Leben am seidenen Faden

Das Leben am seidenen Faden

 

 

Vorwort.

Darf ein Henker ein rechtmäßig gefälltes Todesurteil vollstrecken, wenn er genau weiß, dass die verurteilte Person unschuldig ist?
Während sich Peter Stein mit dieser Gewissensfrage konfrontiert sieht, eröffnet ein ehemaliger CIA-Chef die Jagd auf Caroline Miles, welche als Henkerin seine zum Tod verurteilten Söhne hingerichtete.
Als sich die Wege von Peter und Caroline kreuzen, gerät Peters Leben völlig aus den Fugen, denn er selbst hat sich nicht nur gefährliche Feinde gemacht, seine neue Partnerin, Caroline, führt auch noch einen eigenen Rachefeldzug.
Vereint im Kampf gegen Söldner und Verbrecher kommen sich die beiden Henker näher, doch werden sie eine gemeinsame Zukunft haben?
Wenn es nach ihren Feinden geht, nur eine sehr kurze…

 

Einige Personen der Geschichte:
Caroline Miles und Peter Stein Die Helden der Geschichte
Vera Müller Peter Steins Partnerin
Beate Fischer Eine zu Tode verurteilte Frau
Sarah Schlosser Eine Frau mit Vergangenheit
Jessika Dafore Peters rechte Hand
Frank Brauer Leiter der Haftanstalt
Wolfgang Decker Chef der Wachtruppe
Randy Kaufmann Ein Genie und Nerd in einem
Gerhard Trommer Zukünftiger Generalstaatsanwalt
Hannes, Johann, Bernd Gratzweiler Helfende Hände mit Verstand
Dagan Mayr Ehemaliger Chef des israelischen Geheimdienstes
Levi und Lem Majore des Geheimdienstes
Der alte Franzose Söldnerführer

 

Beate
Geduldig wartete ich, bis Frank das Gespräch beendet hatte.
„Ich verstehe Herr Minister. Ja. Auf Wiederhören.“
Er legte den Hörer auf und sah mich vielsagend an.
„Kannst dich bewerben, im Ministerium wird eine Dezernatsstelle frei.“
„Das heißt, die Internetgeschichte ist tot?“
„Tot? Tot ist gar kein Ausdruck. Das grenzt schon an Leichenschändung.“
Die Internetgeschichte von der wir sprachen, bezog sich auf öffentliche Hinrichtungen, die per Livestream im Internet gezeigt wurden.
Seit Jahren verkamen öffentliche Hinrichtungen mehr und mehr zu Volksfesten. Als dann tatsächlich ein Betreiber den Antrag stellte, ein Karussell aufzustellen, begann man im Ministerium darüber nachzudenken, wie zeitgemäß öffentliche Hinrichtungen heutzutage sind.
Der Versuch diese, und am besten die Todesstrafe selbst abzuschaffen, scheiterte schon im Ansatz, da das Volk strikt dagegen war und kein Politiker sich freiwillig selbst abschoss. Schließlich kam man im Ministerium auf die Idee, den öffentlichen Raum ins Internet zu verlegen.
In einer Konferenz wurden Frank und ich vor einem halben Jahr diesbezüglich nach unserer Meinung gefragt…
Als staatlicher Henker führe ich die Urteile aus. Um es gleich vorwegzunehmen, nein ich bin kein psychopathischer Killer, der Spaß daran hat!
Als ich vor 20 Jahren diesen Job antrat, musste ich ganz schnell feststellen, dass meine verklärte Vorstellung nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Nach einem Jahr war ich seelisch und körperlich am Ende. Doch ich hatte Glück.
Ein ganz besonderer Mensch nahm sich meiner an. Jessika.
Ich lernte Jessika an dem Tag kennen, als ich meine Bewerbungsunterlagen abgab. Sie hatte nur einen Tag vorher in der Verwaltung eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten begonnen. Wir mochten uns sofort und schon nach drei Tagen durfte ich sie das erste Mal zum Essen einladen.
Jessika vermittelte einen schüchternen Eindruck, doch das täuschte. Jessika ist eine sehr selbstsichere Frau, die genau weiß was sie will.
Bevor sich jedoch die Freundschaft zu ihr vertiefen konnte, fiel ich in ein seelisches Loch, das mein neuer Job gerissen hatte.
Doch bevor ich ganz am Ende war, fing Jessika mich auf. Sie half mir wieder auf die Beine. Sie schaffte es, dass ich den Job einfach als solchen sah, als JOB! Nicht mehr und nicht weniger.
Mit ihrer Hilfe lernte ich mit den Belastungen und anderen Besonderheiten umzugehen und ein paar Monate später gab es Peter Stein in seiner jetzigen Version.
Das Erste was ich mir vornahm, war Jessika NIEMALS zu verletzen oder zu enttäuschen. Das hieß, so schwer es auch fiel, Finger weg von ihr! Das fiel sehr schwer, denn Jessika war ein verdammt gutaussehendes, intelligentes und feuriges Mädel. Wir schlossen gemeinsam unsere Ausbildung ab und Jessika verzichtete freiwillig darauf, eine bessere Stelle zu erhalten. Sie ließ sich sogar zu mir in meine Abteilung versetzen, wo sie weiterhin ein wachsames Auge auf mich halten konnte. Und jetzt nach 20 Jahren arbeiteten wir als professionelles Team zusammen. Noch immer ist Jessika die Stütze, die ich brauche, um den Job erledigen zu können.
„Es ist ja nicht so, dass wir diese Idioten nicht vorgewarnt hätten.“ Sagte ich zu Frank.
So war es. Auf der Konferenz hatten Frank, mein Chef, Freund und Leiter des Gefängnisses und ich den Vorschlag des Ministeriums von Anfang an, als Schnapsidee abgetan. Auch hatten wir wiederholt, für die Abschaffung dieser widerlichen öffentlichen Spektakel plädiert und genau wie bei den letzten Anträgen, bekamen wir eine Abfuhr erteilt. Und nun nach nur sechs Monaten war das Internetprojekt, in das sündhaft viel Geld gesteckt wurde, tot. Zum Glück hatten Frank und ich unsere Einsprüche gegen das Projekt schriftlich festgehalten, denn als ein Sündenbock gesucht wurde, blieben wir beide außen vor.
„Das Ministerium erwägt, öffentliche Hinrichtungen einzuschränken. Was immer das bedeutet, warten wir mal ab, aber die Befürworter haben prominente Unterstützung.“
„Ja, wen denn?“
„Oberstaatsanwalt Trommer.“
„Trommer?“ fragte ich nach. „HHMM, den kenne ich so gar nicht. Ich hielt ihn bis jetzt immer eher für einen Gegner dieser Spektakel.“
„Das war er, solange wie er sie nicht nutzen konnte.“
„Nutzen?“
„Trommer will nach oben. Und jetzt rate mal.“
„Generalstaatsanwalt?“
„Du hast es erfasst.“
WOW das war starker Tobak. Der jetzige Generalstaatsanwalt würde in einem halben Jahr in Ruhestand gehen, Bewerber gab es jede Menge und einige davon hatten weit mehr Dienstjahre und mehr Freude in der Chefetage als Trommer. Also musste er es auf einem anderen Weg versuchen.
„Na ja, wir sollten abwarten.“
Das Telefon läutete und Frank schaute auf das Display.
„Jessika.“ Sagte er und nahm ab.
„Ja, er ist da.“, antwortete er ihr und sah mich an.
„Ich soll dich an die Anhörung erinnern.“
„Die ist erst nächste Woche.“ Entgegnete ich.
Frank lauschte wieder und grinste, als er den Hörer auflegte.
„Jessika sagt, heute ist die nächste Woche.“
Ich stöhnte auf. Verdammt, die Anhörung hatte ich ganz vergessen.
Ich war als sachverständiger Zeuge in einem Prozess gegen eine andere Henkerin geladen.
„Mist die Schiller-Sache. Ja ich werde daran denken.“
„Tanja Schiller?“
„Ja.“
Tanja Schiller hatte vor acht Jahren als erste Frau ihre Ausbildung zur Henkerin absolviert. Sie bestand mit Bravour und wurde von der Presse und dem Ministerium als gelungenes Beispiel an Integration gefeiert. Jetzt saß sie auf der Anklagebank, weil sie einem Todeskandidaten vor seiner Hinrichtung so viel Beruhigungsmittel verpasst hat, dass er vorher starb. Das wäre kein Problem gewesen, hätte es sich um eine nichtöffentliche Hinrichtung gehandelt, so aber zeigte die Familie des Opfers Tanja an und das Drama nahm seinen Lauf. Als Henker durften wir uns die Regeln nicht selber machen, wir hatten die Urteile so zu vollstrecken wie die Gerichte es festlegen. Soweit die Theorie. In der Praxis sah das natürlich anders aus. Jeder Henker, der seinen Job machte, ohne durchzudrehen, versuchte es, seinen Kandidaten leicht zu machen, es kommt eben darauf an zu wissen, wie und was man tut. Frank wusste, dass ich Beruhigungsmittel anwende. Er wusste aber auch, dass ICH wusste wann und wo ich das tun konnte.
„Unangenehme Sache.“
„Ja, zumal ich sie ausgebildet habe.“
„Ich habe deinen Bericht gelesen. Du versuchst sie herauszuhauen.“
„Natürlich will das. Sie ist eine von uns.“
„Ich hoffe, du hast Erfolg. Und jetzt solltest du dich auf die Socken machen, nicht dass das Gericht auf den Sachverständigen warten muss.“
Ich grinste und erhob mich. Als ich kurz vor der Tür stand, sagte Frank.
„Ich verlasse mich darauf, dass bei dir alles nach Vorschrift läuft.“
Frank wusste genau, dass ich das tat, was ich für richtig hielt und er wusste auch, dass ich es weiterhin tun würde. Ich schaute ihn an und entgegnete „Keine Sorge, ich habe alles im Griff.“
Hätte ich in diesem Moment gewusst, was die nächsten Tage und Wochen geschehen würde, hätte ich mir diesen Kommentar sicherlich verkniffen.
***

Eine Stunde später saß ich im Gerichtssaal. Während der Verhandlung waren nur wenige Details für mein Gutachten wichtig. Es lief immer mehr auf die Frage hinauf, ob es Tanja die Henkerin, mehr als einer oder einem Verurteilten, die nicht zugedachte Gnade eines schnelleren Todes zuteil hatte werden lassen.
Die Verteidigung legte sich mächtig ins Zeug. Doch das Problem, dass sie hatte, war, dass es keine „zufriedenen Kunden“ gab, die Tanja hätten helfen können.
Dafür hatte die Staatsanwaltschaft gleich dutzende Zeugen, die aussagten, dass Verurteilte unter Drogen zu stehen schienen.
Tanja saß auf der Anklagebank und schwieg. Ihre Verteidiger hatten ihr anscheinend strengsten untersagt eine Aussage zu machen.
Ich konnte mich genau an diese junge Auszubildende erinnern. Selbstbewusst und lebensfroh. Sie hatte den Beruf des Henkers gewählt, weil sie etwas völlig andres tun wollte, als das, was man vor ihr erwartete. Mit Stolz machte sie ihren Abschluss und bekam als erste Frau einen eigenen Bezirk.
Jetzt saß sie als gebrochene Frau vor dem Gericht.
Immer wieder kam es vor, dass Henker die psychische Last nicht mehr ertrugen. Es gab Henker, die Selbstmord begingen, andere drehten völlig durch und bekamen Spaß am Töten.
Alles davon war schlecht. Wir Henker hatten nicht das Recht, uns unsere eigenen Regeln zu machen.
Über all das dachte ich nach, während sich dunkle Gewitterwolken über Tanjas Kopf zusammenbrauten.
Schließlich kamen ich und mein Gutachten an die Reihe.
„Kommen wir nun zum Gutachten.“ Verkündete der Richter und sah mich an.
„Herr Stein, ihren vollen Namen bitte.“
Ich kannte die Angaben, die ich machen musste und leierte sie herunter.
„Peter Stein, 40 Jahre, Beruf Henker, ladungsfähige Anschrift, das hiesige Justizministerium, weder verwandt noch verschwägert mit der Angeklagten.“
„Herr Stein, sie haben die Leiche der verurteilten Mörderin untersucht. Was genau haben sie feststellen können?“
„Wie es der Arzt festgestellt hatte, ist die Verurteilte an Herzversagen gestorben.“
„Sie starb noch vor der offiziellen Vollstreckung?“
„Ja.“
„Wie lange davor?“
„Nur wenige Sekunden.“
„Würden sie sagen, dass die Henkerin das Sterben der Verurteilten so mit Absicht herbeigeführt hat?“
„Nun, das ist ihr Job.“
„Lenken sie nicht ab, sie wissen genau, was ich meine. Sie hat die Delinquentin mit Absicht vor der offiziellen Vollstreckung getötet.“
„Das ist eine Schlussfolgerung, die ich dem Gericht überlasse. Ich sollte lediglich die Todesursache sowie den Zeitpunkt bestätigen. Wie es zu dieser kam, war nicht Gegenstand meiner Untersuchung.“
„Ist die Möglichkeit gegeben, dass es sich um eine natürliche Ursache gehandelt haben könnte?“
„Nun ich bin kein Arzt. Es kann durchaus geschehen, dass sich der oder die Verurteilte dermaßen in Panik versetzt, dass es zu einer schweren Kreislaufstörung und letztlich zum Tode kommen kann.“
„Herr Staatsanwalt, Fragen?“
Der Staatsanwalt ergriff das Wort.
„Laut der Akte, haben sie selbst die Angeklagte ausgebildet.“
„Das ist korrekt.“
„Wenn sie einen Delinquenten vorbereiten, wie gehen sie vor?“
„Ich verstehe die Frage nicht ganz.“
„Verabreichen sie Drogen?“
„Nein. Einzig Medikamente, die vom Arzt verordnet werden.“
„Und diese Vorgehensweise haben sie auch der Angeklagten beigebracht?“
„Ja“
„Ist bei ihnen, oder einem ihrer Kollegen, die von ihnen möglichen Komplikationen eingetreten?“
„Nein.“
„Wie viele solcher Fälle sind ihnen bekannt?“
„Fünf.“
„Fünf Fälle in welchem Zeitraum?“
Ich presste die Lippen zusammen.
„Fünf Fälle, landesweit, seitdem ich diesen Job ausübe, also 20 Jahre.“
Schweigen.
Der Richter übernahm wieder. Er schaute zumindest unentschlossen und ich entschied mich noch ein paar Zweifel zu streuen.
„Herr Stein, wie hoch schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass es hier um einen Unfall handeln könnte?“
Ich atmete tief durch. „Eher gering. Dennoch nicht ganz ausgeschlossen.“
Bevor ihr Verteidiger sie daran hindern konnte, sprang Tanja auf.
„JA! Es war kein Unfall! Ich habe es mit Absicht gemacht und ich bin stolz darauf! Ich konnte sie doch nicht leiden lassen. Ich konnte es einfach nicht…“
Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
Niemand sagte etwas. Alle starrten sie an.
Verdammt. Ich hatte den Richter fast soweit gehabt.
Der Rest der Verhandlung war nur noch reine Formsache. Nachdem man Tanja das letzte Wort gelassen hatte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück.
Ich wusste, wie das Urteil lauten würde und beschloss, mir das nicht anzutun. So machte ich mich auf dem Rückweg.
Weit kam ich nicht. Als ich aus dem Saal ging, um zum Ausgang zu kommen, geriet ich in ein riesiges Gedränge. Ich kämpfte mich durch die Leute und hatte fast das Ende erreicht, als ich Mike traf.
Mike war Mitarbeiter der Presseabteilung und nach anfänglichen Schwierigkeiten, die während der Internetgeschichte auftraten, waren wir beide gute Freunde geworden.
„Hallo Mike, was zum Teufel ist denn hier los?“
„Was? Bad-Man weißt du denn gar nicht, was in der Welt geschieht? Heute ist der Fischer-Prozess.“
„Wer ist Fischer?“
„Der Messermord vor sechs Wochen. Die Zeitungen waren voll davon.“
Ich überlegte. Langsam kam mir die Sache wieder ins Gedächtnis. Ich hatte gerade eine Woche Urlaub gehabt, als es geschah.
Eine Frau hatte ihren Mann mit dem Messer umgebracht. Der einzige Grund warum ich mich daran erinnerte, war der, dass es in unserer Stadt geschehen war.
„Da ist die Fischer.“ Er zeigte auf eine Frau, die von zwei Beamten durch die Menge geführt wurde.
WOW, was für eine Frau. Sie war 1,70m groß, hatte eine perfekte Sanduhrenfigur, lange feuerrote Haare, ein freundliches, feminines Gesicht das mit Sommersprossen geschmückt war und herrliche smaragdgrüne Augen.
Sie trug einen schwarzen knielangen Rock mit hellen Nadelstreifen und den passenden Bläser. Darunter eine weise Bluse und ein paar schwarze Nylons und schwarze Pumps.
Hätte sie nicht Hand und Fußschellen getragen, hätte niemand in ihr eine Mörderin gesehen.
Nun wo ich sie sah, fielen mir auch einige Artikel wieder ein. Die Presse hatte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, diese schöne Frau auf ihre Seiten zu bringen.
Soweit ich mich erinnerte, war es eine Familientragödie gewesen. Der Mann war mit über vierzig Messerstichen getötet worden, dennoch schaffte es ihr Verteidiger, mit Hilfe von Psychologen eine Anklage zu erreichen, die nur auf Totschlag lautete.
Vierzig Messerstiche!
Die meisten Morde werden im Affekt begangen. Ein Schuss, ein Schlag mit einem schweren Gegenstand, auch mal ein, vielleicht auch zwei Messerstiche. Aber Vierzig! Vierzig Mal mit einem Messer auf jemanden einstechen, dauert seine Zeit. Zeit zum Nachdenken und zur Besinnung zu kommen. Bei vierzig Mal zuzustechen, muss sich ein unglaublicher Hass entladen haben.
Die Leute scharrten sich um die Angeklagte, die von einem anderen Beamten sehr gründlich durchsucht wurde. Da die Frau direkt aus der JVA kam, hatte sie sicherlich keine gefährlichen Gegenstände bei sich.
Die Durchsuchung der Gefesselten, diente einzig der öffentlichen Show und Demütigung.
„Sie wird deinen Galgen um einiges verschönern.“
„Nein wird sie nicht. Es ist nur Totschlag angeklagt. Dafür bekommt sie höchstens 10 Jahre.“
Mike lachte leise auf.
„Weißt du etwa mehr, als das Gericht?“
„Siehst du die blonde Schönheit dort hinten.“ Er zeigte auf eine Frau die abseits des Pulks stand.
„Das ist Petra Strass. Sie war die Geliebte des Opfers.“ Erklärte er mir.
Petra Strass war ein Traum in Blond. Sie war hochgewachsen, schmal, lockige Haare bis unter die Schulterblätter und ein Dekolleté das fast nichts der Fantasie überließ.
Sie trug ein schwarzes Designerkleid mit schwarzen Schuhen auf. Die Beine steckten in schwarzen Seidenstrümpfen und der dezente Schmuck den sie trug, kostete wahrscheinlich so viel wie ein Kleinwagen.
Ihre arroganten und kalten blauen Augen musterten die Leute um sie herum abwertend. Diese Frau war der klassische Vamp.
Die Durchsuchung der Fischer war abgeschlossen und Mikes Kollegen der Presse wanden sich nun der Strass zu.
„Jetzt pass mal auf!“
Von einer Sekunde auf die andere wurden die arroganten Augen tief traurig und füllten sich mit Tränen. Die Schulter fiel nach unten und der Blick wanderte zu Boden. Alles an dieser Frau schrie „Ich bin ein Opfer.“
„Eine beeindruckende Leistung, oder?“ fragte Mike.
„Sehr beeindruckend. Aber Totschlag ist Totschlag.“
„Die Anklage kann jeder Zeit erweitert werden, das weißt du genau.“
Ich blickte zur Treppe. Da kam der Staatsanwalt mit seinem Gefolge. Es war Oberstaatsanwalt Trommer!
Spontan fiel mir die Unterhaltung mit Frank ein, die wir geführt hatten. Dennoch Trommer war das, was man einen „harten Hund“ nennt. Konsequent, knallhart, aber auch Realist. Er wusste, welche Strafe er wann fordern und wie er sie bekommen konnte.
„Warte noch einen kleinen Moment.“
Die Menge teilte sich, um die Prozession der Staatsanwaltschaft vorbei zu lassen. Als Trommer an Petra Strass vorbeikam, hielten die Zwei für einen Sekundenbruchteil Augenkontakt. Dann war Trommer im Saal verschwunden.
Beate Fischer wurde jetzt in den Saal geführt. Mit ihren Fesseln konnte sie dabei nur kleine Schritte machen.
Petra Strass blieb stehen und schaute ihr entgegen. Als Beate Fischer an ihr vorbeikam, blickten sich die zwei Frauen an. In beiden Gesichtern lag der pure Hass.
Ich glaube, der Hass den Frauen gegeneinander hegen können, ist der größte, den es auf der Welt gibt.
„Ich wette mit dir um eine Flasche Chivas Regal, dass Trommer die Todesstrafe fordert, und eine weitere, dass er sie bekommt.“
„Ok, die Wette gilt. Sag mir wie es ausgegangen ist.“
Mike schloss sich den Zuschauern an, die in den Saal strömten und ich machte mich zurück in die JVA.
Ohne es zu wissen, hatte ich eine Begegnung mit dem Schicksal gehabt. Ich wusste nicht, dass dieser Tag mein Leben und das Leben all meiner Freunde für immer verändern sollte.
Ich wusste auch nichts von dem Drama, dass sich gerade in der fernen Südsee anbahnte und welches die Frau zu mir bringen würde, die ich mehr lieben würde, als ich es mir je vorstellen konnte.
***

Einige Jahre zuvor.

In meiner Wohnung in Phoenix richtete ich gerade meine Arbeitskleidung her, als es klingelte.
Der Fahrer eines besseren Limo Services stand da und bat mich in der Limo an der Straße Platz zu nehmen, es gehe zu einem vor Tagen avisierten Termin.
Wir fahren in eines der besseren Villenviertel und rollten schließlich durch die mit Gitterstäben eingefasste Einfahrt eines alten englischen Herrenhauses.
Zu beiden Seiten standen hohe Birken und alles im Park war bestens gepflegt. Prächtig erhob sich das Hauptgebäude und der Wagen hielt am Portal. Der englische Baustil der Gründerzeit ließ sich nicht leugnen, dennoch war alles um mich herum topmodern. In dem altehrwürdigen Haus wurde ich gebeten Platz zu nehmen und zu warten.
An den Wänden hingen uralte Schinken, es könnten durchaus echte Bilder von echten Künstlern sein oder einfach nur Platzhalter, das sah ich von hier aus nicht. Eine Maid wuselte durchs Haus und führt die Straußfedern gelernt in die Ecken und Ritzen.
An den Ecken standen einige durchtrainierte, sonnengebräunte Herren mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr. Sie hielten die Arme verschränkt, man konnte deutlich sehen, dass eine Hand in der Jacke ruhte. Sicherlich an der Dienstwaffe.
Dann traf mein Gastgeber ein, nein, er erschien.
Ein älterer Herr, ich schätze so Ende 50 sportlich gestählt, gut 1,85 groß, aber deutlich verlebt. Die grauen Haaransätze sind dunkel gefärbt, aber erkennbar, er trägt einen sehr guten dunkelblauen Anzug, Armani oder besser. Der Mann war eindeutig vom Clubleben verwöhnt und stinkreich. Leutselig begrüßte er mich wie eine langjährige Geschäftspartnerin.
„Ah, Hallo Miss. Miles, schön dass Sie einrichten konnten, nehmen Sie doch bitte Platz.“ und er schenkte sich einen Scotch ein.
Die Ledermöbel rochen wunderbar nach bestem Material und allerbester Pflege.
„Darf ich ihnen einen Drink anbieten?“
„Danke für das Angebot, aber nein. Darf ich den Grund der Einladung erfahren Mr…?“
„Mc. Froody, ich bin John Allister Mc. Froody der III. Ich habe mein ganzes Leben lang für diesen Staat gearbeitet und mit diesem Staat gearbeitet und mein Vermögen in Telekommunikation und Dienstleistungen gemacht. Mit gehören drei der wichtigsten IT Firmen im Land, vier Telefonfirmen in den Staaten und ich habe meinen eigenen Satelliten da oben.“
Dabei deutet er in Richtung Decke.
„Sie sehen, ich weiß wie man zu etwas kommt und ich weiß, wie man Geld macht und ich weiß ganz bestimmt auch wie man Macht bekommt und sie behält.“ Das Letzte – weiß – schrie er fast. „So bin ich bei der Agency gelandet. Und heute, nach langen Jahren harter Arbeit, bin ich einer der Vizedirektoren dort. Aber nun zu Ihnen Miss. Miles, Sie haben meine beiden Söhne im Todestrakt des Staatsgefängnisses einsitzen. Die Hinrichtung ist am kommenden Montag. Die beiden sind gerade mal 30 Jahre. Nun lassen Sie es mich so sagen, Sie können meine beiden Söhne nicht hinrichten, es sind meine einzigen Kinder!“
„Nun Mr. Froody, lassen Sie es mich so sagen, nicht ich habe ihre beiden Söhne zum Tod verurteilt, sondern der Staat Arizona. Wenn ich mich nicht irre wegen heimtückischem, hinterhältigem, äußerst abscheulichem Doppelmord.
Der oberste Richter dieses Staates hat seinen Kommentar dazu abgegeben und das Urteil nochmals bestätigt. Ich bin lediglich die eingeteilte Vollstreckerin. Ich kann aber meinen Vorgesetzten darum bitten, dass jemand anderes das durchführt…“
„Hören Sie zu Kindchen, ich will auch nicht, dass irgendjemand Hand an meine Söhne legt.“
Und er beugte sich zu mir und wurde sehr deutlich.
„Ich bin John Allister Mc. Froody der III. – Vizepräsident der CIA. Ich bin es gewohnt, dass man zu mir Ja Sir sagt, und meine Anweisungen schnellstens ausführt und genau das erwarte ich auch von Ihnen, denn ich vertrete die CIA und Sie sollten wissen, wir verschaffen uns immer das nötige Recht – zur Not überall auf der Welt!
Lassen Sie gefälligst Ihre Hände von meinen beiden Söhnen. Das gilt auch für die anderen Henkersleute. War das jetzt klar?“
„Mr. Froody, ich denke, das war eine klare Aussage und ich muss mich jetzt verabschieden. Ich stehe nicht über dem Gesetz und ich muss mich an das Recht halten. Ob Sie über dem Gesetz stehen, wage ich erst gar nicht zu hinterfragen. Ich danke Ihnen für den netten Abend und wenn Sie den Wagen kommen lassen könnten, wäre ich ihnen sehr dankbar, ich nehme aber auch gerne ein Taxi.“
Er gab Anweisungen und zwei Leute verschwanden, dann kam die Limo. Mr. Froody ging mit mir bis zur Tür.
„Sie können meine beiden Kinder nicht bestrafen, ich kann und werde das nicht zulassen, denken Sie an meine Worte und nun gehen Sie!“
Einer der Wachleute brachte mich zur Limo und es ging heim.
***

Ja so ging das damals los und ich verabschiedete mich schnell von diesem ehrenwerten CIA Vize-Direktor und machte Meldung bei meinem Direktor. Der beruhigte mich und verwies auf die Rechtsstaatlichkeit und die geltenden Gesetze.
An den folgenden Tagen kam es mir so vor, als tauchten ständig neue Gesichter in schwarzen Anzügen um uns herum auf. Beim Lauftraining mit meiner Freundin schauten uns Leute in schwarzen Autos nach, die offensichtlich in versteckte Mikros sprachen und die nicht in dieses Viertel gehörten.
Während des Schießtrainings, am folgenden Tag auf dem Combat Campus, schauten deutlich mehr Menschen durch die Feldstecher zu, um meine Ergebnisse genau anzusehen.
Tags drauf war ich mit zwei Kollegen beim Kampfsport und auch da begleiteten uns Männer mit Knopf im Ohr bis zum Eingang. Meine Kollegen sahen das und machten auch Meldung.
Unser betagter Direktor notierte alles sorgsam, versuchte uns zu beruhigen und entließ uns mit seinem Segen.
Dann kam der besagte Montag.
An diesem Tag saßen in der Gästekabine 10 Zuschauer und zwei Stühle ganz vorne blieben leer. Als das Urteil vollstreckt war und der Arzt den Tod der beiden jungen Männer feststellte, drang unter wildem Tumult John Allister Mc. Froody der III ein und machte einen wilden Aufstand, der erst durch reichlich Wachen gestoppt werden konnte.
Am Folgetag brachten mich zwei Sicherheitsleute unseres Institutes heimlich und still zum Flughafen und stopften mich schnell über den VIP Service in eine Maschine, die die Staaten verließ, mein Gepäck und alles würde ich nachgeschickt bekommen.
So verließ ich die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Land dem ich die letzten Jahre gut und gerne gedient hatte.
Man hatte mich quasi hinausgeworfen, weil ich mich an das Recht hielt und meine Arbeit gut machte. Ab diesem Zeitpunkt waren die USA für mich nicht mehr das Land der unbegrenzten Freiheit, leider…
***

Im Büro
Zwei Tage später saß ich gegen Abend noch in meinem Büro und ging ein paar Akten durch.
Tanja wurde heute Vormittag in das Gefängnis eingeliefert. Zu 35 Jahren hatte das Gericht sie verurteilt. Ihr Anwalt hatte zwar Berufung eingelegt, doch die Bestätigung ihres Urteils war eine reine Formsache.
Es war unglaublich, welch ein Papierkrieg man als Henker zu führen hatte. Und das war bloß der Teil, den mir Jessika nicht abnehmen konnte.
Die kam gerade in mein Büro und brachte die Akte von Tanja. Natürlich wollte ich wissen, wie das Urteil begründet wurde.
„Die wurde gerade per Kurier gebracht. Schade, ich habe sie sehr gemocht.“ Sie reichte mir die Akte und ich warf einen Blick hinein.
„HHMM“
Jessika sah zur Couch, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Dort lag Vera und schlief ruhig und tief.
Vera war meine Lebensgefährtin und Partnerin. Kennengelernt hatten wir uns während der kurzen Internetaktion. Sie war ausgebildete Krankenschwester, hatte mehrere Zusatzausbildungen und arbeitete im medizinischen Dienst, hier im Gefängnis.
Außerdem war Vera, eine 28-jährige, rothaarige Schönheit und wir hatten sehr schnell einen Draht zueinandergefunden. Das anfänglich dienstliche Verhältnis, änderte sich schnell in ein privates.
Vera wusste von meinem Job und hatte, anders als die meisten ihrer Vorgängerinnen, kein Problem damit.
Die meisten Beziehungen, die ich im Laufe der letzten Jahre hatte, gingen wegen des Jobs in die Brüche. Umso erfreuter war ich, dass Vera mich dennoch liebte und es jetzt schon zwei Jahre mit mir aushielt.
„Hatte sie wieder Nachtdienst?“
„Ja, Schemmlein hatte ein paar Notfälle.“
„Willst du ihr nicht eine Decke besorgen?“
„Du hast nicht zufällig…“
„Nein! Ihr zwei werdet mich aus eurem Leben heraushalten. Ich habe auch so schon genug mit euch zu tun.“ Sie drehte sich um und ging wieder hinaus. Im Umdrehen konnte ich sie aber schmunzeln sehen.
Ich las mir das Urteil durch. -35 lange Jahre! Warum hast du nicht den Mund gehalten!!!- Ich seufzte. Als ich die Akte zu Seite legte, klingelte das Telefon.
„Stein.“
„Du schuldest mir zwei Flaschen erstklassigen Whiskey.“ Meldete sich Mike.
„Sie haben sie wirklich zum Tode verurteilt?“
„Ohne Berufungsmöglichkeit.“
„WOW, hätte ich nicht gedacht.“
„Tja, sie sicher auch nicht. Sie ist bei der Verkündung glatt zusammengebrochen.“
„Kann man ihr nicht verdenken.“
„Du hättest Frau Strass sehen sollen. Tief betroffen von dem harten Urteil beugt sie sich dem Willen des Staatsanwaltes.“
„Sie war sicher am Boden zerstört.“
„Jedenfalls lade ich dich auf einen schönen, gemütlichen Herrenabend ein. Und bring den Stoff mit.“
„Geht klar. Wir sehen uns.“
Ich saß eine Weile schweigend in meinem Sessel. Immer wieder kam mir Beate Fischer vor das innere Auge. Sie war mit Sicherheit eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. Eine Überlegung, die Vera sicher nicht gefallen würde.
Am nächsten Tag kam ich vom morgendlichen Meeting mit Frank und war auf dem in mein Büro, als ich sah, wie Beate Fischer von zwei Beamten und Vera in die Untersuchungszelle gebracht wurde.
Jetzt trug sie eine Jeans, einen hellen Pullover und ein Paar Sneakers. Anders als im Gericht, wo sie mit erhobenem Haupt durch die Menge schritt, blickten ihre Augen glanzlos gerade aus.
Auch jetzt trug sie Hand und Fußfesseln. Einer der Beamten trug die Kleidung, Decken und ihren persönlichen Besitz, den sie behalten durfte.
Die Wachen drückten sie durch die Tür und Vera machte den Schluss. Vera trug ihre kleine Tasche, in der ihr Stethoskop, und was sie sonst noch so brauchte, um eine Frau zu untersuchen, enthielt.
Sie warf mir ein verliebtes Augenzwinkern zu und schloss die Tür. Ich beneidete Beate Fischer für die nächste halbe Stunde nicht. Vera würde sie gründlich und genau untersuchen. Schließlich war sie für die Zeit, die Beate hier verbringen würde, für deren Gesundheit verantwortlich.
„Da bist du ja. Ich suche dich schon überall.“ Jessika kam auf mich zu.
„Was ist denn? Ich habe heute keine Termine.“
„Nein, du hast Besuch.“
„Wen?“
„Staatsanwalt Trommer.“
Das überraschte mich. Zusammen mit Jessika ging ich in mein Büro zurück.
„Ich habe noch einiges zu erledigen.“ Jessika wusste, wann sie sie sich unsichtbar machen musste.
Am Schreibtisch saß Trommer, als ob es selbstverständlich wäre, auf meinem Platz.
Ich ließ ihn. Wenn es ihm wichtig war…
„Guten Tag, Herr Oberstaatsanwalt. Was kann ich für die tun.“
„Sie haben heute einen Neuzugang bekommen, Beate Fischer.“
„HHMM, ich habe mir die Akten der heutigen Neuzugänge noch nicht angesehen. Aber wenn sie es sagen, wird es sicher so sein.“
„Lassen wir den Quatsch! Reden wir mal ohne auf die Förmlichkeiten zu achten. Sozusagen inoffiziell. Sie waren gestern im Gericht und wissen genau, wen ich meine.“
Autsch. Das konnte heiter werden. Die Erfahrung lehrte, dass inoffizielle Gespräche nie wirklich inoffiziell sind. Zumindest dann, wenn sie nicht so laufen, wie es sich das Gegenüber vorstellt.
„Beate Fischer wurde gestern zum Tode verurteilt. Sie soll übermorgen öffentlich hingerichtet werden. Ich werde großzügigerweise ihr diese öffentliche Demütigung ersparen.“
„Warum?“ Fragte ich misstrauisch. Frank hatte ich darauf hingewiesen, dass Trommer diese Auftritte nutzen wollte. Irgendwie fing das hier an zu stinken!
„Ich möchte, dass sie Beate Fischer verschwinden lassen.“
Ich glaubte, mich verhört zu haben.
„Ja, schließen sie sie weg, irgendwo im Keller und vergraben sie den Schlüssel.“
Das war ganz starker Tobak. Ich stand auf und ging zu meinem Schreibtisch. Dort setzte ich mich auf die Kante.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Ich soll die Frau nicht hinrichten, sondern verschwinden lassen? Für wie lange und wie stellen sie sich das vor? Ich meine das verschwinden lassen? Ich wusste gar nicht, dass so etwas in meinen Dienstvorschriften steht.“
„Kommen sie mir nicht mit so einem Scheiß. Ich weiß genau, was in den vier Wänden ihrer Hinrichtungskammer geschieht. Spielen sie also nicht den Saubermann. Sie verabreichen Beruhigungsmittel und Drogen genau wie ihre Kollegin, nur hatten sie bis jetzt das Glück, dass man sie nicht erwischt hat.“
„Es ist nicht so, dass ich Beate Fischer unbedingt hinrichten will. Mir macht das keinen Spaß, weder bei ihr, noch bei einem anderen Delinquenten, mich interessiert lediglich das warum.“
„Sie hat einer mir nahestehenden Person Schreckliches angetan. Und dafür soll sie büßen. Sagen wir einfach, es handelt sich um einen persönlichen Gefallen.“
„Sind wir immer noch inoffiziell?“
„Sicher.“
„Ihnen ist schon klar, dass Frau Strass sie benutzt, um ihre Rache zu bekommen?“
Trommer lachte trocken auf und sah mich an.
In diesem Moment wurde mir alles klar!
Nicht Petra Strass benutze Trommer… nein Trommer benutzte Beate Fischer.
Es war der perfekte Fall sich zu profilieren und die Leiter nach oben zu steigen. In Beates Fall hatte er sich hart gezeigt. Er hatte die Todesstrafe gefordert und bekommen. Gleichzeitig zeigte er sich nachsichtig, in dem er der armen Verurteilten die Demütigung einer öffentlichen Hinrichtung im Nachhinein ersparte.
Dass ihm dabei Petra Strass ein paar schöne Stunden bescherte, war ein angenehmer Nebeneffekt für ihn.
Ich musste den Hut vor diesem Mann ziehen. Gleichzeitig machte es mich vorsichtig. Diesen Mann sollte ich mir nicht zum Feind machen. Er würde mit Sicherheit eines Tages Minister werden.
„An welche Maßnahmen und Zeitraum genau haben sie denn bei Frau Fischer gedacht?“
„Das Maßnahmen überlasse ich ihnen, die Dauer, werde ich ihnen noch mitteilen. Einzige Bedingung ist, dass sie ihr Äußerliches nicht nachhaltig beschädigen. In diesem Rahmen können sie mit ihr tun, was immer sie wollen.“
„Gut. Aber ich hätte da auch eine Bitte.“
Er sah mich fragen an.
„Meine ehemalige Kollegin, Tanja Schiller, sie wurde gestern zu 35 Jahren verurteilt. Ich möchte, dass sie einen Blick in ihre Akte werfen.“
„Also gut. Ich werde sehen, was sich machen lässt.“
Er stand auf und wir reichen uns die Hände. „Wir sind und einig?“
„Ja, Herr Oberstaatsanwalt.“ Damit waren wir wohl wieder offiziell und er verließ mein Büro.
Ich ließ mich in meinen Sessel sinken.
Das werden interessante Wochen werden… – dachte ich.
Vera kam eine Stunde später zu mir.
„Na Bad-Man, hast du den Traum in Rot gesehen?“
„Nicht genau. Warum?“
„Du bist ein miserabler Lügner. Ich habe gesehen, wie du sie im Vorbeigehen angestarrt hast, deine Augen haben sie förmlich verschlungen.“
Ich grinse. „Ja, sie sieht nicht schlecht aus.“
„Schade, dass nur ich sie ohne Kleider sehen konnte. Sie hätte dir ganz sicher gefallen.“ Sagte sie mit gespieltem Bedauern.
„Ich glaube schon, dass ich sie ganz genau sehen werde.“
Dann erzählte ich Vera, von Trommers Auftauchen und seinem speziellen Wunsch.
Allein bei der Erzählung wurde Veras blass.
„Im Ernst, wir sollen sie „verschwinden“ lassen!“
„Ja und wir sollen sie unbeschädigt lassen.“
„Warum denkst du, tut Trommer das?“
„Er will nach oben. Und dafür geht er buchstäblich über Leichen.“
„Ist es nicht gefährlich für ihn, Petra Strass ihre Rache zu geben?
Irgendwann könnte sich das als Bumerang erweisen.“
„Das habe ich auch schon überlegt, aber das ist sein Problem. Was uns betrifft, gibt es nur eine Zeugin. Beate Fischer. Und bin mir sicher, dass sie keine Aussage machen wird.“
„Du willst Beate aber nicht wirklich in den dunklen Keller sperren, oder?“
„Sehe ich so aus? Nein, in ihrer Zelle kann sie aber auch nicht bleiben, es sei denn wir weihen Decker und sein Team ein.
Decker ist Leiter der Wachmannschaft und… Na ja ich würde Decker mein Leben anvertrauen und er würde es schützen und das genau nach Vorschrift.
„Keine gute Idee. Jessika hält doch immer für Notfälle ein paar Zellen frei, wie wäre es damit?“
„HHMM, nein, sie muss Essen und wir können sie auch nicht einfach auf Dauer dort hineinstecken, ohne dass es jemand bemerkt…“
„Wir nehmen meine Wohnung.“
Ihre Wohnung lag am Ende des Trakts. Als das Gefängnis erbaut wurde, hatte man dort große Lager und Archivräume eingerichtet. Mit aufkommen der elektronischen Archive und externen Zulieferern brauchte man die Räume nicht mehr und da die Räume nicht ohne größere Kosten zu Zellen umgebaut werden konnten, beschloss Frank, die Räume an Mitarbeiter zu vermieten.
Mir machte es nichts aus hier zu wohnen. Im Gegenteil, ich hatte gerade mal 100 Meter zum Büro.
Aufgeteilt waren die Räume in zwei Wohnungen, einer mit zweieinhalb Zimmern, die ich angemietet hatte und eine mit anderthalb Zimmern, die Vera sich unter den Nagel gerissen hatte.
Allerdings stand ihre Wohnung zurzeit eher leer da Vera mehr oder weniger bei mir lebte.
Die Idee Beate dort unterzubringen hatte Vor und Nachteile. Die Wohnung lag abgelegen und die dicken Wände des ehemaligen Archives würden keinem Laut nach draußen dringen lassen.
Auch die Fenster waren (wie alle Fenster) vergittert. Schwachstelle war die Tür… Aber da würde sich sicher eine Lösung finden lassen.
Je mehr ich daran dachte umso besser gefiel mir die Idee, allerdings war das kaum die Unterbringung, die sich Trommer für Beate vorgestellt hatte.
Naja, man kann nicht alles haben, Herr Staatsanwalt.
„Ok, jetzt… wie bekommen wir sie dort hinein? Und wie sorgen wir dafür, dass sie friedlich bleibt?“
„Sie weiß doch noch nichts von dem Aufschub, oder?“
„Nein, sie weiß noch nichts von ihren „Glück“.
„Dann haben wir ja noch zwei Tage um uns etwas einfallen zu lassen. Aber ich habe da so eine Idee… Lass mir noch etwas Zeit darüber nachzudenken.“
„Die bekommst du Liebes.“
„Wie gedenkst du in zwei Tagen vorzugehen?“
„Wir bringen sie wie alle anderen Delinquenten in die Kammer und du sorgst dafür, dass sie ruhig bleibt. Den Rest erledige ich dann.“
„Ok, ich bereite alles wie für eine letale Injektion vor, so erregen wir die wenigste Aufmerksamkeit.“
Am folgenden Tag schmieden wir unseren Plan zu Ende.
Lange Zeit nach Dienstende saßen Vera und ich im Licht einer kleinen Schreibtischlampe im Büro und grübelten darüber nach, wie wir Beate dazu bringen konnten mitzuspielen, denn eines war klar: Würde sie ausrasten und toben, wäre der Plan geplatzt. Beate musste ruhig bleiben.
Das hinzubekommen, gab es zwei Möglichkeiten. Einmal konnten wir sie unter Drogen setzten doch wir wussten nicht wie lange sich die Sache hinziehen würde. Außerdem würde das eine permanente Betreuung bedeuten.
Die Zweite Möglichkeit… Tja, an der grübelten wir gerade.
„Weißt du, ich habe da so eine Idee. Hast du ihre Akte da?“
„Ja, die liegt hier irgendwo.“ Ich suche die Akte und finde sie auf einem der Stapel. „Hier, bitteschön.“
Vera liest sich die Akte genau durch.
„Und?“ frage ich.
„Lass mir einen Moment.“
Nach einer viertel Stunde gibt sie mir die Akte zurück.
„Darf ich jetzt an deinen Gedanken teilhaben?“
„Sicher. In der Akte steht, dass sie die Kleine umgebracht haben soll. Einzige Zeugin ist Frau Strass. Was denkst du? Hat sie das wirklich getan, hat sie ihre Tochter ermordet? Oder würdest du es eher der Strass zutrauen?“
„Spielt eigentlich keine Rolle. Verurteilt ist Beate. Also wird sie auch sterben und die Strass nicht.“
„Genau! Ich habe mit Beate geredet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich ihre Tochter umgebracht hat. Laut ihrer Aussage, die in der Akte steht, hat ihr Mann es getan, weil die Strass ihn dazu angestiftet hat. Ich glaube ihr.“
„Selbst, wenn, bringt uns das nicht weiter.“
„Doch. Wir geben ihr die Gelegenheit die wahre Mörderin zu überführen.“
„WOWOWOW Langsam! Was? Die Sache ist durch! Trommer hat sie verurteilen lassen und wird ganz sicher nicht zulassen, dass der Fall nochmal Schlagzeilen macht.“
„Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich alles tun, um die wahre Mörderin meine Tochter bestrafen zu können. Wenn wir ihr das in Aussicht stellen, wird sie alles unternehmen, was wir ihr sagen.
Aber damit das klar ist, wenn wir es ihr Versprechen, dann tun wir das auch!“
Ich versank in meinen Gedanken.
Wie sollte ich Trommer dazu bringen? Selbst wenn er mitmachen würde, wie sollte Petra Strass zur Rechenschaft gezogen werden ohne Prozess? Der war abgeschlossen und Beate war verurteilt.
Der Schlüssel dazu lag einzig und allein bei Trommer.
Aber es erschien noch ein anderer Gedanke in meinem Kopf. Was ist, wenn Beate wirklich unschuldig ist?
Könnte ich, dürfte ich sie dennoch hinrichten? Verurteilt und schuldig waren vielleicht nicht dasselbe…
Was Moment… Stopp, ich versuchte rasch meine Gedanken zu ordnen. Natürlich hatte sich diese Frage in den letzten 20 Jahren schon gestellt und ich war froh, dass neue Ermittlungsmethoden wie DNA Gutachten und andere forensische Untersuchungen Fehlurteile weitgehend ausschlossen, aber was, wenn doch???
So durfte ich nicht denken, denn dann würde ich meinen Job an den Nagel hängen müssen.
Verdammt!
„Also gut. Ich werde mich um Trommer kümmern und sehen, was ich tun kann. Vielleicht habe ich da eine Idee.
***

Am nächsten Tag war es soweit. Da ich als Henker die Termine bei nichtöffentlichen Hinrichtungen festlegte, wurde Beates Termin auf den Schichtwechsel gelegt. So waren Deckers Leute für kurze Zeit mit sich selbst beschäftigt und wir würden die wenigste Aufmerksamkeit erregen.
Vera hatte schon alle Papiere, die ich im Anschluss auszufüllen hatte, fertig gemacht.
Vera untersuchte Beate eine Stunde vor der angesetzten Hinrichtung Beate ein letztes Mal und verabreichte ihr ein starkes Beruhigungsmittel. Als Deckers Leute sie zur angesetzten Zeit aus der Zelle holten, wirkte das Mittel schon. Apathisch ließ sich Beate zur Kammer führen und festschnallen.
Wie üblich schickte ich die Wachen nach draußen. Die waren immer froh, wenn sie sich eine Hinrichtung nicht ansehen mussten und verschwanden schnell.
Jetzt waren wir alleine und Vera legte ihr die Injektion. Beate starrte nur an die Decke und schloss die Augen.
Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor, murmelte sie:
„Ich habe meine Kleine nicht umgebracht.“ Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesicht, dann wurde Beate bewusstlos.
„Wie lange wirkt das Zeug?“
„Zwei Stunden.“
„Ok. Wir warten noch eine Viertelstunde, dann bringen wir sie rüber.“
Zusammen schnallten wir Beate los und legten sie auf eine Rollliege. Als ich auf die Uhr schaute, stellte ich fest, dass der Wachwechsel unmittelbar bevorstand. Mit einem Laken deckte ich Beate zu, als ob sie eine tot wäre und brachte sie zur Tür.
Vera schloss die Tür zur Kammer auf und schaute auf den Flur.
„Alles klar.“
Ich rollte die Liege mit Beate nach draußen in den Flur. Dort brachte sie zu Veras Wohnung. Jetzt kam der heikelste Moment. Wie sollte ich das erklären…
Aber es ging gut. Niemand erschien und schon lag Beate in Veras Bett.
„Du bleibst bei ihr, bin gleich wieder da.“
Ich brachte die Liege in die Kammer zurück, schnappte den Papierkram und unterzeichnete Beates Todesurkunde, ließ das Datum aber offen.
Die Unterlagen legte ich in meinen Safe und ging zurück in Veras Wohnung. Dort hatte Vera sich schon um Beate gekümmert. Sie hatte ihr ihre Kleider aus und einen Schlafanzug angezogen.
Wir setzten uns gemeinsam auf das Sofa das in Sichtweite des Bettes stand und warteten.
Beate lag friedlich im Bett und ihre feuerroten Haare leuchteten auf dem hellen Kissen. Ich betrachtete sie und immer wieder hämmerte der Satz, den Beate für ihre letzten Worte hielt, auf mich ein.
„Ich habe meine Kleine nicht umgebracht.“
Und eine leise Stimme flüsterte …
„Was, wenn das wahr ist?“
***

„Ich glaube sie kommt zu sich.“ Vera war kurz eingenickt, war aber sofort hellwach.
Jetzt kam der heikelste Moment.
Vera stand auf und setzte sich neben Beate auf die Bettkante.
Beate öffnete kurz die Augen und blinzelte, schloss die Augen wieder, dann riss sie die Augen panisch auf.
Als Beate losschreien wollte, legte Vera den Arm um sie.
„Ruhig, ganz ruhig. Ich habe dich.“ Sie beugte sich zu ihr und nahm Beate fest in ihre Arme.
Beates Blicke wanderten durch den Raum und blieben an mir hängen. Jetzt brach die Panik durch und sie fing an zu schreien.
Vera schickte mich mit einem Wink aus der Sichtweite. Ich setzte mich in die Essecke der kleinen Wohnung.
Beate hatte mittlerweile erfasst, dass sie nicht tot war, sondern irgendwo zusammen mit ihrem Henker in einem Raum war.
„Bitte versuch dich zu beruhigen. Dir ist nichts passiert.“ Vera streichelte ihr den Kopf und strich Beate über die Wange.
„Was ist passiert? Wieso? Wo bin ich?“
„Es tut mir leid, dass wir dich nicht vorwarnen konnten. Wir haben deine Hinrichtung nur vorgetäuscht. Du bist bei mir, in meiner Wohnung.“
Beate fing an, hemmungslos zu weinen. „Warum quält ihr mich so?“ schluchzte sie.
„Warum…?“
„Wegen dir!“
Ich war wieder zu ihr gekommen.
„Ich will eine Antwort! Deine letzten Worte waren, – Ich hab meine Kleine nicht umgebracht. – Ich will wissen, ob das stimmt!“
Beate sah mit ihren smaragdgrünen Augen direkt in meine.
„Ich habe versucht, sie zu retten.“ Sagte sie unter Tränen. „Ich habe Alles versucht. Ich habe gesehen, wie er sie gewürgt hat und riss ihn weg, aber ich konnte ihr nicht helfen. Ich weiß nicht mehr was ich alles getan habe, um sie retten, aber ich höre noch immer das Lachen. Die ganze Zeit hat sie gelacht und mich verhöhnt. Dann habe ich das Messer genommen…“
„Wer hat gelacht?“
„Petra Strass!“, presste sie hervor und der Hass kehrte in ihre Augen zurück.
In meinem Kopf legte sich ein Schalter um. –Das war es mit deinem Plan, Trommer! –
Vera sah mich an. Sie hatte während Beates Erzählung die Lippen zusammengepresst und ihre Augen fingen an zu blitzen.
„Ich will dich nicht anlügen. Trommer kam vor ein paar Tagen zu mir und bat mich dich in einem dunklen Keller verschwinden zu lassen. Als persönlichen Gefallen! Genau das waren seien Worte.
Anfangs war das auch genau der Grund! Ich wollte Trommer einen Gefallen tun. Deshalb haben Vera und ich deiner Hinrichtung vorgetäuscht.“
„Der Staatsanwalt? Warum machte er das? Er hat mich zum Tode verurteilen lassen! Warum will er mich in einem Keller verschwinden lassen?“
„Da gibt es zwei verschiedene Gründe.
Erstens, er hat ein Verhältnis und will sich dieses bei Laune halten.“
„Ein Verhältnis? Mit Wem?“
„Petra Strass.“
Beate, die sich aufgesetzt hatte, riss die Augen auf. Jetzt schien ihr klar zu werden, warum Trommer dieses Urteil für sie gefordert hatte.
„Nein.“ Keuchte sie. Nicht noch einmal. Das kann er nicht tun. Nicht für diese Schlampe.“
„Der wahre Grund ist viel schlimmer.“
„Schlimmer als das die Frau die dein Kind umbringen lässt, auch noch dich töten lässt? Das glaube ich kaum!“
„Oh doch. Trommer nimmt das nur als Vorwand. Ich soll genau das glauben. Der wahre Grund ist, er benutzt dich. Dich und deinen Fall.“
„Ich verstehe nicht. Mein Fall ist abgeschlossen und ich wurde verurteilt. Warum soll er mich nicht hinrichten lassen?“
„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht, aber Trommer tut das sicher nicht ohne Grund. Und den werde ich herausfinden.
Wenn du Trommer eins auswischen willst und dafür sorgen möchtest, dass Petra Strass nicht ungeschoren davonkommt, dann tust du was wir dir sagen. Was das ist, wird dir Vera erklären.
Aber ich warne dich! Wenn du eine einzige Dummheit machst, schleppe ich dich zurück in die Kammer und dann wirst du sie nicht lebend verlassen! Hast du mich verstanden?“
Sie starrte mich an, Der traurige und entsetzte Ausdruck in ihren Augen war die feste Entschlossenheit gewichen. Nein, sie würde keinen Ärger machen. Beate würde alles tun, um sich an Petra Strass zu rächen, und wenn es das Letzte wäre, was sie auf dieser Welt tun würde.
„Ja, ich habe verstanden.“
Als ich zur Tür ging, sagte sie.
„Entschuldige …“ sie sah Vera an.
„Peter.“
„Entschuldige Peter, du hast gesagt, anfangs hättest du es für Trommer getan. Und warum tust du es jetzt?“
„Wenn das stimmt, was du mir gesagt hast, dass die Strass am Tod deiner Tochter schuld ist, werde ich dich heraushauen. Ich kann bei einem solchen Unrecht nicht einfach wegschauen.“
Ich hatte die Tür fast erreicht, als sie mich fragte, „Wann hast du diese Entscheidung getroffen?“
„Vor zwei Minuten!“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
***

Verflucht, auf was habe ich mich da eingelassen? Es war nach Mitternacht und ich saß in meinem Büro. An Schlaf war nicht zu denken.
Immer mehr Fragen drangen in mein Hirn vor. Die Wichtigste, ich hatte Beate offiziell hingerichtet. Sie konnte nicht „einfach“ wiederauftauchen.
Selbst wenn Trommer… und der hatte sicher kein Interesse, dass Beate von den Toten auferstand. Oder? Die Frage blieb… Warum wollte Trommer wirklich, dass Beate in einem Keller verschwindet?
Die Geschichte mit der Strass war vorgeschoben, da war ich mir sicher. Die hatte er mir erzählt, damit ich mitspielte.
Sich so zu gefährden, nur um seine Liebschaft bei Laune zu halten, dazu war Trommer zu schlau.
Trommer wollte ein Medienspektakel, er wollte einen Aufhänger für… ja für was?
Das wusste ich noch nicht, aber es stand im Gegensatz zu dem, was Frank mir erzählt hatte, nämlich, dass Trommer sich mit öffentlichen Hinrichtungen profilieren wollte und so auf Stimmenfang ging.
Vor zehn Minuten war die Pressemitteilung herausgegangen, in der stand, dass Beate Fischer am gestrigen Tag hingerichtet wurde.
Der Fall machte noch immer Schlagzeilen. Die Zeitungen brachten Beates Bild auf der Titelseite. Trommer hätte bei einer öffentlichen Hinrichtung ein Millionen Publikum erreichen können!
Welchen Nutzen hatte eine noch lebende Beate für ihn? Das war die 1 Million Dollar Frage!
Die Tür ging auf und Vera kam herein.
„Sie schläft.“
„Wenigstens eine von uns.“ Brummte ich.
„Peter. Ich bin stolz auf das, was wir getan haben.“
„Wir haben unsere Köpfe in die Schlingen gelegt, darauf bin ich nicht unbedingt stolz.“
„Du weißt genau, was ich meine. Sie ist unschuldig!“
„Unschuldig oder nicht. Ein ordentliches Gericht hat sie verurteilt. Wenn die Sache schief geht, können wir uns selbst unter die Guillotine legen.“
Vera schwieg eine Weile, dann flüsterte sie. „Sie wäre es wert.“
Dann blickte sie zu mir und fragte mich.
„Wie gehen wir weiter vor?“
„Wir reden mit Trommer lassen ihn aber weiterhin im Glauben, dass wir es nur für ihn tun. Wir können keinen Krieg gegen ihn führen, der wäre nicht zu gewinnen.“
„Komm jetzt ins Bett, du Retter unschuldiger Frauen. Morgen wird es hoch her gehen.“
-OOHH- dachte ich –gerettet ist Beate noch lange nicht und wir schon gar nicht! –
Am nächsten Morgen beherrschte Beate die Titelseite. Es gab keine Zeitung im Land die nicht über sie und die Vollstreckung ihres Urteils berichtete.
Und ein zweites Bild war auf den Titelseiten zu sehen. Das Bild von Oberstaatsanwalt Trommer!
Warum er der Mörderin die öffentliche Hinrichtung ersparte? War eine zentrale Frage.
Er wolle Beates Fall nicht für als Plattform nutzen. Und doch tat er genau das! War ich denn der einzige, dem das auffiel?
Zugegeben Trommer ist ein sehr charismatischer Mensch der es sehr gut verstand den Leuten das zu vermitteln was sie glauben sollten.
Er hatte die Gabe sich in die Persönlichkeit seines Gegenübers hineinzuversetzen. Er konnte einer armen Oma eine sündhaft teure Heizdecke verkaufen und gleichzeitig, harte Strafen für solche Betrüger fordern.
Dieser Mann war auf dem Weg nach oben und er war Skrupellos. Der Moment in dem er noch hätte gestoppt können war vorbei. Mit Beates Fall hatte er sich der Öffentlichkeit präsentiert und die Leute fingen an ihn zu lieben.
Die wichtigste Erkenntnis war, Für Trommer war Beates Leben belanglos.
***

Detektivarbeit

„Hallo Bad-Man.“
„Na Sherlock, wie geht es dir?“
Ich traf Meyer in der Kantine des Gerichtes. Meyer war einer der dienstälteren Ermittler des LKA. Aus Beates Akte wusste ich, dass er in diesem Fall ermittelt hatte.
Ganz zufällig traf ich ihn nicht. Ich kannte Meyer schon eine geraume Zeit. In Laufe der letzten Jahre waren wir uns im Gericht öfters begegnet und kannten uns mittlerweile recht gut.
Ich setzte mich neben ihn und stellte ihm eine Tasse Kaffee hin, die er dankbar anschaute.
„Danke, ich habe nur kurz Zeit und an der Kaffeebar war ein riesiger Andrang.“
„Du musst dich mit dem Personal gut halten, dann musst du dich auch nicht anstellen.“ Grinste ich. „Was treibst du heute hier?“
„Ich muss in der Raubmordsache aussagen. Du Weißt schon, die beiden Frauen die sich als Pflegekräfte ausgegeben haben und hilflose Rentner erleichtert haben.“
Ja, daran erinnerte ich mich. Das Duo hatte einige Zeit ihr Unwesen getrieben, dann war ein Rentner, der etwas rüstiger, war misstrauisch geworden und hatte die beiden erwischt, wie sie seine Sachen durchsuchten. Daraufhin hatte eine der Frauen ihn mit einem Stuhl niedergeschlagen und der Mann starb.
„Das Gericht wird dir die beiden wohl als Kundschaft schicken.“
„Ach ja, die Sache, aber sag mal, warst du nicht auch in den Fischerfall involviert?“
Meyer wurde sofort misstrauisch.
„Ja, warum?“
„Nichts, es interessiert mich einfach.“
„Tut mir leid, wahrscheinlich werde ich paranoid.“
„Was bitte soll, so einen gestandenen Ermittler wie dich, paranoid werden lassen?“ Ich versuchte es belustigt herüberzubringen, doch meine Nackenhaare sträubten sich und es begann mir kalt den Rücken herunter zu laufen.
Ich konnte es nicht fassen, aber Meyer schaute sich tatsächlich um, ob jemand zuhörte!
„Das war eine verdammt üble Sache!“
„Ja, ich verstehe. Eine Familientragödie ist immer schlimm, besonders wenn Kinder unter den Opfern sind.“
„Nein, das meine ich nicht.“ Wieder schaute er sich um. „Die Ermittlungen… wir mussten…“
„Ist hier noch frei?“ Einer von Meyers jüngeren Kollegen kam an unseren Tisch, setzte sich dazu und Meyer verstummte sofort.
„Sie sind doch der Henker? Wie nennt man sie, den Bad-Man! Cooler Name.“
Der Typ war schon durchgefallen. Er hatte ein arrogantes Gehabe und die Art wie er meinen Spitznamen benutze klang ziemlich abfällig.
„Ja und, das Recht mich so zu nennen, muss man sich verdienen!“
Wir taxierten uns gegenseitig und ich gab nicht nach. Schließlich brummte er etwas Unverständliches und kümmerte sich um seinen Kaffee. Meyer sagte kein Wort mehr, doch seine Augen sagten mir etwas ganz anders.
„Wir sehen uns.“ Sagte ich und verabschiedete mich.
„Blöder Arsch.“, hörte ich noch den Jungen murren und normalerweise, hätte ich mir den Typ sofort vorgeknöpft und mit ihm den Boden aufgewischt, doch ich hatte gerade ganz andere Sorgen.
***

Beate saß nun seit drei Wochen in Veras Wohnung. Wie sie es versprochen hatte, machte sie keinen Ärger und achtet darauf, dass niemand von ihrer Anwesenheit erfuhr.
Vera verbrachte mehr und mehr Zeit mit Beate. Die beiden schienen Freundinnen zu werden. Ich versuchte, Vera klar zu machen, dass über uns, und ganz besonders über Beate Trommers Damoklesschwert hing.
Warum er Beates Leben vorerst verschont hatte, war mir noch immer schleierhaft. Doch ich machte mir keine Hoffnung, dass er Beatas Urteil korrigieren wollte. Nein, Beate Lebensspanne war nur noch kurz.
Doch Vera schien sich dieser Tatsachen zu verschließen. Für Vera war es nur noch eine Frage der Zeit, wann Beate wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnte.
Ich fragte mich unterdessen, ob Beate das überhaupt wollte. Jetzt lebte sie für ihre Rache, die Gelegenheit sich an Petra Strass zu rächen. Doch angenommen, sie würde ihre Rache bekommen… was dann? Ihre Familie gab es nicht mehr!
Ich glaubte nicht, dass Beate soweit vorausdachte.
Während der nächsten Tage wurde Beates Bild auf den Titelblättern immer kleiner und verschwand schließlich auf Seite 5, dafür wurde Trommers Bild immer größer und die Artikel über ihn umfangreicher.
Trommer hatte es geschafft, zum Selbstläufer zu werden. Man hätte glauben können, er wäre ein Politiker, der vor der Wahl noch einmal Alles gibt, um wiedergewählt zu werden. Er griff ganz nebenbei Themen auf, die seine Person ins richtige Licht brachte und schaffte es, so in den Schlagzeilen zu bleiben. Natürlich war er klug genug, niemanden persönlich anzugreifen, doch er schaltete einen möglichen Bewerber für den Posten als Generalstaatsanwalt nach dem anderen aus.
Und dabei hatte er noch nicht eimal das Wort „Bewerbung“ in den Mund genommen. Nein er war einfach nur ein besorgter Staatsdiener! Mit dieser Methode machte er sich auch jede Menge Feinde, doch die waren ganz klar in der Minderheit. Und wenn sich einer tatsächlich erdreistete etwas gegen Trommer zu sagen, brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Das konnte ein Shitstorm sein, oder die Zeitungen gruben etwas aus und zerrten eine Leiche aus dem Keller.
Nach und nach verstummten Trommers Gegner. Aber auch die, welche nur passiv auf einen Fehler warteten, waren nicht sicher. Ein Wort der Kritik an der falschen Stelle kostete einige Karrieren. Mir wurde immer klarer, dass ich mehr über Beats Fall herausfinden musste. Ich musste mit Meyer reden. Die Sache fing an zu stinken. Ich kannte Meyer. Er war einer, den nichts erschüttern konnte, und er hatte Angst! Wenn Meyer schon Angst hatte…
Ich suchte mir seine Nummer heraus und rief ihn an.
„Meyer.“
„Hier ist Stein. Hättest du Interesse an einem guten Mittagessen?“
Er schwieg. Wahrscheinlich wurde ihm klar, dass meine Frage neulich keine reine Neugier war.
„Morgen Mittag um 12. Im Schiller.“ Schon war das Gespräch beendet.
Ich starrte den Hörer an und legte schließlich auf.
-Da läuft etwas ganz gewaltig schief.- Einmal mehr hatte ich das Gefühl nachts, ohne Licht, über die Autobahn zu rasen.
Am nächsten Tag machte ich mich auf um ins Schiller zu gehen. Einem kleinen verwinkelten Restaurant in der Altstadt. Am Wochenende brauchte man dort erst gar nicht ohne Reservierung hinzugehen, doch mitten in der Woche um die Mittagszeit, hatte man meistens Glück.
Meyer saß in einem der Winkel, von dem er das Restaurant überblicken konnte.
„Hallo Sherlock.“
„Hallo Mister, es interessiert mich einfach.“
Ich setzte mich und Meyer dirigierte mich in die Ecke, von der aus ich nicht gesehen werden konnte, falls jemand am Restaurant vorbeiging.
„Was ist bloß los, mit dir? Wieso hat ein so erfahrener Ermittler wie du Angst?“
Bevor er antworten konnte, wurde unsere Bestellung aufgenommen und er wartete, bis die Bedienung wieder weg war.
„Bevor ich auch nur ein Wort sage, will ich wissen, wieso dich das interessiert.“
„Die letzten Worte von Beate Fischer waren; Ich habe meine Kleine nicht umgebracht.
Wenn das stimmt und ich glaube es, habe ich eine Unschuldige hingerichtet. Das ist etwas, mit dem ich schlecht leben kann und etwas das ich nicht hinnehmen werde. Ich will den wahren Mörder!“
„Sie war eine Mörderin. Sie hat ihren Mann mit 40 Messerstichen praktisch filetiert.“
„Er soll die Kleine erwürgt haben. Wenn ich Kinder hätte und jemand würgt sie, könnte er froh sein, wenn er mit 40 Messerstichen davonkommt.“
„Woher weiß du das?“
„Was?“
„Dass ihr Mann die Kleine erwürgt hat? Das steht weder in der Akte, noch in einem Bericht.
Verdammt, als Ermittler bin ich wohl ein blutiger Anfänger.
„Von Beate. Sie hat erzählt, dass sie dazu kam, als ihr Mann die kleine Ella würgte. Sie hat versucht, sie zu retten, aber es war zu spät.“
„Das sind ziemlich viele letzte Worte!“
„Scheiße! Also gut, ich habe mit ihr geredet, bevor das Urteil vollstreckt wurde.“
„Und du hast es trotzdem getan?“
„Was hätte ich denn tun sollen? Sie wurde verurteilt und eine Berufungsmöglichkeit gab es nicht. Aber ich habe ihr versprochen den wahren Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. “
Meyer blickte mich nicht an, als er anfing zu erzählen.
„Ich war als einer der ersten Ermittler am Tatort. Die Kollegen hatten Beate Fischer schon in Handschellen abgeführt.
Laut der Zeugin hatte diese mit Beates Mann und der kleinen Ella Kaffee getrunken, um nachträglich den ersten Schultag zu feiern.
Er hätte wegen vorheriger Probleme eine klare Absprache zwischen Beate und ihrem Mann gegeben. Jedes zweite Wochenende würde Petra Strass zu ihrem Freund kommen und Beate würde in der Zeit außerhalb des Hauses bleiben. Das hätte man so vereinbart, da es zwischen den Frauen Handgreiflichkeiten gegeben haben soll, die ausschließlich von Beate aus gegangen sind. Mit dieser Regelung wäre man aber drei Monate gut gefahren. Dennoch hätte Beate sie immer wieder bedrängt und auch verbal angegriffen. Auch Telefonterror hätte Petra Strass erdulden müssen.
Schließlich kam der Tag, an dem der Streit eskalierte. Petra Strass sagte aus, Beate sei trotz der Übereinkunft in das Haus gekommen und hätte ihr in der Küche eine Szene gemacht. Es sei zum Streit zwischen Beate und ihrem Mann gekommen. Im Laufe des Streites hätte der Mann damit gedroht sie aus dem Haus zu werfen und dafür zu sorgen, dass sie das Sorgerecht für Ella verliert. Daraufhin wäre Beate durchgedreht, hätte die kleine Ella gepackt und ihr die Hände um die Kehle gelegt. Ihr Mann soll sie von Ella losgerissen und zu Boden geworfen haben, doch der Kehlkopf der kleinen Ella war bereits zerquetscht.
Während der Ehemann sich um Ella gekümmert hat, nahm Beate das Messer und stach auf Ihren Mann ein. Petra Strass hätte versucht Beate davon abzuhalten, doch Beate hätte sie zur Seite geschleudert und sie sei mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Anschließend sei sie aus dem Haus geflüchtet und hätte die Polizei gerufen. Soweit die Aussage von Petra Strass.“
„Und? Wie war es deiner Meinung wirklich gelaufen?“
„Meiner Meinung nach? Wen interessiert die schon!“
„Mich, verdammt nochmal. Und dich selbst!“
Wieder schwieg Meyer einen Moment, dann fuhr er fort. „Das erste was mir auffiel, waren die Würgemale am Hals der kleinen Ella. Die passten nicht zu Beates Händen. Auch war an der Kleinen kein Blut. Wäre es so gewesen, wie die Strass sagte, dass der Mann sich um Ella kümmerte, als Beate mit dem Messer auf ihn losging, hätte die Kleine einiges abbekommen.
Also haben wir uns die Leiche von Beates Mann angesehen.
Hast du schon mal jemanden erstochen? Das ist gar nicht so einfach, es kostet nämlich Kraft. Beate hat das Messer 44 Mal in ihren Mann gerammt. Die ersten Stiche waren tief und drangen bis zum Heft in ihn ein. Die Letzten waren nur noch halb so tief.
Die tiefen Einstiche waren nicht im Rücken! Die Strass sagte, Beate hätte ihrem Mann von hinten angegriffen, als er sich um das Kind kümmerte. Die tiefen Stiche waren alle auf der Vorderseite. Genau 17 Stiche. Dann wurde sie kraftloser und die letzten 5 Stiche waren nur noch oberflächlich. Und DIE waren auf dem Rücken. Für mich steht fest, dass die Aussage der Strass von vorne bis hinten erlogen ist.“
Ich war geschockt. Beate war, nein IST unschuldig. Verfluchter Mist!
„Wenn ihr das wusstet, warum habt ihr nichts getan? Ihr habt zugesehen, wie eine Unschuldige zum Tod verurteilt wurde!“
„Glaubst du ernsthaft, wir hätten nichts gemacht? Verdammt! Ich war noch vor Ort, als Trommer erschien. Er ließ sich einen vorläufigen Bericht geben und verschwand. Während wir unsere Berichte schrieben, besuchte er Petra Strass und ließ sich ihre Version erzählen. Kaum waren unsere Berichte zur Staatsanwaltschaft gegangen, wurden wir zu ihm bestellt. Trommer teilte uns mit, dass wir unsere Ermittlungen an den Aussagen von Petra Strass ausrichten sollen. Sie wäre schließlich die einzige Augenzeugin. Wir waren völlig perplex. Natürlich haben wir ihre Aussage in Erwägung gezogen, doch da gab es einige Ungereimtheiten. Wir machten Trommer darauf aufmerksam und Trommer bat uns die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten und diese ihm vorab mitzuteilen. Wir waren einverstanden, schließlich war er für den Fall zuständig.
Nach drei Wochen kamen die Ergebnisse, Es war genau, wie wir vermuteten. Petra Strass hatte gelogen. Beate hat zwar ihren Mann umgebracht, das gab Beate ja auch zu, aber die Würgemale deuteten auf ihn als Mörder von Ella hin. Auch die Messerstiche bestätigten, dass Beate ihren Mann frontal anging. Mit dem Ergebnis unter dem Arm sind wir zu viert zu Trommer. Er ließ sich alles haarklein darlegen und dachte nach. Dann sagte er die Version der Strass für plausibler halte und wir diese als Ermittlungsbasis nehmen sollten.
Wir dachten, dass wir uns verhört hatten. Trommer saß ganz ruhig da und verlangte von uns die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken. Natürlich haben wir abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll. Und da war ich noch der freundlichste von uns.“
„Was ist dann passiert. Ihr vier wart euch einig, dass Petra Strass lügt und dennoch wurde das in der Verhandlung nicht ein einziges Mal erwähnt.“
„Ein paar Tage später gab es einen versuchten Einbruch. Die Meldung besagte ein angetrunkener Jugendlicher würde versuchen die Sicherheitsglasscheibe eines Juweliers einzuschlagen. Einer von uns Vier hatte gerade Dienst und fuhr hin.“
„Und?“
„Der Betrunkene hat ihn niedergeschossen. Eine Woche später wurde der Zweite von uns von hinten niedergeschlagen und liegt seitdem im Koma.“
Meyer schwieg.
„Und der Dritte?“
„Der hat Trommers Version geschrieben, in die Akte gepackt und ist jetzt drei Gehaltsstufen höher Chef einer Sondergruppe.“
„Und du?“
Meyer schwieg wieder. Was sollte er auch sagen? Dass er zu feige gewesen war, Trommer die Stirn zu bieten? Dass er zu viel Anstand hatte, Trommers Angebot anzunehmen? Die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen.
„Ich habe noch zwei Jahre. Ich habe keine Lust, schon vorher zu sterben. Also halte ich die Klappe. Beate hat ihren Mann umgebracht. Ganz unschuldig war sie also nicht.“
„Du machst es dir ganz schön einfach.“
„Tue ich das? Ich erzähle mal dir was. Falls du dich mit Trommer anlegst, dann pass auf dich auf, wenn du nachts unterwegs bist. Hast du nicht diese rothaarige Freundin? Ich würde sie nicht mehr aus den Augen lassen.“
„Das würde sich nicht mal Trommer wagen.“
Meyer grunzte. „Ach ja? Ich wollte neulich meinen Enkel an der Kita abholen, da wurde mir gesagt, dass er schon abgeholt sei. Ich habe sofort Alarm geschlagen, und weißt du was? Er war zu Hause und niemand weiß, wie er dorthin kam! So viel zu dem, du machst es dir einfach.“
Mein Kopf fing an, sich zu drehen. Das Trommer ein Mistkerl war, das wusste ich schon, aber was für einer, das wurde mir erst jetzt langsam bewusst.
Mein Plan, Trommer mit irgendwelchen Ermittlungsergebnissen dazu zu bringen, Beate zu rehabilitieren war gestorben. Meyer würde kein Wort verlieren. Gleichzeitig geriet ich in Rage. Rage? Dass war gar kein Ausdruck für die Wut, die in mir hochstieg!
Ich arbeite in einem Rechtsstaat. Todesurteile die ich vollstrecke werden von unabhängigen Gerichten gesprochen und dieser Mistkerl hat das Gericht dazu benutzt seinen schmutzigen Plan in die Tat umzusetzen.
Schlimmer er hat MICH benutzt, er hat mich ein Verbrechen begehen lassen! NEIN, verdammter Mist! Es sind ZWEI Verbrechen! Das erste war Beate trotz des rechtskräftigen Urteils zu verschonen und das zweite würde kommen, denn Beate musste sterben, das war sicher.
„Überleg es dir gut, ob du einen Kreuzzug startest. Und falls ja, dann mach dir keine Hoffnung. Du stehst allein.“
Meyer fischte einen Geldschein aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und verschwand.
Ich blieb noch ein paar Minuten sitzen und ordnete meine Gedanken. Als Erstes musste ich meine Wut unter Kontrolle bringen, dann konnte ich mich auf den Rückweg machen.
Als ich zu meinem Wagen kam standen zwei Männer am Auto und warteten auf mich.
„Sieh mal an, der Bad-Man.“ Es war der Hundesohn aus der Kantine mit einem zweiten Kerl. Beide waren in zivil und waren sicher nicht dienstlich an meinem Wagen interessiert.
In mir brodelte noch immer eine Riesen Portion Hass.
„Tu dir selbst einen Gefallen und verschwinde.“
„Du triffst dich mit den falschen Leuten. Ich dachte, ich weise dich vorsichtshalber darauf hin.“
„Und ich weise dich vorsichtshalber darauf hin, dass ich dir in fünf Sekunden die Fresse poliere, wenn du nicht abhaust!“
Das nahm der Typ nicht ernst und kam einen Schritt auf mich zu.
„Hör zu Bad-Man. Damit das klar ist…“
Weiter kam er nicht. Mein linker Fuß krachte auf sein Knie und gleichzeitig packte ich ihn in den Haaren, zerrte seinen Kopf nach unten und mein Knie traf ihn mitten in seinem Gesicht. Noch während er zusammenklappte, hatte ich ihm seine Pistole aus dem Halfter gerissen und hielt sie seinem Kollegen unter die Nase.
Der hatte auch die Hand an seiner Waffe, doch er war so überrascht, dass er sie noch nicht gezogen hatte. Deutlich hörbar entsicherte ich die Waffe.
„Ich habe diese Woche schon drei Menschen getötet! Und du?“
Ganz langsam nahm er die Hand von seiner Waffe und hob sie hoch.
„Jetzt klemm dir die Pfeife unter den Arm und verschwinde! Und bevor ihr Blödsinn macht, beim nächsten Mal kommt ihr nicht so gut davon!“
Ich wartete bis der Zweite das Arschgesicht in ihr Auto gepackt hatte und davongefahren war. Dann fuhr ich zurück zum Gefängnis.
Was für eine Scheiße. Ich machte mir zwar keine Gedanken, dass die beiden eine Anzeige machen würden, aber irgendjemand überwachte mich. Wer das war, darüber musste ich nicht rätseln. Trommer! Und die beiden Pfeifen würden sicher schon mit ihm reden. Zumindest einer der zwei. Immer noch kochend vor Wut saß ich im Büro. Langsam erkannte ich das Netz, in dem ich mich verfangen hatte. Was immer Trommer für einen Plan hatte, ich hatte keine andere Wahl als mitzumachen. Beate war tot. Wie sollte ich erklären, dass sie noch lebte? Wer würde mir glauben?
Niemand! Es war, wie Meyer gesagt hatte, ich stand alleine.
Die einzige Möglichkeit Trommers Plan zu durchkreuzen wäre… Beates Urteil vollstrecken…
Wenn ich das tat, würde Trommer weder Vera noch mich packen können. Schließlich war Beate ja schon offiziell tot. In diesem Fall…
Je länger ich darüber nachdachte, umso plausibler erschien mir der Gedanke. Ich machte mir keine Gedanken um meine Sicherheit oder meinen Job. Frank würde mich nicht feuern, ganz gleich wie viel Druck man auf ihn ausüben würde. Frank hatte viele Freunde im Ministerium.
Allein Veras Sicherheit lag mir am Herzen, als ich schweren Herzens diesen Entschluss fasste. Der einzige Weg ihr Leben zu schützen war Beate zu töten. Wann und wie? Das war die Frage.
Am Besten, ein Schuss mitten ins Herz. Schnell, sauber und schmerzlos. Sie würde es gar nicht mitbekommen. Ich würde Beate in ein Gespräch verwickeln und …
Scheiße so geht das nicht! Beate hatte das Recht zu wissen, was geschah. Ein solches Verhalten wäre widerwärtig und feige.
Ich grübelte noch immer, da kam Vera zu mir.
„Na, ermittelnder Henker?“, grinste sie. „Ich muss gleich auf die Krankenstation und wollte nur kurz vorbeischauen.“ Und setzte sich auf das Sofa gegenüber vom Schreibtisch.
„HHMM. Grunzte ich.
„Was hast du herausgefunden?“
Ich erzählte Vera alles was ich von Meyer erfahren hatte und auch, was im Anschluss geschehen war. Vera wurde blass, als sie die Wahrheit über Beates Fall erfuhr.
„Endlich, jetzt wissen wir was wir machen müssen, um Beate zu helfen!“
„Hast du nicht zugehört? Trommer wird niemals zulassen das wir ihn kompromittieren. Mit was auch? Beate ist tot, hast du das schon vergessen? Wenn wir da irgendwie rauskommen wollen, gibt es nur einen Weg!“
Als die Worte bei Veras Gehirn ankamen, wich alle Farbe aus ihr.
„Nein!“ flüsterte sie. „Nein, das darfst du nicht!“
„Vera…“
„Nein!“ Vera war aufgesprungen und schrie fast. „Das werde ich nicht zulassen!“
„Vera du weiß besser, als jeder andere Mensch auf dieser Welt, dass mir das keinen Spaß macht, aber…“
Da geschah etwas, was mich fassungslos machte.
Vera ging vor mir auf die Knie!
„Ich flehe dich an, tu es nicht!“
Sie sah mir direkt in die Augen. In diesem Blick lag wirklich alles! Der Blick sagte mir, dass sich Vera unsterblich in Beate verliebt hatte. Die Angst diese Liebe zu verlieren und die Verzweiflung für diese Liebe zu kämpfen, war für Vera alles, koste es, was es wolle.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Nein ich war… keine Ahnung!
Ich kniete mich zu Vera und nahm sie in den Arm. Vera fing an zu weinen und bebte, während ich sie hielt.
„Versprich es mir!“, flehte sie tränenüberströmt.
Was sollte ich tun? Vera war der wichtigste Mensch für mich auf dieser Welt.
„Ich verspreche dir, dass ich sie nicht töte, egal was geschieht.“
„Ich muss zum Dienst. Sieh mir in die Augen und sag mir, dass du dein Wort hältst.“
„Ich verspreche es.“
Noch immer weinend ging sie heraus und ich blieb erschüttert zurück.
Jetzt war es keine „unpersönliche“ Sache mehr. Vera liebte Beate. Seltsamerweise, kam kein Funken Eifersucht in mir auf, obwohl mir bewusst war, dass ich sie verloren hatte. Veras Schicksal war mit dem von Beate verbunden. Wenn Beate starb, würde Vera das nie überwinden. Das kam nicht in Frage, weder heute noch an einem anderen Tag. Jetzt hatte ich die Wahl. Was war mir wichtiger? Veras Sicherheit ober aber das Wort, das ich ihr gegeben hatte?
Nein, ich hatte keine Wahl! Vielleicht würden wir alle draufgehen, aber dann gehen wir kämpfend unter!
***

Onkelchen

Dann, eines Tages klingelte das Telefon. Mein „Onkelchen“, war am Apparat. Er war mein Mentor und Förderer beim Mossad, er hatte es ermöglicht, dass ich bei seinen Leuten und bei befreundeten Diensten in den Staaten und anderen Ländern an deren Ausbildung mitmachen konnte und er trieb mich stets zu höchsten Leistungen an. Er war ein Menschenkenner allererster Güte, man konnte ihm nichts vormachen und ich versuchte von ihm so viel zu lernen wie nur irgend möglich. Er hatte von der Sache in Arizona natürlich auch Kenntnis erhalten und ganz bestimmt einiges an Schutz für mich übernommen. Da ich gerade abkömmlich war, hatte er einen Job für mich. Auf der Antilleninsel St. Vincent hatte sich ein ehemaliger Agent der CIA seinen Alterssitz errichtet. Bereits zwei Teams der Amerikaner und eines von uns waren dabei gescheitert ihn aus dem „Dienst“ zu entfernen. Einen versteckten Luftangriff auf sein Anwesen konnte man nicht fliegen, da rings herum bewohnte Häuser standen.
Aus den verschlüsselten Datensätzen ging hervor, dass Albert Horastonian, so sein wirklicher Name, Bestechungsgelder für Afghanistan umgeleitet hatte und zwei größere Lieferungen Opium damit bezahlt hatte. Damit wollte er das große Geld in den Staaten machen, mit einem ganz unmenschlichen, fiesen gemeinen Trick.
Er besorgte sich junge Mädchen und schickte sie tiefgefroren in die Staaten zur Einäscherung und Beisetzung. Die wichtigsten Stationen waren dabei bestochen und die armen Mädchen waren innerlich ausgeräumt und aufgefüllt mit Drogen. Die Menschenleben die dabei starben bedeuteten Horastonian keinen Cent.
Mein Freund Gerome hatte in Kingstown eine Niederlassung für Elektro und Elektronikartikel und so kam ich problemlos auf die Insel.
Horastonian überwachte allerdings jeden, der die Insel betrat und sie wieder verließ. Meine Elektronik Kennisse waren in Geromes Geschäft sehr nützlich, denn eines Tages erschien ein Mann in der Niederlassung und checkte mich ab. Am Ende verkaufte ich ihm zwei Wanzen und drei Aufspürgeräte, reparierte einen defekten uralten Kurzwellen Sender und einen modernen Sender. Mir war klar, dass das ein Testkäufer war, also verkaufte ich mich als Nerd. Offenbar war ich dabei authentisch.
Schließlich bekam ich eine Woche später eine Einladung in die „Villa“ wie man das Anwesen nannte. Es war eine riesige Anlage zwischen St. George im Osten, Questellas im Westen und Dubiois im Norden der Insel. Umgeben von hohen Bergen konnte man schlecht direkt anfliegen und gegen Tiefflieger gab es modernste tragbare Raketen, sogenannte Manpads (Man Portable Air Defence System).
Von Onkelchen wusste ich, das Horastonian auf spröde gutaussehende Mädchen stand. Offensichtlich war die Beschreibung seiner Gorillas zutreffend. Die Villa war regelrecht in einen Berg hineingebaut und sehr schön, aber aus der Luft eigentlich nahezu unangreifbar. Horastonian begrüßte mich, nachdem seine Leute mich gecheckt hatten. Er klopfte mich sehr ausgefuchst und intelligent ab, er wusste genau, wie man Fragen stellte. Gegen Abend ließ er dann den Gentlemen fallen und wollte etwas, das ich nicht bereit war, freiwillig zu geben. Ein jüngerer, gutaussehender Wächter sollte mich gefügig machen aber ich zerkratzte ihm sein Gesicht derart, dass er abließ. Der Süße tat mir fast leid. Horastonian schickte mich dann weg mit der Bemerkung, dass er kommende Woche in der Fabrik vorbeikäme, um zu bezahlen. Der Telefonanruf kam wie angekündigt eine Woche später, die Überprüfung meiner Person hatte demnach nichts ergeben, Onkelchen hatte ganze Arbeit geleistet. Als Übergabepunkt war das Lager II der vorbereiteten Fabrik ausgemacht, südlich von Fort Charlott, im Clare Valley.
Die Gorillas überprüften weiträumig die ganze Gegend und gaben schließlich grünes Licht, dann fuhr die Limousine mit Horastonian vor, er stieg aus und ging auf den Seiteneingang zu.
Als er sich langsam umdrehte, schlug eine Cal. .50 Kugel in seinen Kopf ein und beendete seine Drogenkarriere abrupt. Der Rest war ein Fressen für die Geier der Staatsmacht. Sie trieben die übrigen kleinen Gangster zusammen und verhafteten alle.
Das war es dann mit dem Drogenhandel auf der Insel. Am Abend lobte Dagan meinen gelungenen Schuss über nahezu 1,2 Kilometer.
***

Konsequenzen

Zwei Tage war das nun her. Trommer hatte sich noch immer nicht gemeldet, obwohl die beiden Pfeifen ihm mit Sicherheit alles gesteckt hatten.
Vera musste Beate erzählt haben, was ich herausgefunden hatte und wohl auch was für Konsequenzen uns drohten. Gestern Abend, Vera hatte Dienst, saß ich bei Beate und wir sprachen über Meyers Entscheidung. Sollte Vera Beate auch erzählt haben, dass ich in Erwägung gezogen hatte sie zu töten, um Trommers Plan zu vereiteln, verbarg sie es gut. Irgendwann stand sie auf und kam zu mir. Ich saß auf dem Zweisitzer und sie setzte sich neben mich.
„Peter, ich liebe Vera. Ich liebe sie mehr als alles andere auf der Welt. Falls mein Tod sie beschützt, dann tu es. Töte mich.“
Ich schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Gestern wollte ich es tun. Ich sah keinen anderen Weg, aber Vera hat mich angefleht es nicht zu tun. Ich gab ihr mein Wort, dich am Leben zu lassen. Ich habe ihre Augen gesehen. Wenn du stirbst, stirbt sie auch. Das werde ich nicht zulassen. Ich werde kämpfen, auch wenn es mein Untergang ist.“
Beate sah mich an und drehte mein Kinn in ihre Richtung. Zum ersten Mal sah ich diese schöne Frau aus dieser Nähe. Die Gesichtszüge waren sehr fein gezeichnet, ihr Mund hatte genau die richtige Größe. Ihre wunderschönen Augen funkelten wie kleine Diamanten. Kein Wunder, dass sich Vera in Beate verliebt hatte. Sie nahm meine Hand in ihre und sagte dann zu mir,
„Wir kämpfen zusammen. Für Vera!“
„Für Vera.“ Schwor ich ihr.
Beate lehnte sich gegen mich und ich legte meinen Arm um sie. Über eine Stunde saßen wir so zusammen und keiner wollte den anderen loslassen. Dann fragte sie mich: „Bist du mir nicht böse, wegen Vera?“
„Böse? Nein! Vor Vera, hatte ich nie eine längere Beziehung, erst als Vera in mein Leben trat, wusste ich, was es bedeutet, jemanden wie sie an der Seite zu haben. Sie verdient es, glücklich zu sein, genau wie du.“
***

Jetzt saß ich hier und hatte noch immer keine Ahnung, wie ich meinen Kampf zu führen hatte.
Jessika kam in mein Büro. In der linken Hand hatte sie zwei Kaffeetassen und in der rechten den Generalschlüssel. Sie schloss die Tür, steckte den Schlüssel hinein und sperrte die Tür ab.
Sie reichte mir eine der Tassen und setzte sich auf den Besucherstuhl.
„Also?“
„Was, also?“
„Ich habe diesen Blick in deinen Augen schon einmal gesehen. Vor 20 Jahren, du warst verzweifelt und wusstest nicht weiter. Es ist genau derselbe Blick wie damals.“
Ich grinste verlegen. Jessika kannte mich besser als ich mich selbst. Sie wusste einfach alles.
DAS IST ES!!! Jessika!
Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke. Jessika wusste alles, kannte jeden und war mit allen Wassern gewaschen. Wenn uns ein Mensch helfen konnte, dann Jessika.
Doch wenn ich sie fragte, ob sie mir half, würde ich sie in Gefahr bringen. Konnte, durfte ich das?
Ich war in einer Zwickmühle, doch wenn ich Vera und Beate helfen wollte, brauchte ich Jessika.
„Ja, ich brauche Hilfe. Ich habe ein Problem und weiß nicht, wie ich es lösen soll.“
„Dann frag mich doch. In all den Jahren haben wir beide doch jedes Problem aus der Welt geschafft. Wir sind ein Team, schon vergessen? Also was ist das für Problem?“
Ich schloss die Augen, jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Am besten zeige ich es dir.“ Ich stand auf und Jessika folgte mir. Etwas verwundert sah sie mich an, als ich Veras Wohnung aufschloss und mir dabei Zeit ließ.
Als die Tür offen war, bat ich sie, einzutreten.
Jessika sah sich in der Wohnung um. Wir hatten mit Beate abgemacht, dass sie sich beim Öffnen der Tür ins Bad begeben sollte, damit sie vom Flur aus auf keinen Fall gesehen werden konnte.
Ich führte Jessika hinein und klopfte leise an die Badezimmertür.
„Hör mal, wenn dein Problem mit deiner Beziehung zu Vera zu tun hat, dann lass mich außen vor, ich habe keine Lust mich…“
Sie stockte und starrte Beate an, die aus dem Bad getreten war. Eine volle Minute starrte sie Beate sprachlos an.
„Verdammt!“ Das war das erste Mal, dass ich Jessika fluchen hörte. „Verdammt, ja du hast ein Problem! Nein, Problem ist gar kein Ausdruck!“
***

Die Südsee

Auf den Französischen Antillen konnte man sich zumindest frei bewegen, wenn man von früher noch einige guten Kontakte hatte. Gerome, ein alter Kampfgefährte aus meiner Studienzeit ließ mich bei sich im Betrieb unterkommen, da hat es noch genug freien Raum und Zimmer. Er entwickelte elektronische Abwehrsysteme für das hiesige Militär und redete natürlich nicht über diese aktuellen Life Systeme, aber wir quatschten über die Alte Tage und die nicht allerneusten Geräte des Militärs. Über diverse Kanäle kamen im folgenden halben Jahr, nach und nach, viele meiner Sachen aus der Wohnungsauflösung. Es war eine gemütliche, moderne Wohnung in Phoenix aber vorbei ist vorbei.
Ein wunderbares Bild kam mit der letzten Lieferung, das mich mit meinen Freunden, an meinem 30 Geburtstag zeigte, das war jetzt gut ein Jahr her. Kinder wie die Zeit vergeht …
Über einen Bekannten im Außenministerium bekam ich die Daten über eine freie Stelle auf der sonnigen Südseeinsel Soulebda. Ich konnte eh nicht in die Vereinigten Staaten zurück, also bewarb ich mich und wurde nach einer ausführlichen Videokonferenz in die dortige Hauptstadt eingeladen. Also wieder einmal die Sachen packen und auf ging es auf die andere Hälfte der Welt.
***

Soulebda war eine herrliche Insel.

