dem Gebäude gegenüber als Geiseln gehalten.“ Erklärte ich.
„Wissen sie von wem und warum?“
„Der Name des Bosses ist Sorokin. Er ist der Chef einer Bande die mit Waffen, Drogen und Prostituierten handelt. Wir haben ihn um seine Reisekasse erleichtert und wir vermuten, dass er sie wiederhaben will.“
„Wie viele Ziele sind in der Werkstatt?“
„Jansen?“
„Ich bin noch am Zählen. Mindesten acht.“
„Sie haben Kontakt?“ fragte der Leiter des SEK ungläubig.
„Nicht nur das.“ Grinste Jansen und hielt dem Leiter den Bildschirm hin.
Der sah sich die Bilder an, dann kam er zu mir. Mit einem Kopfwink, gab er mir Schulz zu verstehen, dass er mit mir alleine reden wollte und wir gingen in eine Ecke.
„Was wird hier gespielt, Baumann?“
„Wir observieren die Bande schon eine geraume Zeit. Sie sind diejenigen, die die vier Frauen neulich umgebracht haben, wir gingen davon aus, dass unser Team in die Schusslinie gerät und haben zur Sicherheit alle Teammitglieder mit Sendern ausgestattet.“
„Das ist Bullshit! Wenn ihr sie beobachtet habt und wisst, was das für Schweinehunde sind, warum habt ihr sie nicht hochgenommen?“
„Willst du eine ehrliche Antwort, Schulz?“
„Schieß los, aber wenn du Mist erzählst, lasse ich erst die Werkstatt und dann dich hochgehen.“
„Diese Scheißhaufen dort drüben, haben allein in den letzten acht Wochen acht Menschen ermordet! Davon fünf Frauen. Du hast die Bilder selbst gesehen. Du weißt wie die Gerichte entscheiden. „Fünf Frauen ermordet? Dann macht ihr mal ein paar Arbeitsstunden und denkt darüber nach, was ihr getan habt.“ Ich will diese Scheißkerle ein für alle Mal aus dem Verkehr ziehen. Dazu brauche ich dich!“
„Wie stellst du dir das vor?“
„Die werden versuchen das Geld und die Drogen zurückzufordern, also werden sie Verhandeln müssen, ich werde sie dazu bringen Fehler zu machen, dann haben wir die Situation, die ein Eingreifen rechtfertigt.“
„Du spielst mit dem Leben deiner Leute! Du bist wirklich ein Scheißkerl!“
„Sie haben sich freiwillig gemeldet. Und wenn ich eine andere Lösung hätte, würde ich sie nehmen.“
„Verdammte Scheiße!“ Schulz hob sein Funkgerät und rief seine Führungskräfte zu sich. Kurze Zeit später, gingen die Einheiten des SEKs in Stellung und die ganze Werkstatt war (für die bösen unsichtbar) umstellt.
SSSMMMM SSSMMMMM
Schaller stand auf dem Display.
„Schieß los.“
„Sie hat das Handy eingeschaltet und sich in Bewegung gesetzt.“
„Alles klar, ich schicke dir Kammer. Schnappt euch noch ein paar Leute und behaltet sie im Auge, ich will wissen, wo sie sich versteckt hält.“
„Verstanden. Und KB… Mach den Wichsern Feuer unterm Arsch!“
„Darauf kannst du dich verlassen.“
***
Was wäre, wenn Sorokin recht behielt. Baumann liefert mir Nina und ihm seine acht Millionen im Austausch gegen zwei seiner Leute?
Die Antwort auf diese Frage ergab sich wohl von selbst. Ich verschränkte meine Hände hinter meinem Kopf und dachte nach. Ein machtbesessener Bulle wie er und dazu Einsatzleiter einer Soko gibt erst dann Ruhe wenn er endgültig zuschlagen kann.
Diese und auch die darauf folgenden Tage und Nächte verliefen ruhig. Zu ruhig für meine Begriffe. Baumann setzte offensichtlich auf die Zermürbungsstrategie. Wie sich herausstellte, erholte sich auch Artjom schnell von seiner Schussverletzung. Pech um so mehr für unsere neuen Gäste, die er Rücken an Rücken an einen stählernen Träger der Werkstatt fesselte und sie rund um die Uhr im Auge behielt.
Ich hielt mir dagegen den Burschen auf Abstand. Nur einfach so zu meiner eigenen Sicherheit. Kein Mann, auf den ich zählen würde wenn es ernst würde. Sorokin selbst zog sich zurück und war dem Wodka gut zugetan.
„Setz dich hier her und trink.“
Wenn auch mit leiser Stimme, so klang es wie ein Befehl. Wie schon die letzten zwei Abende zuvor war er betrunken. Sein mit Wodka besudeltes Hemd war weit aufgeknöpft und man sah seine Tätowierungen auf seinem gestählten Körper. Sicher sprach jede einzelne eine eigene Geschichte.
Sorokin, ein unehrenhaft entlassener Oberst des Garde Luftlanderegiments Kostroma mit zahlreichen Einsätzen in Afghanistan, später dann auch während des ersten Tschetschenienkrieges. Nach seinem Austritt aus der Armee schloss er Kontakte im Kosovo zur UCK um seiner Verhaftung durch das russische Militär zu entgehen.
Von da aus gelang ihm, noch vor der Bombardierung ihrer Stellungen durch die Amerikaner die Flucht bis nach Deutschland, wo er begann, mit Hilfe einiger Freunde aus der Befreiungsarmee ein Imperium aus Waffenschieberei, Drogen und Prostitution aufzubauen. Vor etwa vier Jahren lernte er die Industrieellentochter Britta Perlinger kennen und heiratete sie. Zweifellos ging auch der Auftrag zu ihrer Ermordung über seinen Tisch.
Seit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr, dem Eintritt in die Armee, wurde er zu einem eiskalter Killer dressiert.  „Setz dich und trink mit mir.“ forderte er mich erneut auf.
„Wir werden Baumann einen stilvollen Empfang bereiten.“ Ich fragte mich, was für einen teuflischen Plan er nun wieder ausheckte.
„Ich habe dich töten gesehen. Wenn man es so tut wie Du, dann um sein eigenes oder das Leben eines anderen zu retten.“ Da ich nicht wusste, was ich ihm darauf entgegnen sollte, schwieg ich und trank.
„Die kleine Nutte auf dem Bild. Die etwas hat was mir gehört. Bring es mir und dann kämpfe um sie wie ein Mann.“
Seine Worte hatten fast den Klang eines gutgemeinten Rates. Hatten Sorokin und ich plötzlich einen Deal? Doch tief in mir wuchs allmählich der Frust. Wenn es nur darum ginge, eine Waffe im letzten Moment gegen einen anderen abzufeuern, saßen Sorokin, seine Leute und ich im selben Boot. Diese Werkstatt aber in eine wehrhafte Festung zu verwandeln, verließ ich mich zumindest auf seine militärischen Vorkenntnisse. Diese Schwachköpfe da unten erinnerten mich eher an eine Horde gekaufter Söldner. Wenn Baumann und seine Leute also kämen, gäbe es einen unerbittlichen Kampf. Jeder gegen jeden und alles mit offenen Ausgang. Und ich glaubte fest daran, dass er es wusste. Der Alkohol half mir gegen die Angst, diesen Laden hier in einem Zinksarg verlassen zu müssen. Sorokin plötzlich ein Freund oder Feind? Er ließ mir keine Minute Zeit und keine Hintertür offen, mir darüber klar zu werden. Baumann dagegen spielte mit uns. Er führte einem regelrechten Grabenkrieg und wir saßen hier und warteten auf sein Signal zum Angriff.
Er prüfte mich, wann immer er auch die Möglichkeit dazu hatte. Betrachtete mich als sein Mittel zu seinem eigenen Entkommen aus diesem Desaster. Und Sorokin kannte auch genau meinen Schwachpunkt. Die Frau, für die ich, wenn es sein muss ein Blutbad anrichten würde. Nina, die bereits von zwei Seiten zur Gejagten wurde. Nina, die sich nicht aus dem Staub gemacht hatte, nicht aufgegeben hatte nach mir zu suchen, nachdem sie mich ergriffen und vor Wochen hierher verschleppten. Meine Nina, für die es sich lohnen würde zu kämpfen und gnadenlos zu töten. Wenn auch gleich mein Herz bei meinen Gedanken an sie erneut wie verrückt zu hämmern begann, so verspürte ich auch bereits die Anwesenheit der Bullen und wusste, was das zu bedeuten hätte.
Sie war da. Irgendwo ganz nah. Ich fühlte es, spürte es. Auch wenn ich sie nicht sehen konnte, ich wusste es einfach. Es gab mir die Kraft und den Willen hier unbedingt lebend wieder raus zukommen.
Für Sorokin schien es so, als hätte das Warten eine Ende. Was aber bedeutete, dass der Wodka dennoch sein ständiger Begleiter blieb. Seine Informanten kreise auf dem Kiez hielten ihn ständig auf dem Laufenden. Es roch, als würde er einige Leute darum bitten sich bereit zu halten. Wurden wir verstärkt? Na ja, so wie es aussah hätte Baumann und seine Soko im Falle eines Sturms ein leichtes Spiel. Etwas Hilfe von außen wäre das sicher von Nutzen, wenn es auch das Risiko erhöhte, ausgeliefert zu werden. Bat also Sorokin tatsächlich seine Erzfeinde vom Kiez um Hilfe?
„Wir waren mal Freunde. Vielleicht erinnert sich der Kerl noch daran.“ lallte Sorokin, obwohl es trotz seines Alkoholkonsums dennoch einen klaren Kopf zu behalten schien.
„Wer ist der Typ. Und wer seine Leute?“ fragte ich.
„Sein Name ist Goran Milicic. Ich bin mit ihm geflohen, als die Amis die Organisation zersprengten.“
„Kann man ihm trauen?“ Sein Plan erweckte in mir extreme Neugierde.
„Trauen? Wem kann man schon trauen. Wir werden sehen. Aber ein paar Leute im Hinterhalt werden uns sicher von Nutzen sein.“
Milicics Leute waren überwiegend ehemalige Mitglieder dieser paramilitärischen Vereinigung und hatten alle daher Erfahrungen im Häuserkampf. Später erfuhr ich, dass es sogar die Deutschen und die Amis selbst waren, die sie dazu ausbildeten. Dazu kam ein Arsenal an Waffen, das man eine Kompanie damit ausrüsten könnte und das fast die Hälfte der Werkstatt in Anspruch nahm. Sorokin erwies sich als ein Meister im Bau von Sprengfallen und im Umgang von Tellerminen. Wer schon mal in der Situation war, einigen afghanischen Mudschaheddin ihre Gäule unter ihren Ärschen wegzusemmeln, beherrschte dieses tödliche Handwerk. Gelernt ist eben gelernt. Er beauftragte Jegor und Artjom, der die Rolle von Alexej übernahm, sich ein paar Leute zu schnappen und mit dem ganzen Zeug die Werkstatt in sicherem Abständen abzuriegeln. Der Rest würde sicher ausreichen, wenn es sein müsste, den gesamten Laden hier in die Luft zu jagen. Koste es natürlich was es wolle. Die Leute waren also erst einmal beschäftigt und ständig unter seiner Kontrolle. Jeder von ihnen wusste was uns bevorstand und verließ sich auf ihn. Doch niemand leistete darauf einen Eid mit dem Leben davonzukommen. Ich klammerte mich an seine Fersen um im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Oder mich im falschen Moment aus dem Staub zu machen. Ich hoffte natürlich mit Nina an meiner Hand um dann für immer in der Dunkelheit der Nacht unterzutauchen. Und damit hätte dann für immer diese unglückselige Episode meines Lebens endlich ein Ende.
„Holt mir diese zwei Bullen her.“ befahl Sorokin Artjom und Jegor. Etwas mürrisch befolgten die Beiden seiner Anweisung. Nach achtundvierzig Stunden mehr oder weniger auf den Beinen sahen die Zwei echt elendig aus. Artjom und Jegor zerrten sie auf zwei Stühle und befahlen ihnen solange den Mund zu halten bis sie etwas gefragt wurden. Eine nochmalige, gründliche Durchsuchung ihrer Kleidung ergab nicht mehr als zwei Dienstausweise und ein paar persönliche Gegenstände wie ein Feuerzeug, Schlüssel und eine Brieftasche mit einem amtlichen Führerschein und Familienphotos.
„Ihr zwei macht Euch wieder an eure Arbeit.“ Artjom und Jegor kratzten etwas angesäuert die Kurve.
„Delling und Wagner. Kriminaloberkommissare.“ Sorokin konnte sich eine kleines Grinsen beim Anblick der Zwei nicht verkneifen.
„Und damit zieht ihr in den Kampf und glaubt damit einen Krieg zu gewinnen.“ Demütigend zielte er dabei mit der SIG Sauer P6 9mm Parabellum, der Dienstwaffe der Kripo auf Dellings Kopf.
„Und jetzt raus mit der Sprache. Was hat er vor, mein alter Freund Kilian Baumann.“
Delling und Wagner schwiegen.
„Macht verdammt nochmal das Maul auf.“ schrie er die beiden an.
„Entweder ihr redet oder euer Leben ist keinen Pfifferling mehr wert.“
„Er ist schon ganz in der Nähe.“ antwortete Wagner zaghaft.
„Pass jetzt genau auf du Scheißbulle. Das ist doch deine Frau und deine Kinder.“ Sorokin hielt ihm provokativ das Familienphoto aus seiner Brieftasche direkt vor sein angstvolles Gesicht. Seine Arme und Beine begannen zu zittern, besser noch sie schlotterten. Wer Sorokin kannte, wusste, das es nicht das Ende sein würde, selbst wenn er diesen Oberkommissar auf der Stelle erschießen würde. Die blutige Rache an seiner ganzen Familie war ihm gewiss.
„Ja.“
„Und Du willst sie doch wiedersehen?“ drohte er ihm.
„Ja. Sie sind irgendwo da draußen.“
„Wie viele sind sie. Wo halten sie sich versteckt?“
Wagner verlor für einen Moment das Bewusstsein. Doch ein Eimer kaltes Wasser verabreicht durch Jegor half ihm wieder auf die Sprünge. Delling,der das alles zunächst schweigend mit bekam, begann auf Wagner einzureden.
„Halt den Mund Wagner. Du redest zu viel. Baumann wir dich fertigmachen wenn das hier schief geht.“ warnte Delling.
„Antworte wenn Du gefragt wirst.“ drohte Sorokin.
„Du Arschloch, wir kriegen dich.“ entgegnete Dellling.
Seinen Mut und sein großes Mundwerk sollte ihm teuer zu stehen kommen. Mit seiner eigene Dienstwaffe, der SIG Sauer P6 9mm Parabellum schoss Sorokin auf seine Oberschenkel. Der Streifschuss ließ den Kerl schmerzverzerrt direkt von seinem Stuhl auf den Boden sinken.
„Der nächste sitzt.“ warnte Sorokin zum letzten Mal.
Die ganze Truppe wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Aus jedem der Fenster und Luken der Werkstatt stand ab sofort einer seiner Leute, jeder mit der AK47 im Anschlag. Darüber ließ er er an ein paar Leute Blend und Splitterhandgranaten verteilen. Wenn sie also wirklich das draußen. waren, hätten sie gerade bei Nacht den Schuss hören müssen. Doch alles verhielt sich weiterhin ruhig.
„Kennst Du dieses Mädchen?“ fragte er Wagner, der sich von seiner Ohnmacht wieder erholt hatte und legte ihm das Überwachungsphoto, auf dem Nina zu erkennen war, vor seine Nase.
„Willst Du weitermachen Stephan?“ fragte mich Sorokin hämisch grinsend und schob mir dabei SIG Sauer P6 zu. Doch wenn es sein müsste, verließ ich mich lieber auf die gute alte CZ75 Kal.9mm, die ich immer noch bei mir trug und hütete wie meinen eigenen Augapfel. Während ich also die Zwei in Schach hielt, führte Sorokin ein paar Telefonate mit seinem Mobiltelefon. Ganz außer Frage, dass er mit seinem alten Freund Goran Milicic sprach, der sich mit seinen Männern sicher bereits auf den Weg hierher machte.
„Also Wagner. Kennst Du dieses Mädchen? Und wo ist sie?“ setzte ich das Verhör fort.
„Nein nie gesehen.“ log er mich an.
Ich schätzte diese zwei Bullen würden auch sterben nur um ihrem Einsatzleiter zu gefallen und ihm zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Was stellte er mit seinen Leuten an um sich das hier anzutun? Warum schickten sie ihn nicht höchstpersönlich und das ganze Geplänkel in der Presse drehte sich nur um ihm allein. Vorausgesetzt es gelänge ihm Sorokin und mich zu stellen. Es wurde von Stunde zu Stunde zu einem Begehren, diesem Kerl endlich gegenüber zustehen. Denn eines galt als ziemlich sicher. Wenn er kommt, und er wird kommen, brächte er mir Nina. Unser Leben würde sich in Sekunden entscheiden. Ob mit oder ohne sie. Ob mit dem Leben oder mit dem Tod. Doch hätte ich es nicht solange unter diesem Abschaum der Menschheit ausgehalten, wenn ich mir meiner Sache nicht hundertprozentig sicher wäre.
„Du lügst Wagner. Hat er sie? Ist sie bei ihm? Sag die Wahrheit.“
„Keine Ahnung. Bis vor zwei Tagen lief die Fahndung.“
Ich käme mir vor wie ein verdammter Bastard, seiner Familie den Vater zu rauben und so blieb vorerst die CZ75 Kal.9mm da wo sie war. Selbst wenn in diesem verdammten Magazin nur eine einzige Patrone stecken würde. Wagner ginge nach Hause zu seiner Familie und das Gehirn von Sorokin klebte an der Wand genau hinter ihm. Wunschvorstellungen für einen Mann, den ich weder mochte noch hasste. Einfach nur ein Typ, der seinem Job machte und seine Familie liebte. Ich hoffte, das Baumann die acht Millionen dabei hatte und wir die Beiden frei lassen würden. Der Rest danach wäre eben einfach Schicksal.
„Das heißt, Du weißt es nicht Wagner? Versuche hier nicht den Helden zu spielen.“ Dieser verdammte Polizisten stolz trieb mich noch in den Wahnsinn.
„Wir glauben sie ist in der Stadt.“
„Na siehst Du, geht doch.“
„Erzähl mir von diesem Baumann.“ forderte ich ihn auf.
„Er ist ein knallharter Bulle. Der euch kriegen will.“ Sorokin begann zu lachen und ich weiß nicht was da plötzlich in mich fuhr. Ich lachte mit. Vielleicht der Wodka oder nur um diesem Würstchen klar zu machen, in welcher ausweglosen Lage er sich befände, wenn er nicht kooperiert.
„Es gibt da auch ein paar Gerüchte über diverse Affären zu Frauen aus dem Team.“ Auch Baumann war also verwundbar. Delling, der mit seiner Beinverletzung zu kämpfen hatte und dringend einen Arzt brauchte, maßregelte Wagner.
„Halt endgültig dein Maul Wagner. Sie werden Dich sowieso umlegen.“
„Schweig sonst wirst Du es bereuen Scheitelstelle.“ drohte ihm Sorokin erneut mit Dellings vorgehaltener Dienstwaffe.
„Ja, vielleicht werde ich es bereuen, aber bei den Bullen gibt es nicht nur Idioten.“ Entweder war Delling lebensmüde oder hatte einfach nur weniger bei der Sache zu verlieren. Ich erwartete jetzt eigentlich, das Sorokin ihn auf der Stelle erschießen würde. Diese beiden Trauergestalten brachten uns nicht weiter. Klar, ihnen fehlten komplett die letzten zweiundsiebzig Stunden Ermittlungsarbeit. Dennoch reichte es einfach aus, Eins und Eins zusammenzuzählen. Fakt war, wir wurden bereits  beobachtet, wenn nicht schon die erste Hundertschaft rings um die Werkstatt in Stellung gebracht wurde und auf den Befehl zum Sturm wartete.
„Sie haben sich auf den Weg gemacht.“ verkündete Sorokin mit einem teuflischen Lachen.
„Gleich wissen wir mehr.“
„Wer ist unterwegs hierher? Noch mehr Bullen?“
„Nein. Goran Milicic und seine Leute.“
„Und wissen sie, dass der Laden hier umstellt sein könnte?“
„Bin ich ein Dummkopf? Sag, sehe ich aus wie ein Idiot?“ brüllte er mich an.
Sein Plan bewies einmal mehr, war für ein ausgekochter Hurensohn er war. Er benutzte Milicic, seinen ehemaligen Freund aus dem Kosovo und jetzigen Konkurrenten auf dem Kiez als Köder, um Baumann und seine Leute aus ihrem Versteck herauszulocken. Ein genialer wie auch teuflischer Plan.
„Da kommen Fahrzeuge Darius.“ meldete Jegor aufgeregt.
„Ganz ruhig. Nicht nervös werden.“ beschwichtigte Sorokin.
„Es wird nicht geschossen bis ich es sage.“
Ich hoffte, dass keiner von ihnen jetzt die Nerven verlor. Jetzt ein zu leichter Finger am Abzug und die Party wäre voll im Gange. Noch in der selben Sekunde wurde die Dunkelheit von dumpfen Explosionen zweier Blendgranaten aufgeschreckt. Sofort stoppten die Fahrzeuge, die sich gerade noch der Werkstatt näherten. Wie riesige bengalische Lichter machten diese Teile die schwarze Nacht für Minuten zum Tag. Aus zwei Caravans wurde aus Maschinenpistolen das Feuer eröffnet. Milicics Leute nahmen das Gebäude schräg gegenüber der Werkstatt gewaltig unter Beschuss. Ganz ohne Zweifel gehörten die Leute von Baumanns Soko zu den Besten. Der Bursche war absolut perfekt vorbereitet. Die Straße versank im einem dichten Rauchschwaden. Ohne es zu bemerken pirschten sich zwei Leute seiner Soko im Schutze der Dunkelheit an ihre Fahrzeuge heran und brachten „Sticky Bombs“ unter den Fahrgestellen in Position. Im Lichtkegel der Scheinwerfer war zu erkennen, wie ein Schwerverletzter in das Gebäude gegenüber geschliffen wurde. Die „Sticky Bombs“ detonierten mit einem Getöse, dass man es hätte meilenweit in dieser hellhörigen Nacht hören müssen. Beide Caravans wurden durch die Wucht der Explosion mir der Vorderachse in die Luft gerissen und knallten mit brachialer Gewalt zurück auf dem Asphalt. Einer fing dabei Feuer. Milicics Leute flohen und eine erbarmungslose Verfolgungsjagd zu Fuß und mit Einsatzwagen der Polizei hatte begonnen.
Sorokin zeigte sich von diesem Spektakel wenig beeindruckt. Der Plan ging auf. Sein Gegner vom Kiez war auf der Flucht und somit ausgeschaltet. Und Baumanns Beobachtungsstand kannten wir nun auch.
Schnell beruhigte sich wieder die Lage und der Wodka blieb mein Helfer gegen die Angst und das zermürbende Warten.
„Lass uns den Hinterausgang nehmen und dann verpissen wir uns.“ Jegor hatte wie die meisten hier die Hosen gewaltig voll.
„Wir bleiben.“ Sorokins Antwort war eindeutig.
„Überlege es dir Darius. Hast Du nicht gerade gesehen, was er mit Goran gemacht hat?“
„Goran ist und war schon immer ein Verräter und ein Feigling. Glaub mir ich kenne ihn lange genug.“
„Du, Artjom, Ich und dieser Stephan. Und dann nach Rotterdam. Die andere Seite der Straße ist frei. Könnten wir schaffen. Und jeden der sich in den Weg stellt, legen wir um.“ Jegors Überredungsversuche waren kläglich.
„Falls es dir entgangen sein sollte, ich sagte „Nein“! Wer gehen will kann gehen. Aber glaub mir und sags auch den Anderen. Keiner kommt weiter als bis zum Tor.“
Sorokin verfolgte ein ganz persönliches Ziel. Das er in dieser Stadt keinen Fuß mehr fassen würde, war ihm sicher mehr als klar. Alles machte nur noch den Anschein einer persönlichen Abrechnung mit seinen Feinden. Interessierte ihn wirklich noch eine Tasche voll mit Kokain, ein paar Diamanten, die ihm auf noch ungeklärte Weise abhanden gekommen sind?
Ich trank nicht, ich soff. Schüttete das Zeug in mich herein bis ich das Gefühl hatte, einfach nur noch kotzen zu müssen. Und mit dem Alkohol kam der Mut. Warum nicht jetzt und gleich,
-komm doch wenn Du dich traust-jetzt sofort-und bring mir Nina-tust Du ihr was an töte ich Dich-wo bleibst du Schwein-komm und zeig Dich und ich mach dich auf der Stelle kalt-ich bin bereit für Dich-fick Dich Baumann, Du und deine LeuteDie leere Wodkaflasche fiel zu scheppernd zu Boden. Ich schreckte auf. Ging es los? Waren das Schritte da draußen. oder trügen mich bereits meine Sinne? Ich schleppte mich zu diesem verdreckten Waschraum und mit der Hose in den Kniekehlen pisste ich an die Kacheln. Die CZ75 Kal.9mm auf dem diesem schmierigen Waschtisch und mit einem Blick in den gesplitterten Spiegel erschrak ich vor mir selbst. Ein paar Hände voll kaltes Wasser in mein Gesicht und es würde schon wieder gehen. Ich kämpfte um jeden klaren Gedanken. Mein Schädel drohte fast zu platzen und jede Sekunde könnten sie hier sein.
Zurück in dem Hinterzimmer traf ich auf Delling und Wagner. Delling ging es echt dreckig. Er hatte eine Menge Blut verloren.
„Es ist zu Ende. Das ist dir doch wohl klar.“ stöhnte Delling.
„Mal abwarten.“ antwortete ich.
„Ihr habt keine Chance.“ Wagner, der offensichtlich zu allem seinen Senf dazu gab, tat mir leid. Wenn Sorokin dahinter kam, dass ich mit den Beiden redete, würde er ausrasten. Also bot ich ihnen von dem Wodka an, bat Wagner ihn Delling einzuflößen, damit seine Schmerzen erträglicher wurden. Dann machte ich sicherheitshalber  einen Rückzieher. Allmählich rückte auch mein Verstand wieder in greifbare Nähe. Was ich jetzt brauchte, war ein klarer, kühler Kopf. Sollte ich vielleicht ein kleines Augenmerk auf die Beiden Kommissare haben, wenn es los geht? Oder wäre Baumann tatsächlich so ein Mistkerl und würde die Zwei eiskalt über die Klinge springen lassen?
„Ein Deal. Im richtigen Augenblick. Das Leben seiner Leute für die Freiheit von Nina.“Die richtige Entscheidung oder das sofortige Todesurteil? Ich würde es entscheiden, wenn er sie mir brachte. Ja, ich machte es von dem Augenblick abhängig, wo er mit Nina in seiner Gewalt mir gegenüberstand. Er hatte sie in seiner Gewalt und niemand würde ihn daran hindern sie zu töten, wenn Delling und diesem Wagner etwas zustieß. Und danach hätte die Treibjagd auf uns beide begonnen. Die Stimmung unter diesen Bastarden war auf dem Tiefpunkt angelangt. Sorokin, ehemaliger Angehöriger der damaligen sowjetischen Armee, wusste sehr genau, dass die Truppe nur solange seinen Befehlen folgte, wenn auch eine ordentliche Versorgungslage vorhanden wäre. Wenn es Baumann also in den Sinn käme, würden wir hier noch tagelang herumhocken und er uns allmählich aushungern, während wir darauf warteten, dass seine Leute zuschlugen. Früher oder später mussten also mindestens ein oder zwei seiner Leute die Werkstatt am Hinterausgang verlassen und dafür sorgen, das Lebensmittel herbei geschafft wurden. Natürlich vorausgesetzt, sie schafften es lebend. Es machte mir den Eindruck, als stünde eine handfeste Meuterei bevor. Sorokin aber gleich als die Mutter der Garnison zu bezeichnen wäre wohl völlig fehl am Platz. Er befahl, dass ab sofort niemand mehr länger als zwei Stunden schlief und der Rest stand Wache und machte ihm Meldung. Mit außerordentlicher Genugtuung genoss er die Nachricht durch den Regionalsender, dass Goran Milicic nach einer wilden Verfolgungsjagd gefasst wurde. Er feierte es regelrecht mit einer neuen, vollen Flasche Wodka.
„Schritte Darius.“ vermeldete Jegor.
„Bleib ruhig Du Schwachkopf. Die kommen so schnell nicht wieder.“ beschwichtigte Sorokin argwöhnisch.
„Irgendwer schleicht um die Baracke.“
„Dann sieh doch nach wenn Du den Mut dazu hast.“
Dieser Teufel in Menschengestalt lachte. Noch in dieser Sekunde fielen zwei, kurz aufeinander folgende Schüsse. Man brauchte nicht unbedingt ein Waffenexperte zu sein, um zu erkennen, dass sie aus einem Scharfschützengewehr abgefeuert wurden. Artjom und Jegor schalteten sofort das Licht aus und öffneten eine Spalt das Tor. Die Wachen hatte es erwischt. Man fand die beide Ukrainer, ich schätzte sie nicht älter als dreißig Jahre mit einem klaffenden Loch in ihrer Stirn.
„Heizt ihnen eine wenig ein. Zeigt ihnen, mit wem sie es zu tun haben.“ brüllte Sorokin wutentbrannt. Jegor griff zur Fernzündung und brachte eine Sprengfalle zu Detonation. Zwei weitere seiner Leute nahmen mit kurzen, schnellen Feuerstößen die Fassade des schräg gegenüber liegendem Gebäudes unter Beschuss. Dann wurde es wieder gespenstisch still.
Zweifellos, sie rückten an. Sorokin nahm noch einmal eine kräftigen Schluck vom Beluga Allüre und schrie:
„ KILIAN BAUMANN, ICH WARTE AUF DICH.“
Dann zerschlug er die Flasche klirrend mit einem gekonnten Wurf an der Wand der Werkstatt. Ich versuchte nachzudenken. Suchte verzweifelt nach einem Plan zu Ninas und meiner Flucht. Jetzt hieß es nur noch ruhig bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Wieder wurde die Dunkelheit von einem heftigen Donner erschüttert. Eine Rauchgranate, die die Werkstatt in dichten Nebel hüllte.
„Der erste, der hier reinkommt ist tot.“ befahl Sorokin, griff wahllos zur nächsten AK47 und beschoss ziellos den Eingang. Die Salven durchschlugen ungehindert Wand und Tor. Das Feuer wurde sofort aus unbekannter Richtung erwidert. Immer wieder auch aufs Neue erhellten Blendgranaten die Nacht. Es bot sich für jeden einfach nur ein gespenstisch, mörderischer Anblick. Todesangst,die sich in den Gesichtern dieser Gangster breitmachte. Baumanns Leute waren in der Überzahl. Von überall her näherten sich seine Männer in kugelsicheren Westen und Sturmhauben der Werkstatt. Es war soweit. Auch meine Nerven lagen vollkommen blank. Seit Tagen dachte ich an kaum etwas Anderes als an Nina und an diesen einen Moment. Nicht mehr lange also und auch Baumann wäre da.

***
Genauso hatte ich es mir vorgestellt.
Gangster halten sich immer für gerissen und schlauer als die Polizei, doch die meisten und da bildete Sorokin keine Ausnahme, sind einfach nur Durchschnitt.
Wir hatten zwei Optionen. Erstens sofort stürmen, oder Warten.
Wagner der noch immer, genau wie Delling verwanzt war, gab zu verstehen, dass Dellings Verletzung nicht zu schlimm war.
So konnte ich meinen Nervenkrieg fortsetzten und es sah ganz danach aus, als ob ich gewinnen würde. Sorokin soff seinen Wodka und seine Leute wurden immer nachlässiger.
„Hast du das gehört?“ fragte Graling.
„Was?“
„Sie warten auf Verstärkung.“
„Wo zum Teufel wollen sie die denn hernehmen?“
„Milicic.“
„Milicic… Ich dachte die sind erbitterte Gegner.“
„Ja, dachte ich auch. Anscheinend haben wir uns da getäuscht.“
Irgendwas stimmte da nicht. Sorokin und Milicic hatten den Kiez faktisch unter sich aufgeteilt. Beide hatten ihre Prostituierten, davon gab es genug. Die Nebengeschäfte hatten sich die beiden geteilt. Sorokin handelte mit Drogen und Waffen, Milicic hatte die Türsteher und Schieber.
Natürlich testeten die beiden immer wieder die Schwachstellen des anderen aus, um bei Gelegenheit, dem anderen ein Teil seiner Geschäfte abzujagen.
Aber, auch wenn es dabei immer wieder zu kleinen „Handgreiflichkeiten“ kam, blieb es friedlich zwischen den Beiden. Schließlich war beiden klar, dass ein Krieg die Obrigkeit dazu bringen würde, beide aus dem Geschäft zu holen.
Dennoch, die beiden waren Rivalen…. Also was hatte Sorokin vor, das war die eine Million Euro Frage.
Von den Kameras an Dellings und Wagner Kleidung, wussten wir, dass in der Werkstatt zwölf Bewaffnete, plus Sorokin und diesen Stephan. Also insgesamt vierzehn.
„Wenn die tatsächlich Verstärkung bekommen, dann gib es ein Blutbad.“ Warte Schulz. „Du hast dich verkalkuliert, KB. Scheint so, als ob du deinen Meister gefunden hast.“
Scheiße!
Milewski war am verrückt werden. Nicht nur, dass ein Beamter verletzt in den Händen dieser Mörder war, mittlerweile saß ihm Keller und der Innensenator im Genick.
Bei der gestrigen Besprechung hatte mir Milweski noch 48 Stunden gegeben. Aber nur unter der Voraussetzung, dass die Presse hiervon keinen Wind bekam. Sobald die ersten Übertragungswagen hier eintrafen, wäre der Einsatz vorbei und Schulz würde die Werkstatt stürmen.
Schulz hatte die Situation richtig erfasst. Wenn Milicic Sorokin verstärkte, würde es ein Blutbad geben.
„Wir sollten verhandeln. Sorokin wird etwas wollen, sonst hätte er sich längst abgesetzt.“
Klar wollte der was, nämlich seine Reisekasse, doch davon wusste Graling nichts.
Hinter mir entbrannte zwischen Graling, Schulz und Berger eine lebhafte Diskussion, was die bessere Alternative wäre, während ich mir über Sorokins Pläne Gedanken machte.
„Wann wird Milicic hier eintreffen?“ fragte ich Schaum.
„Ich rechne mit heute Abend, wenn es dunkel ist.“
„Dann haben wir noch knapp fünf Stunden, um uns was zu überlegen.“
Warum ist Judith mit ihren Ideen nicht da, wenn man sie braucht…?
„Verdammt!“ Bin gleich wieder da!“ rief ich zu Berger, fischte mein Handy aus der Tasche und lief nach draußen.
„Praxis von Susanne Greif, sie sprechen mit Frau Scherer.“
„Baumann, ich muss sofort mit Frau Greif reden. Es ist ein Notfall!“
„Moment, bitte bleiben sie in der Leitung.“
Eine halbe Minute später, meldete sich Greif. Ich schilderte ihr die Situation und die Zweifel, die ich hegte.
„Herr Baumann, ist die Absicht von Sorokin nicht offensichtlich?“ fragte sie mich bedauernd und erklärte mir, was sie damit meinte.
Ich hätte mich selbst für meine Kurzsichtigkeit ohrfeigen können. Natürlich! Wie konnte ich nur so dumm sein.
Aber verdammt, das war die Gelegenheit, Milewski und vor allem Keller und seinen Boss zu zeigen, wo der Hammer hing!
**
„Entschuldigung, ich bräuchte ein Eurostück für das Schließfach, habe aber nur zwei 50 Cent Stücke, hätten sie vielleicht einen Euro?“ fragte Kammer die Frau.
Die griff in ihre Handtasche und holte ihre Geldbörse hervor. „Ja, sicher, einen Moment.“ Antwortete die.
Kammer drehte sich etwas, nickte ganz leicht und zeigte Schaller, dass die Frau eindeutig Nina war.
„Person eindeutig identifiziert.“ Meldete Schaller. „Sie ist auf dem Weg zu den Schließfächern.“
„Vielleicht sollten wir das KB melden.“
**
„Was ist das für einen Schweinerei, KB?“ Milewski stand wutschnaubend vor mir. „Keller dreht durch. Wenn die Presse Wind davon bekommt, dass zwei Polizisten entführt und davon auch noch einer Verletzt ist, bricht die Hölle über mich herein!“
„Ganz ruhig. Die Presse wird gleich morgen Früh ganz sicher Schlagzeilen haben. Und du wirst der Held der Stunde sein.“
„Was?“
„Milicic ist mit Verstärkung hierher unterwegs. Sorokin hat ihn gebeten mit seinen Leuten unsere Belagerung zu beenden. Er soll uns angreifen, damit sie ausbrechen können.“
Milewski wurde ganz blass. „Kilian! Ich höre! Und Gnade dir, wenn mir die Antwort nicht gefällt.“
„Sorokin und Milicic arbeiten nicht zusammen, sondern Sorokin lockt Milicic ganz bewusst in eine Falle. So schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Sorokin, kann sich aus der Belagerung befreien und schaltet gleichzeitig seinen größten Rivalen aus. Auf diese Weise kann er zeigen, wer der Boss ist und hat den Kiez für sich alleine.“
„Und was gedenkst du zu tun?“
„Wir werden Milicic in Sichtweite von Sorokin abfangen. Nahe genug, dass er sieht was geschieht, doch zu weit weg, um ausbrechen zu können.“
„Was ist wenn er durchdreht und Wagner und Delling umlegt?“
„Wird er nicht. So besoffen und durchgeknallt er ist, er weiß genau, dass sie sein letzter Schutz sind. Was glaubst du, warum er Delling nur ins Bein geschossen hat?“
„Scheiße KB, wenn das schief geht, reiße ich dich persönlich auseinander.“
„Wird schon klappen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass Milicic auch tatsächlich glaubt, uns zu überraschen.“
„Gut.“ Milweski, schaute nach Schulz. „Das ist ihr Spielplatz. Ich höre!“
„Ich würde sagen, der beste Platz Milicic abzufangen, ist zwischen den Halle hier und der gegenüber. Zwischen den Hallen, sind sie ohne Deckung, können sich nicht organisieren und wir haben sie im Kreuzfeuer.
Wir legen eine Nagelsperre aus, und stoppen so den die Wagen. Das erste Fahrzeug wird so gestoppt und blockiert die nachfolgenden. Das letzte Fahrzeug, legen wir dann gezielt lahm und hindern den Rest an der Flucht.“
„Bekommen sie das hin, ohne das es zu einem Blutbad unter unseren Leuten gibt?“
Schulz überlegte kurz, dann grinste er. „Genau dafür haben wir immer und immer wieder trainiert. Ja, das bekommen wir hin!“
**
„Sie kommen!“ gegen 23 Uhr kam die Meldung, dass Milicic mit fünf Fahrzeugen auf dem Weg war.
In Windeseile hatte Schulz die Strecke berechnet, die er brauchte um fünf Fahrzeuge zwischen der Nagelsperre und dem Ende der Kolone auszuschalten. Unter seinen wachsamen Augen wurden Antifahrzeugmienen, Blend und Schockgranaten zwischen den Hallen verteilt.
„Milicic nähert sich auf 2000!“
„Alles klar! Achtung an Alle, Zeit noch 2 Minuten! Schafschützen, jeden Ausbruchsversuch aus der Werkstatt unterbinden.“
„Sie biegen in die Straße ein!“
„Zeit, eine Minute!“
Jetzt konnte ich die Motoren hören. Scheinwerfer hatten Milicics Leute natürlich nicht eingeschaltet. Wären wir nicht vorgewarnt gewesen, wäre das ganz sicher ins Auge gegangen.
„Achtung Zugriff in zehn, neun, acht….“
Das erste Fahrzeug, ein großer Van, fuhr zwischen die Hallen und gab Gas. Er sollte unseren Belagerungsring sprengen und die nachfolgenden Wagen sollten uns ausschalten.
„Drei, zwei, eins!“
Der Van fuhr auf die Nagelsperre und brach aus. Gleichzeitig zündeten die Mienen unter dem letzten Fahrzeug. Schulz hatte ganze Arbeit geleistet. Als die Türen der Autos aufgingen und Milicics Leute heraussprangen, gingen die Blend und Schockgranaten zwischen den Verbrechern hoch.
Schon der erste Versuch Milicics seine Leute zu sammeln, scheiterte. Drüben bei der Werkstatt, flogen Türen auf und ein paar vereinzelte Gestalten rannten mit Waffen auf und zu. Sie kamen bis zur Mitte, dann hatten unsere Schafschützen sie mit gezielten Schüssen in die Beine gestoppt.
Der Kampf zwischen den Hallen war sehr einseitig. Vereinzelt trafen Kugeln unsere Halle, doch sie konnten keinen ernsthaften Schaden anrichten.
Der ganze Spuk hatte weniger als eine Minute gedauert. Dann lagen Milicics Leute am Boden. Orientierungslos, verletzt und ein paar auch tot, lagen sie da und Schulzes Männer gingen kein Risiko ein. Wer noch eine Waffe in der Hand hatte, wurde daran gehindert sie zu benutzen.
Dann war es vorbei.
Sorokin hatte sein Erfolgserlebnis, denn Milicis Truppe war aufgerieben und Milicic selber schwer verletzt. Wäre Sorokins Hirn nicht vom Wodka benebelt gewesen, hätte er erkannt, welchen Gefallen er mir getan hatte. Milicic war aus dem Geschäft und Sorokin selber würde folgen.
Ich hatte den Kiez von den Gangstern, zumindest für jetzt, zurückerobert!
**
Der Nervenkrieg ging weiter.
„Verbrecherbande zerschlagen!“ war die Schlagzeile nach Milicics Versuch Sorokin zur Hilfe zu kommen. Die Presse aber hatte ihren großen Auftritt und Keller wurde als Held gefeiert. Der Innenminister gab seinen Senf dazu, alle lobten ihn und auch Milewski bekam sein Stück vom Kuchen ab.
Das wichtigste aber, die Presse wurde von uns abgelenkt. Noch immer hatte niemand mitbekommen, welches Drama sich hier abspielte.
Erstaunlich, dass Milicic tatsächlich nicht die Gelegenheit ergriffen hatte sich Sorokin zu entledigen. Tja, die Logik von Verbrechern war nicht immer zu verstehen.
Aber dafür hatte ich Susanne Greif.
Sie war meiner Bitte gefolgt und schaute sich die Aufnahmen aus der Werkstatt an. Sie lauschte den Gesprächen und analysierte die Situation.
„Sorokin, will einen Kampf bis zum bitteren Ende. Er ist in einem Stadium, bei dem es kein Entweder, oder mehr gibt. Er wird seinen Männern klar machen, dass es kein Entkommen gibt, außer euch alle umzulegen.
Mit Gewalt und Drohungen werden sie alle bei der Stange gehalten. Bei dem hier, scheint es anders zu sein.“
Greif zeigte auf ein Bild von Stephan. „Er scheint nach einem Ausweg zu suchen. Die Tatsache, dass er mit Wagner und Delling hinter Sorokins Rücken spricht, zeigt, dass er nicht unbedingt für Sorokin zum Märtyrer werden will.
Ich rate zuzuschlagen, wenn er in der Nähe von Wagner und Delling ist.“
Spezialisten hatten anhand der Bilder ein Maßstabsgetreues Modell der Werkstatt angefertigt, und gleichzeitig, die Halle gegenüber in ein Abbild davon verwandelt. So waren Schulz in der Lage seine Leute auf das Stürmen vorzubereiten.
Wieder und wieder, stellte Schulz Leute, als Verteidiger in die Halle und ging das Erstürmen zum tausendsten Mal durch.
„Das Problem, sind die ersten drei Sekunden.“ Erklärte er uns.
„Wir sprengen die Türen auf und stürmen hinein. Selbst wenn wir wissen, wo die Mistkerle genau stehen, werden sie die ersten drei Sekunden die entscheidenden sein. Sie können in der Spanne jeden Angreifer niederschießen.“
Erneut verteilte er zehn Männer in der Halle und stellte sie in Position.
Unterzuhilfenahme der Bilder aus der Werkstatt, konnte man sehen, dass alle Schnellfeuergewehre hatten und verteilt dastanden.
Schulz stellte sich neben einen der „Verteidiger“. „Er hat eine automatische Waffe. Jetzt zünden wir die Sprengladung und stürmen. Er wird automatisch seine Waffe in Anschlag nehmen und feuern.“ Der „Verteidiger“ führte die beschriebenen Bewegungen durch und hatte die Waffe in Hüfthöhe in Anschlag.
„Er braucht gar nicht zu zielen. Er haut seine 30 Schuss heraus und schießt alles nieder, was größer ist als 1 Meter.“
„Wir sollten dem Ministerium Bescheid geben, dass bei der nächsten Stellenausschreibung nicht steht, Bewerbungen von weiblichen Bewerbern werden bevorzugt, sondern Bewerbungen von Bewerbern unter einem Meter werden bevorzugt.“ Meinte Graling.
Irgendwie schien mein Sarkasmus auf das Team abzufärben….
„Kleinwüchsige Polizisten….“ Dann kam der Gedanke in meinem Kopf an und formte sich zu einer Idee. „ Graling, du bist ein verdammtes Genie! Wir warten bis Zwei Uhr heute Nacht, dann stürmen wir!“
**
„Wir haben sie. Sie ist auf dem Weg zu den Schließfächern.“
Meldete sich Schaller.
Shit! Ausgerechnet jetzt!
Wenn Greif mit ihrer Vermutung Recht hatte und Stephan, nicht zum Märtyrer werden wollte, musste es etwas geben, das ihn dazu brachte, bis zum Schluss daran zu glauben, er könnte entkommen. Diese Nina, das Geld und die Diamanten schienen genau das zu sein.
Wusste ich ob die Beiden in Kontakt standen? Nein!
War es möglich, dass Nina die Blüten entdeckt und Stephan Bescheid gab? Ja!
Bestand die Möglichkeit, dass Stephan dann seine Meinung änderte und doch lieber zum Märtyrer wurde und Delling und Wagner mit in den Tod nahm? Auf jeden Fall!
„Haltet sie von den Schließfächern fern!“
„Sollen wir sie fest nehmen?“
„Nein, ein falscher Kontakt und die Bude hier fliegt uns um die Ohren! Lasst euch was einfallen!“
Schaller blickte das Handy an… „Ok. Kammer verwickele sie in ein Gespräch!“ Während Kammer auf Nina zuging, um sie zu fragen, ob sie zwei 50 Cent Münzen wechseln könnte, rief Schaller bei der Dienststelle der Bundespolizei an. So schnell es ging, ohne aufzufallen, ging Schaller in Richtung der Wache.
„Bundespolizei, Dienststelle Hauptbahnhof.“
„Schaller, Soko Kiezmord. Ich brauche sofort vier Uniformierte! Treffpunkt, Fahrkarteschalter.“
Zügig ging Schaller zum Fahrkartenschalter, da kamen schon zwei Beamte, die auf Streife waren und nur Sekunden später zwei Weitere aus der Wache.
„Zum Schließfachblock vier. Schnell!“ Auf dem Weg dorthin, erklärte Schaller den Vieren die Situation.
„Wir observieren eine Zielperson. Diese muss ohne Verdacht zu erregen, von einem der Schließfächer ferngehalten werden.“
Keine Sekunde zu früh, erreichten sie die Schließfächer.
„Und jetzt?“ fragte einer der Beamten.
„Kontrollieren sie mich!“
Jetzt hatten die vier den Plan verstanden. Während Schaller seine Ausweise hervorzog kam Nina um die Ecke. Alles was die sah, waren vier Polizisten, die einen der Reisenden Überprüften.
Unschlüssig stand Nina da und kalkulierte das Risiko.
„Los überprüfen sie die Personalien der Leute die hier vorbei gehen.“ Raunte Schaller.
Wie auf Kommando, erschienen zwei weitere Zugreisende, die von den Polizisten nach ihren Ausweisen befragt wurden.
„Entschuldigung, Ausweiskontrolle. Wir suchen nach einem ein Pärchen, das als Taschendiebe unterwegs ist.“ Sprach einer der Beamten die zwei an, laut genug, Dass Nina es hören konnte.
Nina musste sich nun überlegen, weiter zum Schließfach zu gehen und das Risiko einzugehen, kontrolliert zu werden, oder lieber auf eine andere Gelegenheit zu warten. Sie entschied sich weiter zu gehen.
Schaller der nach seiner „Kontrolle“ weitergegangen war, setzte sich auf eine der Wartebänke und holte sein Handy. So wie jeder dritte auf dem Bahnhof, saß er da und bearbeitete sein Smartphone, wobei er unauffällig Nina im Auge behielt. Die hatte sich ebenfalls in Sichtweite der Schließfächer verzogen und wartete.
„Wir müssen uns was einfallen lassen.“ Schrieb er Kammer als WhatsApp. Irgendwann würden die Polizisten vor den Schließfächern auffallen.
Nun kam Kammer zu den Schließfächern und versuchte eines der Schießfächer zu öffnen, was natürlich nicht gelang, also versuchte sie es mit Gewalt, was von den Polizisten natürlich beobachtet wurde. Schließlich brach Kammer den Schlüssel ab und die Beamten schritten ein. Es kam zu einem handfesten Disput und einer der Polizisten riefen einen Techniker.
Nina erkannte, dass das ganze länger dauern würde, sie zwangsläufig auffallen musste und entschied lieber zu gehen.
**
„Die beste Zeit zuzugreifen ist gegen 2 Uhr.“ Hatte Greif uns erklärt. „In dieser Zeit ist die Aufmerksamkeit am geringsten. Man ist müde und angespannt. Ich würde auch nicht länger warten. Sorokins Zustand wird zusehend labiler.“
Damit waren die Würfel gefallen.
KHK Müller würde die erste Angriffswelle kommandieren. Zusammen mit Schulz sprach er die Vorgehensweise ab. Wie Schulz festgestellt hatte, waren die ersten drei Sekunden die entschiedenen. Wenn die SEK Leute erst einmal in der Halle waren, würde es für die Bösen schlimm enden. Doch dazu musste es erst kommen. Dazu hatten wir Müller.
„Zugriff in fünf Minuten.“ Kam es über Funk.
„Ok, die Sprengladungen anbringen.“
Zwei Männer schlichen nach vorne und brachten die Sprengladungen an. Auf dem Rückmarsch wurden die Bösen doch aufmerksam und es folgte eine Salve aus einem Schnellfeuergewehr, in Richtung unserer Halle.
„LOS!“
Die Sprengladungen zündeten und das Tor der Halle wurde weggeblasen.
Die Trümmer waren noch in der Luft, als unsere Angriffswelle in die Halle stürmte.
**
Sorokin sprang auf, als das Schnellfeuergewehr eine Salve in Richtung Halle abfeuerte und auch die anderen Verteidiger rissen die Waffen in Anschlag.
Als die Sprengladungen hoch gingen, hatten zwei das Pech nahe am Tor zu stehen und beide wurden wie Puppen durch die Luft gewirbelt.
Sorokin aber stand wie ein Fels und schoss was seine Waffe hergab. Ein festes Ziel, hatte weder er, noch einer seiner Männer, denn zu sehen war nur Rauch und Staub.
„ICH LEG EUCH ALLE UM!“ Brüllte er und schoss auf alles was er für einen Angreifer hielt.
Doch mit diesen Gegnern hatte keiner der Bösen gerechnet!
Sorokin sah keinen SEK Mann, der auf ihn zulief, Sorokin sah zwei dunkle Augenpaare und zwei Mäuler, mit scharfen Spitzen Zähnen.
**
Noch vor der Sprengung hatten die 38 Hundeführer, die Hunde losgeschickt und diese drangen in die Halle ein. Genau wie vorhergesagt, schossen die Verbrecher, aus der Hüfte oder stehend im Anschlag. Die Hunde unterliefen das Feuer ohne dass ein Hund getroffen wurde und sprangen jeden an, der sich in der Halle aufhielt.
Das waren keine West Highland White Terrier, diese Hunde waren darauf abgerichtet Personen niederzuhalten.
Sorokin hatte es mit einem Rotweiler und einem riesigem Schäferhund zu tun, die ihre Zähne in ihn schlugen.
Exakt zweieinhalb Sekunden nach den Hunden, drang das SEK in die Halle. Wer von den Bösen noch stand, wurde niedergemacht. Jedes Risiko wurde von vorneherein ausgeschaltet.
Da stand er! Sorokin hatte es tatsächlich geschafft auf den Beinen zu bleiben. Ohne mit der Wimper zu zucken, schoss ich ihm drei Kugeln in den Unterleib. Eine Kugel riss ihm die Eier ab, eine zertrümmerte das Becken und die dritte, entfernte das von seinem Schwanz, was die erste Kugel noch dran gelassen hatte.
Brüllend ging Sorokin zu Boden und wälzte sich im Dreck.
Schade dass die Hunde nicht darauf trainiert waren, ihm die Kehle herauszureißen!
Ok, mit diesem Stück Scheiße würde ich mich später beschäftigen.
„KB: HIER!“ das war Wagners Stimme.
Ich lief durch den Rauch in Richtung der Stimme. In der letzten Ecke saßen Delling und Wagner, vor einem knurrenden Hund.
„Einfach ruhig bleiben. Ärgert ihn nicht.“ Rief ich den beiden zu.
„Klugscheißer!“
Die Schießerei hatte nur Sekunden gedauert und schon kamen die Hundeführer, um nach ihren Schützlingen zu sehen.
Die SEK Beamten hatten in weniger als drei Sekunden die Lage unter Kontrolle bekommen, die Waffen weggestoßen, und jeden Bösen zu Boden gebracht. Nun warteten sie auf die Hundeführer, um den Verbrechern Handschellen anzulegen.
Die Beamtin vom Bahnhof, kam zu Wagner, tätschelte ihren Hund, und nahm ihn wieder an die Leine. Der warf mir noch einen knurrenden Blick zu, und folgte seinem Frauchen. –Ja, ich mag dich auch!- dachte ich.
„Los, bring ihn raus.“ Wies ich Wagner an.
Als ich zusah, wie Wagner Delling aus der Werkstatt brachte, überkam mich ein verdammtes Hochgefühl.
„Schulz! Verletzte?“ rief ich.
Schulz der am Tor stand, sah kurz zu mir herüber, dann hob er den Daumen in die Luft. „KEINE!“
„Müller?“
„Nein.“
Keine verletzten SEK-Männer, nicht einmal ein verletzter Hund. Scheiße, ich hatte gewonnen!
Sorokin lag in seinem Blut und wälzte ich darin als ich neben ihm in die Hocke ging.
„Na, Verlierer?“ fragte ich ihn. „Danke, dass du Milicic in die Falle hast laufen lassen. Jetzt hab ich beide am Arsch bekommen.“
Wutentbrannt, schaute Sorokin mich an. Trotz der Schmerzen die er zweifellos hatte, versuchte er aufzustehen, doch schon ein kleiner Schubs von mir ließ ihn wieder zurückfallen.
„Tja, der alte KB, hätte dir jetzt das Hirn raus geblasen und auf die Konsequenzen gepfiffen. Aber der neue hat ein paar richtig gute Ideen.
Weißt du, Milicic hat überlebt. Er ist zwar auch schwer verletzt, aber im Gegensatz zu dir, hat er seine Eier noch. Ich werde dafür sorgen, dass ihr beide euch eine Zelle teilt. Ich wette Milicic ist ganz scharf darauf, deinen süßen Arsch zu verwöhnen, zumal ich ihm von deiner linken Nummer erzähle. Ach, das wird eine schöne Zeit für euch. Du, Milicic und dein neuer Freund Stephan in einer Zelle. Ich frage mich, wer von euch zuerst ins Gras beißt.
Um jetzt kümmere ich mich um Stephan.“
Damit ließ ich ihn liegen und überließ ihn den Rettungskräften, die alle Hände voll zu tun hatten, denn keiner der Verbrecher, war unverletzt geblieben.
Ich ging von einem zum anderen, wo war Stephan?
Verdammt! Unter den Verletzten war er nicht. Wo war er? Er musste sich irgendwo verkrochen haben!
„Graling, Jansen, Berger, Da fehlt noch einer! Er muss sich versteckt haben.“
Sofort schwärmten wir aus und begannen die Halle abzusuchen. Die Vorstellung, dass dieser Mistkerl noch irgendwo, mit einem Sturmgewehr herumlief, war alles andere als beruhigend.
„KB! Hier her!“ Rief Jansen.
Wir liefen zu Jansen, die in einer Ecke der Werkstatt stand. In drei Meter Höhe, war ein zerschlagenes Fenster, darunter eine umgefallene Tonne.
Wir rannten so schnell wir konnten nach draußen und fanden unter dem Fenster eine AK47, das an einem Gitterstab hing. Der Schaft des AK47 und die Wand zeigten frische Blutspuren.
„Scheint so. als ob er sich am Glas verletzt hat.“ Meinte Graling.
Das war ins Schwarze getroffen. Stephan ist mit der Waffe herausgeklettert und mit dem Trageriemen hängen geblieben. Beim Versuch die Waffe zu greifen und loszumachen, hatte er sich an den Glasscherben verletzt.
Er wusste, dass er nur Sekunden hatte und war lieber abgehauen, statt Zeit damit zu verbringen die Waffe frei zu bekommen.
„Ein Glück, ein Irrer mit einem Sturmgewehr, dass hätte uns noch gefehlt.“
„Er könnte immer noch bewaffnet sein.“
„Höchstens mit Taschenartillerie. Außerdem ist er verletzt. Ruf die Hundeführer, hier gibt’s eine Spur.“
Zwei Hundeführer kamen zu uns und die Hunde nahmen die Spur auf. Heftig an der Leine ziehend begannen die Hunde loszulaufen und Stephan zu verfolgen.
So Stephan, Ich weiß wie du aussiehst, ich kenne das Versteck deiner Freundin und dein Schließfach ist mit Blüten gefüllt. Ich hab dich am Arsch!
Ich krieg dich!

***
Ich verspürte mein Gesicht. Ich spürte, wie es strahlte, in jeder Pore und jeder Falte beim Gedanken an nur einen winzigen Schluck Wasser. Meine Kehle brannte und meine Zunge klebte bereits am meinem Gaumen.
Bei jeder noch so geringen Bewegung meines linken Armes verspürte ich einen unsäglich brennenden Schmerz.
„Verdammtes scheiß Fenster.Das fehlte mir noch.“ fluchte ich.
Sicher dauerte das ganze Dilemma nicht länger als nur ein paar Minuten. Über jeden Zweifel erhaben war ich der Einzige, der dem tödlichen Kugelhagel dieser Soko, kommandiert von Kilian Baumann höchstpersönlich, entkam.  In mir wuchs und wuchs diese spürbare, so zum Greifen nahe Gewissheit.
Die Gewissheit an meine Freiheit.
Ich hatte sie wieder.
Doch gefolgt von hunderten Gedanken und der Vision, sie endlich bald wiederzusehen. Nina, an die ich Tag und Nacht dachte. Mich in meinen Träumen an ihr festhielt, mich an sie klammerte, ja, für die ich sogar tötete.
Frei war ich, doch von nun an ein gesuchter Mörder. Wenn auch getrieben und gehetzt, voller Sehnsucht nach ihr. Geahnt hatte ich es bereits länger. Aber nun war es die nackte Realität. Ich war ein Mörder auf der Flucht.
Früher dachte ich bei dem Wort Gangster an verrauchte Hinterzimmer, konspirative Treffen, Bankraub und wilde Verfolgungsjagden, bei dem man sich mit dem Bullen einen blutigen Schusswechsel, abgefeuert aus Maschinenpistolen, lieferte. Nun wusste ich es besser. Was es bedeuten konnte, unverhohlen in die Hände des Kartells zu geraten. Sorokin nutzte alle meine Schwächen, meistens bestehend aus Leidenschaft zu einer Frau und einem unersättlichen Freiheitsdrang. So wurde ich mehr und mehr zu seiner Marionette des Todes. Er liebte es zu spielen. Ob es ihm etwas nützte? Wohl kaum.
Darüber nachzudenken hätte er jetzt wohl die nächsten Jahre Zeit genug. Aus einer gefürchteten Kiezgröße wurde plötzlich ein Zeitmillionär. Armes Schwein. So schnell kanns vorbei sein.
Ich rannte bis es mir den Atem verschlug. Immer weiter. Weg von diesem Ort. Nie mehr würde ich hierher zurückkehren und kostete es mein Leben. Ich schwor es während ich lief und lief, immer weiter und weiter. Völlig ziellos durch den Schutz der noch anhaltenden Dunkelheit.
Doch wohin?
Wo war ich überhaupt?
Wie spät mag es sein?
Was für ein Tag ist heute?
Das warme Gefühl an meiner linken Hand war mein Blut, das durch  den Ärmel meiner Jacke herabtropfte. Um etwas Kraft zu tanken und mich zu orientieren machte ich Halt auf einer einsamen Bank, die sicher schon seit Jahren niemand mehr benutzte um mal für einen Moment die Beine auszustrecken. Mit dem Shirt, dass zu den wenigen Sachen gehörte, die ich am meinem Körper trug, versuchte ich meine Wunde halbwegs zu verbinden und die Blutung zu stoppen. Danach überprüfte ich die Taschen meiner Kleidung nach den paar Habseligkeiten, die ich bei mir hütete.
Die CZ75 Kal.9mm in meinem Hosenbund hinter meinem Rücken einschließlich zwei Magazine mit dreizehn Schuss der dazugehörigen Munition. Ein Sturmfeuerzeug. Besaß ich überhaupt so ein Teil? Ach ja, sicher das von diesem Delling, der armen Sau. Ob er die ganze Scheiße überlebt hatte? Oder hatte ihn Sorokin, bevor sie ihn selbst niederschossen, eiskalt erledigt? Eine Brieftasche mit meinen Papieren und etwa dreihundert Euro in kleinen, gebrauchten Scheinen. Sicher, der Ausflug vor ein paar Tagen auf den Kiez. Ich behielt es einfach und niemand sonst vermisste diese paar Kröten. Zwei Päckchen Zigaretten der Marke Rossykiye, hergestellt in der Tabachnaya Fabrik in der Nähe von Moskau.
„Scheiß was drauf. Hauptsache die Dinger qualmen.“ Genussvoll inhalierte ich den Rauch einer russischen Machorka.
Und ein Bund Schlüssel. Wehmütig erkannte ich meinen Haustürschlüssel, dazu den Zweitschlüssel meines Wagens und der hier? Wofür war der denn noch?
Ja natürlich. Es war der Schlüssel des Schließfaches am Bahnhof. Nina und ich. Die ganzen Sachen, die wir dort wegschlossen. Bargeld, Flugtickets, vielleicht sogar noch der Stoff? Nein, der nicht. Aber die Diamanten und diese Zimmerflak, die Pump Gun S68 Kal.68mm und gut zweihundert Schuss derselben Munition. Ich rauchte die Zigarette mit Genuss bis an den Filter, warf sie zu Boden und trat sie mit meinem Stiefel aus. Nicht nur mein linker Arm, sondern auch das Ziffernblatt meiner Uhr hatte ordentlich was bei meinem Fenstersprung abgekriegt. Das Teil blieb ziemlich genau um elf Uhr stehen und so etwa eine Stunde stolperte ich bereits hier durch diese Gegend um mein Leben. Also vermutete ich, dass es jetzt ungefähr Mitternacht sein müsste und die Dunkelheit noch eine ganze Weile anhalten würde. Ich betrachtete sie dennoch mehr zu meinem eigenen Schutz.
Konnte ich mich irgend Jemandem anvertrauen?
Einem Bekannten oder einem Freund?
Wirklich niemand,den ich kannte und den ich jetzt zu dieser nachtschlafenden Zeit heraustrommeln könnte. Und ihn bitten würde, mir ohne viel Umschweife und unnötige Fragen aus meiner prekären Lage zu helfen?
Es war sinnlos.
Niemand. Wie schon so oft.
Hunderte Male bin ich sie auf und abgefahren. Nach Wochen meiner Gefangenschaft die erste belebte Straße. Laternen, die die Nacht hell erleuchteten, Ampeln, die ständig ihre Farbe wechselten, Autos, die den Asphalt passierten. Verdammt, ich kenne die Gegend. Ich befand mich in meiner Stadt. Ja, ich kannte diese Straße. Gleich darunter in diese Richtung ging es in die City. Dachte ich doch all  die Zeit, dass nur der Himmel allein es wüsste, wo sie mich versteckt hielten.
Was nun also?
Nach reichlicher Überlegung und einem erneuten Stop unter den Dach einer Haltestelle hatte ich genau drei Optionen. Jetzt, wo ich wusste wo ich war, dachte ich an meine Wohnung.
„Nein! Bist Du verrückt Stephan?“ Sicher wurde sie von Zeit zu Zeit observiert. Baumann war kein Dummkopf. Er war ein ausgekochtes Schlitzohr. Das sollte gerade ich doch jetzt eigentlich kapiert haben. Und er hat immer noch ein Ziel, ein Ziel,dass er für nichts in der Welt aufgeben würde um es zu erreichen. Gerade sicher jetzt, wo ihm die ganze Öffentlichkeit und seine Horde von Duckmäusern und Speichelleckern, die sich dazu noch Polizisten nannten, um den Hals fielen.
„Die Stadt ist wieder sicher. Und mit ein paar Kleingangstern werden wir auch noch fertig.“ Oh, es klang schon bis in meine Ohren. Fast hörte ich dieses ganze Gerede über diesen selbstherrlichen Kerl, der vor Eitelkeit zerfloss und alles tat, um zu erreichen, was er wollte. Kein Pardon, ich schätzte ihn halt so ein. Mit einem Wort, ein Arschloch, ein echter Kotzbrocken.
Oder?
Okay, er hatte den wohl mittlerweile auch europaweit meist gesuchtesten Kartellbruder, Darius Sorokin und seine Leute zur Strecke gebracht. Und dabei ging ihm noch die Nummer Zwei gleich mit ins Netz. Goran Milicic und seine Schergen.
Und somit war der Kiez derzeitig, wie man sagen würde, führungslos und erschien mir als meinen ersten perfekten Anlaufpunkt. Dort würde ich sicher unter Tausenden, die wie jeden Abend und besonders eben am Wochenende dort herunterschlenderten, nicht sofort auffallen. Ich hoffte es wenigstens. Freitag oder Samstag, irgendeiner der beiden Tage ist heute. Also machte ich mich auf den Weg. Nur keine unnötige Zeit verlieren und mit zügigen Schritten setzte ich meine Flucht in Richtung Freiheit weiter fort. Übertönt vom Lärm der Straße vermisste ich das Gekläff und angsteinflößende Geheul ein paar hier herumstreunender Köter, dass mir den ganzen Weg bis hierher nicht aus den Ohren ging. Auf den Trichter, dass Baumann eine Hundestaffel der Polizei auf mich  angesetzt haben könnte, kam ich erst jetzt. Fast zu spät. Aber nur fast. Um so mehr war es mein Begehren, mich ständig von der Stelle zu bewegen, öfter mal die Seite der Straße zu wechseln, um die Bullen mit ihren vierbeinigen Fellsäcken auf die falsche Spur zu locken. Nicht gerade der gerissenste meiner Einfälle aber könnte klappen. Und nach etwa eine Stunde strammen Fußmarsches erreichte ich die Stadt aus nördlicher Richtung. Noch ein paar hundert Meter und ich befand mich im Rotlichtbezirk.
Wie bereits erwartet herrschte mal wieder Hochbetrieb. Zufall oder Fügung? Bitte keines von Beiden. Ich stand genau an der Stelle, an der mich Sorokin zusammen mit Artjom und Jegor vor ein paar Tagen als Kundschafter auf dem Kiez absetzte. Wenn ich mir vorstellte, die Drei teilen sich in diesem Augenblick eine Zelle, drehte sich mein Magen um. Aber auch mal ganz ehrlich, ich spürte, wie mein Mund dabei begann zu lächeln.
Um nicht festzuwurzeln überquerte ich die Straße. Mit prüfenden Blicken über meine Schultern zog ich es doch vor, mich auf die Seitenstraßen der Meile zu konzentrieren. Und da stand sie. Blondes Haar, auffallend hübsch und nicht älter als achtzehn oder zwanzig Jahre.
„Hey, hast du es Dir etwa überlegt?“ Meinte die Kleine tatsächlich mich?
Tatsächlich, genau hier an der selben Stelle begegneten wir uns schon mal. Sicher ihr Stammplatz und na ja, ich gestand, diese süße Früchtchen hatte ein Gesicht das man so schnell nicht vergaß.
„Hey komm, hab hier gleich in der Nähe ein Zimmer. Da können wir es uns gemütlich machen.“ Nu na, sollte ich auf das Angebot diese Mädchens eingehen? Zumindest zog es mich eine Weile von der Straße.
„Du könntest wirklich was für mich tun. Sind Hundert erst mal okay?“
„Was ist los mit Dir?
Verdutzt sah mich das Mädchen an und schüttelte den Kopf.
„Raus damit. Irgendwas stimmt mit Dir doch nicht. Raus mit der Sprache oder verschwinde.“
„Erkläre ich Dir wenn Du mich mit reinlässt.“
Sie zögerte eine Weile doch dann lockte doch die Farbe des Geldes.
„Okay, komm mit hoch. Siehst ja echt kacke aus. Aber mach kein Scheiß!“
Offensichtlich hatte das Mädchen ihr Herz am rechten Fleck und erkannte meine Lage. Das Etablissement war gemütlich, nicht das, was ich eigentlich erwarte. Rosa Plüsch, eine schummerige Beleuchtung, erotische Bilder an den Wänden, eben dieser ganze Kram. Nichts davon, einfach aber gemütlich und es war angenehm beheizt und es gab ein Bad.
„Dein Arm sieht nicht gut aus. Geh dich erst mal waschen, oder duschen wenn Du willst.“
Sie beobachtete mich von der Tür dieses winzigen Bades.
„Wozu brauch man denn den Schießprügel?“
„Eine lange Geschichte.“ Antworte ich während das heiße Wasser meinen Körper herab perlte und begann das Bad eine einem Nebelschwaden einzutauchen.
„Willst Du drüber reden? Oder bist Du der, den sie hier suchen?“ Kein Zweifel, Baumann und seine Leute durchkämmten bereits den Kiez. Möglicherweise stünde er jede Sekunde polternd vor der Tür und würde mit einem Durchsuchungsbeschluss jedes Zimmer und jedes Haus hier einzeln abgrasen.
„Wen suchen sie denn?“ fragte ich neugierig.
„Na ja, zwei Obergurus vom Kiez haben sie wohl geschnappt. Und jetzt suchen sie noch einen Dritten. Und eine Frau.“
„Eine Frau? Und kennst Du sie?“ fragte ich die Kleine hellhörig.
„Ne, nie gesehen. Die Bullen halten allen hier ein Bild unter die Nase. Keiner scheint zu wissen wer sie ist.“
Sie versorgte mit großer Sorgfalt meine Wunde und zugegeben, ich genoss dabei voll und ganz ihre Nähe. Und in Gedanken sah ich Ninas Gesicht. Diese Mädchen als kleine Nutte zu bezeichnen, widerstrebte mir in diesem Moment. Die Geschäfte mit den Freiern liefen schlecht. Immer mehr Frauen aus Osteuropa kamen und machten die Preise kaputt. Was für ein Gefühl musste das sein, Tag für Tag und Nacht für Nacht an der selben Stelle zu stehen und darauf zu warten, dass irgendwelche Sprücheklopfer und Dummschwätzer aufschlugen um sie für ein Taschengeld durchzuficken. „So siehst ja wieder aus wie ein Mensch. Und was machst Du jetzt?“
„Ich weiß es noch nicht. Mal sehen wie es weitergeht.“ Hier bei ihr zu bleiben wäre ein unkalkulierbares Risiko. Jeder dieser Kerle da draußen. könnte einer von Baumanns Leuten sein und ich würde es nicht einmal merken.
„Kannst ja hierbleiben und auf mich aufpassen.“       Die Berührungen ihre Hände in meinem Gesicht waren sanft. Zärtlich streichelten ihre Hände meinen Körper und meine Arme, herab bis zu meinen Hüften. Ja, ich sehnte mich bereits, sie in meine Arme zu nehmen und meine Lippen auf die ihren zu pressen.
„Verstehe schon. Ist schon okay Du. Du denkst an diese Frau, richtig?“
Ich bewunderte den Scharfsinn diese Mädchens. Hatte sie mich doch auf Schritt und Tritt durchschaut.
„Und Du bist der Kerl den die Bullen suchen. Alle Zeitungen sind voll davon. Ich hab Dich gleich erkannt.“
„Ja ich bins.“
Meine Stimme klang verlegen. Ich fühlte mich einerseits überführt und auch so verdammt mies ihr gegenüber.
„Hey das geht klar. Ich halte die Augen auf und verpfeiff Dich nicht. Kannst noch eine bisschen hierbleiben. Läuft sowieso beschissen da draußen.“
Der Kuss, denn sie mir darauf gab war erotisch, prickelnd und ich spürte bereits das Brennen in meinem Glied bei der Erektion die ich dabei bekam. Die kleine Süße war eine wahre Meisterin weiblicher Verführung. Ich begann ihr zu Vertrauen. Doch schwor ich es bei meinem Leben, sie beim geringsten Verdacht, auf der Stelle gleich hier auf ihrer Spielwiese zu erwürgen, sollte sie versuchen, mich an die Bullen auszuliefern.
Im Morgengrauen verließ ich sie. Wir versprachen, uns noch irgendwann wiederzusehen. Es wurde Zeit für mich zu gehen. Höchste Zeit. Ich brauchte eine sichere Unterkunft, mindesten für ein paar Tage bis etwas mehr Gras über die Sache gewachsen war. Und ich brauchte dringend Geld.
Da stand ich und versuchte mal wieder alle meine Gedanken zu ordnen.
Einem Taxifahrer meine Pistole an die Schläfe zu halten oder die Kassiererin einer Nachttankstelle mit vorgehaltener Waffe zu bedrohen? Sie zu Herausgabe der Einnahmen zu zwingen?
„Scheiße ist das Stephan. Zehn Minuten später haben sie Dich.“
Mit einem Griff in meine Hosentasche spürte ich den Bund Schlüssel und zog ihm hervor. Mein Blick fiel auf den Schlüssel des Schließfaches unten am Bahnhof. Wenn ich mit meinen Vermutungen nur halbwegs recht behielt, befände sich dort eine größere Menge Geld. Warum zweifelte ich? Es waren wir beide, Nina und ich, die einen erheblichen Teil des Geldes, Blutgeld, wie ich es nannte, dort deponierten und nicht ahnten, nur Stunden später auf brutalste Weise voneinander getrennt zu werden.
Und ein paar Wochen später bin ich ein gesuchter Mörder. Gehetzt und getrieben, eines vom Ehrgeiz zerfressenen Leiters einer Soko. Mir wurde klar, welches Risiko ich nur schon beim Betreten des Bahnhofes eingehen würde. Und ich ging jede Wette ein,das Baumann auf mein Erscheinen bestens vorbereitet war.
„Okay Baumann, spielen wir dein perfides Spiel.“
Ohne einen Blick über meine Schultern, wie ich es sonst pflegte zu tun, machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Je mehr ich mich ihr näherte, je mehr schützte mich auch der zunehmende Verkehr und die Menschen, die sich bereits bei der Eröffnung der ersten Läden hier angesammelt hatten. Niemand schien an mir außergewöhnliche Notiz zu nehmen. Ich fühlte mich sicher. Ein Gefühl, dass ich seit Wochen vermisste. Auch mein Zeitgefühl hatte mich endgültig wieder und so war heute Samstag. In der Ferne erschien der Hinterausgang des Bahnhofes. Ein paar Uniformierte, die dort Streife liefen, erschienen mir nicht ungewöhnlich.
„Sind nicht alle gleich nur wegen Dir hier.“ versuchte ich mich zu beruhigen. Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschte ein reges Treiben. Leute begrüßten sich, einige verabschiedeten sich voneinander. Ein ständiges kommen und gehen. Ich fühlte mich bereits wie neu im Leben angekommen, während ich dort stand, und alles genau beim genüsslichen Rauch einer Rossykiye in Augenschein nahm.
„Furchtbares Kraut.“ Wiedereinmal rauchte ich sie bis an den Filter und ließ den Stummel galant zu Boden fallen. Den Rest erledigte wie immer mein Stiefel.
Und ich dachte an Nina.
„Nina, wo um alles in der Welt steckst Du?“
Wenn ich sie wiedersehen würde, dann hier. Ich war mir so sicher, dass sie Tag für Tag nach meinem Verschwinden hier war, um nach mir zu suchen. Mir irgendwie versuchte, eine Nachricht zu hinterlassen.
Es war soweit. Ich überprüfte den festen Sitz meiner CZ75 Kal.9mm im Hosenbund hinter meinem Rücken und betrat die Schwelle zur Bahnhofshalle. Genau hier wollte Baumann mich haben. Dieser gerissene Schweinehund wusste es genau, dass der Tag kommen würde und ich hier auftauchen werde. Und er wusste, wonach und nach wem ich hier suchte. Aber doch schon so bald?
Trotz dieses riesigen Korridors aus Beton und Glas, den ich langsam und unauffällig betrat, fühlte ich mich gefangen wie in einer Mausefalle. Schritt für Schritt bewegte ich mich vorwärts, immer tiefer und tiefer in das Gewölbe der Bahnhofshalle. Meine Blicke richteten sich ständig auf die endlosen Schaufensterreihen, hinter denen Plakate für ferne orientalische Länder Werbung machten. Im Spiegelbild beobachtete ich die vorbeiziehenden Menschen und die bunten Reklamen verschiedener Läden auf der anderen Seite des Ganges, unter anderem die eines Bistros. Ich wendete mich herüber und passierte ohne mich umzusehen die Halle zur andere Seite. Es roch nach frischem Kaffee und Gebackenem, je mehr ich mich dort näherte. Von dem  Platz an der Fensterreihe hätte ich sicher einen guten Überblick über den gesamten Rest des sich immer mehr mit Menschen füllenden Gebäudes. „Wenn Sie etwas möchten, bestellt wird hier Vorne.“ forderte mich barschem Tonfall eine Mittvierzigerin hinter der Ladentheke auf.
Ich bestellte einen großen Kaffee und zwei mit Wurst und Ei belegte Brötchen.
„Wars das?“
Mit leicht erschrockenem Blick entdeckte ich die Samstagsausgabe der Zeitung in mitten abgepackter Gepäcktüten und kitschigem Demokram.
„Hallo? Wars das, oder kommt da noch was zu?“
„Ja, die „RAZ“ noch dazu. Ist dann alles.“
Ich zahlte, machte mich zurück an meinen Fensterplatz und verschlang das Titelblatt der Zeitung.
„Chef der Sonderkommission Kilian Baumann zerschlägt Drogenkartell“
Dem Leiter der ansässigen Kripo und Chef der Soko Kilian Baumann gelingt
es, zwei international gesuchte Anführer des Drogenkartells festzunehmen.
Die Polizei fahndet mir Hochdruck nach einem weiteren Flüchtigen und seiner             Komplizin.
Ohne Ohren an seinem Kopf, grinste er fast im Kreis. Ich betrachtete eine Weile das Titelphoto der „RAZ“. Er genoss es und für die Presseheinis war es ein gefundenes Fressen.
„Du kriegst noch deine Story Kilian. Wirst sehen.“
Hinter der Glasscheibe zogen dicht am mir Leute vorbei. Zwei Typen, die sich dem Bistro näherten, fielen mir dabei besonders auf. Sie erinnerten mich schlagartig an diese beiden Kommissare. Wie hießen die Beiden noch gleich? Ach ja. Delling und Wagner.
Irrtum. Sie waren es nicht.
Die Beiden betraten das Bistro und bestellten bei der Mittvierzigerin einen großen Cafe Latte to Go. Irgendwas redeten die Drei und schauten sich dabei ständig um. Ich vertiefte mich die Samstagszeitung um mein Gesicht so gut wie nur eben möglich zu verbergen.
Einer der Beiden zauberte ein Photo und einen Dienstausweis aus der Jackentasche hervor.
„Ja schon mal gesehen. Die ist fast jeden Tag hier.“ bestätigte die Brötchentante auf der Stelle. Ohne Zweifel. Das waren Bullen und die Person auf dem Bild, diese Frau war Nina.
„Und was ist mit Ihnen?“ Erschrocken aber doch gefasst blickte ich in das Gesicht des Bullen.
„Ja bitte?“ antwortete ich und sah ihn erstaunt an.
„KHK Schulz Kripo. Und schon mal gesehen?“
Ich entnahm ihm das Photo aus seinen Händen und betrachtete es eine Weile. Der Herz begann zu rasen und drohte zu zersplittern. Es war das Bild von Nina an unserem Schließfach. Sie wussten also wer sie war.
„Verdammt Mädchen pass auf, sie sind ganz in der Nähe.“ schoss es mir durch den Kopf.
Ich strich mit meiner Hand durch mein Gesicht und spürte dabei meinen mittlerweile üppig herangewachsenen Bartwuchs. Seit über vier Wochen hatte meine Visage kein Rasiermesser mehr verspürt und vielleicht genau deshalb erkannten sie mich nicht auf Anhieb. Na ja, rasieren war sowieso nie eines meiner leidenschaftlichsten Tätigkeiten. Es rettete mir vorerst meinen Arsch.
„Ne, nie gesehen.“
Sein Blick war misstrauisch und ich hoffte, er fragte mich nicht nach meinem Ausweis. Ohne eine weiteres Wort verschwanden sie. Ich beobachtete sie durch die Fensterfront von meinem  Platz aus. Dann verschwanden sie spurlos in der Menge.
„Durch die Tür und dann rechts“ wies mir die Bedienung den Weg auf die Kundentoilette. Der Schreck ging mir aber dann doch mächtig auf die Blase. Ich erfrischte mein Gesicht mit eiskaltem Wasser und betrachtete mich dabei im Spiegel. Die Wunde an meinem Kopf war verheilt und auch die an meinem Arm hörte auf zu saften. Alle Achtung, die Kleine vom Kiez hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Ohne jeglichen erkennbaren Grund griff ich zu meiner CZ75 Kal.9mm. , überprüfte das Magazin, sicherte sie Waffe erneut und vergrub sie wieder im Hosenbund hinter dem Rücken. Hätte ich sie auf diesen Bullen gerichtet? Ihn damit verwundet oder ihn sogar erschossen, wenn der Bursche hier den Helden gespielt und Großalarm ausgelöst hätte? Es gab keine klare Antwort auf diese Frage. Niemand sonst, der sie hätte präziser beantworten können als ich selbst. Wenn also eine Entscheidung fällt, dann hier. Hier in diesem Bahnhofsgemäuer.
Bedächtig kontrollierte ich meine Sachen und schlich mich aus dem Pissoir. Ich dachte für Sekunden die Kraft meiner Beine würde versagen, als ich sie vor der Ladentheke stehen sah.
Leibhaftig und wunderschön. Seit Wochen sehnte ich mich nach ihr und auf diesen Moment.
Und dann stand sie da.
„NINA!“
Wie atemberaubend sie aussah, dass es mir auf der Stelle den Atem verschlug und ich drohte an ihrem Anblick fast zu ersticken. Aus einiger Entfernung zu ihr beobachtete sie, ohne dass wir es bemerkten. Wie gerne hätte ich laut nach ihr gerufen.
Ihren Namen.
„Hey Nina. Sieh doch hier bin ich. Komm lass uns gehen.“
Doch aus Angst, dass diese frustriert wirkende Brötchentussi hinter der Theke gleich die Kavallerie einschaltet, ließ ich es.
„Ja ja. Das ist sie. Nach der sie suchen.“ rief sie mir noch hinterher, als erst Nina und Sekunden danach ich das Bistro verließen. Wenn auch aus sicherer Entfernung, so verschlang ich sie mit meinen Blicken. Zielstrebig nahm sie Kurs auf die Fahrkartenschalter, denn gleich dahinter türmten sich dort sichtbar die Schließfächer. In einem großen Bogen versuchte ich ihr den Weg abzuschneiden. Aus der entgegengesetzten Richtung muss sie mich einfach kommen sehen. Gleich da vorne um die Ecke würde sie mir direkt in meine Arme laufen. Mein Herz raste und mein Körper wurde erfasst von einer Woge fast schon unerträgliche Leidenschaft, Liebe und auch Geilheit.
Ich ignorierte sie.
Schüttelte sie ab von mir.
Vergaß sie.
Diese schleichende Gefahr, der ich mich aussetzte, jede Sekunde gefasst zu werden.
„Gleich bin ich bei Dir mein Schatz. Nur noch einen kleinen Augenblick.“ Mit ihren flinken Händen und trotzdem bedacht öffnete sie das Schließfach. und verstaute bündelweise Blüten und diverse Umschläge, Tickets und einen kleines, dunkelblaues Samttäschchen in ihrer Tasche, die sie um ihre schmale Schulter trug.
„Verdammte Sauzucht. Was wollen die beiden Idioten denn von ihr?“ Anmachertypen oder Bullen?
Nina griff zu ihrer Geldbörse und wechselte den zwei Gestalten ein paar Euro Hartgeld. So wie die Beiden verschwanden, näherten sich mit zügigem Schritt die zwei Zivilen, mit denen ich schon im Bistro das Vergnügen hatte.
Meine Hände griffen reflexartig hinter meinen Rücken. Es war soweit. Noch ein paar Meter und sie hatten sie am Kanthaken. Die Menschenmenge schrie und verteilte sich in Windeseile wie ein losgetretener Ameisenhaufen in alle Richtung, als ich die CZ75 Kal.9mm hervorzog.
„NINA…N-I-N-A! PASS AUF! HINTER DIR!“ schrie ich trotz meiner staubtrockenen Kehle.
„S-T-E-P-H-A-A-A-A-N….“
Erschrocken drehte sie ihren Kopf und Körper mit Wucht zu mir herüber. Ihr langes, so wunderschön herabfallendes Haar geriet dabei so heftig in Schwung, dass es ihr hübsches Gesicht verdeckte und ihr komplett die Sicht nahm.
„N-I-N-A….RUNTER MIT DIR AUF DEN BODEN…SCHNELL…“
Wie in Zeitlupe sank ihr Körper zu Boden und der erste Schuss löste sich aus meiner Waffe. Im schrägen Winkel schlug sie Kugel funkensprühend in die stählernen Kästen.
„NIMM DIE WAFFE RUNTER UM EIN SCHLIMMERES UNGLÜCK ZU VERMEIDEN. DU HAST KEINE CHANCE. DU KOMMST HIER NICHT HERAUS.“
Auch ein zweiter Schuss auf ihre Deckung peitschte wieder mit brachialer Wucht gegen das Metall der Fächer, prallte ab und riss den ersten der beiden Schupos zu Boden. Mit vorgehaltener Waffe und unter der Drohung, den nächsten hier, der sich bewegte, auf der Stelle zu erschießen, beugte ich mich herab zu Nina.
„Bleib ganz ruhig liegen mein Schatz. Ich hol uns raus hier. Ich liebe Dich.“ flüsterte ich ihr zu. Doch das gewienerte Paar Schuhe dicht in unserer Nähe, das ich erblickte, als ich langsam meinen Kopf erhob, gehörte zu ihm.
KILIAN BAUMANN!
„Wenn er Dich anrührt, leg ich ihn um und dann rennen wir los.“
„Pass auf Stephan, ja? Bitte pass auf.“ flehte sie mich an.
Ich küsste Nina direkt vor seinen Augen auf ihre Wange und auf ihren Mund, stand auf und blickte in sein furchiges Gesicht.                                                          ***
„Die Pizza kommt.“ Rief Wagner und ging mit Kramer zusammen zur Tür, um die bestellten Pizzen entgegen zu nehmen.
Ich hatte mein Team versammelt und feierte unseren Sieg. Mit dabei waren natürlich auch Judith, Lee und sogar Susanne Greif hatte sich dazu durchgerungen vorbeizuschauen.
Als ich Milewski klar machte, dass ich den Besprechungsraum für eine Feier brauchte, fragte er mich ob er einen Psychiater rufen sollte, um den alten KB wieder befreien.
„Sag mal KB, Ich mache mir allmählich Sorgen um dich.“
Wir hatten beide eine Tasse Kaffee, wobei die Brühe, die Milewski soff noch immer nichts mit Kaffee zu tun hatte, und besprachen den Fall.
„Du hast dich in den letzten Wochen sehr zu deinem Vorteil verändert.“
„Hab ich das? Ich weiß nicht, irgendwie bezweifele ich, dass ich mich wesentlich geändert habe. Aber mach dir keine Sorgen, es ist auch eine Psychiaterin mit dabei.“ Grinste ich. „Nur für den Notfall, selbstverständlich. Nein ich hab mich nicht geändert, lediglich die Methoden haben sich geändert.“
„Nein haben sie nicht. Einer der Toten die hinter der Werkstatt gefunden wurden, hatte keine Finger mehr. Einer der Überlebenden hat ausgesagt, dass mehrere ihn Maskierte ihn gefoltert haben, um Informationen zu bekommen und das Sorokin ihn umgelegt hat, weil er geredet hat. Zufällig hattest du kurze Zeit später neue Informationen.“
„Tja Zufälle gibt es…“
„Das du dir auf diese Art Informationen besorgst, ist nichts neues, aber dass du die anderen anstiftest mitzumachen… Da war mir der alte KB lieber.“
„Hör zu, ich will dieses Team behalten. Es ist spitze und wird auf dem Kiez für Ruhe und Ordnung sorgen. Ich will das du eine Sondergruppe gründest.“
Milewski grübelte nach. „Das lässt sich einrichten. Mit dem Erfolg den ihr hattet, lässt sich eine solche Truppe begründen.“
„Gut, dann werde ich jetzt mal nach Hause gehen und weitere Vorteile des neuen KBs genießen.“
„Grüß die Vorteile von mir.“
**
„Das war sehr ungezogen von dir. Dafür werde ich dich wohl bestrafen müssen.“ Sagte ich mit Bedauern in der Stimme zu Judith. Sie hatte ohne meine Erlaubnis einen Orgasmus bekommen, obwohl ich es ihr strikt verboten hatte.
„MMHHH,HHNUUMM“ keuchte sie in den Knebel.
Ich grinste sie an und suchte mir das passende Spielzeug, aus ihrer Sammlung. Ein Aufliegevibrator schien mir genau das richtige Instrument zu sein, um diesen unglaublichen Verstoß zu ahnden.
Da Judith mit weit gespreizten Armen und Beinen an mein Bett gefesselt war, gab es kein Entkommen für sie. Zweimal brachte ich bis kurz vor den Höhepunkt kommen, dann ließ ich sie fallen und begann von neuem.
„UHH, das war verdammt gemein von dir.“ Japste Judith später, nachdem ich ihr den Knebel aus dem Mund geholt hatte.
„Ja, das war es.“
„Jetzt sieh dir das an.“ Tadelte sie mich, als sie die Abdrücke der Fesseln an ihren Händen und Fußgelenken sah.
„In einer Stunde sollen wir auf der Party sein, wie sehe ich dann aus?“
„Ach bis dahin, sieht man das nicht mehr.“
„Wehe dir, wenn doch. Dann sag ich allen, dass du ein Ekel bist.“
Ich lachte laut. „Ich denke, da erzählst du keinem etwas Neues.“
„Was feiern wir denn jetzt genau?“
„Unseren Sieg über die Bösen und die Rückeroberung des Kiez. Ab jetzt herrscht wieder Ruhe, im Puff.“ Grinste ich.
„Kilian, ich sage es dir nur sehr ungern, aber ich glaube da machst du dir etwas vor.“
Mein erster Reflex war es einfach abzutun, doch Judith hatte bis jetzt Recht behalten. Und zwar mit ALLEM.
„Schieß los!“
„In der Welt dort draußen, läuft es auch nicht anders als in der Politik.“
„Ich hasse Politik.“
„Du musst sie nur richtig benutzen.“
„Also, was wird deiner Meinung nach geschehen?“
„Dadurch dass Sorokin und Milicic aus dem Verkehr sind, habt ihr ein Machtvakuum geschaffen, das den Typen die in der zweiten Reihe stehen, Tür und Tor geöffnet hat. Beide, Sorokin sowie Milicic, haben mit Sicherheit mehrere ihrer Leute als Vertreter beauftragt, das Geschäft weiterzuführen. Wenn ich es überschlage, schätze ich dass mindestens sechs Leute um die Vorherrschaft auf dem Kiez kämpfen werden.“
„Solange die sich gegenseitig umlegen, ist mir das ziemlich egal.“
„Das Problem ist aber, dass es auch Unbeteiligte treffen wird, und dann wird man sich fragen wer für den Krieg auf dem Kiez verantwortlich war.“
„Du willst mir also sagen, dass ich einen Krieg ausgelöst habe, weil ich zwei Verbrecher aus dem Verkehr gezogen habe und nicht nur einen?“
„Ja, dass trifft es ziemlich genau.“
„Was für eine Scheiße.“
„Ärger dich nicht, dass ist schon vielen anderen nicht besser ergangen. Sogar Präsidenten sind schon in diese Falle getappt. Nimm Saddam Hussein. Ein brutaler Diktator, der sein eigenes Volk abschlachtete und niemand hat es interessiert. Selbst nach dem Krieg 90/91 haben die USA und die anderen Hussein auf seinem Thron gelassen. Dann haben sie ihn abgesägt und wie das ausgegangen ist, wissen wir ja.“
Oh ja, das war bekannt!
„Also, wenn ich das richtig verstehe, du willst mir sagen, dass ich, wenn ich eine gewisse Ruhe auf dem Kiez haben will, einen Diktator brauche, der macht was ich will.“
„Exakt.“
„Ich hab aber gerade keinen Saddam.“
„Dann musst du schnell einen finden, denn ich kann mir gut vorstellen, dass die Hinterbänkler von Sorokin und Milicic schon dabei sind, ihr Revier abzustecken.“
War das früher auch so kompliziert? Oder hat es mich einfach einen Scheiß gekümmert, was die Bösen so anstellen werden?
Wo zum Teufel soll ich… Verdammt!
„Judith, du bist ein Schatz.“
**
„Mann KB, was hast du dir da bloß ausgedacht?“
Berger, Schaum und Jansen, saßen mit Judith und mir im Auto und berieten über meinen Vorschlag.
„Wie sollen wir das hinbiegen?“ fragte Schaum.
„Naja, die einzige Aussage die wir gegen diesen Typen haben, ist der aus der Werkstatt. Ich denke nicht, dass wir das einem Richter plausibel erklären können, dass er sich die Finger selbst abschnitten hat, als wir ihn befragt haben.
„Theoretisch ist er sauber.“
„Aber nur theoretisch.“ Meinte Jansen dazu. „Der Typ hat eine Frau erschossen.“
„Ich will ihn ja auch gar nicht ungeschoren davonkommen lassen. Wir benutzen ihn bis wir alles unter Kontrolle haben und dann, wenn wir genug gegen ihn haben, schießen wir ihn ab und ersetzen ihn durch einen anderen.“
„Und wie bringen wir ihn dazu mitzumachen? Du hast es selbst gesagt, theoretisch ist er sauber.“ Fragte Schaum.
„Ich hätte da eine Idee.“ Warf Jansen ein. „Haben wir noch die Drogen aus der Werkstatt?“
„Klar.“
Den Vorschlag den Jansen dann machte, überraschte sogar mich.
„Jansen, das ist verdammt böse.“ Grinste ich.
**
Mittlerweile war die Feier voll im Laufen.
Greif, die lieber auf Pizza verzichtete, hatte sich mit mir in eine ruhige Ecke verzogen. Sie hörte sich unseren Plan an und dachte konzentriert nach.
„Sie wissen schon, dass ihr Vorhaben, nennen wir es mal, bestenfalls leicht illegal ist?“
„Ja, mir stellt sich halt die Frage, wie ich den größten Schaden abwenden kann.“
„Nun, wenn ihr Diktator spurt, könnte der Plan aufgehen. Die Frage ist eben, wie sie ihn dazu bekommen zu spuren.“
„Tja, das ist der Knackpunkt. Ich bräuchte ein paar Ideen.“
Greif sah mich an und schmunzelte.
„Bei unserer ersten Begegnung hatte ich starke Zweifel, dass sie meine Ratschläge befolgen. Doch sie, ausgerechnet KB, hat mir gezeigt, dass es nicht nur ignorante Polizisten gibt. Also was wollen sie wissen?“
„Wie bringe ich Stephan dazu zu tun, was ich will?“
Greif die die Protokolle und die Aufnahmen der Werkstatt gesehen hatte, musste nicht lange überlegen.
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So saßen Berger, Schaum, Jansen und ich nach der Party zusammen und schmiedeten einen wirklich bösen Plan.
„Wo bringen wir sie hin?“ fragte Berger.
„Ich schlage vor, wir bringen sie in die Werkstatt. Greif meinte, dass dieses auch eine psychologische Wirkung haben könnte. Und dort ist genug Blut, dass etwas mehr auch nicht auffällt.“
Im Schutze der Nacht, fuhren wir zur Werkstatt. Dort hatte die Spurensicherung ganze Arbeit geleistet. Alles war erfasst, fotografiert, aufgelistet und in den Akten. Für das Gebäude selbst, interessierte sich keiner mehr. Perfekt für unseren Plan.
Auf dem Weg zur Werkstatt, hatte ich mir vom Parkplatz der Bereitschaft aus Sorokins Bus eine Tasche mit brisantem Inhalt besorgt, Jansen, bei der wir kurz gehalten hatten, hatte ebenfalls eine Tasche mitgebracht.
Aber ich brauchte noch etwas anderes, und zwar von Lee. Das verschaffte mir Judith. Sie war unterwegs zu meinem Genie und Judith war sich sicher, dass Lee genau das hatte, was ich brauchte.
„Ok. Dann müssen wir die beiden nur noch haben.“
Schaum hatte noch nicht ausgesprochen, als das Handy läutete.
„Sie ist auf dem Weg zum Bahnhof.“ Meldete sich Schaller.
„Alles klar, wir kümmern uns darum.
„Es geht los. Auf zum Endspiel.“
Zu viert fuhren wir in einem Van zum Bahnhof.
„Passt auf, Greif sagt, dass er versuchen wird, mit Nina Kontakt aufzunehmen. Ich denke er ist in der Nähe.“
„Ok, verteilen wir uns.“
Wir tauchten in den Bahnhof ein und hielten uns im Hintergrund, während die anderen Zivilfahnder noch immer, jedem den sie antrafen, Ninas und Stephans Bild unter die Nase hielten.
SSMMM SSMMM
„Ich sehe sie. Sie holt sich einen Kaffee.“ Meldete sich Berger.
„He, der Typ da… Achtung der Typ mit Bart. Ich glaube das ist er.“
Ich hatte mich dem Bahnhofscafé genähert und konnte Berger auf der anderen Seite stehen sehen. Tatsächlich kam da ein Mann mit ungepflegtem Bart aus den Toiletten.
Ja, dass könnte er sein. Gerade als Berger und ich losgehen wollten, traten zwei Zivilfahnder auf den Bartträger zu und zeigten ihm Ninas Bild.
Zweifellos! Es war dasselbe Verhalten und dieselben unsicheren Bewegungen, wie bei der Kontrolle auf dem Kiez.
-Hallo Mister Killer.- ich hab dich zum zweiten Mal.
SSMMM SSMMM
„Ja?“
„Ich hab die Bestellung.“ Sagte Judith.
„Klasse, Bring sie zur Werkstatt.“
„Bin schon unterwegs.“
Die Zivilfahnder erkannten nicht, wer da vor ihnen stand und ich konnte es ihnen nicht verübeln. Der ungepflegte Bart und die kaputten, dreckigen Kleider, ließen Stephan eher wie einen Obdachlosen erscheinen.
Doch in der Zeit, in der sie ihn befragten, konnte sich Nina in Richtung der Schließfächer absetzen. Zeit dem Spiel ein Ende zu setzten.
„Wir schnappen sie am Schließfach. Achtet auf ihn, mir scheint, die Beule auf seinem Rücken ist eine Waffe.“
Da ich wusste, wohin die beiden unterwegs waren, musste ich sie nicht permanent im Auge halten und wir folgten ihnen, ohne dass sie uns erkannten.
Jetzt war es soweit. Nina stand am Schließfach und packte die Blüten aus dem Schließfach, als das Unglück geschah.
Einer der Zivilfahnder erkannte sie und griff zu.
„NEIN!“ zu spät!
Stephan zog eine Waffe aus der Hose und schoss in die Schießfächer und sofort schrien alle auf und warfen sich zu Boden.
Naja nicht alle. Eine Frau die zwischen die Fronten geriet drückte sich mit dem Rücken an ängstlich an die Schließfächer.
Ich blieb stehen und schritt auf Stephan zu, der mit den Zivilfahndern beschäftigt war. Nina lag am Boden und Stephan fuchtelte mit der Waffe umher. Greif hatte Recht behalten, der Mann war kein trainierter Killer. Der hätte nämlich die Frau, die sich gegen die Schließfächer drückte als Deckung geschnappt, aber Stephan hatte nur die Zivilfahnder im Auge.
„He, du Held.“ Rief ich und Stephan drehte sich zu mir um.
„BAUMANN! Haut ab, oder ich leg euch alle um!“
Ich blickte mich um. Berger, Schaum und die anderen Zivilfahnder hatten ihre Waffen gezogen und zielten aus verschiedenen Richtungen auf ihn.
Ich ließ mir Zeit um den unbeteiligten Reisenden Gelegenheit zu geben, abzuhauen.
Die Frau an den Schießfächern blieb stehen, Nina blieb am Boden.
„So wie ich das sehe, gehst du nirgendwo hin. Alle kannst du nicht umlegen. Sobald du falsch zuckst, bist du tot.“
„Du wirst es nicht erleben, denn du bist der erste, den ich abknalle.“
„Möglich, aber hast du schon mal daran gedacht, dass ein… Querschläger…, vielleicht deine Freundin am Boden trifft?“
Jetzt hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. Er war mit seinem Latein am Ende suchte verzweifelt einen Ausweg. Stephan hatte nicht vor hier zu sterben und er wollte schon gar nicht, dass seiner Nina etwas geschah. Also tat er genau das was ich vorausgesehen hatte.
Stephan ergriff die einzige Chance die er sah. Die Frau an den Schließfächern!
Mit einer Bewegung hatte er sie gepackt und hielt sie als Geisel zwischen sich und mir.
„Jetzt sieht es anders aus. Ich leg die hier um, wenn du auch nur einen Schritt näher kommst!“
Ein Berufsverbrecher hätte die Waffe auf den Kopf der Geisel gerichtet, doch Stephan war Amateur. Er richtete die Waffe auf mich, am Kopf der Geisel vorbei.
Das war Jansens Moment!
Ein sehenswerter Karate tritt traf Stephans Kopf, während der Arm mit der Waffe nach oben gerissen wurde.
Während Stephan kopfüber in der Luft stand, konnte ich einen überraschten Gesichtsausdruck sehen, dann schlug er mit aller Gewalt auf dem Boden auf, genau neben seiner Nina.
Die hatte die Situation noch nicht ganz erfasst, als Berger auf sie sprang und ihr Handschellen anlegte.
Schaum und Jansen hatten sich Stephan angenommen und fixiert.
Halb benommen und doch voller Hass blickte er zu mir auf. Dieser Hass würde sich heute Nacht noch um einiges steigern.
„Tja, hat dir noch keiner gesagt, dass sich Verbrechen nicht auszahlt?“ fragte ich ihn. „Los, raus mit den beiden.“
Mein Team brachte die Beiden aus dem Bahnhof und verfrachtete sie in den Van.
„Baumann!“ rief der Dienstgruppenleiter der Bundespolizei.
„Was soll die Sauerei hier? Das ist mein Zuständigkeitsbereich. Du hättest mich informieren können.“
„Keine Sorge, ich schreib morgen einen Bericht, den schick ich dir.“
„Ja, du mich auch. Verdammt, ich hab genug von der Scheiße.“
Ich ließ ihn toben und ging nach draußen. Im Van saßen die zwei gut verschnürt und wir fuhren los.
Während Nina mit einem Sack über dem Kopf dasaß, konnte Stephan genau sehen, wohin die Fahrt ging. Als er sah, dass wir zur Werkstatt fuhren, kehrte die Wut, aber auch die Angst in seine Augen zurück.
„Ich sehe, du weiß wo wir hinfahren. Ja, deine alte Wirkungsstätte. Wie geschaffen, für das was ich mit euch vorhabe.“
„Lass sie da draußen!“
„Klappe halten.“
Er schwieg verbissen. Und starrte mich hasserfüllt an.
Vor der Werkstatt stand Judiths Auto. Wunderbar, nun hatte ich alles was ich brauchte.
Berger und Schaum schleppten Stephan in die Werkstatt. Der wehrte sich zwar, doch die zwei ließen ihm keine Chance.
Jansen schnappte sich Nina und brachte sie zu Judiths Auto.
„Hier.“ Judith reichte mir eine Spritze.
„Das hier?“
„Ja, es ist da drinnen.“
Ich hielt die Spritze gegen die Scheinwerfer. Tatsächlich in der Klaren Flüssigkeit schwebte ein dunkler Punkt.
„Wohin?“
Judith zuckte mit der Schulter.
Da Nina mit dem Sack über dem Kopf nicht sehen konnte was ich in der Hand hielt, konnte sie sich auch nicht vorbereiten. Jansen beugte sie über das Auto und ich stach ihr die Spritze in den Oberschenkel.
Nina schrie auf doch ich hatte den Kolben schon nach unten gedrückt und Jansen hielt sie eisern fest.
So, das war Punkt eins. Jetzt würde ich mich um meinen Freund Stephan kümmern.
Jansen und ich brachten Nina in die Werkstatt. Dort hatten Berger und Schaum, Stephan auf denselben Stuhl gefesselt, auf den wir unserem Informanten um seine Finger erleichtert hatten.
„Na, erinnerst du dich?“ fragte ich ihn. „Falls du möchtest, wir können auch tauschen.“ Und zeigte mit den Fingern einen Wechsel von Nina und ihm an.
„Nein? Ok. Jansen, du kannst anfangen.“
Ich hielt Nina gepackt und Jansen begann Nina die Kleider auszuziehen.
Stephan fing an wild an seinen Fesseln zu zerren, doch die Handschellen sowie Berger und Schaum, hielten ihn genau so unerbittlich fest wie ich Nina im Griff hatte.
Schließlich hatte Jansen ihr auch das Höschen heruntergezogen und Nina Stand nackt in der Werkstatt.
Oh ja, ich genoss den Hass, den mir Stephan entgegenbrachte, denn er zeigte seine ganze Hilflosigkeit.
Dann nickte ich Jansen zu und die griff ihre Tasche, die sie mitgebracht hatte und holte Kleider daraus hervor. Die zog sie jetzt Nina an. Höschen, Unterhemd, Jeans, Pulli und schließlich Schuhe, bis Nina wieder völlig bekleidet war. Ninas Kleider blieben auf dem Boden liegen.
„Ok, du und Judith bringt sie nach Hause. Unser Freund bleibt noch etwas hier.“
Jansen und Judith nahmen Nina in die Mitte und brachten sie heraus. „Keine Sorge, wir bringen sie tatsächlich nach Hause.“ Sagte ich zu Stephan, als ich sein überraschtes Gesicht sah.
„So, und jetzt zu uns!“
Meine Faust explodiert in seinem Gesicht und Stephan fiel mit zerschmetterter Nase, mitsamt dem Stuhl, nach hinten.
Berger und Schaum hoben ihn auf und stellten den Stuhl mit Stephan wieder hin. Stephan blutete aus der Nase, die völlig schief im Gesicht hing.
„Ihr Name war Arjona, aber ich schätze das weißt du selber. Dennoch um sicher zu gehen, dass du ihn nie vergisst…“ Berger hatte seine linke Hand gepackt und Schaum reichte mir die Blechschere.
Stephan starrte die Blechschere an und versuchte seien Hand zurückzuziehen, doch er hatte keine Möglichkeit der Schere zu entgehen. Sein linker Zeigefinger fiel in den Dreck der Werkstatt. Stephan brüllte auf, als Berger den Schweißbrenner anwarf und mit der weißen Flamme die Wunde verschloss.
Das war zu viel, Stephan verlor das Bewusstsein.
Damit hatte ich Jansens Bedingung erfüllt, die sie mir für ihr Einverständnis gestellte hatte.
Jetzt hatte ich einen Moment Zeit und Gelegenheit mein neues Spielzeug auszuprobieren.
Ich holte mein Handy hervor und sah auf einer Stadtkarte, dass Nina auf dem Weg war. Lee hatte wie immer das richtige Spielzeug geliefert. Der dunkle Punkt in der klaren Flüssigkeit, war nichts anders als ein Peilsender, der sich irgendwo in Ninas Muskeln verankern und mir immer sagen würde, wo sich Nina gerade aufhielt.
„Ok, die Pause ist um, weckt ihn wieder auf.“
Ein paar kräftige Ohrfeigen von Schaum ließen Stephan wieder zu sich kommen.
„Wenn ihr ihr was antut…“ keuchte er.
„Was dann? Legst du uns um? Das hatten wir schon. Klappe halten und zuhören!
Siehst du ihre Kleider?“ Ich hob Ninas Schlüpfer vom Boden auf und hielt ihn Stephan vor die Augen.
Wieder stand Hass in seinem Gesicht, als ich die Kleider aufhob.
„Ach ja, die Tasche da kennst du sicher auch.“ Ich hob die Tasche aus Sorokins Wagen hoch und stellte sie vor ihn. Ich öffnete die Tasche und Stephan konnte die gut zwei Kilo Heroin sehen, die in der Tasche waren. Zu denen stopfte ich Ninas Wäsche.
„So und jetzt hörst du mir gut zu! Auf dem Kiez wird es die nächsten Tage ziemlich heiß her gehen. Jeder wird versuchen die Geschäfte von Sorokin und Milicic an sich zu reißen. Wahrscheinlich legen sich ein paar der Idioten selber um. Das wäre mir ziemlich egal, das Problem ist, dass sie wohl auch ein paar Unbeteiligte über die Klinge springen lassen.
Was ich brauche ist ein starker Mann, der den Kiez lenkt und zwar so wie ich es sage!
Du wirst der Mann sein, der tut was ich will. Du wirst Sorokins Organisation übernehmen und dafür sorgen, dass Milicics Männer nach deiner bzw. meiner Pfeife tanzen und so einen Krieg auf dem Kiez verhindern. Sobald einer aus der Reihe tanzt oder aufmuckt wirst du ihn mir ans Messer liefern. Soweit verstanden?“
Stephan sah mich nur an. Es war klar, dass er das was ich ihm sagte, noch nicht realisiert hatte. Also legte ich noch etwas nach.
„Solange du es nicht übertreibst, lasse ich dich tun was du willst, solltest du aber versuchen mich zu bescheißen, zu hintergehen, oder dich abzusetzen, werde ich sehr, sehr böse werden.
Und jetzt zu dem unangenehmen Teil für dich!
Fall ich sauer auf dich werde, geschieht folgendes.“ Ich holte das Handy heraus und zeigte ihm den Stadtplan, auf dem Ninas Name sich bewegte.
„Ich werde immer wissen, wo deine Liebschaft sich gerade aufhält. Gib die keine Mühe, der Sender ist implantiert und du wirst ihn nicht einfach entfernen können, denn das Teil wandert durch den Körper. Die einzige Möglichkeit wäre alle Teile unterhalb des Halses zu entfernen.
Wenn du mich bescheißt werde ich mir deine Nina schnappen. Ich werde sie betäuben und sie mit der Tasche in einen Flieger nach Singapur setzen. Und mach die keine falschen Hoffnungen, ich finde sie, ich bekomme sie in den Flieger und ich bekomme die Tasche durch den Zoll. Ich nehme an, du weißt, was sie sie in Singapur mit ihr anstellen, wenn sie die Drogen zusammen mit ihrem Schlüpfer finden.“
In seinen Augen stand deutlich, dass er genau wusste, was das hieß.
„Ja genau, sie werden ihr eine Schlinge um den Hals legen und aufhängen. Es liegt also ganz an dir, ob sie baumelt oder nicht.
Also neun Finger Stephan, mein Freund, sind wir uns einig?“
**
„Was? Was heißt, er ist weg?“ fuhr mich Milewski an.
„Er ist abgehauen. Ich hab ihm die Handschellen nicht richtig angelegt und er konnte aus dem Auto abhauen.“
„Baumann, erzähl mir keinen Scheiß!“
„Milweski, gegen die Frau haben wir gar nichts, außer dass sie einen Schlüssel zu einem Schließfach hatte, in dem Waffen und Geld waren. Können wir nachweisen, dass sie wusste, was in der Tasche war? Nein! Jeder Anwalt hat sie in weniger als einer halben Stunde draußen.
Und Stephan… Außer das er im Bahnhof geballert hat, ist er auch sauber, also werden wir ihn auch nur deswegen anklagen können. Aber da wird auch nicht viel dabei herauskommen.“
„Er soll eine der Osteuropäerinnen erschossen haben.“
„Die Aussage eines Verbrechers, der seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will. Kein Richter wird ihn auf Grund dieser Aussage wegen Mord verurteilen.“
„Baumann, du spielst ein gefährliches Spiel. In vier Monaten sind Wahlen. Wenn du Scheiße baust, wird Schneider dich an den Eiern aufhängen und Keller wird dabei stehen und Applaus klatschen.“
„Ist mir klar. Aber weißt du was? Es ist mir scheißegal. Ich hab den Kiez unter Kontrolle gebracht und bin sicher, dort wird es die nächste Zeit friedlich bleiben.“
„Deine Zuversicht möchte ich haben.“
„Tja, einer der Vorteile des neuen KB.“ Lachte ich und ließ Milewski in seinem Büro zurück.
Zu Hause erwarteten mich anständiger Kaffee, (Judith hatte zwischenzeitlich gelernt, wie man richtigen Kaffee kocht), gutes Essen, Judith die nackt mit Handschellen ans Bett gefesselt war und eine Menge Spielzeug, das wir noch nicht ausprobiert hatten…

***
Baumanns Gesicht ähnelte dem einer Kraterlandschaft. Zynisch erhob er seine Brauen.
„Mach uns den Weg frei.“ forderte ich drohend.
Ich schnupperte ihn bereits. Den verlockenden Geruch von Flucht und Freiheit. Meine Hände zitterten, als ich meine Pistole auf seine Stirn anlegte.
„Verdammt noch mal, gib ihn frei, ehe ich Dir das Gehirn rauspuste.“ Meine Botschaft war unmissverständlich.
Mit der freien Hand tastete ich mich herunter zu Nina und achtete darauf, dass sie ihren Körper dicht am Boden behielt. Die Tasche, gefüllt mit Blüten und ein paar Diamanten fest in ihren Armen. Unser Startschuss in ein vollkommen neues Leben. Ein Leben weit weg von hier.
Ich versuchte mich in meiner Not in Baumanns Denkweise hinein zu versetzen.
Tot oder lebendig?
Welchen Nutzen hätte er, mich lebend zu stellen und anschließend der Justiz zu übergeben oder mich in Notwehr zu erschießen. Es war ihm sicher scheißegal. Nicht mehr als ein weiterer Punkt auf seiner Erfolgsskala als Leiter seiner Soko. Der  geringste Fehler jedoch, ein weiterer Schuss aus meiner CZ75 Kal.9mm in Richtung seiner Leute und gut fünf bewaffnete Polizisten würden mich auf sein Zeichen zersieben. Meine Blicke wechselten ständig zu Nina und zu Baumann, der mir unbeeindruckt und selbstsicher keinen Millimeter von der Seite wich.
Er war sich seiner Sache enorm sicher. Auf seinen Befehl wurden Passanten im Schutze seiner Soko zu den Ausgängen des Bahnhofes begleitet um weitere Opfer im Falle eine Schusswechsels zu vermeiden.
„Mach Dir keine Sorgen mein Schatz. Gleich ist es vorbei.“ flüsterte ich zu Nina.
„Glaubst Du wirklich, dass wir hier heil rauskommen?“ zweifelte sie.
Baumanns vernichtender Gesichtsausdruck gab preis, wonach ihm einzig und allein der Sinn stand. Er wollte Nina. Genau dort wollte er mich treffen. An meinem verwundbarsten Punkt.
Der Kerl hatte seine Hausaufgaben gemacht. Und die Frau mit dem voller Todesangst gezeichnetem Gesichtsausdruck, die niemand  bemerkte, gleich bei den Schließfächern, war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
„Auf mein Zeichen springst Du auf und rennst zu mir herüber.“ Ich beugte mich zu Nina herunter und küsste sie.
„Das geht nicht gut Stephan.“
„Vertrau mir. Und rühre Dich nicht von der Stelle.“
Noch bevor ich die Waffe auf diese Frau richtete, ging ich taumelnd zu Boden und schlug hart mit dem Kopf zuerst auf den kalten Stein. Ich dachte ersticken zu müssen durch den Tritt gegen meinen Brustkorb. Meine Augen flimmerten und durch die hastigen Versuche, meine Lungen bei einem tiefen Atemzug mit Luft zu füllen, verlor ich kurzfristig das Bewusstsein.
Noch in der Sekunde des Wiedererlangens spürte ich auch schon den kalten Stahl der Handschellen an meinen Gelenken. Ausgerechnet die zwei Zivilen aus dem Bistro stürzten sich auf Nina.
Mit der stählernen Acht auf dem Rücken, schliffen sie Nina und mich aus dem Bahnhof. Einige verbleibende Passanten in der Bahnhofshalle applaudierten.
„Endlich habt ihr die Schweine.“spotteten sie.
„Und jetzt schließt sie für immer weg.“
Schmachvoll, wie der Weg zweier Gefangener auf ihren Weg zu ihrer Hinrichtung in die Arena. Ich versuchte mich, so eben wie möglich es die Schmerzen zuließen, aufrecht zu halten und sann auf Rache. Mit einem markdurchdringenden Quietschen und Gerassel erhoben sich die Sicherheitstore zu den Gleisen. Die Ordnung, so schien es, war wieder hergestellt.
Brutal verfrachteten sie uns in einen draußen bereitgestellten Van. Auf eine mir nicht unbekannte aber sonderbare Art und Weise kam mir das seltsam bekannt vor. Nur dass sie mir diesmal nicht die Augen verbanden. Nina, die mit einem über ihren Kopf gestülpten Sack neben mir hockte, drückte sich so eng wie möglich an mich heran. Der Weg führte uns zweifellos heraus aus der Stadt. Aber nicht, wie ich annahm in das nächste Untersuchungsgefängnis. Ich dachte, die Zeit drehte sich zurück, als ich das alte Industriegebiet und die Werkstatt wieder erkannte.
„Nie wieder kehre ich hierher zurück und koste es mein Leben.“ schwor ich es. Aber das hatte ich schon mal. Mein Leben, ja, das hatte ich noch und Nina, sie hatte ich endlich wieder. Doch wie lange noch?
Zum zweiten Mal betrat ich diesen Vorhof zur Hölle. Nochmal spielte sich alles in Sekunden vor meinen Augen ab. Nicht ganz zu meiner eigenen Überraschung wurden wir bereits erwartet. Baumanns komplette Soko war angetreten.
Was hatte er vor?
Wollte er sein eigenes Exempel an mir statuieren?
Spielte diese Schwein tatsächlich ein doppeltes Spiel?
Zwei Typen, ich glaubte ihre Namen zu erkennen, Berger und Schaum, zerrten mich in die Werkstatt und mit dem ersten ihrer brutalen Faustschläge ging ich mal wieder zu Boden. Nicht dass man sich jemals daran gewöhnen würde, aber mein Schädel hatte sicher bereits Ähnlichkeit mit einem Punchingball.
Halb benommen durch den Aufprall mit dem Kopf auf den harten Beton richteten sie mich auf, fixierten mir erneut die Hände auf meinem Rücken und pressten mich mit aller Gewalt auf den selben Stuhl, auf dem schon mal. dieser Alexej hockte, bevor sie ihm fast jeden Finger einzeln abschnitten.
Bis zu diesem Moment ahnte ich noch nicht, wie viel Schmerz ein Mensch ist bereit ist zu ertragen, wenn er hasste. Und ich hasste Baumann. Ich hasste ihn sogar so sehr, dass ich ihm augenblicklich mitten in seine arrogante Visage schießen würde. Na ja, wenigstens gäbe man mir noch einmal im Leben die Chance dazu.
Sein Faustschlag in mein Gesicht war so heftig, dass ich dachte, er drückte mir mein Nasenbein direkt bis ins Gehirn. Ich schmeckte mein eigenes Blut, dass mir bis über meine Lippen das Gesicht herablief.
Der scharfe Schmerz eines brechenden Knochens an der linken Hand schoss mir durch Mark und Hirn.Wie narkotisiert verlor ich endgültig mein Bewusstsein.
„Achtung, er kommt wieder zu sich.“ Ich erkannte Baumanns Stimme. Meine Augen flackerten und pochten, als ich sie versuchte zu öffnen. Meine Kehle brannte. Ein einziger Schrei meines Körpers nach einem Schluck Wasser.
„Los, gebt ihm was zu trinken. Aber nur einen winzigen Schluck.“
Seelenruhig spielten er und seine Leute ihr perfides Spiel mit mir. Baumann etwa ein Samariter? Mit Leichtigkeit hätte er Nina und mich töten können. Alles lag einzig und allein in seiner Hand. Gedeckt und abgesegnet von seinen Lakaien, seine Horde Leibeigener, die das taten, was er ihnen befahl.
„Hör jetzt gut zu was ich Dir zu sagen habe.“ mahnte er mit drohender Stimme.
„Wenn ihr Nina irgendwas antut oder sie tötet mach ich dich fertig.“ erwiderte ich  hasserfüllt.
„Kümmere Dich nicht um sie. Sondern besser um Dich.“
„Ich warne Dich Baumann!“
Seine Leute brachen in Gelächter. Sie warfen mir die Tasche randvoll mit Kokain direkt vor die Füße.
„Erkennst Du sie wieder? Das ist deine Chance. Und zwar deine Allerletzte.“ Ich verstand.
Sorokin und Milicic waren fort und eine Menge Leute auf dem Kiez standen bereits lauernd in ihren Fußstapfen. Es roch nach einem Machtkampf, der unter Umständen zu eskalieren drohte, wenn die Fronten dort nicht bald klar abgesteckt würden.
„Geh dort hin und regle das, egal wie Du das machst. Und wenn es knallt, lieferst Du sie mir. Einem nach dem Anderen.“ Es sann ihm nach absoluter Kontrolle auf dem Kiez. Und eben genau so schätzte ich ihn ein. Vielleicht sogar noch korrupt genug, um sein mickriges Bullengehalt und das seiner Jünger bei einem kleinen Deal ein wenig aufzupeppen? Niemand, der es wagen würde gegen ihn auszupacken.
„Also sei gut und verarsche uns nicht. Dann passiert auch deiner Kleinen nichts.“
„Wo ist sie? Wohin habt ihr sie gebracht?“
Baumann zückte sein Handy und hielt mir das hellerleuchtete Display direkt vor meine Augen.
„Wie Du siehst wissen wir zu jeder Zeit wo sie steckt.“
Welches geniale Hirn auch immer es möglich machte. Seins war es ganz sicher nicht. Irgendein Freak hier unter seinen Leuten versorgte ihn ganz offensichtlich mit kleinen Wundern modernster Computertechnik. Durch einen in ihre Blutbahn per Injektion eingepflanzten Mikrochip verfolgte er jeder Zeit jede ihrer Bewegungen und Handlungen.
Dann verschwanden sie und ließen mich hier zurück. Meine Hand schmerzte und es roch ekelhaft nach verbranntem Menschenfleisch.
Doch ich lebte.
Eine Weile hockte ich noch so bis absolute Stille einkehrte. Sie waren fort und Nina nahmen sie mit.
Zurückkehren auf den Kiez?
An wen dort sollte ich mich wenden? Ich dachte an die kleine Süße, die mir schon mal. aus der Patsche half. Im Moment viel zu gefährlich. Sicher waren es die Albaner, die nach den Russen jetzt die Geschäfte in die Hand nahmen. Und die fackelten nicht lange wenn Gefahr im Verzug war.
„Sorry Baumann, daraus wird wohl nichts.“ scherzte ich ein wenig .Schlicht und einfach. Ich hatte die Nase voll für irgend jemanden weiter meinen Kopf hinzuhalten. Weder für das Kartell und schon gar nicht für diesen Baumann. Also gab es nur noch einen Ausweg. Ich musste Nina treffen.
Egal wie ich das anstellte, ich musste einfach zu ihr. Wenn ich Baumann richtig verstand, brachten sie sie nach Hause und zwangen sie, sich dort nicht von der Stelle zu rühren. Erneut, wie schon vor zwei Tagen machte mich also auf den Weg herunter in die Stadt. Die Tasche mit dem Kokain geschultert an meinem rechten Arm. Der selbe Weg aus diesem verlassenen Industriegebiet, für das sich sonst kein Mensch mehr interessierte.
Die selbe Bank und die selbe kleine Bestandsaufnahme der paar Dinge, die ich bei mir trug. Na ja, da waren immerhin noch ein paar russische Zigaretten der Marke Rossykiye, das Sturmfeuerzeug und ja, der Schlüsselbund. Sogar noch der des Schließfaches an Bahnhof.
Sicher keine so glorreiche Idee nach der Ballerei dort erneut aufzutauchen. Alles war überhaupt wie ein Wunder oder eine Fügung des Schicksals, dass ich hier hockte, auf dieser Bank. Und nicht schon längst in einer Zelle. Vielleicht noch gleich neben der von Sorokin und Milicic.
„Auch Du machst Fehler Baumann. Du wirst es sehen.“ Besser, er hätte mir gleich die ganze Hand genommen.
Wieder einmal wartete ich bis es dunkel wurde. Ich verließ mich voll und ganz auf Nina, die sicher, ohne sich von der Stelle bewegen, auf ein Signal von mir wartete.
„Wir bringen sie nach Hause. Und dort bleibt sie bis Du dich meldest.“ verriet Baumann, noch bevor ich bewusstlos wurde. Aber wo ist das? Ihr zu Hause? Zuletzt wohnte sie bei mir. Sollte ich es riskieren sie dort zu suchen? Und wenn sie mich dabei beobachteten, wäre es aus. Baumann würde sich Nina schnappen und dafür sorgen, dass man sie eiskalt umlegt.
Mit der Dunkelheit kam auch die Kälte und die Müdigkeit. Keine Ahnung, wie lange meine linke Hand noch mitspielte. Auch mal ganz abgesehen von einer gebrochenen Nase und blutverschmierter Kleidung musste dringend etwas geschehen. Ich brach auf. Zunächst wieder, bis die ersten Straßenlaternen der Verbindungsstraße in Richtung Stadt zu sehen waren. Alles dort verlief normal. Alles ruhig und keine Bullen weit und breit in Sicht. Sicher saßen sie allesamt bei Baumanns Siegesfeier und feierten diesen arroganten Scheißkerl. Ich schlenderte entlang des Bürgersteiges. Jeder einzelne Schritt nicht mehr als die Länge meines Fußes. Der Weg erschien mir diesmal qualvoll und schier endlos. Die lederne Tasche rutschte mir aus der Hand und ging zu Boden. Ich blieb stehen, sah zu Boden und eine furchtbare Gewissheit schien mich zu übermannen:
„Stephan, das wars. Egal was Du tust. Jetzt bist Du endgültig im Arsch.“
Wenn jetzt nicht augenblicklich ein Wunder geschah, dann war sie das endgültig. Meine Geschichte mit Nina, die Begegnung mit dem Kartell und mit diesem Baumann.
In nur einer einzigen Nacht veränderte sich mein Leben  nun stehe ich hier vor einem gewaltigen Scherbenhaufen.
Doch gab es sie trotzdem noch? Die kleinen Zeichen und Wunder, auf die so viele Menschen hofften, wie ich in dieser schier aussichtslosen Lage? Es war einfach unfassbar. Das schwarze T-Modell, dass unvermindert auf der Straßenseite auf mich zuraste war mein Wagen. Ja, es war meine alte Karre. Ich erkannte sie sofort. Und ich sah meinen Schatz am Steuer sitzend bei einer eleganten Vollbremsung.
„Los Stephan, rein mit Dir. Mach schon.“
„Nina. Wo kommst Du her? Und  woher hast Du den Wagen?“
„Keine Zeit für Fragen. Wir müssen sofort weg.“
An der nächsten Kreuzung wendete sie den Wagen und wir verließen mit Volldampf die Stadt. Wir fuhren, bis die Lichter der Stadt hinter uns verschwanden und nur noch der nackte Asphalt der Straße im Lichtkegel der Scheinwerfer zu sehen war.
„Sicher haben sie es schon bemerkt.“vermutete Nina. Unser Weg führte uns weiter und weiter bis zur nächsten Autobahn. Das Ziel war die holländische Grenze und von da aus dann immer weiter Richtung Amsterdam.
„Was tun wir da gerade Nina?“ Ich hätte sie jetzt so gerne geküsst. Aber dafür wäre sicher später auch noch Zeit genug.
„Wonach siehts denn aus? Wir hauen ab. Aber diesmal für immer mein Schatz.“ Wir lachten und fast vergaß ich dabei meinen brennenden Schmerz in meiner Hand.
„Was haben sie mit Dir gemacht Stephan.“ Ich zeigte ihr meine Hand und sie strich mir bei voller Fahrt zärtlich durchs Gesicht. Nach ein paar Stunden erreichten wir die Grenze und nahmen den nächsten Rastplatz. Nina hatte alles von langer Hand vorbereitet und es fehlte an nichts. Wochenlang stand der Wagen hinter dem Bahnhof, bepackt und vorbereitet für unsere gemeinsame Flucht. Frische Klamotten, Geld, sogar die Smith&Wesson samt Munition , die wir einmal unter dem Fahrersitz versteckten, war auch noch da. Fast hätte ich sie vollkommen vergessen.
„Zuerst mal machen wir aus Dir wieder einen Menschen.“ schlug Nina vor. Ein frisches Shirt, eine Jeans, meine Stiefel und meine schwarze Lederjacke. Ja, so müsste es gehen und nach einem heißem Kaffee und einem dicken Kuss waren wir auch schon wieder unterwegs. Im Morgengrauen erreichten wir die holländische Metropole Amsterdam. Das erste Ziel unserer gemeinsamen Flucht. Bis zum späten Nachmittag  verbrachten wir die Zeit in der Nähe unserer kleinen Unterkunft. Ein kleiner Hotelfamilienbetrieb mit dem Namen „Van der Vaalk“.
„Wie geht es jetzt weiter Nina.“ blickte ich sie fragend an.
„Mach dir doch keine Sorgen Stephan. Ich habe schon an alles gedacht.“ Wie aus einem Hut zauberte sie unsere Pässe, unsere Visa, einen nicht unbeträchtlichen Haufen Bargeld und zu meinem Erstaunen zwei Flugtickets und eine Kontovollmacht für die Bank of Cayman Islands hervor. Ich liebte sie einfach nahm sie so fest ich konnte in meine Arme. Unsere Lippen pressten sich aufeinander und ich genoss sie bei einem wunderschönen, lange anhaltenden Zungenkuss.
„Aber eines musst Du mir verraten Nina. Wie bist Du an Baumann vorbeigekommen. Hatte er nichts bemerkt?“
„Baumann? Es war nicht Baumann. Es war eine Frau mit Namen Judith. Sie brachte mich fort“
„Judith?“ fragte ich sie erstaunt.
„Ja. Vermutlich Baumanns Flamme. Und ich erzählte ihr unsere Geschichte.“
„Unsere Geschichte? Einfach so? Und wie hat sie reagiert.“
„Sie mochte sie. Die Geschichte gefiel ihr. Erst konnte sie gar nicht genug bekommen. Sie sagte nur, dass dieser Baumann manchmal eben ein richtiger Kotzbrocken sei und der Typ, der dabei war, gab ihr die Spritze mit dem Gegenmittel. Ich glaube sein Name ist Lee.“
„Gegenmittel? Was für ein Gegenmittel?“ fragte ich neugierig.
„Na halt der Mikrochip, den sie mir einsetzten. Darum konntest Du mich auf Baumanns Handy sehen. Das Mittel hat ihn zerstört“
Gegen Nachmittag verließen wir die Pension und machten uns auf in Richtung Flughafen Schiphol. Ich gestand, erst wieder richtig aufatmen zu können, wenn sich der Airbus A380 der „Grand Cayman Airlines“ in der Luft befand. Der Koloss aus Stahl wendete in Richtung Startbahn, die Turbinen heulten auf und mit einem gewaltigen Druck durch den Schub beim unserem Start wurden wir in die bequemen Sessel der Business-Class gedrückt.
„Ach eine Sache wäre da noch mein Lieber.“ grinste Nina.
„Ja was denn Du.“ fragte ich überrascht.
„Der Bart muss aber wieder ab.“
Sie drückte sich fest an meine Seite und schloss ihre bezaubernden Augen.
Ich dagegen blieb wach und dachte an grauenhafte Stunden und Tage, die nun endlich hinter uns zu liegen schienen. An die Gewalt und an das Morden, an Drogen und Prostitution, sogar an das Mädchen auf dem Kiez. Die ich wohl auch nie mehr wiedersehen würde um ihr zu danken, was sie für mich tat. Aber auch an Sorokin und Milicic, die wohl den Rest ihres Lebens in einer Zelle dahin vegetieren würden.
Zu Recht, wie fand.
Zu Recht?
Und was tat ich? Ich tötete für meine Freiheit und für die wunderbarste Frau hier an meiner Seite. Und ich war frei wie ein Vogel. War das denn wahre Gerechtigkeit? Ich schwor für immer und ewig darüber zu schweigen. Aber geschworen, das hatte ich schon öfter. Also versuchte ich die ganze Geschichte irgendwie zu vergessen. Wenn das überhaupt möglich war.
„Old Man Bay“ Grand Caymans – 6 Monate später –               Dank Ninas Freundin Britta waren wir nun reich. Wir verfügten über ein beträchtliches Vermögen. Unser neues Leben war einfach wundervoll. Wir besaßen ein riesiges Haus mit vielen schönen Zimmern. Jedes einzelne mit Blick auf die karibische See. Umgeben von einer herrlichen Blumenlandschaft und üppiger tropischer Vegetation und einem riesigen Pool. Und es war jeden Tag Sommer. Die Sonne schien tagein und tagaus und wir liebten uns hemmungslos so oft wir nur konnten unter sternenklaren Himmel.
Nina wurde schwanger von mir. Wir erwarteten also ein Kind. Und tatsächlich gab es Tage und auch Nächte, an denen ich mein altes Leben beinahe vergaß. Fast täglich bekamen wir Besuch von einer Ärztin, die nach Nina sah und ihre Schwangerschaft begleitete. Es war einfach perfekt. Unser neues Leben im Paradies. Ja, das Paradies. So nannten wir Beide dieses herrliche Eiland.
Wir freuten uns gemeinsam auf unser Kind und auf ein sorgenfreies Leben. Eines Vormittages signalisierte der elektronische Hausalarm, dass jemand vor der Tür stand.
„Sicher Mrs. Morris, die Ärztin.“ Rief ich Nina zu, die es sich am Pool unter karibischer Sonne bequem gemacht hatte.
„Okay. Machst Du auf? Lass sie rein.“ kam spontan ihre Antwort.
„Ja, bleib liegen. Du musst dich schonen.“ Ninas Babybauch war schon deutlich herangewachsen und ich lass ihr jeden Wunsch von ihren Lippen. Ich öffnete die Tür und ein freundlicher Farbiger in einer Dienstmontur stellte sich vor. Ohne jegliche Aufforderung meinerseits wies er sich aus. „Cayman Islands „Postal Service“
„Good morning Sir. A Telegram. Please sign here. Thank You. Bye Sir.“
Dann verschwand dieser nette Kerl genau so schnell wie er auch kam und ich schloss die Tür.
„Wer war es Stephan. Mrs. Morris?“
„Nein, hat sich jemand in der Tür geirrt.“
„Ist gut. Kommst Du jetzt zu mir mein Schatz? Es ist so herrlich heute.“
„Klar bin gleich bei Dir.“
Unbemerkt zog ich mich zurück und öffnete das kleine Couvert. Für Sekunden dachte ich, meine Vergangenheit holte mich wieder ein. Ich erschrak. Es war noch lange nicht vorbei.

Mit verstohlenen Blicken starrte ich sie an. Ich genoss Ninas wunderschönen Körper, der in der Sonne dieses herrlichen Vormittages glänzte.
„Was ist denn jetzt mit Dir?“
„Ja doch, bin doch gleich da.“ versuchte ich sie einigermaßen zu beruhigen.
„Hey, komm doch mal her zu mir.“ flüsterte sie. Ich küsste sie auf ihren Mund. Vorsichtig streichelten meine Hände ihren süßen Babybauch.
„Und wer war es nun? An der Tür?“ fragte Nina nun doch etwas neugierig.
„Sagte ich doch. Der -Postal Service-. Hat sich aber in der Tür geirrt.“
„Ja okay, schon gut. Dachte es wäre Mrs. Morris.“
„Soll ich sie rufen? Fehlt Dir irgendwas?“ fragte ich Nina besorgt.
„Nein. Alles okay. Und nun setzt Dich her zu mir.“
„ Hey Du, was meinst Du? Wie wird es heißen?“ fragte ich Nina um sie etwas abzulenken.
„Das kommt darauf an, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.“ Nina lächelte.
Sie allein machte mich zum glücklichsten Menschen der Welt. Jeden verdammten Tag Tag seit wir uns kannten. Sie allein ließ mich so oft einfach vergessen was damals geschah.
Noch vor ein paar Monaten drohte die Welt für mich völlig aus den Fugen zu geraten. Ein Leben, bestimmt von Menschen, bei denen Gewalt und der Tod auf der Tagesordnung stand. Ein Leben nach Regeln und Gesetzen des Stärkeren. Und wer das nicht akzeptierte, machte entweder mit oder ging dabei elendig zugrunde.
Doch gerade in solchen Momenten der Erinnerung, an Leute wie Sorokin oder Milicic und natürlich an meinen alten Freund Baumann, zog ich mich zurück. Irgendwo hin, in eines der vielen Zimmer unseres Hauses. Hauptsache ich war dort allein ohne das Nina es bemerkte. Spätestens dann beim Betrachten meiner Hände war alles wieder gegenwärtig.
Meistens entschied ich mich für das kleine Arbeitszimmer. Eines der ganz wenigen im Hause mit Blick zur Straße. Von dort aus sah ich, wer sich uns näherte. Ich öffnete die oberste Schublade des Schreibtisches und kramte ein wenig herum, bis ich es wieder und wieder in den Händen hielt.
Dieses verdammte Telegramm.
„Baumann. Hast Du immer noch nicht genug?“ schoss es mir dann durch den Schädel. Hier war es nicht sicher aufgehoben. Ich beschloss, es besser im Tresor zu deponieren.
„Ich habs.“
„Ja was denn?“
„Na wie es heißen wird?“ antwortete ich aufgeregt.
„Okay. Und wie?“
„Wenn es ein Mädchen wird heißt sie Erin oder Emily.“
„Und wenn es ein Junge wird?“
„Na dann eben Fin oder Noah.“ Nina lachte. Am Liebsten hätte ich sie mir jetzt dafür gekrallt.

Wir genossen einfach weiterhin unser Leben unter britischer Flagge. Auch die paar patrouillierenden Fahrzeuge der „Royal Cayman Islands Police“ beunruhigten mich nicht absonderlich. Immerhin wohnten wir in einer sehr vornehmen Umgebung, in der sehr vermögende Leute in ihren prächtigen Villen lebten. Und mit der Zeit schlossen wir unsere ersten Bekanntschaften.
Gleich die Villa neben der Unseren wurde von einem ehemaligen Colonel der Unites States Army Special Forces Command (Airborne) mit seiner Frau bewohnt. Der Typ war an allen Krisenherden dieses Planeten im Einsatz gewesen und hatte so bereits die ganze Welt gesehen. Er beherrschte mindestens fünf Sprachen perfekt.

Der Typ mit seiner Familie auf der anderen Seite der Straße arbeitete jahrelang für das „Federal Bureau of Investigation.“ Bei einer Drogenrazzia schoss man ihm zum Krüppel. Anschließend wurde er vom Dienst suspendiert und vom FBI in beträchtlicher Millionenhöhe abgefunden.
Na ja, und Nina und ich erbten ein Teil des Blutgeldes eines der meist gesuchtesten Drogenbarone in Deutschland und in den Niederlanden. Wenn auch das arme Schwein seine sogenannten besten Zeiten ja nun bereits hinter sich hatte.
Alles wuchs mit der Zeit zu einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zusammen und alle beglückwünschten uns zu unserer zukünftigen Familie. Von diesem FBI-Typen hielt ich mich lieber ein wenig fern. Immer wieder blickte er argwöhnisch zu meiner linken Hand, an der, dank Baumann, dieses Schweins, mein kleiner Finger fehlte.

„Was ist dort passiert?“ fragte er mich in gebrochenem Deutsch bei einem unserer gelegentlichen, gemeinsamen Abende.
„Ach das. Ein Autounfall.“ erklärte ich.
„Hier in George Town gibt es Spezialisten. Die haben schon so manchen wieder zusammengeflickt.“ spottete er ein wenig.
Gerade er musste es ja wissen. Kaum etwas an seinem Körper was nicht plastisch war. Ich nannte diesen armen Kerl, trotz aller seiner Missgeschicke, die ihm widerfuhren einen Schwätzer, der noch dazu zu viel trank.
Seine sicher ehemalig berufsbedingte, ständige Fragerei holte mich Stück für Stück zurück in die dunkelste Episode meines Lebens. Und dann plötzlich auch wieder dieser Phantomschmerz, bei dem meine Hand erneut zu zittern begann.

Ich dachte, sie wären fort. Meine Rachegefühle für Baumann. Nicht einmal die 5000 Meilen, die uns voneinander trennten, gaben mir meinen Seelenfrieden zurück.
Glücklicherweise konnte ich Ninas Schwangerschaft vorschieben, um diesen Abend jedenfalls für uns vorzeitig zu beenden.
„Was ist mit Dir Stephan?“ fragte mich Nina auf dem Heimweg.
„Ach alles okay. Ganz coole Leute.“ antwortete ich.
„Komm sei ehrlich. Seit einigen Tagen ist doch was.“

„Nein. Was meinst Du?“
„Komm sag es. Ist es wegen damals?“

Eine Weile blieben wir an Ort und Stelle stehen und schwiegen. Der hauchdünne Schweiß auf ihrer Haut durch die feuchtheiße Luft in dieser Nacht verlieh ihrem Gesicht ein ganz besonderen Schimmer. Ich fuhr ihr über das Gesicht, legte meine Hand an ihren Hals und zog sie zu mir heran. Keiner von uns beiden rührte sich auch nur einen Millimeter von der Stelle. Kleine Erinnerungen in unseren Köpfen an die Zeit, als wir uns kennenlernten und wie wir uns seitdem veränderten. Ich liebte sie so wahnsinnig, trotz all des vergossenen Blutes, das auch an meinen Händen klebte.
Halbwegs wieder gefasst holte ich tief Luft und küsste sie einfach auf ihren wunderschönen, roten Mund.

„Ja ist es. Es ist noch nicht vorbei.“ beichtete ich Nina.
„Sag mir doch einfach was los ist.“
„Vor ein paar Tagen. Dieser „Postal Service“.
„Ja und?“
„Er hatte sich nicht in der Tür geirrt.“

Nina bemerkte schon das Stolpern in meiner Stimme und hielt inne. Sie schüttelte ihren Kopf und lächelte. Immer noch hielten wir uns eng umschlungen und sie presste dabei ihren Babybauch gegen meinen Körper.
„Spürst Du es? Es ist unser Kind.“
„Ja, jetzt gerade ganz deutlich.“
„Und über was machst Du dir dann Sorgen?“
„Ja willst Du denn gar nicht wissen wer es war?“
„Doch klar. Ich kann es mir doch denken. Aber dann gehen wir Drei eben irgendwohin, wo er uns nicht mehr finden kann.“
Einmal mehr begriff ich nicht nur, wie sehr ich sie liebte, für ihre Leichtigkeit, sondern auch was für ein besonderes, kluges Mädchen sie doch war.
„Es ist dieser Oberbulle. Wie war nochmal sein Name?“
„Baumann. Kilian Baumann.“ In Gedanken sah ich oft tief sein furchiges Gesicht . So deutlich, als hielte man mir ein Bild direkt vor mein Gesicht.
„Mach dich nicht verrückt.“ sagte Nina sanft.
„Vielleicht hast Du recht.“
„Oder glaubst Du er kommt hierher?“

„Auf jeden Fall weiß er wo wir sind. Wie er das auch immer rausgekriegt hat.“ Später, zu Hause angekommen öffnete ich den Tresor und zeigte Nina das Telegramm. Sie nahm es mir aus der Hand, las es, zeigte sich aber nicht absonderlich beeindruckt.
„Komm, lass uns noch rausgehen.“ schlug Nina vor.
Hand in Hand saßen wir auf unserer Terrasse mit Blick auf den smaragdgrün erleuchteten Pool, der vor uns lag wie ein Spiegel und der bis in den Himmel strahlte. Beide liebten wir diese Abende. Eine leichte Brise von der See, die über das Land hereinzog, strich über unsere Gesichter, spielte sanft dabei mit ihrem Haar und ich genoss in diesem Moment ihre unfassbare Schönheit.

Zurück nach Europa?
Nicht in Ninas Zustand.

Solange mussten wir es schaffen. Das hieß also frühestens ein paar Wochen. Nach der Geburt unseres Kindes und wir wären weg. Und wenn wir uns so ansahen, verabschiedeten wir uns bereits innerlich von unserem Paradies.
„Nina, kannst Du dir das vorstellen?“
„Was kann ich mir vorstellen?“ und blickte dabei in den abendlichen, sternenklaren Himmel.

„Na, ein Leben auf der Flucht.“
„Mit Dir kann ich mir alles vorstellen. Mit Dir und unserem Kind. Das weißt Du doch.“ Ich spürte ihre Hand in meinem Gesicht.
„Wenn es soweit ist. Na ja, wohin sollen wir dann gehen?“
„Von mir aus zum Nordpol.“
„Nein, eindeutig zu kalt.“ Wir lachten und ich nahm sie dabei in meine Arme.
„Vielleicht doch zurück nach Deutschland.“ schlug sie aufgeregt vor.
„Nach Deutschland? Hältst Du das für eine besonders gute Idee?“ fragte ich etwas verwundert.
„Ich könnte dort Kontakte aufnehmen. Zu einer Person, die mir schon mal geholfen hat.“
„Und wer ist diese Person?“
„Du kennst sie.“
„Nein. Sag mir. Wer ist sie?“
„Diese Judith. Und vielleicht noch dieser verrückte Freak. Ja, sein Name ist Lee.“
Für einen Augenblick dachte ich, Nina verlor ihren Verstand und schob es auf die Vorfreude auf unser Kind.
„Judith? Die Flamme von diesem Baumann?“
„Ja warum nicht. Sie ist gar nicht so wie Du denkst. Vielleicht hat sie ein paar Ideen, wie er uns in Ruhe lässt. Wenn Du verstehst, was ich meine.“
„Ausgerechnet Judith. Dann kann ich mich ja sofort dem nächsten Henker ausliefern.“
„Du weißt doch Stephan. Die Waffen einer Frau bewirken manchmal Wunder. Und Baumann ist, wenn auch ein echter Kotzbrocken, auch nur ein Mann. Du verstehst?“
„Ah ja, nur ein Mann. Ich verstehe.“ Etwas wütend über ihre Worte dachte ich, Nina plante tatsächlich unsere erste Beziehungskrise.
„Hey Du.“
„Ich?“
„Ja Du, Wer denn sonst.“
„Ja?“
„Und Du bist mein Mann. Und ich liebe Dich.“

Ich lehnte mich zu ihr herüber, dass es mich fast von der Liege riss und der Cocktail sich fast über meinen Körper ergoss. So doll nahm ich sie in die Arme und presste meine Lippen auf ihren süßen Mund.
„Hey Du. Nicht so stürmisch. Mein Bauch. Oder denkst Du etwa ich vermisse es nicht.“ Wie gerne hätte ich sie jetzt gleich hier und sofort am Pool unter dem Sternenhimmel gefickt. Aber das musste noch ein Weilchen warten. Vorfreude ist die beste Freude. Die Vorfreude auf unser Kind und auf meinen Schatz.
„Apropos Waffe. Hätten wir doch bloß eine Waffe im Haus. Man fühlte sich doch gleich ein wenig sicherer.“
Wieder blinzelte sie mit ihren bezaubernden Augen und lächelte verschmitzt.
„Nein. Du hast doch wohl nicht etwa…?“
„Mmmhhhh, was denn?“

„Du hast doch wohl nicht etwa eine Waffe hier eingeschleust. Völlig unmöglich.“ Nicht zum ersten Mal versetzte sie mich in Erstaunen.
Aber jetzt spätestens wurde mir auch klar, dass ich es allein ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut verdankte, dass auch ich hier war.
„Geh hinauf ins Schlafzimmer und sieh nach wenn Du mir nicht glaubst.“ Ich ging tatsächlich hinauf in die obere Etage des Hauses, betrat das Schlafzimmer und durchwühlte das einzige Gepäckstück, ein schwarzer lederner Rollkoffer, das wir bei unserer Ankunft bei uns hatten.

Nichts.
Doch nach einer gründlichen Kontrolle, versteckt unter einem doppelten Boden lag sie tatsächlich direkt vor meinen Augen. Die Smith & Wesson 357 Magnum, ein schwerer Revolver Kal.38 einschließlich 100 Schuss der dazugehörigen Spezialmunition. In einem ledernen Halfter schlummerte sie zu Hause unter dem Sitz meines Autos , wo ich sie fast vergaß.

„Und Stephan. Fühlst Du dich jetzt sicherer?“ Nina war mir unbemerkt bis zur Tür unseres Schlafzimmers gefolgt.
„Weißt Du was mein Schatz?“
„Nein was?“
„Noch ein Grund mehr, warum ich Dich so liebe.“ Mit verschränkten Armen vor ihrer Brust und einem strahlendem Gesicht sah sie mich an. Wie weggetreten schnappte ich mir den Revolver und lud ihn mit der dazugehörigen Gasdruckmunition. Mich überkam ein mulmiges Gefühl.

„Und was jetzt Stephan?“
„Was meinst Du?“
„Na ja, wirst Du ihn benutzen wenn es soweit ist?“
Wer kannte sie nicht. Geschichten von Menschen, die zu Mördern wurden. Und Nina und ich kannten unsere Geschichte.
Niemand von uns Beiden mochte Baumann. Wir ließen uns gehen, berauschten uns an unseren Rachegedanken. Zusammen wären wir unschlagbar und Nina mutierte zu meinem Engel des Todes.
„Wir werden keine Ruhe vor ihm haben bis wir ihn erledigen.“
Nina fiel mir ins Wort.
„Liebst Du mich?“
„Natürlich liebe ich Dich mein Schatz.“
„Dann lass es uns tun.“
„Was?“
„lass uns mit ihm und mit dem ganzen Haufen abrechnen.“

Mit Rücksicht auf Ninas Babybauch zog ich sie vorsichtig an ihren Armen von der Tür zur Bettkante. Unersättlich wurden wir ein Teil unserer Körper. Ihr wilder Lustschrei drang durch das weit geöffnete Fenster in die Dunkelheit. Mein Glied begann in ihr zu stoßen bis wir erschöpft Arm in Arm nebeneinander einschliefen. Neben uns die Smith & Wesson 357 Magnum.

Ein paar Wochen später war es dann soweit. Bei Nina setzte die Wehen ein. An einem tropisch heißen Nachmittag alarmierte ich den Notarzt und Nina wurde in das George Town Hospital Grand Cayman eingeliefert. Noch in der selben Nacht gebar sie ein Mädchen. Und wir nannten sie tatsächlich Emily. Obwohl mein Herz drohte, vor Freude wie eine Glaskugel zu zerspringen, wusste ich auch das der Tag bald gekommen wäre. Der Tag unserer Abreise zurück nach Deutschland.
„Geh jetzt Stephan. Bereite alles vor. Bald sind wir wieder bei Dir.“ gab mir Nina mit auf den Weg.

„Ich erwarte Euch. Bis bald. Ich liebe Dich.“
Und tatsächlich signalisierte Tage später der Hausalarm, dass Nina mit unserer kleinen Emily vor der Tür stand. Der freundliche Taxifahrer der „Grand Cayman Island Taxi Tours“ beglückwünschte uns und verschwand. Wir verbrachten schöne Stunden und erholsame Abende nach all der Aufregung, verabschiedeten uns von dem Colonel und seiner Frau und sogar der ehemalige FBI-Agent reichte uns die Hand.

Und zwei Tage später, früh abends, bestiegen wir den Airbus A380 der Grand Cayman Airlines in Richtung Flughafen Schiphol Amsterdam. Während sich die freundlichen Stewardessen der Business-Class hervorragend um uns und um unsere kleine Emily kümmerten, nutzten entweder Nina oder ich die Zeit für ein paar Stunden Schlaf. An den natürlich mal wieder nicht, und wäre es nur für ein paar Minuten, zu denken war. Von Stunde zu Stunde näherten wir uns dem europäischen Kontinent. Mit weit geöffneten Augen verfolgte ich die Flugroute auf dem Monitor. Nina und die Kleine an meiner Seite schliefen derweil den Schlaf des Gerechten. Dank der hervorragenden Flugbegleiterinnen, die fast minütlich nach ihr und vor allem der kleinen Emily sahen.
Für mich dagegen näherte sich mehr und mehr die Stunde unserer Abrechnung. Und dieses mal sollte Baumann die Kehrseite der Medaille kennenlernen.
Nina weckte mich, rüttelte heftig an mir.

„Hey anschnallen. Wir gehen schon runter.“ Waren mir dann also doch irgendwann die Augen zugefallen?
„Ja scheint so. Wir sind da.“ entgegnete ich mit flimmerndem Blick.
Sanft setzte der Koloss auf der Landebahn auf und rollte gemächlich auf das nächste Terminal zu. Jetzt hieß es nur noch ungehindert durch den Zoll und durch die Passkontrolle zu kommen. Noch am selbigen Tage, trotz des einsetzenden Jetlags, begaben wir uns mit einem Leihwagen in Richtung Deutschland. Nach ein paar weiteren Stunden Autofahrt mit ausreichenden Pausen und einer Menge Koffein erreichten wir sie dann.

Unsere Stadt.

Kurz nach dem Überqueren der Stadtgrenze stoppte ich den Wagen am rechten Rand der Straße. Friedlich und auch wieder auf eine uns bekannte Art und Weise bedrohlich, lag sie in der Ferne vor uns.
„Was tust Du Stephan?“
„Vielleicht erstmal ein Hotel.“ antwortete ich.
„Ja, Eine gute Idee. Emily muss ins Bettchen. Sie wird schon ganz unruhig.“
„Und wir Beide müssen uns für ein paar Stunden trennen.“
Beklemmend, wie das triste Wetter, aber auch das alte Industriegelände, das bei einem Blick durch das rechte Seitenfenster zu erkennen war, spürte ich schon seine Nähe.

Doch zunächst beschloss ich Nina und die Kleine sicher im besten Hotel der Stadt
unterzubringen.
Wie lange würde es diesmal dauern, bis ich Baumann ein zweites Mal unter die Augen trat.
„Sei vorsichtig Stephan. Hast Du sie bei Dir.“
„Meinst Du die Kanone?“
„Ja.“
„Unter dem Sitz. Habe sie bei unserer letzten Rast aus dem Koffer geholt.“ Ich brachte die Beiden noch bis auf ihr Zimmer, wo sie für ein paar Tage in Sicherheit waren und es ihnen an nichts fehlen würde.
Gegen ein üppiges Trinkgeld versprach der Portier gelegentlich nach dem Rechten zu sehen. Ich schätzte, der Typ verstand auf Anhieb, was ihm widerfahren würde, wenn jemand versuchte, Nina und der Kleinen auch nur ein Haar zu krümmen.
Vielleicht war es ein Fehler, hierher zurückzukommen. Geld hatten wir doch mehr als genug, um woanders, egal wo auf diesem Globus, neu anzufangen. Doch egal wo auch immer. Baumann würde uns jagen bis an das Ende der Welt.
Ich umarmte Nina und gab der kleinen Emily eine Kuss auf ihre winzige, süße Stirn. Dann zog ich die Tür des Hotelzimmers langsam hinter mir zu, verließ ruhigen Schrittes das Hotel und die Jagd hatte begonnen.
Langsam, aber auch fest entschlossen, es zu Ende zu bringen, begab ich mich ein zweites Mal auf Baumanns Spur.
**

Judith lag mit Knebel und Handschellen gefesselt bäuchlings auf meinem Bett und biss fest in den Knebel, als ich das Paddel auf ihren Hintern sausen ließ.
„HHMM MMHH“
„Das war kein deutliches Dankeschön!“
Das Paddel klatschte ein weiteres Mal auf ihren Hintern.
„DDANNPPEE“
„Das müssen wir noch üben.“
DING DING DING
Irgendjemand läutete Sturm.
Ich ignorierte das läuten und kümmerte mich wieder um Judith. „Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, beim Danke sagen.“
DING DING.
Zusätzlich hämmerte jemand laut gegen die Tür.
„BAUMANN!“ tönte Milewskis Stimme. „Mach auf! Es ist wichtig!“
„Verdammt.“ Fluchte ich. „Bleib schön liegen. Das dauert nicht lange, bin gleich wieder da.“ Ich warf eine Decke über Judith und sprang in meine Shorts.

Wieder hämmerte Milewski gegen die Tür.
„Ich komme ja!“ rief ich und schloss die Tür auf. Ohne zu warten stieß Milewski die Tür auf und kam mit Jansen in meine Wohnung.
„He, auch ich hab ein Privatleben.“
„Du sitzt in der Scheiße!“ sagte Milewski.
„Da sitze ich dauernd und trotzdem hatte das immer Zeit bis morgens.“
„Kannst du mal die Klappe halten und zuhören?“
„Also schön.“ Ich wies mit dem Kopf zum Tisch und wir setzen uns. „Also was ist es diesmal?“
„Keller hat von eurem Besuch nachts in der Werkstatt erfahren. Er hat es in irgendeinem der vielen Protokolle gefunden und will dir ans Leder!“
„Ach ja, und wie will er das machen? Keiner der in der Werkstatt war, lebt noch. Da steht es nicht mal Aussage gegen Aussage.“
„Bist du wirklich so blind? Oder ignorierst du einfach die Zeichen?“

„HHMM HHMM“ Kam es vom Bett.
Milewski und Jansen drehten den Kopf und sahen wie sich Judith unter der Decke bewegte.
Ich warf Jansen den Handschellenschlüssel zu und die ging zum Bett. Sie hob die Decke etwas an und sah darunter. Mit einem Seufzen löste sie die Handschellen und achtete darauf, dass die Decke nicht von Judith herunterrutschte.
„Danke keuchte Judith als sie sich den Knebel aus dem Mund genommen hatte. Schnell sammelte sie, mit der Decke um sich gelegt, ihre Kleider und verschwand im Bad.
Jansen warf mir den Handschellenschlüssel wieder zu und setzte sich wieder.
„Jansen hat mir von eurer Übereinkunft berichtet. Was hast du dir dabei gedacht? Du lässt einen Mörder laufen, um den Kiez zu übernehmen? Himmel KB was ist in dich gefahren?
„Ich will einen Krieg auf dem Kiez verhindern. Solange die Idioten sich gegenseitig umbringen, ist mir egal wer von denen ins Gras beißt, aber ich befürchte, dass es auch Unbeteiligte trifft. Dem will ich ein Riegel vorschieben.“

„Jetzt erklär ich dir mal was geschieht!“ setzte Milewski an.
„Der Kiez interessiert keinen. Keller und Schneider werden sich deinen neuen Freund schnappen und ihn solange bearbeiten, bis er ihnen das gibt was sie wollen. Sie werden ihm Straffreiheit garantieren und er wird nicht zögern dich in die Pfanne zu hauen.“
Judith war angezogen aus dem Bad gekommen und setzte sich zu uns an den Tisch.
„Ich hab dein Team erstmal auf Tauchstation geschickt und ich erwarte, dass du den Kopf für sie hinhältst. Schließlich war es deine Idee Fingerdomino zu spielen.“
Milewski stand auf und ging zur Tür raus. Ich saß schweigend da und hätte am liebsten irgendetwas kaputt geschlagen.
„Ich fasse es nicht! Da räumt man ihnen das ganze Gesocks weg und dann treten sie dir in den Arsch!“ fluchte ich.
„Das nennt sich Politik. Sie nutzen deinen Erfolg um sich zu profilieren und setzen noch einen darauf und ihre eigenen Karieren anzuschieben.“ Belehrte mich Judith.
„Ich hasse Politik! Das ist Bullshit!“ ich sah Jansen an. „keine Sorge, ich reite keinen vom Team herein.“
„Ich mach mir keine Sorgen. Ich bin genauso angepisst wie du. Am liebsten würde ich Keller in den Arsch treten.“
„Hört mal, ich sehe eine Möglichkeit.“ Warf Judith ein. Hier geht es um Politik. Zufällig bin ich Expertin, was Politik angeht. lasst uns die Politik nutzen.“

„Und wie soll das gehen? Neun-Finger-Steph wird Kellers Angebot danken annehmen und sich mit dem Geld absetzen.“
„Er weiß doch nichts von dem Angebot…“
„Du willst ihn laufen lassen? Einfach so?“
„Nein, ich will Keller die Tour vermasseln. Wenn Steph nicht mehr da ist, kann er keinen Handel mit ihm abschließen.“
„Der Kerl hat kaltblütig eine Frau erschossen und soll ungestraft davonkommen? Scheiße ich hätte ihn umlegen sollen als ich die Gelegenheit dazu hatte!“
„Kilian, Steph wird sich ein schönes Leben machen, so oder so. Die Frage ist nur, bist du später noch Bulle um die Bande am Arsch zu kriegen, oder nicht!“
„Darf ich auch eine Frage stellen?“ wollte Jansen wissen. „Wie bekommen wir ihn los?“
„Ich weiß wo seine Freundin wohnt, ich fahre hin, gebe ihr einfach eine Spritze mit Kochsalzlösung, sage ihr ich hätte ein schlechtes Gewissen, und sie sollen abhauen. Ich gehe jede Wette ein, die verschwinden sofort, ohne Fragen zu stellen.“
„Scheiße ist das!“
„Nein warte mal, KB.“ Hob Jansen die Hand. „Da kommt noch mehr, oder?“
Judith grinste. „Ja, das ist erst der halbe Plan. Wenn die Scheiße auf dem Kiez explodiert, werden sie dir nicht die Schuld geben können. Keller und Schneider werden sich gegenseitig zerfleischen. Wir warten in Ruhe ab, bis sich ein neuer starker Mann auf dem Kiez etabliert hat, dann schlagen wir zu.“
„Und wie?“

„Wir holen Stephan zurück und warten was geschieht.“
Das hörte sich gut an, hatte aber einen Haken. Wieso sollte Stephan zurückkommen?
„Weil du ihn dazu bringen wirst. Wir werden wissen wo sie sind und irgendwann, wenn er glaubt, die Sache wäre ausgestanden, schlagen wir zu.“
„Judith, du bist ein hintertriebenes, und abgrundböses Mädchen.“
„Hintertrieben, ja. Schließlich bin ich Doktor der Politikwissenschaft. Hintertrieben sein, gehört zur Politik.
Böse bin ich auch, aber eines bin ich ganz sicher nicht. Ein Mädchen!“

**
Es kam genauso, wie Judith es vorhergesagt hatte.
Stephan und seine Perle nutzen die erste Gelegenheit die sich bot um abzuhauen. Schon einen Tag nachdem Judith Nina besucht hatte, waren die beiden im Flieger zu den Caymans. Kaum zu glauben, dass die beiden tatsächlich glaubten, eine Spritze könnte den Sender neutralisieren, den wir Nina gespritzt hatten. Aber da zeigte sich wieder, dass Gangster nicht so clever sind wie sie glaubten.
Hier ging es schon bald zu Sache. Kaum ging der Machtkampf auf dem Kiez los kochten die Gemüter über. Jetzt rächte es sich für Keller, dass er sich als Sieger präsentiert hatte. Sein Kronzeuge, der mich als Sündenbock präsentieren sollte, war weg und er konnte nicht mehr mit dem Finger auf mich zeigen. ( Ein Wortspiel das mir sehr gut gefiel).
Nachdem die ersten Schüsse auf Rivalen abgegeben wurden und dabei auch ein Tourist verletzt wurde, versuchte Keller den schwarzen Peter an Schneider weiterzugeben.
Doch der hatte sich als Kandidat bei der Senatswahl aufstellen lassen und war darüber überhaupt nicht amüsiert. Was folgte war ein typisches hin und her der „Wer ist schuld Frage“.
Einer blieb außen vor, ich! Wir die „Helden der Straße“ hatten spektakulär mit den Verbrechern aufgeräumt. Zumindest sah es die Öffentlichkeit so.
Dennoch brodelte in mir eine große Portion Hass! Erstens auf das verlogene Verhalten von Keller und Schneider und zweitens stank es mir noch immer gewaltig, dass Stephan sich ein schönes Leben machte und nicht in einer Zelle vor sich hin schimmelte!
Doch Geduld. Bis jetzt hatten sich Judiths Vorhersagen immer bewahrheitet.
Also Abwarten, KB.