Gut 1900 Kilometer nordöstlich von Australien gelegen, in etwa mittig zwischen Nauru und Tuvalu, etwa halb so groß wie Deutschland. Mit wenigen größeren Städten und vielen Siedlungen. Es wurde sehr viel Landwirtschaft betrieben und die Bevölkerung nahm an der industriellen Entwicklung teil, gleichzeitig wurde alles Ländliche erhalten und sogar weiterentwickelt. Dazu über dieser mächtige Urwald.
Es gab hier starke kulturelle Kräfte. Uraltes Wissen der Altvorderen war noch immer allgegenwärtig und man blieb vor der brutalen Christianisierung verschont. So konnte sich der hiesige Glaube und der industrielle Fortschritt einer Symbiose gleich weiterentwickeln.
Soulebda war von der Rechtsform her eigentlich ein Matriarchat. Es stand ein aufstrebender junger, starker Regent an der Spitze mit seiner klugen Frau, der eigentlichen Regentin, an der Seite.
Sheramoh ai Youhaahb, so der Name des Präsidenten, hatte sich einen tüchtigen, starken Stab um sich geschaffen. Die Verwaltung war effektiv und noch nicht so durchtrieben wie in den aufgeklärten Ländern.
Seine Frau, Heylah ai Youhaahb, war die eigentliche treibende Kraft, sie hielt alle Fäden in den Händen und alle wendeten sich an sie, wenn es um das wirklich Wichtige ging. Sie ließ ihrem Gatten aber alle Freiheiten in der Außenwirkung und er handelte sehr intelligent und vorausschauend. Diese klugen Ansichten gaben die beiden auch an ihre bildhübsche Tochter Penelope weiter.
Mit ihren 28 Jahren studierte sie an der hiesigen Universität Wirtschaftswissenschaft, Sport und Geschichte und sie war immer auf Achse.
Sie war eine junge Frau, der man nichts vormachen konnte, kritisch hinterfragt sie alles und stritt gerne mit ihren Professoren. Diese trieben sie immer weiter an und forderten und förderten sie, wo es nur ging. Dass sie die Tochter der Regentin war, spielte für die Professoren keine Rolle. Penelope wurde so fair behandelt wie die anderen Studierenden auch.
Penelope und ich trafen zum ersten Mal bei den Wettbewerben der Universität aufeinander. Wie jedes Jahr wurden hier ausgiebige Spiele veranstaltet, so wie man auf Soulebda generell viel Wert auf Sport und Bewegung legte. Als das Los Penelope und mich im Staffellauf zusammenbrachte, funkte es sofort zwischen uns. Ab da waren wir öfter zusammen und nach einem halben Jahr waren wir bereits untrennbar und wurden palastintern schon als „das dynamische Duo“ bezeichnet.
In der großen Universitätsbibliothek saßen wir an einem eigenen Platz, umgeben von Schriften und Büchern und wir erkundeten dabei die Geschichte dieser einzigartigen Insel.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich für die Soulebdalesen so interessieren könnte. Das kulturelle und medizinische Wissen ging viel weiter zurück, als ich anfangs dachte. Die unterschiedlichen Stämme die heute noch hier leben trugen Geheimnisse mit sich, die für mich unfassbar erscheinen.
Nach und nach lernte ich die Sprache, die an das polynesische erinnerte und entwickelte ein Gefühl für die Nuancen der Sprache.
Glücklicherweise waren die Bräuche hier auf Soulebda nicht so wie in vielen der angeblich so aufgeklärten westlichen Staaten und so erhielten wir sogar den mütterlichen Segen, als „Ohm’Jouh“, also als Lebenspaar auftreten zu dürfen, eine Tradition, die hier noch verbreitet war.
***

Von Saulus zu Paulus

„Verdammt! Verfluchter Mist!“
Seit 5 Minuten ging Jessika in Veras Wohnung auf und ab. Beate hatte ich aufs Bett gesetzt und ich auf einen Stuhl in der Essecke.
„Wieso? Was hast du dir dabei gedacht? Weiß Vera davon? Ja, natürlich weiß sie es, sie hat ihr die Injektion gegeben! Es ist ihre Wohnung! Warum habt ihr…?“
Fragte Jessika, ohne eine Antwort zu erwarten.
Plötzlich blieb sie vor mir stehen und sah mich an.
„WARUM?!“
„Als Trommer vor ein paar Wochen erschien, bat er mich darum. Er wollte, dass ich Beate verschwinden lasse, ohne sie zu töten. Er nannte es einen persönlichen Gefallen. Ich tat ihm den. Ich nahm an, er würde es tun, um Petra Strass bei Laune zu halten, aber irgendwie muss mehr dahinterstecken.
Jedenfalls weiß ich mittlerweile, dass die Ermittlungen in Beates Fall manipuliert wurden und das Trommer Beate absichtlich verurteilen ließ.
Was ich nicht weiß, warum er wollte, dass Beate am Leben bleibt. Ihre Hinrichtung hat im genau die Plattform geliefert, die er brauchte.“
Jessika hatte sich auf das Sofa gesetzt und rieb sich die Schläfen. Ich konnte ihre Gedanken rasen hören. Sie sah Beate an, schließlich sagte sie,
„Sie war Plan B.“
„Plan B?“
„Er konnte nicht wissen wie die Leute reagieren. Hätten Meyer und die anderen Ermittler die Öffentlichkeit informiert, oder die Sache wäre durchgesickert, hätte er Beate öffentlich rehabilitieren können.
Angenommen, zwischen Prozessende und seiner Bewerbung zum Generalstaatsanwalt würde die Stimmung in der Öffentlichkeit umgeschlagen, dann hätte er einen spitzen Trumpf im Ärmel. Er wäre Beates Retter!“
Scheiße! Dieser Schweinehund!!!
Gleichzeitig war das eine gute Nachricht. Er brauchte Beate noch. Alles was wir tun mussten, war Plan B Wirklichkeit werden zu lassen.
„Also müssen wir nur Plan B aktivieren.“
„Nein. Plan B ist tot. Die Bewerbungsfrist ist heute Morgen abgelaufen. Trommer hat seine Bewerbung heute Morgen um punkt acht Uhr eingereicht. Ihr werdet bald Besuch bekommen.“
„Jessika, wir brauchen deine Hilfe. Ich habe Vera versprochen Beate zu helfen und ich selbst will das auch. Hilf uns.“
„Was stellt ihr euch denn vor?“ Sie sah Beate an. „Du bist offiziell tot, was glaubst du, wie es weiter gehen soll? Du kannst nicht wieder einfach zurück in dein altes Leben.“
Ich erwartete, dass Beate diese schonungslose Ansage traurig machen würde, doch ich täuschte mich. Beate stand auf und setzte sich zu Jessika.
„Ich weiß. Ich habe kein altes Leben mehr. Ich habe alles verloren. ALLES…
Aber ich habe auch etwas gewonnen. Ich habe…“ Sie sah mich an.
Jessika bemerkte das natürlich und wartete.
„Vera.“ Sagte ich nur. „Vera liebt sie und Beate liebt Vera.“
„Was? Auch das noch.“ Resigniert lehnte sich Jessika zurück.
„Wir müssen eine Lösung finden, die Beate am Leben lässt und das, ohne Vera ein Wort zu sagen. Vera ist emotional völlig durcheinander. Sie würde Fehler machen.“
Jessika schloss die Augen und dachte nach.
„Lass uns allein!“ Sagte sie nach einigen Augenblicken zu mir. Ich erhob mich und verließ die Wohnung.
Als ich die Tür von außen geschlossen hatte, setzte sich Jessika an den Tisch und forderte Beate auf sich zu ihr zu setzten. Sie wartete bis Beate Platz genommen hatte, dann sah sie Beate in ihre grünen Augen.
„Hör mir gut zu. Peter und Vera sind meine Familie. Ich liebe sie und werde alles tun, um sie zu schützen. Ich will das nur klarstellen.
Wenn ich euch helfen soll, erwarte ich, dass du alles tust, was ich dir sage. Sofort und genauso wie ich es anordne. Sind wir uns einig?“
„Ja, ich habe meine Familie verloren, ich werde deine nicht in Gefahr bringen.“ Jessika und Beate sahen sich lange in die Augen, dann ergriff Jessika Beates Hand.
„Wenn es dir ein kleiner Trost ist, du hast jetzt eine neue Familie.“
„Ich werde und kann meine neue Familie nicht mit meiner alten Familie vergleichen und will es auch nicht, aber es ein schönes Gefühl zu einer so tollen Familie dazuzugehören. Und ich werde, genau wie du alles tun, um meine neue Familie zu schützen.“
„Das wirst du auch müssen. Aber keine Sorge, ich denke mir was aus.“
„Danke.“
„Bedanke dich nicht zu früh. Egal wie sich die Dinge entwickeln, eines ist sicher. Beate Fischer… wird sterben!“
***
„Du musst mir Zeit verschaffen.“ Sagte Jessika später zu mir. „Trommer wird demnächst hier aufschlagen und von dir verlangen, dass du Beate endgültig hinrichten sollst. Leg dich bloß nicht mit ihm an. Lass ihm im Glauben, dass du parierst.“
„HHMM, ich schätze, das bekomme ich hin. Ich werde ihm einen Deal vorschlagen.“
„Egal wie du das machst. Ich brauche ein paar Wochen, verschaff sie mir.“
***

Soulebda – Eine Insel mit zwei Bergen

Was dann kam, war für mich die wunderbarste Zeit auf der Insel.
Einerseits war ich die staatliche Henkerin und meine Aufgaben waren glasklar, andererseits sorgte Penelope dafür, dass ich meine Seele behielt und nicht zu sehr von meinem Job gefesselt wurde.
Im Gegenzug forderte ich Penelope immer zu neuen Leistungen heraus und ihr Studium wurde mit Höchstnoten belohnt. Das alles geschah nicht, weil sie einen großen Namen trug, sondern weil ihre Leistungen und Gedanken ganz einfach brillant waren.
In unserer freien Zeit trieben wir uns auf den kleinen Inseln herum, die die Hauptinsel umgaben und als es einen Erlass gab 14 Inseln zu verkaufen, legten wir beide unser Geld zusammen und kauften eine der kleineren, schöneren Inseln mit rauem Urwald, Strand, Bergen, Quellwasser und vielem mehr. Die anderen Inseln waren zwar größer als unsere, dennoch war diese Insel ein wunderbares kleines Paradiese mit schönen Stränden und Bademöglichkeiten, auf unserer Insel stand allerdings ein mächtiger Berg, der Rest war Urwald und die Bademöglichkeiten waren zwar deutlich kleiner, aber auch hier wunderbar. Die anderen Insel hatten keinen störenden Berg und waren begehrter.
In den folgenden zwei Jahren bauten wir uns diese kleine Insel zu einem Paradies für uns beide um und aus. Dabei entdeckten wir diverse Schönheiten der Natur, die wir so noch nicht kannten und gerade ich als Stadtkind lernte dabei, dies wieder zu schätzen. Der große zentrale Berg war vulkanischer Herkunft und wir stießen auf Höhlen und Gänge. Nach und nach machten wir diesen Berg zu einem geheimnisvollen Liebesversteck, man weiß ja nie. Penelope nannte unsere Insel, die im Osten von Soulebda gelegen war ganz einfach „Traum“ was in der Landessprache „Bea“ genannt wird.
Ich nannte sie einfach „42“, ganz nach Douglas Adams. 42 war die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. So verging die Zeit auf Soulebda. Im Laufe der Zeit wurde ich im Palast als Respektsperson angesehen, meine Ideen waren stets klar, auf mein Urteilsvermögen konnte man sich immer verlassen und Heylah ai Youhaahb, die Präsidentengattin, unterhielt sich sehr gerne mit mir.
Ihr Gatte bewunderte mich eigentlich nur wegen zweierlei, meinem Aussehen und meinen Schießergebnissen bei den Wettkämpfen.
Ja das Aussehen und die Kleidervorschriften, das hatte mir am Anfang etwas Kopfzerbrechen bereitet…
Im Regierungspalast waren nur traditionelle Kleider erlaubt, für Männer einen blauen Stoffrock und die Damen mussten in kurzen, knappen Uniformen erscheinen, die mehr zeigten, als sie verbargen. Im Traditionsbüro achtete man peinlich genau auf diese uralten Traditionen.
Ich war jedenfalls sehr erleichtert, als meine roten Haare endlich lange genug waren, um meine Brüste zu bedecken.
Im Laufe der Zeit gewöhnte man sich aber auch an diese kurzen Kleider und die Sonne verwöhnte unsere Haut mit einer natlosen Bräune.
***

Trommer

Am folgenden Tag ging ich über den Flur, als ich eine bekannte Stimme hörte.
„Hallo Herr Stein.“ Es war Trommer. „Ich hatte gerad hier zu tun. Hätten sie wohl eine Minute Zeit für mich?“
„Selbstverständlich. Am besten gehen wir in mein Büro.“
„Lassen sie uns hier rein gehen!“ Er war an der Tür zur Hinrichtungskammer stehen geblieben. „Hier gibt es weniger Ohren.“
„Wie sie wollen, Herr Oberstaatsanwalt.“ Ich öffnete die Tür und Trommer trat ein. Anders als andere Besucher, die sich neugierig in der Kammer umsahen, kannte er die Räume nur allzu genau. Die Kammer war recht unspektakulär. Ein Raum acht mal zehn Meter der mit einem Vorhang getrennt werden konnte. Die „speziellen“ Gerätschaften standen im Lager und wurden nur bei Bedarf in die Kammer gebracht. Im hinteren Teil standen 20 Besucherstühle.
Geduldig wartete er, bis ich die Tür geschlossen hatte.
„Ich möchte mich dafür bedanken, dass sie Frau Fischer so lange betreut haben, doch ich denke, es ist nun an der Zeit, dass sie Frau Fischer ihre gerechte Strafe zukommen lassen.“
„Ich soll sie hinrichten?“
„Exakt!“
„Wissen sie, Beate hat ihre Kleine nicht umgebracht.“
„Was soll das?“ fragte er drohend.
„Ich dachte, sie sollten das wissen.“
„Lassen sie den Quatsch. Ich weiß, dass sie mit Meyer geredet und herumgeschnüffelt haben. Also, wollen sie sich mit mir anlegen?“
Ja, am liebsten würde ich dich hier drinnen bearbeiten! Dachte ich mir, aber ich sagte ganz brav: „Nein, ich dachte, sie könnten mir auch einen Gefallen tun.“
„Ich habe mich ihrer Kollegin Tanja Schiller angenommen. Die obere Instanz wird sich mit 8 Jahren zufriedengeben. Das war der Deal und ich habe ihn erfüllt. Jetzt sind sie dran.“
„Der Deal war Beate verschwinden zu lassen. Den habe ich genauso erfüllt. Jetzt aber, geht es darum, eine Unschuldige hinzurichten. Ich schätze, da ist ein neuer Deal nur angemessen.“
Er holte sich einen der Besucherstühle und stellte ihn vor mich, dann holte er einen zweiten und setzte sich mir gegenüber.
„Reden sie!“
„Ich will Petra Strass.“
Ich ging davon aus, dass er mir fragen würde, ob ich verrückt sei, doch er dachte ganz in Ruhe nach und forderte mich dann auf weiterzureden.
„Es wäre mir persönlich wichtig, die wahre Mörderin hinzurichten, nicht nur Beate. Außerdem, hätten sie die Gewissheit, dass Frau Strass sich nicht irgendwann gegen sie wenden kann.“
Trommer war in Gedanken versunken.
„Also gut. Sie richten Beate hin und ich kümmere mich um Frau Strass.“
„Ich werde Beate hinrichten, sobald Frau Strass ihre gerechte Strafe erhalten hat.“
Wir fixierten und gegenseitig und keiner gab nach. Schließlich stand er auf ohne den Blick von mir abzuwenden.
„Ich warne sie, wenn sie versuchen, mich hereinzulegen, werde ich sie fertig machen.“
„Keine Sorge Herr Staatsanwalt, ich betrachte das als Gentleman Agreement. Sie bekommen Beate und ich die Strass. Und wer weiß vielleicht können wir auch in Zukunft ähnliche Arrangements treffen.“
„Das wird sich zeigen, wenn wir diese Geschichte hinter uns gebracht haben.“
Trommer verließ die Kammer und ließ mich zurück. – Das wird ein Wahnsinns Showdown werden. – Dachte ich mir.
Ich ging sofort zu Jessika und teilte ihr den neuen Deal mit Trommer mit.
„Was denkst du wir er machen?“, fragte ich sie.
„Trommer wird die Strass abschießen und das mit einem Riesen Rummel. Schätze, wir haben ihm gerade zum neuen Generalstaatsanwalt gemacht.“
***

Meyer saß an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
„Meyer.“
„Hier Trommer! Kommen sie in mein Büro!“
Schon war das Gespräch beendet. Mit einem mulmigen Gefühl machte sich Meyer auf den Weg zur Staatsanwaltschaft. Als er an Trommers Tür klopfte, saß der an seinem Schreibtisch.
„Kommen sie herein und setzten sie sich.“ Forderte er Meyer auf.
Als Meyer saß, legte Trommer die Ermittlungsakte Fischer auf den Schreibtisch und schob sie Meyer hin.
„Ich möchte, dass sie sich die Akte nochmal vornehmen und sich einige Ungereimtheiten ansehen. Frau Strass scheint in einigen Passagen ihrer Aussage die Unwahrheit gesagt zu haben. Klären sie das. Ihre Ergebnisse werden sie ausschließlich mir zukommen lassen. Haben sie das verstanden?“
Meyers Hände zitterten, als er die Akte an sich nahm. Hier und jetzt hatte er die Gelegenheit ein Unrecht wieder gut zu machen.
„Ja, ich habe verstanden.
***

Kurz vor Feierabend bekam ich eine Mail von Jessika.
-Sieh dir mal den Gefangenen aus Zelle 19 Trakt 4 an.-
Auch wenn Trakt 4 nicht in „meinem Haus“ ist, habe ich dennoch Zugriff auf alle Daten, da Richard Facher, der Leiter des Traktes 4 und ich uns gegenseitig vertraten.
Der Gefangene „19“ saß wegen Mord, Raub und Dokumentenfälschung in der Todeszelle.
Ich besorgte mir Zugriff auf die Prozessunterlagen (der elektronischen Akte sei Dank) und studierte die Akten. 19, sein richtiger Name war Jarvis Dunkowski. Ich beschloss, bei 19 zu bleiben.
Das Hauptgeschäft von 19 war die Besorgung von Reisepässen für eine Mafia ähnliche Organisation. 19 suchte sich Personen aus, die den zukünftigen Benutzern der Pässe ähnelten, und stahl ihnen ihre Pässe. Diese wurden dann nur auf das nötigste abgeändert und die Personen benutzten jeden Pass immer nur einmal.
Um sicherzugehen, dass nicht die Pässe vor der Benutzung als gestohlen gemeldet wurden, brachte 19 die Besitzer der Pässe um.
Offiziell verbuchte 19 acht Morde, von denen drei Frauen waren. Ich sah mir die Bilder der Opfer an. 19 schien eine Leidenschaft für Blondinen zu haben. Gut. Das ist genau der Mann, den ich brauchte. Jetzt musste ich nur noch die „Bezahlung“ klar machen. Ich durchsuchte die Vollstreckung und Führungsakte und fand, was ich suchte. 19 hatte strengstes Post- und Einkaufsverbot. Außerdem hatte seine Freundin schon mehrfach einen Besucherantrag gestellt, den das Gericht jedes Mal abgelehnt hatte. Perfekt. Ein paar Klicks und ein paar anders gesetzte Häkchen und schon durfte 19 seine Freundin sehen. Ich begab mich in den Trakt 4 zu Nr. 19, innständig hoffend, dass mir Richard nicht über den Weg läuft und hatte Glück. Schnell war ich bei 19 in der Zelle.
„Oh hoher Besuch. Der Bad-Man persönlich. Haben sie dich von der Frauenstation verjagt?“
„Nein, Jarvis. Eigentlich weiß keiner, wo ich gerade bin.“
„Und was willst du hier?“
„Ich brauche Hilfe, und du bist genau das, was ich brauche.“
„Ich? Hört sich an, als ob du ziemlich verzweifelt bist, wenn du mich schon um Hilfe bitten musst.“
„Verzweifelt nicht. Es gibt genug Passfälscher hier im Trakt, aber du sollst der Beste sein.“
Schmeicheleien funktionieren meistens bei Verbrechern. Und auch 19 sprang darauf an.
„Das stimmt! Wegen meiner falschen Pässe sitze ich hier nicht. Meine Ausweise sind überall durchgekommen.“
„Ja, ich habe es gelesen. Hattest das Pech, dass dein Boss erwischt wurde und einen Deal mit dem Staatsanwalt gemacht hat. Schöner Boss.“
19 spuckt auf den Zellenboden.
„Jetzt zu meinem Anliegen. Ich brauche echte Ausweise und Papiere für jemanden der nicht existiert. Wie komme ich da ran?“
„Eigentlich ganz einfach. Du nimmst einen falschen Reisepass, gehst zu einem Einwohnermeldeamt einer großen Stadt. Dort sagst du, dass du die letzten Jahre im Ausland gelebt hast und möchtest jetzt hier leben. All deine Papiere außer dem Reisepass sind im Ausland leider verloren gegangen. Ist der falsche Pass gut, bekommst du einen vorläufigen Ausweis, bis der neue Beantragte fertig ist. Wenn alles gut geht, bekommst du den neuen echten Personalausweis in einer Woche und mit dem kannst du dann die anderen Papiere anfordern. Alles was du brauchst, ist ein gut gefälschter Reisepass.“
„Also gut, reden wir nicht weiter Drumherum. Ich brauche den Pass. Was musst du dafür haben?“
„Was springt für mich dabei heraus? Komme ich hier raus?“
„Nein. Erstens ist das hier ein privater Auftrag und zweitens, ist das, was ich vorhabe, nicht ganz legal.“
„Warum sollte ich dir dann helfen?“
„Ich habe in deiner Akte gelesen, dass deine Freundin schon drei Anträge auf Besuch gestellt hat. Alle wurden abgelehnt und es scheint so, als ob du sie vor deiner Hinrichtung nicht mehr sehen wirst. Ich habe die Anweisung abgeändert. Wäre dir nächste Woche recht?“
19 biss die Zähne zusammen.
„Außerdem, habe ich deine Postsperre aufgehoben, verlasse mich aber darauf, dass deine Briefe privater Natur bleiben. Also haben wir einen Deal?“
„Wie lange darf sie bleiben?“
„12 Stunden. Von 8 bis 20 Uhr.“
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Jarvis musste tatsächlich Kämpfen um seine Tränen zurückzuhalten.
„Also gut. Wir sind im Geschäft. Ich brauche ein originales Dokument, wenn möglich von einer Person die dem neuen Inhaber ähnlichsieht. Auch was Alter und Größe betrifft.“
„Geht klar. Wie lange wird es dauern.“
„Eine Woche.“
„Gut. Sobald ich den Ausweis habe, sorge ich auch dafür, dass du nochmal auf Einkauf gehen kannst, der geht dann auf mich.
Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass dieses Gespräch nie stattgefunden hat?“
„Welches Gespräch?“
Ich ließ 19 wieder allein und schaffte es ungesehen wieder aus Trakt 4 herauszukommen. Gut, Punkt eins in Angriff genommen. Zurück, gab ich Jessika Bescheid, dass der Ausweis in Arbeit war. Aus meiner Dienstwohnung, in der die meisten Unterlagen von Vera lagen, suchte ich ihren Reisepass und wurde fündig. Aus Beates Akte entferne ich das Passfoto und ersetze es durch ein Foto einer schon hingerichteten Frau die ihr halbwegs ähnlichsah. Jetzt musste ich noch einen passenden Namen finden, was gar nicht so einfach war. Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir etwas Passendes einfiel. Oh ja … Der Name passte. In einem versiegelten Umschlag, mit dem Hinweis „Verteidigerpost“ brachte ich die Sachen zu 19.
***

„Hast du Hunger?“ Fragte Vera und schaute zur Tür herein.
Jetzt, danach gefragt, stellte ich fest, dass ich einen Mordshunger hatte.
„Ja, ich habe Riesen Hunger. Wollen wir was bestellen?“
„Ich habe da eine andere Idee. Komm mal mit.“
Sie brachte mich zu ihrer Wohnung und schob mich hinein.
Ich traute meinen Augen nicht. Auf dem Tisch stand ein Menü, das selbst den besten Sternekoch blass aussehen ließ. Im Kerzenlicht waren vier Gedecke aufgetragen und Jessika saß schon am Tisch.
„Als kleines Dankeschön, dass ihr für mich kämpft.“ Sagte Beate und bat mich Platz zu nehmen.
Jessika und ich wurden von Beate und Vera bedient und mit Köstlichkeiten verwöhnt.
Das Essen war fantastisch und der Wein schmeckte hervorragend dazu.
Während wir aßen, hielten Beate und Vera Blickkontakt wie zwei verliebte Teenager. Sie hielten Händchen, strichen sich gegenseitig über den Arm und ich war mir sicher, dass die beiden auch unter dem Tisch Kontakt hielten.
Jessika und ich grinsten uns gegenseitig an. Nachdem wir mit dem Essen fertig waren und unsere Gastgeber den Tisch abgeräumt hatten, verabschiedete sich Jessika.
„Danke für den schönen Abend. Wir sehen uns morgen.“ Sie stand auf und sowohl Vera als auch Beate verabschiedeten sie mit einem Kuss.
Das heute Abend zwischen den beiden rothaarigen Schönheiten noch die Post abgehen würde, war mir klar und ich beschloss den Zwei nicht länger mit meiner Anwesenheit zu stören.
„Ich werde dann auch mal die Biege machen.“
„Weißt du, Bad-Man, wir hätten da noch ein ganz bestimmtes Dankeschön für dich.“ Sagte Vera und schubste mich aufs Bett.
***

War das eine Nacht.
Wo ich diese Energie hergenommen habe, weiß ich nicht, doch meine beiden Frauen hatten das Letzte aus mir herausgeholt.
Ein Blick auf meinen Terminplaner sagte mir, dass ich heute Vormittag noch eine Hinrichtung hatte. Ich beschloss sie auf heute Nachmittag zu verschieben.
Um mich etwas zu erholen, packte ich mich auf das Sofa im Büro. An Schlaf war aber nicht zu denken. Zu viele Gedanken spukten in meinem Kopf herum.
Irgendwann fielen mir die Augen zu.
Der Duft von frischem Kaffee weckte mich. Meine Jessika hatte an mich gedacht und mir einen großen Becher auf den Schreibtisch gestellt.
Neben dem Kaffee lag ein Stapel Akten. Auch das ist Typisch für Jessika. Die Arbeit schläft nie.
Jessika kam herein und fragte mich, ob alles in Ordnung ist.
„Ja, warum?“
„Du hast Augenringe und siehst aus, als ob du die ganze Nacht nicht geschlafen hast.“
„Tja, Henker sein ist ein harter Job.“
„Scheint wohl so zu sein. Hier liegen übrigens die Akten von den neuen Bewerbern.“
„Welche neuen Bewerber?“
„Da Tanja jetzt hier im Gefängnis einsitzt, wurde ihr Bezirk neu vergeben. Ihr Stellvertreter ist jetzt Bezirkshenker und alle sind eine Stufe nach oben gerückt. Und so hat man eine neue Anwärterstelle ausgeschrieben.
Da sind die Bewerbungsunterlagen. Du hast drei Stunden dafür, dann hast du einen Termin mit Frank im Konferenzsaal.“
Auch das noch. Bis jetzt hatte ich gehofft, einen Termin mit Frank umgehen zu können, zumindest bis die Sache mit Beate erledigt war.
Wenn einer Lunte roch, dann Frank. Wir kannten uns seit Ewigkeiten. Er war damals der Henker, der mich „angeworben“ und eingearbeitet hatte. Zusammen hatten wir bis heute einiges erlebt. Frank war nicht einfach mein Chef, nein er war mein Freud, der sich darauf verließ, dass ich ihm jeglichen Ärger vom Hals hielt.
Mit seiner neuen Stelle als Direktor hatte er einiges an Verantwortung zu tragen, doch er ließ mir in allen Belangen freie Hand, einzige Bedingung, es gab keinen Ärger.
Dennoch, er kannte mich gut, und ich durfte ihn nicht unterschätzen und schon gar nicht ein falsches Wort fallen lassen.
Also machte ich mich über die Akten her. Es waren sechs Bewerber, davon zwei Frauen. Anscheinend hatte die Integration noch nicht völlig in diesem Job Fuß gefasst.
Was war das? Eine Akte hatte einen Knick im Deckel. Absolut ungewöhnlich für Jessika. Ich schlug die Akte auf und mein Herz bekam einen Aussetzer.
Verdammt… Jessika, ich liebe dich!
Ein grober Überblick reduzierte die Auswahl, auf zwei Bewerber.
Von den vier Aussortierten waren zwei ganz klar Spinner, die keine Vorstellung hatte, was auf sie zukommen würde.
Die andere Frau, kam aus dem medizinischen Bereich und würde sich sicher mit Vera einen Konkurrenzkampf liefern, etwas das ich jetzt als Letztes gebrauchen konnte.
Der Letzte der vier, war gerade erst volljährig geworden. Ich glaube nicht, dass er dem psychischen Druck auf Dauer standhalten würde.
Somit blieben ein ehemaliger Armeeangehöriger und eine Frau übrig.
Der Armee Typ hatte das Zeug dazu. Er war mehrmals im Auslandseinsatz und hatte haufenweise Belobigungen. Die Frau war nach einem längeren Bildungsaufenthalt, der sie durch mehrere Länder geführt hatte wieder im Land.
In einem Staatsgefängnis in den USA durfte sie als Zeugin einer Hinrichtung beiwohnen. Diese hatte sie dermaßen inspiriert, dass sie beschloss, selbst Henkerin zu werden.
Sie tingelte noch eine Zeitlang durch die Staaten und machte sogar einen Abstecher nach Singapur, um den dortigen Henkern über die Schulter zu schauen.
Sie war mein Favorit. Ich schaute mir die Akte genauer an.
Sarah Schlosser, 35 Jahre, keine Familie. Bis jetzt bei sieben amtlichen Tötungen im Ausland beteiligt gewesen.
Fairerweise, schaue ich mir die Akte des Armeetyps noch einmal an.
Ich beschloss, beide Akten zur Besprechung mitzunehmen.
Pünktlich stand ich im großen Besprechungssaal des Gefängnisses. Außer Frank waren noch Abgeordnete des Ministeriums, des Personalrates sowie die Frauenbeauftragte.
Gut, eine Verbündete hatte ich schon mal.
Mir war aber klar, dass ganz egal, was die einzelnen Teilnehmer anführen würden, entscheiden würde Frank. Ihn musste ich überzeugen.
Die Konferenz begann und jeder hat seinen Favoriten.
Schnell stellte sich heraus, dass das Rennen zwischen dem Armee Typ und der Medizinerin stattfinden sollte, wobei der Armee Typ deutlich mehr Anhänger hatte.
Ich hielt mich noch zurück. Erst als Frank mich aufforderte meine Meinung zu äußern, tat ich das.
Alle sahen mich verwundert an, als ich Sarah Schlosser vorschlage. Das heißt nicht wirklich alle. Frank lächelte in sich hinein.
Nach einer kurzen Stille brach ein wirres Stimmengewitter über mich herein.
Ich wartete, bis sich der Sturm gelegt hatte, dann erklärte ich meine Entscheidung.
„Ich sehe bei Sarah den klaren Vorteil, dass sie diese Tätigkeit mit einer gewissen Leidenschaft ausübt. Der Mann der von der Armee kommt, sieht in diesem Job, lediglich eine gut bezahlte Arbeit. Dasselbe gilt für die andere Frau.
Bei solchen Kandidaten besteht die Gefahr, dass sie entweder verrohen oder das Gleiche passiert wie Frau Schiller.“
Wieder wurde eine laute Diskussion geführt aus der Frank und ich uns heraushielten.
Er beugte sich zu mir herüber.
„Warum?“
„Ich habe einfach ein gutes Gefühl, bei ihr.“
Er sah mich lange und nachdenklich an.
Unglaublich, Peter der abgebrühte Henker, schwitzte innerlich und hoffte, dass sein Chef es nicht bemerkte.
„Also gut, ich nehme die Schlosser.“
„Ich bin sicher, sie wird dich nicht enttäuschen.“
Wieder sieht er mich nachdenklich an.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“
Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, dann gab Frank seine Empfehlung an die einzelnen Abteilungen und niemand würde der Empfehlung widersprechen.
Als die anderen gegangen waren, hielt mich Frank zurück.
„Ich hörte, du hast jetzt einen neuen Freund. Trommer.“
„Ich würde Trommer nicht als Freund bezeichnen. Ich glaube auch nicht, dass Trommer diesen Begriff kennt.“
„Trommer und ich haben zusammen studiert. Er war schon immer rücksichtslos, wenn es darum geht ein Ziel zu erreichen. Sei vorsichtig, mach ihn dir ja nicht zum Feind.“
„Habe ich nicht vor.“
„Gut, ich habe nämlich keine Lust, noch einen Bezirk neu zu vergeben. Du verstehst, was ich meine?“
***

Ich hob den Hörer ab und meldete mich.
„Stein.“
„Hallo Mister, es interessiert mich einfach. Morgen Mittag im Schiller.“
Schon hatte Meyer wieder aufgelegt.
Ich war diesmal der Erste und siehe da, Arschgesicht und sein Kumpel waren tatsächlich in meine Nähe. Die beiden Pflaumen benutzten denselben Wagen wie neulich.
Anscheinend war meine Lektion von neulich nicht ganz angekommen. Insgeheim hoffte ich, dass mir die beiden mir Gelegenheit gaben sie zu verdeutlichen.
Meyer kam pünktlich und setzte sich zu mir. Diesmal musste ich nicht in die Ecke rutschen und Meyer sah um einiges besser aus als das letzte Mal.
„Was hast du mit Trommer gemacht?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Seit ein paar Tagen bearbeite ich wieder den Fischerfall. Diesmal will ich gleich wissen wohin die Reise geht.“
„Wir wollen die Strass zur Rechenschaft ziehen.“
„Das willst du. Aber Trommer will etwas anderes. Was?“
„Ich vermute, dass er sie medienwirksam abschießen wird. Er wartet nur auf den richtigen Moment.“
„Jetzt sagst du mir was du weißt oder ich lasse eine Riesen Bombe aus Scheiße hochgehen. Und die wird gewaltig stinken.“
„Auf einmal bist du wieder der Alte. Wusstest du, dass deine Kollegen mich überwachen?“
„Die beiden Flachwichser? Ja die habe ich gesehen. Du hast die beiden ganz schön fertig gemacht. Dein Freund hatte eine gebrochene Nase und ein Jochbeinbruch.“
„Hat er verdient und falls er mir nochmal dumm kommt, gibt’s einen Nachschlag.“
„Zurück zu dir. Pack aus.“
„Es ist wie die Fischer gesagt hatte. Die Strass hatte ihren Mann angestiftet die kleine Ella umzubringen. Sie hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen, nur, weil er Unterhalt zahlen musste, so hatte er weniger Geld für sie. Also musste die Kleine weg. Da Beate gearbeitet hatte, würde sich der Unterhalt den er an sie zahlen musste, in Grenzen halten. Beate kam genau eine Minute zu spät. Sie konnte Ella nicht mehr retten und rastete aus. Den Rest kennst du. Das heißt nicht ganz. Beate hat alles versucht Ella wiederzubeleben und die Strass hat sie dabei verhöhnt.“
„Weiter.“
„Das war´s.“
„Nein, das war nur die Hälfte! Woher weißt du das alles?“
„Hör zu Meyer. Du bist mein Freund und ich will dich nicht anlügen. Ich schwöre dir, dass es genauso gelaufen ist. Reicht das?“
„Ach du Scheiße…“ Meyer sah mich an.
„Du… Du! Also gut du Wahnsinniger.
Ich werde mir mal wieder die D N A Beweise vornehmen. Ich glaube, an der Leiche der kleinen Ella wurden welche von der Strass gefunden. Mal sehen wie sie das erklärt.“
„Das wusste ich gar nicht.“
„Nein, das weiß noch keiner.“
„Denkst du, du bekommst genug für eine Anklage zusammen?“
„Kein Problem, und diesmal muss ich Garnichts fingieren.“
„Wie lange wird das dauern?“
„Ich schätze Trommer wird in zwei Wochen die Bombe platzen lassen. Der Prozess wird nur kurz dauern. In drei Wochen wird sie in einer deiner Zellen sitzen.“
Ich hatte also drei bis dreieinhalb Wochen bis zum Showdown. Nicht gerade viel, aber besser als nichts.
„Danke, dass du mich informiert hast.“
„Pass bloß dich auf, die Flachwichser folgen dir nicht umsonst.“
„Ach, mit denen komme ich schon klar.“
***

Die Verlegung

Ich versuchte mich, so sanft wie möglich, aus Veras Arm zu lösen, ohne sie aufzuwecken. Tatsächlich gelang mir das und Vera drehte sich zu Beate und schmiegte sich fest an diese. Eigentlich müsste das ein Stich in mein Herz zur Folge haben, doch ich freute mich für die beiden. Zumal sie mich bereitwillig in ihr neues Leben aufgenommen hatten.
In Veras Gesicht lag ein tiefer innerer Frieden und auch Beate schien im Schlaf ihre neue Liebe für immer festzuhalten. Der Stich ins Herz kam jetzt, bei dem Gedanken, dass ich vielleicht nicht die anbahnende Katastrophe verhindern konnte, dass mein Plan vielleicht scheiterte, dass Beate tatsächlich sterben musste. Ich musste den Kopf frei bekommen. Das geht am besten mit einer guten Tasse starken Kaffee. Um halb sechs war ich alleine im Flur, sah man von Decker und seinen Leuten ab, die anfingen ihrer Tätigkeit nachzugehen.
Vera durfte auf keinen Fall etwas von unserem Plan mitgekommen. Es gab nur einen Versuch und ich konnte keinesfalls riskieren, dass ihre Hormone uns in Gefahr brachten. Wenn der Showdown begann, musste Vera… Tja, das wusste ich noch nicht.
Ich musste mit Beate reden und dass alleine. Sie musste mir dabei helfen Vera im richtigen Augenblick loszuwerden. Auch auf die Gefahr hin, dass sie vielleicht alleine starb.
-Sie haben Post- verkündete der Rechner
Ich öffnete mein Postfach und sah die neuen Aufgeben meiner Jessika.
-Gefangene 33, in Trakt 3-
Trakt 3 ist für Haftstrafen unter 5 Jahren.
Ich öffnete die Personalakte der Frau. Und schaute sie mir an.
Luise Pleitz, 56 Jahre, sitzt wegen Heiratsschwindel.
Heiratsschwindel? Ich wollte Jessika schon zurückschreiben, ob es ein Scherz sei, dann erst verstand ich, was Jessika beabsichtigte.
Also, auf in Zelle 33, Trakt 3.
Dort saß Luise Pleitz an ihrem Tisch, mit dem Frühstück vor sich und hörte sich mein Problem an. Anders als bei Nr. 19 konnte ich Luise für ihr Entgegenkommen einiges an Hafterleichterung verschaffen. Etwas, auf das Luise sofort ansprang.
„Was ihre Frau braucht, ist eine Legende. Sie kann nicht einfach auf einem Passamt aufschlagen und sagen hier bin ich. Ich habe leider alle meine Papiere verloren.
Auch nicht, wenn sie hier eine Wohnung sucht. Sie hat Nachbarn, die Fragen stellen werden. Irgendwann kommen neue Bekannte, die wissen wollen, was sie getan hat, und wo sie war.
Sie muss eine schlüssige Geschichte haben und darf sich nicht verraten. Am besten bleibt sie so nahe an der Wahrheit wie möglich.“
„Sie hat ihren Mann abgeschlachtet und ihr Kind verloren.“
„Oh…, das kann man wohl nicht nehmen.“
Ich umriss ihr meine Idee.
„Sehr gut. Das wäre Plan B. Etwas, das völlig anders ist als die Realität. Haben sie sich schon mal mit dem Gedanken befasst in meiner Branche tätig zu werden? Sie hätten Zukunft.“
„Ich „fessele“ die Frauen lieber anders an mich.“
„Ist es die Frau aus den Nachrichten?“ fragte sie mich plötzlich.
Ich gab keine Antwort und sah sie nur an.
„Ich habe nie geglaubt, dass sie ihr eigenes Kind umgebracht haben soll. Wenn ich helfen kann, dann gerne. In ein paar Tagen, haben sie eine Hieb und stichfeste Legende.“
Super, jetzt hatte Beates Fanclub schon eine Vorsitzende. Ich musste aufpassen, dass der Deckel auf der Sache blieb.
Eine Stunde später muss ich mir von Jessika bittere Vorwürfe anhören, dass ich eine weitere Mitwisserin geschaffen hatte.
„Als ich sagte, dass du dir die Person ansehen sollst, habe ich nicht daran gedacht, dass du sie einweihst. Ich dachte, du kommst von allein auf den Punkt.“
„Tut mir leid, aber in so etwas bin ich Amateur.“
„Ein blutiger noch dazu.“
„Was tun wir mir Luise jetzt?“
„Das was du ihr versprochen hast. Ich sorge für eine Verlegung. Nachdem sie die Legende fertig hat, kommt sie in eine andere Anstalt. Aber ab jetzt, keine Mitwisser mehr. Fall nötig, sprich erst mit mir.“
„Ich verspreche es.“
„Was macht ihr neuer Pass?“
„Jarvis sagte, er braucht eine Woche, also noch drei Tage.“
„Jarvis können wir nicht verlegen. Er darf mit niemandem reden.“
„Sobald er den Pass hat, bekommt er seine „Bezahlung“. Anschließend wird er ganz sicher mehr mit keinem reden.“
„Du willst ihn wirklich seine Freundin sehen lassen?“
„Warum nicht. Ich denke nicht, dass er Probleme macht. Decker weiß nur, dass die Besucher und Einkaufsperre aufgehoben ist. Ich habe Jarvis und seiner Freundin die Verheirateten Zelle gebucht. Außerdem ist morgen Einkauf. Ich habe ihm ein Sonderkonto eingerichtet und ihm ein Limit von 1000 Euro gegeben. Das sollte reichen.
„Hauptsache er hält anschließend den Mund.“
„Das wird er garantiert.“
„Gut. Auch meine „Macht“ ist begrenzt. Ach ja, bevor ich es vergesse, zwei Dinge noch. Vera muss mit Beate heute auf die Krankenstation. Frauenangelegenheiten. Schemmlein ist nicht da und Vera hat das Kommando, es wird also keine Probleme geben. Das Zweite, die Malinowski wird heute verlegt. Decker ist schon instruiert. Er hat ein Sonderkommando bereitgestellt, das dafür sorgen soll, dass sie keinen Ärger macht.“
Mist, mir gefiel es überhaupt nicht, dass Beate hier im Gefängnis herumlief, aber auch Vera kannte das Risiko und wenn sie beschloss, es einzugehen, war es sicher wichtig.
Die Malinowski machte mir da mehr Kopfschmerzen. Diese Frau war einfach böse. Ein Hannibal Lektor im Körper einer 130 Kilo schweren und 1,95 großen Frau. Malinowski hatte aus purer Mordlust mehr als 10 Menschen umgebracht und 5 weitere schwer verletzt. Mehrere Gutachter hatten ihre volle Schuldfähigkeit bescheinigt, und bestätigt, dass es ihr allein ums Töten ging. Während ihrer Zeit in der Untersuchungshaft hatte sie mehrfach die Beamten angegriffen und einige davon schwer verletzt.
Heute sollte sie in die Todeszelle verlegt werden. Decker hatte schon eine Mannschaft eingeteilt, die ausschließlich für die Malinowski zuständig war. Teamchef war Hannes Maier, ein 1,9 Meter Hüne, der trotz seiner Arbeit hier, immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte. Maier war der Typ, auf den man sich verlassen konnte.
Um zwei Uhr sollte Malinowski hier ankommen.
„Ok. Hoffen wir, dass alles gut geht.“
Pünktlich trafen Decker, Hannes und vier weitere Beamte ein. Würde es nach mir gehen, hätte ich die Malinowski in eine kleine Metall Box mit Rollen gesperrt und selber gefahren, so aber wurde sie, in Hand und Fußschellen gefesselt, in den Lastenaufzug gesteckt und in meinen Flur gebracht. Ich erwartete die Gruppe an Aufzug und als die Tür aufging sperrte ich den Mechanismus, um zu verhindern, dass der Aufzug sich im falschen Moment schloss. Meier trat als erster heraus, dann die Malinowski flankiert von zwei Beamten, danach kamen Decker und die restlichen zwei Wachleute. Wir mussten zwar bis zum Ende des Flures, aber da konnte nicht mehr viel geschehen.
Die Prozession setzte sich in Bewegung, ich hielt mich vorne neben Hannes auf, und die Malinowski trabte scheinbar friedlich hinter uns her.
Wir hatten etwa ein Drittel des Flures passiert, da kamen uns Vera und Beate entgegen.
-Verfluchter Mist! Ausgerechnet jetzt.- Dachte ich. Andererseits war es die perfekte Zeit. Niemand würde auf Vera und ihre Begleitung achten.
Vera hatte Beate so unkenntlich gemacht, wie sie nur konnte. Die Haare waren unter einem Kapuzenshirt verborgen und das Gesicht halb verdeckt und der Blick nach unten gerichtet. Vera hatte sie am Arm gefasst und führte sie wie jede andere Gefangene.
Um sich nicht an uns verbeidrücken zu müssen, hielt Vera Beate an einem Verbindungsgang an, um uns passieren zu lassen. Vera lächelte freundlich als Hannes und ich an ihnen vorbei gingen, während Beate zu Boden schaute um ihr Gesicht nicht zeigen.
„Hallo.“ Sagte einer den Beamten, welche die Malinowski führten. Das war genau die Sekunde Unaufmerksamkeit, auf die die Malinowski gewartet hatte. Sie rammte den Beamten dermaßen fest in die Seite, dass dieser buchstäblich zur Seite flog. Krachend gaben seine Knochen nach, als er gegen das Geländer des Ganges geschleudert wurde. Der zweite war allein kein Gegner für dieses Kraftpaket. Sie warf ihn förmlich gegen Decker, der in dem engen Flur und so zwischen den sichernden Beamten und Malinowski stand und zu Boden fiel. Vera stand der Malinowski am nächsten und die packte Vera an ihrer Kehle.
Sofort sprang ich die Malinowski an, doch mir erging es nicht anders als Decker. Sie schubste mich gegen Hannes, und bevor einer von uns wieder auf die Beine kommen konnte, sprang Beate die Malinowski an. Die Kapuze war von Beates Kopf gerutscht und ihre feuerroten Haare wirbelten durch die Luft.
„Hände weg von Ihr! Die bekommst du nicht!“, rief sie und stach der Malinowski einen Finger direkt ins Auge.
Die Malinowski schrie auf und ließ Vera los um sich Beate zu schnappen, doch Hannes und Decker warnen wieder auf den Beinen und ergriffen die wütende Frau. Beate konnte sich losreisen, kümmerte sich um Vera, die auf dem Boden lag und sich die Kehle hielt.
Hannes versuchte die Malinowski zu Boden zu zwingen, doch die wehrte sich. Selbst zu zweit hatten wir erhebliche Mühe. Als einer der sichernden Beamten dazukam, schaffte es die Malinowski, einen Arm frei zu bekommen und griff nach dessen Dienstwaffe.
Das reichte! Ich drehte mich zu Hannes, der mir am nächsten stand, zog ihm die Pistole aus dem Holster und schoss der Malinowski in beide Knie.
Brüllend, wie ein angeschlagener Ochse, ging sie zu Boden und schrie wie verrückt.
Ich sicherte die Waffe und gab sie Hannes zurück. Schnell ging ich zu Vera, die noch immer am Boden saß.
„Bring sie weg!“ Raunte ich Beate zu und gab ihr meinen Generalschlüssel.
Spätestens jetzt würde Frank durchdrehen. Ich gab einer zum Tode verurteilten Frau den Generalschlüssel des Gefängnisses! Beate zog sich schnell wieder die Kapuze über und half Vera beim Aufstehen. Sie versuchten es, genauso zu machen wie vorhin, doch diesmal sah es eher so aus, als ob die Gefangene führte. Davon hatten die anderen glücklicherweise nichts mitbekommen. Hannes hatte die Malinowski im Würgegriff und hielt sie am Boden, während Decker sich um den bewusstlosen Beamten kümmerte. Malinowski wütete noch immer, doch mit zerschossenen Knien hatte sie keine Chance mehr.
„Ich rufe Schemmlein.“ Rief ich zu Decker, der nur nickte, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.
Mit dem Diensthandy rief ich Schemmlein an.
„Was ist? Ich habe frei! Halt dich an deine Freundin.“ Meldete der sich.
„Wir haben einen Notfall. Es gibt mehrere Verletzte, Vera ist ebenfalls verletzt!“
„Fünf Minuten!“ Weg war das Gespräch.
„Schemmlein kommt!“ Rief ich Decker zu.
„Was machen wir mit der Furie?“, wollte Hannes wissen.
„Warte, ich habe eine Idee.“ Ich lief zur nächsten Kammer und holte eine Rollliege. Diese sind aus Stahl und recht stabil. Die rollte ich zu Hannes und zu viert schafften wir es die Malinowski darauf zu legen und mit den Hand und Fußschellen daran fesseln.
Jetzt war die Lage unter Kontrolle und Schemmlein kam um die Ecke gerannt. Er schaute sich den bewusstlosen Beamten an, dann die Malinowski.
„Was ist mit Vera?“
„Sie konnte zur Krankenstation gehen.“
„Hast du noch so ein Teil?“, fragte er und klopfte auf die Liege.
„Klar.“
Ich lief los und holte eine weite Liege, auf die wir den bewusstlosen Beamten legten.
Beide wurden zur Krankenstation gebracht, wo Vera schon alles für die Notfälle bereit gemacht hatte.
„Vera?“ fragte Schemmlein.
„Geht schon wieder.“ Krächzte sie.
„Komm her und lass mich nachsehen!“
Schnell schaute sich Schemmlein sich ihren Hals an.
„Geht es?“
„Keine Sorge, ich schaffe das.“
Nach und nach trafen die benachrichtigten Helfer ein und kümmerten sich um die Verletzten. Wir gingen aus dem Weg und verließen die Krankenstation.
„Man, das war vielleicht was.“ Sagte Hannes. „Ähm Bad-Man, was ist dem Bericht über die zwei Kugeln?“ Fragte er.
„Lass ihn den Bericht über die zwei Schuss schreiben.“ Sagte Decker zu Hannes. Er musste ja auch herumballern.“
Hannes grinste. „Wer war bloß diese Gefangene? Habt ihr gesehen, wie sie die Malinowski angesprungen hat, um Vera zu helfen? Das war verdammt mutig.“
Schemmlein kam heraus und gab Entwarnung. Der Beamte hatte zwar ein paar Knochenbrüche, sonst aber keine schwereren Verletzungen. Erleichtert machte ich mich auf den Weg zu Beate. Die wartete aufgelöst in Veras Wohnung und stürmte sofort auf mich ein.
„Wie geht’s Vera?“
„Alles Ok. Sie ist nicht ernstlich verletzt.“
„Ein Glück, ich dachte…“
Beate fing an zu reden und erzählte die Dinge aus ihrer Sicht. Während sie erzählte, schweiften meine Gedanken ab. Ich musste mir eingestehen, dass mir Beate wichtiger geworden ist, als ich zugeben wollte. Ich hatte wirklich Angst um beide Frauen gehabt. Beate hatte sich vor Vera geworfen, ohne sich Gedanken um die eigene Sicherheit zu machen. Wie eine Löwin hatte sie die Malinowski angegriffen. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, dass Beate ihren Mann mit dem Messer in Scheiben geschnitten hatte. Wahrscheinlich hatten weder er, noch Petra Strass geahnt, was für eine Bestie in Beate schlummerte. Beate würde das, was sie liebt, immer verteidigen. Vera konnte sich glücklich schätzen. Nicht viele hätten es gewagt die Malinowski anzuspringen. Das alles brachte es zurück auf das Wichtigste. Wenn mein Plan nicht funktionierte, würde Beate sterben und Vera würde daran zerbrechen.
Und ich? Ich würde nicht zerbrechen, oder? Ich beschloss, es erst gar nicht darauf anzulegen, mein Plan musste klappen. Es würde keinen Plan B geben und es wurde Zeit die nächste Phase des Plans umzusetzen.
***

Der Verräter

Mein „Onkelchen“ rief hin und wieder an, um bei einem besonderen Fall meine Hilfe einzufordern. Auch wenn ich nicht mehr offiziell für den Mossad arbeitete, so war ich noch auf seiner Liste und wurde mit Informationen versorgt, musste dafür aber hin und wieder mit einem Anruf rechnen.
Sein Anruf begann stets mit den gleichen lieblichen Worten, „Mischka, meine Kleine, wir haben da ein Problem…“ und ich würde stets alles für mein „Onkelchen“ tun. So kam denn auch sein Anruf im späten Sommer.
„Mischka, meine Kleine, wir haben da ein Problem, ich schick dir über den anderen Kanal eine Datei, melde dich, wenn du Fragen hast, ja?“
Damit begann einer der interessanteren Einsätze für mein liebes Onkelchen. Mit der Regentin und ihrem Gemahl wurde mein „Urlaub“ abgesegnet und ich machte mich auf in mein Domizil.
Die gesicherten Daten ergaben, dass sich ein Verräter nach Perth absetzen wollte und dass diese Person die geheimsten Pläne verraten will. Das dumme an der Angelegenheit waren zwei Dinge, man wusste 4bis dahin nicht genau wer der Verräter war und auch nicht, was als Medium gewählt wurde – also Film, Datenspeicher oder was auch immer.
Eines aber wusste man genau, über welchen Weg der Verräter gerade floh. Da kam ich ins Spiel.
Beide möglichen Verräter waren auf Mikronesien ausfindig gemacht worden, aber entkamen Richtung Nauru und den Solomon-Inseln. Das war mein Gebiet und ich machte mich auf den Weg nach Honiara.
Der Flughafen Lungga hatte von seiner herrlichen Lage noch immer nichts eingebüßt. Ich stand bereit und wartete auf neue Informationen, als mein Handy summte. Endlich kamen die Neuigkeiten, auf die ich so wartete.
Der eigentliche Spion war enttarnt. John Mercury, so nannte sich der Mann, die Bilder gaben einen attraktiven Mann wieder. Unter den Merkmalen stand „sexuell aktiv, eidetisches Gedächtnis“, also ein Mann mit fotografischem Gedächtnis, der nichts anbrennen lassen würde. Endlich, eine Stunde vor der Landung der Maschine, kam die Bestätigung von „Onkelchen“, dass dieser Mann in der Maschine wäre und definitiv der Verräter sei.
Die Übergabe würde in Perth sein und ich musste also früher an ihn heran. Die Daten gaben an, dass er die Nacht hier in einem sehr guten Hotel verbringen wollte und am Morgen weiter nach Australien fliegen wollte. Ich konnte und musste also handeln.
John Mercury hatte seine Augen überall, als er die Boeing verließ. Unauffällig prüfte er seine Umgebung und war sich sicher, dass er noch nicht aufgefallen war, deswegen hatte er ja auch diesen abgelegenen Flughafen gewählt. Nach dem Check huschte er um einige Ecken und rannte eine Frau um, als er sich umsah.
Eine Frau? Aber was für eine Frau. Das tolle, teure Kostüm war ruiniert, das sah er auf den ersten Blick und einer der Manolos war gebrochen. Die Frau, mit dem tollen Körper, hielt sich den Kopf, offenbar hatte sie ihn sich angeschlagen. Nach einigen Entschuldigungen kam man überein, sich auszutauschen, wegen der Begleichung der Rechnung.
Frau Mellow, so ihr Name, wartete auf einen Geschäftskollegen, dessen Flieger aber erst Morgen eintreffen würde. Im Laufe des Gespräches erfuhr Mercury, was er wissen musste, sie war in Ordnung, jung, ledig, aber etwas angeschlagen, offenbar hatte sie Angst im Leben noch etwas zu verpassen, da kam John Mercury ins Spiel. Rasch hatte er ihr ein paar Drinks spendiert und diese zeigten alsbald ihre Wirkung. Im Schuhladen versorgte er die tolle Frau mit ihren langen, roten Haaren und tollen Brüsten mit neuen Schuhen und sie schlenderten gemeinsam Arm in Arm durch das Hotel.
Nach einer Stunde und etwas mehr an Getränken lag sie in seinen Armen und nach einer wilden Nacht erwachte er, deutlich von der Nacht gezeichnet. Ina Mellow, hatte ihm alle Wünsche erfüllt. Dennoch überprüfte er ihren Ausweis und die sonstigen Dinge. Aber alles sah so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Eine erfolgreiche junge Geschäftsfrau, die einfach nur leben wollte. Vielleicht ergab es sich nochmal, dass er Ina treffen konnte.
Ein prüfenden Blick in das Bett, ihr wunderschöner Körper lag da und er wusste, dass er sich frisch machen musste, wollte er noch einen Termin bei ihr haben. Schnell stieg er unter die Dusche und der heiße Dampf umgab ihn. Erfrischt entstieg John Mercury der Dusche, suchte in dem Dampf das Badetuch und rutschte auf einem Stück Seife aus. Unglücklich ausgerutscht fiel er mit dem Genick auf einen Hocker, so dass er sich sein Genick brach.
Die Tür öffnete sich und die wunderschöne Unbekannte trat in die Dusche ein. Sie löste ein Seil am Hocker und prüfte die Reaktion der Pupillen des Gestürzten.
John Mercury war eindeutig tot! Offensichtlich beim Liebesspiel im Bad unglücklich gestürzt. Mit einem raschen Drehen des Kopfes versicherte sich die Frau, dass er tatsächlich nicht mehr lebte. Sie ließ den Dampf abziehen und schoss zwei Bilder des Verräters, die sie mailte und löschte sie anschließend wieder vom Handy. Alsdann verließ sie das Bad und anschließend, neu eingekleidet auch das Hotel. Kurz darauf flog sie in einer Privatmaschine auf die offene See hinaus.
Die örtliche Presse schrieb am gleichen Tag noch einen Sonderbericht, vom „Letzten Liebesspiel eines Galans“ und machte eine richtige Lovestory mit einer Unbekannten daraus. Dass der Verstorbene ein Verräter war, würde auf der Insel niemand erfahren. „Onkelchen“ hatte die Daten bereits, als ich ihm vom Abschluss des Auftrages berichtete. Er informierte mich, dass der Mann sogar ein Doppelagent war und in Australien Geschäfte mit den Chinesen und Russen zugleich machen wollte. Sein Wissen über die US Alarmierungsketten in Luft- und Wasser wären dabei sehr wertvoll gewesen wäre. Die Daten die er im Kopf gehabt hatte, waren brisant.
So aber warteten in Perth einige Agenten aus unterschiedlichen Ländern vergeblich auf einen Mann und lasen später von dem Liebesunfall. Spätestens da war ihnen klar, dass ihr Mann nicht mehr kommen würde und sie zogen ab.
***

Legendenbildung

Von Luise Pleitz bekam ich gegen Nachmittag die Legende. Noch in ihrer Zelle las ich mir den neuen Lebenslauf durch.
Er stimmte perfekt. Nicht nur, dass er schlüssig war nein, er war auch so einfach gehalten, dass er nicht nur glaubhaft, sondern auch leicht zu merken war. Die Namen der Orte, an denen Beate gelebt haben soll, gibt es wirklich. Alle waren Großstädte, die jeder schon einmal gesehen hatte, oder zumindest aus dem Fernsehen kennt. Zwar bestand die Wahrscheinlichkeit, dass Dritte tatsächlich zur selben Zeit am selben Ort waren, doch in einer Stadt wie London oder New York machte das keinen Unterschied. Luise Pleitz hatte sich selbst übertroffen. Damit sollte Beate klarkommen. Als ich mich bedanke und ihre Zelle verlassen will, hält sie mich einen Moment zurück.
„Sagen sie der Frau, dass ich ihr alles Gute wünsche.“
„Ich richte es ihr aus, versprochen.“
Schon am nächsten Tag wurde Luise Pleitz in eine Freigänger Einrichtung, am anderen Ende der Republik, verlegt. Jessika war sehr erleichtert, als der Bus mit Luise als Mitwisserin das Gefängnis verlassen hatte. Mit den Unterlagen der Pleitz suchte ich Nr. 19 auf. Jarvis hat den Pass beinahe fertig. Alles was er noch brauchte, waren die Orte an denen Beate (bzw. die Frau auf die der Pass ausgestellt ist) sich aufgehalten hatte.
„Brauchst du noch etwas?“
„Nein, das reicht. Und Danke für den Einkauf. Tat richtig gut, sich mal wieder was Richtiges leisten zu können. Die Frau muss ihnen einiges bedeuten.“
Ich schwieg kurz. „Ja, sie bedeutet mir einiges.“
„Kein Problem. In zwei Tagen hat sie ihren Pass. Was ist mit meiner Bezahlung?“
„Die wartet auf dich. Am Samstag habe ich für euch die Ehe Zelle gebucht.“
„Dann werde ich mir richtig Mühe geben.“
Im Büro setze ich Jessika von Beates neuem Lebenslauf in Kenntnis. Da ich es versprochen hatte, informierte ich sie über meine Absicht Randy zu kontaktieren und erklärte ihr auch, was ich von Randy wollte. Randy war unser Computer Fachmann und ein Experte für alles Technische. Er war der Einzige der mir, meiner Meinung nach, beim großen Finale helfen kann. Bei Andreas Exekution, die erste und einzige die über Livestream ausgestrahlt wurde, hatte er, auf meine Bitte hin, die Server so manipuliert, dass sich bei den Kommentaren, die Begeisterung in Grenzen hielt und die Kritik lauter erschien, als sie tatsächlich war. Ihm war das Spektakel genauso zuwider wie Frank und mir und so half er uns bereitwillig dafür zu sorgen, dass es bei einer einzigen Aktion blieb. Jessika gab ihr Einverständnis und ich musste mir überlegen, wie ich Randy dazu bringen konnte, mir zu helfen. Der heutige Abend war dazu ideal, denn heute Abend hatte Mike zu unserem Herrenabend eingeladen. Ein Abend, bei dem Probleme aus der Welt geschaffen wurden, bevor sie überhaupt zum Problem werden konnten.
***

Randy

Mike, Frank, Randy und ich machten uns über die zwei Flaschen Chivas Regal her, die ich Mike von unserer Wette im Gericht schuldete. Obwohl ich ein großer Liebhaber dieses wunderbaren Gesöffs bin, musste ich mich zurückhalten, um nicht eine unbedachte Äußerung fallen zu lassen, denn Frank würde sie nicht einfach überhören. Ein paar Stunden später saßen wir in einem total zugequalmten Zimmer, rauchten teure Zigarren und leerten die Whiskey Flaschen.
„Ich habe gehört, dass es mit der Malinowski Ärger gegeben hatte.“
Typisch Frank. Er war sicher der Erste der davon gehört hatte.
„Eine geheimnisvolle rothaarige Gefangene soll Vera Müller gerettet haben. Die Wachen erzählen, dass die Gefangene schneller war als du.“
Natürlich gab es dazu jede Menge bissige Kommentare, auf die ich gar nicht einging und fragte nach dem verletzten Beamten.
„Er wird noch eine geraume Zeit dienstunfähig sein. Aber es sah wohl schlimmer aus, als es ist.“
„Ich hätte die Malinowski mit einer kleinen Box in ihre Zelle fahren sollen, dann wäre das nicht passiert.“
„Das wäre Verschwendung von Justizmitteln. Solche Personal Boxen sind teuer.“
„Haha.“
„Morgen wird es offiziell, Sarah Schlosser wird zum nächsten Ersten eingestellt.“
„Gut, dass du meiner Empfehlung gefolgt bist.“
Kurz verfinsterte sich seine Miene, als er mich von der Seite anschaute.
„Hast du sie schon getroffen?“ Fragte er.
„Nein, sie kommt erst in ein paar Tagen hier an. Sie meldet sich bei mir, sobald sie in der Stadt ist.“
„Wie ist sie denn, auch so ein geiles Teil wie Tanja?“ Fragt Randy.
„Bis jetzt kenne ich nur das Bild aus der Bewerbung. Aber das sieht nicht schlecht aus.“
So zog sich der Abend weiter hin. Wir plauderten, qualmten Zigarren und genossen den Whisky.
„Trommer wird in ein paar Tagen bekannt geben, dass er sich als Generalstaatsanwalt beworben hat“, erzählt Mike, „ich schätze, er hat gute Chancen.“
„WOW, das nennt man Karriere.“ Meint Randy.
Ich spüre Franks Blick auf mir. Randy sprach weiter. „Ich wette, der marschiert direkt zum Minister weiter.“
„Gut möglich.“ Meinte ich nur.
Jetzt wurde auch Mike auf Franks Blick aufmerksam.
„Habe ich was verpasst?“ Fragt er und stellte sein Whiskyglas an. „Was ist los?“
„Wusstet ihr, dass an der Leiche der kleinen Ella DNA der Strass gefunden wurde?“ fragte ich in die Runde.
Es wurde plötzlich ganz still. Selbst Randy bemerkte, dass es hier um etwas Großes ging.
„Im Ernst? Petra Strass war am Mord der Kleinen beteiligt?“ fragte Mike ungläubig.
„Wieso weiß das noch niemand?“
„Bevor die Leiche der Kleinen beerdigt wurde, hat ein gewissenhafter Ermittler noch einmal die ganze Leiche nach DNA untersucht. Er konnte die gefundene DNA nicht zuordnen und hat sie mit der großen Datenbank abgeglichen. Anscheinend wurde die Strass einmal wegen einer Alkoholfahrt registriert. Jedenfalls hat der Computer ihren Namen ausgespuckt.“
„Das ist der Hammer. Er bumst eine Verdächtige, wenn das rauskommt…“
Mike und Randy fingen eine lebhafte Diskussion, über die Folgen an, während Frank sich zu mir beugte.
„Hast du eine Ahnung, was das bedeutet?“ fragt mich Frank leise.
„Ja, ich weiß genau, was das bedeutet.“
„Trommer wird Amok laufen!“
„Nein, glaube ich nicht. Er weiß es schon.“
„Er weiß es und bumst die Alte immer noch?“ Mike schaute mich ungläubig an.
„Was ist mit der Fischer? Was sagt sie dazu?“
„Beate Fischer wurde vor ein paar Wochen hingerichtet.“
Frank sah mich durchdringend an, nein er durchbohrte mich fast.
„Du spielst mit dem Feuer. Pass auf, dass du dich nicht verbrennst!“
Flüsterte er leise und fügte hinzu,
„Du bist mein Freund, aber wenn das schief geht, kann dir niemand helfen.“
Das war deutlich. Nach einer weiteren Flasche Whiskey aus Mikes Beständen beenden wir den Abend. Als wir uns von Mike verabschiedeten besteigen wir übrigen drei ein Taxi, welches zuerst Frank absetzte. Etwa 500 Meter vor Randys Wohnung, ließ ich den Taxifahrer anhalten und bezahlte ihn. Randy der wusste, dass es bei mir ab und an eine Überraschung gab, sagte nichts und stieg mit mir aus.
„Es muss dir sehr am Herzen liegen.“ Schmunzelte er.
„Was?“
„Dein Problem. Du hast dich heute Abend sehr zurückgehalten und den guten Whiskey den anderen überlassen. Dauernd hattest du mich im Blick und dachte mir, dass du etwas von mir willst. Also hielt ich es für besser auch etwas weniger zu trinken.“
„Randy, für dein junges Alter, bist du verdammt clever.“
„Hast du deinen PC wieder mal geschrottet und ich muss alles neu installieren?“
„Ich glaube, mein Anliegen ist etwas komplizierter.“
Wir schlenderten zusammen in Richtung seiner Wohnung. Auf dem Weg dorthin erzählte ich ihm alles. Ja, alles! Wenn Randy helfen sollte, dann musste er wissen, um was es ging. Als alle Fakten auf dem Tisch waren, dachte er lange nach. Als wir seien Tür erreichen, meinte er:
„Peter, das was du vorhast, ist technisch gesehen kein Problem. Das eigentliche Problem wird Trommer sein. Er wird sich rückversichern. Du weißt, was ich meine.“
„Ja, ist mir klar.“
„Ihre Chance liegt bei 50%. Bestenfalls!“
Ich hatte es geahnt. Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Beates Chance zu überleben lagen bei beschissenen 50%. Umso klarer wurde mir, dass ich Vera auf gar keinen Fall in den Plan einweihen konnte.
-Tja, 50 %, das muss eben reichen.-
„Wirst du mir helfen?“
„Klar, allein schon wegen Vera.“
„Danke, hast was gut bei mir.“
„Ich werde es mir merken und irgendwie glaube ich, es wird das einzige sein, dass du mir die nächsten Jahre schulden wirst.“
***

Um dieselbe Zeit ritt Petra Strass wild auf Trommer ihrem Höhepunkt entgegen. Wild und rücksichtslos fickte Trommer Petra Strass durch. Diesmal hielt er sich nicht zurück und nahm auch keine Rücksicht auf sie. Er nahm sich, was er wollte. Und auch Petra Strass hielt sich nicht zurück. Sie bohrt ihm die Krallen in den Rücken und es entwickelte sich ein hartes Liebesspiel. Schließlich lagen beide erschöpft nebeneinander.
„Das war unglaublich. Man könnte meinen, es wäre das letzte Mal, dass wir zusammen ficken.“ Sagte Petra Strass.
„Quatsch, ich wollte nur mal was Neues.“
Zwei Stunden später verließ Petra Strass die Wohnung von Trommer und fuhr zu ihrer Wohnung. Als sie die Haustür aufsperren wollte, sprach sie ein Mann an.
„Frau Petra Strass?“
„Ja, bitte?“
„Henry Meyer, Kriminalpolizei! Ich nehme sie wegen Mordverdacht an Ella Fischer fest.“
Fassungslos stand Petra Strass da und starrte Meyer an. Der fackelte nicht lange und legte Petra Strass Handschellen an.
***

Der Aufstand

Doch leider gab es auf Soulebda nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Auf zwei der größeren Nachbarinseln lebten und herrschten Häuptlinge, die unglaublich machthungrig waren. Im Norden, auf Ni’jamong, war das Häuptling Kazt’taeel und im Südwesten, auf Ka’Ihlih Häuptling Nick’Takk. Sie konkurrierten mit den Häuptlingen der anderen, kleineren Inseln und wollten schließlich sogar die Regentschaft auf Soulebda anfechten. Das konnte nicht ungestraft bleiben und die beiden Häuptlinge wurden einbestellt, aber anstatt sich bei ihrem Regenten zu melden, brachen sie einen Streit vom Zaun, der sich zu einer heftigen Revolte entwickelte.
Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich mit Penelope auf der Schießbahn des Palastes, wo wir für die anstehenden Wettbewerbe trainierten. Plötzlich rannten zwei Mädchen der Leibgarde zu uns rein und schrien etwas von Aufstand und Revolte. Sie begleiteten Penelope in die sicheren Schutzräume und ich bat sie dort zu bleiben, bis Ruhe einkehrt. Mit ihren .45 Colt sahen die Mädchen der Leibgarde unterbewaffnet aus, aber mehr hatten sie damals nicht zur Verfügung.
Lediglich zum Sport wurden die 9mm Para Pistolen eingesetzt. Rasch sammelte ich alle Magazine und Munition auf die ich fand und machte mich auf den Weg zum Kommandopunkt. Dort befanden sich bereits einige Soldaten und ein Oberst der Garde, die mit der Absicherung beschäftigt waren. Mit ihren alten .45 Colt waren sie keine besonders gute Hilfe, aber es war die Standard Waffe der Garde. Der Oberst wollte mich gerade aus dem Palast entfernen lassen, da ging die Schießerei los.
Aufständische seilten sich an den Wänden ab, andere stürmten nach vorne und schossen, was die Waffen hergaben. Um uns herum schlugen die Kugeln ein. Ich drückte einer Gardistin die Patronen und Magazine in ihre Hände und begann zu schießen. Die Distanz der Angreifer war dummerweise etwa so groß wie auf dem Schießstand und so rannten die Revoltierenden in ihr Verderben. Als der erste Ansturm vorbei war, standen die Soldaten mit offenen Mündern da und vor uns lagen gut zwanzig tote Revoluzzer. Ab da war der Oberst froh, mich bei sich zu haben. Er teilte mir die Frau, die bereits die Munition hielt fest zu und wir zogen uns in den sicheren Bereich der Präsidentenfamilie zurück. Schnell luden wir die Magazine nach. Aus einigen Ecken stürmten Leute und schossen auf uns. Wir wehrten uns mit wirkungsvollen Schüssen.
Ich ließ meine Beretta heiß laufen und meine Leibgardistin lud die Waffen ständig nach. Meine 9mm hatte einen enormen Hunger. Ich schoss fast nur Doubletten und die trafen. Ich erinnere mich noch gut an den erschrockenen Koch, der von einem Aufständischen als Schutzschild gehalten wurde, aber zwei Schuss stoppten den Angreifer und der Koch sah erschrocken, aber dankbar zu mir rüber.
Endlich im Zentrum der alten Bibliothek angekommen, wurde der Ansturm der Revoluzzer blutig gestoppt. Der Präsident und seine Frau, die Regentin, hielten immer in der Sicherung. So schossen wir die Angreifer nach und nach zusammen. So langsam hatte ich Mitleid mit den Angreifern, aber sie würden uns gegenüber keines haben und damit war die Entscheidung klar, es ging um unser aller Überleben und in solchen Fällen traf ich besonders gut. In der Bibliothek wurde gerade umgebaut und so stapelten sich dicke Bücher auf Paletten gestapelt mehrere Meter hoch und Papier stoppt Kugeln sehr gut.
Von der Decke versuchten immer wieder einzelne Angreifer uns zu beschießen und sich zu uns abzuseilen aber mit einigen Doubletten fanden sie ein schnelles Ende. Am Ende stürmte eine Gruppe der Angreifer mit einem der Häuptlinge den Raum und wir schossen, was die Waffen hergaben. Umgeben von den schweren Regalen voller Bücher, die einen Schutzschild boten, saßen die Präsidentengattin und der Präsident auf dem Boden. Einige Leibgardistinnen hatten sie mit ihren Körpern beschützt.
Als es dann zu Ende ging und das Schießen aufgehört hatte, stand ich da, inmitten unserer kleinen Burg aus zerschossenen Büchern, verschwitzt und schmutzig. Ein leichter Streifschuss hatte meine Schulter blutig gefärbt. In beiden Händen eine rauchende Waffe und um mich herum lagen die leeren Magazine.
Als dann die Soldaten in den Palast kamen und alles vorbei war, stand die Regentin, Heylah ai Youhaahb, auf und kam auf mich zu. Sie machte ein Bild mit ihrem Handy, dann begann sie zu klatschen und die Umstehenden klatschten mit. Erst da bemerkte ich, dass diese Ehrerbietung mir galt.
Tags darauf wurden 128 erschossene Angreifer und einige erschossene Mädchen der Leibgarde gezählt. Angeblich hatten mehr als die Hälfte der Angreifer kleinere Löcher als jene, die eine dicke .45er Kugeln schlugen. Diese Erkenntnis trug man offenbar auch der Regentin vor. Die Autopsien ergaben die Bestätigung und als wieder Ruhe eingekehrt war, wurde mir eine Auszeichnung verliehen, der Orden Kahlscha’daar, eine Auszeichnung die auf Soulebda nur wenige Menschen bisher erhalten hatten, wie ich später erfuhr. Erst sehr viel später erfuhr ich, was es mit dieser Auszeichnung noch auf sich hatte.
Sie enthielt einen Ehrenstatus, der mich als absolute Vertrauensperson der Regentin definierte. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich auf der Insel überall noch mehr geachtet und meine geliebte Penelope bedankte sich auf ihre einzigartige Weise, dass ich ihre Familie gerettet hatte.
Außerdem überreichte sie mir ein großes eingerahmtes Bild, es zeigte mich inmitten der Bücher stehen, mit den beiden Pistolen im Anschlag, verschwitzt und angeschossen. Das Bild war hervorragend ausgearbeitet und hätte für jede Action Kinowerbung herhalten können.
***

Passkontrolle

„WOW, der sieht aus wie echt. Jarvis ich bin beeindruckt.“
„Ja, ich würde sagen, das ist mein Meisterstück.“
19 hatte mir den gefälschten Pass übergeben und ich blätterte durch die einzelnen Seiten. Die Stempel und Einträge stimmten absolut mit der Legende, die Luise geliefert hatte überein. Beate musste die einfache Geschichte nur noch auswendig lernen. Aufgewachsen in Berlin, in München zur UNI gegangen, dann begann der von Luise gelieferte Teil. Perfekt.
„Mit dem kommen sie überall durch. Sagen sie ihr, dass sie nicht Länger als vier Wochen warten soll, sonst fragt noch jemand nach, warum sie so lange gewartet hat.“
„Ich werde darauf achten. Ich werde noch ein zweites Treffen mit deiner Freundin und einen weiteren Einkauf arrangieren. Falls wir uns nicht mehr sehen, ich danke dir für alles.“
„Weißt du Bad-Man, ich bereue tatsächlich, was ich getan habe und hoffe innständig, damit wenigstens einen kleinen Bonus zu bekommen… später, du weißt schon.“
„Jarvis, ganz ehrlich. Du verhinderst ein großes Unrecht, ich denke schon, dass du den Bonus bekommst.“
„Sag der Frau, dass ich ihr viel Glück wünsche.“
„Ich richte es ihr aus.“
***

Kairo

Der Mann am Boden lebte noch. Aus einem Schnitt quer über die Kehle lief pulsierend das Blut aus der Wunde auf den Boden. Sein Mörder stand neben dem zuckenden Körper und schaute zu, wie das Leben den Mann verließ. Ein weiterer Mann kam dazu und salutierte. Derjenige der dem am Boden liegenden die Kehle aufgeschlitzt hatte, war niemand anderer als „der alte Franzose“. Ein Söldner, der für Geld für jeden in den Kampf zog, der ihn und seine Männer angemessen bezahlte.
„Wie konnte dieser Scheißspitzel solange unentdeckt bleiben?“
„Er hatte hervorragende Referenzen. Jetzt wissen wir, dass alle gefälscht waren, da müssen auch einige unserer Konkurrenten mitgemacht haben.“
„So etwas darf nie wieder vorkommen. Jeder Neue wird bis auf die Knochen durchleuchtet. Verstanden?“
„Qui mon Colonel!“
„Verdammt. Lassen sie die Männer antreten, wir müssen hier weg sein, bevor seine Auftraggeber hier auftauchen.“
„Wir haben einen Anruf aus Deutschland erhalten. Es scheint so, als ob wir einen neuen Auftrag erhalten könnten.“
„Deutschland?… HMM, Warum nicht, nicht weit weg von zu Hause, nicht wahr Captain?“
„Non, mon Colonel.“
– Dagan, du gerissener Hund. Irgendwann werde ich mich um dich und deine vielen Nichten und Neffen kümmern! – dachte sich der alte Franzose und schaute wieder nach unten.
In der Zwischenzeit hatte das Leben den Mann am Boden endgültig verlassen…
***

„Der Pass ist da.“ Berichtete ich Jessika.
Sie schaute sich den Pass genau an, blättert ihn durch und ist genau so zufrieden wie ich.
„Gute Arbeit. Ich hoffe, Jarvis hält bis zum Schluss den Mund.“
„Ich denke schon. Er wird den zweiten Besuch mit seiner Freundin, nicht aufs Spiel setzten.“
„Gut. Du hast einen Termin mit Sarah Schlosser. Sie ist da und wartet auf dich.“
„Ok, dann werde ich Sarah mal auf den Zahn fühlen. Ich hoffe, sie ist wirklich die Richtige.“
„Das wirst du sicher herausfinden.“ Grinste Jessika.
Das tat ich. Ich traf mich mit Sarah Schlosser und sprach über zwei Stunden mit ihr, in denen ich ihr erklärte, was ich und was Frank von ihr erwarteten.
Sarah machte einen ruhigen und guten Eindruck. Als sie mir in die Augen sah und mir sagte, dass sie mich nicht enttäuschen würde, war ich mir sicher, dass ich mit Sarah Schlosser die richtige Wahl getroffen hatte.
Auch das teilte ich Jessika mit, bevor sie nach Hause ging.
„Wunderbar! Hier, ich habe dir noch die Akten von zwei Insassen auf den Schreibtisch gelegt. Sie sie dir mal an. Ich denke du wirst verstehen, warum ich die beiden ausgesucht habe. Aber fall nicht wieder gleich mit der Tür bei den beiden ins Haus.“
„Keine Sorge. Ich sehe mir die Akten sofort an.“
Als Jessika das Büro verlassen hatte, schaute ich mir, wie versprochen, die beiden Akten an. Ja, ich verstand, was Jessika mir mitteilen wollte.
Das würde ein sehr hektisches Finale geben.
Im Internet informierte ich mich im Vorhinein, was die Beiden für ihre Aufgabe brauchten und besorgte es. Hätte doch ich mehr Zeit… Aber Zeit war Luxus! Ich hatte nur einen einzigen Versuch und konnte nicht mitten im Finale losziehen um noch etwas zu besorgen, was ich vergessen hatte.
Eine war unproblematisch, was diese für ihre Arbeit brauchte, wusste sogar ich, und das musste ich nicht groß beschaffen, das Meiste hatte Vera in unserer Wohnung.
Bei der Zweiten war das schon schwieriger. Ich musste sie also wohl oder übel vor dem Finale informieren. Jessika war überhaupt nicht begeistert, verstand aber auch das Problem.
Die zwei Insassen saßen beide im Frauentrakt und ich suchte sie in ihren Zellen auf. Das erste Treffen war so unproblematisch, wie ich gehofft hatte, doch die zweite erkannte mich und bekam sofort eine Panikattacke. „Ganz ruhig,“ versuchte ich, sie zu beruhigen, doch sie schrie und ließ sich auch nicht beruhigen.
„Verdammt, halt die Klappe!“, brüllte ich sie an. Ich war selbst verwundert, dass sie tatsächlich aufhörte zu schreien und mich mit großen Augen ansah.
„Hör auf, hier alles zusammenzuschreien. Ich brauche deine Hilfe.“
Während sie mich noch immer verwundert anschaute, lauschte ich, ob ihr Geschrei Deckers Mannschaft aufmerksam gemacht hatte, doch es schien, als ob ich Glück hatte, denn Niemand erschien.
Als ich sicher war, dass wir nicht unterbrochen wurden, erklärte ich ihr das Problem, ohne Beate zu erwähnen und fragte sie, ob sie bereit wäre, mir für eine Verlegung in eine Freigänger Einrichtung, zu helfen.
Es war kaum zu glauben, doch plötzlich brach die Geschäftsfrau aus ihr heraus. Für ihre Hilfe bekam sie die Zusage, in eine Freigänger Einrichtung verlegt zu werden, sowie 1000 Euro in bar, die sie von mir bekommen sollte, sobald sie verlegt wurde. Ich hatte weder die Zeit noch das Verlangen mit ihr zu feilschen und sie bekam, was sie wollte.
„Gut, haben sie was zum Schreiben?“, fragte sie und diktierte mir eine Einkaufsliste mir den Utensilien, die sie brauchte. Außerdem erklärte sie mir, wo ich das Ganze bekam. Soweit, so gut. Heute waren die Geschäfte schon geschlossen und so musste eben morgen losziehen.
Ich setzte mich ins Büro und schaute mir den Terminkalender für morgen an. Am Vormittag hatte ich zwei Termine, dann einen gegen Nachmittag. Um 16Uhr, sollte ich fertig sein, dann konnte ich losziehen, um die Sachen zu besorgen.
„Hi Bad-Man.“
Es war Randy, der zu mir gekommen war.
„Hast du eine Minute?“
„Sicher, komm rein.“
Er setzte sich zu mir und sagte;
„Ich habe über dein Problem nachgedacht und glaube ich weiß, wie wir vorgehen sollten.“
„Schieß los.“
Randy erklärte mir, wie er das Finale gestalten würde. „Wichtig wäre richtig Maaß zu nehmen.“
„Das lässt sich machen.“ Ein Blick auf die Uhr sagte, dass Vera noch eine gute halbe Stunde auf der Krankenstation arbeiten würde.
Zusammen gingen wir zu Veras Wohnung, wo ich die Wohnungstür aufschloss. Wieder hatte sich Beate ins Bad begeben und ich klopfte gegen die Tür.
Als Beate aus dem Bad trat, starrte sie Randy genauso an wie Jessika ein paar Wochen zuvor.
„Reicht das?“ fragte ich etwas bissig.
„Sorry, nein ich müsste es etwas genauer wissen.“
„Beate, das ist Randy unser Genie für alles, Randy das ist Beate.“
„Sie waren das, die die Malinowski angesprungen hat… Wow, das war sehr mutig.“
„Lass wir das mit dem Sie. Ich bin Beate.“
Randy wurde tatsächlich verlegen, als er Beate die Hand reichte.
„Hör zu, Beate, Randy braucht ein paar Angaben.“
„Ok, was musst du denn wissen?“
„Ich… Ähm…“
„Du musst dich obenherum frei machen.“ Sprang ich Randy bei.
„Oh.“ Dann verstand sie von alleine warum, legte bereitwillig ihre Bluse sowie den BH ab und hob die Arme hoch. „So in Ordnung?“
Randy wurde knallrot, als er Beate das Maßband um die Brust legte.
Genau in diesem Augenblick erschien Vera. Sprachlos stand sie in der Tür und starrte uns an.
Randy wollte sofort weg.
„Hast du alles?“ fragte Randy, ohne mich anzusehen.
„Ja.“
„Danke.“
„Äähm, ja, gerne geschehen. Tschüss Beate. Hallo Vera.“ Als er sich an Vera vorbei schob, hielt die ihn fest.
„Was zur Hölle ist hier los?“ zischte sie Randy an. Beate schaute mir für einen Sekundenbruchteil in die Augen und sie verstand, dass ich Vera nicht eingeweiht hatte und noch wichtiger, sie verstand auch, warum ich Vera nicht eingeweiht hatte.
„Ich will wissen, was hier los ist!“
„Lass ihn los!“ sagte ich zu Vera.
„Nicht bevor…“
„Loslassen!“ ich war zu ihr getreten und sah sie fest an.
Vera ließ Randy los und der verdrückte sich sofort.
„Also?“ fragte sie, als Randy die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Randy muss was für mich erledigen und Beate war die Bezahlung!“
„Die Bezahlung?“ Fauchte sie mich an. „Du mieser Scheißkerl…“
„Vera!“ Beate, immer noch halb nackt, trat zwischen uns. Sie sah zu mir und bat mich, sie mit Vera alleine zu lassen.
Mit einem warnenden Blick ließ ich Beate und Vera allein und ich verzog mich in meine Wohnung. Nach einer halben Stunde kam Vera zu mir.
„Ich bin immer noch sauer. Beate sagt mir nicht was los war, und du wirst es sicher auch nicht tun. Damit das klar ist, Beate ist keine Ware! Sie ist… Sie ist mein Leben.“
„Vera, ich liebe dich und ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal sage, aber ich liebe Beate auch.
Hör zu, du musst mir vertrauen. Wenn du Beate helfen willst, dann musst du mir vertrauen, egal wie schwer es die fällt.“
Vera liefen die Tränen über das Gesicht und sie warf sich mir in die Arme.
„Das tu ich doch immer.“ Schluchzte sie. „Ich will Beate nicht verlieren. Ich will auch dich nicht verlieren.“
Wie sollte ich ihr beibringen, dass für uns alle nur eine 50-50 Chancen besteht? Denn eines war klar, wenn Trommer mitbekam, was ich hier lief, würde es nicht bei Beates Tod bleiben.
***

Vorbereitungen

Beate gelang es, die Wogen zu glätten und bat mich auch über Nacht zu bleiben. Anders als bei der ersten Nacht mit den beiden Frauen, kuschelten sich die zwei an mich und sanken beide an mich gepresst in einen tiefen Schlaf.
So begann ein neuer Abschnitt in unserer seltsamen Gemeinschaft.
Von diesem Tag an lebten wir zu dritt in Veras kleiner Wohnung, während meine große Wohnung leer stand. Ich konnte es selbst nicht glauben, doch ich liebte Beate tatsächlich ebenso wie Vera. Und auch wenn mich die Zwei in ihr Leben aufgenommen hatte, Vera und Beate waren Seelenpartner. Sie waren ein Herz und eine Seele.
Am nächsten Tag fuhr ich los, die Besorgungen machen.
„Scheiße!“ fluchte ich, als ich im Rückspiegel das Auto der beiden Flachwichser sah. Die durften nicht erfahren wo und was ich tat.
Ok, ich trat auf Gas und beschleunigte. Mir war klar, dass die beiden für Trommer spionierten, doch der konnte mich nicht aus dem Verkehr ziehen, er brauchte mich noch und ich nahm mir vor, dass auszunutzen.
Ich trat das Gaspedal meines Golf GTI durch und ließ den Hund von der Kette. Anscheinend hatte ich die zwei überrascht, denn sie brauchten einige Sekunden um wieder zu mir aufzuschließen.
Ok, ich war kein Rennfahrer, doch ich kannte meine Kiste und wusste wo das Limit lag.
Mit 210 zog ich über den Beschleunigungsstreifen zur Autobahn und fuhr auf die Ringautobahn. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Idioten keine Verstärkung rufen würden, denn dann müssten sie ja erklären wieso sie hinter mir her waren.
Ich musste zugeben, wer immer von diesen beiden Pfeifen am Steuer saß, er war gut. Ich donnerte durch den, zum Glück nicht allzu dichten Verkehr, und er ließ sich nicht abschütteln. Doch dann kam die Ausfahrt zum westlichen Industriegebiet. Zwei dicke Brummer an LKW fuhren auf der rechten Spur und ich zog auf der ganz linken Spur vorbei. In der allerletzten Sekunde riss ich den Lenker herum und schoss zwischen den LKW durch in die rettende Ausfahrt.
Flachwichser 1 und 2 wurden dermaßen überrascht, dass sie die Ausfahrt verpassten und mich aus den Augen verloren.
-Ha, Amateure. Und sowas will Verbrecher fangen.-
Schnell verließ ich das Industriegebiet und steuerte die angegebene Adresse an um meine Besorgungen zu machen.
***

Immer mitten in die Fresse rein

Es war schon dunkel, als ich mich auf den Rückweg machte. Irgendwie war ich mir sicher, dass die beiden Backpfeifen sich nicht einfach geschlagen gaben.
Um sicher zu gehen, dass ich nicht doch von einem Einsatzkommando gefilzt wurde, hatte ich meine Besorgungen in ein Packet gestopft und an meine Dienstadresse im Gefängnis geschickt. Als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstellte, stellte ich fest, dass ich Recht hatte mit meiner Vermutung. Kaum war ich ausgestiegen, öffnete sich ein anderer Wagen und die zwei Aufpasser stiegen aus.
„Wen haben wir denn hier? Du hältst dich für ganz schlau oder?“, meinte mein Freund mit der noch immer geschwollenen Nase.
„Auf jeden Fall bin ich schlauer als ihr zwei Idioten.“
„Hat er uns gerade als Idioten bezeichnet?“ fragte sein Kollege.
„Tja, eine freundlichere Bezeichnung ist mir gerade nicht eingefallen.“
„Der braucht dringend eine Lektion.“
„Hört mal ihr zwei Wichser, ich habe euch das letzte Mal so richtig den Arsch aufgerissen, wie kommt ihr darauf, dass es heute besser für euch läuft?“
Wie auf Kommando öffneten sich die Türen von drei weiteren Wagen, aus denen je zwei weitere Männer ausstiegen.
Die acht bildeten einen weiten Kreis um mich. Ich schaute mich um. Verdammt! Acht sind etwas mehr, als ich schaffen konnte.
Die acht Gestalten kamen immer näher und näher. OK, ein paar werde ich mitnehmen können und ich nahm mir vor, dass meine beiden Freunde darunter sein würden.
„Gibt es ein Problem Bad-Man?“ fragte eine Stimme im Halbdunkel.
Hannes trat in den Lichtkreis einer Laterne. Hinter ihm kamen Bernd und Johann, zwei Wachbeamte, die zu Hannes Team der Malinowski gehörten.
Oh, jetzt war das Verhältnis schon deutlich besser.
„Verpisst euch, das hier geht euch nichts an.“ Meinte mein spezieller Freund.
„Das sehe ich anders.“ Antwortete Hannes und ließ demonstrativ einen Teleskopstock ausfahren.
In einer Linie kamen die drei auf den Kreis zu, in dessen Mitte ich stand.
Was würde Decker tun? Fragte ich mich. Er würde dafür sorgen, dass es eine gerade „Frontlinie“ gab, also schnappte ich mir den Kerl der zwischen Hannes und mir stand und schon ging die Keilerei los.
Die bösen waren alle Polizisten, doch wir hatten einen klaren Vorteil! Wir hatten Decker, der uns trainierte. Hannes hatte schnell kurzen Prozess mit seinem Gegenüber gemacht und auch meine beiden anderen Freunde fackelten nicht lange.
Nach nur einer Minute lagen vier der Gestalten am Boden und wir waren noch nicht mal richtig warm. Ich schnappte mir meinen Jochbeinfreund. Der wehrte sich, aber auch diesmal hatte er keine Chance. Meine Wut auf Trommer und seine Ärsche bahnte sich den Weg nach draußen und Jochbein war das Ventil. Er bezog von mir so richtig seine Prügel.
„Peter, Peter!“ riss mich Hannes Stimme in die Wirklichkeit zurück.
Ich erwachte wie aus einer Trance. Der Aufpasser hing noch immer halb bewusstlos in meinem Griff und blutete aus Mund und Nase.
Ich ließ ihn einfach fallen und stieg über ihn hinweg. Das war klar, Trommer würde mich SO was von auf der Abschussliste stehen haben, wenn die Sache vorbei war… Pfeif drauf, er kann mich schließlich nicht umbringen…
„Danke Freunde.“ Sagte ich zu den Drei, als wir zum Tor gingen.
„Bedank dich bei Decker. Er sah die Typen herumschleichen und dachte sich, dass die nur auf dich warten können.“
„Wieso das denn?“
„Weißt du, ich glaube, Decker kennt dich besser, als du denkst.“ Grinste Hannes.
***

Tel Aviv

Dagan Meir saß mit versteinerter Miene da und lauschte dem Vortrag von Major Lem. Hinter Lem, auf einer Leinwand, erschienen nacheinander Tatortfotos auf denen ein Mann mit durchschnittener Kehle zu sehen war. Sachlich und ruhig schilderte Major Lem Dagans versammelten Stab, was auf den Bildern zu sehen war.
„Die Behörden in Kairo waren außerordentlich bemüht mit uns zusammenzuarbeiten. Auch wenn es hauptsächlich daran liegt, dass sich die letzte Aktion des Franzosen, gegen ihre Regierung gerichtet hat, möchte ich es trotzdem herausstellen.
Krischan wurde gegen 13 Uhr Ortszeit ermordet. Wie unschwer zu erkennen ist, wurde ihm die Kehle durchtrennt. Da er keinerlei Kontakt mit uns aufgenommen hat, gehen wir davon aus, dass er verraten wurde. Die entscheidende Frage, lautet, von wem Krischan verraten wurde. Fest steht lediglich, dass der Franzose sofort nach dem Mord an Krischan Ägypten verlassen hat, was den Schluss nahelegt, dass er wusste, wer Krischan war und für wen er gearbeitet hat. Der Franzose wusste nur allzu gut, dass er aus unserer direkten Reichweite heraus musste.“
„Danke Major Lem. Ich danke ihnen allen. Lassen sie uns dafür sorgen, dass wir Krischans Mörder finden.“ Löste Dagan die Stabs Besprechung auf. Die zehn Männer und Frauen standen auf und verließen den Raum, nur Lem und ein weiterer Mann blieben bei Dagan. Lem warf die Unterlagen auf den Tisch und setzte sich frustriert hin. Er hatte zwar den Sachverhalt nüchtern geschildert, doch in ihm brodelte es gewaltig. Krischan war einer von ihnen gewesen, ein Freund.
„Verdammte Scheiße.“ Fluchte er leise.
Der andere Mann war Benjamin Levi. Genau wie Lem gehörte er zum engen Kreis von Dagans Beratern, doch nicht nur das. Levi und Dagan verbanden eine tiefe Freundschaft.
„Wissen wir, wen den Franzosen engagiert hat?“ fragte er Lem.
„Nein, Wir wissen nur, dass der Anruf aus Deutschland kam.“
„Deutschland… Ich kann mir in Deutschland keine Aufgabe für eine Söldnertruppe vorstellen.“ Brummte Levi. „Ich gehe nicht davon aus, dass jemand dort einen Umsturz plant.“
„Vielleicht ein Bandenkrieg?“
„Möglich. Es gibt einige rivalisierende Organisationen, die um die Vorherrschaft im Drogengeschäft ringen.“
„Ich weiß nicht.“ Meinte Dagan. „Der Preis, den man für den Franzosen für einen Auftrag zahlen muss, würde einiges an dem Gewinn auffressen, den man vielleicht erringt. Wir alle wissen, dass der Franzose teuer und seine Preise nicht verhandelbar sind.“
„Dazu kommt, dass die deutschen Behörden absolut nichts zu wissen scheinen. Lerch, unser Verbindungsmann zum BND hat nichts verlauten lassen.“
„Lem, sagen sie Lerch, dass er eine Laus im Pelz hat.“
„Tue ich. Morgen Abend hat die deutsche Botschaft einen Empfang, dann werde ich ihn zur Seite ziehen.“
Lem der den Wink verstanden hatte, stand auf und ließ Dagan und Levi alleine.
Als Lem den Raum verlassen hatte, saßen die beiden Männer schweigend da. Schließlich fragte Levi,
„Weiß Caroline schon was geschehen ist?“
„Nein.“
„Ist sie noch immer auf Soulebda?“
„Ja, sie und Penelope haben jetzt ihre eigene Insel. Sie nennen sie Nr. 42.“
Levi lachte kurz auf. „Die Antwort auf alle Fragen, ich wünschte, es wäre so einfach. Unsere Nachrichtenabteilung hat Hinweise auf einen bevorstehenden Aufstand der Häuptlinge der großen Nachbarinseln.“
„Ich weiß und hab ihr eine Warnung zukommen lassen.“
Wieder schwiegen die beiden. Levi wusste, dass es sinnlos war, Dagan zu fragen, ob er Caroline an seiner Stelle anrufen sollte und insgeheim war er froh darüber. Caroline und Krischan hatte mehr als nur Freundschaft verbunden.
„Ich beneide dich nicht um deine Aufgabe, mein Freund.“ Benjamin legte die Hand auf Dagans Schulter und ließ ihn alleine. Dagan saß noch eine Weile still da, dann schaute er auf die Uhr. Auf Soulebda war es jetzt 8 Uhr. Er holte sein Handy aus der Tasche und drückte die erste Kurzwahltaste.
Auf der anderen Seite der Welt, vibrierte Carolin Miles Handy. Sie sah verwundert auf das Display und nahm den Anruf an.
„Hallo Lieblingsonkel.“
„Guten Morgen meine kleine Mischka.“
„Was hält dich denn mitten in der Nacht wach? Die Warnung über den möglichen Aufstand?“
„Nein Caroline… Ich muss dir etwas sagen…
***

Er ist tot

Dann eines Tages nach einem schönen Wochenende, als Penelope und ich beim Frühstück saßen, kam ein herber Dämpfer. Der Frühstückskaffee dampfte in der Tasse und versprach, dass es ein guter Tag werden könnte. Am Frühstückstisch saß noch Penelope und biss genüsslich in ihr Frühstücksbrötchen. Ihr linker Fuß berührte meinen rechten und unsere Zehen spielten miteinander.
Doch dann summte mein Handy. Ein kurzer Name erschien im Display „Dagan“. Penelope erkannte, dass es wichtig war, und kauerte sich in ihren Stuhl auf ihre Füße. Mit beiden Händen umfasste sie dabei ihre dampfende Kaffeetasse und nippte daran. Ihre Augen beobachteten mich genau, als ich das Gespräch annahm „Hallo Lieblingsonkel.“
Penelope sah nach der kurzen Begrüßung und meinen Fragen wie ich jedes Wort aus dem Telefon aufsaugte, dabei hielt ich das Messer noch in meiner Hand und wollte eben Butter auftragen, als eine Träne mir aus den Augen rollte. Dann folgte nur noch ein leichtes Schniefen und „Ja. Danke, … Nein – ist gut, … ja, ich habe dich auch lieb …“ danach legte ich auf.
Ich saß eine Weile starr da und machte gar nichts, keine Bewegung, nicht ein Zucker sah man mir an. Penelope betrachtete mich analytisch, aber abwartend. Meine Knöchel mit dem Frühstücksmesser wurden weiß und mit einem lauten Aufschrei schmetterte ich das Messer auf das Dartboard an der gegenüberliegenden Tür, wo es zitternd stecken blieb.
Penelope war aufgesprungen und hielt mich fest in ihren Händen, „Liebes, was ist, erzähl – bitte?“ dabei drehten wir uns und sie konnte genau sehen, dass das Messer mitten im Bulls Eye steckte. Ich war in Penelopes Armen versunken. Penelope kannte Krischan von den Bildern, die ich ihr gezeigt hatte. Sie schloss mich in ihre Arme und wir weinten daraufhin gemeinsam…
Nach und nach kam ich wieder zu mir und aus den Tränen der Verzweiflung wurden Tränen der Erinnerung. Schluchzend erzählte ich ihr was mir mein Lieblingsonkel, Mentor und Förderer beim Mossad berichtet hatte, mein Verlobter, Krischan, war bei einem geheimen Einsatz brutal umgebracht worden. Dagan kannte sogar den Mann, der ihn umgebracht hatte, man kannte ihn als „den alten Franzosen“ eine Legende im Geschäft der Geheimdienste. Dieser gewissenlose Killer hatte meinen Verlobten brutal abgeschlachtet. Eines war mir sofort klar, das würde der Franzose bereuen.
„Woran denkst du Schatz?“ Ihre Augen suchten in mir einen Punkt, den sie früher immer gefunden hatte. „Im Moment denke ich an zwei Menschen, an Krischan und an den alten Franzosen!“
„Oh Caroline, dass du an Krischan denkst, das verstehe ich, aber weshalb an den alten Franzosen?“
„Weshalb, ganz einfach. Er hat meinen Verlobten ermordet, das lasse ich nicht ungestraft stehen, ich weiß einiges über den Mann, er gilt als Legende, er geht kalt lächelnd über Leichen und würde seiner Mutter das Herz herausschneiden. Ich bin vor zwei Jahren einmal auf seine Arbeit gestoßen sie war sauber, brutal und effektiv.“
„Du willst dich aber nicht mit dem messen oder Schatz?“
„Nein, aber ich weiß wohin mich meine nächste Reise führen wird, wenn ich hier fertig bin. Ich weiß wohin er will, nach Deutschland.“
Aus den Tränen der Verzweiflung und den Tränen der Erinnerung waren Tränen der Rache geworden. Wir würden uns wiedersehen!
***

Ein Orkan bricht los

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“ schnauzte mich Frank an. „Hast du eine Ahnung, mit wem du dich da anlegst? Ich kenne Trommer seit dem Studium. Er ist ein eiskalter Killer, der jeden aus dem Weg räumt der zwischen ihm und seinem Ziel steht.“
Wir saßen in seinem Büro und Frank hielt mir eine Standpauke über acht verletzte Polizeibeamte.
„Ich will gar nicht zwischen Ihm und seinem Ziel stehen. Aber er soll mich in Ruhe lassen.“
„Das kannst du knicken, er wird dich einen Kopf kürzer machen lassen.“
„Glaube ich nicht. Allein schon die Tatsache, dass keiner der Polizisten eine Anzeige erstattet hat, spricht doch Bände.“
„Peter, du bist dabei es zu übertreiben, halt dich zurück. Tu es nicht nur in deinem eigenen Interesse. Ich werde dir den Rücken decken, aber wenn du mich in Verlegenheit bringst, werde ich dir von Decker die Haut abziehen lassen. Verstanden?“
„Ich werde es mir zu Herzen nehmen.“
Die Tür wurde aufgerissen und Mike von der Presseabteilung platzte herein.
„Leute, das ist der Knaller. Die Polizei hat Petra Strass wegen Mordes an Ella Fischer festgenommen! Die Nachrichten überschlagen sich.“
„Jetzt bricht der Sturm los. Halt dich ja gut fest.“ Warnte mich Frank und sah mich besorgt an.
***