**
„Hallo KB.“ Meldetet sich Schaller am Telefon. Milewski hatte wie, er gesagt hatte das Team aufgeteilt, aber in Reichweite gehalten. Schaller kümmerte sich wieder um dass, was er am besten Konnte. Illegales Geld.
„Na, wie war dein Briefing neulich mit dem Minister?“ fragte ich ihn.
„Öde und unbefriedigend, wie immer. Du wolltest doch wissen, wenn sich etwas auf einem bestimmten Konto tut. Es ist so weit.“
„Sie kommen tatsächlich zurück?“
„Jedenfalls haben sie das Konto auf den Caymans ziemlich leer geräumt und ein weiteres Konto eröffnet, von dem sie auch aus Deutschland aus zugreifen können.“
„WOW, kommst du an dieses Konto heran?“
„Ist ein Ball rund? Es ist zwar etwas illegal, aber sauberes Geld ist es schließlich auch nicht. Ich meine, was soll unser Freund sagen? „Die haben mein Drogengeld gestohlen“! wohl eher nicht.“
„Gut, behalte die Sache im Auge, wir warten, bis wir sie im Sack haben.“
„Alles klar, Boss.“

**
Ich saß da und grinste in mich hinein. Wenn das älter werden etwas Gutes hatte, dann den Umstand, dass man lernte Geduld zu üben. Im Laufe der Monate, die ins Land gegangen waren seit jener Nacht, hatte sich einiges geändert.
Der Zynische KB war noch immer da, doch er war kein einsamer Wolf mehr. Eine Wölfin die völlig andres war als ich, war zu meiner festen Begleiterin geworden.
Auch mein Team gab es noch. Berger und Schaum waren bei der Drogenfahndung, Jansen, Kammer, Wagner und Delling kümmerten sich um das Rotlichtmilieu, Graling war Gruppenleiter und Schaller bei den Finanzen. Doch untereinander waren wir noch immer eng miteinander vernetzt.
Als der Kampf auf dem Kiez begann, rückten wir wieder zusammen. Wir alle wussten, dass es irgendwann zu einer weiteren Auseinandersetzung kommen würde und warteten. Allem Anschein, war die zweite Runde gerade eingeläutet worden, also informierte ich meine Freunde, dass Stephan tatsächlich auf dem Weg nach Deutschland war.

**
„Sie sind gelandet.“ Informierte mich Kammer. Sie hatte am Flughafen gewartet und hängte sich an Stephans Fersen.
„Übrigens, sie sind zu Dritt.“
„Zu dritt?“
„Die Frau hat ein Kleinkind dabei.“
Ohh Stephan… Da hängst du aber mächtig in der Scheiße. Aber das ist dein Problem, nicht meines.
„Sie Checken im Hotel ein.“
„Hat er das Paket dabei?“
„Die Jungs vom Zoll sagen ja.“
„Ok, bleib vor Ort. In zwei Stunden löst dich Wagner ab.“
„Hör mal KB, so wie es aussieht, bin hier nicht die einzige, die ein Auge auf die beiden hat. Hier sind zwei Typen vom Schreier.“
Aha, also hatte der neue König des Kiez, Erik Lands, genannt der Schreier, auch mitbekommen, dass ein alter Freund von Sorokin wieder ins Land kommt. Das könnte interessant werden.
„Verstanden, warte auf Delling und bleib da. Wenn Delling da ist, kann er gegebenenfalls Stephan folgen.“
dass Stephan Delling wiedererkennen könnte, machte mir keine Sorgen. Delling hatte sein Äußeres komplett geändert. Selbst ich hätte ihn so, ein gutes Jahr später, nicht mehr erkannt.
**

„Stephan verlässt das Hotel. Er geht zu Fuß in Richtung Innenstadt.“
„Nimmt er den Weg durch den Park?“ fragte ich Delling, der Kammer mittlerweile abgelöst hatte.
„Kann ich noch nicht sagen. Doch er nimmt den Weg durch den Park.“
Na dann mein Freund, das wird ein tolles Wiedersehen. Grinste ich in mich hinein.
„Baumann, hier ist was los!“ rief Kammer. „Schreiers Leute gehen ins Hotel.“
„Verstanden. Delling pass auf, er kehrt vielleicht um.“
„Ok, ich halte Abstand.“
Nervenaufreibende 10 Minuten kam keine Meldung, weder von Kammer, noch Delling.
„Scheiße Schreiers Schlägertruppe verlässt das Hotel. Sie haben das Kind dabei!“
„Sieh nach der Frau! Was macht Stephan?“
„Er geht weiter in Richtung Park.“
Wieder hieß es warten…
„Ich bin im Zimmer.“ Kam Kammers Stimme. „Die Frau ist lädiert und bewusstlos, lebt aber. Sollen wir uns die Schläger schnappen?“
Ich überschlug meine Möglichkeiten. Schreier war viel, aber ein Kindermörder? Nein! Hier ging es darum Stephan herauszulocken.
Das würde Stephan zu meinem Verbündeten machen. Diesmal hatte er gar keine andere Wahl. Oh Stephan, das wird ein wirklich schönes wiedersehen wenn auch völlig anders, als du dir vorstellen kannst.

„Er ist im Park.“
Gut, dann werde ich ihn mal überraschen.
„Ich bin am Südeingang, welche Richtung?“
„Er geht Richtung Hauptbahnhof.“
Sehr gut, dann würde er Richtung Ostausgang gehen. Dunkel und mit vielen Bäumen, ein guter Weg um nicht gesehen zu werden.
Ich lief los bis ich den richtigen Weg erreicht hatte und ging Stephan langsam entgegen.
Sonst war um diese Uhrzeit keine Sau unterwegs und ich suchte mir eine gute Stelle aus, die nur unzureichend beleuchtet war.
Da kam er.
Langsam aber zielstrebig ging er Richtung Bahnhof. Ich blieb hinter einem der Bäume stehen und wartete, bis er vorbeigegangen war.

„Na wenn das nicht mein Freund Neun-Finger-Steph ist.“
Stephan wirbelte herum und starte mich an.
„So sieht man sich wieder.“ Meinte ich und ging auf ihn zu.
„BAUMANN!“
„Ja, so heiße ich.“
Er griff unter seine Jacke und zog eine Waffe, die er auf mich richtete.
„Was denn, begrüßt man so einen guten alten Freund?“
„Wir sind keine Freunde, ich bin nur hier um dich umzulegen!“
„Und dafür schleppst du Frau und Kind mit?“
Das erste unsichere Aufblitzen war in seinen Augen zu sehen.
„Umlegen… und das nach allem, was ich für dich getan habe. Ich hab dir den Thron des Kiez angeboten und du haust einfach ab… Sag mal, spürst du den Finger noch?“
„Du mieses Schwein!“

Ich ging einen Schritt weiter und sah das leichte Zittern, seiner Hand, welche den Revolver hielt. Es war ein Smith & Wesson 357 Magnum.
„Oh eine Smith & Wesson 357 Magnum. lass mich raten, die hat deine Perle besorgt, mit genau 100 Schuss Munition.“
Jetzt war er wirklich verunsichert.
„Du ziehst neben einen FBI Bullen und glaubst wirklich du könntest dich mir entziehen? Stephan, also wirklich, als Gangster bist du allenfalls Mittelmaß.
Mit der Knarre erschießt du keinen.“
Jetzt wurde es spannend.
Wutentbrannt sah er mich an und drückte ab!
KLICK
So, jetzt war ich sauer! Er hatte es tatsächlich versucht!
Zwei Schritte brachten mich vor ihn und er bekam meine Faust ins Gesicht. Als Zugabe versetzte ich ihm noch einige Schläge in den Rumpf. Schließlich lag er keuchend auf dem Boden.
„Beim letzten Mal hast du anscheinend nicht richtig zugehört. Also erkläre ich es dir nochmal. Ich will den Kiez kontrollieren.
Um dich auf den neusten Stand zu bringen: Der neue starke Mann auf dem Kiez ist Erik Lands, genannt der Schreier. Er hat Milicics Erbe angetreten und Sorokins Männer zum Teufel gejagt. Ich mag ihn nicht und du wirst ihn für mich fertig machen.“
„Leck mich!“ keuchte Stephan der am Boden lag.
„Tja, diesmal wirst du es dir sicher anders überlegen. Schreier weiß das du hier bist. Und während du hier durch den Park geschlendert bist, haben seine Männer deine Nina besucht. Meine Leute vor Ort sagen, dass sie etwas mitgenommen haben. Was das wohl war?“
Jetzt wurde Stephan richtig blass. Ich riss ihn vom Boden und schubste ihn auf eine Bank.
„Ich will Schreier und du willst sicher dein Kind wiederhaben, also überlege es dir gut, ob du wieder eine Waffe auf mich richtest, du brauchst mich!“
Zum Abschied gab ich ihm noch einen Faustschlag in den Magen.
„Wir sehen uns.“
**

Ich versuchte die verdammten Schmerzen in der linken Hand irgendwie zu überspielen. Sie einfach zu ignorieren. Na ja, mindestens erinnerten sie mich ständig daran, warum ich wieder hier war. Allen Warnungen zum Trotz hier in dieser miefigen Stadt, die ich tatsächlich einmal als meine Heimat bezeichnete.
Doch meine Heimat? Unser zu Hause?
Wo ist das?
Ich vermutete dort, wo wir endlich in Frieden zusammenleben würden. Nina und ich und jetzt auch unsere kleine Emily.
Es war das Versprechen, das ich Nina gab, ihn zu stoppen. Wenn es sein müsste, ihn sogar für immer zu erledigen.
Fort mit dem Kerl für alle Zeiten.
Einfach ausgelöscht. Eben nur ein weiteres Opfer auf meiner Skala.
Kilian Baumann, der Leiter der hiesigen Sonderkommission der Kripo. Mein Jäger und ich sein Gejagter.
Draußen auf dem Bürgersteig, direkt vor dem gläsernen Portal des „Crowns“ fegte ein raues Lüftchen allerhand herumliegendes Zeug von einer Ecke zur Anderen. Ich schlug meinen Kragen hoch und griff dabei tief unter meine Jacke.
Sofort spürte den ledernen Halfter und den kalten Stahl der Magnum Kal.38mm, die ich unter ihr verbarg. Dazu in jeder der Seitentaschen meiner Jacke jeweils 20 Schuss der tödlichen Gasdruckmunition.
„Mmmhh…sicher ist sicher.“ dachte ich.
Ich hätte also genug Patronen, um die Kanone gleich zweimal nachzuladen. Käme es wirklich zu einer handfesten Schießerei mit Baumann und seinen Leuten.
„Zum Teufel nochmal Kohle!“ schoss es mir rechtzeitig durch den Kopf.
Verdammt, daran hatte ich nicht gedacht. Auf dem Kiez gab es nur eine Währung und die hieß Euro und es galt eine feste Regel. – Gezahlt wurde in bar. –
Ja, der Kiez. Mein erstes Ziel an diesem Tage.
Doch erstmal, auf dem Fuße, machte ich kehrt und betrat erneut das prunkvolle Foyer unserer Edelabsteige.
„Guten Morgen. Haben Sie einen angenehmen Aufenthalt?“ Es war Vincent, der Portier, der hier bereits seit unserer Ankunft seinen Dienst schob.
„Guten Morgen Vincent.“ begrüßte ich ihn ein wenig frech grinsend.
Ob ich ihn nach seinem Namen fragte?
Na, wohl kaum.

Es war das blankpolierte, messingfarbene Namensschild auf seinem Jacket, dass ihn mir verriet.
„Vincent, ich gebe ihnen einen gedeckten Scheck über 5000 Euro. Und sie zahlen mir das Geld jetzt hier und gleich aus?“
„Selbstverständlich, der Herr. Es dauert sicher einen Augenblick. Bitte wenn Sie solange einen Moment dort drüben in der Sitzgruppe Platz nehmen möchten. Ich schicke ihnen sofort den Kellner.“
Mit freundlichem Akzent in seiner Stimme, griff der Typ zum Telefon und begann irgendwas herumzufaseln.
„Einen Kaffee für Sie, der Herr?“ klang eine freundliche weibliche Stimme.
„Danke ja. Sehr gerne.“ antwortete ich.
Eine attraktive Mittdreißigerin, ebenfalls gekleidet in feinster Garderobe des Hauses, lächelte mit charmanten Blick.
Es dauerte wohl doch ein Weilchen, bis mich Vincent, der Portier, für ein paar Autogramme an die Rezeption bat.
„Wir bitten, die Wartezeit zu entschuldigen. Aber die „Bank of Cayman Islands“ hat uns soeben per Fax bestätigt, dass das Geld ausgezahlt werden kann.“
„Das freut mich Vincent. Dann tun Sie es.“ forderte ich ihn auf, während auf jedem unzähliger Formulare mindestens dreimal meine Unterschrift benötigt wurde.
– Scheiß Papierkram. Nicht meine Welt –
Er bat mich in einen Diskretionsbereich abseits der Rezeption und begann, leicht blass um seine Nase, zu blättern.
„Und genau 5000 Euro in bar. Bitte sehr der Herr und einen schönen Tag.“
„Danke Vincent. Und wissen Sie was das ist?“ fragte ich den netten Typen, während ich das Geld in meiner Jacke verstaute.
„Ich nehme an der Herr, dass sind 200 Euro.“ antwortete er und grinste.
„Richtig Vincent. Es sind 200 Euro. Und jetzt gehören sie Ihnen. Die Superior- Suite. „Verstanden Vincent?“
Der Bursche war wirklich keine Napfsülze wie diese anderen Hotelfiguren. Er begriff auf Anhieb und ohne zu zögern, mit prüfenden Blick um sich, verschwanden die Noten in der Hosentasche seines Fracks.

„Möchten Sie, dass wir ihren Wagen vorfahren lassen?“
„Nein Danke. Das Wetter ist offen. Ich glaube, ich gehe zu Fuß.“ Einfach ein netter Kerl, und erst recht, wenn man wusste, womit man diese Laufburschen ködern konnte.
Ich dagegen machte mich auf den Weg.
Geradewegs herunter zum Kiez. Um etwas Zeit zu gewinnen und sei es nur für ein paar Minuten oder eine Stunde, nahm ich einen kleinen Umweg durch den Park in Kauf. Stellte mir Baumann bereits eine Falle, in die ich geradewegs hineinzutappen drohte?
Ich machte mir da nichts vor und ging besser felsenfest davon aus, dass er bereits wusste, wie zum Teufel auch immer, dass wir wieder im Land und somit in der Stadt waren. Es beruhigte mich, Nina und die Kleine in Sicherheit zu wissen.
Allmählich brach die Dämmerung über die Stadt. Gleich nach dem es dunkel würde, wäre meine Stunde gekommen, dort aufzuschlagen. Mein erster Gedanke war das Mädchen, die mir schon mal aus der Scheiße half. Na ja, wenn jemand etwas Neues wusste, dann ganz sicher sie.
Mein Weg führte mich direkt in den Sperrbezirk der Meile, wo sie sicher gerade auf und ab schlenderte und auf ihren nächsten Freier wartete, der sie dann für nicht mehr als ein Taschengeld durchfickte. Nur schon beim Gedanken an diese Schnorrer überkam mich nackte Wut und blanker Hass. Die Vorstellung, einem dieser Kerle das Gehirn herauszupusten, brachte mich vorerst zurück auf den Boden der Tatsachen.
„Hey Nela, erinnerst Du dich?“ Noch bevor wir uns hier an der gleichen Stelle vor gut einem Jahr trennten, verriet sie mir noch ihren Namen.
„Ja?“ Mit prüfendem Blick über ihre rechte Schulter und großen graublauen Augen sah sie mich an.
„Und? Erkennst Du mich wieder?“ hakte ich nach.
„Ka klar. Du bist doch der Typ der diese Frau gesucht hat? Stimmts?“
„Ja genau der bin ich.“
„Und hast Du sie…? Hey Du, komm erstmal mit hoch. Läuft gerade mal wieder beschissen.“
Ich freute mich sie wiederzusehen. Hatte ich doch noch nicht die Möglichkeit, ihr für das letzte Mal zu danken. Ich erzählte ihr die Geschichte von Nina und mir, von unserer Flucht in die Karibik, von Baumann und natürlich von unserer kleinen Emily.
„Hey WOW! Dann hast Du jetzt eine Familie.“
„Ja. Aber die Sache ist verdammt ernster als ich dachte.“
„Und was spiele ich da für eine Rolle?“ fragte Nela schließlich.
„Dieser Baumann will mich um jeden Preis.“ erklärte ich.
„Und jetzt willst Du ihm fertig machen?“ Fragend blickte sie mich an und ich nickte stumm.

Nela versorgte mich mit dem brandneuen Gemunkel vom Kiez. Der neue, starke Mann an der Spitze war also ein gewisser Eric Lands, dem man den Spitznamen „Der Schreier“ verpasste. Er übernahm nach der Festnahme von Sorokin und Milicic in kürzester Zeit im Alleingang alle Geschäfte. Wie man spekulierte, gehörte ihm inzwischen fast jede Bar und jeder Club. Selbst residierte dieser Lands im „Eros Center“, wo für ihn und seine Leute allabendlich ein Tisch dauerreserviert war. Der Kerl galt als außergewöhnlich hemmungslos und brutal. Bei einer Schießerei vor einigen Wochen gab es sogar Tote. Die Meisten davon gehörten zu den ehemaligen Leuten von Sorokin und ein paar zu Milicic.
„Und was wirst Du jetzt tun?“ fragte Nela und schenkte mir einen zweiten Becher Kaffee ein.
„Ich werde versuchen Baumann zu finden.“ Angestrengt blickte ich dabei zur Decke ihres Zimmers.
„Und wenn Du oder er Dich gefunden hat.?“
„Dann hoffe ich für ihn, dass es nicht zum Äußersten kommt.“
„Du meinst, Du würdest ihn wirklich umnieten?“ Ich spürte Nela dicht hinter mir, ihre Arme auf meinen Schultern.
„Wenn er mir keine andere Wahl lässt?“
„Und dann?“ Nela lächelte und strich mir durch das Haar. Ich umarmte sie und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf ihre rechte Wange.
„Dann schnappe ich mir Nina und das Kind und wir sind fort. Aber diesmal für immer.“
„Und ich?“ klang ihre Stimme ganz sanft.
„Und Du Nela?“ entgegnete ich.
„Ja ich.“
„Danach bist Du endlich frei. Ich schwöre es Dir.“ Gefasst holte sie tief Luft und lächelte. Ihr Gesicht strahlte und fast hätte ich sie am liebsten geküsst.
Es war spät. Auf dem schnellsten Wege wollte ich zurück ins Hotel. Das Nina schon seit einiger Zeit meine SMS auf ihrem Handy nicht beantwortete, besorgte mich auf eine sehr unangenehme Art und Weise.
„Du, ich muss jetzt gehen Nela. Aber dieses mal komme ich wieder.“
„Versprichst Du es?“
„Ich verspreche es.“ Ich nickte mit meinem Kopf, erhob mich vom äußersten Rand ihrer üppigen Spielwiese und zu unserem Abschied umarmten wir uns.
„Warte, das ist noch was.“ Neugierig drehte ich mich zu ihr herum.
„Ja?“
„Sie suchen einen Mann. Die Leute von diesem Lands.“
„Ja und? Wer ist dieser Mann?“
„Ich weiß es nicht so genau. Einige nennen ihn „Neun-Finger-Steph.“
Ich erschrak. Das war eindeutig Baumanns Handschrift, die sich dahinter verbarg. Ich zeigte Nela meine Hände und wir lachten. Nela war ein hübsches Mädchen, nicht nur wenn sie lachte. Ein letztes Mal umarmten wir uns. Sie begleitete mich noch bis auf die Straße. Und ohne einen Blick zurück verschwand ich in der Dunkelheit.
Ich sehnte mich bereits nach meiner kleinen Familie, die sicher schon seit Stunden auf mich wartete. Zur Sicherheit auf Umwegen, durch dunkle Seitenstraßen, vorbei an dubiosen Lokalen aber auch feinen Restaurants erblickte ich endlich den hellerleuchteten Eingang des „Crowns“.
Nicht ganz so, wie ich es mir eigentlich vorstellte, aber der erste Schritt war getan. Vincent, der Portier, der wohl offensichtlich nichts anderes kannte als seinen Hoteljob, gab mir das Zeichen.
An seiner grinsenden Visage erkannte ich, dass niemand hier war und nach uns fragte. Der Kerl rieb sich herausfordernd die Hände und strahlte über das ganze Gesicht.
Ich verstand.
„Gute Nacht Vincent.“

Ich reichte ihm die Hand und eine weitere 100 Euro Banknote verschwand blitzschnell in der Tasche seiner frischgebügelten Hose. Mit der Schlüsselkarte öffnete ich die Zimmertür. Während die kleine Emily schon schlief, räkelte sich Nina bereits seit Stunden halbnackt auf dem riesigen Hotelbett. Ich spürte es bereits an meinem mächtig herangewachsenen Schwanz, wie hinreißend sie aussah und wie sehr ich sie liebte. Mit einem Kuss zur unserer Begrüßung und ohne ein Wort landeten meine Klamotten in jeder Ecke und jedem Winkel des Zimmers.
Vorsichtshalber, mit Rücksicht auf unseren kleinen Schatz, entlud ich die Magnum 357 Kal.38mm und steckte sie zurück in den Halfter.
Erwartungsvoll rückte Nina ein Stück zur Seite und während ich langsam auf der Matratze des Bettes versank, schloss ich sie auch schon in meine Arme, so dass sich ihre wohlgeformten Brüste an mich herandrückten. Noch ehe ich ihren Kuss erwidern konnte, griff sie an meine aufrecht stehende Lanze und versank sie in ihrer warmen, feuchten Lustgrotte. Mit immer härter werden Stößen hämmerte ich auf sie ein, bis mein Schwanz bei einem pochenden Orgasmus fast drohte zu explodieren. Vorsichtig legte ich ihr meine Hand über ihren süßen Mund, damit die Kleine durch ihr Gestöhne und ihren Lustschrei nicht geweckt wurde. Nach einer herrlichen zweiten Runde lagen wir erschöpft mit dem Rücken auf dem Bett.
Als hätte Nina es geahnt, dass ich auf dem Wege zu ihr war. Gerade noch rechtzeitig orderte sie den Zimmerservice und so genossen wir nach unserer wilden Rammlerei noch die verschiedensten asiatischen und orientalischen Köstlichkeiten und schlürften den teuersten Sekt des Hauses. Keine Ahnung, wie man so was essen konnte, aber es schmeckte einfach köstlich.
„Und sag Stephan. Hast Du ihn getroffen?“ fragte Nina zunächst etwas zaghaft.
„Du meinst diesen Baumann?“
Ich erzählte ihr die Geschichte von Nela und war mir sicher, dass sie das Leben dieses Mädchens beeindruckte.
„lass ihn doch einfach laufen. Und dann lass uns von hier wieder verschwinden.“
„Einfach laufen lassen? Der Typ gibt keine Ruhe.“ kritisierte ich Nina.
„Ich habe nur Angst. Um das Kind und um Dich.“ Mit ihrem Handrücken rieb sie sich ein paar kleine Tränen aus ihren Augen.
„Morgen noch einmal. Morgen werde ich ihn suchen und am Wochenende sind wir fort.“

„Bitte versprich es.“

Ja doch. Ich verspreche es. In ein paar Tagen sitzen wir im Flieger.“ Gleich zwei Versprechen an nur einem Tag? Erschöpft aber auch mit einem kleinen Schwips schliefen wir eng umschlungen ein.

Als ich den Morgen darauf aufwachte, lag Nina nicht mehr neben mir auf unserem Bett. Verschwommen sah ich sie nackt vor dem Fenster der Hotelsuite. Ich spürte es bereits, das Brennen in meinem Schwanz durch die Erektion, die ich bekam, als ich sie heimlich und ohne ein Wort aus meiner bequemen Liegehaltung beobachtete. Kurz darauf klopfte es an der Tür und der Zimmerservice brachte das Frühstück und für Emily ein aufgewärmtes Fläschchen mit Babynahrung.
Nur mit ihrem Morgenmantel bekleidet hielt sie die Kleine auf ihren Armen. Ich dagegen bereitete mich vor.
Nina und ich versprachen es uns.
Heute war der Tag.
Der Tag der Entscheidung.
Entweder gelang es mir Bauman in die Flucht zu jagen, oder wir blieben für den Rest unseres Lebens die Gejagten eines psychopathischen Bullen. Noch bevor ich nach einem reichhaltigen Frühstück das Zimmer verließ, umarmte ich sie und schaute in ihre verschwommenen Augen.
„Ein paar Stunden und es ist vorbei.“ flüsterte ich.
„Ich warte hier auf Dich. Wenn Du kommst, ist alles vorbereitet.“
Wortlos und ohne einen einzigen Blick herüber zu Emily, verschwand ich wie aus dem Nichts. Noch auf dem Flur fasste ich mich an meine Brust und spürte den harten Widerstand unter der Jacke. Es war die Magnum 357 Kal.38mm. Zielstrebig steuerte ich auf das Hauptportal des Hotels zu. Fast überrannte ich dabei noch Vincent, den Portier, der auch an diesem Tag hier seinen Dienst versah.
„Guten Morgen und einen angenehmen Tag.“
„Mal sehen, ob er das wird.“ antwortete ich kurz und bündig. Und schon stand ich wieder draußen auf dem Bürgersteig, direkt vor dem Eingang unsere Edelherberge. Mein Weg diesmal führte mich zuerst herunter in die Stadt. Um absolut sicher zugehen, dass mich niemand beobachtete, nahm ich wieder den Umweg durch den naheliegenden Stadtpark.
Zweifellos hatten Baumann und seine Leute mich bereits im Visier. Nach meinem gestrigen Besuch auf dem Kiez und der Geschichte mit diesem Erik Lands, der neuen Kiezgröße, war für mich sonnenklar, dass er mir bereits dicht auf den Fersen war.
„Neun-Finger-Steph.“ ich schmunzelte.
Kündigte Baumann mich bereits auf dem Kiez an? Als den Mann, der es wagte, als Nachfolger von Sorokin und Milicic diesen Lands vom Thron stoßen zu wollen? Mit einer Spur von Genugtuung, gemischt mit einer winzigen Portion Stolz, betrachtete ich meine linke Hand wie ein Erkennungszeichen.
Nur ein Jahr später, nach einem eher weniger aufsehenerregenden Leben, mutierte ich zu einem gesuchten Gangster.
Doch ab jetzt hieß es nur noch Eins und Eins zusammenzuzählen. Gerade mal zwei Tage waren wir wieder in der Stadt. Und wie ich durch Nela, das Mädchen vom Kiez bereits erfuhr, suchten mich schon die Leute von Lands, dem Schreier. Das trug eindeutig Baumanns Handschrift.
– Du bist gut mein alter Freund – Raste es mir durch den Kopf.
Aber war sein Plan wirklich gut genug, dass er annahm, ich würde ihn nicht durchschauen? Ich setzte meinen Weg weiter fort. Der Gedanke, nun gleich von zwei Männern gesucht zu werden, trieb mich umher. Mal schlendernd, dann auch wieder zügigen Schrittes erreichte ich fast die Stadt. Auf den letzten hundert Metern des Stadtparks erblickte ich eine männliche Gestalt, von der zunächst keine Gefahr auszugehen schien.
Mit jedem Schritt näherte sich die unbekannte Statur. Vorsichtig öffnete ich den Reißverschluss meiner Lederjacke. Ich zog ihn herunter bis weit über die Mitte meines Körpers. Mein rechter Arm hing lang herab, aber dennoch bereit, ihn blitzschnell zu erheben um nach dem Schaft der Magnum zu greifen.
Erst dann erfasste ich, dass es Kilian Baumann war, der mir plötzlich leibhaftig gegenüberstand. Ich erkannte ihn längst an dem breiten Grinsen auf seiner Visage. Es war, als erwachte ich aus einem Albtraum, der plötzlich zur Realität wurde.
dass er sich die Mühe machen würde, mich augenblicklich über den Haufen zu schießen, befürchtete ich nicht.
Dafür durchschaute ich seinen perfiden Plan zu genau.
„Ich hoffe, wir finden eine Lösung Kilian. Oder willst Du, dass weiteres Blut vergossen wird?“
„Das war aber gar nicht nett Stephan. Nach so langer Zeit.“ entgegnete mir Bauman voller Ironie.
„Und? Hinter welchen Büschen und Sträuchern hältst Du sie versteckt? Wie viele seit ihr, nur um mich allein zu kriegen?“
Innerlich kochte er vor Wut und verschlang mich regelrecht mit seinem dämonischen Blick.
Der Bursche hatte Nerven hier allein aufzukreuzen. Mit sekundenschnellen Blick vergewisserte ich mich, ob ihm niemand gefolgt war.
„Glaub mir Neun-Finger-Steph. So nennt man Dich doch bereits. Wie gefällt Dir dein neuer Name? Diesmal sitzt Du richtig in der Scheiße.“ Ohne zu antworten schritt ich auf ihn zu.
„Sag mir einfach was Du willst und dann verschwinde endgültig aus unserem Leben.“
„Ach ja, ich hörte davon. Wir haben ja jetzt eine kleine Familie.“ Sein Zynismus machte mich rasend.
Die Entschlossenheit, ihn über den Haufen schießen zu wollen, wuchs in mir ständig und stetig.

„Mach keine Dummheiten und lass deine Finger von der Kanone. Ich weiß, dass Du sie unter deiner Jacke steckt.“ Mit jeden Wort ließ er mich spüren, dass er mir überlegen war.

Auch wenn ich seine Leute vielleicht nicht sah, so war ich mir darüber im Klaren, dass sie mich bereits ins Fadenkreuz ihrer Zielfernrohre genommen hatten.
„Ich denke doch, dass Du deine Kleine wiedersehen willst. Wie ist noch ihr Name? Ach ja, Emily. War das deine Idee oder die deiner kleinen Schlampe? Nina, nicht wahr?“
Gegen alle Regeln der Vernunft hier lebend herauszukommen, zog ich die Magnum 357 Kal.38mm aus dem Halfter, zielte auf seinen Kopf und drückte ab.
Hätte ich die Waffe, bevor ich heute Morgen das Hotel verließ geladen, läge ich jetzt sicher hier in meinem eigenen Blut.
So löste sich kein Schuss und ich ging stattdessen, durch den Faustschlag, den mir Baumann versetzte, hart zu Boden.
„Und nun zu dir Neun-Finger-Steph. Bring mir Eric Lands oder Du siehst sie nie wieder. Bring mir Lands, den Schreier.“
„Krepiere doch, Du Schwein.“
„Geh zu ihm und mach ihn kalt. Wenn nicht, verabschiede dich schon mal von deiner Kleinen.“

Mit einem Tritt gegen meinen Brustkorb verlor ich kurz das Bewusstsein. Dann verschwand er mir den Worten: „Wir sehen uns bald wieder.“
Nachdem ich mein Bewusstsein auf der Parkbank wiedererlangte, eilte ich mit lädierten Schädel und einem fast gebrochenen Brustbein keuchend zurück zum Hotel.Vincent, der Portier, berichtete mir kurz und knapp, was geschehen war. Zwei Männer betraten das Hotel, gaben sich als unsere Freunde aus und wurden in unsere Suite gebeten. Sie griffen sich Nina, schlugen sie brutal nieder, schnappten sich Emily und nur nach Minuten verschwanden sie.

„Bereite alles für unsere Abreise vor. Wir checken aus.“ orderte ich Vincent.
„Bring sie mir wieder Stephan.“ flehte und heulte Nina.
„Ich schwöre Dir das werde ich.“ Alle Versuche sie zu beruhigen scheiterten kläglich.
„Wer steckt da hinter. Sag es mir und ich bring sie persönlich um.“ Nina sann gnadenlos auf Rache.
„Verliere jetzt nicht den Kopf. Erstmal müssen wir hier weg.“ Ich starrte sie an und Nina fuhr fort.
„Ich schwöre, ich töte sie alle.“
Nun war es nicht nur mehr eine Sache zwischen Baumann und mir allein. Ab sofort wohnten wir ständig wechselnd in Absteigen und drittklassigen Hotels.
„Was ist mit Nela, diesem Mädchen vom Kiez?“
„Auch schon dran gedacht. Man kann ihr vertrauen. Sicher kann sie uns helfen. Aber lass uns zuerst zur Bank das Konto auflösen. Vielleicht verlangen sie Lösegeld.“
Nina wendete sich schließlich zu mir und schenkte mir dennoch ein kleines Lächeln.
„Weißt Du noch Nina? – lass uns zurückkehren und mit ihnen abrechnen.- Es waren deine Worte.“
„Ja, ich weiß es noch.“
„Und jetzt sind sie zu weit gegangen.“
Es fiel mir schwer, den Blick von ihr zu wenden. In diesem Rattenloch, dass sich dazu auch noch Hotel nannte, schworen wir uns, von nun an jeden Schritt gemeinsam zu tun. Heimlich nannte ich Nina bereits meinen Engel des Todes. Ab sofort gab es nur noch zwei Regeln.
Entweder man respektierte unsere Forderungen oder man ging durch uns unter. Wenn so manch einer seit jener Nacht geahnt hätte, dass wir zu ihm unterwegs waren, er hätte seine Jacke vom Nagel genommen und wäre getürmt.
Als Nina durch mich die ganze Geschichte erfuhr, konnte sie es nicht fassen. Endgültig durchschaute sie Baumann als den machtbesessen und korrupten Bullen. Und eines wollte er um jeden Preis der Welt. Die absolute Kontrolle über den Kiez.

„Du verstehst, was das bedeutet?“
„Klar, wir schlagen bei diesem Lands auf, erledigen ihn, schnappen uns unsere Emily und machen uns aus dem Staub.“
„Ja, so ungefähr. lass uns morgen das Geld von der Bank holen. Vielleicht lässt Lands mich sich verhandeln.“
Die Nacht, die wir in dieser Spelunke gemeinsam verbrachten, war trotz der schrecklichen Ereignisse schön. Auf unserer Pritsche beugte ich mich zu ihr herunter und küsste sie auf ihren Mund. Ich sah, nein, ich verstand ihren Hass und die Rachsucht, die sich hinter ihrem Lächeln verbarg.
Trotz einer kurzen Nacht, standen wir am nächsten Morgen pünktlich zur Schalteröffnung vor dem Eingang der Bank. Dort wartete bereits die nächste Überraschung, um uns endgültig in die Knie zu zwingen. Unsere Konten waren gesperrt und das hieß, wir hatten außer ein paar tausend Euro in bar kein Geld.
„Was tun wir jetzt Stephan?“ fragte Nina ratlos.
„Warte, lass mich das regeln.“
„So kriegen wir Emily nie da raus.“ heulte sie verzweifelt.
„Lands wird sie uns zurückbringen. Und wenn er ihr nur ein Haar krümmt, ist er ein toter Mann.“
„lass ins zu dieser Nela gehen.“ schlug Nina vor.
„Ja, heute Abend wirst Du sie kennenlernen.“ antwortete ich ihr über die Schulter. Nach Eintreffen der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg. Vorbei am
„Eros Center“, an den Bars, aus denen laut Musik dröhnte und Spielhöllen, in denen Hunderte einsame Seelen ihr Glück versuchten. Wir stellten den Wagen ab und gingen den Rest bis zum Sperrbezirk zu Fuß.
„Warte hier Nina und aß auf Dich auf. Bin gleich wieder da.“ riet und versprach ich ihr.
„Hey Stephan.“ erkannte mich Nela auf dem Fuße.
„Hey Nela. Hab leider nicht viel Zeit. Bin nicht allein hier.“ erklärte ich.
„Nicht allein? Dein Mädchen? Du verrückter Kerl, sie hierher zu bringen.“ grinste Nela.
„Wir stecken in der Scheiße.“
„Was ist los?“ sah sie mich erschrocken an.
„Komm mit, dann lernst Du Nina kennen.“
„Verschwindet jetzt. Die Straße runter, ein paar hundert Meter. Da treffen wir uns. Und jetzt haut ab hier. Sie haben wieder nach Dir gefragt.Nach Neun-Finger-Steph.“
„Wer? Sags mir?“
„Die Leute von Lands. Und ein Bulle in Begleitung einer Frau war auch hier.“ Ein knappe Stunde später trafen wir sie ungefähr einen Kilometer am Ende Straße, die aus dem Rotlichtmilieu herausführte. Es klopfte an der Seitenscheibe des Wagens.
„Hey, schön dass Du gekommen bist. Steig ein.“ bat ich Nela.
„Klar. Kein Ding. Und was ist Sache? Wer ist Euch auf den Fersen?“ Niemand von uns brachte auch nur einen einzigen Ton heraus. Ich sah nur, dass sich Ninas Augen durch die Tränen in ihrem Gesicht verschleierten.
„Hey, ist ja gut Nina.“ tröstete Nela.
„Lands hat unser Kind.“
„Was Lands? Der neue Oberguru von Kiez? Ihr sitzt ja wirklich ganz schön in der Scheiße.“ stellte Nela unschwer fest.
„Nela, wenn wir Lands nicht erledigen, stirbt unser Kind.“erklärte ich ihr unsere verfahrene Situation.
„Mmmmhhh und wie kann ich Euch helfen?“ fragte sie erneut.
„Wir brauchen noch eine zweite Waffe.“
„Kenn da jemanden auf der Meile. Hat aber seinen Preis.“
„Ja okay. Schaff den Typen her.“
„Wann?“
„Am besten sofort.“
Ohne mit der Wimper zu zucken, zückte Nela ihr Handy und redete irgendein Zeug von einem Treffpunkt.
„Alles klar. Fahr los. In zwei Stunden auf dem Parkplatz. Hast Du die Kohle?“
„Ja. Kein Problem. Es wir sicher reichen. Und das hier ist für Dich.“ Mit hochrotem Kopf nahm sie dem 500 Euro-Schein und versteckte ihn in ihrem Stiefel. Wir verließen die Stadt in Richtung der Autobahn. Gleich nach einem Kilometer endete bereits unsere Fahrt auf einem einsamen Rastplatz.

„Da vorne, die schwarze Zuhälter Karre, dass ist er schon.“
„Hat er auch einen Namen.“
„Unwichtig. Er gibt Euch was ihr braucht uns verschwindet wieder.“ erklärte Nela. Im Kofferraum seiner Limousine befand sich das reinste Waffenarsenal. Automatische Pistolen, Revolver, sogar Gewehre mit Zieloptik und zu jeder die passende Munition.
Ich ahnte nicht, dass für diesen Typen mit osteuropäischem Akzent die letzten Minuten seines Lebens angebrochen waren.
„Halt Stopp!“ schaltete sich Nina in unseren Handel ein.
„Willst Du uns bescheißen? Ich will sie ausprobieren. Jetzt gleich.“
Er lud ihr die Gaston Glock Kal. 9 mm und reichte sie Nina mit dem Schaft zuerst.
„Durchziehen, entsichern und zielen Schätzchen.“ grinste diese dubiose Gestalt.
„So etwa?“ entgegnete ihm Nina mit todernstem Blick
„Hey, mach keinen Scheiß.“ schrie Nela und sprang einen Schritt zurück. Der Typ klatschte in seine Hände als wollte er applaudieren.
„Hey, das Mädchen ist ja doch nicht nur da um gefickt zu werden.“ lachte und grinste der Kerl.
„Was hast Du das gerade gesagt, Du Schwein?“ schrie Nina ihn an.
Die Kugel traf ihn mitten in sein Gesicht und mit zerschmettertem Schädel ging er auf den Asphalt. Sein Blut pumpte aus seiner Stirn, so dass sich in Sekunden eine kleine Pfütze bildete.
Nela schrie entsetzlich vor Schreck. Starr wie eine Salzsäule bewegte sie sich nicht von der Stelle.
Hastig machten wir, dass wir davonkamen. Wir bestanden darauf, dass Nela die Nacht bei uns blieb. Dem Nachtportier unserer Absteige war es sowieso scheißegal. Es herrschte die ganze Nacht Hochbetrieb in diesem Laden. Meist waren es Nutten mit ihren Freiern, die hier für ein paar Stunden ein Zimmer suchten.
„Eines musst Du mir noch verraten Nela. Wer war denn der Bulle mit der Frau? Hast Du seinen Namen verstanden?“ fragte ich sie wissbegierig.
„Du kennst ihn ganz sicher. Und er kennt Dich. Sein Name ist ganz sicher Baumann und diese Frau. Mmmmhh, weiß nicht mehr so genau.“
Nina und Nela verstanden sich auf Anhieb. Beide Frauen fanden nichts als Bewunderung füreinander und dass machte mich glücklich. Zu dritt wären wir sicher ein ungeschlagenes Team gegen das Kartell. So war es für diese Nacht auch kein Frage, den Beiden das Bett zu überlassen und es mir mit einer Decke über den Beinen auf dem Sessel bequem zu machen.
Sicher hatten wir in dieser Nacht, auch ohne uns in den Armen zu liegen, die gleichen Gedanken. An uns und unser Leben und natürlich an unsere kleine Emily.
Ich hoffte, dass auch Nela bei uns blieb und uns so schnell wie möglich zu
Eric Lands, dem Schreier bringen würde. Nicht nur hübsch sondern auch pfiffig, wie sie nun einmal war, hatte ich da keinen Zweifel.
Das Nina zum ersten Mal in ihrem Leben einen Menschen tötete, gab mir auf eine sonderbare Weise tiefen Frieden und schweißte uns noch enger zusammen als je zuvor.
Eine Weile später, nachdem Nina und Nela auf dem Bett eingeschlafen waren, lag ich wach und starrte in die Dunkelheit. Die Wände des Hotels waren hellhörig, so dass das Gestöhne und Gekreische eines Mädchens, vermutliche eine der Strichbienen mit ihrem Freier, nach einer kleinen Runden zu zweit, deutlich zu hören war. Irgendwo knallte eine Tür, ein Pärchen stritt sich lautstark, Schritte auf dem Gang und dann wieder absolute Stille. Vermutlich irgendwann schloss auch ich die Augen und schlief ein.

In dem kleinen muffigen Gesellschaftsraum unserer Absteige bedienten wir uns an dem darauffolgenden Morgen mit heißem Kaffee.
„Seit ihr denn bereit?“ fragte Nela.
„Wofür bereit?“ fragte ich sie.
„ Na ja. Diesen Lands zu treffen. Das wird kein Spaziergang.“
„Ich will Emily zurück.“ lenkte Nina energisch ein.
„Man kann da nicht einfach so rein spazieren und ihn umnieten. Er ist nie allein. Da sind immer ein paar von seinen Schlägern dabei.“ erklärte Nela.
Immer mehr begriffen Nina und ich unsere beschissene Ausgangslage. Wir beschlossen daher, um Zeit zu gewinnen, unser Quartier auf außerhalb der Stadt zu verlegen.

„Nela, ich wir müssen Dir da was beichten?“ Reumütig blickte ich zum Fenster des Gesellschaftsraumes.
„Raus damit. Alles ist jetzt wichtig, wenn ihr Eure Kleine wieder haben wollt.“
Ich beichtete ihr, dass wir bis auf das Bargeld, dass ich sicher in meiner Jacke deponierte, komplett blank waren. Ich hoffte, dass sie nicht davonrannte. Versprach ich ihr doch ein besseres Leben, wenn das hier alles mal vorbei war.
„Mmmhhh, ein Problem. Aber keins, dass sich nicht lösen lässt.“ Ich atmete auf, als ich feststellte, dass sie bei uns blieb und Nina umarmte sie sogar dafür und gab ihr einen Kuss auf ihre Wange.
„Was meinst Du damit Nela?“ fragte ich sie.
„Denk nach Stephan. Wir haben doch die Kanonen, oder?“
Ich stutzte.
„Die Kanonen, ja und weiter?“
„Na, was würdest Du tun, wenn Dir jemand so ein Teil vor die Birne hält?“
„Ich denke, ich würde das tun, was man verlangen würde.“ antworte ich erschrocken aber dennoch angetan von ihrem Plan.
„Siehst Du.“ Nina und Nela lachten über meine dämliches Gesicht.
„Und wann bringst Du uns zu Lands?“ fragte ich ungeduldig.
„Bald. Das ist im Moment echt zu gefährlich. Denk dran, seine Leute suchen dich. Jeder auf dem Kiez glaubt, dass Du ihn kicken willst.“
„Steckt Baumann dahinter? Du weißt schon, dieser schmierige Bulle.“
„Der Kandidat hat 100 Punkte. Was denkst Du denn. Dieser Typ will ordentlich mitmischen und absahnen. Und dazu brauch er Dich. Wundert mich eigentlich, dass Du noch lebst. Ihr hattet Kohle, ein Kind und habt ein Haus in der Karibik. Und was tut ihr? Ihr kommt zurück hierher.“
Nelas Worte schnürten mir die Kehle zu. Sicher hatte sie Recht. Wie auch Nina mich bereits vor ihm warnte und mich anflehte, wieder zurückzugehen. Doch ich war zu stolz, mich vor ihm zu verstecken, ein Leben lang vor ihm auf der Flucht zu sein. Nicht vor Nina und unserem Kind.
„Übrigens. Gefällt mir, dein Name. Neun-Finger-Steph.“ Nina setzte sich zu mir herüber an den Tisch und legte ihren Kopf auf meine Schultern.
„Ich vermisse sie so schrecklich.“ seufzte sie und wieder flossen ein paar Tränen über ihr Gesicht.

„Du weißt, was ich Dir versprochen habe.“ An ihrem Nacken zog ich sie zu mir heran und küsste sie.
„Was haltet ihr davon wenn ich den Fluchtwagen fahre?“ Nela war absolut in ihrem Element und einfach nicht mehr zu stoppen. Mir gefiel es und was nützte es. Wir brauchten dringend die Kohle. Noch am späten Abend nahmen wir die letzte Tankstelle kurz vor der Autobahn ins Visier.
„Für unsere kleine Emily.“ Es ging los.
Mit Nylonstrümpfen über unseren Gesichtern stürmten wir die Tanke. Nina richtete sofort die Glock 17 auf das Mädchen hinter der Kasse. Der erste Schuss krachte los und traf das Schnapsregal. Splitternd ging dabei eine Flasche Chivas Regal zu Bruch und ein Haufen Scherben ging in hohem Bogen klirrend zu Boden.
„Die Kasse auf und das Geld raus!“ Das Mädchen wurde kreidebleich und zitterte an ihrem gesamten Körper.
„Bau keinen Mist Nina.“ versuchte ich sie zu bändigen.
„Sie soll die Kohle rausrücken sonst mach ich sie fertig.“
Der zweite Schuss streifte ihren Arm. Erst dann öffnete sie taumelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht die Kasse. Blitzschnell stopften wir die Tageseinnahmen in unsere Taschen und verschwanden mit kreischenden Reifen vom Gelände. Nela erwies sich hinter dem Steuer als die perfekte Pilotin.
Schnell füllte sich in den nächsten Tagen die Zeitung mit Schlagzeilen über weitere Überfälle auf Tanken, Supermärkte und Juweliere.
Nach jedem Bruch rasten wir mit laut aufgedrehter Mucke durch die dunklen Nächte, hatten einen teuflischen Spaß und lagen uns später in den Armen, wenn wir unsere Beute zählten. Wir fühlten uns wie Bonnie & Clyde.
Doch mit jeder Stunde kam er näher. Der Tag unserer Abrechnung und das Wiedersehen mit Emily. Nela blieb unsere ständige Begleiterin. Sie gehörte ab jetzt dazu. Wir mochten sie und es störte uns nicht, wenn sie nachts auf ihrer Pritsche in unserem Zimmer lag und schlief, während wir uns mal wieder so richtig durchfickten.
„Hey Stephan! Was ist los? Wach auf ! Mach die Augen auf ! Es war nur ein böser Traum.“ Klatschnass und mit flimmernden Augen erkannte ich ihr Gesicht.
„War er es dieser Baumann?“ Nina fuhr mir sanft mit ihren Fingerspitzen über meine schweißnasse Haut.
Irgendwann schloss ich dann dennoch die Augen und schlief, wenn auch nur kurz, in ihren Armen ein.
**

Dieser Schwachkopf!
Hätte ich geahnt, dass Stephans Verstand in seinem Finger ruhte, hätte ich ihm besser den Schwanz abgeschnitten!
Er sollte sich an Lands heran machen. Stattdessen waren seine Perle und er, als Bonny und Clyde für Arme unterwegs!
VERDAMMT!!!!
Ich war auf dem Weg zu Graling, der hatte mir eine Warnung hatte zukommen lassen. Er war als Gruppenleiter für Raubüberfälle zuständig.
Während ich mich durch die Akte von Lands arbeitete um eine Schwachstelle zu finden, beobachteten Jansen und Kammer die Wohnung, in der die Schläger vom Schreier Stephans kleine Tochter gebracht hatten.
Den Aufenthaltsort herauszubekommen, war nicht allzu schwierig. Kindesentführung war ein VERDAMMT schweres Vergehen und keiner der auf dem Kiez arbeitete, ob legal oder illegal, wollte damit auch nur entfernt in Verbindung gebracht werden.
So erfuhr Jansen innerhalb von zwei Tagen, dass eine von Lands „Freundinnen“ Nachwuchs bekommen hatte, und das ohne Schwanger gewesen zu sein.
Seitdem wurde Lands Freundin beobachtet. Tatsächlich konnte Jansen schnell Stephans Tochter ausfindig machen.
„Sie gehen wieder spazieren.“ Meldete Kammer.
So wie es aussah, kümmerten sich Lands Freundin und eine weitere Frau anscheinend sehr aufopfernd um die Kleine. Jedenfalls versorgten die beiden das Kind, mit allem was es brauchte und gingen auch mehrmals am Tag mit dem Kind raus, an die frische Luft.
Eigentlich hatte ich gehofft das Neun-Finger-Steph schlau genug ist, sich erst einmal eine geeignete Unterkunft zu suchen, doch kaum hatte ich mich von ihm verabschiedet, begannen er und seine Nina eine Blutspur durch die Stadt zu ziehen.
Ihr erstes Opfer war wohl ein zwielichtiger Ganove der Waffen an alle vertickte, der sich sie sich leisten konnte.
Da der Waffendealer auch noch wegen Mord und Entführung gesucht wurde, konnte ich noch ohne viel Aufwand einen Verdacht in die falsche Richtung lenken.
Dann begannen die Beiden sich von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Nie blieben sie länger als einen Tag in den Absteigen.
Schaller hatte auf mein Zeichen hin das Konto der beiden lahm gelegt. Lediglich eine Barauszahlung von 5.000 Euro konnten wir nicht mehr Rückgängig machen. Doch so wie die zwei gerade lebten, waren die sicher schon aufgebraucht.
Jedenfalls taten sie alles, nur um Lands kümmerten sie sich nicht!
Dann begannen die Überfälle. Der erste war ein Schnapsladen. Ausgerechnet ein Schnapsladen!!!
Jeder Aushilfsgangster weiß, dass Schnapsläden von vorne bis hinten Videoüberwacht sind. Allein schon damit keiner der Kunden die Falsche leert ohne sie zu bezahlen.
Jedenfalls rief mich Graling gegen Mittag an.
„KB, du musst dir was ansehen.“ Sagte er zu mir am Telefon. „Deine Freunde drehen durch.“
„Wer?“
„Neun-Finger-Steph und seine zwei Freundinnen.“
Hatte er gerade zwei gesagt?
„Bin unterwegs.“

**
Der gute Whiskey, dachte ich als die Flasche Chivas Regal zu Bruch ging.
Das Überwachungsvideo zeigte in HD überdeutlich wie die Kugel die Flasche platzen ließ.
Dann schoss Nina der jungen Verkäuferin in den Arm! Die Zeitspanne zwischen den Schüssen, ließ dem jungen Ding gar nicht genug Zeit, zu reagieren.
Ich konnte im Gesicht der Verkäuferin glasklar sehen, dass sie der Aufforderung die Kasse zu öffnen, schon nach dem ersten Schuss sofort nachgekommen wäre.
Dennoch hatte ihr Stephans Perle in den Arm geschossen.
Verdammt noch Mal, diese Nina war völlig außer Kontrolle.
Als ich beim Abfeuern der Waffe die Stopptaste drückte, konnte ich eine deutliche Überraschung in den Gesichtern von Stephan und der anderen Frau sehen.
Keiner der beiden hatte mit einer solchen Eskalation gerechnet. Wahrscheinlich war der Plan gewesen, die Verkäuferin einzuschüchtern, nicht sie zu verletzten.
Auch wenn es die Verkäuferin nicht wusste, sie hatte heute zum zweiten Mal Geburtstag.
Nina hatte gezielt und ohne zu zögern geschossen und das nicht auf einen Verbrecher vom Kiez, oder einen auf Schreiers Leute, nein auf eine unbewaffnete, junge Verkäuferin.
Das Ziel war klar, sie brauchten Geld…
Ich glaube Stephan hatte keinen blassen Schimmer, mit welcher Zeitbombe er herumlief.
Hätte Nina die Frau erschossen, hätte ihnen keine Macht der Welt mehr helfen können. Gralings Truppe war bei der Aufklärung solcher Verbrechen sehr schnell und effektiv.
Dieser Schwachkopf! Ging es mir erneut durch den Kopf.
Die Sendedaten von Lees Chip, den wir Nina implantiert hatten, lieferte die Bestätigung. Von den letzten acht Überfällen, war Nina an sechs beteiligt.
Bilanz drei Verletzte!
Mir drohte gerade mein ganzer Plan um die Ohren zu fliegen und ich musste Zeit gewinnen!
„Weißt du wer die zweite Frau ist?“
„Auf dem Kiez wird sie Nela genannt. Ihr richtiger Name ist Nele Nuentrig, 28 Jahre, seit vier Jahren hier in der Stadt. Das Drogendezernat hat sie ein paar Mal wegen Verstoß gegen das BtMG verarztet, aber immer nur kleine Mengen. So eine Nummer hatte bis jetzt noch nicht im Reparateure.“
Jeder andere hätte schon zur Jagd geblasen, doch Graling wollte den Schreier genauso aus dem Verkehr ziehen, wie ich.
„Also KB, ich kann das ganze 24 Stunden herausziehen. Aber auch nur, wenn es keine weiteren Überfälle gibt, und schon gar keine Verletzten. Du musst diese Nina von der Straße kriegen, du hast es selbst gesehen, sie ist außer Kontrolle.“
Ja, das hatte ich gesehen, doch ich brauchte Zeit!!! Woher sollte ich…
„Sag Mal Graling, wie heißt diese Software, mit der ihr Einbrüche vorhersagen könnt?“
„Precob.“
„lässt die sich auch hier anwenden?“
„Im Prinzip ja, das Problem ist das wir dafür mehr Daten brauchen.“
„Wir wissen wo sich Nina aufhält und wann sie sich, in welche Richtung in Bewegung setzt.“
„Kein Problem.“
Ok, schick mir die Prognose.“
„Mach ich. Aber KB! Du hast nur einen Versuch, hol sie von der Straße, sonst muss ich das tun und dann ist unser Plan gelaufen!“

**
Also gut! Ein neuer Plan musste her….
Das wichtigste war Nina aus dem Verkehr ziehen, und Stephan klar zu machen, dass er sich um Lands zu kümmern hatte.
Klang einfach… Nur wie sollte ich das hinbekommen.
Nina aus dem Verkehr ziehen… Wie und wann, nun bei ihrem nächsten Überfall, aber was dann?
Wohin mit ihr? Ich konnte sie ja schlecht in den Polizeigewahrsam einliefern.
Ich musste einen… ABER JA DOCH!!! Die Idee ist klasse! -KB, du bist ein Genie!-
Ich bringe sie zu Herzchen!
Herzchen hört sich nur niedlich an. In Wirklichkeit ist Herzchen ein 1,95 Meter großer und 1 Meter breiter Clubbetreiber der mir unzählige Gefallen schuldet und der in seinem Club die entsprechenden Räumlichkeiten besitzt, um Nina, zumindest eine Zeitlang, sicher „unterzubringen“.
Herzchen ist das beste Beispiel was Resozialisierung angeht. Früher einer der gefürchteten Schläger auf dem Kiez, saß er die Hälfte seines Lebens im Knast, bis er in seiner Zelle eine Erleuchtung bekam und nach seiner letzten Entlassung es tatsächlich schaffte ein halbwegs sauberes Leben zu führen.
Er übernahm einen alten heruntergekommenen Club, baute ihn liebevoll um, renovierte ihn und schon brummte der Laden.
Da Herzchen den Kiez kannte und wusste mit wem man sich einigen musste und wem man getrost in den Arsch treten konnte, war Herzchens Club bald die Nummer eins.
Nach und nach eröffnete Herzchen noch drei weitere Clubs, die allerdings, jeder ein eigenes Publikumsgenre bediente und die sich gegenseitig keine Konkurrenz machten.
Jedenfalls hatte ich bei Herzchen öfter einmal die Augen zugedrückt, wenn es in einem seiner Clubs rund ging und so konnte Herzchen auch mal was für mich tun!
Doch bevor ich Nina zu ihm bringen konnte, musste ich sie erst einmal haben.
Wagner und Delling saßen seit vier Stunden am Computer, gaben die Daten in das Precob Programm ein und glichen Daten ab.
Gerne hätte ich Lee mit dieser Aufgabe betraut. Der hätte mir wahrscheinlich in fünf Minuten sagen können, wo und wann das Trio wieder zuschlägt, doch Lee saß seit fünf Monaten in den Saaten und drückte auf dem M.I.T. die Schulbank.
Naja, Wagner und Delling mussten eben reichen.
„Und ihr Helden?“ fragte ich die beiden.
„Sieht gut aus.“ Meinte Wagner.
„Sie haben sich ein Zimmer im „Palmhotel“ genommen, zumindest ist Nina dort. Die letzten Überfälle haben sie im Rhythmus von je drei Tagen begangen. Die Beute betrug jedes Mal etwa 3.000 bis 5.000 Euro. Außerdem, haben unsere Freunde immer zwischen 19Uhr und 22Uhr zugeschlagen. Gehen wir davon aus, dass sie weiterhin Geld brauchen, schlagen sie heute Abend wieder zu.
„Könnte ihr vorhersagen wo der Überfall stattfinden könnte?“
Delling öffnete einen Stadtplan auf dem Bildschirm auf dem die von unserem Trio verübten Raubüberfälle, sowie die von Ninas Chip registrierten Aufenthaltsorte eingezeichnet waren.
„Die Überfälle wurden immer in einem Radius von weniger als 2.000 Meter von ihrer Unterkunft begangen. Wahrscheinlich konnten sie so schnell untertauchen und wurden deshalb, zumindest bis jetzt, nicht erwischt.
Das „Palmhotel“ ist ein Glückstreffer für uns.
Die drei haben sich immer kleine Läden mit großem Umsatz ausgesucht. Von Denen gibt es im Umkreis von mehr als 3.000 Meter Entfernung nur zwei.
Einmal eine Eisenwarenhandlung hier“. Delling zeigte auf einen Punkt auf dem Plan, nicht weit vom Hotel entfernt, „oder dieses Tabak und Zeitschriften Geschäft, in dem auch eine Lottoannahmestelle ist.“
HMMM- zwei mögliche Objekte….
„Also ich würde das Lottogeschäft nehmen.“ Teilte Wagner uns seine Meinung mit.
„Die Eisenwarenhandlung ist zu nah am Hotel. Du kannst nicht den Laden überfallen und eine Haustür weiter unterkommen, ohne dass dich jemand sieht. Außerdem, sind Eisenwaren sehr spezifisch, Wenn du Pech hast, kommt längere Zeit kein Kunde und die Kasse ist leer.
Lotto wird immer gespielt und das Geschäft ist weit genug, aber nicht zu weit weg, um unerkannt wieder ins Hotel zu kommen.“
„Sehe ich genauso. Die Lottostelle schließt um 20Uhr. Ich würde sagen…19Uhr50.Keine Kunden mehr im Laden und die Kasse ist randvoll.“
Ich schaute auf meine Uhr. 13Uhr30. Wenn die beiden Recht hatten und je länger ich darüber nachdachte, umso plausibler erschien mir ihre Erklärung, hatte ich noch knappe sechs Stunden um mir einen Plan einfallen zu lassen.
„OK, dann macht euch mal bereit, wird ein heißer Abend.“ Bis dorthin, musste ich noch einiges erledigen.
Als erstes rief ich Schaller an.
„Hör zu, ich brauche von Stephans Konto 10.000. Kannst du die besorgen?“
„Klar kann ich das.“
Gut, die erste Hürde war genommen. Schaller ließ eine Norder Unions Überweisung bei einem zwielichtigen Buchmacher eingehen, der dafür nicht weniger als 10% der Bar Summe bekam, der totale Wucher! Eigentlich sollte ich… Egal, war ja nicht mein Geld!
Mit einen dicken Geldbündel brachte ich meine Truppe in Stellung. Zur Vorsicht hatte ich eine Streifenbesatzung unter Vorwand eines versuchten Einbruches zur Eisenwarenhandlung geschickt, in der Hoffnung, der Streifenwagen vor der Tür würde die drei abschrecken, sollten sie sich doch dieses Objekt ausgesucht haben.
Doch das Glück blieb mir treu. Pünktlich um 19Uhr20 setzte sich Nina in Bewegung und mein Handy zeigte an, dass sie sich auf dem Weg zu uns machte und sie war sicher nicht allein!
„Sie kommen in unsere Richtung. Alles auf die Plätze.“
Jetzt hatten wir noch eine knappe halbe Stunde. Sicher würden sie nicht sofort in den Laden springen, sondern erst die Lage checken.
Im Laden machten sich Jansen, Wagner, Berger und Schaum bereit. Jansen stand an der Theke, Schaum saß darunter, Berger im Raum der von der Theke zum Lager führte und Wagner hatte zwei Zeitungsständer zusammengeschoben und kauerte sich dahinter.
Kammer, Delling und ich warteten draußen, in Hauseingängen, rechts und links neben dem Geschäft. Graling hatte einen Lieferwagen vom Polizeiparklatz mitgebracht und parkte direkt vor der Tür des Tabakgeschäfts.
Da die drei bis jetzt immer Gewalt angewandt hatte, beschloss ich sie erst gar nicht zum Zug kommen zu lassen. Alle Videos zeigten, dass die drei immer bis zur Theke gegangen waren und dort erst ihre Waffen gezogen hatten.
Soweit, wollte ich nicht abwarten. Der weg von der Tür, bis zur Theke betrug gerade einmal vier Meter, also hatten wir nur zwei Sekunden Zeit.
Das war wenig, aber zu schaffen.
„Sie kommen um die Ecke, aus Richtung Sahnestraße.“ Meldete Graling aus dem Lieferwagen.
Ich zog mich tief in den Hauseingang zurück und wartete im Dunkel.
Tatsächlich. Erst hörte ich das klacken von Absätzen, dann leise Stimmen, dann gingen die drei an mir vorbei in Richtung Geschäft.
Kaum waren die drei an mir vorbei, machte ich mich bereit. Sekunden später, hörte ich das Klingeln der Eingangstür und stürmte los.

**
Stephan hatte die Tür geöffnet, Nina und Nela durchgelassen und schloss die Tür. Er beschloss die Tür zu sichern und die Frauen den Überfall selbst durchführen zu lassen.
Nina ging zielstrebig auf Jansen zu und griff in ihre Handtasche, während Nela seitlich neben ihr stand und so Stephan die Sicht verdeckte. Erst als sie weit genug von der Tür entfernt war, schloss sich Stephan an.
Jetzt geschah alles gleichzeitig. Als Ninas Hand aus der Handtasche kam. Schossen zwei dünne Drähte auf sie zu, bohrten sich durch ihre Kleider und versetzten ihr einen Elektroschock.
Bevor Nela reagieren konnte, sprangen Schaum und Berger zu ihr und verpassten auch ihr einen Schuss mit dem Taser.
Stephan wollte seine Waffe ziehen, doch Wagner war schneller. Hinter dem Zeitungsständer hervorspringend hatte er ihm einen Draht verpasst, dessen Stromstärke ihn zitternd zu Boden gehen ließ.
Das alles hatte sich in weniger als einer Sekunde abgespielt und als ich in das Geschäft kam, lagen die drei schon zitternd zu meinen Füßen. Ahhh ein guter Anblick!
Kammer, die hinter mir in den Laden kam, griff in ihre Tasche und holte ein Etui hervor, in dem drei Spritzen enthalten waren. Schnell hatten wir jedem der drei eine Spritze Beruhigungsmittel verpasst und sie ins Land der Träume geschickt.
Graling öffnete die Klappen des Lieferwagens und wir luden die drei Bewusstlosen ein.
Die erste Haltestelle war ein Club von Herzchen.
Um diese Uhrzeit, hatte der Club noch geschlossen und zusammen mit Jansen trug ich Nina in den Keller des Clubs.
Dort unten waren mehrere „Zellen“ in denen die Besucher ihrer BDSM Lust frönen konnten. Alle waren mit Käfigen und Fixiermöglichkeiten, Peitschen und allem anderen ausgestattet, was man brauchte um eine außer Kontrolle geratene Nina sicher unter zubekommen.
Das Beste aber war, dass all die Zellen, aus naheliegenden Gründen, schallisoliert waren. Niemand, außer meinem Team, Herzchen und ich wussten wo Nina war.
Wir schleiften Nina zu einer der Zellen, ganz am Ende des Ganges und steckten sie dort in einen Käfig, der gerade groß genug war, um darin zu liegen zu können.
Herzchen, der uns zusah, wie wir Nina in den Käfig steckten schaute uns Kopfschüttelnd zu.
„KB, ich wusste ja, dass du ein böser Bulle bist, aber so böse…“
„Tja, Herzchen, man sollte mich eben nicht ärgern.“
„Naja. Wenn es hilft den Schreier los zu bekommen…“
„Hast du Probleme mit ihm?“
„Nicht mehr als alle anderen Clubbesitzer. Für eine, wie er sagt, angemessene Beteiligung, hab ich meine Ruhe. Als sich Sorokin und Milicic sich den Kiez noch teilten, waren die Schutzgelder deutlich günstiger. Seit der Schreier alleine regiert, kann er die Preise machen wie er will. Ich kenne einige Betreiber, die sich ihr Schutzgeld nicht mehr leisten konnten. Du weißt ja, was mit denen passiert ist.
Oh ja, das wusste ich nur allzu gut. Keiner von denen war noch länger als ein Monat, nach den offenstehenden Schutzgeldern noch im Geschäft.
„Was mache jetzt mit der da?“ fragte Herzchen und zeigte auf die im Käfig liegende Nina.
„Halt sie einfach fest. Pass aber auf, die Braut ist total durchgeknallt. Sie hat ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Verkäuferin geschossen und sie zögert nicht Gewalt anzuwenden.
Am besten lässt du sie im Käfig. lass sie auf gar keinen Fall raus! Verstanden? Wenn nötig, nimm eine deiner Peitschen und versohle ihr den Arsch.“
Herzchen lachte aus vollem Hals. „Keine Sorge, KB. Du weißt ja, ich kenne mich damit gut aus.“
„Ok Herzchen, wir sehen uns. Ich melde mich einmal am Tag bei dir.“
Wir verließen die Zelle und Herzchen brachte uns zur Tür.
„Kannst dich auf mich verlassen, KB.“ Sagte er noch und schloss die Tür hinter sich ab.
„Wieso heißt der Kerl eigentlich Herzchen?“ wollte Jansen wissen.
„Sein richtiger Name ist Hans Kleinherz.“
„Kleinherz?“ lachte sie.
„Ja, und der letzte der ihn dafür ausgelacht hat, isst heute nur noch Suppen.“ Herzchen hat ihm dermaßen den Kiefer zertrümmert, dass man keine Prothese anfertigen konnte. Der Kerl ist ein Killer.“
„Wow, zum Glück hab ich nicht da drinnen gefragt.“

**
„Zeit meinen Freund aufzuwecken.“ Brummte ich und verpasste Stephan einen Schock mit einem E-Schocker. Stephan bäumte sich in seinen Fesseln auf und zuckte. Anschließend halfen ein paar kräftige Ohrfeigen ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen.
Ich hatte mich entschlossen meinem guten alten Freund neun-Finger-Steph eine Schocktherapie zu verpassen.
Er saß auf demselben Stuhl, in derselben Werkstatt, zusammen mit Berger und Schaum der wieder einen Schweißbrenner in der Hand hielt, während ich Stephans Finger, diesmal den Zeigefinger der rechten Hand zwischen eine Blechschere hielt.
Als er zu sich kam und mich sah, fing er sofort an zu fluchen.
„KLAPPE!“
Als er nicht hörte, verstärkte ich den Druck mit der Schere. Augenblicklich schwieg er. Zumindest diese Lektion hatte er gelernt.
„Was zum Teufel soll das?“ fragte ich ihn. Du solltest dich um den Schreier kümmern, stattdessen raubt ihr Arschlöcher Läden aus! Was kommt als nächstes? Banken?“
„Wo ist Nina?“ fragte er bloß. Nela lag vor uns auf dem Boden, immer noch bewusstlos.
Ich ging gar nicht auf die Frage ein und schubste ihn unsanft an.
„Ich will wissen, was ihr euch dabei gedacht habt!“
„Wenn ihr was passiert ist…“
„Ich weiß, du bringst mich um. Irgendwie hatten wir das schon einmal. Aber du wirst lachen, im Gegensatz zu dir, bin ich lernfähig.
Das letzte Mal, hab ich dir den Finger abgeschnitten und es hat nichts gebracht. Diesmal bin ich schlauer.
Du wirst dich jetzt um Lands kümmern.
Erstens, bekommst du dann deine kleine süße Tochter wieder zurück, die der Schreier hat und zweitens, wenn ich zufrieden bin, deine Frau.
Da es anscheinend sinnlos ist, dir deine Finger abzuschneiden, werde ich bei deiner Perle die Schere ansetzten, wenn du wieder Dummheiten machst!
Überlege es dir gut, ob neun-Finger-Steph auch eine neun, oder weniger-Finger-Nina haben will.
Ab jetzt keine Überfälle mehr.“
Ich warf ihm das Geldbündel mit den 9.000 Euro auf den Schoß.
„Hast du eine Ahnung wie schwer es ist die ganzen Bullen von euch abzulenken? Wenn ihr wieder Geld braucht, wendest du dich an mich, verstanden?“
Da er nicht antwortete sondern mich noch immer hasserfüllt anstarrte, ließ ich den E-Schocker gefährlich nahe an seinem Gesicht aufblitzen.
„Verstanden!?!“
„Ja.“ Presste er hervor.

„Ich versteh nicht, wieso du dich so gegen meinen Plan, den Schreier los und selber Kiezkönig zu werden sträubst. Für uns beide wäre das ein tolles Arrangement.“
„Da kommt also wieder der korrupte Bulle hervor.“ Sagte er recht sarkastisch.
Das war mehr, als er sich in seiner Situation leisten konnte und so verpasste ich ihm einen schönen und langen Elektroschock.
Als er sich wieder gefangen hatte und aufnahmefähig war, packte ich ihn an seinem Kinn und zwang ihn mich anzusehen.
„Ich war und bin noch nie Korrupt gewesen! Ich habe immer das getan, was ich tun musste, um den Leuten so viel Elend zu ersparen wie nur möglich. Ich scheiße auf Vorschriften, es gibt Gesetzte, die sind mir völlig egal. Aber ganz gleich was ich auch mache, Korrupt war ich noch nie!
Wage nie wieder mich so zu bezeichnen, sonst liegt dein Schwanz zwischen der Schere und deine Kleine bleibt ein Einzelkind!“
Wir ließen ihn auf dem Stuhl sitzen und begaben uns Richtung Ausgang.“
„He! Was ist mit uns?“ rief mir Stephan hinterher.
„Wenn deine neue Freundin wieder wach wird, kann sie dich losbinden. Wenn du Geld oder was anderes brauchst, wirst du eine Nachricht draußen in den Briefkasten der Halle werfen.
Aber denk dran, ich behalte dich im Auge!“
Damit ließ ich ihn zurück.

**
Am nächsten Morgen war ich wie üblich früh auf den Beinen. Ich ging zum Fenster und blickte hinaus.
Es war ein kalter, nebliger Morgen.
Auf der Straße herrschte gespenstischen Stille. Egal in welche Richtung ich auch sah, weit und breit keine Menschenseele.
„Was ist mit Dir Stephan?“ fragte Nina verwundert.
„Schon gut. Schau nur ob alles draußen ruhig ist.“
„Um die Zeit? Komm doch lieber zurück ins Bett. Hast Du mal auf die Uhr geschaut?“ zwinkerte sie mir zu.
Zur gleichen Zeit erwachte auch Nela auf ihrer Pritsche.
„Hey Leute, bitte etwas leiser wenn es geht.“ Mit einem frechen Grinsen auf ihrem Gesicht und zog sich die Decke über ihren hübschen Kopf.
Sicher hatte Nina recht. Diese Bruchbude war lausig kalt. Ohne mich von ihr ein zweites Mal bitten zu lassen, hüpfte ich zurück ins warme Bett, beugte mich zu ihr herab und gab ihr einen Kuss auf ihren Hals.
Kaum dass sie mich berührte, legte ich meine Hände um ihre Taille. Erregt streichelte ich zuerst ihren süßen Po, gleitete mit meinen Händen über ihren Körper bis zu ihren prallen Titten und begann sie zu massieren, während Nina ein lustvolles Stöhnen von sich gab.Total fasziniert von ihrem Körper drückte ich sie auf die Matratze und drang mit heftigen Stößen in sie ein.
Ich tapezierte ihren Körper und ihr Gesicht mit Küssen und spürte bereits das pulsierende Gefühl eines annähernden Orgasmus. Ihr Lustschrei war durch die dünnen Wände und bis auf den Gang zu hören. Doch sicher nahm niemand in diesem Loch daran Anstoß und uns interessierte das einen feuchten Dreck.
„Verschwinde dann mal im Bad.Noch nicht mal ausschlafen kann man hier.“ Moserte Nela, aber trotzdem mit schelmischen Lächeln.
„Nina, ich liebe Dich. Weißt Du das? Und ich will, dass das nie aufhört.“ Mit Verwunderung blickte zu mir herüber.
„Ich weiß das doch Stephan. Und ich will endlich Emily wieder haben.“
„Na klar. Das will ich auch. Das kannst Du mir glauben.“
„Und Nela? Was denkst Du? Wird sie uns zu Lands bringen?“
„Das wird sie ganz sicher. Sie gehört jetzt zu uns. Und wir werden sie nicht mehr gehen lassen. Völlig ausgeschlossen.“ Mit allen Mitteln versuchte ich Nina ein wenig zu beruhigen.
„lass uns von hier verschwinden und uns was Anderes suchen. Ich glaube, ich halte es in diesem Kerker nicht mehr länger aus.“ schlug Nina vor.
„ Ja nur weg hier.“ lenkte Nela ein, die splitternackt, ihren sexy Körper nur knapp mit einem Handtuch bedeckt, aus dem Bad kam.
Na ja. Ich fühlte mich überstimmt.Ohne ein Wort packten wir unsere Klamotten, schnappten uns die Tasche mir der Beute, zahlten und verabschiedeten uns nicht einmal von dieser kuriosen Gestalt hinter der Rezeption.
Jetzt hieß es nur noch so schnell wie möglich raus aus der Stadt. Allmählich wurde die Sache heiß. Doch wir gefielen uns in unsere Rolle, waren uns immer einig und wurden sogar so etwas wie unzertrennlich. Und dennoch immer mit Gedanken an unsere kleine Emily, die sich in den Händen von Entführern, von skrupellosen Kiezkillern befand.
Wir befuhren die Hauptstraße stadtauswärts, vorbei an der Tankstelle, dem Ziel unseres ersten Raubüberfalls. Ich streckte während der Fahrt meine Hand zu Nina aus. Ich wusste jetzt so genau, was sie fühlte und dachte, außer natürlich ihrem grenzenlosen Hass und dem Rachegefühl auf diese Schläger von Lands und natürlich auf Kilian Baumann.
„Hey Nina. Du warst absolut großartig da drin.“ Nela versuchte sie zu besänftigen und griff ihr über den Sitz an ihre Schultern. Nina erwiderte ihre Zuneigung hielt Nelas Hand.
– Diese beiden Engel hat mir der Himmel geschenkt – Dachte ich. Oder war es doch die Hölle?

„Und noch was Du. Der Kerl, den Du ausgeknipst hast , hat es verdient. Glaub mir das Du. Ich kannte ihn. Ein echter Scheißkerl.“
Nach gut einer Stunde Fahrt, kurz vor der nächsten Ortseingang, stoppte ich den Wagen auf dem Seitenstreifen.
„Sollte weit weg genug sein. lasst uns mal sehen, ob wir hier irgendwo unterkommen.“
Wie immer waren wir uns sofort einig und tatsächlich gab es sogar ein Hotel in diesem Provinznest weit außerhalb der Stadt.
Wir freuten uns nach Tagen der Entbehrung auf ein anständiges Bett, ein komfortables Bad und auf vor allem auf ein herrliches Frühstück.
„Sieh mal Stephan.“ Nina hielt mir den morgendlichen Stadtspiegel unter die Nase. Das auf den Pressefotos waren wir, wenn auch durch unsere Strumpfmasken schwer zu erkennen. Zwischenzeitlich hatte die örtliche Kripo eine Sonderkommission zu Klärung einer Raubüberfallserie zusammengestellt.
„Lies mal Nina. Die Namen von diesen Leuten. Alles alte Bekannte von früher.“
„Mmmmhh… ja schon möglich. Und was heißt das?“ fragte sie ohne zuerst Notiz davon zu nehmen.
„Was das heißt? Das heißt es sind Baumanns Leute, die uns wahrscheinlich schon auf der Schliche sind.“ erklärte ich den Beiden Frauen.
„Vielleicht ist das ja gut. Je schneller er hier ist, je schneller können wir in erledigen.“ lenkte Nela ein.
„Nein, auf keinem Fall. Ich hab das ungute Gefühl, wir brauchen diesen Kerl wirklich noch. Todsicher hat er was mit Emilys Entführung zu tun.“
Wir nahmen unser Zimmer ein und bestanden darauf, dass wir zu jeder Zeit, sei es am Tag oder in der Nacht zusammenbleiben wollten. Obwohl Nela klar darauf pochte, ein Einzelzimmer nehmen zu wollen, waren wir strikt dagegen. Wir versprachen uns, egal was passieren würde, für einander dazu sein und uns gegenseitig auf im Auge zu behalten. Nichts wurde ohne den Anderen entschieden und wir waren bereits ein gutes Team. Na ja, so gut, dass Nela die Nächte in unserem Bett in der Besucher ritze verbrachte.Ich hatte das Mädchen verdammt gern und tief ins Herz geschlossen und so störte es mich nicht, Nina vor dem Einschlafen nicht in meinen Armen zu halten. Den gesamten Tag bis spät in den Abend verließen wir das „Palmhotel“, unsere neue Bleibe nicht, um neue Pläne zu schmieden.
Ich schnappte mir die schwarze Tasche mit der unserer Beute und leerte sie kopfüber auf dem Tisch.
„WOW! Das sind sicher ein paar Zehntausend.“ spottete Nela ein wenig schadenfroh.
„Nur ob es reichen wird?“ Klar, es war ein Haufen Kohle. Aber ob Leute wie Lands da mit sich reden lassen würden, bezweifelte ich.
„Hey komm. lass uns ein wenig feiern.“ Und Nela, verrückt wie eben sein konnte, schnappte sich ein paar Hunderter, raste aus dem Zimmer direkt ins Erdgeschoss an die Bar und kam doch tatsächlich mit Gläsern und vier Flaschen des teuersten Schampus freudestrahlend zurück.
„Was soll das jetzt? Was machst Du da? Du weißt doch, wofür wir das Geld brauchen. Für unser Kind.“ lenkte Nina ein.
„Schon gut Nina. lass sie. Ich sag Euch das reicht nie.“ Etwas frustriert sanken unsere Gesichter.
„Hallo Ihr! Wir haben richtig Asche und noch ein oder zwei Tage, dann gehen wir zu ihm.“ Nelas erfrischende Art gefiel uns und wir trauten ihr auf jedem Zentimeter.
„Mmmmhhhh…das sind, mit dem was ich noch in der Tasche habe, gut 30.000 Euro. Kein schlechter Anfang, aber nicht genug.“
Trotz unsere leichten Ernüchterung besoffen wir uns an dem Abend mit dem Schampus und feilten uns unseren Feldzug gegen Lands und auch gegen Baumann, der uns die ganze Scheiße eingebrockt hatte.
„Ich glaube, ich hab da eine Idee.“ meldete sich Nina mit einem Schwips.
„Na, dann lass hören.“ Nela und ich waren zum Zerreißen gespannt.
„Judith! Du weißt doch Stephan. Die Flamme von Baumann. Das wird ihm hart treffen und wir haben was in der Hand gegen ihn.“
„Was hast Du vor?“ hakte ich deutlich nach.
„Ich könnte sie herlocken und dann knöpfen wir sie uns mal richtig vor.“
„Nicht schlecht. Verdient hätte sie es ja.“
„Okay…aber warum? Immerhin hat sie mir damals geholfen abzuhauen.“ wunderte sich Nina etwas.