Frank hatte Unrecht. Es brach kein Sturm los, sondern ein Orkan. Die Nachrichten überschlugen sich und Trommer, der sich ja durch geschickte Äußerungen seit Beates Prozess, im Gedächtnis der Öffentlichkeit gehalten hatte, erschien wieder auf den Titelseiten. Wie schon bei Beate, ließ sich keine Zeitung Bilder der gefesselten Petra Strass entgehen. Mit Petra Strass hatte die Republik jetzt eine neue Hassfigur.
Eine bösartige Hexe, die nicht nur einen unbescholtenen Mann dazu angestiftet hatte sein Kind zu ermorden und dabei seelenruhig zugesehen hatte, nein sie hatte durch Manipulation der Medien dafür gesorgt, dass eine Unschuldige für diese Tat hingerichtet wurde. Und ganz nebenbei, wahrscheinlich fiel es anfangs nur mir auf, ganz nebenbei fiel der Satz, dass sie Oberstaatsanwalt Trommer dafür benutzt hatte, Beate verurteilen zu lassen.
Ich konnte es nicht fassen. Glaubten die Leute das wirklich? Glaubten wirklich Alle, dass dies der Plan von Petra Strass war? Anscheinend schon, denn Niemand stellte eine kritische Frage an Trommer. Im Gegenteil, man präsentierte ihn als Opfer, der von der intriganten Petra Strass hintergangen wurde. Und Trommer? Trommer schwieg und gab nicht das kleinste Sterbenswörtchen von sich mit der Begründung den fairen Prozess gegen Petra Strass nicht beeinflussen zu wollen. Ich hätte darüber lachen können, würde ich nicht bis zum Hals in der Sache mit drinnen stecken. War bei Beates Prozess das Interesse groß, war er diesmal gewaltig. Es meldeten sich dermaßen viele Beobachter an, dass der Prozess vom Gerichtsgebäude in die Kongresshalle verlegt wurde. In Laufe der jüngeren Geschichte war das erst ein einziges Mal geschehen, was wollte Trommer mehr? Eine größere Bühne konnte er nicht bekommen, denn die Verhandlung wurde live im TV übertragen.
Allein die Tatsache, dass das Gericht nur drei Verhandlungstage angesetzt hatte, sagte, das mir, dass das Urteil schon so gut wie fest stand. Als ich allein in meinem Büro saß und vor mich hin grübelte, beschlich mich ein mieses Gefühl. Hatte ich mich übernommen? Konnte ich das wirklich durchziehen? Schaffte ich es, Beate und damit auch Vera zu retten? Oder hatte ich mir den falschen Gegner ausgesucht?
Meine Grübeleien wurden unterbrochen, als Jessika hereinkam.
„Du machst ein Gesicht, als ob du zu deinem eigenen Termin müsstest. Termin, das war unsere Umschreibung für Hinrichtung, ein Begriff, der sich im Laufe der Jahre eingebürgert hatte.“
„So ähnlich fühle ich mich auch. Der Showdown rückt näher und ich habe keinen Plan, wie es ausgeht.“
„Wir werden gewinnen.“ Sagte Jessika selbstsicher.
Ich musste einfach lachen. Jessika schaffte es immer wieder, einen aus dem Tief zu holen. Dann wurde ich wieder ernst.
„Jessika, wenn die Sache schief geht und Beate stirbt, werde auch ich über die Klinge springen müssen. Vera wird dich brauchen, kümmere dich um sie.“
„Was soll das Gejammer?“ fuhr sie mich an. „Glaubst du wirklich, ich kenne das Risiko nicht und würde Vera allein lassen? Verdammt wenn du so an die Sache herangehst, hat Trommer schon gewonnen. Du wirst dich jetzt zusammenreißen und diesem miesen Typen zeigen, wer hier das Alpha Tier ist! Hast du verstanden Bad-Man!?“
Oh ja das hatte ich. Ich stand auf und setzte mich neben Jessika, die es sich auf dem Sofa, gegenüber vom Schreibtisch gemütlich gemacht hatte und nahm ihre Hand.
„Du wusstest schon immer, wie du mit mir umgehen musst. Ich habe dir das nie wirklich gedankt.“
Sie schaute mich durchdringend an und erwiderte den Druck meiner Hand.
„Doch, das hast du. Jeden verdammten Tag, seit wir zusammen sind. Du hast mich in 20 Jahren nicht ein einziges Mal enttäuscht. Du hast mich nie angemacht oder in mir falsche Hoffnungen geweckt. Du bist meine Familie. Du, Vera und jetzt Beate. Ich lasse meine Familie nicht im Stich und das wirst du auch nicht, dafür kenne ich dich zu gut.“
Verdammt, diese Frau kannte mich besser als ich mich selbst…
„Darauf kannst du dich verlassen.“
„Ich weiß. Hier, du bist als Zeuge geladen.“ Jessika überreichte mir eine Ladung des Gerichtes.
Schon kam wieder ein mulmiges Gefühl. Was hatte ich mit der Sache zu tun? Da steckte mit Sicherheit Trommer dahinter.
Egal! Der Bad-Man würde es Trommer und allen anderen zeigen!
***

Gerichtstag

Ich war für den zweiten Verhandlungstag geladen. Zusammen mit Mike fuhren wir mit dem Taxi zur Kongresshalle, denn die Aussicht einen Parkplatz zu ergattern war utopisch. Schon hundert Meter vor der Halle gab es für das Taxi kein Durchkommen mehr und wir stiegen aus. Wir drückten uns durch das Gedränge und kamen schließlich zum Eingang, wo wir genauestens kontrolliert wurden.
„Was für eine Show.“ Meinte Mike dazu. „Sie mal, da wird die Strass gebracht. Erinnert dich das an etwas?“
Und ob. Petra Strass wurde der Menge genauso präsentiert wie Beate bei ihrem Prozess, nur dass es diesmal keine Überraschung beim Plädoyer geben würde. In Hand und Fußschellen wurde Petra Strass durch die Leute geführt und die Beamten mussten mehrmals eingreifen um Handgreiflichkeiten gegen Petra Strass zu vermeiden. Als die Angeklagte in den Saal gebracht wurde, schloss sich Mike der hineinströmenden Menge an, während ich wartete. Schließlich wurde der Prozess aufgerufen und alle Beteiligten in den Saal gerufen. Dort hatte man für die Zeugen eine Bank freigehalten, auf der ich neben Meyer saß.
„Hallo Mister –es interessiert mich nur-.“
„Na Sherlock, Riesen Prozess, was?“
„Ich hoffe, du bist zufrieden mit dem, was du da losgetreten hast.“
„Kommt darauf an, was am Ende dabei herauskommt.“
Eine weitere Unterhaltung wurde unterbunden, als wir über unsere Zeugenpflicht belehrt wurden. Anschließend wurden wir nach draußen verwiesen und ermahnt keine Absprachen zu halten. Seltsamerweise konnte ich Trommer nicht sehen. Das Überraschte, zumal Mike mir erzählt hatte, dass Trommer schon am ersten Prozesstag nicht anwesend war.
Nach über einer Stunde wurde ich aufgerufen. Als ich vor den Richtern Platz genommen hatte, blickte ich mich um. Ich hätte wetten können, dass sowohl die Richter, als auch die beiden Staatsanwälte gute Bekannte von Trommer waren, denn alle waren im gleichen Alter wie er. Trommers Kritiker hatten allem Anschein aufgegeben. Der Verteidiger tat mir leid. Genau wie Beates Verteidiger hatte er von Anfang an keine Chance.
„Herr Stein.“ Wurde ich durch die Stimme des Vorsitzenden wieder zurück in die Wirklichkeit gerufen.
„Herr Stein, sie sollen Hinweise bekommen haben, wonach Frau Strass am Mord von Ella Fischer beteiligt war, woher haben sie diese Hinweise und wie sehen diese Hinweise aus?“
-HHUUUII- So nicht Herr Trommer.- Schlimm genug, dass ich in Beates Fall den Hals in der Schlinge hatte.
„So kann ich das nicht bestätigen. Ich habe lediglich weitergegeben, dass Frau Fischer sagte, ich zitiere, ich habe meine Kleine nicht umgebracht. Zitat Ende. Von einer Beteiligung von Frau Strass war nie die Rede.“
„Wann hat Frau Fischer das zu ihnen gesagt?“
„In der Kammer, als sie die Injektion bekam.“
Die Augen der Staatsanwältin blitzen böse auf, was der Richter bemerkte.
„Sie haben Fragen, Frau Staatsanwältin?“
„Nur ein paar, um sicher zu gehen, dass ich Herrn Stein richtig verstanden habe.“
„Bitte.“
„Herr Stein, die Kammer, die sie erwähnten, ist das ihre Hinrichtungskammer?“
„Ja.“
„Und die Injektion, die Frau Fischer bekam, war eine letale Injektion?“
Verdammt, bis jetzt hatte ich die Wahrheit gesagt, doch jetzt nagelte mich diese blöde Tussi fest. Hatte ihr Trommer gesteckt, was ich mit Beate getan hatte? Wusste sie, dass Beate noch lebte? Jetzt spielte es keine Rolle mehr, gab es kein Zurück mehr.
„Ja.“
„Das heißt, die Worte die Beate Fischer in diesem Moment sagte, waren ihre letzten Worte?“
„So ist es.“
„Wann verstarb Frau Fischer?“
Mein Herz pochte bis zum Hals, als ich ihr antwortete.
„Am 4 März um 18Uhr12, diesen Jahres.“
Jetzt hatte ich endgültig meinen Kopf unter die Guillotine gelegt. Ich wartete darauf, dass die Staatsanwältin oder der Richter die Justizwachtmeister auffordern würde mich festzunehmen, doch nichts geschah.
„Weiter Fragen, Frau Staatsanwalt?“
„Nein, danke. Aber ich möchte, dass Herr Stein vereidigt wird.“
„Herr Stein sie haben es gehört, die Staatsanwaltschaft, beantragt ihre Vereidigung. Bleiben sie bei ihrer Aussage?“
„Selbstverständlich.“
Ich wurde vereidigt und entlassen, da der Verteidiger keine Fragen hatte.
Immer noch mit Herzklopfen setzte ich mich in den Zuschauerraum und Meyer wurde aufgerufen.
Er zählte die die „neuen“ Erkenntnisse auf die zur Festnahme von Petra Strass geführt hatten.
„Welche Verletzungen konnten sie an Ella Fischer feststellen?“
„Eine massive Quetschung am Hals, die zum Atemstillstand geführt hatte.“
„Hätte Frau Fischer, diese Verletzungen hervorrufen können?“
„Eher unwahrscheinlich. Dazu waren die Verletzungen zu massiv.“
„Wer der drei Anwesenden kommt ihrer Einschätzung in Frage?“
„Herr Fischer.“
„Frau Strass sagte aus, dass Herr Fischer die ganze Zeit mit ihr zusammen war, also müsste Frau Strass den Mord mitbekommen haben?“
„Das wäre logisch.“
„Frau Strass sagte auch, dass Frau Fischer ihre Tochter erwürg hat.“
„Das halte ich, auf Grund der Beweise, für eine Lüge.“
„Bitte erklären sie das.“
„Laut der Aussage von Frau Strass kniete ihr Mann am Boden und kümmerte sich um seine Tochter, als er von Beate Fischer mit dem Messer attackiert wurde. Der untersuchende Pathologe hat aber festgestellt, dass die massivsten Einstiche in Herrn Fischer im Bauch und Brustbereich liegen. Frau Fischer hätte also um die Arme von Herrn Fischer herumgreifen müssen, um diese Verletzungen hervorzurufen. Wir haben das versucht nachzustellen, kamen aber zu dem Entschluss, dass Herr Fischer direkt vor Frau Fischer gestanden haben muss, als Frau Fischer auf ihn einstach.“
„Das heißt also, dass die Aussagen die Frau Strass gemacht hatte, alle unwahr sind?“
„Zu diesem Ergebnis sind alle Ermittler gekommen.“
„Fragen Frau Staatsanwalt?“
„Nein Danke.“
„Herr Verteidiger?“
„Warum wurden diese Ergebnisse nicht schon im Prozess gegen Frau Fischer vorgetragen?“
„Durch die Manipulation der Staatsanwaltschaft sowie der Ermittler, seitens Frau Strass gab es zum damaligen Zeitpunkt keine Zweifel an ihrer Aussage, erst als DNA Spuren von Frau Strass an der Leiche von Ella Fischer gefunden wurden, gab es erste Zweifel.“
„Wie sind sie dazu gekommen, die Leiche von Ella Fischer erneut zu untersuchen?“
„Durch die Aussage von Herrn Stein, der mir die letzten Worte von Frau Fischer mitteilte. Ich nahm das zum Anlass erneut zu ermitteln.“
„Welche Rolle spielte Oberstaatsanwalt Trommer bei den Ermittlungen.“
„Als er davon erfuhr, bat er mich auch gegen seine Person zu ermitteln und allen Hinweisen ungeachtet seiner Person nachzugehen.“
OOOHHH Meyer, jetzt hängst du genauso drinnen wie ich!
Damit war der einzige Hebel für den Verteidiger, seiner Mandantin zu helfen abgebrochen.
Mit zusammengebissenen Zähnen verzichtete er auf weitere Fragen.
Das Gericht vertagte sich auf den Nachmittag und ich schob mich durch das Gedränge nach draußen. Für mich stand fest, dass Petra Strass in Kürze in meinen Trakt eingeliefert würde.
***

Der große Knall kam an Tag, bevor das Urteil über Petra Strass gefällt wurde.
Ich arbeitete den immer größer werdenden Aktenstapel ab, als das Telefon klingelte. Es war Mike.
„Schalt mal den Fernseher ein. Du wirst sehen, was ich meine.“
Mit der Fernbedienung schaltete ich den Fernseher an und musst nicht lange suchen. Auf fast allen Nachrichtenkanälen lief dasselbe. Ein Interview mit Trommer.
„Herr Oberstaatsanwalt, sie haben beschlossen ihre Kandidatur für den Posten als Generalstaatsanwalt zurückzuziehen. Bitte erklären sie doch den Zuschauern diesen drastischen Schritt.“
Frage die Journalistin, deren Gesicht ich schon gesehen hatte, aber ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern. Sie sah klasse aus, schien aber ein eiskaltes Inneres zu haben.
„Nun Fransiska, ich schäme mich, das zu sagen, aber durch die Manipulation meiner Person, wurde eine Unschuldige Frau hingerichtet. Das ist ein nicht wiedergutzumachendes Unrecht.“
„Nun ist doch so, dass sie diese Manipulation nicht selbst vorgenommen haben.“
„Nein, das nicht, doch dadurch, dass ich mit Frau Strass nach dem Prozess eine Beziehung eingegangen bin, habe ich einen schlimmen Fehler begangen.“
„Was denken sie, wie der Prozess gegen Frau Strass enden wird?“
„Dazu möchte ich nichts sagen, um keinen Einfluss auf das Urteil zu nehmen.“
Ich hätte lachen können, wäre die Lage nicht so ernst.“ Keinen Einfluss nehmen… Der ganze Prozess ist auf deinem Mist gewachsen. Nein das stimmte nicht, hätte ich Beate nach seinem letzten Besuch getötet, hätte es keinen Prozess gegen Petra Strass gegeben. Wahrscheinlich wäre sie irgendwann bei einem Unfall umgekommen.
„Prozessbeobachter sind sich einig, dass Petra Strass die Todesstrafe erhalten wird. Wäre dann der Weg für einen Neuanfang ihrer Bewerbung frei?“
„Das Amt als Generalstaatsanwalt ist ein sehr verantwortungsvolles. Der Inhaber dieses hohen Amtes darf auf keinen Fall kompromittierbar sein. Durch mich ist eine Unschuldige ums Leben gekommen, ich kann nur versuchen zukünftige Fehler zu vermeiden.“
„Aber dazu wäre doch der Posten als Generalstaatsanwalt am geeignetsten.“
„Leider ja. Ich hoffe der Nachfolger unsers jetzigen Generalstaatsanwaltes, tut sein Bestes um solche Fehlurteile zu verhindern.“
Mir lief es kalt den Rücken herunter.
Scheiße, ich hatte Trommer von Anfang an unterschätzt!
Dieser Auftritt würde in die Geschichte eingehen. Trommer verzichtete auf überhaupt Nichts! Dieses Interview schoss ihn nach oben. Nichts kommt bei den Menschen besser an als ein öffentlich eingestandener Fehler. So sicherte sich Trommer die Liebe und Achtung der Massen und erhöhte so den politischen Druck auf die Regierung, ihn doch zu nominieren. Aber das war erst der Anfang. Trommer ging es nicht um den Posten des Generals. Nein der Posten war lediglich das Sprungbrett ganz nach oben. Als Generalstaatsanwalt konnte er sich die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit sichern. Danach würde er als nächster Minister weitermachen und sich damit nicht zufriedengeben.
Und das alles konnte er tun, da ich ihm einen „persönlichen“ Gefallen getan hatte. Ich. Verdammt. Was jetzt?
„Herr Oberstaatsanwalt, es gibt Stimmen, die sie dennoch als Nächsten Generalstaatsanwalt wollen. Es soll sogar welche, die sagen, sie sollten unser neuer Justizminister werden. Wie stehen sie dazu?“
„Nun, sich jetzt darüber Gedanken zu machen erscheint mir etwas verfrüht. Wir sollten erst einmal das Urteil von Frau Strass abwarten.“
„Nun, das wird nicht allzu überraschend sein. Das war Oberstaatsanwalt Trommer, zu seinem Verzicht als Generalstaatsanwalt zu kandidieren. Ich bin Fransiska Haufberger, für ACP.“
Es folgten weiter Nachrichten aus aller Welt.
„Soulebda: Auf der Südseeinsel Soulebda wurde gestern ein Aufstand mehrerer Häuptlinge blutig niedergeschlagen. Die Revolte drang bis zum Palast vor, in dem einige Angreifer die Präsidentenfamilie selbst bedrohten. Maßgeblich an der Niederschlagung des Aufstandes beteiligt, war eine junge Frau…“
Ich schaltete den Fernseher aus, was geht mich die Südsee an? Mein Problem saß gerade 100 Meter entfernt in Veras Wohnung! Ein nichtwiedergutzumachendes Unrecht! Das war der Zaubersatz seines Auftritts. Gleichzeitig war es eine Warnung an mich. Auch wenn nur ich sie verstand. Ein Blick auf den Kalender zeigte mir den Tag für das große Finale. Genau heute, in einer Woche würde Beate Fischer sterben.
***
Angriff

In der großen Dienstvilla nahe Langley, Virginia, tobte ein älterer Mann mit grauem Haar durch die Wohnung. Gefolgt von seiner Frau die ein paar Bilder in den Händen hielt und damit immer wieder auf ihren Mann einschlug.
„Das ist die Schlampe, das ist die Schlampe, wir haben sie gefunden, das ist die Schlampe. Du musst die endlich umbringen lassen, die hat unsere Söhne auf dem Gewissen!“ Brüllte sie ihrem Mann nach.
John Allister Mc. Froody der III. CIA Vize Direktor und kurz vor dem Ruhestand, hat Tränen in den Augen, nicht wegen den Schläge seiner Frau, sondern weil ihm seine beiden einzigen Söhne vor einigen Jahren von dieser rothaarigen Frau auf dem Bild genommen wurden. Er schaute auf die Bilder in seinen Händen, es zeigt eine lächelnde Frau, der es offenbar gut ging, sie war von jungen Menschen umgeben, tanzte, lachte und freute sich des Lebens – während die toten Körper seiner beiden Söhne in der Erde langsam verrotten. Sein Hass wurde krankhaft. Er zerknüllte das Bild und warf es mit einem lauten Schrei in den brennenden Kamin.
„Diese Henkerin muss dran glauben, ja die wird leiden. Liebste Irina, ich werde die leiden lassen, wie kein anderer Mensch zuvor gelitten hat. Das schwöre ich dir. Wo habt ihr die Schlampe ausfindig gemacht?“
„Auf Soulebda, dieser Urlaubsinsel da in der Südsee, wo wir schon zweimal hinwollten und unsere Filiale aufgemacht haben, dort arbeitet die im Strafvollzug. Ich fliege Montag wieder hin, gib mir ein paar deiner CIA Killer mit, ihr habt doch sowas…?“
Mc. Froody schaut seine Frau eindringlich an.
„Nein Irina, so geht das nun doch nicht. Flieg ruhig nach Soulebda und melde dich von dort unten, dann sind meine Leute schnell bei dir und dann wird diese elende Schlampe leiden und keiner soll sie vermissen, ja Schatz und nun pack!“
Mit dem blanken Hass im Gesicht packte die Frau ihre Reiseutensilien und flog in die Nacht hinein. Am kommenden Tag würde sie in Soulebda landen und dann würde sie sehen, wie es weiter geht. Mc. Froody aber griff sich das Telefon und begann die entsprechenden Fäden zu ziehen.
***

Das Urteil

„Petra Strass zum Tode verurteilt!“ stand es auf den Titelblättern der ganzen Republik.
-Als ob das eine Überraschung wäre.- dachte ich.
„Auf den Stuhl mit ihr!“ lautete die Schlagzeile einer beliebten Tageszeitung. Eine andere mit den größten Lettern schrieb sogar „Verbrennt die Hexe!“
Selbst eher zurückhaltende Zeitungen verdammten Petras Strass, als die größte Hexe der neueren Geschichte. Am dritten und letzten Prozesstag hatten die Richter gerade einmal drei Stunden gebraucht, um sich zu beraten. Nachdem die Zeugen alle ausgesagt hatten, gab es nichts mehr, was Petra Strass hätte retten können. Ihr Verteidiger, einer der Besten und teuersten, hatte alle Teilnehmer des Prozesses überrascht. Entgegen aller Erwartung hatte er sich wirklich sehr angestrengt und alles versucht, das drohende Todesurteil abzuwenden. Doch obwohl er alle Register gezogen hatte, das Urteil lautete genauso, wie es alle erwartet hatten. Clever war die Argumentation der Staatsanwältin. Sowohl in ihrem Plädoyer als auch in der Urteilsbegründung des Gerichtes, tauchte nirgendwo „die schon hingerichtete Beate Fischer auf.“
Mike hatte mir von tumultartigen Szenen erzählt, als das Urteil verkündet wurde. Mehrere Dutzend Beamte waren nötig um Petra Strass sicher aus der Kongresshalle herauszubringen. Als ich die Bilder im Fernseher sah, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Sicher, diese Frau hatte einen Familienvater angestiftet, sein Kind umzubringen, sie hatte schweigend zugesehen, wie Beate zu Unrecht verurteilt wurde und doch tat sie mir in diesem Moment leid. Jetzt wurde Petra Strass genauso benutzt, wie Beate. Sie wurde vorgeführt und gedemütigt, nur damit Trommer die Leiter nach oben klettern konnte. Das Unrecht, das ihr auf diese Weise zukam, hatte sie genau so wenig verdient wie Beate.
„Sie tut dir leid, oder?“ Jessika war in mein Büro gekommen und schaute sich die Bilder an.
„Nein, wie kommst du darauf!“
„Du bist ein miserabler Lügner. Dir wäre es am liebsten gewesen, sie hätte gestanden und wäre still und leise in die Kammer gebracht worden.“
„Habe ich dir schon mal gesagt, dass du mich viel zu gut kennst?“
„Nein, aber ich weiß, wie du tickst. Und dass du so tickst, macht dich umso besser.“
„Bin ich besser als Trommer? Das war mein Werk.“ Ich zeigte auf den Bildschirm, auf dem Petra Strass in den Gefängnisbus gebracht wurde.
„Sie hat vielleicht nicht diese Behandlung verdient, doch das was sie hier erwartet schon. Und jetzt zu unserem Plan…“
***

An diesem Abend herrschte keine Hochstimmung oder Jubel. Im Gegenteil, wir drei saßen still und leise zusammen und hielten uns fest. Beates grüne Augen sagen alles. Hätte sie die Möglichkeit alles ungeschehen zu machen, und wäre es zum Preis ihres Lebens, sie würde es tun!
Am nächsten Morgen fuhr ich die Malinowski durch den Flur. Dort standen Hannes, Bernd und Johann und warteten. Durch die Schussverletzungen in den Knien konnte sie nicht selber in die Kammer gehen. Auf eine Stahlliege gefesselt fuhr Hannes die Liege in die Kammer und die Malinowski bekam von Vera den Zugang für die letale Injektion gelegt.
Obwohl es wiederholt Probleme mit ihr gegeben hatte, entschlossen sich Hannes, Johann und Bernd nicht wie sonst draußen zu warten, sondern blieben bei ihr. Selbst diese sonst so abgebrühten Männer, wollten nicht, dass die Malinowski in diesem Moment alleine war.
Erst als die Anzeige der Überwachungsgeräte nur noch eine Nulllinie zeigte, sagte Hannes, dass sie jetzt draußen warten würden. Nach einer halben Stunde fuhr ich dann die Leiche abgedeckt in den Flur und Hannes begleitete mich bis zum Wagen des Bestatters.
„Du hast einen Scheißjob.“ Meinte er, als die Bestatter mit erheblicher Mühe die schwere Leiche der Malinowski einluden. „Ich würde nicht mit dir tauschen wollen. Nicht mal für die da.“
Hannes zeigte auf den Gefängnisbus aus dem gerade Petra Strass ausgeladen und zur Aufnahmekammer gebracht wurde. Frank hatte in einem Rundschreiben, im Voraus, allen für die korrekte Behandlung von Petra Strass gedankt und alle hielten sich daran, denn Frank war ein super Chef, der keine Probleme hatte, sich auch für die Putzfrau, mit dem Ministerium anzulegen, doch wehe er war angepisst, dann sollte man sich seinen Zorn besser nicht zuziehen. Aber es gab eine Ausnahme und die wartete schon sehnsüchtig auf Petra Strass.
Ein Team von drei Beamten brachte Petra Strass in die Untersuchungszelle der Krankenstation. Und dort wartete Vera! Ich war der Prozession in einigem Abstand gefolgt und sah das teuflische Aufblitzen in Veras Augen, als die Beamten die Strass in die Zelle brachten. Bevor Vera ebenfalls hinein ging, fing ich sie ab.
„Halt dich zurück. Wir können keinen Ärger gebrauchen. Wenn Frank Wind von unserem kleinen Geheimnis bekommt, geht eine Atombombe hoch.“
„Keine Sorge, mein Schatz. Ich werde es genau nach Vorschrift machen. Und glaub mir, Dienstvorschriften können toll sein, wenn man sie kennt.“
Sie zog sich demonstrativ einen Gummihandschuh über und ließ das untere Ende gegen ihr Handgelenk schnappen. „Ich liebe diesen Job!“
Ich hoffte inständig, dass Vera sich im Griff hatte und ging zurück ins Büro, um die Akte Malinowski endgültig zu schließen. Vera betrat die Zelle und musterte die Strass. Beinahe freundlich lächelnd sah sie die drei Beamten an, die Petra Strass hergebracht hatten.
„Vielen Dank, Wenn eine Beamtin, nur für alle Fälle, draußen warten könnte, wäre ich ihnen dankbar. Wir wollen die Untersuchung nicht unangenehmer machen, als es sein muss.“
„Ich werde draußen warten.“ Sagte eine der Beamtinnen und alle verließen den Raum. Vera wartete geduldig bis die drei die Zelle verlassen hatten, und schloss dann die Tür ab.
„Mehr Privatsphäre kann ich ihnen leider nicht bieten, Frau Strass. Ich muss eine medizinische Untersuchung bei ihnen durchführen, bitte legen sie ihre Kleider ab.“
„Ich hatte schon damit gerechnet, dass man mir die Kleider vom Leib reißt.“
„Aber nein, wir sind doch alle erwachsene Menschen.“
„Glauben sie mir, da habe ich in den letzten Tagen, ganz andere Sachen erlebt.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen.“
Vera hatte sich zum Waschbecken gedreht und sah im Spiegel zu, wie Petra Strass ihre Kleider auszog.
Hätte die Strass sich umgedreht und Veras Augen gesehen, wäre sie sicher nicht so ruhig geblieben.
Vera hatte ihre Tasche genommen und legte sich ihre Utensilien bereit, unter anderem Handschellen und mehrere volle Klistiere. Dazu zwei kleine Injektionsspritzen, die mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt waren.
„Können wir es nun hinter uns bringen?“, fragte die Strass und stellte sich nackt vor Vera.
„Sicher, wir sind auch ganz schnell fertig. Bitte legen sie sich mit dem Bauch auf die Liege, das piept nur ganz kurz.“ Rasch waren die Spritzen gesetzt und die Strass bekam Probleme beim sprechen.
„Wie ich sagte, das Ganze geht schnell, normalerweise. Aber leider gibt es ein Problem.“
„Ein Problem?“, nuschelte die Strass.
„Ja, du hast die Kleine meiner Beate auf dem Gewissen.“
„Deiner Beate?“ fragte die Strass ungläubig. Das Sprechen bereitete ihr inzwischen merkliche Probleme.
Petra Strass hatte sich aufgesetzt und versuchte zu reden, aber irgendwie versagte ihre Stimme.
„Ja, MEINER Beate. Willkommen in der Hölle.“
***

Mit einem sehr befriedigenden Gesichtsausdruck saß Vera drei Stunden später in ihrer Wohnung.
„Es lief genau nach Vorschrift.“ Sagte sie nur, doch ihre Augen leuchteten noch immer.
„Ich will dabei sein!“ sagte Beate unvermittelt.
Ich musste erst gar nicht fragen, was sie meinte. „NEIN!“
„Ich habe alle Anordnungen befolgt, was immer du gesagt hast, ich habe es getan, jetzt will ich auch etwas. Ich will der Mörderin meiner Tochter ins Gesicht sehen, wenn sie stirbt!“
„Wie stellst du dir das vor? Petra Strass wird öffentlich hingerichtet. Da werden über 100 Leute kommen. Du bist tot, schon vergessen?“
Beates Augen wurden hart und erbarmungslos. Ich konnte die Bestie in ihr erkennen, die sich anschickte hervorzubrechen und nur mit Mühe von Beate zurückgedrängt wurde. Das war etwas, dass ich unbedingt unter Kontrolle bringen musste.
„Peter.“ Vera sah mich an.
„Du hattest heute schon deinen Spaß, übertreib es nicht.“
„Bitte, denk noch einmal darüber nach. Du findest bestimmt eine Lösung.“
Ich dachte tatsächlich darüber nach. Doch ich beriet mich nicht mit Vera oder Beate, sondern mit Jessika und Randy und beide waren derselben Meinung…
***

Vera, sonst selbstsicher und gelassen, saß schweigend neben mir und ließ den Anschiss, den Frank uns verpasste, still über sich ergehen.
„VORSCHRIFTEN?! Gerade ihr Beide scheißt auf Vorschriften, wenn sie euch nicht in den Kram passen.“ Brüllte er uns an.
„Ich werde das nur ein einziges Mal sagen: Wagt es NIE WIEDER mich so in Verlegenheit zu bringen, sonst lasse ich euch von Decker die Haut abziehen und anschließend werde ich euch feuern!
Ihr werdet die Strass, bis sie im Leichenwagen liegt, mit Anstand und Respekt behandeln. Das gleich gilt für jeden weiteren Insassen! Habe ich mich klar und unmissverständlich ausgedrückt?“
Frank taxierte erst Vera scharf. „Frau Müller?!“
„Klar und deutlich.“
Dann blickte er zu mir.
„JA.“
„Verschwindet, bevor ich euch sofort rauswerfe!“
Wir standen auf und gingen zur Tür, als Vera sich umdrehte.
„Frank es tut mir leid. Ganz ehrlich. Ich… Nie wieder. Versprochen.“
Frank sah uns kalt an.
„Der Satz hat euch gerade den Arsch gerettet. Merkt euch eines: Ich weiß was in diesen Mauern geschieht.“
-Oh nein, weißt du nicht, sonst würdest du durchdrehen.- dachte ich, hütete mich aber davor auch nur das Gesicht zu verziehen.
„Raus jetzt!“
Draußen wurde Vera richtig blass.
„Das wäre fast ins Auge gegangen.“ Brummte ich.
„Tut mir leid, ich hätte auf dich hören sollen, aber als ich die Gelegenheit hatte… da verdammt.“
Statt Vera Vorwürfe zu machen wurde mir wieder bewusst, warum ich Vera nicht in meinen Rettungsplan einweihte. Auch wenn es mir noch so schwerfiel, ich musste Vera im entschiedenen Augenblick loswerden.
Als wir an meinem Büro vorbeikamen, verabschiedete sich Vera von mir, da sie zum Dienst musste.
„Tut mir wirklich leid.“ Sagte sie nochmal geknickt und ging mit gesenktem Blick zur Krankenstation.
Jessika wartete schon mit wütendem Blick auf mich.
„Was habt ihr euch dabei gedacht?“ fuhr sie mich an.
„Sorry, ich hätte sie stoppen sollen.“
„Ja verdammt, das hättest du!“
„Thekla hatte schon eure fristlosen Suspendierungen zur Unterschrift. Was hättet ihr dann getan? Beate im Koffer mitgenommen?
Verdammt, ich gebe mir hier alle Mühe und ihr versaut es beinahe!“
„Die Sache gerät allmählich außer Kontrolle. Wir müssen es zu Ende bringen.“
„Das kannst du bald. Die Hinrichtung der Strass ist in vier Tagen. Das heißt, Beate wird in fünf Tagen sterben.“
***

Seit zwei Tagen saß Petra Strass nun in der Todeszelle und Franks Anschiss war nicht geheim geblieben. So korrekt wie Petra Strass wurde nie wieder ein Insasse behandelt.
Nach dem Anschiss von Jessika hatte sie mir eine Idee präsentiert, wie wir Vera im richtigen Augenblick ablenken konnten. Der Teil des Planes war etwas heikel, denn ich brauchte Hilfe einer Frau. Nicht irgendeiner Frau, sondern eine Todeskandidatin.
Jessika hatte tagelang die Akten unserer Kandidatinnen studiert, sie noch einmal gelesen und dann ein drittes Mal durchgearbeitet.
„Wenn, dann ist sie unsere einzige Hoffnung.“ Sagte Jessika.
Sie, das war die Gefangene in Zelle 12, Susanne Feites. Susanne hatte ihren Mann umgebracht. Angeblich hatte es wiederholt Handgreiflichkeiten Seitens des Mannes gegeben, und als diese Eskalierten warf sie ihn kurzerhand die Treppe herunter. Er brach sich einige Knochen und verstarb, als die Notärzte ihn aus dem Geländer schnitten. Susannes Problem war, dass er den Notärzten noch eine ganz andere Geschichte auftischte, bevor er das Zeitliche segnete. Ermittelt wurde nur oberflächlich und das Todesurteil war umstritten, dennoch scheiterte Feites Anwalt mit der Berufung. Die letzte Chance von Susanne war ein Gnadengesuch, etwas das sehr selten Erfolg hatte. Doch hier kam der Punkt, der Susanne interessant machte. Trommer hatte, als Vertretung des eigentlich zuständigen Staatsanwaltes, die Sache bearbeitet. Trommer bot sich also erneut die Chance sich ein weiteres Mal beim Volk beliebt zu machen.
Man musste Trommer eben nur mit der Nase darauf stoßen.
Ich wartete, bis abends alle Häftlinge in ihren Zellen waren und Deckers Mannschaft sich für die Nachtschicht bereit machte, dann ging zur Zelle von Susanne. Die saß am Tisch und las in einem Buch, als ich die Tür aufschloss und eintrat. Susanne sprang wie von einer Tarantel gestochen auf und wich in die Ecke ihrer Zelle zurück.
Das war wohl eine natürliche Reaktion einer Todeskandidatin, deren Henker ihre Zelle betrat und so hob ich beschwichtigend die Hände. -Wenigstens schreit sie nicht.- dachte ich.
„Was willst du?“ zischte sie.
„Reden. Darf ich?“ Und zeigte auf den Stuhl. Widerstrebend und misstrauisch sah sie zu, wie ich mir den Stuhl nahm und mich gegenüber vom Bett hinsetzte.
„Bitte setz dich.“
Langsam und mich nicht aus den Augenlassend kam sie der Aufforderung nach.
„Was willst du von mir?“ fragte Susanne mich erneut.
„Ich will dir einen Handel vorschlagen.“
„Ich habe gehört, welche Händel du den Frauen anbietest. Wenn sie dir einen blasen, dann geht es schneller. Versuch es und ich beiß ihn dir ab!“
Ich war so verdutzt, dass ich tatsächlich lachte.
„Was? Wer erzählt so einen Scheiß?“
„Scheiß? Oder ist es scheiße, dass sich es weiß?“
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ja ich hatte schon sexuellen Kontakt mit gefangenen Frauen, aber der war immer einvernehmlich. Ich habe es nicht nötig mir mit Gewalt zu nehmen, was ich will. Aber egal. Nein, ich will etwas ganz anderes von dir.“
Immer noch misstrauisch aber auch verwirrt sah sie mich an. Mir wurde klar, dass Susanne ein Glückstreffer war. Diese Frau hatte beschlossen, nie wieder Opfer zu sein und würde mitspielen.
„Also, welchen Handel, kann ein Henker seiner Todeskandidatin vorschlagen, wenn es nicht um Sex geht?“
„Eine 50-50 Chance hier lebend raus zu kommen.“
***

Penelope

Es war aber erst einmal wieder Ruhe auf Soulebda eingekehrt und mein fünftes Jahr begann. Von den beiden aufständischen Häuptlingen war der Anführer umgekommen und der zweite Häuptling wurde seinem Stamm übergeben, sie bestraften ihn auf ihre Art und Weise. Kurz danach wurde ein neuer Häuptling gewählt, der keinen aufständischen Gedanken nachhing. Bald würde Penelope die Insel verlassen, um in England weiter zu studieren.
Bei einem Fest mit den Stammeskriegern sah ich auch erstmals einige der altehrwürdigen Häuptlinge. Über diese Krieger erzählten sich die alten Bewohner schier unglaubliche Geschichten. Nur die Tatsache, dass ich bereits seit einiger Zeit mit Penelope zusammenlebte und die Auszeichnung, den Kahlscha’daar trug, ermöglichten es mir, mich mit diesen sagenhaften Menschen zu treffen. Ihre Sprache verstand ich nicht, selbst Penelope konnte sie nicht ganz verstehen. Aber wir hatten zwei gute Dolmetscher bei uns. Sie führten uns in einige der Gedanken der Häuptlinge ein.
Während eines Wettkampfes zweier Krieger wurde ich von dem Häuptling gebeten, mich auch im Wettstreit mit den Kriegern zu messen. Penelope nickte mir eifrig zu und ich versuchte mein Glück. Konnte ich anfangs noch gut mithalten, so wurde es ständig schwerer den Stammeskriegern Paroli zu bieten. Schließlich zeigten sie mir ihr wahres Können und ich verlor ab diesem Zeitpunkt jeden Wettstreit. Aber anders als gedacht wurde ich nicht belächelt, sondern die Krieger erkannten in mir eine gute, wenn auch nicht ausgebildete Kriegerin. Leider musste ich das Angebot des Häuptlings, eine Kriegerausbildung zu durchlaufen ablehnen. Ich hatte nicht so viel Zeit. So schenkten mit der Häuptling und die Krieger, mit denen ich im Wettstreit lag, eine Halskette. Der Dolmetscher hatte Probleme das Geschenk richtig zu übersetzen, angeblich waren das nicht nur die Fangzähne und Krallen einiger Raubtiere, sondern auch Talismane ihrer Göttin. Ich bedankte mich überschwänglich und nahm das Geschenk voll Dankbarkeit an. In den folgenden Wochen und Monate grüßten mich immer mehr Eingeborene. Es war, als hätte man mich in ihren Stamm aufgenommen und ich fühlte mich wohl dabei.
Doch schließlich kam der Tag des Abschieds von Penelope. Ihr Studium in England brach an und wir umarmten uns mit Tränen in den Augen. Der Abschied tat uns beiden weh. Sie schrieb mir regelmäßig und berichtete von ihrem Fortschritt. Das Leben in England gefiel ihr, das Essen nicht so sehr, aber sie vermisste die Südsee und die Sonne. Und mein Leben auf Soulebda ging indes weiter.
***

Bonjour

„Die Unterkunft ist miserabel. Sogar in Ägypten hatten wir ein besseres Quartier, mon Colonel.“
Sergeant Dunant setzte sich missmutig zu seinem Anführer und goss sich ein Glas Rotwein ein. „Wenigsten bekommen wir hier anständigen Wein und nicht dieses Gesöff…“
„Sobald unsere Kameraden alle hier im Land sind, werden wir in eine bessere Unterkunft umziehen. Sie werden morgen mit drei Männern ausschwärmen und uns ein geeignetes Quartier suchen.
Ich will eine gut zu verteidigende und abgelegene Unterkunft, die schnell von der Stadt zu erreichen ist.“
„Oui mon Colonel. Haben sie denn schon gehört welchen Auftrag wir hier haben?“
„Nein, ich werde mich morgen mit unserem Auftraggeber treffen. Allerdings glaube ich kaum, dass es sich um einen Kampfauftrag handelt.“
SSMM SSMM SSMMM
Der Sergeant holte sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display.
„Leutnant Gilles und seine Männer sind über die Grenze gekommen und auf dem Weg hier her.“
„Gut, dann fehlen noch Leutnant Suviér und Sergeant Muellèn.
„Glauben sie das die Israelis ihren Mann schon gefunden haben?“
„Mit Sicherheit haben sie das. Der nahe Osten wird für uns die nächste Zeit ein sehr heißes Pflaster sein, das wir meiden sollten.
Wir müssen bei der Auswahl neuer Soldaten genauer arbeiten. So eine Merde darf nie wieder geschehen.“
„Der Agent wurde uns von General la Grande empfohlen. Wir haben uns zu sehr auf sein Urteil verlassen.“
„Wenn dieser Auftrag hier ausgeführt ist, wird es Zeit, dass der General aus gesundheitlichen Gründen in Ruhestand geht.“
Was der alte Franzose damit meinte, war klar. Es wurde Zeit für eine Beförderung.
***

Zwei Tage später hatten Sergeant Dunants Männer ein scheinbar geeignetes Objekt ausgemacht. Ein ehemaliges Lagerhaus eines Jagdpächters welches man, mit viel Liebe zum Detail, zu einem schönen Wohnhaus umgebaut hatte. Die Bewohner, ein älteres Ehepaar hatte anscheinend wenig Kontakt zur Außenwelt und lebte sehr zurückgezogen. Wichtiger aber war, dass das Haus mehr als 1000 Meter abseits der nächsten Straße, mitten auf eine Waldlichtung lag, die mit halbhohen Sträuchern bewachsen war. Ein ideales Versteck! Verborgen durch den Wald, aber durch die Lichtung gut zu verteidigen.
„Sie scheinen einkaufen zu gehen.“ Flüsterte einer von Dunants Männern.
Tatsächlich belud der Mann den Wagen vor der Tür mit Getränkekisten und die Frau kam mit einem Korb aus der Tür. Beide stiegen in den Wagen ein und fuhren über den Weg in Richtung Straße.
„Gut ich melde dem Colonel, dass wir ein Quartier gefunden haben. Wir warten bis sie zurückkommen und erledigen sie draußen. Ich will keine Sauerei im Haus, verstanden?“
Dunant wartete bis der Wagen an ihnen vorbeigefahren war, dann gingen sie zu dem Haus und suchten sich eine geeignete Position um die Hausbewohner abzufangen.
***

Hinrichtungstag

Die Kontrollen in Mainstadt waren streng.
In der Kammer hatten gerade einmal 30 Zuschauer Platz. Natürlich hatten jede Zeitung, jeder Nachrichtensender und jedes Magazin einen Beobachter angemeldet der Petras Strass Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl beobachten sollte. Da Beate keine nahen Verwandten hatte, wurden 20 Plätze im Losverfahren vergeben. Trommer und die Staatsanwaltschaft, waren mit 4 Personen vertreten, ein Platz bekam Strass‘ Verteidiger, der Rest wurde vom Ministerium und dem Gericht belegt. Vor dem Gefängnis hatten sich zwei Gruppen gebildet, eine die gegen die Hinrichtung protestierten und mit gerade einmal mit 10 Teilnehmern deutlich in der Minderheit waren, gegenüber den Hunderten, die ein Straßenfest aus der Hinrichtung von Petra Strass machten. Ein Blick aus meinem Fenster ließ bei mir wieder den Blutdruck steigen. Am liebsten hätte ich Decker gefragt, ob er nicht ein oder zwei Tränengasgranaten in die johlende Menge schießen könnte, so kotzte mich das Ganze an. Kaum vom Fenster abgewandt, hatte ich schon wieder andere Sorgen. Ich hatte Beate nach langem hin und her, versprochen, dass sie bei der Hinrichtung dabei sein durfte.
Da alle Plätze reserviert waren, musste sie als Personal des Gefängnisses dabei sein. Glücklicherweise hatte Frank auf seinen Platz verzichtet und würde dem Spektakel fernbleiben. Als Sicherheitsbeamtin konnte Beate allerdings auch nicht mitkommen. Decker hätte sofort den Braten gerochen und wir wären aufgeflogen. Blieb nur die Möglichkeit, Beate als Begleiterin von Vera in ihrer Funktion als Medizinerin in die Kammer zu lassen. Also wurde aus Beate, Frau Weber, eine der beiden neuen Assistenzärztinnen. Mit einem weißen Kittel, die Haare unter eine Mütze versteckt und mit Stethoskop ausgestattet, betrat sie mit Vera die Kammer.
Da Kameras verboten waren, alle Handys eingezogen und jeder einzelne Besucher von Decker höchstpersönlich durchsucht wurde, konnte auch niemand von Beate ein Bild machen, dass sie vielleicht verraten hätte. Die Aufmerksamkeit würde sich sowieso ausschließlich um Petra Strass drehen. Keiner interessierte sich für Beate, oder Vera. Einzig ich als Henker stand noch in Fokus der Beobachter. Einer beobachtete mich sogar ganz genau. Trommer fixierte mich mit seinem Blick und ausnahmsweise war ich darüber sehr froh, denn solange er mich anschaute, sah er nicht nach Beate.
Die hatte sich mit Vera in eine der Ecken verzogen und wartete auf das Eintreffen von Petra Strass. Genau 18 Minuten vor der angesetzten Exekutionszeit wurde Petra Strass von Hannes und Johann in die Kammer gebracht. Petra Strass hatte demonstrativ auf eine Augenbinde verzichtet und Hannes hatte ihr auch keine Fesseln angelegt. Petra Strass wollte allen zeigen, dass sie aufrecht und furchtlos war und für uns alle lediglich Verachtung empfand.
Frank hatte Hannes grünes Licht gegeben und so schritt sie ohne Handschellen oder Fesseln zu ihrem Rendezvous mit dem Tod. Ihre kalten, blauen Augen wanderten durch die Kammer über die anwesenden Zuschauer und blieben auf Trommer hängen. Tiefer Hass wurde sichtbar, doch die Strass widerstand der Versuchung Trommer zu beschimpfen oder ihn anzuspucken. Sie warf ihren Kopf voller Stolz in den Nacken und ging zielstrebig auf den elektrischen Stuhl zu.
Hannes und Johann waren zurückgeblieben und so marschierte die Strass ohne Begleitung durch die Kammer, wo sie sich auf den elektrischen Stuhl setzte. Kaum hatte sie Platz genommen, trat ich zu ihr und begann die schweren Lederriemen um ihren Körper zu legen. Methodisch begann ich bei den Armen, den Beinen und dem Körper. Dann befestigte ich die Elektrode an ihrem rechten Bein. Bevor ich ihr die Kapuze mit der Kopfelektrode überzog, bekam Petra Strass noch einmal das Urteil verlesen.
„Haben sie noch ein letztes Wort?“ lautete die Frage an die Strass. Stifte wurden gezückt und alles lauschte.
„Fahrt alle zur Hölle!“
Das war so ziemlich das, was ich und jeder andere im Raum erwartet hatte. Ich trat wieder zu Petra Strass und zog ihr die Lederhaube über, verschloss den Kinnriemen und schloss die Kopfelektrode an. Schließlich musste ich nur noch die Augenklappe herunterziehen, als ich in den Augenwinkeln eine Bewegung sah. Ich drehte den Kopf und sah Beate, die bis jetzt still und ruhig am anderen Ende der Kammer, im Rücken der Zuschauer gestanden hatte, auf mich zukommen.
Mein Herz hämmerte in dieser Sekunde wahrscheinlich schneller als das der Strass. Seelenruhig schritt Beate auf uns zu. In der Hand hielt sie eine Überwachungssonde, welche Delinquenten aufgeklebt werden, um die Herzschläge zu überwachen. Beate stellte sich direkt vor die Strass und öffnete die ersten Knöpfe deren Bluse. Als sie die Elektrode unter die Bluse schob, waren ihre smaragdgrünen Augen direkt vor den blauen Augen der Strass.
„Erkennst du mich?“, flüsterte sie so leise, dass nur die Strass und ich es hörten.
Die Augen der Strass blieben fragend und Beate half nach.
„Du Miststück hast meine Tochter auf dem Gewissen.“
Da erkannte Petra Strass wer vor ihr stand und begann an den Fesseln zu zerren.
„HHHMMMUUMMM“
Durch den Kinnriemen konnte sie nicht mehr sprechen und die Fesseln hielten sie erbarmungslos fest in Stuhl.
„Die einzige die heute zur Hölle fährt, bist du. Ich hoffe, du schmorst dort für alle Zeiten.“
Bis jetzt war noch niemand auf uns aufmerksam geworden und ich sah Beate warnend an. –Übertreib es nicht! –
Beate trat zurück und holte aus der Tasche ihres Kittels ein Tablet hervor, mit dem sie die Herzfrequenz von Petra Strass aufrief. Damit stellte sie sich seitlich neben den elektrischen Stuhl und wartete. Ich schloss die Stromversorgung an, entfernte den Sicherungsstift und wartete. Noch immer riss die Strass an ihren Fesseln, was von den Zuschauern als Angst und Panik gewertet wurde, in Wirklichkeit aber der Versuch war, an Beate heranzukommen.
Schließlich bekam ich das Zeichen, das Urteil zu vollstrecken und legte den Hebel des elektrischen Stuhls um.
Der Strom schoss durch den Körper von Petra Strass. Sie bäumte sich in den Fesseln auf und zuckte wild darin. Beate verschwendete keinen Blick auf das Tablet und blickte ausschließlich auf Petra Strass. Erst als ich den Strom zwei Minuten später abschaltete und der Körper von der Strass zusammensackte, blickte sie auf das Tablet.
Beate sah, dass das Herz von Petra Strass noch schlug. Sie schaute in meine Richtung und schüttelte ihren Kopf und so schaltete ich den Strom wieder an. Wieder ließ ich den Strom zwei Minuten durch Petra Strass fließen, bis ich ihn abstellte. Ich war mir sicher, dass Petra Strass tot war, doch Beate, die das Tablet so hielt, dass nur sie den Bildschirm sah, schüttelte erneut den Kopf und so musste ich, um Beates Tarnung nicht zu gefährden, ein drittes Mal den Strom durch die Strass jagen. Diesmal ließ ich den Strom ganze drei Minuten fließen und hoffte, dass Beate meinen warnenden Blick sah, doch die sah nur auf den zuckenden Körper der Strass. Erst als ich den Strom wieder abstellte, sah sie zu mir. –Mach keine Dummheiten.-
Eine Ewigkeit stand sie regungslos da, dann nickte sie, trat zu der Strass, hörte ihr Herz mit dem Stethoskop ab und erklärte sie dann offiziell für tot. Für die Zuschauer war es, als hätten sie ein solch hartes Ende der Strass erwartet. Sie war im Leben eine Furie und im Tod ebenfalls. Daher hinterfragte niemand die Anzahl der Stromstöße. Zufrieden standen die ersten Zuschauer auf und verließen die Kammer. Beate machte sich wieder soweit unsichtbar, wie sie konnte und verzog sich mit Vera in eine der Ecken, wo sie mit versteinerter Miene Formulare auszufüllen schien.
Trommer ging als letzter, nicht ohne mir einen Bick zuzuwerfen, der sagte, -mein Part ist erfüllt, jetzt bist du an der Reihe.-
Schließlich waren wir der mit Petra Strass Leiche allein. Als Hannes als letzter die Tür hinter sich zuzog brach Beate Sekunden später laut aufschreiend zusammen. Vera ließ alles fallen und nahm ihre Beate in den Arm. Laut weinend brach alles aus Beate hervor, was sich in den letzten Wochen angestaut hatte. Da die Kammer schalldicht war, machte ich mir keine Sorgen, dass jemand das Drama hier mitbekam. Um die beiden Frauen am Boden, machte ich mir dagegen schon Sorgen. Ich kniete mich neben die zwei und legte meine Arme um Beate und Vera, die jetzt genauso weinte wie Beate. Zusammen lagen, saßen und knieten wir, uns gegenseitig festhaltend, auf dem Boden, während die Leiche von Petra Strass höhnisch auf uns herabsah.
***

Der Auftrag

Der alte Franzose saß gelassen in dem beliebten Straßencafé und setzte bedächtig seine Tasse ab.
„Monsieur, die Gehälter meiner Mitarbeiter, sowie mein eigenes Gehalt oder die Summe, die ich für Aufwendungen berechne, sind in keiner Weise verhandelbar. Wie sie sich sicher erinnern, habe ich ihnen schon bei unserem ersten Gespräch deutlich gesagt, dass dies kein Verhandlungspunkt ist.“
Der Auftraggeber des alten Franzosen, fixierte sein Gegenüber genau so fest, wie der alte Franzose ihn.
„Ich habe nicht die Absicht zu feilschen, lediglich den Umfang ihrer Dienstleistungen möchte ich festlegen.“
„Was natürlich etwas ganz anderes ist.“ Lachte der alte Franzose, und sein Auftraggeber leistete sich ein leichtes Schmunzeln.
„Ich habe die erste Trance ihrer Vergütung bereits auf das von ihnen angegebene Konto überwiesen. Ich nehme an, dass wir nun zu ihren Aufgaben kommen können.“
„Monsieur, sie gestatten?“ Der alte Franzose holte sein Handy heraus und loggte sich bei seiner Bank auf den Antillen ein. Einen Moment später hatte er das Ergebnis im Display. Dann nickte er zufrieden und steckte das Handy wieder zurück.
„Sehr gerne Monsieur.“
„Nun gut. Dann habe ich für sie auch schon einen ersten Auftrag.“
***

Der Tag danach

Der Tag nach Petras Strass Exekution. Beate war in ein tiefes emotionales Loch gefallen, aus dem sie alleine nicht mehr herauskam. Sie hatte ihre Rache bekommen, und fühlte nur noch eine tiefe und schwarze Leere in sich. Vera tat alles um diese Leere auszufüllen, Beate wieder einen Sinn oder wenigstens ein bisschen Hoffnung zu geben, doch Hoffnung worauf? Beate wusste, dass sie näher am Tod stand als am Leben. Die einzige die vor dieser Tatsache die Augen verschloss, war Vera. Sehr fürsorglich hatte sie sich Beate in der Nacht angenommen sie festgehalten und selbst im Schlaf schützend ihre Arme um sie gelegt. An Schlaf war für mich in dieser Nacht nicht zu denken. Im hellen Mondlicht saß ich die ganze Nacht da und betrachtete die beiden, wie sie eng umschlungen dalagen.
Ich war mit meinen Gedanken bei etwas ganz anderem.
Jessika hatte mich vorgewarnt, dass Trommer heute um 14 Uhr vorbeikommen wollte und es war klar, dass Trommer nicht zu einem Schwätzchen kam. Nein, das große Finale hatte begonnen!!!
***

Der Überfall

Ich kam aus meiner Dienstwohnung und fuhr in meinem Landrover zur Treffen mit meinen Freunden. Wir hatten uns zum Kegelschießen draußen vor der Stadt verabredet. Dabei galt es alte Bowling Kegel von einem 25 Meter entfernt stehenden schweren Holztisch ganz herunter zu schießen, recht einfach, wenn man gut und zentral traf, aber wenn der Kegel nur umfiel, brauchte es einige Kugeln, bis er vom Tisch fiel. Sieger war, wer in der kürzesten Zeit und mit den wenigsten Schüssen alle 10 Kegel abräumte. Ich musste meinen Rekord verteidigen und war gut im Training, aber die jungen Schützen der Leibgarde und aus der Armee hatten auch gute Augen und es würde eng werden für mich.
Auf der Straße fiel mit eine schwarze Limousine schnell auf, sie fuhr zu unauffällig um mir nicht ins Auge zu stechen und als von vorne eine weitere Limousine gleichen Typs versuchte meinen Wagen zu rammen, schaltete ich in den Überlebensmodus. In dem folgenden Schusswechsel wurden die beiden Leute, in dem Wagen, der mich rammen wollte, ausgeschaltet. Danach kam es zu einem energischen Schusswechsel mit dem folgenden Wagen und ich erhielt einen Streifschuss am linken Oberarm.
In dem Verfolgerwagen lagen drei Menschen, zwei Männer mit Ohrstöpsel und schwarzen Anzügen sowie eine ältere Lady in erstklassiger Kleidung und einer MP5 mit Ladehemmung. Leider konnte keine Aussagen der Personen mehr aufgenommen werden, dafür waren meine Treffer zu präzise.
Über Funk rief ich die Polizei.
Man zog auch aus dem anderen Wagen zwei Anzugträger mit Knopf im Ohr. Ansonsten gab es keine Ausweise oder sonst verräterisches, nur in der Handtasche der Frau einige zerknüllte Bilder von mir, die mich in Houston, vor dem Gericht und vor meiner alten Wohnung zeigten.
Das war dann Anlass genug, mein weiteres Bleiben auf der Insel zu überdenken. Im Palast wurde der Vorfall mit mir zusammen recherchiert. Dabei wurde schnell klar, dass diese Angreifer aus den USA kamen. Der Sicherheitschef ordnete den Anschlag der CIA zu. Ich musste von der Insel verschwinden. Die Schergen der Agency hatten mich hier gefunden.
So beendete ich meine fünf Jahre auf der Insel, verabschiedete mich von meinen geliebten Freunden und der Präsidentenfamilie. Ich verließ das Sonnenparadies Soulebda an Bord einer 747 Richtung Europa. Noch an Bord schrieb ich meine Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle in Deutschland und schickte die Unterlagen mit den üblichen Unterlagen ab. Mit meiner Sitznachbarin, einer Physikerin aus Süddeutschland, freundete ich mich rasch an und so verlief der lange Flug angenehm schnell.
***

Sie muss sterben

Vera hatte noch eine Stunde Dienst, als ich den letzten Punkt meiner to do Liste betrachtete.
-Beate Fischer muss sterben-.
Mit einem Klos im Hals ging ich zu Beate und berichtete ihr, das Trommer am Nachmittag kommen würde. Ich musste Beate nicht sagen, warum er kam, oder was sie erwarten würde. Nein, Beate Fischer wusste, dass sie an diesem Tag sterben würde. Sie hatte sich mit dem Unvermeidlichem abgefunden.
„Jetzt ist es ist also soweit.“ Stellte sie nüchtern fest. „Wir haben es auch lange genug herausgezogen. Machen wir der Sache ein Ende.“
„Ja. Beenden wir es.“
Beate trat an mich heran und wir nahmen uns in den Arm. Ich hätte nie gedacht, dass mir einmal eine Frau so nah kommen könnte. Zwar waren Vera und ich schon lange ein Paar, doch Vera ist eine völlig andere Frau als Beate. Vera war unabhängig und nicht auf meinen Schutz angewiesen.
„Danke Peter. Danke für alles.“ Beate presste ihre Lippen ganz fest auf meine und küsste mich. Es war ein langer und ehrlicher Kuss, in dem alle Emotionen lagen. Liebe, Leidenschaft Hoffnung und Angst.
Ich drückte sie fest an mich, bis wir uns nach einer Ewigkeit voneinander lösten.
„Ich muss noch was erledigen. Bis nachher.“
„Bis später, mein Henker.“
13.30 Uhr
In Veras Wohnung baute sich eine seltsame Stimmung auf. Vera war sichtlich gut gelaunt. Hin und hergehend machte sie Pläne für sich und Beate. Angefangen von ein paar neuen Möbeln bis zur ersten gemeinsamen Urlaubsreise. Mir zerriss es beinahe das Herz, als ich Veras glückliches Gesicht sah. Dass Beate krampfhaft versuchte, ebenfalls ein glückliches Gesicht zu machen, wurde von Vera überhaupt nicht wahrgenommen. Mit einem traurigen Anblick in den Augen nahm Beate sie in den Arm.
„Ja, mein Schatz, ich freue mich auf ein neues Leben mit dir.“
Unglaublich, aber Beate war die gefasstere der beiden und das, obwohl die Uhr schon 13Uhr 30 zeigte und Beate wusste, dass ihr Leben in weniger als einer halben Stunde enden würde.
13.45 Uhr
Plötzlich hörten wir drei einen fürchterlichen Tumult um Flur. Ich hörte Deckers Kommandos durch die Flure hallen und öffnete die Tür. Als ich auf den Flur trat, rannte mich beinahe Hannes über den Haufen. Direkt hinter ihm kam laut fluchend Decker.
„Woher zum Teufel hat sie das Messer?!“ Fragte er Hannes.
„Kein Ahnung.“ Hörte ich noch, dann waren die beiden vorbei.
„Was ist da los?“ Fragte Beate. Vera schaute an mir vorbei und sah noch wie die beiden, in eine der Zellen im Trakt gingen.
„Ich weiß es nicht, Schatz.“
Jetzt hörten wir Absätze über den Flur hetzen und plötzlich lief Jessika auf uns zu.
„Vera, du musst sofort auf die Krankenstation! Susanne Feites aus Zelle 12 hat sich gerade die Pulsadern aufgeschnitten.“
Sofort wollte Vera loslaufen, blieb aber kurz stehen und gab Beate einen Kuss.
„Bis nachher, Liebes. Schemmlein wird mich im OP brauchen.“
„Geh Liebes. Ich warte hier auf dich.“ Beate küsste sie noch einmal und lächelte sie an.
Vera drehte sich um und rannte in Zelle 12. An der Tür blieb sie kurz stehen und blickte mich an.
„Du passt auf sie auf. Ja?“
„Ja, versprochen.“
Dann war sie weg. Kaum war Vera in Zelle 12 verschwunden, packte ich Beate und lief mit ihr zur Kammer, in die ich sie hineinstieß. Verwundert sah Beate, dass Randy bereits in der Kammer stand. Er hatte eine Tasche dabei und war genauso rot wie bei ihrer ersten Begegnung.
„Du tust alles, was er sagt! Keine Widerrede oder Diskussion. Tu es für dich, vor allem, tu es für Vera!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ ich die beiden allein und rannte in mein Büro. Randy mustert Beate und murmelte dann verlegen. „Äähmm, bitte ausziehen!“
Ich eilte ins Büro und hatte gerade Platz genommen, als Trommer erschien. Er hatte denselben Blick in seinen Augen, wie den, als er die Kammer verließ. Er hatte unsere Abmachung eingehalten und für mich hieß es nun, Zahltag!
„Hallo Herr Stein, ich musste heute bei einer Vernehmung im TE Bereich dabei sein, und dachte, ich schau einmal bei ihnen vorbei.“
„Oh, bitte, nehmen sie Platz. Schön sie zu sehen, besonders, da wir unsere Differenzen beigelegt haben.“
Trommer setzte sich und wir plauderten tatsächlich ein paar Minuten ungezwungen.
„Ich habe gehört, dass der amtierende Generalstaatsanwalt, sowie der Justizminister ja, sogar der Regierungschef, sie gebeten haben ihren Verzicht, sich auf die Stelle des Generalstaatsanwaltes zurückzunehmen.“
„In der Tat. Ja, das ist das Schöne an einer Demokratie. Ich beuge mich der Mehrheit.“
„Dann steht ja einer weiteren Zusammenarbeit zwischen uns beiden nichts mehr im Wege.“
„Nun ja, beinahe nichts.“
„Ich verstehe. Ich habe mit Beate Fischer geredet. Sie weiß, dass sie heute sterben muss. Dennoch wollte sie vorher die Gelegenheit nutzen, um sich bei ihnen dafür zu bedanken, dass die wahre Mörderin ihrer Tochter hingerichtet wurde.“
Ohne zu fragen, öffnete ich die Tür zum Vorzimmer und winkte Beate herein, die scheinbar bei Jessika darauf gewartet hatte. Beate trat ein. Jetzt trug sie ein elegantes Kostüm, eine dunkle Bluse, die nicht zu eng an ihrem Körper lag und die passende Hose. Freundlich lächelnd trat sie auf Trommer zu. Der erhob sich galant und gab Beate die Hand.
„Ich wollte mich bei ihnen persönlich bedanken, dass meiner Tochter Gerechtigkeit widerfahren ist. Ich weiß, dass dieser Entschluss für sie nicht einfach war. Vielen Dank Herr Staatsanwalt.“
„Frau Fischer, bitte glauben sie mir, dass ich am Schicksal ihrer Tochter großen Anteil habe. Hätte ich die Möglichkeit ihnen ihre Tochter zurückzugeben, würde ich es sofort tun. Ich hoffe, sie und ihre Tochter finden nun Frieden.“
„Ich werde ja bald bei ihr sein und dann werde ich sie nie mehr loslassen. Leben sie Wohl, Herr Staatsanwalt.“
„Sie auch, Frau Fischer leben sie wohl.“
Beate drehte sich um und ging zur Tür. Gerade als sie die Hand ausstreckt, um die Tür zu öffnen, peitschte ein lauter Knall durch das Büro. Die Kugel traf Beate genau zwischen die Schulterblätter. Das große Projektil schleuderte Beate nach vorne gegen die Tür und ließ sie zu Boden fallen. Als Beate auf den Boden aufschlug, war sie schon tot. Eine lähmende Stille legte sich über mein Büro, während Beate auf dem Boden lag und ihre leeren Augen in die Ferne starren. Trommer, der gerade dabei war eine weitere Kugel in Beate zu schießen, sah den roten Fleck, der sich auf dem Rücken ausbreitete und beobachtete, wie sich die Hose in Beates Schritt nass verfärbte. Gerade als er die Pistole anhob, um zu schießen, riss Jessika die Tür auf und schrie laut auf, als sie Beate auf dem Boden liegen sah. An ihr vorbei stürzte Decker mit gezogener Pistole in das Büro. Unentschlossen sah er zwischen Trommer und mir hin und her.
„Es ist alles in Ordnung!“ Beschwichtigte ich Decker.
„Beate Fischers Urteil wurde gerade vollstreckt.“
Die zusammengekniffenen Augen von Decker durchbohren erst mich, dann Trommer während er seine Waffe sicherte und zurück in das Holster steckte. Decker drehte sich um und zog Jessika mit sich aus dem Büro heraus, wo er im Vorzimmer bei ihr stehen blieb.
Trommer sah mich kalt an. „Sie verstehen gewiss, dass ich sicher sein musste, dass die Hinrichtung auch wirklich vollzogen wurde.“
„Selbstverständlich, Herr Staatsanwalt. Dennoch, seien sie sicher, dass ich unser Arrangement eingehalten hätte.“
„Nun, wie sagt man so schön: Sicher ist sicher. Ich verlasse mich darauf, dass sie auch weiterhin über unser Arrangement Verschwiegenheit bewahren. Wir sehen uns, Herr Stein.“
Ungerührt stieg er über Beates Leiche hinweg und verließ das Büro. Ich wartete noch einen Moment und knie mich neben Beate. Sanft streichele ich ihr über das feuerrote Haar, dann hob ich Beates Leiche auf, legte mir sie über die Schulter und brachte sie aus meinem Büro, nach draußen. Jessika stand da, mit Tränen in den Augen und Decker stand mit versteinerter Miene neben Jessika im Vorzimmer. Als ich an den beiden vorbei gehe, öffnete Decker mir die Tür. Draußen auf dem Flur standen alle Beamten und Bediensteten die gerade Dienst hatten.
Decker ließ seine wütenden Augen über die Köpfe schweifen.
„Habt ihr nichts zu tun?“ schnauzt er die Gaffer an und sofort löste sich das Gewühl auf. Er legte mir die Hand auf den Arm und schaute mich an.
„Soll ich mich um Frau Fischer kümmern?“ fragt er mich.
„Nein danke, ich habe es angefangen, ich bringe es auch zu Ende.“
***

Zwei Stunden später kam Vera aus dem OP zurück in ihre Wohnung. Erschöpft legte sie ihren blutigen Kittel zusammengeknüllt auf den Boden.
„Hallo Liebes, war ein schwerer Kampf, aber wir haben gewonnen. Sie lebt noch.“
Als Vera keine Antwort erhielt, sah sie sich in ihrer Wohnung um.
„Beate? Schatz?“
Doch Beate war nicht da. Vera drehte sich um, ließ die Tür offenstehen und lief eine Tür weiter und riss meine Wohnungstür auf.
„Beate! Peter!“
Auch hier bekam Vera keine Antwort. Voller Panik stürzte sie zu meinem Büro, rannte an Jessika vorbei, die noch immer mit Decker dastand und rief laut nach ihrer großen Liebe.
„Beate!“
Da mein Büro auch leer war, drehte sie sich zu Jessika um.
„Wo ist sie? Wo ist Beate?!“
Traurig ging Jessika auf sie zu.
„Trommer hat sie erschossen.“ Flüstert sie.
Bei diesen Worten zerbrach in Vera alles.
„Aber… Beate… Peter hat mir doch versprochen… Beate… Er hat es mir versprochen… versprochen…“
Völlig benommen, drehte sie sie sich um und taumelt aus dem Büro zurück in ihre Wohnung.
„Vera, Vera.“, doch Vera hörte Jessika nicht mehr.
Sie konnte ihr auch nichts erklären. Erstens stand Decker noch immer bei ihr und zweitens musste sie Sarah Schlosser abholen, die bereits auf sie wartete.
***

„Sind sie sicher Mann? Die Flasche kostet 200 Mücken!“
Ich legte dem Barmann vier 50er Scheine auf die Theke und er gab mir die sündhaft teure Flasche TALISKER Single Malt Scotch Whiskey. Mit dieser und einem Glas verzog ich mich in eine ruhige Ecke in der Bar. Genüsslich zündete ich mir, jedes Rauchverbot ignorierend eine dicke, fette Zigarre an. Der Rauch der Zigarre passte hervorragend zu dem rauchigen Geschmack des Whiskeys.
„Darf ich?“ Als ich aufschaute, stand Frank da.
„Klar.“
Er setzte sich zu mir und ich schob ihm die Falsche rüber. Frank nahm sich ein Glas und schenkte sich zwei Finger breit aus.
„Verdammt gutes Zeugs!“ Meinte er, nachdem er einen kleinen Schluck genommen hatte und setzte das Glas wieder ab.
„Hast du auch eine für mich?“
Ich griff in meine Tasche und holte eine weitere Zigarre hervor. Zusammen saßen wir schweigend da und genossen die Zigarren und den Whiskey. Nach einer Ewigkeit sah er mir in die Augen.
„Warum?“
„Ich hielt es für eine gute Idee.“
Wir schwiegen wieder. Dann, nach zwei Gläsern kam die nächste Frage.
„Woher wusstest du, dass Trommer Beate in den Rücken schießt?“
„Ich wusste es nicht.“
Dann grinste ich ihn an.
„Aber ich habe es gehofft.“
***

Leider verloren

„Sorry Mr. Mc. Froody, das ist alles, was unsere Leute herausgefunden haben. Ihre Frau hat sich nicht an die Anweisungen gehalten und entgegen, unserer direkten Anweisungen, ist sie mit zwei Teams los und wollte die Zielperson höchstpersönlich ausschalten. Unsere Warnung, dass die Zielperson schnell und sehr gut schießt, hatte sie nicht an die beiden Teams weitergegeben und damit letztendlich alle dem Untergang geweiht. Ich werde das an die Interne Ermittlung weitergeben müssen. Schließlich haben vier Agenten und Ihre Frau das Leben verloren!“
„John, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, meine Frau ist von dieser Schlampe brutal umgebracht worden und Sie drohen mir mit der internen Ermittlung. Haben Sie vergessen, wer Ihnen den Job hier vermittelt hat?“
„Mr. Mc. Froody, das ist nicht der Ton, der hier passt. Ihre Frau hat das Leben von vier Agenten unnötig geopfert. Sie kennen die Vorschriften, ich kann und darf das nicht vertuschen. Außerdem finde ich es recht verwunderlich, weshalb Sie Ihre Frau nicht besser instruiert haben. Also ich muss das melden, am Montag lege ich meinen Bericht vor, das ist die Zeit, die ich Ihnen verschaffen kann. Was Sie damit anfangen, überlasse ich Ihnen. Jetzt entschuldigen Sie, ich muss zurück in die Agency.“
Als der Wagen des CIA Mannes das großzügige Grundstück verließ, legten sich zwei elegante, schmale Hände um den verspannten Nacken von Mc. Froody.
„Oh John, das tut mir ja so leid das mit deiner Frau. Hoffentlich ging es schnell und sie hat nichts gespürt.“
„Irina hat nie auf das gehört, was ich ihr sagte, jetzt hat diese rothaarige Schlampe sie umgelegt, zuerst nimmt sie mir meine beiden Söhne und jetzt auch noch meine Frau. Komm jetzt her und zeig mir, was du mit der versprochenen Entspannung gemeint hast.“
Damit dreht sich eine schlanke, in schwarzes Leder gekleidete Raubkatze mit einer langen wasserstoffblonden Mähne zu John Allister Mc. Froody dem III zu, ging in die Knie und nestelt an dessen Hose herum. „Ja komm mein starker Mann und ich zeige dir die wahre Entspannung.“
***

Sicherheit

Jessika führte Sarah durch die Flure und zeigt ihr ihren neuen Arbeitsbereich. Außerdem bekam Sarah die Leute vorgestellt, mit denen sie in Zukunft zu tun hatte und alle begrüßten sie sehr freundlich. Lediglich Decker betrachtete Sarah freundlich, jedoch ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich standen sie vor Veras Wohnung.
„Hier werden sie ein paar Tage wohnen. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“
„Ja, sicher doch. Irgendwie fühle ich mich hier schon wie zu Hause.“
Bevor sie die Tür öffnete, wandte sich Jessika an Sarah.
„Frau Müller hat heute ihre beste Freundin verloren, und ist emotional sehr angeschlagen, vielleicht können sie ihr etwas helfen?“
„Das kann ich ganz sicher.“ Meinte Sarah selbstsicher.
Jessika klopfte an die Tür.
„Vera?“
Da Vera die Tür nicht öffnete, nahm Jessika ihren Generalschüssel hervor und schloss die Tür auf, in der Hoffnung, dass Vera noch keine falsche Entscheidung getroffen hatte. Erleichtert sah Jessika das Vera am Fenster stand und ins Leere starrte.
„Vera, Sarah ist hier.“
Unbeweglich blieb Vera am Fenster stehen. Sarah schob sich an Jessika vorbei, um zu Vera zu gehen. Kurz griff sie zu ihren Augen, als ob sie etwas daraus entfernen würde. Als sie direkt hinter Vera stand, streichelte sie Vera sanft über das Haar. Da sagte sie nur ein Wort:
„Liebes?“
Vera drehte sich um und sah fassungslos in die smaragdgrünen Augen von Sarah. Lachend und weinend zugleich fielen sich die beiden in die Arme. Veras Beine gaben unter ihr nach, zusammen fielen die Beiden auf den Boden. Vera stammelte nur „Beate, Sarah, oh Schatz.“ Jessika schloss die Tür und ließ die beiden alleine. Was jetzt da drinnen geschah, ging niemanden etwas an.

***
Drei Stunden später und 400 Euro ärmer gingen Frank und ich zu Fuß zum Gefängnis zurück.
Franks Handy brummte und er schaute sich die Nachricht an, die er bekommen hatte.
„Susanne Feites Zustand ist stabil. Sie hat überlebt.“ Informierte mich Frank. „Schemmlein hat bei der ersten Untersuchung alte Misshandlungsmerkmale gefunden. Trommer hat den Fall übernommen und überprüft das Urteil. Sie steht jetzt unter Betreuung und kommt aus der Todeszelle. Schemmlein hat dafür gesorgt, dass sie in ein Krankenhaus verlegt wird.“
„HMM.“
„Übrigens, die Waffenkammer, hat vor drei Tagen den Verlust einer schusssichern Weste gemeldet. Sag Randy, dass ich ihm die Weste von seinem Gehalt abziehe.“
„HMM.“
„Weißt du, dass ich zwei Wochen gebraucht habe, um herauszubekommen, was da läuft?“
„Du wusstest es?“ Fragte ich ungläubig.
Er blieb stehen und sah mich an. „Ich habe dir schon einmal gesagt, ich weiß, was hinter den Mauern meines Gefängnisses vor sich geht.“
„Und du hast nichts gesagt?“
„Peter, du bist mein Freund. Ja, ich habe lange überlegt, was ich tun soll, aber bis jetzt waren deine Entscheidungen immer richtig.“
Ich schwieg. Nichts was ich hätte sagen können, wäre der aufrechten Dankbarkeit, die ich gegenüber Frank empfand, auch nur annähernd gerecht geworden.
„Wie zum Teufel hast du das eigentlich gedreht?“ wollte er wissen.
„Schau dich um, wir leben und arbeiten in einem Gefängnis. Hier gibt es alles, was du brauchst. Passfälscher, Heiratsschwindler, Friseure, Visagisten. Die machen in ein paar Stunden einen ganz neuen Menschen aus dir.“
„Und wie geht es jetzt weiter? Was wird aus Sarah? Ich denke du weiß selber, dass dies erst der Anfang ist.“
„Ja. Es wird noch ein langer, harter Weg. Aber Sarah wird ihn gehen, zusammen mit Vera. Ich habe beide verloren, dafür haben die ihre Liebe fürs Leben gefunden.“
***

Jessika steckte gerade mit einen selbstzufriedenen Lächeln ihre to do Liste in den Aktenvernichter. Damit war der letzte Beweis auf Beate Fischers weiteres Leben vernichtet. Ein extra von Randy geschriebenes Programm, hatte fast alle E-Mails mit Bezug auf die Sache dauerhaft gelöscht. Bis auf die Mails von Trommer selbst. Schließlich kann man nie wissen. Sie löschte das Licht in ihrem Büro und schloss die Tür ab. Zeit nach Hause zu gehen. Im Flur kam sie an Veras Wohnungstür, hinter der Musik und Veras frohes Lachen zu hören war, in das Sarahs Lachen einfiel und sie kam an Decker vorbei, der gerade seine Runde machte.
„Gute Nacht, Wolfgang.“
„Gute Nacht Jessika. Ach ja… Gut gemacht!“
***

Das Unglück

Am Tag danach war etwas Erholung angesagt. Für den Nachmittag war ein Besuch im hiesigen Sportstadion angesagt. Dort fand heute das große Benefizspiel statt, von die Zeitungen voll waren. Vor drei Monaten gab es in der Weststadt einen verheerenden Hausbrand, bei dem mehrere Angestellte der Verwaltungen umkamen. Viele Familien wurden da auseinandergerissen. Das Leid war unglaublich. Weil auch vom Radio und von der Presse einige Leute umkamen, hatte man ein Benefizspiel organisiert, das die Betroffenen finanziell zumindest etwas unterstützen sollten.
Und heute war dieses Spiel. Das große Stadion war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Da hatten die Verantwortlichen tief in ihre Trickkiste gegriffen, und alles, was zahlendes Publikum anzog eingesetzt. Während ich mich auf den Feierabend vorbereitete, rannte Decker an meiner Tür vorbei und rief mir zu „Die Haupttribüne ist eingestürzt, Hunderte Tote!“
Jessica sah mich mit offenem Mund an. „Da sind meine Nachbarn mit dabei, außerdem wollte doch Hannes mit seinen Sportlern da sein, oh mein Gott, wenn denen etwas passiert ist!“
Während von unseren Leuten keine Opfer zu beklagen waren, hatte sich im Stadion ein grässliches Unglück abgespielt. Da alle Plätze ausgebucht waren und auch einige Tausend Besucher über andere Wege in das Stadion gelangt waren, stürzte die überfüllte Haupttribüne ein.
In den kommenden Tagen zeigte sich, dass bei der Planung des riesigen Stadions gepfuscht wurde. Beim Bau des Stadions war wohl vieles andere nicht sauber gelaufen und das hatte sich heute katastrophal gerächt. Noch in der gleichen Nacht waren die ersten Beschuldigten vorläufig festgenommen worden.
Im Laufe der Ermittlungen wurde immer mehr klar, dass hier unglaublicher Pfusch getrieben wurde. Die Verhaftungen gingen weiter und immer mehr Verantwortliche wurden ermittelt. Im Volk brodelte es aber bereits und als angetrunkene Leute revoltierend das Auto des Platzwartes anzündeten, da geriet alles aus den Fugen. In dem Auto befand sich der Platzwart, mitsamt seiner Frau und den drei Kindern, die alle bei der Aktion verbrannten.
Das war der Punkt, an dem Trommer die Zügel in die Hand nahm, die vier Verantwortlichen in einem raschen Prozess schuldig sprach und öffentlich hängen ließ. Ab da kehrte wieder etwas Ruhe ein. Aber das Volk wollte Rache, diesmal aber über den besseren Weg, über die Gerichte. Es würde eine Prozesswelle folgen, das wurde uns allen schnell klar.
***

Der Aufbruch

Mr. Mc. Froody hatte sich die beiden vergangenen Stunden mit der wasserstoffblonden Frau beschäftigt und sich amüsiert. Nun wurde sie zu einer Limousine geleitet, mit einem Bündel neuer Dollarscheine in der Handtasche. Mit neuer Kraft und Tatendrang trieb John Allister Mc. Froody seine Bediensteten an. Zwei Dutzend fleißige Helferlein verstauen Kisten und Koffer in den bereitstehenden Trucks.
John Allister Mc. Froody war dabei den USA den Rücken zu kehren, bis er seine beiden Söhne gerächt hatte. Seine Karriere hier bei der CIA würde in einer Woche enden, dessen war er sich sicher, folglich machte er das, was er gelernt hatte, er machte sich aus dem Staub.
„Auf geht‘s, wir verlegen nach Europa, der nächste Halt ist der alte Herrensitz. Worrowitz, haben Sie das Vorkommando schon instruiert?“
„Ja Sir, Mr. Mc. Froody, die Besitzer wurden bereits gestern liquidiert, unsere Leute schalten bereits die Leitungen!“
***

Sarah

Was hatte ich mir bloß dabei gedacht? Ich stand seit einer halben Stunde im diesem blöden Stau. Statt uns ein Essen zu bestellen und liefern zu lassen, wollte ich selber etwas Tolles auf die Teller bringen. Da es uns noch zu heiß war, mit Sarah das Gefängnis zu verlassen und draußen herumzuspazieren, konnten wir nicht Essen gehen. Schließlich hatte Sarah noch keine Papiere, sondern lediglich den gefälschten Reisepass, welchen Jarvis für sie angefertigt hatte. Die Gefahr, dass sie in eine Kontrolle kam, war zu groß. Zumal immer noch Trommers Wachhunde um mich herum schlichen.
Jedenfalls mussten wir einen günstigen Moment abwarten, damit wir mit Sarah auf das Amt gehen konnten, und sie ihre neuen Papiere beantragen konnte. Wieder ging es ein paar Meter vorwärts und langsam kündigten blaue und gelbe Blinklichter an, dass ich mich der Unfallstelle näherte. Wieder schweiften meine Gedanken zu Sarah und Vera ab. Die erste Nacht hatte ich mich komplett zurückgezogen. Auf keinen Fall wollte ich die beiden stören. Sicher kamen Vera und Sarah auch ohne mich in dieser Nacht aus. Als ich morgens dann zu ihnen kam, saßen sie gemeinsam am Tisch. Sarah hatte wieder ihre farbigen grau-blauen Kontaktlinsen an, die Haare dunkelbraun gefärbt und ihr Gesicht mit Make-up so geändert, dass sie kaum noch Beate ähnelte. Während Sarah ein Lächeln aufsetzte, verfinsterte sich Veras Blick. Sie stand auf und stellte sich vor mich und in ihren Augen loderte Hass.
Ihre Mundwinkel zitterten, dann presste sie hervor: „Du mieses Arschloch!“ dann schlug sie mir mit voller Wucht ins Gesicht, doch noch in demselben Sekundenbruchteil änderte sich ihr Blick.
„Vera!“ Sarah war aufgesprungen und sprang auf sie zu.
„Weißt du was ich durchgemacht habe? Du… Du… Nein, tut mir leid. Peter es tut mir leid.“ Fing Vera an zu weinen und sie umarmte mich.
„Schon gut, Schatz.“ Hielt ich sie fest.
„Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist…“
„Ich schon. Lass es gut sein Liebes. Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich dich nicht eingeweiht habe.“
„Es gibt nichts zu verzeihen. Ich werde ewig dankbar sein.“
„Nein wir werden dir ewig dankbar sein.“, sagte Sarah.
„Das reicht jetzt! Ihr macht mich ganz verlegen.“
Wieder begann eine neue Phase in unserem gemeinsamen Leben. Natürlich wurde unter den Bediensteten über das „lasterhafte Trio“ geredet, doch keinem fiel auf, dass Sarah nicht Sarah, sondern Beate war. Eines jedenfalls war ein deutliches Plus. Da sich Sarah nicht mehr in der Wohnung verstecken musste, war die Anspannung um einiges gesunken und das ließen mich die beiden Rothaarigen, bzw. braunrote Schönheiten spüren. Keiner meiner Wünsche im Bett blieb unerfüllt.
Mittlerweile war ich nur noch wenige Meter von der Unfallstelle entfernt, die unser teures Essen kalt werden ließ und ich hätte schon längst die Unfallstelle passiert, würden die Fahrer vor mir nicht dauernd auf die Bremse treten, um zu gaffen. „Fahr du Idiot!“ rief ich, obwohl er mich nicht hören konnte, aber es verschaffte mir etwas Luft. Schließlich konnte ich die Unfallstelle passieren und aufs Gas treten, um das Essen wenigstens halbwegs warm zu meinen beiden Frauen zu bringen. Hätte ich, wie die anderen Fahrer vor mir, das Geschehen an der Unfallstelle begafft, wäre mir allerdings der Appetit vergangen.
***

Ein Unfall?