„Weil sie uns gründlich verarscht hat. Der Mikrochip. Du hast ihn immer noch im Körper. Oder woher konnte Baumann so schnell wissen, dass wir wieder in der Stadt waren? Mmmmhhh? Was meinst Du warum?“ Ich spürte, wie Ninas Gesicht vor Wut und Abneigung errötete.
„Hey ist schon gut Du. Ist doch nicht deine Schuld gewesen. Immerhin waren wir danach über alle Berge.“ Ich versuchte sie mit allen Kräften zu beschwichtigen. Und meistens gelang mir das, wenn ich sie in die Arme nahm und sie küsste.
„Wenn sie mir nochmal in die Finger kommt, erwürge ich sie mit den bloßen Händen.“ drohte Nina.
„Und was machen wir jetzt Leute?“ schaltete sich Nela ein.
„Einmal noch. Und dann ist Schluss. Sonst haben sie auch noch wegen Raub am Arsch und sehen Emily nie wieder.“
„Wieder eine Tanke?“ fragten mich die Beiden.
„Nein, hab da eine andere Idee. Der Lottoladen. Ihr wisst schon. Gleich ein paar hundert Meter neben dieser Absteige. Morgen ist Freitag und dann ist richtig Geld in der Kasse.“
Ein letztes Mal also planten wir loszuziehen um diesen Laden auszuheben, bevor wir uns auf danach auf den Weg zu Eric Lands, dem Schreier, machen würden. Das Risiko war enorm hoch, stimmte meine Vermutung mit diesem Chip in Ninas Körper. Ich verdrängte das Thema besser vor den beiden Frauen um unseren Plan nicht zu gefährden.
Wenn alles gut laufen würde, wären wir in ein paar Minuten wieder draußen und um ein paar Tausender reicher. Hauptsache niemand stellte uns in die Quere und machte Zicken, damit es kein weiteres Blutvergießen gäbe. Ich machte mir Sorgen um die beiden Frauen, besonders aber um Nina, die ganz besonders schnell die Finger am Abzug hatte.
„Okay! Morgen ist Freitag und wenn alles glatt läuft greifen wir uns Eric Lands und sehen Emily wieder.“
Nina sprang auf vor Freude und fiel mir direkt in die Arme. Wir genossen zu dritt den Schampus und überprüften sorgfältig die Kanonen. Wir saßen um den Tisch und ließen die Gläser klingen.
Manchmal saßen wir auch nur da, sahen uns gegenseitig an und schwiegen. Die Angst eventuell getötet zu werden saß tief. Lands würde sicher nicht, wenn es soweit war, das Feld freiwillig räumen. Und Baumanns Forderung war glasklar. Dieser Kerl sollte verschwinden. Und wenn er das sagte, meinte er für immer und alle Zeiten. Wir beschlossen, uns rechtzeitig aufs Ohr zu legen. Aber wir spürten gegenseitig, dass niemand von uns wirklich schlief.
„Ihr werdet sehen. In zwei Tagen ist alles vorbei und dann sind wir weg.“ Doch die Antwort blieb aus und ich hörte das leise Atmen der Beiden. Ich dagegen blieb wach und hielt noch etwas die Stellung.
Ich dachte an unser schönes zu Hause auf den Cayman Islands.An die herrlichen Abende am Pool und die feuchtwarmen Nächte, an denen wir uns bei weit geöffnetem Schlafzimmerfenster mal wieder so richtig durchgefickt hatten. Aber auch an unsere Nachbarn, dem U.S. Army Colonel und dem F.B.I Bullen mit seiner Familie. Ob sie wohl noch an uns dachten und hofften, uns eines Tages wiederzusehen. Und was für Augen sie machen würden, wenn wir plötzlich zu viert dort aufkreuzen würden. Ich wahr heilfroh, dass Nela da war, sonst wäre mir Nina sicher schon längst durchgedreht. Irgendwann mal zu später Stunde fielen dann auch mir die Augen zu.
Das Frühstück am nächsten Morgen ließen wir auf das Zimmer bringen und genossen es gemeinsam im Bett. Bis um weit nach Mittag lungerte wir Drei auf der Matratze bis Nela als erstes das Bad stürmte.
„Ich mach mich fertig Leute. Dauert nicht lang.“
„Ja, lass Dir Zeit. Sind auch dann gleich soweit.“ entgegnete ich ihr.

Ich rückte näher an Nina heran und strich sanft durch ihr Haar. So manches mal wären wir in so einem Moment über uns hergefallen, doch heute war eben alles anders. Zuviel stand für heute auf dem Spiel und so entschieden auch wir uns langsam vorzubereiten. Ich packte im Eiltempo unsere Sachen und gut eine Stunde später standen wir Drei vor der Rezeption des „Palmhotel“ und checkten aus. Am frühen Abend machten wir uns auf den Weg herunter in die Stadt.
„Da vorne ist der Laden. Wir warten noch im Wagen. So gegen Acht schlagen wir los. Nina, Du gehst mir Nela vor und ich komme ein paar Minuten nach. Und keine Ballerei, okay? Nur wenn es sein muss.“
„Okay verstanden.Also in einer halben Stunde.“ nickten Nina und Nela.
„Ja, um Acht ist Annahmeschluss und die Kasse rappel voll.“ Die Minuten vergingen wie im Fluge.
„Also Mädels. Es geht los.“
Ich blickte ihnen noch einen Augenblick hinterher, bis sie hinter der Ladentür verschwanden.Nicht etwa, dass ich Zweifel an unserer Aktion bekam, aber für ein paar Minuten herrschte so eine unnatürliche Ruhe auf der Straße vor dem Tabakladen. Ob die Zeit noch reichen würde, die ganze Sache abzublasen, wenn irgendwas schief ginge?
– Verdammt Stephan, halt die Augen auf und jetzt los – Das ganze stank gewaltig nach Ärger. Die sonst gut befahrene Straße war heute Abend leergefegt wie nach einer Bombenentschärfung.
Doch eigentlich hätte wir es ahnen müssen. Der verfluchte Chip in Ninas Körper verriet uns und brachte Baumanns Truppe auf unsere Spur.
Zu spät.
Ich öffnete die Tür und betrat den Laden. Nina und Nela hielten den armen Kerl hinter der Ladentheke bereits in Schach.
„Nina, runter mit der Kanone. Er wird uns die Kohle auch so rausrücken.“
Erst wenn ich sie hier vor meinen Augen liegen sehe.“ Mit fuchtelnder Waffe vor seinem Gesicht forderte Nina den Typen auf, die Kasse zu öffnen.
„Das ist wirklich alles. Mehr ist nicht da.“ schlotterte er mit zittriger Stimme.
„Dann stopfe es hier rein, aber schnell. Na mach schon Du Penner!“ drohte ihm Nela und warf ihm die schwarze lederne Tasche, in der wir sonst unsere Beute herumschleppten hastig über den Ladentisch. Das Teil landete auf dem Boden und in der Sekunde, als sich der Bursche danach bückte und hinter der Ladentheke abtauchte, knallte und knisterte es bereits aus kurzer Distanz aus dem Hinterhalt.
Widerhaken, mit Drähten verbunden, abgefeuert aus Airtasern, bohrten sich ich Ninas und Nelas Körper und ließen sie schmerzhaft und qualvoll zu Boden gehen.
„Pfeiff deine Leute zurück Baumann, sonst muss hier einer dran glauben.“ Mit lautem Geschepper stürmte er den Laden.
„Finger weg von der Kanone. Oder willst Du alles versauen. Es wird Zeit, dass wir beide reden.“ lachte und grinste er mit verachtender Mine.
„Reden? Wir? Ich weiß nicht was wir zu reden hätten?“
Es war, als hätte ein Blitz in meinen Körper eingeschlagen. Es gab keine andere Erklärung für diese höllisch schmerzhafte Explosion im meinem Gliedern.Ich sah noch den Lichtbogen vor meinem Gesicht herum flimmern, bevor ich wie gelähmt mit dem Schädel zuerst auf den Boden knallte.

„Raus mit ihnen und alle draußen in den Wagen. Treffpunkt Werkstatt. Und wenn er zu sich kommt, behaltet ihn und die Frauen im Auge.“ kommandierte Baumann seine Leute. Dann verlor auch ich endgültig mein Bewusstsein.
Der Lieferwagen setzte sich mit hastiger Fahrt in Bewegung. Scheinbar hielt die Bewusstlosigkeit nicht lange an. Dumpf vernahm ich so etwas wie Stimmen und war mir daher ziemlich sicher, dass es sich bei unseren Bewachern, einschließlich Baumann, noch um zwei weitere Männer und eine Frau handelte.
„Kilian, Sie kommen wieder zu sich.“ Die Antwort kam automatisch.
„Hast Du sie denn bei Dir Kammer?“ konterte Baumann, dessen Stimme sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte.
„Klar habe ich sie. Hier ist das Zeug. Für jeden eine. Oder hältst Du mich für eine blutige Anfängerin?“ antwortete die Frau, die Kammer gerufen wurde, mit verärgertem Ton.
„Anhalten da vorne rechts. Und dann vergaß sie ihnen.“ kommandierte das blasierte Arschlosch.
Der Lieferwagen stoppte, einer der beiden anderen Trottel trat mir mit vollen Gewicht auf meinen Arm, dass ich wehrlos zusehen musste, wie man mir und den Mädchen eine schnell wirkende Droge spritze, die uns sofort wie in einen Zustand der Hypnose und Halluzination versetzte.
Dann wendete die alte Karre und ohne es zu ahnen, war unsere nächste Station der Kiez.
Nela, die von uns Dreien als erste wieder einen klaren Kopf bekam, spuckte und fluchte.
„Hey Du verdammter Penner. Kannst Du die Karre auch mal anständig fahren? Ich glaub, ich muss gleich kotzen.“ beschimpfte sie den Helden am Steuer, den sie Graling riefen.
„Halt dein Maul, Du kleine Schlampe.“ schrie Graling und bog mit voller Absicht rüde in die nächste Kurve, so dass wir über die harte Ladefläche des Lieferwagens kollerten.
„Was hast Du gerade gesagt, du kleiner Bullenarsch? Ich trete dir gleich in deine Eier.“ Nela lief zu ihrer gewohnten Form auf. Das lernte man wohl, wenn man ein paar Jahre des Lebens auf dem Kiez verbrachte. Furchtlos und hartgesotten und wenn die Kerle ihr auf die Nerven fielen, gab es eben gewaltig was auf die Hörner.
„Schluss jetzt Graling. Halt da vorne vor dem Club an.“ schaltete sich Baumann lautstark ein. Der Lieferwagen hielt an, Graling, Baumann und die Frau stiegen aus, öffneten die Klappe, schnappten sich Nina und zerrten sie aus dem Laderaum.
„Hey fasst mich nicht an ihr Schweine. S-t-e-p-h-a-a-a-n..N-e-e-e-l-a..helft mir doch!“ schrie sie, schlug wie angestochen um sich, strampelte mit den Beinen und trat wild mit voller Wucht gegen ihre Körper. Trotz aller Gegenwehr brachten sie Nina weg ohne dass wir ihr helfen konnten. Nela griff sofort zu meiner Hand und sah mir tief in die Augen.

„Hey bleib ganz ruhig. Dreh jetzt ja nicht durch Stephan. Im Moment haben wir keine Chance. Wir finden sie schon.“ flüsterte mir Nela zu. Es hagelte ein paar Faustschläge und mit Fußtritten zwangen sie Nela und mich die Hände auf den Rücken zu nehmen, fesselten uns mit Paketband an den Handgelenken und verklebten uns die Augen.
„Besser Kammer, Du setzt noch einen Schuss von dem Zeug nach.“ befahl Baumann. Ich fühlte, wie sie sich über mich beugte und ihre Hand fest um meinen Hals legte.
Das letzte was ich spürte, war ein schmerzhafter Stich an meiner Halsschlagader. Mein Kopf dröhnte, geblendet von einem Blitzlichtgewitter und grellem, weißem Licht trotz meiner verklebten Augen. Alles in mir begann zu rotieren. Langsam drohte ich das Bewusstsein zu verlieren und im Wahn dieses „Downers“, den sie uns verpassten, dachte ich schon bereits, ich wäre so gut wie tot. Scharfe Krämpfe durchfluteten meinen Körper und alle meine Glieder.
Es stank nach verbrannter Haut durch die Elektrostöße in meiner Brust und in meinem Nacken. Erst durch den stechend scharfen Schmerz erlangte ich langsam mein Bewusstsein wieder. Ich begriff meine aussichtslose Lage. Gefesselt an Händen und Füßen verfrachteten sie mich in die Werkstatt, dieselbe, in der schon einmal wochenlang um mein Leben und das von Nina zitterte. Verdammt, gab es dieses Rattenloch immer noch?
Die Erinnerungen an damals, diese Todesängste, brannten sich seit dem tief in mein Hirn. Ich sah Nela, die mit ein paar zerrissenen Kleidern und bis zur Besinnungslosigkeit verprügelt nur einen Blick weit vom mir auf dem kalten Beton lag.
Baumann machte uns unmissverständlich klar, in welcher Lage wir uns befanden. Alles lag ab jetzt in meinen Händen.
Trotz Androhung der schlimmsten Folter, die ich am eigenen Leibe vor langer Zeit schon mal erfuhr, klang alles wie einziger großer Deal. Wie ein abgefahrenes Spiel mit dem Leben zweier Menschen, dass augenblicklich auf grausame Weise enden würde, wenn ich allein versagte. Vielleicht der einzige Grund, warum ich überhaupt noch lebte. Ich fühlte mich wie am Ende einer langen Treibjagd quer über den Globus und willigte bedingungslos ein. Ohne weitere Drohungen und Schläge verzogen sich er und seine Leute.
„Nela. Nela, kannst Du mich hören?“
„Ahhh..aaaaahhh…ja, ich hör Dich. Was war das denn? Wo zum Teufel sind wir hier?“
„In der Hölle. Erklär ich Dir später. Mach mich los hier. Bist Du okay?“
„Ja, ich lebe ja noch.“ Mit einer herumliegen Glasscherbe durchtrennte sie meine Fesseln. Das Mädchen war einfach nicht totzukriegen und ich war heilfroh, dass sie einigermaßen unversehrt war. Ich wusste nicht was ich ohne sie täte und würde Nina und Emily wahrscheinlich nie wiedersehen.
„Mmmhhh, sag mal Stephan. Wovon redet dieser Bulle da eigentlich die ganze Zeit?“ fragte Nela.
„Ist doch klar Nela? Wir sollen zu diesem Lands und ihn liquidieren.“
„Mmmhhh ja klar, schon. Du, ich glaube, er bietet Dir den Thron auf dem Kiez an.“
Nela war eben nicht nur hübsch, sondern auch raffiniert.Mit ihr an meiner Seite fühlte ich mich sicher. Sie kannte jeden Winkel und jede Ecke auf dem Kiez, kannte, wenn es darauf ankam, die richtigen Leute und wusste wann die richtige Stunde gekommen wäre, uns diesen Kerl zu kaufen.
„Dran gedacht hatte ich auch schon. Ich dachte bis jetzt, er will nur einzig und allein meinen Kopf rollen sehen.“ Ausgerechnet Baumann und ich würden zu Partnern auf dem Kiez?
Ich der Nachfolger von Sorokin, Milicic und Eric Lands, dem Schreier? Und Baumann würde zur gleichen Zeit Karriere machen und mir den Rücken frei halten?
Zugegeben, ein Gedanke an den ich mich zuerst gewöhnen musste.
„Wohin hat er Nina gebracht.“ Die Zeit rannte uns davon und meine Sorge um sie und um Emily brachte mich fast um meinen Verstand.
„Wenn, dann ist sie bei Herzchen.“ vermutete Nela.
„Wo ist sie?“ fragte ich sie und lachte.
„Sein richtiger Name ist Hans Kleinherz. Der Kerl fing hier mal im „Eros Center“ als Türsteher an. Wir sollten aufpassen. Der Typ ist ein Killer.“ erklärte Nela.
„Und wie kommt Baumann zu diesem Kleinherz?“ fragte ich unwissend.
„Oh je Stephan, wenn Du der neue König vom Kiez werden solltest, muss ich Dir aber noch eine Menge Tricks beibringen.“ Nela zwinkerte mir zu, schlug mir auf den Arm und lachte.
„Ein Deal mit den Bullen. Du verstehst? Eine Hand wäscht hier die Andere. Aber hab keine Angst. Herzchen wird ihr nichts tun. Vielleicht mal einen kleinen Klaps auf ihren geilen Arsch aber mehr nicht.“
Die Antwort, ob mich das beruhigte, stand sicher deutlich in den Sternen. Krümmte er oder Lands ihnen auch nur ein Haar, wäre die Rache qualvoll und schmerzhaft und kostete es meine eigenes Leben, meinen Kopf, den sie anschließend sicher auf den nächsten Fahnenmast aufspießen würden.
„Nela, ich glaube es wird Zeit zu gehen.“ Ich spürte, dass die Zeit gekommen war. Ich umarmte Nela. Unter anderen Umständen hätte ich mich glatt in sie verliebt. Wir nutzten die Zeit bis zum nächsten Abend um dem nächsten Schritt zu planen.
„Ja, es ist soweit. Die Zeit für Lands läuft langsam ab.“ nickte Nela einverstanden.
„Kannst Du mit einer Waffe umgehen?“ fragte ich Nela interessiert.
„Das wirst Du dann schon sehen, wenn es soweit ist.“ Grinste Nela, lud und überprüfte die Gaston Glock 17 Kal.9mm, die sie uns neben einem Bündel Bargeld da ließen.
„Wenn es dunkel wird gehen wir los. Solange bleiben wir hier in diesem Rattenloch.“ schlug Nela vor.
Nichts hatte sich hier seit jener Zeit verändert. Wir suchten alles ab nach irgendetwas Brauchbarem. Tatsächlich fanden wir noch eine Kiste mit Wodka der Marke „Putinka Premium“ und ein flammenförmiges italienisches Stilett. Ich steckte es ein. Wer weiß, ob es mir nochmal den Arsch retten würde.
„Hey Stephan, sieh mal, was ich habe.“ rief Nela.
„Was ist es?“ fragte ich sie.
„Sieht aus, als würde es laut knallen, wenn es losgeht.“ Ich dachte, die Bullen hätten die Bruchbude damals gründlich durchsucht.
„Hey Nela, tu das Ding weg. Wenn die hochgeht sind wir erledigt.“ Mit strahlendem Gesicht zeigte sie mir die RGD-5 Splitterhandgranate.
„Vielleicht hast Du recht.“
„Ich habe recht, glaub mir.“ und lächelte zu ihr herüber.

Es dämmerte.
An unseren blutbefleckten Klamotten und meinem mal wieder etwas lädiertem Gesicht war jetzt nichts mehr zu ändern. Bis zur nächsten Straße, die genau bis herunter zum Kiez führte, liefen wir los. Nela sprang auf den Asphalt, riss ihren Arm in die Luft und stoppte ein Taxi. Der Fahrer betrachtete uns misstrauisch durch den Rückspiegel.
„Eros Center!“ wies ich ihn an. Doch der Typ starrte uns nur an.
„Eros Center! Hast Du was den Ohren?“ Typisch Nela.
Eine halbe Stunde später stand der Wagen vor dem „Eros Center“. Der Laden bereitete sich gerade für die kommende Nacht vor. Alles erschien in Glanz schrillem bunten Lichtes. Zwei Türsteher hielten Ausschau nach den ersten Gästen. Nur langsam füllte sich der Laden. Um diese Zeit war er sicher mit seinen Leuten und ein paar seiner Gespielinnen hier.
Der Zeitpunkt erschien Nela und mir günstig. Wann dann, wenn nicht jetzt. Ich drückte den Taxifahrer einen Fünfziger in die Hand und drohte ihm auf der Stelle zu verschwinden. Langsam schritten wir auf den hellerleuchteten Eingang zu.
Die beiden Türsteher verweigerten uns den Zutritt.
„Wir wollen zu Eric Lands. Er erwartet uns.“ erklärte ich dem Kleiderschrank.
„Zu Lands. Und wer bist Du, der es einfach so wagt hier aufzutauchen und nach ihm zu fragen.“ murmelte diese Hüne von Mann.
„Sag ihm, Neun-Finger-Steph ist da und will ihn sprechen.“ klärte ich die Beiden Tresorknackertypen auf.
„Und woher weiß ich dass Du es bist?“ fragte der linke von den Beiden mit der Visage eines Amateurboxers.
Ich zeigte ihn meine Hände, er grinste dämlich, aber er begriff.
„Hey Stopp! Wer ist die Frau?“
„Sie gehört zu mir und sie bleibt bei mir.“ klärte ich die Zwei auf.
„Sie bleibt draußen, klar?“
„Sie kommt mit und nun quatsch nicht so viel und lass uns durch.“ Der Halfter mit der Magnum Kal. 38 mm, der unter meiner Jacke hervor schien, öffnete uns die Türen.
Das „Eros Center“. Hier also steckte er irgendwo. Wir schlenderten direkt auf die Bar zu. Ein junges, fast nacktes Mädchen räkelte sich auf einem durch knallbunte Spots erleuchtetem Podest und rang bei einer Table-Dance Show um die Gunst einiger weniger Männer, die sie mit lüsternem Blick verschlangen. In einer anderen Ecke standen Billard und Roulettetische. In einem nicht ersichtlichen Bereich des Etablissements wurde eine Sex-Life-Show für den heutigen Abend angekündigt.
„lass mich mal ran.“ forderte Nela mich auf. „Wir wollen zu Lands. Er weiß Bescheid.“

„Hey Nela. Auch wieder da. Du wurdest schon vermisst.“ antwortete die junge Frau mit osteuropäischen Akzent hinter der Bar.
„Vermisst? Wer hat mich vermisst?“ bohrte Nela. Die beiden Frauen kannte sich bereits seit ein paar Jahren hier auf dem Kiez.
„Mischa hat oft nach dir gefragt wo Du steckst? Ich glaube, er ist ziemlich sauer und sehr wütend auf dich. Du schuldest ihm noch Geld.“
„Mischa? Haha…Mischa kann mich am Arsch lecken und ich reiß ihm die Eier ab. Sag ihm das, wenn Du diese Pfeife siehst. Und nun bring uns zu Lands. Und sag ihm Neun-Finger-Steph will ihn sprechen.
Der Blick der eleganten Animierdame, die von den anderen Chloe gerufen wurde, wendete sich nach links und im Horizont dieses riesigen Saales residierte er, um sich herum seine Wachdackel und selbst eingerahmt von zwei hübschen Blondinen, die sich ständig an einem Sektkübel vergriffen und sich reichlich bedienten.
„Wartet hier bis ich Euch das Zeichen gebe.“ und kündigte uns Chloe an. „Los jetzt, er will Euch sehen.“
„Und Stephan? Hast Du Angst?“ flüsterte Nela.
„Ja.“
„Ich auch.“ und trotzdem lächelte sie, als wir uns dem Tisch näherten.
Ich wusste nicht, wen oder was ich erwartete. Lands war im Gegensatz zu Sorokin und Milicic eher ein schmaler Typ mit dichtem, rotblondem Haar und irischem Akzent. Viele Jahre gehörte er zur Irisch-Republikanischen Armee IRA, einer paramilitärischen Terrorgruppe. Bei einer Straßenschlacht in Belfast türmte er aus der Armee, floh nach Deutschland und versorgte von hier aus die dortige Truppe mit Waffen. So entstand mit der Zeit sein eigenes Kriegswaffenimperium bis hierher zum Kiez.
Das Geschäft mit Bars, Prostitution und Drogen betrachtete er selbst als nur einen lukrativen Nebenverdienst.
„Neun-Finger-Steph. Ich habe dich erwartet. Macht Platz für die Beiden und bringt ihnen was trinken. Sie sind meine Gäste.“ Diese Überheblichkeit und Ironie in seiner Stimme brachte mich zur Weißglut.
„Emily. Nicht wahr? Du kommst um dein Kind zu holen. Das ehrt Dich.“
„Wo ist sie. Ich will sie sehen.“
„Ihr geht’s gut. Wir kümmern uns um sie, wie wir uns auch um Dich kümmern werden.“
„Lands, gib uns das Kind und der Rest ist eine Sache unter uns Beiden.“
„Schluss jetzt. Genug jetzt mit dem Schießgelaber.“ Nela sprang wie angestochen aus ihrem Sitz und richtete die Gaston Glock17 auf seine Leute.
Die Kerle sprangen zur Seite und zogen ihre Kanonen. Der erste Schuss krachte los und Nela zertrümmerte einem der Typen die Kniescheibe. Die Leute schrien und versuchten fluchtartig die Bar zu verlassen.
„Ihr Idioten. Schnappt sie euch und macht sie kalt.“ schrie Lands. Ich riss Nela zu Boden und wir feuerten wild drauf los in alle Richtungen.
„Stehen bleiben Lands. Zum letzten Mal. Wo ist Emily?“ Noch bevor er seine Kanone gegen mich richten konnte, schoss ihm Nela direkt in sein Herz. Schmerzverzerrt geriet er durch den gewaltigen Aufprall der Kugel in seine Brust ins Taumeln und brach über einem mit Flaschen gefüllten Tisch zusammen. Verschanzt hinter umgestürzten Bänken und Stühlen erwiderten wir das Feuer seiner Leute. Noch während ich die Magnum nachlud, flog mit ohrenbetäubendem Getöse der Eingang des „Eros Center“ auf und Baumann und seine Truppe stürmten den Laden. Ich zog diesem Delling, einem seiner Leute die Beine weg, so dass er hart auf den Boden knallte und rettete ihm so sein Leben, noch bevor man ihm im Kugelhagel durchsiebte.
„Die Waffen runter und abführen.“ brüllte Baumann. Einer nach dem anderem wurde bei vorgehaltener Waffe in Handschellen raus gebracht, wo sich bereits eine riesige Menschenmenge versammelt hatte. Der Club lag in einen feinem Nebel aus Pulverdampf und auf dem Boden und Barhockern klebte das Blut seiner Wachhunde.
„Großartig!“ applaudierte Baumann. „Ich sehe wir verstehen uns doch.“
„Und jetzt bist Du an der Reihe Kilian. Gib mit Nina und Emily. Lands ist erledigt. Oder was willst Du noch?“ drängte ich ihn.
Auf sein Zeichen brachte Chloe, die Bardame uns tatsächlich Emily und Nela schloss die Kleine in die Arme fast wie ihr eigenes Kind.
„Ich bin vielleicht ein verdammter Bastard, der auf Regeln und Gesetzte scheißt. Aber ich halte mein Wort.“ erklärte Baumann.
„Freies Geleit für uns und das Mädchen. Nela bleibt bei uns. Das ist der Deal. Mit der Kohle machen wir Fifty-Fifty. Das sind für jeden von uns mehr als zwei Millionen.“ Noch in der selben Nacht arrangierte Baumann ein Treffen im Club eines guten alten Bekannten, der ihm, wie er erklärte, eine Menge Gefallen schuldete.
In einem verrauchten Hinterzimmer eines der neuen Clubs von Herzchen saßen wir in der Runde. Kilian Baumann, Hans Kleinherz, Nela, in ihren Armen unsere kleine Emily und endlich auch wieder meine Nina. Ich sprang auf und keiner von uns beiden rührte sich, bis ich sie fest in meine Arme schloss. Ich sah sie an und bewunderte sie wieder einmal mehr und spürte, wie sehr ich sie vermisste.
Doch unter dem Tisch ballten sich meine Fäuste erfüllt vor mörderischer Wut. In den frühen Morgenstunden verließen wir Drei den Club. Vorbei an dem kampferprobten Schlägern vor dem Eingang standen wir auf der Meile, auf der wieder Ruhe eingekehrt war.
„Ich behalte Euch im Auge. Macht mich einfach zu einem glücklichen Menschen.“ Baumann folgte uns und er hatte ein teuflisches Vergnügen daran, die Hand wie ein Despot nach uns auszustrecken, wann immer es ihm gefiel oder wir wanderten bis zu unserem Ende in den Knast.
Ein Taxi brachte uns weit heraus aus der Stadt. In einem einfachen, aber ruhigen Hotel fanden wir Unterkunft.
„Und wenn wir schon morgen in einer Maschine sitzen und abhauen. Zurück in unser Haus. Du weißt schon Stephan. Und Nela nehmen wir mit.“

„Ich fürchte er hat uns in der Hand.“ erklärte ich Nina. „Oder es erwartet uns ein Leben hinter Gittern.“
„Kein Bock auf Spielchen. Ich wüsste schon wie wir hier weg kommen.“ schmiss Nela in die Kolonne und hielt dabei die Gaston Glock17 Kal.9mm hoch in ihrer Hand.
„Gute Nacht. Leg das Ding weg und schlaf jetzt Nela.“
„Mmmhh Nacht, dann eben nicht!“ knurrte sie.
Zusammengerückt, mit einem Lachen auf unseren Gesichtern in der Dunkelheit zogen wir uns die Decken bis über unsere Ohren.

**
„Gibt’s was Neues?“ fragte mich Milewski.
„Nein.“
„Gut, lass mich die Frage anders formulieren. Was zum Teufel ist da im „Eros“ abgelaufen?“
„Jemand hat Eric Lands umgelegt.“
„Und dieser jemand war nicht zufällig dein Freund Neun-Finger-Steph?“
„Wie kommst du denn darauf? Im „Eros“ wurde eine Splittergranate gefunden. Wenn du mich fragst haben die alten Freunde aus Lands IRA Vergangenheit den Schreier umgelegt.“
„Und was ist mit der angeblichen Kindesentführung, den Überfällen und dem Mord an diesem Waffenhändler?“
„Warum fragst du Sachen, deren Antwort du gar nicht wissen willst?
Auf dem Kiez wird Ruhe einkehren. Eine Entführung gab es nicht, die Überfälle sind vorbei und es wird auch keine neuen geben.“
„Schneider und Keller warten nur auf eine Gelegenheit, dich abzuschießen. So sehr sich die beiden mittlerweile auch gegenseitig hassen, eines hassen sie noch mehr. DICH!“
„Ich werde ihnen keine Chance geben. Besonders jetzt da erst mal etwas Ruhe auf dem Kiez einkehrt.“
„Bist du da nicht etwas vorschnell? Die zweite Reihe hinter dem Schreier wird nicht einfach zusehen, wie Steph sich etabliert.“
„Ich werde die Kerle schon zu Raison bringen.“
„Also gut. Die Granate scheint tatsächlich auf die IRA hinzuweisen. Aber ich warne dich! Halt Steph unter Kontrolle!“
„Werde ich. Kein Problem.“
**
Ich musste Stephan nicht lange suchen.
Stephan hatte anscheinend ein paar Besorgungen gemacht. Nach der Aktion im „Eros“ hatten seine Perle und seine neue Freundin sich erst Mal eine Auszeit von zwei Tagen gegönnt.
Zeit für ihn, sich an die Arbeit zu machen, besonders da die möglichen Nachfolger von Lands dem Schreier anfingen sich in Position zu bringen.
Ich hielt mit dem Wagen neben ihm.
„Einsteigen, wir müssen reden.“
„Fick dich, Baumann!“ sagte er nur und ging weiter.
Ich fuhr neben ihm her und versuchte es, wie Judith mir geraten hatte, mit Freundlichkeit.
„Jetzt steig schon ein. Es ist wichtig… bitte.“
Stephan ging einfach weiter. So viel zum Freundlich sein!
„Steig ein, oder wir reden in der Werkstatt!“
Stephan blieb stehen und schaute mich hasserfüllt an.
Ich öffnete die Autotür. „Komm schon.“ Schlug ich wieder einen versöhnlichen Ton an.
Er stieg ein und ich fuhr los.
„Wo fahren wir hin?“
„Zu deinem neuen Hauptquartier.“
„Hör zu Baumann! Ich will mit dieser Scheiße nichts mehr zu tun haben!“
„Das hättest du dir überlegen müssen, bevor du die blonde Schönheit erschossen hast. Wie war ihr Name nochmal, Arjona. Erinnerst du dich an sie?“
Sein Blick wurde starr und er sagte nichts.
„Wie war es? Hat sie dich angefleht? Hat es dich geil gemacht, ihr die Knarre an den Kopf zu halten und abzudrücken?“
„Leck mich!“
„Ich hab auch schon ein paar Leute umgelegt. Aber keiner hat unbewaffnet vor mir gekniet. Du hast es getan und dafür zahlst du. Sei froh, dass du dir die Währung, mit der du deine Schulden zahlst, selbst aussuchen kannst.“
Stephan schwieg wieder bis ich an einem von Herzchens Clubs der „Schatulle“ anhielt. Die „Schatulle“ war der kleinste Club von Herzchen, denn die Preise waren eher etwas für die Oberklasse. Dementsprechend wenig, aber zahlungskräftige Kunden kamen in den Club.
Wir stiegen aus und gingen zur Hintertür des Clubs. Dort drückte ich auf die Klingel und Herzchen selbst öffnete die Tür.
„Hallo Herzchen, das ist Neun-Finger-Steph.“
„Ah, der neue König.“ Herzchen verbeugte sich grinsend vor dem gut einen Kopf kleineren Stephan.
„Hier entlang meine Majestät.“ Meinte er spöttisch und ging voraus.
In einem kleinen Zimmer saß schon Schaller und wartete auf uns.
Herzchen und ich setzten uns und Stephan musste erst aufgefordert werden.
„Das ist Schaller, dein neuer „Bankberater“. Er regelt zukünftig deine Finanzen. Schaller, gib uns mal einen ersten Überblick.“
„Also.“ Sagte Schaller. „Wir haben nach dem Hausverkauf, der Kontoauflösung sowie der Kontoübernahme des Schreiers einen Barbestand von 5,6 Millionen.“
„Hausverkauf?“ fragte Stephan dazwischen.
Schaller sah mich fragend an. „Er weiß es noch nicht?“
„Du warst zu schnell.“ Dann wandte ich mich an Stephan.
„Wir haben dein Haus auf den Caymans verkauft. Dein FBI Nachbar hat die Behörden vor Ort auf deine Vergangenheit aufmerksam gemacht und die haben einen sofortigem Verkauf nur zu gerne zugestimmt und euch zu unerwünschten Personen erklärt. Du solltest also nicht mehr versuchen dort einzureisen, der Knast dort ist nicht so ein Paradies wie der Knast hier.“
„Du Arsch hast mein Haus verkauft?“ fuhr Stephan auf.
„Ja. Außerdem haben wir dein Konto aufgelöst und alles veräußert was noch zu Geld zu machen war.“
Stephan wurde blass vor Zorn und ich konnte sehen, dass er sich nur mühsam beherrschen konnte.
„Wieso regst du dich auf?“ fragte ich ihn. „Das Geld gehörte weder dir noch deiner Perle. Es waren Drogengelder von Sorokin. Hast du eine Ahnung wie viele Kids an Sorokins Drogen verreckt sind? Es ist illegales Geld, kein sauer verdientes Gehalt. Also spiel hier nicht den armen enteigneten Mann.“
Ich schaute zu Schaller und forderte ihn auf weiter zu machen.
„Wie gesagt haben wir ein Kapital von 5,6 Millionen. Verfügungsgewalt haben nur Baumann und ich. Mach dir also keine Hoffnung, dass ihr euch die Kohle schnappen und abhauen könnt. Allerdings haben wir ein Sonderkonto auf dem 100.000 zu deiner Verfügbarkeit stehen. An das Geld kommt ihr jederzeit. Sollte ein Betrag abgehoben werden, bekomme ich das selbstverständlich mitgeteilt. Gegebenenfalls wird es dann wieder auf 100.000 aufgefüllt.“
„OK. So jetzt weißt du wie es um deine Kohle steht, jetzt zu etwas, dass ich meinem Team versprochen habe!“ ich sah Stephan fest an.
„Im „Eros“ hast du Delling das Leben gerettet. Auf den Videos war klar zu sehen, dass du Delling mit deinem Tritt aus der Schusslinie gebracht hast. Ohne dein Eingreifen wäre er jetzt tot.
Schnapp dir deine Frau und dein Kind und verschwinde. Nimm meinetwegen auch deine neue Freundin und haut zusammen ab. Du hast einmalig die Gelegenheit auf die 100.000 zurückzugreifen. Nehmt sie und verschwindet! Das Angebot ist einmalig. Entweder du haust jetzt ab, oder wir machen weiter.“

Wir alle sahen Stephan an. Man konnte genau sehen, wie die Gedanken in seinem Kopf rasten und sich überschlugen. Die zentrale Frage war wohl, wohin er verschwinden könnte? Wie weit würden die vier mit 100.000 kommen? Könnte er das Geld für ihren aufwendigen Lebenswandel legal aufbringen?
Wieder einmal hat Judith Recht behalten. Sie hatte die Idee mit der 100.000 Euro Grenze. Ich hatte 50.000 vorgeschlagen, doch Judith meinte, dass Stephan dies als zu niedrig ansehen würde und Geschäfte „nebenbei“ erledigen könnte und mit mehr als 100.000, würden sie sich aus dem Staub machen.
100.000 Euro immer verfügbar aber, würden ihn dazu bringen mitzumachen. Um Abzuhauen und ein neues Leben aufzubauen, waren 100.000 allerdings eindeutig zu wenig.
Außerdem würde mein Angebot ihn und Nina ziehen zulassen eine Art Vertrauensbasis schaffen.
Nachdem er gute zehn Minuten nichts gesagt hatte, aber auch nicht aufgestanden war um zu gehen, ging ich davon aus, dass Stephan mitmachen würde.
„Gut. Also als erstes übernimmst du offiziell den Club hier. Herzchen wird die die Schatulle als Hauptquartier zur Verfügung stellen. Dafür wirst du, als neuer König, ihm Ärger vom Hals halten und ihm das Schutzgeld erlassen.
Zweitens. Das Schutzgeld wird um“, ich blickte zu Herzchen, der mit dem Kopf wiegte.
„Ein Drittel für Besitzer eines Clubs, die Hälfte für zwei Clubs und zwei Drittel für drei Clubs und mehr.“
Schlug er vor.
Ich überschlug grob die Anzahl der Clubs, Läden, Bordelle und Bars. Schließlich nickte ich.
„, du hast es gehört. Ein Drittel für Besitzer eines Clubs, Laden oder Sonst was. Die Hälfte für Zwei, und zwei Drittel für drei und mehr reduzieren.
Aber damit das klar ist. Du nimmst nicht einfach die Kohle und schaust bei Ärger weg, wie es der Schreier getan hat.
Das bringt uns zu Punkt drei. Du baust dir eine verlässliche Truppe auf, mit der du nötigenfalls aufräumen kannst. Du kannst meinetwegen ja ein Casting veranstalten um geeignete Leute zu finden. Wichtig ist nur eines, wenn ein Clubbetreiber Hilfe braucht, dann wirst du etwas für dein Schutzgeld tun.

Punkt vier.“ Ich legte ihm einen Stapel Bilder hin. „Das ist die zweite Reiher von Schreiers Leuten. Die werden natürlich versuchen dir den Laden aus der Hand zu reißen. Allen voran die beiden hier.“ Ich zeigte ihm zwei Fotos.
„Der mit der Glatze ist Saelker. Auf dem Kiez heißt er Kratzer. Der andere ist Herbert der Falter. Man nennt ihn so, da er schon einige Rivalen in der Mitte zusammengefaltet hat.
Anfangs werden die beiden versuchen sich mit dir friedlich zu einigen, um dich dann nach Hinten zu schieben, aber ich will die beiden los haben. Jeder der Beiden würde nur die Politik vom Schreier weiterführen.
Mit den Beiden ist nicht zu spaßen, also warte nicht allzu lange mit dem Aufbau deiner Truppe.
Wie du die beiden los wirst ist deine Sache, aber das Wichtigste!!! Keine weiteren Toten! Hast du verstanden?“
Anscheinend ging das etwas zu schnell, denn Stephan schaute stur auf die Bilder vor sich und sagte keinen Ton.
„Hast du verstanden?“
„Ich bin kein Idiot!“
„Gut! Wenn es nämlich Tote gibt, werden meine Kollegen wieder anfangen jeden Stein auf dem Kiez umzudrehen. Das ist das letzte was wir wollen.
Also schärfe deiner zukünftigen Truppe ein, dass sie sich zurückhalten soll. Wegen ein paar Knochenbrüchen regt sich noch niemand auf.
Da du neu in dem Geschäft bist, wird Herzchen dir beim Aufbau deiner Truppe behilflich sein. Er hat das letzte Wort, wenn es um eine „Einstellung“ geht. Er wird dir auch bei Entscheidungen helfen. Natürlich werden alle Aktionen mit mir abgesprochen, soweit Herzchen das für nötig hält.
Wenn du einiges an Erfahrung gesammelt hast, reden wir darüber, ob du die Geschäftsführung allein übernimmst. Soweit klar?“

„Klar.“ Presste er hervor.
„Kommen wir nochmal zu den Finanzen.“
Schaller übernahm das Gespräch wieder. „Wie schon gesagt sind insgesamt 5,6 Millionen da. Abzüglich der 100.000 bleiben also noch 5.5 Millionen übrig. Das Geld ist für größere Anschaffungen oder Unternehmungen da, zum Beispiel für ein neues Hauptquartier, oder falls Herzchen dir die „Schatulle“ überlässt, als Ablösesumme. Jedenfalls sind Zugriff auf dieses Geld nur über mich und Baumann möglich. Fragen zum Geld?“
Stephan schüttelte den Kopf.
„Hier im Club“, meldete sich Herzchen zu Wort, „gibt es einen kleinen Wohnbereich. Ihr könnt und solltet hier wohnen. Hier im Club seid ihr am sichersten, bis wir dich auf dem Kiez etabliert haben. Außerdem muss ich dann nicht dauernd zu dir kommen.
Am Freitag kommen die ersten „Bewerber“ für deine Truppe. Die Jungs kenne ich noch aus der Zeit als Türsteher. Wilde Kerle aber Loyal. Sieh dir sie an.“
„Danke Herzchen. Bis hier her Fragen?“ wollte ich wissen.
Etwas verbittert schüttelte Stephan den Kopf.
„Gut dann noch zwei Punkte, erstens, deine Frau Nina.
Den Waffenschieber sehe ich euch nach. Das Stück Dreck lässt mich kalt, aber die Verkäuferin im Schnapsladen nicht! Ich hab die Bilder der Überwachungskamera aus dem Schnapsladen gesehen. Nina war völlig außer Kontrolle. Sie hat ohne mit der Wimper zu zucken auf die Verkäuferin geschossen. So etwas darf nie geschehen! Halt sie unter Kontrolle, sonst verbringt sie die nächsten Jahre ohne Kind im Knast, dann bist du alleinerziehend!
Zweitens.“ Ich schob ihm ein Etui hin.
Er sah mich fragend an. „Was ist das?“
„Sieh nach.“
Stephan griff das Etui und öffnete es. Im Etui lag eine Spritze mit einer durchsichtigen Lösung, in der ein einzelner schwarzer Punkt schwebte.
„Das ist derselbe Sender, wir der den Nina trägt. Einmal injiziert ist er nicht mehr zu entfernen.“
„Und was soll ich damit?“
„Überlege dir, ob du ihn deiner Tochter verpasst. Falls noch einmal jemand auf denselben Gedanken kommt wie der Schreier, finden wir sie sofort.“
„Ich soll meine Tochter einen Chip spritzen, damit ihr sie unter Kontrolle habt?“
„Nein, damit du sie unter Kontrolle hast.“
„Nina wird dem niemals zustimmen.“
„Tja, mein Freund, einmal hattest du Glück, was die Entführung deiner Tochter angeht, wer weiß ob das beim nächsten Mal auch so ist. Wir konnten die Entführung nicht verhindern und haben drei Tage gebraucht um sie zu finden. In der Zeit hätte alles möglich geschehen können. Denk darüber nach.
Und Falls du der Meinung bist, dass ich Recht habe, dann überlege dir ob du deiner Frau etwas davon erzählst. Sie muss es ja nicht wissen.“
„Du bist ein wirklich mieses Schwein, Baumann.“
„Bin ich das? Sei froh, dass ich es bin, denn wäre ich anderes, währt ihr entweder im Knast, oder tot. Viel Spaß beim Nachdenken.“
„Ich sehe schon, wir alle brauchen Zeit um eine vernünftige Basis zu schaffen.“ Meinte Herzchen. „Doch wer weiß, wie heißt es im Film, ist dies vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?“
„NEIN!“ kam es aus Stephans und meinem Mund gleichzeitig.
„Jedenfalls habt ihr beide es geschafft, eine Stunde miteinander zu reden, ohne das ihr versucht habt euch gegenseitig umzubringen, oder das jemand Körperteile verloren hat. Ich finde das ist ein gewaltiger Fortschritt.“
„Abwarten. Ein paar Körperteile sind ja noch dran. Mal sehen wie lange er die noch hat.“
„Fick dich Baumann! Irgendwann zahle ich es dir das alles heim.“
„Wir sehen uns.“ Schaller und ich standen auf und Schaller legte eine Bankkarte auf den Tisch. „Hier, die Karte für die 100.000.“ Damit ließen wir Stephan unter der Obhut von Herzchen zurück.

**
„Und?“ fragte mich Judith.
„Ich habe ihn am Haken. Er spielt mit. Kurze Zeit hat er überlegt, ob er die 100.000 nehmen und abhauen soll. Doch ihm war wohl klar, dass er damit nicht allzu weit kommt.“
Judith stand am Herd und zauberte ein herrlich duftendes Essen. Ich umarmte sie von hinten und küsste sie.
„Danke.“
„Wofür?“
„Ohne dich und dein Ideen wäre ich nicht so weit gekommen.“
„Nein wärst du nicht, aber du gehörst mir und ich werde nicht zulassen wie du verlierst.“
„Ich gehöre also dir?“ fragte ich mit schmalen Augen nach.
„Jede einzelne Zelle.“
„Na warte!“ ich schnappte sie zerrte sie zum Bett. „Ich zeige dir wem hier was gehört.“
„He! Mein Essen!“ protestierte sie.
„Keine Sorge ich kümmere mich um dich und das Essen!“
Schon hatte ich die Handschellen klicken lassen und Judith lag mit den Händen auf dem Rücken bäuchlings auf dem Bett.
Nur eine Minute Später waren die Hose ausgezogen, der Slip zerrissen und die Beine weit gespreizt ans Bett gebunden.
Jetzt hatte ich Zeit mich um das Essen zu kümmern. Abwechselnd pendelte ich zwischen Judith und den Töpfen hin und her. Als das Essen fertig war, stellte ich es warm und brachte Judith in Fahrt.
Sie hatte strengstes Orgasmus-verbot, wimmerte und flehte endlich kommen zu dürfen, doch kurz vorher, ließ ich von ihr ab und band sie los.
„Zeit das Essen zu genießen.“
„Was?“ fragte sie ungläubig.

„Nach dem Essen geht es weiter.“
„KB, du bist ein elender Mistkerl!“
„Ja, so was hab ich heute schon einmal gehört.“ Grinste ich.

**
Schneider blickte kaum auf, als sich Keller zu ihm an den Tisch setzte.
Seit dem Fehlschlag in der Vorwahlzeit hatten die beiden kein privates Wort mehr gewechselt.
Schneider war mit viel Glück als Innensenator im Amt geblieben, doch sein Boss der Senatspräsident hatte ihm klar gemacht, dass dies die oberste Stufe seiner Karriereleiter darstellte.
Keller der noch immer verbittert darüber war, das man ihn zum Sündenbock gemacht hatte, während Baumann und seine Leute als Helden gefeiert wurden, war sichtlich enttäuscht, als er erfuhr, dass Schneider Innensenator blieb.
„Was gibt es denn so wichtiges?“ fragte Schneider ohne Keller zu begrüßen. Der hatte ihm lediglich auf seinen Anrufbeantworter mitgeteilt, dass er sich mit ihm im „Braukeller“ treffen muss, da es eine neue, für sie beide interessante, Situation gibt.
„Er ist wieder da.“
„Wer ist wieder da?“
„Neun-Finger-Steph.“
Schneider der schon am Essen war, hielt inne und ließ die Gabel sinken.
„Erzähl!“
„Steph kam vor etwa zwei Wochen nach Deutschland zurück. Vor ein paar Tagen hat er Lands den Schreier umgelegt und ist dabei seinen Laden zu übernehmen.“
„Ich dachte Schreiers alte Freunde von der IRA haben Lands erledigt.“
„Nein, das hat Baumann in die Welt gesetzt.“
„Baumann! Wenn ich jemanden mehr hasse als dich dann ihn!“
„Geht mir nicht anders.“
„Warum schnappst du dir Neun-Finger-Steph nicht endlich und quetschst ihn aus?“
„Weil der Schuss nach hinten losgehen würde. Baumann hat Steph mit Sicherheit alle Protokolle aus der Werkstatt überlassen. Wir hätten ihn damals überrumpeln können, jetzt nicht mehr. Jeder mittelmäßige Anwalt würde die Anklage in der Luft zerreißen.“
„Und was gedenkst du zu tun?“
„Wir brauchen einen Ermittler von Außerhalb. Ganz gleich wen ich auf die Sache ansetzte, Baumann würde den Braten riechen und ihn auflaufen lassen.“
„Du wirst doch irgendwas haben, um Baumann absägen zu können.“
„Vergiss es. Die Medien lieben ihn und jetzt da der Schreier weg ist und es tatsächlich so aussieht, als ob auf den Kiez wieder Ruhe einkehrt, lieben ihn sogar die Bordsteinschwalben. Dein Chef würde eher dich in die Wüste schicken als Baumann.“
„Also was willst du von mir?“
„Beschaff mir einen Ermittler von außen. Jemanden von der Bundespolizei, Europol oder meinetwegen jemand aus einem anderen Bundesland, aber jemanden den Baumann nicht kennt. Jemand der sich auf dem Kiez umsehen und Fragen stellen kann, ohne Verdacht zu erregen.
Hauptsache er beschafft mir die Beweise, die ich brauche, um Baumann endgültig abzusägen.“
„Was ist mit Milewski?“
Keller schnaubte verächtlich. „Milewski ist mittlerweile Baumann verlängerter Arm. Der macht was Baumann will und schert sich einen Dreck um Recht und Ordnung.“
Schneider hatte sein Essen wieder aufgenommen und dachte nach.
Wenn Keller Recht hatte, würde er Baumann am Arsch bekommen. Die Frage war, lieferte ihm Keller Baumann einfach so, oder wollte er sich selber in Position bringen um vielleicht seinen Posten zu bekommen?
Ausgeschlossen war das nicht. Keller, als erfahrener Polizeioberrat, wäre für den Senatspräsident eine komfortable Lösung für den ungeliebten Innensenator.
Ging er darauf ein musste er Baumann und Keller loswerden…
„Also gut. Ich werde sehen was sich machen lässt. Wir brauchen ein Ass, das sticht, kein Lamm das sich von Baumann auf die Schlachtbank führen lässt.“
„Du wirst in deinen Kontakten schon die richtige Nummer stehen haben. Wenn du jemanden gefunden hast, soll er sich bei mir melden, damit ich ihn auf den neusten Stand bringen kann.“
Er wird sich ganz sicher bei dir melden und nicht nur das. Dachte sich Schneider.
„Gut Keller. Ich melde mich bei dir.“ Antwortete Schneider und aß weiter.
Keller ging genauso grußlos wie er gekommen war.
Auch ihm war klar, dass er Schneider nicht trauen konnte, doch die Gelegenheit Baumann in die Wüste zu schicken, durfte man nicht ungenutzt lassen, und wer weiß? Vielleicht konnte er Schneider auch loswerden.

**
Wir lebten.
Ein pochender Schmerz in meinem Kopf, wie nach einer durchzechten Nacht, riss mich erbarmungslos aus dem Schlaf. Vor ein paar noch Stunden pumpten wir die Leute von Lands , dem Schreier, voll Blei und Nela schoss diesem Kerl eine Kugel durch sein Herz, noch bevor er mir für immer das Licht ausgeschaltete.
Und trotzdem saßen wir nicht in irgendeiner verdreckten Zelle eines Untersuchungsgefängnisses und warteten darauf, dass man uns endgültig den Prozess machte.
Ich starrte von einer zur anderen Ecke unseres Hotelzimmers. Mein Magen krampfte und mein Herz begann zu rasen. Nur ein paar Sekunden später und ich hätte den Weg ins Bad nicht geschafft. Dort an gekrochen, kotzte ich mir die Seele aus dem Leib. War nun alles wirklich endgültig vorbei?
Ich betätigte den Knopf der Dusche und wartete, bis das Bad in einem feinen Schwaden aus Wasserdampf völlig einnebelte.
„Hey Stephan, Du bist schon wach?“ Mit einem Blick über meine Schulter sah ich Nina, die vom Geplätscher des Wasser, das wie hundert feine Rinnsale meinen Körper herablief, geweckt wurde.
„Ja, hatte eine echt beschissene Nacht.“
„Kommst Du noch zurück ins Bett?“
Nur in ein Badetuch gehüllt klebten meine Blicke auf ihrer nackten Haut und ich streichelte ihre wohlgeformtem, gerundeten Brüste. Nina ließ mich für Momente vergessen, was da gestern Nacht passierte.Unsere Lippen berührten sich zu einem Kuss.
„Nein Du. Ich werde mich mal hier im Hotel und auf der Straße etwas umsehen. Bleib du bei Nela und der Kleinen. Wenn ich wieder da bin, gibt es Frühstück.“ Ich blickte in ihr glückliches Gesicht.
„Hey ihr Beiden da. Jetzt habt ihr die Kleine geweckt.“ meldete sich lautstark die Stimme von Nela.
„Das kriegst Du schon wieder hin.“ antwortete ihr Nina und grinste.
Die Beiden hatten sich richtig angefreundet und ich war überglücklich, dass sie bei uns war. Eiskalt und ohne nur einmal mit den Wimpern zu zucken, zog sie die Glock17 und hielt die Typen in Schach. Und ich fragte sie doch tatsächlich, ob sie fähig wäre, eine Waffe abzuziehen. Um eine Erfahrung war ich, was das betrifft, nun reicher.
Sie konnte es.
Nela, das unschuldige Mädchen vom Kiez. Wie ausgewechselt wurde sie zu einer Maschinerie des Todes. Ohne Zweifel, ab sofort gehörte sie für alle Zeiten zu uns. Zur Familie, zu der wir zusammen gewachsen waren und egal wohin es uns auch verschlagen würden, Nela wäre sicher dabei.
„Du nimmst die Kanone mit?“ fragte mich Nina besorgt.
„Sicher ist sicher. Ich trau ihm einfach nicht. Ich weiß, was er Dir und Emily angetan hat.“ Statt auf eine Antwort zu warten, öffnete ich die Tür unseres Zimmers und betrat den langen Flur.
Auf dem Fuße machte ich dennoch kehrt, schnappte mir Nina, hielt sie fest in meinen Armen und küsste sie.
„Ich kann also gehen? Macht Niemandem die Tür auf. Ich sehe mich unten nur etwas um.“
Ich wartete, bis sich das Gedränge an der Rezeption unseres Hotels gelegt hatte. Dann erst ging ich auf den Typen hinter dem Tresen zu, sah ihn an und schnappte mir eine der dort ausliegenden Zeitungen. Ich war mir sicher, dass er auch in mir einen Fremdling, wie in all den anderen Hotelgästen sah. Wir schöpften also keinen Verdacht.
Die Schlagzeilen über die Schießerei gestern Nacht überschlugen sich. Selbst die Sonderkommission der hiesigen Kripo unter der Leitung meines alten Freundes Kilian Baumann, ließ sich als die wahren Helden auf dem Kiez feiern.
„Baumann, Du verdammter Armleuchter. Hast Du bekommen was Du wolltest?“ Na ja, wenn er und ich Eines in dieser Zeit gelernt hatten, dann war es unsere Gedanken zu lesen.

„Ich spüre Dich doch schon ganz hier in der Nähe.“ Baumann begann ein fester Bestandteil meines Lebens zu werden. Der Mann hinter mir, nach dem ich mich herumdrehte, ihn aber nicht sah.
Ich ersparte mir das Geschwätz der Leute über Rache, Vergeltung und Lynchjustiz im Foyer des Hotels. Jeder von ihnen bewaffnet mit der morgendlichen Gazette. Ich verließ besser daher das Hotel durch den Seiteneingang und folgte an diesem neblig, trüben Spätsommermorgen ziellos der Straße. Das Handy fest an mein rechtes Ohr gedrückt, plauderte ich ein paar Worte mit Nina.
„Mach dir keine Sorgen. Hier schöpft niemand Verdacht. Morgen oder übermorgen machen wir uns aus dem Staub.“ Nina war die Frau meines Lebens. Ich dachte an sie unentwegt, liebte sie abgöttisch und vertraute ihr. Und dennoch belog ich sie an diesem Morgen.
Ich hoffte, Nela hielt ihr gegenüber den Mund. Denn nur sie und ich kannten wirklich Baumanns Plan.
„Komm schon Kilian, wo bleibst Du? Ich weiß doch, dass Du bereits hier schon irgendwo steckst.“ Das herannahende Gedröhne eines Auspuffs kannte ich nur all zu gut.

Wenn das mal nicht der Caravan aus der kriminaltechnischen Asservatenkammer war, den Baumann zu seinem Dienstfahrzeug umfunktionierte? Doch die Zeiten, dass er mich mit so was beeindruckte, waren endgültig vorbei.
Das Seitenfenster senkte sich und fast schon freundschaftlich, als wären wir Partner eines schmutzigen Deals, bat er mich einzusteigen.
„Was willst Du Kilian? Kommst Du etwa um mit mir über meine Angebot zu reden? Es steht noch. Fifty-Fifty und wir beide sehen uns nie wieder.“ Der Blick, mit dem er mich ansah, wirkte misstrauisch. Mein Blick dagegen war voller Hass.
Ebenso hätten die tödlichen Kugeln von Lands Leuten auch ihn ins Jenseits schicken können. Eine einzige Kugel zum falschen Zeitpunkt, aber dafür in die richtige Stelle seines Körpers und es wäre aus mit ihm gewesen.
Stattdessen rettete ich noch einem seiner Leute das Leben. Sicher kam er nicht, um mir dafür zu danken.
Baumann hatte einfach sieben Leben und ich begann diesen Humbug irgendwie zu akzeptieren.
„Wohin führt uns denn die Reise? Du erlaubst doch Kilian?“ Ich hielt ihm das Handy vor sein Gesicht. Dieser eigentümliche Gestank in der alten Karre nach Benzin und Fusel weckte dunkele Erinnerungen.
„Nennen wir es mal einen kleinen Besuch bei Freunden, die Du kennst.“ erklärte Baumann und musterte seine furchige Visage im Rückspiegel.
„Freunde? Was für Freunde? lass mich raus und dann verschwinde aus unserem Leben.“ Ich sah ihn nur an und erkannte an seiner Miene, dass er sich nicht darauf einlassen würde.
„Vielleicht würde es sich lohnen über Deinen Vorschlag nachzudenken. Aber ich bin eben ein Bulle. Und ein verdammt guter noch dazu. Und Du Neun-Finger-Steph bist ein Killer und musst dafür bezahlen.“ erklärte er und zeigte mit dem Finger auf mich.
„Also erklär deinen Frauen, sie sollen bleiben wo sie sind und nicht riskieren abzuhauen. Du weißt ja bereits Steph, wie sinnlos das ist.“ Noch bevor ich den Mut aufbrachte, ihm zu antworten, machten wir uns auf den Weg zurück auf den Kiez. Die Fahrt an diesem nebligen Morgen, vorbei an vertrauten Gegenden, erschien mir wie eine halbe Ewigkeit.
Siehe da, unser endlos scheinender Trip führte uns zur „Schatulle“, einer von Herzchens Clubs auf dem Kiez. Der Laden gehörte zu den exquisiten Läden auf der Meile. Ein Etablissement für Leute, die vor allem eines hatten. Eine Haufen Geld, oder wenigstens glaubten es zu haben. Besser aber sie hatten es, denn nicht zum Ersten mal musste Herzchen so manchem von diesen Typen die Kohle aus ihren Brieftaschen heraus prügeln.
Stinkreiche Schnösel, dieses ganze Gelumpe mit Rang und Namen. Hier trafen sich diese lüsternen alten Säcke und ließen sich verwöhnen. Absolut nichts was nicht möglich war. Für Kohle wurde alle Wünsche erfüllt. Ich dachte, ich roch noch ihr übelriechendes Rasierwasser, dass neben dem Geruch von Zigarren und Nuttenparfum, der die Luft erfüllte.

Herzchen empfing uns bereits in einem der hinteren Zimmer des Clubs. Außer ihm war auch ein Typ namens Schaller anwesend. Wie sich später herausstellte, war er Baumanns selbsterkorener Zahlendreher über ein gewaltiges Millionenvermögen.
Grinsend, fast schon ironisch begrüßten mich die Zwei als den neuen König auf dem Kiez. Darum ging es ihm also. Unter seiner ständigen Kontrolle übernahm ich die Geschäfte auf dem Kiez oder wanderte in den Knast. Nela warnte mich ja bereits vor ihm. Sie durchschaute von ersten Moment sein perfides Spiel. Ich sah sie bereits als meine ständige Begleiterin und Nina, die von allem noch keine Spur einer Ahnung hatte, als meine Familie, die ich unter Einsatz meines eigenen Lebens schützte. In kürzester Zeit karrten sie Nina, Nela und die Kleine heran. Die „Schatulle“, die über ein kleines, aber dafür komfortables Appartement verfügte, wurde ab sofort für uns Vier unser neues zu Hause.
„Hier seit ihr am sichersten.“ bemerkte Herzchen und er wusste sicher genau, wovon er sprach. Schnell sprach sich auf der Meile herum, das es einen Neuen gab. Einen neuen Mann an der Spitze und die Konkurrenz schlief nie.Nicht am Tage und schon gar nicht in der Nacht.
Baumann redete und die anderen hörten zu.
Alle Achtung!
Sein Plan war bis in das kleinste Detail ausgefeilt und schien perfekt. Ob er allein dahinter steckte wagte ich jedoch zu bezweifeln. Spontan dachte ich an diese Frau, diese Judith, die ihm sicher nicht nur hörig, sondern dazu auch noch ein ganz gerissenes, ausgekochtes Luder war. Ich versuchte diesen Namen gegenüber Nina nicht zu erwähnen bevor sie erneut ausrastete. Die Enttäuschung über unseren Verbleib hier war eh groß genug und so hatte ich alle Hände voll damit zu tun, sie davon zu überzeugen, dass es nicht für die Ewigkeit war.
Ich machte innerlich drei Kreuze, das es da noch Nela gab, die ihr immer wieder zuredete und erklärte, dass wir keine Chance hatten, Hals über Kopf das Land zu verlassen. Dazu reichte weder die Kohle, noch war dazu dieser verdammte Chip in Ninas Körper. Und unser Haus auf den Caymans war futsch.
„Kilian, Du elendiger Scheißkerl.“ fluchte ich in den höchsten Tönen.
Der Krüppel, unser Nachbar vom F.B.I auf den Caymans hatte geplaudert. Kaum waren wir damals fort, nahm dieser Dreckskerl Kontakt hier mit den Bullen auf und der Rest war für Baumann ein Kinderspiel, wie wir ja nun am eigenen Leib erfuhren. Nur um ihm noch den letzten Knochen in seinem Leibe zu brechen, wäre es schon eine Reise dorthin wert gewesen.

Doch zu spät. Was wir brauchten, waren Leute, denen wir vertrauen konnten. Die uns schützten und taten, was man ihnen befahl. Leute, die die Dinge in Hand nahmen, ohne dass sich gleich der Asphalt auf dem Kiez blutrot einfärbte. Kerle, die handelten nach der alten Kiezregel Auge um Auge, Zahn um Zahn. Spätestens jetzt war Herzchen voll in seinem Element.

Hans Kleinherz, der sein halbes Leben hinter Gitter verbrachte, wurde zu unserem Vertrauten. Alte Bekannte vom Kiez, die ihm noch etwas schuldeten, hätten jetzt die Gelegenheit ihre Versprechen von damals einzuhalten. Morgen, an einem Freitag sollte es soweit sein. Ein paar Kerle wie Kleiderschränke, die ihr Leben als Türsteher fristeten, kämen vielleicht, um sich uns vorzustellen. Die Zeit drängte, denn die Jungs von der Konkurrenz standen bereits in den Startlöchern.
Baumann legte ein paar Fotos aus einer Überwachungskamera auf den Tisch.

„Der Typ hier mit der Glatze ist Saelker, auch genannt „Der Kratzer“ und den hier kennen wir nur als Herbert „Der Falter“. Vermutlich sind beide aus Weißrussland und leben schon ein paar Jahre unter falschem Namen hier.“ Die Augen geschlossen schwieg er für eine Weile.
Auch trieb eine Gruppe Albaner unter der Führung eines gewissen Tarek Belisha und einer Frau namens Leona Levanaj seit einiger Zeit ihr Unwesen. Baumann vermutete, dass die Zwei im Begriff waren, ein deutschlandweites Imperium für Drogen, Waffen und Prostitution aufzubauen.
„Und das alles ohne Kanonen? Wie stellst Du dir das vor Kilian?“ fragte ich ihn verwundert und Herzchen nickte.
„Es scheint, als hättest Du Spaß daran, jemandem eine Kugel in die Stirn zu pusten.War es bei Arjona auch so? Du weißt doch noch, Arjona?“ Bei seinen Worten wurde mir kotzübel. Eigentlich viel zu schade um die Flasche Dom Perigon, die ich ihm dafür am liebsten auf seinem Schädel zerschlagen hätte.
„Okay! Aber unter einer Bedingung. Nela bekommt das „Eros Center“. Sie geht nicht zurück auf den Strich.“ Baumann und Herzchen blickten auf und nickten.
„Und keiner fasst sie an. Alle tun das, was sie sagt.Bedingungslos und kein Schutzgeld. Ihr Schutz sind wir.“

Herzchen lachte und sah in uns bereits den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.Doch in Gedanken zerriss ich diese Seite aus seinem Drehbuch in tausend einzelne, kleine Stücke. Dann machten sich Schaller und Baumann aus dem Staub und Herzchen bereitete die „Schatulle“ für die ersten Gäste des Abends vor.
„Vielleicht war das falsch. Aber denke daran, wir haben ein Kind und können nicht immer auf der Flucht vor ihm sein. Und im Knast gehen wir die Wände hoch.“ Ich ahnte, was Nina fühlte und dachte, nachdem ich mich zu ihr in das Appartement am Hinterausgang des Clubs zurückzog. Seltsamerweise fühlten wir uns besser und uns Dreien war klar, dass wir das alles taten nur um zu überleben.
Irgendwie mussten wir Baumann und diese Leute hier loswerden um irgendwo neu anzufangen. Nela bekam so einen seltsamen Glanz in ihren Augen, als sie von mir erfuhr, dass von nun an alle im „Eros Center“ nach ihrer Pfeife tanzten.
„Woran denkst Du Nina?“ fragte ich sie und hielt sie dabei in meinen Armen.
„An unsere Zeit auf den Caymans.“ antwortete sie mit gesenktem Kopf.
„Warte nur, bis die Zeit dafür reif ist und lass uns dafür sorgen, dass Baumann davon keinen Wind bekommt.“ Ich zeigte Nina die Bankkarte, die er uns hinterließ und ein Etui mit einer Spritze.
„Was ist das?“ fragte Nina erschrocken.
„Das ist das, was Du in dir trägst und Baumann immer sagen wird, wo wir stecken. Und die hier ist für Emily.“
„Keiner rührt mit diesem Teil mein Kind an oder es geschieht ein Unglück.“ Nina war komplett außer ich und drohte fast die Fassung zu verlieren.
„Hey nein, keiner wird sie uns nie wieder wegnehmen und jetzt leg die Kanone weg.“ beruhigte ich sie.
„Und übrigens, falls ihr es vergessen haben solltet. Ich bin ja auch noch da.“ schaltete sich Nela lautstark ein, deren richtiger Name Nele Nuentrig war. Doch für uns blieb sie für immer und ewig unsere Nela.
Ich versuchte die Kontrolle über mich zurückzugewinnen ohne jedoch zu wissen, was geschehen würde, als meine Hände Ninas Körper herunter bis zu ihren schmalen Hüften herabglitten. Meine Berührungen ließen sie erzittern und ich spürte die Erektion, dieses Brennen in meinem mächtig herangewachsenen Schwanz, der schon fast drohte zu explodieren.
„Oh je Emily Besser wir gehen mal nach neben an.“ und Nela verschwand mit unserer Süßen im Nebenzimmer.

Sanft an ihren Haaren und mit einer Hand an ihrem Hals drückte ich sie auf die Matratze des Bettes. Meine Hände begannen jeden Zentimeter ihres makellosen Körpers zu ertasten und ich genoss das Gefühl ihre samtweichem Haut. Entlang ihrer athletischen Beine, über ihren flachen Bauch bis zu ihren wohlgeformten Brüsten. Bei weit geöffneten Schenkel spürte ich ihre angeschwollenen, feuchten Schamlippen an meinem Schaft. Mein harter Schwanz versank in ihren weichen Vagina und ich begann hart auf sie einzuhämmern. Ihr lustvolles Gestöhne drohte durch den festen Würgegriff zu ersticken. Ich blickte tief in ihr ihr stark errötetes, aber unfassbar erotisches Gesicht und löste den Druck auf ihren Hals erst, als ihr Atem drohte immer flacher zu werden und in ein quälendes Gewürge und Geröchel wechselte. Nina lieferte sich meiner Geilheit und meinen Gefühlen voll und ganz aus wie eine Gefangene, die um ihr Leben bettelte. Gegenseitig fickten wir uns die Seele aus dem Leib, bis ich ihr bei einem pochenden Orgasmus meinen heißen Sperma in ihren Unterleib schoss und ihr Lustschrei fast durch den Club zu hören gewesen wäre. Niemals liebte und begehrte ich eine Frau mehr als sie.
„Hey ihr Zwei.Alles klar? Bringt ihr euch da gerade um? Emily braucht jetzt ihren Schlaf.“ Nela war ein Schatz und wir liebten sie, genauso wie unseren kleinen süßen Fratz.
„Komm rein Nela und hau dich her zu uns.“ Nina gab ihr sogar eine leichten Kuss auf ihre Wange und wie immer vereint, alle Vier auf unserer Pritsche, schliefen wir trotz des Trubels auf der Meile, ein paar bunten Lichtern, die dauernd ihre Farben wechselten und zum Fenster herein leuchteten und dezenter Lounge-Musik aus der „Schatulle“ ein.
„Wir brauchen hier keine Anfänger. Und jetzt verpisst Euch.“ Herzchen war voll in seinem Element. Ich schlief noch fast am nächsten Morgen, als zwei Halbstarke gegen die Tür der „Schatulle“ bollerten und es tatsächlich wagten, sich hier als Hilfssehriffs aufzuspielen. Aber nicht mit Herzchen, der sie am Kragen packte und augenblicklich rüde auf die Straße beförderte.
„Vorkasse und sofort eine Kanone.“ Herzchen brach in ein hysterisches Lachen aus. Eine gute Stunde später parkte ein eine schwarze Limousine vor dem Club. Zwei Männer stiegen aus, sahen um sich und näherten sich dem Eingang des Clubs.
„Das sind die Beiden.Wir können ihnen trauen.“ erkannte Herzchen die beiden Gestalten, ausgestattet mit einem Faustschlag aus Stahl.
„Alte Freunde aus der Staatspension. Bisschen Pech gehabt die Zwei. Aber ich glaube wir haben genau das Richtige für die Beiden.“ Herzchen begrüßte die beiden Ex-Soldaten, die nach ihrem Austritt aus der Armee als Söldner angeheuert wurden und in Bürgerkriegen auf dem Balkan kämpften, bis sie nach Deutschland kamen und eine Serie von Banküberfällen verübten.
Dann hieß es für einige Jahre Knast bis sie dort, während eines Hofgangs Herzchen kennenlernten.
„Das ist Neun-Finger-Steph. Er hat den „Schreier“ umgelegt. Na ja …vielleicht nicht ganz er selbst, aber er ist jetzt No.1 auf dem Kiez.“ erklärte Herzchen und machte Boris und Jurij ihren Auftrag klar.
„Also macht keinen Scheiß, ballert nicht wild herum und ihr seit dabei. Wir sollten keine Zeit verlieren.Seit gestern riecht es hier wieder gewaltig nach Ärger. Die Schießerei im „Eros“ hat sich schnell herumgesprochen.“ Wir musterten uns gegenseitig. Niemand hatte so schnell mit einer Entscheidung gerechnet.
„Also gut. Dann seit ihr an Bord.“ und ich reichte Boris und Jurij die Hand. Schon in den Vormittagsstunden kursierten die Gerüchte wie ein Lauffeuer. Am meisten Sorgen machten mir die Albaner, die sich für heute Nacht ankündigten. Und ausgerechnet heute sollte das „Eros“ unter der Leitung von Nela neu eröffnen. Besser wir befolgten Baumanns Rat und ließen die Kanonen da wo sie sind. Im Halfter unter unseren Jacken und zogen sie nur, wenn es zum Äußersten käme.

„Aufmachen ihr Dreckskerle!“ Es war Baumann, der sich an der Scheibe des Eingangs der „Schatulle“ bereits die Nase plattdrückte.
„Na Kilian? Zeig uns doch mal deinen Orden, den Du dir gestern beim Innensenator abgeholt hast?“ provozierte ich ihn und sah in sein schlechtgelauntes Gesicht. Hatte Baumann doch nicht nur Freunde bei den Bullen?
„Halts Maul Steph. Haltet mal die Augen auf nach ein paar Leuten, die hier Fragen stellen?“
„Fragen? Was für Fragen denn?“ grinste ich.
„Europol oder Bundespolizei. Und kein Wort zu den Kerlen Du Arsch. Sonst bist Du mit dran.“ schäumte er als wäre ihm der Teufel höchstpersönlich auf den Fersen. Irgendwelche Karrieretypen bei den Bullen sagten ihm wohl dem Machtkampf an. Schön zu hören, dass auch er manchmal ganz schön in der Scheiße saß.
„Über die Albaner haben wir nichts rausbekommen.Also Augen auf. Die fackeln nicht, die handeln.“
„Die beiden Frauen und das Kind können nicht hierbleiben. Sie wohnen ab sofort wieder in einem Hotel mit Fahrer.“ forderte ich und für Sekunden hielt Baumann die Luft an.
„Wenn sie nicht versuchen abzuhauen.“ Wir verließen uns auf unser Wort. Die Limousine vom „Eros“ brachte Nina und die kleine Emily in das beste Hotel der Stadt.
„Und Du Stephan?“ fragte Nina besorgt.
„Ich komme sobald ich kann.“ antwortete ich und zog sie an ihren Schultern dicht an mich heran. Ich spürte meinen harten Schwanz als Nina ihre Beine zwischen meine Schenkel presste und gab ihr einen Kuss auf ihren Mund.
„Nela bleibt hier bei mir. Aber später ist sie bei Euch. Alles ist geregelt. Und bleibt wo ihr seit. Er hat Euch ständig im Auge.“ Meine Worte klangen wie eine ausdrückliche Warnung.
Mit Einbruch der Dunkelheit füllten sich wie gewohnt die Bürgersteige der Meile. Alle waren sie wieder da, Nachtschwärmer, Pärchen, Glücksritter und Chlochards. Die Neueröffnung des „Eros“ schlug ein wie eine Bombe. Alle wollten die Stelle sehen, an der Lands “Der Schreier“ zum letzten Mal das Licht der Welt erblickte, bevor eine Kugel durch sein Herz ihn für immer zu Boden gehen ließ. Auch den Tisch, den man nur für ihn reservierte, war wieder da. Doch diesmal allein für Nela. Sie sah großartig aus und bat mich zu ihr, um mit ihr anzustoßen. Den Kuss dazu auf ihren Mund würde mir Nina sicher verzeihen.
Doch kaum dass wir uns setzten, schlug Chloe, das Animiermädchen hinter der Bar Großalarm. Im „Lotus“, einer Discothek, zwei oder drei Häuser weiter, gab es Ärger. Zuerst fing alles ganz harmlos an. Eine Prügelei, sicher ein Streit um ein Mädchen endete in einer Messerstecherei. Ich alarmierte Boris und Jurij und orderte sie ins „Eros“.

„Die beiden passen auf Dich auf.“ versprach ich Nela.
„Wo ist Nina und Emily?“ fragte sie besorgt.
„In einem Hotel in der Stadt.In Sicherheit. Geh zu ihnen, wenn es hier zu heiß wird.“
„Und was ist mit dir?“ fragte Nela etwas verwirrt.
„Wir haben die Albaner auf der Meile. Ich muss wissen, wen sie suchen und Baumann alarmieren.“
Eine Horde Schaulustiger blockierte die Meile, um das Spektakel hautnah zu verfolgen. Ein Rettungswagen brachte zwei Schwerverletzte mit Stichwunden in das nächste Krankenhaus. Auf der Meile wimmelte es von Bullen und Blaulicht.
„Das Hotel heißt „Lounge Five Stars“ und ist mitten in der Stadt. Nimm die Knarre mit und jetzt verschwinde lieber von hier.“

Kurz darauf erschienen auch schon Boris und Jurij mit fatalen Neuigkeiten. Bis zuletzt hoffte ich, diese Namen dieser Albaner nie wieder in den Mund nehmen zu müssen. Tarek Belisha und seine Komplizin Leona Levanaj waren in der Stadt.Und sicher zwanzig ihrer Leute bis an die Zähne bewaffnet. Heute war es das „Lotus“ morgen das „Eros“ und in ein paar Tagen vielleicht die „Schatulle“ und es wäre aus mit der Ruhe auf dem Kiez.
Doch wo steckte eigentlich bei dieser ganzen Scheiße mein alter Freund Kilian Baumann? Saß er gerade bei Herzchen an Bar und spülte seinen Frust herunter, weil man in seinen feinen Kreisen bereits an seinem Stuhl sägte?
Sicher interessierte ihn auch die Neuigkeit, dass zwei Typen von Interpol Amsterdam ihn suchten und Fragen stellten. Fragen darüber, was da damals genau in der Werkstatt mit Sorokin und Milicic passierte.
Wo waren seit dem die Waffen für die Peschmerga Truppen im Nordirak? Führte Baumann nach der Festnahme von Sorokin die Geschäfte auf eigene Faust durch und drückte ausgerechnet mir die Ermittlungsprotokolle in die Hand, damit ich den Mund hielt.
Und Schaller, sein selbsterkorener Finanzminister. Ob er wohl die Schlüssel zu den Konten freiwillig herausrücken würde, wenn man ihm die Magnum Kal.38mm an die Schläfe drücken würde? Immerhin wären 5,6 Millionen kein Pappenstiel um uns für immer von hier zu verpissen.
Ich begann mich auf die Suche nach Baumann zu machen.
-Na klar, die „Schatulle“-
Wo sonst würde er sich verkriechen, wenn irgendwo der Baum brennt. Nur bewaffnet mit der Faust in der Tasche, wie er es verlangte, schafften wir es nicht, diese Typen am Boden zu halten. Spontan fielen mir diese beiden Amateurboxer ein, die ebenfalls versuchten, auf dem Kiez Fuß zu fassen.
Saelker „Der Kratzer“ und Herbert „Der Falter“ waren sicher dumm genug, um bei uns mit einzusteigen, bevor noch die Albaner vor unserer Tür standen und den Rest erledigten und sich danach mich vorknöpften.
Und kaum, dass auf der Meile wieder Ruhe eingekehrt war, schlugen sich auch schon an irgendeiner Ecke die Nächsten die Birne zu Brei. Und alles begann wieder von vorn.
Tja, so lief das hier auf dem Kiez. Kaum war der Eine erledigt, kamen auch schon ein paar Andere um der neuen No.1 ordentlich was aufs Maul zu hauen. Wenn es dabei blieb, hatte man ja noch großes Glück. Ich dachte an Nina und die kleine Emily und an Nela, unserem Schutzengel und schwor mir eines fest in die Hand.
„Nicht mit uns!“

**
„HHHMMM.“ Ich stand, wie der Trainer einer Fußballmannschaft, an einer Tafel und klebte gelbe und blaue Klebezettel darauf.
Judith saß gegenüber und schaute zu. Sie hatte sich einen Schreibblock besorgt und machte sich zusätzlich Notizen.
Auf meiner Tafel standen sich mehrere Teams gegenüber. Zu einem mein Team.
Das Auftauchen der Albaner hatte Milewski dazu veranlasst mein Team wieder zusammenzuführen. Unser Gegenspieler war Tarek Belisha mit seiner Frau. Die zwei versuchten massiv eine große Organisation einzurichten und wie es aussah gelang ihnen das.
Das brachte einige neue Mitspieler auf das Feld.
Stephan und seine neue Truppe!
Mit Herzchens Unterstützung hatte sich Stephan eine kleine, aber sprichwörtlich schlagkräftige, Truppe zusammengestellt, mit Boris und Juri als harten Kern.
Zwar war ich mit der Wahl der beiden nicht ganz glücklich, andererseits hatte Herzchen die Situation richtig erkannt. Mit ein paar Sängerknaben ließ sich keine Ruhe auf dem Kiez herstellen.
Ganz egal wie sehr ich Steph misstraute, er schaffte es tatsächlich Ordnung herzustellen und das ohne Tote. Selbst die Messerstecherei, nur ein Tag nachdem Nela das Eros übernommen hatte, wurde von Stephs Truppe schnell unter Kontrolle gebracht.
Nun waren sechs Monate ins Land gegangen und es lief mehr oder weniger gut. Herzchen hatte seine Kontakte über die Clubbetreiber genutzt und ein positives Bild gezeichnet. Durch die Ruhe, die auf dem Kiez eingekehrt war, herrschte viel mehr Betrieb und die Kassen füllten sich.
Ein Zustand, der von allen begrüßt wurde. Das reduzierte Schutzgeld sowie das Wissen, dass Stephans Truppe auch tatsächlich bei Problemen eingriff, kamen bei allen Betreibern gut an.
Bis jetzt! Denn nun hatten wir alle ein Problem…
Tarek Belisha und seine Leona Levanaj. Eines war klar, gegen die Albaner würde sich Stephans Truppe nicht behaupten können. Selbst mit Waffen würden die Albaner kurzen Prozess mit ihnen machen.
Doch bis jetzt hatten die Albaner noch nicht die Kraftprobe gesucht. Warum? Die Frage stand in der Mitte meiner Tafel und ich dachte angestrengt nach.
„Killian!“ riss mich Judiths Stimme aus den Gedanken.
„Was?“
„Ich hab gerade darüber nachgedacht, warum die Albaner sich so ruhig verhalten.“
„Ich auch. Ich hoffe du hast mehr Ideen als ich.“
„Was denn, der große KB hat keine Antwort auf eine simple Frage?“ neckte sie mich.
Judith quiekte vergnügt auf, als ich sie vom Stuhl riss, über mein Knie legte und meine Hand auf ihren geilen Arsch prallen ließ. Durch die enge Jeans versohlte ich ihr den Hintern, bis meine Hand genauso brannte, wie ihr Hintern. Wie gerne hätte ich ihr die Hose heruntergezogen und meine Hand auf ihre glatte Haut klatschen lassen um Judith anschließend so richtig durchzuvögeln.
Doch, erst die Arbeit…
„Du brauchst nicht so zu cool zu tun.“ Sagte Judith zu mir. „Ich weiß, dass deine Hand brennt.“
„Das ist es mir wert.“
„Ach Killian. Wenn du mir versprichst, eines deiner wundervollen Menüs zu zaubern, verrate ich dir die Antwort auf die Frage.
„Deal! Schieß los.”
“Nicht so schnell! Erst will ich wissen was du kochst.“
Ich dachte kurz nach, „Bavette aux échalotes.“
„WOW. Also schön. Die Antwort liegt beim Kratzer und dem Falter. Die Albaner versuchen sich ein Bild von der Situation zu machen. Kratzer und Falter belauern Steph, gehen aber nicht gegen ihn vor. Die beiden haben noch immer eine starke Gefolgschaft, doch zusammen mit Stephans Truppe wären sie ernstzunehmende Gegner.
Die Albaner sind noch am Aufbau. Ist der erst mal abgeschlossen und Tarek bekommt mit, dass Stephs Truppe kleiner ist als er glaubt, wird es eng.“
„Steph hat also nur eine Chance gegen die Albaner, wenn er den Kratzer und den Falter zu sich ins Boot holt.“
„Genau.“
Ich ließ mir diesen Gedanken durch den Kopf gehen.
„Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum du Steph raten solltest sich mit Kratzer und Falter zusammen zu tun.“ Legte Judith nach. „Wenn es zum Kampf mit den Albanern kommt, bietet sich für Steph eventuell die Gelegenheit die beiden auf diese Art loszuwerden.“
Ja, der Vorschlag hatte etwas. Steph würde so seine Konkurrenten loswerden und gleichzeitig die Albaner dezimieren. Den Rest musste mein Team dann nur noch einsammeln.
Apropos einsammeln… Ein weiterer Spieler kam auf die Tafel. Nela!