„Stein.“ Meldete ich mich am Telefon.
„Hallo Mister, alles klar, es interessiert mich nur.“
„Sherlock. Wie geht’s dir?“
„Hast du Zeit?“
„Klar, für dich immer, wann?
„Sofort!“
„Jetzt sofort?“
„JA, es sei denn du willst eine offizielle Ladung.“
Mein Magen krampfte sich zusammen. Hatte irgendjemand Lunte gerochen? Wusste Trommer etwa, dass ich ihn gelinkt hatte? Ich versuchte, meine coole Stimme beizubehalten.
„Ja, sofort ist ok. Das Schiller?“
„Ja, bis gleich.“
Mit einem mulmigen Gefühl fuhr ich ins Schiller. Was wusste Meyer? Was wusste Trommer? Die Tatsache, dass Meyer mich treffen wollte, ließ zumindest etwas Hoffnung. Trommer hätte sicher seine beiden Wachhunde geschickt, die mich mit bestimmt mit Freude auseinandergenommen hätten.
„Hallo Sherlock.“ Begrüßte ich Meyer.
„Hallo Herr Stein.“
„He, das klingt so offiziell.“ Versuchte ich, meine Unsicherheit zu überspielen.
„Ich bin auch zumindest halboffiziell hier.“
„Was habe ich denn ausgefressen?“ Mein Herz raste wie verrückt und der Schweiß lief mir in Strömen den Rücken herunter.
„Was hast du vorgestern Abend um 19 Uhr angestellt?“
„Wenn das ein Witz ist, warst du auch schon mal besser.“
„Ich meine es ernst! Also?“
„HHMM, ich habe gearbeitet und habe dann gegen 18 Uhr Schluss gemacht. Gegen 18 Uhr 30 hab ich hier im Schiller etwas zum Essen bestellt, es abgeholt und bin anschließend nach Hause gefahren.“
„HHMMM!“ Meyer sah mich durchdringend an.
„Und jetzt will ich wissen, was das soll!“
„Deine Handydaten sagen mir, dass du an der Unterführung zur Schnellstraße gewesen bist.“
„Klar war ich dort. Schließlich ist das der direkte Weg vom Gefängnis nach hier. Ich habe das Essen hier abgeholt und stand über eine halbe Stunde dort im Stau. Und?“
„Zufällig der Stau hier?“
Meyer legte mir ein paar Bilder auf den Tisch, die den Stau an der Stelle zeigten, in dem ich vorgestern gestanden hatte.
„Ja, und weiter?“
„Sie dir die anderen Bilder an!“
Ich nahm den Bilderstapel und schaute sie der Reihe nach durch.
„Das ist ein Stau wegen eines Unfalls. Ich verstehe immer noch nicht, was du von mir willst!“
„Sieh dir die anderen Bilder an.“
Ich blätterte die Bilder durch. Auf den nächsten war zu sehen, wie ein Kranwagen einen völlig zertrümmerten Wagen aus der Böschung hob. Die Heckpartie des Unfallwagens war noch ziemlich unversehrt und irgendwie kam mir der Wagen bekannt vor, aber es klingelte nicht. Dennoch fingen meine Nackenhaare an, sich zu sträuben. Ich legte das Bild weg und sah auf das nächste. Aus dem Fenster der Fahrerseite hing halb ein Körper heraus und aus dem Beifahrerfenster ein Arm.
Das nächste Bild ließ mein Herz einen Aussetzer machen. Das Foto zeigte den Fahrer, der aus dem Fenster hing. Es war Trommers Wachhund! Und der Beifahrer war mein anderer Freund!
„Ich sehe, du erkennst sie.“
„Ja, die beiden hatten schon immer einen sehr schlechten Fahrstiel.“
Meyer lachte trocken auf. „Ja vielleicht, wäre da nicht ein kleines Detail. Die beiden waren schon vor dem Unfall tot!“
„Was? Ich meine irgendwie sind sie ja bis hierhergefahren. Tot wird er kaum selbst gefahren sein.“
„Nein. Das ist ein erstklassiger Mord, der nur durch Zufall entdeckt wurde. Und jetzt rate mal, wer auf der verdächtigen Liste ganz oben steht.“
„Scheiße! Ich war es nicht! Ich habe die beiden vermöbelt, ja sogar zweimal, aber umgebracht habe ich sie nicht!“
„Nun, der Gerichtsmediziner sagt, dass den beiden von einem Profi das Genick gebrochen wurde und du bist doch darin sozusagen ein Experte.“
„Meyer, ich habe die zwei nicht umgelegt. Ich bin sicher, dass die Kameras im Gefängnis jeden meiner Schritte belegen können. Hier war die süße Blonde, die mich bedient hat. Und der Stau war ja schon da, als ich zur Unfallstelle kam.“
„Ich werde mir die Videos holen und ansehen. Du hältst dich in Reichweite, verstanden?“
Ohne dass er eine Antwort abwartete, stand er auf, sammelte seine Bilder ein und ging.
„Scheiße!“ murmelte ich leise. War das Zufall? Mit Sicherheit nicht! Hatte der Mörder der beiden es nur auf Trommers Wachhunde abgesehen, oder wollte man mir den Mord in die Schuhe schieben? Trommer war seit einer Woche der neue Generalstaatsanwalt. Er würde nicht gleich eine Kraftprobe mit mir suchen und eine Eskalation herbeiführen. Nein, Trommer würde sich erst einen „Dunstkreis“ schaffen, sich mit Jasagern und Speichelleckern umgeben. Erst wenn er fest im Sattel saß und nichts mehr zu befürchten hatte, dann würde er die Konfrontation suchen.
Blieb die Frage, wer und warum jemand Trommers Wachhunde ungelegt hat.
***

Sonderabzug

„Die Gebühr für ihre Dienstleistung wurde wunschgemäß auf ihr Konto transferiert, Monsieur.“
„Das habe ich gesehen, doch leider habe ich auch festgestellt, dass sie einen Betrag von 15% abgezogen haben.“ Stellte der alte Franzose fest.
Als er die Kontomeldung bekommen hatte, rief er sofort bei seinem Auftraggeber an.
Der Franzose hatte mittlerweile seine ganze Truppe in dem Waldhaus versammelt und untergebracht. Zwar waren die Verhältnisse etwas beengt, doch dafür waren sie abgeschieden genug, um nicht entdeckt zu werden.
„Ein Gerichtsmediziner hat festgestellt, dass ihre Kunden schon vor dem Unfall getötet wurden. Ich wollte einen einfachen Unfall, ohne große Ermittlungen, nun bin ich gezwungen umzudisponieren. Aus diesem Grund habe ich die 15% einbehalten. Ich hoffe, ich muss bei den folgenden Aufträgen nicht ebenfalls eine Summe abziehen.“
Der alte Franzose hielt den Hörer fest umklammert. Es stank ihm gewaltig, dass sein Auftraggeber so mit ihm redete. Doch seine Möglichkeiten waren begrenzt. Als Söldner hatte er einen Vertrag zu erfüllen. Ein Zurücktreten oder gar ein Scheiten würde ihn aus dem Geschäft werfen und das galt es, mit allen Mitteln verhindern.
„Nun, Monsieur, selbstverständlich sind die 15% gerechtfertigt. Ich bin jedoch sicher, dass sie bei den nächsten Aufträgen völlig zufrieden sein werden.“
„Das will ich hoffen!“ Antwortete sein Auftraggeber und beendete das Gespräch.“
„Merde!“ Fluchte der alte Franzose. So etwas durfte nicht noch einmal geschehen!
***

Perfekt

Selbstsicher kam Sarah aus der Kammer. Sie hatte gerade ihre erste Hinrichtung durchgeführt. Mit Bedacht hatte ich, in Rücksprache mit Frank, ihr einen Mörder zugeteilt, dessen Taten, denen ihres toten Ehemanns sehr nahekamen. Ohne zu zögern hatte Sarah ihm die Schlinge umgelegt die Falltür ausgelöst.
Frank war beeindruckt. Sarah hatte ihren ersten Test bestanden und Frank gab grünes Licht, Sarah zur Henkerin auszubilden. Zwar war Henker nicht unbedingt ihr Traumberuf, doch so hatten wir die Möglichkeit Sarah ein wasserfestes Umfeld zu bieten. Niemand wollte unbedingt eine Henkerin zur Freundin haben. Ihre Kontakte beschränkten sich anfangs auf uns und die anderen Bediensteten, so dass sie sich nicht verraten konnte.
Schließlich kam der Tag, an dem wir losziehen mussten, um Sarahs neue Papiere zu beantragen. Der Tag war ideal. Die Sommerferien hatten begonnen, es war ein Brückentag, die Sonne brannte und die Hälfte der Bediensteten würde im Urlaub sein. Der Rest würde nicht allzu viel Freude daran haben, alles genau zu prüfen.
Auch die Uhrzeit hatten wir in unsere Berechnung einkalkuliert. 11:45 kurz vor der Mittagspause. Dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl. Noch immer schwebte mir die Frage, wer Trommers Wachhunde umgebracht hatte durch den Kopf. Zusammen mit Vera und Sarah gingen wir durch die Pforte zum Tor des Gefängnisses. Als der Türöffner ertönte und ich die Tür öffnete, zögerte Sarah. Sie blieb stehen, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Vera fasste ihre Hand und zusammen verließ Sarah zum ersten Mal das Gefängnis, von dem sie dachte, dass sie es lebend nicht mehr verlassen würde. Für Sarah war es buchstäblich ein Schritt in ein neues Leben.
Wir fuhren auf das Rathaus und suchten die Stelle, bei der Sarah ihren neunen Ausweis beantragen sollte. Wie erhofft ging alles schnell und unkompliziert. Der Ausweis, den Jarvis hergestellt hatte, war erste Sahne und überstand die Prüfung durch die Beamtin. Sarah wurde ein vorläufiger Ausweis ausgestellt und bekam die Information, dass ihr neuer Pass in etwa zwei Wochen fertig wäre. Als wir das Passamt verließen und zum Wagen gingen, bat mich Sarah, kurz zu warten.
„Ich… Ich… Fahrt schon mal vor, ich komme nach.“
„Was ist Liebes?“
„Ich weiß nicht. Ich dachte, ich sterbe hinter den Mauern im Gefängnis. Ich dachte, ich sehe all das hier, nie wieder.“ Sarahs Augen wanderten durch die Umgebung. „Ich will es noch etwas genießen.“
Vera nahm wieder ihre Hand. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?“
Sarah lächelte sie dankbar an. „Das wäre schön.“
„Ok, ihr zwei Turteltauben, wir sehen uns zu Hause.“ Verabschiedete ich mich. Schließlich gönnte ich ihnen die Zeit zu zweit.
„Peter.“ Rief mich Sarah, als ich zum Auto gehen wollte. Ich drehte mich um und Sarah sah mir direkt in die Augen. „Danke.“
„Genießt den Tag. Bis nachher.“ Ich musste tatsächlich schlucken. „Ich hab euch lieb.“
***

Verschwunden

Tel Aviv
„Was gibt es Neues, vom alten Franzosen?“ Fragte Dagan in die Runde.
Die einzelnen Abteilungsleiter berichteten über ihre neusten Erkenntnisse und langsam zeichnete sich ein Bild ab, das gar nichts sagte. Der Franzose und seine Truppe waren verschwunden! Sicher war lediglich, dass sie irgendwo in Deutschland untergetaucht waren.
Warum ausgerechnet Deutschland? Fragte sich nicht nur Dagan. Auch Lem und Levi hatten sich umsonst den Kopf zerbrochen. Welche Aufgabe gab es für eine Söldnertruppe in Germany? Einen politischen Umsturz schlossen alle aus und für einen Bandenkrieg war der Franzose zu teuer. Blieben allein ein oder mehrere Auftragsmorde. Doch wer sollte ermordet werden?
Frustriert löste Dagan die Stabsbesprechung auf und entließ die Abteilungsleiter, während Levi und Lem noch blieben.
„Lem, haben sie die Dossiers, um die ich sie gebeten habe?“
Lem legte eine dicke und eine recht dünne Akte auf den Tisch. Die Dicke schlug er zuerst auf.
„Ja, das ist das Dossier von Gerhard Trommer. Trommer strebt schon seit Jahren ein politisches Amt an. Wir beobachten ihn schon eine ganze Weile, da er sich mit außenpolitischen Themen beschäftigt. Seit kurzem ist er neuer Generalstaatsanwalt. Doch alle unsere Experten sind sich einig, dass dies nur eine Zwischenstation für ihn ist. Mit dem Posten als Generalstaatsanwalt konnte er sich in kurzer Zeit beim Volk sehr beliebt machen und sich so den nötigen Rückhalt für eine politische Karriere sichern.“
„Und was bedeutet das für uns?“
„Nun seine Aussagen, die er hinsichtlich unserer Politik bzw. der politischen Situation in unserer Region, sind mehr oder weniger neutral, und neigen eher zu unseren Gunsten. Wir könnten ihn als Freund bezeichnen.“
„Lem, sie sind ein schlechter Lügner. Was ist mit Trommer?“
Lem schob die Akte zur Seite und schaute kurz an die Decke.
„Ich weiß es nicht. Trommer ist ein geradliniger Politprofi. Er handelt immer zu seinem Vorteil. Er hat sich mit den richtigen Leuten umgeben und nach dem Prozess gegen eine ehemalige Geliebte haben seine Beliebtheitswerte in ungeahnte Höhen erreicht. Er ist jetzt genau dort wo er, seinem Plan nach, sein sollte. Doch irgendwie verhält er sich in letzter Zeit seltsam.“
„Seltsam?“
„Ja, er kappt Seilschaften, die ihm nützlich sein könnten, lässt Freunde versetzen, und schottet sich ab. Zwar macht er sich noch immer beim Volk beliebt, doch er missachtet geradezu dilettantisch die Regel, dass man, um nach oben zu kommen, die richtigen Freunde braucht. Irgendetwas ist mit Trommer geschehen und wir wissen nicht was. Das einzige Ereignis, von dem wir wissen, dass er involviert war, ist der Fischerprozess, den ihn nach oben gebracht hat.“
„Danke, setzen sie ein paar Leute mehr auf die Sache an. Wir müssen wissen, was auf uns zukommt.“
„Verstanden. Ich werde Abteilung neun mit einbeziehen.“ Lem verabschiedete sich und ging, nachdem er Levi das zweite Dossier zugeschoben hatte.
„Was macht unsere Wilde?“ Fragte Dagan Levi.
„Nun, Caroline hat Soulebda verlassen und ist in Deutschland angekommen. Unsere Quellen haben verlauten lassen, dass sie die Stelle als Henkerin bekommen wird. Entschieden hat das der Leiter des Gefängnisses, Frank Brauer.“
„Wird so etwas nicht im Ministerium entschieden?“
„Theoretisch schon, doch der Empfehlung von Brauer stellt sich niemand entgegen. Jedenfalls wird das hier Carolines neuer Chef. Peter Stein.“
Er öffnete das dünnere Dossier, welches Dagan überflog. Viel stand auch nicht darin. Seit über zwanzig Jahren bei der Justiz als Henker, hatte er sich seinen Verstand erhalten können. Außerdem war er in der Fischerangelegenheit als der ausführende Henker beteiligt. Dagans besah sich ein Bild, welches vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen wurde.
„HHMM. Das könnte Ärger geben.“
„Nun, der Mann scheint mit Frauen klar zu kommen. Zumindest umgibt er sich gerne mit ihnen.“
„Die Augen von diesem Stein. Er ist es gewohnt der Anführer zu sein. Caroline wird sich ihm nicht unterordnen.“
„Um Caroline mache ich mir da keine Gedanken, um diesen Stein schon eher. Entweder er arrangiert sich mit Caroline, oder er geht unter.“
Irgendein seltsames Gefühl beschlich Dagan, als er sich das Bild erneut ansah. Er konnte es nicht beschreiben, doch etwas sagte ihm, dass es diesmal nicht so einfach laufen könnte.
„Was mir Sorgen bereitet ist“, fuhr Levi fort, „dass sich Caroline auf einen Kreuzzug begibt, den wir nicht unter Kontrolle haben. Der alte Franzose und Caroline im selben Land, das kann nicht gut ausgehen. Außerdem haben wir Berichte erhalten, dass Mc. Froody untergetaucht ist und einen Rachefeldzug gegen Caroline führen will. Die Amerikaner haben zwei Spezialisten, einen Colonel Smith und einen Colonel Miller, beauftragt Mc. Froody aus dem Verkehr zu ziehen.“
Dagan ließ sich die Fakten noch einmal durch den Kopf gehen. „Colonel Smith und Colonel Miller, von denen habe ich etwas gelesen, das sind gute Leute.“ Dabei schaute er Levi an.
„Benjamin, ich hätte eine Bitte. Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn ich wüsste, dass jemand vor Ort ein Auge auf Caroline hält. Jemand, auf den ich mich absolut verlassen kann.“
Benjamin Levi grinste. „Bin schon unterwegs.“
***

Als Dagan allein war, sah er sich die beiden Dossiers noch einmal an. Ein aufstrebender Politstern der sein Verhalten ohne erkennbaren Grund ändert und ein Henker, der plötzlich eine wichtige Rolle in Carolines Leben spielen sollte.
Bestand da ein Zusammenhang? Etwas ließ seinen Spürsinn erwachen, doch er wusste nicht genau was. Fest stand nur, dass beide im Fischerprozess eine wichtige Rolle gespielt hatten. Dagans Interesse war geweckt und er würde an der Sache dranbleiben …
***

Verwaltungen

„Das interessiert mich einen Scheiß!“ sagte Frank recht unfreundlich ins Telefon. „Für mich zählt einzig die Leistung, die Frau Heller erbringt und die ist hervorragend. Frau Heller ist seit Jahren hier beschäftigt und leistet weit mehr, als in ihrem Vertrag steht. Ich lasse nicht zu, dass sie die Frau in eine Serviceeinheit stecken, wo sie nur die Hälfte verdient. Ende der Diskussion. Entweder sie behalten den Vertrag bei, oder ich finanziere das fehlende Gehalt aus ihren Haushaltsmitteln.“
Frank lauschte in das Telefon und sprach mit gleicher Lautstärke weiter: “Und ob ich das kann, sehen sie mal in die Haushaltsverträge und die Dienstvorschriften. Ich sehe wir verstehen uns. Ja, auf widerhören.“
Mit einem „Du mich auch!“ legte Frank den Hörer wieder auf.
„Die wollen unsere letzte Putzfrau, die noch bei uns angestellt ist kündigen, um sie in eine Servicefirma zu übernehmen, wo sie viel weniger verdient. Nicht mit mir!“ teilte er mir mit.
Seit Jahren wurde jede Reinemachefrau, die einen Vertrag mit dem Ministerium hatte und in Rente ging, durch eine Kraft ersetzt, die über eine Servicefirma eingestellt wurde ersetzt. Frau Heller war die letzte „ihrer Art“ und hatte Frank um Hilfe gebeten. Und Frank half! Das war etwas, das Frank zu einem sehr beliebten Chef machte.
„Zum Ersten werden zwei neue Reinigungskräfte in deinem Trakt anfangen.“
„Ok, gibt es auch neues Wachpersonal?“
„Ja, wir bekommen ein paar neue Leute. Decker hat so eine Art Casting veranstaltet und ein paar haben es tatsächlich ins Finale geschafft.“
Ich grinste und versuchte mir Decker als Juror vorzustellen.
„Dafür werden wir in der Verwaltung ein paar Stellen nicht mehr neu besetzten können. Das übliche eben. Zum Glück haben wir noch Sarah und ihre Nachfolgerin einstellen können.“
„Sarahs Nachfolgerin?“ fragte ich ungläubig.
„Peter!“ Frank sah mich verständnislos, ja schon fast wütend an. „Was soll das? Willst du eine Katastrophe herbeiführen? Sarah muss hier weg, und zwar so schnell es geht! Trommer ist der neue Obermacker und dauernd hier im Gefängnis unterwegs, um irgendwelche Vernehmungen durchzuführen. Was glaubst du, was geschieht, wenn ihm Sarah über die Füße läuft?“
„Aber…“
„Nichts aber! Du hast ein einmaliges Ding abgezogen, jetzt versau es nicht!“
Frank hatte Recht. Ich wusste, dass seine Sorge, Trommer könnte Sarah erkennen, nur allzu berechtigt war. Trommer kam mindestens zwei Mal die Woche ins Gefängnis um Verdächtige, die im TE Bereich saßen, zu vernehmen. Bis jetzt hatte mich Jessika immer rechtzeitig vorgewarnt und Sarah hatte sich unsichtbar gemacht. Doch was, wenn er einmal unangekündigt kam?
Doch das machte die Vorstellung, Sarah zu verlieren nicht besser. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
Was würde Vera tun? Würde sie bei mir bleiben? NEIN! Vera wird ihre Sarah nie mehr verlassen.
Sollte ich mit den beiden gehen? AUF GAR KEINEN FALL! Trommer würde mich immer mit Argusaugen beobachten und ich wusste, dass er nur auf die Gelegenheit wartete, um mich abzuschießen. Ich würde Sarah und Vera also nur in Gefahr bringen.
„Peter“, fuhr Frank fort, „ich würde Sarah wirklich gerne hierbehalten, aber es geht nicht. Es wäre eine Katastrophe mit Ankündigung.“
„Ich weiß ja, dass du Recht hast, aber das macht es nicht leichter.
„Hör zu, wir reden heute Abend darüber. Sag Jessika, sie soll auch kommen. Sie weiß ehe mehr als wir beide zusammen.“
„Ok.“ Ich stand auf. „Bis heute Abend.“
***

„Hier sind ihre Wohnungsschlüssel, Herr Becker.“
Benjamin Levi, alias Julius Becker, nahm die Wohnungsschlüssel seiner neuen Vermieterin entgegen. Beckers Gehalt als Abteilungsleiter, sein elegantes Auftreten, sowie seine entwaffnende Art sicherte ihm die Wohnung, für die sich auch drei andere Wohnungssuchende interessiert hatten. Das Apartment war voll möbliert, komplett eingerichtet und sündhaft teuer. Doch das spielte keine Rolle, denn als Levi aus dem Fenster sah, konnte er die Verwaltungsgebäude des Gefängnisses in unmittelbarer Nachbarschaft sehen.
***

Dankbarkeit

Vera hatte es an diesem sichtlich am Schwersten. Wir, das waren Sarah, Vera, Jessika, Frank und ich, saßen bis in die späte Nacht zusammen in Franks Büro. Am runden Tisch überlegten wir, wie es weitergehen sollte.
Frank hatte natürlich nicht einfach dagesessen und Däumchen gedreht. Auf sein Bitten hin, hatte Jessika ihre Kontakte genutzt und sich einen Überblick, über die die möglichen Stellen verschafft, die Sarah eventuell antreten könnte.
Wie es aussah, hatten wir Glück. Da Tanja Schiller jetzt im Gefängnis saß, wurde ihr Bezirk neu vergeben. Den Posten trat ein Henker an, dessen Bezirk am anderen Ende der Republik lag. Da es in diesem ländlichen Bezirk kaum Arbeit für einen Henker gab, ist dieser Bezirk noch unbesetzt geblieben und im Ministerium wurden Überlegungen angestellt, den Bezirk ganz aufzulösen.
Frank musste nur den richtigen seiner Freunde anrufen. Franks Freunde im Ministerium wussten ebenso wie er, war der Posten erst einmal weg, war die Stelle gestrichen und so wurde der Posten für Sarah frei.
Immer wieder blickte ich zu Sarah. Auch wenn sie ihr Äußeres verändert hatte, für mich blieb sie Beate, die rothaarige Schönheit in die eine Bestie schlummerte, die darauf wartete entfesselt zu werden, um das zu beschützen, was sie liebte.
Ich musste nicht überlegen, wie sich Vera entscheiden würde. Auch wenn sich Vera sichtlich schwertat, würde sie am Ende mit Sarah gehen. Seltsamerweise kam kein Funken Eifersucht in mir auf. Ich liebte die beiden und der Gedanke, dass beide unglücklich sein würden, nur weil Vera glaubte, sie sei es mir schuldig, hierzubleiben, kam nicht in Frage. Vera hatte den ganzen Abend kein Wort verloren. Sieh sah genau wie wir alle, die Notwendigkeit, Sarah aus Trommers Reichweite zu bringen, dennoch hieß es für sie, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Und die würde, ganz egal wie sie ausfiel, für einen Menschen den sie liebte sehr schmerzhaft sein.
Irgendwann weit nach Mitternacht, ließ Frank uns alleine. Es war alles gesagt und jetzt lag es an uns.
Jessika blieb noch einen Moment. „Ich habe eine Freundin von mir angerufen. Im dortigen Gefängnis wird auch eine medizinische Fachkraft gebraucht. Die Stelle ist zwar nicht ausgeschrieben, doch das bekommen wir hin. Überlegt es euch.“
Sie erhob sich und ließ uns drei mit unseren Gedanken zurück.
Als wir drei alleine waren, sagte keiner von uns ein Wort. Schweigend saßen wir da und keiner wagte den anderen anzusehen. Schließlich brach Vera als erste das Schweigen.
„Peter…“
„Nein“, unterbrach ich sie, „du musst dich nicht entschuldigen. Ihr liebt euch und ich werde eurem Glück ganz sicher nicht im Wege stehen. Im Gegenteil, ich freue mich wirklich, dass ihr euch gefunden habt.
Sarah“, ich sah sie an, „Seit Vera mit dir zusammen ist, blüht sie wirklich auf und ist viel glücklicher, als sie es mit mir jemals sein könnte. Und Vera“, ich wandte ich mich ihr zu, „Dein Herz hat längst eine Entscheidung getroffen. Akzeptier sie, genau wie ich es tue. Werdet einfach glücklich miteinander.“
Es war das, was ich dachte und ich meinte es so, wie ich es sagte, doch das Gefühl mir selbst das Herz herauszuschneiden würde sich sicher genauso anfühlen. Sarah ergriff Veras Hand und drückte sie, sah aber mich an. Da sie ihre Kontaktlinsen nicht trug, schimmerten ihre smaragdgrünen Augen.
„Du wirst immer bei uns willkommen sein.“
„Himmel, ihr macht es einem aber auch schwer. Schluss jetzt damit. Wir haben ja noch ein paar Tage und die werden wir nutzen. Ich erwarte, dass ihr eure Dankbarkeit im Bett zum Ausdruck bringt.“
Jetzt mussten die zwei lachen und Vera die erst Sarah anschaute und dann mich, meine nur: „Mal sehen wie viel Dankbarkeit du standhältst.“
***

Angekommen

„Ja, ich habe das Apartment gemietet.“ Meldete sich Levi bei Dagan.
„Wir haben erfahren, dass die CIA am Durchdrehen ist.“ Brachte Dagan Benjamin auf den neusten Stand. „MC. Froody hat sich abgesetzt. Der Agent, der ihn nach Langley bringen sollte, wurde tot im Potomac gefunden.
Die stellen gerade den ganzen Kontinent auf den Kopf, aber ich vermute, dass sich Froody in Deutschland befindet. Irgendjemand bei der CIA, scheint das auch zu glauben, denn diese Colonels Smith und Miller sind ebenfalls in Deutschland angekommen. Sobald wir wissen wo sich die beiden aufhalten, werde ich dir Bescheid sagen.“
„Wenn wir mit unserer Vermutung richtig liegen, dass Froody hinter Caroline her ist, wäre die beiden Verbündete.“
„Wenn es sich ergeben sollte, stelle ich es dir frei, mit Smith und Miller Kontakt aufzunehmen. Doch ich befürchte, denen geht es weniger um Carolines Sicherheit, sondern eher darum Froody zu erwischen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Caroline als Köder benutzen, um Froody hervorzulocken.“
„Gibt es etwas Neues, vom alten Franzosen?“
„Nein, der ist immer noch verschwunden. Allerdings sind zwei Polizisten ermordet worden. Irgendetwas sagt mir, dass das der Franzose war.“
„Das wäre ungewöhnlich. Ein ermordeter Polizist war wie ein Stich ins Wespennest. Gab es denn etwas Besonderes bezüglich der Polizisten?“
„Wir wissen lediglich, dass sie am Rand mit der Fischersache zu tun hatten. Anscheinend sind die beiden mit Peter, dem neuen Chef von Caroline, aneinandergeraten. Jedenfalls steht er auf der Verdächtigen-Liste ganz oben.“
„Glaubst du, er hat die zwei umgebracht?“
„HHMM, nein. Keine Ahnung wieso, doch ich glaube es nicht, aber behalt ihn dennoch im Augen, nicht dass Caroline in Gefahr läuft zwischen die Fronten zu geraten.
„Gut, ich werde mir ein Bild von diesem Henker machen und melde mich dann wieder.“
„Tu das, ich habe hier Team 7 aktiviert. Sobald du mich rufst, werde ich mit dem Team in sechs Stunden bei dir sein.“
***

Während Benjamin Levi und Dagan sich darüber Gedanken machten, ob ich die Polizisten umgebracht hatte oder nicht, wurde unser Gefängnis umzingelt. Neben Levi wurden drei weitere Beobachtungsposten rund um das Gefängnis besetzt.
***

Noch ein Besucher

„Ich frage mich, wie viel so ein Konsul verdient.“ Sagte Dave Miller zu seinem langjährigen Freund Mike Smith, als er aus dem Bad kam.
„Auf jeden Fall mehr als du.“ Antwortete Mike. Er stand am Fenster eines großen Penthauses und sah sich mit dem Fernglas das Gefängnis an. Neben ihm hatten die zwei noch ein Teleskop aufgebaut, um noch besser die Vorgänge im Gefängnis beobachten zu können. Ihr Hauptaugenmerk lag aber im Bereich vor dem Tor. Sollte Mc Froody herkommen, dann würde er wahrscheinlich eher auf dem Parkplatz oder der Zufahrtsstraße erscheinen.
Da in Langley blanke Panik herrschte, rief der stellvertretende Direktor Rush, selbst bei Konsul Niles an, und der stellte sein Penthaus selbstverständlich zu Verfügung, aus dem Mike und Dave jetzt nach MC Froody Ausschau hielten.
Als es klingelte, schaute Dave durch den Türspion und öffnete die Tür.
„Agent Sally Clifford, und Agent Will Share.” Stellten sich die zwei vor. Dave, dem man schon in Washington die Akten der beiden gegeben hatte, ließ die zwei in die Wohnung.
Als sich die Tür hinter den beiden schloss und Mike sich vorgestellt hatte, ergriff Sally das Wort.
„Sir, was zum Teufel geht hier vor sich. Man hat uns mitten aus einer laufenden Operation herausgezogen. Wir haben einen Drogenring infiltriert und standen unmittelbar vor dem Zugriff. Die deutschen Behörden waren schon alarmiert und der standen bereit und jetzt wurde alles abgeblasen, mit der Weisung, wir sollen uns sofort bei ihnen melden.“
„Nun ja, ich habe für meine Operation die besten Leute angefordert, die zu Verfügung stehen. Anscheinend sind sie das.“
„Scheiße Sir, ich habe über ein Jahr gebraucht um in diesen Drogenring zu kommen. Ich habe mir den Arsch aufgerissen und jetzt ist alles umsonst gewesen! Was ist so verdammt wichtig?“
„Dave, erkläre du es ihr.“
***

Mc Froody

Der von Dave und Mike gesuchte Mc Froody war ganz in der Nähe. Lediglich 500 Meter Luftlinie lagen zwischen ihnen. Auch er beobachtete das Tor des Gefängnisses. Seine Freunde hatten ihm mit allen Informationen versorgt, die für ihn wichtig waren. So wusste er, dass sich Smith und Miller an seine Fersen geheftet hatten und ebenfalls in der Stadt ihr Unwesen trieben. Die Frage war wo, die zwei sich aufhielten.
Als Profi wusste er natürlich, dass die beiden damit rechneten, dass er das Gefängnis beobachten würde und die Wohnungen, sowie die Häuser, die neu vermietet, bzw. gekauft wurden als erstes unter die Lupe nehmen würden.
Aus diesem Grund hatte seine Wohnung den Besitzer nicht gewechselt. Der lag mit durchschnittener Kehle in seiner Badewanne und störte MC Froody nicht im Geringsten.
Immer dann, wenn Jemand durch das Tor des Gefängnisses trat, schaute Froody durch sein Fernglas. Da kam ein Rotschopf und sofort krampfte sich sein Magen zusammen, doch es war nicht diese Henkerin, die er erledigen würde, es war die Freundin des Henkers, der mit Caroline Miles zusammenarbeiten würde. Er musste also nur diesen und diese Rothaarige im Auge behalten, Früher oder später, würde Caroline Miles auftauchen und in ihr Verderben laufen.
***

Der dritte Beobachtungsposten hatte eine weniger spektakuläre Aussicht. Er lag in einer kleinen Gartenlaube, versteckt unter Bäumen, dafür weniger als 70 Meter von der Mauer des Gefängnisses entfernt.
„Et voila.“ Voller Stolz drehte Korporal Fillier den Bildschirm etwas, so dass Dunant einen Blick darauf werfen konnte.
Fillier hatte sich in das WLAN Netz des Gefängnisses gehackt und sich zugriff auf den Server beschafft.
„Gut gemacht, Korporal.“ Lobte ihn Dunant. „Jetzt wollen wir mal sehen. Wir brauchen Zugriff auf bestimmte Akten. Können sie einen Filter benutzen?“
„Sicher Sergeant. Welche Suchwörter soll ich benutzen?“
„Urkunden und Dokumentenfälschung, Benutzung falscher Identität, Betrug.“
„Das wird wohl die halben Insassen betreffen. Kann ich die Auswahl noch weiter eingrenzen?“
„Suchen sie nach Häftlingen, die während der letzten sechs Monate entlassen wurden oder in den nächsten Wochen freikommen. Wichtig ist die Wohnadresse, welche sie bei der Entlassung angegeben haben.“
„Gut, das dürfte zu schaffen sein.“ meinte Fillier und machte sich an die Arbeit.
***

Ein heißes Eisen

„Hallo Mister, es interessiert mich nur.“
„Soll ich jetzt Hallo Sherlock, oder guten Tag Herr KHK Meyer sagen?“
Meyer stand in der Tür zu meinem Büro und trat ein.
„Nimm Sherlock, tust du sonst auch.“
„Na dann, hallo Sherlock.“
„Wir haben dein Alibi auseinandergenommen. Sieht gut für dich aus. Dein Chef hat uns alle Videos gegeben und die sagen, dass du tatsächlich bis um 18Uhr35 hier gewesen bist. Auch die niedliche Blonde aus dem Schiller erinnert sich an dich.“
„Habe ich dir doch gleich gesagt. Und schon eine Spur, außer mir?“
„Nein.“
„Macht dir Trommer die Hölle heiß?“
„Nein, und das bringt mich wieder zu dir.“
„Verstehe ich nicht.“
„Trommer hat die Nachricht über den Tod der beiden kommentarlos aufgenommen. Er hat eine Sondergruppe beauftragt die Fakten zusammenzutragen. Und jetzt rate mal wer Leiter der Sondergruppe ist.
Richtig Trommers Schoßhund, der schon Beate Fischers Ermittlungsbericht geschrieben hat.“
„Das heißt, du bist raus, aus der Sache?“
„Exakt.“
„Und was treibst du jetzt hier bei mir?“
„Ganz einfach. Auch wenn die beiden Idioten waren, sie waren Polizisten, ich mag es nicht, wenn Kollegen ermordet werden. Trommer, du und die Zwei Wichser hattet etwas miteinander zu tun, ich will wissen was.“
„Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich die beiden vermöbelt habe, das ist alles.“
„Mich interessiert, warum Trommer dir die beiden auf den Hals gehetzt hat. Was hast du getan? Geht es um die Fischer-Sache?“
Jetzt kam ich wieder in Bedrängnis. Was sollte ich Meyer sagen? Klar geht es um Beate, doch ich konnte Meyer ja schlecht einweihen.
„Trommer wollte sichergehen, dass ich seine Karriere nicht gefährde, also hat er mir die Beiden, sozusagen als Warnung, geschickt.“
„Und? Hast du seine Karriere gefährdet?“
„Ich bin doch nicht verrückt und lege mich mit dem Generalstaatsanwalt an. Nein, ich habe getan, was er wollte und das war es.“
„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du mich genauso anlügst wie Trommer. Ich behalte euch im Auge.“ Meyer stand auf.
„Sherlock“, sagte ich, als er die Tür erreicht hatte, „ich sag es dir nochmal, ich habe damit nichts zu tun, doch wenn tatsächlich Trommer dahintersteckt, dann pass auf dich auf. Wer immer die zwei umgelegt hat, er wird auch vor dir nicht zurückschrecken.“
Meyer musterte mich nochmals, sagte aber kein Wort und ging hinaus.
Als ich alleine war, überschlugen sich meine Gedanken. Verdammt. Wenn Trommer wieder die Ermittlungen in die falsche Richtung lenkte, wie er es bei Beate getan hatte, dann verhieß das nichts Gutes. Frank hatte Recht, Beate, nein Sarah musste, so schnell wie möglich hier weg!
„Hallo Bad-Man, hast du eine Minute?“ Ich schaute auf und sah Hannes in der Tür stehen.
„Klar.“ Ich schob die Gedanken beiseite und forderte Hannes auf näher zu kommen. Was gibt´s?“
„In drei Tagen ist doch das Benefizspiel und ich wollte wissen, ob du vielleicht Zeit hast.“
„Das Benefizspiel?“
„Ja schon vergessen? Stand in der Rundmail neulich. Wir wollen der Familie helfen, die vor vier Wochen bei einem Hausbrand ihren Vater, Haus und alles andere verloren hat.“
„Ach ja, ich erinnere mich.“ An das Spiel hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Der Vater war beim Brand umgekommen, und die Frau stand mit ihren fünf Kindern ohne Dach über dem Kopf da. Ein Freund der Familie hatte gute Beziehungen zum Präsident des hiesigen Bundesligisten und zusammen hatte man ein Benefizspiel organisiert, bei dem Freunde und Bekannte der Familie gegen den FC spielten.
Hannes war jedenfalls mit dabei und hatte mich gefragt, ob ich auch Zeit hätte.
„Sorry, ich habe an dem Tag ein paar Termine, die ich nicht verschieben kann.“
„Macht nichts.“ Meinte Hannes. „Wir haben noch genug Ersatzspieler.“
„Welche Position spielst du denn?“
„Sturm natürlich.“
Die Verteidiger des FC taten mir jetzt schon leid. Dieser Riese würde sich nicht einfach bremsen lassen. „Halt dich zurück. Die Halbfinalspiele in der Pokalrunde stehen an. Wenn du die Spieler des FC platt machst, lynchen die Fans dich.“
„Ach ich werde mich schon durchsetzen können, ohne dass ich sie von den Beinen hole. Ok, ich mach mich wieder zu Decker auf, nicht dass er mich suchen kommt.“
„Ich wünsch euch viel Glück und gewinnt! Moment.“ Ich fischte meinen Geldbeutel aus dem Schreibtisch, holte einen 50 Euro Schein heraus und gab ihm Hannes. „Wenn ich schon nicht mitspiele, helfe ich wenigstens so.“
„Wow.“ Hannes schaute den 50er an. „Bist viel zu gut für die Welt, Bad-Man.“
War ich das? NEIN VERDAMMT! Ich bin der Bad-Man, der Böse und allmählich wurde es Zeit den Bösen in mir wieder an die Oberfläche zu lassen. Trommer und Meyer versuchten, mich in die Ecke zu drängen, in die ich nicht wollte. Zeit ihnen zu zeigen, dass sie sich mit mir besser nicht anlegen sollen!
Doch zuerst musste Sarah hier weg, dann würde ich mir Trommer vornehmen!
***

Der Abschied

Wir schlenderten durch den Stadtpark.
„Ich will unsere letzten gemeinsamen Stunden nicht hier verbringen, lasst uns draußen etwas unternehmen.“ Hatte Vera Sarah und mir mitgeteilt.
Während der letzten Tage hatten die beiden schon fast ihre ganzen Sachen in ihr neues Zuhause transportieren lassen und lediglich ihr Handgepäck und zwei kleine Koffer blieben noch übrig und die standen schon am Bahnhof und warteten.
Heute hieß es Abschied nehmen.
„Gehen wir im Park spazieren.“ Schlug Sarah vor.
Als wir zum Parkplatz gingen, fuhr Hannes gerade zu seinem Benefizspiel los.
„He ihr zwei, seid ihr später gegen 20 Uhr noch da?“
„Leider nein, unser Zug fährt schon früher.“
Hannes stieg in seinem roten Trikot aus und umarmte die beiden nacheinander. „Ich vermiss euch jetzt schon. Aber ich denke, man sieht sich irgendwann wieder.“
„Bestimmt mein Großer. Pass mir auf den da auf.“ Vera zeigte auf mich.
„Keine Sorge, der halben Portion passiert nichts, solange ich in seiner Nähe bin.“
Vera gab ihm einen dicken Kuss und Sarah schloss sich an.
Unweit vom Bahnhof schlenderten wir zwischen den anderen Menschen durch und genossen unsere letzten gemeinsamen Minuten. Wie verliebte Teenager hielten Vera und Beate Händchen. Nein, korrigiere ich mich immer wieder, Vera und Sarah.
Verdammt, ich hätte nie geglaubt, dass es mir so schwerfallen würde die beiden ziehen zu lassen.
Unsere Beziehung, die als „ganz normale“ Hinrichtung begann, hatte sich zu einer heißen Dreierbeziehung entwickelt, bei der kein Wunsch offenblieb. Besonders im Bett war es ein einmaliges Erlebnis, zwei Sklavinnen zu haben, die einen so richtig verwöhnten.
Tja, und das alles war in wenigen Augenblicken vorbei.
„Einen Augenblick Liebes.“
Vera nahm mich an die Hand und zog, mich etwas zur Seite.
„Danke, danke für alles.“
„Schon Ok. Pass auf euch und besonders auf Sarah auf. Du musst ein Auge auf sie halten. So ein Cup gelingt nur ein einziges Mal im Leben. Sie wird bei der einen oder anderen Aufgabe an ihre Grenzen stoßen, hilf ihr, diese zu überwinden und halte die Bestie in ihr zurück.“
„Mach ich. Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Ich weiß. Es war eine schöne Zeit mit dir. Und auch eine schöne Zeit mit euch.“
„Jetzt mach es nicht schlimmer, als es schon ist.“ Erwiderte sie und wischte sich weinend die Tränen weg.
Sarah kam dazu und weinte jetzt genauso wie Vera. „Ich liebe dich Peter. Danke.“
„Schon gut, das reicht. Und jetzt haut endlich ab.“
Vera und Sarah liefen zusammen ein paar Meter, dann drehten sie sich ein letztes Mal um, winkten sie mir noch einmal zu und liefen Hand in Hand in Richtung Bahnhof.
Zum tausendsten Mal fragte ich mich, ob ich begann weich zu werden.
Nein, nicht weich, sondern einsam…
Niedergeschlagen machte mich auf den Rückweg zum Gefängnis. Um den Kopf wieder frei zu bekommen, konzertierte ich mich auf die kommenden Tage.
***

Verwarnt

„Herr Stein, wir hätten ein paar Fragen an sie.“
Ich saß zwei Männern und einer Frau gegenüber. Auch wenn es sich um ein etwas größeres Büro handelte, ich saß da, wie auf einer Anklagebank.
„Betreffen diese Fragen meine Person oder Handlungen meinerseits? Falls ja, würde ich das Heranziehen eines Rechtsbeistandes in Erwägung ziehen.“
„Nun, es betrifft die Vorgänge in ihrem Büro, bei der Generalstaatsanwalt Trommer zugegen war. Selbstverständlich steht es ihnen frei jederzeit einen Anwalt hinzuzuziehen.“
„Ach.“ Seufzte ich. „Was soll es? Schießen sie los.“
„Wie konnte Beate Fischer erst sieben Monate nach ihrem offiziellen Tod sterben?“
„Frau Fischer starb offiziell erst an diesem Tag. Ein anderes Sterbedatum, wurde von mir nie vermerkt.“
Das stimmte, denn bei Beates Scheinhinrichtung, hatte ich das Sterbedatum offengelassen.
„Ihre Pressestelle hat den Tod von Frau Fischer schon am 5 März bekannt gegeben.“
„Nun, die Meldung war wohl übereilt, ich habe diese auch nicht veranlasst und sah auch keine Notwendigkeit dies zu berichtigen.“
„Uns interessiert, wie es zu einer solchen Schlamperei kommen konnte.“
-Und mich interessiert, wieso mich niemand von euch auf meine, unter Eid, getätigte Aussage anspricht, in der ich im Prozess gegen die Strass erklärt hatte, dass Beate am 4 März gestorben war.-
Die Antwort lag auf der Hand. Dadurch, dass viele Leute den Vorfall in meinem Büro mitbekommen hatten, musste Trommer reagieren und einen kleinen Ausschuss bilden der mit Sicherheit genau diese Frage vermeiden sollte.
Denn würde ich jetzt einen Anwalt hinzuziehen, und erklären, dass diese Aussage mit Trommer abgesprochen war, käme der Ausschuss nicht daran vorbei dem nachzugehen. Trommer wusste genau, dass ich es nicht darauf anlegen und die Pille hier schlucken würde.
Die Mistkerle hier, würden mir einen bösen Finger zeigen und Trommer würde noch den Deckel auf der Sache lassen.
ABER! Und das war die gute Nachricht dahinter, Trommer hatte keine Ahnung, dass ich ihn hereingelegt hatte. Wüsste er, dass Beate noch am Leben ist, würde ich in Handschellen hier sitzen. Also würde ich mitspielen…
„Selbst Profis wie mir, unterlaufen Fehler. Allem Anschein nach, wurden Akten vertauscht, bzw. Berichte in falsche Akten abgeheftet, was dazu führte, dass Frau Fischer unter, bereits hingerichtet, geführt wurde.
Glücklicherweise, ist das nur in dieser Richtung möglich, nicht umgekehrt.
„Sie geben also zu, dass ihnen in dieser Sache ein grober Schnitzer unterlaufen ist?“
„Solange sie es nicht „Vorsatz“ nennen, können sie es bezeichnen wie sie wollen. Aber ja, ich habe es verbockt.“
Ich wurde gebeten draußen einen Moment zu warten, während sich die Ausschussmitglieder berieten. Nach weniger als 20 Minuten wurde ich wieder hereingebeten.
„Herr Stein, wir sind zu der Entscheidung gekommen, dass es durchaus menschlich ist, Fehler zu machen, jedoch ist das Ausmaß dieses Fehlers hoch. In Rücksprache mit Generalstaatsanwalt Trommer, werden sie hiermit offiziell gerügt.
Die Rüge wird in ihrer Personalakte vermerkt werden.
Sie haben natürlich das Recht gegen diese Entscheidung ein Rechtsmittel einzulegen.“
-Und ihr könnt mich am Arsch lecken. Wenn ihr wüsstet… –
„Vergessen sie es. Machen sie ihren Eintrag und sein sie glücklich damit. Sind wir fertig?“
***

Mit einer verdammt großen Wut im Bauch fuhr ich zurück zum Gefängnis. Fast hätte ich den roten Mini gerammt, der auf meinem Parkplatz stand, als ich mit Schwung auf meine Lücke zusteuerte. Ich konnte mein Auto gerade noch rechtzeitig anhalten.
Das brachte das Fass zum überlaufen. “So eine Scheiße!“ Schimpfte ich lauthals los und sah, eine gutaussehende Rothaarige, die aus einem Fenster der Verwaltungsgebäude heruntersah und sich darüber köstlich amüsierte.
Immer noch schimpfend suchte ich einen anderen Parkplatz, der natürlich ganz am anderen Ende des Parkplatzes lag und ging zurück in mein Büro.
Jessika war schon lange da und hatte mir den Schreibtisch voll mit Akten gepackt, aber mir auch einen Tasse Kaffee dazu gestellt.
Kaum saß ich am Tisch, da wurde mir die Leere, die hier herrschte bewusst.
Keine Vera und auch keine Vera, die irgendwann im Laufe des Tages zu mir kommen würde. Und auch keine Sarah, die mit ihrem offenen Lachen hier vorbeisehen würde.
Jessika riss mich aus dem Grübeln, als sie sich ebenfalls mit einer Tasse Kaffee in der Hand, zu mir setzte.
„Mir fehlen sie auch.“
„Was? Ah, die beiden. Egal, nehme ich halt was Neues.“
„Schon klar. Bad-Man. Wie war die Anhörung?“
„Hab eine offizielle Rüge bekommen, sie geschluckt und ihnen gesagt, sie können mich mal.“
„Peter, ich bin stolz auf dich.“
„Wieso?“
„Du hast gelernt, wann es besser ist den Mund zu halten. Aber hier das wichtigste für Heute: Die Neue ist da, ihre Akte liegt auf dem Tisch, und bevor du zu ihr gehst, sollst du bei Frank vorbeischauen.“
„Die Neue?“
„Ja doch. Die neue Henkerin.“
Aja, Ich erinnerte mich. In all der Aufregung hatte ich die Neue ganz vergessen. Wie immer hatte es eine Flut von Bewerbern gegeben und Frank hatte mich nach meiner Meinung gefragt.
Ohne das ich beschreiben konnte, hatte diese Miles etwas, dass mich dazu brachte, sie als Favoritin für den Job vorzuschlagen.
Wie üblich war Frank meinem Vorschlag gefolgt und hatte Caroline Miles gegen alle anderen Stimmen durchgesetzt.
Ich holte die Akte vom Tisch und schaute sie noch einmal durch.
Caroline Miles, 32 Jahre, keine Familie. Soweit die Zahlen. Die letzten Jahre hatte sie auf einer Südseeinsel, ich musste den Namen zweimal lesen, Soulebda, gearbeitet.
Soulebda? Da kam letztens etwas darüber in den Nachrichten, eine Revolte oder so etwas. Das wichtigste aber war, dass Caroline Miles fertig ausgebildet war und sie brauchte sicher nur eine kurze Einarbeitungsphase.
Ich versuchte es, jedem meiner Delinquenten so leicht wie möglich zu machen, doch das klappt nicht, wenn du im Hinterkopf hast, dass du jetzt schon unter Zeitdruck stehst, da noch zwei Hinrichtungen durchzuführen sind. Unweigerlich würde ich dann wieder an jenen finsteren Punkt, wie vor 20 Jahren kommen, der meine Seele auffressen wollte.
Also kam mir eine weitere Henkerin gerade Recht, zumal sie allem Anschein nach, ein heißer Feger zu sein schien. Unwillkürlich musste ich grinsen.
Das Bild in der Akte zeigte eine attraktive rothaarige Frau mit graublauen Augen mit einem Grünstich, wenn auch nicht so grün wie die Augen von Beate. Doch auch wenn es ein typisches Bewerbungsfoto war, die Braut sah verdammt heiß aus.
STOPP gefällt sie dir nur, weil sie, wie sie Vera und Sarah rothaarig ist? – drängte sich die Frage in mein Gehirn. –oder gefällt sie dir wirklich? –
Nein, die Frau hatte zwar auch rote Haare, doch das schien auch die einzige Gemeinsamkeit.
Ich versuchte, Carolines Aussehen neutral zu bewerten. Die Braut sah nicht gut aus. Nein, sie sah richtig geil aus!
Jessika sah mir zu, während ich die Akte studierte. Als ich sie zuklappte, sah sie mich zweifelnd an.
„Was ist?“ Fragte ich.
„Sie ist keine Vera und auch keine Sarah!“
„Das weiß ich.“
„Ich erwähne es nur, weil ich dein Grinsen gesehen habe.“
„Ich habe nicht gegrinst.“
„Mir kannst du nichts vormachen, ich kenne dich viel zu gut. Ich weiß nur zu gut, dass sie genau dein Typ ist. Und jetzt mach dich auf den Weg zu Frank.“
Seufzend kam ich Jessikas Aufforderung nach. Jessika hatte es erkannt. Caroline gefiel mir, dennoch kam ich mir, gegenüber Vera, wie ein Verräter vor.
***

„Eine Rüge?“ Fragte Frank, der mit Sicherheit schon wusste, wie die Anhörung ausgegangen war.
„Ja.“
„Vergiss sie. Thekla hat sie, aus Versehen natürlich, in den Aktenvernichter gesteckt.“
„Danke. Aber ganz ehrlich… Frank, ich frage mich, wie lange ich den Job noch machen soll und ob ich dich nicht vielleicht um einen Job in der Verwaltung bieten sollte, dann wäre mich Trommer los und du würdest nicht zwischen die Fronten geraten.“
„Wenn du das in Erwägung ziehst, dann muss ich dir zum jetzigen Zeitpunkt eine Absage erteilen. In den nächsten Monaten wird einiges auf uns zukommen. Ich kann dich jetzt nicht entbehren. Erstens muss Caroline Miles eingearbeitet werden, zum anderen bekomme ich nicht schon wieder Mittel eine neue Stelle zu besetzen.
„Gut. Ich gehe aber davon aus, dass meine Wünsche, nicht der Grund für meine hier sein sind.“
„Nein, ich hatte gerade das Vorstellungsgespräch mit der neuen Henkerin.“
„Caroline Miles?“
„Genau.“
„Und?“
„Sie ist keine Vera!“
„Himmel, fang du jetzt nicht auch noch an. Ich brauche kein Mitleid. Weder von dir, noch von sonst jemanden.“
„Ich will dich nicht bemitleiden, ich will dich warnen.“
Jetzt wurde ich vorsichtig. Frank warnte niemals ohne Grund.
„Warnen? Wovor?“
„Vor ihr. Caroline Miles ist eine Killerin.“
„Das verlangt der Job, deswegen ist ja hier.“
„Nein, sie ist echte Killerin. Die Amis haben sie aus dem Land gejagt. Weißt du was man als Henker anstellen muss, damit das passiert?
Caroline Miles wird sich dir nicht einfach unterordnen. Diese Frau ist ein Alfa Weibchen und du bist da… nennen wir es, wenig flexibel.“
Da musste ich auflachen.
„OK, ich werde mich bemühen sie nicht gleich bei der ersten Gelegenheit umzubringen.“
„Die erste Gelegenheit, wirst du gleich haben. Ihr werdet auf Trommers Wunsch gemeinsam an einem Termin teilnehmen.“
„Ein Termin mit Trommer?“
„Offiziell geht es um einen Serienkiller, aber in dem Termin wird es noch um mehr gehen. Besonders danach.“
Ich schaute ihn an und hob fragend die Augenbrauen.
„Du bist nicht der Einzige, der Informanten hat. Caroline Miles wird im Anschluss noch ein Einzelgespräch mit unserem Generalstaatsanwalt haben, bei dem es um dich gehen wird.“
„Um mich?“
„Er wird ihr auftragen, dich im Auge zu behalten.“
„Warum sollte Trommer das tun?“
„Das weißt du genau. Es hat genug Gerüchte über Beate gegeben. Warum glaubst du denn, ist er bei dir aufgetaucht und hat Beate selbst erschossen? Warum hat er dir im Ausschuss heute klar gemacht, dass er dich beobachtet? Er kann es dir zwar nichts nachweisen, aber er traut dir auch nicht. Für ihn ist Caroline ein Geschenk. Sie ist von außerhalb und hat keine Verbindungen zu irgendeinem von uns. Tu dir selbst einen Gefallen und mach dir Trommer nicht noch mehr zum Feind. Sei nett zu Caroline.“
„Ich werde mein Bestes geben. Noch etwas, dass ich wissen sollte.“
„Ja, und das hat es in sich.“ Er griff zum Telefon, und wählte eine Nummer.
„Du kannst kommen.“ Sagte er nur und leget auf.
Eine Minute später erschien Mike, von der Presseabteilung.
„Hallo Bad-Man. Na, wie ist das Singleleben?“
„Könnte kurz sein, da ich aufgehängt werde, weil ich einen Pressefuzzi erschlagen habe.“
Mike grinste breit und setzte sich.
„Sagt dir der Namen Fransiska Haufberger etwas?“
„Haufberger… Ja, und ob mir das etwas sagt. Sie ist doch die Pressetante, die Trommer so in den Himmel lobt.“
„Nicht nur das, sie ist auch Reporterin bei ACP. Ihre Spezialgebiete sind Korruption und behördeninterne Schweinereien. Nachdem Brandanschlag mit den zwei Toten, hat Trommer sie zu sich gerufen und arbeitet seitdem mit ihr zusammen. Regelmäßig treffen sich die beiden und tauschen sich untereinander aus. Und das meine ich durchaus ernst…“
„Du willst sagen, die beiden haben was miteinander?“
„Bestätigt ist das nicht. Aber durchaus möglich. Denn es kam nie ein Wort der Kritik an Trommers Person in der Zeitung. Fransiska wird euch dabei über die Schulter sehen, damit Trommer der ganzen Welt zu zeigen kann, wie konsequent die Justiz arbeitet.“
Das konnte ja heiter werden. Meine zwei Frauen weg, kein Parkplatz, eine neue Henkerin die Probleme hat sich unterzuordnen und mich eventuell bespitzeln soll und eine Reporterin, die mit dem Generalstaatsanwalt was am Laufen hat, der mich abschießen wird, sobald er mich nicht mehr braucht.
Kann der Tag denn noch besser werden?
JA!
„Übrigens, Decker hat mir, unter Zwang, berichtet, dass du die letzten Termine für die Selbstverteidigung geschwänzt hast. Du weißt, was ich davon halte. Ab jetzt kein schwänzen mehr, Klar?!“
„Klar.“
„Dann los, damit unser hoch geschätzter Generalstaatsanwalt nicht warten muss.“
Auf den Weg durch die Empfangshalle ließ ich mir noch einmal die ganzen Informationen durch den Kopf gehen. Das würde heiter werden, doch ich nahm mir fest vor, es mit Caroline nicht schon gleich zu Beginn zu verscherzen. Es schien mir wichtig, mit Caroline klar zu kommen.
Gleichzeitig musste ich auf der Hut sein. Sie durfte nie hinter Beates Geheimnis kommen. Schon gar nicht wenn sie für Trommer spionieren sollte. Bleib cool und nett, versuchte ich mich, zu beruhigen. Wenn die Infos über Caroline tatsächlich stimmten, würde sie kaum Trommer nach dem Mund reden oder sich bei ihm einschleimen.
Ich erreichte die Halle und fragte die diensthabende Beamtin, ob Caroline schon da wäre.
Die zeigte mir eine Frau und ich erkannte die Rothaarige, die sich über meinen geklauten Parkplatz so köstlich amüsiert hatte.
War ja klar. Egal, bleib freundlich.
Mit einem entwaffneten Lächeln ging ich auf sie zu.
***

Caroline

„Caroline Miles? Ich bin Peter Stein, der Leiter des Frauentrakts. Willkommen in unserem kleinen Reich.“
Caroline war aufgestanden und musterte mich kühl, von oben nach unten.
Frank hatte Recht, Caroline hatte die Augen einer Killerin. Graublau mit einem Grünstich und sie musterte mich kalt.
WOW was für eine Frau! Sie war genau so groß wie ich, schlank aber nicht dünn, mit Kurven an den richtigen Stellen. Sport war für sie ganz klar kein Fremdwort. Caroline war durchtrainiert und hatte trotz ihrer C-Möpse einen drahtigen Körper.
Die gelockten Haare waren feuerrot und gingen über die Schulter hinaus und nicht einmal Sarah kam an dieses feuerrot heran.
Sie hatte sich mit einem kurzen Rock, sowie einer feschen Bluse gekleidet und trug dazu elegante, aber bequeme Schuhe.
Alles in allem, ein Prachtweib.
„Genug gesehen?“ riss sie mich aus den Gedanken.
Ich grinste.
„Ich weiß nicht, ich könnte noch etwas hinsehen.“
Sie warf mir einen finsteren Blick zu.
„Wir sollten gehen. Trommer hasst es, wenn man zu spät kommt.“ Sagte ich zu Ihr. „Vielleicht können wir uns auf dem Weg zu ihm ja noch etwas kennen lernen.“
„Sie scheinen, was Zuspätkommen betrifft weniger Hemmungen zu haben, sie sollten schon seit einer viertel Stunde da sein.“
„Ich muss mich entschuldigen, aber da steht jemand auf meinem Parkplatz.“
Als sie sich umdrehte, sah ich, dass sie sich neu eingekleidet hatte, denn auf ihrem Rücken klebte noch ein kleines Preisschild.
Ganz der Gentleman entfernte ich es, ohne sie darauf hinzuweisen.
-Das wird nicht einfach…-
***

Der neue Start

Fünf lange Jahre war ich dem Inselstaat Soulebda als die staatliche Henkerin verpflichtet, jetzt war es Zeit eine andere Gegend zu besuchen. Das lag einerseits an den gedungenen amerikanischen Jagdhunden, die mir in Soulebda aufgelauert hatten und die ich ausschalten musste, aber auch an den Informationen über einen eiskalten Killer, den man nur als „den alten Franzosen“ kannte. Dieser hatte meinen Verlobten eiskalt ermordet.
Dieser Schweinehund von einem Killer hatte sich nach Deutschland abgesetzt. Da kam mir die Ausschreibung hierher gerade recht. Diesmal eben kein Sonnenbad aber auch keine Mückenschwärme die dir das Blut aus den Armen saugen und keine Tausendfüßler in Zigarrengröße.
Ob ich allerdings den alten Franzosen in Deutschland je treffen würde, war mehr als fraglich. Während des langen Fluges hatte ich mich mit meiner Sitznachbarin angefreundet, einer Physikerin, die in den Süden Deutschlands musste. Unsere Konversation war ergiebig, lustig und ansteckend, bei der Landung hatte sich die halbe Businessklasse in uns verliebt.
Ehe es zum Vorstellungsgespräch ging, musste ich mich noch neu einkleiden, irgendwie waren meine Koffer auf dem Weg nach Ulan Bator und ob ich die jemals wiedersehen würde, war mehr als fraglich. Nach dem Einkaufstrip ging es dann endlich zur Verwaltung meines zukünftigen Arbeitgebers.
Parkplatzmangel sollte also ab sofort zum Standard gehören, aber einen schönen Platz fand ich dann dennoch, stellte meinen Mini Cooper ab und ich wurde im Eingangsbereich freundlich empfangen. Da ich etwas zu früh war, wartete ich in einer Sitzgruppe und entfernte noch eben ein zwei Preisschilder an meiner neuen Kleidung, die ich übersehen hatte. Schließlich fiel mir attraktiver Mann mittleren Alters auf, der sich herrlich über die Unsitte der Parkplatzräuberei ausließ, offenbar hatte es ein Besucher sich erlaubt auf seinen doch deutlich ausgeschilderten Privatparkplatz zu stellen. Dass mich das amüsierte fiel ihm offenbar auf und der Blick den ich erntete, war recht böse.
Als er mit der Empfangsdame sprach und sie darauf auf mich zeigte, kam er auch direkt und recht forsch auf mich zu. Er stellte sich als Peter Stein vor und war mein avisierter Gesprächspartner für heute. Er entschuldigte sich für die Verspätung aber irgendein Unmensch hätte sich doch tatsächlich auf seinen Parkplatz gestellt und so musste er irgendwo, ganz weit weg einen anderen suchen. Auf dem Weg zum Aufzug zeigte er auf meinen Mietwagen und identifizierte ihn als den Übeltäter.
Ich stellte mich Peter als Caroline Miles vor und stellte gleich klar, dass ich nicht die CEP von Save the Children sei, sondern dass sie nur den Namen mit mir teilte. Peter musterte mich aber sehr genau, so als ob ich für ein Casting angereist sei und er versteckte seine Blicke keineswegs. Selbstsicher war er also auf jeden Fall.
„Habt ihr hier keine Parkplatzordner? Hier stehen auf den Gästeparkplätze Fahrzeuge quer und blockieren diese für Gäste, da kann es rasch zu Überraschungen kommen.“ und zog meine linke Augenbraue leicht hoch.
An seinem Blick war zu erkennen, dass es in Peter bereits grübelte, und ich war am überlegen, ob ich es wagen sollte, mal zu sehen wie weit ich gehen könnte, oder mich doch etwas zurückhalten sollte.
Noch ehe ich etwas sagen konnte, sah ich in den verspiegelnden Fenstern, dass er an meiner Bluse offenbar noch ein Preisschild löste, welches ich übersehen hatte. Ohne einen Ton zu sagen löste er es ab und sagte keinen Ton. Da steckte offenbar doch ein Gentleman drin. Dann stiegen wir in den Aufzug. Einige Männer stiegen hinzu und ein junger Mann sprach sogleich Peter an.
„Hey Bad Man, hast du die rothaarige klasse Braut gesehen, die sich bei der Parkplatzsuche auf deinen Platz stellte, die war ja mal so was von scharf und…“ Da sah er mich an, stotterte kurz, lief knallrot an und schwieg augenblicklich. Sein Blick blieb allerdings auf mir ruhen. Sein knallrotes Gesicht hatte etwas Bübisches. Ich blickte ihn länger an, dann zu Peter und sagte mit Blick zu Peter, „So viel zum Thema Parkplatzordnung.“ Und ein leichtes Grinsen zeigte sich in Peters Gesicht.
Einige Etagen später stieg der junge Mann aus, musterte mich nochmals komplett, bis sich endlich die Tür schloss. Dann stieg eine junge Blondine, in Begleitung eines Angestellten des Hauses hinzu. Ich hörte aus dem Gespräch, dass sie auch zu Generalstaatsanwalt Trommer wollte und sich als Vertreterin der überregionalen Presse dort melden sollte.
Auf ihrem Namensschild stand zu lesen „Fransiska Haufberger, Reporterin ACP“. Peter musterte die Dame nur leicht.
Ich selbst wurde von der Blondine genau gemustert, ihr Mustern fiel mir natürlich auf und als ich sie ansprach, aus welchem Fachbereich der schreibenden Zunft sie sei, kam nur ein hochnäsiges. „Verdeckte Ermittlungen und Spezialaufgaben, ich muss hier herausfinden, ob sich ein massiver Schwindel abspielt, doch was geht Sie das an?“
Mit meinem Blick zu Peter meinte ich nur „Nichts, aber wenn Sie verdeckte Ermittlungen durchführen, weshalb sagen Sie es dann ausgerechnet mir?“
Die Blonde war nun offenbar verschnupft und zählte konzentriert die Nieten in der Verkleidung des Aufzuges. In der obersten Etage angekommen, wollte sie nach links, ihre Begleitung zog sie aber sanft in den rechten Gang „Hier entlang bitte Frau Haufberger“.
Wir folgten ihnen, da wir auch zu Herrn Trommer mussten. An der Tür zu Trommer angelangt schaute sich die Blonde genervt zu uns um. „Sagen Sie, folgen Sie mir etwa?“ und Peter antwortete, „Nein – Sie gehen nur vor exakt uns her!“
Dann traten wir zu Trommer ein.
Generalstaatsanwalt Trommer
Das Türschild wies auf einen machtbesessenen Menschen hin. Die Schriftart war eindeutig eine Stufe größer als die restlichen Schriften im Haus, er hatte es also offenbar nötig größer zu wirken. Der Raum war ein schier riesiger und nobel ausgestatteter Raum mit edlen Möbeln bequemen Sesseln und zwei Tischen. Einem für große Besprechungen und einen kleineren Tisch für bis zu 8 Leute. Hinter dem mächtigen Schreibtisch thronte Generalstaatsanwalt Trommer und davor saßen noch zwei Anzugträger der gehobenen Gehaltsklasse.
„Ah da sind Sie ja“, sprach Trommer und kam auf uns zu.
Ganz gentlemanlike begrüßte er uns und wies uns die zugedachten Plätze am Konferenztisch zu. Lediglich Peter wurde mit einem finsteren, ja bösen Blick begrüßt und ansonsten ignoriert.
„Dann darf ich die Herrschaften miteinander bekanntmachen, hier zu meiner linken Herr Oberstaatsanwalt Klauber, mein Nachfolger und zur rechten Herr Müller von der internen Ermittlung.
Keine Sorge, wir haben nichts gegen Sie vorliegen.“ Und lächelte süffisant. „Frau Fransiska Haufberger von der ACP. Ihr Spezialgebiet sind Korruption und behördeninterne Aufklärungen.“
Frau Haufberger stand kurz auf und nickte freundlich sachlich und setze sich wieder brav.
„Als letztes noch unsere neu gewonnene Henkerin, Frau Caroline Miles. Sie war die letzten Jahre in den USA und in der Südsee als Henkerin eingesetzt und es haben sich bei der Aktendurchsicht noch ein paar Ungereimtheiten ergeben, die wir hier und heute gerne mit Ihnen klären würden, Frau Miles.“
Alle Augen richteten sich auf mich und auch ich stand kurz auf und grüßte die Anwesenden.
Trommer fuhr fort: “Der Inselstaat Soulebda scheint sie ja ganz schön gefordert zu haben. Gab es da, zum Ende Ihrer Zeit, nicht auch einen Aufstand, der mit Gewalt zerschlagen wurde und waren Sie bei der Zerschlagung nicht auch selbst beteiligt?“
Wieder wanderten die Augen zu mir.
„Das ist korrekt, in der Tat gab es im letzten Halbjahr einen Aufstand einiger größer Gruppen, welche auch den Präsidentenpalast angegriffen hatte, dabei geriet auch der Präsident und seine Gattin, die Regentin, mit einigen Gästen in Gefangenschaft, aus der sie dann aber rasch befreit wurden und…“
„Entschuldigen Sie Frau Miles, ich lese hier im Statement des Präsidenten, dass er sie als die treibende Kraft bei seiner Befreiung bezeichnet.“, entgegnete mir Oberstaatsanwalt Klauber und fuhr fort.
„Im Laufe der Befreiung wurden auf der Angreifer Seite über 128 Personen zu Tode gebracht – und sehr viele starben wohl durch sie, außerdem werden sie hier als eine Art Amazone beschrieben, bitte erklären Sie das!“
„Nun die Sicherheitskräfte hatten bereits die meisten der Angreifer erschossen, ich war zu der Zeit beim Präsidenten und seiner Gemahlin eingeladen und hatte nur mit einigen wenigen Kämpfern zu tun, die schnell ausgeschaltet werden konnten.“
„Frau Miles hier steht 128 Tote und die meisten von ihnen verursacht.“
„Ja, der Palast war gut zu verteidigen und die Angreifer waren offenbar keine so guten Kämpfer, denke ich und ich habe da vermutlich nicht die meisten ausgeschaltet.“ Die Männer wechselten einige Blicke und Trommer übernahm wieder.
„Frau Miles, der Präsident schreibt hier auch von fünf Angreifern, die zeitgleich zu Tode kamen und von drei weiteren, die sie im Nahkampf ausgeschaltet hätten, hmmm, welchen Kampfsport üben Sie gerade nochmal aus?“
Wahrheitsgemäß antwortete ich „Krav Maga.“
„Seit wann betreiben sie diesen aggressiven Sport?“
„Seit etwa 20 Jahren, ich stamme aus Israel, und dort ist das eher eine Art Volkssport.“
„Aha – deswegen trainieren auch die besten Sondereinheiten diese Kampfkunst. Wieso kamen die Angreifer eigentlich so schnell ums Leben?“
„Die ersten fünf haben sich abgeseilt und ich konnte sie nacheinander erschießen und die restlichen drei habe ich dann im Nahkampf niedergestreckt.“
„Verstehe“ sagte Trommer und machte einen Haken auf seinen Notizen „Wo haben Sie eigentlich das Schießen gelernt Frau Miles?“
„Unter anderem in Amerika, bei einer kleineren Sondereinheit.“
„Frau Miles, in Ihren Unterlagen steht, dass Sie, als Ausländerin, auch eine Ausbildung bei einer Special Forces Einheit durchliefen, ist das so?“
„Dazu möchte ich keine Angaben machen, wenn das öffentlich ist, dann steht es sicherlich auch in meiner Akte und wenn nicht, dann sollte ich besser schweigen, Sie verstehen sicherlich, auch bei Ihnen gelten die Geheimhaltungsklauseln.“
Trommer hielt ein ziemlich dickes Pamphlet in den Händen, an vielen Stellen war es geschwärzt, es bestand fast mehr aus schwarzen Seiten, als aus Text und er fragte, „Diese Unterlagen hier? Ein Kilo geschwärzter Seiten. Da hat das Kohlepapier meiner Sekretärin ja mehr lesbaren Text.“ Damit warf die Akte auf den Tisch. „Typisch Amerikaner, für die ist alles geheim.“ Dabei grinste er.
„Aber egal, das betraf ja nur die militärische Schiene, nun zum zivilen Teil. Wieso besteht gegen Sie ein Einreiseverbot in die USA Frau Miles?“
„Während meiner mehrjährigen Tätigkeit als Henkerin in den Staaten, hatte ich auch die Söhne eines hohen Geheimdienst Beamten hinzurichten. Das Urteil hatte Bestand, wegen der unglaublichen Schwere der Taten. Also führte ich die Weisung des obersten Gerichtes aus.
Als die Söhne am Seil hingen, kam der Vater hinzu und drohte mir, dass, sobald er Minister wäre, die Jagd auf mich beginnen würde. Ich zog es dann vor, dieses ehrenwerte Land schnellstens zu verlassen. Einen Monat später wurde der Mann in das sehr hohe Amt berufen und der Rest steht in meiner Akte.“
„Verstehe“ sagte Trommer, schaute zu seinen beiden Beisitzern und als diese nickten, wurde sein Blick wieder deutlich freundlicher.
„Gut Frau Miles, das passt zu unseren eigenen Erkenntnissen, ich begrüße Sie also nochmals herzlich in unseren Reihen.“
Trommer setzte sich wieder bequemer hin.
„Nun zu etwas anderem. Wir hatten in der letzten Zeit mehrfach Gerüchte, dass es in unserem Strafvollzugssystem ein paar Ungereimtheiten gibt. Das prüfen wir und wollen auch externe Kräfte hinzuziehen. Aus diesem Grunde hat sich auch Frau Haufberger hier eingefunden, sie wird uns die kommenden Jahre unterstützen, damit es keine weiteren Gerüchte mehr gibt.
Frau Haufberger untersteht direkt mir und ich berichte dem Ministerium. In dieser Zeit wird sie in Ihrem Gebäudetrakt untergebracht.“ Dabei schaute er siegessicher Peter an.
Dieser Blick von Generalstaatsanwalt Trommer war eiskalt und berechnend. Egal was früher zwischen ihm und Peter Stein war, hier lag blanker Hass in der Luft. Das spürte ich sofort.
Ein kleiner Blick zu Frau Haufberger und ihr Leuchten in den Augen beim Anblick von Trommer machte mir auch klar, da lief was zwischen den beiden. Die anderen Beamten schienen allerdings aufrichtig zu sein, auf jeden Fall hieß das für mich die Augen aufhalten.
In Peters Augen sah ich nur etwas Lauerndes, der Mann wusste sich offenbar zu wehren. Ich hatte nur keine Informationen, weshalb ausgerechnet der Generalstaatsanwalt ein Auge auf ihn geworfen hatte. Aber noch ehe ich die eine oder andere Richtung verfolgen konnte, begann urplötzlich der Routinebetrieb. Herr Klauber berichtete, was sich gerade so tat. Noch während Klauber sprach und die ersten Unterlagen verteilte, fielen mir einige Dinge auf. Trommer ließ seinen Blick auf zwei Menschen ruhen und nahm ihn nicht von diesen weg, der eine war Peter Stein, die andere Person war die Reporterin.
Der zweite Ermittler, Herr Müller, von der internen Ermittlung, war aufgestanden und sprach von einer schonungslosen Aufklärung und dass kein Pardon gegeben würde. Außerdem brachte er diese Reporterin ins Rennen. Sie stand auf und da war es auf einmal, dieser verräterische Blick, ein Blick den sich zwei Menschen zuwarfen, die sich nähergekommen waren und glaubten, dass die restlichen Menschen das nicht mitbekämen. Dieses kleine gemeine Funkeln in deren Gesicht. Ich sah es genau und Peter Stein hatte, mich im Blick und hatte das Gleiche erkannt, wie ich auch.
Doch dann begann die Reporterin. „Ich werde selbstverständlich objektiv aber auch schonungslos berichten. Sollte ich den Eindruck haben, dass hier etwas anders als rechtens abläuft, werde ich dieses schonungslos offenlegen. Ansonsten freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen allen. Besonders sie, Frau Miles, möchte ich noch einmal herzlich willkommen heißen.“
Wenn ich etwas hasste, dann solch ein offenes Geschleime, doch ganz Profi wollte ich höflich reagieren, aber es kam anders. Trommer brachte eine Frage auf und in dem Raum stürzte die Temperatur urplötzlich und mindestens 10 Grad.
„Was macht übrigens ihre Kollegin Frau Schlosser?“ Die beiden anderen Beamten vertieften sich in den Akten, dafür grub sich der Blick der Haufberger in Peter Steins Gesicht.
„Frau Schosser hat ihre Ausbildung mit Bravour abgeschlossen. Zu meinem Bedauern wurde sie versetzt. Doch der Bezirk, den Frau Schlosser jetzt betreut, musste dringend neu besetzt werden.“
Generalstaatsanwalt Trommer filetierte Steins Gesicht. Irgendetwas war da abgegangen, so spricht nur jemand, der etwas ahnt. Zwischen den beiden herrschte eine Eiszeit, das war klar und ich kam genau hier dazwischen. Das konnte interessant werden, oder ganz schnell wieder vorbei sein.
„Sagen sie ihr einen schönen Gruß von mir, und dass ich hoffe sie bald wieder zu sehen.“ Die Besprechung war beendet, man verabschiedete sich. „Frau Miles, wenn sie noch einen Moment Zeit hätten?“ Hielt mich Trommer zurück.
„Ich warte draußen.“, kam von Peter Stein, in seinen Augen war eine Mischung aus Hoffnung, Hass und etwas das ich nicht einordnen konnte.
Trommer schloss die Tür und wir waren allein.
„Noch einmal Frau Miles, seien Sie bei uns herzlich willkommen. Wie Sie gesehen haben, gibt es auch bei uns Vorfälle, die man nicht immer mit der Waffe lösen kann. Sie lösen jetzt ja unsere bisherige Henkerin, Frau Schlosser ab, eine Frau die auch ihre Geheimnisse innehat.“
Er musterte mich eine Weile, kam aber zu keiner klaren Meinung über mich, das merkte man dem Mann an. Er war von sich so etwas von überzeugt und gleichzeitig stank er förmlich vor Arroganz, der Mann war gefährlich, das war mir klar.
„Frau Miles, ich möchte, dass Sie eine interne Bewertung über Kollegen Stein erstellen. Das machen wir immer so, schließlich sind wir hier Profis und als solche erwarte ich eine professionelle Beurteilung von Herrn Stein durch Sie. Ist das ein Problem?“
„Nein eine professionelle Bewertung sollen Sie erhalten, verfügen Sie über passende Formulare oder hat das frei zu erfolgen?“
„Ich würde mich über freie Formulierungen freuen, das gibt eine gewisse Form der Stilfreiheit, wenn Sie verstehen. Bitte nehmen Sie dieses Kurz Memo über diese beiden Frauen, das Memo verlässt den Raum nicht, ich möchte auch dass Sie Informationen über diese beiden Frauen aus Stein der Bewertung hinzufügen. Nun lesen Sie!“
Während ich las, orientierte ich mich in dem großen Zimmer.
Trommer stand am anderen Tisch und schaute angeblich auf einige Fallakten, tatsächlich checkte er auf einem der anderen Bildschirme und ließ die Gesichter der beiden Frauen laufend vor- und zurücklaufen, ganz so als suchte er etwas, schien es aber nicht zu finden.
Aus den großen Fenstern hatte man einen guten Blick auf die ganze Anlage, ich sah gute ausgebildete Wachen und aus zwei Häusern, die an die Anstalt grenzten, schauten Gesichter zu uns herüber, Gesichter, die keine Anfänger waren, aber offensichtlich nichts mit der uns hier zu tun hatten.
Aus Soulebda hatte ich gelernt, schnell viel zu sehen und zu verstehen und hier kamen keine guten Bilder auf. Das Zimmer von Trommer schien zwar sauber, aber der Access Point an der Decke blinkte mir etwas zu heftig. Hier war noch etwas ganz anderes am Laufen.
Nach einer knappen Viertelstunde verabschiedete mich Trommer sehr kühl und überfreundlich und schloss die Tür hinter sich. Draußen stand Peter Stein auf und kam lächelnd auf mich zu.
„Wer ist Sarah Schlosser?“ War meine klare Frage an ihn.
„Eine Kollegin, die ich ausgebildet hatte. Sie war übrigens auch in den Staaten als Henkerin tätig.“ Das beeindruckte mich keineswegs, in den Staaten gab es hunderte Henkerinnen und Henker.
„Und wer ist Beate Fischer?“ Dabei sah ich ihn genau an. Sein Gesicht war glatt, nicht heimtückisch, eher vorsichtig abschätzend. Peter Stein schluckte nicht einmal bei der Antwort. „Beate war eine verurteilte Mörderin, die hingerichtet wurde.“
Irgendetwas lief hier nicht rund, hier gab es zu viele Stolpersteine, mehr als üblich in einer solchen Anstalt, das war nun klar.
Also musste ich meinen Platz klarmachen, denn ich hatte keine Lust mich erneut mit gedungenen Schergen der CIA anzulegen. „Damit das klar ist. Mir gefällt es hier. Und ich habe keine Lust Ärger zu bekommen, nur weil du irgendwelche krumme Dinger drehst.“
Sein Gesicht blieb freundlich aber sehr beherrscht. „Ich drehe keine krummen Dinger. Ich erledige lediglich meinen Job. Und ich bitte dich nur dasselbe zu tun.“ In Peter Stein bebte es, das merkte ich, aber er hatte keine richtige Wut auf mich, da war noch etwas anderes und er versuchte es freundlicher mit einer sogar angenehmeren Stimme. „Lass uns zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.“
Der letzte Mensch, der mir so etwas gesagt hatte, versuchte eine Stunde später, meiner geliebten Penelope die Kehle aufzuschlitzen, also machte ich innerlich dicht.
„Ich arbeite nur für mich, und wer mir im Weg steht, den mache ich fertig.“
Damit ließ ich ihn stehen und ging zum Aufzug. In der Zwischenbebe stieg ich aus und schaute nach unten. Trommer stürmte mit seinen beiden Lakaien aus dem Gebäude, offenbar war er so richtig böse geladen.
Einige andere Bedienstete sahen ihm nach, das zeigte kein gutes Bild von ihm. Andere beachteten ihn gar nicht. Am Empfang aber stand die Dame von vorhin und beobachtete mich genau. Diese Frau war gut, das sah man auf den ersten Blick. Egal, jetzt war ich hier und jetzt musste ich hier zurechtkommen.
***

Als Caroline Miles im Aufzug verschwunden war, wurde mir klar, um was es hier ging. Hier ging es um mein Leben. Und sollte Beates Geheimnis zu Tage treten, ging es sprichwörtlich ums Überleben. Doch, trotz all dem Ärger, begann in mir die Wut Oberhand zu gewinnen. Vor einer Stunde wäre ich noch bereit gewesen meinen Platz zu räumen und mir einen ruhigen Job in der Verwaltung zu suchen, um dann langsam auf die Pension zuzugehen, doch jetzt wurde ich offen herausgefordert.
Ich schwor mir weder vor Trommer, seiner hergelaufenen Reporterin oder anderen Ärschen den Schwanz einzuziehen. Sie alle sollten den bösen Henker Peter kennenlernen.
Caroline schien mir noch das kleinste Problem. Dennoch… Was hatte sie getan? Einen Aufstand im Alleingang beendet? Wie viele Angreifer hatte sie niedergemacht? Welchen Kampfsport beherrschte sie?
Das fehlte mir gerade noch, eine Killeramazone. Naja, wenigstens würde Decker seine Freude an ihr haben. Doch sie schien auch sehr klug zu sein und sicherlich war Caroline klar, dass die Haufberger auch über ihre Tätigkeit berichten würde. Sie würde sich also, in dem Krieg, den mir Trommer gerade erklärt hatte, zumindest vorerst, neutral verhalten.
Dennoch war sie ein gefährliches Raubtier, das auf Beute aus war. Und diese Beute war sicher ich.
Hurra, der Tag hatte beschissen angefangen und wurde immer beschissener.
Frank würde richtig begeistert sein. Nicht nur dass Beates Damoklesschwert über mir, und damit auch zumindest teilweise über ihm schwebte, nein jetzt sollte die Haufberger auch noch herumschnüffeln und über alles berichten…
„An dieser Stelle darf ich das Wort an Frau Haufberger weitergeben.“ Schloss Trommer.
Die stand auf. Genau wie an Beates ersten Prozesstag, verriet auch diesmal ein sekundenbruchteillanger Augenkontakt zu Trommer die Beziehung der beiden.
Auch damals hatte Trommer mit seiner damaligen Geliebten, Petra Strass, dem angeblichen Opfer, einen kurzen Augenblick Blickkontakt gehalten und sich verraten. Carolines Augen wurden schmal. Sie hatte es also ebenfalls bemerkt. Gut so.
„Ich werde selbstverständlich objektiv aber auch schonungslos berichten. Sollte ich den Eindruck haben, dass hier etwas anders als rechtens abläuft, werde ich dieses schonungslos offenlegen. Selbstverständlich erst nach Rücksprache mit ihnen.“ Sie schaute zu Trommer.
– Klar erst nach Rücksprache mit dir! – Ich hätte kotzen können. Trommer wusste, dass er Oberwasser hatte, und ließ es mich spüren. Haufberger hatte nur eine einzige Aufgabe, sie sollte mich demontieren.
Mike hatte die Situation richtig eingeschätzt. Die Prozesse gegen die Schuldigen der Katastrophe waren meine letzte Schonfrist. In der Zwischenzeit würde die Haufberger genug Material sammeln, damit mich Trommer im Anschluss bequem loswerden konnte.
Die Frage war lediglich ob ich den Knast in Zukunft von außen oder von innen sehen würde.
„Ansonsten freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen allen. Besonders sie, Frau Miles, möchte ich noch einmal herzlich willkommen heißen.“
Mir wurde fast übel. So ein Geschleime. Wenigstens schien Caroline es auch nicht zu gefallen, dass sich die Haufberger dermaßen bei ihr einschleimen wollte. Auch wenn sie freundlich lächelte, ihre Augen blieben frostig.
„Was macht übrigens ihre Kollegin Frau Schlosser?“ Fragte Trommer ganz nebenbei.
Während Klauber und Müller unbeteiligt blieben, bohrten sich die Augen der Haufberger in mich hinein. Trommer hatte ihr also alles gesteckt.
Alles was Trommer noch brauchte, um mich endgültig abzuschießen, war ein handfester Beweis.
– Da könnt ihr lange warten -.
„Frau Schosser hat ihre Ausbildung mit Bravour abgeschlossen. Zu meinem Bedauern wurde sie versetzt. Doch der Bezirk, den Frau Schlosser jetzt betreut, musste dringend neu besetzt werden. Aus diesem Grund habe ich Frau Miles vorgeschlagen.“
Er sah mich finster an. „Ja, ich habe die Versetzung von Frau Schlosser mit Interesse mitverfolgt. Sagen sie ihr, bei nächster Gelegenheit, einen schönen Gruß von mir, und dass ich hoffe sie bald wieder zu sehen.“
Caroline war die eisige Stimmung, die zwischen uns herrschte nicht entgangen.
Die Besprechung war beendet und wir alle standen auf, um zu gehen. Das hieß alle, bis auf Fransiska Haufberger.
„Frau Miles, wenn sie noch einen Moment Zeit hätten?“ Hielt Trommer Caroline zurück.
Caroline sah mich an.
„Ich warte draußen.“ Sagte ich zu ihr.
Ich verließ mit Kleber und Müller das Büro und wartete. Die Haufberger blieb ebenfalls mit Caroline bei Trommer zurück.
Auch wenn mich Frank nicht vorgewarnt hätte, wäre mir klar gewesen, um was es dort drinnen geht. Um meinen Kopf.
Draußen ging ich im Flur auf und ab und wartete auf Caroline. All zulange musste ich nicht warten. Caroline kam schon nach 15 Minuten wieder heraus.
Die Frage, was sie mit Trommer besprochen hatte, ersparte ich mir. Zusammen gingen wir nach unten um in unseren Trakt zu gelangen.
„Wer ist Sarah Schlosser?“, fragte Caroline unvermittelt.
„Eine Kollegin, die ich ausgebildet habe. Sie war übrigens auch in den Staaten als Henkerin tätig.“
„Und wer ist Beate Fischer?“
„Beate war eine Verurteilte Mörderin, die hingerichtet wurde.“
Caroline blieb stehen und hielt mich am Arm fest.
„Damit das klar ist! Mir gefällt es hier. Und ich habe keine Lust Ärger zu bekommen, nur weil du krumme Dinger drehst.“
Bleib freundlich! Versuch es wenigsten! Ich kämpfte mit mir selbst, um meine Beherrschung nicht zu verlieren.
„Ich drehe keine krummen Dinger. Ich erledige lediglich meinen Job. Und ich bitte dich dasselbe zu tun, wir werden in den nächsten Wochen alle Hände voll zu tun haben.“, sagte ich so beherrscht wie möglich und versuchte dann etwas versöhnlicher zu klingen.
„Lass uns zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.“
„Ich arbeite nur für mich, und wer mir im Weg steht, den mache ich fertig.“
Damit ließ sie mich stehen und ging ohne mich weiter.
Genau was ich brauchte, ein Zweifrontenkrieg.
Als ich in mein Büro kam, sah mich Jessika vorwurfsvoll an.
„Sag nichts! Ich habe es versucht.“
Sie schüttelte nur den Kopf und ließ mich den Rest des Tages in Ruhe.
***

Routinebetrieb

Während ich Caroline die nächsten Tage aus dem Weg ging und mich um die neuen Reinemachfrauen bzw. um die neuen Wachleute in meinem Trakt kümmerte, hatte Jessika anscheinend einen besseren Draht zu Caroline gefunden. Sie führte sie durch den Trakt und stellte sie den Mitarbeitern vor.
Decker bekam große Augen, als er von Carolines Handeln auf Soulebda erfuhr. So eine Kampfmaschine hatte er sich schon immer in seinem Team gewünscht. Wahrscheinlich stellte er sich schon vor, wie Caroline aus seinen Beamtinnen eine Amazonenarmee machte.
Zwei Tage später hatte Caroline ihre erste Hinrichtung. Demonstrativ verzichtete ich darauf, dabei zu sein, um ihr nicht das Gefühl zu geben, sie zu überwachen. Ich musste aber auch nicht dabei sein. Hannes, Johann und die anderen Beamten berichteten, dass Caroline es genau nach Vorschrift durchzog. Und das, ohne zu zögern, sie beherrschte den Job.
Nach einer kurzen Rücksprache mit uns beiden, bei der wir uns kühl gegenüberstanden, teilte Jessika die Delinquenten unter uns auf und erstellte einen Plan, wer in welcher Kammer, wann seinen Dienst tat.
Irrte ich mich, oder hatte Jessika ein seltsames Lächeln in Gesicht? Und wenn ja, was gab es da zu lächeln? Caroline war ganz eindeutig, nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte eine freundliche Kollegin und hatte einen Drachen bekommen. Obwohl ich zugeben musste, der Drachen war ein verdammt Gutaussehender! Wie nennt man eigentlich einen femininen Drachen, dachte ich mir und meine Gedanken gingen weiter. Ich ertappte mich mehrfach bei dem Gedanken, Caroline genauso über den Sessel ihrer Wohnung zu legen wie Vera oder Sarah, ihr gehörig den Hintern zu versohlen um sie anschließend wild zu vögeln. Doch immer an dieser Stelle, schaltete sich mein Gehirn ein und erinnerte mich daran, dass diese Frau mit bloßen Händen, innerhalb von Sekunden mehrere bewaffnete Angreifer umgelegt hatte. Wie weit würde ich also kommen, sie über das Knie zu legen?
Wohl nicht allzu weit… Eine Einsicht, die verdammt schmerzte. Bis jetzt war ich immer der Alfa, der Chef, der Boss eben. Gerade wenn es ums Vögeln ging. Ich war der dominante Part im Bett! Und jetzt hatte ich Caroline! Dennoch, der Wunsch und die Vorstellung, sie im Bett zu dominieren, blieb, ganz gleich, wie kalt sie mich auch abblitzen ließ.
***

Um Caroline eine Bleibe zu bieten hatte Frank sich dazu entschlossen ihr Veras Wohnung zur Verfügung zu stellen. Ich würde wieder in meine etwas größere Wohnung nebenan wechseln. Jetzt waren wir auch noch Nachbarn.
Wo Fransiska Haufberger untergebracht werden sollte, blieb zunächst noch ungeklärt, doch Frank hatte schon angedeutet, dass er notfalls mich in Ausweichquartier stecken würde, um Platz für Trommers Liebschaft schaffen.
Anders als ich versuchte Frank nicht Trommer das Leben schwer zu machen. Naja, ich konnte es ihm nicht verdenken. Auch wenn Frank viele Freunde im Ministerium hatte, Trommer war selbst für ihn ein ernstzunehmender Gegner.
„Bist du wahnsinnig geworden, Trommer offen herauszufordern?“ Schiss mich Frank bei der nächsten Gelegenheit an.
„Er wird alle Hebel in Bewegung setzten, um Beate zu finden. Du hast gerade ihr und dein Todesurteil zum zweiten Mal unterschrieben.“
„Das glaube ich nicht. Falls er es wirklich öffentlich macht, würden sicher Fragen gestellt werden. Solange er nichts Festes in der Hand hat, wird er die Füße stillhalten.
Dazu kommt, dass außer dir nur Jessika, und ich Bescheid wissen.“
„Und Randy. Verdammt. Sei vorsichtig. OK?“
„Versprochen.“
„Wie kommst du mit Caroline klar?“
Ich schwieg kurz und dachte nach. Ich schaffte es meine persönliche Meinung über sie zurückzustellen und den Profi in mir Carolines bisherige Arbeit beurteilen zu lassen. „Sie ist wirklich klasse.“
Frank brach in schallendes Lachen aus. „Klasse?“
„Ja, verdammt. Sie ist gut, nein Caroline ist sehr gut. Sie beherrscht den Job und weiß was sie tut. Sie kommt mit Decker und mit Jessika gut klar und alle sind zufrieden mit ihr.“
„Und du? Was ist mit dir?“
Wieder schwieg ich. Was sollte ich Frank auch sagen? Dass ich sie nicht leiden konnte? Dass ich sie gerne im Bett haben wollte? Dass ich ein Problem mit einer dominanten, starken Frau hatte?
Ganz egal was sagen könnte, Frank wusste es schon. Wie er einmal gesagt hatte, er wusste immer, was in seinem Gefängnis vor sich ging.
„Wir kommen miteinander aus.“ Ich hasste es abgrundtief, das Folgende auszusprechen, „Sie ist keine Vera.“
„Nein, ist sie nicht. Und?“
„Ich denke ich werde mich daran gewöhnen. Caroline ist wirklich gut und wenn du es genau wissen willst, als Nachfolgerin gäbe es keine bessere.“
„Peter, Peter… Ein größeres Lob vom Bad-Man gibt es nicht. Hauptsache ihr bringt euch nicht gegenseitig um.“
„Bis jetzt konnten wir uns noch beherrschen.“ Grinste ich.
„Sorge dafür, dass es so bleibt. Und Peter, denk an dein Training.“
***

Trainingstag

Ich dachte daran und fand mich pünktlich in der Sporthalle ein. Wie immer hatte Decker das Training für alle angeordnet. Wer nicht Urlaub oder Dienst hatte, musste ran. Entsprechend voll war die Halle. Ein Raunen ging durch die Sporthalle und ich blickte auf. Da kam Caroline. Nein, Caroline kam nicht, Caroline erschien! In einem knappen Top und einer Sporthose, die schon als Hotpants durchgehen konnte, betrat sie die Halle.
Alle Augen richteten sich auf sie und ihren makellosen Körper. Ihre feuerroten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Wären nicht ihre Killeraugen gewesen, hätte sie glatt als Aerobic-Lehrerin durchgehen können. Ich konnte einige der jungen Wachleute grinsen sehen. Jeder würde mit ihr trainieren wollen. -Tja Jungs, viel Spaß. Ihr habt ja keine Ahnung, was da auf euch zukommt.-
***

Die Temperaturen hier waren gut genug für kurze Kleidung, ein knappes Top und meine Lieblingssporthose, und schon ging es in die Sporthalle. Die Haare zum Pferdeschwanz straff nach hinten gebunden, trat ich ein und sofort ging ein Raunen durch den Saal. Mal sehen wie das Training hier läuft, ich hatte einiges erlebt und nicht immer waren die Trainings sehr gut, aber Jessika hatte Decker in den höchsten Tönen gelobt. Also gut, dann los.
Männer…
Die testosterongetränkte Luft war greifbar und alle Kerle stierten mich an wie Freiwild. Dazwischen die Frauen, die mich abschätzend ansahen und versuchten sich zu vergleichen. Nach dem Aufwärmen ging es dann auch rasch los. Jeder wollte natürlich mich, das neue Püppchen, auf die Matte schicken. Wie ich das hasste! Die Folgen mussten die jungen Kolleginnen und Kollegen tragen. Einen nach dem anderen schickte ich sie auf die Matte. Die weiblichen Kolleginnen waren dabei besser, deutlich besser sogar als ein Teil der Palastgarde auf Soulebda.
***

Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, gegen Caroline zu kämpfen, hatte ich mich auf die andere Seite der Halle verzogen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne Decker gemacht. Um zu verhindern, dass man immer mit demselben Partner übte, hatte er ein Rotationssystem und so nahm das Unheil seinen Lauf. Der Trainer erschien und los ging es. Geübt wurden Zugriff und Abwehrtechniken. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Caroline ohne große Anstrengung einen Wachmann nach dem anderen auf die Matte schickte. Dabei ging sie nicht gerade zart mit den armen Jungs um und die schmerzverzerrten Gesichter sprachen eine deutliche Sprache.
Hatte die ersten Beamten noch gelacht, als ihre männlichen Kollegen aufschlugen, verging ihnen das Lachen ganz schnell, als sie selbst an die Reihe kamen. Die weiblichen Wachleute leisteten erheblich mehr Widerstand. Ihre Augen klebten nicht an Carolines Busen, und allein die Chance es den Männern mal zu zeigen, spornte an, aber auch sie gingen eine nach der anderen zu Boden. Langsam machte sich Unmut unter den Sicherheitsbeamten breit. Die Amazone war nicht zu besiegen. Selbst Decker war beeindruckt und vorsichtig. Unterdessen kamen Caroline und ich uns immer näher.
***

Es waren gute Leute dabei, dann wieder Anfänger und einige harte Knochen. Je mehr die Jungs versuchten, desto härter waren meine Würfe und Griffe. Fast bekam ich Mitleid mit den Jungs und Mädels. Aber ich konnte natürlich nicht nachgeben, ich nicht. Schließlich kam Peter als ihr Gegner an die Reihe. Carolines Augen blitzen gefährlich auf, als wir uns gegenüberstanden und ihre Mundwinkel zogen sich, voller Vorfreude, ein Stückchen weiter nach oben. Da kam er! Peter Stein, der Mann, der mir hier eventuell alles madig machen könnte. Der Mann mit den vielen Geheimnissen. Prima, genau der, auf den ich gewartet hatte. Ich hatte ihn schon die ganze Zeit im Auge gehabt, wann immer ein Moment frei war.
***

– Ich werde es Caroline nicht leicht machen. – schwor ich mir. Der Trainer zeigte, welcher Griff geübt werden sollte, doch Caroline schaute gar nicht zu ihm hin.
***

Der Trainer gab noch ein Thema vor, aber das sah ich gar nicht. Irgendwie erschien mir Peter wie ein Stier, der sich vor mir aufbaute und der etwas suchte. Super, ein wilder Stier, der mich aufspießen wollte.
***

Ich hatte Caroline genau im Blick. Kaum war das Kommando „Los“ gefallen, gingen wir aufeinander los. Ich hatte zwar nie eine Prüfung oder Gürtel gemacht, doch nach über 20 Jahren Selbstverteidigung, wusste ich, wie man sich zur Wehr setzte. Es kam genauso, wie es kommen musste, kaum hatten wir Kontakt, lag ich auch schon auf dem Boden. Sie reichte mir die Hand und mit einem breiten Grinsen half sie mir beim Aufstehen.
„Ich hoffe, der alte Mann hat sich nicht wehgetan.“
Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Ihre rechte Hand noch in meiner, landete sie zum ersten Mal auf der Matte!
„Keine Sorge, eine Tussi wie du, schafft es nicht, mir weh zu tun.“ Die Wut in mir hatte nun endgültig die Kontrolle über mich errungen. Ich war an dem Punkt angelangt, an dem mir alles andere egal war. Ich wollte Caroline zeigen, wo der Hammer hing und wenn es das Letzte war, was ich tun sollte. Das Wort Tussi machte sie wohl ziemlich wütend, denn sie sprang auf und griff sofort wieder an. So ging es hin und her. Abwechselnd ging einer von uns zu Boden. Hier ging es nicht mehr um Haltegriffe, hier ging es ums Prinzip!
Sie gegen mich. Caroline, die wilde Amazone gegen Peter, den alten Leitwolf. Mittlerweile hatten wir die Aufmerksamkeit der ganzen Halle auf uns gezogen. Keiner sah mehr zu seinem Partner oder übte mit ihm. Alle standen paarweise zusammen und schauten zu uns.
„Nenn mich nie wieder Tussi“, fauchte sie, als sie gerade die Oberhand hatte.
Kurze Zeit später, als ich sie auf die Matte presste, frage ich sie:
„Was bitte ist dein Problem?“
„Ich will den Job haben.“
„Du hast den Job.“
„Ich will deinen Job haben. Ich will hier die Chefin sein.“
Wusste ich es doch.
„Tja, da musst du noch, bei der heutigen Rentenpolitik, 20 Jahre warten.“
„Vielleicht breche dir ja einfach das Genick, dann geht’s schneller.“
Und schon lag ich wieder unter ihr.
Der Trainer hatte längst alle Versuche, uns zu trennen, aufgegeben. Er und Decker standen machtlos neben uns und warteten. Wahrscheinlich wurden schon auf das Ende des Kampfes Wetten abgeschlossen. Nach ein paar weiteren Runden hatte ich die Nase voll. Ich beschloss, einen Krieg zu beenden.
„Ich schlag dir einen Deal vor. Heute Abend regeln wir das unter uns. Gewinnst du, ziehe ich mich nach den laufenden Prozessen zurück und du kannst tun, was immer du willst.“
Carolines Augen blitzen siegessicher auf. Doch ich hatte noch eine Überraschung für sie auf Lager.
„Und wenn ich gewinne, bekomme ich dich für eine ganze Nacht.“
Erst schaute sie ungläubig, dann lachte sie laut auf.
„Sieh dir diesen Körper gut an, den wirst du NIE bekommen, nicht einmal im Traum“, entgegnete sie höhnisch.
„Angst?“, fragte ich provozierend.
Caroline durchbohrte mich mit ihren kalten Augen, während sie ihre Lippen zusammenpresste.
„Wann und wo?“
„Um 19 Uhr in der Hinrichtungskammer Zwei.“
„Bestell dir schon mal einen Sarg, alter Mann.“ Sie drehte sich um und widmete sich einem anderen Gegner, der noch viel unsanfter auf die Matte aufschlug als seine Vorgänger. Das Training ging weiter, doch keiner konzentrierte sich mehr darauf. Als das Training dann offiziell beendet war, verließ Caroline als erste die Halle. Die einzigen, denen sie zum Abschied zunickte, war Decker und der Trainer, dann war sie weg.
Obwohl keiner der anderen etwas sagte, hatten doch alle mitbekommen, dass High Noon auf 19 Uhr verlegt worden war. Decker sah mich mit offenem Mund fast schon mitleidig an, als ich an ihm vorbei zum Ausgang eilte. So hatte sich Frank das Training sicher nicht vorgestellt.
***
Jour Fixe

„Sei gegrüßt, mein Freund.“ Begrüßte Dagan Levi am Telefon.
„Ich grüße dich auch, Freund.“ Levi bestätigte mit dieser Grußformel, dass sie ungestört reden konnten.
„Heute Morgen habe ich Caroline gesehen. Sie ist angekommen und hat ihren Job angetreten.“
„Wo ist sie abgestiegen?“
„Caroline hatte sich zuerst ein Zimmer im „Gloria-Hotel“ genommen, ist aber nach zwei Tagen wieder ausgezogen. Sie wohnt jetzt im Gefängnis.“
„Ich dachte, man muss verurteilt werden, um dort hineinzukommen. Ich wusste nicht, dass man dort auch wohnen kann.“
„Hat mich auch gewundert und hab mal etwas nachgeforscht. Anscheinend hat der Direktor einige Räume, die man nicht zu Zellen umbauen konnte, an Mitarbeiter vermietet. Ihr neuer Chef wohnt ebenfalls im Gefängnis.“
„Etwas neues, bezüglich Froody oder den Amerikanern?“
„Froody ist immer noch verschwunden, die Amerikaner sind ganz in der Nähe. Ich dachte mir, dass sie ebenfalls das Gefängnis beobachten und zufälligerweise wohnt ein amerikanischer Konsul in der Nähe des Gefängnisses. So war es ziemlich leicht, sie zu finden.
„Wissen sie auch von dir?“
„Nein, allerdings hatte ich „Besuch“ von einem Mitarbeiter eines Energieversorgers, der unbedingt meinen Zählerstand ablesen wollte. Die Amerikaner suchen Froody hier.“
„Hast du etwas vom alten Franzosen gehört?“
„Nein, von ihm höre ich nichts. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass hier eine große Sache am Laufen ist.
Nach dem Mord an den beiden Polizisten gab es zwei weitere Tote. Ein obdachloser Junkie und ein Mitarbeiter der Presseabteilung der Justiz. Offiziell waren beides Unfälle, doch der Junkie hat mich stutzig gemacht. Er soll sich bei einem Sturz, mit einer zerbrochenen Glasflasche, so schwere Schnittverletzungen zugezogen haben, dass er verblutete.
Ich habe mir Zutritt zur Gerichtsmedizin verschafft und den Toten untersucht. Der Junkie wurde gefoltert. Wer immer das war, er war ein absoluter Profi. Die Folterspuren waren für einen Laien nicht zu erkennen.
Also habe ich mir den anderen Unfall angesehen. Der wurde zwar nicht gefoltert, aber auch von einem Profi ermordet.“
„Der Franzose?“
„Ich bin mir sehr sicher. Doch es kommt noch besser. Der Pressemitarbeiter hatte, genau wie die beiden ermordeten Polizisten, enge Kontakte zu Generalstaatsanwalt Trommer.“
„Was ist mit dem Obdachlosen?“
„Bis jetzt konnte ich keinen Bezug zwischen Trommer und ihm herstellen. Er saß wegen gewerbsmäßigen Betrugs im Gefängnis und wurde erst vor drei Monaten entlassen.
„Trommer und der Franzose? Das wäre beängstigend.“
„Ich glaube Caroline schlittert, ohne eine Ahnung davon zu haben, in eine sehr böse Geschichte.“
„Wenn du Recht hast, müssen wir handeln. Ich werde dir ein Unterstützungsteam schicken. Ich selbst werde ein paar Tage später nachkommen. Versuch alles, über Trommers Motiv herauszufinden. Welchen Grund könnte, ein beim Volk hoch angesehener, Generalstaatsanwalt haben, eine Söldnertruppe anzuwerben, damit sie Morde verübt und sie als Unfälle darstellt?“
„Ich werde mit dem Pressemitarbeiter beginnen. Sobald ich Ergebnisse habe, werde ich mich melden.“
„Bis dann, mein Freund.“ Beendete Dagan das Gespräch.
Während Levi wieder das Gefängnis beobachtete, hielt Dagan noch immer grübelnd den Hörer in der Hand.
Sein Instinkt sagte ihm, dass Levi Recht hatte. Entschlossen rief er bei Major Lem an.
„Lem? Stellen sie zwei Teams ab. Einens schicken sie zu Levi nach Deutschland, das andere soll sich Trommer vornehmen. Ich will alles wissen, was Trommer in den letzten Monaten getan hat. Ich will wissen, mit wem er sich getroffen hat und um was es ging, einfach ALLES!“
Dann grübelte er wieder. Sein Instinkt hatte immer Recht behalten und das hieß, Caroline schwebte in großer Gefahr!
***

Wut

Wütend auf Caroline und auf die ganze Welt, aber besonders auf mich selbst ging in meine Wohnung um mich umziehen und frisch zu machen. Auf dem Weg zurück zum Büro nahm ich meine Sportkleider mit und besorgte mir zwei Paar Boxhandschuhe die ich in der Kammer bereitlegte. Alle an denen ich vorbeikam, sahen mich mit großen Augen an. Anscheinend funktionierte der Flurfunk bestens und die Neuigkeit hatte sich schon verbreitet.
Jessika schüttelte einfach nur den Kopf, sah mich strafend an und schwieg. Ich versuchte, mich solange auf die Akten zu konzentrieren, doch nach einer halben Stunde gab ich auf. Wütend warf ich die Akte auf den Tisch und goss mir einen Shivas Reagal ein. –Scheiß drauf! – dachte ich und genehmigte mir einen großen Schluck. Ich würde es Caroline zeigen! Kampflos würde ich nicht untergehen! Das schwor ich mir zum zweiten Mal an diesem Tag.
Vera hätte mich gebremst. Aber Vera war nicht da. Überhaupt, wäre es mit Vera erst gar nicht so weit gekommen. Tja…Hätte, Hätte, Deutschlandkette….
Egal. Ich würde auch ohne Vera klarkommen.
Kurz vor 19 Uhr zog ich mir meine Sportkleider an und machte mich bereit, mich meinem Schicksal zu stellen. Im Vorzimmer saß noch immer Jessika. Der Bildschirm war ausgeschaltet und eine Akte lag auch nicht vor ihr.
„Noch kein Feierabend?“ wollte ich wissen.
„Ich muss noch ein paar Eilsachen erledigen.“
„Schon klar.“
„Peter!“
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihr um.
„Du… Ach, nichts. Halt die Ohren steif.“
„Keine Sorge, ich lass sie an einem Stück!“ damit verließ ich sie und begab mich auf den Weg zu Caroline.
Im Flur schien die gesamte Mannschaft Dienst zu haben. Wahrscheinlich war niemand nach dem Schichtwechsel nach Hause gegangen. Sogar Decker versuchte, unauffällig seine Runden zu machen. Nur vor der Kammer selbst, war keine Menschenseele zu sehen.
Caroline erschien zur abgemachten Zeit, in denselben Kleidern, die zum Training getragen hatte.
–Sie sieht einfach geil in dem Fummel aus.- Das war der erste Gedanke, den ich hatte, als ich sie sah.
-Was? Idiot, sie wird dich killen! – Sagte das kleine Teufelchen in mir.
***

Das Ziel

Froody war sehr zufrieden. Heute Morgen hatte er sie gesehen. Sie war durch das Tor gegangen und stand für drei Sekunden still da und sah sich um. Wenn er doch nur ein Scharfschützengewehr gehabt hätte…
Nun gut, es würde sich eine neue Gelegenheit ergeben. Sein Geld, welches er rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, erlaubte es ihm, eine ansehnliche Truppe zusammenzustellen. Jetzt da er wusste, dass Caroline Miles hier war, konnte er damit beginnen ihren Tod zu planen. Er würde es genießen, sie leiden zu sehen. MC. Froody der III hatte genaue Vorstellungen von Carolines Tod. Sie sollte ihn anflehen, während sie ganz langsam starb. Mit Gewalt riss er sich von seinen Gedanken los. Jetzt gab es anderes zu tun. Er musste umziehen. Sein „Vermieter“ in der Badewanne fing langsam an zu riechen…
***

High Noon

Ohne einen Kommentar ging sie an mir vorbei in die Kammer und ich schloss hinter mir ab.
„Bereit, für deine Beerdigung?“ fragte sie kühl.
„Abwarten. Nur um den Deal noch einmal klar zu stellen… Gewinnst du, räume ich den Posten, sobald die Prozesse vorbei sind. Gewinne ich, bekomme ich dich für eine Nacht, und zwar so wie ich es will. Verloren hat, wer liegen bleibt.“
Mit einem selbstsicheren Lächeln, das schon an Überheblichkeit grenzte, zog sie sich die Handschuhe an.
„Fertig, alter Mann?“
„Sicher Tussi.“
Mit einem Aufschrei warf sie sich nach vorne, doch ich hatte mit einem heftigen Angriff gerechnet, und blockte sie ab.
Langsam umkreisten wir uns und immer wieder griff Caroline unvermittelt an. Die ersten Angriffe konnte ich noch leicht wegstecken, dann wurde mir immer klarer, dass ich so nicht gewinnen würde, und ich griff meinerseits an.
Nach zehn Minuten hatte sich noch keiner einen Vorteil erkämpft. Nach weiteren fünf Minuten blutete ich aus der Nase und mein linkes Auge brannte. Caroline lief Blut aus dem linken Mundwinkel und ihre rechte Augenbraue war aufgerissen. So wie es aussah, hatte sie sich ihren Sieg leichter vorgestellt.
Meine Lungen standen in Flammen. Ewig würde ich dieses Tempo nicht halten können und mit jeder Sekunde wurde mir bewusster, die Niederlage kam immer näher. Caroline war schnell und geschickt, aber berechenbar, was den einzigen Grund darstellte, wieso ich noch nicht auf der Matte lag. Ich konnte ihre Angriffe vorhersehen.
DAS IST ES! Durch den Nebel in meinem Gehirn erkannte ich plötzlich Carolines Schwachpunkt. Caroline war ausschließlich auf Angriff eingestellt. Das Wort Verteidigung schien nicht in ihrem hübschen Kopf zu existieren. Gelang es mir ihre Abwehr zu durchbrechen, hätte ich eine Chance. Eine EINZIGE Chance.
Ich versuchte, ein Muster zu erkennen und tatsächlich, immer wenn ich nach einem Angriff zurückwich, setzte sie sofort nach und griff mich an um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Zweimal probte ich es und Caroline hielt sich an das Muster. Das Ganze hatte mir weitere Treffer eingebracht. Langsam wurde es eng…
Jetzt oder nie.
Ich griff an, schlug zweimal zu, verfehlte sie und täuschte ein Zurückweichen an. Auch Caroline wollte den Kampf jetzt beenden und setze wild nach.
Doch diesmal ging ich nicht zurück! Mitten durch ihre wilden Abwehrschläge drang ich nach vorne. Sie landete zwei harte Treffer, dann war ich durch und verpasste ihr einen heftigen Schlag auf die Brust.
Das brachte Caroline für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Konzept. Das genügte mir! Mit aller Kraft, die ich noch hatte, schmetterte ich den rechten Handschuh gegen ihre Schläfe. Caroline sah mich für eine halbe Sekunde verwundert an, dann gaben ihre Beine unter ihr nach.
Völlig fertig brach ich keuchend neben ihr zusammen. Die Kammer drehte sich wie bei einem Vollrausch. Jede einzelne Faser in mir schmerzte, selbst mein Gehirn drohte zu explodieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich mich wieder bewegen und sah nach der noch immer bewusstlosen Caroline, die ruhig dalag und atmete.
-Ein Glück! – ich hätte Frank nur ungern eine weitere Stellenausschreibung beschert.
Als ich wieder stehen konnte, zog ich die Handschuhe aus und sammelte meine Kräfte wieder. Dann hob ich Caroline vom Boden auf und legte sie mir über die Schulter.
Als ich aus der Kammer trat, standen mindestens 30 Wachleute und anderes Personal davor. Ein böser Blick reichte aus und alle machten sich aus dem Staub.
Nur Jessika und Decker blieben stehen.
„Ich… Ich habe zu tun.“ Decker drehte sich fassungslos um und verschwand.
„Und jetzt?“ fragte Jessika.
„Ich bringe sie in Veras Wohnung.“
Jessika ging vor und öffnete die Tür zu Veras Wohnung, wo ich Caroline auf das Bett legte.
„Du hast schon eine spezielle Art mit Frauen umzugehen, Bad-Man.“ Tadelte mich Jessika und ging ins Bad. Sie brachte mir einen feuchten Waschlappen. Ich wischte Caroline das Blut aus dem Gesicht und schaute mir ihre Augenbraue an. Nicht schlimm, aber eine kleine Narbe würde sicher bleiben.
„Geh dich waschen, du siehst ja schlimm aus. Ich passe solange auf sie auf.“
Im Bad wusch ich mir das Gesicht ab und betrachtete meinen geschundenen Körper. Verdammt, hatte wie mich dieses Teufelsweib zugerichtet. Zum ersten Mal spürte ich ein leichtes Kribbeln bei dem Gedanken an Caroline.
-Sei nicht blöd. Sie wird dich erledigen, sobald sie die Gelegenheit bekommt-.
„Sie kommt langsam zu sich.“ Jessika stand in der Tür.
„Gut!“
Ich verließ die Wohnung und ging eine Tür weiter, in meine eigene Wohnung. Dort kramte ich die Spielkiste hervor, mit der Vera, Sarah und ich viel Spaß gehabt hatten. Aus dieser holte ich ein ledernes Halsband hervor, an dem noch eine Leine befestigt war. Das brachte ich zu Caroline, die jetzt wieder voll bei Bewusstsein war. Sie lag noch auf dem Bett und starrte mich hasserfüllt an. Einen kurzen Augenblick befürchtete ich, dass sie sich sofort wieder auf mich stürzen würde. Ich warf ihr das Halsband auf das Bett.
„Morgen Abend, zur selben Zeit. Mehr als das Halsband brauchst du nicht zu tragen.“ Und zeigte auf das Halsband.
Damit drehte ich mich um, ließ sie mit Jessika alleine und ging in meine Wohnung zurück mit dem Gefühl, gleich ein Messer in den Rücken zu bekommen. Doch auch wenn Caroline eine kaltblütige Killerin war, sie würde ihre Ehrenschulden bezahlen, da war ich mir sicher. Diese Blöße würde sie sich niemals geben.
Wie es dann weitergehen würde… Abwarten.
Heute aber, hatte der alte Wolf sein Revier verteidigt! Vorerst! Denn eines war klar, das war eine gewonnene Schlacht, kein gewonnener Krieg. Dann grinste ich mich im Spiegel an.
-Das wird morgen ein sehr interessanter Abend werden.-
***

Besiegt!