Wie sich herausstellte, steckte in Nela eine tüchtige Unternehmerin. Seit sie das Eros übernommen hatte, brummte der Laden. Schaller überwachte das Konto über die 100.000 und stellte fest, dass nur ganz zu Beginn unserer
Zusammenarbeit darauf zugegriffen wurde. Stephs Truppe, seine Ausgaben sowie die Kosten für das Eros, deckte Nela mittlerweile aus eigenen Mitteln. Das brachte Schaller zum Nachdenken, denn wenn Nela genug „zur Seite raffen konnte“, hatten sie vielleicht irgendwann genug Geld um die Kurve zu kratzen. Oder…
Tja das Oder brachte schließlich den letzten neuen Mitspieler auf die Tafel.
Zwei Bullen von Europol.
Vor vier Wochen fielen die beiden Belgier erstmals auf. Wagner, erkannte einen der beiden, von einem gemeinsamen Projekt her wieder, als er seine Runde über den Kiez machte. Er sah wie die beiden eine Prostituierte befragten und wurde misstrauisch. Wieso wussten wir nichts davon? Er informierte mich und ich fragte Milweski, doch auch der wusste nichts davon, dass Europol in seinem Revier „widerte“.
Blieb also nur, selbst herauszufinden, was die beiden hier suchten.
Ausgestattet mit Perücken, sehr knappen Kleidern, noch knapperen Topps und mörderischen Heels standen Jansen und Kammer am nächsten Tag auf der Meile und warteten. Lange mussten sie sich die Sprüche der Freier nicht anhören. Schon nach zwei Stunden wurden die Eurobullen auf die beiden aufmerksam.
„He, ihr Schönheiten.“
„Hallo, du Starker.“ Nahm Jansen das Gespräch an.
„Habt ihr einen Moment Zeit?“
„Wie lange und wie, entscheidet dein Geldbeutel, Süßer.“
Einer der Belgier zog seinen Ausweis und hielt ihn Jansen unter die Nase, die enttäuscht das Gesicht über das vermeintlich entgangene Geschäft verzog. „Scheiße, schon wieder einer der nur Fragen stellt. Also was wollt ihr diesmal wissen?“
„Kennt ihr den?“ Der Belgier hielt ihr ein Foto von mir hin.
„Klar, dass ist Baumann. Ein Bulle, den kennt hier jeder.“
„Schon einmal mit ihm zu tun gehabt?“
„Hier findest du keinen, der nicht schon mal mit Baumann zu tun hatte. Mich hat er zweimal eingebuchtet, dieser Arsch.“
Jetzt schaltete sich Kammer in das Gespräch ein. „Du bist doch auch Bulle, was wollt ihr von Baumann?“
„Hat er dich auch schon mal eingelocht?“
„Klar, hab ein paar Joints dabei gehabt. Baumann war mies drauf und den Abend hab ich in der Zelle verbracht. Das Übliche eben.“
„Baumann soll bei seinen Methoden nicht sehr zimperlich sein.“
„Nein ist er nicht, aber er sorgt hier für eine gewisse Ruhe.“
„Hat er bei euch Gewalt angewendet? Vielleicht etwas härter angepackt als nötig?“
„Du meinst geschlagen oder sowas? Nein. Baumann ist zwar ein Kotzbrocken, aber nicht so einer.“
„Er soll einigen Russen die Finger abgeschnitten haben. Wisst ihr etwas davon?“
Kammer und Jansen sahen sich an. „Gerüchte hat es gegeben, aber wissen tue ich es nicht.“ Log ihm Jansen ins Gesicht. Schließlich hatte sie neben mir gestanden, als ich diesem Stück Scheiße einen Finger nach dem anderen abschnitt.
„Und dass dieser ominöse Neun-Finger-Steph seinen Namen Baumann verdankt?“
„Ich kenne nur den Namen. Hat der wirklich nur neun Finger?“ fragte Kammer.
Keiner der beiden gab eine Antwort und sie ließen Kammer und Jansen, mit einem freundlichen „Danke“ zurück.
Kaum waren die Europolizisten um die Ecke, sprangen Jansen und Kammer in Kammers Auto und fuhren sofort zu mir.
„Im ernst? Die wollten nichts über die Albaner wissen, sondern nur was über mich?“

„Ja, irgendjemand will deinen Kopf.“
Nun den wollten viele, doch nur wenige hatten die Mittel dazu. Ich überlegte. Wenn Milewski nichts von den Beiden wusste, dann konnte nur Keller dahinterstecken. Und der konnte auch nicht an Schneider vorbei Europol hier ermitteln lassen.
Also hatten sich die beiden wieder zusammengerauft und beschlossen mich abzuschießen. Doch so leicht würde ich es ihnen nicht machen.
Seufzend schrieb ich Keller und Schneider auf einen neuen Zettel und klebte ihn auf die Tafel bei der Gegenseite.
Ausgestattet mit den Protokollen der Werkstatt statte ich Stephan einen Besuch ab. Ich übergab ihm die Protokolle und schärfte ihm ein den Mund zu halten.
Ich glaube, mittlerweile hatte sich Steph zwar nicht zu einem Freund entwickelt, doch zum einen begann er die Früchte seiner Arbeit zu genießen und zum anderen sah er die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit mir und wir hatten zumindest eine Arbeitsbasis geschaffen.
Zweimal hatten seine Hinweise dazu geführt, einen Großdealer sowie einen gesuchten Mörder zu schnappen. Als „Danke“ ließ ich Schaller jeweils 20.000 Euro auf das 100.000 Konto buchen.
Jetzt stand ich an meiner Tafel und überlegte, wie ich die Partie gewinnen könnte.
„Der Schlüssel liegt bei Stephan.“ Meinte Judith, nachdem sie alles noch einmal durchgegangen war. „Er muss mitspielen. Er darf sich weder aus dem Staub machen, noch darf er einen Anreiz haben sich mit Keller zu einigen.“
„Aha. Hurra, mein Lichtblick ist ausgerechnet Neun-Finger-Steph.“
„Biete ihm einen Deal an. Einen der Stephan eine Perspektive bietet.“
„Eine Was?“
„Eine Perspektive. Wie lange willst du ihn denn benutzen?“
„Keine Ahnung, wie lange lebt so ein Rotlichtkönig denn?“
„So geht das nicht. Gib ihm… fünf Jahre.“
„Fünf?“ brauste ich auf. „Der Kerl ist ein mieser Killer!“
„Ja, ich weiß, aber selbst wenn du ihn in den Knast gesteckt hättest, irgendwann wäre er wieder draußen. Nimm das, was realistisch ist und vergiss den Rest.
Wenn es tatsächlich zum Kampf mit den Albanern kommt und Keller deinen Kopf will, dann musst du den Rücken frei haben. Das letzte was du gebrauchen kannst, ist ein zwei Fronten Krieg.“
„Fünf beschissene Jahre.“ Murmelte ich.
„Sie es positiv. Mich hast du viel länger.“
Sie setzte sich auf meinen Schoß und gab mir einen sehr, sehr auffordernden Kuss.
Ok, das war jetzt genug Arbeit. Jetzt kam das Vergnügen.
**

Ich hatte Herzchen Bescheid gegeben und als ich in die Schatulle kam, saßen Stephan, seine Perle und Nela im „Besprechungszimmer“. Herzchen hatte seinen eigenen Sinn für Humor, denn er hatte uns an einen Pokertisch versammelt.
Noch einmal ging ich die Zahlen durch die Schaller mir mitgeteilt hatte. Natürlich parkte Nela das Geld, welches sie mit dem Eros erwirtschaftete, sowie das Geld dass Stephans Organisation abwarf, nicht auf „unserem“ Konto. Schaller hatte etwas gebohrt und schätze den Gewinn den Nela und Stephan einfuhren auf Monatlich knapp unter 80.000.
Als ich mich zu den Drei an den Tisch setzte funkelten mich Ninas Augen misstrauisch an. Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit sie mir in Ruhe anzusehen. –Guter Fang, Steph-, dachte ich.
Wenigstens ging es mittlerweile bei unseren Treffen eher geschäftlich zu. Beide Seiten verzichteten auf Drohungen und Vorwürfen. Herzchen hatte Recht, zumindest die Arbeitsbasis stand, auch wenn wir niemals Freunde sein würden.
„Was gibt es?“ fragte Stephan.
„Ja, euch auch einen guten Tag.“ Brummte ich.
„Baumann…“ Nela trat Steph unter dem Tisch ans Bein. Ich konnte es nur mitbekommen, da Stephan kurz mit den Augen flackerte und sie wütend anschaute.
„Also schön. Was gibt es wichtiges?“ fragte Steph eine Spur freundlicher.
„Ich schlage vor, dass wir unsere Geschäftsgrundlage neu verhandeln.“
„Geschäftsgrundlage?“ fuhr Stephan auf. „Du mieses Schwein hast meine Familie…“
„Nein, du hast deine Familie selber…“ fiel ich ihm ins Wort und Wir bekamen beide von Nela einen Tritt ans Bein.
„SCHLUßß! ALLLE BEIDE!“
Ich war so verdutzt, dass ich sie tatsächlich schweigend ansah. Schon lange hatte es keine Rotlichttante mehr gewagt so mit mir zu reden.
„Haltet die beide Klappe! Himmel, ihr seid beide erwachsene Männer. Schluss jetzt mit diesem Machogehabe!“
Nela sah zu Steph. „Ab jetzt verhandele ich für uns!“ Dann schaute sie zu mir. „Mich kannst du nicht reinlegen, also versuch es erst gar nicht. Wenn du kein richtiges Angebot hast, verschwinde.“
Herzchen verzog keine Miene, doch wenn sein Schatten ihn verraten könnte, würde ich sehen, wie er sich vor Lachen schüttelte.
Da ich nicht aufstand, ging Nela davon aus, das ich ein Angebot hatte und forderte mich auf, es vorzulegen.
„Ihr habt sicher mitbekommen, dass die Albaner versuchen hier Fuß zu fassen. Die wieder loszuwerden wird eine haarige Angelegenheit. Egal wie wir es drehen, es wird blutig werden. Was ich brauche sind Verbündete, auf die ich mich verlassen kann.“ Ich sah zu Stephan. „Genau wie du jemanden brauchst, der deiner Familie einen sicheren Hafen bietet.
So oder so, müssen wir zusammenarbeiten und uns auf einander verlassen können.
Hier mein Angebot! Du leitest den Laden hier auf dem Kiez so weiter, wie die letzten sechs Monate, und das für fünf Jahre, ab heute.
Ich weiß, dass ihr monatlich mit dem Eros, und deinen Geschäften einen Gewinn von ca. 80.000. Netto herausholt. Die Kohle könnt ihr behalten. Wenn die fünf Jahre vorbei sind, habt ihr, mit dem Gelder letzten Monate, 5,2 Millionen und ihr seid mich los, ein für alle Mal!
Dafür läuft es die nächsten fünf Jahre so wie die letzten Monate und du suchst dir selbst einen geeigneten Nachfolger, den du auch einarbeitest und ihm klar machst, das ich hier der Boss bin.
Außerdem haltet ihr mir Keller und Schneider vom Hals. Was das angeht, sitzen wir alle im selben Boot. Wenn einer von uns, in dieser Sache untergeht, zieht er alle anderen mit. Also sorgen wir gemeinsam dafür, dass die beiden leer ausgehen.
Soweit mein Angebot.“
Die drei sahen sich schweigend an und ich konnte sehen, wie sich ihre Gedanken überschlugen.
Um den drei Zeit zum Nachdenken zu geben, griff Herzchen in das Gespräch ein.
„Wie gedenkst du die Albaner loszuwerden.“
„Wir müssen sie einzeln erwischen.“
„Die werden sich einen Scheiß um deine „keine Knarre“ Regel halten. Wie sollen wir mit denen fertig werden?“
„Versuch den Kratzer und den Falter ins Boot zu holen.“
Herzchen lachte trocken auf. „Du willst sie alle zusammen loswerden?“
„Wäre der Idealfall.“
„Baumann, ohne Waffen funktioniert das nicht. Die Albaner sind hervorragend bewaffnet. Wenn es hart auf hart kommt, ziehen wir den Kürzeren.“
„Um Waffen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich hab genug davon. Wichtig ist, dass nur deine Truppe sich ausreichend bewaffnet und sich nicht Kratzer oder Falter aufrüsten, um anschließend unseren Freund hier zu verjagen.“
„dass lass meine Sorge sein. Ich kümmere mich darum.“
Ich sah wieder zu Stephan der sich mit Nina beriet. Nela schien schon einen Entschluss gefasst zu haben.
„Also?“ fragte ich.
„Was ist mit dem Sender in mir?“ wollte Nina wissen.
„Bleibt und kann nicht entfernt werden.“
„Und wer garantiert, dass du uns wirklich ziehen lässt?“
„Herzchen wird dir bestätigen, dass ich mein Wort immer halte.“ Und Herzchen nickte.
„Ihr könnt in Ruhe darüber nachdenken, aber lasst euch nicht allzu lange Zeit dafür. Die Albaner warten auch nicht ewig.“
Ich stand auf und ging. An der Tür drehte ich mich noch einmal um und sah Stephan ins Gesicht.
„Ich halte mein Wort, immer! Fünf Jahre und 5,2 Millionen… kein schlechter Deal für einen Mord.
Aber ich warne dich! Wenn ihr mich hereinlegen, oder mich bescheißen wollt, jage ich euch bis ihr tot seid oder im Knast schimmelt.“ Damit ließ ich sie zurück und fuhr zu Milewski.

**
Außer meinem Team, saßen noch mehrere andere Einsatzkräfte im Besprechungsraum. Zwei Kollegen der Drogenfahndung, ein Beamter des LKA der sich um Waffenhandel kümmerte sowie eine Kommissarin Herger vom BKA, deren Spezialgebiet Menschenhandel war.
Milweski saß neben mir und zusammen hörten wir uns Hergers Vortrag an, wie Tareks Organisation aufgebaut war.
Für mich war wichtig, dass Tarek sich nicht auf schon hier lebende Albaner verließ, sondern nur seien eigene Leute benutzte, um seine Organisation aufzubauen. Das war ein klarer Vorteil für mich, denn ich hatte den „Standortvorteil“. Ich kannte hier jeden und alles, während Tarek sich erst orientieren musste.
Schließlich war die Besprechung beendet und mein Team saß allein im Raum. Milewski bat mich in sein Büro und das Team bat er, auf mich zu warten.
„Milewski, langsam könntest du dir angewöhnen anständigen Kaffee zu koche, statt so eine Brühe.“
„Sauf gefällig das was da ist und beschwere dich nicht.“ Murrte er, als er sich hinter seinen Schreibtisch setzte. „Hör zu. Keller hat die Belgier von Schneider bekommen. Sie waren hier und haben sich alle Protokolle und Berichte geschnappt, welche die Werkstatt betreffen.“
„Da werden sie nichts finden.“
„Was ist mit dem Typen, den du um seine Finger erleichtert hast?“
„Den hat Sorokin selber umgelegt. Pech für ihn. Selbst wenn Sorokin zugibt den Kerl erschossen zu haben, weil er mit mir geredet hat, jeder Anwalt würde die Anklage zerreißen. Damit kriegen sie mich nicht.“
„Und Stephan?“
„Bei dem war ich gerade. Er hat die Wahl, wenn er mitmacht ist er in fünf Jahren draußen und ist um mehr als fünf Millionen reicher, oder er liefert mich Keller ans Messer und hat nichts.
Denn dann werde ich die Ermittlungsergebnisse offenlegen die Stephan als Mörder von Arjona überführen. Selbst Schneider könnte Stephan dann nicht vor dem Knast bewahren. Außerdem habe ich die Standortprotokolle, die beweisen, dass seine Nina an vier bewaffneten Raubüberfällen beteiligt war. Dafür verschwindet sie eine lange Zeit im Gefängnis.
Nein, Stephan wird Keller nichts liefern.“
„Du spielst ein gefährliches Spiel. Was gedenkst du wegen der Albaner zu tun?“
„Das ist schon wieder etwas, dass du nicht wissen willst, aber der Plan ist, sie nacheinander aus dem Verkehr zu ziehen, bis Tarek und seine Frau alleine dastehen.“
„Also schön. Tu was du tun musst, aber sie dich vor, du wirst mit Argusaugen beobachtet.“

**
Als ich in das Besprechungszimmer zurückkam, grinste mich das ganze Team an.
„Was?“ fragte ich, dann sah ich eine große rote Kaffeekanne neben der Maschine stehen und musste grinsen. Mit diesem Team, würde ich die Albaner auseinandernehmen.
„Also Team. Vorschläge?“
Schaller hob die Hand. „Geld! Die Albaner finanzieren sich über den Drogenhandel. Wenn wir den Hahn zudrehen, haben sie ein Problem. Wenn sie flüssig bleiben wollen, müssen sie aus ihrer Deckung kommen und auf unserer Bühne das Tanzbein schwingen.“
„Saekler der Krater kontrolliert die meisten Zuhälter, er wird nicht einfach zulassen, dass die Albaner ihn von der Straße drängen. Das gleiche gilt für den Falter. Drogen und die Türsteher sind sein Metier.“ Gab Graling zu bedenken.
Berger und Schaum, die in der Drogenszene ihre „Heimat“ hatten gaben ihre Einschätzung auch kund.
„Wenn wir den Drogenhandel halbwegs trockenlegen wollen, müssen die Clubbesitzer mitmachen. Es nützt nichts wenn wir die Straßen kontrollieren und die Albaner in den Clubs ihr Geschäft abwickeln.“
„Nein“, pflichtete Schaum Berger bei, „nur wenn wir den Drogenhandel aus den Clubs bekommen, können wir Tarek den Geldhahn zudrehen.“
„Ok. Ich werde mit Herzchen reden. Die Clubbesitzer wollen die Albaner genauso wenig auf dem Kiez haben wie wir. Wenn wir Tarek dazu bekommen sich auf andere Weiße sein Geld zu beschaffen, können wir ihn am Arsch kriegen.“
„Ich denke Neun-Finger-Steph wird seinen Teil beitragen müssen.“ Meinte Graling.
„Das wir er.“
„Wie wollen wir gegen die Dealer vorgehen?“
„Wir werden jede Nacht auf der Straße sein und uns auf die Albaner konzentrieren. Wenn wir einen unserer Kleindealer erwischen, nehmt ihm das Zeug ab und lasst ihn laufen, notfalls mit einem Arschtritt.
Nur bei größeren Mengen buchten wir ein. Die Albaner aber werden alle kassiert, und wenn sie nur ein Gramm haben. Die werden die Richter zwar schnell wieder laufen lassen, aber die Kohle und den Stoff sind sie los.“
Ich wandte mich an Schaller. „Wie lange werden wir das durchziehen müssen?“
„Wenn wir 80% der Drogengelder kassieren… drei Monate bis Tarek sich auf ein anderes Gebiet verlegt, bei 60%, vier bis fünf.“
„Ich will 80% und mehr!“
„Das wird schwierig. Dazu fehlen uns die Einsatzkräfte.“
„Dann soll Keller sie beschaffen. Milewski soll über die Kollegen des LKA an Keller und Schneider herangehen. Dann müssen sie reagieren und wenn sie aus der Aktion Kapital schlagen wollen, werden sie Einsatzkräfte bereitstellen.“
„Was ist wenn es so kommt wie wir planen, glaubst du Stephan kann sich gegen Tarek behaupten?“ fragte Jansen.
„Wir werden seine Leute mit etwas Feuerkraft unterstützen. Wir überlassen ihnen, bis die Albaner weg sind, ein paar der Knarren, die Sorokin in der Werkstatt gebunkert hatte.“
„Das ist aber verdammt heiß. Was ist wenn jemand dahinterkommt, wo die Waffen her sind?“
„Die Waffen hatte Sorokin, also standen die irgendwo auf dem Kiez herum. Wenn die Sache ausgestanden ist, wird Herzchen die Waffen wieder einsammeln. Mir gefällt es auch nicht, aber Stephan ein paar Knarren zu geben, erscheint mir das kleiner Übel zu sein.“
„Was machen wir mit den Kollegen, die und das LKA zugeteilt hat? Ich nehme an, die weihen wir nicht in den Plan ein.“ Gab Jansen zu bedenken.
„Auf keinen Fall! Die beschäftigen wir mit der Drogengeschichte. Stephan und Herzchen werden die Clubbetreiber auf Linie bringen und so den Drogenhandel auf die Straße verlegen, dann werden die Freunde vom LKA genug zu tun haben.“
„Welche Waffen gedenkst du Stephan zu überlassen?“

„Keine schweren. Handfeuerwaffen und ein paar leichte MPI
´S. Keine Sturmgewehre oder schwereres. Herzchen wird in der Werkstatt eine Auswahl treffen. Er hat mir sein Wort gegeben, dass er die Waffen kontrollieren wird und verhindert, dass der Kratzer oder Falter sie in die Hände bekommen.“
Ich verteile die Aufgaben.
Graling würde sich um Herzchens Auswahl kümmern, Schaller um die Finanzströme der Albaner, Berger, Schaum, Kammer und Jansen sollten die Razzien in der Drogenszene vorbereiten. Wagner und Delling hatten eine andere Aufgabe, sie sollten die Belgier im Auge behalten.

**
Als ich zu Hause ankam, saß Judith schon nackt auf dem Bett, auf dem sie auch ihre Lieblingsspielsachen bereit gelegt hatte.
Ich ließ mir Zeit und goss mir, ohne sie aus den Augen zu lassen, erste ein Tasse Kaffee aus. Mit der setzte ich mich auf einen Stuhl, gegenüber vom Bett und betrachtete sie. Judith wusste genau was ich sehen wollte und bot mir eine einzigartige Show, mit ihrem makellosen Körper.
Lasziv spielte sie mit sich und ihren Reizen, benutzte ihr Spielzeug und brachte so mein Blut zum Kochen, bzw. sorgte dafür, dass das Blut in tiefere Gegenden gepumpt wurde.
Als ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte trat ich zu ihr, packte sie und drückte sie fest gegen mich.
„Einen Moment!“ Judith schritt zu meiner Tafel. „Ich hab nachgedacht. Irgendetwas stimmte da nicht und ich hab es nochmal analysiert. Wir haben ein Problem!“
„Das wäre nicht weggelaufen.“
Judith lächelte, während sie nackt vor der Tafel stand und ich sie mit meinen Augen verschlang.
Sie schrieb einen Namen auf einen Klebezettel und reichte ihn mir.
Ich starrte auf den Zettel. „Bist du sicher?“
„Es wäre die logische Schlussfolgerung. Ich würde so vorgehen.“
-Dieser Scheißkerl-. Dachte ich. Mit schmalen Augen klebte ich den Zettel auf die Tafel, bei meinen Gegenspielern.
„Killian…“ tadelte mich Judith, nahm den Zettel wieder ab und klebte ihn auf die Seite meiner Mitstreiter.
„Und wie soll das funktionieren?“
Sie drückte ihren nackten Körper gegen meinen und während sie meine Hose öffnete, meinte sie nur,
„lass das meine Sorge sein.“

**
Meter für Meter flanierte ich entlang des Bürgersteiges der Meile.Vorbei an den Bars, Clubs und Spielhöllen zurück zur Zentrale, der „Schatulle“. Die Limousine vom „Eros“ bahnte sich schleichend den Weg durch die Masse der Leute.
Milan, der Chauffeur, ein Kerl von mindestens einen Meter achtzig und einem breitem Kreuz beobachtete mich wie immer auf Schritt und Tritt. Keine Ahnung, wer der Typ war oder wo er herkam. Außer Herzchen vielleicht, der hier auf dem Kiez schon mehr als sein halbes Leben verbrachte und na ja, die Hälfte davon im Knast.
„Milan? Klar, der Typ ist sauber.“ antwortete Herzchen trocken und verschloss die Tür hinter sich, nachdem auch der letzte dieser grauhaarigen, geilen Geldsäcke seinen Club verlassen hatte.
„Ich hörte es gibt Ärger. Ziemlichen Ärger sogar.“ Typisch Kiez. Egal was passierte, alles verteilte sich wie ein Lauffeuer, vor allem wenn es irgendwo knallte.
„Ja, im „Lotus“ hat es eine Prügelei gegeben. Bis einer von den Typen die Klinge zog.“
„Komm auf den Punkt!“ forderte mich Herzchen mit gequältem Lächeln auf endlich auszupacken.
„Vermutlich Albaner.“ erklärte ich.
„Das klingt echt nach Ärger. Vielleicht sogar nach handfestem Krieg. Diese Kerle sind gut organisiert und wollen deinen Kopf.“ Je schonungsloser Herzchen in dieser ganzen Scheiße rührte, je deutlicher wurde mir die Gefahr dieser Leute bewusst.
Auf Herzchens Meinung war da sicher Verlass. Schon einmal hatte es hier Probleme mit Kosovo-Albanern gegeben, die für ihre rücksichtslose Brutalität bekannt waren. Wie man hörte, räumten ihnen sogar die Russen bereits das Feld.
„Wo steckt Baumann? Er muss sofort hierher.“
„Ja. Dein neuer Freund?“ grinste Herzchen.

„Freund? Sagen wir mal so, es wäre gut, wenn er hier bald aufschlägt.“
Herzchen brach in ein schallendes Gelächter aus. „Da musst Du schon bis morgen warten. Den mussten wir gleich mit zwei Leuten, komplett abgefüllt hier in das nächste Taxi stopfen.“
Wie ich es bereits vermutete.Sicher war nur, das ich ihn und seine Garnison dringend brauchte, oder der Kiez verwandelte sich in ein paar Tagen in eine Geisterstadt.
„Er will mit Dir reden. Morgen, hier an dieser Stelle.“ verriet mir Herzchen noch am Ausgang, bevor Milan mich zum „Lounge Five Stars“ fuhr. In den frühen Morgenstunden schlossen die Clubs und Bars und bald waren auch die Straßen zum Hotel, wo Nina und Nela bereits warteten, wie leer gefegt.
Genau vor dem glitzernden Portal des Hotels stoppte er die Limousine. Milan sprang aus dem Wagen und diese Hüne vom Kerl öffnete mir die Tür. Er sprach kein einziges Wort, nickte nur mit verschlossener Miene und fuhr davon. Wohin auch immer. Niemand wusste das so genau. Ich wusste nur, schon morgen, wenn ich ihn brauchte, stünde er wieder genau hier an der gleichen Stelle.
Zum ersten Mal, nach schon fast sechs Monaten auf dem Kiez, begann ich mein Leben wieder etwas zu genießen. Ich hatte eine Frau, die ich abgöttisch liebte, ein süßes Kind und eine treue Gefährtin, die mir schon mal der Arsch rettete.
Dazu einen Haufen Geld, wenn auch andere darauf mit Argusaugen achteten, dass ich es nicht an mich riss, um mich klamm und heimlich aus dem Staub zu machen.
Ich war die No.1 auf dem Kiez und alle tanzten tatsächlich nach meiner Pfeife. Es herrschte tatsächlich Ruhe und die Geschäfte brummten. Wenn ich daran dachte, wie das alles vor mehr als einem Jahr begann, glaubte ich, ich säße im falschen Film.
Und Kilian Baumann?
Er schien mich zu brauchen.
Wir schienen uns gegenseitig zu brauchen.
Ich ihn für unsere Freiheit und meine Sicherheit und er mich für seine glänzende Karriere.
Todmüde erreichte ich wie an jedem Abend die Suite des Hotels und öffnete vorsichtig mit der Hotel-Card die Zimmertür.

-Totenstille
Nina und Nela lagen nackt, ihre Arme gegenseitig eng um sich geschlungen, auf dem Bett. Vielleicht wollte ich so manches mal nicht wirklich hinsehen, wie sich die nackten Körper der beiden Frauen bei dieser engen Umarmung vereinten.
Ich setzte mich auf die Bettkante, beugte mich herab zu Nina und gab ihr einen Kuss auf ihre nackte Haut. Sie erwachte, erhob ihren Körper, umarmte mich und wir küssten uns. Ich streichelte ihr Gesicht und ihren Hals und immer wieder pressten sich unsere Lippen aneinander. Fast brach der Tag heran, als ich müde und erschöpft neben ihr auf der Matratze versank.
Als ich aufwachte, spürte ich die Hitze ihres Körpers. Nela kümmerte sich bereits um Emily und orderte beim Zimmerservice das Frühstück.
„Was war da los gestern Nacht?“ bohrte Nela nachhaltig und unerschrocken.
„Was willst Du Nela? Erst die gute oder erst die schlechte Nachricht?“ entgegnete ich ihr.
„Na wenn Du mich so fragst, fang mal mit der Guten an.“ und grinste dabei schelmisch.
„ Das „Eros“ hat gut eingeschlagen. Die Kasse brummt und die Kohle liegt sicher im Tresor.“ Mit etwas Scham und einer guten Portion Stolz wandten sich ihre Blicke zur Seite.
„Hey, geil! Also nicht wieder zurück auf den Strich?“
„Nein. Nie wieder. Du hast es geschafft und es ihnen allen gezeigt. Und Boris und Jurij passen auf Dich und den Laden auf. Ein echter Glücksgriff die Beiden. Hatte Herzchen wohl doch einen guten Riecher gehabt.“
Wenn man wusste, wie man ihn richtig anpackte, dann wurde aus Herzchen trotz seiner Vergangenheit ein richtiger Vertrauter. Man durfte ihn nur nicht nerven, denn das konnte dann schon mal mit einer gebrochenen Nase enden.
„Spucks aus Stephan!“ Nelas Stimme klang fordernd und besorgt.
„Ja sag schon. Wie lange bleiben wir noch in der Stadt? Wir wollten doch schon längst weg sein“ warf Nina in die Kolonne.
„Mit der Ruhe auf dem Kiez ist es bald vorbei.“ Ich vermied den Blickkontakt zu den Beiden, denn ich kannte vor allem Ninas enttäuschtes Gesicht und wollte ihr nicht die Stimmung für den Rest des Tages versauen.
Und wieder einmal war es Nela, die sie in ihre Arme nahm und versuchte sie zu beruhigen.
„Also raus jetzt damit. Wer sind die Scheißkerle, die da Ärger machen?“ Gefasst auf die Antwort, die niemand von uns wahr haben wollte, starrte mich Nela gespannt an.
„Es sind Albaner. Und das da gestern war erst der Anfang.“
„Und nun? Wie geht’s weiter?“ Mit allen Wassern gewaschen, kündigte Nela, das Kiezmädchen den Typen bereits den Kampf an.
„Wir brauchen Baumann und seine Truppe. Gefällt mir auch nicht, muss aber wohl sein. Heute Abend will er, dass wir uns alle bei Herzchen treffen. Also halten wir uns bereit. Solange bleiben wir im Hotel. Alles kapiert?“
„Ne, nicht kapiert!“ erwiderte Nela. „Dieser Bulle ist auch nicht Supermann. Wenn die Typen wollen, machen die ihn genauso kalt. Ich kenne diese Kerle.“
„Schon möglich, dass Du Recht hast. Aber vergiss nicht, was er immer noch gegen uns in der Hand hat. Wenn wir nicht mitmachen bei seinem Spiel, wächst Emily als Waise auf.“
„Keine andere Möglichkeit?“ fragte Nina.
„Doch klar!“ entgegnete ihr Nela und zog meine Magnum Kal.38 mm aus dem Halfter.
„Steck die Kanone weg und denk nicht mal dran.“ Ich versuchte mit aller Kraft Nela wieder auf die Spur zu bringen.
Es bollerte an der Zimmertür. Erschrocken schnappte ich mir den Revolver und richtete ihn auf die Tür.
„Nicht aufregen Stephan. Der Zimmerservice mit dem Frühstück.“ Eindeutig. Der Punkt ging zweifellos an Nela.
Na ja, Nerven hatte sie ja.
Während ich also die Kaffeetassen befüllte und weiterreichte, ließ Nela bereits die Korken knallen und öffnete eine Flasche Moet et Chandon, die zu unserem Erstaunen vom Zimmerservice geliefert wurde.
„Gibt es was zu feiern Nela?“ fragte ich sie verdutzt.
„Na klar. Auf uns und das neue „Eros Center“ und jetzt runter damit.“ Ein verrücktes Mädchen. Aber wir liebten sie und ließen die Gläser klingen.
Stunden später stand bereits die Limousine vom „Eros“ vor dem Eingang des Hotels. Milan, der Chauffeur stand vor dem Wagen und beobachtete aufmerksam die Straße. Zu verabredeter Stunde kutschierte er uns, wieder einmal ohne auch nur das geringste Wort zur „Schatulle“. Der Typ gefiel mir. Ein Mann, der tat, was man ihm sagte und der keine Fragen stellte.
„Im Hinterzimmer. Er müsste gleich da sein.“ begrüßte uns Herzchen mit einem leicht schadenfrohen Grinsen in seinem Gesicht.
Herzchens Sinn für Humor, trotz unserer beschissenen Lage kannte wohl keine Grenzen. In einem verqualmten Hinterzimmer saßen wir doch tatsächlich in einer Runde an einem Pokertisch, über dem eine tiefhängende Lampe das gesamte Zimmer in ein gedämpftes Licht tauchte. Hier also in solchen Etablissements ging es so manches mal um Alles oder Nichts. Um Sieg oder Niederlage, und Reichtum oder Bankrott. Vielleicht sogar auch manchmal um ein paar gebrochene Nasen, Knochen oder sogar um das Leben.
Kurz darauf erschien Baumann und Schaller, unser Zahlendreher. Wie erwartet, als jemand, der es liebte sich reden zu hören, ergriff er das Wort.
„lass uns zur Sache kommen. Da draußen tickt die Uhr.“ So manches mal konnte mir der Kragen platzen, wenn er einfach nicht auf den Punkt kam.
„Die Geschäfte laufen gut. Und es herrscht Ruhe. Die Leute draußen lieben das.“
„Dann wirst Du ja bald sicher der neue Polizeipräsident Kilian.“ provozierte ich ihn. Ich sah die Röte in seinem Gesicht aufsteigen. Mit einem Tritt gegen mein Schienbein versuchte mich Nela zu besänftigen, ehe es noch zum Äußersten kam.
„Wir brauchen mehr Leute auf unserer Seite. Die Clubbetreiber sind eingenordet.Keine Drogen in den Clubs. Sie haben aber Angst, dass diese Schweine ihre Läden in Klump und Asche legen.“
„Dann schnappt Euch den „Kratzer“ und den „Falter“. Macht den Zwei und ein paar ihrer Leute ein Angebot. Und dann holt sie Euch.“
Die ganze Sache begann irgendwie zu stinken. Sein Plan war gut, aber auch wieder zu perfekt. Wer da wohl wieder hinter steckte? Lieber ich schwieg mit Rücksicht auf Nina, die auch schon ihre süße Nase rümpfte.
Es stellte sich heraus, das Tareks Männer alle bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes Soldaten der albanischen Armee mit Sitz in Tirana waren.Wir hatten es also mit kampferprobten und zu allem bereiten Killern zu tun.
„Waffen Kilian.Und nur Du weißt woher wir kriegen. Oder?“ Die Stimmung drohte zu eskalieren.
Herzchen hatte sichtlich sein Vergnügen an unserem kleinen Disput. Kannte gerade er doch Baumann viel zu gut, um ihn gleich bei seinem ersten Versuch sofort zu vertrauen.
„Darum kümmert sich Herzchen. Mein Team verteilt sich auf der Meile und zieht jedem da draußen die Taschen auf links. Wenn einer dieser Typen versucht was zu verticken gibt es sofort Handschellen.“
Nela schnappte sich Nina und auch Herzchen verließ auf Baumanns Handzeichen das Hinterzimmer. Der Pokertisch, an dem wir nun unter uns waren, passte wie der Arsch auf den Eimer und gegenseitig legten wir unsere Bedingungen offen auf den Tisch.
-5,6 Millionen in fünf Jahren- und wir wären ihn für immer los. Mit stockendem Atem und wutentbrannt sprang ich aus dem ledernen Sessel, so dass er krachend zu Boden ging.
Baumann wollte mich als seinen Sündenbock.
„Okay! Mir reichts mit Dir Kilian. Gib mir zwei Stunden Du Scheißkerl und ich sag Dir was ich davon halte.“
Zur gleichen Zeit bereitete Herzchen die „Schatulle“ auf den Abend vor. Sicher rechnete er wieder mit einem vollem Haus.
„Wenn Du mich fragst, ein fairer Deal. Im Knast machen sie dich fertig.“
Nela, die wie immer von uns den kühlsten Kopf behielt, umarmte Nina und wischte ihr mit ihrem Handrücken ein paar Tränen aus ihren Augen.
„Warte nur, bis die Zeit reif ist. Dann kaufe ich mir den Kerl höchstpersönlich.“
Ich dagegen quatschte mit Herzchen und wir bastelten an unserer kleine Armee, denn sicher bald knallte wieder es an der nächsten Ecke.

„Der „Kratzer“ und der „Falter“. Können wir die Beiden kriegen?“ Herzchen biss sich auf seine Unterlippe und grübelte.
„Wir sollten sie aber auf jeden Fall im Auge behalten. Diesen Russen kann man nicht immer trauen.“
„Russen?“ fragte ich Herzchen.
„Ja! Die versuchen schon seit einer Ewigkeit ihr eigenes Ding hier durchzuziehen.“ Ich kapierte.
Seit Baumann Sorokin und Milicic eingebuchtet hatte, standen sie eine Weile ganz oben auf der Liste ihrer Nachfolger. Erst Lands „Der Schreier“ vertrieb den Rest der Bande vom Kiez. Und den hatten wir jetzt ja auf dem Gewissen. Also war alles nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder auftauchten.
„Okay! Holen wir uns die zwei Helden. Wenn einer von ihnen Scheiße baut, machen wir kurzen Prozess.“
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, noch bevor die Clubs und Bars öffneten und sich die Meile mit Menschen füllte, fuhren Herzchen und ich mit seinem Kleinlaster, einem aufgemotzten Chevy Pick-Up in das Industriegebiet zur Werkstatt. Milan brachte Nina und die Kleine zurück ins Hotel und Nela machte sie auf den Weg zum „Eros“, wo sicher heute Nacht wieder die Leute Schlange standen.
Für eine Weile verlief die Fahrt problemlos, kannte ja nun gerade ich jeden Meter und jeden verdammten Winkel hier in dieser Gegend. Doch irgendwer klebte sich bei voll aufgeblendetem Licht an unsere Stoßstange.
„Ich glaub Kerle meinen uns.“ stellte Herzchen unschwer fest.
„Baumann und seine Armada?“ fragte ich.
„Ne, ich glaub Tareks Leute sind uns auf den Fersen. Wir sollten uns auf was gefasst machen.“ Herzchen öffnete während der Fahrt das Handschuhfach seines Pick-Up und zog eine schwarze Automatik hervor.
„Ich dachte, ich brauche das Ding nicht mehr. War wohl ein Irrtum.“ scherzte er noch, bevor uns unsere Verfolger kurz nach dem Einbiegen in das Industrieviertel versuchten von der Straße abzudrängen. Aus heruntergelassenen Fenstern schossen sie auf uns aus allen Rohren. Peitschend schlugen die Kugeln gegen das Blech.
„Achtung festhalten. Vollbremsung und dann sind sie dran.“
Mit kreischenden Reifen brachte Herzchen den Chevy zum stehen, die Türen flogen auf und im Schutz der Ladefläche nahmen wir ihre Karre unter Beschuss. Die Scheinwerfer platzen mit Getöse und Geklirre, die fremde Karosse schepperte über den nächsten Bordstein und knallte an den nächsten Baum.
„Warte noch!“ warnte Herzchen.
„Gleich kriegen die Schweine was sie brauchen.“
Seelenruhig ging Herzchen zurück zum Wagen, zog zwischen den Sitzen eine PumpGun Kal.68mm hervor, lud sie und feuerte zweimal in ihre Richtung.
„lass uns schnell die Knarren holen und dann nichts wie weg hier.“
„Verdammt gute Idee.“ erwiderte Herzchen und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.
„Schätze das war es wohl mit der Ruhe auf dem Kiez.“
„Sieht ganz so aus.“ mutmaßte Herzchen.
In der Werkstatt fanden alles was wir brauchten. Ein paar Makarows 9mm aus Zeiten der roten Armee und auch eine verschlossene Kiste mit AK12 Sturmgewehren und einer UZI MP2-A1. Dazu Handgranaten von Typ F1 mit einem Splitterradius von zwanzig Metern.
„Wir nehmen alles mit. Und vor Baumann halten wir das Maul. Nur so für alle Fälle. Wer weiß was die noch vorhaben“
Herzchen und ich waren uns sofort einig. Den Chevy vollbeladen und vorbei an dem Wagen, der immer noch an dem Baum klebte, machten wir uns zurück auf den Kiez. Dort angekommen war die Party bereits voll im Gange.
Vor dem „Eros“ standen die Leute wie gewohnt Schlange und Nela hatte die Sache voll unter ihrer Kontrolle. Boris und Jurij informierten uns sofort, wenn etwas passierte.
„Einen nach dem Anderen. Wie Baumann es schon gesagt hatte. Warte nur bis sie herausgekriegt haben, dass wir ein paar Leute von ihnen erwischt haben.“ warnte Herzchen.
Baumann stürmte aufgeregt die „Schatulle“.
„Verdammt, was war da los? In dem alten Viertel da draußen ist ja alles voller Bullen. Und Interpol ist auch schon da und sucht das ganze Gelände ab. Was meint ihr Idioten eigentlich was passiert, wenn die da nur eine Patrone finden.“
„Krieg dich mal wieder ein Kilian. Die finden dort nichts. Absolut nichts.“ Herzchen grinste und schob ihm einen doppelten Wodka herüber.
Doch der nächste Alarm ließ nicht lange auf sich warten. In „Club Eden“ und im „Paradise“ gab es Scherben und auch Verletzte. Ein paar Maskierte stürmten mit Baseballschlägern die Läden und knüppelten um sich. Jetzt sah wirklich alles danach aus, als gingen Tarek Belisha und seine Komplizin Leona Levanaj zum offenen Angriff über.
Vielleicht war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vor dem „Eros“ standen oder hier bei Herzchen anklopften. Ich drängte mich durch die Menschenmassen herunter zu Nela.
„Geh in einer Stunde zu Nina ins Hotel und bleib da bis ich komme. Milan weiß Bescheid und wartet vor dem Laden.“
„Hab schon gehört. Baumann war auch schon hier und hat nach Herzchen und dir gesucht.“
„Geht klar, dem flattern die Hosen wegen diesen Leuten von Interpol.“
„Dann hat er glaube ich zwei Probleme.Diese Bullen und wir.“ entgegnete mir Nela kühl berechnend, wie sie eben war.
„Und packe die ganze Kohle in der Tresor. Ich trau diesen Schaller nicht. Der sorgt noch dafür, dass Baumann misstrauisch wird.“
„Keine Angst. Boris und Jurij sind gute Leute. Die passen auf und sobald die Scheinchen weggeschlossen sind bin ich auf dem Weg ins Hotel.“ Mit Nela war Nina und die kleine Emily in den sichersten Händen.
„Das war es für heute Nacht. Erstmal kommen die nicht wieder. Ich kenne diese Typen.“ sicherte mir Herzchen zu. Zurückgekehrt in die „Schatulle“ beobachtete ich von der Bar diese alten grau melierten Geldsäcke. Und ihre gekauften Nutten, die sie verwöhnten und ihren Schampus soffen, bis sie auf ihren High-Heels nicht mehr stehen konnten.

„Wie hältst Du das nur aus Herzchen?“ fragte ich ihn.
„Los, verschwinde und geh zu ihr.“ lachte Herzchen.
Es war fast Mitternacht als der Wagen vom „Eros“ vorfuhr und Nela und mich zum „Lounge Five Stars“ brachte. Ich glaubte sogar, das Nina Nela und mir gleichermaßen fehlte und wir freuten uns auf sie. Und diesmal blieb Milan zu unserem Schutz im Hotel, für den wir sein eigenes Zimmer buchten. Wieder nur, höchstens mit einem Kopfnicken verschwand er hinter der Tür.
Nela öffnete die Tür zur Suite und beide Frauen flogen sich in Arme, strichen sich über ihre Wangen und küssten sich immer und immer wieder. Ich genoss ihre Körper, die sich aneinander pressten und von zarten Händen gestreichelt wurden. Während Nela die kleine Emily begrüßte, griff Nina zu meiner Hand und legte sie auf ihre Brüste.
„Hey ihr Zwei. Noch Lust auf einen guten Tropfen?“
„Wenn es sein muss Nela.“ und wir lachten.
„Und auf was trinken wir diesmal Nela?“ fragte ich sie grinsend.
„Na mmmhhhh…auf uns.“ antwortete sie kess.
„Los jetzt Nela. Was ist los.“
Für einen Moment stutzte sie und schwieg.
„N-e-e-e-l-a!“
„Na ja, das „Eros“ macht in weniger als einem Jahr 500.000 Euro. Und wisst ihr was das heißt?“
„Mmmmhhhh neee, sag es uns einfach.“ bohrte Nina ungeduldig.
„Dann sind wir….WEG! Und dieser Baumann kann uns für immer am Arsch lecken.“ Nina überschlug sich fast vor Freude, schnappte sich Nela und die Zwei wälzten sich auf dem Bett.
„Vorsicht! Unterschätzt Baumann nicht. Im Moment haben wir ihn vielleicht in der Hand. Und wir haben da noch ein Problem auf der Meile.“
„Unser Problem oder sein Problem? Er ist doch der Bulle.“ nörgelte Nela.
Der Zimmerservice brachte drei Flaschen Pommery Noir, Nela drückte ihm einen Hunderter in die Hand und der Schnösel verabschiedete sich beim Anblick der nackten Mädchen mit hochrotem Gesicht.
„Also, ich finde, das ist ein Grund zum Anstoßen.“
„Klar Nela.“ lobten wir sie und genossen eng auf dem Bett zusammengerückt den Schampus.
Der Vibrationsalarm meines Handys riss mich am Morgen darauf gewaltsam aus dem Schlaf. Mit fast geschlossenen Augen tastete ich nach dem Teil auf dem Nachttisch und stieß erstmal den Revolver zu Boden.
„Ist ja gut. Bin ja schon da.“
Die SMS von Herzchen war mehr als eindeutig. Es gab ein Problem. Und so wie ich vermutete sogar ein ziemlich Gewaltiges.
-Schleif Deinen Arsch hierher! In zwei Stunden in der Zentrale„Mmmhhh,was ist los?“ flüsterte Nina mit verschlafener Stimme.
„Hey,was ist das für ein Lärm?“ kam es sogleich von Nela.

„Weiß noch nicht genau. Herzchen schlägt gerade Großalarm. Ihr bleibt hier und trommelt Milan aus der Kiste. Ich nehme ein Taxi und melde mich sobald ich was weiß.“
Ich versprach dem Fahrer eine kleines Vermögen, wenn es schaffte, den Rekord zwischen unserem Hotel und der „Schatulle“ zu brechen. Wie ein angestochenes Schwein peitschte er über den Asphalt und hatte sich einen Hunderter redlich verdient.
„Was geht hier ab Herzchen. Na rede schon.“ befahl ich ihm den Mund auf zu machen.
„Setz dich erstmal und trink einen Kaffee. Oder willst Du lieber was Härteres? Baumann ist schon auf Tequila umgestiegen. Er sitzt hinten und wartet.“
„Dann mach Du das Maul auf Kilian. Was ist los?“
„Es gab zwei Tote gestern Nacht.“
„Tote? Eine Schießerei?“ Mir stockte der Atem.
„Nein, das ist es ja. Wir haben zwei tote Frauen gefunden. Unten im Kühlhaus. Du weißt schon. Die Schlachterei. Ganz unten am Ende der Meile.“
„Zwei Frauen? Und wer waren sie?“
„Zwei Mädchen aus dem Sperrbezirk. Die wurden gestern schon vermisst. Sind nicht zur Schicht gekommen und da haben die Mädchen Alarm geschlagen.“
Baumans Worte waren klar und deutlich. Für mich klang das alles nach Tarek Belisha.
„Los rede schon. Was ist da passiert.“
Wenn ich ihm nicht die Flasche Tequila weggerissen hätte, wäre aus ihm nichts herauszukriegen.
„Ein paar Typen haben ihnen die Hände auf dem Rücken gefesselt, ihnen eine Schlinge um ihren Hals gelegt und sie an einem Fleischerhaken aufgeknüpft. Danach haben sie beide aufgeschlitzt, bis ihnen die Gedärme heraus hingen.“
Belisha und seine Leute zeigten ihr wahres Gesicht. Das gesamte Maß an Brutalität, für das sie bekannt waren. Es gab nur eine Lösung für diese Problem. Entweder rissen wir ihnen ordentlich den Arsch auf und es herrschte wieder Ruhe und Sicherheit oder wir packten früher oder später unsere Koffer.
Sollte Kilian Baumann sich doch dafür bis in den Senat befördern lassen, wenn er es schaffte, diese Scheißkerle zu vertreiben.
„Wir spielen nach unseren Regeln.“ schlug ich vor und Herzchen nickte meinen Vorschlag ab.
„Ist schon eine Ewigkeit, dass ein Killer wie Du mir Befehle erteilt. Aber einverstanden.“ erwiderte Baumann und schlug mir der Faust so hart auf den Tisch, dass sich der Rest des Tequilas über den Tisch ergoss und seine Hose einsaute.
„Du ziehst Dich aber vorher nochmal um. Sonst glauben die noch, Du hast die Hosen voll.“ lachte Herzchen.
Mit Herzchen, Boris, Jurij und ein paar anderen Jungs waren wir eine schlagkräftige Truppe. Jetzt musste es uns nur noch gelingen, sie aus ihren Rattenlöchern zu locken. Wenn also eine Entscheidung fiel, dann auf der Straße.
Aber wie?
Sie genau auf dem Kiez in einen Hinterhalt zu locken, war zu riskant. Das ging sicher nicht ohne Tote oder Verletzte ab. Und wenn dabei noch ein paar Leute von der Straße was abkriegten, wären wir in ein paar Tagen pleite. Baumanns Vorschlag klang brauchbar.
„Ab sofort arbeiten die Frauen vom Sperrbezirk auf der Straße. Wir stellen eine oder zwei von ihnen vor jede Bar und vor jeden Club. So locken wir sie an, wenn sie was rauskriegen wollen.“
„Und wenn wieder einer von denen durchdreht? fragte ich.
„Meine Leute stehen die ganze Nacht über in der Nähe. Beim geringsten Verdacht werden sie gefilzt. Und haltet trotzdem die Augen auf nach diesen Holländern.“
„Holländer? Stutzte Herzchen.
„Interpol, Du Schwachkopf.“ entgegnete ihm Baumann rüde.
„Alle Achtung! Kilian hat Dreck am stecken und die Hosen total voll.“ scherzte Herzchen.
„Und das mir keiner den Helden spielt. Wenn geschossen wird, dann auf Arme und Beine. Den Rest erledigen dann meine Leute.“
Da es noch helllichter Tag war, reichte die Zeit um die Clubbesitzter in unsere Pläne einzuweihen. Ich befürchtete, wenn Nela von der Sache erfuhr, drohte sie durchzudrehen. Sicher kannte sie die beiden Mädchen und ich wusste, wie schnell sie ausrastete.
Wie meist waren die frühen Abendstunden der Startschuss für die ersten Gäste der Clubs und Bars.
„Ich schätze, wir haben keine andere Möglichkeit als abzuwarten.“
„Mach dir keine Sorgen. Sobald es dunkel wird sind sie da.“ bemerkte Herzchen.
Milan fuhr zurück zum Hotel und bewachte dort aus sicherem Abstand den Eingang. Nela eröffnete das „Eros“, vor dem sich die Leute bereits versammelten.
„Mmmhhh, ich glaube, ich kann diese Kerle schon riechen.“
Auf Herzchens Worte war wie immer Verlass.
Zwei Fahrzeuge, wahrscheinlich ein UAZ Patriot Pick-Up gefolgt von einem schwarzen Sawod Lichatshow, einer russischen Limousine, näherten sich der Schatulle. Noch in der Sekunde, als Boris und Jurij den Eingang betraten, detonierten zwei WASP BB Rauchgranaten auf dem Bordstein vor der „Schatulle“ dass mir fast das Trommelfell platzte.
Mit kurz aufeinanderfolgende kurzen Salven aus ihren Maschinenpistolen behakten sie den Eingang der Bar.
„Na was sag ich. Alles auf den Boden!“ schrie Herzchen. Nur Minuten später war der ganze Spuk vorbei.
„Ich schätze, die kommen wieder. Aber das nächste Mal sind wir auf sie vorbereitet.“
Ein paar Flugblätter, die sie aus den Seitenfenstern ihrer gepanzerten Karren vor dem Bordstein vor der „Schatulle“ abwarfen, sprachen eine sehr eindeutige Sprache.
„Ne do te kthehen dhe pastaj ju jeni te vdekur, Neun-Finger-Steph“

**
„Hau ab, bevor ich dir in den Arsch trete.“
Jagte Wagner den Dealer zum Teufel. Der Junge hatte sich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht um sein Verlangen nach ein paar Gramm Haschisch mit dem Verkauf von Hasch auf Kommi zu finanzieren.
Seit fünf Wochen waren wir auf den Straßen und kassierten so viele Dealer ein, wie noch nie.
„Und lass dich bloß nicht mehr erwischen! Das nächste Mal steck ich dir das Zeugs in den Arsch hinein.“
Der junge pickelige Teenager nahm die Beine in die Hand und rannte los während ihm Wagner und Delling grinsend nachsahen.
„Du nimmst immer mehr Züge von KB an, weißt du das?“ fragte Delling seinen Kollegen.
„Tue ich das? MMHH Naja, alles ist ja nicht verkehrt an KB.“
„Pass bloß auf dass du diesem kleinen Wichser beim nächsten Mal nicht die Finger abschneidest.“
„Das hat keiner wirklich gesehen. Zumindest verlieren weder Berger, Schaum oder Jansen auch nur ein Wort über diese Nacht.“
„Die werden schon wissen warum. HE, da ist noch einer! Eller!“ rief Delling dem Einsatzleiter des Begleitkommandos zu. „Wir schnappen uns den Dealer.“
Die Polizisten liefen los und schnappten sich die Person, die Delling Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Als der sah, dass die Polizisten ihn kontrollieren wollten, gab er Fersengeld und lief los.
Allzu weit kam er nicht. Dann hatte ihn Wagner eingeholt. Er konnte ihn an der Jacke packen und riss ihn herum. Das reichte aus, damit Delling, der nur einen Schritt hinter Wagner lief ihn zu Boden reißen konnte.
Eine Sekunde Später waren auch Eller und die beiden anderen Polizisten da.
„Na was haben wir denn da?“ fragte Wagner. Der mutmaßliche Dealer hatte eindeutig eine südslawische Herkunft. Delling hob ihn auf und drückte ihn gegen eine Hauswand.
„Albaner?“ fragte ihn Wagner. „Shqiptarët?“ wiederholte Delling, da der Mann nichts sagte.
Der Mann gab noch immer keine Antwort und schaute verständnislos die Polizisten an. Doch Delling war sich sicher, dass der Mann genau wusste, was hier vor sich ging.
„Passport!“ forderte er ihn auf.
Daraufhin kramte der Mann in seinen Taschen herum und fischte einen Pass heraus, den Wagner gleich an sich nahm.
„Albanisch. Wusste ich es doch.“
„Valon Alta. Sie einer an. Geboren in Tirana. Verstehst du deutsch? A flasin gjermanisht?“
„Woher kannst du denn Albanisch?“ fragte Wagner.
„Als ich hörte, das wir gegen eine albanische Bande ins Feld ziehen, dachte ich mir es wäre nicht falsch, das eine oder andere zu wissen.“
„Elender Streber!. Also was ist mit dir? Verstehst du uns?“
Noch immer lies der Mann keinen Laut über seine Lippen kommen.
„Der versteht uns mit Sicherheit. Los! Taschen ausleeren.“
Da der Mann keine Anstalten machte Dellings Aufforderung nachzukommen, wurden Eller und sein Team hinzugezogen. Die Beamten sicherten und Delling filzte den Albaner gründlich. Neben einigen Habseligkeiten, zu denen auch ein Schlüsselbund gehörte, brachte die Durchsuchung allerdings nichts zu Tage.
„Verdammt. Nicht ein Gramm.“ Brummte Delling.
„Warte mal… Der Schlüssel, ist das ein Autoschlüssel?“
Delling schaute sich den Bund an und tatsächlich, war an dem Bund ein Autoschlüssel, mit Fernbedienung. Er Grinste Wagner an und ging zur Straße. Dort angekommen drückte er auf die Fernbedienung und siehe da, etwa 30 Meter von ihm entfernt blinkten die Lichter eines BMW auf.
Während Eller den Albaner sicherte durchsuchten Wagner und Delling den Wagen. Das brachte schon mehr Ergebnisse, zumindest einige Gramm Amphetamin fand Wagner unter dem Beifahrersitz.
„Naja auch kein Hauptgewinn. Aber besser als nichts.“ Brummte Wagner.
„Warte mal, das Navi…“
„Das Navi?“
„Sagte Baumann nicht, dass Tarek nur eigene Leute nimmt? Vielleicht ist er neu hier und hat seine Adresse als Heimatadresse ins Navi eingegeben.“
„Delling, so blöd ist keiner. Aber die Idee…“ Wagner schaltete das Navi ein und wählte als Zielpunkt die Heimatadresse ein.“
„Rute wird berechnet.“ Meldete die Stimme und schon Sekunden später war eine Route berechnet zur Sonnenstraße 20. Eine üble Gegend am Rande der Stadt.
Wagner und Delling grinsten sich gegenseitig an. „So viel zu intelligenten Verbrechern.“ Lachte Delling. „Ich rufe KB an.“

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„Woher bitte, soll ich die Leute nehmen?“ blaffte Keller Milewski fünf Wochen vorher an? „Wir reden hier von mindestens 30 Beamten zusätzlich.“
„Fragen sie bei Schneider nach. Wenn unsere geschätzter Senator ein Blutbad verhindern will, dann muss er die Mittel freigeben.“
„Das kann ich mir sparen, die Antwort ist, NEIN.“
„Der Anschlag auf das Eros, zeigt das Baumann Recht hat. Es sind albanische Waffen und Drogendealer in der Stadt und die werden zu einem massiven Problem.“
„Ich weiß, aber ich kann unmöglich eine solche Menge an Zusatzpersonal für deinen Freund Baumann bereitstellen.“
„Abgesehen davon, dass Baumann nicht einfach mein Freund ist, tust du es nicht für ihn, sondern für dich selber. Wem wird Schneider, bei einem Blutbad die Schuld in die Schuhe schieben? Baumann?“

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So wurden schon zwei Tage später mehrere Beamte aus der ländlichen Umgebung abgezogen, um uns bei den Razzien zu unterstützen.

Herzchen hatte Wort gehalten. Die Clubbetreiber hatten nach der Schießerei am Eros schnell gehandelt. Alte Rivalitäten untereinander wurden zurückgestellt oder beigelegt. Mit Schaller zusammen klapperte Herzchen die
Betreiber einen nach dem anderen ab, so dass Schaller ihnen unsere Strategie erklären konnte.
Kein Besitzer wollte, dass sein Laden, Bar oder Club, das nächste Ziel und wie das Eros mit Kugeln durchsiebt wurde und alle arbeiteten zusammen.
Auf diese Weise wurde der Großteil des Drogenhandels auf die Straße verlegt und somit „sichtbar“.
Stephan hatte den Falter zu sich bestellt und einen befristeten Waffenstillstand heraus gehandelt. Sie einigten sich auf eine Zusammenarbeit, bis die Albaner erledigt waren. Wie es dann weitergehen sollte, würde man dann sehen.
Jedenfalls kontrollierte der Falter die Türsteher, die so dafür sorgten, dass schon ein großer Teil von Tareks Dealer nicht in die Clubs kam.
Innerhalb von ein paar Tagen füllten sich die Zellen mit Dealern. Schnell machte es die Runde, dass nur Dealer mit größeren Mengen eingebuchtet wurden, doch die meisten die erwischt wurden, dealten meist nur um ihren Eigenbedarf zu decken.
Dennoch, es zeigte Wirkung. Tarek wies seine Leute an, nur noch kleinere Mengen mitzuführen. Doch das brachte auch weniger Geld. Wer nur Gramm weise verkauft, verdient auch weniger.
So drosselten sich Tareks Einnahmen schon nach zwei Wochen deutlich.
Eine Lösung für Tarek waren neue und mehr Leute. Doch das war auch nicht ohne Risiko. Mehr Leute, kosteten mehr Geld… Tarek und seine Frau steckten in einem Teufelskreislauf, der nur zu durchbrechen war, in dem sie sich neue Geldquellen erschlossen.
Waffendeals fielen jedenfalls aus, den beherrschen noch immer die Russen. Zwei, mit durchschnittenen Kehlen, von Tareks Männern waren Warnung genug, die Tarek und seiner Frau klar machten, dass sie noch zu schwach für eine Kraftprobe mit den Russen waren. Und wer nicht eimal in der Lage war, sein Amphetamin auf der Straße zu verkaufen…
Wie verzweifelt die Lage war, zeigte sich nach dreieinhalb Wochen.
Vier von Tareks Männern überfielen das „red Lips“, eine Bar am Rand der Meile.
Mit vorgehaltenen Waffen stürmten sie in den Laden und raubten die Gäste aus. Natürlich war die Ausbeute eher gering, nicht einmal 10.000 erbeuteten sie von den Gästen bzw. vom Tresen. Auf die Frage, wo das restliche Geld war, antwortete die Barmanagerin wahrheitsgemäß, „im Tresor.“
So ließen sich die Männer zum Tresor bringen und zwangen die Bedienung ihn zu öffnen.
Das Problem war, dass die Bedienung zu dieser Zeit schon längst den stillen Alarm ausgelöst hatte.
Alle Kameras, die versteckten und die sichtbaren, lieferten uns schon auf der Hinfahrt zum Einsatz alle Informationen die Wir brauchten.
Am red Lips angekommen, stürmte das Einsatzkommando die Bar, befreite schnell und konsequent die Gäste, indem es den einzigen Räuber dort niederschoss und kassierte den Rest am Tresor.
Die Bedienung hechtete in den Tresorraum und brachte sich so in Sicherheit, während die Räuber die dumm genug waren ihre Waffe auf die SEK Beamten zu richten diesen Entschluss mit dem Leben bezahlten.
Nach Beendigung dieser Aktion, zog sich Tarek erst einmal zurück um sich eine neue Strategie zu überlegen. Jedenfalls hatten die Albaner, die von den Streifen erwischt wurden, wieder nur noch kleine Mengen an Drogen bei sich. Irgendwo lief das Zeugs auf und wartete darauf verkauft zu werden, die Frage war bloß wo Tarek die Drogen hortete.

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„Baumann sie haben ein Problem!“ mit diesen Worten kam Herger in mein Büro.
„Das höre ich dreimal am Tag und sitze immer noch hier.“ Antwortete ich, legte meine Unterlagen beiseite und forderte Herger auf sich zu setzen. „Was ist es diesmal?“
„Die Zeitungen nennen sie und die Einsatzkräfte rassistisch.“
„Rassistisch?“ darüber musste sogar ich lachen.
„Ja, rassistisch. Die ausgewerteten Berichte zeigen deutlich, dass ein Großteil der Festgenommenen aus den Balkanstaaten kommt. Sie nehmen diese Leute fest und den Rest lassen sie laufen.“
„Das hat überhaupt nichts mit Rassismus zu tun. Ich will den Drogen und Waffenschmuggel in meinem Revier trockenlegen und den kontrollieren nun mal die Albaner.“
„Die Zeitungen sehen das anderes.“
„Zeitungen… Herger, ich bin viel. Fragen sie die Leute hier. Die werden ihnen sagen, dass ich ein Kotzbrocken bin, ein zynisches Arschloch, ein Leuteschinder, der schlimmste Bulle aller Zeiten und, und, und. Aber das Wort Rassist werden sie ganz sicher nicht hören.“
„Das stimmt! KB bevorzugt oder diskriminiert niemanden, er hasst alle.“ Kam eine Stimme aus der Tür.
„Darf ich?“ fragte Judith und trat ein.
„Sicher.“ Sagte ich und winkte sie herein.
„Kriminalhauptkommissarin Herger, darf ich Vorstellen Judith Marx. Eine sehr gute Freundin von mir.“
„Herger?“ fragte Judith. „Sie haben doch die Zusammenfassung über den zunehmenden Menschenhandel im mittleren Osten geschrieben. Ich würde mich darüber gerne einmal mit ihnen unterhalten.“
Herger sah Judith fragend und abschätzend an, als ob sie überlegte, welches Interesse eine Anfang Zwanzigjährige an ihrer Arbeit haben könnte.
„Oh“, sprang ich Herger bei, „Entschuldigung, mein Fehler. Frau Herger, das ist Dr. Judith Marx.“
Herger bekam große Augen. „Die Dr. Marx? Haben sie etwa die Abhandlung über die Veränderung der politische Lage, welche die Flüchtlingspolitik mit sich führt geschrieben?“
„Oh ich wusste nicht, dass sie diese Kennen, aber ja, die habe ich verfasst.“
„Machen sie Witze, ihre Arbeit, war bei der letzten Fortbildung Pflicht.“
„Wie gesagt, ich würde mich sehr gerne mit ihnen unterhalten, wenn sie einmal Zeit hätten, würde ich mich sehr freuen.“
„Wie wäre Montagabend? Vorausgesetzt, dass Herr Baumann nicht wieder eine Sonderschicht für alle anordnet?“
Ich grinste. „Nein am Montagabend gönne ich den Leuten einen Tag ruhe.“
„Schön, sagte Judith und verabschiedete sich von Herger. „Wir sehen uns.“

**
Die Tür flog aus den Angeln, Fensterglas zersplitterte und die Blendgranaten machten ihren Namen alle Ehre. Schulz und seine SEK Leute stürmten die Sonnenstraße 20. Ein heruntergekommener Bau, der Abseits der restlichen Häuser stand. Mindestens 100 Meter vom nächsten bewohnten Haus standen noch einige Ruinen zwischen der Sonnenstraße 20 und dem Rest der Straße.
Abgeschirmt von neugierigen Blicken sah niemand was im und um das Anwesen vor sich ging. Aber auch wenn jemand zufällig das Haus beobachtet hätte… in dieser Gegend interessierte sich niemand für den anderen und die Polizei wollte sowieso niemand hier haben.
„POLICIA!”
Direkt hinter Schulz stürmten ich und mein Team in das Gebäude. Wir kamen gerade rechtzeitig zur großen Party. Wir hatten die Uhrzeiten der Festnamen verglichen und errechnet, dass gegen 21 Uhr die beste Zeit zum Zuschlagen war, da die Dealer ab 22 Uhr auf der Straße sein würden.
Die Albaner waren völlig überrascht und niemand dachte daran Widerstand zu leisten. Wahrscheinlich hatte auch der Tod drei Räuber aus dem „red Lips“ sein Übriges getan.
Die SEK Männer warfen alle zu Boden und legten den Anwesenden Plastikhandfesseln an. Ich zählte die am Boden liegenden Männer und Frauen und kam auf 18 Personen.
Schulz zweiter Mann, Lessing, führte ein Kommando in die oberen Stockwerke und konnte drei weitere Albaner festnehmen. Zusammen mit den vier aus dem „red Lips“ und drei Dealern die gerade einsaßen hatte ich 28 Albaner aus Tareks Bande kassiert, die ich auf etwa 40 Bandenmitglieder schätzte.
Damit hatte ich Tarek einen ganz schönen Schlag versetzt, wenn auch noch kein finaler.
„KB, das musst du dir ansehen!“ rief Berger. Als ich zu ihm trat bestaunte ich die mindestens 30 Kilo Amphetamin und 15 Kilo Cristal Meth. „Das ist ein Volltreffer.“
„Hier ist noch mehr!“ kam es von Graling. In einem Zwischenraum zur Garage standen jede Menge Kisten mit Waffen hauptsächlich russischer Bauart.
„Das bisschen Zeugs von Sorokin ist ein Scheiß gegen das hier.“
„Kannst du laut sagen. Ok, fang an aufzulisten.“ Zwar hättet ich einiges in unseren „Fundus“ gebrauchen können doch…
„Baumann, hat jemand an den Keller gedacht?“ fragte Herger.
„Nein, Schulz, ich brauche zwei Mann!“ rief ich diesem zu.
„Conrad, Roller!“ forderte er seine beiden Leute auf, die mir und Herger folgten.
Mit gezogener Waffe gingen wir zur Kellertür. Herger fischte eine Taschenlampe hervor und leuchtete die Treppe herunter. Ich suchte die Wand ab und fand den Lichtschalter. Das Licht ging an und vor uns lag eine gemauerte Treppe.
Conrad und ich gingen vor, während Roller und Herger nach hinten sicherte. Unten angekommen schauten wir erst nach links. In dem kurzen Flurstück war nur eine einzige Tür, hinter der eine sehr versiffte Toilette lag.
„UUUAA, da gehe ich lieber in den Wald sch…“. Brummte ich angeekelt.
Rechts lagen noch zwei weitere Türen. Gerade als ich die eine öffnen wollte, sprang eine Gestalt aus der anderen Tür und schoss mit einer Maschinenpistole auf uns.
Conrad wurde herumgerissen und ging zu Boden während Herger von Roller zur Seite gestoßen wurde. In das husten von Rollers MP7 bellte meine SIG und die Glock von Herger.
Der Mann wurde mehrfach getroffen und seine restlichen Schüsse gingen an die Decke, wo sie als Querschläger davon sausten.
„BEAMTER VERLETZT!“ rief Herger nach oben, während ich schon Conrad untersuchte. Schulz stürmte die Treppe herunter und zusammen öffneten wir Conrads Kleidung.
„Scheiße!“ fluchte der. Mir fiel ein Stein vom Herzen, wer fluchte, lebte noch!
Drei Schüsse hatten Conrad getroffen, zwei trafen die Schutzweste doch einer hatte ihn am Unterarm erwischt.
„Mann Conrad, Glück gehabt.“ Sagte Schulz erleichtert.
„Dieses blöde Arschloch!“ schimpfte Conrad.“ Ist er tot?“
„Sieht so aus.“
Noch während Schulz und ich Conrad verarzteten schloss Herger die Tür auf, hinter der der Mann hervorgekommen war. Im Raum stand ein Bett, an dem mehrere Stahlfesseln befestigt waren. Das verhieß nichts Gutes…
Schulz hatte Conrad einen Verband verpasst und zusammen mit Roller brachten sie ihn nach oben, wo man den Rettungswagen schon alarmiert hatte.
In der Zwischenzeit musterte ich den erschossenen Mann. Eindeutig tot, dachte ich. -Blöder Arsch, hättest nicht herumballern sollen.-
Blieb noch eine Tür übrig! Mit den Waffen im Anschlag sprachen Herger und ich uns ab und Herger griff zum Tür Knauf. Kaum hatte Herger die Tür geöffnet, drangen schrille Angstschreie in den Flur.
„Të gjithë të drejtë, të policisë!“ Rief Herger und öffnete die Tür ganz. „Baumann!“
Ich schob mich vor trat neben Herger. In dem kleinen fensterlosen Raum drängten sich mindestens 10 Frauen angstvoll gegen die Wand.
„Polici!“ rief Herger noch einmal und hob beschwichtigend die Hände. Schnell sicherte ich meine Kanone und steckte sie weg. Das letzte was die Frauen wohl beruhigen würde, war eine geladene Pistole.
„Herger, stecken sie das Schießeisen weg.“ Dann drehte mich zur Treppe. „Schulz! Wir brauchen Verstärkung. Betreuer, Psychologen, das volle Programm!“

**
„Was denkst du? Das schwarze oder das rote Kleid?“ fragte mich Judith während sie vor dem Spiegel stand. Es war Montagabend und Judith würde sich später mit Herger treffen.
Judith hatte ein kleines Restaurant am Rande des Parks vorgeschlagen und Herger war begeistert.
„Tja, schwere Frage… Schwarz vermittelt Selbstsicherheit, rot steht für Arroganz. Also ich würde etwas rotes und schwarzes nehmen, dann hält sie dich für selbstsicher und arrogant.“
„Killian! Manchmal sind deine Tipps wirklich wenig hilfreich.“ Meinte Judith und entschloss sich für ein hellgrünes Kleid.
„Ja, das ist harmlos genug.“ Kommentierte ich ihre Auswahl. „Ist alles soweit klar?“
„Keine Sorge KB, ich hab alles im Griff.“
**
Judith holte Herger pünktlich ab und zusammen fuhren sie in die Altstadt.
„Unmöglich hier einen Parkplatz zu finden“. Schimpfte Judith. „Wir nehmen am besten den Mitnahmeparkplatz auf der anderen Seite des Parks. Dann müssen wir zwar durch den Park laufen, aber das sind nur ein paar Minuten.“
„Gute Idee.“ Pflichtete Herger ihr zu.
Kurze Zeit später saßen die beiden im Restaurant und unterhielten sich über Politik, Verbrechen und was die Politik alles ändern müsste.
„Die letzte Regierungserklärung kommt ihrem Standpunkt sehr nahe.“ Meinte Herger zu Judith.
„Das kommt daher, dass ich sie größtenteils geschrieben habe.“
„Wissen sie Frau Marx,“
„Judith. Bitte.”
“Judith, ich war wirklich überrascht, als Baumann sie als seine Partnerin vorgestellt hat.“
„Killian…, nun um ehrlich zu sein… Ich war selbst überrascht, dass sich aus unseren ersten Zusammentreffen eine Beziehung entwickelt hat.“
„Ich bin überrascht, dass Baumann überhaupt zu einer Beziehung fähig ist.“
„Nun, meine Meinung über Killian ist sicher nicht ganz unbefangen, doch wie sie sehen, er ist dazu fähig.“
„Kaum zu glauben, zumal ihn sonst jeder auf dieser Welt zu hassen scheint. Als Ermittlerin des BKA musste ich dem Vorwurf von Rassismus nachgehen. Es war genauso wie Baumann sagte, es kamen unzählige Bezeichnungen und Vorhaltungen, doch Rassismus war nicht dabei.“
„Nein, Rassismus hat in Killians Gehirn wirklich keinen Platz.“
„Gewalt schon eher.“ Warf Herger in den Raum.
„Gewaltanwendung ist nun einmal Bestandteil seines Dienstes, und damit macht man sich keine Freunde. Aber dass wissen sie als Polizistin sicher selber.“
„Nachdem was man so hört, scheint Baumann schneller Gewalt anzuwenden, als andere Beamte.“
„Das liegt mit unter sicher auch am Revier. Der Kiez ist kein Kinderspielplatz. Hier gelten andere Regeln als in irgendeiner ländlichen Gegend.“
„Wohl war, aber die Geschichte in der Werkstatt…“
„Ist erfunden!“ schnitt Judith ihr das Wort ab, doch Herger ließ sich nicht beeindrucken.“
„Er soll dem Kiezkönig auch einen Finger abgeschnitten haben.“
„Wäre das der Fall, hätte der sicher eine Anzeige gegen Killian gestellt und ihn so aus dem Verkehr gezogen. Da er das nicht getan hat… lassen wir das Thema. Unterhalten wir uns lieber weiter über Politik, da können wir wohl eher eine Übereinkunft treffen.“
Herger lachte. „Diplomatie ist also auch eine deiner Stärken.“

**
Ein paar Stunden nach dem hervorragenden Essen gingen die beiden zurück zu Judiths Auto. Mittlerweile war Mitternacht vorbei.
„Ich frage mich immer noch wie du mit diesem Dinosaurier klar kommst.“ Herger schlenderte neben Judith her, durch den dunklen Park.
„So schlimm ist Killian gar nicht, das Meiste ist bloß Image. Wenn man ihn braucht, ist er da.“
„Du musst es…“
Herger verstummte, als aus dem Dunkel zwei Gestalten auf sie zusprangen.
„Mos lëviz!“ zischte einer der Beiden und hielt ihr eine Pistole mitten ins Gesicht. Bevor Herger reagieren konnte, packte die zweite Gestalt sie von hinten und nahm ihr ihre Waffe ab.
„Të qetë! Jo një zë!“ Befahl der Mann der Herger in Schach hielt. Judith stand da, umfasste langsam ihr Handgelenk und drückte unbemerkt auf den Verschluss ihres Armbandes.
**

Ich drehte gerade meine letzte Runde über den Kiez, als Judiths Alarm losging.
Lee hatte mir, bevor er nach Übersee ging, einen Gefallen getan und für Judith einen Minisender gebaut, den Judith bei Gefahr aktivieren konnte und mir auf dem Handy zeigte wo sie gerade war. Eindringlich hatte ich Judith eingeschärft ihn immer zu Tragen und Judith sah die Notwendigkeit ein.
Jetzt hatte sie ihn zum ersten Mal aktiviert!
Schnell hatte ich das Handy hervorgeholt und sah nach.
Verdammt! Judith stand mitten im Park, wo um diese Uhrzeit keine Menschenseele unterwegs war.
Zeit um Verstärkung zu holen hatte ich nicht, also gab ich Gas und raste zum Park.
Judiths Sender bewegte sich zur Nordgrenze des Parks. Jenseits dieser Grenze befand sich ein altes Fabrikgelände, ein idealer Ort also für ein Kidnapping.
Ich erreichte das Fabrikgelände gerade, als Judith bzw. ihr Sender den Park verließen und das Gelände der Fabrik betraten.
Um mich nicht vorzeitig zu verraten, stellte ich den Wagen ab und lief so leise wie ich konnte zu dem Gebäude, in dem sich Judith aufhielt.
In einer alten großen Halle, konnte ich zwei Taschenlampen sehen, die hin und her huschten. Ich zog meine Kanone und schlich durch das Dunkel auf die Lichter zu. Im Schein der Taschenlampen sah ich wie eine große breite Gestalt die Herger knebelte und sie mit Klebeband fesselte. Judith hatte noch kein Klebeband auf dem Mund und kniete aber neben Herger auf dem Boden.
Ich schätze die Distanz, es waren ca. 10 Meter, die ich überbrücken musste, um zu den Gestalten zu gelangen.
Verdammt, einer der Beiden hatte eine Pistole auf Judith gerichtet und das Licht ließ keinen gezielten Schuss zu. Wenn ich ihn verfehlte, würde er…
Also anschleichen.
„Çfarë bëjmë me bitches?“
„Tarek dëshiron të shohë ata të vdekur.“
Der Arsch mit der Waffe hatte seine Lampe auf Herger gerichtet, der andere leuchtete vor sie auf den Boden. Keinen der Beiden konnte ich mit einem sicheren Schuss erledigen. Allerdings konnte die mich genauso wenig sehen. Mittlerweile war ich auf drei Meter herangekommen als der erste seine Waffe hob und auf Hergers Kopf zielte.
„HHMM“ presste sie unter dem Knebel hervor, als ich den Kerl ansprang.
Die Lampe des Kerls flog durch die Luft und blieb am Boden liegen, während ich mir einen wilden Kampf mit ihm lieferte.
„Shooting akoma!“ brüllte er. Sein Partner hielt seine Lampe auf uns leuchtete uns an. Ich riss meinen Gegner zwischen uns, um zu verhindern, dass er auf mich schießen konnte und riss meine Waffe hoch.
Drei Schuss konnte ich in Richtung der Lampe abgeben und er schoss auf mich, als ein Fluch ertönte und die Lampe zu Boden fiel. Anscheinend hatte ich ihn erwischt, dann musste ich mich wieder um meinen Gegner kümmern.
„Do të të vras!“
„Fick dich!“
Das Schwein war verdammt gut. Er schlug mir so in die Seite, dass meine SIG zu Boden fiel. Dafür verpasste ich ihm einen Tritt.
Im Dunkel blitze eine Waffe aus und die Kugeln sausten durch die Halle. Ich ließ mich fallen und griff meine SIG wieder und schoss in Richtung des Mündungsfeuers.
„AAHH Ai ka kapur mua!“ Der zweite sprang mich an und verpasste mir einen schweren Schlag ins Gesicht, der mich zurücktaumeln ließ, dann hörte ich noch jemanden weglaufen und von einer Sekunde auf die andere herrschte Ruhe.
„Killian!“ rief Judith.
„Alles klar!“ keuchte ich.
Ich hob die Lampe auf, die einer der Verbrecher liegen gelassen hatte und ging zu Judith. Schnell hatte ich das Klebeband durchschnitten, das ihre Hände gefesselt hatte und hielt sie fest.
„Sieh nach Anette!“
„Hier, halt die Lampe!“
Judith leuchtete Herger an und ich zog ihr das Klebeband vom Mund.
„SCHEIßE! SCHEIßE!“ fluchte Herger.
„Halt ruhig, sonst verletze ich dich noch!“ Ich schnitt das Klebeband durch und sofort riss Herger ihre Hände nach vorne und entfernte panisch die Reste ihrer Fesseln.
„Keine Sorge, die sind auf und davon, die kommen nicht zurück!“
„SCHEIßE! SCHEIßE! Die wollten uns umlegen!“
„Ja, hab ich mitbekommen. Sie sind wohl genauso beliebt wie ich. Wer waren die zwei?“
„Keine Ahnung, sie haben albanisch geredet.“
„Tarek?“
„JA! Ja, einer sagte, dass Tarek uns tot sehen will!“
Herger war aufgestanden und zitterte am ganzen Leib. Schnell trat Judith zu ihr und hielt sie fest.
„Die wollten mich… Wo kommen sie denn überhaupt her?“
„Judith hat einen Notfallsender.“ Und wies zu Judith, die ihr Armband hob.
„Als der losging, bin ich sofort gekommen.“
„Ohne Verstärkung?“ blaffte Herger.
„Verdammt was soll das? Ich rette ihren Arsch und sie beschweren sich? Beim nächsten Mal rufe ich erst ein Kommando und komme dann später!“
„Killian! Das reicht!” trat Judith dazwischen.
„Sorry, Herger. War nicht so gemeint.“
„Nein schon Recht. Danke Baumann.“
„Schon gut. Also rufen wir die Spurensicherung und fahren auf die Wache.“

**
Vier Stunden verbrachten wir auf der Wache. Judith und Herger machten ihr Aussagen, während ich mir einen Eisbeutel besorgte und ihn auf mein Gesicht packte.
Meine ganze linke Gesichtshälfte war am Anschwellen. Mit dem Beutel auf dem Auge und einer Tasse richtigen Kaffees ging ich zu dem Büro, in dem Herger gerade detailliert die Vorkommnisse beschrieb.
„Darf ich?“ und las mir die Aussage durch.
„Sind sie sicher, dass sie den Namen Tarek gehört haben? Judith sagt, sie habe nicht verstanden, was die Männer geredet haben, aber sie hat auch nicht die Sprache erkannt.“
„Ganz sicher. Die Männer haben albanisch geredet. Ich bin mir nicht sicher, aber sie könnten aus dem Kosovo stammen.“
„HHMM.“ Ich legte die Aussage zurück. „Mist, dass ich keinen richtig erwischt habe, dann wüssten wir mehr.“
„Sehr schlimm?“ fragte sie und zeigte auf mein Auge.
„Hab schon Schlimmeres erlebt. Jedenfalls ein zusätzlicher Ansporn dies Bande aus dem Verkehr zu ziehen.“
„Oh ja!“ ihre Augen wurden hart. „Ich bin dabei! Wir schicken Tarek und seine Schweinebande zur Hölle!“
„Ich bringe Judith jetzt nach Hause. Wir sehen uns morgen. Kann ich noch was für sie tun Herger?“
„Ich komme schon klar Danke.“
Als ich mich umdrehte, hielt mich Herger zurück. „Danke!“
„lassen sie es gut sein.“

**
„Du warst große Klasse!“ lobte mich Judith, als wir im Wagen saßen und durch die Stadt, zu Stephan ins Eros fuhren.
„Ja, manchmal übertreffe ich mich selbst.“
„Übertreib es nicht, du warst gut.“
Ich grinste.
„Denkst du sie hat es geschluckt?“
**
Im Eros öffnete mir Herzchen mit einem breiten Grinsen die Tür. Judith, die wusste, dass Nina sie nicht mochte, hatte beschlossen sicherheitshalber im Wagen zu warten und ich versprach ihr, mich zu beeilen.
„Hallo Retter unschuldiger Frauen, sei willkommen, der Abend geht aufs Haus.“
Herzchen brachte mich durch das leere Eros in eines der Hinterzimmer in dem Stephan mit seinen Bodyguards Juri und Boris saß, die mich beide breit grinsend ansahen.
„Verdammt Juri, du hättest dich etwas mehr zurückhalten können.“ Schimpfte ich.
„Es sollte doch echt aussehen!“
„Scheiße so echt nun auch wieder nicht!“
„KB“, schaltete sich Herzchen in das Gespräch ein, „du musst die beiden verstehen, wann hat man schon mal die Gelegenheit Baumann eine ungestraft in die Fresse zu schlagen? Was ist jetzt, hat es geklappt?“
„Ja, Herger denkt dass Tarek hinter der Sache steckt und wird alles tun, um ihn und seine Leute zum Teufel zu jagen. Woher könnt ihr eigentlich so gut albanisch?“ fragte ich Boris.
„Hab dort eine Zeit lang mein Geld verdient. Lange und unschöne Geschichten.“ Antwortete Juri.
„Dann will ich sie nicht hören.“
„Hauptsache es hat geklappt und Herger ist darauf hereingefallen, dann hast du dir dein blaues Auge sozusagen redlich verdient.“
„Woher weißt du überhaupt, dass Herger für Schneider herumschnüffelt?“ fragte Stephan.
„Judith ist sich ziemlich sicher, dass reicht mir.“
„Judith!“
„Ja, Judith! Ich gebe die einen guten Rat, schließt mit ihr Frieden. Deine beiden Perlen sollten mit ihr klar kommen! Sie denkt auch für euch mit!“
„Wir brauchen weder sie noch…“
„Ok, Ok!“ schritt Herzchen in den sich entwickelnden Streit ein. „Das hatten wir alles schon. Spart euch eure Energie für Tarek auf!“
„Gut! lassen wir das. Wir sehen uns.“
Ich verließ das Zimmer und Stephan schloss sich mir an. Wohl um sicher zu sein, dass wirklich ging… Naja, wirkliche Freunde würden wir wohl nie werden.
„Wo sind deine Perlen überhaupt?“
„Nina passt auf die Kleine auf und Nela ist Besorgungen machen.“
„Wie läuft der Laden?“
„Falls du wissen willst, ob wir schon genug zusammenhaben um Abzuhauen, nein.“
Wir hatten die Tür erreicht und ich trat auf die Straße. „Das wollte ich zwar nicht wissen, aber danke. Außerdem, ich denke nicht, dass du es mir wirklich sagen würdest.“
„Langsam kennst du mich ganz gut.“ Darüber grinste sogar Stephan.
Ein Wagen hielt und Nela stieg mit zwei von Stephans Männern aus. Als sie mich sah, fror ihr freundliches Gesicht ein, doch sofort hatte sie ihren „Geschäftsfrau-Gesichtsausdruck“ aufgelegt.
Vom Bürgersteig zum Eingang waren es gute Zehn Meter, die Nela zurücklegen musste um zu uns zu kommen. Sie war gerade zwei Meter weit gekommen, als zwei Autos mit quietschenden Reifen herangerast kamen.
Aus einem wurde sofort das Feuer auf uns eröffnet.
Ich riss Stephan nach hinten, riss meine SIG hervor und schoss zurück. Aus dem Zweiten Wagen waren mehrere Angreifer herausgesprungen und lieferten sich eine wilde Schießerei mit Stephans Leuten.
Stephan, der ebenfalls eine Pistole in der Hand hielt schoss um Nela Deckung zu geben.
Die war zwischen zwei Autos gesprungen und fischte aus ihrer Tasche eine kleine Pistole.
„Ich hab die Bullen gerufen!“ rief Herzchen von drinnen.
„Hurra, die Bullen kommen.“ Murmelte Stephan und lud nach.
Über uns platzte eine Scheibe und Boris griff zusammen mit Juri in die Schießerei ein.
Zusammen schafften wir es wenigstens dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Mistkerle aussteigen konnten.
Stephans Leute schafften es die Angreifer auf Distanz zu halten und wir schossen noch immer auf das andere Auto als plötzlich ein weiteres Auto herangerast kam. Aus dem schossen mehrere Angreifer auf uns und nagelten uns so im Eingang fest.
Der Kugelhagel war so dicht, dass wir unsere Köpfe in Deckung halten mussten.
Ich sah nur wie drei Leute aus dem Wagen sprangen und auf Nela zuliefen.
Einen der Angreifer konnte sie niederschießen, dann hatten sie Nela überwältigt.
„NELA!“ brüllte Stephan und wollte aufspringen, als ich ihn zurück riss.
„Runter du Idiot!“
Und schon flogen uns wieder Kugeln um die Ohren.
Einer der Angreifer hatte Nela gepackt und hielt sie fest, während der andere eine Machete hervorzog und ausholte.
„NEIN!“
Als der Arm nach unten sauste, fiel ein einzelner Schuss und der Kopf des Angreifers platzte auseinander. Die Machete verfehlte Nela und traf stattdessen denjenigen der sie festhielt.
Als Nela aufsprang und dem Angreifer den Rest zu geben schaute ich nach links. Dort stand Judith mit der SIG, die ich im Wagen aufbewahrte.
Stephans Leute zerrten Nela nach unten und schalteten einen der Fahrer aus, als ich die ersten Martinshörner hörte.
Die Angreifer hörten sie auch und gaben Fersengeld. Einen erwischte ich noch auf dem Weg zum Auto, dann gaben sie Gas und verschwanden.
Jetzt sprang Stephan auf und rannte zu Nela, während ich und seine Leute die Umgebung sicherte.
„Los haut ab!“ wies ich Stephans Leute an, kurz bevor der erste Streifenwagen um die Ecke kam.
Die ließen sich das nicht zweimal sagen und verschwanden im Eros.
Ich ging zu Judith und nahm ihr die SIG aus der Hand.
„Guter Schuss!“
Aus der Erfahrung wusste ich, dass der Schock, auf einen Menschen geschossen zu haben, erst später kommen würde.
„Keine Sorge Killian, ich falle wegen diesem Stück Scheiße nicht in einen Schock.“
„Gut. Wo hast du so gut schießen gelernt, auch auf der Privatschule?“

„Um ehrlich zu sein, es war mein erster Schuss.“

„WOW, ich bin beeindruckt, geh zu Herzchen. Ich komme gleich nach.“
Mit Judith im Arm ging ich über die Straße, als die Kollegen eintrafen.
„Kommen sie.“ Rief Herzchen Judith zu. „Keine Sorge KB, ich kümmere mich um sie.“
„Ihr zwei verzieht euch auch besser nach drinnen.“ Riet ich Stephan und der brachte Nela ins Eros.
Ich ging zur Straße und schaute mir die Angreifer an. Zwei waren Tot und zwei weitere lagen verletzt auf der Straße. Eindeutig Tareks Männer! Schließlich kam ich zu dem Angreifer den Judith erledigt hatte. Der halbe Kopf fehlte, doch es war noch genug Gesicht da um ihn zu identifizieren.
Es war Leona Levanaj! Tareks Frau!
Wow, das würde ein Blutbad heraufbeschwören!**
Im Eros hatten meine Kollegen schließlich alle befragt, die an der Schießerei beteiligt waren und ihre Aussagen aufgenommen. Auch wenn Tarek es nicht wusste, mit seinem Angriff hatte er mir voll in die Hand gespielt, denn was wäre wahrscheinlicher, als eine Racheaktion, für die verpatzte Entführung, den die Razzia in der Sonnenstraße oder den Toten im „red Lips“?
Mittlerweile war mein ganzes Team anwesend und leitete die Untersuchung in die richtige Richtung.
„Ok, Steph, du fährst mit Berger, Schaum und Jansen los und holst deine Perle. Bis die Sache ausgestanden ist, bringen wir alle an einen sicheren Ort.“ Sagte ich zu ihm.
„Wer ist Alle?“
„Deine Nina, die Kleine, Nela und natürlich Judith.“
„Erstens will ich Juri und Boris mitnehmen und zweitens… Baumann, Nina und Judith unter einem Dach… keine gute Idee!“
„Mach deine Perle klar, dass eure Nela, ohne Judith jetzt keinen Kopf mehr hätte! Ich nehme an das reicht um Nina für ein paar Tage im Zaum zu halten.“
„Auf deine Verantwortung.“
„Hör gut zu Stephan, Judith ist der einzige Grund warum du in fünf Jahren die Biege machen und ein schönes Leben haben kannst. Du solltest sehr gut auf sie aufpassen. Wenn du es schon nicht für dich oder Nina tust, tu es wenigstens für deine Emily.“
**„Liegen bleiben verdammt und weg von den Fenstern!“ mahnte Herzchen.
„Denkst Du sie kommen wieder?“
„Weiß nicht. Auf jeden Fall beobachten sie uns. Hab keine Lust dein Gehirn von der Wand abzukratzen.“
Außer ein paar Kratzern und kleinen Schnittwunden durch die herumfliegenden Scherben waren wir soweit okay.
„Mmmhhh…glaube das war es für heute. Die sind erstmal weg.“
Ein paar Gäste, die sich in den Hinterzimmern der „Schatulle“ verschanzten, krochen langsam aus ihren Löchern.
„Feierabend Leute. Zahlen und dann raus hier.“ forderte Herzchen die feine Gesellschaft auf, die die Hosen ihre Maßanzüge sicher bis zum Anschlag voll hatten.
„Das riecht alles nach einem verdammten Krieg.“
„Herzchen?“ Zögernd öffnete er seinem Mund.
„Mmhhh…was willst Du?“
„Denkst Du gerade an das Selbe?“
Herzchen öffnete eine Flasche Brandy Barbadillo Solera und spülte das Zeug herunter wie Wasser.
„Na was jetzt! Spucks aus!“
„Die Waffen Herzchen. Zwei Maschinenpistolen und die Handgranaten.“
Tareks Leute kämpften wie eine Armee und ihre Taktik war die Überraschung.Wenn auch ein Teil von ihnen nicht mehr waren als hirnlose, brutale Schlächter, Killer und Kleindealer, was zwei Mädchen vom Sperrbezirk bitter erfahren mussten. Ich selbst wunderte mich daher kaum über die Todesdrohung, die sie mir mir schwarz auf weiß, wie auf einem Präsentierteller an die Tür der „Schatulle“ hefteten.
Der Tod gehörte mit zum Geschäft. Unberechenbar, schnell und brutal und man hoffte, dass sie einem sofort das Licht ausschalteten wenn die Zeit gekommen wäre, diesen Dreckskerlen ein letztes Mal in die Augen zu sehen.
Doch ein Mörder?
Und dazu noch auf freiem Fuß?
Auch ich erschoss ein Mädchen direkt durch ihr Herz um meines und das Leben der Frau, die ich abgöttisch liebte zu retten.
Was sollten also meinen Zweifel über das Leben und um Gerechtigkeit.
Es machte mir knapp die Hälfte, Tareks Leuten und wenn es sein musste, einem nach dem anderen das Gehirn rauszublasen. An dieser Nacht wimmelte es nur noch so von Leuten der Sonderkommission der Kripo. Für diese Nacht hieß das Ruhe. Wenn auch eine trügerische Ruhe.
Ob Kilian Baumann und ich deshalb jemals Freunde würden bezweifelte ich. Fünf Jahre waren eine lange Zeit, wenn auch 5,6 Millionen ein irrer Haufen Geld. Und Baumann ließ keinen Zweifel daran, dass wir türmten wenn der Zeitpunkt dafür reif war. Wie eine Klette heftete er sich an unsere Fersen. Kannte jeden unserer Gedanken und Pläne und waren sie auch für den Augenblick noch so abwegig.
Ja, wir waren das wirkliche Team von dem keiner wusste außer sicher Baumann. Nina unsere kleine Emily, Nela und ich. Das feste Ziel ständig vor unseren Augen.
-Die FreiheitUnd die Zeit würde kommen, an dem wir unsere Sachen packten und Gnade dem, der sich uns in den Weg stellte.
„Verschwinde jetzt. Für heute Nacht ist hier Ende der Vorstellung.“ Herzchen wusste wonach mir der Sinn stand.
Boris und Jurij eskortierten mich noch bis zum „Eros“ und überwachten dort die Einnahmen dieser Nacht. Der Laden brummte trotz der Vorfälle der letzten Nächte. Mit knallharter Hand machte Nela das „Eros“ zur absoluten No.1 auf dem Kiez. Vielleicht wurde es sogar bald Zeit, die Kohle an einem anderen sicheren Ort zu deponieren?Natürlich vorbei an Baumann und unserem Schatzmeister Schaller. Ich orderte Milan, in einer guten Stunde vor dem „Eros“ zu stehen. Pünktlich auf die Minute rollte die Limousine vor, Milan stieg aus, öffnete mir vor den vorbeiziehenden Leuten die Tür und brachte mich, wortkarg wie immer, zum „Lounge Five Star“. Ich zog nachdenklich an einer Zigarette, während wir durch die menschenleeren Straßen zum Hotel fuhren. Der Typ brachte mich nochmal zum Wahnsinn. Als hätte man ihm die Stimmbänder durchgeschnitten. Auf unserer gesamten Fahrt zum Hotel herrschte einfach nur Totenstille. Ich wendete ein paarmal meine Blicke, um sicher zu sein, dass wir nicht verfolgt wurden.
Und trotzdem ging er mir nicht aus dem Sinn. Seine Zuverlässigkeit und seine Pünktlichkeit, wie ein Raubtier vor der Fütterung, gefiel mir. Mit einem Blick von der Rückbank der Limousine über seine breiten Schultern entdeckte ich in der Sonnenblende ein Bild.
Erst bei einem genaueren Blick erkannte ich, dass es sich um ein Foto handelte, auf dem eine Frau und zwei Kinder zu sehen waren. Ich beugte mich aus der bequemen Sitzbank hervor, streckte den Arm und zeigte mit der Hand, mit der ich die Zigarette hielt, auf das Bild.
„Hey Milan! Wer sind die Leute?“ fragte ich in direkt ins Gesicht.
„Mana gmene!“
„Deine Familie? Los, rede schon!“ forderte ich ihn auf.
Na sieh an, es ging also doch. Wenn ich auch nur von dem die Hälfte verstand. Doch er redete, wenn er es nur wollte.
War Milan der richtige Mann, den ich unsere Fluchtpläne einweihen würde? Mir wurde klar, wenn er genug Kohle zusammen gekratzt hatte, ging er zurück nach Lettland zu seiner Familie. Und ich hatte Geld. Mehr Geld als er jemals benötigen würde um von hier für immer zu verschwinden.
Doch für heute Nacht reichte es mir. Eine handfeste Schießerei und eine Morddrohung waren genug. Mit einem Gesicht, als hätte man mir eine Flasche auf meinem Kopf zerschlagen, betrat ich das Hotel. Die Hotelhalle war dunkel und leer und lautlos schlich ich durch die Flure bis vor die Tür unserer Suite. Noch während ich mit der Hotel-Card in der Hand versuchte sie zu öffnen, stand Nina bereits vor mir, küsste mich und strich mir durch mein Gesicht. Wie besessen von ihr schaffte ich es kaum noch Luft zu holen. Ein Teil nach dem anderen ging zu Boden, meine Jacke, meine Hose, der geladene Revolver und irgendwann flogen auch meine Stiefel quer durch die Hotel-Suite.Ninas Finger krallten sich in meinen Rücken als mein harter Schwanz in sie eindrang und ich wild auf sie einhämmerte. Ihr wilder Lustschrei weckte Nela und die Kleine.
„Hey, verdammt gut Dich zu sehen.“ bemerkte Nela.
„Das war echt knapp Leute.“ erklärte ich. „Tarek und seine Leute lassen auf der Meile richtig die Luft raus.“
„Wie lange halten wir sie noch in Schach?“ interessierte sich Nela.
„Solange bis wir mit den gleichen Mitteln zurückschlagen.“
„Zurückschlagen? Ich sag doch. lasst uns endlich abdampfen. Bevor sie uns alle noch kalt machen. Denk auch an Emily.“
„Was habt ihr also vor?“ fragte Nina.
„Mmmhh…die Werkstatt. Das Industriegebiet. Dort liegt alles was wir brauchen. Die Bude ist ein einziges Depot für Waffen und Munition.“
„Und Baumann?“ warf Nela ein.
„Kilian? Der kontrolliert mit Verstärkung die Meile nach Dealern und bringt die Club und Barbesitzer auf Kurs.“
„Mmmhh…Kilian! Ich werdet doch wohl nicht noch Freunde?“
„lass gut sein Nela. Ohne ihn wären wir nicht hier sondern in irgendeiner Hochsicherheitsburg. Ein Mord und ein paar Raubüberfälle bringt für alle nicht unter zehn Jahre.“
„Hmmhhh…hast Recht. Obwohl der Typ stinkt doch selber zum Himmel.“ stellte Nela mit gerümpfter Nase fest.
„Ja, aber im Moment sitzt er am Hebel. Beim geringsten Versuch uns zu verpissen sind wir dran. Dafür ist Herzchen Boris und Jurij und die Anderen sauber.“
Zweifellos. Wenn jemand die Lage, in der wir uns befanden peilte, dann Nela. Die knallharte Geschäftsfrau und doch das Mädchen vom Kiez, dass sie irgendwie doch geblieben ist. Und wenn jemand die Regeln und Gesetze der Meile beherrschte, dann sie.

Niemand wusste etwas und niemand hatte was gesehen. Doch wenn es qualmte, zogen alle am gleichen Strang. Und besser jeder hielt sich daran oder er war draußen. Ganz allein auf sich gestellt. Ohne Hilfe und ohne Schutz.
Und na ja! Für kleinere Keilereien um ein paar Gäste, um ein Mädchen, um Macht, Geld oder was auch immer, war sicher später noch Zeit genug, sich untereinander den Schädel einzuschlagen. Dann,wenn wieder Ruhe auf dem Kiez einkehrte.
Doch bis dahin hatte unser Problem nur einen Namen: Tarek Belisha.
„Und Nela? Heute keine Lust auf ein Gläschen zum anstoßen?“ fragte ich sie etwas neckisch.
„Mmmhh klar! Stehen schon kalt.“ Frech grinste mich dabei diese kleine süße Göre von der Seite an, wollte sie mit irgendetwas verheimlichen.
„Hey! Was ist los mit euch Beiden. Irgendetwas ist doch. Los jetzt, den Mund auf.“
„Okay, aber erst Du!“ flüsterte Nela und streichelte mit ihren schmalen Händen zärtlich Ninas nackten Körper. Splitternackt verwöhnten sich die Zwei bei gedämpften Licht vor meinen Augen auf dem Bett.
„Das „Eros“ ist die absolute No.1 auf dem Kiez. Wir müssen einen Weg finden, die Kohle an die Seite zu bringen. Vorbei an diesem Schaller. Du weißt schon.“
„Ach so. Der Schalter-junge von deinem Baumann.“
„Und?“ fragte ich sie erstaunt.
„Hey Klasse! Und wie kriegen wir die Kohle an ihm vorbei?“ fragte Nina.
„Ich glaube, ich habe da so eine Idee.“ Und der Korken der ersten Flasche Moet & Chandon Ice Imperial knallte an die Decke des Zimmers.
„Und was noch? Los, spannt mich nicht so auf die Folter.“
„Ich schau mal nach Emily.lass Euch Zwei mal allein.“ hauchte Nela und verkroch sich ins Nebenzimmer der Suite.
Unsere Körper pressten sich eng aneinander. Fasziniert von Ninas Schönheit küsste ich sie auf ihren Hals und auf ihre Schultern. Mit einem erröteten Gesicht und einem schelmischen Grinsen auf ihrem sah sie mich an.

„Was ist? Was willst Du mir sagen?“
„Mmmhhh na ja, was würdest Du sagen wenn…?“
„Wenn was?“
„Na ja, wenn wir bald …“
„Wenn wir bald? Du meinst wir Vier?“
„Ja! Wenn wir bald zu fünft wären.“
Mein Herz drohte zu zerspringen wie eine gläserne Kugel, die auf den Boden knallte und in tausende Splitter zerplatzte. Ich spürte die Hitze und die Erregung ihres Körpers und streichelte ihre schweißnasse Haut.
„Das wäre einfach wunderschön.“ Ich griff zu ihrer Hand, zog sie erneut zu mir heran und küsste jeden Zentimeter ihres Körpers.
„Na siehst Du! War doch nicht schwer?“ warf Nela, kess wie sie nun mal war in die Mitte. Und ein weiteres Mal knallte der Korken der nächsten Champagnerflasche. Na ja, unsere Suite hatte so langsam Ähnlichkeit mit einem römischen Gelage. Doch es war mir, um es auf den Punkt zu bringen, scheißegal.
-Alles auf die große Rechnung
Der Zimmerservice hatte klare Order alles zu tun was Nina und Nela verlangten. Und wenn nicht, na ja, dann gab es ja noch Milan, unser neuer Trumpf im Ärmel, wie man doch in Zockerkreisen so sagte und von dem niemand etwas ahnte.
Mit der hereinbrechenden Nacht kam auch die Angst. Stunde für Stunde wartete ich darauf, dass das Handy los schepperte und Herzchen mich zu unserer Zentrale, der „Schatulle“ rief. Doch vielleicht kam ich ihm zuvor und je eher es losging, je besser. Je eher hatten wir diese Brut unter Kontrolle und Baumann erntete endlich seinen langersehnten Posten als der nächste Polizeipräsident?
Egal. Sollten andere dafür sorgen, dass er über die Klinge springt. Hin und her mit dem Kerl aber ich brauchte ihn, wenn ich nicht außerordentlich scharf darauf war, die nächsten Jahre gesiebte Luft zu atmen. Und gerade jetzt, nachdem ich erfuhr, dass Nina ein zweites Kind von mir erwartete.
„Hey Nina! Leise, dass Emily nicht aufwacht.“
„Was ist?“ fragte sie mit halbgeöffnetetn Augen.
„Ich mach mich auf zum Kiez.Bin sicher Herzchen erwartet mich schon dort.“erklärte ich.
„Sag Nela, dass ich sie morgen Vormittag mit Milan im „Eros“ erwarte und dann räumen wir den Tresor. Milan weiß dann, was er zu tun hat.“
„Bin wach. Euer Geflüster war nicht zu überhören. Gehts endlich los?“
„Bis auf morgen bleibt ihr zusammen. Kapiert? Milan passt auf und hat für jeden eine Makarov Kal.9mm dabei. Er zeigt euch wie man damit umgeht.“
„Hey Stephan! Machst Du Witze? Wir haben ein paar Läden ausgenommen. Das geht schon klar.“ stellte Nela fest. Was täte ich nur ohne sie.
„Mach dir keinen Kopf. Wenn jemand Nina oder die Kleine versucht anzurühren mach ich sie kalt.“
Ich schlich mich auf leisen Sohlen aus dem Hotel und nahm irgendein Taxi, das vor dem Hotel herumlungerte.
„Zur „Schatulle“ und jetzt zeig mal was Du drauf hast.“ befahl ich dem Fahrer. Alle Achtung, der Typ wusste genau, was ich verlangte. Sicher verhalf ihm auch dabei die 200 Euro Note, die ich ihm in seine Hemdtasche stopfte auf die Sprünge.
Wie ich erwartete, brannte hinter den von Kugeln durchsiebten Fenstern der „Schatulle“ noch Licht.
„Hey, sieh mal einer an. Konnte der Meister auch nicht pennen?“ Herzchen grinste und schlug mir auf die Schulter.
„Und Partner? Bist Du bereit für einen kleinen Ausflug.“ Ohne unnötiges Herumgerede machten wir uns mit seinem Chevy Pick-Up auf den Weg ins das Industriegebiet.

„Okay! Holen wir uns was wir brauchen. Und dann machen wir sie endgültig fertig.“ Wie bei einem perfekten Deal reichten wir uns die Hände.
„Und Kilian? Was denkst Du?“ fragte ich Herzchen.
„Erstmal kein Wort! Dafür wird er uns noch dankbar sein. Es scheint, als sei das die einzige Sprache, die diese Burschen verstehen. Damit machen wir ihnen die Hölle heiß. Und ich scheiß was auf albanisch.“
Wenn ich einmal dachte, jeden Winkel in diesem Loch zu kennen, so täuschte ich mich diesmal gewaltig. Das einzige was blieb, war der Gestank nach Altöl und Alkohol und für Sekunden bildete ich mir sogar ein, den Geruch von verbrannten Menschenfleisch wahrzunehmen. Außer beim Betrachten meiner linken Hand sicher nichts als pure Einbildung.
„Na dann los. lass uns den Laden mal richtig auf den Kopf stellen.“ beschloss Herzchen. „Würde mich echt wundern, wenn wir hier nichts finden.“
Mit Brechstangen bewaffnet rissen wir ein paar morsche Bretter aus den Wänden und knackten sogar eine Falltür, die uns zu einem unterirdischen Kellerraum führte. Was wir fanden öffnete uns die Augen. Vorbei an den Augen der Sonderkommission und sogar Interpol standen Kiste auf Kiste, bereit zum Transport über die Niederlande und von dort aus per Schiff in die autonome Region Kurdistans.
„Was denkst Du Herzchen? Ob Kilian auch da hinter steckt?“ fragte ich und setzte die Brechstange an.

„Nein! Er ist zwar ein Mistkerl. Aber das hier riecht nach den Russen.“
„Sorokin und Milicic?“
„Das war einmal. Die sitzen und das noch für eine ganze Weile. Denke eher, dass Tarek Belisha die Geschäfte übernommen hat. Du weißt doch noch. Die wollten uns doch schon mal der Arsch aufreißen.“
„lass uns vorsichtig sein. Wir sollten vor Tagesanbruch zurück sein.“ schlug ich vor.
„Ja besser! Kilian will uns sehen. Scheint, er hat einem Plan. Also los. Auf den Laster mit dem Kram.“
Eine Kiste mit AN-94 Kal.5,45 mm Sturmgewehren, zwei Panzerfäuste von Typ RPG-7 und ein PKP “Petscheneg“ Maschinengewehr Kal.7,62 mm gehörte zu unserer vernichtenden Beute.
„Das sollte genügen um diese Schweine in ihre ewigen Jagdgründe zu befördern.“ grinste Herzchen.
„lass uns lieber von hier verschwinden.“
Die Luft war rein und wir schafften es noch vor Anbruch des Tages zurück zur „Schatulle“.
Ich spürte es, dass der Tag der Entscheidung bevor stand. Dieses mal werden sie nicht warten, bis es dunkel würde. Nach und nach trudelten sie ein. Zuerst Boris und Jurij, später sogar der „Kratzer“ und der „Falter“ und ein paar andere Kerle, die aber draußen in ihren Jeeps warteten. Stunden vergingen, doch von Baumann noch nicht den Hauch einer Spur.
Nie wieder war der Zeitpunkt günstiger, mich unbemerkt auf den Weg zum „Eros“ zu machen, um Nela in Begleitung von Milan zu treffen. Pünktlich auf die Minute rollte die Limousine vor.
„Hey, wir müssen uns beeilen. Baumann ist auf dem Weg hierher. Bis dahin müsst ihr weg sein.“ mahnte ich die Zwei.
Jeder Handgriff saß und in Windeseile verschwanden die Einnahmen der letzten Nächte aus dem Tresor des „Eros“ in einem Seesack und in einer ledernen Reisetasche.
„Verschwindet jetzt zurück zum Hotel. Milan bleibt bei Euch!“
„Verstanden! Glaube da rückt er schon an.“ stellte Nela fest. Ein fataler Irrtum, der ihr fast das Leben kostete.
„S-c-h-e-e-e-i-s-s-e…runter mit Euch. Schnell! Hinter die Karre und unten bleiben!“
Aus dem UAZ Patriot , der auf uns zuraste, eröffneten Tareks Leute mit maskierten Gesichtern das Feuer und attackierten uns massiv. Herzchen hatte also Recht behalten. Sie warteten nicht mal mehr bis es dunkel wurde. Ich erwiderte das Feuer und peitschend prallten die Kugeln aus meiner Magnum Kal.38mm an der Ladefläche ihres Geländewagens ab. Unter Schock pressten wir uns auf den nackten Asphalt der Straße. Mit einer Gesichtshälfte auf dem Bordstein erkannte ich zwar Milan, der seine Automatik nachlud.
Doch verdammt! Wo bei diesem ganzen Schlamassel steckte Nela?
„N-e-e-e-e-l-a!“
Doch sie war nicht zu sehen.
„Verdammt Ne-e-e-e-e-e-l-a! Wo steckst Du?“
Sie kamen zurück.
Mit aufheulender Maschine näherten sie sich uns erneut. Die Detonation der Rauchbombe, die den Eingang des „Eros“ einnebelte, erschütterte den Bordstein.
kreischende Reifen, dass die Luft nach verbrannten Gummi roch-immer wieder Schüsse, die über unsere Köpfe hinweg pfiffen-das Mündungsfeuer ihrer automatischen Waffen im Nebel der RauchbombeDie Türen des UAZ sprangen auf und zwei maskierte Typen sprangen aus dem Wagen.
„Verdammt! Nein! N-e-e-e-i-n!“
Mit den Armen fest um ihren Hals schnappten sie sich Nela und drückten sie mit brutaler Härte auf den nackten Asphalt.Mit einem Speznas Kampfmesser und der „Schtschutschka“ an ihrer Kehle war Nela so gut wie erledigt, wenn nicht jetzt sofort ein Wunder passierte.
Ich riss Nela zur Seite und presste sie an meinen Körper. Sie schloss die Augen, während ich sie zärtlich über ihre Arme streichelte und sie auf ihre Stirn küsste.

„He Du! Hey Nela. Du lebst. Es ist vorbei.“ versuchte ich sie mit allen meinen zu Verfügung stehenden Kräften zu beruhigen.
Nela war kreidebleich doch sie nickte und lächelte sogar wieder ein wenig. Die finalen Rettungsschüsse kamen unbemerkt aus dem Hinterhalt. Wie aus dem Nichts und in allerletzter Sekunde pirschten sich Kilian Baumann und seine Leute an uns heran und schossen uns den Weg frei. Bisher gab es zwei Tote und zwei Schwerverletzte. Die Kugeln zerschmetterten ihre Gesichter so derartig, dass erst bei der späteren Identifizierung der Leichen das ganze Ausmaß der Katastrophe klar und deutlich wurde.
Das Blut pumpte ihr bis zu ihrem letzten Herzschlag aus ihrer Stirn, während sie das Speznas Kampfmesser noch immer kampfbereit in ihrer Hand hielt.
„Du hast verdammtes Schwein gehabt. Eine Minute später es wäre deine Freundin gewesen, die da jetzt in ihrem Blut liegt. Meine Leute kümmern sich hier jetzt um den Rest.“ Baumanns Worte klangen einhellig.
Was uns nun bevorstand war ein Rachefeldzug. Sobald Tarek erfuhr, dass wir Leona Levanaj, seine Frau und Komplizin auf dem Gewissen hatten, würde er keine Sekunde länger zögern uns endgültig zu vernichten.
„Hey Nela! Bist Du in Ordnung?“ fragte ich sie mit prüfenden Blicken.
„Ja. Alles okay. Ich lebe ja noch.“ Unerschütterlich grinste sie mir bereits wieder kess ins Gesicht.
„Milan fährt Euch jetzt zurück ins Hotel. Gib Nina und der Kleinen eine Kuss von mir.“
„Wir? Sie etwa auch?“ erwiderte Nela provozierend.
„Ja, sie auch. Das ist Judith, Kilians Flamme und sie hat dir das Leben gerettet.“ erklärte ich.
„Und aß auf die Kohle auf. Wenn wir mit Tarek fertig sind machen wir uns aus dem Staub. Sieh dich etwas mit Judith vor. Ich verlass mich auf Dich.“
„Krieg ich hin!“ erklärte sie und nach einer Umarmung machten sich Nela und Judith in Milans Begleitung mit der Limousine vom „Eros“ aus dem Staub.
In der „Schatulle“ herrschte Krisensitzung. Kilian, der bei allerbester Laune schien, schlug die heutige Nacht als Angriffszeitpunkt vor.
„Na ja Kilian. Auch wenn es mir etwas schwerfällt. Trotzdem Danke, dass Du Nela den Arsch gerettet hast.“
„Bedanke dich lieber bei Herzchen und vor allem bei Judith. Sie hat Leona Lavanaj erschossen. Dir ist klar was das bedeutet?“ Wenn ich mir auch in diesem Moment Ninas Gesicht vorstellte, wie Judith und Nela in unsere Suite hinein spazierten, machte ich mir dennoch keine Sorgen um ihre Sicherheit.

Wir saßen in der Runde, blickten ihn an und warteten auf eine Antwort. Jeder spürte, unter welchem Druck der sonst so coole Baumann stand. Zwei Tote am helllichten Tag war ein gefundenes Fressen für die Presse. Ich stellte mir vor, wie sie ihn in den Schlagzeilen zerrissen.
Herzchens und meine Blicke kreuzten sich, als wir endlich erfuhren, wo sich Tarek und seine Leute tagsüber verkrochen. Jede verdammte Stadt hatte sowas. Ein Rattenloch für Penner, Junkies, Obdachlose und natürlich irgendwelche Gangster, die unbemerkt abstiegen. Und in unserer Stadt waren es zweifelsfrei die alten Abrissblocks in der Sonnenstraße, für die sich keine Sau mehr interessierte. Einfach ein perfekter Ort, um die Falle endgültig zuschnappen zu lassen.
„Wir spielen nach unseren Regeln?“ haute Herzchen mit der Faust auf den Tisch.
„Was hat das zu bedeuten?“ warf Baumann ein.
„Das Du sie alle danach nur noch einsammeln musst.“ entgegnete ich ihm mit scharfem Ton.
„Raus mit der Sprache! Was habt ihr Dreckskerle vor?“
„Wir räuchern die Bude ordentlich aus und wenn sie raus gekrochen kommen, schnappen wir sie uns. Einem nach dem Anderen.“
Die Grübelfalten in Baumann Gesicht machten es noch furchiger als es sowieso schon war. Na ja, seit heute wusste ich ja, dass es sogar Leute gibt, denen das gefiel. Wenn auch Judith eine nicht gerade unattraktive Frau war. Wer wusste, was er ihr sonst noch so alles versprach. Was sollte es also. Auch Kilian war letztendlich auch nur ein Mann mit einem Schwanz in der Hose.
„Mmmhhh…dafür brauchen wir mindestens das SEK.“
Wir schwiegen.
„Das SEK? Wir sind unser eigenes SEK!“ lachte Herzchen.
„Für die Jungs ist es jetzt sowieso zu spät. Heute Nacht geht’s los.“ erklärte Baumann und alle stimmten einhellig zu.
„Und jetzt zu euch Zwei!“ Baumann erhob seine Hand und zeigte mit dem Finger auf Herzchen und mich.
„Die Karten auf den Tisch. Aber endgültig. Ihr wart doch schon wieder in der Werkstatt?“
„Wir?“ Herzchen und ich konnten uns das Grinsen in unseren Gesichtern kaum noch verkneifen.
„Was habt ihr da gefunden! Los jetzt! Raus mit der Sprache!“
„Das fragst ausgerechnet Du Kilian?“
Er ballte die Hand zu einer Faust um mir ins Gesicht zu schlagen. Blitzschnell, wie ein Reflex zog ich meine Magnum Kal.38mm und hielt ihm den Lauf auf sein Gesicht.
Die Kanone runter!“ schrie Herzchen. Boris und Jurij schritten zurück und suchten bereits Deckung.
„Na gut. Glaube es wird Zeit, etwas aus der Klamottenkiste zu plaudern.“ Wir begruben unseren Disput bei einem Glas Scotch on the Rocks.
Kilian war durch und durch eine Bulle. Vielleicht noch dazu seiner Meinung ein verdammt guter.
Ein Mann, der die Frauen liebte und der auch gerne mal seine Leute durch die Hölle schickte. Aber korrupt, oder sogar ein Waffenschieber war er nicht. Das ich erst jetzt von der Schießerei im „Red Lips“ erfuhr, nahm ich ihm nicht einmal übel. Es war ab sofort ab jetzt sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis wir Tarek und seiner Gang endgültig der Arsch aufrissen.
Und das am besten gleich so, dass es so schnell nie wieder jemand riskieren würde, auf der Kiez Fuß zu fassen. Doch wenn ich das Glas erhob, um mit den Anderen anzustoßen, dann dachte ich nur an sie.
An Nina und an unsere Emily. Und daran das wir bald Nachwuchs bekommen würden.
Klar, und natürlich an Nela, ohne die wir es nicht schafften, irgendwann und hoffentlich schon bald von hier zu verschwinden.Wenn das hier gut geht und sie mir nicht noch zuletzt meinen Kopf vom Hals herunterschossen. Sicher hatte Nela, so wie ich sie kannte, alles bereits bis ins kleinste Detail vorbereitet.
Alles genau so, wie wir es immer besprochen hatten. Die Kohle lag sicherer als in einem Tresor der „Bank of America“ im Kofferraum der Limousine vom „Eros“, die in zweiter Ebene in der Tiefgarage des Hotels parkte und nur darauf wartete, unser Fluchtwagen zu werden. Meistens hockten wir im Hotel auf dem Bett und ich sah bei einigen Gläsern Schampus Ninas verträumten Blick.
-Vielleicht nach Brasilien
Rio de Janeiro, Salvador oder Forteleza
-Oder nach Mexiko
Vera Cruz, Tampico oder Acapulco
Irgendwo, wo er uns so schnell nicht finden würde. Oder wieder zurück auf die Caymans? Der U.S Army Colonel würde sicher nicht schlecht staunen, wenn wir da zu viert anmarschierten. Okay, unser schönes Haus war futsch, aber das wäre das geringste Problem.
„Also dann! Wenn es dunkel wird geht’s los. Klar?“ Bestimmte Baumann und riss mich aus meinen Träumen, zurück in die Realität und dunkelsten Abgründe. Schon ein paar Stunden später, nach Einbruch der Dämmerung, füllte sich wie gewohnt die Meile. Vom Bordstein vor der „Schatulle“ sah ich sie heranströmen.
Singletypen, aber auch Pärchen, die vor den Clubs und Bars in der Schlange standen und auf den Einlass der Striptease-Shows lauerten. Eine Horde Biker der „Hot Wheels“ MC Germany, die mit ihren Harleys die Meile auf und abfuhren, dass die Fensterscheiben von dem ohrenbetäubenden Lärm ihrer hochglanzpolierten Auspuffrohre ins Schwingen gerieten.
Besoffene, die mit den Türstehern herum pöbelten und sich danach an der nächsten Laterne die Seele aus dem Leib kotzten. Kross Dresse und Drang Queen, die sicher schon morgen wieder als ganz normale Leute ihrem Job nachgingen.
Für uns war jedoch der Zeitpunkt gekommen. Von Tareks Leuten war nicht die Spur zu sehen und so vermuteten wir, dass wir sie genau da trafen, wo wir ihnen heute Nacht den Garaus machten.
„Ihr seit die Ersten! Und jetzt ab mit Euch“ bestimmte Baumann. „Und keinen Privatkrieg bis wir nachkommen!“ Mit etwas Verwirrung in seinem Gesicht nahm er Herzchens olivgrünen Chevy ins Visier.
„Macht keinen Scheiß Leute.“ mahnte er. „Das ist nicht die Al-Aqsa-Moschee sondern die Sonnenstraße.“
„Nun bleib mal locker Kilian. Wenn sich deine Leute lieber mit Wasserpistolen bewaffnen ist das eure Sache.“ Der Punkt ging einwandfrei an ihn und alle lachten.
„Und wann kommt ihr?“ fragte ich Baumann.
„In etwa dreißig Minuten folgen wir Euch. Verstanden?“
„Ja.“
„Dann setzen Boris und Jurij ihren Arsch in Bewegung und später der „Kratzer“ und der „Falter“. Noch Fragen? Alle kapiert?“
Mit rollenden Augen schmiss Herzchen den Chevy an wir waren auf und davon.
Mit abgeschaltetem Licht erreichten wir den Block der Sonnenstraße. Die Stimmung war zum Zerreißen und gespenstisch. Hinter jedem Fenster der alten Kaschemme war kein Funken Licht zu sehen. Wurden die Kerle etwa vorgewarnt? Mit schleichender Fahrt machten wir uns voran.
„Hier stimmt was nicht Herzchen.“ stellte ich unschwer fest.
„Sehe ich genauso. Da hat einer geplaudert dass wir kommen.“ erwiderte er mit missmutiger Visage.
„Los ruf Baumann an. Er soll den „Kratzer“ und den „Falter“ festnageln. Die Schweine spielen ein doppeltes Spiel.“
„A-a-a-a-c-h-t-u-u-n-g! Birne runter!“ Schon ernteten wir die ersten Salven aus ihren Maschinenpistolen.
„Bleib hier Herzchen! Was hast Du vor? Die nieten dich um!“
„Wirst Du gleich sehen.“
Herzchen stoppte den Chevy, lief um den Wagen und sprang auf die Ladefläche. Mit ein paar Schüssen ziellos in die Dunkelheit gab ich ihm Feuerschutz.
Plötzlich wurde es taghell, als die Scheinwerfer der Einsatzfahrzeuge der Soko auf ein Kommando die Straße in gleißendes weißes Licht tauchten. Ich schätzte beim Anblick des PKP “Petscheneg“ Maschinengewehrs Kal.7,62 mm ließen sie freiwillig ihre Waffen fallen und ergaben sich. Aus ihre Mitte trat Tarek Belisha mit erhobenen Händen hervor.
-Es war vorbeiKilian Baumann grinste fast im Kreis, hätte er keine Ohren an seinem Kopf. Eine Festnahme einer albanischen Gang ohne Tote und Verletzte würde man ihm in seinen Kreisen hoch honorieren.
„Und ihr Zwei rückt die Knarren raus. Verstoß gegen das Kriegswaffengesetz bis zu fünf Jahren.“ Ich dachte Kilian Baumann ging jede Sekunde durch einen Faustschlag von Herzchen zu Boden.
Nun ja. Wahrhaftig reichten wir uns die Hände und in der „Schatulle“ war sicher heute Nacht geschlossene Gesellschaft. Der „Kratzer“ und er „Falter“ bekam sicher die Zelle neben Tarek und seinen Leuten.
Ja, Baumann konnte ein Schwein sein, wenn er wollte. Bekäme ich sicher die neben Sorokin und Milicic wenn er mich am Arsch hätte.
Mein Handy klingelte.
„Hey, ich liebe Dich!“ klang Ninas sanfte Stimme.
„Ich Dich auch.“
„Wann kommst Du?“ Ich spürte die Erregung in ihrer Stimme.
„Bald! Schon sehr bald. Nimm Nela in den Arm und gib der Kleinen ein Kuss von mir. Und der hier ist für Dich!“
Dann verstummte das Gespräch und bei jedem weiteren Schluck aus meinem Glas blickte ich ein weiteres Stück in Richtung Freiheit. Und nichts und niemand würde uns diesmal aufhalten.

**
Sollte Judith sich zum ersten Mal irren?
Es sah beinahe so aus. Zusammen mit ihr saß ich in meinem Auto, vor dem Eros und wir schauten gemeinsam auf den Stadtplan welchen mein Handys anzeigte, und mir sagte, dass sich Stephan und sein ganzer Anhang in Richtung Flughafen bewegte.
Mir war von Anfang an klar, dass Stephan nicht vorhatte seine fünf Jahre abzureißen und die Biege machen würde, sobald sich eine Gelegenheit bot.
Und diese Gelegenheit bot sich gerade!
Nach der Schießerei vor dem Eros hatten Boris und Juri die Frauen in Sicherheit gebracht, und so dafür gesorgt, dass wir „den Rücken frei“ hatten.
Das letzte was wir uns in der Endrunde leisten konnten, waren Sorgen um unsere Liebsten.
Wie gerne wäre ich dabei gewesen, als Nela mit Judith bei Nina ankam.
Judith hatte mir erzählt, wie die Begrüßung ausfiel…. Nela hatte die Tür zum Hotelzimmer aufgeschlossen und rief nach Nina.
„Ich hab noch jemanden dabei.“ Sagte sie, die Tür erst halb geöffnet. Das freundliche Lächeln von Nina erstarb, als Judith durch die Tür trat.
„Was will die Schlampe hier?“ fauchte Nina.
„Nina…“
„Ich leg dich um!“ Nina wollte sich schon auf Judith stürzen, doch Nela trat dazwischen.
„Aufhören! Schluss! Judith bleibt hier, bis Tarek erledigt ist! Solange musst du mit ihr Auskommen!“
„Wegen der Schlampe trage ich einen Sender! Wegen ihr, findet uns dieser miese Arsch von Bulle immer wieder! Er wird nie Ruhe geben!“
„Doch!“ hielt ihr Judith entgegen. “Sobald ihr eure Zeit hinter euch habt, wird er das! Dann könnt ihr machen was ihr wollt!“
„Dir Schlange glaube ich kein Wort!“ zischte Nina.
„Ach ja“, Judiths Blick wanderte zu Nela, „hat er bis jetzt nicht immer sein Wort gehalten? Egal ob er versprochen hatte euch zu kriegen, oder euch zu helfen. Er hat es getan. Denkt mal in Ruhe darüber nach!“
Nina riss sich von Nela los und verschwand wutschnaubend in einer Ecke.
„Damit das klar ist“, sagte Nela zu Judith, „du hast mir das Leben gerettet, und ich schulde dir was, das heißt nicht, dass ich dich mag!“
„Ich mag dich auch nicht wirklich und nur um das auch klarzustellen, ich mochte dich auch nicht, bevor ich Leona erschossen habe. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!“
„Schön dass wir das beide Klargestellt haben.“ Nela drehte sich um blieb stehen du schaute Judith nochmal an.
„Dennoch…Danke! War ein toller Schuss.“ Dann ging sie zu Nina.

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In der Zwischenzeit hoben wir Tareks Unterschlupf aus. Durch die Razzia und den Fehlschlag vor dem Eros hatte Tarek nur noch eine Handvoll Leute und die waren anscheinend nicht gewollt, für Tarek zu sterben.
Als Herzchen das Haus durchsiebte warfen die meisten ihre Waffen weg und hoben die Hände.
Als Schulz und das SEK eintrafen, blieb Herzchen gerade noch genug Zeit die Knarren und Stephan verschwinden zu lassen.
Schulz räumte kräftig auf und somit war Tareks Bande Geschichte.
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Was folgte, war das große Hauen und Stechen, wer den Ruhm dafür ernten sollte.
Dieser Kampf wurde zwischen Schneider und Keller ausgetragen. Ganz zu Beginn schienen sich die beiden einig zu ein und nahmen mich ins Visier.
Doch ich hatte einer Beamtin des BKA das Leben gerettet und das kam bei Hergers Vorgesetzten und vor allem in der Presse gut an. Nach einer offiziellen Belobigung, für meinen Einsatz in der Fabrik und einem kleinen Orden als Dankeschön, konnten sie mich nicht mehr abschießen und gaben sich gegenseitig die Schuld daran.
Jedenfalls wurde Milewski von der Presse und der Politik als der wahre Held gefeiert.
Schneider war als Innensenator angezählt und Keller versuchte sich zu profilieren. Seine Belgier von Europol hatten ihm genug Material geliefert und es wurden zu den Vorfällen auf dem Kiez mehrere Untersuchungsausschüsse gebildet.
Ich war mit den Ausschüssen beschäftigt, bei denen es aber nur um die Albaner und nicht um mich ging, und mein Team war noch immer dabei die Beweise aus der Sonnenstraße bzw. Tareks Versteck zusammenzutragen.
Und genau das bot Stephan die Gelegenheit abzuhauen.
Ich hatte sogar den Tag vorhergesagt, an dem sich Stephan absetzten würde und behielt Recht. Schon im Vorfeld hatte ich Schaller und die Bundespolizei am Flughafen informiert.
Als Ninas Sender sich dann auf der Stadtautobahn in Richtung Flughafen bewegte, brodelte es gewaltig in mir. Ich hatte diesem Mistkerl eine echte Chance gegeben, seien Schuld abzuarbeiten. Nicht nur das, nebenher konnte er auch noch ein paar Millionen machen… und was tat dieses Arschloch? Er haute ab!
Doch diesmal würde er nicht seinen Bauch unter irgendwelchen Palmen sonnen! Höchsten, wenn seine Zelle auf der Südseite vom Knast lag.
Schaller jedenfalls stand schon mit einem Team des Zolls bereit und erwartete Stephan.
„Kann ich mitkommen?“ fragte Judith?
„Aber gerne doch, das wird ein richtiger Spaß!“
Auf dem Weg zur Schnellstraße sah mich Judith von der Seite an.
„Was?“ fragte ich.
„Fahr zum Eros.“
„Zum Eros? Was soll ich dort?“
„Auf Stephan warten.“
„Machst du Witze, er und seine Perle wollen sich absetzten. Die sind auf dem Weg zum Flughafen.“
„Eine Wette gefällig? Ich Wette er kommt zurück.“
„Die Wette gilt! Um was wetten wir überhaupt?“
Als sie den Wetteinsatz vorschlug, wäre ich beinahe von der Straße abgekommen. Ich schaute sie an. „Ist das dein Ernst?!“
„Ja!“
„Ok, da bin ich dabei.“ Ich nahm die nächste Ausfahrt und fuhr zum Eros. Als ich dort ankam, hatte Stephan den halben Weg zum Flughafen zurückgelegt.
-Oh mein Schatz! Diesmal liegst du falsch!-
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als der Stephan den Zubringer des Airports nahm. Ich nahm mein Handy heraus und rief Schaller an.
„Sie sind auf dem Zubringer! Ich schick die die Daten. Schnapp sie, sobald sie aussteigen, nicht dass sie noch in einem Privatflieger verschwinden.“
„Keine Sorge KB, hier fliegt keiner weg.“
„Tja Liebes, scheint so. als ob du diesmal falsch liegst.“
„Abwarten, noch sind sie nicht weg.“
Ich schaute wieder auf das Handy. „In zwei Minuten sind sie am Flughafen.“
„Zwei Minuten Zeit, es sich anders zu überlegen.“
„Du und dein Optimismus.“ Brummte ich.
„Nur aus Neugierde, warum sollten sie es sich anders überlegen?“
„Nela und Nina! Auch wenn ich die zwei nicht mag, sie sind beide sehr intelligent. Beide wissen, dass du sie wegen dem Sender in Nina überall aufspüren kannst. Du hast sie um ihr Geld und ihr Haus gebracht. Deswegen hassen sie dich, wissen aber auch, dass du es wieder tun kannst und auch dass du es tun wirst, sobald du die Gelegenheit hast.
Wollen sie also ihr Geld behalten, gibt es nur einen Weg. Dazu kommt, dass Nina wieder schwanger ist. Sie wird es nicht darauf anlegen früher oder später im Knast zu landen.“
„Nun, im Moment ist sie genau auf dem Weg dorthin.“ Der Wagen hatte den Flughafen erreicht. „Sobald sie aussteigt verschwindet sie für mindestens 10 Jahre.“
-Schade.- ich mochte Stephan vielleicht nicht, dennoch war unsere Zusammenarbeit erfolgreich gewesen. Warum kann sich der Idiot nicht einfach an Absprachen halten. Diesmal hatten nicht eimal Keller oder Schneider für ihn Verwendung. Diesmal gab es keine „du kommst aus dem Gefängnis frei Karte“.
Ich schaute wieder auf das Display und zählte von 10 rückwärts die Sekunden, die Stephan und seine Frauen noch in Freiheit waren.
Sieben, sechs, fünf…Was zum Teufel…
Der Wagen hatte nicht angehalten!
„Schaller…“
„Ich hab es gesehen, sie sind vorbeigefahren! Sie müssen Lunte gerochen haben.“
„Hat die Augen auf, nicht dass es ein Ablenkungsmanöver ist!“
„Ist es nicht.“ Meinte Judith.
Ich konnte es nicht fassen, der Wagen fuhr tatsächlich zurück. Abwarten noch waren sie nicht hier.
Nach 10 Minuten stand fest, Stephan, oder zumindest Nina, war auf dem Weg zurück zum Kiez während Judith, mit einem sehr, sehr selbstzufriedenen Grinsen neben mir saß.
Als der Wagen in die Straße zum Eros abbog, hoffte ich schon insgeheim, dass nur der Sender darin war. Ich stieg zusammen mit Judith aus und wartete.
Kaum hatte der Wagen angehalten stiegen auch schon Nina mit ihrer Kleinen und Nela aus.
Nina marschierte an uns vorbei ohne uns eines Blickes zu würdigen. Judith, bekam wenigstens von Nela ein anerkennendes Nicken.
Den Schluss machte Stephan. Auch er ging an uns vorbei, blieb aber kurz darauf stehen und drehte sich zu mir um.
„Vier Jahre, zehn Monate und achtzehn Tage! Dann kannst du uns am Arsch lecken!“ Damit verschwand er hinter seinen Frauen im Eros und wäre beinahe mit Herzchen zusammengestoßen, der eine Kiste Champagner heraustrug. Kopfschüttelnd aber grinsend kam er mit der Kiste zum Wagen.
Tja, nein! Freunde würden weder Nina, Nela und Judith und auch Stephan und ich nicht werden. Doch wer weiß?
In vier Jahren, zehn Monaten und achtzehn Tagen konnte noch einiges geschehen.
„Stell den Champagner bitte in den Kofferraum.“ Bat Judith Herzchen, der das Auto erreicht hatte.
„Du hast auch mit Herzchen gewettet?“
„Ja und mit Berger, Schaum, Jansen, Kammer, Graling und Schaller.“
„Und?!“
„Nun, Getränke mäßig habe ich die nächste Zeit ausgesorgt.“
„Ich fasse es nicht!“
„Killian, du musst die Menschen eben nur richtig einschätzen. Und jetzt bring mich bitte nach Hause, ich habe den Gewinn einer verlorenen Wette einzufordern.“
OHH, das wird eine böse Nacht werden!

**
Die Nachricht über Tareks Verhaftung verbreitete sich auf dem Kiez wie ein Flächenbrand. Dennoch spürte ich, wie mir die Ereignisse dieser Nacht unter die Haut krochen.Ich trank aus und verzog mich für eine Weile in eine der nach Zigarrenqualm stinkenden Zockerhöhlen im hinteren Bereich des Clubs.
Klar, dafür trugen mich die Bar und Clubbesitzer auf ihren Händen. Wenigstens für eine Zeit.
-Schon eine verrückte SacheEinige von ihnen verbrachten bereits ihr ganzes Leben auf der Meile. Undenkbar für sie, sich an einer anderen Stelle der Welt ein völlig neues Leben aufzubauen.
Wie Herzchen, der auch sicher hier irgendwann sein Leben fristete.
Oder Baumann selbst, der vielleicht doch irgendwann die Stadt verließ, um in Amt und Würden unterzutauchen?
Vielleicht machte mir ja sogar irgendjemand eines schönen Tages ein faires Angebot. Von mir aus sogar einer dieser fettwanstigen Russen, die hier so von Zeit zu Zeit mal wieder auftauchten und ihre Kohle nur so aus dem Fenster schleuderten.
Scheißegal, solange sie in meiner Tasche oder in Nelas Tresor landete war es mir recht.
Es war bereits weit nach Mitternacht, als sich langsam und quietschend die Tür öffnete. Ich atmete leise auf, als Herzchen das Roulette zimmer betrat, der schon zum dritten Mal mit einer weiteren Flasche „Johnnie Walker Black Lable“ für Nachschub sorgte.
„Hey! Eine Nacht wie diese und Du ziehst eine Fresse?“ Wenn ich nicht wüsste, dass Herzchen mich längst durchschaute, hätte ich ihm sicher spontan geantwortet.
Stattdessen schwiegen wir für einen Moment und füllten erneut unsere Gläser.
„Dein Mädchen, stimmts?“ Ich traute Herzchen.
Wenn einer den Ehrenkodex des Kiez kannte, dann er. Und so hielt er sicher auch vor Baumann seinen Rand, nachdem ich ihm von unserem Plan erzählte.
„Zum Teufel Herzchen. Was soll ich tun?“ Ich begann den Typen irgendwie zu mögen.
„Mmmhhh, das Richtige vielleicht?“
„Und was ist das Richtige Herzchen.?“ fragte ich ihn und erhoben darauf unsere Gläser.
„Hau ab jetzt und geh zu ihr. Den Rest der Bande halt ich schon hin. Hey, mach keinen Scheiß. Du weißt schon.“
Ich schüttelte den Kopf und lachte, dachte nach, ob ich bleiben oder verschwinden sollte.
„Und vergiss nicht! Fünf Jahre vergehen auch. Und danach bist Du ein reicher Mistkerl, der machen kann was er will.“
„Hey Herzchen, es sind vier Jahre, zehn Monate und achtzehn Tage.“ Uns stand das Grinsen in unseren Gesichtern.
„Haha, zählst Du also schon die Tage?“ Herzchen lachte.
Ohne mich nochmal nach ihm umzudrehen, steuerte ich zielstrebig auf den Hinterausgang der „Schatulle“ zu. Vorbei an dem Fenster, hinter dem Baumann und seine Leuten hockten, vorbei an Boris und Jurij und all den anderen Jungs, mit denen wir Tarek Belisha gemeinsam in die Flucht schlugen.
Ich schlenderte gemächlich entlang der Meile, vorbei an den hell erleuchteten Bars und Clubs, lauschte der dröhnenden Musik, bis ich sie tatsächlich irgendwann weit hinter mir ließ.
„Zum „ Lounge Five Stars!“ orderte ich den Taxifahrer, der hier am Ende der Meile auf seinen Schichtwechsel wartete.
„Und? Wieder auf den Hinterrädern?“ grinste mich der Typ an.
-UnglaublichEs war der selbe Kerl, der noch vor ein paar Tagen den neuen Rekord zwischen dem Hotel und der „Schatulle“ aufstellte und sich dafür ein fürstliches Taschengeld einheimste.
„Nein, fahr einfach los und mach die Mucke an, okay?“ Ich schätzte, der Typ war eine ehrliche Haut, der sicher gleich, nach dem er mich am Hotel rausschmiss, in irgendeinem Schoß eines Mädchens landete.
Langsam fuhren wir durch die menschenleeren, einsamen Straßen der Stadt. Es begann zu regnen und die Lichter der Stadt spiegelten sich im Asphalt.
„Aufwachen, wir sind da! Hey, Du siehst aber fertig aus.“ Im Nachtprogramm berichteten sie gerade von der Schießerei auf der Sonnenstraße.
„Ist eine lange Geschichte.“ antwortete ich ihm mit flimmernden Augen und einem Gähnen im Gesicht.
„Was bist Du eigentlich? Ein Bulle oder sowas?“ Ich blickte ihm mit einem Grinsen ins Gesicht und drückte ihm einen Hunderter in Hand.
„Finds einfach heraus. Und dann weißt Du es.“ Beim Anblick meiner Magnum Kal.38mm unter meiner Jacke wurde er jedoch mucksmäuschenstill.
Da stand ich wieder. Vor der glitzernden Pforte des „Lounge Five Stars“ und der prasselnde Regen unterbrach jäh die Stille dieser Nacht. Mein Herz hämmerte bis hinauf zu meinem Hals, je mehr ich mich mit jedem Schritt der Tür unserer Suite näherte.
Fasziniert von ihrem traumhaften Körper griff ich durch die halbgeöffnete Tür nach nach Nina, zog sie nackt auf den dunklen Flur uns glitt zärtlich durch ihr Gesicht.
Die Berührungen unserer Körper ließen uns beide erzittern. Ich spürte meinen herangewachsenen Schwanz durch ihre Schenkel, die sie mir zwischen meine Beine presste. Jeden ihrer Küsse in meinem Gesicht und ihre zarten Hände auf meiner nackten Haut unter meinem Shirt.
„Ich hatte eine scheiß Angst.“ Ein paar kleine Tränen füllten ihre betörenden, blauen Augen.
„Es ist vorbei.“ stammelte ich vor Erregung und Geilheit.
„Hey, lass uns zurück aufs Zimmer. Sieh nur, Nela und Emily. Die beiden haben dich vermisst.“
Über sie gebeugt blickte ich in ihr Gesicht. Mit ihren geschickten, flinken Händen riss Nina mir die Klamotten von der Haut, bis sich unsere nackten Körper endlich unersättlich vereinten. Mein steifer Schwanz begann hemmungslos in ihr zu stoßen, bis wir nach einer wilden Runde zu den Sternen und pulsierenden Orgasmen erschöpft in der riesigen Falle versanken.
„Es ist vorbei? Heißt das, wir zischen endlich ab?“ flüsterte Nina.
„Mmmhhh…wir müssen verdammt vorsichtig sein. Baumann behält uns im Auge. Denk an diesen verdammten Mikrochip.“ mahnte ich sie.
„Dafür könnte ich sie immer noch kalt machen.“ fluchte Nina.
„Wo ist Judith?“ Meine Blicke kreisten durch das Zimmer. „Hey, denk dran! Sie hat Leona über den Haufen geschossen.“
„Neben an in der Gästesuite.“ erklärte Nela, die sich mit unserer kleinen Emily auf ihren Armen zu uns kuschelte.
„Judith kann gehen. Tarek sitzt ein. Aber ein Teil seiner Leute könnte immer noch hier herumschwirren und auf Rache sinnen. Am besten vergesst sie. Sie wird uns nicht helfen. Aber morgen früh ist sie weg.“
„Warum bis morgen warten ?“ warf Nela ein, die sich mal wieder für eine saftige Überraschung nicht zu schade war.
„Nela? Hast Du uns was zu sagen?“ fragte ich sie erstaunt.
„Na ja…der Wagen steht vollgetankt und gepackt unter in der Garage. Ein Teil der Kohle ist hier und der andere Teil…“
„Ja, Nela? Der andere Teil? Sprich doch weiter!“ forderte ich sie auf.
Stattdessen flogen sich die Mädchen in ihre Arme und hatten einen ungeheuren Spaß am meiner total verdutzten Visage.
„In einem Kofferschließfach am Amsterdam Airport Schiphol.“ erklärte sie mit breitem Grinsen.
„Und Du Nina? Hast natürlich von allem gewusst?“ blickte ich sie lächelnd an.
„Na klar mein Schatz!“ und mit ihrem manchmal so verschmitzten Blicken küsste sie mich auf meinen Mund.
„Wo zum Teufel steckt Milan?“ bohrte ich nach.
„Milan ist fort.“ erklärte Nela. „Hat sich aus dem Staub gemacht. Na ja, viel gequatscht hat er eh nicht. Glaub aber zu seinen Leuten nach Lettland.“
-Also doch. Wie ich mir es bereits dachte
Nela. dieses kleine abgezockte Mädchen vom Kiez, die wir für nichts in der Welt wieder ziehen lassen würden, hatte mal wieder alles fest Griff. Was hatte sie für ein diebisches Vergnügen, Judith wie bei einer Festnahme mit der Hand an ihrem Nacken in das nächsten Taxis zu quetschen. Bis heute erfuhr ich nicht wirklich, was die Beiden dabei miteinander zu quatschten hatten. Aber ich glaubte sicher, das es so etwas wie ein „Danke“ dafür war, dass sie ihr das Leben rettete.
Der Portier dagegen wurde zuerst leichenblass, als er uns die Hotelrechnung präsentierte.
„Hatten Sie einen angenehmen Aufenthalt in unserem Hause“ fragte er uns mit leicht stotternder Stimme.
„Hey Kleiner! Ganz locker bleiben. Echt abgefahrener Schuppen.“ erwiderte Nela dreist und drückte dem armen Kerl frech die Plastikkarte auf seine Stirn.
„Hey Nela, los jetzt. lass uns hier verschwinden.“ rief ich ihr noch zu.
„Ja, komm ja schon. Was glotzt Du denn so? Gefallen dir meine Titten?“ Ertappt und mit hochrotem Kopf verdrehte er seine Augen, blickte verschämt zur Seite und überreichte Nela die Kredit-Card.
Oh je, wenn wir nicht gleich sofort von hier verschwanden, jagten sie uns noch den Sicherheitsdienst oder die Bullen auf den Hals.
Na ja, die Bullen?
Sicher standen Kilian und seine Leute bereits in der Pole-Position, noch bevor wir überhaupt die Chance hatten, die Stadt zu verlassen.
„Einsteigen jetzt Nela.“ Ein kleines Lachen konnten Nina und ich uns trotzdem nicht verkneifen.
Noch weit vor Anbruch des Tages machten wir uns auf, immer nur geradeaus auf der nächsten Autobahn in Richtung holländische Grenze. Etwa eine Stunde vor unserem Ziel drängten uns bereits Kilian Baumanns Soko mit aufgeblendeten Scheinwerfern und Blaulicht vom Highway, hinein die nächste Parkbucht.
„Scheiße, die Bullen! Seht mal, sie sind da. Wir sitzen in der Falle.“ stellte Nela mit gezielten Blicken über ihre Schultern fest.
„Hey Leute, die Kanonen bleiben unten. Solange wir uns nicht rühren, sind wir sicher. Ich kenne Kilian. Er treibt mal wieder mit uns sein Spiel.“
„Und was tun wir jetzt?“ fragte mich Nina mit aufgeregter Stimme.
Mmmhh, na ist doch klar. So soll er uns nicht kriegen.“ antwortete ich ihr. Keiner von dem Mädchen brachte auch nur einen einzigen Mucks heraus.
Verblüfft starrten Nina und Nela mich an. Beide legten sie still ihre Hände, mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern, auf meinen Schultern.
„Wir gehen zurück! Immerhin gehört Nela der angesagteste Club auf dem Kiez, das „Eros“. Oder hattet ihr das vergessen?“ Ein Weilchen lagen wir uns gegenseitig in den Armen. Auch ohne Worte, nur mit unseren Blicken checkten wir unsere ausweglose Lage.
Na ja, aber es tat halt auch gut zu wissen, dass Nichts und Niemand es schaffte, uns jemals wieder zu trennen und machten uns auf den Weg zurück in unsere eigene kleine Welt, dem Kiez.

Noch am Abend unserer Rückkehr eröffnete Nela wie gewohnt das „Eros“. Wie üblich versammelte sich auch schon nach kurzer eine Schlange vor dem Eingang und die Türsteher hatten wie immer alle Hände voll damit zu tun, ein paar Junkies und eine Horde Besoffener, die sich eine handfeste Prügelei lieferten, auf die Straße zu setzten.
Na ja, was sein musste, musste sein. Blutige Nasen waren eben schlecht fürs Geschäft. Also so gesehen verlief unser Leben bereits nach einigen Wochen wieder völlig normal.
Na ja, fast normal.
Denn mit dem Hotelleben war es nun ein für allemal vorbei. Von der Kohle, die das „Eros“ Abend für Abend einspielte, leisteten wir uns eine alte Villa am Stadtrand. Nina und Nela ließen es sich nicht auch nur für einen Augenblick nehmen, jedes der Zimmer bis das kleinste Detail zu planen bis der alte Kasten irgendwann in neuem Glanz erstrahlte.
Und, na ja, wie ich es bereits ahnte, besonders als es um die Einrichtung unserer neuen Spielwiese ging, auf der wir später die wildesten und heißesten Nächte verbrachten. Entweder nur ich mit Nina allein, während wir uns so manches mal bis in den Sternenhimmel fickten oder wir drei uns sogar gegenseitig verwöhnten.
Ab sofort hatten wir ein Hausmädchen. Wie mir aber erst später bewusst wurde, ein mir nicht ganz unbekanntes Gesicht.
Es war Chloe, das Animiermädchen aus dem „Eros“, die demnächst für uns und auch für unsere kleine Emily sorgte.                                                                           „Du kannst ihr vertrauen. Sie ist sauber.“ versicherte Nela.
„Wenn Du es sagst.“ entgegnete ich.

„Du kennst mich doch. Sie weiß schon was ihr droht, wenn der Kleinen oder Nina was passieren würde. Und mit der Entführung? Sie hatte keine Chance und musste mitmachen, sonst hätte „Der Schreier“ sie umlegen lassen. Aber wir waren ja schneller. Schon vergessen?“
Schweigend hörte ich ihr zu und fragte mich, ob es möglich sein könnte, gleich in zwei Frauen verliebt zu sein? Ich trat zu Nela heran, schnappte mir ihre Hand und zog sie dicht zu mir herüber, so dass ich ihre feste Brust auf meinem Körper spüren konnte. Ihre zarten, schmalen Hände glitten unter meinem Shirt über meinen Rücken und mit ihren Blicken bat sie mich, irgendwie um Vergebung, in Nina hoffnungslos verschossen zu sein. Ich liebte es dennoch, die Körper beider Mädchen während ihres lustvollen Liebesspiels zu streicheln und zu verwöhnen.
Herzchen hatte währenddessen die „Schatulle“ in einen Treffpunkt für die Club und Barbesitzer verwandelt. Fast jeden Abend trafen wir uns im Hinterzimmer seines Clubs, saßen in der Runde und plauderten übers Geschäft. Verdammt, ich mochte diesen Mistkerl einfach.
Ein Platz blieb jedoch reserviert für einen Mann, der es wohl niemals aufgab, mir von Zeit zu Zeit immer wieder auf die Finger zu klopfen. Noch vor einigen Monaten hätte ich die Tatsache, mit Kilian Baumann und den anderen Jungs vom Kiez an einem Tisch zu sitzen und die Gläser zu erheben, in das Reich der Fabeln verwiesen. Doch unser Plan ging auf.
Schon seit Wochen machten sich auf der Meile keine Drogendealer einen neuen Namen. Auch gab es keine rivalisierende Konkurrenz und Bandenkriege, die uns gefährlich werden konnten. Niemand machte sich also ernsthaftes Kopfzerbrechen über meine Vormachtstellung als die No.1 auf dem Kiez. Und wenn irgendwo wirklich mal der Baum so richtig brannte und es drohte zu qualmen, war einer für den anderen sofort an Ort und Stelle.
Mit meinen Fingern streichelte ich Ninas schon langsam herangewachsenen Babybauch, küsste ihren Nacken und ihren Mund, als die Nacht darauf mein Handy weit nach Mitternacht Alarm schlug. Von der Dunkelheit des Schlafzimmers umgeben, schaffte ich es kaum, meine Augen zu öffnen.
„Mach dich sofort hier her.“ Es war Herzchen am anderen Ende der Leitung und seine Stimme klang aufgeregt, fast schon drohend.

„Scheiße Herzchen, weißt Du, wie spät es ist?“ antwortete ich gähnend.
„Los Mann, beweg deinen Arsch hierher. Und zieh dich warm an.“
„Ja, schon gut. Gib mir eine halbe Stunde.“ Ich atmete tief durch und versuchte die Situation einzuordnen.

Leise, um Nina und Nela nicht unsanft aus dem Schlaf zu reißen, stolperte ich durch das dunkle Zimmer auf der Suche nach meinen Klamotten.
Doch vergeblich.
„Du gehst?“ Nina erwachte mit einem schwachen Lächeln auf ihrem Gesicht.
Ich nickte.
Trotz der Dunkelheit trafen sich meine und ihre Blicke. Mit meinen Fingern strich ich durch hier Haar und zog es so aus ihrem Gesicht.
„Nela ist bei dir. Ich muss los. Herzchen und die anderen warten bereits.“ Ich legte ihr meinen Finger auf ihre Lippen, küsste sie auf ihre Stirn und schlich mich wie ein Einbrecher bei Nacht und Nebel aus dem Haus.
Das Taxi bremste scharf vor der „Schatulle“ und Herzchen empfing mich bereits am Eingang der Bar.
„Wozu in aller Welt schmeißt du mich mitten in der Nacht aus der Kiste?“ Wir reichten uns die Hände und Herzchen begleitete mich unauffällig ins das Roulette-Zimmer im hinteren Bereich des Clubs. Mein Blick fiel sofort auf die kleine Rothaarige, die auf einem der Sessel, ihre Arme um ihre Knie geschlungen vor sich hinkauerte. Das Mädchen musste Todesängste ausgestanden haben.
„Zum Teufel, wer ist die Kleine?“
„Sie ist unten vom Sperrbezirk.“ Klärte Herzchen mich auf.
Mein Verdacht bestätigte sich. Immer wieder, trotz aller Warnungen, gelang es  manchen Freiern, die Mädchen von der Meile weg zu locken. Meist geblendet von der Farbe des Geldes durchschauten sie oft nicht ihr mörderisches Spiel.
„Wo steckt Kilian. Er muss sofort hier her.“
„Er ist schon am Tatort. Der Stadtpark.“ Wenn sich meine Meinung über meinen alten Freund und Kupferstecher Kilian Baumann auch nicht änderte, so war es später unsere gemeinsame Idee, uns gegenseitig auf diesen Killer an zusetzten.

Nach einer Weile erschien Kilian mit seinem Geschwader. Sein Gesicht war leichenblass, dass selbst mir bei seinem Anblick die Zunge unter meinem Gaumen klebte. Gerade er, der niemals aufgab, bis er einen Mörder zu fassen bekam, selbst wenn er seine Leute dafür durch die Hölle schickte.
Schon fast sechs Uhr morgens und wir wussten immer noch nicht, was da draußen geschehen war. Doch dann, von einem Moment auf den anderen war er mir wieder so vertraut wie vorher.
„Wir haben nicht die geringste Spur. Dieses Schwein hat wirklich ganze Arbeit geleistet.“ Erklärte Kilian mit eiserner Stimme.
Das ging uns nun alle an. Mit den Russen und den Albanern sind wir fertig geworden. Niemand außer Baumann selbst zweifelte daran, dass wir diesen Killer aufspürten und ihm einen kurzen Prozess machten.

„Na schön, dann sind wir uns ja einig. Als Erstes verstärken wir die Türsteher vor den Clubs und Bars.“ Überlegte ich. Alle, außer Kilian nickten.
„So ein Schwein erkennst Du nicht an seiner Visage. Er wird sicher weitermachen und dabei besonders vorsichtig vorgehen.“
„Was schlägst du also vor Kilian?“ Fragte ich ihn.
Ich verließ mich auf seinen kriminalistischen Scharfsinn, von dem gerade ich ein Liedchen singen konnte. Na ja, von seinen Methoden mal abgesehen, die er anwendete, um seinem Ziel näher zu kommen.
Aber das nun blieb für immer eine Sache zwischen ihm und mir allein. Und wenn jemand das wusste, dann ganz sicher er und ich.
„Wir sollten einen Lockvogel auf ihn ansetzten.“ Schlug Baumann vor und schwenkte seinen Blick auf den süßen, roten Lockenkopf, der unter uns saß.
Auch wenn das ein verdammt heißes Eisen war, das Leben diese Mädchens erneut aufs Spiel zu setzen, so erschien es uns das allen als die einzige Chance, dieses Monster so schnell wie möglich abzugreifen und unschädlich zu machen. Und wer die Regeln und Gesetze des Kiez kannte, wusste, dass wir an ihm ein Exempel statuieren würden.
Ein Glücksfall also, wenn Kilian diesen Kerl zuerst kalt stellte und ihn in die nächste Zelle der Staatspension einbuchtete. Ich schätzte, die anderen Jungs schnitten ihm sicher mit einer Rasierklinge die Eier ab.

„Du meinst, wir fordern ihn heraus?“ Fragte ich Kilian etwas misstrauisch.
„Klar, das ist genau das, was diese Typen wollen. Beachtung um jeden Preis. Ein offenes Duell.“
Zugegeben, da war Kilian Baumann, der seit Jahren bei der Sonderkommission der Kripo versuchte, steile Karriere zu machen, unser Experte. Sicher wusste jeder, dass nicht alle Weisheiten auf seinem eigenen Misthaufen gewachsen waren.
Und so freute ich mich auch auf ein Wiedersehen mit seiner besseren Hälfte Judith, die er doch gerne, bei einem seiner amourösen Abenteuer, um Rat bat. Verdammt ja, mit meinem Freund Kilian, wenn auch ein Kotzbrocken war, konnte man auch seinen Spaß haben. Und jeder wusste, wie sehr ihm das gegen den Strich ging. Doch solange wir eben am selben Ende des Strickes zogen und darüber waren wir zwei uns einig, begruben wir für eine Weile das Kriegsbeil. Und sicher erst recht, seit dem Judith Nela das Leben rettete.