Das war das erste, was mir durch den Kopf ging. Der alte Mann hatte mich besiegt, einfach war es nicht, dazu hatte ich zu viel Routine, aber ich habe den Schlag nicht geahnt. Verflixt, den hätte ich aber ahnen müssen. Verflixt der war gut der alte Mann! Na ja so alt ja auch wieder nicht. Als ich in der Sporthalle auf ihm lag, da fühlte sich das eigentlich ganz gut an. Aber bei meinem Glück ist das dann doch nur wieder ein geiler, alter Knochen, mit dem man nichts anfangen kann.
Besiegt… es nagte immer noch an mir.
Ich konnte schon früher nicht so einfach nachgeben und das zog sich auch durch die diversen Schulen durch. Mein Flieger Ausbilder an der US Air Force hatte mich immer als „Angelface“ bezeichnet, so kam ich dann auch zu meinem Funk Rufzeichen. Angelface – das hatte was… und nun hat die kleine einen Schnitzer an der Augenbraue und die Schläfe tanzt Samba mit mir. Rasch verarztete ich meine Wunden.
Dann schaute ich mir an, was Peter mir vor die Füße geworfen hatte. Ein ledernes Halsband mit Leine. Er will mich sich demnach gefügig machen, na wenn du wüsstest, auf was für einen gefährlichen Grad er sich da einlässt, dachte ich mir und schaute das Halsband genauer an. Gutes Leder, stabile saubere Ausführung, die Messing Beschläge von Tesera´c also nicht mal gerade die Billigversion aus dem Sexshop.
Aber gefügig machen, na da gehören immer noch zwei Parteien dazu. Ich weiß nicht ob sich Peter vorstellen konnte, welches Raubtier er sich da gefügig machen wollte. Immerhin kann er auch wie ein Straßenkämpfer denken und handeln, andernfalls wäre das anders ausgegangen. Außerdem war er für sein Alter noch recht schnell, ja wieselflink, aus dem könnte ich einen wirklich guten Kämpfer machen. Egal.
OK, aber erst mal Ruhe bewahren und die kleine Angelface herauskehren. Ich duschte mich und richtete mich, dann traf ich vorne im Verwaltungstrakt auf Jessika und fragte sie nach den Schlüsseln und den anderen Unterlagen. Schließlich würde ich hier im Trakt wohnen, recht nahe bei Peter – prima auch das noch.
Jessika schaute mich an und fragte nach der kleinen Wunde und ich bedanke mich für ihre gute Versorgung. Zurück in meinem neuen Zimmer hielt ich das ausgetauschte Türschild in meiner Hand. Ein Glück, dass heute Freitagabend und morgen frei war, dann konnte ich mich zumindest einrichten. Beim Umstellen der Möbel musste auch der schwere Schrank etwas verrückt werden und mir fiel ein Briefumschlag in die Hände. Der Schrank war offenbar zu schwer oder es wurde nur gut gereinigt aber eben nur gut und nicht professionell. Und dank dem Hebelgesetz war auch solch ein schwerer Schrank für mich kein Problem.
Die Bilder zeigten zwei sehr schöne Frauen, in eindeutig sexuell aktiver Stellung und sie sahen wirklich sehr vergnügt aus. Kein Zweifel zwischen den beiden Mädchen da ging es wirklich ab. Die eine kannte ich, da war im Verwaltungsbereich ein Bild von ihr, das an der Wand hing. Das war ganz offensichtlich Vera Müller. Und die andere … auf einem der Bilder stand dann in schönster Handschrift „Liebste Vera. Ich werde dich immer lieben und stets für dich da sein, auf eine ewige Liebe. Deine Beate.“
Ich schaute sie mir erneut an, ein heißer Feger mit feuerrotem Haar, das war also Beate Fischer… Jetzt erkannte ich in ihr die Frau, deren Dossier mir Trommer gezeigt hatte. Sofort erkannte ich den Sprengstoff, der in diesen Bildern lag. Die sollte besser keiner finden und wenn jemand wusste, wie man etwas verstecken kann, dann ja wohl ich.
Nach meinen Waschungen machte ich mich fertig, sicherte die Wohnung und fragte zur Vorsorge nochmal nach, wo man hier eine Kleinigkeit essen und etwas Nettes trinken konnte. Da summte bereits mein Smartphone und die Nachricht war von meiner Reisebekanntschaft aus dem Flieger. Sie war über Nacht in Mainstadt und fragte, ob und wo wir uns treffen könnten. Nach dem Abendessen schlenderten wir an der Promenade entlang und sie fragte mich tatsächlich, ob wir noch etwas unternehmen wollten. Dabei hielt sie mir dabei den Hotelschlüssel vor die Nase. Es war das Vier Sterne Hotel Krone, das beste Hotel am Platz.
Während wir weiter schlenderten, fiel mir die moderne Limo mit zwei Anzugträgern auf. Dunkle Sonnenbrille, schwarzer Anzug, Knopf im Ohr. Wir wurden also beobachtet. Keine Panik, das waren Beobachter, das sah man sofort. Aber mein Wächtersinn war wieder einmal geweckt.
Meine Bekannte hatte aber ganz andere Ideen, als Beobachter zu testen und wir schlendern zu ihrem Hotel. Unsere Sympathien hatten wir bereits auf dem Flug erkannt und konnten diese nun ausgiebig vertiefen. Der Sex mit ihr war so, wie ich ihn mochte – sehr gut, ausdauernd, hart und etwas schmutzig. Am anderen Tag verabschieden wir uns und ich machte mich auf den Weg zurück. Wir würden uns aber sicher wiedersehen. Auf dem Rückweg fielen mir wieder Beobachter auf. Diesmal war es ein älterer Autotyp, das waren andere Beobachter. Kleine Kontrollen und prüfende Blicke von mir ergaben, dass hier tatsächlich zwei Teams am Werk waren.
Was wollten sie? Hatte man meine Spur aus Soulebda aufgedeckt oder was ging hier vor? Auf zur Arbeitsstelle. Hinter mir verriegelte sich die Gefängnispforte, seltsam dass man sich dahinter tatsächlich sicher fühlen konnte. Die Tür zu meinem neuen Zimmer war verschlossen, die Sicherung aber war gebrochen, jemand war also im Zimmer gewesen. Unauffällig prüfte ich die Wohnung und entdeckte zumindest eine Minikamera, die vorher nicht da war.
Da meine verloren geglaubten Sachen endlich auch aus Ulan Bator eingetroffen waren, holte ich sie beim Empfang ab. Anschließend zog ich mein Wanzenspürgerät heraus und untersuchte genaustens meine Wohnung. Ich fand eine Minikamera und zwei Funkmikrofone.
Mein Nagellackentferner war der Tod für die Minikamera, sie starb rasch und unauffällig, das Allheilmittel gegen solche Kameras. Die Wanzen prüfte ich mit Dagans Multi-Tool, einem Scanner der modernsten Reihe und die Funkfrequenzen gaben zwei mögliche Länder aus, Frankreich und Algerien. Diese Wanzen waren neu und sündhaft teuer, da waren also tatsächlich Profis im Spiel.
Nach ein paar Aktenstudien über die aktuellen Fälle las ich mich in die anstehenden Verfahren ein. Ein paar Stunden später warnte der Wanzenfinder über Aktivitäten am Tischtelefon, offenbar hatte „jemand“ eine Telefonwanze aktiviert, die bisher inaktiv war. Gekonnt entfernte ich die Wanze und legte sie für fünf Sekunden in die Mikrowelle. Ich behielt diese nun tote Wanze vorsorglich als Beweis.
Nun wurde es aber Zeit für die Einlösung der versprochenen Wette. Das Halsband – ja doch aber wenn Peter dachte, dass ich mich ihm nackt zeige, hatte er sich geschnitten. So schnell schießen auch die Preußen nicht.
Zur angegebenen Zeit klopfte es und ich ließ Peter in die Wohnung. Ich war bekleidet mit einem unheimlich hauteng anliegenden gelbschwarzen Sportdress, mit langen Beinen, ganzen Armen, hoch geschlossen, aber das Halsband brav angelegt. Nur die blöde Leine hatte ich entfernt.
Kill Bill die Dritte würde Peter sicherlich denken, aber das sollte er ruhig. So schnell gab ich mich ihm nicht so hin, eher würde ich ihm zeigen, dass ich, genau wie im Film, auch mit dem Katana umzugehen vermochte. Tja und die Sache mit den Wanzen müsste er mir auch noch erklären.
***
Der Herrensitz

„Worrowitz, sind die Leute angetreten?“
„Ja Mr. Mc. Froody, wir haben zwei alte Haudegen von Feldwebel von früher dabei, die übernehmen den Drill und die anderen waren in mindestens vier Einsätzen. Hier ist die Liste der angetreten Leuten.“
Der alte Herrensitz war riesig und schön abgeschottet, es hab keine Zulieferungen und kein Kundenverkehr. Hinter dem Haus standen der Bell Long Ranger und die Wagen parkten vor dem Haus. Der Herrensitz hatte die typische deutsche Gutsherren Bauform in Form eines Hufeisens. Vor dem Reitstall waren die 32 Leute angetreten und warteten auf die erste Abnahme. Allesamt waren es harte Kämpferinnen und Kämpfer, das sah man ihnen an. Worrowitz hatte gut gewählt.
„Ich bin der, der die Schecks unterschreibt. Mein Wort ist hier Gesetz und gilt sofort. War von Ihnen jemand 1983 in Fort Labino in Mexiko bei der Revolte dabei?“
Ein grobschnittiger Mann trat vor, breite Schultern und ein verschrammtes Gesicht zeichneten den Mann aus.
„Wo waren Sie da?“
„Kommandotrupp, wir stürmten das Fort und sicherten es.“
„OK, kannten Sie die Kommandeurin der Mexikaner vor Ort?“
„Ja De la Crux oder so, eine üble Frau.“
„Gut, stellen Sie sich da drüben hin.“
Der Mann ging gerade auf die andere Seite.
„Wie ist Ihr Name Soldat?“
Das Muskelpaket drehte sich um und schaute in eine großkalibrige Pistole. Mc. Froody schoss ihm direkt in den Kopf und der Mann fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Noch während der Mann fiel, sagte Mc. Froody verächtlich:
„Penelope de la Crux – und sie war meine Halbschwester.“
Ein prüfender Blick ging durch die Reihen. Die angetretenen Söldner zuckten noch nicht einmal mit einer Miene, in ihren Reihen war es üblich, bereits am Anfang unverständlich klar zu machen, wer die Autorität innehat.
„Gut Worrowitz teilen Sie die Leute ein, ich sehe mir drinnen die Akten an.“
„Conner und Freyth, schaffen sie das tote Fleisch da weg. Truppführer zu mir!“
John Allister Mc. Froody der III nahm im Haupthaus Platz und trank einen guten Schluck, dann nahm er sich die Akten der Söldner vor und ging jede einzelne genau durch. Er war bekannt dafür, dass er seine Leute immer gnadenlos aussiebte. Bei ihm hatten Maulwürfe bisher keine Chance gehabt und das würden sie auch zukünftig nicht.
***

Israel

„WAS?“ fragte Dagan völlig entsetzt. Beinahe wäre ihm der Telefonhörer aus der Hand gefallen. „Sag das nochmal.“ Forderte er Levi auf
„Dieser Stein hat Caroline KO geschlagen.“
„Woher weißt du das?“
„In der Nähe des Gefängnisses gibt es ein beliebtes Bistro. Viele Angestellte verbringen dort ihre Mittagspause, ich sitze öfters dort und halte die Ohren offen. Tun die Amerikaner übrigens auch dort, jedenfalls ist der Kampf gerade das Hauptthema.“
„Und wie kam es dazu?“
„Da gibt es mehrere Versionen. Die einen sagen, es war eine Wette, andere behaupten es sei ein Streit vorausgegangen. Sicher ist nur, dass Caroline verloren hat.“
„Ich hätte nie gedacht, dass so etwas einmal passiert.“
„Ich glaube, das hat Caroline auch nicht.“
„Was gibt es bei den Ermittlungen bezüglich deiner Vermutung gegen den Franzosen?“
„Jetzt wo ich weiß, wonach ich suchen muss, finde ich immer mehr Mordopfer. Es gibt zwei Kategorien. Erstens die fingierten Unfälle, bei denen man die Spuren gut verwischt und zweitens Morde, bei denen man die Ermittler auf die falsche Spur bringt. In den letzten zwei Wochen gab es sechs Todesfälle. Vier getarnt als Unfall, zwei „offizielle“ Morde. Alle verübt von Profis. Ich kann mir nicht helfen, aber der einzige der dazu in der Lage wäre und verschwunden ist, ist der Franzose.“
„Hatten die Opfer einen Bezug zu Trommer?“
„Nein, und genau das macht mich stutzig. Keiner von ihnen hatte jemals mit Trommer zu tun, nicht einmal am Rand. Das einzige was die Opfer gemeinsam hatten, ist der Umstand, dass alle im Gefängnis saßen. In Carolines Gefängnis!“
„Lem analysiert Trommers Handel und Treffen in den letzten Monaten. Trommers Verhalten hat sich vor genau 10 Monaten geändert. Finde heraus ob die Opfer vor 10 Monaten noch einsaßen und wenn ja, was vor 10 Monaten im Gefängnis los war.“
„Ich werde mein Bestes geben.“
„Ich weiß. Und Ben, pass mir auf Caroline auf.“
Als Dagan den Hörer aufgelegt hatte, ging er zu seiner Ablage und holte sich das Dossier von Peter Stein, welches er diesmal sehr sorgfältig von vorne bis hinten durchlas. Schließlich kam er wieder zu dem Personal Bild, das in der Akte war. Er schaute es mit zusammengekniffenen Augen an. „Wenn du ihr etwas antust, dann leg ich dich eigenhändig um!“
***

Die Belohnung

Davon wusste ich glücklicherweise nichts.
Einerseits, schwebte ich auf Wolke 7. Mein Gewinn wartete auf mich und ich bekam den rothaarigen Drachen nicht nur ins Bett, sondern konnte mit ihr tun, was ich wollte. Andererseits saß da ein kleines Engelchen auf meiner Schulter, das mich fragte, ob ich tatsächlich nötig hatte, eine Frau auf diese Weise ins Bett zu bekommen.
Doch bei jeder Bewegung, die vom Kampf her schmerzte, sagte ich mir, dass ich mir meinen Spaß redlich verdient hatte, ich beschloss es, aber nicht zu übertreiben.
Ich wollte gerade meine Wohnung verlassen, als mir wieder einfiel, was für eine Kampfmaschine Caroline war, also ging ich noch einmal zurück und steckte ein Paar Handschellen ein. Aber… der Gentleman in mir, verbot es mir, ohne ein Präsent zu Caroline zu gehen, also hatte ich mir eine Falsche Glavaya Whisky Likör besorgt und eine Schleife um sie gebunden. So ausgerüstet klopfte ich zur ausgemachten Zeit an Carolines Tür.
***

Uma Thurman in Rot, war mein erster Gedanke, als ich sie in dem schwarz-gelben engen Dress sah.
-Sollte sie nicht nackt sein? – fragte ich mich in Gedanken. -Böses Mädchen! – Aber genau das war sie, ein sehr böses Mädchen und wieder gab es einen leichten Stich in der Herzgegend. Ich würde es ganz sicher nicht Liebe nennen, aber sie wurde interessant.
„Darf ich eintreten?“ fragte ich brav.
Caroline hatte ihr Pokerface aufgesetzt und ließ keine Regung erkennen. Doch auf die Frage hin lächelte sie sogar und trat zur Seite.
„Selbstverständlich, es sei denn, du möchtest deinen Gewinn auf dem Flur entgegennehmen.“
„Nein, ich würde das Innere deiner vier Wände bevorzugen.“
Noch immer lächelnd trat sie zur Seite und ließ mich eintreten. Sie hatte Veras Wohnung komplett umgeräumt und ich musste mich erst einmal zu Recht finden. Alles war sauber und ordentlich. Nicht gerade das, was man erwartet, wenn man eine frisch bezogene Wohnung betrat, da würde man eher das Chaos vermuten.
Ich überreichte Caroline mein Präsent und sie bedankte sich aufrichtig. Anscheinend hatte ich ihren Geschmack richtig eingeschätzt.
„Bitte. Mach es dir bequem. Etwas zu trinken?“ Caroline wies auf einen Sessel und ich nahm Platz.
-Wenn du wüsstest, was für einen Spaß ich schon auf diesem Sessel hatte…- ging es mir durch den Kopf
„Was ist?“ fragte sie mich.“
„Bitte?“
„Du hast gerade sehr süffisant gegrinst.“
„Süffisant?“
„Ich hoffe, du hast dir mich nicht anders vorgestellt.“
„Nein, ich war mit meinen Gedanken nur irgendwo anderes gewesen.“
Sie sah mich zweifelnd an und fragte erneut, ob ich etwas trinken wolle.
„Wenn du einen Whisky hättest, würde ich einen nehmen.“
„Sicher. Einen Moment.“
Wieder schweiften meine Gedanken zu dem Sessel….Mir fiel ein, wie ich Beate über den Sessel gelegt hatte, Vera sie festhalten musste, und ich Beate mit dem Rohrstock den Hintern versohlte. Anschließend durfte mich Vera mit der Zunge verwöhnen und immer, wenn ich der Meinung war, sie könnte sich mehr Mühe geben, biss der Rohrstock in Beates Hintern…
„Das muss eine schöne Erinnerung sein.“ Caroline war neben mich getreten und reichte mir ein Glas.
„Ja, das war sie.“ Brach ich das Thema schroffer ab, als ich es beabsichtigte und nippte am Whisky.
MMHHH, verdammt der war gut. „WOW tolles Zeugs.“
„Ich habe Jessika gefragt und sie hat mir den Tipp mit dem Whisky gegeben.“, gestand Caroline. Wir plauderten tatsächlich eine ganze Weile, ohne uns anzufeinden. Wenn Caroline lachte strahlte sie richtig und man hätte niemals eine Killerin hinter diesem schönen Lachen vermutet. Unvermittelt wurde mir klar, dass Caroline ein freundliches Wesen besaß und die viele Kälte, die sie den Leuten entgegen brachte, lediglich ein Schutzpanzer war.
„Weißt du, ich werde nicht schlau aus dir.“ Riss sie mich aus meinen Gedanken.
„Was gibt es das schlau zu werden? Ich bin ich.“
„Ich hatte erwartet, dass du gleich über mich herfällst.“
„Etwas schwierig, besonders in diesem Strampelanzug für Erwachsene.“
Caroline holte schon Luft und in die Killeraugen kamen wieder zum Vorschein, also hob ich beschwichtigend die Hände.
„War nur Spaß. Hör zu, ich hab einen tiefschwarzen Humor. Nicht jedes Wort ist ernst gemeint. Im Gegenteil, irgendwie hat diese Art von Humor dazu beigetragen, meinen Verstand zu erhalten.“
Caroline sah mich lange und eindringlich an und ich erwiderte ihren Blick, der abschätzte, ob ich die Wahrheit sagte. So wie es aussah, glaubte sie mir, denn ich sah die Killerin in ihren Augen wieder zurücktreten. Ich beschloss, den fragilen Frieden nicht zu gefährden. „Außerdem, glaube ich nicht, dass du dabei einfach stillhalten würdest.“
„Nein, würde ich ganz sicher nicht.“
„Das dachte ich mir.“
„Dann stecken wir in einer Zwickmühle, oder verzichtest du auf deinen Gewinn?“
Ich lachte. Zum ersten Mal, seit Vera und ihre große Liebe weg waren, musste ich richtig lachen. Caroline hatte ein ganz falsches Bild von mir.
„Wie kommst du denn darauf? Weißt du, wie sie mich hier drinnen nennen?“
„Ja, du bist der Bad-Man.“
„Stimmt, und was soll ich sagen, der Name ist Programm.“
Ich stand auf und holte aus meiner Hosentasche das Paar Handschellen heraus.
Carolines Augen funkelten wütend, doch irrte ich mich, oder war da mehr?
„Wettschulden sind Ehrenschulden. Wenn ich bitten darf…. Falls du es bemerkt hast, hier sind überall Haken und Ösen an den Wänden und der Decke.“
Ich Blick glitt durch den Raum. Mit Sicherheit hatte sie diese beim Räumen schon bemerkt.
„An denen haben keine Blumenampeln gehangen.“
Ich hielt ihr die Handschellen entgegen und widerstrebend kam sie zu mir. Wahrscheinlich hätte sie mir mit einer Hand das Genick brechen können, ein Teil in Caroline wollte das sicher auch, doch sie fügte sich. Sie hielt mir die Hände entgegen und ich ließ die Handschellen zuschnappen. Aus den Weiten meiner Tasche zauberte ich noch einen Karabinerhaken hervor und schon hing sie mit den Armen über dem Kopf an einem Haken an der Wand.
In diesen Moment durchzuckte mich ein Blitz, mir wurde klar, dass ich Caroline nicht nur ficken wollte, weil ich geil war, nein ich begehrte sie tatsächlich. Ich begehrte diese unbändige wilde Schönheit und wenn mir schon jemand das Genick brechen sollte, dann diese Frau. Ich trat an sie heran, umfasste ihre Hüften und ließ meine Hände langsam von ihrem Arschbacken über Rücken, nach oben wandern. Am Kopf angekommen fasst ich sanft in ihre Haare und brachte ihre Augen vor meine. Ihre Augen blitzten und funkelten gefährlich. Mit Sicherheit hätte sie mich trotz Handschellen fertig machen können, doch irgendwas hielt sie zurück. Zeit für ein kleines Friedensangebot.
Geschickt öffnete ich das Halsband und zog es ihr aus. Wenn sie es trug, dann nur wenn sie es freiwillig für mich trug, und nicht, weil sie eine Wette verloren hatte. Ich ließ das Halsband einfach zu Boden fallen und begann ganz langsam den Reißverschluss des Overalls zu öffnen. Dazu benutzte ich meine rechte Hand, die linke ließ ich in ihren Haaren, ohne sie wirklich fest zu halten.
WOW. Sie hatte tatsächlich nichts darunter. Ohne gleich die Brüste frei zu legen, öffnete ich den Reißverschluss ganz. Das Ende des Verschlusses lag schon direkt über ihrer Scham. Mit Bedacht, diese nicht zu berühren, vollendete ich mein Werk. Als meine linke Hand sich von ihren Haaren löste und über ihren Hals glitt, zuckte sie leicht zurück, hielt dann aber weiter still.
Jetzt ließ ich meine Hände von ihren Schultern zu ihren Brüsten wandern und kaum erreichte ich diese, begannen sich ihre Nippel durch den Stoff des Overalls zu drücken.
-AHA, so abgeneigt bist du also doch nicht-.
Mit einem Griff hatte ich den Karabinerhaken gelöst, die Handschellen aufgeschlossen und trat zurück.
„Was ist?“ fragte sie ungläubig.
„Ich will dich! Aber nicht auf diese Weise.“
„Es ist die einzige Gelegenheit, die du je haben wirst!“ fauchte sie.
„Dann verzichte ich eben!“ Ich schnappte mir mein Glas, kippte den Whisky herunter und ging in Richtung Tür, als sie mich einholte.
„Du arrogantes Arschloch! Bin ich dir etwa nicht gut genug?“
„Arrogant? Ich falle nicht über dich her und bin arrogant? Du undankbares Miststück! Am liebsten würde ich dir den Arsch versohlen!“
„Tu es doch, wenn du dich traust!“
Das reichte! Und ob ich mich traute! Schon hatte ich ihr die Handschellen wieder angelegt und trotz ihrer „Gegenwehr“ hing sie wieder mit den Amen nach oben an der Wand.
Ich schob den Overall zur Seite und befreite ihre Brüste aus der Enge des Stoffes.
Carolines Brüste waren fest und perfekt geformt. Als meine Finger zu ihren harten Nippeln kamen und sie leicht zwirbelten, konnte sie ein kleines Stöhnen nicht unterdrücken. Doch sofort biss sie sich auf die Lippen und ihre Augen funkelten weiter. Ich spielte weiter mit ihr und brachte sie in Fahrt. Meine rechte Hand schob sich über ihren flachen Bauch nach unten. Langsam erreichte ich das Ende des Reißverschlusses und ging tiefer.
Ich fragte mich, welch ein Kampf gerade in ihr tobte, aber das machte das Ganze auch erst richtig spannend. Ich holte aus der anderen Hosentasche meinen zweitbesten Freund hervor, mein geliebtes, sehr scharfes Klappmesser und klappte die Klinge aus. Ein kurzes nervöses Aufflackern in ihren Augen zeigte, wie schwer es ihr fiel, still zu halten, doch die blieb ruhig.
Ich begann mit dem rechten Arm des Overalls. Ganz vorsichtig schnitt ich ihr den Anzug vom Leib. –Wärst du nackt geblieben, wie ich es verlangt hatte, müsste ich den Anzug nicht zerschneiden.-
Nach ein paar Minuten, stand sie Oben ohne vor mir. Dann ging ich auf die Knie und wiederholte das Ganze von unten. Schließlich stand sie nackt in Handschellen vor mir. Was für ein Anblick! Ich musste offen zugeben, dass Caroline die schönste Frau war, die ich je gesehen hatte. So genug mit der zarten Nummer!
Ich löste den Haken den Caroline an der Wand fixierte und warf sie mit den Handschellen auf das Bett. Da das Bett Vera und mir auch als Spielwiese gedient hatte, besaß es, wie die ganze Wohnung, ebenfalls jede Menge praktische Ösen. Schon waren die Handschellen wieder über ihrem Kopf am Bett festgemacht.
Mit meinem Messer schnitt ich aus dem Overall Stoffstreifen, die ich mit an das Bett brachte. Mit diesen band ich ihre Füße, die in modischen schwarzen Sneakers steckten, an die Bettpfosten. Tja, vorher musste immer Vera oder Beate mich entkleiden und da Caroline „unpässlich“ war, musste ich diesmal selber meine Hose ausziehen.
Hart, jedoch ohne brutal zu sein, drang ich Caroline ein. Viel Widerstand musste ich nicht einmal überwinden. Egal welchen Knopf ich gedrückt hatte, Caroline drückte sich mir leidenschaftlich entgegen.
Jetzt rechnete ich nicht mehr damit, dass sie mich umbringen würde (zumindest nicht vor dem Ende des „Liebesaktes“) und löste die Fesseln an ihren Füßen. Die Handschellen aber ließ ich ihr an. Zu einem sah Caroline darin geil aus, zum anderen sollten die Handschellen sie daran erinnern, wer hier im Bett der dominante Part war.
Was folgte war ein heißes Liebesspiel, das dem Ringen in der Sporthalle kaum nachstand. Alles diente mir dazu, Caroline zu bändigen. Der Sessel, das Bett, das Sofa. Es gab nichts, was ich ausließ. Auch das sanfte Haare packen war vorbei und ich griff fest und bestimmend zu. Ich wollte die Panterin in ihr bändigen und das Raubtier setzte sich zur Wehr. Wild und hemmungslos vögelten wir in der ganzen Wohnung. Caroline zerkratzte mir den Rücken, die Brust und alles Regionen die sie mit den Handschellen erreichen konnte und ich packte sie ohne Rücksicht dorthin, wo ich wollte, was ihr einige blaue Flecken einbrachte.
Stunden später als sich der „Kampf“ zum Ende neigte, packte ich sie, drückte sie auf den Fußboden und zwängte mich zwischen ihre Beine. Caroline krallte sich mit ihren gefesselten Händen in meinen Nacken und zog sich daran mir entgegen. In dieser Stellung kamen wir fast gleichzeitig. Ich ließ ihr zwei Sekunden Vorsprung, dann kam auch ich. Wie eine Riesenwelle brachen die Höhepunkte über uns zusammen, bis wir völlig erschöpft gemeinsam auf dem Boden liegen blieben. Erst jetzt fiel mir auf, dass keiner von uns auch nur ein einziges Wort gesprochen hatte.
Nach einer Ewigkeit, lösten wir uns voneinander und Caroline hielt mir die gefesselten Hände entgegen. „Vergiss es. Schon vergessen? Die ganze Nacht!“
Die Wut kam kurz in ihre Augen zurück, doch sie fügte sich. Und so brachte ich sie zum Bett und die Nacht ging weiter. Irgendwann am Morgen erwachte ich und der Platz neben mir war leer, bis auf die Handschellen, die auf der Decke lagen.
-Schön, sie hat dich nicht umgebracht. Das ist doch schon Mal ein Anfang.-
Ich schwang meine Beine aus dem Bett und stand auf. AAUUU! Mit dem Aufstehen, kam der Schmerz. Ich schaute in den Spiegel der an der gegenüberliegenden Wand angebracht war. Ich bot ein schlimmes Bild. Überall waren Kratz und Bisswunden, tja, das hat man davon, wenn man mit einer Panterin gekämpft. Und genau, das war Caroline auch, ein gefährliches Raubtier.
-Scheißegal! Das war es wert! –
Ich sammelte meine Kleider ein und machte mich nach einem längeren Aufenthalt im Bad auf den Weg ins Büro.
„Wie war dein Gewinn?“ fragte Jessika, nicht ohne Schadenfreude, als sie die Kratzwunden sah.
„Ich lebe noch.“
„Tja, sie ist eben keine…“
„Sag es nicht!“
***

Als er da in der Tür stand, war ich mir immer noch unschlüssig, wie das was kommen würde, ausgehen könnte.
Ganz gewiss würde ich mich nicht einfach wie eine nette Maus vernaschen lassen. Würde er wie ein Berserker über mich herfallen, dann würde es garantiert tragisch enden, ich hatte schon einmal einem Mann die Beine gebrochen als er mich besteigen wollte, so etwas ging einfacher als viele dachten. Also stand für mich die Frage im Raum, was kommt da heute durch diese Tür. Vielleicht wäre es ja der Prinz…
Da wurde ich durch ein zartes Klopfen aus meinen Gedanken gerissen und ich ließ ihn eintreten. Seine Begrüßung war tatsächlich freundlich und ich entdeckte sogar eine Spur Charme in diesem Raubein.
Hier im Haus nannten ihn alle den Bad-Man, weil er auch böse sein konnte, wenn er wollte. Na dann willkommen im Club. Nach einer Weile stellte er dann aber klar seine Forderungen und er würde seinen Wettgewinn auch einlösen dessen war ich mir sicher. Aber was dann kam, war für mich eine völlig andere Entwicklung.
Nachdem Peter angefangen hatte mich zu reizen, waren meine Signale klar, meine Brüste sprachen eine klare Sprache und so schlimm würde das mit dem durchtrainierten Mann sicherlich nicht werden, ganz im Gegenteil, langsam wurde er in meinen Augen interessant, was er sagte, es hatte Hand- und Fuß. Peter brachte sogar rabenschwarzen Humor mit, zugegeben nicht ganz meine Stärke, aber dann löste er die Fesseln und ließ mich stehen.
„Ich will dich, aber nicht auf diese Weise!“ kam mir entgegen und diese Worte wirkten wie ein Schlag ins Gesicht. Jede seiner Sätze regten mich mehr auf. War ich ihm nicht gut genug? Na dann hast du eben Pech gehabt mein kleiner Prinz, lieber esse ich dein Pferd als den Prinzen zu nehmen. Wir erregten uns tatsächlich aneinander und es wurde mir klar, dass er auch das hatte, was alle Alphas hatten, eine irrsinnige Angst alleine da zu stehen. Ein Wort gab das andere und wir beiden Alphas rieben uns aneinander und schneller als ich es tatsächlich wollte, war mein Dress zerschnitten und ich lag gefesselt auf dem Bett. Jetzt endlich jetzt kommst du zur Sache.
Ich konnte es kaum fassen, aber dieser Kerl hatte mich erregt und er hatte mich an sich gefesselt und ich begann ihn zu spüren, das war ein richtiger Mann. Jetzt war es dann zu spät für mich, ich wollte ihn eben noch zerreißen, jetzt hätte ich ihm die Kleider vom Leib gerissen und was machte er, er löste die Fesseln und es begann das heißeste Liebesspiel seit meiner ersten Nacht mit Penelope auf Soulebda.
Wir trieben es in allen Positionen und auf allen Plätzen in der kleinen Wohnung und ich saugte ihn regelrecht aus, fraß seine Kraft und er fütterte mich mit dem, was ich gesucht hatte. Wie ein Panter fiel ich über ihn her und ich wusste genau, dass er am Tag darauf nicht gut aussehen würde aber auch ich musste Schmerzen hinnehmen. Wir waren wie zwei entfesselte Orkane die sich getroffen hatten und begannen sich gegenseitig zu verschlingen. Entweder würden wir uns auflösen oder wir würden als ein einziger Hurrikan herausgehen. Als wir uns nach Stunden in unserer Lust ergeben hatten, da fiel mir auf, dass er kein Wort mehr gesagt hatte.
Doch als ich die Handschellen geöffnet haben wollte, lehnte er genau das ab. „… die ganze Nacht! …“ sagte er und seine Rede war Programm.
Wir trieben es bis in die frühen Morgenstunden, dann forderte das Training oder das Alter doch seinen Tribut bei Peter und er fiel mir in die Arme. So lag er halb auf, halb neben mir und es fühlte sich sogar gut an. Ob sich da noch mehr entwickeln würde, ich konnte und wollte es da noch nicht glauben, aber in der Löffelchenstellung schlief auch ich kuschelnd in seinen Armen ein.
Am Morgen löste ich mich aus seiner Umklammerung und von seinen Handschellen, legte sie auf das Bett und deckte ihn mit einer Decke zu. Nach einer flüchtigen Dusche machte ich mich startklar, schlüpfte in einen neuen Trainingsanzug und grüßte Jessika, die eben das Haus betrat. Sie lächelte und ich lächelte zurück mit einem leisen „Er lebt.“ verließ ich das Gebäude und begann meine Runden auf dem nahen Waldweg.
Auf den ersten vier Kilometer war noch Ruhe, aber dann fanden sich deutlich mehr Sportler ein, als ich es gewohnt war. Irgendetwas war hier falsch und ich wurde wachsam. Auf der einen Bank hatten zwei Jogger eine Kamera gezückt und offenbar mich im Sucher. Gegenüber fielen mir zwei marokkanisch aussehende gut trainierte Sportler auf, die einen südfranzösischen Dialekt sprachen. Ich schaute nach der Abkürzung und verließ den Pfad, rannte schnell weiter zur Pforte und verschwand in den Räumen.
Ich war hier nicht alleine, das wurde mir immer klarer. Aber mit wem konnte, mit wem sollte ich hier reden, ich hatte noch zu wenig Vertrauen. Jessika verstand alles und war sehr intelligent, die Kollegen waren zu neu und Peter, tja Peter der lag geschunden und hab zerrissen auf meinem Bett, den würde ich wohl kaum ansprechen können.
Ich musste mit meinem Onkelchen Kontakt aufnehmen, er würde wissen, was zu tun war und er konnte und würde mir helfen, denn ich wollte hier kein Blutbad anrichten, nur weil alle meine Sinne Angriff signalisierten.
***

Der Tag danach

„Mach Caroline ein Friedensangebot.“ Jessika klebte gerade ein großes Pflaster auf meinen Rücken, um zu verhindern, dass ich das ganze Büro mit Blut versaute. „Kauf ihr einen schönen Strauß Blumen.“
„Blumen? Die Frau ist eine Killerin!“
„Ja, aber sie ist auch eine Frau. Jede Frau freut sich über Blumen. Und bevor du fragst, NEIN, ich habe keine Zeit mich um dein Liebesleben kümmern, geh selber die Blumen kaufen.“
„Danke für die tolle Versorgung und deine Tipps. Was wäre ich ohne dich?“
„Du wärst verloren! Sie mag dich, also gib die Mühe beim Aussuchen der Blumen!“
„Sie mag mich? Woher willst du das denn wissen?“
„Du lebst noch, das sagt doch alles!“ meinte sie grinsend.
Naja, von dieser Warte hatte ich es noch nicht betrachtet, aber Jessika hatte Recht, ich lebte noch. Da Samstag war, standen keine Hinrichtungen an und ich konnte mich auf den Weg machen. Zwei Ecken vom Gefängnis entfernt war ein kleiner Blumenladen. Zum Glück stand kein Feiertag vor der Tür und der Betrieb hielt sich in Grenzen. Auf die Frage, welche Blumen ich gerne hätte, überlegte ich. Für rote Rosen war es eindeutig zu früh, auch wenn sie das ausdrücken würden, was ich empfand, also wählte ich einen bunten Strauß aus verschiedenen Schnittblumen.
„Soll ich die Blumen einpacken?“
„Nein danke, ich werde sie gleich verschenken.“
Mit dem Strauß in der Hand machte ich mich auf den Rückweg. Als ich mich dem Gefängnis näherte, musste ich eine Straße überqueren, an der eine Fußgängerampel den Verkehr regelte. Ich war etwa 50 Meter davor, als ich den feuerroten Haarschopf erkannte, der ebenfalls auf die andere Seite wollte. Caroline hatte wohl etwas erledigt und war auf dem Rückweg.
-Warum nicht? – Ich dachte an Jessikas Rat, ihr ein Friedensangebot zu machen. Auf der anderen Straßenseite lag ein Bistro, das gerne von unseren Leuten besucht wurde. Sogar vernünftigen Kaffee konnte man dort bekommen. Vielleicht gelang es mir, zumindest einen befristeten, Waffenstillstand zu erreichen.-
Ich beschloss, mein Glück zu versuchen, und ging auf Caroline zu, als sich plötzlich meine Nackenhaare sträubten. Gefahr!!! Alles in mir zog sich zusammen. Meine Sinne liefen auf Hochtouren und warnten mich vor etwas. Ich hatte in den Jahren gelernt, meinem Gefühl zu vertrauen.
Schnell blickte ich mich um. Außer Caroline stand nur eine Frau am Übergang, die verzweifelt mit einem Stadtplan kämpfte. Sonst war nur ein Mann zu sehen, der von links kommend, an den beiden vorbei gehen würde und ein paar abgestellte Wagen 50 Meter und weiter vom Übergang entfernt.
-Du siehst Gespenster. Die Sache mit Trommer lässt dich paranoid werden.-
Ich ging weiter, hielt die Augen offen, konnte aber absolut keine Gefahr erkennen, doch das Gefühl der unmittelbaren Gefahr verstärkte sich mit jedem Schritt. Bei 30 Meter, fasste sich die verzweifelte Frau ein Herz und wandte sich an Caroline, die ihr wohl zeigen sollte, in welche Richtung sie gehen musste. Da Caroline selbst neu in der Stadt war, brauchte sie selbst einige Sekunden um sich selbst auf dem Plan zu orientieren und den eigenen Standort zu finden.
Bei 15 Metern hatte der Mann die Frauen erreicht. Caroline hatte ihren Standort gefunden und drehte sich etwas, um der Frau die Richtung zu zeigen. In mir gingen alle Alarmsirenen los. Ich riss meine Waffe aus dem Schulterhalfter. Als der Mann an der fremden Frau vorbei war und genau in Carolines Rücken stand, rutschte ein bösartig aussehendes Messer aus seinem Ärmel, in die rechte Hand. Er holte aus und wollte zustoßen, als ihn meine Kugel in den Kopf traf. Caroline und die Frau wurden mit Blut und Hirnmasse bespritzt als der Mann gegen sie geschleudert wurde und zusammenbrach.
Caroline fuhr herum und sah mich mit der Pistole auf sie zielen. Diese kurze Zeitspanne reichte der Frau aus, um ebenfalls ein Messer zu ziehen. Caroline und ihre Gegnerin standen jetzt zu nahe beieinander, um einen sicheren Schuss abzugeben, doch Carolines rasche Auffassungsgabe registrierte jetzt die Gefahr. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr den Angriff abzuwehren, da heulte der Motor eines Wagens auf, der scheinbar verlassen dastand. Mit quietschenden Reifen fuhr er auf die Frauen zu. Carolin gelang es, die Frau in Schach zu halten, doch die erreichte ihr Ziel, denn Caroline wurde abgelenkt.
Ich sprintete los, die Blumen fest in einer Hand, die Pistole in der anderen. Fast zeitgleich erreichten das Auto und ich die Frauen. Der Wagen versuchte, Caroline niederzufahren, und ich hechtete mitten in das Gewühl hinein. Ich erwischte Caroline an der rechten Schulter und riss sie herum. Da die noch immer mit der Angreiferin kämpfte, wurde diese automatisch mit herumgezogen und landete direkt vor dem Kühler des heranrasenden Autos. Mit einem lauten Aufprall wurde sie auf die Motorhaube geschleudert und weiter in die Windschutzscheibe. Diese zersplitterte, als der Kopf der Frau die Scheibe durchbrach, während ich schmerzhaft den Außenspiegel in die Seite bekam. Die Frau wurde über das Dach geschleudert doch der Wagen beschleunigte und bog mit quietschenden Reifen um die Ecke, während die Frau regungslos auf dem Pflaster liegenblieb. Ihre Augen starrten blicklos zum Himmel. Anscheinend hatte der Aufprall ihr das Genick gebrochen.
„Bist du OK?“ fragte ich Caroline.
Die nickte nur. Die ersten Schreie ertönten, als Passanten die Leichen und das ganze Blut auf der Straße sahen.
„Guter Schuss.“ Sagte sie und schaute zu dem toten Mann mit dem Messer in der Hand.
„Was zum Teufel war das gerade?“ wollte ich wissen. Ich hatte während des Sprungs meine Waffe verloren und bückte mich um sie aufzuheben, als ich gegenüber eine Gestalt sah, die mit einer Pistole auf uns zielte, doch bevor er schießen konnte, wurde er von einer geräuschlosen Kugel mitten in die Stirn getroffen. Irgendjemand aus dem Bistro musste ihn erschossen haben, ich wirbelte herum, sah aber niemanden.
-Was immer hier lief, es war Zeit abzuhauen! – Ich schnappte mir Caroline, hinkte mehr als ich lief, und zog sie von der Straße. Dann erst sah Caroline die Blumen, die verteilt auf der Straße und der toten Frau lagen. „Oh, sind die für mich?“, dabei lächelte sie mich an. Trotz meiner Schmerzen tat mir dieses Lächeln gut. „Ja, die sind für dich.“, hustete ich, während wir von der Straße liefen.
***

Schnell weg

„Komm – runter von der Straße, die haben da meist noch einen weiteren Präzisionsschützen in Petto.“ Rief ich und half Peter beim Aufstehen. Ein letzter Blick auf die Frau – ja starrer Blick und offene Pupillen dazu das Blut aus dem Kopf, die Frau war ex – und dann nichts wie weg, um die nächste Gebäudewand.
Ein prüfender Blick und dann kümmerte ich mich bereits um Peter. „Danke du Held, das war echt knapp, die lernen dazu – und jetzt zeig mal deine Seite.“ Damit zog ich sein Hemd seitlich aus der Hose und prüfe kurz die Verletzungen.
„Hmm das sieht nach einer Beckenprellung aus. Das da oben, also etwa hier.“ und ich drücke leicht zu und Peter zuckte etwas und versuchte tapfer die Schmerzen zu erdulden.
„Ja da sind vermutlich zwei Rippen durch. Lass dich besser mal beim Arzt röntgen, kannst ja sagen, dass das die Spätfolgen unseres Trainings waren.“ Während sich Peter richtete, prüfte ich kurz die Lage.
„Verdammt, da ist wer auf dem Dach und scannt nach uns. Wir müssen dort drüben, in die Gasse.“ Ohne lange sich um das Geschehen zu kümmern, verließen wir schleunigst den Ort, denn die Kollegen von der Straße waren mittlerweile eingetroffen. Sie sperrten alles weiträumig ab. Ob die sich über die tote Frau mit den verstreuten Blumen über ihren Körper wundern würden? Sicherlich, so etwas sahen sie auch nicht jeden Tag. In Peters Wohnung schaute ich mir nochmal die Wunden an und zog einen kleinen Teil eines Aufklebers von seiner Brust ab.
„Objects in mirror are closer…“ las ich vor, lege den Aufkleber weg und sah Peter an. „Waren das etwa Amerikaner?“, fragte er und ich nicke ihm zu.
„OK ich denke, es wird Zeit für die ganze Story aus den Staaten!“ forderte mich Peter auf. „ich hole uns was zu trinken und dann packst du aus!“ Ich wartete, bis uns Peter etwas zu trinken gebracht hatte und begann. „Also, die Sache mit den Söhnen, die ich gehenkt habe, ehe der werte Herr Papa seine Hebel im Außenministerium spielen lassen konnte, hast du ja gehört.
Was du nicht weißt, ist, dass er Mann später der Vizepräsident der CIA wurde und deswegen musste ich schnellstens aus dem Land. Weißt du, die Amis nehmen Recht und Demokratie nicht wirklich ernst, wenn es gegen ihre eigenen Interessen geht. Da lassen die schon mal hunderte Leute oder sogar ganze Dörfer verschwinden.“
Peter schaut mich nachdenklich an „Das ist schon eine Zeitlang her, wenn der noch immer hinter dir her ist, muss noch etwas vorgefallen sein – raus damit ich will jetzt alles wissen!“
Da schaute ich ihn eiskalt an und sagte, „Alles wirst du von mir nicht erfahren, aber so nah wie jetzt, wird kein anderer Mensch je wieder an die Wahrheit kommen. Also pass auf.“ Ich nahm einen tiefen Schluck von seinem Whiskey, ließ die Zunge darin kreisen um den Geschmack aufzunehmen und erzählte weiter.
„Der Möchtegern-Vater, dessen Söhne gehenkt wurden, ist vier Jahre später über eine Affäre gestolpert und musste seinen Hut nehmen. Seine Frau war auch in einer höheren Position in der Industrie und sie war es, die mich Soulebda aufspürte. Sie hatten da eine Niederlassung aufgezogen und so liefen wir uns über den Weg. Ich kannte sie nicht, aber sie wusste genau, wer ich war. Irgendwann gab es dann einen Unfall, weil mein Wagen plötzlich keine Bremsen mehr hatte, ich konnte mich gerade noch retten, aber es gab unschuldige Tote.
Zwei Mann aus dem Sicherheitsteam der Firma wurden als Täter ermittelt. Die Botschaft der USA schaffte die Leute aus dem Land, aber die Frau trat dann nochmals in Erscheinung, als sie mich in meiner Freizeit überfallen wollte. Mit zwei Fahrzeugen wollte man mich erledigen, aber die verhielten sich nicht sehr professionell. Und so trat die Frau dann die Heimreise in einem Zinksarg an. Zusammen mit vier Ex CIA Agenten. Dann war ein Jahr lang Ruhe und ich dachte schon, es sei vorbei. Jetzt bin ich hier und die Leute von heute waren ganz klar Profis im Auftrag von „oben“ und – ach ja ich denke dass das hier“ und ich legte meine Wanzen Fundsachen vor Peter auf den Tisch – „wird wohl nicht aus euren Beständen stammen. Aber wenn nicht ihr, wer von Euch hier drinnen macht mit den Amis gemeinsame Sache?“
Ich erzählte von den beiden anderen Wanzen und dass das Profiwerkzeug war. Peter sah sich die Telefonwanze an. „Darf ich?“ und nahm eine kleine Lupe zur Hilfe.
„Einer meiner Vertrauten kennt sich da aus, der kann uns vielleicht dazu etwas sagen, aber dazu bräuchte er das Teil für einen Tag?“
Ich schob ihm die Kassette zu „Du hast mich heute gerettet, du hast was gut bei mir. Jetzt aber genug der Arbeit! Lass mich nochmal die Rippen sehen.“
Während sich Peter oben frei machte, kramte ich in meinem Medic-Kit und nahm einen der speziellen Schnellverbände heraus. Peter sah sich das Logo an, ein gebeugter Adler auf einem Anker mit einem quer liegenden Dreizack und einer Waffe. Er machte große Augen, das Logo der SEALS kannte er also.
„Wie zum Teufel kommst du an solche Medizin?“ schaute er mich staunend an und ich entgegnete ihm lächelnd.
„Durch gute Freunde. Jetzt lass die Medizin eines sehr guten Freundes ihre Wirkung auf einem anderen Menschen tun.“ und ich lächelte ihn leicht an.
„Das kann aber nur die Prellung lindern, die paar Rippchen müssen heilen.“ Ich klebte den Verband auf und ich sah in seinen Augen, dass er Schmerzen hatte, aber ich wusste, dass die Mittel schnell Wirkung zeigten.
„Jetzt ist die Lende dran – runter mit der Hose und komm mir nicht auf dumme Gedanken!“ Schonend brachte ich die zweite Lage auf der Lendenseite an, berührte mit dem Ellbogen sein Glied und nahm vergnüglich das Zucken wahr. Dieser alte Rammler – dachte ich mir – Eben noch im Feuergefecht und schon war er wieder geil.
„OK das heilt jetzt bestimmt besser.“ und klatsche mit der flachen Hand auf seinen Po. Nicht zu fest, aber anerkennend. Ehe er noch etwas sagen konnte, stand ich auf, sah ihm genau ins Gesicht und drückte ihm einen langen saftigen Kuss auf die Lippen.
„Das war ein kleiner Dank für deinen heutigen Einsatz, vielleicht bist du doch nicht so falsch, wie Trommer meinte.“
***

Neue Regeln

„Was ist das, zwischen dir und Trommer?“ Fragte Caroline mich, während sie in meinem Arm lag. Nachdem sie mich verarztet hatte, fielen wir wieder übereinander her, wenn auch etwas vorsichtiger als noch beim ersten Mal. Caroline nahm so viel Rücksicht, wie sie konnte, doch auch wenn sie sich zügelte, blieb sie ein Raubtier, das sich nahm, was es wollte. Das stellte einen Umstand dar, mit dem ich lernen musste umzugehen. Im täglichen Leben sah ich meine Partnerinnen immer auf gleicher Augenhöhe, doch im Bett war ich es gewohnt, Frauen zu dominieren und ich war nicht gewollt, auf die passive Seite zu wechseln.
Natürlich bemerkte Caroline schnell, worauf dieses Spiel hinauslaufen würde. Genau wie es in der Hinrichtungskammer um den Job gegangen war, würde es irgendwann im Bett darum gehen, wer von uns beiden „die Hosen anhatte“. Heute aber hielt sich Caroline zurück und verwöhnte mich, ohne mir weitere Wunden zuzufügen. Umso überraschter war ich, als sich Caroline nach dem Liebesspiel an mich kuschelte. Wir lagen einfach da und hielten uns einander fest. Sollte diese Killerin etwa auch einsam sein? Mir war klar, dass mir Caroline allenfalls die halbe Wahrheit über ihre Vergangenheit erzählt hatte, doch wollte ich überhaupt mehr wissen?
Was auch immer geschehen war, es würde Caroline sicherlich früher oder später wieder von hier forttragen. Es sei denn… Wollte sie das überhaupt? Das war die Frage, die ich mir stellte. Bevor ich mit Vera zusammenkam, war es mir egal, ob jemand sein Leben oder das Bett auf Dauer mit mir teilte. Ich hatte meinen Spaß im Bett und es war mir, bei jeder neuen Beziehung von Anfang an klar, dass der Job sie früher oder später beenden würde. Also stellte ich mich gleich auf eine kurze Beziehung ein.
Dann kam erst Vera und mit ihr auch Beate in mein Leben und alles wurde anders. Ich hatte zwei Menschen gefunden, die mich so liebten, wie ich war und denen es gleich war, womit ich mein Geld verdiente. Doch kaum hatte ich das schönste Leben, das man sich vorstellen konnte, brach Trommer über uns herein und ich war wieder so einsam wie vorher. Nur dass ich die Einsamkeit diesmal viel bewusster wahrnahm. Jetzt lag ich hier mit einer Frau, die genau so einsam war wie ich, und keiner von uns wusste etwas über die Geheimnisse der Vergangenheit des anderen, noch wussten wir, was die Zukunft bringen würde. Dann kam die Frage, auf die ich schon gewartet hatte. „Trommer ist ein Machtmensch. Er benutzt alle, um nach oben zu kommen. Für ihn ist der Posten als Generalstaatsanwalt nur eine Zwischenstation nach ganz oben.“
„Es geht um diese Beate, oder? Wer war sie?“
„Beates Mann hatte für seine Liebschaft ihr gemeinsames Kind umgebracht. Dafür hat ihn Beate mit dem Messer niedergemacht. Die Liebschaft hat sich Trommer geschnappt und die zwei haben den Mord, an der Kleinen, Beate in die Schuhe geschoben. Trommer hat diesen Prozess benutzt um sich nach oben zu kämpfen. Um seine Bewerbung als Generalstaatsanwalt gegen alle Eventualitäten abzusichern, bat er mich, Beate vorerst zu verschonen und sie erst hinzurichten, wenn er fest im Sattel saß.“
„Und das hast du getan?“
„Ja. Verdammt, er hat mich genauso geblendet wie den Rest der Welt. Ich habe die Hinrichtung vorgetäuscht und Beate „verschwinden“ lassen.“
„Ich höre an deiner Stimme, dass da noch mehr kommt.“
„Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass es nur einen Weg gab meinen Kopf zu retten, nämlich Beate hinzurichten.“
„Was du nicht getan hast.“
„Genau. Vera hatte sich in unsterblich in Beate verliebt. Sie hat sich vor sie geworfen um sich für Beate zu opfern.“
Caroline sah mich mit einem Lächeln an, als wenn sie etwas wusste.
„In den nächsten Wochen konnten wir beweisen, dass Trommers neue Liebschaft, Petra Strass, am Mord von Ella, Beates Tochter, beteiligt war und Trommer hat, ohne mit der Wimper zu zucken, seine Liebschaft auf den elektrischen Stuhl geschickt. Natürlich nicht, ohne den Medienrummel zu nutzen, um weiter nach oben zu klettern. Tja, und jetzt ist er Generalstaatsanwalt.“
„Und was wurde aus Beate?“
„Trommer hat sie in meinem Büro erschossen und da sie rechtskräftig verurteilt war, fragte keiner nach.“
„Sie ist also tot?“
„Ja.“
„Und Vera?“
„Vera hatte ihre große Liebe verloren und wollte nicht bleiben. Sie packte ihre Sachen und ist mit Sarah Schlosser, der neuen Henkerin, soweit weggezogen wie sie konnte. Sarah hatte irgendwie einen Draht zu ihr gefunden und passt auf, dass Vera keine Dummheiten macht, bis sie Beates Tod überwunden hat.“
„Eine traurige Geschichte.“ Ihre Stimme hatte dabei einen sehr seltsamen Klang. Sie schaute mich dabei eher nachdenklich an. War Caroline wirklich traurig?
„Glaubst du, wir zwei könnten einen Waffenstillstand schließen?“
Caroline lachte.
„Damit ich nicht den – Feind im Bett – habe?“
„Trommers Schoßhündin wird in den nächsten Tagen hier ankommen. Auch wenn sie es auf mich abgesehen haben, wirst du sicher auch beobachtet werden. Allein schon, um sicherzustellen, dass ich dich nicht „einwickele“. Trommer ist nämlich sehr misstrauisch. Lass uns bis zum Ende der Prozesse zusammenarbeiten, dann sehen wir, wie es weitergeht. Einverstanden?“
„Gut. Waffenstillstand bis zum Ende der aktuellen Prozesse.“
„Besiegeln wir das mit einem Kuss?“
„Ok, EINEN EINZIGEN Kuss.“
Aus dem EINEN Kuss wurde eine weitere heiße Runde im Bett, in der die Panterin mit ihrer Beute spielte.
***

Attacke

Benjamin Levi hatte im Bistro gesessen und die Ohren offengehalten, allein schon, weil er wissen wollte, ob es in der Geschichte zwischen Caroline und Peter etwas Neues gab. Er genoss den wirklich guten Kaffee, als er durch das große Fenster Caroline auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen sah. Levi machte sich so unsichtbar, wie er konnte und hoffte, dass Caroline nicht gerade jetzt Lust auf eine Tasse Kaffee hatte.
Als er die Frau mit dem Stadtplan sah, die sich an Caroline wandte, schrillten alle Alarmsirenen. Es war das klassische Manöver. Einer lenkte ab, der andere schlägt zu! So schnell er konnte, ohne aufzufallen, stand er auf, um zu Caroline zu kommen. Levi warf einen Geldschein auf den Tisch und verließ schnell das Bistro.
ZU SPÄT! Hämmerte es auf ihn ein. Ein Mann stand genau in Carolines Rücken und holte aus!
„CA…“ Der Rest ging im Knallen eines Schusses unter. Der Mann wurde getroffen und gegen Caroline geschleudert. Hinter Caroline stand Stein mit der Waffe in der Hand und zielte auf die Frau mit dem Plan, doch er konnte nicht schießen. Bevor Levi seine Waffe ziehen konnte, heulte der Motor eines Wagens auf und raste auf Caroline zu. Ben und Stein rannten gleichzeitig los, doch Stein war näher dran, als er. Stein sprang Caroline an und riss sie vor dem heranbrausenden Auto weg, während die Ablenkung überfahren wurde.
Der Profi in Levi hatte längst das Handeln übernommen. Die Gefahr lauerte jetzt nicht mehr bei Caroline. Irgendwo, da war Ben sicher, lauerte ein weiterer Killer, er zog seine Waffe, setzte den Schalldämpfer auf, hechtete zwischen zwei Müllcontainer und sucht den dritten Mann. Caroline und Stein waren mitten auf der Straße einem Schützen schutzlos ausgeliefert, als Ben den zweiten Killer fand. Während die ersten Leute panisch schrien und fassungslos herumstanden, schaute ein Mann gebannt auf Carolin und zog eine Waffe.
Als sich Stein bückte, um seinen Pistole aufzuheben, brachte der Mann seine Waffe zum Anschlag. In Levi lief ein Automatismus ab. Es war eine tausendmal geübte Bewegung, die Pistole entsichern, das Ziel anvisieren und abdrücken, schon hatte der Mann ein kleines Loch im Kopf und fiel wie ein gefällter Baum um. Noch bevor der Mann auf dem Boden lag, hatte Levi die Waffe gesichert und weggesteckt. Schon hatte er sich wieder unsichtbar gemacht und tauchte in der Menge unter. Gerade noch rechtzeitig, denn die die „guten“ Amerikaner, welche ebenfalls um das Gefängnis herumschlichen, tauchten ebenfalls auf.
Schnell war Ben zu seiner Wohnung gegangen und hatte Dagan angerufen. „Ich brauche hier sofort Unterstützung!“ Sagte Levi ohne Einleitung zu Dagan. „Die Lage gerät außer Kontrolle. Jemand hat versucht Caroline umzubringen und das waren keine Amateure. Die Vorgehensweise lässt auf einen Geheimdienst schließen.“ Levi erzählte Dagan was vorgefallen war und wie er die Situation einschätze.
„Was denkst du, war es Froody oder der alte Franzose?“
„Mit Sicherheit steckt Froody dahinter. Ein solches Vorgehen passt nicht zum alten Franzosen. Ich wette die Toten sind ehemalige amerikanische Agenten.“
„Was ist mit Stein, könnte er vielleicht…“
„Definitiv nein! Er hat Caroline gerettet. Für einen Amateur hat er heute einen verdammt guten Einsatz gezeigt.“
„Also gut! Ich werde mit Team 7 in zehn Stunden bei dir sein. Übrigens Lem hat Trommers Aktivitäten ausgewertet. Es gibt nur einen Vorgang, der sein Handeln erklärt. Der Fischer Prozess! Versuche, etwas darüber herauszufinden.“
***

Randy

Am Montagmorgen ging ich als erstes zu Günther, unserem Hausmeister. Mit einer Flasche Dimple in der Hand und einer Schachtel Zigarren. Anders als die meisten meiner Mitarbeiter, hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm und seinen Leuten. Genau wie auch zu den Reinigungskräften. Ein freundliches Wort konnte sehr viel bewegen und so bekam ich auch immer recht zeitnah, was ich brauchte bzw. was ich wollte. Mein nächster Gang führte mich zu Randy unserem IT Genie. Seit seinem erfolgreichen Einsatz bei Beates Rettung, war er viel selbstsicherer, ja fast schon erwachsen geworden. Naja, zumindest etwas Erwachsener. Er sah sich noch immer die Welt am liebsten von seinem Monitor aus an.
„Guten Morgen Bad-Man. Sorry, falls ich dich neulich im Aufzug in Verlegenheit gebracht habe. Du weißt schon, die Sache mit dem Parkplatz.“
Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Schon Ok. Du hattest Recht. Sie ist eine klasse Braut.“
„Ich habe gehört, diese Caroline ist auf deinen Job scharf.“
„Wir sind uns einig geworden.“
Randy grinste von einem Ohr bis zum anderen.
„Ja, das habe ich auch gehört.“
Ich ignorierte das fette Grinsen in seinem Gesicht. Randy war halt Randy. Dieser Junge hatte es faustdick hinter den Ohren, aber er war ein verlässlicher Partner, der immer da war, wenn ich seine Hilfe brauchte. Er war unser Technikspezialist der immer, neben einem coolen Spruch auch die richtige Lösung für ein Problem hatte.
„Kannst du dir das einmal ansehen?“ fragte ich und gab ihm die Wanze aus Carolines Wohnung. Er nahm sie in die Hand und schaute sich das Teil genau an.
„Wow. Bad-Man, wo hast du das üble Teil her.“ Flüsterte er, als ob die Wanze noch aktiv wäre.
„Die ist aus Carolines Wohnung! Was ist denn mit dem Teil?“
„Das Teil ist so neu, dass es dieses Ding noch gar nicht gibt, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Nicht wirklich.“
„Dieses Abhörgerät stellt die neuste Generation dieser Hochleistungswanzen dar. So etwas bekommt man nicht im Handel, die sind unglaublich teuer und Top-Secret dazu.“
Jetzt verstand ich. Wer immer diese Wanze versteckt hatte, es waren Leute, die Zugang zu geheimen Material hatten. Und wenn sie an die Technik kamen, würde sie sicher auch an Informationen kommen.
„Kannst du dich schlau machen, wer alles an solche Teile herankommt und wer sie im Sortiment hat?“
„Dauert etwas, sollte aber kein Problem sein.“
„Danke, hast was gut. Bei nächster Gelegenheit revanchiere ich mich.“
„Deine Liste wird immer länger. Aber für dich mache ich das immer wieder gerne. Was machen denn unsere zwei Turteltauben?“
„Denen geht’s gut.“
„Sag ihnen einen schönen Gruß.“
„Werde ich. Und du sei vorsichtig. Wer weiß, ob das die einzige Wanze ist, die sich hier versteckt.“
„HHMM, ich werde mich mal umsehen.“
***

In Langley, VA bei der CIA

„SMITH, WAS ZUR HÖLLE IST HIER LOS?!“
Der stellvertretende Direktor der CIA, Rush, „stand“ mittels Videokonferenz in der Wohnung des amerikanischen Konsuls und schaute Mike und Dave weniger fragend, sondern eher strafend an.
„Froody hat zugeschlagen, mehr wissen wir noch nicht.“
„Das ist alles? Machen sie Witze? Verdammt, da draußen liegen drei tote ehemalige Agenten! Scheiße Smith, tote, ehemalige AMERIKANISCHE Agenten! Der BND, der MAD, das BKA das LKA und, was weiß ich wer noch alles mit drei Buchstaben, laufen da draußen herum und fragen sich, was die CIA hier für eine komische Nummer abzieht!“
„Es liegt nicht in meinem Ermessen, die hiesigen Behörden über unseren Einsatz zu informieren.“
„Nein verdammt, sie sollen Froody aus dem Verkehr ziehen! Ich gebe ihnen einen guten Rat, schnappen sie ihn, bevor sich so etwas wiederholt!“
Das Bild erlosch. Rush drehte sich wutschnaubend um und fragte sich, warum ausgerechnet er es immer mit Stümpern zu tun hatte. Viele Gedanken konnte er sich allerdings nicht darüber machen, wichtiger war sich zu überlegen, was er den deutschen Behörden für eine Geschichte auftischen sollte.
Als das Bild im Laptop erloschen war, setzte sich Mike seufzend hin. Außer Dave waren noch die Agenten Sally Clifford, und Will Share im Raum.
„Vorschläge?“ Fragte Mike in die Runde.
„Wir müssen ihn hervorlocken, doch wie“ meinte Dave.
„Wir sollten mit seiner Zielperson reden. Wenn sie mitarbeitet, schaffen wir es vielleicht, Froody zu einer Aktion zu verleiten, nur dass wir dann schon an Ort und Stelle sind.“ Warf Sally in den Raum und alle starrten sie an.
„Clifford, das ist völlig…. Nein das ist überhaupt nicht verrückt, das hat was.“ Fing Mike an zu grübeln.
„Wir müssen uns überlegen, wie wir an sie herankommen, ohne dass jemand etwas mitbekommt.“
„Diese Miles weiß, dass Amerikaner hinter ihr her sind. Sie wird uns nicht trauen.“
„Dann schnappen wir sie und überzeugen sie.“ Schlug Share vor.
„Caroline Miles arbeitet für den Mossad und hat eine Ausbildung bei den Special-Forces durchlaufen. Das einfach schnappen können sie vergessen. Da müssen wir schon vorsichtiger sein.
Dave, besorg uns einen Plan vom Gerichtsgebäude. Vielleicht erwischen wir sie ja dort, denn da erwartet man uns nicht.
***

Umbau

Eine Stunde später, trugen zwei Leute des Hausmeisters einen weiteren Schreibtisch in mein Büro und stellten diesen Stirn an Stirn an meinem Schreibtisch, sodass Caroline und ich uns gegenübersaßen.
Dafür musste das Sofa weichen. Schade, so viel Spaß…
Caroline kam herein und schaute sich ihre neue Arbeitsstätte an. Sie hatte zwei Tassen Kaffee dabei und stellte mir eine davon hin. „Jessika meinte, du brauchst noch etwas von der Brühe.“
„Davon bekomme ich nicht genug.“ Lache ich und nahm die Tasse.
„Darf ich?“ fragte sie und schaute sich im Büro genauer um.
„Sicher, schließlich arbeitest du ja hier.“
Sie betrachtete die Bilder und Urkunden an der Wand. Dann sah sie das Bild auf meinem Schreibtisch. Darauf waren Vera und eine brünette, lebenslustige Frau mit dunkelblauen Augen.
Das Bild hatte ich in der Innenstadt vor einem Brunnen aufgenommen und die beiden warfen mir lachend eine Kusshand in die Kamera.
-Für den liebsten Bösewicht der Welt- stand unter dem Bild.
„Das ist Vera, von der hängen überall Bilder, wer ist die andere Frau?“
„Sarah Schlosser, die Henkerin, die ich ausgebildet habe.“ Mein Ton sagte wohl, dass ich nicht weiter darüber sprechen wollte. Sie schaute erst das Bild an, dann mich. Ohne einen weiteren Kommentar stellte sie das Bild zurück und sie setzte sich auf ihren Platz.
„Schön, dass ihr zwei euch nicht weiter die Köpfe einschlagen wollt.“ Kam Jessika zu uns herein. Caroline sah erst sie, dann mich verwundert an.
„Jessika weiß immer, was in diesen Mauern vorgeht. Ganz gleich was geschieht, sie weiß es als erstes.“
„Jetzt da ihr euch in einem Raum aufhalten könnt, ohne euch die Köpfe einzuschlagen, könntet ihr euch ja zur Abwechslung mal auf euren Job konzentrieren.“
„Caroline, pass auf! Er gibt gerne den Papierkram an andere weiter.“
Caroline lachte. „Oh, keine Sorge, ich lasse mich nicht über den Tisch ziehen.“
Jessika packte einen Stapel Akten und Schriftsätze auf den Tisch und ließ uns allein.
Wir arbeiteten noch den Papierkrieg ab, doch in Gedanken war ich bei etwas ganz anderem. Ich wollte wissen, aus welchem Holz Caroline geschnitzt war. Dass sie eine Killerin ist, hatte schon unter Beweis gestellt. Ob sie aber auch eine verlässliche Partnerin war? Im Job bestimmt! Was aber war privat? Warum hatte diese tolle Frau keinen Mann, Freund oder Verlobten? Oder war das eines ihrer Geheimnisse? Eines war klar, so schnell würde sie diese vor mir nicht offenlegen. Ob ich wollte oder nicht, immer wieder wanderte mein Blick zu ihr. Sie schien ganz vertieft in die Akte vor zu sein. Irrte ich mich, oder hatte sie diese Akte gar nicht vom Stapel genommen? Als sie sich ein paar Notizen machte, sah sie kurz auf, lächelte mir kurz zu und arbeitete dann weiter. Das musste ja eine verdammt interessante Akte sein.
***

Technik Randy

Die Akte war tatsächlich alles andere als langweilig. Eigentlich war es keine Akte aus dem Hause, sondern nur eine leere Hülle mit einem kurzen Bericht von meinem geliebten Onkelchen, darin machte er mir klar, dass er sich um mich sorgte und mich treffen möchte.
Zum Schluss noch zwei Sätze in einem handgeschriebenen uralten hebräisch, das kaum noch wer lesen konnte. Mein „Onkelchen“ hatte es mir in den ersten Jahren beigebracht und immer wieder betont, das ist wie im letzten Weltkrieg die Funkerei der Navajo Indianer, das konnte auch keiner übersetzen. Nach und nach verstand ich, was er meinte, denn diese Sprache war auch sehr außergewöhnlich.
Diese beiden Sätze hatten es aber in sich und wenn Peter gewusst hätte, was mein Onkelchen wiedergab, ich glaube er wäre nicht mehr so ruhig neben mir eingeschlafen. Jedenfalls war klar, ich sollte mich mit ihm treffen und der Termin stand fest. Doch jetzt sollten wir erst einmal Randy besuchen, unser Computerhirn.
„Hallo Randy.“ Begrüßte ich ihn. „Ich habe schon einiges von dir gehört. Du sollst das Computergenie sein.“
„Als Genie würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber es kommt der Sache ziemlich nah“ grinste er mich an.
„Und mir ist es eine Ehre die einzige Frau kennen zu lernen, die es gewagt hat, Bad-Man den Parkplatz zu klauen, und noch am Leben ist.“
Darüber lachten wir alle, außer Peter.
„Schluss mit dem Gesülze, was hast du herausgefunden?“
Randy Blick wurde ernst.
„Ich habe einen Freund bei … einer Behörde. Wir haben zusammen studiert, und haben noch immer Kontakt. Ich habe mal vorsichtig angefragt, ob er sich umhören könnte, was es mit der Wanze auf sich hat. Wie ich schon gedacht habe, das Modell wird von Profis benutzt. Von welchen konnte er mir nicht sagen, aber die Amis haben zwei Leute verloren, es wäre also wahrscheinlich, dass die es waren.“
Naja, das wussten wir auch und das war nichts Neues. NEIN, das war …. Bullshit. Peter kannte Randy schon viel zu gut. Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Und als er ihm in die Augen schaute, wussten Peter und ich, dass das stimmte. Er wollte es aber offenbar nicht in meiner Anwesenheit erzählen…
Es kam wie gerufen. Immer wenn es spannend wurde, kam jemand, der störte. Es klopfte und Jessika schaute herein.
„Entschuldigung, Caroline, ich bräuchte noch ein paar Unterschriften. Peter hat dich bei den heutigen Hinrichtungen als leitende Henkerin eingetragen, und die Protokolle müssen abgezeichnet werden.“
Ich sah Peter fragend an.
„Du bist jetzt offiziell die leitende Henkerin. Ich fand bei dem kommenden Prozess, solltest du schon eine bessere Position begleiten, als „einfache Henkerin“. Dafür darfst du jetzt die Akten unterschreiben.“
„Danke für die Mehrarbeit.“ Zusammen mit Jessika ging ich an den Empfang. Es war immer wieder interessant, wie vorbildlich man in diesem Land alles organisiert hatte, sogar das staatlich verordnete Sterben war mit Belegen gepflastert und ich hatte diesen Berg nun vor mir. Jessika half mir, sie war wirklich eine wunderbare Seele.
Da der Verwaltungsbereich und damit Jessikas Zimmer bis auf uns leer waren, konnten wir unsere Frauengespräche führen, die nur wir Mädchen führen konnten. Jessika kannte Peter tatsächlich besser, als er sich selber und Jessika hatte echt eine Antenne für zwischenmenschliche Beziehungen, aber in ihren Augen stand auch eine heimliche Liebe für Peter, das war aber eine andere Ebene, nicht die Sexuelle, das konnte ich genau fühlen.
Wenn Peter jemanden gebraucht hätte zum Pferdestehlen, Jessika wäre die absolute Nummer Eins gewesen.
***

Währenddessen bei Randy.
Peter wartete, bis die Tür zu war und sah Randy nur an.
„Habt ihr eine Ahnung, in welches Wespennest, ich da gestoßen bin? Die Amis spielen total verrückt. Zwei tote CIA Agenten, beide bewaffnet und das hier. Unser Geheimdienst läuft Amok. Alle Drähte über den Teich sind am Glühen und die sind total aus dem Häuschen.
Keiner weiß, was da vorgeht. Die Amis suchen nach dem, der die Aktion autorisiert hat. Sie haben uns sogar offiziell um Hilfe gebeten. Nachdem die Toten auf der Straße lagen, konnten sie ja auch schlecht so tun, als sei nichts gewesen. Aber mein Freund glaubt, dass die „Offiziellen“ wirklich keine Ahnung haben, was da vor sich geht. Keiner weiß was Genaues, alle laufen kopflos durch die Gegend.“
„Und warum konntest, du das mir nicht erzählen, solange Caroline hier war?“
Jetzt zeigte sich echte Angst in Randys Gesicht.
„Darum.“ Sagte er und zeigte auf die Wanze.
„Was ist damit?“
„Ich nehme an, du weißt, wie eine Wanze funktioniert.“
„Im Großen und Ganzen schon.“
„Eine Wanze ist nichts anderes als ein kleines Funkgerät. Es gibt Wanzen, die zeichnen das Gespräch auf und du sammelst sie später wieder ein, oder solche die das Gespräch zu einem Empfänger übertragen.
Die hier überträgt die Gespräche.“
„Komm zum wesentlichen!“
„Um die Aufzeichnungen zu übertragen, braucht man Strom in Form von Batterien. Je größer die Sendeleistung ist, umso geringer ist die Lebensdauer.“
„Randy, du stellst meine Geduld auf eine harte Probe.“
„Gib mir mal ein Blatt Papier.“
Peter gab ihm das Gewünschte und er fing an, einen groben Plan des Gefängnisses aufzuzeichnen.
„Also wie du weißt, ist das Gefängnis an sich, etwa quadratisch. Wir sind hier im Todestrakt, der ist so ziemlich in der Mitte. Um uns herum sind die Gebäude mit den normalen Gefangenen.
Um diese sind die Verwaltungsgebäude, wie Verwaltung, Küche, Werkstätten, Wäscherei und die Sicherheitszentrale.
Der Knackpunkt ist, dass die nächsten Wohngebäude mindestens 150 Meter Luftlinie von Veras Wohnung entfernt sind.“
Peter lief es kalt den Rücken herunter. Er ahnte, auf was Randy herauswollte.
„Das Teil hier hat eine maximale Reichweite von 80 Meter. Wer immer das Teil hier platziert hat, er sitzt hier im Gefängnis.“
Jetzt war klar, warum Randy Angst hatte. Randy war an Beates Rettung mit beteiligt und anders als Frank, der auf Grund seiner Position und seinen Freunden unangreifbar war, würde Randys Kopf rollen, sollte Beates Geheimnis herauskommen.
Niemand wusste, wie lange die Wanze schon in Veras Wohnung war, und was die Wanze verraten hatte. Wer den Auftrag gegeben hatte, war klar. Offenbar Trommer! Die Frage war, wie viel wusste er. Und wen hatte Trommer hier im Gefängnis?
„Wenn Trommer konkrete Fakten hätte, wären wir schon lange tot. Aber wir müssen vorsichtig sein. Kannst du die anderen Räume und das Büro überprüfen?“
„Kein Problem, jetzt, wo ich weiß, nach was ich suchen soll.“
„Dann tu das und überprüfe auch Franks Büro.“
„Geht klar.“ Randy verschwand und Peter ging ins Büro zu Jessika und Caroline.
„Hätte ich geahnt, wie groß der Verwaltungsaufwand hier ist, wäre ich in Soulebda geblieben, da war das alles sehr viel einfacher.
Der Präsident zeigte im Gerichtssaal mit dem Finger auf einen Verurteilten, sagte Todesstrafe, und ich habe den Verurteilten aufgehängt. Da gab es keine störenden Akten oder Protokolle.“
„Tja, dafür bekommst du hier auch Geld, wenn du in Rente bist.“ Lachte ich.
„Was hat Randy noch gesagt?“
„Nur, dass die beiden Toten, keinen offiziellen Auftrag hatte, dich zu killen.“
„Dann ist klar, dass der böse Papa sich rächen will.“
„Fertig hier?“
„Ja.“
„Dann komm mit.“
***

Ausrüstung

Ich hing mich in seinen Arm und wir gingen in Deckers Büro. Auf dem Weg dorthin, erklärte Peter mir, um was es ging.
„Als Henker bist du nicht unbedingt beliebt in der Öffentlichkeit. Wir hatten einige Handgreiflichkeiten und Anfeindungen. Als Frank Chef wurde, hat er durchgesetzt, dass alle Henker Waffen tragen müssen, sobald sie das Gefängnis verlassen. Deswegen hatte ich am Samstag auch meine dabei.“ Mittlerweile waren wir bei Decker angekommen.
„Hallo Herr Decker, Frau Miles braucht eine Waffe.“
Decker schaute mich an, dann bat er mich ihm in die Waffenkammer zu folgen.
„Hier haben wir eine Auswahl an handlichen Handfeuerwaffen.“
Er zeigte mir verschiedene Modelle kleinkalibriger Handtaschenartillerie. Ich schaute ihn ungläubig an. Das war einfach lächerlich, einige Cal. 22 Modelle bis zu den .38 Modellen. Diese Spielsachen waren nett für das Tontaubenschießen, aber ich war etwas mit ein wenig mehr Durchschlag gewöhnt. Ich sah ihn verständnislos an, schüttelte kurz den Kopf und griff mir eine 9mm Beretta. Genau das Modell, das mir so lag, ein Modell 92 FS in 9 mm Luger, jenes Modell, das ich in- und auswendig kannte.
„Die ist für eine zarte Frau nicht wirklich geeignet.“
„Haben sie hier eine Schießbahn?“ Fragte ich Decker und er schaute mich noch etwas unsicher an. Danach zu Peter und wieder zu mir. Decker zuckte mit den Schultern.
„Also gut, auf zum Schießstand.“ Zu dritt gingen wir dahin. Decker spannte drei IPSC Papierscheiben ein und ließ sie an die Wand zurückfahren.
Ich machte mich bereit, prüfte die Waffe, setzte den Gehörschutz auf und schoss die Waffe leer. Während ich die Sicherheit herstellte, fuhr Decker die Scheiben wieder zu uns her und sah die Treffer, alle waren sie in der Zone A gelandet, also in der letalen Zone. Decker war ehrlich beeindruckt und beschloss, sich zukünftig mit seinen Äußerungen gegenüber mir zurückzuhalten.
„Sie schießen sehr gut, welche Waffen nutzen sie sonst noch?“, wollte Decker wissen.
„Die Brünner M75, die nenne ich meine Damenpistole, die ist auch sehr griffig, aber auf die Beretta kann ich mich immer verlassen.“
In der Waffenkammer bekam ich die passende Zusatzausrüstung und wir gingen zurück in unser Büro. Da trafen wir wieder auf Jessika.
„Frau Haufberger, wird heute hier Quartier beziehen. Da ihr zwei euch ja jetzt in einem Raum aufhalten könnt, ohne dass ihr euch gleich gegenseitig umbringt, werde ich sie in Carolines Wohnung unterbringen.
Du Liebes, kannst dir aussuchen, ob du mit ihr, oder mit deinem Chef, Retter und Verehrer das Bett teilst.“
„Verehrer?“ Fragte ich Jessika und schaute Peter von der Seite an, irgendwie hatte er gerade den Wunsch, Jessika langsam mit der Handgarotte zu erwürgen.
„Seit du hier aufgetaucht bist, macht er lauter verrückte Dinge, die er vorher nie getan hätte, wie zum Beispiel: Diskutieren…“
„OK, das reicht jetzt.“
Ich musste laut lachen.
„Ich denke, ich wähle den Griesgram da, obwohl die Haufberger sehr viel besser aussieht als er.“
***

Une question

Gerd Fetkert, saß da und weinte wie ein kleines Kind. Mit nacktem Oberkörper saß er da, an einen Stuhl gefesselt und schaute flehend die zwei Männer an, die sich ebenfalls in dem halbdunklen Kellerraum aufhielten. Eine der Männer saß ihm auf einem Stuhl gegenüber und musterte ihn genau. Der andere stand einen Meter abseits neben einem kleinen Tisch, auf dem mehrere Spritzen und auch Folterwerkzeuge der neueren Art lagen.
Dass keiner der beiden eine Maske trug, ließ für den kleinkriminellen Gerd nichts Gutes ahnen.
„Noch einmal von vorne Monsieur.“
„Nein… Bitte…“
„Erzählen sie mir noch einmal ganz genau, was sie gehört und gesehen haben.“
„Ich habe nichts gesehen. Es gab nur Gerüchte.“
„Was für Gerüchte?“
„Angeblich hat einer der Todeskandidaten vor seiner Hinrichtung einen Pass angefertigt.“
„Haben sie das selber gesehen?“
„Nein, die Häftlinge die Essens oder Reinigungsdienst hatten, haben erzählt, dass sie Unterlagen bei Jarvis gesehen haben. Ich selbst habe das alles nur gehört.“
„Wer waren diese Häftlinge? Wer hat es ihnen erzählt?“
„Das weiß ich nicht mehr! Das ist Monate her, ich hielt es nicht für wichtig.“
Der Mann gegenüber schwieg und schien die Informationen, die er nun zum vierten Mal von Gerd gehört hatte, zu überdenken.
„Mon Ami, ich glaube, da ist noch mehr. Sie müssen sich nur anstrengen, um sich zu erinnern.“ Er winkte dem zweiten Mann zu, der eine der Spritzen nahm und zu Gerd trat.
„NEIN….ICH WEIß NICHT MEHR! BITTE!“
Mit der Rutine eines Profis legte der Mann einen Gürtel um Gerds Arm, staute kurz das Blut an und verpasste ihm die Spritze. Gerd zuckte wild in seinen Fesseln. „HHMMMIUUUHHHHMMMMM“ kam es mit reichlich Schaum über seine Lippen, dann sackte er bewusstlos zusammen.
Der alte Franzose, der Gerd gegenüber saß, sah Korporal Tellier fragend an.
„In einer halben Stunde können wir weiter machen.“
„Bon.“
Der Colonel beschloss, die Wartezeit zu nutzen und rief Sergeant Dunant zu sich.
„Der Mann hat jetzt schon als zweiter den Hinweis auf einen ominösen Pass gegeben. Wir sollten der Sache nachgehen.“
„Wenn das was unser Auftraggeber sagt, wahr ist, wäre ein falscher Pass die logische Schlussfolgerung.“
„Man kann nicht einfach einen falschen Pass, der dazu noch leer ist, nehmen und zu einer Behörde gehen. Schon gar nicht hier in Deutschland! Man braucht Einträge, Stempel…man braucht eine… Legende! Dunant, nehmen sie sich noch einmal die Akten der Insassen vor. Wir suchen Personen, die Profis im Erfinden von Lebensläufen sind.“
***

Es war 19 Uhr, als wir zusammen die Abschlussprotokolle des heutigen Tages schrieben.
„Ah, ihr seid noch da?“ Jessika blickte in mein, nein UNSER, Büro herein.
„Eben hat eine Frau Haufberger angerufen. Sie würde morgen vorbei kommen um sich „ein erstes Bild von der Lage“ zu machen.“
Wir stöhnten gemeinsam auf. Die hat uns noch gefehlt.“ Murmelte ich resigniert.
„Keine Sorge. Ich habe schon alles arrangiert. Sie wird sich hier wie zu Hause fühlen. So und jetzt habe ich Feierabend. Gute Nacht ihr beiden.“
„Gute Nacht Jessika, du bist ein Schatz.“
„Vergiss das nicht wieder, wenn du die nächste Beurteilung schreibst.“ Zwinkerte sie mir zu und ging.
„Wo hast du Jessika denn her?“ fragte Caroline.
„Wir haben hier zusammen angefangen und uns sofort gemocht. Ich war sehr froh, dass sie derselben Abteilung zugeteilt wurde, wie ich. Als ich dann mit der Ausbildung fertig war, hat sie sich freiwillig versetzen lassen, um mit mir zu kommen. Seitdem arbeiten wir zusammen.“
„Hast du sie…?“
„Nein!“
„Warum nicht? Sie mag dich sehr, ich kann es in ihren Augen sehen.“
„Es gibt nur sehr wenige Menschen, denen ich niemals wehtun möchte. Und Jessika steht an erster Stelle.“
„Die Liste dieser Menschen ist wohl ziemlich kurz?“
„Es stehen genau drei Menschen auf der Liste.“
„Ich stehe sicher nicht darauf, oder?“
„Nein, zumindest noch nicht. Aber wenn du es genau wissen willst, du stehst auf den Anwärterplätzen ganz oben.“
Caroline lachte. „Das mag ich an dir. Deinen Charme.“
Darüber musste ich lachen.
Die Tür ging wieder auf und Jessika die schon ihren Mantel trug schaute herein. „Frank hat angerufen, ihr sollt sofort zu ihm kommen!“
„Er hat wirklich das „S-Wort“ benutzt?“
„JA, und das mit Nachdruck.“
„Dann sollten wir ihn nicht warten lassen.“ Sagte ich zu Caroline. „Frank benutzt das „S-Wort“ sehr selten, aber dann meint er es auch so.“
***

Wanzen und anderes Ungeziefer

„Würdest du mir bitte erklären, warum Randy hier durch meine Büro läuft und alles mit seltsamen Geräten absucht?“
„Warum fragst du ihn nicht selber?“ Entgegnete ich.
An Franks Gesicht sah ich, dass der Bogen kurz vorm Überspannen war, also erzählte ich ihm die Geschichte mit der Wanze, allerdings ohne die begrenzte Reichweite zu erwähnen.
„Es sind also die Amis, die hinter Caroline her sind?“
„Sieht zumindest so aus.“
Frank sah uns finster an.
„Peter, lass uns allein!“
Den Ton in Franks Stimme kannte ich nur allzu gut und beschloss besser nichts zu sagen, und so verließ ich das Büro, Caroline zurücklassend, nicht ohne ihr vorher noch einen warnenden Blick zuzuwerfen.
Die Unterredung dauerte über eine Stunde. Als Caroline leichenblass aus dem Büro kam, wusste ich, dass Frank lückenlos die ganze Geschichte von Caroline kannte. Ich kannte Frank und seine Methoden und wusste, wie er das erreicht hatte. Frank hatte Caroline vor die Wahl gestellt! Gehen bzw. gefeuert werden und Freiwild sein, oder auszupacken, hier zu bleiben, und Schutz haben. Caroline war gut, aber klug genug zu wissen, dass sie als Freiwild nicht mehr allzu lange leben würde. Der Preis für ihren Schutz war die Wahrheit und klar war auch, dass ich die von Frank nie erfahren würde.
„Du sollst wieder reinkommen.“
Frank saß ernst hinter seinem Schreibtisch.
„Ihr zwei werdet von jetzt an gegenseitig auf euch aufpassen. Mir ist egal, ob ihr euch gegenseitig umbringen wollt, euch mögt oder wie es der Idealfall wäre, euch liebt! Ich erwarte, dass ihr euch zusammenreißt.
„Peter!“ er sah mich streng an. „Von dir erwarte ich, dass du Caroline den Rücken freihältst. Wer immer hinter ihr her ist, wird weiterhin versuchen sie zu töten. Keine Alleingänge, bis die Sache ausgestanden ist.
Du, Caroline, wirst Peter unterstützen. Ich habe von eurem Waffenstillstand gehört. Ich erwarte, dass dieser eingehalten wird, bis die aktuellen Prozesse vorbei sind. Dann könnt ihr euch meinetwegen wieder in der Kammer gegenseitig KO schlagen.“
So wie immer verlor Frank kein Wort darüber, woher er diese Information hatte.
„Sollte einer von euch ein Problem damit haben, will ich es jetzt wissen. Ein Später wird es nicht geben!“
Caroline biss zwar die Zähne zusammen, sagte aber nichts.
Und ich?
Vor wenigen Tagen wollten wir uns gegenseitig den Kopf einschlagen. Doch je länger ich mit Caroline zusammen war, umso größer wurde dieses seltsame Gefühl in meiner Brust.
Liebe war das auf keinen Fall! Oder etwa doch? Ich konnte es nicht beschreiben, doch Caroline weckte eine Seite in mir, die ich noch nicht kannte.
Sie war keine Vera, und eine Beate war sie schon gar nicht. Caroline brauchte mich nicht, schon gar nicht als Beschützer. Dass ich sie an dem Fußgängerüberweg gerettet hatte, war reiner Zufall. Das nächste Mal würde sie auf der Hut sein und ich würde ihr sicher eher im Weg stehen, als ihr helfen zu können.
Dennoch schwieg sie und fügte sich.
Alles was an Gefühlen auf mich einstürmte, ließ mich nur an eines denken. Ich wollte Caroline nicht mehr verlieren! Und schon gar nicht gegen an so ein paar dahergelaufene Amis.
NEIN!!! Diese Frau gehörte mir! Und ich würde für sie kämpfen! Ich würde jeden umlegen der es wagte, Hand an sie zu legen!
„Gut ihr zwei traurigen Gestalten. Seit einer Stunde wartet meine Frau mit dem Essen und wird mir dafür die Hölle heiß machen. Und nur damit ihr euch darauf einstellen könnt, wenn ich heute Abend einen Anschiss von ihr bekomme, werde ich den an euch bei passender Gelegenheit weitergeben. Also haut ab!“
„Er ist ein wirklich guter Chef.“ Meinte Caroline zu mir, als wir auf dem Rückweg waren. „Ich denke seine Frau weiß, was sie an ihm hat und wird ihm keine Vorwürfe machen.“
„Da kennst du Iris aber schlecht.“ Grinste ich.
So ging ein ereignisreicher Tag zu Ende.
Wir hatten Carolines persönliche Sachen wieder aus ihrer Wohnung geräumt und in meine gebracht. Nach Veras Auszug hatte ich sowieso mehr Platz, als ich brauchte.
Wie schon zu Beginn unseres ersten Abends, den ich mit Caroline verbrachte, schafften wir es, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Schließlich musste keiner von uns eine Wette einlösen und es musste keiner dem anderen zeigen, wer das Alphatier war.
„Wollen wir etwas zu Essen bestellen? Ich habe gehört, dass es in der Altstadt ein tolles Restaurant geben soll, dass auch liefert.“
„Nein, ich habe eine bessere Idee.“ Antwortete ich und öffnete den Kühlschrank.
Mit großen Augen bestaunte Caroline den Inhalt, dann wurden ihre Augen schmal.
„Bevor du etwas sagst… nein, das Kochen übernehme ich.“ Beruhigte ich sie. „Du darfst mir aber solange etwas über die Südsee erzählen. Wie ist das Arbeiten unter Palmen?“
„Nicht viel anders als hier. Nur wärmer.“ Caroline begann über ihre Zeit auf Soulebda zu reden, doch meine Gedanken schliffen immer wieder ab. Allein ihre Stimme steigerte das Verlangen nach ihr.
Nur mit Mühe konnte ich mich auf das Zubereiten unseres Abendessens konzentrieren. Das erste Menu, das ich für sie zauberte, sollte weder verbrannt, angeschmort oder versalzen sein!
„Wirklich gut!“ Meinte Caroline später, zwischen zwei Bissen. „ich hätte nicht gedacht, dass du so gut kochen kannst.“
„Was soll ich sagen, die Kantine hier ist nicht schlecht, aber… Entweder du gibst dich damit zufrieden, oder du lernst es selber und kochst dann besser.“
Schließlich war es spät geworden und jeder hatte eine halbe Flasche Wein getrunken.
„Zeit fürs Bett.“ Sagte ich. „Morgen wird ein elend langer Tag.“
Caroline begab sich ins Bad und machte sich nachtfertig. Als sie wieder herauskam, trug sie ein knielanges schwarzes Nachthemd mit kurzem Arm.
Als ich sie in dem engen Nachtkleid sah, musste ich lachen.
„Was ist?“ Fragte sie.
„Ich hatte mir etwas anderes vorgestellt. Etwas kürzer mit Spitze.“
„Hast du dir das nur vorgestellt, oder erhofft?“
„Völlig egal!“ Sagte ich zu ihr „Denn keine Frau, die in dieses Bett steigt, wird irgendetwas tragen.“
„Ich soll nackt mit dir in einem Bett liegen?“ Fragte sie provozierend. Doch ich war mir sicher, dass sie mich nur necken wollte und es nicht auf eine neue Kraftprobe anlegte.
„Nein, natürlich nicht.“ Beruhigte ich sie und schlug die Bettdecke zur Seite. Neben mir auf dem Bett lagen zwei weise, weiche Baumwollstricke, beide zwei Meter lang.
„Das ist nicht dein Ernst!“
„Und ob. Mein Bett meine Regeln!“
Caroline kämpfte einen Moment mit sich, doch sie war genauso neugierig wie ich und wollte wissen, wohin das führen würde. Dazu kam, dass der Wein seine Wirkung tat.
„Also gut, mein Chef, Retter und Verehrer, wenn du besser schlafen kannst, wenn du die Raubkatze anbindest, dann tu es, aber ich warne dich, Frank hat gesagt, dass du mich beschützen sollst. Wenn du die Situation ausnutzt, verpetze ich dich bei ihm.“
Damit zog sie provozierend langsam ihr Nachthemd aus und lies es einfach zu Boden fallen, kam zu mir und setzte sich auf das Bett, um mir ihre Hände entgegenzuhalten.
Ich band ihr die Hände vor ihren wundervollen nackten Körper, ließ sie sich hinlegen und fesselte dann ihre Füße zusammen. So verschnürt lag sie da. Was für ein Anblick! Ihre feuerroten Haare schienen das Bett in Brand zu setzen. Ich deckte sie artig zu und legte mich neben sie, wo ich meinen Arm sachte um sie legte.
„Nein, Frank hat gesagt, ich soll dir den Rücken freihalten, und glaub mir, das tue ich jetzt. Niemand wird dazwischenkommen!“
Schon hatte ich sie gepackt und drang in sie ein. Wir trieben es erst in der Löffelstellung, dann musste sie sich auf den Bauch legen. Das bereitliegende Gleitgel war überflüssig. Wie schon vorher, schien dieses Spiel Caroline zu gefallen, denn sie drückte sich von unten gegen mich. Es war das erste Mal, dass sich Caroline von mir dominieren ließ und ich genoss es! Ihre devote Haltung war ein Geschenk, dass ich zu würdigen wusste. Als wir beide erschöpft nebeneinander lagen, zog ich die Decke über sie und wagte es, sie erneut in den Arm zu nehmen. Sie ließ es geschehen und drückte sich gegen mich. In dieser Stellung schliefen wir ein und ich hielt sie die ganze Nacht.
Als ich am Morgen erwachte, lagen nur die Stricke im Bett, aber keine Caroline.
-HHMM, die Raubkatze hatte sich befreit, und ich lebte immer noch-
***