Wenn er auch sicher schon so einiges in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte, so spürte man, das ihm dieser Fall mächtig auf den Magen schlug. Immer mehr Mädchen aus Osteuropa belagerten den Kiez und die Freier hatten ein leichtes Spiel bei den Mädchen. Mit ihren Lügen und leeren Versprechen vom großen Geld und einem Leben in Freiheit.
So auch Carolin, die wegen ihrer roten Mähne auch „Roya“ gerufen wurde und Lara, die beide vor einem Jahr aus Terespol, einem kleinen polnischen Provinznest hierher kamen, um ihr Glück zu finden.
Ja, Roya, die kleine Süße, mit ihren tausend Sommersprossen in ihrem Gesicht, die aber fliehen konnte und Lara, mir der nun die Autopsie alle Hände voll zu tun hatte, ihr Gesicht wieder Stück für Stück zusammen zusetzten.
„Wir lassen dich keine Sekunde aus den Augen.“ Versuchte ich Roya zu beruhigen. In ihrem Gesicht stand Verzweiflung und nackte Angst.
„Wir stellen sie im „Eros“ hinter die Bar. Da kann deine neue Freundin auf sie aufpassen.“ Schlug Kilian vor, der es einfach nicht lassen konnte, ein paar seiner zweideutigen Spitzen auf mich abzufeuern.
„Eine umwerfender Vorschlag Kilian. War das auch wirklich deine eigene Idee?“ Spätestens jetzt hatte ich ihn soweit, dass er mir am liebsten die Whiskey-Flasche auf meinem Schädel zerschlagen hätte.
„Schluss jetzt Herr Kommissar! Ihr zwei verdammten Idioten!“ Brüllte Herzchen, trotzdem noch mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht und schlug mit der flachen Hand scheppernd auf den Tisch.
„Und das mir keiner den Helden spielt. Wir sind hier nicht in Carson-City.“ Drohte Baumann.
„Verdammt Kilian, erklär uns nicht dauernd, wie wir unseren Krieg zu führen haben.“ Entgegnete ich ihm spöttisch.
Na ja. Warum halt auch nicht. Hauptsache die anderen hatten an uns ihr teuflisches Vergnügen. Selbst die kleine Roya hatte plötzlich ein kleines Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht.
Die Tatortfotos, die Kilian durch die Runde gehen ließ, zeigten das Opfer in einer verzerrten Haltung. Laras Klamotten fehlten komplett und an ihren Hals waren deutlich ein Würgemal zu erkennen. Uns war sofort klar, dass er seine Opfer mit einer Drahtschlinge erdrosselte, nachdem er die Mädchen missbrauchte und vergewaltigte.
Vielleicht aus purem Hass auf Frauen zerschmetterte er mit einem Stein post mortem  ihr Gesicht.
„Wir haben es hier wohl mit einem ziemlich brutalen Schwein zu tun.“ stellte Kilian fest.
„Dann wird es Zeit, dass wir uns den Typen schnappen und ihm für immer das Licht ausschalten.“ Bemerkte Herzchen und alle stimmten ihm zu.
Ob Roya ihn tatsächlich wiedererkannte? Doch es schien, als wären alle ihre Erinnerungen an diese Nacht wie ausgelöscht.
Und wenn nicht?
Sie ihn doch tatsächlich wiedererkannte.
War es dann vielleicht bereits zu spät? Und er richtete in einem der Clubs ein Blutbad an, oder nahm sogar eines der Mädchen als seine Geisel.
Und verschleppte sie.

Versteckte sie an einem uns total unbekannten Ort, folterte sie oder tötete sie wie Lara.
Doch an einer Sache führte jedoch kein Weg vorbei. Der Morgen war längst angebrochen und schon ein paar Minuten später war ich auf dem Weg nach Hause zu Nina.
„Hey, du siehst ja aus, als hättest du den Teufel höchstpersönlich gesehen.“ Stellte Nela, die mich an der Tür empfing, mit einem Blick fest.
„Ja so ähnlich.“ Antwortete ich ihr wortkarg. Nina dagegen lächelte zustimmend und eng umschlungen schauten wir uns an. Ich brauchte sie trotz ihres Zustandes bei dieser Mammutaufgabe mehr als je zuvor.

„Da draußen läuft ein Wahnsinniger herum und krallt sich die Mädchen vom Sperrbezirk.“ Erklärte ich den beiden unsere Situation.
„Scheiße!“ Schrie Nela. „Und werdet ihr tun?“
„Es gab schon das erste Opfer und wir haben ihre beste Freundin als Lockvogel im Eros  eingesetzt. Ihr Name ist Carolin, aber alle nennen sie Roya. Ab heute Nacht steht sie bei dir hinter der Bar.“
„Na prima.“  Nörgelte Nela. „Wenn es wieder knallt, ist der Laden endgültig dicht. Das ist dir doch wohl klar, oder?“
„Der Kerl wird aber weitermachen. Immerhin hat Roya ihn gesehen. Wenn sie sich auch an nichts erinnern kann. Sie ist in großer Gefahr.“ Sicher war es auch so, aber Nina wollte einfach nicht weiter zuhören und schmiegte sich noch enger an mich heran.
„Dann zeig deinem Kilian endlich den Finger und wir verduften. Aber diesmal wirklich.“ Hauchte Nina und spürte ihre Hände auf meiner nackten Haut.
„Du weißt doch noch hoffentlich, was ich dir damals versprochen habe.“ Flüsterte ich ihr zu. Ich liebe dich. Dich und Emily und bald auch unsere kleine Erin.“
„So, du weißt also schon, dass es wieder ein Mädchen werden wird?“ Wunderten sich Nina und Nela und lachten.
„Lasst uns erst mal alle um diesen Killer kümmern.“ Schlug Nela vor. „Und um Nina kümmere ich mich schon.“ grinste sie und die zwei strichen sich zärtlich durch ihre Haare und küssten sich auf ihre Wangen.
Doch schon am selbigen Abend, spätestens als die ersten Bars und Clubs wieder öffneten, brannte die Gerüchteküche auf dem Kiez bereits lichterloh. Und es bestand kein Zweifel.
Der Mord an einer Prostituierten war das absolute Gesprächsthema Nummer eins. Wenn jetzt noch die Presse davon Wind bekam, war er endgültig vorgewarnt und Kilian stand sicher mit dem Rücken an der Wand und müsste den Fall an die Kripo offiziell abgeben.
Und wer garantierte uns, dass es sich um einen Einzeltäter handelte?
Vielleicht gehörte er zu einer ganzen Bande, die das Ziel hatte, Angst und Schrecken bei den Leuten auf der Meile zu verbreiten und dabei vor Mord nicht zurückschreckte. Ein gezielter Angriff gegen mich, bis ich irgendwann das Handtuch warf, aufgab und für jemand anderen das Feld räumte?
Die Zeit lief und wir hofften, nicht gegen uns, sondern gegen dieses mordende Individuum. Die Jagd nach dem großen Unbekannten hatte also begonnen.

**
„Was für eine Scheiße…“ brummte ich. Ein paar Meter neben der Leiche kotzte sich ein junger Polizeibeamter gerade die Seele aus dem Leib. Allerdings bezog sich –Scheiße- nicht auf ihn, sondern auf die tote Frau vor mir auf dem Boden.

„Ich hoffe, er kotzt nicht auf irgendwelche Spuren.“ Sagte Berger.
„Lass ihn. Bei einer solchen Sauerei, darf man kotzen.“ Entgegnete ich.
Die Leiche der Frau war in einem wirklich schlimmen Zustand. Die Gewalt, mit welcher der der Mörder seinem Opfer den Schädel zertrümmert hatte, war selbst für mich, nur schwer zu ertragen. Das Gesicht war kaum noch zu erkennen und der Rest des Körpers war ebenfalls schrecklich zugerichtet. Es war also kein Wunder, dass sich der junge Kollege übergeben musste.
„Deine Freundin hat einen wirklich guten Einfluss auf dich. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen hättest du ihn die Kotze wieder vom Tatort aufheben lassen.“
Das würdigte ich mit keinem Kommentar.
„Das Opfer heißt Lara Gawitta.“ Schaum kam zu uns. Er und Jansen hatten sich der der Zeugin angenommen, die mit dem Opfer zusammen war, als der Mörder über die beiden herfiel. „Ob der Name stimmt, bezweifele ich allerdings.“

„Was ist mit ihr?“ Fragte ich und wies auf die Frau, die noch bei Jansen Stand.“
„Sie heißt Caroline, wir auf dem Kiez aber nur Roya genannt. Angeblich aus Tschechien, ich würde eher auf Ukraine oder Russland tippen.“
„Hat sie den Täter gesehen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Was hat sie denn gesagt?“
„Baumann! Die redet nicht mit uns! Nur das Nötigste um nicht in Gewahrsam genommen zu werden. Kein Wort mehr.“
„Verdammt, immer dieselbe Leier. Hat sie wenigstens etwas über das Opfer erzählt?“
„Nur dass sie mit ihr zusammen für ein Doppel bezahlt wurde und mitgekommen ist.“
„Da hat einer die Kohle für ein Doppel und die gehen ohne Fragen zu stellen von der Meile herunter? Wieso haben sie sich kein Zimmer in einem der Clubs oder den Stundenhotels genommen?“
„Du weißt doch, der Kunde ist König.“
„In diesem Fall war der Kunde der Mörder…“

„Nein, war er nicht!“ Kammer kam zu unserem Kreis. „Der Kunde liegt dahinten in seinem Auto, mit einer Kugel im Kopf.“
„Ein Doppelmord? Keller wird durchdrehen.“ Stellte ich nüchtern fest. „Zeig mal her.“ Zusammen gingen wir von der toten Frau weg und Kammer führte uns zu dem Auto mit der zweiten Leiche.
„Wer ist der Kunde?“
„Gerhard Hauser, 56 Jahre, nicht verheiratet und keine Kinder. Wohnt alleine am anderen Ende der Stadt. Der Wagen, in dem er liegt ist seiner. Ausweise, Geld und Bankkarten sind alle noch da. Einen Raub schließe ich eher aus.“
Ich warf einen Blick in das Innere des Autos. Der Tote lag mit dem Kopf auf dem Lenkrad, mit einem Loch in der linken Schläfe. „Das Geld war noch da? Wieviel?“
„Eintausenddreihundert Euro.“

„Die Sache stinkt.“
Da musste ich Berger Recht geben. Wenn man so viel Geld dabei hat, geht man nicht mit zwei Nutten in eine verlassene Gegend. Der Kerl war nicht verheiratet, also brauchte er keine Angst zu haben erwischt zu werden. Was zum Teufel lief da? Ich fasste das, was wir bis jetzt wussten und die spärlichen Aussagen unserer Zeugin zusammen.
„Also, unser Gerhard hier, gönnt sich ein Doppel mit Lara und Roya. Statt sich ein Zimmer zu nehmen, fährt Gerhard hier her. Bevor er zum Schuss kommt, legt ihn jemand um, Zerrt die Frauen aus dem Wagen und bringt sie dort hinten hin.“ Ich blickte in Richtung der Toten Frau. Er schlägt Roya bewusstlos und vergeht sich an Lara. Als er fertig ist, schlägt er ihr den Schädel ein.
Allerdings begeht er den Fehler, nicht auf Roya zu achten. Während der Täter noch mit Lara beschäftigt ist, kommt Roya wieder zur Besinnung und kriecht zur Straße. Ein Autofahrer findet sie und verständigt die Polizei.“

„Soweit wir es wissen, ist es so abgelaufen.“ Bestätigte Kammer.
Warum? Ich betrachtete den toten Gerhard. Warum bist du hier her gekommen? Du hattest genug Geld… Du hast keine Frau zu Hause… Du hättest die beiden zu dir nach Hause nehmen können… Was wolltest du hier?
„Wir müssen die Zeugen zum Reden bringen.“
„Sollen wir sie in die Werkstatt bringen?“ Fragte Berger
„Das ist nicht witzig! Hat jemand vielleicht auch einen konspirativen Vorschlag?“
„Sie hat den Täter gesehen, das reicht um sie in Schutzhaft zu nehmen.“ Schlug Schaum vor.
„Dann redet sie erst Recht nicht mit uns.“ Warf Kammer ein. „Sie hat viel zu viel Angst. Roya ist garantiert illegal hier und hat denkt, dass wir sie wieder nach Hause schicken.“
„Was vielleicht nicht das Schlechteste für sie wäre.“ Brummte ich. „Nein, wir müssen uns was anderes überlegen.“

„Bring sie Herzchen.“ Schlug Berger vor.
„Berger du bist ein …“ Ich brach ab. Nein der Vorschlag war… „Berger, du bist genial.“
„Was? Fragte Kammer. „Ist das dein Ernst? Sie ist Zeugin in einem Doppelmord! Und du willst sie in einen Sexclub bringen?“
„KB hat Recht!“ sprang mir Schaum bei. „Erstens wird Herzchen gut auf sie aufpassen und zweitens wird sie eher mit ihm reden, als mit uns.“
„Wenn Milewski oder Keller mitbekommen, dass wir eine Mordzeugin… die drehen durch!“
„Kammer, du bringst Roya mit Jansen zur Schatulle. Sag Herzchen, er soll sie Auge behalten, um Milewski und Keller kümmere ich mich später.“
„Ok, du bist der Boss.“ Kammer zuckte mit den Schultern und ging zu Jansen, die noch immer mit Roya an der Straße stand und versuchte, ihr ein paar Details zu entlocken.
„Was denkst du Baumann, eine einzelne Tat?“ Fragte Berger, „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.“
„Ich auch. Hier stimmt etwas nicht, wenn wir hier wirklich den Anfang einer Serie haben, sollten wir besser schnell etwas herausbekommen. Ein Grund mehr Roya zu Herzchen zu bringen. Wir müssen wissen, was hier passiert ist!“ Jetzt bräuchte ich Wagner und Delling, die hier aufpassen würden bis die Spurensicherung hier sein würde, doch die beiden waren nach Frankreich zu einer französisch-deutschen Ausbildungseinheit abgeordnet. Zwar fehlten sie mir jetzt, doch wenn man gute Leute haben wollte, musste man sie auch ausbilden!

„He, Schrader“ rief ich den Kollegen, der jetzt mit dem Kotzen fertig war. „Sie haben hier das Kommando, bis die Spurensicherung kommt. Schaffen sie das?“
„Klar, kein Problem.“ Würgte er hervor.
„Ok, dann auf zu Herzchen!“

**

Auf der Fahrt zur Schatulle schweiften meine Gedanken zu Herzchen und meinen „Freund“ Neun-Finger-Steph ab. Von seinen fünf Jahren waren noch vier Jahre vier Monate und sechs Tage übrig. Ich musste zugeben, er erfüllte meine Erwartungen voll und ganz. Steph hatte mit seiner Truppe den Kiez fest im Griff. Rivalitäten unter den Clubs wurden schon in Anfangsstadium beendet, Schlägereien gab es nur noch selten und Übergriffe auf die Prostituierten hatten drastisch abgenommen. Jedem Zuhälter, der auf dem Kiez herumlief, wurden die Regeln, die Steph aufgestellt hatte, mitgegeben. Hielt sich der Zuhälter nicht dran, bekam er eine Privataudienz, beim König des Kiezes, in der er eindringlich ermahnt wurde, seine Frauen anständig zu behandeln.
Hielt er sich auch nach der Audienz nicht an die Regeln, bekam er Besuch von Boris und Juri. Bis jetzt war mir kein Fall bekannt, bei dem eine weitere Maßnahme nötig gewesen war. Dafür hatten sich mehrere „Besuchte“ aus dem Geschäft zurückgezogen.

Die wichtigste Entscheidung von Steph aber war, dass die Prostitution komplett in die Meile verlegt hatte. In Absprache mit mir, hatte er den „Illegalen“ einen eigenen Bezirk gegeben, in dem wir uns mit den Kontrollen zurück hielten. Nicht wenige Freier wussten, dass Illegale nicht zur Polizei gingen und so die Frauen um ihren Lohn prellten oder noch schlimmer, Gewalt gegen sie einsetzten.
So aber, standen sie unter Stephans Schutz und gleichzeitig verschwand der Straßenstrich. Eine Tatsache die von Schneider als Innensenator, als einer seiner größten Erfolge gefeiert wurde.
Typisch, wie es dazu kam, wollte keiner wissen….
Jedenfalls war die Zusammenarbeit mit Stephan besser geworden, seit er mir das Versprechen abgenommen hatte ihn nach Ablauf seiner „Strafe“ laufen zu lassen.
Die Tatsache, dass er, während er seine „Strafe abbüßte“, einen Haufen Geld verdiente, war sicher kein unwesentlicher Faktor.

Auch Judith und Nela begannen sich miteinander anzufreunden. Sogar mit Stephans Perle Nina konnte sich Judith in einem Raum aufhalten, ohne dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Allerdings war das Wetter zwischen den beiden noch immer etwas frostig.
Dann drängte sich die Leiche wieder in meine Gedanken. Wenn Berger und ich Recht hatten und wir es mit dem Beginn einer Serie zu tun hatten, mussten wir, die Polizei und Steph, Herzchen und der Kiez zusammenarbeiten. Irgendetwas sagte mir, dass es eine hässliche Sache werden würde.
Bei der Schatulle angekommen erwartete mich Herzchen schon.
„Na Baumann? Was hast du mir denn da für eine Schönheit geschickt?“
„Kennst du sie?“

„Nur ihren Namen. Roya, kommt aus Weißrussland. Sie ist seit eineinhalb Jahren hier. Ursprünglich hatte der Schreier sie unter seiner Fuchtel, danach hat sie sich „selbstständig“ gemacht.“
„Kennst du auch ihre Freundin, die ermordet wurde?“
„Ja, Lara kannte ich besser. Sie ist von hier und war eine der „Legalen“. Lara war in unserem „Interventionsteam“. Wenn es den Verdacht auf Misshandlungen gibt, schnappen sich zwei Frauen aus diesem Team. Diejenige die misshandelt wurde und bieten ihre Hilfe an. Die Frauen können eine bessere Vertrauensbasis schaffen als Boris oder Juri. Lara war eine davon. Verdammt! Wenn ich dieses Arschloch von Mörder in die Finger kriege…!“
„Lara war also keine Neue oder Unerfahrene?“
„Nein, wie kommst du denn darauf? Lara war seit fünf Jahren im Geschäft, sie wusste, wie der Hase läuft!“
„Was wollte sie außerhalb der Meile? Wenn sie die Risiken kannte, warum hat sie sich dann auf so ein Geschäft eingelassen?“
„Vielleicht dachte sie, dass sie sicher wäre, da sie Roya dabei hatte.“
„HHMM, kennst du den?“ Ich zeigte Herzchen ein Handybild von Gerhard Hauser.
„Klar, das ist Gold-Gerd.“
„Gold-Gerd?“

„Gerhard irgendwas. Der ist ein sehr beliebter Gast in allen Clubs. Er hat Geld und gibt es auch aus.“
„Als ihn jemand erschoss, hatte er über eintausend Euro dabei.“
„Das passt zu ihm, Gerhard lässt es mindesten einmal im Monat krachen. Dass er sich ein Doppel holt, ist nichts Ungewöhnliches.“
„Mich interessiert die Frage, warum er sich kein Zimmer in einem der Clubs geholt hat. Warum ist er von der Meile herunter, Hat er das öfter gemacht?“
„Nein, Gerhard hat es am liebsten mitten auf der Bühne getrieben. Ihm war es egal, ob hundert Leute zugeschaut haben.“
„Also brauchte er keine Angst zu haben, dass man ihn mit zwei Nutten erwischt?“
„Nein. Ich wette, wenn du auf irgendeiner Pornoseite Gold-Gerd eingibst, findest du bestimmt zig Videos von ihm.“
Mist, ein Motiv mit zwei Nutten dorthin zu gehen weniger… „Hatte Gold-Gerd denn mit jemandem Ärger? Einem Clubbetreiber oder einem der Zuhälter?“
„Nein, keiner von denen wollte Gold-Gerd verärgern. Eine Gans, die goldene Eier legt, schlachtet man nicht.“
„Was ist…“ die Tür ging auf und Neun-Finger-Steph kam mit seiner Leibwache. Während Boris und Juri draußen warteten kam Stephan herein und setzte sich zu uns an den Pokertisch.
„Nur zur Info! Noch 1585 Tage! Also warum wirft mich Herzchen aus dem Bett und was willst du von mir?“
Schnell und präzise berichtete Herzchen von dem Mord an Lara und Royas Anwesenheit im Club.
„Lara? Verdammt! Sie und Nela waren gute Freundinnen! Wer zum Teufel tut sowas!“
Mir lag die Frage auf der Zunge, ob er sich noch Arjona erinnerte. Die blonde Schönheit die er auf Sorokins Befehl in der Werkstatt ermordet hatte und die der Grund war, warum er noch ganze 1585 Tage unter meiner Fuchtel stand, doch Herzchen sah mich warnend an. Bevor ich etwas sagen konnte, trat er mir unter dem Tisch gegen das Schienbein.
„Gold-Gerd wird den Betreibern fehlen.“ Warf Herzchen stattdessen ein.
„Ich befürchte, dass wir es hier mit dem Beginn einer Mordserie zu tun haben. Du musst den Mädchen eindringlich klar machen, dass sie auf der Meile innerhalb deines Schutzes bleiben müssen.“
„Denkst du, das habe ich bis jetzt nicht getan.“ Fragte mich Stephan wütend.
„Das war kein gewöhnlicher Mord. Lara kannte die Gefahr und doch hat sie sich zu einer solchen Aktion hinreißen lassen. Sie hat die Gefahr nicht erkannt und wenn sie schon darauf hereingefallen ist, dann ergeht es den unerfahrenen Mädchen erst recht so. Irgendwie sagt mir mein Spürsinn, dass es sich da nicht um einen Einzelfall handelt.“
„Ich setzte die Bordellbesitzer und Zuhälter darauf an. Sie sollen ihre Frauen im Auge behalten. Die Selbstständigen bekommen alle einen Besuch von meinem Interventionsteam, die nochmals eindringlich auf die Gefahr hinweisen.“ Entschied der König des Kiezes.
„Was machen wir mit Roya?“ fragte Herzchen.
„Die bringen wir ins Eros, Nela wird sich ihrer annehmen.“
„Ich hab da noch eine andere Idee.“ Sagte ich zu den beiden. „Sie hat den Mörder gesehen. Ersten will ich, dass sie Nela alles erzählt und eine Beschreibung des Täters erstellen. Ich schicke dir Jansen mit Bildern und einem Phantomzeichner. Zweitens will ich, dass Roya gesehen wird.
Falls der Mörder hier herumläuft und sie sieht, macht er vielleicht eine Dummheit.“
„Du willst Roya als Lockvogel benutzen?“
„Genau, das ist mein Plan.“
„Du wirst meinen Club nicht für deine Drecksarbeit benutzen!“ Entgegnete Stephan.
Bevor ich dazu etwas sagen konnte, schnappte sich Herzchen seinen König. Er packte Stephan am Kragen und zog ihn zu sich.
„Jetzt pass mal auf! Erstens ist das Eros nicht dein Club, sondern Nelas Club! Zweitens wird Nela sich keine Gelegenheit entgehen lassen, das Schwein von Laras Mörder zu erwischen und drittens, falls es wirklich mehr Morde geben sollte, und der Kiez erfährt, dass du nicht alles getan hast um sie zu verhindern, wirst du auf der Meile gevierteilt! Hast du verstanden?“
Irrte ich mich oder hatte Stephan tatsächlich Angstschweiß auf der Stirn? Herzchen war in durchaus in der Lage Steph mit einem Griff das Genick zu brechen, und weder Boris noch Juri würden ihn davon abhalten können.
Ohne es darauf anzulegen, ließ Herzchen Stephan los und überging Stephans Einwand einfach.
„Und wie stellen wir Royas Sicherheit her?“
„Ihr werdet dafür sorgen, dass Roya im Eros bleibt. Ich werde Jansen und Kammer abordnen nicht von ihrer Seite zu weichen. Außerdem werden Berger, Schaum, Graling und Schaller sich abwechselnd unter die Gäste mischen.“
„OK, aber sorge dafür, dass deine Leute nicht auffallen.“ Sagte Steph. „Ich will nicht, dass sie Nela die Gäste vergraulen.“
„Gut, dann werde ich meine Leute instruieren und ihr passt solange auf Roya auf.“ Ich stand auf und nickte den beiden zu, doch nur Herzchen erwiderte meinen Gruß. Stephan starrte einfach gerade aus und als ich aus dem Raum ging hörte ich ihn, „Noch beschissene 1584 einhalb Tage. Keine Sekunde länger!“
Ich ignorierte ihn und verließ die Schatulle. Jetzt hatte ich erst einmal ein ganz anderes Problem. Ich musste den beiden Frauen aus meinem Team, Jansen und Kammer, beibringen, dass sie für die nächste Zeit im Eros wohnen und sich unter die anwesenden Frauen mischten sollten. Und das, ohne aufzufallen… Nelas Club war für die Freizügigkeit seiner Bediensteten, weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Das würde interessant werden und ich schwor mir, dass ich es mir auf gar keinen Fall entgehen lassen würde.

**

„Bitte nehmen sie Platz.“ Bat Polizeioberrat Keller
Milewski und mich freundlich.
Ich war sehr überrascht. Keller hatte sich an seinen kleinen runden Besprechungstisch gesetzt und forderte uns dazu auf uns, zu ihm zu setzten. Normalerweise saß ich vor seinem Schreibtisch und er dahinter, während er mir einen Anschiss verpasste, der mir gewöhnlich am Arsch vorbeiging.
Mit einen Pokerface setzte sich Milewski hin und auch ich nahm Platz.
„Ich möchte mich über den Stand der Ermittlungen bezüglich des Doppelmordes informieren. Bitte bringen sie mich auf den neusten Stand.“

Milewski sah mich mit seinem „halt die Klappe“ Blick an und begann Keller zu berichten, was wir bis jetzt wussten. Allerdings hielt er sich strikt an die Fakten, meine Befürchtung, dass es sich um den Beginn einer Mordserie handeln könnte, ließ er außen vor.
Keller nickte ab und an und hörte zu. Als Milewski fertig war schwieg er einen Moment.
„Ich möchte, dass sie mich über jeden Schritt informieren. Die Sache hat Priorität. Herr Baumann wird eine Sondergruppe leiten, die sich mit der Aufklärung des Falles beschäftigt. Ich erwarte, dass er mit allem Kräften unterstützt wird.“
„Das versteht sich von selbst.“ Antwortete Milewski, noch immer sein Pokerface tragend.
„Dann danke ich ihnen beiden. Und Herr Baumann, bleiben sie am Ball!“
Als wir Kellers Büro wieder verlassen hatten, schüttelte ich verwundert den Kopf.
„Was zum Teufel war denn das gerade? Der war noch nie so scheiß freundlich zu mir.“
„Er hat dich auch noch nie gebraucht.“
„Und wieso braucht er mich jetzt?“
„Was sagt dir denn dein kriminologischer Scharfsinn?“
„Nichts, das ist Politikscheiße, wenn ich da Fragen habe, halte ich mich an Judith.“
„Dann erkläre ich es dir. Innensenator Schneider steht auf der Abschussliste. Keller ist in der richtigen Partei und will ihn beerben. Was könnte da besser sein, als ein Erfolg in einem Doppelmord.“
„Ich hasse Politik.“

„Oh das war erst die eine Hälfte. Schneider will sein Amt behalten, also möchte auch er, dass du Erfolg hast. Beide wollen, dass du den Mörder schnappst und sich damit profilieren.“
„Das geht mir am Arsch vorbei, erst muss ich ihn den Mörder haben, vorher ist nichts mit profilieren.“
„Pass nur auf. Lass dich nicht täuschen, egal wer von den beiden den Kürzeren zieht, er wird dir die Schuld geben.
**
Kilian und Herzchen machten mir sicher gewaltig das Leben zur Hölle, wenn ich mich nicht bald um diesen Killer kümmerte.
Na ja, um eben für Ruhe und Ordnung auf dem Kiez zu sorgen. Von den Bar und Clubbesitzern, die dabei voll hinter uns standen, mal ganz abgesehen. Und undichte Stellen gab es ja hier wie Sand am Meer und so wunderte es mich auch nicht großartig, dass die Gerüchteküche auf der Meile bereits loderte.
Und Schlaf? In den darauf folgenden Nächten?
Nein!
Schlaf wurde mir immer mehr und mehr zu einem Fremdwort. Vielleicht mal etwas Entspannung, wenn ich mich mit Nina unseren gemeinsamen Gefühlen hingab. Mich zu ihr auf dem Bett herunter beugte, ihren Körper, vom Gesicht herunter bis zu ihrem Babybauch, der wuchs und wuchs, zärtlich streichelte und sich unsere Lippen zu einem Kuss berührten.
Ja, in wenigen Monaten wuchs unsere Familie. Das war nun einmal sicher. Und wenigsten Nela und ich waren uns bereits darüber einig, wenn Emily ein Schwesterchen bekommen würde, dass sie Erin heißen würde.
Ja Nela, die wir brauchten wie die Luft zum Atmen. Gerade jetzt, wo ein Wahnsinniger da draußen auf dem Kiez sein mörderisches Spielchen mit uns trieb. Es war schon schwierig genug sie zu beruhigen, als wir erfuhren, dass es sich bei Lara Gawitter, dem ersten Opfer, um eine alte Freundin handelte, als sie noch selbst im Sperrbezirk arbeitete.
Die Tür unseres Hauses stand auf jeden Fall offen für die kleine Roya, die Nela seit dem unter ihre Fuchtel nahm. Ganz ohne Zweifel schwebte sie in Lebensgefahr, wenn er hier wieder auftauchte um sich nach seinem nächsten Opfer umzusehen.
Sogar Judith, Kilians bessere Hälfte, was ich bis zum heutigen Tage nicht so recht kapierte, ging gelegentlich ein und aus. Sicher einer seiner spitzfindigen Ideen, um sich Klarheit zu verschaffen, ob nicht in irgendeiner Ecke unseres Hauses gepackte Koffer auf uns warteten. Für wie blöd hielt er uns eigentlich.
Tja und so war unser Team halt komplett. Nela und ich, Kilian und seine Leute und Herzchen, gemeinsam auf der Suche nach dem mordenden Unbekannten.
Ein Team und 1585 Tage bis zu unserer Freiheit.
Kilian wusste verdammt genau, dass ich hinter schwedischen Gardinen die Wände hochging und nach fünfzehn Jahren Knast ein alter und gebrochener Mann sein würde.
Und Nina, die einen Waffenschieber erschoss und für eine Ewigkeit dann nur noch in meiner Phantasie existierte?
Doch was machte Kilian so verdammt sicher, dass wir es trotzdem nicht wieder versuchten? Mich ausgerechnet jetzt an das Mädchen Arjona zu erinnern, die mich immer noch in so mancher Nacht in meinen Albträumen verfolgte, bevor ich abdrückte und ihr durch ihr Herz schoss, war die eine Sache.
Sicher interessierte es ihn nicht die Bohne, dass ich es damals nur aus einem einzigen Grund tat.
Um zu überleben.
Und um Nina wiederzusehen.
Doch Mord war eben Mord!
Und Typen wie ich gehörten eben mit einem Strick um den Hals aufgeknüpft oder für immer in das dunkelste Loch. Das war nun mal eben die Meinung der Leute da draußen, so wie wir diesem Killer jeden Knochen einzeln brechen würden, wenn wir ihn dann mal irgendwann zu fassen bekämen.
Aber so agierte Kilian Baumann immer an zwei Fronten, was mir außerordentlich recht war.
Und mir mehr und mehr die Chance gab, immer wieder ein wachsames Auge auf Nina und Nela und jetzt auch auf unseren Schützling Roya zu werfen. Sicher war auch, dass wir uns so manches mal nur ansahen und wussten, was in unseren Köpfen umher schwirrte.
Die Freiheit.
Die große weite Welt und ein Leben im Reichtum an einem der schönsten Fleckchen Erde der Welt. Fast wäre es ja schon mal so gewesen und Nina und ich trauerten so manches mal dem Leben unter karibischer Sonne nach.
Doch in einer Hinsicht waren wir uns alle einig. Herzchen und ich, Boris und Jurij, die ich zu meinen persönlichen Leibwächtern machte und alle die anderen Jungs vom Kiez, die uns halfen, diesen Kerl zu schnappen.

Was die Sache da draußen betraf, war nicht ich, sondern Kilian Baumann die No.1. Er mit seiner jahrelangen, kriminalistischen Erfahrung bei der Mordkommission und Leiter einer eigenen Soko.
Wenn ihm das auch, wie man erfuhr, dort nicht nur Freunde bescherte, so war es mir völlig egal, um welchen Posten es da in irgendeinem Senat ging. Doch wenn die Alarmglocken läuteten, taten sie es natürlich nachts.
„Hey, wer ist das schon wieder?“ Fragte Nina mit verschlafener Stimme. „Und immer um diese Zeit.“
„Es ist Kilian. Ich schätze, ich muss los.“ Erklärte ich ihr. „Ich nehme Nela mit. Sieht vielleicht so aus als hätten sie ihm. Chloe und Roya sind im Haus. Du kannst also ganz beruhigt sein.“ Warum bloß dachte ich gerade in solchen Momenten an die Zeit, als ich sie das Letzte mal richtig in meinen Armen hielt.
Doch die Zeit drängte und schon ein paar Minuten später standen Nela und ich gestiefelt, gespornt und abmarschbereit vor dem Haus, wo auch schon Boris und Jurij auf uns ungeduldig warteten.
„Da seid ihr ja endlich, ihr Schlafwandler!“ Begrüßte und Baumann mit unterkühlter Stimme.
„Hey, mal halblang Bulle. Hast du schon mal auf den Wecker geschaut?“ Entgegnete im Nela vorlaut.
Sicher hätte er mir dafür eine gescheuert, aber bei Frauen, außer vielleicht bei seiner Judith, ließ er Fünfe gerade sein.
„Los sag an Kilian. Wo brennt der Baum?“ Forderte ich ihn auf, seinen Mund aufzumachen.
„Es gibt ein weiteres Opfer.“ Verriet er mit runzeliger Stirn.
„Wieder eines des Mädchen?“ Ich sah die Wut und den Hass in Nelas Gesicht emporsteigen, atmete dann aber auf, als wir erfuhren, dass es sich um ein nicht ganz unbekanntes Gesicht auf dem Kiez handelte, den sie Gold-Gerd nannten.
„Los Leute, raus mit der Sprache. Ist er unser Mann?“
„Vergiss es gleich wieder lieber.“ Erklärte Herzchen. „ Jeder hier kennt Gerd und jeder mag ihm eigentlich. Oder besser gesagt seine Brieftasche.“
Der Fall war klar.
Wir landeten also keinen Volltreffer, sondern identifizierten einen Typen, der als Lebemann hier öfters auf der Meile aufschlug.
Ledig, alleinstehend und vermögend.
Das hatten die Bar und Clubbesitzer und vor allem die Mädchen gerne, denn Gerd ließ es gerne mal so auf dem Kiez so richtig krachen. Und das füllte bekanntlich die Kassen.
Man fand ihn mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet in seinem Wagen. Ganz unweit von hier auf einem einsamen Anwohnerparkplatz. Das setzte nicht nur Kilian, sondern auch uns vor ein riesiges Problem.

Nein!

Dieser Gerd war kein Mörder.
Aber kannte er ihn?
Oder wurde er unfreiwillig Zeuge einer blutigen Tat?
Jeder dieser Gestalten, sie sich hier Abend für Abend herumtrieben, jeder einzelne von ihnen hätte es sein können. Dieses ganze Volk, dass hier herumlungerte, dauernd auf der Suche nach einer schnellen Nummer.
Perverse, Transvestiten, Junkies, Biker-Gangs aber sicher auch ganz normale Leute, wie Familienväter, denen das Leben zu Hause anödete, auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Typen aus Wirtschaft und Politik, die hier in den Striptease-Lokalen abtauchten um dem nächsten Mädchen einen Table-Dance Dollar an die Strapse zu heften und sich einbildeten, sie hätten sie gefickt.
Nelas Augen füllte sich mit Tränen, als Kilian ihr das Bild der ermordeten Lara zeigte. Und wer sie kannte, wusste, zu was sie im Stande war, wenn ihr der Falsche unter die Augen trat.
Nur allzu gut erinnerte ich mich, wie eiskalt sie Eric Lands damals über den Haufen schoss.
Vielleicht war es nun an der Zeit, uns Roya, die von Boris und Jurij zwischenzeitlich heran gekarrt wurde, mal so richtig vorzuknöpfen. Irgendetwas musste sie doch wissen oder gesehen haben. Sich an irgendwas erinnern. Wer außer Nela wäre sonst der richtige Mensch dafür gewesen, mit genügend Gefühl auf sie einzugehen.
N: „Hey Roya. Du brauchst keine Angst zu haben. Alle hier beschützen dich. Ich verspreche es dir.“ Redete Nela sanft auf sie ein.
R: „Ich hab, doch schon alles den beiden da erzählt.“ Und zeigte mit ihrem Finger auf Kilian und seinem Kollegen Kammer.
N: „ Komm, lass uns mal in ein anderes Zimmer gehen. Und dann erzählst du es nur mir allein noch einmal.“ Die zwei verschwanden vor unseren Gesichtern in einem der Hinterzimmer der „Schatulle“.
N: „Und jetzt sag mir, was Du gesehen hast.“
R: „Nichts. Es war dunkel.“
N: „Dunkel? Er hatte doch sicher ein Auto.“
R: „Ja. Es war sehr groß.“
N: „Und welche Farbe hatte es? Denk nach.“
R: „Mmmhhh…es war schwarz.“
N: „Und war der Mann alleine?“
R: „Vielleicht ja.“
N:„Vielleicht? Hast du noch jemanden gesehen? Den hier vielleicht?“ Nela schob ihr    das Bild von Gold-Gerd unter die Nase.
R: „Mmmhhh..ich kenne den Typen. Es ist Gold-Gerd. Den kennt hier jeder.“
N: „Und sag schon, war er mit dabei?“
R: „Ich weiß nicht. Der Typ hat mich geschlagen. Und ich wurde bewusstlos.“
N: „Gerd hat dir eine verpasst?“
R: „Neee, der kam erst später, als ich wieder aufwachte.“
N: „Und was hat er dann gemacht?“
R: „Er hat mir geholfen und mich zurück hierher zum Kiez gebracht.“
N: „Nur hergebracht? Oder hat er versucht, dich zu vergewaltigen?“
R: „Nein. Er hat nur gesagt, ich soll den Mund halten.“
N: „Den Mund halten? Warum?“
R: „Weil er Schiss hatte. Ich glaube Gerd hat ihn gesehen?“
N: „Klar verstehe. Und jetzt ist er tot und wir können ihn nicht mehr fragen. Und mach dir keine Kopf. Du bleibst bei uns. Nina kennst du ja schon. Sie mag dich. Hat sie mir selbst gesagt.“
Die Erleichterung in ihrem Gesicht war nicht zu übersehen und Kilian und Herzchen war es nur recht.
Damit war Gerd von der Liste wichtiger Zeugen für immer gestrichen. So brutal dass auch klang. Uns blieb nichts anderes als abzuwarten, bis er versuchte, hier aufzutauchen, oder sogar wieder zuschlug.
„Ich will nur eines wissen.“ Erhob Nela ihre Stimme. „Was passiert mit mir, wenn er vor mir steht und ich ihn umniete?“
Kilian sah sie, wie auch die anderen mit erschrockenem Gesicht an, aber alle schwiegen. Manchmal war auch das Schweigen mehr als die präziseste Antwort.
„Keine Selbstjustiz!“ Mahnte Kilian uns. „Der Innensenator hat sowieso ein Auge auf mich. Also wenn ihr hier irgendeinen Mist baut, seid ihr raus und ich lasse die Kanonen einsammeln. Dann ist das nur noch die Sache der Kripo. Habt ihr das verstanden, ihr Schwachköpfe?“
„Ich glaube, wir sollten dich da vorne an der Bar anketten, bis der Spuk vorbei ist.“ Lachte Herzchen. Tja, vielleicht war ich ja nicht doch nicht der Einzige, dem er gerne mal den Arsch aufgerissen hätte. Aber so war Herzchen nun einmal.
Hart aber herzlich! Wie doch schon sein Name verriet und alle, außer Kilian lächelten zustimmend.
„Und Roya bleibt bei mir und weicht mir nicht von der Seite.“ forderte Nela. Ihre Worte besorgten mich, als wollte sie unbedingt die erste sein, die dieses Schwein zu Gesicht bekommt.
Und wo sie ist, ist auch vielleicht der Killer. Vielleicht auch sogar vor der Tür unseres Hauses. Boris und Jurij erhielten also ab sofort die Aufgabe, in ungeregelten Abständen vor unserer Villa zu patrouillieren, um nach möglichen Gefahren für Nina und die kleine Emily Ausschau zu halten.
In den nächsten Tagen verlief alles genau so, wie wir es uns wünschten. Alles blieb ruhig und nahm seinen gewohnten Lauf. Wen man auf was wartete und war es auch das Schlimmste, was ich mir augenblicklich vorstellen konnte, verlief die Zeit wie eine halbe Ewigkeit. Vielleicht gehörte genau das auch zu seinem perfiden Plan. Kilian warnte uns eindringlich, unaufmerksam zu sein.
„Er will, dass wir denken, es ist vorbei.“ Mahnte er uns bei einer unserer täglichen Treffen im Spielsalon der „Schatulle“. Dennoch kein Grund für Nela, Roya auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Ihre Besessenheit, ihn umzulegen, machte mir Angst. Angst um Roya und natürlich um Nela, was Nina mir niemals vergeben würde, wenn ihr etwas passierte.
Verständlicherweise für alle, nutzte ich die Zeit, um so oft wie nur möglich zu Hause bei Nina zu sein.
Geplagt von einem Verlangen, sie in die Arme zu nehmen, wie schon seit ein paar Tagen nicht mehr. Gefühle, die ich versuchte zu unterdrücken. Vor allem aber vor Kilian, der mich weiter mit Argusaugen ansah, mich auf Schritt und Tritt beobachtete und jeden meiner Gedanken genau kannte.
Na ja, zugegeben. Eigentlich war ich mir sicher, dass er ein Mann war, der sein Wort hielt. Ihm also ausgerechnet jetzt die Magnum Kal.38mm vor den Kopf zu halten wäre sicher ein sehr unkluger Schachzug. Und dennoch fragte ich mich so manches mal, was ihm das Leben von Judith wohl wert wäre.

Wer weiß? Vielleicht sogar 5,6 Millionen Euro?
Für Nina sicher eine klare Entscheidung, wenn man sich vorstellte, dass sie am manchen Tagen bei uns ein und aus ging und das sicher nicht der Beginn einer neuen Freundschaft zwischen den beiden war.
Mit dem Kopf voll absurder Gedanken, erst recht wo unser zweites Kind längst auf den Weg war, machte ich mich in dieser Nacht schnurstracks auf den Wege zu ihr. Ich wünschte mir, wenn sich jetzt gleich die Tür öffnete, dass sie dann vor mir stand und hoffte mit Emily auf ihren Armen.
„Hey, gib mir mal die Kleine.“ Kam sofort Nelas Stimme aus dem Hintergrund und wir flogen uns augenblicklich in die Arme. Mit geschlossenen Augen berührten sich unsere Lippen zu einem sanften Kuss. Meine Hände begannen ihren Körper unter ihrem hauchdünnen, fast durchsichtigem Shirt zu erforschen. Mit ihren zarten, flinken Händen entblätterte sie meinen Körper und wir standen uns nackt im Schlafzimmer gegenüber. Nina griff zu meiner Hand, zog mich zu sich herüber und wir versanken auf der riesigen Matratze, auf der ich mit meiner aufrecht stehenden Lanze hemmungslos und unersättlich auf sie einhämmerte. Wie wild begann mein harter Schwanz nach einem ekstatischen Orgasmus erneut in ihr zu stoßen.
„Oh je Roya. Komm, wir bringen die Kleine in ihr Bettchen und dann zeige ich dir mal, wie viele Zimmer der Laden noch so hat.“ Kichernd zogen die zwei fort und waren bis zum nächsten Morgen weder zu hören noch zu sehen.
Der kleine Rotschopf vom Kiez fühlte sich wohl bei uns und ich befürchtete, unsere Spielwiese in unserem neuen Heim war bald nicht mehr groß genug.
„Na und?“ Sagte Nela und zog dabei mal wieder verführerischstes Lächeln, dem man nicht widerstehen auf. „Dann bleibt sie eben hier. Platz haben wir doch genug. Oder einer was dagegen?“
Ich schätzte, bei den Meinungen der Mädchen war ich überstimmt. Und hier war sie absolut sicher. Vor einem Typen, der sicher schon Ausschau nach ihr hielt, um sie als lästige Zeugin auszuschalten.
Ausgerechnet bei einem ausgiebigen Frühstück, dass Chloe, unser Dienstmädchen vorbereitet hatte, geschah genau das, wovor Kilian uns alle immer wieder gewarnt hatte. Tage, nachdem wieder Ruhe auf dem Kiez eingekehrt war, ließ die nächste Schreckensmeldung nicht lange auf sich warten.
Nach einer heißen Nacht mit Nina und einem Becher Kaffee am Morgen machte ich mich sofort auf die Socken zur „Schatulle“.
„Hey, was tust du da?“ Spottete Kilian aber dennoch mit besorgter Miene. „Nimmst du jetzt alle Mädchen bei dir auf, nur weil man ihnen einen Klaps auf den Arsch versetzt hat?“
„Du bist manchmal ein Arschloch Kilian.“ Erwiderte ich ihm. „Du weißt genau, warum Roya bei uns ist. Und sie bleibt. Beschlossene Sache. Und jetzt sag an, was los ist.“
„Er hat wieder zugeschlagen. Wie ich es dir voraus gesagt habe. Meine Leute sind schon da. Wieder eine ganz üble Sache.“
„Und. Ist sie wieder vom Kiez?“ Fragte ich ihn erregt.
„Wissen wir noch nicht. Die Befragungen unter den Frauen vom Sperrbezirk hat noch nicht stattgefunden. Wir wollen keine Panik.“
Die späteren Observationsberichte und Tatortfotos von der jungen Frau, die von Passanten im Hinterhof eines Wohnblocks gefunden wurde, ließen vermuten, dass es sich entweder um den gleichen Killer oder um einen Nachahmungstäter handelte.
„Mach jetzt bloß nicht meinen Job. Kümmer du dich lieber um den Kiez.“ frotzelte  Baumann.
„Du arroganter Mistkerl. Das mit dem Team war deine Idee. Oder mach deinen Scheiß alleine.“ Hier und da mal eine kleine Auseinandersetzung mit Kilian und die Welt war wieder halbwegs in Ordnung.
„Gleich gibt es für beide was aufs Maul.“ Schritt Herzchen lautstark ein. Wie ein Schlichter ging er dazwischen und packte uns beide am Arm. Und wenn er erst mal so richtig loslegte, gäbe es wohl für Kilian und mich kein Entkommen. Selbst Boris und Jurij blieb da so manches mal die Spucke weg, aber niemals griff dabei jemand zur Waffe.
Hier auf dem Kiez war das nun mal ein Ehrenkodex. Austragen ja, aber nicht mit der Kanone, sondern mit den Fäusten und na ja, für eine Weile war dann auch wieder alles gut.
Bis zum Nächsten mal eben.
Die Bilder aus den kriminaltechnischen Labors stellten uns alle vor ein Rätsel. Die Frau, wahrscheinlich so um die Mitte Zwanzig wurde auch wie das erste Opfer zuerst vergewaltigt doch noch während des Gewaltaktes erwürgt. Die Haltung, in der man sie fand, war recht unnatürlich. Ihr linker Arm lag verschränkt hinter ihrem Rücken und machte erst den Anschein, als wäre er gebrochen. Außerdem fehlte die linke Hand, die auf dem ersten Blick sorgsam mit einem Skalpell abgetrennt wurde. Diesmal hatte er ihr nicht das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.
Ein Indiz dafür, dass es noch einen zweiten Killer gab?
Jemand, der sich im Umgang mit einem Skalpell auskannte?
Vielleicht ein Arzt? Oder ein Chirurg?
Selbst Herzchen, von dem man behaupten konnte jedes Gesicht hier auf dem Kiez zu kennen, schüttelte mit dem Kopf.
„Nie gesehen.“ War sein spartanischer Kommentar. „Wir sollte das Bild mal in den anderen Bars und Clubs herum zeigen.“
„Gute Idee.“ kommentierte Kilian.
„Morgen ist es sowieso in jedem Klatschblatt zu sehen.“ Vermutete ich. „Die Presseheinis sind sicher schon vor Ort.“
Es war tatsächlich einfacher, wenn auch nicht ungefährlicher, gegen eine Horde Albaner oder Russen anzutreten. Die zeigten sich wenigstens und hier hatten wir es mit einem mysteriösen Unsichtbaren zu tun. Was die Sache nun wirklich nicht einfacher machte.
Es war einfach unfassbar. Diese Mordfälle waren plötzlich die Attraktion auf dem Kiez. Auf der Meile tummelten sich die Leute wie kaum in einer Nacht zuvor. Jeder wollte der Erste vor Ort sein, wenn wieder etwas passierte.
Dieser Kerl war eine tickende Zeitbombe, die jeder Zeit wieder zu explodieren drohte. Doch das war genau das, was wir nicht hatten.
Zeit!
Wenn auch Kilians Leute, die auf dem Kiez bei jedem kleineren Krawall ein paar Leute festnahmen, so war er nicht dabei. Er schien mit uns Katz und Maus zu spielen und genoss es sicher, wie wir einfach nur noch im dunklen tappten.
„Seht mal hier Leute. Das haben die Mädchen vorhin hier vor der Tür abgeworfen.“ meldete Herzchen.

„Was soll das sein?“ Fragte ich ihn interessiert und neugierig. Auch Kilian verstärkte deutlich sein Augenmerk auf die Flyer, die hier unter Leuten und vor allem aber den Girls vom Sperrbezirk in die Hände gedrückt wurden. Vielleicht ein erster Hinweis auf den Täter?
Doch schnell stellte sich heraus, dass es nicht mehr als paar Bhagwan-Jünger waren, die hier von Zeit zu Zeit mit ihren „Rettet die Welt“ Gequatsche den Leuten die Ohren voll predigten.
Der Erfolg blieb also aus und so beschlossen wir, uns an den nächsten Abenden selbst auf den Weg über die Meile zu machen. Meistens verteilten wir uns, hielten aber dennoch untereinander ständigen Augenkontakt. Wenn das mal irgendwann nicht eskalierte, so geladen wie Herzchen die letzten Tage war. Geladen wie meine Magnum Kal.38mm unter meiner Jacke.
Viele Gesichter waren mir im Laufe der Zeit bekannt und man grüßte sich an jeder Ecke und Kante. Doch es gab auch die Aggressiven unter ihnen. Die Jungspunde, die mit ihren Springmessern so manch einem vor dem Gesicht herum fuchtelten.
„Was für eine verdammte Scheiße! Was soll das bringen!“ Schoss es mir bei jedem Schritt durch den Kopf. Wir folgten also unserer eigenen Intuition und so eine Runde über den Kiez gab mir dazu noch die Möglichkeit nachzudenken.
– an Nina, die mit unserem zweiten Kind schwanger war –
– an Nela, ohne die wir es nicht bis hierher geschafft hätten und die uns beiden schon    einmal das Leben rettete –
– und nun auch an Roya, die sich wohl eher selber das Leben nehmen würde, bevor sie uns wieder verließ.
Ich folgte der Meile bis oben an ihr Ende. Gleich da, wo die Taxen mit laufenden Motoren standen und auf die Nachtschwärmer warteten, die sich nach einem wilden, amourösen Abenteuer und einer heißen Nacht auf dem Kiez meist unentdeckt aus dem Staub machten.
„Hey, wenn das mal nicht der Bulle ist. Und einmal zum Hotel?“ Erklang da eine mir nicht ganz unbekannte Stimme.
„Immer noch nicht kapiert? Finde es heraus und dann weißt du es. Oder schon vergessen?“ Entgegnete ich dem Typen hinter dem Steuer.
„Na los, hüpf rein. Bin gerade frei. Musst dich aber beeilen. Hier ist gleich Schicht am Schacht.“
„Schon gut. Das Nächste mal vielleicht.“ Und klopfte zum Abschied auf das Blech seiner Kutsche.
„Okay! Machs gut. Mach dann Schluss für heute. Hey sieh mal dahinten. Ist ja mal ganz was Seltenes.“ Fast schon euphorisch richtete er seinen Arm auf den nachtschwarzen 600ter Pullman, der haarscharf hinter mir, in die Meile einbog.
Mir stockte mit der Atem. Mit einem Blick über die Schulter sah ich deutlich in sein Gesicht.
**
„Gold-Gerd ist sauber, besser gesagt, er war sauber.“ Graling kam in mein Büro und setzte sich mir gegenüber. „Er verdiente seine Kohle mit der Entwicklung von Software für Montageroboter und hat zusätzlich einen Service für defekte Roboter. Jedenfalls hat er eine Menge Schotter damit verdient.“
„Und Herzchens Angaben?“
„Stimmen auch. Gold-Gerd lebte allein und hatte kein Problem sich mit Nutten sehen zu lassen. Am liebsten hat er es auf der Bühne getrieben. Hat aber auch öfter Prostituierte mit nach Hause genommen.“
„Was zu Teufel wollte er mit Lara und Roya in dieser verlassenen Gegend?“
„Vielleicht…“
„Vielleicht, was?“
„Vielleicht wollte er ja gar nicht dorthin und es war nur Zufall, dass sie dort auf den Killer gestoßen sind.“
Ich trat vor die Wand, an der eine Karte der Stadt hing. Neben der Karte steckten bunte Stecknadeln und ich nahm zwei Stück.
„Gold-Gerd wohnt hier in der Kantstraße.“ Ich steckte die Nadel an den entsprechenden Punkt auf der Karte. „Und gefunden haben wir seine Leiche hier.“ Mit der zweiten Nadel markierte ich den Platz, an dem wir Gold-Gerds Leiche gefunden hatten. “Der direkte Weg vom Kiez zur Kantstraße ist das nicht, Und wenn ich zwei heiße Hasen bei mir habe, fahre ich nicht unnötig durch die Gegend.“
Graling trat zu mir und zeigte auf einen Punkt zwischen Kiez und Kantstraße.
„Hast du an die Großbaustelle an der Autobahnunterführung gedacht? Seitdem sie dort eine Baustellenampel aufgestellt haben, ist dort permanent Stau. Am besten umfährst du den Bereich, wenn du kannst. Der Weg durch die Baustelle ist zwar kürzer, aber nicht unbedingt schneller.“
„Du meinst, er hat die Baustelle umfahren und hat lediglich zufällig dort den Killer getroffen. Er hat ihn vielleicht bei irgendwas gestört.“
HHHMMMM ich setzte mich wieder und ließ mir Gralings Überlegungen durch den Kopf gehen. Es stimmte, die Baustelle sorgte täglich für Stau….
„Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit.“ Teilte ich Graling mit. „Unser Killer könnte Gold-Gerd auch gefolgt sein. Er ist ihm nachgefahren, hat ihn am Tatort abgepasst, weil er wusste, dass es der perfekte Platz für einen Mord ist. Er hat Gold-Gerd erschossen, sich die Frauen geschnappt und Lara getötet. Aber dann, ist ihm mit Roya, ein Fehler unterlaufen.“
„Er wollte Gold-Gerd umlegen und die Frauen waren bloß zur falschen Zeit, am falschen Ort. Also müssen wir uns fragen, wer Gold-Gerd umlegen wollte uns warum.“
„Da gibt es nicht viel Auswahl. Der Kerl hatte ein Einzelunternehmen. Keine Geschäftspartner, Angestellte oder andere Beteiligte. Er hatte auch keine Konkurrenten, in dieser Sparte gibt es nur eine Handvoll Firmen. Jede von ihnen hat ihren festen Kundenstamm. Gerd führte keinen Rechtsstreit, hatte keinen kackbratzigen Nachbarn, der hatte nicht einmal eine eifersüchtige Ehefrau oder Freundin zu Hause.“
„Vielleicht ging es nicht um Gold-Gerd selbst, sondern um das, was er darstellte.“ Gab ich zu bedenken.
„Neid?“

„Gold-Gerd hatte alles. Einen Haufen Geld, mit dem er um sich schmiss, Erfolg im Beruf und wenn Herzchen nicht gelogen hat, konnte Gerd es mit zwei Frauen gleichzeitig stundenlang treiben. Gold-Gerd konnte sich mit seinem Geld so viele Nutten kaufen, wie er wollte. Neid, wäre durchaus nicht auszuschließen.“
„Wenn das stimmt, und der Mörder keinen Bezug zu Gerd oder Lara hatte, könnte es jeder sein.“
„Mieses Gefühl, oder?
„Ja, aber noch viel schlimmer ist, wenn Neid der Auslöser war, dann ist unser Killer eine Zeitbombe, denn Gold-Gerds gibt es eine ganze Menge.“
**
„Vier?“ Fragte Milewski entgeistert, als ich vor ihm saß.
„Ja. Wir haben uns alle ungeklärten Mordfälle nochmal angesehen. Neid würde das hohe Maß an Brutalität erklären, mit dem Lara umgebracht wurde. Er hatte es eigentlich auf Gerd abgesehen. Doch der war ein zu starker Gegner, also hat er ihn erschossen und seine Wut an Lara und Roya ausgelassen.
Wenn wir das berücksichtigen, haben wir noch zwei Morde mehr in den letzten sechs Monaten. Zwei Prostituierte wurden im Anstand von vier Monaten brutal erschlagen. Beide hatten keinen Zuhälter, also gingen wir davon aus, dass sie von ihren letzten Freiern ermordet wurden. Jetzt nehme ich eher an, dass sie vom selben Killer umgebracht wurden.“
Milewski schwieg betroffen. „Dann hat die Serie also schon längst begonnen?!“
„Sieht so aus.“
„Gut! Nein schlecht! Du nimmst die die Fälle nochmal vor und ermittelst in dieser Richtung.“
„Dank Keller hab ich ja beinahe uneingeschränkte….“
Schaller stürmte ins Büro. „Leute, gar nicht gut, es wurde eine weitere Leiche gefunden.“

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Die tote Frau lag im Stadtpark in der Nähe des Südeinganges. Dieser Teil des Parks war dafür bekannt, dass sich, sobald es dunkel war, hier die Dealer und Fixer trafen, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Einerseits gut, da der Mord also mit Sicherheit beobachtet wurde, andererseits schlecht, denn keiner würde mit uns reden… Wie immer!
Jetzt war es Mittag und keine Dealer waren zu sehen. Spaziergänger hatten die Tote entdeckt und die Polizei gerufen. Berger und Schaum waren die ersten aus meinem Team, die am Tatort erschienen waren.
„Und?“ Fragte ich Schaum.
„Brigitte Roth. Sechsundfünfzig Jahre, wohnt in der Heimstraße vier. Zumindest steht das in ihrem Ausweis.“
Ich trat zu der Leiche und sah sie mir an. Schrader hätte sicher wieder gekotzt. Der Kopf war völlig zertrümmert, Blut und Hirnmasse quollen hervor und bedeckten den Boden um den Kopf herum.
„Dort hinten liegt ein armdicker Ast mit Blut. Ich wette, er hat ihr damit den Schädel eingeschlagen.“
„Zeig mal den Ausweis.“
Schaum reichte mir Brigittes Ausweis. Eine typische Mittfünfzigerin, rot graue Haare, ein paar Falten und freundliche Augen.
„Familie?“
„Vor zwanzig Jahren geschieden, eine erwachsene Tochter, die aber im Ausland lebt.“
„Der geschiedene Mann?“
„Wohnt in München.“
Die Brutalität mit der Brigitte erschlagen wurde, war wirklich erschreckend.
Der Tathergang erinnerte stark an den Mord an Lara bzw. die anderen Opfer unseres Killers, doch hier stimmte etwas nicht…
„Ich denke, unser Killer hat wieder zugeschlagen KB.“
„Sie war keine Nutte. Und sie sieht auch nicht so aus, als ob sie zum Rotlichtmilieu Kontakt hätte.“
„Hier“, rief Berger,“ich hab die Wohnungsschlüssel gefunden.“
„OK, fahren wir, mal sehen, was wir dort finden.“

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„Heimstraße, vier. Wir sind richtig.“ Sagte Berger, als wir vor der Tür standen. Das alte vierstöckige Haus hatte zwei Eingänge, einen mit sechs Klingeln die anscheinend zu den Wohnungen führte und einen der zu einer kleinen Boutique gehörte.
„Keine Klingel mit Roth.“ Stellte Schaum fest. Er versuchte alle Schlüssel von Birgits Schlüsselbund aus, doch keiner passte.“
In der Zwischenzeit schaute ich mir das Schaufenster der Boutique an. Unterwäsche und Dessous, stand auf einem Werbe Zug am oberen Rand der Schaufenster und noch etwas, der Name. „Roth-Vogel“ daneben war ein roter Vogel abgebildet.
Jetzt konnte ich sofort einen Bezug zum Kiez herstellen.
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Vorgestern hatte ich gegen Mitternacht dem Eros einen Besuch abgestattet, um zu sehen, was Roya machte. Jansen hatte Dienst, stand, zusammen mit Roya, hinter der Bar.
„WOW.“ War mein einziger Kommentar, als ich Jansen sah.
„Ich hoffe, das ist ein Kompliment.“
„Was soll es denn sonst sein?“
„Eine dumme Anmache. Für den Fall möchte ich dich daran erinnern, dass mein Freund Kampfsportlehrer ist und dir mit einer Hand das Genick brechen würde.“
„Wenn er es denn wüsste.“ Grinste ich.
„Er sitzt dahinten und beobachtet dich mit Argusaugen.“
„Oh“, unauffällig drehte ich mich um und sah in der Ecke einen großen und durchtrainierten Kerl in der Ecke sitzen, der sich bemühte, nicht allzu auffällig herzuschauen. „Nein, das ist ein ernst gemeintes Kompliment. Eine tolle Korsage, die du da trägst.“
Und das war die Wahrheit. Jansen trug eine wundervolle rot schwarze Korsage, die ihr Dekolletee wirklich gut zur Geltung brachte, dazu den passenden String und Strapse, welche an der Korsage befestigt waren. Einen großen Freiraum für Fantasie gab es da nicht, die Korsage verdeckte wirklich nur das Nötigste, dass aber verdammt gut.
„Das ist eine Rotvogelkorsage.“
„Eine was?“
„Rotvogel,die hat mir mein Freund gekauft.“
„Nun, er hat einen guten Geschmack.“
„Was ist mit dir?“
„was soll mit mir sein? Ich denke nicht, dass mir eine Korsage steht.“
„Wohl eher nicht! Aber deiner Freundin schon. Also hast du ihr auch schon Dessous gekauft.“
„Um ehrlich zu sein…nein, Judith hat einen gut ausgestatteten Kleiderschrank.“
„Baumann! Jede Frau freut sich, wenn sie…“
„TAXI. Wer hat ein Taxi bestellt?“
Ein Taxifahrer betrat das Eros und suchte nach seinem Kunden. Ein Paar, das an der Theke saß, stand auf und ging zu ihm hin.
„Also Baumann! Werde mal kreativ und besorge deiner Judith was Schönes zum Anziehen. Aber denk dran, Dessous die zu groß sind, haben schon so manche Beziehung beendet.“

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Ein Schlüssel öffnete die Tür zur Boutique.
Ein altmodisches Klingeln ertönte, als ich die Tür ganz öffnete und in den Laden trat. Wir durchsuchten den Laden gründlich und professionell.
Der Laden teilte sich in einen Verkaufsraum und einen Arbeitsbereich auf. Der Arbeitsbereich umfasste eine kleine Ecke mit verschiedenen Nähmaschinen, ein paar Puppen, die halbfertige Dessous trugen, und mehrere Stoffballen. Hier sah es so aus, als würde Brigitte jeden Augenblick zurückkommen und weiterarbeiten.
Der Verkaufsraum war ordentlich aufgeräumt und auch hier standen mehrere Schaufensterpuppen, die allerdings fertige Dessous trugen.
Was mir auffiel, war, dass keines der Stücke mit einem Preisschild ausgezeichnet war.
-Wieso gibt’s hier keine Preisschilder?-
„Hier, ich hab ein Auftragsbuch gefunden.“ Rief Berger.
Wir gingen zu ihm und ich warf einen Blick in das Buch. Neben vielen Namen waren auch Zeiten vermerkt, hinter denen Abkürzungen wie AÄ oder AP standen.
„Jetzt müssten wir nur noch wissen, was das bedeutet.“
„He, sieh mal.“ Berger hatte die nächste Seite umgeschlagen und da stand für den nächsten Tag ganz groß –Nela 18 Uhr, 2AP 1AÄ 3NB„Gut, schätze wir werden bald wissen, was die Abkürzungen bedeuten. Such nach dem letzten Kunden.“
Berger schlug ein paar Seiten zurück, „Pauline Schick. Gestern um 14 Uhr eine AP, was immer das bedeutet. Keine Adresse oder Telefonnummer.“
„Also war sie hier im Laden. Noch ein Eintrag?“
„Ja, eine NB um 23 Uhr. Auch hier keine Name, keine Adresse oder Telefonnummer.“
„Ein Termin um 23 Uhr? Was zu Teufel verkauft man um 23 Uhr?“
„Tja gute Frage.“
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Im großen Besprechungssaal war das ganze Team mit Ausnahme von Jansen, die Roya bewachte versammelt.
„Also der letzte Termins Eintrag war 23 Uhr. Gehen wir einmal davon aus, dass Brigitte pünktlich dort sein wollte. Unser Mörder wird sie ganz sicher nicht am helllichten Tag erschlagen haben. Dunkel wird es gegen 21 Uhr 30. Wir haben also ein Zeitfenster von weniger als 90 Minuten. Irgendjemand hat sie in den Park gebracht und dort ermordet. Derjenige wusste, dass in diesem Teil des Parks keine Spaziergänger unterwegs sind, er besitzt also eine gute Ortskenntnis.
Der Wohnort von Roth ist ziemlich weit entfernt. Kaum anzunehmen, dass er sie dort entführt hat und das Risiko eingeht, und mit seiner Geisel durch die ganze Innenstadt fährt. Sie ist wahrscheinlich freiwillig eingestiegen.
Er hat sich genauso unverdächtig verhalten wie bei Gold-Gerd. Weder er noch Lara, Brigitte oder Roya haben die Gefahr erkannt.
Wer immer der Killer ist, er kommt an seine Opfer heran, ohne als Gefahr wahrgenommen zu werden.
Also, wir bilden zwei Teams, ihr werdet heute Abend um 22 Uhr mit einer Hundertschaft den gesamten Südteil des Parks durchkämmen und jeden Junkie oder Dealer schnappen, der sich dort aufhält. Ich wette, dass irgendeiner, irgendetwas gesehen hat. Bringt denjenigen zum Reden! Graling, du leitest den Einsatz.“
„Alles klar, KB. Und wer ist das andere Team und welche Aufgabe hat es?“
„Oh, das andere Team…“ Grinste ich.

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Das andere Team bestand aus Judith und mir. Nela hatte mich gebeten etwas unauffälliger im Eros herumzuschnüffeln, also nahm ich Judith mit. Im passenden Outfit lenkte sie die Aufmerksamkeit von mir völlig ab. Zusammen mit Jansen, die heute in einer heißen blau grauen Korsage Dienst tat, bildete Judith, in einem sehr kurzen silbernen Kleid, einen richtig geilen Blickfang und ich konnte mit Nela reden, ohne aufzufallen.
„Wie weit bist du mit Laras Mörder?“
„Wir sind dran, aber so einfach ist es nicht.“
„Würdest du weniger Zeit damit verbringen uns im Auge zu behalten, könntest du sicher schon weiter sein.“
„Ich beobachte euch schon lange nicht mehr. Ich weiß, dass ihr nicht abhaut.“
„Ach ja? Woher kommt plötzlich diese Erkenntnis?“
„Steph und Nina würde ich nur soweit trauen, wie ich sie sehen kann, aber du…. Du warst diejenige, die Steph dazu gebracht hat wieder her zu kommen. Du weißt genau, dass ich euch am Arsch bekommen würde, ganz egal wo ihr euch verkriechen würde, also bleibst du hier und scheffelst so viel Geld mit dem Eros, wie du kannst, bis Stephs Zeit abgelaufen ist. Die beiden würden niemals ohne dich abhauen und solange du hierbleibst….“
„Du kannst manchmal ein richtiges Arschloch sein.“
„Deswegen heiße ich auch KB. Aber ich bin nicht wegen Steph hier. Du hattest heute um 18 Uhr einen Termin mit einer Brigitte Roth.“
„Ja, das heißt, nicht ich selber, einige meiner Mädchen, aber Brigitte ist nicht gekommen. Wieso…Nein!“
„Doch wir haben Brigitte heute Morgen gefunden. Jemand hat ihr im Park den Schädel eingeschlagen.“
Nela war sichtlich erschüttert. Das war nicht geschauspielert, die Trauer war echt.
„Wie… Wer?“ Stammelte sie.
„Weiß ich noch nicht. Ich weiß, dass sie einen Laden hatte aber welche Verbindung hat sie zu dir? Wer war sie? Hat sie hier gearbeitet?“
„Ja hat sie, aber anders als du denkst. Sie hat meinen Mädchen ihre Dessous verkauft.“
„Rothvogel?“
„Ja, das war ihre Marke.“
„In ihrem Terminkalender war ein Eintrag für 23 Uhr. Das erscheint mir sehr seltsam für den Verkauf von Dessous.“
„Nur weil du sie nicht kennst. Brigitte hatte ein besonderes Geschäftskonzept.
Die Korsage die deine Kollegin trägt ist auch ein Rothvogel. Ich wette, sie kennt das Prinzip.“
„Was ist so besonders an dem Fummel?“
„Die Korsage die Jansen da trägt, kostet mindestens 1.000 Euro!“
„WAS?“
„Jedes Teil das Brigitte verkaufte, war maßgefertigte Handarbeit. Sie hat nur beste Stoffe verwendet und eine lebenslange Garantie gegeben. Wenn du zu oder abgenommen hast, konntest du bei Brigitte deine von ihr angefertigten Dessous abändern lassen.“
„Das waren also die Abkürzungen. AÄ steht für Abänderung! Was ist AP und NB?“
„AP heißt Anpassung und NB ist eine Neubestellung.“
Nun das erklärte zumindest halbwegs den Termin um 23 Uhr. Wenn man gute 1.000 Euro für eine Arbeit verlangen kann, macht man auch schon einen Termin um diese Uhrzeit.
„Du weißt nicht zufällig, wer sich mit ihr um diese Zeit treffen wollte?“
„Nein, aber bevor du dich versteifst, solche Uhrzeiten in diesem Gewerbe sind nicht allzu ungewöhnlich.“
„Verdammt.“
„Übrigens hat mir Jansen erzählt, dass du Judith noch keine eigenen Dessous gekauft hast…. Baumann, ich bin erschüttert.“
„Wieso interessiert sich jeder für Judiths Reizwäsche?“
„Sie sie dir an!“ Meinte Nela und ich folgte ihrem Blick zu Judith und Jansen.
„Stell dir sie in einer dieser tollen Rothvogel Korsagen, oder einem angepassten Korsett vor.“
Ich musste zugeben, der Gedanke war geil. „Rothvogel ist geschlossen.“ Meinte ich lediglich.
„Ach ja, Steph hat neulich einen Wagen gesehen. Irgendeine Prolkarre, die er noch nie hier gesehen hat. Sie fiel ihm nach dem Mord an Lara auf, vielleicht hängt das ja zusammen.“
„Ich werde mich draußen mal umschauen.“
Damit war die Unterhaltung beendet und ich ging wieder zu Judith.
„Hallo Kilian, wusstest du, dass Nicoles Korsage ein Rothvogel ist?“
„Klar, Rothvogel erkennt man doch auf den ersten Blick.“ Erwiderte ich, während Jansen nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken konnte.
„Hör mal meine Liebe“, Nela war auch zu uns gekommen, „wenn du hier arbeitest, bekommst du so tolle Dessous von mir und musst nicht darauf warten, bis dieser egoistische Mistkerl dir welche kauft.“

„Ok, das reicht! Komm Judith, wir gehen.“
„Langsam KB, was würde ich denn verdienen?“
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„Also was haben wir denn?“ Ich betrat den großen Raum vor den Zellen und betrachtete mir die 17 Männer und 4 Frauen die teilweise deutlich auf Entzug waren und die mein Team bei der Razzia im Park eingesammelt hatte.
„Herhören! Der erste der mir was Vernünftiges über den Mord im Park erzählt, geht hier ohne Anzeige raus. Wenn mich aber einer verarscht, landet sein Arsch für die nächsten Jahre im Knast! Also wir fragen euch jetzt einzeln, ob jemand Gesprächsbedarf hat.“

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„Wie heißen die Zwei?“ fragte ich Berger.
„Marc und Michaela Spreier. Ihn kenne ich schon länger. Ein Kleindealer, der für Eigenbedarf dealt. Sie kenne ich nicht, scheint in der Szene neu zu sein. Jedenfalls ihrem Aussehen nach. Noch keine „Gebrauchs oder Abnutzungspuren“ wie du so schön sagst. Haben wohl vor zwei Monaten geheiratet. Sie geben an, sie hätten in dieser Nacht im Park abgehangen.
Ach ja, Michaela war es, die Mark überredet hat zu erzählen, was sie gesehen haben.“
„Na dann.“ Ich betrat den Vernehmungsraum, in dem das Pärchen an einem Tisch saß und wartete. Michaela war sichtlich nervös, während Mark zitternd hin und her schaukelte. Er zeigte die typischen Anzeichen eines Junkies, der auf Turkey ist.
„Also?“ Fragte ich.
Michaela setzte an, als Mark dazwischen fuhr. „Keine Anzeige! Wir sagen nur etwas, wenn wir ohne Anzeige hier raus können!“
„Gibt’s denn was anzuzeigen?“ Fragte ich und schaute Schaum an.
„Vier Gramm Heroin und einen Joint.“
Ich sah mir die beiden an. Wer den Joint und wer das Heroin konsumiert hätte, lag auf der Hand. Michaela zeigte keine Einstiche an den Armen und auch keinen körperlichen Verfall, im Gegenzug zu Mark.
„Mark ist auf Bewährung, und hat noch ein Jahr und sieben Monate.“ Ergänzte Schaum seine Ausführungen.
„Keine Anzeige.“ Stimmte ich dem Deal zu, schaute Michaela an und forderte sie auf zu erzählen.
„Wir waren im Park um… Wir haben es hinter einem Busch getrieben, als ich plötzlich ein dumpfes Geräusch hörte. Es hörte sich an, wie als ob man eine Melone zermatscht.
Es waren drei Schläge, dann war Ruhe.“
„Und du hast nicht nachgesehen, was das war?“
„Doch aber ich hatte nichts an, ich hab mir erst meine Sachen wieder angezogen, dann bin ich nachschauen gegangen.
Da hab ich die Frau gesehen. Sie lag in einer riesen Blutlache. Ich hab mal einen erste Hilfe Lehrgang gemacht, aber die war tot!“
„Hast du den Täter gesehen?“
„Nur von hinten. Er ging gerade unter einer Laterne vorbei.“
„Wie hat er ausgesehen?“
„Es war ein Mann, etwa 1,80 groß kurze Haare, keine Glatze, normale Figur. Nicht dick oder rappel dürr.“
„Wie alt und was hatte er an?“
„Ich weiß nicht wie alt, aber er schien kein Teenager zu sein. Er trug Jeans und eine Jeansjacke. Keine Mütze oder Cab.“
„Hautfarbe?“
„Weiß nicht genau, ein Schwarzer war es jedenfalls nicht.“
„Und ihr seid nicht auf die Idee gekommen, den Rettungswagen oder die Polizei zu rufen?“
„Nein!“ Fing Michaela an zu heulen. „Die Frau war tot und Mark hatte sich erst einen Schuss gesetzt. Die hätten ihn mitgenommen und eingebuchtet.“
„OK, Michaela, ich gebe dir einen guten Rat! Lass die Finger von dem Zeug. Sie dir Mark an, in weniger als einen halben Jahr bist du genauso am Ende wie er. Bring ihn dazu, einen Entzug zu machen! Falls nicht, gebe ich ihm noch höchstens ein Jahr, dann beißt er ins Gras. Tu dir das nicht auch an! Und jetzt verschwindet!“
Michaela sprang förmlich auf, Mark wegen den Entzugserscheinungen, war nicht ganz so schnell. Als er an mir vorbeikam, packte ich ihn am Kragen.
„Wenn Ich Michaela an der Nadel erwische, drehe ich dir den Hals um. Ich mache dich fertig und buchte deinen Arsch in den Knast. Und dort erzähle ich jedem, du wärst ein Spitzel. Weißt du was sie im Knast mit Spitzeln machen? Ich bin mir sicher, du weißt es, also leg es nicht darauf an!“

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Ohne ein Wort setzte sich Neun-Finger-Steph sich neben mich an die Bar der Schatulle.
„Und?“
Tja, das was ich zu sagen hatte, war nicht der Burner. Ich hatte heute Mittag ein Gespräch mit Susanne Greif. Einer Psychologin, die mir Judith einmal empfohlen hatte und die mir schon einige gute Tipps, in Bezug auf die von mir gesuchten Täter, geben konnte.
„Der Mörder ist ein Mann, zwischen 40 und 50.“ Hatte sie mir erklärt, als sie sich die Akten aller Opfer angeschaut hatte. „Neid scheint mir das naheliegende Motiv zu sein.“
„Gold-Gerd und Roth waren beide in einem gewissen Maße wohlhabend, aber nicht reich, wie passen denn die ersten Opfer dazu?“
„Diese Frauen, waren keine Prostituierten, die für einen Schuss anschaffen gingen. Die zwei arbeiteten in der gehobenen Preisklasse. Sie hatten durchaus Geld und zeigten das sicher auch.“
„Das leuchtet ein, wirklich Reiche, laufen nicht über den Kiez.“
„Alle Opfer hatten Geld zumindest viel mehr als der Killer. Er hält sie für Reich. Ausnahme war lediglich Lara, die war nur ein Zufallsopfer.“
„Und der Täter?“
„Sein Revier ist der Kiez. Entweder arbeitet, oder wohnt dort. Er ist täglich auf dem Kiez unterwegs und sieht die Leute die dort viel mehr Geld verdienen als er. Das versetzt ihn in Wut und irgendwann übernimmt die Wut die Kontrolle über ihn.“
„Und es kommt zum Mord!“
„Ja, und solange du ihn nicht gefasst hast, wird das Morden weitergehen.“

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„Ein Mann zwischen 40 und 50, mittlere Größe, mittlere Figur. Wohnt oder arbeitet hier.“
„Das ist ein Witz! Mehr hast du nicht?“
„Nein.“
„Scheiße, das ist die Hälfte aller Männer hier.“
„So sieht es aus. Was ist mit der Karre, die Nela erwähnt hat?“
„Ein Pullmann. Boris hat ihn Vorgestern wieder gesehen.“
„Als Roth ermordet wurde?“
„Exakt.“
„Und wie sah der Fahrer aus?“
„Ein Mann, Mitte vierzig, bis fünfzig, kurze Haare, mittlere Figur.“

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„Lasst uns jetzt nicht in Panik geraten. Wir brauchen einfach einen Plan.“ Schlug Kilian dennoch vor, nach dem ich ihm von meiner Entdeckung berichtete.
„Ein Plan? Lasst und den Kerl endlich dingfest machen und das Spiel ist endgültig aus.“ Erwiderte ich grimmig.
„Ja. So eine Karre fällt sicher auf. Ist aber noch lange kein Beweis dafür, dass es unser Mann ist.“ Erklärte Kilian.
„Bis er sich die nächste Mädchen greift und wir sind mal wieder zu spät.“ Erkannte Herzchen und alle stimmten ihm nickend zu.
Wie hieß es doch so zutreffend?
In Zweifelsfall immer für den Angeklagten. Am liebsten hätte ich Kilian den ganzen Scheiß vor die Füße geschmissen und dabei eine volle Flasche Tequila auf dem Boden zerschlagen.
Dieser Zweifelsfall kostete mich damals einen Finger meiner linken Hand. Hatte er das bereits vergessen oder warum war er plötzlich so ein verdammter Paragraphenreiter?
Na ja, um mich jederzeit zu demütigen und mir zu zeigen, dass ich eigentlich nur hier war, nur weil er es so wollte, war er sich wirklich für nichts zu schade.
„Was ist los mit dir Kilian? Du willst ihn doch auch. Oder?“ Wir spürten, wie es in uns beide mal wieder mächtig zu brodeln begann.
„Ich sehe es schon kommen.“ Lachte Herzchen mit einem breitem Grinsen auf seinem Gesicht. „Ihr zwei werdet noch die besten Freunde.“ Und kreuzte dabei seine Finger auf seinem Rücken.
Alle, außer Kilian und ich hatten ihren mörderischen Spaß aber zuletzt erhoben wir dann doch das Glas auf uns und unsere Crew.
„Maul halten! Aber jetzt alle hier und zuhören, ihr Witzbolde.“ Beruhigte Kilian lautstark die Menge. „Vielleicht hat Steph ja doch recht. Haltet Ausschau nach diesem Schlitten. Ich will alles über diesen Kerl wissen. Wo er wohnt, was er macht…einfach alles. Verstanden? Und jetzt an die Arbeit mit Euch.“
Na hoffentlich vergaß er nicht, das er in diesem Augenblick nicht den Leuten seiner Soko, sondern mindestens hundert Jahre Knast gegenüber stand.
War eben halt sein Problem, wenn das mal gründlich in die Hose ging und so war auch mal ich der Letzte in der Riege, der was zu lachen hatte.
Noch am selben Abend kutschierten mich Boris und Jurij in der Stadt herum. Wir konzentrierten uns diesmal auch auf die besseren Ecken, während Kilians Leute die umliegenden Parks und Grünanlagen durchstöberten. Ich schätzte, wer mit so einem Schlitten unter dem Arsch durch die Weltgeschichte fährt, gehörte nicht gerade zur unteren Kaste der Gesellschaft. Doch die ganze Gegend hier erschien mir total verweist zu sein. Und es wimmelte nur so vor dunklen Erinnerungen.
Ja, gleich da vorne war sie auch schon. Die Villa von Sorokin, der nun den Rest seines Lebens auf zehn Quadratmeter hauste. Ich dachte an Britta Perlinger, Ninas Freundin, die ich vor langer Zeit hier an diesem denkwürdigen Ort kennen lernte.
Ich, der nette Junge von neben an, der ich damals noch war. Verknallt in Nina bis über beide Ohren und nicht ahnend, dass mein Leben von da an mal in ganz anderen Bahnen verlaufen sollte?
Sollte ich Nina davon erzählen, dass wir hier einen Mädchenmörder vermuteten, ohne wieder alte Wunden aufzureißen? Ich beschloss jedoch darüber zu Schweigen. Erst recht jetzt in ihrem Zustand.
„Lasst uns von hier abhauen.“ Forderte ich Jurij auf, der hinter dem Steuer des gepanzerten Chevrolet Blazers saß. „ Wenn er es überhaupt ist, ist der Kerl zu intelligent, um sich ausgerechnet hier von uns schnappen zu lassen.“

„Ja, wir sollten höllisch aufpassen. Hab das Gefühl, er lauert uns auf und beobachtet uns, ohne das wir das schnallen.“ Stellte Boris folgerichtig fest.
Mit den beiden kampferfahrenen Burschen aus der ukrainischen Befreiungsarmee waren wir bestens aufgestellt. Und sie hielten mir auch hin und wieder Kilian vom Leib, wenn es zwischen uns mal wieder so richtig köchelte.
Die letzten achtundvierzig Stunden waren mal wieder völlig ergebnislos.
„Und? Habt ihr etwas heraus bekommen?“ Bohrte Kilian nach unserer Rückkehr. Seine ganze Art war ungehalten und man spürte den Druck, unter dem er stand. Aber mich jetzt noch dazu für seinen Politikkram, von dem er ständig faselte zu interessieren, brachte das Fass so manches mal zum Überlaufen und ging mir mächtig am Arsch vorbei.
„Wovon sprichst du?“ Fragten wir ihn scheinheilig.
„Ob ihr ihn gefunden habt. Ob ihr wisst, wo er wohnt, ihr Schlaftabletten.“

„Natürlich nicht. War eben eine deiner Scheißideen, ihn da draußen zu suchen. Der Kerl ist intelligent und hat uns genau da, wo er uns haben will.“
„Wo er uns haben will?“ Fragte Kilian mich verwundert.
„Ja klar. Während wir uns so langsam hier die Köpfe einschlagen, sucht er schon nach seinem nächsten Opfer. Er macht weiter, bis wir ihn endlich umgelegt haben.“ Die nickenden Köpfe der anderen verstärkten meine kühne Theorie.
Justiz und Gerechtigkeit hin und her.
Kilian Baumann wusste, das Handschellen alleine ihn nicht mehr retteten, wenn wir ihn uns schnappten. Unbemerkt vor allen diesen feinen Pinkeln, die auch an diesem Abend wieder die „Schatulle“ bis zum Anschlag füllten, machten meine Blicke die Runde. Jeder einzelne von diesen Schießbudenfiguren hätte es doch sein können. Doch wir hatten nichts Brauchbares in der Hand.
Mit einem Blick durch das Fenster hinaus zur Meile traute ich jedoch meinen Augen nicht. Tatsächlich wagte es ein Team, wahrscheinlich irgendwelche Quacksalber eines Fernsehsenders, hier vor der „Schatulle“ ein paar Aufnahmen zu machen.
„Diese Figuren schnappe ich mir eigenhändig.“ drohte Herzchen. Wir hatten alle Mühe, ihn zu viert wieder zur Raison zu bringen.„Lass gut sein.“ Versuchte ich ihn noch zu beruhigen. „Kilian kennt sich bestens aus mit den Typen. Die kommen garantiert nicht wieder.“ Na ja, auf den Scherbenhaufen war ich alles andere als gespannt und tatsächlich bekamen diese Sportskanonen wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungsarbeit einen deftigen Platzverweis in Form eines Arschtrittes.
So manches mal mochte ich ihn ja. Wenn auch nur wie meist mit knirschenden Zähnen. Dieser kleine Ausrutscher zeigte tatsächlich Wirkung, denn seit dem verirrte sich niemand mehr von diesen Pressefuzzies weit und breit auf der Meile und erst recht nicht bis in die Nähe der „Schatulle“.
Doch mit seinem dauernden Gerede über Motive und Täterprofile konnte Kilian uns alle schon so manchmal auf die Palme bringen.
„Nicht so hastig Steph. Wir haben eine Abmachung.“ Stellte er fest.
„Eine Abmachung? Wovon redest du eigentlich?“ Fragte ich ich ihn. Doch das mulmige Gefühl in uns allen, dass schon sehr bald wieder etwas passieren würde, überschattete den Abend.
„Ich und meine Leute leiten die Ermittlungen. Damit das mal endlich jedem von euch Hornochsen klar wird. Ohne mich würde es hier nur noch so von Bullen wimmeln. Und dann seid ihr alle am Arsch und könnt bald eure Läden zumachen. Und dieses Schwein läuft weiter draußen herum und macht in aller Ruhe weiter.“
Weiter reichten seine Worte nicht, denn wer, wenn nicht er selbst, wusste, dass seine Ermittlungsergebnisse mehr als kläglich waren. Meine Devise war da doch mehr die Abschreckung.
Vielleicht sollten wir wirklich ein paar von diesen Gesichtern in ihren feinen Anzügen mal ordentlich auf den Kopf stellen.
Bis ihre Schlagringe, Schnappmesser und Knarren von selbst aus ihren Taschen fielen. Und irgendwann wäre auch er vielleicht auch dabei und könnte sein Testament machen.
Ja, irgendwann. Nur wann?
Ich schätzte jedenfalls, die kalte Luft heute Nacht da draußen würde mir gut tun. Ein Griff zu meiner Jacke, ein Wink herüber zu Boris und Jurij und schon eine Minute später stand ich auf der Straße, ließ die Blicke über die Schultern schweifen und machte mich auf dem Weg herunter zum „Eros“.
Ich glaubte längst, die ganze Sache nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Denn zwischenzeitlich war es nicht nur Kilian selbst, der mit gewaltig im Nacken saß, sondern auch alle die anderen Clubbesitzer, die mir auf die Schultern klopften und endlich Ergebnisse sehen wollten. Sicher war nur, wenn ich den Jungs nicht bald was Brauchbares auf den Tisch legte, hatte ich ein gewaltiges Problem.Was ich nun also wirklich nicht brauchte, wäre auf dem Kiez eine handfeste Meuterei und die Zeche dafür zahlte ich allein.
Ich schlenderte entlang der Bars und Clubs, aus denen die Musik nur so wummerte und dröhnte.
„Schau mich an du Penner. Kannst du nicht aufpassen? Ich rede mit dir.“ Ich verschloss die Augen um Stress mit diesem Typen, der mich fast zu Boden riss zu vermeiden. Obwohl ich ihn wirklich gerne für seine Dreistigkeit den Hals gebrochen hätte.
Nur schon ein paar Seitenstraßen weiter nahm sich eine Truppe einer Biker Gang einen Jungen vor, der offensichtlich nicht so viel Schwein hatte wie ich.
Der Junge lag doch schon am Boden und man hörte sein Winseln und sein Geschrei. Und dennoch bekamen diese Arschlöcher nicht genug davon, ihn immer wieder gegen seinen Kopf und in seinen Bauch zu treten, bis er blutend in seinem Gesicht und auch sonst überall an seinem schmächtigen Körper regungslos auf dem kalten Asphalt liegen blieb.
Als der Rettungswagen einrollte, standen diese Kuttenträger dort und hatten natürlich nicht die Spur einer Ahnung.- Sechs gegen Einen -Sechs, wie die Anzahl der Patronen in der Trommel meiner Magnum Kal.38mm. Und jede einzelne von ihnen wäre sicher tausend mal schneller gewesen, als diese feigen Schweine hätten weg rennen können, um ihre Ärsche ein Sicherheit zu bringen.
Niemand hatte natürlich etwas gesehen. Es interessierte wirklich niemanden, selbst wenn sie den Kerl tot geschlagen hätten. Und ausgerechnet hier suchten wir nach einem skrupellosen Killer.
Und sollte Kilian tatsächlich Recht behalten und der erste Mord an Lara Gawitter war nicht mehr als ein absurder, scheußlicher Zufall? Gehetzt und getrieben von einem vagen Gefühl und von einflussreichen Leuten in Polizeikreisen, die ihn am liebsten kalt stellen würden?  Schlagartig wurde mir klar, wie sehr wir noch immer im dunklen tappten.
„Hey, schön das du reinschaust.“ Begrüßte mich Nela freudestrahlend, nachdem ich das „Eros“ betrat und es mit Mühe und Not schaffte, mich bis zur Bar durch zu drängeln.
„Du siehst phantastisch aus Nela.“ Ich trat einen Schritt zurück, um sie mir anzusehen und bemerkte dabei die leichte beschämende Röte, die in ihren hübschen Gesicht aufstieg.
Neben Roya, die ihr keinen Millimeter von der Seite rückte, waren die zwei echt ein Pärchen zum Anbeißen.
Ich fragte mich bloß, wo sie bei den sexy Dessous ihre Kanone versteckte, ohne dass es jemand bemerkte?
Gedanken wirbelten mir durch den Kopf .
Tausende Gedanken, an Nina und Emily, die ständig zu Hause auf ein Lebenszeichen von mir warteten.
„Hey, macht Schluss für heute. Boris und Jurij warten bereits vor der Tür.“ Nicht nur verdammt hübsch, sondern auch pfiffig, wie Nela nun mal war, sah sie zweifellos mein Verlangen auf Nina in meinen Augen.

„Sind soweit.“ Das Zwinkern in ihren Augen und ihr Blick herüber zu Roya verriet mir, dass ich Recht hatte. Mit ihrer Hand strich sie ihr durch ihre rostrote,lockige Mähne und über ihre Wangen.
„Sie kommt mit, oder?“ Schmunzelte Nela.
„Was soll das heißen? Klar kommt sie mit. Roya gehört jetzt zu uns.“ Erklärte ich flüsternd.
Nela umarmte und küsste mich ins Gesicht. Es dauerte nicht einmal geschlagene fünf Minuten und schon waren wir unterwegs.
Unterwegs nach Hause zu Nina, die mich bereits an der Tür empfing, nachdem sie vom Blubbern der Auspuffrohre des Chevy Blazer am Fenster des Schlafzimmers geweckt wurde. Ich spürte dieses unbändige Verlangen, sie jetzt einfach nur nehmen zu wollen. Ich genoss das Gefühl ihrer zarten Hände, die herunter zu meinem Hosengürtel wanderten. In diesem dämmerigen Licht des Schlafzimmers war Nina unfassbar schön. Meine Hände glitten über ihre Brust und ich küsste ihren Mund und ihren Nacken. Unsere Körper pressten sich eng aneinander und ich dachte das neue Leben in ihrem Bauch spüren zu können.

In dieser Nacht liebten und liebten wir uns immer wieder bis wir endlich erschöpft neben einander einschliefen.
Chloe, unser Hausmädchen war nicht nur eine gute Köchin und ein unschlagbares Kindermädchen, sondern zauberte fast wie gewohnt für uns alle am Morgen darauf ein herrliches Frühstück.
Doch war es die Presse und ein paar Fernsehleute, die mal wieder schneller als jeder andere am Tatort waren und unsere gemütliche Runde mächtig aufschreckte.
Alle berichteten sie bereits von einem weiteren Mordfall ganz hier in der Nähe.Und wieder war dieses mal das Opfer eine Frau, die, wie wir später erfuhren, nicht zum Rotlichtmilieu gehörte. Ich spürte schon, wie Kilian bereits schäumte vor Wut. Besser also ich ließ ihn nicht da hocken und warten und machte mich bereit auf den Weg zurück zur „Schatulle“.
Noch wussten wir nicht, was das zu bedeuten hatte.
„Scheiße! Lasst uns endlich los und das Schwein endgültig fertig machen.“
„Warte noch.“ Fiel Nela mir ins Wort. „Ich kenne diese Frau.“
„Du kennst sie.“ fragte ich erschrocken, fast ohnmächtig vor Wut auf diesen Kerl und besorgt um das Leben der Mädchen.
„Ja, das ist Brigitte Roth. Noch nie was von einer Roth-Vogel Korsage gehört?“ erklärte Nela.
„Ne, sollte man das?“ Erwiderte ich.
„Typisch Mann. Diese Teile sind der Look bei den Frauen auf dem Kiez. Kosten ein Schweinegeld.“ Grinste Nela.
„Du warst bei ihr?“ Fragte ich neugierig.
Na ja, warum nicht. Alle Mädchen da draußen wollten hübsch und sexy aussehen. Und manchmal sogar koste es, was es wolle. Sicher war nur, Brigitte Roth war wohl enorm erfolgreich und machte ein kleines Vermögen mit dem Fummel, dass sie sogar die Girls noch bis in die späten Stunden in ihrem Atelier empfing.
Ein paar Fußgänger fanden sie in den frühen Morgenstunden in einem Gebüsch im Stadtpark. Vergewaltigt, erdrosselt und mit zerschmetterten Gesicht, ihre Haare verklebt vom Blut und ihr nackter Körper übersät mit Blutergüssen.
Bevor ich das Haus verließ, wandte ich mich nochmal Nina zu, nahm sie in den Arm und presste sie an mich.
„Was ist los? Wann kommst du wieder?“ Fragte sie mich, schloss ihre Augen und spitzte ihre Lippen für einen Kuss.
Es war ein unglaubliches Verlangen, das sie in mir erweckte und ich spürte mal wieder, wie sehr ich sie begehrte.
„Bald. Sehr bald. Nela und Roya bleiben erst mal hier bei dir.“ Versprach ich ihr. Noch in der selben Sekunde klingelte mein Handy. „ Bin in einer halben Stunde bei euch.“
„Das solltest du auch. Und jetzt mach dich hierher. Es gibt Arbeit.“ Typisch für Kilian, doch wenn seine Stimme so am Telefon klang, führte er was bestimmtes im Schilde.
In der „Schatulle“ warteten alle bereits auf mein Erscheinen damit er uns in seinen Plan einweihen konnte.

„Also zuhören ihr Freizeitbullen. Da draußen gibt es wieder eine Tote.“ Mit der  Tonlage seiner Stimme versuchte er uns, wie so oft klar zu machen, dass er allein bestimmte, was getan würde und der Rest tanzte nach seiner Pfeife.
„Auch schon gemerkt? Sag uns lieber, wie das hier weiter geht.“ Muckte Herzchen, dem sein Befehlston mehr und mehr missfiel.
Die Stimmung war angeheizt und zum Zerreißen gespannt. Doch sein Vorschlag, uns in zwei Gruppen aufzuteilen, entspannte zunächst die Situation.
Zugegeben, sein Plan, den Stadtpark mit Hilfe einer angeforderten Hundertschaft zu durchkämmen, gefiel mir. Jeder wusste, dass er nicht nur tagsüber von Spaziergängern genutzt wurde, sondern auch bei Nacht den Pennern und Junkies als Unterschlupf diente.
Wie besessen von seiner Idee verhörten seine Leute rund um die Uhr jeden Fixer und jeden Alkoholiker. Irgendwer musste doch was gesehen oder gehört haben. Und tatsächlich machte ein der Drogenfahndung nicht unbekanntes Pärchen die ersten Beobachtungen.
Zur gleichen Zeit quetschten wir die Mädchen auf der Meile aus und versprachen ihnen unseren Schutz, sobald sie irgendwas merkwürdiges beobachteten. Am meisten Sorgen machten mir jedoch die Trittbrettfahrer. Immer mehr Freiern schien es zu gefallen, einmal ganz oben auf der Liste gesuchter Killer zu stehen.

Die Story vom Kiezmörder lockte die Leute in Scharen auf die Meile. Ich glaubte derweil nur noch an den Zufall. Wie zum Teufel sollten wir ihn in diesem Gewühl finden?
Niemand von uns hatte ihn doch bis jetzt wirklich gesehen. Mit den Mädchen wechselten wir meist nur ein paar Worte. Doch niemand von ihnen hatte etwas bemerkt oder erinnerte sich.
Kein Wort kam über ihre Lippen, so sehr wir auch herumstocherten. Stattdessen zeigten sie uns ihre Reizsprays, Elektroschocker und Springmesser. Sogar die ein oder andere kleinkalibrige Schusswaffe kam zum Vorschein. Ganze Waffenarsenale, die sie in ihren Ledernen, mit Strasssteinen besetzten Täschchen neben ein paar Präservativen bei sich trugen.
Kilian rastete komplett aus, wenn er auch nur im geringsten davon erfuhr, dass wir sie wieder mit dem Zeug laufen ließen. Nach Stunden akribischer Suche gab es hier kein Fleckchen, keine Bar oder Club, in dem wir nicht auftauchten und uns gründlich umsahen.
Nicht das mir dieser Kerl in irgendeiner Art und Weise imponierte. Nein, das nun wirklich nicht.
Aber er schien keine Fehler zu machen. Sogar der Stein ganz in der Nähe des Tatortes, mit dem er Brigittes Gesicht zerschlug, brachte im kriminaltechnischen Labor keine neuen Hinweise. Keine Blutspuren vom Täter, nicht einmal ein Haar für eine DNA-Probe.
Kilian würde sicher niemals aufgeben ihn zu finden. Selbst wenn wir alle mit unserer Weisheit fast schon am Ende waren. Er setzte weiterhin auf das Motiv.
– Ohne Motiv keinen Täter –
Das war halt seine Theorie, die mich zwar nervte, aber wie schon gesagt, was jahrelange Erfahrung in der Ermittlungsarbeit anging, war er nun mal die absolute No.1.
Ob mir das gefiel oder nicht. Es war einfach egal. Selbst Herzchen, der ihn nun ja auch schon wie seine eigene Westentasche kannte, bestärkte mich dabei.
„Eine Serie?“ Fragte ich Kilian auf einem unserer nächsten Treffen.
„Nicht auszuschließen.“ Antwortete er, wenn auch nur halbwegs überzeugt von seiner eigenen These.
„Mit was haben wir es hier zu tun.“ Interessierte sich Herzchen, dem mal wieder drohte der Kragen zu platzen.
Ich hoffte, ein paar Whiskey on the Rocks brachten ihn ganz schnell wieder auf die Spur.
„Er hat es nicht auf die Frauen abgesehen.“ erklärte Kilian.
„Was macht dich so sicher?“ Fragte ich ihn.
„Sein Motiv ist der Neid.“

Das große Rätselraten beim Rest der Truppe hatte begonnen. Es stand förmlich in unseren Gesichtern. Das Nebenzimmer in der „Schatulle“ versank in einem Geraune. Wenn ich auch so meine Probleme mit Kilian hatte, versuchte ich mir, wenn auch krampfhaft, vorzustellen, ob an seiner Geschichte etwas dran war.
Sicher war nur, das schon ganz andere Leute für viel weniger brutal in Jenseits befördert wurden. Also warum nicht auch wegen des Erfolges anderer? Na ja, ich beschloss, mich mit weiteren Kommentaren erst mal zurückzuhalten, bis ich genau erfuhr, was er uns noch zu sagen hatte.
„Klappe halten und zuhören. Noch mal für alle, ihr Einfaltspinsel. Gold-Gerd hatte Kohle ohne Ende und hat sie auch gerne in die Luft gehauen.“ Man sah direkt in den Gesichtern, wie bei den ersten, doch der Groschen fiel.
„Und Brigitte Roth war eine erfolgreiche Unternehmerin. Beliebt bei den Frauen vom Kiez für ihren Edelzwirn.“ Fuhr er weiter fort.
„Fragen?“
„Und Lara Gawitter, das Mädchen vom Sperrbezirk?“ Wandten sich ein paar der Leute der Crew an Kilian.
„Das müssten wir eigentlich Gold-Gerd fragen, was er genau mit den beiden da draußen vor hatte. Aber Tote reden nicht, sonst würden sie die Wahrheit sagen.“
„Also suchen wir ihn genau hier. Auf der Meile?“ Fragte ich.
„Ja. Vielleicht lebt oder wohnt er sogar hier.“ Erklärte Kilian. „Und weißt du noch warum?“
„Nein. Erkläre es mir doch einfach.“ Erwiderte ich.
„Das fragst ausgerechnet Du?“ Antwortete er ohne einen Blick. „Er hat die Hosen gestrichen voll, dass er gesehen wurde und hat hier noch eine offene Rechnung mit deiner neuen Freundin. Wie ist noch gleich ihr Name. Carolin?“

„Du meinst Roya und sie bleibt ganz genau da, wo sie ist.“ Erklärte ich ihm unmissverständlich. „Niemand weiß, wo sie sich aufhält. Und daran wird sich auch nichts ändern.“
Kilian musterte mich mit raschen aber dennoch scharfen Blicken. Blicke, die Bände sprachen.
Bände über eine scheinbar niemals enden wollende Geschichte.
Eine Geschichte über eine Zeit und über Ereignisse, die sicher nur ihn und mich ganz allein etwas angingen.
Vielleicht auch noch Herzchen, der zu einem guten Freund und Weggefährten wurde und über alles genauestens Bescheid wusste, was sich damals ereignete.
Vielleicht fragte ich ihn tatsächlich einmal, was so sein größter Wunsch wäre, wenn das alles mal irgendwann hier vorbei war.
– Ne, sicher nicht Herzchen, der alte Knacker. Der blieb sicher hier, bis sie ihn waagerecht durch die Tür der „Schatulle“ trugen –
Von Nina, die uns schon bald unser zweites Kind schenkte. Eine kleines Schwesterchen für Emily, die schon langsam laufen lernte und die bereits ersten Worte quakte.
Und natürlich Nela und jetzt auch Roya, die, wie es aussah, sich ineinander verknallten. Warum auch nicht?
Echt richtig süß die zwei, wenn sie da so manches mal auf der Matratze hockten, sich gegenseitig verwöhnten und dabei pausenlos in Magazinen über die schönsten Fleckchen der Welt schmökerten.
Bilder vom roten Strand in Panjin in China, vom Lake Hillier in Australien, von den Nationalparks in Utah U.S.A…oder von einem tollen Haus am Chlong Chao Beach in Thailand, in dem für uns alle mehr Platz als genug wäre.
Für einen Moment hielt ich inne, trank mein Glas fast leer und verließ das Hinterzimmer, bis ich plötzlich auf der Straße stand, wo Boris und Jurij mich bereits im Chevy Blazer mit laufendem Motor erwarteten.

**
„Killian!“ Judith war beinahe sprachlos, nachdem sie das Päckchen geöffnet hatte. Judith hatte einen ganzen Schrank voller Dessous, doch Nela und auch Nicole hatten Recht. Ich sollte Judith eigene Dessous kaufen.
Also war ich in meiner spärlichen Freizeit losgezogen und hatte mir etwas Passendes besorgt. Es waren zwar keine Rothvogel Teile und sie kosteten auch keine 1.000 Euro, aber ich hatte sie auch nicht aus einem billigen Sexshop.
Wir hatten in einem griechischen Restaurant ein wirklich gutes Essen genossen und zwischen Dessert und Nachspeise überraschte ich Judith mit meinem Präsent.
Das bestand aus einem stahlblauem-schwarzen BH Set, mit dem dazugehörigen Straps Gürtel, den passenden spitzen besetzten Seidenstrümpfen und einem Halscollier.
Ohne auf die neugierigen Blicke von den Nebentischen zu achten hielt sich Judith den BH an. „Killian, das ist wunderschön.“
„Ich finde, du solltest öfter solche Geschenke von mir bekommen.“
„Darüber würde ich mich sehr freuen. Soll ich es gleich anziehen?“ Fragte sie mit einem Augenzwinkern.
„Würde mir gefallen, doch auf Rücksicht auf deinen öffentlichen Ruf, würde ich auch bis nachher warten.“
„Ach mein Lieber, das mag ich so an dir, dein Verständnis für andere.“
„Du hast deinen Hintern gerade für eine Bestrafung angemeldet.“ Grinste ich verschwörerisch. „Ich wette das Rot deiner Arschbacken passt hervorragend zu dem Blau des Höschens.“
„Könnte sein. Willst du noch den Nachtisch abwarten, oder bringst du mich sofort nach Hause?“
„Nein, wir warten das Dessert noch ab. Du weißt doch, Vorfreude ist die schönste Freude. Genieße das Sitzen, solange es noch nicht weh tut.“
Uns gegenseitig angrinsend aßen wir das Dessert, nachdem es uns ein neugierig anschauender Kellner serviert hatte.

**

Eine Stunde später stellte ich fest, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, Judiths glühende Arschbaken passten farblich hervorragend zu dem Blau des Stoffes.
Judith lag bäuchlings auf dem Bett mit einem Kissen unter ihrem Unterleib. So hob sich ihr Arsch prächtig nach oben und wurde von mir bearbeitet. Ihre Arme und Beine waren an das Bettgestell gefesselt und langsam färbte sich das bisschen Stoff zwischen ihren Schamlippen dunkel, so nass wurde sie.
Gerade als ich der Meinung war, dass es jetzt genug mit dem Vorspiel war, klingelte das Telefon ein einziges Mal. Dann Sekunden später klingelte es erneut.
VERDAMMT! Das war das Zeichen, dass ich mit Graling vereinbart hatte, wenn es wirklich brennen sollte und es ein Notfall war.
„Ich hoffe für dich, dass es wirklich ein Notfall ist.“ Mit diesen Worten nahm ich das Gespräch an.
„Baumann, du kommst besser schnell hier her!“

**

„SCHEIßE SCHEIßE SCHEIßE!“
Laut fluchend ging hinter Graling die Treppe herunter in den Vernehmungsraum. Dort saß Marc Spreier völlig down und schaukelte hin und her.
Graling hatte gerade Dienst, als Marc aufschlug und seine Michaela als vermisst gemeldet hatte. Marc stand sichtlich unter Drogen und konnte kaum einen Satz sinnvoll formulieren und die Beamten wollten ihn erst einmal in ein Untersuchungszimmer bringen, um ihn vom Bereitschaftsarzt untersuchen zu lassen. Auf dem Weg dorthin wurde Schaum, der zufällig über den Flur lief, auf ihn aufmerksam.
„Was ist mit dem?“ Wollte Schaum von dem Beamten wissen.
„Der ist völlig auf Droge, faselte etwas von verschwundener Frau, oder Freundin. Keine Ahnung, ich bin nicht ganz schlau geworden aus dem, was er da erzählt hat. Am besten untersucht ihn der Arzt und wir warten, bis er wieder klar reden kann.“
„KACKE!“ Brüllte Schaum und der Beamte erschrak. „Bringen sie ihn sofort in den Vernehmungsraum und rufen sie den Arzt. Er soll hin machen, das ist ein Notfall!“
Schaum rannte los, zu Graling der gerade die Leitung hatte.
Als ich eintraf, litt Marc schon unter deutlichen Entzugserscheinungen. Die Arme eng an sich gepresst, schaukelte Marc auf dem Stuhl vor und zurück.
„Was hat er gesagt?“ Wollte ich von Graling wissen.
„Nichts, er sagt, er redet nur mit dir.“
„Na schön!“ Ich stieß die Tür zum Vernehmungszimmer auf und Marc schreckte hoch.
„SIE IST WEG!“ Schier er als Erstes.
„Ganz ruhig. Erzähl, was los ist.“
„SIE IST WEG! MEINE FRAU IST VERSCHWUNDEN! DAS IST ALLES DEINE SCHULD!“
„KLAPPE!“ Fuhr ich ihn an. „Du hältst jetzt mal die Luft an, zählst bis drei und erzählst von Anfang an.“
„Wir hatten Streit. Sie wollte wieder, dass ich eine Therapie mache. Ich will ja… Ich… Wir haben gestritten und dann ist sie verschwunden.“
„Vielleicht hat sie auch einfach die Schnauze voll von dir?“
„NEIN! Ich… sie hat mich noch nie im Stich gelassen. Sie weiß, dass ich sie… Nein.“
„Hattet ihr öfter Streit?“
„Ja, das schon, aber sie ist immer zu mir zurückgekommen. Sie ist nie…“
Normalerweise würde ich sagen, dass Michaela einfach genug von diesem Versager hatte. Doch ich hatte bei unserer ersten Begegnung ebenfalls einen Eindruck von Michaela bekommen. Sie machte sich Sorgen um Marc. Zwar schaffte sie es nicht, ihn von der Nadel weg zu bekommen, doch sie ließ ihn auch nicht allein.
Sie war klug genug um zu wissen, dass es für Marc nur zwei Möglichkeiten gab. Es schaffen, einen Entzug durchzuziehen, oder mit einer Spritze im Arm verrecken. Doch egal wie es laufen würde, Michaela würde Marc nicht sitzen lassen.
Das brachte mich zur einer Million Euro Frage. War es Zufall, dass Michaela verschwand, nachdem sie den Killer von Brigitte Rothvogel gesehen hatte?
NIEMALS!
„Wenn ihr Streit hattet, wie lief es normalerweise ab?“
„Michaela geht meistens zu einer Freundin. Sie Quatschen dann miteinander und irgendwann, nach ein paar Stunden, kommt sie dann wieder zurück.“
„Wann ist Michaela weggegangen?“
„Gestern Mittag.“
„Wie heißt die Freundin und wo wohnt sie?“
„Klara Sie heißt Klara. Sie hat keine Wohnung, lebt auf der Straße.“
„Klara und wie noch?“
„Weiß nicht. Ich kenne sie nur als Klara.“
„Und wo finden wir diese Klara?“
„Sie ist oft am Bahnhof.“
„Gibt’s ein Foto von ihr?“
„Nein…. Doch! Moment.“ Mit zittrigen Fingern zog er sein Handy aus der Tasche und fing an es zu bearbeiten. Durch das Zittern seiner Finger dauerte es ewig, bis er den richtigen Ordner gefunden hatte. Am liebsten hätte ich ihm das Handy aus der Hand genommen und selber nachgeschaut, aber dann würde er am Ende noch mauern, dass letzte, was ich gebrauchen konnte.
Schließlich fand er das gesuchte Bild und hielt es mir hin. Darauf waren Michaela und eine andere Frau zu sehen. Die andere Frau, eine Punkerin, hatte schwarze Haare und einen Irokesenschnitt. Sie war entsprechend geschminkt und trug die typischen verschlissenen Klamotten.
Wortlos gab ich das Handy an Schaum, der sofort das Bild herunterlud und einen Ausdruck davon machte.
„Ich will meine Frau wiederhaben! Das wäre nicht geschehen, wenn wir den Mund gehalten hätten. Ich will sie wiederhaben!“
Sonst prallten solche Worte an mir ab. Die beiden hätten auch ohne mich Streit bekommen. Auch ohne meinen Rat, Marc zu einem Entzug zu bringen, irgendwann hätte es sicherlich gekracht zwischen den beiden.
„Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde tun, was ich kann. In der Zwischenzeit überlegst du dir Folgendes, willst du deine Frau Michaela zurückhaben, oder bloß diejenige, die blöd genug ist, sich um dich zu kümmern.“

**

„Verdammter Mist!“ Fluchte ich. Egal wie man es sah, Marc hatte fürchterliche Angst um seine Michaela. Obwohl er unter Drogen stand und eine Bewährungsstrafe offen hatte, war er zu uns gekommen. Das zeigte, wie verzweifelt er war.
Jetzt waren wir auf dem Weg zum Bahnhof und Bundesbeamte in Zivil schwärmten aus, um diese Klara zu finden. Eines war sicher, mein Team war zu bekannt und sobald es am Bahnhof aufschlug, würden die Junkies und Penner wie die Ratten das Weite suchen. Das Gleiche galt, wenn Beamte in Uniform den Bahnhof absuchten.
Seit zehn Minuten saßen wir auf dem Parkplatz der Bundespolizei und warteten, dann kam endlich der erlösende Anruf.
„Wir haben sie gefunden. Sie sitzt mit ein paar anderen Punks am Osteingang. Sollen wir sie festnehmen?“
„Nein, beobachtet sie. Wir sind auf dem Weg, haltet sie fest, falls sie abhauen will.“
Graling warf den Motor an und führ zum Bahnhofsvorplatz.
Genau wie ich es mir dachte, sprangen die ersten „Bahnkunden“ auf, als wir um die Ecke fuhren. Als Graling den Wagen am Osteingang zum Stehen brachte stoben auch die Punks auseinander und wollten das Weite suchen. Zwei als Touristen gekleideten, Zivilbeamte spurteten los und hielten Klara fest, bevor sie im Gewühl verschwinden konnte.
„Das reicht! Das reicht, sage ich.“ Fuhr ich dazwischen, als Klara unsanft festgehalten wurde.
Die Polizisten ließen los und Graling, Schaum und ich nahmen Klara in die Mitte.
„Mann, ihr Scheißbullen! Was wollt ihr? Ich bin clean!“ Fuhr sie uns an.
„Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.“ Antwortete Schaum.
„Leck mich!“
Bevor die Situation sich weiter zuspitzte, gab ich Schaum zu verstehen, dass er es dabei belassen sollte.
Graling und Schaum nahmen Klara in die Mitte und zogen sie mit. Klara schaute sehr verwundert, als wir zum Bahnhofscafé gingen und Graling sie auf einen der Stühle setzte.
„Was wollt ihr von mir?“ Fragte sie, als wir uns ebenfalls gesetzt hatten.
„Michaela!“
„Die hab ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“
„OK, lassen wir den Scheiß.“ Entgegnete ich. „Michaela ist seit gestern verschwunden und ich befürchte, dass sie in ernster Gefahr schwebt.“
„Ach ja?“
„Sie hat einen Mörder gesehen und ihn beschrieben. Ich glaube, dass der Killer sie entführt hat und sie umbringen will. Also Hast du sie gesehen?“
Jetzt schaute Klara sehr unsicher. Also machte ich ihr den Ernst der Lage drastisch klar.
„Ich wette, du hast von dem brutalem Mord im Park gehört. Derselbe Killer hat schon sechs andere Menschen umgebracht, Michaela ist die einzige, die ihn gesehen hat, also ist sie in großer Gefahr.“
„Ja, ja sie war gestern hier.“ Stammelte Klara. „Sie hatte Stress mit ihrem Macker. Michaela will, dass er eine Therapie macht. Deswegen haben sie sich dauernd in der Wolle. Sie ist hergekommen und wir haben geredet. Sie hat mir gesagt, wie satt sie das hat. Das gleiche wie immer.“
„Und dann?“
„Auch dasselbe wie immer. Nachdem sie sich ausgeheult hat, ist sie zurück zu ihrem Versager.“
„Wann war das?“
„Gegen 11 Uhr nachts.“
„Ist sie zu Fuß nach Hause?“
„Ja, das heißt ich weiß nicht. Geld für ein Taxi hatte sie sicher nicht.“
„Weißt du wenigstens wo lang sie gegangen ist?“
„Sie ist in Richtung Park gegangen.“
„Gut“, ich gab ihr eine Karte von mir, „wenn du, oder einer deiner Freund was hört, ruf mich an! Ganz gleich wie unwichtig es scheint.“
„Mach ich.“ Klara steckte die Karte weg und ah mich an. „Wird er… Was wird er mit ihm tun?“
„Ich weiß es nicht, aber ich werde sie suchen, helft mir dabei.“
„Versprochen Bulle!“

**

„Richtung Park…“ murmelte ich. Vom Osteingang des Bahnhofs konnte ich in einiger Entfernung den Park sehen. Dazwischen lagen die Taxistände, ein paar Schnellrestaurants und andere Läden.
„Wenn sie durch den Park ist, finden wir niemand der sie gesehen hat.“ Meinte Schaum.
„Ich weiß nicht.“ Graling schaute sich um. „Ich meine, sie hat gesehen, wie Jemand im Park eine Frau ermordet. Ich glaube nicht, dass sie allein, mitten in der Nacht, durch den Park läuft.“
„Durch den Park ist sie in der halben Zeit zu Hause. Am Park vorbei, durch die Stadt dauert es mindestens 20 Minuten länger.“
„Graling hat Recht, ich denke auch nicht, dass sie durch den Park ist. Reden wir mal mit den Taxifahrern, vielleicht hat sie ja einer gesehen.“
Gesagt, getan. Wir befragten jeden Taxifahrer, der vor Ort war und fragten auch nach Kollegen, die gestern Nacht Dienst hatten. Aber keiner hatte Michaela gesehen. Auch die Fahrer versprachen die Augen offen zu halten und ihre Kollegen zu verständigen.
Schaum hatte dazu eine geniale Idee. Im Zeitalter moderner Kommunikation, schickte er Michaelas Bild einem der Fahrer, per WhatsApp auf sein Handy, und schon leitete er das Bild an alle anderen Fahrer weiter.
**
Gegen 18 Uhr saßen Berger, Schaum, Graling, Schaller und Kammer im Besprechungsraum als es klopfte. Susanne Greif trat ein und entschuldigte sich, dass sie erst jetzt kommen konnte.
Zusammen gingen wir alle Möglichkeiten durch. Berger, eine Hundertschaft und Spürhunde hatten das Gelände, auf dem man Gold-Gerd gefunden hatte erneut durchsucht. Bis jetzt hatte man Michaelas Leiche noch nicht gefunden.
Dennoch, war die Hoffnung sie lebend zu finden geradezu erbärmlich.
„Was denken sie?“ Fragte ich Greif.
Susanne Greif sah kurz durch mich hindurch. „Was soll ich sagen? Ich will ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Wenn sie tatsächlich von ihrem Killer entführt wurde, dann lebt sie vielleicht noch. Unser Mörder hat bis jetzt aus Neid gemordet. Falls, nur falls, er sie nicht gleich umgebracht hat, könnte sie noch am Leben sein.“
„Also entweder hat er sie gleich umgebracht und wir haben sie nur noch nicht gefunden, oder er hat sie irgendwo versteckt.“
„Wieso hat ihn niemand gesehen?“ Fragte Schaller. „Ich meine, er ist doch kein Gespenst!“
„Er ist ein Meister darin nicht aufzufallen. Sie müssen sich darüber klar sein, sie suchen nach einem ganz gewöhnlichen Mann. Jemanden, den keiner verdächtigt.“
Plötzlich fiel mir die Prollkarre ein, die auf dem Kiez für Aufregung sorgte.
„Da gibt es zwei Möglichkeiten.“ Meinte Greif dazu. „Entweder ist der Fahrer der Mörder, dann benimmt er sich so auffällig, dass er schon wieder unverdächtig ist, oder der Halter des Wagens ist unschuldig. Meiner Meinung nach, passt das fahren eines solchen Autos nicht in das Verhaltensmuster des Killers. Bis jetzt hat er sich so unauffällig verhalten, dass ich niemand auch nur annähernd verdächtigt.“
„Steph und seine Truppe haben den ganzen Kiez nach dem Kerl abgesucht. Ich hasse es zwar das zu sagen, doch Boris und Juri sind Profis, die wissen, was sie tun. Sie haben jeden Stein zweimal umgedreht und nichts gefunden.“
„Das wundert mich nicht. Das liegt daran, dass sich unser Mann überhaupt nicht versteckt. Er sieht sie, sieht was und wo sie suchen, er muss sich nur weiter unauffällig verhalten. Was diesen ominösen Fahrer angeht, würde ich ihnen raten, ihn schnell zu finden.
Falls er der Mörder ist, haben sie ihren Killer, falls nicht…Er repräsentiert genau das, was unseren Mörder zum Killer werden lässt.“
„Im Klartext“, mischte sich Graling ein, „solange der Mann keinen Fehler macht, finden wir ihn nicht.“
„Exakt.“

„Wir müssen ihn aus der Reserve locken.“ Entschied ich. „Vorschläge?“
„Setzen wir ein paar Lockvögel ein.“ Schlug Schaller vor. „Wir besorgen und ein paar geile Karren und lassen es auf dem Kiez krachen.“
Ich sah Greif an und die nickte.
„Gut, ich werde mit Herzchen reden. Die Kohle die wir auf den Tisch hauen, muss zurück, sonst bekommen wir den Plan nicht genehmigt.“
„Setzten wir ihn unter Druck.“ Warf Kammer ein und alle Augen richteten sich auf sie.
„Er ist vielleicht ein Profi darin sich unsichtbar zu machen, doch bis jetzt stand er noch nicht unter Druck. Wenn er Michaela tatsächlich entführt und noch nicht ermordet hat, macht er ja vielleicht einen Fehler, wenn wir die Daumenschrauben anziehen.“
Schweigen legte sich über den Raum.
„Das ist ein gefährliches Spiel, mit hohem Einsatz.“ Sagte Graling als erstes. „Wie sehen sie das?“ Wollte er von Greif wissen.
„Gehen wir einmal davon aus, dass er Michaela tatsächlich entführt hat. Der Killer tötet aus Neid, Michaela ist weder wohlhabend noch reich. Wenn er sie nicht gleich getötet hat, ist sie sicher, biss ihn der Hass auf die Menschen, die er verachtet, wieder zum Mörder werden lässt. Dann aber… Ich befürchte die Zeit, die Michaela in seiner Gefangenschaft überlebt, ist nicht allzu lange.
Je länger sie in seiner Gewalt ist, umso größer ist die Gefahr, dass er sie umbringt. Wenn sie ihn unter Druck setzen, bringt er sie vielleicht gleich um. Es ist ein Vabanquespiel.“
Jetzt wanderten alle Blicke zu mir. Das war die Scheiße daran Teamchef zu sein. Die Entscheidung lag bei mir. Hier ging es nicht um Sorokin, oder irgendwelchen anderen Abschaum, auf den ich verzichten konnte, hier ging es um ein junges Mädchen, dass entführt wurde, weil es uns helfen wollte. Schließlich raffte ich mich zu einer Entscheidung durch.
„Also gut! Setzten wir dem Scheißkerl zu!“

**

Dreißig Minuten später zog Kammer mit hunderten von Bildern los, auf denen Michaela zu sehen war.
„Geh zum Bahnhof und sprich mit Klara. Bringt die Bilder an den Mann. Ich will, dasd jeder Punk am Bahnhof ihr Gesicht kennt.“ Hatte ich zu Kammer gesagt.
Schaum zog ebenfalls mit einem Stapel Bilder los und erledigte dasselbe mit den Taxifahrern, denn auch unter diesen gab es Dinosaurier wie mich, die WhatsApp für ein asiatisches Gericht hielten.
Jetzt hatte ich noch ein Revier übrig…
Stephan hatte alle seine ganze Truppe zusammengetrommelt. Das Eros war bis zum Platzen voll. Abgesehen von ein paar „Leichtgewichten“ standen einige hundert Jahre Knast auf einem Haufen. Es war tatsächlich ein seltsames Bild. Auf der einen Seite Neun-Finger-Steph und seine Truppe, angeführt von Boris und Juri, auf der anderen Seite mein Team. Ich kam mir vor wie in einem Raubtiergehege, bei dem man die Trennzäune zwischen den Tigern und den Löwen entfernt hatte. Noch ging das gut…. Doch immerhin, noch vor ein paar Monaten, wäre ein solches Treffen nie zustande gekommen.
„KLAPPE HALTEN UND ZUHÖREN!“ Rief ich. Tatsächlich wurde es nach einer Minute ruhig.
„Ich nehme an, ihr wisst alle, um was es geht. Wir jagen den Kiezkiller. Gestern Abend hat er ein Mädchen entführt und wir denken, dass sie noch leben könnte.“ Während ich meine Ansage machte, verteilten Schaller und Kammer stapelweise Bilder von Michaela. „Ich will, dass jeder von Euch die Bilder an alle verteilt die er trifft. Ich will, dass an jeder Laterne, jeder Wand und jedem Baum ein Bild von ihr hängt!“
„Und was soll das?“ Rief einer.
„Wir wollen den Killer unter Druck setzten und hoffen, dass er einen Fehler macht. Bis jetzt hat er keine gemacht und ist uns durch die Lappen gegangen.“
„Du meinst er ist EUCH durch die Lappen gegangen.“ Rief ein anderer.
„Ja, nur bringt er keine Polizisten um, sondern euch und eure Kundschaft!“
Das führte zu einem lauten Palaver, bei dem alle durcheinander schimpften.
„SCHNAUZE!“ Brüllte Herzchen und sofort war Ruhe. „Ihr habt den Bullen gehört! Er hat das Kommando, bis wir das Schwein haben, ist das klar?!“
Keiner, nicht einmal Stephan und seine harte Truppe wagten zu widersprechen.
„Dann an die Arbeit!“ Befahl Herzchen.
Das Gewühl löste sich auf und das Eros leerte sich. Schließlich blieben nur Herzchen, Steph, und Boris bei mir.
„Die ist schon klar, dass du mit dem Leben dieses Mädchen spielst? Was wenn er sie auf deinen Druck hin umbringt?“ Fragte Steph.
„Es ist die einzige Chance, die ich sehe, an ihm heranzukommen.“
„Ziemlich dürftig.“
„Wenn deine Chips alle auf dem Tisch liegen und du ein miserables Blatt hast, musst du eben bluffen und das Beste hoffen. Und jetzt zu dir!“
„Was hast du denn jetzt schon wieder?“
„Ich muss wissen, was Roya gesehen hat! Sie ist die einzige Zeugin, die noch etwas sagen kann. Entweder sie packt langsam aus, oder ich buchte sie ein und es ist mir egal, wie sehr Nela sie mag. Hier geht es um einen Serienmörder. Sieh zu, dass Nela sie zum Reden bringt!“

**

Michaela saß angekettet in einem dunklen, feuchten Keller. Wie lange sie schon hier saß, konnte sie nicht mehr sagen, jedes Zeitgefühl war verlorengegangen. Sie hatte Hunger, Durst und alle Glieder taten weh.
Die Handschellen, mit denen sie die Wand gekettet war, ließen ihr nur wenig Spielraum, vielleicht sie hätte es geschafft, den Sack, den ihr Entführer ihr über den Kopf gestreift hatte, vom Kopf zu ziehen, doch Michaela war klug genug es nicht darauf anzulegen.
Als sich in der Nähe eine Tür öffnete, schrak sie hoch. Schritte näherten sich und jemand blieb vor ihr stehen.
Schließlich zog ihr dieser Jemand den Sack vom Kopf. Nur langsam gewöhnten sich Ihre Augen an das schummrige Licht. Im Halbdunkel konnte sie einen Mann erkennen, der vor ihr stand.
Der ging vor ihr in die Hocke und Michaela sah lediglich zwei Augen, die aus einer Sturmhaube hervorschauten.
„Was wollen sie von mir?“ Fragte sie ängstlich, doch die Antwort kannte sie schon. Sie erkannte den Mann aus dem Park sofort wieder. Panik breitete sich in ihr aus, doch unter einer unglaublichen Anstrengung schaffte sie es, diese zu unterdrücken.
Wortlos schob ihr der Mann eine Plastikflasche mit Wasser zu, dazu ein Stück Brot. Zögerlich griff Michaela die Flasche und trank einen kleinen Schluck. Das Brot rührte sie nicht an und suchte gleich wieder Schutz in ihrer Ecke.
Ihr Entführer ging wortlos zur Tür und holte einen Gegenstand herein, den er an die Wand gegenüber, unerreichbar für Michaela hinlegte.
Als die den Gegenstand erkannte, übernahm die Panik die Kontrolle. Sie riss an den Ketten und schürfte sich die Handgelenke auf, was aber auch den einzigen Effekt darstellte.
Immer noch schweigend trat der Mann zu ihr, zog ihr den Sack wieder über den Kopf und ließ sie allein.
Heulend saß Michaela da und verlor alle Hoffnung, denn der Gegenstand den ihr Entführer mit voller Absicht gezeigt hatte nichts anderes als ein Baseballschläger!

**

Kilian war nach wie vor davon felsenfest überzeugt, dass der Killer nur aus purem Neid mordete. Aus Neid am Geld und am Erfolg anderer? Für mich jedenfalls ergab das alles keinen Sinn.
Sogar noch dem Dümmsten unter uns war doch sonnenklar, dass die Girls da draußen auf der Meile in einer Woche mehr Kohle machten als jeder dieser Normalos in einem oder zwei Monaten. Sollte ihm das nicht bald zu seinem Verhängnis werden und ihn irgendwann wie von ganz allein direkt in unsere Hände treiben?
Na ja, immer vorausgesetzt, die Mädchen hatten genug Holz vor der Hütte und sahen besonders sexy aus. Dann spielte auch plötzlich das Geld, wenigstens für so manchen Freier nur noch eine belanglose Nebenrolle und diese Kiezgören wussten verdammt ganz genau, wie man diesen geilen Säcken die Kohle aus der Tasche zog.
Ja, so lief halt das Spiel hier auf dem Kiez und komplett auf der Strecke blieben die Junkies und die, für die die Zeit hier bald abgelaufen war.
Denn soviel lernte selbst ich hier. Ein Leben lang hielt man das nicht aus. Und darum zogen einige von selbst irgendwann die Notbremse, packten ihren Sachen und machten sich über Nacht einfach aus dem Staub , um irgendwo anders ein völlig neues Leben zu beginnen.
In einer anderen Stadt und manchmal, wie man sogar ganz nebenbei erfuhr, in einem anderen Land, was gerade mir besonders imponierte. Es dauerte auch nicht lange, bis andere Mädchen aufkreuzten, um ihre Plätze einzunehmen.
Häufig waren sehr junge Mädchen, aus Osteuropa oder Russland, gelockt vom schnellen Geld und bis hierher verschleppt. Von dubiosen Schleusertypen, die ihnen das Paradies versprachen, um sie nachher an den nächsten Zuhälter zu verticken.
Viele von ihnen wurden gefoltert und hundertmal vergewaltigt, bis sie letztendlich hier auf der Meile oder am Bahnhof auf dem Straßenstrich landeten.
Zugegeben, so manche bewunderte ich ein wenig für den Entschluss, einfach die Klamotten hin zu schmeißen und fort waren sie. Wenn das auch für das ein oder andere Mädchen ziemlich böse ausgehen konnte. Noch vor ein paar Tagen fand man erst wieder kurz vor der polnischen Grenze zwei junge Frauen, die zuerst brutal misshandelt und danach mit Kabelbindern um ihren Hals erdrosselt wurden, nur weil sie versuchten abzuhauen.
Eine ziemlich brutale Methode, ihnen auf die Weise das Licht auszuschalten. Wurden diese Teile erst einmal um ihre schlanken, weiche Hälse gelegt und bis zum Anschlag zugezogen, dauerte es eine ganze Weile, bist sie langsam und qualvoll erstickten. Freiwillig ließen die Luden sie jedenfalls nicht gehen. Kaum war die eine weg, klingelte es nicht mehr in der Kasse und schon war der nächste Zoff oder Mord bereits vorprogrammiert.
Dazu kamen hier noch haufenweise die Dealer und ihre dubiosen Zwischenhändler. Meist eher unauffällige Gestalten, die man nicht an ihren verblödeten Gesichtern erkannte. Die Kohle aber trugen lässig in der Hosentaschen, dass diese sich schon ausbeulten.
Da würde ich doch sagen, hatte man es schon mit einer Bande Albaner, wie die von Tarek Belisha schon einfacher.
Diese Kerle hörte man schon vom weitem Poltern und man wartete nur noch einfach, bis sie einem unter die Augen traten und drohten, dir den Arm zu brechen oder eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn man nicht genau das tat, was sie von einem verlangten.
Und wenn man den Gerüchten hier glaubte, so hörte man es schon wieder munkeln, dass sich Tareks Leute erneut formierten, um Rache an mir vor allem für Leona Levanaj, seiner Komplizin zu nehmen.
Alle Achtung! Da hatte Judith, Kilians Augenstern wirklich ganze Arbeit geleistet. Und das gleich bei ihrem ersten Versuch, eine Waffe abzuziehen. Ich erinnerte mich noch an das Bild, wie ihr der Schädel aufplatzte, als die Kugel in ihre Stirn einschlug und sie blutüberströmt zu Boden ging.
Wieder mal nur der Beweis dafür, das der noch so sicherste und härteste Knast seine undichten Stellen hatte. Bestechung und Korruption gehörten da zur Tagesordnung und wie auch hier auf dem Kiez ging es dabei um Macht und Kohle.
Doch Gerüchte und Tratsch gehörten einfach zum Kiez wie die Kanone unter dem Tresen. Vielleicht gab es deswegen keine Zeitungen hier weit und breit. Entweder war etwas dran oder eben nicht. Wirklich wissen tat das hier niemand.
„Lass sie nur kommen.“ Prahlte Herzchen dann meist mit seiner Asservatenkammer hinter der „Schatulle“.
Noch immer lagen dort, gesichert vor fremden Gemütern Kriegswaffen, mit denen man eine kleine Armee hätte ausrüsten können. Hauptsache wir wussten, woher das ganze Zeug kam.
Kilian selbst kniff dabei ein gewaltiges Auge zu. Man konnte halt nicht wissen,wer es wagte, uns nochmal gewaltig den Arsch aufzureißen. Und der ganze Kram fraß kein Brot, also blieb alles genau schön dort wo es war.
Doch erregt und auch ziemlich stocksauer darüber, dass wir immer noch in einem Labyrinth herum irrten, setzten mich Boris und Jurij vor unserer Villa ab.
Müsste ich mir wirklich Sorgen darüber machen, dass dieser Kerl irgendwann hier auftauchte? Genau hier an dieser Stelle? Vor dem schmiedeeisernen Tor, das man durchqueren musste, um bis vor die Tür unserer Villa zu gelangen?
Es beruhigte mich schon sehr, diesen beiden Kampfmaschinen das Kommando unserer Truppe übertragen zu haben. Und natürlich, dass Nela, wenn es passieren würde, mit ihrer Glock 17 Kal. 9mm ihm glatt die Kniescheibe wegschießen würde, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.
Und neuerdings, wenn es darum ging, das besonders Roya eventuell in Gefahr war, rastete sie sowieso vollständig aus. Wer also Nina oder Roya zu Nahe kam, hatte mit ihr ein schweres Los. Geschweige es passierte wirklich etwas und jemand ging den beiden wirklich an die Kehle. Ich schätzte, es gäbe ein Blutbad, ein furchtbares Gemetzel.
Das war nun einmal sicher und das wusste auch Kilian, der Roya gerne mal zu einem gründlichen Verhör in die Mangel genommen hätte.
„Die Kleine weiß mehr als sie uns hier verklickert.“ Hetzte er ständig mit seinem Gerede die gesamte Meute auf. Einfach überzeugt, davon dass sie uns anlog.
„Lass sie einfach in Ruhe. Wenn sie etwas weiß oder wirklich was gesehen hat, dann kommt sie damit zu mir.“ Fiel ich Kilian dann entschieden ins Wort.
„Dann kümmere dich um sie. Ich meinte kümmern oder vernaschst du sie jetzt auch schon?“ War dann meist seine Antwort, wenn auch er keinen Rat mehr wusste, wie dieses Spiel hier noch mal endete.
Selten zwar, dass ihm die Argumente ausgingen, aber es kam halt vor. Und dann war er einfach noch zum kotzen. Vielleicht lag es aber auch an diesen Druckmachern bei seiner Kripo, die ihm mächtig auf den Fersen waren. Mir war es egal. Meine Gedanken jedenfalls jetzt hier draußen waren komplett andere.
Ich schaute mich also noch einmal um, doch alles war ruhig. Fast schon zu ruhig, wenn ich darüber nachdachte, was die Jungs vom Kiez von mir erwarteten.
„Wann schnappst du ihn dir endlich?“ Wetterten sie ständig.
„Regel das, sonst hast du bald ein Problem hier.“ Drohten die Bar und Clubbesitzer mit ernster Miene, dass es einem so manches mal heiß und kalt werden konnte.
Doch morgen war ein neuer Tag und ich hoffte einfach bis dahin, dass die Nacht weiterhin ruhig blieb.
– Bitte einmal eine Nacht, ohne dass gleich die Alarmglocken los schepperten und irgendwo gab es das nächste Opfer – rauschte es mir durch den Kopf.
Der Rest war einfach nur noch mein kaum noch auszuhaltendes Verlangen auf Nina, dass ich schon so oft versuchte, vor den anderen zu unterdrücken. Die Nacht mit ihr war wieder ein einziges Geben und Nehmen. Eng umschlungen liebten und küssten wir uns als hätten wir dringend etwas nachzuholen.
„Nur noch ein paar Tage, dann ist es soweit.“ Flüsterte sie, lächelte mich an und strich mir dabei über die Wange.
Ich liebe Dich Nina, das weißt du doch.“ Erwiderte ich und verschloss ihren Mund mit meinen Fingern.
„Versprich mir bitte, dass wir von hier weggehen werden.“ Ihr sehnsuchtsvoller Glanz in ihren Augen sprach Bände.
„Ich schwöre es dir. Die Zeit wird kommen und dann sind wir weg. Wir vier, Nela und Roya.“ Versprach ich es ihr. Nein, ich schwor es ihr, wie halt schon so oft. Die Welt da draußen und wir zwei war einfach zu verschieden.
Den Morgen darauf stand ich wieder mit zerknittertem Gesicht vor meiner Tür. Pünktlich auf die Minute warteten bereits Boris und Jurij in unserem olivgrünen Chevy Blazer. Auch dieser Tag begann wie ein niemals endender Alptraum.
„Und gibt es etwas Neues?“ Begrüßte ich die zwei.
„Nein nichts, absolut nichts.“ Antwortete Boris. Ich wusste, dass sie seit Stunden Himmel und Erde in Bewegung setzten auf der Suche nach unserem Mann, während ich die gestrige Nacht damit verbrachte, Nina in meinen Armen zu halten. Für die beiden Exsöldner war das aber okay und wenn jemanden das nicht passte, konnte er eben gehen.
„Halt Stop! Lenkte Jurij ein. „Vielleicht hat Kilian eine Spur.“
„Raus mit der Sprache. Was ist da los?“ Forderte ich ihn auf, seinen Mund aufzumachen.
„Nichts Genaues außer dass Leute von der Drogenfahndung in seinem Team herum schwirren.“ Erklärte Jurij zu meinem Unverständnis.
„Drogenfahndung? Fragte ich. „Was wollen die denn? Wir suchen einen Killer. Mit den Dealern werden wir auch so fertig.“
Kilian hatte, wie ich sogleich erfuhr, plötzlich ein großes Herz für ein nicht unbekanntes Pärchen in der Drogenszene. Jedenfalls waren Marc und Michaela Spreier bis zum heutigen Tage für mich nicht mehr als zwei unbeschriebene Blätter. Doch ich verließ da doch mehr auf sein Fingerspitzengefühl, sollten die beiden wirklich was in der Mordnacht, in der man Brigitte Roth den Schädel einschlug, gesehen haben.
Ich war mir da jedenfalls nicht so sicher, wie ein Junkie wie dieser Marc, der dazu kurz vor seinem goldenen Schuss stand, uns einen Mörder ausliefern sollte. Bei Michaela, die sich da schon mehr unter Kontrolle hatte, sah ich da schon eher die Lebensgefahr, in der sie sich befand.
Die Drogenszene jedoch am Bahnhof, zu der Michaela von Zeit zu Zeit Kontakt hatte, war dann doch Kilians Aufgabe.
Boris, Jurij,Herzchen und ich konzentrierten uns zur gleichen Zeit weiterhin auf die Bars und Clubs mit einem ganz besonderen Augenmerk auf den Sperrbezirk. Trotz dieser beschissenen Kälte, die sich bereits nachts über der Gegend breitmachte, kochte die Stimmung unter den Mädchen.
Ein wahrer Machtkampf um die Freier, den sie hier so manches mal austrugen. In manchen Nächten verging kaum eine Stunde, ohne dass eine der Girls an der Tür der „Schatulle“ bollerte und den nächsten Großalarm auslöste.
Mit der geladenen Kanone im Hosenbund oder im Halfter unter der Jacke rückten ein paar der Jungs aus, denn jeder Zeit, jede Minute oder auch jede Sekunde könnte er wieder zuschlagen.
Doch wie so oft Fehlalarm. Wiedermal nur ein paar Halbstarke, die die Party bestellten, aber nicht zahlen wollten. Ohne mit der Wimper zu zucken setzten wir sie schnurstracks mit einem gewaltigen Arschtritt auf die Luft und schon war auch wieder Ruhe im Dorf.
Nerviger waren das schon diese perversen Kerle, die sich gerne mal selbst als der „Nutten-Schlitzer“ ausgaben und die Mädchen auf offener Straße bedrohten.
Würde mich nicht wirklich wundern, wenn es da mal auf dem Kiez irgendwann  richtig qualmte. Ein paar von den Mädels da draußen traute ich es durchaus zu, dem nächsten Möchtegernkiller die Hosen runter zuziehen,um ihm mit der kalten Klinge an den Eiern zu kitzeln.
Und ein gewisses Schmunzeln konnte ich mir bei dieser Vorstellung einfach nicht verkneifen. Aus dem Abend wurde Nacht und Kilian saß zur selben Zeit immer noch in seinem Büro des Präsidiums und wälzte wie besessen Akten auf der Suche nach einem Täterprofil.
Doch immer dieselben Erkenntnisse, die uns immer noch nicht auf seine Spur brachten. Ein Killer, der sich seine Opfer nicht zufällig aussuchte. Na gut, wenigstens so weit waren wir uns alle einig.
Ich beschloss dagegen den Rest des Abend allein zu verbringen, bis mich Boris und Jurij irgendwann in den frühen Morgenstunden nach Hause kutschierten.
Vielleicht nochmal auf einen Sprung runter ins „Eros“ aber dann war für heute endlich Schicht im Schacht, denn ich versprach Nina die Nacht mit ihr zusammen verbringen.
Nela und Roya, die zu Hause ein Auge auf Nina und Emily hatten, standen heute nicht hinter der Bar. Ich vermutete, die drei hatten jetzt gerade eine Menge Spaß auf unserer Spielwiese. Dafür aber Judith und ihre Kollegin Janssen, die in ihren Dessous doch tatsächlich für einige hier zu einem echten Blickfang wurden.

Kilian versetzte mich doch so manches mal immer wieder in Erstaunen. Na ja, irgendetwas musste er ihr wohl versprechen, dass sie ihm so hörig war. Auf jeden Fall so wie die beiden Frauen hier heute Nacht im „Eros“ aufschlugen, waren die zwei wirklich ein echter Hingucker.
Sicher nicht einfach von einem Bullengehalt und ich fragte mich,wer ihm da wohl den richtigen Tip gab.
– Na warte Nela – schoss es mir sogleich durch den Kopf, setzte mich an die Bar und lächelte den beiden zu.Ich bestellte einen Wild Russian auf Eis und beobachtete Judiths flinke Hände bei der Arbeit.
Als Lockvogel der Kripo machten Judith und diese Janssen wirklich eine verdammt gute Figur und langsam begann sie mir auf eine merkwürdige Art und Weise zu imponieren. Nicht sogar zuletzt für ihre Offenheit gegenüber Nina, nach der sie sich dauernd erkundigte.
Ob das gleich das Ende der Eiszeit zwischen den beiden war, wagte ich erst einmal zu bezweifeln. Ich schätzte, dass es wohl noch eine Zeit dauern würde, bis wir gelernt hätten, miteinander umzugehen. Aber deswegen gleich auf ihren Gefühlen für Kilian herum zu trampeln, lag mir sicher mehr als fern.
„Das gleiche nochmal.“ Orderte ich den nächsten Drink. Der Wild Russian auf  Eis, mit einem ordentlichen Schuss Wodka, war das Highlight im Eros.
„Für mich das gleiche bitte.“ Unterbrach der Typ in dem feinen Zwirn gleich neben mir unseren Smalltalk.
Die Drinks wurden serviert und gemeinsam erhoben wir unsere Gläser auf die langsam ausklingende Nacht. Sein eleganter Aufzug erschien mir zwar etwas unpassend für dieses Etablissement zu sein, doch seine guten Manieren machten doch einen gewissen Eindruck bei den Frauen.
Seelenruhig genoss er seinen Zigarillo und paffte das Teil, ohne den Rauch auch nur ein einziges mal zu inhalieren, so dass fast sein halber Körper und sein Gesicht in dem ständig wechselndem, knallbunten Licht einnebelte. Seine Blicke kreisten regungslos durch den Saal und schienen jeden Winkel zu erfassen, als suchte er nach etwas bestimmten.
Prompt dachte ich sofort an Kilians Worte. Jeder dieser Leute hier könnte der Killer sein und bei den Frauen unter seinen Opfern tötete er nach dem selben Schema. Er vergewaltigte sie, erdrosselte sie und zertrümmerte ihre Gesichter mit einem schweren Stein.
Doch ein Mann wie dieser Typ ein potentieller Mörder? Aus meiner geringen Distanz  betrachtete ich seine gepflegten Hände, sein gut frisiertes Haar und warf sogar unauffällig einen Blick in sein frisch rasiertes Gesicht. Sein ständiger Griff in die Innentaschen seines Jackets machte mich dennoch etwas stutzig. Zwischen einer Unmenge an Zetteln und ein paar kleineren Geldscheinen, die er auf diese Weise mit sich herumtrug, befand sich eine Fotografie, die er immer wieder aufs Neue betrachtete.
„Die Freundin? Hübsches Mädchen.“ Versuchte ich ihn aus der Reserve zu locken. Ich griff mir das Foto, dass er mir freizügig zeigte, betrachtete es eine Weile, doch das Gesicht hatte ich hier auf dem Kiez noch nie gesehen.

„Schon möglich. Seit ein paar Tagen ist sie spurlos verschwunden.“ Antworte er verzweifelt.
„Okay! Bist du ein Bulle oder sowas?“ Legte ich neugierig nach.
„Ein Bulle? Sehe ich etwas aus wie ein Bulle?“ Stutzte er.
„Keine Ahnung. Wie sieht den ein Bulle aus?“ Mit einem Blick aus gutem Grund herüber zu Judith und ihrer Kollegin Janssen konnte ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Wir wandten uns zurück zur Bar und er bot mir einen seiner Zigarillos an. An der Aufschrift Romeo y Julieta erkannte ich gleich, dass es sich um eine kubanische Tabaksorte handelte. Na ja, eine Zeit lang gehörte dieses Kraut auch zu meinem Inventar. Bis ich einfach irgendwann der Meinung war, dass diese Kommunisten einfach keine Ahnung von gutem Tabak hatten. Ansichtssache halt, doch ich ließ mich nicht lumpen.
Paffend saßen wir da und bestellten noch einen weiteren Wild Russian auf Eis. So wie es tatsächlich aussah, hatte mein neuer Freund hier ein kleines Problem. Und nach dem dritten Glas, zeigte der Alkohol seine Wirkung und löste plötzlich seine Zunge. Die Frau verschwunden und auch sonst, wie sich herausstellte ziemlich pleite, lud ich ihn an diesen Abend ein.
Vielleicht wollte er einfach nur quatschen. Ich ließ ihn, ein Stück weit jedoch in der Hoffnung, er wäre unser Mann. Dazu besessen von dem Gedanken, genau wie Kilian und die anderen Jungs, diesen skrupellosen Killer endgültig fest zu nageln und ihm jede Gräte einzeln zu brechen.
„Wir halten hier mal ein Auge auf die Kleine.“ Versprach ich im und übergab das Foto dieses Mädchens an Judith, die es kopfschüttelnd unter der Bar deponierte. „Ich hoffe, das geht doch klar mein Freund?“ Grinste ich etwas verachtend und prostete ihm zu.
„Ja schon klar.“ Ein wenig verwundert über meine Dreistigkeit räusperte sich die Nase.
Ich dagegen sah in schweigend an und mit einem tiefen Zug an dem Zigarillo nickte ich mit dem Kopf und begann, mir dabei sein Gesicht tief einzuprägen. Jeden seiner Züge, auch die kleine, frische Narbe auf seiner Gesichtshälfte, die mir erst jetzt gerade auffiel.
Verstrickte ich mich da gerade in irgendwas oder brauchte ich nur unbedingt einen Schuldigen und diese Morde wären für immer vom Tisch? Und dieser arme, verzweifelte Kerl war eben nur zur falschen Zeit an falschen Ort?
Mit einem Blick zum hell erleuchtetem, glitzernden Eingang sah ich Boris und Jurij heran walzen.
Unbeirrt von der johlenden Menschenmenge, als sich ein paar Girls beim Striptease bis auf ihre nackte Haut entblätterten, bahnten sich die zwei eine Schneise bis zu uns direkt an die Bar.
Manchmal reichte eben nur ein flüchtiger Blick in ihre Gesichter und ich spürte sofort, dass da irgendwas in der Luft lag.
Besser ich bereitete mich darauf vor, dass Kilian spätestens morgen früh die ganze Crew in der „Schatulle“ zusammen trommelte.
– Doch Morgen ist halt Morgen und heute Nacht ist heute Nacht – Alle meine Gedanken gehörten jetzt nur noch der Frau, die ich so abgöttisch liebte, dass es mich schon fast zerriss.
Ich trank aus, schlug meiner flüchtigen Bekanntschaft zum Abschied auf die Schultern und machte mich mit Boris und Jurij auf den Weg.
„Wir warten noch, bis er raus kommt.“ Orderte ich Boris, der das Steuer des Chevy Blazer übernommen hatte.

„Irgendwas nicht in Ordnung?“ Fragte Jurij.
„Der Typ vorhin an der Bar. Da vorne ist er. Er kommt heraus.“
„Was ist mit ihm? Sollen wir ihm im Auge behalten?“ Schlug Boris vor.
„Ja vielleicht, ist nur so ein Gefühl. Fahrt ihm ein Stück hinterher. Ich will wissen, wohin er will.“
Im sicheren Abstand folgten wir ihm eine Weile und beobachteten ihn noch solange, bis wir ihn in einer schmalen Seitenstraße der Meile nicht mehr folgen konnten und ihn dann endgültig aus den Augen verloren.
„Er sucht hier nach einer Frau. Vielleicht ist sie hier auf dem Kiez abgetaucht. Ein Bild von der Lady liegt hinter der Bar im „Eros“. Haltet einfach nur mal so die Augen auf. Ich schätze, er wird hier schon bald wieder auftauchen. Und jetzt drück auf die Tube. Ich habs eilig.“
Nur Minuten später waren wir unterwegs. Ich zu Nina und Boris und Jurij?
Warum hatte ich eigentlich meine treuen Gefährten nicht ein einziges mal gefragt, wie sie sich eigentlich die Nächte um die Ohren schlugen?  Auf jeden Fall hatten sie in diesen bereits frühen Morgenstunden ein mörderisches Vergnügen, mich im Schneckentempo und auf Schleichpfaden und Umwegen durch die halbe Stadt, aber dann doch noch bis vor unsere Villa zu kutschieren.
„Hey Jungs, das Gaspedal ist ganz rechts!“ Klärte ich die beiden auf. Doch ich ließ ihnen ihren höllischen Spaß, den sie zweifellos hatten, mich ausgerechnet jetzt mächtig auf die Folter zu spannen.
Bis auf Chloe, unserem Hausmädchen hatte niemand mein Erscheinen bemerkt und auch sonst war es im Hause totenstill. Im Licht der ersten Morgendämmerung, die durch das Fenster das Schlafzimmer erhellte, sah ich Nina halbnackt auf dem Bett liegen. Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, wie wenig Zeit wir hatten um sie gemeinsam mit Emily zu verbringen und wie sehr die beiden mir fehlten. Ohne sie zu wecken legte ich mich zu ihr auf die Matratze, zog mir die Decke bis an die Ohren und meinen Arm um sie geschlungen versuchte etwas zu schlafen.
Ich genoss ihre samtweiche Haut und den Geruch ihres Körpers. Dann erwachte sie doch, drehte sich zu mir und mit ihrer Hand strich sie durch mein Gesicht.
„Es wird schon gleich hell, aber schlaf weiter.“ Flüsterte ich ihr zu.
„Hey, seit wann bist du da. Kannst du bleiben?“ Erwiderte Nina mit leiser, sanfter Stimme.
„Erst mal schon. Sicher wird es eine Zeit lang dauern, bis Kilian sich bei mir meldet.“ Erklärte ich und streichelte sanft über ihren Babybauch.
Beim ersten Tageslicht öffnete sich unvermittelt die Schlafzimmertür uns Nela und Roya betraten gähnend das Schlafzimmer.
„Hey du bist ja hier. Wollten gerade mal nach Nina sehen.“ Mit einem neckischen Lächeln auf ihren Gesichter kuschelten sie sich zu uns. Besser ich gewöhnte mich daran und unsere Spielwiese war mal wieder komplett ausgebucht.
Später beim gemeinsamen Frühstück berichtete ich von meiner nächtlichen Begegnung im „Eros“. „Wir sollten jeden Hinweis ernst nehmen. Irgendwas oder irgendwen suchte dieser Typ.“ Mahnte ich die zwei zur Vorsicht. Ich versuchte, ihn zu beschreiben, einen Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, sehr gepflegt, doch Roya schüttelte nur den Kopf.
„Jetzt mal ganz langsam und von vorne.“ Warf Nela ein. „Du denkst, er ist wieder aufgetaucht und lästige Zeugen zu beseitigen?“
Ich nickte. „Ja genau das.“

„Und was denken die Bullen?“ Erwiderte Nela.
„Schätzte Kilian ist ebenfalls davon überzeugt, wenn wirklich feststeht, dass Roya nichts gesehen hat. Aber keine Sorge, das regele ich schon mit ihm. Du passt weiter auf sie auf und Boris und Jurij machen hier ihre Runden.“
„Besser sie wissen, was passiert, wenn jemand Roya oder Nina versucht anzurühren.“ Machte Nela klar.

Ich lachte und nickte. „Ja Nela, sie wissen es. Sie wissen es alle ganz genau. Darum ist sie nur hier bei uns am sichersten und hier bleibt sie. Uns zwar für immer, bis das hier alles vorbei ist. Und wenn wir irgendwann von hier abhauen, kommt sie natürlich mit.“ Nicht ganz unerwartet fiel Nela mir um den Hals und küsste mich auf meine Wange.
Je mehr wir darüber nachdachten, je mehr schloss auch ich mich Kilians Theorie an, dass der Killer seine Opfer nicht kannte.
Nein, er studierte sie, beobachtete sie erst eine ganze Weile, bis er dann endlich zuschlug. Und mit Gold-Gerd, der Schillerfigur auf dem Kiez hatte er ein leichtes Spiel. Und dennoch gab es Fragen über Fragen, die wir uns nicht erklären konnten:
– Was hatte Gerd in dieser Nacht im Park verloren, obwohl er, doch in jeder Bar und im jeden Club auf der Meile ein gern gesehener Stammgast war? –
– Und wem begegnete er dort? Was sah er und wer war dieser Mann, der ihm und Lara Gawitter nachher zum Verhängnis werden sollte? –
– Und warum riskierte es dieser Kerl, bereits nach so kurze Zeit einen weiteren Mord an Brigitte Roth zu begehen? –
Nur ein Perfektionist wie er konnte so vorgehen. Ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Wandelbar, veränderbar, jeden Tag verborgen in einer anderen Person und niemand hier bemerkte auch nur das Geringste.
Vielleicht sogar nicht mal, wenn er direkt unter uns wäre. Der Druck, der auf allen lastete, wurde mit der Zeit unerträglich. Und wie ich auch schon bereits vermutete, klingelte mein Handy  und Kilian orderte mich zum Treffpunkt.
„Besser Roya und ich bleiben hier bei Nina.“ Entschied Nela. Denn so wie es aussah, setzten bald bei ihr die ersten Wehen ein. Jeden Moment konnte es soweit sein.
Ich nahm sie vorsichtig in meine Arme, küsste sie und spürte, wie sich ihre Nägel in meine Arme krallten. Bis sie jedoch plötzlich nach Luft rang und die zwei sie zurück ins Schlafzimmer brachten und dort keinen Zentimeter mehr von ihrer Seite wichen.
Draußen warteten bereits wie bestellt Boris und Jurij mit laufender Maschine im Chevy und droschen, was das Zeug hielt mit der alten Karre durch den Verkehr schnurstracks zur „Schatulle“.
Ich erkannte dieses Häufchen Elend sofort, als Herzchen mich an der Tür empfing und herein ließ. Es war dieser Marc Spreier, ein kiezbekannter Kleindealer und bessere Hälfte, wenn man dass überhaupt noch so sagen konnte von Michaela Spreier.

Für Kilian waren die beiden  jedoch die Schlüsselfiguren zu unserem Mann. Eine Zeit lang schien es wirklich so, als wären sie die Einzigen, die in jener Nacht was gesehen oder gehört hatten. Vielleicht sogar, obwohl es dunkel war sein Gesicht. Wie für viele aus der Drogenszene war der Park eben ein perfektes Nachtlager und sicheres Versteck für die Nacht.
Uns allen stand das Grauen in unseren Gesichtern, als Kilian uns darüber informierte, dass er Michaela in seine Gewalt gebracht und verschleppt hatte. Fast hasste ich ihn dafür, aber Kilian bestand auf seine Strategie und setzte doch tatsächlich auf Zeit. Nur allein die Suche nach Michaela führte uns auch zu ihm und die Falle schnappte endgültig zu.
Überzeugt davon und dennoch ständig mit der absoluten Gewissheit, dass es sie töten würde, wenn es uns nicht sehr bald gelänge herauszukriegen, wo genau er sie versteckt hielt. Und so wie wir einschätzten, würde er sich damit alle Zeit der Welt lassen und besonders grausam und qualvoll vorgehen.
„Oder ist das wieder so eine Sackgasse, in der er uns locken will.“ Fragte ich Kilian.
„Dieses mal nicht.“ Entgegnete Kilian überzeugt von seinem Plan. „Und dieses mal macht er bestimmt einen Fehler.“
„Was macht dich da so verdammt sicher?“ Fragte ich ihn.
„Ja Kilian, wenn du etwas weißt, dann spuck es aus.“ Forderte ihn der Rest der versammelten Truppe.
„Ich merke schon, warum ich der Leiter einer Soko bin und nicht einer von euch Strauchdieben.“ Typisch Kilian. Wenn es jetzt tatsächlich nach Herzchen gegangen wäre, stand mein Freund Kilian jetzt gerade kurz vor dem goldenen Löffel.
„Ja spürt ihr das denn nicht? Oder was geht da vor euren Schädeln.“ Alle Achtung, Mut hatte er ja, obwohl die Hütte bereits brodelte.
„Er will doch, dass wir ihn kriegen. Das gehört zu seinem Spiel, dass er mit uns treibt.“ Fuhr er fort.
„Ein Spiel?“ Unterbrach Herzchen die Runde. „Das ist aber ein verflucht gefährliches Spiel. Und dieses mal mit einem sehr bösen Ausgang für ihn allein.“
„Du spielst auch gerne Kilian. Und diesmal mit dem Leben anderer.“ Erwiderte ich und kehrte ihm etwas verachtend den Rücken zu.
„Falsch. Er hält sich nur für jemanden von der cleveren Sorte. Und er ist schon wieder ganz in unserer Nähe. Vielleicht sogar noch näher, als jeder Einzelne hier von euch denkt.“
Eisiges Schweigen unterbrach unsere gerade noch so lebhafte Runde. Von einer zur anderen Sekunde herrschte in der „Schatulle“ ein Gespensterhafte Stille. Jeder betrachtete jeden und ich hoffte, Kilian hatte unrecht.
Der Mörder ist unter uns? Mir verschlug es den Atem und erst als die Aufgaben verteilt waren, war wieder so etwas wie ein Atmen und ein Geraune zu vernehmen.   Die Drogenszene übernahm und gehörte ab sofort Kilians Soko allein. Aber auch wir wollten versuchen, jedenfalls so unauffällig wie nur möglich ein paar Fotos von Michaela auf der Meile zu verteilen.

Ein paar Stunden später, kurz bevor der Kiez wie gewohnt zum Leben erweckte, versammelten wir uns erneut in Herzchens Bar.
Diesmal war es Kilian, der noch fehlte und etwas verspätet in Begleitung von Judith und seiner Kollegin Janssen eintrudelte. Und diesmal war der Grund unseres außerplanmäßigen Treffens auch ein ganz anderer.
„Verdammt noch mal, was kann es denn so Wichtiges geben, dass ihr mich hier her schleift? Oder habt ihr ihn etwa? Na, raus mit der Sprache. Was ist hier los, ihr Chorknaben.“
„Nun halt mal die Luft an, schnappt euch jeder ein Glas Champus und höre jetzt einmal zu. Einmal wenigstens. Kapiert Kilian?“ Ich wusste genau, wie schwer ihm das jetzt fiel, doch tatsächlich hielt er für die nächsten fünf Minuten seine Klappe und ich übernahm derweil für alle das Wort.
„Also Leute, ich mache kurz. Es ist wieder ein Mädchen und sie heißt Erin. Und jetzt lasst ihn uns endlich schnappen.“ Schon möglich, dass sie in dieser Nacht noch die Gläser auf die Geburt unserer Kleinen erhoben.
Ich dagegen befand mich mit meinen treuen Begleitern Boris und Jurij auf dem Weg ins Krankenhaus, wo mich Nela, Roya, sogar Chloe, unser Hausmädchen mit unserer Emily und natürlich meine Nina bereits erwarteten.

**

Die Tür ihres Verlieses ging auf und Michaelas Entführer trat wieder ein.
Seit drei Tagen saß sie in dem feuchten Keller, angekettet an der Wand. Nicht ein einziges Wort hatte er mit ihr geredet, nur angestarrt hatte er sie. Anfänglich hatte Michaela versucht ihn dazu zu bringen mit ihr zu reden, doch vergeblich.
Sie bekam Wasser und etwas zu Essen sowie einen Eimer für ihre Notdurft. Doch die Handschellen nahm er ihr nicht ein einziges Mal ab.
Dann kam er zu ihr und nahm den Baseballschläger! Michaela starb tausend Tode, als er mit dem Schläger vor ihr stand. Doch er drehte sich um, verließ mit dem Schläger ihr Gefängnis und ließ sie in der Dunkelheit zurück.
Ein paar Stunden später, wie viele stunden konnte Michaela, die jedes Zeitgefühl verloren hatte, nicht sagen, kam er zurück. Er legte den Baseballschläger zurück in Michaelas Sichtweite und ging wortlos wieder hinaus. Doch diesmal hatte er das Licht angelassen und im schummrigen Licht konnte Michaela sich den Schläger genau betrachten. An ihm klebten Haare und eine Menge Blut!

**

Wir prosteten Stephan zu und das allgemeine Schulterklopfen begann.
Während jeder der Anwesenden dem König auf die Schulter klopfte, beschlich mich die Frage, ob Steph seinen Kindern irgendwann erzählte, wie er zum König des Kiez wurde und das ihr Papa ein Killer war?
Es war schon ein seltsamer Kontrast. Einerseits Stephan der stolze Familienmensch, andererseits Neun-Finger-Steph der Kiezkönig.
Egal, das war sein Problem und so wartete ich, bis alle anderen fertig waren und gratulierte ihm.
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Ich bin fast geneigt zu glauben, dass du das ehrlich meinst KB.“
„Ich meine es ehrlich.“
„Und?“
„Und was?“
„Wo bleibt die zynische Bemerkung? Das Heruntermachen? Du weißt schon, wo bleibt der Kotzbrocken?“
„Du kannst es nicht lassen, oder? Du musst…“
„Was, daran bist du selber schuld.“ Unterbrach er mich „Du bist eben ein Arsch, der keine Gelegenheit auslässt mich fertig zu machen.“
„Dein Nachwuchs kann nichts für die Differenzen zwischen uns. Ich wünsch deinen Kids wirklich alles Gute und wenn du deine Zeit hier abgeleistet hast, hoffe ich für sie, dass sie nicht wegen deinen oder den Aktivitäten deiner Frauen Schwierigkeiten bekommen.“
Wieder einmal mehr standen wir uns unversöhnlich gegenüber, als Herzchen zu uns trat. Wie ein alter Kumpel nahm er uns in die Mitte und legte uns die Arme über die Schulter. Nur das er uns nicht freundlich drückte, sondern fest packte