„Kriminalhauptkommissar Meyer.“ Meldete sich Sherlock am Telefon.
„Melissa Nablick. Guten Tag Herr Meyer. Ich arbeite als Reporterin für den ACP und möchte, wenn es ihnen recht ist, ein paar Fragen stellen.“
Meyer war ziemlich überrascht. Normalerweise fragten die Reporter nicht erst, ob sie Fragen stellen durften, also beschloss Meyer, erst einmal freundlich zu bleiben.
„Nun, Frau Nablick, das kommt auf ihre Fragen an.“
„Ich habe gehört, dass sie der leitende Ermittler im Mordfall der zwei getöteten Polizisten sind.“
„Da sind sie falsch informiert. Der Fall wurde von einer Sondergruppe übernommen. Ich rate ihnen, sich an die Pressestelle das Ministeriums zu halten.“
„Wussten sie, dass es noch mehr Morde gab, die als Unfall getarnt wurden?“
Meyer der den Hörer fest umklammerte, bemühte sich, seine Emotionen nicht anmerken zu lassen.
„Nein, das wusste ich nicht.“
„Hören sie, ich weiß, dass sie darüber Bescheid wissen! Lassen sie uns miteinander reden.“
„Da gibt es nichts zu bereden! Wenden sie sich an die Pressestelle!“
Was folgte, war eine lange Pause, in der keiner etwas sagte.
„Also gut, fall sie doch mit mir reden wollen sie erreichen mich jederzeit unter meiner Handynummer.“ Melissa gab Meyer ihre Nummer und legte auf.
***

„Colonel, wir haben ein Problem!“
Leutnant Gilles, der Nachrichtenoffizier der Truppe, kam zu dem alten Franzosen, der gerade dabei war mit Gerd eine neue Fragerunde zu starten.
„Ich höre Leutnant Gilles.“
„Der Polizist, den wir auf Bitten unseres Auftraggebers abhören, wurde von einer Reporterin kontaktiert und über den Tod unserer ersten Aufträge befragt. Sie hat in den Raum gestellt, dass es noch weitere Morde geben könnte.“
„Nun, das ist nicht gut. Ich werde unseren Auftragsgeber informieren und um Anweisungen bitte. Allerdings weiß ich schon, mit Bestimmtheit, wie diese lauten werden. Veranlassen sie das nötige, um die Reporterin und ihren Kontakt stumm zu schalten.“
„Oui, mon Colonel.“
***

Verdammt. Sollten sich ihre Informanten geirrt haben? Melissa saß noch mit dem Hörer in der Hand da und ließ das kurze Gespräch Revue passieren. Nein! In Meyers Stimme lag eindeutig, dass er nicht reden WOLLTE. Nicht nur das! Melissa arbeitete schon lange genug in dem Geschäft, um Angst zu hören. Und Meyer schien eine Scheißangst zu haben!
„Na du?“ Melissa sah von ihrem Schreibtisch auf und sah Fransiska Haufberger in der Tür stehen.
„Hi, Fransiska. Kann ich dich um einen Gefallen bitten?“
„Sicher! Was kann ich für dich tun?“
„Du triffst dich doch ab und an mit dem neuen Generalstaatsanwalt.“
„Ja, ich recherchiere gerade in eine Sache, die zum Himmel stink. Ich muss dafür sogar für eine Zeitlang im Gefängnis wohnen. Wenn das stimmt, was ich gehört habe, wird das ein handfester Skandal. Aber zurück zu dir. Was kann ich für dich tun?“
„Ich gehe der Sache mit den getöteten Polizisten nach. Es scheint noch mehr Todesfälle zu geben. Kannst du mal vorsichtig bei ihm anfragen, ob ich ihm ein paar Fragen stellen kann? Bei den Ermittlern und dem Ministerium blitzen meine Anfragen ab.“
„Sicher meine Liebe. Sobald ich ihn sehe, frage ich ihn. Deine Nummer habe ich ja.“
„Danke. Du bist ein Schatz. Viel Spaß im Gefängnis.“
„Ein Spaß wir das, fragt sich nur für wen.“
***

Erwischt

„Ihr solltet die Haufberger freundlich begrüßen.“ Jessika, Caroline und ich saßen zusammen in der Kantine und berieten, wie wir mit Fransiskas Anwesenheit am besten umgehen sollten.
Als Jessika mein gequältes Gesicht sah, gab sie mir einen deutlichen Warnschuss vor den Bug. „Wir wollen doch nicht, dass sie irgendeinen Ansatz findet. Oder?“
Ich hoffte inständig, dass Caroline die Betonung überhört hatte.
„Schon gut, ich werde mir ja Mühe geben.“
„Schön. Dann los, sie kommt in weniger als einer halben Stunde, empfangt sie gleich an der Pforte und bringt sie am besten zu mir. Ich übernehme sie dann.“
Seufzend stand ich auf und verließ mit Caroline die Kantine.
„Gibt’s denn „Ansätze“ welche die Haufberger finden könnte?“
– Ja, ich habe eine Verurteilte laufen lassen.-
„Um ehrlich zu sein, ja! Ich benutze öfter Beruhigungsmittel. Notfalls auch Betäubungsmittel, um es den Delinquenten leicht zu machen.“
„Was strikt verboten ist!“
„Ich weiß! Aber ich scheiß drauf. Ich mache den Job und ich mache ihn so, wie ich für richtig halte.“
„Deswegen hat dich Trommer also auf dem Kicker?“
„Einer der Gründe. Nur kann er es nicht beweisen.“
„Peter… Ohne unseren Waffenstillstand gefährden zu wollen, ich verstehe deine Beweggründe, aber lass den Scheiß, solange die Haufberger hier ist. OK?
„Geht klar. Streng nach Vorschrift!“
Caroline sah mich von der Seite her an. „Wieso glaube ich das nicht?“
„Weil du mich langsam kennst und mich dennoch magst?“
Caroline schüttelte den Kopf und grinste, dann riss sie die Augen auf!
Auf meiner Jacke wanderte ein grüner Punkt zur Brust und schon lag ich auf dem Boden. Caroline hatte mich in Windeseile zu Boden und in Deckung der Mauer gerissen, dass ich noch perplex war. An der Stelle an der ich gerade noch gestanden hatte, spritzen Dreckfontänen hoch und Querschläger jaulten über den Hof. Wir sprangen auf und rannten in den Schutz zweier Wäschecontainer und duckten uns dahinter.
„Ein Scharfschütze!“ Rief Caroline laut einer Hof Wache zu, die auch hinter unsere Deckung rannte und verzweifelt versuchte, das Funkgerät aus der Jacke herauszuholen. – „Süd Südwest! Mittleres Hochhaus! Rechts 300!“ Mehr musste Caroline nicht sagen.
Ich griff mir sein Funkgerät und gab ein paar Kommandos, da ertönte auch schon Deckers Stimme aus dem Lautsprecher.
„Was zur Hölle ist da los?!“
„Da sitzt ein Scharfschütze, der es auf uns abgesehen hat!“
„WO?“
Caroline nahm mir das Funkgerät aus der Hand und wiederholte ihre Beobachtungen mit kurzen, knappen Worten.
„Verstanden, haltet die Köpfe unten!“
Sekunden später eröffnen die Wachen auf den Türmen das Feuer auf das Flackern auf dem Dach. Zwei Schuss gab der Schütze noch auf uns ab, dann konnte Decker beobachten, wie eine Gestalt zusammenbrach und eine weiter flüchtete.
„Alles klar bei dir?“ Fragte mich Caroline und ich murmelte „Scheiße ich habe einen Splitter in meinem Hintern!“ Caroline lächle und sage nur, „Lass mich das heute Abend ansehen Cowboy, ich glaube der Schütze wollte was von DIR!“
-Von MIR???- Wer zum Teufel…? – Die Antwort hämmerte auf mich ein. Trommer! Er wusste mit Sicherheit, dass jemand versuchte Caroline umzubringen, also warum nicht mich umlegen und es dann den Amis in die Schuhe schieben?
Scheiße, ich hatte den Mistkerl schon wieder unterschätzt!
„Vielleicht ist er auch nur ein miserabler Schütze.“ Sagte ich wenig überzeugend.
Glücklicherweise, konnten wir das Thema nicht weiter vertiefen, denn Fransiska Haufberger wurde gerade von einem Beamten durch die Schleuse geführt.
„Schön, dass endlich jemand erscheint, um mich abzuholen!“ Waren ihre ersten Worte.
-Du hast es Jessika versprochen! Bleib freundlich! – ich wiederholte den Satz in meinem Gehirn wie ein Mantra.
„Frau Haufberger, bitte hier entlang.“ Presste ich hervor und zeigte ihr die Richtung.
„Habe sie etwa vor, die ganze Zeit neben mir herzulaufen?“
„Sie verstehen sicher, dass wir nicht jedem Besucher einen Generalschlüssel geben können.“
„Das werde ich bei Herrn Trommer zur Sprache bringen müssen! So geht das nicht, schließlich soll ich unabhängig arbeiten können!“
„Selbstverständlich.“ Schaltete sich Caroline in das Gespräch ein. „So lange bleiben sie bitte neben uns, nicht dass sie in einer Schleuse hängen bleiben und auf Hilfe warten müssen.“
„Ganz sicher nicht!“ Fauchte die Haufberger.
Zum Glück konnte Fransiska mein dickes, fettes Grinsen nicht sehen…
***

Abends, nachdem alles andere erledigt war, lag ich geduscht auf dem Bett und Caroline schaute mir meinen Po an. Den Splitter hatte sie rasch gefunden, aber dann drehte sie mich auf den Rücken und verwöhnte mich erstmals ohne Seil und Handschellen.
„Kein Muckser! Heute bist du mein Spielzeug, morgen sehen wir weiter!“
Einmal versuchte ich noch, mein männliches Dominanzgehabe anzubringen, aber nur kurz! Denn ein kräftiger Druck auf einen Nervenkreuzpunkt überzeugte mich schmerzhaft, dass ich heute besser genießen sollte. Caroline kannte offenbar viele solcher Punkte. Nach ein paar Runden heftigem, gutem Sex lagen wir nebeneinander angekuschelt. „Sag mal“, fragte ich Caroline, „war der Laser eigentlich rot oder grün?“
***

„Sherlock“ Meyer fuhr zu dieser Zeit nach Hause.
Eine Stunde nach Melissas Nablicks Anruf hatte er ihr eine SMS geschickt, in der er sie um ein Treffen bat. Noch immer kreisten seine Gedanken um die Warnung, die ihm Peter Stein mit auf den Weg gegeben hatte. Wer immer die beiden Arschlöcher umgelegt hatte, würde vor ihm nicht halt machen. Meyer konnte sehr gut eins und eins zusammenzählen. Der einzige wirklich Verdächtige war der übermächtige Generalstaatsanwalt!
Bis jetzt hatte Meyer gehofft durch einfaches „nicht auffallen“ und unsichtbar machen nicht in Trommers Fokus zu rücken. Wer würde, ihm dem kleinen Ermittler, Glauben schenken? Wenn jemand Trommer zu Fall bringen konnte, dann nur diejenigen die ihn auch nach oben gebracht hatten. Die Presse! Dass er sich damit in Gefahr begab, war Meyer klar, doch er hatte nicht vor einfach ohne Kampf unterzugehen.
Als er an einer Kreuzung vorbeikam, sah Meyer noch zwei helle Scheinwerfer, die ihn blendeten, dann fuhr in anders Auto mit großer Wucht mitten in seine Fahrerseite. Als die ersten Streifenwagen an der Unfallstelle ankamen, konnten die Polizisten und der herbeigerufene Notarzt, nur noch den Tod beider Fahrer feststellen. Bei dem Fahrer des Wagens, welcher den Unfall verursachte, Gerd Fetkert, wurde in der Gerichtsmedizin ein Wert von 2,58 Promille Blutalkohol festgestellt. Dazu kam, dass der Fahrer nicht angeschnallt war und durch die schweren Verletzungen keine Überlebenschance gehabt hatte. Auf die Idee nachzufragen, was Gerd Fetkert sonst trank, kam keiner der Ermittler und so wurde das als Alkoholfahrt mit doppelter Todesfolge in den Akten notiert.
***

Maulwürfe

Ich saß in meinem gemütlichen Sessel und genoss Carolines Zungenspiel. Um mich herum waren hellblaue Nebelwolken. Nackt, nur in schwarzen halterlosen Seidenstrümpfen und schwarzen Pumps kniete sie demütig und doch stolz vor mir. Ihre Hände waren auf dem Rücken mit einem weißen Strick gefesselt, während sie mich mit ihrer Zunge verwöhnte. Jetzt, da Caroline wusste, dass die Fesseln mehr meinem Fetisch statt der „Sicherheit“ dienten, ließ sie sich bereitwillig von mir in Fesseln legen. Mit ihren wunderschönen Augen hielt sie mit mir Blickkontakt und ich konnte sehen, dass auch sie Spaß daran hatte mich zu verwöhnen.
Die blauen Nebelwolken lichteten sich schlagartig. „PETER!“
Franks Stimme riss mich wieder in das hier und Jetzt zurück.
„Schön, dass ich wieder deine Aufmerksamkeit habe.“ Sagte er bissig.
Seit zwanzig Minuten saßen Caroline und ich vor seinem Schreibtisch und bekamen einen Anschiss der ersten Klasse.
Caroline sogar einen Doppelten!
Zum einem, hatte sie Fransiska Haufberger verärgert, die natürlich sofort zu Trommer gelaufen war, und sich beschwert hatte. Wir würden ihre Arbeit behindern.
Die Folge war, dass Trommer Frank die Hölle heiß gemacht hatte, und sich verbot, die Berichterstattung weiter zu behindern. Als Frank ihm aber anbot auf eine, von ihm als Generalstaatsanwalt ausgestellte Sondergenehmigung, Fransiska Haufberger einen Generalschlüssel zu geben, machte Trommer allerdings einen Rückzieher. Dennoch spitzte der Vorfall die Situation weiter zu.
Zum anderen hatte Caroline Frank nicht sofort berichtet, dass es der Schütze auf dem Dach nicht auf sie, sondern höchstwahrscheinlich auf mich abgesehen hatte.
Meinen Anschiss bekam ich, weil ich Frank nichts von der geringen Reichweite der Wanze erzählt hatte.
Auch das sonst bewährte Mittel, ein betroffenes und ernstes Gesicht machen und Besserung zu loben, funktionierte bei Frank nicht. Erstens kannte er mich viel zu gut um darauf reinzufallen, und zweitens war trotz dem Riesenanschiss, einer meiner besten Freunde.
Jetzt hatte er sich ausgetobt und sah uns an.
„Also, um das Ganze nochmal zusammenzufassen. Da draußen sind zwei verschiedene Gruppen Irrer unterwegs. Die Amis die dich umlegen wollen“, dabei sah er Caroline an, „und ein paar Unbekannte“, seine Augen wanderten zu mir, „die dich um die Ecke bringen wollen. Sehe ich das richtig?“
„Ja.“ Kam es wie aus einen Mund.
„Bei Caroline wissen wir ja, wer sie umlegen will, aber bei dir? Hast du irgendeine Idee?“
„Mir fällt nur einer ein. Trommer.“
„Trommer? Warum sollte er das tun?“
„Wegen Beate.“
Franks Augen wurden schmal und bekamen einen warnenden Ausdruck.
„Trommer hat Beate selber erschossen. Du hast selbst gesagt, dass Jessika und Decker unmittelbar nach dem Schuss ins Büro kamen und Beate tot auf dem Boden liegen sahen. Außerdem haben fast zwanzig Leute mitbekommen, wie du Beates Leiche aus dem Büro zur Leichenhalle gebracht hast.
Beate ist TOT!“
„Meiner Meinung nach dreht Trommer durch. Er hat sich die Sache so zu Kopf steigen lassen, dass er nicht mehr weiß was er tut.“
„Hat denn die Überprüfung des toten Scharfschützen etwas ergeben?“ Fragte Caroline dazwischen.
„Nein. Nur das er in unserem Strafregister völlig unbekannt ist. Den einzigen Hinweis geben ein paar Tattoos. Anscheinend hat er früher einmal in der Fremdenlegion gedient. An die Akten kommt niemand heran.“
„Nicht gerade viel. Viele freie Söldner haben dort gedient.“
„Wie auch immer. In Zukunft erwarte ich, dass ihr die Haufberger auf Händen tragt und versucht euch nicht umbringen zu lassen. Verstanden?“
„Ja.“ Wieder antworteten wir zusammen.
„Verschwindet jetzt!“
Schon Sekunden später standen wir wieder draußen vor seinem Büro.
„Wow, letztes Mal war er nicht so drauf.“ wollte Caroline wissen.
„Das ist noch gar nichts, du solltest ihn mal erleben, wenn er wirklich wütend ist.“
„Heißt das, der spielt heute nur den Bösen?“
„Der ist noch nicht mal wirklich sauer.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Das was er gesagt hat. Wollen wir losen, wer von uns mit der Haufberger auf Kuschelkurs geht?“
Caroline lachte. „Lass gut sein. Hier braucht es Charme und Einfühlungsvermögen. Nichts, was du auch nur Ansatzweise besitzt.“
„Danke für das Kompliment.“ Grinste ich zurück.
Wir teilten uns auf und mein Weg führte mich zu Randy, den ich in seinem Büro fand. Randy hatte sich seinen Arbeitsplatz sehr speziell eingerichtet, so dass es eher nach einer Studentenbude aussah als nach einem Büro. Überall herrschte Chaos, eines das nur ein Genie überblicken konnte.
„Na, klingeln die Ohren noch?“ Fragte er grinsend.
„Wir haben es überlebt. Du musst was für mich überprüfen.“
„Schieß los.“
„Ich brauche eine Liste von allen, die in den letzten sechs Monaten hierher versetzt wurden.“
„Du suchst den Maulwurf?“
„Ganz genau.“
Randy zog die Tastatur zu sich und begann in die Tasten zu hämmern.
„Woher weißt du, dass er hierher versetzt wurde und nicht schon länger da ist?“
„Das weiß ich nicht, aber eine bessere Idee habe ich nicht.“
Ich setzte mich in einen freien Stuhl und ließ ihn machen. Nach einer halben Stunde hatte er alle Sicherheitsschranken umgangen und rief mich neben sich.
„Also wir haben in den letzten sechs Monaten acht neue Mitarbeiter bekommen.
Vier Wachleute, eine Köchin, zwei Verwaltungsangestellte und eine Reinigungskraft.“
„Kannst du die Personalakten aufrufen?“
„Klar.“
Sekunden später sahen wir uns die Akten gemeinsam durch.
„HHMMM, alles ganz normale Leute, ohne einen Bezug auf Trommer.“ Murmelte ich.
„Irgendwas übersehen wir…“ meinte Randy. „Warte mal, das hier ist seltsam…“
„Was?“
„Irgendjemand hat sich Zugriff auf die Akten eines Großteils der Insassen verschafft.“
„Was genau hat er sich angeschaut?“
Randy begann einen Filter zu installieren und konnte so feststellen, auf welche Art von Delikten für den Eindringling interessant gewesen waren.
„HHHMM, was er sich nicht angeschaut hat, waren Räuber, Mörder und Diebe. Er hatte es auf Fälscher und abgesehen.“
„Fälscher?“ die Sirenen gingen bei mir sofort an.
„Fälscher alle Couleur. Passfälscher, Urkundenfälscher, Betrüger eben.“
„Wen genau hat er sich angesehen.“
„Alle.“
Mir lief es kalt den Rücken herunter. Einer der Insassen, Jarvis, hatte Beates Pass gefälscht und Sarah ins Leben gerufen. Doch Jarvis wurde ein paar Tage später hingerichtet und konnte nichts verraten haben. Anders sah das bei Luise Pleitz aus. Sie hatte Beates Legende geliefert und war mittlerweile aus der Haft entlassen.
Das Ganze war sehr beunruhigend!
„Kannst du feststellen, wer der Eindringling war?“
„Können Fische schwimmen?“
Er bearbeitete die Tastatur etwas und schon hatte er den Eindringling gefunden.
„Schon gefunden. Der Typ hat sich nicht mal große Mühe gegeben seine Identität zu verstecken. Noch eine Sekunde, dann haben wir seine IP-Adresse.“
Auf dem Monitor rasselten die Namen nur so herunter, dann erschien der Name des Eindringlings ganz fett auf dem Bildschirm.
STEIN PETER
„Scheiße, der Kerl ist gut.“ Fluchte Randy. „Er ist über deine IP ins Netz eingedrungen.“
Mir kam aber ein ganz andrer Gedanke. Was, wenn der Eindringling gar nicht verdeckt über meine IP ins Netz vorgedrungen war, sondern tatsächlich meinen Rechner benutzt hatte?
Wer hatte Zugang zu meinem Computer? Natürlich Jessika, Richard der Leiter des Männertrakts als mein Vertreter und jetzt auch Caroline.
„Versuch festzustellen, ob er wirklich eingedrungen ist, oder ob er tatsächlich meinen PC genutzt hat.“
„Werde ich tun. Ich melde mich, wenn ich was herausgefunden habe.“
„Danke, hast wieder Mal was gut bei mir.“
Auf dem Weg zurück überschlugen sich meine Gedanken. Könnte Caroline diejenige sein? Sagte mein Kopf nur nein, weil ich sie begehrte? Aber ich konnte sie mir nicht vorstellen, dass sie mich heimlich hinterging. Ich musste zugeben, dass meine Urteilsfähigkeit getrübt war und es gab nur einen einzigen Menschen, mit dem ich reden konnte.
„Caroline?“ fragte mich Jessika.
„Ich weiß es nicht. Ich mag sie. Noch mehr, ich begehre sie, ja verdammt, ich liebe sie! Ich genieße ihre Nähe und möchte mit ihr zusammen sein.“
„Du hattest schon immer einen speziellen Geschmack, was Frauen angeht. Jetzt willst du von mir wissen, ob du ihr trauen kannst?“
„Ja, deswegen frage ich dich. Du hast die beste Menschenkenntnis, die man haben kann. Außerdem… mit wem außer dir könnte ich reden?“
„Wenigstens muss ich deine Angebetete diesmal nicht retten. Eher dich.“ Sie lehnte sich zurück und dachte nach.
„Caroline ist eine eiskalte Killerin. Sie will die erste Geige spielen, aber ich glaube auch, dass sie ehrlich und direkt ist. Wenn, dann wird sie dich offen herausfordern, aber keine linke Tour drehen. Sie kann dir eine treue und gute Begleiterin sein. Ob sie das wird, hängt von dir ab. Bis jetzt hat sie dich noch nicht umgebracht, es besteht also Hoffnung für dich.“
„Denkst du…?“
„Peter, ich weiß es nicht… Aber ich gebe dir einen Rat. Falls sie sich jemals ernsthaft mit dir einlässt, dann halte sie fest! Eine bessere Gefährtin wirst du niemals bekommen!“
„Danke. Übrigens, pass bitte auf dich auf. Wer immer dahintersteckt, wird wissen, dass wir beide ein Team sind.“
„Ich werde schon auf mich achten.“
Nachdem sie gegangen war, rief ich bei Decker an, und bat ihn, dass einer seiner Leute Jessika zukünftig von zu Hause abholte und auch wieder nach Hause brachte. Meine Gedanken aber wanderten wieder zu Caroline. Es lag also an mir… Tja dann sollte mir besser etwas einfallen.
***

Fibi

Heute hatte ich keine Zeit zum Kochen, also musste das Essen aus der Kantine als Mittagessen genügen. Caroline und ich waren auf dem Rückweg, als Jessikas Stimme über den Flur hallte.
„PETER! HIER! SCHNELL!“
Jessika stand hinter einen Pulk von Personen, welcher sich im Flur vor der Gemeinschaftszelle gebildet hatte und winkte aufgeregt. Schnell liefen wir zu der Ansammlung, die immer noch größer wurde.
„Was ist los?“ fragte ich sie und schob mich mit Jessika durch die Menge.
„Fibi!“
Als ich mich an den Leuten vorbeigedrängt hatte, sah ich, wie Fibi im Gesicht blutend und hysterisch weinend in einer Ecke der Zelle saß.
„Eine Gruppe Gefangene ist über sie hergefallen und hat sie zusammengeschlagen.“
„Verdammt!“ Ich war bemüht, mich unsichtbar zu machen. Der letzte der Fibi jetzt beruhigen würde, wäre ihr Henker.
Fibi hieß eigentlich Fabienne Mehringer, war ein junges unerfahrenes Mädchen mit herrlichen rotblonden Haaren und einem Gesicht zum Verlieben. Sie war gerade erst 17 Jahre alt geworden, als ihr Freund Pavel sie überredete, mit ihr zusammen die große Welt zu erobern. Zusammen fuhren sie mit einem großen Wagen los, den Pavel erst kürzlich gestohlen hatte und sie kamen bis zu einer Tankstelle. Während sich Fibi frisch machte, schlug Pavel den Tankstellenpächter nieder und raubte ihn aus. Mit dem Geld und vollem Tank brausten die beiden weiter.
Fibi hatte bis dahin nichts von dem Überfall mitbekommen. Über eine LKW Nebenstrecke gelangten die beiden nach Polen und fuhren weiter auf der A2. Nahe Sidice übernachteten die beiden in einer besseren Baracke, frühstückten und tankten am Morgen mit dem letzten Geld und fuhren weiter gen Osten. Pavel überredete Fibi, mit zu einem guten Bekannten zu kommen, der im Nachbarland lebte und Fibi dachte sich nichts dabei. Sogar die Grenze nach Belarus passierten die beiden noch ohne Problem, aber Pavel machte den Fehler und raubte eine kleinere Tankstelle an der A2 aus. Wiederum war Fibi auf der Toilette, als sie Tumult aus dem Verkaufsraum hörte und gerade dazukam, wie Pavel den Tankwart, mit dessen Waffe aus der Kasse erschoss. Bei der Flucht wurden noch zwei weitere Menschen getötet, ein Mann mit seiner schwangeren Frau.
Fibi schrie wie von Sinnen, als sie erkannte, was da geschehen war und Pavel sperrte sie auf die Rücksitze, gab ihr ein paar Schläge und sie lag weinend und kauernd auf der Rückbank.
Die Jagd auf die beiden brutalen Mörder aus dem Westen war kurz aber knallhart. Die Polizei stellte den Wagen wenig später und erschoss Pavel dabei, wie er auf die Beamten zielte. Fibi wurde kauernd auf dem Rücksitz festgenommen und wie eine Schwerverbrecherin behandelt.
Erschwerend kam dazu, dass die schwangere Frau, die bei dem Überfall starb, die Schwester eines hohen Funktionärs war. So wurde schnell ein Urteil über Fabienne gesprochen. Aufgrund der Schwere der Tat wurde das Erwachsenenrecht verwendet. Fibi wurde schuldig befunden und sollte hingerichtet werden. Irgendwann hätte man sie erschossen und begraben, damit wäre eigentlich der Fall Fibi abgeschlossen. Eine Nachrichtenagentur bekam jedoch Wind von der ganzen Sache und brachte die Story groß heraus. Aus der Schwerverbrecherin Fibi wurde das arme kleine Mädchen, das in ihrem kurzen Leben mit dem falschen Mann zusammen war und auch noch Pech hatte. Just zu diesem Zeitpunkt tagten die Innenminister einiger europäischer und russischer Länder und eine Reporterin trug dabei den Fall Fibi vor. Wider Erwarten wurde der Fall tatsächlich diskutiert und man suchte eine Lösung. So kam es, dass nach langen Diskussionen ein Kompromiss gefunden wurde und Fibi aus Belarus nach Deutschland überstellt wurde unter der Auflage, dass die Höchststrafe hier Verwendung fand. Fibi wurde zur JVA nach Mainstadt überstellt. Hier war Fabienne, oder Fibi, wie sie von allen genannt wurde, das Küken im Trakt und alle wollten etwas von ihr. Als sich Fibi jedoch wehrte und sich nicht ihren Mithäftlingen anbot, wurde sie kurzerhand zum Spitzel erklärt. Jedoch haben die Spitzel im Gefängnis ein sehr kurzes Leben.
„Was war der Anlass?“
„Eine Mitgefangene hat behauptet, Fibi würde für dich spionieren.“
Ich stöhnte auf. „Was ist das denn für ein Schwachsinn?“
„Ich weiß, dass es Schwachsinn ist, aber du weißt, was das heißt!“
Und ob ich das wusste. Auch wenn die Geschichte erfunden war, Spitzel waren Freiwild und Fibi würde immer wieder zusammengeschlagen werden. Jetzt hatte auch Caroline sich bis zur Tür durchgekämpft.
„Wer ist sie?“
„Fabienne. Irgendeine blöde Kuh, hat behautet, sie wäre ein Spitzel.“
Endlich kam Decker mit mehreren Beamten, unter denen auch Hannes und Johann waren, um die Ecke.
„Decker, schaffen sie die Gefangen zurück in die Zellen!“
„Ihr habt es gehört.“ Donnerte seine Stimme über den Flur. „Der Aufschluss ist beendet!“
Sofort begannen Decker und sein Team die Gefangenen zu ihren Zellen zu bringen.
„Ruf Schemmlein.“ Bat ich Johann.
Während sich das Gewühl auflöste, ging Caroline in die Zelle und setzte sich neben Fibi in die Ecke. Als sie ihren Arm um sie legen wollte, schlug Fibi heftig um sich, doch Caroline ließ sich nicht abbringen und schaffte es, sie in den Arm zu nehmen. Tatsächlich beruhigte sich Fibi etwas, ließ sich von Caroline festhalten und fing laut und hemmungslos an zu weinen. Decker hatte die Gefangenen weggeschlossen und nur Jessika, Decker, Hannes und ich standen noch da, wobei ich mich außerhalb der Zelle aufhielt, damit mich Fibi nicht sah, als Schemmlein ankam. Man musste ihm nichts erklären, er kannte das Geschäft, machte sich an seine Arbeit und untersuchte Fibis Verletzungen.
„Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Sagte er, als er wieder zu uns kam. „Prellungen und Abschürfungen. Sie hat Glück gehabt.“
„Muss sie auf die Krankenstation?“ fragte ich ihn.
„Nein. Aber ihr solltet sie im Auge behalten.“
„Danke.“ Schemmlein nickte und ging zurück auf seine Station.
„Was machen wir jetzt mit ihr?“ fragte ich in die Runde.
„Auf keinen Fall können wir sie zu den Aufschlusszeiten draußen etwas tun lassen. Keine Gemeinschaftsveranstaltungen und auch kein Umschluss mehr.“ Antwortete Hannes.
„Verlegen wir sie in den TE Bereich.“
„Wolfgang!“ sagte Jessika aufgebracht. „Wir können sie doch nicht in die Terrorabteilung stecken. Das geht doch nicht!“
„Dort ist sie aber sicher!“ entgegnete Decker.
„Einzelhaft kommt nicht in Frage.“ Entschied ich.
„Wenn du eine bessere Idee hast, bitte.“
„Ich übernehme das!“ Sagte Caroline bestimmend. Wir drehten uns alle zu ihr um. Caroline stand mit einer zitternden Fibi da und hielt diese fest im Arm.
„Und wie…?“ wollte ich wissen.
„Sie bleibt bei uns! Sorg für ein sicheres Schloss an der Tür.“ Wies sie mich an, dann sah sie zu Decker. „Ich übernehme die volle Verantwortung.“
OOOHHHHH NEIN! DAS WAR ÜBERHAUPT NICHT GUT! NICHT NOCH EINMAL! Donnerte es mir im Kopf herum, das war etwas, das ich auf keinen Fall wollte.
Decker war hin und her gerissen, doch Carolines Augen ließen keinen Widerspruch zu. Dennoch war Decker nicht der Typ Mann, der sich einschüchtern ließ. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Jessika ihm einen leichten Schubs gab.
„Auf ihre Verantwortung!“ gab er danach widerwillig nach.
Verdammt! Das war die schlechteste Idee überhaupt, besonders jetzt, wo die Haufberger hier herumschnüffelte! Doch, um ehrlich zu sein, eine bessere Idee hatte ich selber auch nicht. Also das Ganze noch einmal! Caroline ging mit Fibi an uns vorbei und brachte sie zu unserer Wohnung. Decker drehte sich Kopfschüttelnd um und winkte Hannes und Johann zu, ihm zu folgen.
„Keine Sorge Peter, Caroline weiß, was sie tut.“ Beruhigte mich Jessika.
Das sagte ich mir selber auch, nur glaubte ich es auch?
„Was ist, wenn Fibi doch noch verurteilt wird? Ich kann sie doch nicht bei mir wohnen lassen und dann… Denkst du Caroline würde das fertigbringen?“
Jessika legte mir die Hand auf den Arm. „Was sagst du immer zu mir, wenn ich mit solchen Fragen komme? Zitat: Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist. Zitat Ende. Also tu es diesmal auch!“
Jessika hatte gut Reden, doch bis jetzt hatte sie Recht behalten. Vielleicht entschieden die Richter im zweiten Prozess ja doch anders. Also ging ich zur Schlosserei des Gefängnisses.
„Fuchs sie alter Gauner, sie können wohl auch nicht draußen leben.“ Begrüßte ich einen, der dort arbeiteten Männer. „Ach, was soll ich da draußen? Hier hab‘ ich doch alles, was ich brauche. Essen, ein Dach über dem Kopf und ein paar Kumpels. Nur das Bier fehlt.“
„Was hat sie denn diesmal hier reingebracht?“
„Hab ein paar Autos geknackt. Aber seitdem die alle elektronisch gesichert sind, lohnt sich das auch nicht mehr. Also was kann ich für den Bad-Man tun?“
„Können sie mein Schloss an der Wohnungstür mit einem Zellenschloss versehen?“
„Klar kein Problem. Wollen sie sich selbst einliefern?“
„So etwas Ähnliches. Wie lange brauchen sie dafür?“
„Zwei Tage.“
„Und wie lange brauchen sie, wenn sie beim nächsten Einkauf einen Bonus von 100 Euro bekommen?“
„Zwei Stunden.“
„Das ist ein Wort. Wenn sie in zwei Stunden fertig sind, bekommen sie einen Bonus von 150 Euro.“
***

Ich streichelte Fibi wie ein kleines Kind. Fibi hing an meiner Schulter, als wäre sie daran festgewachsen. Sie ließ nicht los und weinte still vor sich hin. Also setzte ich mich mit ihr auf dem Schoß auf das Bett und begann sanft und langsam ihre Haare zu streicheln. Einfach nur streicheln, ohne ein Wort zu sagen.
Es dauerte gute 10 Minuten, dann erst löste sich die Kleine und schaute mich mit ihren großen verweinten Augen an.
„Die Schweine haben mir wehgetan.“ Ich streichelte weiterhin ihre Haare, nahm inzwischen eine Bürste und ordnete ihre schönen Haare. Die Bürste sorgte für ein gleiches monotones Geräusch und ich schaute in Fibis Gesicht und zu den Haaren, dann wieder in ihr Gesicht und Fibi begann, ganz langsam wieder zu lächeln. Nach und nach trocknete Fibi ihre Tränen und schaute mich genauer an.
„Warum tust du das? Du bist doch eine Henkerin, eine die uns Gefangene hinrichtet, warum tust du das also? Ich meine, es fühlt sich gut an und ich mag es, aber ich verstehe es nicht.“
„Ich tue es, weil du in erster Linie ein liebenswerter Mensch bist, dem kein Leid geschehen soll, solange nicht alle Rechtsmittel erschöpft sind und du bist nun mal keine Verräterin, ich sehe dir an, dass du keine bist.“
„Woher hast du das, ich meine diese Erkenntnis, das steht doch nicht auf meiner Nase oder?“
Ich lächelte sie an und erstmals begann auch Fibi mich freundlich anzulächeln. „Woher ich das weiß, nun meine Süße, ich war nicht immer nur eine Beamtin mit dieser Berufung. Ich war schon früher draußen in der wilden Welt und habe Menschen in wirklich bösen Situationen erlebt. Ich habe liebe, gute und böse, ja sogar sehr böse Menschen erlebt und du kleine Fibi, du bist keine Verräterin, ich meine, du hast Potential für Dinge, an die du niemals glauben würdest, aber nicht für den Verrat.“
„Und all das siehst du in mir, in meinem Gesicht, in meinen Augen?“
„All das sehe ich in deinen Augen, ja, die sprechen eine laute, klare Sprache, die jeder lesen kann, der das lesen will. Auch das habe ich gelernt.“
„Sag, mal“, und Fibi schaute mich von unten mit ihren großen Augen an, „darf ich deine Freundin sein, ich meine, bis die da etwas anderes entscheiden?“
„Fabienne? Du bist, meine Freundin, ich werde dich rückhaltlos beschützen, wenn du bei uns bist.“
„Und wenn die beschließen, dass ich doch, ich meine, wenn die mich umbringen lassen?“
„Dann werde ich das tun! Verstehst du? Ich helfe dir im Leben zu bleiben, verteidige dich gegen jeden Angreifer, aber im Schuldspruch wirst du sterben.“
Sie schaute mich lange an, eine einsame Träne rollte über ihre Wange. Ich fing diese eine Träne mit meinem kleinen Finger auf, sie leuchtete im Licht wie ein kleiner Diamant.
Dann streichelte sie mich zärtlich über die Wange. „Duuu Caroline? Wenn ich gehen muss, dann durch dich. Ja, ist das abgemacht?“
„Versprochen meine Süße und komm, jetzt musst du erst einmal unter die Dusche, so geht das ja gar nicht, wie du aussiehst, ab unter die Dusche!“
Als Peter mit einem Karton in das Zimmer kam, war ihm gleich klar, dass sich Fibi duschte. Er gab mir den Karton mit Fibis Wäsche, schaute mich etwas zögerlich an und ich streichelte seine Wange.
„Ist schon gut, jetzt geh, das Wasser wird eben abgestellt, ich weiß nicht wie sie auf dich reagiert.“
Ich stand auf und ging zur Umkleide. Da stand dieses hübsche, junge Mädchen und trocknete sich mit einem viel zu großen Badetuch ab. Ich musste zwangsläufig lächeln. Irgendwie erinnerte sie mich an meine Mitbewohnerin Jenny aus den Staaten.
Oh ja, die liebe Jenny, sie hatte etwa das gleiche Gemüt wie Fibi und konnte dennoch knallhart sein. Sie konnte herrlich lieben und kurz danach hammerharte Entscheidungen treffen. Genau das sah ich in Fibi. Schade, dass sie vermutlich enden würde, ohne jemals am Tageslicht gewesen zu sein…
Tja und Jenny, die kam später bei einem Luftnotfall ums Leben, als ihr Fallschirm sich nicht öffnete. Nun stand diese kleine Fibi da und schaute mich lächelnd an. Sie kam auf mich zu und ließ das Badetuch sinken.
„Schau mal die blauen Flecken, die haben echt zugehauen diese doofen Weiber.“
Ich streichelte zart über die blauen Flecken, eindeutig, die Abdrücke würden noch lange zu sehen sein, aber etwas anderes übersah ich auch nicht. Die kleine Fibi hatte zwar nur einen relativ kleinen, festen Busen, aber ihre Nippel standen ab und sprachen eine klare unmissverständliche Sprache.
„Ich glaube, du bist noch nicht ganz sauber, da am Rücken, komm, lass mich dich einseifen, dann geht das besser.“ Fabienne schaute mich für einen Moment an, zitterte ein wenig und war mit einem Sprung unter der Dusche verschwunden, schon kam ihre Hand und winkte mir zu.
Ehe ich zu Fibi unter die Dusche stieg, sah ich Peter, wie er zurückkam und sich an den Tisch setzte, sein Blick war tatsächlich etwas traurig, oder eher enttäuscht, da zog ich die Scheibe zu und seifte die kleine Fibi ein. Als ich ihr die Haare einseifte und durchknete, lehnte sie ihren Kopf auf meinen Busen. Mit langsamen kräftigen Handbewegungen wusch ich ihre Haare und sie öffnete sich mir immer mehr.
„Ich kann dein Herz hören, du hast ein starkes Herz.“ Dann wusch ich ihr die Haare sauber und Fibi stellte sich auf ihre Zehen und näherte sich meinem Mund. Ich ließ sie gewähren und erhielt einen herzhaften, liebevollen Kuss. Nach einer Stunde unter der Dusche war Fibi geschafft. Schön abgetrocknet verbrachte Fibi den Rest des Tages auf der Schlafcouch, dick und warm eingewickelt. Sie entspannte sich endlich. Rasch zeigten ihre tiefen Atemzüge, dass sie fest schlief. Ich nahm Peter in den Arm und schaute ihn an, ein seltsames Funkeln war darin zu sehen, ich konnte es nicht einordnen und brachte es mit dem Dienst in Verbindung. „Also, damit eines klar ist, wenn sie hingerichtet werden muss, dann stirbt sie, ist das klar?“ Peter nickte nur leicht.
In Peters Augen zuckten offenbar mehrere Gedankenblitze gleichzeitig, dann war er wieder bei mir und lächelte mich an. „Selbstverständlich, das versteht sich doch von selber, dass eine Verurteilte sterben muss.“ Dabei hatte er einen leicht fragenden Blick im Gesicht. Ob ich ihm von den gefundenen Bildern erzählen sollte? Nein, dachte ich, dafür ist es noch zu früh. Peter unterbrach mich in meinen Gedanken „Was machen wir mit der Haufberger?“
„Wir müssen mich der Fransiska Haufberger vorstellen, und zwar so, dass sie zu mir Vertrauen aufbauen kann, erst dann erfahren wir noch mehr. Die hat noch ganz andere Quellen, aber dafür muss ich ihr Vertrauen haben, das bekommen wir aber nur über die Gefühlsebene!“ Peter schaute mich fragend an.
„Ach nein und der Bad-Man kann das alleine nicht aufbauen oder?“ Sein Grinsen war so breit wie schon lange nicht mehr.
„Nein, zu Fransiska Haufberger kommst du nicht über diese schwanzgesteuerte Weiche. Die muss vorbereitet werden, sonst bleibt dieser Weg verschlossen und das klappt nur, wenn ich den Weg bereite. Sie weiß was und dieses Wissen brauchen wir, früher oder später.“
Peter schaute mich nachdenklich an und meinte, „und bei unserem Glück eher früher als später …“
„Viel früher“, begann ich und reichte Peter eine Mail, „muss ich mich aber mit diesem Mann treffen. Er ist aus der israelischen Botschaft und hat was für mich, etwas, das uns auch weiterbringen könnte. Ich kann ihn im Falkensteiner Hotel treffen, du weißt diese Absteige für Diplomaten und anderes schützenswerte Volk.“
„Wer ist das?“ Fragte Peter.
„Nenne ihn Ephrath. Er sagte mir vor Jahren, sein Name sei überflüssig und ich solle ihn Ephrath nennen. Bis ich dann erfuhr, dass der Name Überfluss bedeutet. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht und will ihn nicht kennen, aber ich vertraue ihm jederzeit mein Leben an.“ – OK das sollte genügen.
„Gut, aber du fährst nicht alleine! Ich gebe Decker Bescheid und er stellt dir einen Fahrer zur Seite.“
Ich schaute ihn von der Seite her an. „Du meinst einen Aufpasser?“ Peter zuckte mit der Schulter.
„Du kennst die Anweisungen von Frank!“
„Ja, aber er soll mir nicht im Weg stehen und gute Augen haben.“ Damit kleidete ich mich an und verließ die Wohnung, während Peter das mit der Begleitung klärte.
Kurze Zeit später brauste der Dienstwagen vor.
„Hereinspaziert Frau Miles, ich bin Hans der KvD und wohin solls denn gehen?“
Ich stieg hinten ein, weil ich noch etwas zu lesen hatte. „Fahren Sie erst mal aus der Anlage.“ Auf der Hauptstraße gab ich ihm das Ziel bekannt und er brauste los.
„Hat nicht heute Michael Zengler Dienst, als KvD?“ fragte ich.
„Nee Michel hat mit mir getauscht, seine Frau bekommt ihr drittes Kind, wissen sie, immer diese Weiber“, murmelte er etwas vor sich hin.
Ich suchte in meiner Handtasche etwas und las weiter. Vor der Auffahrt zur Autobahn befand sich ein Tunnel, und der Wagen kam darin auf einem Seitenstreifen zum Stehen. Hans hatte sich über den Fahrersitz nach hinten gelehnt. Als ich fragen wollte, was das soll, blickte ich in eine .45’er Automatikpistole.
„So Püppchen, nun mal Butter bei die Fische. Du hast ein paar Leute zu viel aufgeknüpft und dafür soll ich dir eine Kugel in…“
Da bellte ein Schuss und der Fahrer schaute überrascht, als sein Blut an die Scheibe spritzte. Die Glassplitter aus dem Sitz zu fädeln dauerte aber wesentlich länger, als „Hans“ in den Kofferraum zu wuchten.
„Verflixt“ sagte ich zu mir. „Wieder ein Kostüm ruiniert.“ Dabei schaute auf das Loch, das meine Beretta gerissen hatte. Weiter ging die Fahrt zum Falkensteiner Hotel. Das war kein einfaches Hotel. Hier wurden die Diplomaten untergebracht, entsprechend hoch war der Absicherungsgrad. Über Ephrath hatte ich einen Sonderausweis und kam durch die ersten drei Sperren. Unten in der Tiefgarage erfolgte dann eine vierte, wirklich gute Untersuchung, hier waren echte Profis am Werk und ich konnte passieren. Mit dem Sonderausweis hielt der Fahrstuhl nur an einer ganz speziellen Etage und die Guards brachten mich zu dem Zimmer. Ephrath hatte ein wunderschönes Zimmer und als ich die Tür schloss kam aus dem Nachbarraum eine wohlklingende Stimme. „Hallo mein Schatz, kennst du mich noch? Hat dich meine Schwiegermutter noch wegen der drei Opernkarten erreicht?“ Ich lächelte.
„Ja, Liebling, aber die Kinos sind doch um vier Uhr alle bereits geschlossen.“ Es öffnete sich eine Seitentür und zwei Gorillas senkten ihre Waffen und verzogen sich, dann trat Ephrath aus dem anderen Raum.
„Hallo Caroline, ich überbringe ihnen die besten Grüße von Ihrem Onkelchen, aber bitte nehmen Sie doch Platz, wir müssen einiges besprechen. Wie ich sehe, war ihre Fahrt nicht so ruhig wie gedacht. Sollen meine Leute etwas aufräumen?“
„Ich wäre dankbar, wenn ich nachher zurückgebracht werden könnte, auf dem Fahrersitz liegen vermutlich noch kleine Glassplitter.“ Dabei übergab ich den Wagenschlüssel und Ephrath gab sie an einen seiner Leute weiter.
Endlich konnten wir uns unterhalten. Nach gut zwei Stunden fuhr mich der Fahrservice des Hotels zurück. Der beschädigte Dienstwagen mitsamt dem Inhalt wurden auf einen Laster geladen. An der Wache schauten die Jungs nicht schlecht, als ich aus dem Panzerwagen des Hotels ausstieg. Doch da lag die Information über meinen Ausflug bereits vor und ich sollte mich mit Peter sofort bei Frank melden.
Wieder hatte Frank einen Tobsuchtsanfall und wir saßen brav vor seinem Schreibtisch. Allerdings hatten wir diesmal Verstärkung. Decker hatte jedes Angebot, sich zu setzten abgelehnt und stand aufrecht und stramm neben Peter und mir.
„Wie konnte so etwas passieren?“
„Wir wissen es noch nicht. Im Moment sind wir noch dabei alle Fakten zusammenzutragen. Alles was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass Dennis Sacker vor fünf Monaten hierher versetzt wurde.“
„Was ist mit Zengler? Haben sie die Geschichte überprüft?“
„Zengler war mit seiner Frau gestern im Kreißsaal. Sie haben ihr drittes Kind bekommen. Ich nehme nicht an, dass der Plan, Frau Miles zu ermorden, so sorgfältig geplant war.“
Frank verzog keine Miene und funkelte mich böse an, als ich unweigerlich grinste.
„Ich erwarte, dass so eine Schweinerei nicht noch einmal vorkommt. Überprüfen sie jeden einzelnen ihrer Männer und vergessen sie die Frauen nicht!“
„Tut mir leid, aber diese Anweisung werde ich nicht ausführen.“
Hatte ich gerade verhört? Hatte Decker tatsächlich Frank eine Abfuhr erteilt?
Eine seltsame Stille lag im Raum.
Frank fixierte Decker mit festem Blick. „Bitte erklären sie das!“
„Die Männer und Frauen die hier Dienst tun, sind einem immensen Druck ausgesetzt. Frauen wie Fabienne sitzen zum Teil monatelang hier in der Todeszelle. Ob man will oder nicht, man baute zu diesen Menschen eine Beziehung auf.
Einen solchen Menschen in die Hinrichtungskammer zu bringen und zu sehen, wie er später tot wieder herausgebracht wird, führt meine Leute oft an die Grenze ihre Psyche. Es ist schwer genug, diese Arbeit zu tun, ohne dass wir offenes Misstrauen gegen unsere Leute zeigen.“
Frank schwieg. Was hätte er auch sagen sollen, Decker hatte Recht.
„Was schlagen sie vor?“
„Frau Miles und Herr Stein, müssen vorsichtiger sein. Ich habe einen „harten Kern“. Leute wie Hannes, Johann und Gratzweiler, auf die ich mich 100%tig verlassen kann. Ich werde diese, soweit es geht, zum Schutz der beiden abordnen. Allerdings, wie sie wissen, beginnen heute die speziellen Prozesse und es wird schwierig sein, eine vollständige Überwachung zu garantieren.“
Frank nickte leicht und schaute uns der Reihe nach an.
„Vorerst sorgen sie dafür, dass ihre sicheren Leute die Abendfahrten durchführen. Tagsüber werden die beiden schon auf sich aufpassen können.“
Ich schaute zu Peter und er sah zurück und warf mir ein leichtes Nicken zu.
„Ok. Decker, sie bleiben noch, ihr zwei verschwindet.“
***
Fransiska Haufberger

Wir verließen Franks Zimmer und gingen zurück, Peter wollte noch bei Randy vorbeisehen und ich ging in Gedanken versunken zu Jessika.
„Hi Liebes, gibt es etwas Neues?“
„Oh ja, die Haufberger ist im Anmarsch.“
„Danke für die Warnung.“ Grinste ich, schnappte mir einen Stapel Akten und schon war ich unterwegs.
Vor der Tür der Haufberger stießen wir beide –zufällig – zusammen. Unsere Unterlagen flogen durch den Gang und sie half mir beim Zusammensuchen der Unterlagen.
„Da sind auch noch welche von mir dabei, lass die uns drinnen sortieren“ sagte sie.
Gesagt, getan. Wir legten die Akten auf den Schreibtisch und da stellte ich fest, dass die Haufberger im Zimmer nichts verändert hatte. Entweder hatte sie keine Zeit oder keine Kraft gehabt.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ihr hübsches Gesicht von Tränen überlaufen war. Wir blickten uns kurz an und sie schaute weg.
„Hey, so können wir die Papiere aber nicht trennen, die werden ja ganz nass.“, sagte ich mit einem leichten Lächeln in der Stimme und tupfte mit einem Papiertaschentuch die ersten Tränen aus ihrem Gesicht. Ein leichtes Lächeln zeigte sich jetzt auch in ihrem Gesicht, dazu eine leichte aufkommende Röte und ein leises „Danke“. Sanft und sachte tupfte ich ihr die Tränen ab.
„Das kann nur ein Mann getan haben, wenn es weh tut, ist meistens ein Kerl daran schuld…“ sinnierte ich so leise vor mich hin, dass sie mich gerade noch verstehen konnte und sie schluchzte leise. Interessiert drehte sie ihren Kopf und schaute mich nachdenklich an. „Willst du drüber reden?“ Fragte ich sie und wartete auf ihre Antwort. Sie griff meine Hand mit dem Taschentuch und flüsterte mir zu. „Das tut gut…“ und lächelte mich an.
„Nein, nicht mein Freund – kennst du das? Du reißt dir den Arsch auf, um weiterzukommen, und so ein Depp wirft dir beleidigt die Tür vor der Nase zu, nur weil er selber nicht schnell genug nach oben kommt?“
Ich reichte ihr meine andere Hand auch noch, „Na du – komm mal, ich sagte ja, da muss ein Kerl im Spiel gewesen sein, ist doch immer so. Hat er dich geschlagen?“
„Nein, ach wo, kein Freund, ich habe es nicht so mit Standardbeziehungen und ein Freund…“ sie schüttelte leicht den Kopf, dabei nahm sie meine andere Hand und liebkoste sie. „Einen Freund habe ich nicht und eine Beziehung ist für mich in der Redaktion nicht möglich, das gäbe Zickenkrieg. Der Mann, mit dem ich bis eben zusammen war, hat mich nur als Betthäschen gesehen, um sich abzulenken. Ich war ihm als Mensch völlig egal. Ich habe halt nicht so mit den Kerlen, ich mag es etwas feinfühliger.“ Dabei küsste sie meine Hand und sah mich mit ihren großen verweinten Augen tiefgründig an.
Eineinhalb Stunden später saßen wir bei einem Glas Wein auf dem Boden. Wir führten die intimsten Mädchengespräche und lachten zusammen.
„Danke, das tut gut Caroline“ sagte sie und ich erwiderte „Gern Fransiska, weißt du, an meinem alten Arbeitsplatz hatte ich eine richtig gute Freundin, wir hatten so eine ehrliche, gute Frauenbeziehung und teilten alles miteinander und das hatte uns beiden geholfen. Außerdem war sie eine unheimlich gute Liebhaberin. Wir passten einfach wunderbar zusammen.“
Fransiska schaute mich nun neugierig an „Du meinst so richtig… mit Sex und allem, was dazugehört?“ Und ich lächelte sie an „Ja, so richtig, mit allem, was Spaß macht. Sie war eine Südseeschönheit und mit mir an ihrer Seite waren wir ein herrliches Paar. Weißt du, ich mag auch Frauen, aber das steht ja sogar in meiner Akte. Diese Frau aber, sie war meine beste Freundin und eine wunderbare Geliebte.“
Fransiska rutsche etwas näher zu mir heran und fühlt sich noch immer etwas unentschlossen, man merkte deutlich, dass etwas in ihr arbeitete. Offensichtlich versuchte sie, sich innerlich zu entscheiden, was sie nun tun sollte. Schließlich schaute sie mich, immer noch meine Hand haltend an.
„Ich habe hier und auf der Arbeit keine richtigen Freunde und erst recht keine – hmm – Freundin.“ Dabei schaute sie mich an, wie ein junges Mädchen beim ersten Rendezvous und erneut rollte eine dicke Träne langsam über ihre Wange herunter. Ich fing sie mit meinem kleinen Finger auf, hielt sie langsam ins Licht. Dabei glitzerte die Träne wie ein Diamant. „Jede Träne ist verlorene Lebensenergie und die sollte nicht auf ewig weg sein.“ Sagte ich Fransiska ins Gesicht, leckte die Träne mit der Zunge ab. Da begann Fransiska auf einmal entspannt und ehrlich zu lächeln.
„Ich dachte, du seist so eine herzlose, karrieregeile Henkersfrau …“ Und ich streichelte über ihre zarte Wange und flüsterte ihr zu „… und erst jetzt merkst du, dass in der karrieregeilen Frau auch eine warme Seele steckt, die genau solche Sehnsüchte und Gefühle hat, wie jeder andere Mensch auch?“
„Ja genau, so in etwa“ sagt Fransiska und rutschte ganz dicht neben mich heran, dichter und dichter, ja schon halb auf meinen Schoß. Dann begann sie leise:
„Duuuuuuuuuu?“, „Ja Liebes?“, „Mit fehlt die Liebe! Mir fehlen die Menschen mit denen ich lieben und leben kann und mir fehlt ganz besonders der gute Sex, den ich so sehr vermisse, dazu das kuscheln, einfach nur im Arm halten und sich einmal fallen lassen. Einmal sich sicher fühlen und so richtig entspannt fallen lassen. Jemand, der dich auffängt. Das habe ich so lange nicht mehr gehabt. Ständig muss ich mich absichern, dass ich nicht falle und ich sehne mich nach Rückhalt.“
Ich drehte mich zu ihr, schaute sie an, mit meinen großen verführerischen Augen und sagte ebenfalls flüsternd, „oftmals ist das Gute näher, als man denkt, es wird halt in der Liebe nicht geklingelt.“ Damit küsste ich sie leicht auf ihre Wange, auf die Stirn und dann erstmals leicht und zart auf ihren Mund. Sie hielt stand, wich nicht aus, ihr Mund öffnete sich ein wenig. In ihren Augen kam dieses leuchtende, fordernde Glitzern, das nur dann kommt, wenn man sich auf etwas ganz Besonderes freut. Es wurde mucksmäuschenstill. Sogar die leichte Musik schien zu verstummen. Ganz langsam und zärtlich suchten wir uns. Ihre Augen bekamen dieses bestimmte Leuchten, das junge Frauen bekommen, wenn sie sich auf mehr freuen.
Erwartungsvoll schaute sie mich an, öffnete ihren Mund ein wenig, nahm meine Zunge etwas an. Ganz langsam begegneten sich unsere Zungen, wir umarmten uns dabei ganz sanft und endlich ließ sie mich in ihren Mund. Der erste Zungenkuss löste jede Schranke zwischen uns.
Als hätte der Kuss ihren Gordischen Knoten gelöst, ging sie auf einmal ran wie Blücher und wir streifen uns unsere Klamotten ab. Schon fielen wir auf das breite Bett und ergaben uns im wunderbaren, ehrlichen, schönen Sex. Wie liebkosten uns, streichelten uns und trieben uns gegenseitig in immer höhere Wonnen. Fransiska konnte endlich all ihre Sorgen lösen und ließ sich in meinen Arm fallen. Dass auf dem Tisch, neben meinem Smartphone, ein anderes handygroßes Gerät blau leuchtete und jegliche Minisender blockierte, wusste sie nicht und das würde sie auch niemals erfahren. Ich wollte da nur auf Nummer sicher gehen und die Spielsachen von Dagan halfen mir immer.
Nach einer angenehmen, langen Dusche spielten wir noch eine Weile gemeinsam mit unseren Körpern und liebten uns noch mehrmals. Oh ja, sie war wirklich ausgehungert und ich stillte ihren Hunger auf jede Art und Weise, die sie suchte.
Als sie bei mir später in den Armen lag und ich ihr Haar langsam durchkämme, plaudert sie auf einmal los: „Weißt du, als ich hierherkam, sollte ich deinen Vorgesetzten ausspionieren und dich gleich mit überwachen, weil der neue Boss euch beiden nicht traute und vor deinem Chef sogar Angst hat. Aber jetzt erst erkenne ich, dass mein Auftraggeber der eigentliche Schurke ist und nur an seiner eigenen Karriere interessiert ist. Ich glaube, der geht dabei sogar über Leichen.
Der Mistkerl hat mich heute tatsächlich abgemahnt, weil meine Reportagen nicht den gegenseitigen Interessen dienen würden. Mit gegenseitigen Interessen meint er natürlich nur seine eigenen. Der will nur schnellstmöglich Minister werden, mehr nicht. Von dir wollte er eigentlich, dass du diesen Peter Stein ablöst, dann hätte er ihn schneller abschießen können. Irgendwie hat das mit einer gewissen Beate zu tun, aber die hätte er in dem Büro deines Chefs eigenhändig erschossen. Was ist das nur für ein Mensch? Was weißt du von dieser Beate?“
„Ich weiß nur dass sie hingerichtet und dann verbrannt wurde, es gibt wohl Zeugen und Belege, die das bestätigen, mehr weiß ich nicht.“
Schließlich wollte Fransiska noch meine Nummer und fragte auch, ob sie mich jederzeit besuchen oder anrufen könne. „Selbstverständlich und du darfst jederzeit durchrufen oder kommen.“ Ehe ich das Zimmer verließ, umarmt sie mich nochmals, küsste mich heftig und fragte „Caroline, meine Liebste. Darf ich deine Freundin sein, deine beste Freundin und auch deine Geliebte? Von mir wird keiner erfahren, dass wir uns lieben.“
„Oh Fransiska, ich würde mich sehr freuen, deine beste Freundin zu sein.“ Dabei gab ich ihr einen dicken Kuss. Nach meiner Versicherung ging ich aus dem Zimmer und hörte beim Weggehen von drinnen noch einen leisen Jubelruf und „Hurra, endlich wieder Sex.“
Ich ging mit einem Lächeln im Gesicht zurück zu Peter. Auf dem Flur traf ich auf Jessika, sie schaute mich freundlich an und lächelte dabei. Auch wenn sie nicht im Flur, sondern am Empfangsschalter war, schien sie wieder alles zu wissen.
***
Caroline und ich verließen Franks Büro und ich suchte Randy auf. Der hatte sich schon in der Nacht an seinen Rechner gesetzt, um herauszufinden, was es mit Dennis auf sich hatte. Als ich in sein Chaos eintrat, kaute er gerade genüsslich an einem Burger und hatte eine Tüte Fritten neben der Tastatur liegen.
„Es ist morgens halb sieben und du stopfst Fastfood in dich hinein?“ Fragte ich ihn.
„Nach meiner Zeitrechnung ist es 2 Uhr Nachmittag, außerdem habe ich einen Mörderhunger. Ich sitz hier nämlich schon seit 6 Stunden.“
„Ok, dann lass es dir schmecken.“
„Übrigens tut mir leid, das mit deinem Freund.“
„Meinem Freund?“
„Ja, Meyer.“
„Was ist mit Meyer?“ Mein Magen fing an sich zusammen zuziehen.
„Oh, du wusstest es noch nicht? Meyer ist gestern Abend bei einem Unfall umgekommen.“
Mir wurde schwindlig. „UNFALL???“
„Ja, irgendein besoffener Ex-Knaccki ist mit über zwei Promille in seinen Wagen geknallt. Meyer war sofort tot.“
Ich hatte das Gefühl, dass sich der ganze Raum drehte! Unfall! Scheiße. Trommer hatte den letzten seiner Mitwisser erledigt! Den Letzten? Nein! Ich war noch am Leben, doch jetzt stellte sich die Frage, wie lange noch! Und ich konnte nicht mal um Schutz bitten. Was sollte ich denn sagen? Etwa das ich eine Gefangene verschont hatte und mich der Generalstaatsanwalt deswegen umbringen will?
Das Einzige was überprüft würde, wäre welche Gefangene „tot“ wäre. Konnte ich mich Caroline anvertrauen? Nein noch nicht! Zumal sie selbst eine Zielscheibe war. Randys Stimme riss mich aus den Gedanken.
„Hat Frank euch erzählt, dass Dennis einer der Neuen war?“
„Ja. Was denkst du, war er der Maulwurf?“
„Definitiv nein.“
„Wieso?“
„Ich habe mich bei der Bank eingehackt.“ Randy öffnete ein anderes Fenster auf dem Bildschirm und winkte mich heran. „Dennis hatte bis vor fünf Wochen mindestens 5.000 Miese auf dem Konto. Hier“, er zeigte mir Dennis Kontoauszüge, die ich überflog. Randy hatte Recht. Die Ausgaben waren eindeutig in der Überzahl und das Konnte hielt sich immer am Limit. „Erst vor vier Wochen gingen dann Woche für Woche eine Zahlung von 9.950 Euro auf sein Konto ein.“
„Da werden jede Woche 10.000 auf ein Konto überwiesen und niemand fragt nach?“
„Nein, der Betrag liegt unter der 10.000 Grenze. Da interessiert das niemanden.“
„Und wieso, kann Dennis nicht der Maulwurf sein?“
„Wenn er es gewesen wäre, hätte er sicher schon vorher Geld bekommen.“
„Außerdem, hat Caroline gesagt, dass er sich ziemlich amateurhaft angestellt hat.“ Fiel mir ein.
Randys Überlegungen hatten Hand und Fuß. Die Wanzen wiesen auf Profis hin und waren sicher schon angebracht, bevor Dennis jede Woche 10.000 Euro bekam. Das hieß aber, der Maulwurf saß noch immer in unserem Garten.
„Danke. Du weißt ja…“
„Ja, ich habe schon eine Liste, mit Gefallen, die du mir schuldest und die wird länger und länger…“
***

Achtung Aufnahme

„Was für eine miese Tarnung.“ Brummte Sally.
„Ich finde, du siehst perfekt aus.“ Grinste Dave.
Sie saßen in einem Übertragungswagen eines großen amerikanischen Nachrichtensenders und Sally trug das typische Outfit einer Reporterin. Graues Kostüm mit knielangem Rock und die passenden Pumps. So schlecht war die Tarnung allerdings nicht. Vor dem Gericht standen mindestens dreißig Übertragungswagen aus aller Welt. Schließlich hatte die Katastrophe im Stadion weltweit für Aufsehen gesorgt. Nicht wenige Städte hatten ihre Stadien überprüfen lassen, um eine solche Katastrophe zu verhindern.
„Typisch Mann!“ Sally sah Dave strafend an. „Wie soll ich in den Dingern hier rennen?“
„Wenn es nach Plan läuft, musst du nicht rennen.“
„Mal ehrlich! Nachdem was ihr mir alles über diese Miles erzählt habt, wird es kaum nach Plan laufen!“
Die Tür des Wagens ging auf. Und Mike kam herein. „Ist Will auf Position?“ fragte er.
„Ja.“ Antwortete Dave. „Er hat die Scharfschützen auf den Dächern verteilt und passt auf, dass die deutschen Schützen, die ebenfalls die Dächer belagern sie nicht sehen.
Falls Froody tatsächlich heute zuschlagen will, hat er schlechte Karten.“
„HHHMMM.“ Mike glaubte nicht, dass Froody heute zuschlagen würde. Er wollte Caroline Miles nicht einfach erschießen. Mike war sicher, Froody wollte den Tod von Miles genießen…
„Ok. Wir lasst uns in das Gericht gehen. Jetzt ist der Andrang noch nicht so groß.“
Mit Dave, Sally und ihrer „Ausrüstung“ begab sich Mike zum Eingang des Gerichtsgebäudes. Natürlich wurden die drei gründlich durchsucht, doch Mike und Dave waren Profis, die keine Probleme hatten, ihre Waffen in das Gebäude zu schmuggeln.
***

Unbemerkt saß Benjamin Levi in der Wartezone des Gerichtes.
Scheinbar uninteressiert hockte er auf einer Bank und schien ein Spiel auf seinem Handy zu spielen.
„Die Amerikaner sind eingetroffen.“ Gab er an sein Team weiter.
Dagan war gestern Abend mit Team 7 gelandet. Team 7 bestand aus acht hervorragenden Agenten, die wussten, wie man sich unsichtbar machen konnte und sich im Gericht verteilt hatten. Diese Männer und Frauen bestanden aus Dagans „Nichten und Neffen.“ Eine eingeschworene Gemeinschaft zu der Dagan absolutes Vertrauen hatte. Er selbst hatte jeden Einzelne bzw. Einzelnen ausgewählt. Jedes Familienmitglied hatte sich in Krisen bewährt und gezeigt, dass er seinen Verstand gebrauchen konnte. Dazu kam, dass bei diesem Einsatz alle hoch motiviert waren, denn Caroline war eine von ihnen!
„Verstanden. Gut, die werden Caroline beschatten, wir sollten nach Froody Ausschau halten.“
***

Am Tag vorher hatten Lichttechniker des Fernsehens Leitungen gezogen und jede Menge Kabel verlegt. Die überregionalen Reporter hatten ihre Kabel auch ziehen lassen. Dass zwei andere Techniker als am Vortag am Gericht waren, fiel nicht auf, denn die Ausweise waren echt, kein Wunder, denn die Techniker lagen tot in Mülltonnen, einige Straßen weiter.
Im Gericht und dem Vorhof des Gebäudes waren über zwanzig Kameras versteckt worden, die einen sendeten direkt an die Zentrale von Froody, die anderen sendeten an die Französische Zentrale im nahen Wäldchen. In dem Gewusel fielen die Techniker nicht auf, zumal alle Ausweise korrekt waren. Gegen Abend wurden die Arbeiten weniger, es wurde ruhiger.
Im dichten Gedränge der über 30 Sendewagen stand auch ein weiterer unauffälliger Wagen mit einfachen Senderkennungen. Die Parabolantennen auf dem Dach waren ausgerichtet und einige weitere Stabantennen kamen noch dazu, einer der Techniker brummte andauernd über die schlechte Bezahlung und schraubte eine Antenne nach der anderen auf das Dach. Als Letztes kurbelte er einen Mast hoch, an dessen oberen Ende ein dunkler Kasten befestigt war. Endlich schien auch der unterbezahlte Mann zufrieden und verkroch sich im Inneren des Übertragungswagens.
Im Inneren schaute er in die zufriedenen Gesichter zweier Kollegen. „Eli, die Signale sind gut, wir haben da aber noch was anderes gefunden, hier sind mindestens noch zwei andere Dienste vertreten und schau mal, was ich da ausgegraben habe.“ Damit schaltete er auf einer Konsole und auf den Bildschirmen leuchteten Bilder aus ungewöhnlicher Perspektive auf.
„Das sind die Amis, die haben hier offenbar mehr Kameras versteckt, als das hiesige Fernsehen im Lager hat, aber das da“ und wieder schaltete der Kollege auf dem Pult umeinander „das da, hier ist interessanter, die verwenden eine ältere Codierung, als die, die wir vor einigen Jahren in Algerien auffingen. Das scheinen Franzosen zu sein und die haben mit dem Staatsfernsehen garantiert nichts zu tun. Wir lokalisieren gerade die Senderichtung um die beiden Standorte zu finden, das Außenteam ist noch mit der Peilung beschäftigt.“
Auf der anderen Monitorwand leuchtete auf einmal ein Landkartenausschnitt der Region auf und zwei, nein drei rote Linien schnitten sich im nahen Wäldchen. „Ziel 1 gefunden, die Franzosen, wir suchen weiter.“ Kurz danach flammten drei grüne Linien auf „Aha die Amis sind also da.“ Der Antennenmonteur nickte leicht „Gute gemacht. Ich informiere Levi.“
***

Gerichtstermin mit Überraschung

Eine Stunde später saßen wir im Auto und fuhren zum Gericht.
Heute war Prozessauftakt und die ersten Angeklagten waren die Besitzer der Baufirma, ein Ehepaar und eine Angestellte der Rechnungsabteilung. Ihnen wurde vorgeworfen, die Abrechnungen gefälscht und so, weniger Stahl als vom Architekten berechnet, verbaut zu haben. Wie erwartet, war der Andrang riesig. Als wir ankamen, hatte sich vor dem Eingang schon eine lange Schlange gebildet. Ich ging mit Caroline an der Schlange vorbei, bis zum Eingang. Dort standen acht Polizeibeamte, die jeden genau kontrollierten.
Als wir durchgehen wollten, wurden wir von einem der Beamten, recht schroff, zum Ende der Schlange verwiesen. Auch mein Dienstausweis konnte die Beamten nicht überzeugen uns durchzulassen.
Als ob das nicht schon genug wäre, fing eine Frau, welche zwei Meter hinter uns stand, an laut zu schimpfen.
„Da kann jeder kommen. Los nach hinten.“
Caroline wollte schon etwas erwidern, doch ich nahm sie einfach an der Hand und zog sie weiter weg vom Eingang. Zusammen ging ich mit ihr, noch immer ihre Hand haltend, um die Ecke. Dort war eine mächtige Stahltür mit Kamera und Klingel.
„Was ist das hier?“
„Hier werden die Gefangenen aus der JVA hergebracht. Die Tür führt zum Zellentrakt des Gerichts.“ Ich klingelte und lächelte in die Kamera.
„Weißt du, es lohnt sich immer, freundlich zu den Leuten zu sein.“
Einige Sekunden später ging die Tür auf und ein Beamter des Gerichts lachte mich an.
„Peter, der Bad-Man. Was geht ab?“ fragte der Beamte.
„Hallo Harald. Darf ich vorstellen, meine neue Kollegin, Frau Miles. Hör mal, die wollen uns vorne nicht durchlassen ohne uns zu filzen, und die Schlange ist endlos lang, dürfen wir bei dir durch?“
„Klar, kommt rein.“ Harald trat zur Seite und ließ uns in den Zellentrakt eintreten. Stolz erklärte er Caroline die einzelnen Funktionen der Zellen und öffnete auch nicht besetzte Zellen, damit Caroline einen Blick hineinwerfen konnte. Schließlich brachte uns Harald zum Ausgang und wir traten in den großen Gerichtssaal ein.
„Wie es aussieht, werden dir die Richter wieder einiges an Kundschaft schicken. Hast du die Liste der Angeklagten gesehen?“
„Ja, die ist ziemlich lang. Und du pass gut auf sie auf.“
„Kannst dich auf uns verlassen.“ Mittlerweile hatten wir den Ausgang des Zellentrakts erreicht und schon standen wir in der großen Halle des Gerichts.
„Unglaublich. Du kannst ja richtig nett und freundlich sein.“ Meinte Caroline.
„Ich bin nett!“
„Nein, bist du nicht!“ grinst sie.
„Wir haben noch etwas Zeit, lass uns noch einen Kaffee in der Kantine trinken.“
Da die Kantine im vierten Stock untergebracht war, gingen wir zum Aufzug. Auf Halbem Weg kamen wir an der Frau vorbei, welche sich, lauthals über den Versuch an der Schlange vorbeizukommen, beschwert hatte.
„Auch schon da, was hat sie denn solange aufgehalten?“ grinste ich sie an.
Sie funkelte wütend und fing wieder an zu schimpfen. Ihre Triaden tönten noch, als sich die Aufzugtüren hinter uns schlossen.
„Ich sag es doch. Du bist nicht nett.“
Wie immer an solchen Tagen wurde der Aufzug von einem Beamten bewacht, um sicherzustellen, dass es auch hier keine Zusammenstöße zwischen den Beteiligten gab.
Die Beamtin, die den Fahrstuhl bewachte, nickte uns freundlich zu.
„Guten Morgen, Julia.“
„Guten Morgen Bad-Man, sorry ich meine guten Morgen Herr Stein.“
„Lass dieses Herr Stein. Meine neue Kollegin Caroline Miles, Julia eine der guten Seelen hier im Gericht.“ Stellte ich die beiden vor und grinste Caroline an. „Siehst du, ich bin nett.“
Wir fuhren nach oben und gingen in die Kantine. Noch war der Betrieb erträglich und wir besorgten uns einen Kaffee.
„Da drüben sitzt die Haufberger. Überlass das Reden mir!“ Mahnte mich Caroline und schickte sich an, zu Fransiska zu gehen. Fransiska Haufberger saß an einen Ecktisch und las in der Zeitung. -Bandenkrieg? Vier Kriminelle in zwei Monaten getötet – War der Aufmacher. Wenn die Kriminellen so weitermachen, brauchen sie uns Henker nicht mehr, dachte ich mir, als ich die Schlagzeile las.
„Hallo Fransiska.“ Begrüßte Caroline ihre neue Freundin. Die Haufberger sah auf und lächelte Caroline an, dann sah sie mich und ihr Lachen wurde etwas dünner.
„Guten Tag Herr Stein.“ Sagte sie mit eisiger Stimme. Carolines Augen sagten mir, dass ich mich zurückhalten sollte also erwiderte ich freundlich ihren Gruß und setzte mich ohne einen weiteren Kommentar.
„Ich würde dir gerne einen Kuss geben, aber hier sind überall Fotografen. Du bekommst ihn nachher.“ Sagte Caroline und legte ihre Hand auf die von Fransiska. „Keine Sorge, Peter kann den Mund halten, wenn es darauf ankommt.“
Fransiska schaute mich abschätzend an und ich tat so, als ob ich ihre Hand in der von Caroline nicht sehen würde.
„Kommt ihr auch, um den Prozess zu beobachten?“ fragte Fransiska Caroline.
„Ja wir wollen uns ein Bild der Angeklagten machen.“ Antwortete sie.
Die Frauen fingen an zu plaudern, während ich die Leute in der Kantine beobachtete. Die meisten hatte ich schon einmal gesehen, Leute die hier im Gericht arbeiteten, Polizisten die sich an Kontrollen erinnern sollten, die über ein Jahr zurücklagen, Reporter… aber es gab auch fremde Gesichter. Irrte ich mich oder sah die Frau an der anderen Wand ab und an zu uns?
„Peter?“
Caroline sah mich an.
„Ja?“
„Ich habe gefragt, ob du dir immer die Angeklagten ansiehst?“
„Oh sorry. Ich war mit meinen Gedanken sonstwo. Nicht immer, bei solchen Ereignissen allerdings schon. Ich weiß gerne vorher was mich erwartet.“
„Wann waren sie das letzte Mal hier“ fragte Fransiska.
„Letztes Mal war ich als Sachverständiger hier. Bei diesem Termin ging um eine ehemalige Kollegin.“
„Tanja Schiller?“
„Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht.“
„War das nicht auch der Tag, an dem Beate Fischer verurteilt wurde?“ bohrte sie weiter.
„Ich glaube ja, doch war ich bei diesem Prozess nicht dabei.“
„Was ist mit Frau Fischer passiert?“
„Sie wissen es. Ihr Freund hat sie selbst erschossen. Ende der Geschichte.“
„Er glaubt ihnen nicht. Er ist davon überzeugt, dass diese Fischer noch lebt und er ist auch nicht mein Freund.“
„Nun, er selbst hat die Frau hinterrücks erschossen. Mehrere Beamte und Mitarbeiter haben gesehen, wie ich Frau Fischers Leiche herausgetragen habe, ein Untersuchungsausschuss hat festgestellt, dass Beate Fischer erschossen wurde. Aber wissen sie was? Hier geht es nicht um Beate Fischer.“
„Ach ja? Um was geht es denn?“
„Sagt ihnen der Name Petra Strass etwas?“ Natürlich wusste Fransiska Haufberger, wer Petra Strass war. Schließlich hatten sie und ihre Kollegen von der Presse, mit ihrer Berichterstattung den Boden bereitet, die Petra Strass zur meistgehassten Frau der Republik werden ließ. Dennoch tat die Haufberger so, als ob sie nachdenken musste.
„War die nicht auch an dem Prozess beteiligt?“
„Petra Strass hatte Beates Mann angestiftet sein eigenes Kind umzubringen. Dummerweise hatte sie damit auch ihren Geliebten verloren. Um sich zu rächen, hat sie sich einen neuen Liebhaber gesucht.“ Ich ließ die Worte einen Moment wirken.
„Der neue Liebhaber hat Beate dann verurteilen lassen. Als sich dann später Herausgestellte, dass Beate unschuldig, und die Strass beteiligt waren, hat Trommer seine Geliebte, ohne zu zögern, hinrichten lassen. Er hat sie auf den elektrischen Stuhl geschickt und ganz langsam grillen lassen. Er hat ihr beim Sterben zugesehen und hatte eine riesengroße Latte dabei. Und um seine Beteiligung zu vertuschen, hat er Beate eigenhändig erschossen. Und das alles nur, um nach oben zu kommen. Sie sollten bei der Wahl ihrer Freunde vielleicht vorsichtiger sein.
Fransiska, die während meiner Rede immer blasser wurde, starrte mich böse an. Ihre Hände begannen zu zittern.
Schnell hielt Caroline ihre Hand, während mich ihre Augen anklagend ansahen. Zeit etwas freundlicher zu werden!
„Hören sie Fransiska, sie halten mich wahrscheinlich für ein unsensibles Arschloch, weil ich ihnen so etwas erzähle, aber ich schwöre, genau so war es. Bitte seien sie einfach vorsichtig und passen gut auf sich auf. Gutaussehende Reporterinnen wie sie, die auch noch richtig gut schreiben, gibt es nicht allzu oft.“
Fransiska liefen die Tränen über das Gesicht, allerdings konnte ich nicht sagen, ob es Wut oder Trauer war, was sich da den Weg bahnte.
„Ich muss mich wieder zu Recht machen. Wir sehen uns unten.“ Krächzte sie brüchig und stand auf. Caroline ergriff nochmal ihre Hand.
„Ich werde heute Abend bei dir vorbeischauen, wenn ich darf?“ Fragte sie Fransiska.
„Gerne. Bis Später.“
Fransiska zog ihre Hand zurück und ging in Richtung Toiletten.
„Wie kann ein so unsensibles Arschloch wie du, nur so ein Schleimer sein?“ Klagte mich Caroline an. „War das notwendig?“
„Ja, das war notwendig. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich glaube, sie ist in Gefahr. Und ja, was soll ich sagen, ich bin vielseitig. Und nett.“
„Du glaubst wirklich, dass sie in Gefahr ist?“
„Caroline…. Ja, das glaube ich. Trommer ist ein Mistkerl, der keine losen Enden brauchen kann. Sie hat sich mit ihm eingelassen und wenn Trommer sie nicht mehr braucht, oder schlimmer, wenn sie für ihn irgendeine Bedrohung darstellt, dann ist sie in Gefahr.“
„Ok, ich denke, es wird Zeit, dass wir beide uns einmal richtig unterhalten! Das mit Fransiska werde sie heute Abend schon wieder hinbekommen und hör auf damit, du bist nicht nett!“
Ich schaute auf die große Wanduhr. Noch zwanzig Minuten, dann würde es losgehen. „Wir sollten uns auch auf den Weg nach unten machen.“
Zusammen standen wir auf und brachten das Geschirr zurück, als ich wieder an die kurze Schlange am Kaffeeautomaten anstellte.
„Was tust du?“ fragte Caroline.
„Ich hole Julia einen Kaffee. Du weißt schon, immer freundlich sein.“
Caroline schüttelte den Kopf und wartete. Als der Automat den Kaffee ausgespuckt hatte, gingen wir zusammen zum Aufzug und drückten auf den Knopf.
„PLING“ kündigte sich der Aufzug an, als er in der vierten Etage hielt. Die Türen öffneten sich und wir stiegen ein.
„Hier, ich denke, du brauchst ihn.“ Reichte ich Julia den Becher und die bedankte sich freundlich. „OH Bad-Man, danke.“
Eine Sekunde bevor sich die Tür schloss, trat die Frau von der Wand gegenüber ein, die der Kleidung nach, eindeutig eine Reporterin war. Sie lächelte uns freundlich zu und stellte sich vor die Innentür, neben Julia, mit dem Rücken zu uns.
Gerade, als der Aufzug das dritte Stockwerk erreichte, brach Julia plötzlich zusammen. Der Becher mit dem Kaffee fiel ihr aus der Hand und landete auf dem Boden, wo der Kaffee eine große Lache verursachte. Ich versuchte, Julia aufzufangen, als die Tür aufging und zwei Männer eintraten. Das alles war zeitlich perfekt abgestimmt und bevor Caroline ihre Waffe ziehen konnte, schauten wir beide in die Mündungen von drei Waffen.
Die Frau hatte eine Waffe direkt auf Carolines Kopf gerichtet, der erste auf ihre Brust Während der zweite mit seiner Kanone direkt auf mich zielte.
Der Aufzug fuhr an, doch bevor der Aufzug den zweiten Stock erreichte, drückte der erste den Not Halt.
„Ganz ruhig Frau Miles, wir wollen nur reden.“
Der erste fasste unter Carolines Blazer und zog ihre geliebte Beretta aus dem Holster.
Der Zweite war deutlich grober mit mir, als er mir die Sig abnahm.
„Ich rede ungern mit einer Waffe im Gesicht.“ Entgegnete Caroline kühl.
„Tut mir leid, das ist zu unserer eigenen Sicherheit. Wir kennen ihre Ausbildung.“
„Was ist mit der Beamtin?“ wollte Caroline wissen.
„Sie ist nur betäubt und wacht in 15 Minuten wieder auf.“
„Und was jetzt?“
„Unten steht ein Wagen, in den werden wir vier jetzt einsteigen.“
Vier! Da ich nicht glaubte, dass einer der drei hierbleiben würde, hieß das wohl, dass ich nicht mitkommen sollte.
Caroline schien meine Gedanken zu lesen.
„Wie stellen sie sich das vor? Unten stehen hunderte Leute und jede Menge Polizisten. Glauben sie im Ernst, dass sie da ungesehen durchkommen.“
„Ja, denn ihr Kollege wird keinen Laut von sich geben.“
„Wollen sie mir auch eine Spritze verpassen?“ fragte ich dazwischen.
„Nein, wenn sie Alarm schlagen, stirbt Frau Miles.“
„Wissen sie, sie sagten, sie wollten mit uns reden, ich würde vorschlagen, ich komme einfach mit.“
„Nein!“
„Das was sie bereden wollen, betrifft auch sicher dienstliche Belange. Als Chef von Frau Miles bestehe ich darauf.“
Der erste sah den zweiten an und der verpasste mir einen heftigen Schlag ins Gesicht. Und obwohl ich den Schlag vorausgeahnt hatte, konnte ich nicht ganz ausweichen. Mit aufgeplatzter Lippe, fiel ich nach hinten auf Julia.
Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit auf Caroline, um sie am Eingreifen zu hindern. Das war ein böser Fehler! Ich war kein Agent oder Spion, aber ich war angepisst! Und so etwas ging immer schlecht für meinen Gegner aus!
Langsam stand ich wieder auf.
„Gutes Argument, um hierzubleiben.“ Jetzt stand ich wieder vor der Nummer eins. Und wischte mir mit der linken Hand das Blut vom Mund ab.
„Ich habe aber ein Besseres.“
-KLICK-
Es war das hässliche Klicken einer Waffe, die entsichert wurde.
Im Zurückfallen hatte ich mich absichtlich auf Julia fallen lassen. Als meine Körper diesen Arschlöchern dann die Sicht versperrte, hatte ich ihr die Pistole aus dem Seitenholster gezogen und die drückte ich dem Ersten jetzt fest in die Eier.
Der erstarrte und die Frau beging den Fehler, in den Spiegel der gegenüberliegenden Fahrstuhlwand zu schauen.
Weniger als eine halbe Sekunde später bohrte sich eine kleinkalibrige Pistole, die Carolines aus ihrem Ärmel gezogen hatte, mitten in ihre Nase.
„Wir gehen beide drauf, doch wir nehmen euch alle drei mit. Klarer Punktsieg.“ Sagte ich zu dem Ersten.
Eine unendlich lange Minute sagte keiner etwas, dann richtete der Erste seine Waffe ganz langsam zur Decke und sicherte sie. Das war wohl das Zeichen für die anderen beiden, denn sie folgten seinem Beispiel. Als Erstes holten sich Caroline und ich unsere Waffen zurück.
„Bitte Frau Miles, wir wollen wirklich nur reden.“ Presste Nr. 1 hervor. „Wie jagen Froody und müssen sogar dringend mit ihnen reden.“
-Froody? Wer zur Hölle ist Froody? – fragte ich mich. Dann fiel es mir ein. Froody musste der Mistkerl sein, der Caroline am Übergang ermorden wollte und der Dennis gekauft hatte.
„Gut, vergessen wir den Wagen und gehen ein Stück zu Fuß.“ Schlug Caroline vor.
Die Amis verständigten sich untereinander und Nr.1 nickte. „Wie sie wollen Frau Miles.“
„Herr Stein, kommt selbstverständlich mit uns!“
„Auch das geht in Ordnung.“
„Gut, dann werden wir uns sicher verstehen.“
Wir stiegen im ersten Stock aus und verließen das Gericht über eine Seitentür. Die drei gingen vor uns her, die Hände gut sichtbar an den Seiten. So wie es aussah, hatten sie tatsächlich eine Heidenangst vor Caroline. Zusammen gingen wir an das nahegelegene Flussufer. Als wir eine freie Fläche erreichten, hakte sich Caroline zwischen Nr.1 und der Frau die rechts von ihm ging unter. So würde ein Scharfschütze keine freie Schussbahn haben. Mein spezieller Freund Nr.2 ging zwei Schritte vor mir. Decker hatte uns immer eingetrichtert, welcher Abstand zu einem Gefangenen der Beste war und diesmal hielt ich mich daran. Nach ein paar Minuten erreichten wir eine einzelne Bank, die frei genug stand, um nicht überrascht zu werden.
„Hinsetzten!“ befahl Caroline den Amerikanern.
Die drei nahmen Platz und hielten die Hände weiterhin sichtbar.
„Ich gehe davon aus, dass gerade ein Scharfschütze auf mich anlegt?“ Fragte Caroline.
„Eigentlich sind es drei. Auf jeden von ihnen.“
Nicht gerade beruhigend.
***

Was Nr.1 nicht wusste, war, dass auch ein Scharfschütze auf ihn angelegt hatte. Eine Agentin von Team 7 hatte ebenfalls in der Kantine gesessen und Alarm geschlagen, als Sally zu uns in den Aufzug stieg, der dann Sekunden später zwischen zwei Etagen stehenblieb. Sofort waren die Israelis ausgeschwärmt und schon, als sich die Seitentür öffnete, hatten vier Israelis auf die Amerikaner angelegt. Doch Levi behielt einen kühlen Kopf. Als er sah, wie die Amerikaner vor Caroline hergingen, wusste er, dass diese die Lage unter Kontrolle hatte.
„Achtung! Kein, ich wiederhole KEIN Zugriff! Abwarten!“
Als sich herausstellte, dass die Gruppe zum Flussufer ging, hatte Levi seine Leute neu positioniert.
„Uri, sie kommen in deinen Erfassungsbereich.“
„Ich habe sie.“ Bestätigte der und visierte die Brust von Nr.1 an.
„Ido? Ronni?“
„Ich habe die Frau im Fadenkreuz.“ Meldete sich Ronni.
„Alles klar, dann nehme ich den Kerl, der vor Carolines Chef geht.“ Sagte Ido und visierte Nr.2 an.
„Was ist mit Stein? Sollen wir den auch?“
„Nein!“ Entschied Levi. „Mit dem wird Caroline sicher alleine klarkommen. Yael, nimm dir Team Alpha und scanne die Gegend ab, ich möchte nicht überrascht werden.“
***

Yael nahm sich das Funkset „Hier Alpha, Alle melden und Statusmeldung.“ Nacheinander meldeten sich die Mitglieder des Teams. Yael gab die Instruktionen und es herrschte wieder Ruhe im Funk. Dagan Meir war ein alter Fuchs und wusste genau, was man an Teams brauchen könnte und eines seiner Teams war das Team Alpha, das war die interne Absicherung für solche Fälle.
***

„Also? Worüber wollen sie reden?“ fragte Caroline.
„Sie wissen sicherlich wer und warum man sie töten will.“
„Ja, ich weiß es nur allzu genau. Froody. Stellvertretender Direktor der CIA.“
„Ehemaliger stellvertretender Direktor.“ Korrigierte Nr.1. „Frau Miles, wir stecken in einer schwierigen Lage. Der Vater der Hingerichteten, war, wie schon gesagt, stellvertretender Direktor, er war es auch, der den ersten Anschlag auf sie in Auftrag gegeben hat. Wie sie sich vorstellen können, waren die Deutsche und unsere Regierung, wenig erfreut, als der Vorfall bekannt wurde. Besonders die Regierung der Vereinigten Staaten war, nennen wir es einfach fassungslos. Wir waren von der Aktion sehr überrascht und überrumpelt. Als wir dann herausgefunden hatten, wer dafür verantwortlich war, da war es bereits zu spät.“
„Sie wollen mir sagen, dass Froody untergetaucht ist?“
Nr.1 schaute unbehaglich. „Nun ja…So könnte man es auch nennen. Er ist momentan nicht auffindbar.“
-Was???- Das konnte ich nicht glauben. Diese Typen waren von der CIA und die wussten doch alles, oder etwa doch nicht? Waren etwa alle Geschichten über die Allmacht der CIA übertrieben?
„Ihr seid der Geheimdienst!“ sagte ich fassungslos. „Ihr seid die allmächtige CIA! Ihr müsst doch in der Lage sein, euren durchgeknallten Exchef zu finden.“
Das Gesicht von Nr.1 wirkte beinahe amüsiert, dann wurde es tatsächlich traurig, als er mich ansah. In dieser Sekunde war er mir beinahe sympathisch.
„Entgegen dem, was sich so über uns erzählt, sind wir nicht allmächtig. Dieser Mann hat viele Kontakte und er weiß diese zu nutzen. Dazu kommt, dass der Mann sehr, sehr viel Geld hat. Er kennt das Geschäft und die richtigen Leute. Wenn er keinen Fehler macht, wird es sehr schwer sein, ihn zu finden. Dazu kommt, dass dieser Mann nichts mehr zu verlieren hat. Frau Miles hat ja auch seine Frau auf Soulebda ausgeschaltet. In seinem Leben gibt es nur noch ein Ziel! Frau Miles zu töten.“
Caroline hatte längst verstanden, um was es hier ging.
„Sie wollen mich also als Lockvogel benutzen?“
„Lockvogel. Ein hässliches Wort, aber es ist zutreffend. Wir würden sie rund um die Uhr überwachen und so auch für ihre Sicherheit sorgen.“
„Und woher weiß ich, dass sie es sind, der mich überwacht und nicht Froody?“
„Wir werden diejenigen sein, die nicht versuchen werden sie umbringen.“
„Gut, aber damit das klar ist. Sollte etwas geschehen, stehen sie mir nicht im Weg!“
Nr.1 griff langsam in seine Jackentasche und holte eine Visitenkarte hervor, auf der nur eine Handynummer stand.
„Sie erreichen mich unter dieser Nummern. Zu jeder Zeit.“
Er übergab die Karte Caroline und die steckte sie ein.
„Wir sehen uns.“ Sagte Caroline nur.
Nr.1 stand auf und reichte Caroline die Hand, doch die ließ ihn einfach stehen.
Ich konnte nicht anderes. Ich ergriff die Hand von Nr.1 und drückte sie lächelnd.
Dasselbe tat ich mit der Frau und mit Nr. 2. Als Nr. 2 meine Hand ergriff, Scharfschützen hin oder her, schmetterte ich ihm die linke Faust auf die Nase, die knirschend nachgab.
„Jetzt sind wir quitt.“
***

Mit ein paar schnellen Schritten hatte ich Caroline eingeholt und ging neben ihr her. Schließlich raffte ich meinen Mut zusammen und nahm sie an der Hand. Caroline zog ihre nicht zurück und ging neben mir her.
„Ich wusste es doch. Du bist nicht nett.“
***

„He Leute, habt ihr das gesehen?“ fragte Ronni, die Frau noch immer in Fadenkreuz.
„Oh ja.“ Antwortete Levi. „Dieser Stein wird mir immer sympathischer.“ Durch das angelegte Teleobjektiv sah er Peter Stein Hand in Hand mit Caroline. Levi lächelte leicht, dann klickte die Kamera. „Ok, alle zurück auf Tauchstation!“
***

Über den Dächern lagen zwei Dreiergruppen amerikanischer Scharfschützen und hatten Caroline und Peter in der Zieloptik. Daneben die Spotter, für die Zielansprachen.
Auf anderen Dächern lagen dafür Zweiergruppen, und diese hatten die Amerikaner im Visier, ein einziger Befehl und die beiden Dreiergruppen wären nicht mehr. Das war Yael klar.
Sein Team aber suchte nach weiteren Verdächtigen, sie waren so eingestellt, dass er für die Eigensicherung ein eigenes Team hatte, die mögliche weitere gegnerische Sniper aufspüren und ausschalten konnten.
Als Peter Stein Nr.2 die Nase einschlug, zuckten die Amerikaner kurz auf und erhielten unmittelbar danach den Abzugsbefehl. Unauffällig zogen sich die Amerikaner zurück. Yael aber ließ seine Gruppe noch in der Deckung, er war ein alter Fuchs und wusste, wenn es eine Überraschung gab, dann würde er sie jetzt bemerken.
Tatsächlich meldete sein Team kurze Zeit später Bewegung von einem der Nachbarhäuser.
„Auf Juliet 22 Bewegung, zwei Personen tragen eine PGM Hécate weg, Ziele sind Franzosen, ich wiederhole Franzosen.“
„Hier Alpha, verstanden, wir rücken ab.“
Levi staunte nicht schlecht bei der Erkenntnis, dass da Franzosen mitspielten, aber dieser Information war wichtig.
Kurz danach war wieder die gewohnte Ruhe über den Dächern eingekehrt.
***

Zurück im Gericht kamen wir gerade rechtzeitig, um die Anklage mitzubekommen. Die drei Angeklagten saßen auf ihren Plätzen und hörten zu. Während die Angestellte weinend zuhörte, schaute der Chef gelangweilt im Saal umher, empörte sich die Chefin über die Ungeheuerlichkeit, sie überhaupt anzuklagen. Sie war schmal, etwa 50 Jahre, hatte kurze schwarze Haare und trug ein asiatisches geschnittenes Kostüm. Ihr Benehmen war sogar dem Verteidiger peinlich. Alle Bemühungen sie ruhig zu bekommen scheiterten.
„Die gehört dir.“ Sagte ich lachend zu Caroline.
***

Der Andrang der Öffentlichkeit am zweiten Prozesstag war genauso groß wie am ersten. Die Liste mit den Namen der Angeklagten war lang und interessant.
Der Chef, 55 Jahre alt Dr. Ing. Hans van Streupen, ein ergrauter fetter Kahlkopf der seine besten Zeiten hinter sich hatte und lieber Videos ansah als selbst etwas zu unternehmen.
Seine Chefin 50 Jahre alt Dr. Ingegreet van Streupen, die wilde Furie die da gerade so meisterlich ihre eigene Inkompetenz so gut zur Schau stellte wie auch ihre Kleiderauswahl.
Dann saß da die Architektin 44 Dr. Greetebrecht Helsing, eigentlich eine typische aufstrebende Frau, die aber nicht nein sagen konnte und wohl mit den falschen Menschen gespielt hatte.
Die leitende Ingenieurin 42 Ing. FH Tabea Ruminault, von der Chefin nur „die El Ih“ genannt, da hatte die Chefin zu oft „Das Boot“ gesehen, die Ingenieurin wirkte kompetent und intelligent, aber allzu oft war der Reiz des Geldes stärker als die Vernunft.
Dann war die fesche Sicherheitsexpertin 38 Ing. FH Manuela Nauringers, vermutlich Bi und eine wirklich sexy Braut, wie die hier dazu kam konnte ich mir noch nicht erklären und die Akte gab nichts her.
Oh ja dann noch der Qualität Manager 46 Gernot Proofbinder, einem Versager vor dem Herrn, Vorschriften getreu bis zum Exzess und ebenso käuflich, wenn der Preis stimmte. In manchen Gesichtern konnte man so klar lesen.
Dann weitere typische Versager, Bauleiter Nummer 1 mit 52 Dr. Peter Bauschler, eine eigentlich ehrliche Haut aber sicherlich mit genug Geld gelockt bis er nachgab.
Bauleiter Nummer 2 und 48 Frank-Walter Steinwender, stockschwul und lieber der neuen Mode hinterherlaufend als auf seine Aufgaben achtend.
Dann noch Bauleiter 3 mit seinen 44 Jerome Kittelsberger, einer der die großen Träume erleben wollte und nie zu Geld kam.
Der Abschnittsleiter 52 Hannes Kalowski, bestechlich und zweifellos ein Sadist wie aus dem Buche.
Noch ein Abschnittsleiter 49 Ferno Babelsrieder, ebenso gierig wie schleimig. Der hatte sich aber schon die Haare gerauft, ich denke, dem ging die Katastrophe doch etwas näher.
Dann kamen die Vorarbeiter 48 Günther Hegeler, Vorarbeiter 46 Egon Krantzler und Vorarbeiter 45 Edgar Ruthlersberg. Allesamt Geld geil, man konnte es an ihrem Gehabe sehen, an den Uhren und Kugelschreibern an denen sie herumspielten. Das Leben anderer war ihnen egal, solange der eigene Sportwagen lief.
Interessanter wurde dann die nächste Seite der Anklageschrift, aber die waren heute noch nicht vorgeladen, das waren jene, die bei der Ausschreibung ihren Reibach gemacht hatten und lieber den Beton zu Hause verbaut hatten, als in den Wänden des Stadions. Ja doch allein die hier sitzenden hatten genug Schuld auf sich geladen, das hatten die Untersuchungen bereits erbracht. Jetzt wurden die Beweise gegen sie vorgelegt und dann würden wir ja sehen, wie die Urteile ausfallen würden.
Zu Peter sagte ich dann nur, „Die werden allesamt bei uns einziehen, vielleicht gibt es bei der einen oder anderen ein interessanteres Ende, aber die werden alle zu Recht sterben!“
Peter hatte meiner Beurteilung stillschweigend zugehört und ab und zu leicht gegrinst und meinte dann,
„Du bist doch nur auf diese Manuela Nauringers scharf.“
Ich lächelte nickend „Ich glaube die zappelt ganz gut,“ und grinste ihn frech an. „Schau dir die Chefin an, die hat den ganzen Laden gemanagt und garantiert die Strippen gezogen und jetzt würde sie am liebsten alles auf ihren Mann abwälzen.“
Nach gut zwei Stunden wurde vertragt und ehe wir zum Aufzug kamen, übergab eine Schreibtischmaus von Trommer Peter einen Umschlag.
***
Der Marktplatz

Peter überflog den Brief kurz, dann lächelte er mich finster an „Es geht los. Die ersten Urteile über diese Aufständischen sind gerade gesprochen worden. Trommer will sie alle hängen sehen und das soll eine Abschreckung sein für die Bürger. Wir haben sie aufzuhängen, direkt auf dem Marktplatz. Ob einzeln oder in Serie bleibt uns überlassen und er will, dass du sie aufknüpfst.“
„Ganz klar, da will jemand dem Volk zeigen, wer der Herr ist“.
„Ja schon, aber was ist mit den bösen Amerikanern, auf so etwas haben die doch nur gewartet, ringsherum hohe Häuser und du direkt im Rampenlicht.“
„Allerdings, wir sollten unseren Helfern, den guten Amerikanern, den Termin nennen, dann haben die Zeit für ihre Vorbereitungen und wer weiß, was die alles auffahren werden. Diesmal könnte das interessant werden. Aber jetzt muss ich mir mal eben mein Näschen pudern, besorgst du uns noch zwei Kaffee, ich treffe dich dann hier wieder?“
Schon war Peter unterwegs zum Automaten und ich verschwand auf der Toilette. Am Waschbecken zog sich eine schöne Frau mit dunklem Haar den Lippenstift nach, als ich neben ihr stand. Wir lächelten uns kurz zu und die Frau legte ein Streichholzheftchen in meine Hand. „Grüße vom Onkel, du sollst dich wieder mal sehen lassen.“ Ich steckte das Heftchen ein, wusch meine Hände und gab ihr eine Serviette. „Grüße zurück, hab ihn lange nicht besucht, es wird Zeit.“ Damit trennten wir uns und ich lief Peter in die Hände, der heiße Kaffee in den Bechern dampfte noch.
Wir tranken noch den Kaffee und besprachen, was Trommer sich da gedacht hatte, dann fuhren wir zurück. Über die Schnellstraße kommend, sahen wir, als wir die große freitragende Brücke überquerten, den großen Marktplatz mit seinen angrenzenden Freiflächen.
Hier wurde der Jahrmarkt gehalten, Feste gefeiert und Feuerwerke abgebrannt. Der Platz war sehr groß und ideal für Trommer. Die nächsten hohen Häuser waren über zwei Kilometer weg, die Schnellstraße, auf der wir fuhren aber nur einen Kilometer. Sonst gab es keine Punkte für Scharfschützen. Peter schaute mich fragend an und ich nickte ihm zu „Das hier ist der Platz für Scharfschützen, genau hier.“
***

Im Gefängnis angekommen war gerade die Einlieferung der 20 Kandidaten angelaufen, hier wurden sie in einer Reihe aufgestellt, gemessen, gewogen und für gut befunden. Trommer duldete keine gesundheitlichen Aufschiebungen, das hatte er dem verantwortlichen Arzt unmissverständlich klar gemacht. Die Hände mit Handschellen gefesselt und in Häftlingskleidung standen die 20 Leute in Reih und Glied und durchliefen die Eingangskontrolle. Größe und Gewicht wurden notiert, dazu körperliche Eigenarten wie etwa der Große an erster Stelle, offenbar war das auch der Rädelsführer. Ein Bulle von einem Mann, über zwei Meter groß und gebaut wie ein Gewichtheber. Sein Nacken sah aus, als könne er einen Lkw alleine mit seinen Nackenmuskeln ziehen.
Ich stellte mich vor den Riesen und frage den Wachmann „Sein Gewicht?“ Ehe er antworteten konnte, meinte der Riese zu mir „Für dich zieh ich sogar den Bauch ein, wenn ich dich vernasche – Schätzchen“ und brüllte laut lachend los, die anderen fielen in sein Lachen ein.
„Für mich wirst du auf allen vieren den Boden küssen – Schätzchen!“ Zwei Tritte später verstummten alle anderen, die eben noch laut lachten. Der Riese lag auf allen vieren und schnappte laut nach Luft.
„Für euch anderen diese eine Warnung: Wenn ihr Blödsinn macht, wird euer Ende sehr viel schmerzhafter sein als nötig, also haltet euch zurück, dann halte ich mich vielleicht auch zurück – und ja ich bin eure Henkerin!“
Während wir an den anderen vorbeigingen, meinte Peter lakonisch: “Seit wann bist du so friedlich geworden?“ Keiner der stehenden sprach auch nur ein einziges Wort, und der am Boden japsende war auch plötzlich stumm geworden.
***

Die „guten“ Amerikaner staunten über die Platzwahl, ihnen war sofort klar, dass es nur einen Platz für Scharfschützen gab. Nr. 2 betrachtete die Luftbilder immer wieder. „Das ist ja bereits übermorgen, wie sollen wir da eine vernünftige Planung durchspielen?“
„Eben das ist der Vorteil, wenn wir kaum Zeit haben zum Planen, dann haben die anderen auch keine Zeit.“ Entgegnete Nr. 1.
***

John Allister Mc. Froody der III. betrachtete die Luftbilder und die Landkarte. Zu seinem Planer schaute er fragend auf „Der Platz ist Kacke, kein Haus oder Turm, der nahe genug ist, lediglich diese Autobrücke.“
„Sir das reicht uns aus, wir haben da schnell eine Baustelle eingerichtet und arbeiten an der Beleuchtung der Brücke.“
„Tun sie das, ich will die Miles publikumswirksam sterben sehen und die Hinrichtung soll im TV kommen.“
Jetzt zeigten sich wieder das Können und die Beziehungen von Mc. Froody. Innerhalb eines Tages lagen die Nachmeldungen, der genehmigten Baustelle bei Polizei und anderen Stellen vor. Das war das schöne in einer solchen Verwaltung. Sobald die Papiere vorlagen, fragte keiner mehr nach Sinn und Zweck der Baustelle, sie war ja im Vorfeld geprüft worden, sonst hätte es ja keine Genehmigung gegeben.
***

Donnerstag, Hinrichtungstag

Der Marktplatz hatte sich verwandelt. Absperrungen und Markierungen trennten die Besucherbereiche untereinander ab. Hinter einer schmalen langen Mauer befanden sich die Parkplätze für die riesige Menge der Besucher, die man erwartete. An den Laternen waren Lautsprecher montiert worden und in der Mitte des Platzes stand ein gut 30 Meter breiter Galgen. Das Geländer war schmal genug, damit die Sicht nicht versperrt war und etwa 10 Meter seitlich stand ein Teleskopwagen mit Kabine. Trommer hatte wie immer für sich den besten Platz besorgt.
Am frühen Nachmittag ging es los. Mittlerweile hatten sich Abertausende auf dem riesigen Marktplatz versammelt. Die breite Zufahrt war freigehalten und über die fuhr der Gefängnisbus mit den Begleitfahrzeugen vor. Oben auf der Galgenplattform hatten wir beide unsere letzten Überprüfungen begonnen, die Falltüren wurden einzeln getestet und die Seile augenscheinlich geprüft.
Jetzt flammten die ersten Scheinwerfer um uns herum auf, das Fernsehen hatte sich dazu geschaltet. Wir standen im grellen Licht, der Hintergrund und die Brücke verschwanden für uns im gleißenden Licht. Dann rollte der Bus rückwärts zum Aufgang. Aus den Lautsprechern drang seit einiger Zeit Musik, unterbrochen von einigen Ansagen. Die Wachmannschaft hatte sich aufgestellt und die Hecktür öffnete sich. Die 20 Gefangenen wurden angekettet einzeln die Treppe hinaufgeführt und unter den Galgen aufgestellt. Als alle 20 unter dem Galgen standen, knackte das Mikrofon und die Musik verstummte.
***

Auf der Brücke hatte die Baustelle relativ wenig Aufsehen erregt. Oben in der zentralen Aufhängung war ein Zelt für die Monteure aufgehängt und ein kleines Fenster öffnete sich. Heraus kam ein großes, schweres Scharfschützengewehr, das den Marktplatz absuchte.
***

Generalstaatsanwalt Trommer meldete sich zu Wort und verlas nochmals die Urteile und ermahnte die Besucher sich das folgende als Mahnung zu Herzen zu nehmen. Er redete und redete.
Wir zogen den Verurteilten eine Kapuze über und legten das Seil an, zogen kurz straff. Die Blicke der 20, als wir die Kapuze überzogen waren starr und einige weinten, sie wussten, dass es hier für sie enden würde. Nur der Riese an Platz 1 versuchte, den Macker zu spielen. „Hey Püppchen habt ihr noch was zum Trinken, es ist verdammt heiß hier oben?“
„Keine Sorge, du hast es gut, du musst in der Hitze nur hier rauf, wir müssen nachher noch zurück.“ Damit zog ich auch dem Riesen die Kapuze über und er verstummte, als das Seil angezogen wurde.
Trommer redete immer noch und kehrte den belehrenden Generalstaatsanwalt heraus. Endlich kam er zum Schluss. Ich stand am Hebel und wartete auf die Freigabe. Erneut begann Trommer, aber diesmal deutlich kürzer. „Sie werden nun sterben. Frau Miles walten Sie Ihres Amtes!“
Als die 20 Verurteilten in den Seilen hingen, sah ich Peter an „Dieser Depp, noch nie hat man den Namen des Henkers genannt, das war kein Versehen!“ Peter schaute mich an, dann hinauf zu dem hell erleuchteten Wagen mit Trommer. Sein Blick hatte etwas Verachtendes.
***

Keiner achtete auf das Schleppschiff, das gute 300 Meter stromaufwärts der Brücke vor Anker lag. Unter einer Abdeckung öffnete sich beidseitig ein Vorhang und ein langes, dickes Rohr schob sich langsam nach draußen. Der mächtige Schallabsorber war auf einem Gewehr mit mehreren Optiken befestigt. Von einem Schützen war nichts zu sehen.
Die Schützin saß in einer Kabine des Schiffes und hatte drei Bildschirme vor sich, einen vom Fernsehen mit der Übertragung, einen mit Tageslicht und allen Farben und einen anderen mit Restlichtverstärkung. Neben ihr standen zwei Männer mit Teleskopen, sie unterhielten sich leise. Die Frau steuerte mittels Joystick die festgeschraubte Waffe. Auf dem Bildschirm mit eingeblendetem Fadenkreuz waren das Zelt in der Brückenmitte und die Schützen gut zu sehen. Mit einigen roten Punkten wurden die Ziele markiert. Zwei Marker auf den Schützen, zwei auf den Beobachter, eines auf die Waffe und zwei weitere, auf das zentrale Halteschloss, mit dem das Zelt in der Brückenhalterung eingeklinkt war.
Nebenan auf der Uferpromenade fuhr ein schwerer Traktor und zog einen beladenen Wagen. In diesem Moment sah man in der TV Ansicht, wie die Verurteilten in die Henkerseile fielen.
„Jetzt!“ Mehr war nicht nötig. Mit dem lauten Geknatter des schweren Traktors feuerte die gedämpfte Waffe los.
***

„Hab die Miles im Visier.“ Sagte der Amerikaner. „Halt dich bereit, sobald die gehenkt sind, schießt du.“ Der Schütze atmete langsam weiter und betrachtete genau, was sich da auf dem Platz abspielte. Als die Klappen sich öffneten und die Leute fielen, entsicherte er die Waffe.
Da brach das Grauen über sie herein.
Von schweren Kugeln durchsiebt starben die beiden Amerikaner und sie bekamen gerade noch mit, wie es auch ihre Waffe zerriss. Das Zelt riss sich los und stürzte in die Dunkelheit. Schließlich schlug es kurz am Brückengeländer auf und fiel weiter in den Fluss. All das bekam keiner mit. Das Getue auf dem Marktplatz, der donnernde Traktor, all das überdeckte das was an Bord des Schiffes geschah. Im Fluss trieb das Zelt noch eine Weile und versank alsbald.
***

Später in den Abendnachrichten berichtete Fransiska Haufberger ausführlich von den Hinrichtungen, erläuterte die Urteile und vergaß auch nicht, die herausragenden Leistungen von Herrn Generalstaatsanwalt Trommer zu würdigen. Die Sendung wurde natürlich überregional ausgestrahlt und Trommer strahlte sichtlich über das ganze Gesicht, als er uns zu der gelungenen Veranstaltung gratulierte. Doch war dieses Lachen echt?
Später im Büro klopft es und Fransiska Haufberger schaute zu uns herein.
„Ich wollte euch nur sagen, dass Trommer einen Anruf vom Ministerium bekommen hat, man möchte ihn kennenlernen“ dabei lächelt sich uns beide an und meint dann zu Peter „Ohne eure Hilfe wäre das schlimm für mich geworden. Danke.“
Da schloss sie die Türe und kam zu mir, küsste meine Wange und reichte Peter zugleich ihre Hand. „Ich habe Hunger…“
***

„Verdammter Bullshit, Worrowitz, was soll das heißen, das Zelt hat sich gelöst, ehe die schießen konnten. Sind die Leute zu dämlich einen einfachen Karabinerhaken einzuhängen?“ John Allister Mc. Froody tobte und war außer sich.
Worrowitz verließ den Raum und ließ Mc. Froody mit dem Überbringer der Nachrichten alleine. Er wusste nur zu gut, was jetzt kommen würde, Mc. Froody war keiner, der den Boten schonte. Die Stimme im Raum wurde lauter und überschlug sich allmählich, Worrowitz vergewisserte sich, dass die Wand an der er stand, stabil genug war, da donnerten auch bereits die Schüsse aus einer .45 Automatik.
„Worrowitz, lassen Sie das tote Fleisch wegschaffen!“ Brüllte Froody aus dem Raum.
***

Abendessen

„Ich habe eine Idee.“ Sagte Caroline. „Lasst uns etwas feiern. Wir gehen schick essen und machen uns einen schönen Abend.“
„Warum nicht. Ich finde, das haben wir uns verdient.“ Meinte Fransiska.
Carolines Augen wanderten zu mir. Warnend schaute sie mich an. –Mach es nicht kaputt! – sagten diese.
Mit einem Lächeln gab ich ihr zu verstehen, dass ich nicht vorhatte, den fragilen Frieden zu gefährden, und so beschlossen wir zusammen auszugehen.
„Ich bin neu in der Stadt, wo kann man hier gut essen?“ Fragte Caroline.
Fransiska und ich sahen uns an. „Das Schiller!“ Sagten wir wie aus einem Mund.
Das „Schiller“, war ein kleines Restaurant mit vielen kleinen Winkeln und gemütlichen Ecken. Dort hast du Meyer getroffen, schoss es mir durch den Kopf. Am Wochenende brauchte man ohne Tischreservierung erst gar nicht hinzugehen, doch Donnerstagsabends hatten wir vielleicht Glück.
„Ich fahre.“ Bot ich den Frauen an und die nahmen mein Angebot gerne an. Rasch verschwanden die Frauen, um sich ausgehfertig zu machen. Eine halbe Stunde später stiegen wir in mein Auto und fuhren in die Stadt.
Etwas außerhalb der Altstadt, bekam ich einen recht guten Parkplatz und wir schlenderten gemeinsam durch die Fußgängerzone. Caroline ging in der Mitte und hielt mit mir und gleichzeitig mit Fransiska Händchen. Die Kioske hatten noch alle geöffnet und an vielen lagen die neusten Zeitungen aus. In allen Abendausgaben waren Berichte über die Prozesse und die Hinrichtung zu lesen. Je nach Seriosität der Zeitung lag der Schwerpunkt bei den Bildern oder der Berichterstattung.
Natürlich wurde über die Frauen weitaus ausführlicher berichtet, als über die Männer. Doch alle Berichte hatten eine Gemeinsamkeit. Trommer! Er stand im Mittelpunkt! Er war derjenige, der die Republik von diesem Geschmeiß befreite! Alles in allem, genau das, was das Volk sehen wollte und geliefert bekam. Fransiska und ihre Kollegen hatten ganze Arbeit geleistet. Das drei weitere Verbrecher tot aufgefunden wurden, stand erst auf Seite drei, für die sich heute aber keiner interessierte.
Uns waren die Zeitungen egal, wir gingen zum Schiller, um einen schönen Abend zu haben. Doch als wir dort ankamen, sah es schlecht aus. Alle Tische waren besetzt, dem Anschein nach, waren noch mehr Leute auf die Idee gekommen, den schönen Abend zu nutzen.
Doch als man Fransiska und Caroline erkannte, die ja in den Zeitungen groß abgebildet waren, wurde wundersamer Weise ein Tisch für uns frei und eine hübsche Blondine geleitete uns zu unserem Platz. Das Essen war schnell ausgewählt und der Koch hatte wohl die Anweisung bekommen unsere Bestellung zu bevorzugen, denn die Zeit die er brauchte um unsere Essen zuzubereiten, war rekordverdächtig.
Und nicht nur das! Das Essen war fantastisch. Zusammen mit dem vorzüglichen Wein war auch die Stimmung dementsprechend gelöst. Mir entging es nicht, dass Caroline und Fransiska des Öfteren sehr intime Blicke tauschen. Blicke in denen klares Verlangen lag. In mir krampfte es kurz. Erlebte ich mit Caroline und Fransiska dasselbe, wie mit Vera und Beate? Hatte ich eine Frau gefunden und war dabei sie wieder zu verlieren?
Nein! Mein Verstand sagte mir, dass Caroline sich nicht ernsthaft binden wollte zumindest noch nicht. Diese Erkenntnis schmerzte. Verdammt! Dennoch hoffte ich, sie irgendwann…
Scheiße, wem mache ich was vor?! Fragte ich mich. Diese eiskalte Killerin, die ein warmes aber auch einsames Herz besaß, hatte mein Herz erobert. Auch der Umstand, dass wir lediglich einen befristeten Waffenstillstand geschlossen hatten und ich nicht glaubte, dass Caroline ihre Ziele einfach aufgegeben würde, änderte daran nichts.
– WOW, du donnerst mit 200 Sachen, nachts, ohne Licht über die Autobahn-. Meldete sich kurzzeitig mein Verstand zurück.
An diesem Abend aber spielte das alles keine Rolle! Auch Fransiska schien den Abend genießen zu wollen. Ohne Absprache vermieden wir beide Reizthemen und unterließen es, unangenehme Fragen zu stellen. Besonders das Thema Beate oder Trommer war tabu. Als wir mit dem Essen fertig waren und auch der Wein ausgetrunken war, hatte Fransiska die Idee, noch in eine Bar zu gehen, die ein paar Seitenstraßen weiter lag. Die Bar kannte ich gut, denn die hatten meine Lieblings- Whiskeysorte. Frank und ich hatten öfter unseren Herrenabend dort abgehalten, bis die Runde sich um Mike und Randy erweiterte.
Auch in der Bar hielt der unausgesprochene Waffenstillstand an. Wenn man sich mit Fransiska unterhielt, machte sie einen netten und freundlichen Eindruck. Sie war nicht unbedingt die bissige, bösartige Reporterin. Es war einfach ihr Job. Woher kannte ich das bloß?
Ich begann mich zu fragen, wie eine solche, eindeutig intelligente Frau, wie Fransiska mit einem Arsch wie Trommer zusammen sein konnte. Sie war doch sicherlich klug genug, um zu bemerken, dass Trommer sie benutzte. Was hatte dieser Mann? Warum fielen Frauen auf ihn herein. Wahrscheinlich würde ich das nie verstehen!
Die Stimmung war durch den Alkohol sehr locker geworden, und Caroline hielt nun offen Händchen mit Fransiska.
„Lasst uns nach Hause fahren.“ Sagte Caroline unvermittelt. Die Botschaft war klar. Heute Nacht würde die Post abgehen!
Kurz meldete sich wieder mein Verstand und warnte mich, dass ich dabei war, Trommers Geliebte mir ins Bett zu holen, was dieser sicher nicht toll finden würde, aber es war mir egal.
Fransiska lächelte, auch zu mir und wir zahlten. Ich hatte es zwar geschafft meinem Lieblingswhisky zu widerstehen, doch um nicht erst zurück zum Auto laufen zu, müssen, rief ich uns ein Taxi, das uns zurück zum Gefängnis brachte. Kurze Zeit später waren wir bei uns in der Wohnung. Fransiska und Caroline saßen Händchenhalten auf dem Sofa und Fibi hatte sich unsichtbar gemacht. Ich saß im Sessel und freute mich auf eine geile Nacht.
Gerade als Caroline als Gastgeberin Fransiska ein Glas Absinth anbot, klingelt in Fransiskas Handtasche ein Handy.
„Oh sorry, das ist wichtig.“ Sagte sie nach einem Blick auf das Display und nahm das Gespräch an. Sie stellte sich etwas abseits, dann führte sie leise ihr Gespräch. Ich schaute zu Caroline. In ihren Augen lag pure Geilheit. Heute Nacht würde die Nacht der Nächte werden! Eine geile Killerin, eine Frau welche diese offen begehrte und beide die mich als Partner im Bett akzeptierten. Wenn nicht heute Nacht, wann dann?
„Melissa, bist du da sicher?“ Fragte eine besorgte Fransiska. Jetzt sah sie plötzlich nicht mehr entspannt aus. „Gut ich komme sofort zu dir. Warte auf mich! Hast du verstanden? Gut, dann bis gleich.“ Sie beendete das Gespräch.
„Tut mir leid. Das war meine Freundin Melissa. Sie arbeitet auch als Reporterin und braucht anscheinend dringend Hilfe.“ „Was ist denn?“ Fragte Caroline, die aufgestanden war und zu Fransiska ging. „Ich weiß es nicht. Sie arbeitet an der Story mit den Kriminellen, die umgebracht wurden. Sie sagt, sie müsste mich sofort sehen.“
Ich bekam ein ungutes Gefühl, ähnlich wie am Fußgängerübergang meldeten meine Sinne eine Gefahr. Ich überschlug die Möglichkeiten. Decker würde mir den Kopf abreißen, wenn ich ihn um einen Fahrer für eine Reporterin bitten würde, auch wenn diese Fransiska Haufberger hieß. Decker hatte schon genug damit zu tun, für uns Babysitter zu spielen. Blieb nur ich, der Fransiska begleiten konnte.
Nein!!! Ich war geil! Ich wollte Sex! Ich wollte ficken! Ich wollte Caroline fesseln, sie auf eine gefesselte Fransiska legen und beide durchvögeln!
Kacke!
„Du fährst auf keinen Fall allein! Ich komme mit.“ Sagte ich zu ihr. Ob sie dankbar war, oder mein Befehlston sie überzeugte, wusste ich nicht, aber sie lächelte mich freundlich an. Caroline gab mir einen Kuss auf die Wange und hauchte, „Danke mein Held. Ich warte hier auf euch.“ Fransiska zog ihre Schuhe an und wir gingen durch die Schleuse zum Parkplatz. Dort stand einsam und verlassen ein silbergrauer R8.
„WOW, als Reporterin scheint man mehr zu verdienen, als ein Henker.“
„Nicht nur das, man kann sogar mehrfach mit seinen Kunden reden. Es soll sogar zufriedene Kunden geben.“
„Das ist nicht lustig.“ Doch das war nicht ernst gemeint.
„Darf ich?“ Fragte ich Fransiska, und sie gab mir den Schlüssel.
„Bitte sei vorsichtig. Das Teil kostet viel Geld.“
„Keine Sorge, ich töte nur Menschen, keine Autos.“
Wir stiegen ein und ich fuhr los. Was für ein geiles Auto.
„Bitte übertreib es nicht.“ Warnte mich Fransiska, als ich das Gaspedal einmal bis zum Anschlag durchtrat und der Wagen einen Satz nach vorne machte. Ok, das hier war kein Sex, aber geil war es dennoch.
„Also wo fahren wir hin?“ Wollte ich wissen.
Fransiska nannte mir die Adresse und mein mieses Gefühl verstärkte sich wieder. Die Gegend, in der die Adresse lag, war eine alte, verkomme und verlassene Gegend, mit alten Fabrikruinen.
„Was tut sie dort?“
„Sie wollte einen Informanten treffen. Er sagte, er würde im Büro eines Ermittlers arbeiten und hätte Beweise, dass es noch viel mehr Morde gäbe.“
„Und warum zum Teufel, trifft sie sich mit ihm, in einer dermaßen verlassenen Gegend?“
„Wahrscheinlich will er nicht gesehen werden.“ Meinte Fransiska zu meinen Bedenken.
Irgendwie stank das! Doch war es in Filmen nicht genauso? Dort traf man sich auch immer an verlassenen Plätzen. Also fuhr ich weiter und kam zu der angegeben Straße. Die meisten Laternen waren kaputt und die wenigen die brannten, beleuchteten triste kaputte Gebäude. Vereinzelt standen Autos am Straßenrand, doch genau wie die Gebäude ringsum, waren die meisten Ruinen.
Ich blieb stehen und sah Fransiska fragend an. „Und jetzt?“
„DA!“ Sie zeigte auf ein Auto, das 50 Meter entfernt stand und bei dem die Scheinwerfer aufblitzen. In dem schummrigen Licht konnte ich nur einen verschwommenen Schatten sehen, der auf dem Fahrersitz saß.
„Ich komme mir vor, wie in einem schlechten Agentenfilm. Weißt du, die dritte Frau. Fehlt nur noch der Einstieg in die Kanalisation.“ Meinte Fransiska grinsend.
„Glaub mir, das Gefühl in einem schlechten Film zu sein, hatte ich die letzten Tage öfters.“
Fransiska stieg aus und beugte sich durch das, von mir geöffnete Fahrerfenster.
„Du wartest am besten hier. Ich will nicht, dass sie Angst vor dir bekommt. Ich sage ihr erst Bescheid, dass du hier und wer du bist. Wenn ich winke, kannst du zu uns kommen.“
„Schon klar. Sei vorsichtig.“
Sie ging los, überquerte die Straße und ging auf den Wagen zu. Als Fransiska etwa 20 Meter vom Wagen entfernt war, gab es einen lauten Knall und ein heller Blitz der zum Wagen flog. Das Auto explodierte in einem großen Feuerball mitsamt der Fahrerin. Fransiska wurde von der Druckwelle erfasst, nach hinten geschleudert und landete benommen auf dem Boden.
– Scheiße eine RPG – Als ob ich eine solche Situation schon tausendmal erlebt hätte, schaltete mein Verstand auf „Überleben“ und übernahm die Kontrolle über mich. Ich startete den Wagen und brauste los. Keine Sekunde später explodierte der Platz an dem ich gerade noch gestanden hatte. Der R8 wurde herumgeschleudert, doch ich bekam ihn wieder unter Kontrolle.
Tack -Tack… -Das hört sich gar nicht gut an.-
Kugeln durchschlugen den hinteren Teil des Wagens, ließen die Heckscheibe platzen und stanzten Löcher in das Autodach. Kurz bevor ich Fransiska erreicht spritzte auch um sie herum Asphalt hoch.
Ich riss den Wagen herum und brachte ihn zwischen Fransiska und dem Schützen.
Anders als in Filmen, halten Autos keine Kugeln ab, außer mit dem Motorblock, aber es nahm dem Schützen zumindest die Sicht. Schnell riss ich die Wagentür auf, packte Fransiska und zerrte sie in den Wagen. In einem Abstand von wenigen cm. zischte eine weitere RPG am Auto vorbei und detonierte in einer der Ruinen. Glassplitter und andere Trümmerteile flogen durch die Luft und landeten teilweise auf Fransiskas R8. Mit Fransiska halb auf mit liegend und halb offener Tür donnerte ich los. Immer noch schlugen Kugeln um das Auto herum ein und manche trafen es auch. Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen linken Arm, doch im Adrenalinrausch bemerkte ich es fast gar nicht. Fransiska bewegte sich und fing an zu stöhnen.
„Alles klar, mit dir?“ wollte ich von ihr wissen.
„Was?“ krächzte sie.
-Ok, sie kann reden, also lebt sie noch! – ging es mir durch den Kopf.
„Ich will wissen, ob es dir gut geht“
„Was ist das für eine dämliche Frage. Gib Gas!“
Das tat ich und bretterte durch die zum Glück leeren Straßen. Es dauerte nicht lange, dann sah im Rückspiegel Scheinwerfer die uns folgten.
Verdammt. Ich saß zwar in einem schnellen Auto, doch das machte mich nicht zu einem Rennfahrer. Die anderen hatten sicher auch schnelle Autos und waren bestimmt auch geübter als ich. Scheiß drauf. Trommers Idioten hatte ich schließlich auch abgehängt, und das ohne R8! Wieder drückte ich das Gaspedal durch und diesmal bremste mich Fransiska nicht.
„Wir müssen in die Stadt!“ Rief ich ihr zu.
„Was?“ Fragte Fransiska, noch immer benommen doch mittlerweile war sie ganz auf den Beifahrersitz gekrochen.
„Hier kriegen sie uns. Die haben Kanonen und wir nicht!“
Weitere Treffer schlugen in dem R8 ein. Mit Vollgas raste ich über die Straßen und steuerte die Schnellstraße an, welche in Richtung Innenstadt führte.
„Was hast du vor?“ Sie sah nach hinten, zu den Scheinwerfern, die immer näher kamen. Im zersplitterten Rückspiegel konnte ich drei Fahrzeuge ausmachen, die uns folgten. Als ich gerade in den Außenspiegel schaute, wurde der gerade von einer Kugel zertrümmert.
„Wir fahren in die Innenstadt, dort werden sie kaum wild um sich schießen.“ Erklärte ich ihr.
„Gute Idee. Ich hoffe die halten sich auch daran.“
Das erste Schild mit „City“ rauschte vorbei.
Entweder hatte sie alle RPG´s verschossen, oder sie wollten sicher sein, dass sie auch treffen. Um es ihnen nicht allzu leicht zu machen, riss ich immer wieder am Lenkrad.
Vereinzelt waren andere Autos unterwegs, die ich wild überholte. Wilde Lichthupen blitzen auf, als ich zwischen zwei Autos durchraste. -Idioten! Blitzt doch mal die anderen! – Unsere Verfolger schüttelte das jedenfalls nicht ab. Die ersten Häuser kamen in Sicht und ich riss das Auto an der nächsten Kreuzung nach links. An der nächsten bog ich wieder ab um kein Ziel zu bieten.
Zumindest schossen uns die Angreifer nicht mehr wild hinterher. Ich bog so oft ab wie ich konnte, immer weiter in Richtung Zufahrtsstraße fahrend. Dann ließen wir die Vororte zurück und kamen zur Schnellstraße. Auch unseren Verfolgern schien klar zu sein, dass dies nun die letzte Gelegenheit war uns zu stellen. Kaum hatten wir ein gerades Stück erreicht, sah ich ein Aufblitzen im Rückspiegel. Das Lenkrad herumreisend wich ich der RPG aus, welche krachend vor uns einschlug, explodierte und ein Loch in die Leitplanken riss.
– Wenigstes erregen sie so viel Aufsehen, dass irgendjemand die Polizei ruft -. Die nächste Kurve brachte uns wieder etwas Sicherheit, doch dann wurde Fransiskas schönes Auto wieder durchsiebt.
Zu dem Schmerz am Arm kam an der Hüfte ein neues Brennen hinzu.
– Wo sind diese blöden, scheiß Amis, wenn man sie braucht? Wollten die uns nicht überwachen? – fragte ich mich. Über die Antwort musste ich selber lachen. Nein! Sie wollten Caroline überwachen! Und wahrscheinlich taten sie genau das.
– Sie observieren Caroline und wenn sie eine Kamera in der Wohnung hätten, würden sie wahrscheinlich zusehen, wie diese mit Fibi eine heiße Nummer schob -. Klasse, nicht nur dass ich keinen Sex hatte, ich würde auch noch drauf gehen, während mein Freund mit der schiefen Nase sich vor dem Bildschirm einen runterholte.
Wir kamen an eine rote Ampel und ich donnerte einfach durch. Dasselbe taten unsere Verfolger, allerdings wurde einer ihrer Wagen, von einem Laster erfasst, der von rechts kommend, die Kreuzung überquerte.
„Da waren’s nur noch zwei.“
Fransiska sah sich um. „Wohin?“ Fragte sie.
„Bahnhof.“
„Dann links!“
Ich raste nach links.
„Nochmal links.“
So ging es weiter. Fransiska lotste mich durch die Vorstadt in Richtung Zentrum und ich raste, so schnell ich konnte durch die Straßen und Gassen. An einer besonders engen Kurve kam einer unserer Verfolger von der Straße ab und krachte in einen Vorgarten. Das würde sie zwar nicht stoppen, doch wir hatten einen kleinen Vorsprung gewonnen.
Doch jetzt hatte der letzte Wagen zu uns aufgeholt, und hing an unserer Stoßstange.
Tack -Tack -Tack- Mit Pistolen schossen der Beifahrer und ein Mann aus dem Fond auf uns. Die letzte Scheibe, die noch heil war, ging zu Bruch, als die Kugeln durch den Wagen sausten.
Fransiskas R8 wurde schon so oft getroffen, dass alle Warnleuchten an dem Wagen blinkten und das Armaturenbrett leuchtete wie ein Partylicht.
An der nächsten Kreuzung stand das Hinweisschild „Bahnhof“ mit einem Pfeil nach rechts. Ich ging vom Gas runter und zog etwas nach links.
„Was tust du?! Die kriegen uns!“ Rief Fransiska.
„Dann pass mal auf!“
Der Fahrer hinter uns rechnete damit, dass wir rechts abbiegen würden und er gab Gas, um sich zwischen uns und die Abbiegung zu bringen. Ich ließ sie mit der Motorhaube vorbeiziehen und Fransiska schrie auf, als der Mann im Fond mit einer Pistole anlegte.
Das Lenkrad nach rechts reißend rammte ich den Wagen in Höhe der Fahrertür. Gleichzeitig gab ich Vollgas. Der Motor des R8 brüllte auf und gab alles. Ich drückte den Wagen mit aller Kraft aus der Fahrbahn, gegen einen Baum.
Blech und Glas löste sich von dem Wagen, der in den Baum einschlug. Ich hoffte innständig, dass der R8 noch weiterfahren würde, legte den Rückwärtsgang ein und trat erneut das Gaspedal durch. Rasch den Wagen drehen und weiter ging die Fahrt. Kreischend löste sich Fransiskas Wagen aus den Trümmern der Verfolger und ich fuhr weiter.
Wieder begann ich das Spiel mit Abbiegungen. Jetzt ohne direkten Verfolger fuhr ich langsam, um nicht unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Das hätte ich mir allerdings sparen können. Das quietschende Wrack, welches ich steuerte, erregte auch so jede Menge Aufmerksamkeit. Ich sah viele Leute ihre Handys ziehen. Ich parkte den, mit Kugeln durchsiebten, R8 direkt vor dem Bahnhof, mitten im absoluten Halteverbot.
„Raus, schnell.“ Ich stieg aus und half Fransiska beim Aussteigen. Das Letzte was ich jetzt brauchte, waren neugierige Bundespolizisten. Jetzt im hellen Licht der Laternen und Lichter sah ich, das Fransiska Blut über das Gesicht lief und sie beim Gehen hinkte. Ihren Arm unter gehakt zog ich sie zum ersten Taxi.
„Sagtest du nicht, dass du keine Autos umbringst?“ Fragte mich Fransiska und schaute nach dem Wrack, welches einmal ihr teures Auto gewesen war.
„Ist bloß ein Lackschaden, das zahlt meine Haftpflicht!“
Ich riss Tür des Taxis auf, schob Fransiska auf den Rücksitz und rutschte hinterher. Als der Fahrer sich umdrehte, erschrak er, als er die blutende Fransiska sah.
„Was ist denn passiert. Hatten sie einen Unfall?“ Und schaute durch die Heckscheibe zu dem kaputten R8. „Wollen sie ins Krankenhaus?“
„Nein zum Gefängnis! Ist mein Ernst! Zum Gefängnis!“ Und ich reichte ihm zwei 50 Euroscheine.
„Geht klar.“ Antwortete der Taxifahrer knapp. Taxifahrer wussten, was 100 Euro für eine so kurze Fahrt heißt. Fahr schnell und halt die Klappe.
Kurz bevor wir das Gefängnis erreichten, rief ich an der Pforte an und kündigte unser Taxi an. Das Tor öffnete sich sofort, als wir davorstanden. Ich gab den Fahrer einen weiteren 50er und half Fransiska beim Aussteigen. Der Taxifahrer gab Gas, sobald wir die Tür geschlossen hatten.
Wir mussten ein schreckliches Bild abgegeben haben, als ich Fransiska zur medizinischen Station brachte. Zum Glück hatte heute Nacht Schemmlein, den ich gut kannte Bereitschaftsdienst. Er stellte keine unnötigen Fragen und machte sich sofort daran Fransiska zu verarzten. Langsam klang das Adrenalin ab und der Schmerz kam.
Die Zähne zusammenbeißend wartete ich, bis Dr. Schemmlein sich Fransiska angeschaut hatte.
„Und?“
„Sie hat eine Gehirnerschütterung. Allem Anschein nach hat sie ein harter Gegenstand am Kopf getroffen. Außerdem hat sie Metallsplitter im Bein. Die kann ich aber problemlos rausholen. Dauert nicht lange.“
„Ok, ich warte solange.“
„Was ist mit dir? Du blutest wie ein Schwein.“
Ich sah an mir herunter. Mein Shirt und meine Hose warnen tatsächlich völlig mit Blut getränkt.
„Ausziehen.“
Ich zog mich aus und Schemmlein schaute nach.
„Zwei Streifschüsse. War wohl ein sehr heißes Date. Hat euch der Liebhaber der Dame erwischt?“
Ich verbiss mir einen Kommentar und wollte nach Fransiska sehen.
„Halten sie ruhig“, hörte ich eine Stimme hinter mir.
Eine Schwester schaute sich meine Verletzungen an, dann fing sie an, meine Wunden zu versorgen. Mit deutlicher Genugtuung im Gesicht, ich hatte schließlich ihre Nachtruhe gestört, desinfizierte sie die Wunden und legte mir Verbände an. Schließlich war ich verarztet und wartete darauf, dass Schemmlein fertig wurde. Nach mehr als einer Stunde hatte Schemmlein Fransiska versorgt und kam zu mir.
„Sie ist Ok. Ich wollte ihr eine Betäubung geben, aber sie wollte nicht, sie ist also ansprechbar. Es wäre mir lieb, wenn sie über Nacht hierbleiben würde. Ich bringe sie in mein Bereitschaftszimmer, dort kann sie sich ins Bett legen. Ich bin jetzt sowieso wach.“
„Danke.“
„Dir ist klar, dass ich das Frank melden muss?“
„Ja, ist mir klar. Dennoch danke. Hast was gut bei mir.“
„Ich habe gehört, dass du schon Listen führen musst, mit Leuten denen du einen Gefallen schuldest.“
„Haha!“
Die Schwester hatte Fransiska mittlerweile in Schemmleins Bett gelegt und ich schaute blickte vorsichtig durch die Tür. Fransiska schlief noch nicht und so trat ich zu ihr ans Bett.
„Na? Hast du Schemmleins Behandlung überlebt?“
„Knapp. Dank dir.“
„Was zur Hölle, war da los?“ Wollte ich wissen.
„Ich habe keine Ahnung. Wirklich! Melissa rief mich an. Sie wollte mit mir sprechen und sagte, es sei wichtig, ganz besonders für mich. Ich könnte sogar in Gefahr sein. Mehr weiß ich nicht. Und jetzt ist sie tot…“
Bei den letzten Worten fing sie an zu weinen. Ich setzte mich neben Fransiska auf die Bettkante und hielt einfach ihre Hand. Nach einer Weile war sie vor Erschöpfung eingeschlafen und ich löst vorsichtig meine Hand aus ihrer. Ich deckte sie richtig zu und löschte das Licht. Dann verließ das Zimmer.
„Danke.“ Flüsterte Fransiska aus dem Dunkeln.
Ich drehte mich noch einmal um. „Schon Ok. Ich bin wirklich froh, dass du noch lebst.“
Ich schloss die Tür hinter mir und hinkte zu unserer Wohnung. Caroline hatte das Licht gedämmt und angelassen. Friedlich lag sie mit Fibi im Bett. Eng umschlungen schien es so, als hätte Caroline schützend ihre Arme um sie gelegt. Tief und fest schlummerte Fibi in Carolines Armen. Beide hatten sehr zufriedene Gesichter und schmiegten sich eng aneinander, was mir zeigte, dass ich eindeutig etwas verpasst hatte.
-Schöner Mist. Die hatten Spaß und ich?-
Wenigstens hatten die Beiden mir etwas Platz im Bett gelassen. Ich biss die Zähne aufeinander und zog mich aus. Die Verbände machten das Ausziehen auch nicht leichter. Dazu kam, dass das Adrenalin nun völlig abgebaut war. Ich war erschöpft und alles tat weh. So hatte ich mir den Abend eindeutig nicht vorgestellt!
Völlig erledigt und fertig kroch ich neben Caroline ins Bett und deckte mich zu.
Caroline wurde kurz wach und drehte sich zu mir. Sie legte ihren Arm um mich und drückte sich gegen mich. Um nicht vor Schmerz aufzustöhnen, musste ich erneut die Zähne zusammenbeißen.
„Und? Alles klar?“ Murmelte sie.
„Alles Ok.“ Meinte ich nur. „Ich glaube sie mag mich.“
***

Besuch

Mike saß da und genoss den Kaffee im Bistro um die Ecke. Diesmal ging es nicht darum, die Ohren aufzuhalten, sondern er hatte sich tatsächlich eine halbe Stunde Auszeit genommen um seine Gedanken neu zu sortieren. Der Erfolg auf der Brücke tat verdammt gut. Mike hatte ehe nicht geglaubt, dass Mc. Froody persönlich den Abzug betätigen würde und so Gefahr lief geschnappt zu werden. Immerhin hatten sie den Anschlag auf Caroline Miles verhindert.
Der Grund warum er seine Gedanken neu orientieren musste, lag in der nächtlichen „Wild-West Aktion“ das Gesprächsthema der ganzen Stadt war. Irgendjemand hatte mit Panzerfäusten um sich geschossen und die ganze Polizei in Aufruhr versetzt. Und zufällig saß Peter Stein am Steuer! Zufall? Oder hatte MC. Froody erneut zugeschlagen?
Irgendetwas sagte Mike, dass Froody dafür nicht verantwortlich war, die Vorgehensweise war eine völlig andere. Doch wer zum Teufel kam dafür in Frage? Schließlich kann man RPG´s nicht an der Straßenecke kaufen, schon gar nicht in Deutschland. Die hiesigen Behörden verstanden da keinen Spaß und arbeiteten sehr effizient. Noch während er angestrengt nachdachte, wer noch Interesse haben könnte, Caroline Miles zu töten, trat ein Mann mit einer Tasse Kaffee zu ihm und setzte sich an seinen Tisch.
„Guten Morgen Colonel Smith.“ Begrüßte ihn der Fremde leise im einwandfreien Deutsch. Der Mann war Anfang vierzig, hatte sehr wache, intelligente Augen, graumelierte Haare und war weniger sportlich, eher eisenhart trainiert.
Für ein geübtes Auge stand klar das Wort Geheimdienst dick und fett auf der Stirn des Mannes. Jedenfalls kannte Mike ihn nicht, und so stellte sich die Frage, für welchen Geheimdienst der Mann arbeitete. Ganz sicher war er nicht von der CIA! Und die „Offiziellen“ des BND und des MAD kannte Mike auch.
„Benjamin Levi.“ Stellte sich der Mann vor.
Mike grinste in sich hinein. –Na klar, der Mossad!- Caroline Miles gehörte also noch immer dazu. „Heißen sie nicht Julius Becker und wohnen in der Keilstraße hier um die Ecke?“
„Namen…. Nicht wahr Herr Konsul?“
„Wie kann ich für unsere Freunde aus Israel tun?“
„Wir möchten uns dafür bedanken, dass sie gestern Caroline Miles das Leben gerettet haben.“
„Ich dachte, Frau Miles wäre aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, als sie nach Soulebda ging.“
„Nun, das ist nicht ganz richtig, Frau Miles hat einen Sonderstatus.“
Sonderstatus? Mikes Augen weiteten sich etwas. Er hatte schon von dieser Truppe gehört, den legendären Nichten und Neffen um den großen Dagan. Doch bis jetzt waren es immer nur Gerüchte.
„Sie ist eine Nichte Dagans des Großen?“
„Seien sie froh, dass er das nicht gehört hat.“ Schmunzelte Levi. „Er mag es überhaupt nicht, wenn man ihn so nennt. Aber ja, sie ist eine Nichte Dagans.“
„WOW, und ich dachte, diese Abteilung wäre nur eine Legende.“
„Hören sie Colonel Smith…“
„Mike!“
„Mike. Ben. Mike, wir wissen, dass sie Caroline als Köder für Froody benutzen und wollen nicht, dass Caroline etwas geschieht.“
„Sie hat sich selbst dafür angeboten.“
„Typisch für diesen roten Wirbelwind. Dennoch ist ihr Onkel etwas beunruhigt und wäre froh, wenn sie ihn zukünftig über Aktionen wie gestern informieren könnten. Ganz abgesehen davon, können wir sie dann auch jederzeit mit Personal und Technik, soweit nicht schon vorhanden, unterstützen.“
Mike ließ sich den Vorschlag durch den Kopf gehen. Er brauchte erst gar nicht zu überlegen, wie die Antwort aus Washington lauten würde. –NEIN- Allerdings, die Idioten dort oben, würden auch nicht ihren Kopf hinhalten müssen, wenn Froody doch Erfolg haben würde.
„Ben, wenn ich drüben nachfrage, ob wir zusammenarbeiten, lautet die Antwort nein. Aber ich will Froody, und sie wollen, dass Frau Miles nichts geschieht. Also machen wir einen Deal. Wir arbeiten zusammen und es bleibt unter uns. Alle Kontakte werden ausschließlich über mich, oder meinen Stellvertreter Dave Miller geführt. Levi grinste und gab Mike die Hand. Irgendwie hatten beide das Gefühl, dass es nicht bei diesem einen Treffen bleiben würde.
***

Ein paar Tische weiter, saß Dagan und sah zu, wie Benjamin Mike die Hand reichte, als sein Handy vibrierte. LEM stand auf dem Display und Dagan nahm das Gespräch an.
„Ich habe es gefunden!“ Waren Lems erste Worte. Dagan wusste, was Lem meinte und fragte erst gar nicht nach.
„Es ist der Fischerprozess!“
„Lem, soweit waren wir schon, die Frage ist, was an diesem Prozess so besonders war?“
„Dann halt dich gut fest, mein Freund!“
***

„Beate Fischer ist noch am Leben?“ Fragte Levi verblüfft.
Nach Lems Anruf hatte Dagan sofort eine Krisenbesprechung angesagt, bei der er sich mit Levi beriet und zu der Lem, per Videoschaltung mit zugeschaltet war.
„Aber wie… STEIN!“ Fuhr Levi fort.
„Richtig mein Freund.“ Lobte ihn Lem.
„Ist das auch bestätigt? Es hieß doch, Trommer habe die Fischer selbst im Gefängnis erschossen.“
„Lem?“ Fragte Dagan.
„Ich bin ganz sicher! Stein muss die Fischer verschont haben und hat es irgendwie geschafft, ihren Tod ein zweites Mal vorzutäuschen.“
„Und wo ist sie jetzt?“
„Das ist der Grund, warum ich mir sicher bin. Zuerst war es Problem, ich konnte Beate Fischer nicht finden. Doch dann bin ich der Spur von Vera Müller, Steins ehemaliger Lebensgefährtin gefolgt. Ich habe Bilder von Beate Fischer in die Gesichtserkennungs-Software eingegeben, die wir auch benutzen um Terroristen wiederzuerkennen und habe sie mit Vera Müllers Lebenspartnerin abgeglichen. Das Ergebnis ist eindeutig. Sarah Schlosser ist in Wirklichkeit Beate Fischer.“
„Warum sollte Stein so etwas tun? Warum sollte er eine Verurteilte verschonen? Zum Zeitpunkt der angesetzten Hinrichtung war Beates Unschuld noch nicht erwiesen.“
„Ich vermute, dass Trommer, eine solche Aktion von langer Hand geplant hatte. Er wird Stein dazu überredet haben, bei seinem Plan mitzuarbeiten. Als der dann sah, wie eine Unschuldige benutzt wurde, hat er eine Gewissensentscheidung getroffen. Er hat Trommer vorgegaukelt, dass er mitgespielt und ihren Tod ein zweites Mal vorgetäuscht.“
„Jetzt ergibt das auch einen Sinn!“ Warf Levi ein. „Generalstaatsanwalt Trommer heuert den alten Franzosen an, um alle Beweise und Mitwisser zu beseitigen. Er vermutet, dass Beate noch lebt, und versucht sie zu finden. Darum auch die Ex-Häftlinge. Der Franzose entführt und foltert sie, um Beweise zu finden, denn Trommer kann Stein nicht offiziell anklagen, ohne dass man Fragen stellen würde.“
„Moment“, warf Dagan ein, „warum legt der Franzose Stein nicht einfach um? Dann wäre Trommers Problem aus der Welt.“
Lem klappte die Akte, die vor ihm lag, zu und blickte ernst in die Kamera. „Ich habe ein psychologisches Profil dazu erstellt und das wird euch nicht gefallen. Sicher könnte Trommer den Franzosen anweisen Stein einfach zu ermorden, doch das wird er so nicht tun. Stein hat es gewagt sich gegen ihn zu stellen. Trommer wird Stein erst demontieren und fertig machen, und erst, wenn Stein am Boden liegt, wird Trommer für einen weiteren Unfall oder Selbstmord sorgen.
Und das bringt uns zu einem viel größeren Problem! Wenn Trommer schon zu solchen Mitteln greift um seine Position zu festigen, was tut er erst, wenn er tatsächlich ein hohes politisches Amt innehat? Was, wenn dieser Mann tatsächlich an die Spitze kommt?“
Schweigen legte sich über die Anwesenden. Allen war klar, dass sich hier nicht mehr um ein „rein deutsches“ Problem handelte. Sollte Trommers politischen Karriere weiter so rasant voranschreiten, wären, über kurz oder lang, auch andere Länder von den Entscheidungen dieses Mann betroffen.
„Danke Lem, bohren sie noch etwas weiter, sollte Trommer noch mehr Leichen im Keller haben, will ich, dass sie die finden. Finden sie heraus, ob der Franzose mit Panzerfäusten um sich geschossen hat. Außerdem schicken sie Team 8 zu uns, ich habe Arbeit.“ Wies Dagan ihn an.
Lem nickte und schaltete die Kamera aus.
Dagan schritt in Gedanken die Wohnung auf und ab. Sein ungutes Gefühl steigerte sich bei jedem Schritt. Seine Aufgabe war es nicht sich in innerstaatliche Angelegenheiten fremder Staaten einzumischen, seine Aufgabe war es, für die Sicherheit seines Landes zu sorgen. Doch diesmal schien es, als ob das eine nicht ohne das andere funktioniert. Tief in seinen Gedanken versunken blätterte Dagan zum tausendsten Mal das Dossier von Stein durch. Wieder blieb er am Bild stehen und starrte es an.
Eine Gewissensentscheidung? Er blickte über den Rand des Bildes zu Levi. „Was denkst du?“
„Ich fange an, den Kerl zu mögen.“
Eine Gewissensentscheidung! Und genau die fällte Dagan in dieser Sekunde auch.
„Benjamin, diese Schlosser ist das Einzige, was wir haben um Trommer stoppen zu können. Wenn Lem sie finden konnte, wird Trommer oder der alte Franzose das auch. Wir müssen sie überwachen und sie beschützen!“
***

Aufstehen

„Hey du Faulpelz – Aufwachen – Es ist gleich acht Uhr durch!“ Rief ich zu Peter, der noch im Bett schlief. Sofort war er da und sprang auf wie ein junger Hüpfer, nur um im gleichen Moment schmerzverzerrt zusammen zu zucken.
Ich stand am Tisch und hatte das Frühstück gerichtet, Fibi brachte den dampfenden Kaffee. „Wollen wir drüber reden?“ Fragte ich lakonisch und Fibi schaute uns kurz an, sah die ganzen Wunden an Peters Körper, stellte den Kaffee auf den Tisch und machte sich unsichtbar.
„Schönen Gruß von Dr. Schemmlein, du hast wohl was bei ihm liegen lassen.“ Und ich schaute Peter fragend an und stemmte meine Arme in die Hüfte, „Das war aber nicht zufälligerweise Fransiska? Ich war eben in ihrem Zimmer und da ist sie nicht!“ Ehe wir uns aussprechen konnten, ging das Telefon, es war Franks Nummer. „Geh mal lieber selber ran, das ist bestimmt für dich.“ Frank bestellt Peter zu ihm ein und ich machte mich startklar.
***

Der mir zugeteilte Fahrer brachte mich zu einem großen Kundenparkplatz und ich huschte in einen bereitstehenden verdunkelten VAN und schon brausten wir los. Auch wenn mein Gegenüber keine geheimen Codesätze mit mir austauschte, wurde ich nach Wanzen abgesucht. Der junge Mann schaute zu meinem Gegenüber und meinte „Sie ist sauber.“
„OK, jetzt können wir reden.“ Sagte der Mann im Fond und die Aufpasser machten sich im Auto unsichtbar.
Endlich konnte ich ihn umarmen und er begrüßte mich herzlich wie schon lange nicht mehr:
„Mischka meine Liebe, du bist schön geworden, endlich auch obenrum.“ und lächelt mich herzlich an, dann fuhr er fort. „Die Amerikaner sind immer noch hinter dir her und jetzt sind auch noch ein paar andere Spieler auf dem Feld. Dein Freund Peter sollte besser auf seinen General achten – Mischka, mein Mäuschen…“
„Aber Onkelchen, ich dachte, du bist im Ruhestand und jetzt sehe ich dich hier in der Fremde, was hat den großen Dagan Meir veranlasst mich zu besuchen, ist es wirklich wieder mal so dick?“
Er lacht auf seine trockene Art und bat mich an seine Seite. Der Leibwächter wechselte mit mir den Platz.
„Mischka, Liebes, dass du dich mit dem US Außenministerium angelegt hast, ist dir offenbar nicht genug? Die bei der CIA putzen gerade ihre eigenen Reihen, weil sie ein paar Maulwürfe gefunden haben und dein alter Gegner hat sich mit einem Team zuverlässiger Killer hier in dieser Villa versteckt. Da solltet ihr aber nicht rein gehen, sondern die rauskommen lassen und passt auf, die Luft ist da nicht gut, überall Drohnen.“
„Wie viele sind diesmal da, bei den Amerikanern?“
Er lächelt immer noch. „Finefzehn oder Sechzehn, aber die sind gut. Im Außensektor sind das nochmal zehn und ganz vorne hegschdens Zwanzig aber die sind kein Problem. Ein Problem sind die Leibwächter, die waren früher mal bei diesen komischen US Rettungsschwimmern“ und er lacht hämisch auf.
„Ok also fast 50 und einige sind echt gut, danke was ist mit meinem Freund, wie du ihn nennst Onkelchen?“
„Kindchen, ich weiß, dass du mit ihm schläfst und ich mag auch deine Kleine, du weißt, dass ich gute Augen und Ohren habe. Also pass auf, ja: Einer deiner und seiner Bosse spielt ein doppeltes Spiel, er veräppelt seine eigenen Geheimdienstler und hat einen Auftrag bei den „Alten Legionären“ eingestellt. Du weißt, was ich dir über die beigebracht habe Mischka?“
Mein Blick wird dunkler „Ja Dagan, ja sehr gut… mit alten Legionären habe ich noch nie gut Kirschen essen können und der „Alte Franzose“ hat mir meinen Verlobten genommen.“
„Ja ja, Krischan war ein sehr guter Mensch. Sag deinem Freund Folgendes: Seine beiden süßen Pippchen sind hier nicht mehr sicher und wenn sie weiterleben wollen, muss eine wieder sterben. Er wird wissen was das heißt.“ Und er schüttelt den Kopf. „Nein dir sage ich diesmal nichts Kleines, das hat Gründe, aber wichtiger ist, dass der alte Franzose jetzt sauer ist, dein Freund hat gestern ein paar von denen so richtig den Hintern versohlt. Drei von denen sind schon tot.“
Dabei lacht er wieder wissend und küsst mich auf die Stirn. „Meine liebe Mischka, liebe Mischka pass auf dich auf, da sind alle Dinge drauf, die du brauchst.“ Und er drückte mein einen USB Stick in die Hand. „Levi, gib ihr die Tasche mit den Spielsachen.“ Dann lächelt er mich wieder an „Wir sind da, wenn du uns brauchst liebes – Pass auf dich auf.“
„Miss Miles.“ Damit kam Levi ins Bild, ein gutaussehender sportlicher Mann, übergab mir eine gefüllte Tragetasche. „Ich habe hier einiges Spielzeug, teils frisch aus der Experimentalabteilung, für alle Fälle, passen Sie auf sich auf.“
Schon stoppte der Wagen wieder auf dem großen Parkhausdach und die Seitentür öffnete sich. Ich sprang heraus in den Bereitschaftswagen und wir fuhren los in das Gefängnis. Hinter uns verschwand der Van.
„Alles klar bei Ihnen?“ Und ich schaute kurz zum Fahrer „Ja Conrad, bitte fahren Sie die kürzeste Strecke.“
***

In unserem Büro angekommen traf ich auf Peter, er saß an seinem Tisch, neben ihm, sehr nahe saß Fransiska und lächelt uns beide an, dann sagte sie mir:
„Weißt du, dass Peter ein Held ist? Er hat mich gestern vor Ganoven beschützt und sein Leben für mich eingesetzt. Leider ist meine Informantin und Freundin gestorben, ehe sie mir etwas sagen konnte, aber ich bin ihm wirklich dankbar.“ Mit diesen Worten drückte sie ihm einen dicken Kuss direkt auf den Mund, sprang auf, küsst mich auch kurz und huschte aus dem Büro.
„Ja, ich glaube auch, dass sie dich mag. Sogar richtig.“
Peter grinste mich an. Dann erzählte er, was am Tag vorher abgegangen war, dem Termin draußen, von dem Anschlag und der wilden Verfolgungsjagd mitten durch die Stadt. Danach schloss er ab mit der Feststellung: „Ich habe keine Ahnung, was das für Leute sind, die so brutal und gnadenlos sogar innerhalb einer Stadt herumballern.“
Meine nette Miene verging und ich berichte Peter, was ich erfahren hatte. Dass er sich definitiv mit angeworbenen ehemaligen Fremdenlegionären angelegt hatte, also waschechten Profis, dass die jemand aus unserer obersten Führung angeworben hatte und dass bei der Fahrt gestern, drei der Franzosen auf der Strecke geblieben waren.
Auf die Frage woher ich das alles weiß sagte ich ihm nur, dass ein sehr, sehr guter Freund mit großen Augen und Ohren mir das geflüstert hatte. Das genügte Peter, offenbar hatten meine sehr guten Freunde doch immer noch einen sehr guten Ruf bei ihm.
„Franzosen also, Fremdenlegionäre dazu, gibt es noch etwas, das ich dazu wissen sollte?“
„Ja der Anführer der Franzosen ist ein eiskalter Profi, er wird überall nur der „Alte Franzose“ genannt. Mit dem habe ich noch eine ganz besondere Rechnung offen.“
„Oh erzähl, wenn du willst und darfst.“
„Der alte Franzose hat meinen Verlobten umgebracht!“ Dabei sah ich in Peters Gesicht, es war eine Mischung aus Lächeln, Entsetzen, Trauer und noch etwas anderem.
„Und die sind hier in Deutschland und hinter mir her?“
„Ja und Peter? Das sind knallharte Profis, also sei vorsichtig, die planen drei Schritte vorweg und kennen weder Gnade noch Schmerzen.“
Dann berichtete ich Peter von Mc. Froody und seinen Leuten, wo die sich versteckten und wer sie bewachte. „Darf ich?“ Und zeigte Peter den USB-Stick.
„Aber sicherlich.“
Nach dem Einstecken des Sticks poppte eine Meldung in Hebräisch auf und nach der Codeeingabe klickte ich zu den Luftbildaufnahmen.
„Hier hat sich Mc. Froody versteckt, das ist oder besser, das war ein alter Herrenwohnsitz. Hier und hier sind die Soldaten untergebracht, das da und hier drüben sind garantiert MG Stellungen und die beiden Gräben hier und hier bilden die äußeren Absperrungen. Da schau da haben die sogar Gräber angelegt, es gab also schon Säuberungen. Da kommen wir so nie rein. Da brauchst du eine kleine Armee.“
Er stand auf und ging im Büro auf und ab. „Sonst noch etwas wichtiges?“
„Oh Ja – und ich zitiere: Sag deinem Freund, seine beiden süßen Püppchen sind hier nicht mehr sicher und wenn sie weiterleben wollen, muss eine wieder sterben.“ Ich sah prüfend in sein Gesicht. „Was bedeutet das Peter – wenn beide leben wollen muss eine wieder sterben – und wie kann ich dir dabei helfen?“
Zum ersten Mal sah ich bei Peter so etwas wie eine kleine Träne die Wange herabrinnen. Sofort stoppte ich meinen Redefluss, schaute ihn an und fragte leise: „Was wollte Frank?“
***

Bei Frank

Tja, was wollte Frank wohl?
Ich hatte die ganze Stadt in helle Aufregung versetzt, war an drei Unfällen beteiligt, durch zwei Radarfallen gebrettert, und das war wohl das Schlimmste, ich hatte Trommers Geliebte neben mir sitzen.
Als die Polizei den kugeldurchsiebten Wagen vor dem Bahnhof überprüfte und der Computer Fransiskas Namen ausgespuckt hatte, hatten beim LKA alle Alarmsirenen geläutet. Sofort war ein Einsatzkommando zu Trommer gesaust und hatte diesen recht unsanft aus dem Schlaf gerissen. Als er dann auf Fransiskas Handy anrief und Dr. Schemmlein abhob, lief das Fass endgültig über. Als ich in Franks Büro kam, war Trommer schon da. Über 10 Minuten musste ich mir anhören, welch ein ungeheuerlicher Arsch ich sei, seine Geliebte in solch eine Gefahr zu bringen.
Ich überlegte ob es Sinn machen würde einwenden, dass ich es war, die seine Geliebte gerettet hatte und dass man nicht mich, sondern Fransiska umlegen wollte. -Scheiß drauf.- Der Mann hatte sowieso vor mich abzusägen, also leck mich!
Plötzlich, inmitten seiner Ausführungen über meine Unfähigkeit, kam Fransiska herein. Sie humpelte noch immer und trug einen Kopfverband. Aber sie ging aufrecht und zeigte einen ungebeugten Willen.
„Da bist du ja.“ Sagte sie, kam durch die Tür und trat direkt zu mir.
„Danke, dass du mir das Leben gerettet hast. Ohne dich wäre ich jetzt tot.“ Vorsichtig umarmte sie mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Sie sagte das in einem Ton, der sehr wohl zu verstehen gab, dass sie draußen mitangehört hatte, was Trommer vom Stapel ließ.
„Ich hoffe, du hast dich bei meinem Retter bedankt.“ Sie schaute mit blitzenden Augen zu Trommer.
Jetzt wurde Trommer tatsächlich etwas blass. Er biss die Zähne zusammen, so dass seine Lippen einen schmalen Strich bildeten.
„Dazu wollte ich gerade kommen, Schatz.“
Mit sehr viel Überwindung, kam er zu mir und reichte mir die Hand.
„Trotz aller Vorfälle bin ich ihnen sehr dankbar, dass meiner Fransiska nicht mehr passiert ist.“
Seine Augen aber sagten eher, – Ich kriege dich! –
„Es war mir ein Vergnügen.“ – Du kannst mich! –
„Hast du schon etwas in Erfahrung bringen können, weiß man schon, wer Melissa ermordet hat?“
„Nein, Liebes. Bis jetzt haben wir keine Hinweise bekommen. Wir sind noch an der Spurenauswertung.“
„Ich hoffe, du findest die Monster, die Melissa auf dem Gewissen haben. Ich will sie hängen sehen!“
„Wir finden die Verantwortlichen. Komm jetzt, ich bringe dich nach Hause.“
Die beiden verließen Franks Büro, und Trommer warf mir noch einen vernichteten Blick zu.
Als die Tür zu war, erwartete ich das nächste Donnerwetter, doch Frank schwieg.
„Deine Version?“ Fragte er nur und ich erzählte ihm den Verlauf des Abends.
„Ich nehme an, du denkst dasselbe darüber wie ich.“ Schloss ich meinen Bericht.
„Mehrere Explosionen, eine Schießerei und eine Verfolgungsjagd durch die Stadt, bei der es mehrere Unfälle mit verletzten Gangstern gab. Verbrecher, die noch dazu genauso geblitzt wurden wie du, und keine Hinweise? Irgendwie fällt es mir schwer, das zu glauben.“
Keiner sagte ein Wort.
„Trommer braucht dich noch, wegen der Prozesse. Sobald die vorbei sind, wird er zur Jagd auf dich blasen. Er wird mit allen Mitteln versuchen dich fertig zu machen.“ Frank machte eine Pause.
„Ich hasse es, das zu sagen“, Frank stand auf und ging zum Fenster, „setz Randy darauf an. Und zu keinem ein Wort, solange wir den Maulwurf nicht gefunden haben.“
„Alles klar. Danke, dass du mir nicht den Kopf abscheiden lässt.“
„Das erledigt Trommer für mich! Aber im Ernst, ich glaube dein Wechsel zu einem Verwaltungsjob ist näher als je zuvor.“
„Weißt du, das pisst mich an! Ich hatte mir überlegt, den Job hinzuwerfen, aber jetzt… Ich werde nicht klein beigeben. Einer von uns wird auf der Strecke bleiben. Trommer oder ich!“
***

Randy war nicht wirklich überrascht, als ich ihm Franks Anweisung weitergab.
„Ich habe es mir schon so halb gedacht. Die Nachrichten sind voll damit. Du beherrschst alle Titelblätter.“ Er klickte ein paar Nachrichtenseiten an und tatsächlich, überall wurde über Fransiska und mich berichtet.
„Mafiakrieg in der Stadt! Und das ist noch das Harmloseste. Wie hat es dir gefallen einen R8 zu zerlegen, den mit Sicherheit Trommer bezahlt hat?“
Trotz der ersten Situation musste ich darüber lächeln. So hatte ich das noch gar nicht gesehen.
„Irgendwie geil, es ist bloß nicht so angenehm, wenn dir dabei Kugeln um die Ohren fliegen. Und Trommer hat sich schon bedankt.“
Jetzt grinst Randy von einem Ohr zum anderen.
„Ja, das habe ich auch schon gehört. Er ist ein richtiger Fan von dir.“
„Hast du auch schon gehört, dass dich unser Chef persönlich „bittet“ unauffällig zu recherchieren?“
„Das nicht, aber ich habe schon mal angefangen, schließlich kenne ich euch beide. Immer wenn ihr nicht weiter wisst, kommt ihr zu mir. Aber Scherz beiseite, ich habe gebohrt und recherchiert und was ich da herausgefunden habe, macht mir ehrlich Angst.“
Er drehte den Bildschirm etwas, damit ich mit schauen konnte.
„Ich habe die Namen der sieben Mordopfer aus den Zeitungen mal durch unsere Datenbank durchlaufen lassen und die Namen abgeglichen. Alle haben hier im letzten Jahr eingesessen und sind in den letzten 12 Monaten entlassen worden. Und jetzt kommt der Hammer! Ich habe dir doch erzählt, dass jemand auf die Akten von Insassen zugegriffen hat. Alle Opfer waren dabei. Daraufhin habe ich eine Namensliste mit den Insassen, deren Akten gehackt wurden überprüft, eine Liste erstellt und die Standesämter abgefragt. Vier weitere ehemalige Insassen sind in den letzten Wochen gestorben. Dazu kommen noch fünf, welche als vermisst gelten. Ich wette, dass die genauso tot sind wie die anderen. Alles in allem haben wir 16 Tote! Ermordete wohlgemerkt!“
„16 Mordopfer, und keiner bekommt was mit?“
„Doch das schon, aber wen interessiert schon ein toter Betrüger?“
16 ermordete Häftlinge! Während ich darüber nachdachte, durchzuckte mich ein Blitz! 16 plus Meyer und Trommers zwei Pfeifen! Das sind schon 19 ohne diejenigen, die aus Trommers Umfeld, die bei Unfällen ihr Leben ließen!
„Wir haben mehr als 16 Mordopfer! Meyer und die Polizisten, die bei der Unterführung starben! Versuche mal herauszufinden, wer aus Trommers Umfeld gestorben ist. Ich wette, das ist erst die Spitze des Eisberges! Wir haben 16 tote Verbrecher, drei Polizisten und eine Journalistin. Jetzt wird es ganz sicher jemanden Interessieren!“
***

Und das tat es.
21 Km entfernt, zu der Zeit als ich zu Caroline ins Bett kroch, fiel Leutnant Suviér mit einer Kugel im Kopf auf den Boden des ehemaligen Jagdhauses.
„Sergeant Muellén, sie übernehmen ab jetzt den Zug.“
„Qui!“ Sergeant Muellèn stand stramm und sein erster Befehl bestand darin, seinen Vorgänger aus dem Haus tragen zu lassen.
Der alte Franzose duldete keine Fehler. Es war schon schlimm genug, dass seine Leute danebengeschossen hatten. Aber die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt, besonders das der Polizei, auf sich zu ziehen, war ein unverzeihlicher Fehler des ehemaligen Zugführers! Dass seine Leute offenbar von allen Radarkontrollen der Stadt aufgenommen wurden, kam erschwerend dazu. Keiner der Männer würde je wieder durch die Personenkontrolle eines Airports kommen. Das Ergebnis seiner gezogenen Konsequenz wurde eben aus dem Raum getragen.
„Sergeant Moellers soll kommen!“
Der Sergeant kam an gespurtet und stand stramm. „Finden Sie alles über den Fahrer, diesen Stein, raus, ich will wissen, wer uns da in die Suppe gespuckt hat.“
„Oui mon Colonel“
***

Spielsachen

Früh am Morgen, Fransiska schlief noch entspannt, nahm ich die Tragetasche mit den „Spielsachen“ von Onkelchen und öffnete sie. Ich musste immer wieder staunen, was die Ingenieure alles basteln konnten, wenn man ihnen nur genug Zeit und Mittel gab. Das Wunderwerk der Technik hatte die Größe eines etwas dickeren Buches. Nach dem Öffnen des Displays fand ich mich in dem Menü sofort zurecht. Den Ohrhörer rasch eingesteckt und schon startete der erste Scan.
In den unteren Funkbändern keine Wanzen, erst oberhalb der 8 GHz wurde die Maschine fündig. Eine kleine Standortwanze in Fransiskas Handtasche, genau wie erwartet, nur eben auf einer ungewöhnlichen Frequenz. Als ich weitergehen wollte, reagierte der Scanner erneut, diesmal bei über 11,2 GHz. Ebenfalls ein Standortsender. Das war außergewöhnlich. Weiter oben in den Funkbändern war dann nichts mehr zu finden und schon ratterte der kleine Thermodrucker und spie einen Streifen Papier nach dem anderen aus.
An der Handtasche hatten sich offensichtlich zwei Dienste zu schaffen gemacht und davon war einer mit modernstem Material ausgerüstet.
Das iPhone von Fransiska kam als nächstes dran, ich legte es neben den Scanner und die Maschine ließ Bildschirmseite für Bildschirmseite durchlaufen. Dann eine Meldung im Display „iPhone hier einstecken“ und ich steckte das Gerät in einen Docking Port. Diesmal dauerte es gute 2 Minuten, dann ratterte der Drucker erneut los und spie Streifen auf Streifen.
Als dann die Scans abgeschlossen waren, legte ich alles zurück und packte die Ausdrucke ein. Unser Zimmer war frei von anderem Ungeziefer. Fransiska erwachte und reckte sich. Nach einem guten Frühstück verabschiedete sie sich von mir.
Nun musste Peter rasch verständigt werden. Ich traf ihn mit Randy auf dem Weg zu dessen Labor. „Kommt ihr bitte mal mit?“ Und in Randy Heiligtum nahm ich die Ausdrucke aus der Tasche.
Randy war nicht mehr zu halten. „Kacke, das ist von einem LQP22R Scanner, sag mir nicht, dass du so ein Monster hast, und wenn doch, darf ich es einmal sehen?“
Peter musste Randy zur Vernunft bringen und der setzte sich hin und analysiert die Papierstreifen. Schließlich legte Randy los, seine Augen begannen zu leuchten. Der Nerd war jetzt auf Hochtouren.
„Pippifax eine Spielzeugwanze,“ er las weiter „Made in Scheißdrecksland ja so ein billiger Mist…“ Dann aber kam ein „Hoppla das ist ja mal was feines … hmmm.“
Er schaute Peter an und dann mich. „Eindeutig Ami aber wirklich 1. Bundesliga, die kenne ich nur vom Hörensagen…“ Dann las er den letzten Streifen durch, rieb sich die Augen und las wiederholt den Streifen. Er stockte kurz und las nochmal.
„Peter, da steckt aber einer mächtig tief im Dreck, das ist ein Compressed Ultra Mode Puls Code Mixed …“ und ab da kamen dann nur noch Nerd-Kauderwelsch.
Peter rief ihn zur Vernunft! „Hey, geht’s auch auf Nicht Nerd Sprache – ja?“ Und Randy schaute ihn an.
„Das ist eine aktive Komponente der Legion Etrangere, der Fremdenlegion, neuste Bauart, scheiß gefährlich das Ei!“ Randy wechselte tatsächlich Farbe und schaute mich an.
„Woher weißt du denn, was das für eine Wanze ist und wer die benutzt?“ Jetzt grinste Randy wieder. „Ich wurde vor längerem in einen Arbeitskreis gerufen und die Mitglieder da sind recht elitär, man redet aber nicht darüber.“
„OK Randy, hier sind die restlichen Ausdrucke, mach was damit, Peter und ich machen einen Spaziergang.“ Dabei hatte ich das Handy in den Fingern.
„So machen wir das?“
„Ja in 20 Minuten, gerade kam das OK.“
„Wo geht’s hin?“ Fragte Randy.
„Oh Randy, ich könnte es dir sagen…“ dabei lächelte ich den lieben Nerd an.
„Äh ja verstehe, aber dann müsstest du mich krrrrrgs…“ Seine Geste mit dem Finger über seiner Kehle war eindeutig. Lächelnd verließen wir Randy. „Der schaut eindeutig zu viel Spionagefilme, der Junge braucht ab und zu frische Luft und unbedingt eine Frau.“
Peter lachte auf und meinte nur: „Das ist eben Randy.“
***

Caroline und ich saßen draußen auf einer Parkbank. Ein paar Jogger liefen vorbei, die Mamas mit Kinderwagen strebten in Richtung Spielplatz und einige ältere Frauen trugen ihre Skistöcke spazieren. „Du weißt schon, dass wir hier draußen noch besser abgehört werden können, als drinnen?“ Fragte mich Caroline.
„In den Agentenfilmen haben sich die Spione immer draußen getroffen, um nicht abgehört zu werden.“ Antwortete ich. „Sag nur, das Fernsehen lügt?“
„Ach Peter…“ Caroline seufzte, zog ein kleines Gerät aus der Tasche und schaltete es ein.
„So, jetzt können wir reden.“
„Du erstaunst mich immer wieder. Andere Frauen haben Lippenstifte, Schminkutensilien und so weiter dabei und du trägst seltsame Elektrogeräte mit dir herum.“
„Oh coole Lippenstifte mit einem Aha-Effekt habe ich auch dabei.“ Grinste sie.
„Also, mal sehen, ob ich das alles richtig zusammenbringe.“ Murmelte ich. „Da sind die bösen Amis, die dich umlegen wollen, die guten Amis die dich beschützen,“ ich schaute mich um und sagte dann laut, „und die nie da sind, wenn man sie braucht.“
Caroline grinste.
„Und die Franzosen, die es anscheinend auf mich abgesehen haben und ich keine Ahnung habe warum. Nicht zu vergessen, die Billigwanze.“
„Peter, die Billigwanze, ist wahrscheinlich nur Ablenkung. Wer schaut schon weiter, wenn er eine Wanze gefunden hat. Aber soweit hast du Recht, da sind drei Teams hinter uns her.
Die zwei hinter mir verstehe ich noch, aber was wollen die Franzosen von dir?“
„Keine Ahnung, ich mag Frankreich. Ist ein schönes Land mit netten Menschen. Ok, da gibt es genauso viele Irre wie bei uns, aber warum die mich umbringen wollen weiß ich nicht.“
„Gehen wir mal davon aus, dass es Söldner sind, die gekauft wurden. Wem hast du alles auf die Füße getreten?“
„Abgesehen von all den Angehörigen hingerichteter Frauen? Da gibt es nur einen…“
„Peter, ich weiß, dass du nicht über Beate reden willst, aber ist das Anwerben einer Söldnertruppe wegen einer Frau, nicht etwas übertrieben? Um was geht es da wirklich?“
Das war wohl das, was man den Moment der Wahrheit nannte. Caroline war klug genug um zu erkennen, dass es um weit mehr als Beate ging.
„Um Macht. Um die absolute Macht. Ich kenne Trommer schon ein paar Jahre. Ich habe ihn öfter im Gericht getroffen, wir haben zwar nie groß miteinander geredet, doch wir wussten beide, wer der andere ist. Trommer war einer der beliebtesten Staatsanwälte der letzten Zeit. Die Leute mochten ihn, da er immer die Urteile herausholte, welche die Leute von ihm erwarteten. Er hat sich in Rekordzeit beliebt gemacht und sich so nach oben gearbeitet. Irgendwann hat es wohl klick gemacht und er hat beschlossen mehr als nur Staatsanwalt zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, geht er skrupellos über Leichen. Ich glaube, er hat irgendwann die Kontrolle über sich verloren. Er sieht überall Feinde, die ihn vom Thron stoßen wollen.
Er will ganz nach oben. Minister? Ich glaube nicht, dass er als Minister seinen Aufstieg als beendet sieht.“
„Du meinst, er will dich umlegen lassen, nur weil er glaubt, dass du ihm gefährlich werden kannst?“
– Nein, nicht ich …-
„Ich weiß nicht, was er glaubt.“
„Wenn es stimmt, was du sagst, benutzt er die Prozesse, um das Ministeramt zu bekommen. Aber um den Massen zu geben, was sie wollen, braucht er dich. Warum sollte er dich vorher töten wollen?“
„Er braucht mich nicht mehr. Er hat jetzt dich! Dadurch, dass er auf dem Marktplatz laut deinen Namen in die Welt posaunt hat, weiß jetzt jeder wer du bist, und dass du der verlängerte Arm von Generalstaatsanwalt Trommer bist.“
Plötzlich leuchtete ein Gedanken in uns beiden gleichzeitig auf!
„Aber wenn…“ begannen wir gleichzeitig.
„Wenn die bösen Amis von Froody dich umlegen, dann hat er ein Problem!“ Grinste ich.
„Hat Randy schon alle Wanzen zerlegt?“
„Wahrscheinlich, aber wir haben ja noch unsere lebende Wanze.“
„Lass das! Ich mag Fransiska.“
„Ist sie sauber?“
„Ja, ich glaube, dass sie benutzt wird und viel wichtiger, ich glaube sie begriffen, dass sie benutzt wird. Ja, sie ist sauber.“
„Gut, wir sollten den Spieß jetzt umdrehen, und mal sehen was geschieht, wenn wir auf den Busch klopfen.“
Das Handy klingelte und ich ging ran.
„Hallo Bad-Man, hier ist Mike. Meine Kontakte sagen, dass es heute weiter Urteile geben wird. Kommt ihr zum Gericht?“
„Klar. Bis später.“
Caroline sah mich fragend an.
„Das war unser Pressechef. Heute gibt es ein paar weitere Urteile. Ich habe gesagt, dass wir ins Gericht kommen.“
„Dann auf.“
Ich schaute mich um, sah aber nichts, was in irgendeiner Art verdächtig war.
„Irgendwie unheimlich oder?“ fragte ich Caroline.
„Was?“
„Du weißt genau, dass du beobachtet wirst, siehst aber nicht von wen und von wo.“
Es herrschte ganz normaler Betrieb für einen sonnigen Vormittag. Ein Mann mit Kinderwagen ging ein paar Meter vor uns und ein Jogger sowie eine Joggerin kamen uns entgegen.
„Irgendwie hast du Recht. Seltsames Gefühl.“
Die Jogger wichen dem Kinderwagen aus, wobei die Frau die Führung übernahm und der Mann hinter ihr verdeckt blieb. Die Joggerin trug kurze Leggins ein enges Shirt und hatte Kopfhörer aufgesetzt, deren Kabel in einer kleinen Tasche vor ihrem Bauch führte.
Anscheinend gefiel ihr das laufende Lied nicht, denn sie griff in die Tasche.
Plötzlich knallte ein Schuss. Bevor ich reagieren konnte, hatte mich Caroline zur Seite geschubst und ihre Waffe gezogen.
Der Mann mit Kinderwagen hatte plötzlich eine bösartige MPI in der Hand und schoss auf den Jogger, der plötzlich auch eine kleine Pistole in der Hand hielt und gerade schoss. Der Jogger hinter der Frau wurde zu Boden geschleudert. Getroffen wirbelte er herum und war noch in der Lage, auf den Mann im Kinderwagen zu schießen. Im folgenden Schusswechsel wurden beide getroffen und gingen zu Boden. Der Mann mit dem Kinderwagen ging auf die Knie und schoss ein weiteres Mal auf den Jogger. Eine Salve aus der MPI schleuderte den Mann rückwärts auf den Boden.
Die Joggerin war herumgewirbelt und riss aus ihrer Umhängetasche eine kleine Pistole, die sie nicht auf den Mann mit der MPI anlegte, sondern direkt auf Caroline anlegte. Zu einem Schuss kam sie nicht, denn Caroline schoss die Joggerin mit zwei Schuss nieder.
Zwischenzeitlich hatte ich auch ich meine Waffe gezogen, und legte auf den Mann mit Kinderwagen an, doch Caroline riss meinen Arm mitsamt der Waffe nach oben, so dass meine Kugel in die Bäume ging.
„Nein!“ rief sie und lief zu dem Mann hin. Die beiden sprachen irgendwas auf Englisch, dann packte mich Caroline und sagte nur: „Verschwinden wir hier.“
„Was ist mit ihm?“
„Er wird es überleben.“
„Ist der Kinderwagen leer?“
„Es ist kein Kind darin, falls du das meinst.“
„Ein Glück!“
Zusammen liefen wir bis zum Parkausgang, als schon die ersten Sirenen zu hören waren. Die Waffen wieder verstaut, gingen wir ganz normal, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
„Ich glaube, ich muss mich bei den guten Amis entschuldigen, sie sind doch da, wenn man sie braucht.“
„Verdammt, da war es ja in der Südsee ruhiger. Da gab es nur ab und an eine kleine Revolution.“
Das erste Taxi, das vorbeikam, hielt ich an und wir stiegen ein.
„Zum Gericht.“
Der Fahrer gab Gas und fuhr los. Immer mehr Polizeiwagen kamen an uns vorbei.
„Ist wohl mächtig was los.“
„Tja, in dieser Stadt wird es nie langweilig.“ Antwortete ich ihm.
„Ich rufe Fransiska an und frage sie, ob sie uns zwei Plätze freihalten kann.“
„Gute Idee. Es wird sicher wieder einen Riesen Andrang geben.“
Am Eingang des Gerichtes stiegen wir aus und wieder umgingen wir die Schlange. Im Gerichtssaal hatte Fransiska es tatsächlich geschafft zwei Plätze für uns freizuhalten.
„Hallo meine Liebe.“ Caroline gab Ihrer Freundin einen züchtigen Kuss auf die Wange.
„Was ist denn mit dir? Du siehst ja so abgekämpft aus.“
„Ach nichts. Alles in Ordnung.“
„Sei nicht so bescheiden“, mischte ich mich ein, „auf Caroline wurde gerade ein Mordanschlag verübt.“
Fransiska wurde blass. „Ist das wahr?“ fragte sie heiser.
„Eigentlich ist es schon der dritte.“ legte ich nach, ohne auf Carolines bösen Blick zu achten.
„Warum um alles in der Welt, will dich jemand töten?“
„Ist eine lange Geschichte.“ Entgegnete Caroline nur.
Bevor Fransiska weiter fragen konnte, betrat Trommer den Gerichtssaal und kaum hatte er Platz genommen, begann die Verhandlung.
Die Verfahren gegen die Inhaber der Baufirma, Hans und Ingegreet van Streuben sowie ihrer persönliche Sekretärin Lida Creecht, waren abgetrennt worden und würde heute zu Ende gehen. Am Ausgang bestand kein Zweifel. Die drei würden demnächst durch Caroline oder mich sterben. Die Frage war nur wie. Trommer begann mit seinem Plädoyer. Er zog alle Register und machte es der Verteidigung unmöglich, auch nur einen Ansatzpunkt zu finden, der ihre Mandanten etwas entlastete. Trommer redete zwar gerne und viel, doch er war ein sehr gewiefter Redner. Er wusste wie lange die Leute Zuhören und wann er welchen Aspekt wo einbringen musste.
Durch geschickte Themenwechsel und die richtige Rhetorik, fesselte er die Zuhörer an sich.
Schließlich kam er zum Wesentlichen und forderte die Todesstrafe für alle drei. Hans und Ingegreet sollten auf dem Marktplatz an der Garotte sterben, Linda, die nach seinen Ausführungen weniger Schuld auf sich geladen hatte, sollte die „Gnade“ erhalten, nichtöffentlich am Galgen zu sterben.
Dann kamen die Verteidiger. Alle drei gaben sich redlich Mühe, doch sie hätten sich genauso gut, Trommer anschließen können. Niemand interessierte sich für ihre Plädoyers. Nachdem die Angeklagten das letzte Wort hatten, zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Wir standen auf und vertraten uns die Beine. Fransiska ließ es sich nicht nehmen zu Trommer zu gehen.
Dem schien es äußerst unangenehm zu sein, dass Fransiska ihn in der Öffentlichkeit küsste. Zumindest machte er ein ziemlich saures Gesicht. Dann redete sie auf ihn ein und packte ihn am Ärmel.
-Vielleicht liegt es ja auch an dir?- dachte ich.
Fransiska zog Trommer zu uns.
„Frau Haufberger erzählte mir, dass man einen Anschlag auf sie verübt hat, Frau Miles?“
„Nicht nur einen, drei.“ Ich konnte der Gelegenheit einfach nicht widerstehen.
Er sah mich böse an und blickte dann wieder zu Caroline.
„Das ist korrekt Herr Generalstaatsanwalt. Auch was Herr Stein gesagt hat, entspricht den Tatsachen.“
„Haben sie denn einen Verdacht, wer die Mörder sein könnten?“
„Keinen Verdacht, ich weiß, dass ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes dahinter steckt. Sein Name ist Mc. Froody. Er hat mir die Hinrichtung seiner beiden Söhne übelgenommen.“
„Das sind sehr beunruhigende Nachrichten. Ich werde den Sicherheitsbehörden nahelegen, sich darum zu kümmern.“
„Vielen Dank Herr Trommer. Haben sie denn schon neue Hinweise, auf den Anschlag der Frau Haufberger galt?“
„Hinweise haben schon, aber noch keine verwertbaren Spuren. Die Behörden ermitteln mit Hochdruck.“
Ein Läuten teilte mit, dass das Gericht zu einem Urteil gekommen war. Trommer schien froh zu sein, die Unterhaltung beenden zu können, und ging zurück zu seinem Platz. Die Richter traten ein und verkündeten die Urteile. Sie waren in allen Punkten Trommers Anträgen gefolgt. Alle drei Angeklagten waren zum Tode verurteilt und sollten hingerichtet werden, sobald die zu erwartende Revision abgelehnt war. Wieder einmal war man Trommer gefolgt und das Volk nahm die Urteile mit Befriedigung auf, was seinen Beliebtheitsgrad weiter steigen ließ.
Hans war sprachlos, was man von seiner Frau nicht sagen konnte. Sie ereiferte sich und ließ wütende Kommentare los. Linda saß geschockt und zusammengesunken in ihrem Stuhl. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte hemmungslos. Caroline schaute sich Linda an, als ob sie schon Maß holen würde.
***

Vor dem ehemaligen Jagdhaus, gute 21km entfernt, fuhr einige Stunden später ein Wagen vor.
Der Auftraggeber der Söldner trat zum Anführer, dem alten Franzosen, und instruierte ihn.
„Wir sollen also Frau Miles beschützen?“
„Nur aufpassen, dass ihr nichts geschieht.“ Sagte Trommer zu ihm. „Finden sie heraus was da vor sich geht. Vorerst brauche ich Frau Miles noch. Sollte sie nach Ende der Prozesse Schwierigkeiten machen, dürfen sie ihr gerne die Kehle durchschneiden.“
„Das wird aber eine Menge mehr kosten Monsieur. Dazu brauche ich mehr Leute und etwas mehr an Technik.“
„Darüber sollten sie sich keine Gedanken machen. Im Übrigen, rate ich ihnen, nach dem Fiasko neulich, ihre Forderungen nicht all zu hoch zu schrauben. Ein Wunder, dass nicht die ganze Stadt hinter ihnen her ist.“
„Das war ein bedauerlicher Zwischenfall, für den der verantwortliche Zugführer schon zur Rechenschaft gezogen wurde.“
Die Tür öffnete sich und einer seiner Männer baute sich stramm vor seinem Kommandanten auf, dann überreichte er ihm einen Zettel.
Der Kommandant las ihn durch, dann grinste er seinen Auftraggeber an.
„Monsieur, wir haben eine heiße Spur. Im Übrigen kann ich sie beruhigen, der Tod von Caroline Miles werde ich ihnen nicht in Rechnung stellen, der geht auf Kosten des Hauses.“
***

Wie schon beim ersten Mal, war der Marktplatz schon Stunden vor der Hinrichtung voll. Alle wollten einen guten Platz ergattern. Die Stadtführung hatte das Podest der ersten Hinrichtung, erst gar nicht abbauen lassen. Reichert und seine Leute hatten lediglich den Galgen entfernt und ihn durch zwei Garotten ersetzt.
Diese Garotten waren nicht so elegant, wie das Modell in der Kammer, sondern einfache, stabile Holzkonstruktionen, bei denen der Verurteilte angekettet wird und ein Strick um den Hals gelegt wird, der mit einem Hebel von hinten zugedreht wird. Die beiden Garotten standen gut sichtbar auf der Mitte der Plattform nebeneinander. Caroline, Fransiska und ich standen am Fuß der Plattform und schauten uns die Leute an. Alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten. Nur einige Personen, die deutlich nicht erwachsen waren, hatte die Security nicht auf den Marktplatz gelassen.
„Ich finde diesen Rummel zum Kotzen!“ brummte ich. „Nein, um ehrlich zu sein, ich hasse ihn. Am liebsten würde ich ein paar Tränengasgranaten unter die Leute werfen.“
„Da hast du Recht. Hier geht es nicht darum ein Urteil zu vollstrecken, hier geht es nur darum, dass Trommer eine tolle Kulisse hat.“ Sagte Caroline, so leise, dass Fransiska sie nicht hören konnte.
Der Gefängnisbus mit den Zwei Todeskandidaten bahnte sich den Weg, durch die johlende Menge und hielt am Aufgang zur Plattform. Decker und sein Team brachten erst Hans nach oben. Der hatte wohl schon mit seinem Leben abgeschlossen. Widerstandslos ließ er sich nach oben führen und anketten.
Dann winkte Decker dem anderen Team Wachleuten unter Hannes Kommando zu, Ingegreet aus dem Wagen nach oben auf die Plattform zu bringen. Ingegreet war nicht gewillt einfach zu sterben. Sie trat um sich und wehrte sich wie eine Verrückte. Vier Mann mussten sie auf dem Weg nach oben bändigen. Decker stand ungerührt neben der Garotte und wartete bis seine Leute Ingegreet angekettet hatten. Ingegreet fluchte und schimpfte. Alle Menschen um sie waren Wichser, Arschlöser und was sonst noch alles. Ihr Mann war ein Waschlappen, der sie einfach im Stich ließ und und und…
„Die macht sich nochmal richtig beliebt, was?“ fragte ich Fransiska.
„Das ist genau das, was die Leute sehen wollen. Ich wette meine Kollegen vom Fernsehen sind begeistert.“ Dann drehte sie sich zu Caroline.
Wieder teilte sich die Menge und Applaus wurde laut. Trommer erschien mit Gefolge und betrat die Plattform. Er verlas die Urteile und heizte die Menge richtig ein. Egal was man von Trommer hielt, er hatte die Massen im Griff. Die Leute liebten und verehrten ihn. Ich kam mir plötzlich sehr einsam vor. Ein Wink von ihm würde genügen und die Menge würde mich in Stücke reißen.
–Ich gegen den Rest der Welt.- Tolle Aussichten.
Schließlich gab Trommer das Kommando die Urteile zu vollstrecken. „Frau Miles, kommen sie und walten sie ihres Amtes!“
„Dein Auftritt, verehrte Kollegin.“ Grinste ich Caroline an, und die betrat die Plattform.
Und genau wie Trommer wurde Caroline mit tosendem Applaus begrüßt.
***

„Also denn.“ Sagte ich und betrat das Gerüst. Ich ging an der immer noch wild fluchenden Ehefrau vorbei, die war richtig fies und gemein, kein Zweifel, dass sie die eigentliche Antriebsfeder war und jetzt die gerechte Strafe erhalten sollte. Genau diese Aussage stand über allen Gesichtern, die sich hier versammelt hatten.
Somit packte ich den stabilen Holzknebel an und das erste Raunen ging durch das Volk. Noch lag das Seil locker um den Hals den dicken Hans, es galt nun eine gute Show abzuliefern. Also zog ich erst einmal das Seil an und Hans, der Dicke schrie erstmals laut auf. Seine Frau schimpfte unterdessen weiter. Dann rasch zwei Drehungen, bis das Seil den ersten wirklichen Zug auf den Hals abgab. Das gurgelnde angstvolle Geschrei des Dicken ließ die Menschen auf dem Platz nach und nach ruhig werden. Plötzlich konnte man fast sein eigenes Atmen wieder hören.
Jetzt war der Punkt erreicht, an dem das Sterben begann. Da begann seine Frau lauf aufzuschreien, jetzt endlich wurde ihr klar, dass ihr Mann gerade starb und dass sie gleich dran war. Dann war es auch schon vorbei. Ein prüfender Blick, ja der Mann war ganz offensichtlich tot. Ein Arzt prüfte die Vitalzeichen und schüttelte den Kopf. Als ich zum Volk aufblickte und Trommer ansah, erhob sich ein Jaulen, Jubeln und Grölen in den Menschen. In Trommers Gesicht sah man deutlich die Befriedigung. Ich sah aber auch, dass sich hinter Trommer auf den Dächern etwas ganz anderes abspielte. Doch dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Jetzt also die Frau. Mit jedem Schritt mit dem ich mich ihr näherte, schrie sie schriller auf und bot ein Schauspiel, dem man nur eines abnehmen konnte, „Mach, dass die Frau endlich Ruhe gibt.“
„Ihr Schweine währt, ihr doch nur alle in dem Stadion verreckt, ich hasse euch alle.“ Das Volk begann zu johlen, hatte es doch endlich sogar das Geständnis gehört, aber eine Zugabe war nicht drin und so starb auch diese Verbrecherin. Viel schneller als es das Volk wollte, starb auch Ingegreet. Das Volk grölte minutenlang und Trommer kam trotz Mikrofon nicht zu Wort. Er verabschiedete das Volk mit seinen salbungsvollen Worten und erklärte die Veranstaltung für beendet. Nun aber rasch von der hohen Plattform herunter, in die relative Sicherheit des Busses und es ging weg von hier ins Gefängnis. Ich sah in Peters Augen und erkannte, wie er diese Zurschaustellung inzwischen hasste.
Fransiska hatte noch auf dem Platz ihren Auftritt, schließlich mussten die Nachrichten ja gefüttert werden. Im Bus sah ich Peter an und fragte ihn. „Hast du das da oben auf den Häusern gesehen, da spielten zwei Parteien Postenklauen, ich habe mindestens fünf Totalverluste gezählt und du?“
Peter nickte kurz noch immer das Ohr am Funkgerät und meinte dann, „Bis jetzt hat man auf den Dächern ringsherum sechs Tote gezählt, heute hatten wir gute Schutzengel. Gerade kommt die Bestätigung. Fünf Amerikaner und vermutlich ein Franzose weniger und das Beste ist, es fiel keinem auf und keine Zivilisten wurden verletzt.“
Im Gefängnis angekommen, wurde Linda gerade in ihre Zelle gesperrt und medizinisch durchgecheckt. Sie starb noch am Abend wie angeordnet rasch am Galgen. Peter schaute mich danach an und meinte „Dieses Schauspiel auf dem Marktplatz, ich hasse das. Ich denke da inzwischen nach, den Job zu wechseln. Innendienst oder etwas anderes, aber ich denke, der Henkersberuf ist doch nichts mehr für mich.“
***

Zwei Mädel Haus
Weit im Süden der Republik überwachten zwei Franzosen ein kleines freistehendes Haus.
Als zwei Frauen Arm in Arm, das Haus verließen um spazieren zu gehen, schaute sich Sergeant Moellers die zwei Frauen mit einem Fernglas genau an. Dann verglich er das Gesicht einer Frau mit einem Bild.
„Das ist sie, unsere heiße Spur. Versau es nicht! Ich habe keine Lust mit einer Kugel im Kopf zu enden.“
***

„Dagan, hier ist Ariel. Es ist so weit. Der alte Franzose hat Sarah Schlosser gefunden. Zwei Mann beobachten ihr Haus.“
„Ich habe Verstanden. Wir ziehen Team sieben und acht zusammen. Du übernimmst das Kommando, Ben und ich sind auf dem Weg. Und Ariel… wir brachen die Schosser. Und zwar lebend!“
***

Diesmal lief es umgekehrt. Levi saß, auf zu der verabredeten Zeit, auf einer Parkbank, als sich Mike zu ihm setzte. Mit dabei war Dave Miller, Mikes Stellvertreter und bester Freund, den Mike mit Levi bekannt machte.
„Danke für eure Hilfe.“ Bedankte sich Mike bei Levi. „Eure Leute haben ganze Arbeit geleistet. Der vierte Scharfschütze war meinen Leuten tatsächlich entgangen.“
„Ich werde das Lob an Roni weitergeben. Sie hat ein wirklich geübtes Auge für Scharfschützen.“
„Was wollte die Fremdenlegion dort? Wusstet ihr von ihnen? Wenn ja, war es scheiße von euch, dass ihr uns nicht eigeweiht habt!“
„Nein, wir wussten zwar, dass die Söldnertruppe des alten Franzosen hier ist, doch wir wussten nicht, dass sie sich einmischen würde.“
„Der alte Franzose?!“ fragte Mike „WOW, ausgerechnet der alte Franzose… Was wisst ihr von ihm? Welches Ziel verfolgt seine Truppe?“
„Sie jagen Peter Stein!“
„Stein? Oh, dann war es der alte Franzose, der die halbe Stadt in die Luft gejagt hat! Jetzt raus mit der Sprache, ich habe auch alle Karten auf den Tisch gelegt!“
Während Levi Mike seine Erkenntnisse mit Mike und Dave teilte, zog sich ein doppelter Ring von Beobachtern um das kleine freistehende Haus immer enger zu.
***

Action

Der Montagmorgen war ein herrlicher Tag, wie eine große Familie saßen wir am Tisch und aßen unser Frühstück, sogar die kleine Fibi saß an Peters Seite und fühlte sich sichtlich wohl, als hätten wir sie adoptiert. Fransiska genoss den heißen Kaffee.
-Palimm- machte mein Smartphone und ich schaute mit einem Blick auf das Display und wollte es gerade weglegen, da erkannte ich ein Stichwort.
„Calypso“ stand da zu lesen und ich schaute Peter mit einem klaren Blick an, der sagte, „Ich muss dich jetzt sofort alleine sprechen!“
Aus seiner Tasche zog er sein Handy und meinte „Mist, unsere Dienstbesprechung hat begonnen – ihr findet alleine zurecht?“, dann waren wir beide draußen.
Wir verschwanden in einem kleinen Lagerraum und ich zog den Scrambler aus der Tasche, es summte kurz und dann war der Automat still.
„OK hör zu, meine Vertrauensperson hat Alarm ausgelöst, die überwachen deine beiden Mädels, du weißt, wen ich meine – diese Tote.“
Peter war still, schaute mich aber genauer an, denn er wusste genau, wer gemeint war.
„Haben wir den Tag Zeit, oder müssen wir beide einen Termin wahrnehmen?“ Fragte ich ihn.
„Lass uns nachsehen!“
Schnell waren wir bei Jessika, die erkannte, dass etwas nicht stimmt, und erklärte, dass unsere Anwesenheit heute nicht erforderlich wäre. Dann wünschte sie uns Glück. Peter stürmte los in sein Zimmer.
Jessika griff mich am Arm und sah mich durchdringend an. „Pass bitte auch auf ihn auf ja?“
Ich lächelte und nickte. „Aber klar doch Jessika, ich bring ihn dir heil und in einem Stück zurück.“
Wir verschwanden in einem der Dienstwagen, wechselten nach einer Weile gegen einen anderen Wagen und so ging es weiter. Dann endlich brachte ein SUV uns zu unseren „Gästen“. Drinnen bekamen wir ein kurze Einweisung, was Team acht gefunden hatte und dass da bereits zwei weitere Teams angesetzt wären.
Wir wurden am Waldrand abgesetzt und der Wagen verschwand wieder im Wald. Schon stand wieder ein SUV neben uns, die Tür ging auf und wir wurden aufgefordert einzusteigen. Drinnen bekamen wir eine Schutzausrüstung, wurden verkabelt und von vorne drehte sich ein älterer Mann in Schutzkleidung um. „Rasch Mischka, mein Pippchen, wir haben wenig Zeit.“
Während der Wagen im Dunkel des Waldes verschwand, sah ich Peters fragendes Gesicht.
„Danke Onkelchen – Nein Peter – du willst nicht wissen, wer das ist!“, und Dagan schaute kurz zu mir, dann zu Peter „Ich hoffe nur, er nennt mich jetzt nicht auch Onkel.“ Erneut lachte Peter auf.
Irgendwann hielt der Wagen und wir sammelten uns in einem provisorischen Camp, einer alten Scheune. Die Wände waren mit Tüchern und anderen Dingen abgedichtet, es zog nicht und auf dem Tisch hatte man eine große Displayrolle von 2 x 2 Meter ausgerollt, es flackerte im Windows nur kurz und dann waren auf der Rolle die Symbole zu erkennen.
Onkelchen sprach mit zwei älteren Soldaten, danach verschwand er in einem Panzerwagen. Die beiden älteren Soldaten kamen zum Tisch.
„Herhören – auch die beiden Gäste!
Wir sind jetzt hier im Camp, hier ist ein Beobachterteam, da vorne und hier sind unsere Abfänger, hier und hier Teams A und B. Das Haus ist genau hier und die beiden SP’s werden hier entlang spazieren. Wir erwarten den Übergriff auf die SP’s genau hier. Unsere Leute haben Helme mit rot-gelber Kennung und diese UV Marker. Jetzt zu den Aufgaben…“
Es folgte eine genaue Einweisung. Nach gut 30 Minuten war geklärt, dass ich nur eine Beobachterposition haben würde. Peter musste mit nach vorne, weil er die beiden Frauen eindeutig identifizieren konnte.
Letzte Funk- und Ausrüstungschecks erfolgten. So begaben wir uns an unsere Positionen und wir verschwanden im Dunkel des Waldes. Meine Position war ein Scharfschützenstand mit zwei Schützen den Beobachtern und zwei Spezialisten. Peter machte sich mit Gruppe 2 auf nach vorne. Gruppe 1 war auch unterwegs zum Ziel.
Mein zugewiesener Beobachter schaute mich länger an und sagte dann „Na klar, Angelface – so sieht man sich wieder, komm her, hier wartet eine Barrett light fifty auf dich,“ und er reichte mir eine M82A1. „Ich soll dich kurz einweisen, meinte Dagan. Kannst du überhaupt noch so gut schießen wie früher?“ Dabei grinste der Mann über sein Gesicht und wies mich ein.
Was dann folgte, war geplante Maßarbeit. Das Wäldchen war herrlich zur Erholung. Ein süßes kleines Häuschen stand an einer Wegkreuzung. Vor dem Haus lief eine offensichtlich junge Frau mit Hund zu einer anderen, ebenfalls jungen Frau, beide umarmten sich wie Freundinnen und wollten spazieren. Ein schwarzer Bus preschte vor und es sprangen drei dunkel gekleidete Männer heraus, die sich auf die Mädchen stürzten wollten. Der Hund sprang einen der Männer an und verbiss sich in ihn, es knallte mehrmals bei den Vermummten, der Hund jaulte kurz auf und die Angreifer wurden offenbar in Kopf und Brust getroffen und sanken zu Boden.
In das Fahrzeug schlugen noch ein paar Kugeln ein und schon rollte es seitlich gegen einen Baum. Als nächstes sprangen anders gefärbte Menschen aus dem Wald und wollten sich auf die Frauen stürzen, die am Boden liegend, Schutz gesucht hatten, diesmal wurden sie unsere Ziele. Wir schossen sie einfach nieder. Kurz präzise und ohne Skrupel.
Einer unserer Trupps sprang nach vorne und Peter war mit dabei, er hob kurz die Köpfe der Frauen und gab ein Zeichen, schon setzte sich der Trupp zurück. Wieder tauchten einige der wie anfangs gekleidete Leute auf und versanken schnell mit roten Spritzern in Brust und Kopf im Gras oder Laub.
An Peters Stirn erschien ein zitternder roter Fleck, wurde ruhiger, zuckte zu Boden, dann erlosch er einfach. Aus einem der Bäume knackte es, da fiel ein dunkles Etwas mit langem Gewehr zu Boden und alles war vorbei.
Die Getöteten wurden beseitigt, das dunkle Etwas verstaut, die Spuren verwischt und das Haus kurz überprüft. Das gepanzerte Fahrzeug von Onkelchen preschte hervor und nahm die beiden Frauen, Peter und zwei der Soldaten auf und weg waren sie. Die Abschlussbesprechung fand in einem richtigen Zug statt, zwei ganze Abteile nur für uns. Der Leiter berichtete Onkelchen was geschehen war, wer zu Schaden kam und dass das Ziel erreicht wurde.
Dann sagte der etwas Jüngere der hoch dekorierten Soldaten zu Peter „Hey – hast du schon auf deinen Geburtstag angestoßen? Du warst heute fast tot und wurdest gerettet!“
Peter schaute in die Reihe und sie hoben ihre Gläser auf ihn an, dann zeigte Onkelchen auf mich und meinte, “ Meine Mischka hat den Sniper erledigt, der dich fast ausgeknipst hätte – sei lieb zu ihr ja?“ Wieder stießen die Leute an und der Zug verschwand in einem Tunnel.
Als wir wieder unter uns waren und zurückfuhren, schaute ich Peter lange an, lächelte und fragte „Wer waren diese beiden Frauen, waren die so wichtig, dass sich all die anderen da einmischen mussten?“
Peter schaute mich lange an, nahm mich in den Arm und küsste mich. „Das ist für den Sniper, den du erledigt hast – Superschuss und ja, die beiden waren sehr wichtig und werden uns das bestimmt nochmal beweisen!“
***

Der Termin

„Geschriebene Worte auf Papier? Hat dir schon Mal jemand gesagt, dass du ein Dinosaurier bist?“ Fragte mich Randy.
„Es ist dir vielleicht entgangen Bad-Man, aber heutzutage gibt es E-Mail, Threema, WhatsApp, SMS, Handys…“
„Tu es einfach. OK?“
„Schon in Ordnung. Ich setzte es, als Punkt einhundertvierundzwanzig auf meine, du schuldest mir einen Gefallen-Liste.“
Randy machte sich, mit einem Brief von mir, auf zum Falkensteiner Hotel. Da die Israelische Botschaft in Berlin war, musste mein Brief anders zu Ziel gelangen. Ich hatte einen Zettel mit einem einzigen Satz geschrieben.
-Ich muss mit Onkelchen reden.- Ich hatte den Zettel schon in einem Umschlag, als ich es mir Überlegte und einen weiteren Satz dazu schrieb. P.S. …
Randy machte sich auf den Weg und ich setzte mich in mein Büro. Noch immer, mit leicht zittriger Hand, goss ich mir einen großen Whiskey aus. Scheiße, den hatte ich mir verdient!
Vor meinem inneren Auge lief der Einsatz zum hundertsten Mal ab.
Unsere Deckung, Caroline und der andere Scharfschütze, hatten Vera und Sarah den Rücken freigehalten, bis wir eingreifen konnten. Die Kugeln sausten mir um die Ohren, aber das war mir total egal. Ich hatte nur Angst um Vera und Sarah und rannte zu den beiden, die am Boden lagen und sich so klein machten, wie sie konnten.
„Haltet die Köpfe unten!“ Schrie ich sie an, als Sarah schauen wollte, was um sie herum geschah.
„Peter! Was geschieht hier?“ Fragte sie entsetzt.
„Jemand will euch umlegen!“ Ich ließ mich neben Vera fallen, hielt die Waffe im Anschlag und suchte nach einem Ziel.
„Darauf wären wir sicher auch ohne dich gekommen.“ Meinte Vera sarkastisch, als Kugeln neben ihr einschlugen. Unwillkürlich musste ich grinsen. Das war meine Vera.
„Ja, und jetzt rate mal, wer das ist. Genau, Beates Freund aus alten Tagen.“
Aus dem Gebüsch stürmten maskierte Männer auf uns zu. In der Einweisung hatte man mir gesagt, dass alles, was aus dieser Richtung kommen würde der Feind war, also schoss ich auf alles was sich dort bewegte und bei jedem Treffer dankte ich Decker, für seine Hartnäckigkeit mich bei den Übungen anzuschreien, mir mehr Mühe zu geben.
Der gepanzerte Wagen preschte vor, ich packte Vera und Sarah und zog sie zum Auto. Einige meiner unbekannten Mitstreiter halfen mir, recht unsanft, Vera und Sarah in das Wageninnere zu verfrachten.
„PETER!“ Schrie Vera bevor die Tür zugeschlagen wurde.
„Hört zu! Das hier sind die guten Jungs!“ –das hoffte ich zumindest.- „Tut einfach was sie sagen! Ich komme zu euch, sobald ich kann.“
Und schon war die Tür zu und das Auto brauste los.
Das Schießen hatte aufgehört und ich konnte mindestens vier Tote erkennen, die vor uns im Gras lagen.
„Komm her, mein Freund.“ Rief mein Teamführer und winkte mich zu sich.
„Sind unsere Leute Ok?“ Wollte ich wissen.
„Ja, nur ein paar leichte Verletzungen.“
Plötzlich fiel 100 Meter entfernt ein weiterer Mann aus einer Baumkrone heraus und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden.
„Keiner von uns.“ Meinte der Teamführer. „Los, wir müssen hier weg!“
Zusammen liefen wir zum Sammelpunkt. Die 5 Mann „meines“ Trupps sowie das Team, welches uns Deckung gegeben hatte, trafen sich zur Nachbesprechung in dem Camp, während ein Team das Gelände sicherte, und ein viertes Team die Leichen aufsammelte. Und erst jetzt, wurde mir das ganze Ausmaß des Einsatzes bewusst.
Da standen 10 fremde Leute, allesamt sicher Agenten, um mich herum, die Caroline einfach so zu akzeptieren schienen! Nein sie akzeptierten sie nicht! Sie gehörte dazu!
– Hier läuft gerade eine riesengroße Nummer. – hämmerte es in meinem Kopf. Einerseits, war es gut zu wissen, dass eine solche Truppe auf Vera und Sarah wachte, anderseits machte es mich vorsichtig! Was für ein Interesse hatten diese Leute an Vera und Sarah?
Später in einem richtigen Zug ging die Besprechung weiter.
Das Team hatte, wie mein Teamführer gesagte hatte, keine Verluste und es gab nur zwei Leichtverletzte.
„Hier Geburtstagskind.“ Mein Teamführer gab mir ein Glas Whiskey. Als er mich aufklärte, dass ein Scharfschütze auf mich schießen wollte, schaute ich meine Lebensretterin an. Sie strahlte mich mit ihren Augen an. Es lag aber auch eine Frage in diesen wunderschönen Augen.
-Du musst ihr die Wahrheit sagen! – Hämmerte meine Gedanken auf mich ein. Ein Zurück gab es nicht mehr! Doch was dann?
Ich hob mein Glas.
„Ich danke euch allen. Falls ihr mal meine Hilfe braucht, ich werde da sein.“
Alle lachten und prosteten mir zu.
Irgendwie beschlich mich der Gedanke, dass der Tag an dem ich dieses Versprechen einlösen musste, nicht allzu weit entfernt war.
***

Als wir zurück waren und das Adrenalin abgebaut war, begann das Nachdenken. Ich hatte mich in mein Büro verzogen und grübelte nach. Dabei versuchte ich die Lage zu analysieren, und herauszufinden wer und warum sich für Vera und Sarah interessierte. Sarah? Vera? Nein! Sie interessierten sich für Beate!
Ich wusste, dass das Team, welches geholfen hatte, meine Frauen zu schützen, Israelis waren, doch warum überwachten sie Vera und Sarah? Wer war Onkelchen? Welches Interesse hatten die Israelis an meinen Frauen? Es gab nur einen, der mir diese Fragen beantworten konnte. Onkelchen! Das brachte mich zu der Frage, was wusste Caroline? Sie stand mit Onkelchen in Kontakt. Was hatte er ihr erzählt? Tausend Fragen.
Es gab also nur einen Weg, dass herauszufinden. Ich musste mit ihm reden! Doch wollte er das auch? Also schrieb ich den Zettel mit den beiden Sätzen und Randy brachte ihn zum Falkensteiner Hotel, da waren auch die Israelis zu finden.
Drei Stunden später läutete das Telefon auf meinem Schreibtisch. Rufnummer unbekannt, stand im Display. Ich hob ab und Onkelchens Stimme erklang.
„Bushaltestelle Schillerstraße. In 30 Minuten.“ Schon war das Gespräch beendet. Ich legte auf, sagte Jessika, dass ich wegmusste und Caroline die Hinrichtung um 17 Uhr übernehmen sollte.
Pünktlich, eine halbe Stunde später, stand ich an der Bushaltestelle der Schillerstraße und wartete. Ein Taxi kam und hielt direkt vor mir. Onkelchen saß im Fond und öffnete die Scheibe. Aus dem Wagen heraus, sah er mich an.
„Bevor sie einsteigen, der zweite Satz ihrer Nachricht, sagen sie mir ins Gesicht, dass es die Wahrheit ist!“
„Es ist die Wahrheit!“
Er schaute mich lange und durchdringend an, dann öffnete er die Tür und ließ mich einsteigen. Außer ihm und dem Fahrer saß noch ein weiterer Mann auf dem Beifahrersitz, der mich kurz mit einem Gerät abtastete und dann zufrieden den Kopf schüttelte.
„Also mein Freund, wie kann ich ihnen helfen?“ Fragte mich mein neuer Onkel.
„Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Vera und Sarah bedeuten mir überaus viel und ich bin ihnen für ihre Rettung sehr dankbar. Aber ich muss wissen, was vorgeht. Sie haben Vera und Sarah überwacht. Warum?“
Onkelchen lachte leise.
„Mein Freund, sie sind ein guter Henker, vielleicht sogar ein guter Mensch, aber ein blutiger Amateur, was unser Geschäft betrifft. Sie haben doch sicher eine Vermutung.“
„Es geht um Beate. Soviel weiß ich schon. Trommer ist hinter ihr her und will sie aus dem Weg haben. Aber warum interessiert sie das?“
„Sie haben Recht. Frau Müller interessiert uns nur insoweit, dass sie die Lebenspartnerin von Frau Schlosser ist, oder sollte ich Frau Fischer sagen? Als sie beschlossen hatten Beate nicht hinzurichten, haben sie einen kleinen Schneeball geworfen, der mittlerweile zu einer gewaltigen Lawine geworden ist. Wir beobachten ihren Freund Trommer schon eine ganze Weile. Schon vor Jahren wurde uns klar, dass dieser Mann ein politisches Amt anstrebt. Wir haben damals ein psychologisches Profil angefertigt. Trommer, so schien es damals, war ein Glücksfall. Seine außenpolitischen Ansichten waren neutral, um nicht zu sagen hervorragend, hart und gleichzeitig klug genug um reale Politik machen zu können. Sein Aufstieg war beispiellos. Die Leute lieben ihn und er versteht nur allzu gut, diese Beliebtheit zu nutzen.
Dann plötzlich hat sich sein Verhalten schlagartig geändert. Wir haben lange gerätselt, was der Auslöser dazu war. Schließlich stießen wir auf den Fischer-Prozess. Er hatte den Fehler begangen, sich mit Petra Strass einzulassen. Als er merkte, dass die Strass seine Karriere beenden könnte, begann er systematisch alle Personen aus seinem Umfeld zu entfernen, die davon wussten. Erst wurden alle Mitarbeiter seiner Abteilung nach und nach versetzt oder kamen um. Dann als er Generalstaatsanwalt war, wurden die Gerichte die mit dem Fischer-Fall betraut waren umgebildet. Was aus Frau Strass wurde, wissen sie selber am besten. Danach schien Ruhe einzukehren. Doch Trommer begann zu glauben, dass man ein Komplott gegen ihn schmiedet. Das nächste Opfer war Beates Verteidiger. Er kam bei einem Autounfall ums Leben und es folgten noch ein weitere „Unfälle“.
Er vermutet, dass sie ihn im seine wohlverdienten Lorbeeren bringen wollen und eine Verschwörung gegen ihn anzetteln. Doch genauso wenig, wie sie mit dem Finger auf ihn zeigen können, ohne das Geheimnis von Frau Fischer ans Licht zu bringen, kann er sie öffentlich anklagen, ohne einen Beweis, dass sie eine verurteilte Mörderin geschont haben.“
„Die getöteten Ex-Häftlinge!“
„Sie haben es erfasst. Alle wurden von denselben Söldnern ausfindig gemacht und die ihre beiden Frauen entführen sollten. Die ehemaligen Häftlinge wurden gefoltert, um herauszubekommen was mit Frau Fischer geschehen ist und ob einer von ihnen geholfen hat, sie entkommen zu lassen. Ich gehe doch davon aus, dass sie selbst alle Spuren die zu Frau Fischer führen, beseitigt haben.“
Ich schwieg.
„Oder?“ Fragte er nach.
„Nein, es gibt eine Spur. Luise Treiz. Sie hat Sarahs Legende geliefert.“
„Und dann haben sie die Frau am Leben gelassen?“ Fragte Dagan entgeistert.
„JA, natürlich! Wir hatten einen Deal! Die Legende für eine Verlegung in eine Freigänger Einrichtung und ich halte mein Wort! Mittlerweile wurde sie entlassen.
„Mein Freund, sie sind zu weich, für dieses Gewerbe. Nun gut, wir werden uns um Frau Treiz kümmern.“
Wie sich dieses „um sie kümmern“ gestalten würde, beschrieb Dagan jedoch nicht.
„Das alles beantwortet aber noch nicht meine Frage.“
„Beantworten sie die Frage selber. Was geschieht, wenn Trommer es schaffen sollte an die Macht zu kommen?“
Dazu konnte ich nichts sagen. Bis vor wenigen Monaten, wäre ich von dieser Aussicht hoch erfreut gewesen. Ein Mann der sich einmischte, und aufräumen würde, der… genau wie alle anderen nur an sich selber und die Macht dachte! Shit.
„Sie wissen das alles und lassen ihn weiter machen?“
„Natürlich, so lange nicht unsere Sicherheit bedroht ist, mischen wir uns nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ein.“
„Wenn das so ist, warum helfen sie Beate dann?“
„Sollte es sich als notwendig erweisen, Trommer zu stoppen, dann ist Beate Fischer die Einzige die dazu in der Lage ist. Sie ist sein einziger Stolperstein.“
„Wo sind die beiden jetzt?“
„In Sicherheit.“
Die Art wie er es sagte, ließ keine Nachfrage zu.
„Sehen sie es so, ich habe zwei Frauen die ihnen sehr viel bedeuten und sie haben eine, die mir sehr viel bedeutet. Wir sollten einander vertrauen.“
Vertrauen? Ein so blutiger Anfänger, war ich dann doch nicht, um ernsthaft zu glauben, dass mir dieser Mann vertraute. Als er mein Gesicht sah, lachte Dagan herzlich.
„Sie lernen schnell, mein Freund. Ihr Freund Trommer hat eine ganze Armee Söldner auf sie angesetzt. Seien sie vorsichtig.“
„Weiß Caroline über Beate Bescheid?“
„Nein. Sie weiß nur, dass die Frau ihnen und mir wichtig ist. Allerdings… Sie ist klug und gewitzt. Ich würde nicht darauf wetten, dass keine Ahnung hat. Dennoch, es wäre ihr Job, Caroline reinen Wein einzuschenken. Besonders im Hinblick auf den zweiten Satz ihrer Nachricht.“
Das Taxi hielt wieder an der Bushaltestelle, Schillerstraße. Als ich auf der Straße stand öffnete Dagan das Fenster erneut.
„Was das Postskriptum ihrer Nachricht angeht… Mir liegt sehr viel an Caroline. Passen sie auf sie auf! Besonders auf ihr Herz. Sollten sie es jemals brechen, leg ich sie persönlich um!“
Mit diesen Worten gab der Fahrer Gas und das Taxi verschwand um die Ecke. Wenigstens wusste ich jetzt halbwegs Bescheid. Das Beruhigende war, dass Vera und Sarah vorerst in Sicherheit waren. Vorerst! Denn eines hatte ich gerade gelernt, sollte es erforderlich sein, Vera und Sarah zu opfern, würde Onkelchen keine Sekunde zögern. Leider waren meine Alternativen sehr beschränkt. Ohne Dagans Truppe wären die beiden jetzt tot, oder zumindest in der Hand von Trommers Folterknechten.
-Du musst Trommer zur Strecke bringen.- Das wurde mir immer klarer. Aber wie? Das war die Frage aller Fragen…
***

21 Km entfernt, tobte Trommer als Auftraggeber des alten Franzosen und schrie diesen, wegen seiner Unfähigkeit an. Dieser saß mit ungerührter Miene da und ließ Trommer reden. Schließlich, als sich sein Auftraggeber beruhigt hatte, sagte er ganz sachlich:
„Wie sie sich erinnern, habe ich ihnen von dem übereilten Zugriff abgeraten. Zu einem mussten wir wegen der Zeitnot, zweitklassiges Personal beschaffen, zum anderen haben wir damit lediglich die Gegenseite aufgeschreckt. Wir hätten bei der Spur mit den Verbrechen bleiben sollen, bis wir einen Hieb und stichfesten Beweis über den Verbleib von Frau Fischer haben.
Jetzt ist sie untergetaucht. Selbst meine Kontakte können zurzeit nicht sagen, wo sie sich aufhält. Jetzt müssen wir von vorne beginnen. Ganz zu schweigen, dass sich ein fremder Geheimdienst der beiden Frauen bemächtigt hat. Eine Entwicklung, die uns völlig unvorbereitet getroffen hat.“
„Wie viele Verbrecher stehen noch auf der Liste?“
„Acht.“
Trommer rieb sich die Stirn. Verdammt, das hatte er sich leichter vorgestellt. Selbst durch den Nebel von Wut, der seinen Blick trübte, wusste er, dass der Söldner die Wahrheit sagte. Der alte Franzose hatte ihn gewarnt.
„Gut, machen sie weiter. Irgendwann müssen wir einen Hinweis finden.“
„Ganz wie sie wünschen Monsieur. Im Übrigen hat der Tod der Journalistin, etwas Staub aufgewirbelt, wie sollen wir in dieser Hinsicht verfahren?“
„Sollte es notwendig sein, weitere Schnüffler dieser Art zu beseitigen, tun sie es. Nur gehen sie diskreter vor, als das letzte Mal.“
„Was ist mit Frau Haufberger? Sie scheint ebenfalls in dieser Sache zu ermitteln.“
Trommer überlegte kurz und traf eine Entscheidung.
„Das gilt auch für Frau Haufberger.“
***

Ein neuer Status

„Wo bist du gewesen?“ Fragte Caroline, als ich ins Büro zurückkam.
„Ich habe mit deinem Onkelchen geredet.“
„Nein, hast du nicht…“ lachte sie. Doch dann sah sie mir in die Augen. „Wie zum Teufel hast du das geschafft? Er trifft sich niemals mit…“ und sie biss sich auf die Lippe.
„Mit Leuten wie mir? War ganz einfach, ich habe ihm einen Zettel geschrieben. Den hat Randy im Falkensteiner Hotel abgegeben.
„Sicher, einen Zettel.“ Amüsierte sie sich. „Und was hast du ihm geschrieben?“
„Nur dass ich mit ihm reden muss…. Und dass ich die liebe.“
Caroline starrte mich an mich mit großen Augen an.
„Du hast was?“ Flüsterte sie.
Oh, der Tonfall ließ nichts Gutes erahnen, doch jetzt gab es kein Zurück mehr!
Ich schloss die Bürotür und trat vor sie. Funkelten diese Augen vor Freude? Ich hoffte es zumindest, dennoch beschlich mich ein ungutes Gefühl.
„Ich habe genau das geschrieben, was ich fühle.“ Ich blickte mich kurz um und überlegte, ob ich sicherheitshalber alle spitzen Gegenstände entfernen sollte, solange Caroline mich nur anstarrte. Doch dann hatte sie sich wieder im Griff. Sie hatte ihren Eispanzer wieder angelegt und sah mich kühl, ja fast schon böse an.
„Und? Über was habt ihr geredet?“ Fragte sie mit versteinerter Miene.
„Über die beiden Frauen, die wir gerettet haben. Er meinte es liege nun an mir, dir zu vertrauen und die Wahrheit zu sagen.“
Caroline lacht trocken auf und ging kopfschüttelnd zum Schreibtisch.
„Die Wahrheit?“ Fauchte sie mich an. „Die kenne ich schon, seit ich zum ersten Mal hier drinnen war.“
Sie nahm das Bild mit Vera und Sarah vom Schreibtisch und hielt es mir entgegen.
„Sie trägt farbige Kontaktlinsen, damit man die grünen Augen nicht sieht, die Haare sind gefärbt und sie versucht, ihr Gesicht durch schminken anders wirken zu lassen. Sie ist gut darin, sich zu verstellen, dennoch… die Frau auf dem Bild ist Beate Fischer! So viel zum Thema Vertrauen.“
Sie stellte das Bild wieder hin, drehte sich um und wandte mir den Rücken zu.
Ich schwieg. Sie wusste es! Sie wusste alles! Sie wusste es und sie hatte mich nicht ans Messer geliefert. Plötzlich kam ich mir mies vor, ihr nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt und vertraut zu haben. Ich fühlte mich innerlich gerade so richtig mies.
Sie fuhr herum und funkelte mich wütend an. „Wir haben Waffenstillstand, nicht mehr und nicht weniger, aber solange er dauert, wird dein Geheimnis bei mir sicher sein.“
„Und dann?“
„Das werden wir sehen, wenn es so weit ist.“ Ihre Stimme klang eiskalt. Ich wusste, dass sie es genauso meinte, wie sie es sagte.
„Hör zu, egal wie die Sache ausgeht, meinen Kopf kannst du haben, aber nicht ihren. Den bekommst du nur über meine Leiche.“
„Das wäre kein allzu großes Hindernis.“ Meinte sie dazu bissig.
Dazu hatte ich nichts mehr zu sagen. Tiefe Trauer breitete sich in mir aus. War etwa schon alles vorbei?
„Hat mein Onkel sonst noch etwas gesagt?“
„Nur das er mich persönlich umlegt, wenn ich dein Herz breche. Sieht so aus, als ob du dich beeilen musst, wenn du mich umlegen willst. Er könnte dir sonst zuvorkommen.“
Jetzt musste Caroline lachen.
„Mein Herz brechen? Da musst du erst mal rankommen.“
Wieder stellte ich mich vor sie und wagte es, meine Arme auf ihre Hüfte zu legen. „Ich würde es gerne versuchen.“ Sagte ich ehrlich und sah ihr in die Augen.
Caroline schaute mich lange an. „Dass du mir nicht vertraut hast, nehme ich dir übel, aber ich werde versuchen, es dir nicht allzu schwer zu machen.“
Sie trat auf mich zu und ich wagte es sie fest in den Arm zu nehmen. Während sie sich fest gegen mich drückte, nahm ich ihre Wärme wahr, ihr herrlicher Geruch. Ich spüre ihren Atem und jede Faser ihres Körpers, der sich gegen mich presste.
„Weißt du, das ist schon Mal kein schlechter Anfang.“ Sagte sie. „Lektion eins. Vertrauen. Ich zeig dir einmal, wie das geht. Also, ich gebe dir ein Versprechen. Egal wie die Sache mit uns beiden ausgeht, ich werde Sarah nicht ans Messer liefern…“
Bevor ich etwas sagen konnte, flog die Tür ging auf und Fransiska stürmte herein.
„Störe ich? Wen liefest du nicht ans Messer?“
Caroline nahm Fransiska lächelnd in Empfang und küsste sie, „Das war eben dienstlich.“ Aber Fransiska hatte bereits wieder andere Dinge im Kopf.
„Wart ihr heute schon essen? Ich habe da einen tollen neuen Inder aufgetan aus Bangalore. Der hat sein Geschäft in der Eisenbahnstraße aufgemacht – na los, kommt mit.“
Wir machten uns also auf zu dem neuen Inder und der Abend wurde schön.
***

Nach Peters Besuch

„Danke, dass Sie so schnell kommen konnten, lassen sie uns gleich beginnen.“ Damit begann Dagan seine Besprechung. Das Partyschiff tuckerte langsam über den großen See und drinnen wurden die Pläne für die bevorstehenden Aktionen durchgesprochen. Die Besprechung war recht leise, es wurden Fakten getauscht und allerlei Bildmaterial angesehen. Unterbrochen wurde sie nur von zwei kurzen Pausen.
An Deck standen mehrere Menschen und betrachteten die Umgebung mit ihren Ferngläsern. Im Inneren wurden einige Bildschirme genau im Auge betrachtet. Der rechte Screen zeigte eine Luftaufnahme des Partyschiffs. Offensichtlich war hier etwas größeres am Laufen.
„Lassen Sie mich also zusammenfassen, wir sorgen für die passende Luftaufklärung, das macht Anagoli mit seinem Team. Die neue Zentrale stellt Team 1 auf und Team 2 sorgt für die Sache mit dem Strom und die Ablenkung. Ich bin mit den Teams 3 und 4 bereit und wir klären das mit dem Amis. Team 5 beschützt die SP’s. Soweit das lokale. Munai sorgt in Darmstadt für die Ablenkung und das Aufräumen erledigt diesmal Team 6. Noch Fragen?“
Die wenigen Fragen wurden rasch geklärt, dann war die Besprechung auch bereits vorbei. Noch am gleichen Abend verschwanden die Teilnehmer und begannen eine unglaubliche Aktion vorzubereiten.
***
Einen Tag später, auf dem Luftwaffenstützpunkt und Erprobungszentrum in Manching/Bayern.
Im Testzentrum für Drohnen stand die neue Global Hawk aus den USA, Rufzeichen Sperber 1. Nach einigen Problemen mit Genehmigungen sollte die jetzt doch eingesetzt und getestet werden. Mehrere Techniker und Ingenieure arbeiteten an der Maschine. Die Halle war von Sicherheitsleuten bewacht, jeder der hier herein wollte musste sich an zwei Schleusen überprüfen lassen. Ein neuer Techniker in Firmenkleidung und den höchsten Freigabemarken war bereits seit einer Stunde am Arbeiten und schraubte an der Elektronik herum. Er platzierte ein kleines Smartphone großes Gerät, gut versteckt, hinter einem der Elektronikkästen, schloss es an die Energiezufuhr an und verschwand in die Mittagspause.
Bei dem folgenden Triebwerkstest im Triebwerkstand stellte der verantwortliche Ingenieur eine Minderleistung von 45 Watt fest. Da seine Vorschriften erst ab 50 Watt festlegten, was zu tun war, gab er die Maschine frei und unterschrieb den Prüfschein. Weitere Prüfscheine kamen dazu und letztendlich hatte „Sperber 1“ die Einsatzfreigabe. Die Amerikaner überprüften nur noch, ob alle Bescheinigungen in den beiden Ordnern waren und hakten dann eine lange Checkliste ab. Der Aufklärer war soweit und wurde zurück an die Bundesluftwaffe übergeben.
Doch im Innern der Drohne pochte bereits das Herz eines Trojaners, der nur darauf wartete, losgelassen zu werden.
***

Ein paar Tage später in einer verrauchten Kneipe unterhielten sich einige Russen und zwei deutsche Waffenschieber über den Kaufpreis einer bestimmten Ware.
Schließlich wurde man sich einig und beide Seiten waren zufrieden. Auf dem Parkplatz hinter der Kneipe traf man sich wieder. Die Russen nahmen das Geld und die beiden Deutschen luden vier längliche Tornister mit der russischen Aufschrift 9K34 STRELA-3 in einen SUV ein und verschwanden Richtung Autobahn.
Auf der langen Autobahnfahrt gab es nur ein Gesprächsthema bei den Schiebern „Was zum Teufel will der verrückte Ami mit den SA-14 Gremlin Raketen, die sind wie die Stinger Raketen nur etwas moderner und stärker, was will der Ami damit?“
„Offenbar will der jemand oder etwas ausradieren, diese Dinger sind Infrarot und auch mittels Handsteuerung zu bedienen, wer so etwas kauft, der will auf Nummer sicher gehen.“
***

In einem unwichtigen Büro in Wiesbaden saß ein kleiner Unterabteilungsleiter und brütete über einigen Informationen, die seine Agenten im eiligst übertragen hatten. Er stutzte kurz und warf seinen Bleistift weg, dann brüllte er nur „Verdammt noch mal, holt mir Tschaikowski aus dem Bett aber sofort!“
Eine Stunde später war der Konferenzraum III gefüllt. Der Unterabteilungsleiter berichtete seinem BKA Abteilungsleiter Tschaikowski von seinem Fund „… und hier hat der Kauf von den vier SA-14 Raketen stattgefunden und die sind im Land geblieben, definitiv haben die das Land nicht mehr verlassen, da will es jemand mal so richtig krachen lassen und dieser Jemand ist hier im Lande unterwegs.“
Tschaikowski nahm sich der Sache an, er prüfte die Belege nochmals genau. Peinlich genau hatte sein Mann das alles zusammengetragen und es stimmte offenbar. Also versah er die Akte mit einem neuen Aufkleber: Auf dem Deckblatt prangte jetzt aber ein gelber Aufkleber: „EILT – Gefahr im Verzug“ Dann gab er die Akte eine Abteilung weiter zur sofortigen Bearbeitung. Dort begannen emsige Bienchen sofort mit ihrer Arbeit.
***

Etwa zur gleichen Zeit, jenseits des Atlantiks, in einem verrauchten aber vollklimatisierten Büro in Langley Virginia sprang ein hagerer, älterer Mann aus seinem bequemen Bürostuhl. „Bullshit! Bullshit! Wieso erfahre ich erst jetzt, dass da einer unserer ehemaligen Vizedirektoren in Western Germany einen Kleinkrieg begonnen hat. Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Das müsst ihr mir doch melden, ich sollte euch alle nach Alaska zum Schneeballzählen versetzen …“
„Direktor Sie bellen den falschen Baum an, wir haben das dem Sicherheitsrat vor drei Monaten gemeldet und der …“
„Shut up – Sorry aber das könnt ihr doch nicht so machen! Egal, jetzt ist der Ball im Spiel und wir müssen handeln. Ich will in vier Stunden die Leiter der Abteilungen 1 und 2 sowie den neuen Wadenbeißer der internen Sicherheit Europa, wie heißt der noch? Ah ja danke Poklani. Ja alle in vier Stunden zur Einsatzbesprechung, und zwar pünktlich!“
***

Nach unserem Essen bei dem neuen Inder schlenderten wir noch etwas über die schöne Promenade. Unsere Begleiter tarnten sich wie immer so gut, dass sie uns sofort auffielen, sogar Fransiska hatte mittlerweile ein Gefühl dafür entwickelt die Leute zu erkennen. Rechts Peter im Arm und links Fransiska im Arm, so kamen wir zum Wagen und beschlossen den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Fransiska hatte wieder dieses lüsterne Gesicht aufgesetzt und zog Peter zu sich in den Wagen, dann brausen wir los.
Fransiska nahm ihr Smartphone aus der Tasche. „Ok, ich rufe nur noch schnell meinen Kontakt an, dass ich heute Abend nicht kann.“ Sie rief eine Nummer an und sprach dabei recht leise und versprach sich wider zu melden. „Alles in Ordnung. Wir können gehen.“ Wie immer hatte unsere treue Fibi alles bestens vorbereitet und es wurde ein herrlicher Abend und eine sehr befriedigende Nacht für uns alle.
***

21Km entfernt rief der Franzose sein Team zurück. „Die Zielperson hat den Termin abgesagt. Alles einrücken.“ -Glück gehabt Frau Haufberger.- Seinem Auftraggeber würde das sicher nicht gefallen.
***

„Kaffee?“ Fragte Jessica.
„Oh ja, danke.“ Caroline goss sich auch eine große Tasse aus und reichte die Kanne an mich weiter. „Hört mal ihr zwei, es ist toll dass ihr euch jetzt mögt und euch die Zeit miteinander vertreibt, aber irgendwie lässt ihr die Arbeit hier etwas schleifen. Die Aktenberge werden immer größer, die Anfragen stapeln sich und Peter hat noch drei Stellungnahmen zu schreiben.“
Ich grinste Caroline lüstern an. –Die Zeit miteinander Vertreiben.- Ja getrieben hatten wir es, seit unserer Aussprache öfter. Seit ich Caroline meine Gefühle offengelegt und sie mich nicht zurückgewiesen hatte, war die Welt mehr als in Ordnung. Zwar waren noch immer mehrere Killertrupps auf unseren Fährten, doch, pfeif drauf, zumindest würde ich glücklich sterben. Wissenschaftler sagen, dass dieses Verliebt-sein-Gefühl, mit all seinen Schmetterlingen drei Monate anhält. Ich hoffte, dass sich unser Problem bis dahin entweder gelöst, oder ich tot war.
Jedenfalls traf uns Jessicas Tadel nicht ganz zu Unrecht. Der Berg auf meinem Schreibtisch wurde tatsächlich größer.
„Ich verspreche, dass wir das Büro heute nicht verlassen, bis der Berg da, halb so hoch ist.“
„Danke. Verliebte Menschen sind schrecklich.“ Und bevor Caroline etwas sagen konnte, sah Jessica sie an. „Ja, das gilt auch für dich.“
„Also gut, dann mal ran an den Berg.“
„Was hast du vor?“
„Nun, genau das was ich Jessika versprochen habe, ich werde mich dem Berg da widmen.“ Dann wanderten meine Augen zu Carolines Dekolleté, „Oder besser gesagt, den Bergen darin.“
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du sexbesessen bist?“
„Ja, das und schwanzgesteuert soll ich angeblich auch sein.“
„Schwanzgesteuert? Wer behauptet denn sowas?“ Ihre Hand rutschte über mein Bein nach oben und ertastete etwas Hartes… Auch meine Hand schob sich zwischen ihre Beine zum Inneren ihres Schritts. Die Jeans war so heiß, dass ich dachte, sie würde gleich in Flammen ausgehen.
„MMM“ erklang es leise.
„Wollt ihr jetzt noch Kaf…“ Jessica stand da. „Ich sag es ja. Schrecklich!“ Sie drehte sich um und warf die Tür hinter sich zu. Wir brachen in Lachen aus.
„Also gut, lass uns wirklich an die Arbeit, der Rest muss warten.“ Meinte sie. Wir befassten uns wieder mit den Aktenbergen auf den Schreibtischen, zumindest bis es Mittag war.
„Kantine oder auswärts?“ Fragte ich meine neue Liebe.
„Vielleicht der kleine Italiener?“
„Ok. Ich mag Pasta.“
„Soll ich Fransiska fragen, ob sie mitkommt? Dann können wir sie fragen, ob sie heute Abend Lust hat mitzumachen.“
„Tolle Idee. Los, ruf sie an.“
Caroline schnappte ihr Handy und rief Fransiska an.
„Sie trifft uns dort.“ Teilte sie mir im Anschluss mit, als das Gespräch beendet war. „Ich hoffe, du schaffst zwei Frauen.
„Oh, keine Sorge, ich bin noch in Übung.“
***

Hand in Hand spazierten wir durch die Fußgängerzone zu dem kleinen Restaurant. Ich fragte mich, welches Bild wir unseren Bewachern wohl baten. Zwei auf die Jagd gemacht wurde, spazieren verliebt Hand in Hand durch die Straßen. Im Restaurant wollte ich einen Tisch ganz hinten nehmen, doch Caroline suchte sich einen mitten im Raum aus.
„So kann uns keiner überraschen und wir haben Platz zu reagieren.“ Belehrte sie mich. Zum Glück legte das verliebt sein nicht auch Carolines Hirn lahm.
Kurze Zeit später erschien Fransiska.
„Hallo ihr lieben. Stellt euch vor, einer meiner Bekannten bei der Polizei, hat mich in Melissas Wohnung gelassen. Ich habe ein paar ihrer Recherchen gefunden.“
Sie sah mich an. „Wusstest du, dass alle Verbrecher, die umgebracht wurden, hier im Gefängnis saßen?“
Mir wurde etwas mulmig. Klar wusste ich das, nur konnte ich ihr das nicht sagen. „Ich habe nicht alle Namen im Kopf, aber irgendwann haben die doch alle mal gesessen.“ Versuchte ich abzulenken.
„Mein journalistischer Scharfsinn sagt mir, dass du mir etwas verheimlichst.“
-Ja dein Liebhaber hat sie foltern und umbringen lassen.- Ich sag Caroline hilfesuchend an und Caroline kam mir zu Hilfe.
„Mir wäre es lieber, du würdest diese Arbeit der Polizei überlassen, ich habe Angst um dich. Diejenigen die dafür verantwortlich sind, haben gezeigt, dass sie über Leichen gehen.“
„Bist du verrückt, das ist die Story. Wenn die Prozesse vorbei sind, wird das sicher der Aufreger sein. Selbstjustiz in der City… Unbekannte richten Verbrecher hin.“
So unbekannt ist der Täter gar nicht, aber ich beschloss, besser das Thema zu wechseln.
„Wir haben da eine kleine Überraschung für dich, falls du heute Abend noch nichts vorhast.“
Caroline nahm Fransiskas Hand. „Unser Spiel neulich zu dritt, hat uns beiden gut gefallen und wir wollten dich fragen, ob du heute Nacht vielleicht wieder…“
„OHH je, eigentlich wollte ich mich mit einem von Claudias Informanten treffen… ach was soll es. Vier auf einmal kann ich mir keinesfalls entgehen lassen.“ Carolines Handy begann zu brummen und sie schaute auf das Display.
„MMHH, ich muss mal was erledigen.“ Sie gab erst Fransiska einen Kuss auf die Wange und dann mir einen auf den Mund. „Wir sehen uns später.“ Fransiska lachte mich an. „Ein Kuss auf den Mund? Ich wusste, dass du mir etwas verheimlichst.“
„Ja, lass uns vorgehen, Caroline kommt nach, hat sie mir angedeutet.“ Ich zahlte die Rechnung und wir machten uns auf den Rückweg.
***

Im Zimmer angekommen reichte Fibi Fransiska und mir einen wunderbaren Tee und machte sich wieder unsichtbar.
Zwei Stunden später kam Caroline zu uns. Nach einem leichten Essen, und zwei Flaschen Wein, ging es zur Sache. Wir hatten die zwei Betten zusammengestellt. Diesmal war der Sex, den wir hatten, etwas anders, nicht so getrieben wir bisher, keiner belauerte den anderen und dennoch gaben wir uns einander voll und ganz hin. Wir trieben uns in sagenhafte Höhen und von einem Orgasmus zum nächsten. Nach gut zwei Stunden waren wir erschöpft und zum ersten Mal nahmen wir Fibi mit zu uns ins Bett. Wir liebten die Kleine, die sich so kindlich freute, wenn sie uns beide glücklich machen konnte. Fibi ließ sich verwöhnen und wir nahmen sie mit auf eine herrliche Reise der Gefühle. Mit einem gewaltigen Zittern entspannte sie sich als sie kam. Gemeinsam verbrachten wir die Nacht und schliefen ermattet aber vollkommen glücklich ein. Fast wie eine glückliche Familie, dachte ich beim Einschlafen.
***

Die Falle

Völlig entspannt wachte ich auf. Zum ersten Mal seit Wochen, hatte ich tief und fest geschlafen mit dem sicheren Gefühl, dass die Raubkatze neben mir, mich nicht länger als Beute ansah, sondern meinen Schlaf bewachte. Fibi lag mit glücklichem Gesicht in Carolines Arm und schmiegte sich fest an sie. Fransiska lag auf der anderen Bettseite und schmiegte ihren Rücken gegen Fibi.
Als ich Fibi in Carolines Arm sah, gab es einen Stich in meiner Brust. Irgendwann…. Heute nicht! Heute hatten wir andere Aufgaben.
Meine neue Liebe neben mir erwachte als ich aus dem Bett schleichen wollte. Sanft, ohne Fibi zu wecken, stand Caroline mit mir auf.
„Guten Morgen, mein Schatz.“ Und sie küsste mich. Wie sehr hatte ich dieses schöne Gefühl vermisst!
Leise stellte ich eine Kanne Kaffee auf und besorgte frische Brötchen. Ein Vorteil, wenn man Henker ist. Niemand, auch die Häftlinge welche in der Gefängnisbäckerei arbeiten, wollten den Bad-Man nicht verärgern und so bekam ich frische Brötchen, wann immer ich sie brauchte.
Als ich zurückkam, war Fransiska wach und hielt Caroline im Arm.
„Danke.“ Sagte sie gerade zu ihr.
„Danke?“ Fragte ich. „He, ich habe den Kaffee gemacht und war die Brötchen besorgen. Wenn du dich bedanken willst, dann bei mir.“
„Hör ihm gar nicht zu.“ Meinte Caroline zu ihrer Freundin, reichte Fransiska eine Tasse und setzte sich zu mir, in den Sessel.
„Diese Nacht war großartig. So etwas habe ich noch nicht erlebt.“
„Jetzt komm, wir frühstücken.“ Ich hatte verdammt großen Hunger und das Verlangen nach einem richtig starken Kaffee. Mit dem Frühstück schien sich Fransiskas Laune zu noch mehr bessern. Sie schaffte es sogar richtig zu lachen. Als ihr Handy brummte schaute sie auf das Display.
„Oh!“
„Was ist?“ fragte Caroline.
„Man hat heute Nacht eine weitere Leiche gefunden.“
„Wieder einen ehemaligen Häftling?“
„Ja, man hat seine Leiche im Stadtpark gefunden. Außerdem haben Zeugen gesehen, dass man eine Frau entführen wollte. Als die Entführer die Frau in den Wagen zerren wollten, erschien ein anderes Auto. Dessen Insassen, sollen die Entführer erschossen haben und die verängstigte Frau mitgenommen haben. Verstehe ich nicht… hat dann jemand anderes die Frau entführt?“
-Dagan! Er hat sich also um Luise gekümmert.-
„Ich muss meinen Kontakt anrufen.“ Sie stand auf und telefonierte.
Ich wechselte mit Caroline besorgte Blicke.
„Die Sache stinkt. Ich fühle es. Die Frau war eine Aktion von Dagan, die andere Leiche ist bestimmt ein Köder für Fransiska.“ Flüsterte ich ihr zu.
„Ja, ich fühle es auch. Was sollen wir tun?“
„Was ist mit deinem Onkelchen?“
Sie schüttelt energisch den Kopf.
„Der wird sich nicht in die Angelegenheit einmischen. Die haben auch so schon genug zu tun.“
„Sollen wir ihr die Wahrheit sagen?“
Caroline schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Dann geht die Bombe mit dir und Beate zusammen hoch. Wir müssen selber auf sie aufpassen.“
Fransiska hatte ihr Gespräch beendet und kam zurück.
„Mein Kontakt sagt, er hätte wichtige Informationen für mich und will mich treffen.“
„Hältst du das für eine gute Idee?“ Fragte ich vorsichtig“. Du weißt, was mit deiner Freundin Melissa passiert ist.“
„Ich kann nicht den Kopf in den Sand stecken. Die Sache muss ans Licht. Ich bin es Melissa schuldig, dass diese Verbrecher für ihren Tod und den Tod aller anderer zur Rechenschaft gezogen werden.“
„Ich komme mit und halt dir den Rücken frei. Ok?“ Carolines Frage war mehr eine Feststellung.
Fransiska kämpfte mit sich. „In Ordnung.“
Nein! Das war ganz und gar nicht in Ordnung! Das sollte mein Job sein. Als sich Fransiska begann anzukleiden, zog ich Caroline nach draußen.
„Das wirst du nicht tun! Ich fahre mit ihr! Ich bin der „Wir zerlegen ein Auto und bringen böse Söldner um“ Profi von uns.“
„Peter, denk doch mal nach. Ich habe Rückendeckung. Wir gehen in unsere Wohnung und sagen einfach, laut was ich vorhabe, dann passen die guten Amis auf uns auf.“
Ich musste zugeben, das war logisch. Es nutzte nichts, wenn die guten Amis Caroline und das Gefängnis bewachten während ich, ohne Rückendeckung, mit Fransiska, ins offene Messer lief. Dennoch, ganz wohl, war mir bei dem Gedanken nicht, dass meine neue Liebe sich in Gefahr begab, während ich hier herumsaß nicht.
„Ich kann auf mich aufpassen.“ Versuchte Caroline, mich zu beruhigen.
„Ich weiß! Aber sag mir wenigstens wohin ihr fahrt. Du hältst mich auf dem Laufenden! Ok?“
„Versprochen, mein großer Beschützer. Und jetzt kümmere dich um deinen Aktenberg, du hast Jessika etwas versprochen.“
Immer noch mit einem mulmigen Gefühl machte ich mich an die Arbeit. Nach einer halben Stunde kam Caroline ins Büro.
„Wir fahren dann mal los. Wir treffen den Kontakt um 11 Uhr auf dem Parkplatz vor der Autobahnauffahrt.“
„Den kenne ich. Dort ist es halbwegs übersichtlich. Pass bitte auf dich auf.“
„Keine Sorge, meine Aufpasser sind ja auch dabei.“ Sie warf mir einen Handkuss zu und verschwand.
***

„Verdammt, Ben gib Gas!“ fluchte Dagan während Levi über die Autobahn jagte.
Der Anruf von Mike hatte die Amerikaner und die Israelis gleichzeitig kalt erwischt. Dave und Ariel hatten sich an Froodys Herrensitz herangeschlichen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Beide waren der Meinung eine Schwachstelle in der Verteidigung gefunden zu haben. Als diese Meldung Dagan und Mike erreichte, beschlossen diese ihre Kräfte zusammenzuführen und Froody auszuheben. Gerade als die Teams in Stellung gingen, kam der Anruf, dass Caroline mit der Haufberger zu einem Treffen unterwegs war.
Dagan und auch Mike war klar, dass dies nur eine Falle sein konnte, und hatten die Aktion in letzter Sekunde abgeblasen. Nun rasten sie zurück, um Caroline zu retten. Levi trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, doch er wusste, dass sie zu spät kommen würden.
Als das Handy brummte, nahm Dagan das Gespräch an.
„Ich habe zwei Mann auftreiben können.“ Meldete sich Mike. Sie sind unterwegs und werden kurz vor Caroline den Parkplatz erreichen.“
„Sind die Männer gut?“
„Es sind die einzigen, die ich habe!“
„Verdammt!“ Dagan blickte zum tausendsten Mal auf die Uhr. Wenn Caroline pünktlich war, würde sie in zehn Minuten auf den Parkplatz fahren.
„Ben?“
„Noch zweiundzwanzig Minuten!“
„Fahr schneller mein Freund, fahr schneller!“
***

10 ganze Minuten hielt ich es aus im Büro zu sitzen und Akten zu bearbeiten, dann konnte ich mehr. Ich stürmte zu Decker, der mich entsetzt ansah, als ich ihm sagte, was ich von ihm wollte.
„Bist du verrückt? Ich soll mit einem Kommando einen Parkplatz stürmen, um eine Journalistin zu retten, statt den Job die Polizei erledigen zu lassen? Frank würde mich im hohen Bogen feuern!“
„Hat Frank dich nicht beauftragt, auf Caroline und mich aufzupassen? Ich werde jetzt losziehen, ob mit oder ohne deine Hilfe.“
Decker war von seinem Schreibtisch weggetreten und baute sich vor mir auf. Da war er, dieser gnadenlose Blick den alle fürchteten, und der mir tatsächlich den Schweiß auf die Stirn trieb.
„Komm mir ja nicht mit dieser Nummer!“ flüsterte er leise und gefährlich. „Ich werde nicht, das Leben einer meiner Männer riskieren. Ende der Diskussion!“
„Dann eben nicht.“ Ich drehte mich wütend um und hatte schon die Tür erreicht.
„Peter!“ der Befehlston in seiner Stimme, ließ mich innehalten. „Ich sagte, das Leben einer meiner Männer…“
***

Fransiska lenkte ihren Leihwagen auf den Parkplatz nahe der Autobahn. Der war selbst für einen Mitnahmeparkplatz recht groß und halbwegs übersichtig. In den ersten beiden Reihen stand, auf fast jeder Stellfläche ein Wagen. Ab Reihe drei nur noch in jeder zweiten und ab Reihe 6 nur noch vereinzelte Autos.
„Fahr einmal um den ganzen Platz, dann durch jede Reihe.“ Wies Caroline ihre Freundin an.
Fransiska hatte den Anschlag auf Melissa nicht vergessen und tat, was Caroline ihr sagte.
„Scheint so, als ob wir völlig alleine sind.“ Meinte Fransiska.
-Das sind wir ganz sicher nicht.- dachte sich Caroline.
„Am besten parken wir hier in einer der hinteren Reihe. Das ist so ziemlich der beste Platz. Von dort können wir alles überblicken.“
Fransiska nickte und parkte das Auto. Das Warten begann, während Caroline ihren Blick über den ganzen Parkplatz wandern ließ.
-Wo seid ihr?- fragte sie sich. Weder die Guten, noch die Bösen waren zu sehen.
Nach fünf Minuten kam ein Kleinwagen auf den Parkplatz gefahren, parkte in der fünften Reihe und ein schmächtiger Mann mit nur einem Arm stieg aus. Er schaute sich um und sah Fransiska und Caroline im Wagen sitzen. Der rechte Ärmel seiner Jacke hing leer herunter, in der linken Hand hielt er eine Mappe und kam auf Fransiskas Leihwagen zu.
Die beiden stiegen aus und warteten, bis der Mann heran war, der blieb allerdings ein paar Meter vor ihnen stehen.
„Frau Haufberger?“ fragte er.
„Das bin ich.“ Fransiska trat einen Schritt vor.
„Wer ist das?“ Der Mann zeigte auf Caroline die versuchte so harmlos auszusehen, wie möglich.“. Ich sagte, wir treffen uns allein!“ Er zeigte auf Caroline,
„Das ist meine Freundin, sie ermittelt auch in der Sache. Nach dem letzten Vorfall sind wir immer zu zweit unterwegs.“
Die Augen des Mannes musterte Caroline gründlich. Anscheinend war er mit der Auskunft zufrieden. Doch Caroline sah an diesem Blick, dass sein harmloses Auftreten und Aussehen, nur gespielt war. Dieser Mann hatte sie mit den Augen eines Killers gemustert.
„Ich bin Dusty.“ Erklärte der Mann. „Ich arbeite im Büro eines leitenden Ermittlers. Es geht um die Verbrecher, die alle umgebracht wurden. Ich hatte schon ihrer Vorgängerin Dokumente angeboten. Wir hatten uns auf einen Preis geeinigt und ich erwarte, dass sie dieselbe Summe zahlen, ohne darüber zu diskutieren.“
„Das haben sie schon erwähnt. Was ich zahle, hängt von der Qualität ihrer Informationen ab. Also, was haben sie anzubieten?“
„Am besten zeige ich es ihnen.“ Er wollte mit einer Hand die Mappe öffnen, doch das schien nicht so einfach zu sein. „Verdammter Unfall. Hab meinen Arm in einer Maschine verloren, jetzt kann ich nur noch leichte Büroarbeit erledigen.“
Er lächelte kurz hilflos, drehte sich um und legte die Aktenmappe auf das Auto. Etwas ungeschickt machte er sich an der Mappe zu schaffen und drehte sich wieder zu den Frauen um. Er hatte sich schon halb umgedreht, als ihm Caroline eine Kugel in den Kopf schoss. Blut spritzte gegen die Autoscheibe und Fransiska schrie auf. Der Mann fiel auf den Boden und plötzlich hatte Dusty auch einen rechten Arm, in dessen Hand eine Pistole mit Schalldämpfer lag!
Fransiska schrie noch immer, als Caroline sie hinter das Auto zog. Kaum waren die Köpfe unten, da schlugen Kugeln in das Auto ein. Caroline zerrte Fransiska hinter den Motorblock und versuchte auszumachen, woher die Schüsse kamen, doch die Kugeln schienen aus allen Richtungen zu kommen.
Plötzlich fielen Schüsse vom anderen Ende des Parkplatzes, als ein Wagen mit quietschenden Reifen anfuhr.
Ein Mann mit einem Sturmgewehr schoss vom Rücksitz, auf die in Deckung liegenden Schützen und versuchte, sie unten zu halten, während der Fahrer den Wagen ein paar Meter neben den Frauen zum Stehen brachte. Mit einer Schnellfeuerwaffe belegte der Mann im Fond das andere Ende des Parkplatzes mit Dauerfeuer und der Fahrer rief Caroline zu einzusteigen.
Gerade wollte Caroline Fransiska zum Auto ziehen, da traf einer der Scharfschütze den Fahrer. Auch der Mann im Fond wurde getroffen, schaffte es aber, die Tür auf der Beifahrerseite aufzumachen, herauszukommen und hinter seinem Wagen in Deckung zu gehen.
„Verdammt die haben uns im Kreuzfeuer.“ Schrie Caroline dem „guten Ami“ zu.
Caroline versuchte, die Lage zu überblicken, da wurde das Auto erneut mit Kugeln durchsiebt. Ihr „Beschützer“ versuchte, einen Schuss abzugeben, doch auch er wurde sofort mit Schüssen belegt und mindestens eine weitere Kugel traf den Mann, der zurückgeschleudert wurde und regungslos auf dem Boden liegen blieb.
„Was machen wir jetzt?“ Fragte Fransiska verzweifelt.
„Wir verkaufen uns so teuer, wie es geht.“ Caroline sprang auf, packte Dustys Bein und zog ihn heran. Jetzt hatte sie zwei Waffen.
***

„BEN?“
„Noch dreizehn Minuten!“
„So eine Scheiße!“ Fluchte Dagan und wählte die 110 auf seinem Handy.
***

Carolines „Beschützer“ regte sich wieder. Als er feststellte, dass er Caroline nicht helfen konnte, versuchte er ihr, das Gewehr herüberzuschieben.
Doch sobald sich etwas zeigte, wurde von zwei Seiten das Feuer eröffnet. Das Gewehr erhielt einen Treffer und wurde weggeschleudert. Caroline wusste, was die Feuerpausen bedeuteten. Die Gegner arbeiteten sich zu ihnen.
„Leg dich hin und schau unter den Autos durch. Wenn jemand kommt, sag es!“
Fransiska tat, was Caroline von ihr verlangte, legte sich flach auf den Boden und schaute unter dem Auto durch und schrie schon kurze Zeit später.
„Da. Links kommt einer.“ Rief sie.
„Wo und wie weit entfernt?“
„Rechts, 10 Meter entfernt.“
Caroline wartete noch 3 Sekunden, dann warf sie sich um das Auto und schoss. Wie Lara Croft feuerte sie mit beiden Waffen. Ganze drei Schüsse konnte sie abgeben, bis wütende Geschosse sie zurück hinter den Motor zwangen. Doch die drei Schuss hatten gereicht, um den Angreifer niederzustrecken.
Das machte die anderen Angreifer vorsichtig. Sie stürmten nicht mehr vor, sondern begannen langsam und methodisch unter Feuerschutz vorzugehen. Einen weiteren Angreifer konnte Caroline noch ausschalten, dann belegten die Scharfschützen das Auto mit Dauerfeuer und zwangen sie permanent in Deckung, während die anderen sich weiter an das Auto heranarbeiteten. Sechs Angreifer hatten einen Halbkreis um Caroline gebildet und den Ring immer enger zogen.
Das war mein Moment!
Mit dem Gefängnisbus donnerte ich auf den Parkplatz. Decker schoss aus der offenen Seitentür mit einer MP5 auf die Angreifer. Die Angreifer waren verwirrt, doch sie fingen sich schnell und feuerten auf den Bus. Die Kugeln trafen, doch die leichte Panzerung hielt die meisten Geschosse ab.
Ich fuhr direkt auf Carolines Standort zu. Autos die im Weg standen, schob ich mit dem gepanzerten Bus einfach zur Seite. Mindestens zwei Angreifer wurden zwischen Autos eingeklemmt, einer sprang auf um aus der Gefahrenzone zu kommen, und wurde von Decker niedergeschossen. Der Rest hechtete in Deckung, doch nur zwei schafften es, Deckers Schießkünsten zu entkommen. Direkt neben dem zerschossenen Auto hielt ich den Bus an und Decker riss die Tür auf.
„Habt ihr ein Taxi bestellt?“ Fragte ich grinsend.
Caroline sprang auf und zerrte Fransiska in den Bus, während Decker uns Deckung gab. Kaum war Fransiska in Inneren, da sprang Caroline schon wieder heraus, und lief zum Auto der Amis.
Der Fahrer hatte einen Kopfschuss, doch der andere Mann lebte noch. Caroline versuchte, ihn hochzuheben, doch für sie allein, war der Mann zu schwer.
„Hier!“ Decker drückte Fransiska die MP5 in die Hand und sprang zu Caroline.
„Was soll ich damit machen“? fragte mich Fransiska verzweifelt.
„Hat es einfach raus und drück ab!“ schrie ich sie an.
Sie hielt die MP aus der Tür und zog den Abzugshahn. Die Schüsse gingen alle völlig daneben, doch sie verschafften Caroline und Decker die Zeit, die sie brauchten um den Mann in den Bus zu werfen.
„Los!“ Brüllte Decker nach hinten und mit durchdrehenden Reifen brauste ich los. Wieder schob ich mit dem Bus Autos zur Seite und schaffte es sogar, einen dieser Schützen zu überfahren, der sich nicht schnell genug in Sicherheit brachte. Caroline nahm Fransiska die Waffe ab und schoss. Als das Magazin leer war, reichte ihr Decker ein neues.
„Habt ihr denn nicht was Besseres, als diesen antiken Vorderlader?“ Fragte sie Decker.
„Wenn du was Neues und Besseres haben willst, stell einen Antrag beim Ministerium. Aber in dreifacher Ausfertigung.“
Eine der Kugeln, welche die Scheißkerle auf uns schossen durchschlug die Panzerung des Buses, doch wir schafften es vom Parkplatz herunter. Als wir etwa 200 Meter weit gekommen waren, sah ich im Rückspiegel vier Autos hinter und herkommen.
„Sie kommen hinter uns her.“ Warnte ich die anderen.
„Wie viele?“ wollte Caroline wissen.
„Vier Autos.“
Caroline sprach sich mit Decker ab. Das waren zwei Profis am Werk, die genau wussten, was zu tun war! Decker nahm die MP und Caroline die beiden Pistolen.
„Fransiska, du musst uns helfen! Wenn ich, jetzt, sage, musst du die Tür öffnen.“ Schwor sie ihre Freundin ein.
Die nickte tapfer. „Verstanden! Ich bin bereit.“
„Sag Bescheid, wenn sie direkt hinter uns sind.“ rief Caroline zu mir.
Im Rückspiegel sah ich die Wagen direkt hinter uns. Jeweils zwei Wagen fuhren nebeneinander. Die beiden vorderen hingen uns direkt an der Stoßstange.
„Sie sind hinter uns, Beifahrerseite.“
„Fransiska, JETZT!“
Fransiska riss die Tür auf und zusammen mit Decker durchsiebte Caroline die Windschutzscheibe des Autos das direkt hinter und fuhr. Der Wagen brach aus und rammte das andere Autos, welches neben ihm fuhr. Der getroffene Wagen stellte sich quer und überschlug sich. Das gerammte Auto donnerte mit unseren Verfolgern gegen die Leitplanke und drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Der Beifahrer wurde aus dem Wagen gegen die Wand geschleudert.
Wie durch ein Wunder konnten die nachfolgenden Wagen einem Crash ausweichen und hingen sich wieder an uns. Doch bevor die Insassen der anderen Wagen das Feuer wieder eröffnen konnten, hatten Decker und Caroline die Tür wieder zu geschlagen und die Kugeln prallten ab.
„Verdammt, in dieser Kiste entkommen wir nie!“ Meinte ich zu Decker. Der jetzt die MP nachlud.
„Das brauchen wir auch nicht.“ Decker zeigte nach vorne, wo eine ganze Kolonne Polizeiautos mit Blaulicht auf uns zukam.
Unsere Verfolger drehten um und gaben Gas.
Ich trat auf die Bremse und stoppte den Bus, der sofort von schwerbewaffneten Polizisten umringt wurde. Ein Teil der Einsatzwagen brauste an uns vorbei und nahm die Verfolgung unserer Angreifer auf.
***

Keiner von uns bemerkte den Wagen, der dreißig Meter entfernt auf der Autobahn langsam an uns vorbeifuhr.
„Das war verdammt knapp, was für ein Glück!“ Sagte Levi nur, als er sah, wie Carolines feuerrotes Haar aus dem Bus stieg und zu einem der Einsatzwagen gebracht wurde.
***

Vier Stunden später saßen wir, Caroline, Decker und ich einem sehr blassen Frank gegenüber, der seit unserem Eintreten stocksteif dasaß und noch keinen Ton gesagt hatte. Das kannte ich schon. Ich wusste, dass in den nächsten Sekunden die Hölle über uns hereinbrechen würde. Am meisten entsetzte Frank wohl, dass Decker mit von der Partie war. Ein gutes Zeichen war das nicht… Nach weiteren 5 Minuten hatte Frank sich soweit im Griff, dass er reden konnte.
„Also?“ flüsterte Frank beinahe. „Wieso werden drei meiner … besten… Mitarbeiter“, dabei sah er Decker vernichtend an, „von der Polizei verhaftet, weil sie mitten in der Stadt Wildwest spielen? Wieso werden dazu Waffen aus meiner Waffenkammer benutzt? Und wieso sieht mein Bus aus wie ein Schweitzer Käse?“ fragte er ganz leise.
„Es war Trommer…“ begann ich.
„Ich scheiß auf Trommer!“ Brüllte er mich an. „Wollt ihr mich verarschen?“
„Ich meine es ernst!“ Und so erzählte ich Frank alles, was ich über die Suche nach den Verbrechern wusste, natürlich ohne zu sagen, woher ich dieses Wissen hatte.
„Und woher weißt du das alles?“
„Das kann ich nicht…“ Frank wollte gerade wieder aufbrausen, als Caroline mir beisprang.
„Nein, bitte. Peter hat recht.“ Sagte Caroline mit eine sachlichen und klaren Stimme. „Ich schwöre, es ist die Wahrheit. Das hat sich wirklich alles so abgespielt, es stimmt alles.“
Selbst Decker wurde blass, als er begriff, mit wem er sich da angelegt hatte.
„Ihr wollt mir also erzählen, dass Trommer durchgedreht ist und alle diese Verbrecher, die hier einsaßen, foltern und umbringen lässt, nur um zu erfahren ob Beate Fischer noch lebt?“
„Das ist korrekt.“
Neben uns rührte sich Decker.
„Entschuldigung, wenn ich da einmal nachfrage, aber hat Herr Trommer, Frau Fischer nicht selbst erschossen?“ Fragte Decker.
Keiner von uns sagte etwas.
„Das dachte ich mir.“
„Du wusstet es?“ fragte Frank.
„Geahnt hatte ich es schon am ersten Tag. Nach dem dritten Tag, war ich mir sicher. Frau Schlosser hatte die Angewohnheit in den ersten Tagen, nach ihrer Ankunft, die Augenfarbe zu wechseln. Und wenn man mal die Augen von Frau Fischer gesehen hat, vergisst man die nicht.“
„Du hast es gewusst und hast nichts gesagt?“ fragte Frank nach.
„Nein. Ich mochte Frau Fischer, und ich mag Frau Schlosser. Sie ist übrigens auch bei meinen Kollegen ihrer neuen Dienststelle sehr beliebt. Ganz abgesehen davon. Ich hasste die Nummer, die Trommer abzog, um Karriere zu machen.
„Weiß es sonst noch jemand?“
„Hannes und Johann haben sicher eine Ahnung, denken aber in der Sache so wie ich. Doch sonst wüsste ich niemanden, der einen Verdacht hätte.“
„Ich sollte dich vierteilen lassen.“ Herrschte mich Frank an. „Deine dumme Idee, Beate am Leben zu lassen, hat nur Ärger gebracht.“
Ich hielt es für angebracht den Mund zu halten.
„Was erzählen wir den Leuten? Was sage ich der Polizei? Und was erzähle ich dem Ministerium?“
„Ich hätte einen Vorschlag.“ Meldete sich Decker zu Wort.
„Es war ein vereitelter Versuch Gefangene zu befreien. Wir haben hier ein paar schwere Kaliber einsitzen. Da sind auch ein paar Mafiosi dabei. Aus nachvollziehbaren Gründen können wir nicht sagen, um welchen Gefangenen es sich gehandelt hat.“
„Könnte klappen.“ Meinte Frank zu dem Vorschlag.
„Also gut! Ich werde euch den Rücken decken. Aber ab jetzt keine solchen Aktionen mehr. Ihr müsst der Haufberger die Wahrheit sagen, ohne dass sie gleich zu Trommer rennt und die Bombe platzen lässt. Wenn er wirklich so durchgeknallt ist, dass er eine Söldnertruppe anheuert um euch zu erledigen, wird er uns alle mit in den Abgrund reißen. Und wenn die Prozesse vorbei sind, denkt ihr beiden einmal darüber nach, ob dieser Job der richtige für euch ist. Das meine ich besonders für dich Peter. Und jetzt RAUS!“
Das Verlassen von Franks Büro, glich einer Flucht. So schnell wie wir konnten, verließen wir Frank und ich zog die Tür hinter mir zu.
Draußen bedankte ich mich bei Decker.
„Wolfgang, danke. Ich weiß nicht wie ich…“
„Schon gut Peter.“ Decker drehte sich um und ging. Nach zwei Meter blieb er stehen und grinste. „Es hat verdammt viel Spaß gemacht. Hat mich an alte Zeiten erinnert.“ Und weg war er.
Als ich mit Caroline allein auf dem Flur stand, nahm ich sie bei der Hand und führte sie den Flur hinauf zu unserer Wohnung. „Wusstest du, dass Beziehungen die auf dieser Basis entstehen, Gefahr laufen, in normalen Zeiten zu scheitern?“ Fragte ich Carolin und schloss die Wohnungstür auf. Sie stieß mich hinein, verschloss die Tür und wir begannen uns gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen.
„Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass wir jemals normale Zeiten erleben werden!“ Antwortete sie, ehe wir über uns herfielen.
***

„Der Verlust ihres Mannes tut mir sehr leid.“ Sagte Dagan zu Mike am Telefon. „Wie geht es ihrem anderen Mann?“
„Er hat drei Kugeln abbekommen, doch er wird es überleben.“
„Wenigstens eine gute Nachricht. Ich weiß, dass sie alles Menschenmögliche getan haben, um Caroline zu schützen.“
„Es war haarscharf. Wenn Stein nicht erschienen wäre… Ein solcher Fehler darf uns nicht noch einmal unterlaufen.“
„Mein Freund, solche Fehler werden wir in Zukunft vermeiden. Wir hören voneinander.“
Dagan beendete das Gespräch und setzte sich frustriert auf den Sessel. „Ben, Wir müssen vorsichtiger sein. Colonel Smith hat Recht, wenn Stein nicht mit diesem Decker erschienen wäre, hätten wir Caroline verloren.“
„Fehler passieren immer, man muss nur die richtigen Lehren aus ihnen ziehen.“
„Diese Lektion habe ich gelernt. Ach und Ben, diesen Decker… Den sollten wir im Auge behalten. Besorg mir bitte Bilder, irgendetwas erinnert mich bei ihm an jemanden von früher.
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Ein sportlicher junger Mann nahm vor dem Schreibtisch Haltung an und erklärte stolz: „Wir haben sie ausfindig gemacht und dazu sogar die Kommandostruktur aufgeklärt, gestatten dass ich die Majore Levi und Lem dazu hole?“ Der ältere Mann gegenüber nickte ruhig und notierte sich etwas.
In der folgenden Besprechung legte der junge Stabsoffizier die Positionen der Fremdenlegionäre dar, erklärt die Kommandostrukturen, Versorgungswege, Bewaffnungen und vieles andere mehr. Dann erklärte er, dass die abgehörten Funksprüche auf etwas Großes deuten, auf etwas das Ende der Woche in der Stadt stattfinden sollte.
„Gut gemacht Leutnant“ sagte Dagan zu dem jungen Mann. Der junge Leutnant lächelte kurz und verschwand aus dem Blickfeld. Dagan kam an den Tisch.
„Hier oben sind die durchgeknallten Amerikaner mit dem Ex CIA Chef, mit dieser Truppenstärke, die planen dieses Wochenende also zuzuschlagen. Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass die sich vier russische SA-14 Boden-Luft Raketen verschafft haben vergleichbar dem Modell Stinger.
Dort drüben stehen die Franzosen mit der eben erwähnten Truppenstärke, auch sie wollen dieses Wochenende zuschlagen. Oberst Chaim was hat der Geheimdienst erfahren?“
„Die Amerikaner mit dem verrückten Ex CIA Vizechef wollen sich hier dieses Satelliten Kontrollzentrum unter den Nagel reißen um ein paar Kampfdrohnen einzusetzen, das werden wir natürlich nicht zulassen. Wir schalten es ab dann können keine Drohnen fliegen.“
„Gut Oberst nehmen Sie Platz, Bitte zuhören, hier unser Plan – wir gehen wie folgt vor …“
***

Auf einem alten Herrenlandsitz randalierte nach Sonnenuntergang ein Mann und beschimpfte einige seiner Angestellten als unfähige Dilettanten. Dabei schimpfte er mit kraftvollen texanischen Schimpfworten, die einigen der Anwesenden die Schamröte ins Gesicht trieben.
„Diese rothaarige Henkersfotze hat meine Frau und meine Söhne auf dem Gewissen und ihr Penner, ihr seid zu blöde ein paar einfache Raketen an den Long Ranger zu tackern, wofür bezahle ich euch eigentlich. Wenn ihr den verdammten Helikopter nicht in 12 Stunden in der Luft habt, fresse ich eure Eier zum Frühstück. Ist das jetzt endlich allen klar?“
Einige Ingenieure und Techniker sehen entsetzt auf.
„Aber Mr. Mc. Froody, Sir, diese Russen Raketen sind mit dem amerikanischen System des Helikopters nicht…“ Weiter kam er nicht, da feuerte der ältere Mann mit seiner .45 er unmittelbar vor die Füße des Ingenieurs in den Holzboden und Splitter stoben umher „12 Stunden sonst hast du ein neues Nasenloch, genau zwischen den Augen und nun verpiss dich du Rechenschieber!“
Fuchsteufelswild schaute der ältere Mann in die Reihen „Und ihr, wieso seid ihr noch nicht an der Arbeit, schlafen könnt ihr, wenn ihr tot seid – schafft was oder ich mache euch Beine!“
Auf dem Landsitz liefen die Menschen umher, an Ruhe war nicht zu denken, das wussten alle und der Count down lief bereits.
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Tags darauf kam vom Gericht die Information, dass die Urteile über die verantwortliche Architektin und die leitende Ingenieurin gesprochen wurden. Dabei war es fast zu einem Tumult im Gericht gekommen, denn die beiden Angeklagten wiesen alle Schuld von sich und beschuldigten am Ende das Gericht der Befangenheit. Dann versuchten die beiden sogar, den Richtern zu drohen, sie hätten gute Freunde, die sich rächen würden und das gab dann den Ausschlag für die Bestrafungen.
Als dann sogar Zeugen ihre Aussagen machten durch die sich die Beweiskette schließen ließ gab es kein Entkommen mehr. Aufgrund der Ermittlungen und gefundener Beweise konnten beide Angeklagten überführt werden.
Weil die beiden Hauptangeklagten auch noch Drohungen gegen das Gericht ausgesprochen hatten, wurde ein klares Urteil gesprochen – die Todesstrafe. Eine klare Botschaft an die Allgemeinheit. Wer als Schuldiger den Richtern droht, wird härter bestraft!
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Auf dem alten Herrenlandsitz gingen die Arbeiten indes weiter. „Gut, die 48 Volt ziehen wir darüber und an dem S2 vorbei, den Auslöser schalten wir hier, aber wie versorgen wir dieses verdammte Infrarotsystem mit den Daten und wieso können die Russen nicht mit normalen Anschlüssen arbeiten. Shit, der Bordrechner kommt doch damit niemals klar, die Russenkiste hat keinen Datenbus.“
„Mist – Unseren Infrarot Beleuchter können wir vergessen, der passt nicht zu deren Technik, Mensch Frank, wie lösen wir das?“
„Beruhige dich Manne, trink was und mach dich frisch, du bist ja voll fertig, bring mir zwei Cola mit und jetzt lass mich mal machen.“ Während der Cheftechniker zur Kantine ging um sich zu stärken und die Getränke zu holen machte sich der zweite junge Mann an die Arbeit. Er prüfte eine elektrische Schaltung und zog ein weiteres Kabelpaar ein.
„Wäre doch gelacht, wenn wir diese Russenraketen nicht scharf bekommen, die Russen haben auch nicht immer das volle Elektronikprogramm, aber sie brauchen es auch nicht.“
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Maulwurfsjagd

Geschriebene Worte auf Papier. Manchmal sind die Methoden der Dinosaurier gar nicht so schlecht. Ob es Randy Überwindung gekostet hatte solche „antiquierten“ Maßnahmen zu ergreifen? Wahrscheinlich schon. Dennoch hatte er es getan und schob mir einen Zettel zu, den ich durchlas.
Das was ich da las, explodierte förmlich in meinem Kopf. Es war so abwegig, es war so dermaßen verrückt, dass es die einzige logische Erklärung war. Es war so logisch, dass ich mich fragen musste, wieso ich nicht selbst und vor allem nicht schon früher darauf gekommen war. Manchmal sieht man eben den Wald vor all den Bäumen nicht. Ich kramte einen Stift hervor und schrieb etwas darunter. Er las es, noch während er schrieb, und nickte, als ich fertig war. Zufrieden grinsend hob er den Daumen.
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Der Maulwurf tat wie jeden Tag seine Arbeit.
Er wusste, dass das gesamte Sicherheitsteam nach ihm suchte, hatte aber bisher keinerlei Verdacht auf sich gelenkt. Geschickte hatte er alle Wanzen die gefunden und zerstört wurden ausgetauscht und war sicher, dass niemand auch den leisesten Verdacht gegen ihn hegte. Auch konnte er jeden Raum betreten, ohne dass jemand misstrauisch wurde.
Die meisten Mitarbeiter ignorierten ihn. Einige wenige waren freundlich und gaben keine Anweisungen, sondern baten ihn seine Arbeit zu machen. Am freundlichsten war Peter der Henker. Um ihn tat es dem Maulwurf leid, doch sein Auftraggeber zahlte weit mehr, als er hier jemals verdienen konnte.
Die neue Rothaarige war ihm von Anfang an unsympathisch gewesen. Sie war nicht so freundlich und aufgeschlossen wie Vera oder die Schlosser. Diese Caroline behandelte ihn zwar nicht unfreundlich, doch meistens war der Maulwurf einfach Luft für sie. Um diese blöde Schnepfe machte sich der Maulwurf keine Gedanken. Was immer ihr Auftraggeber mit ihr vorhatte, sie hatte es sicher verdient.
So beendete er wie jeden Tag seine Schicht und begab sich in seine Zentrale, um zu sehen, ob die Geräte etwas aufgezeichnet hatten. Dort stellte er seine Arbeitssachen weg und schloss die Tür hinter sich ab. Mit einem Griff verwandelte er den Raum in seine Zentrale. Alles was er dafür tun musste, war den zweiten Schrank in dem Raum aufzuschließen. Darin befanden sich eine Abhöranlage und die passenden Aufzeichnungsgeräte. Ein als Techniker getarntes Team, hatte alles installiert und ihm die Handhabung erklärt.
Der Maulwurf prüfte die Geräte und schaltete die Anlage ein. In seiner Zentrale hörte er die wichtigen Informationen ab und leitete sie an seinen Auftraggeber weiter. Da es unmöglich war alle Gespräche mitzuhören, hatte die Techniker den Computer so programmiert, dass dieser nur bei bestimmten Wörtern auf Aufnahme schaltete.
Tatsächlich, das Aufnahmegerät hatte allem Anschein nach ein wichtiges Gespräch im Büro des Direktors aufgezeichnet.
Um sicher zu gehen, dass niemand mithören konnte, zog er Kopfhörer an und begann das Gespräch abzuspielen, schließlich musste er das Gespräch weiterleiten, und man hatte ihm eingeschärft, nur wichtige Gespräche weiterzuleiten.
Als Erstes konnte er den Direktor hören, der Peter aufforderte, sich zu setzen.
„Der Maulwurf. Was ist mit dem Maulwurf?“
Maulwurf, war das entscheidende Wort, welches die Aufnahme gestartet hatte.
„Ich glaube, wir wissen jetzt, wer der Maulwurf ist.“
Das war die Stimme des jungen Technikers, dieser junge Randy. Allem Anschein nach, war er so etwas wie ein Computergenie, der einige der Wanzen gefunden hatte, welche der Maulwurf versteckt hatte. Sein Auftraggeber hatte ihn vor dem Techniker gewarnt. Aber bis jetzt schien er keine ernsthafte Gefahr zu sein. Er lauschte den weiteren Aufnahmen.
„Wieso sitzt dann nicht der Maulwurf, sondern ihr vor meinem Schreibtisch?“
„Wir wollten nicht, dass er seine Hintermänner warnen kann, und dachten, wir schlagen erst zu, wenn wir sicher sind, dass wir ihn auch erwischen.“
Das Herz des Maulwurfs begann zu rasen. Sollte man ihn wirklich enttarnt haben? Wie war das möglich? Hatte er sich selber verraten?
„Wer ist es?“
„Sagen wir nicht.“ Das war Peter.
„Was soll das?“
„Wir haben eine Wette laufen, noch kannst du einsteigen. 50 Euro Mindesteinsatz.“
„Du wärst gut beraten keine große Klappe zu riskieren. Nach deiner letzten Aktion, hängst du ehe am seidenen Faden.“
„Falls ich gewinne, zahle ich die Reparatur des Busses.“
„Ich will jetzt wissen, wer der Maulwurf ist. Und zwar sofort!“
„Warte, nicht so schnell, ich schreib den Namen auf. Man kann ja nie wissen, ob er gerade zuhört.“
Der Maulwurf hörte ein Kratzen eines Stiftes auf Papier.
„Ist das euer Ernst?“ das war wieder Franks Stimme.
„Absolut.“
„Darauf wäre ich nie gekommen. Worauf wartet ihr. Los schnappt ihn!“
„Langsam, wir sollten nicht einfach losstürmen. Ein Tipp und er ist zusammen mit seinem Auftraggeber über alle Berge.
Wir schlagen um 18.20 Uhr los. Decker hat bis dahin seine Leute postiert, dann kann nichts mehr schiefgehen. Kommst du mit?“
Der Maulwurf sah hastig auf die Uhr.
18.16 Uhr.
Sein Herz schlug heftig und pulsierte in seinem Kopf. Schnell zog er sich die Kopfhörer ab und verließ seine Zentrale.
Wie hatte das passieren können? Er war so sicher gewesen, keine Spur hinterlassen zu haben. Er hatte sich Mühe gegeben und immer alles zweimal kontrolliert, und doch hatte man ihn enttarnt. Verflucht, schon 18 Uhr 17!
Kaum stand der Maulwurf im Flur, um zum Ausgang zu gelangen, sah er schon Decker und ein Team auf sich zukommen. Panisch drehte er sich um und sah hinter sich schon eine Frau des Wachteams, und dahinter standen Peter, die neue Henkerin, und Randy.
Noch Schlimmer war derjenige, der hinter Decker stand! Hinter Decker stand der Alptraum schlechthin.
Frank!
Panisch suchte er einen Fluchtweg, doch es gab keinen.
„LOS! ZUGRIFF!“ rief Decker!
Decker gab das Kommando und das Sicherheitsteam bestehend aus Hannes, Johann und Gratzweiler sprang vor, stürmte auf ihn zu, rannte ihn über den Haufen und war vorbei. Das Team stürzte sich auf die Frau des Wachteams, die sich verzweifelt wehrte.
Noch starr vor Schreck, sah der Maulwurf, wie das Sicherheitsteam recht unsanft die Frau auf den Boden drückte und ihr Handschellen anlegte.
„Das genügt!“ sagte Decker scharf, als ein Teammitglied auf die Frau mit den Worten. „Elende Verräterin“ eintrat.
„Schafft sie in die Kammer!“ Frank hatte das Kommando übernommen.
Das Sicherheitsteam zerrte die Frau auf die Beine und schleifte die um sich tretende und schreiende Frau in Richtung der Kammer.
„Tut uns leid, dass wir gerade so grob waren.“ Peter reichte dem Maulwurf die Hand und half beim Aufstehen.
„Schon gut, nichts passiert.“ Dem Maulwurf rauschte das Blut in den Ohren und das Herz schien zu explodieren.
„Ist ihnen etwas passiert, sind sie verletzt?“
„Nein nein, alles in Ordnung.“ Stammelte der Maulwurf. Zu mehr war er einfach nicht in der Lage.
„Ein Glück, ich hatte schon gedacht, sie wären verletzt.“ Peter wand sich wieder Frank zu.
„Ich gehe in die Kammer und werde das Miststück auseinandernehmen.“
„Vergiss es. Du würdest sie höchstens umbringen, bevor sie uns irgendwas erzählen kann.“
„Uns etwas erzählen? Du willst sie befragen?“
„Frau Miles, ihre früheren Arbeitgeber, haben ihnen doch sicher beigebracht eine Vernehmung dieser Art durchzuführen?“
„Oh, ich bin da eine absolute Expertin. In ein paar Stunden wissen sie alles.“
„Nur eine Frage zum Verständnis“, fragte Peter, „ich bin hier der Verrückte, weil ich mich nicht immer an die Vorschriften halte, den Bus durchsieben lasse und so weiter, aber du lässt die Frau foltern um sie zu befragen, statt sie der Polizei zu übergeben?“
„Wir müssen wissen, was hier drinnen vorgeht. Vielleicht ist sie nicht der einzige Maulwurf hier.“
„Gut. Dann werde ich Caroline zur Hand gehen.“
„NEIN! Caroline wird das allein erledigen. Du hast Pause! Ich kenne dich und dein Temperament. Wehe ich erwische dich auch nur in der Nähe der Kammer. Du bist dran Caroline.“
„Blöder Scheiß!“ brüllte Peter und verließ wütend den Flur.
„Kannst du mir die Informationen beschaffen?“ fragte Frank, als Peter weg war.
„Gib mir ein paar Stunden. Man darf bei solchen Befragungen nichts überstürzen, aber ja, ich bekomme die Infos.“
„Dann los.“
Frank verschwand in Richtung Verwaltungstrakt, und Caroline in Richtung Kammer.
***

Langsam konnte der Maulwurf wieder normal atmen. Zitternd ging er in seine Zentrale zurück und setzte sich hin. Kaum saß er, musste er sich übergeben. Er kotzte sich die Seele aus dem Leib und fing sich erst Minuten später wieder. Seine Nerven flatterten und er zitterte am ganzen Körper. Was war da gerade passiert? Das Team hatte eine der Wachfrauen geschnappt und Frank sowie die anderen schienen davon überzeugt zu sein, dass sie der Maulwurf war. Tausend Fragen stürmten auf den Maulwurf ein.
Hatte man den falschen Maulwurf geschnappt? Der Maulwurf selbst wusste nichts von einem weiteren Maulwurf. Einen weiteren Maulwurf einzusetzen wäre allerdings für den Auftraggeber logisch, denn wenn einer enttarnt wäre, hätte er noch ein As im Ärmel. War die Frau vom Wachdienst denn überhaupt ein weiterer Maulwurf? Und wenn ja, was wusste sie? Wusste sie vom zweiten Maulwurf? Wusste sie vielleicht sogar, wer der zweite Maulwurf war?
Nach einer halben Stunde war der Maulwurf wieder in der Lage sich normal zu bewegen und ruhig zu atmen. Noch immer erwartete er, dass gegen die Tür gehämmert wurde, oder sie gleich eingetreten wurde. Mit jeder Sekunde wurde dem Maulwurf bewusst, dass er handeln musste! Er durfte sich nicht auf das Glück verlassen!
Seine Arbeit erlaubte es dem Maulwurf sich unauffällig in die Nähe der Kammer zu begeben und sich dort „unsichtbar“ zu machen. Mehr als Zwei Stunden hörte er jetzt schon die gedämpften Schreie der Wachfrau. Die rothaarige Henkerin schien alle Register zu ziehen.
Frank kam zur Kammer und betrat sie. Als er die Tür öffnete, erklang gerade ein markerschütternder Schrei. Was immer diese Caroline mit der Wachfrau anstellte, genauso gut, könnte er selbst jetzt dort drinnen liegen.
Wusste die Wachfrau nichts von ihm, oder widerstand sie der rothaarigen Hexe? Und wenn sie widerstand, wie lange würde sie das noch können?
Der Maulwurf beschloss, dass er das Risiko, doch verraten zu werden, nicht eingehen konnte. Er musste handeln. Doch wie?
Solange diese Caroline die Wachfrau bearbeitete, war das unmöglich. Es blieb nur die Möglichkeit, in der Nähe zu bleiben und auf eine Gelegenheit zu hoffen, während die Schreie der Wachfrau durch den leeren Flur schallten.
Nach einer weiteren halben Stunde öffnete sich die Tür und Caroline kam zusammen mit Frank heraus.
„Wie lange müssen wir warten?“
„Das Serum, das ich ihr gespritzt habe, muss erst wirken. Sie ist stark und wurde mit Sicherheit auf eine solche Befragung vorbereitet. Normalerweise wäre eine solche Befragung längst beendet. Gibt sie nach einer solchen Folter keine Antwort, dann weiß sie nichts, Aber ich glaube, sie macht uns was vor. Deswegen habe ich ihr das Serum gespritzt. Es wird die Schmerzen um ein Vielfaches verstärken. Allerdings müssen wir jetzt noch etwas warten, bis es sich im Körper verteilt hat. Dann können wir weitermachen.“
„Und wenn du ihr mehr davon spritzt?“
„Nein, das ist zu gefährlich. Ich habe ihr die höchste Menge gespritzt, die ich verantworten kann. Nur etwas mehr und sie kollabiert.“
„Gut. Tot nutzt sie uns nichts. Warten wir. Trinken wir solange einen Kaffee?“
„Gute Idee.“
„Dann, ab in mein Büro.“
Zusammen verließen die beiden den Flur und verschwanden um die Ecke. Wieder begann das Herz des Maulwurfes zu rasen. Das war die Gelegenheit! Eine halbe Stunde hatte die rote Hexe zu Frank gesagt. Jetzt oder nie! Schnell blickte sich der Maulwurf um und vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, dann öffnete er die Tür zur Kammer. Die Besucherstühle waren weggeräumt und standen hinter dem Vorhang, welcher den Zuschauerbereich von dem Delinquenten trennte.
Kurz machte sich der Maulwurf Gedanken über die Videokameras, doch dann sagte er sich, dass Frank sicher alle Kameras deaktiviert hatte. Schließlich war das, was hier drinnen geschah, nicht legal. Im Halbdunkel sah der Maulwurf die Wachfrau bewusstlos auf ein X-förmiges Gestell gefesselt liegen. Der ganze Körper der Wachfrau war mit Folterspuren übersät. Caroline hatte ihr, wohl um zu verhindern, dass sie dehydriert, eine Infusion gelegt. Die Frau lag bewusstlos aus tausend kleinen Wunden blutend auf dem Gestell. Daneben stand ein Rolltisch, auf dem die Utensilien der Henkerin lagen.
Neben blutigen Messern und Nadeln und anderer Folterinstrumenten, lag eine Spritze mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. War es das Mittel, das Caroline erwähnt hatte? Egal, der Maulwurf konnte die Frau nicht mit einem Messer töten oder erdrosseln, das wäre aufgefallen und jeder wüsste, dass es noch mindestens einen weiteren Maulwurf gab, also beschloss er die einzige Möglichkeit zu nutzen, die blieb. Ohne lange zu überlegen, nahm der Maulwurf die Spritze von der Ablage und stach mit der Kanüle in den Schlauch der Infusion.
-Du musst die Spritze nachher wieder auffüllen.- sagte er sich, als er den Kolben der Spritze herunterdrückte. Das Gift, oder was immer die rothaarige Hexe benutzte wurde durch den Infusionsschlauch in den Körper der Wachfrau geleitet. Während er sein tödliches Werk vollendete, glitten die Augen des Maulwurfs über den geschundenen Körper der Frau. Eigentlich gar nicht so schlecht. Schöne lange Beine, flacher Bauch, geile Titten und ein hübsches Gesicht. Als der Maulwurf sich das Gesicht der Wachfrau ansah, fiel ihm fast die Spritze aus der Hand. Die Frau starrte ihn mit wachen Augen an. Nein! Sie starrte an ihm vorbei!
-KLICK- hörte der Maulwurf das Entsichern einer Waffe, direkt an seinem Kopf.
„Willkommen auf der Party.“ Das war Peters Stimme, die leise und gefährlich hinter ihm erklang.
Die Tür flog auf und Caroline kam mit Frank herein. Caroline richtete eine kleine aber bösartige Pistole auf ihn.
„Tatsächlich. Ich hatte es nicht geglaubt!“ Frank trat auf den Maulwurf zu.
„Frau Schaller, die Putzfrau.“
Frank drehte sich zur Tür und rief:
„Du hattest Recht, Genie.“
Randy kam von einem Ohr zum anderen grinsend in die Kammer.
„Ich wusste es!“
Peter begann die Wachfrau loszubinden und zog ihr vorsichtig die Kanüle aus dem Arm. Als alle Fesseln weg waren, stand die nackte Wachfrau auf und Peter reichte ihr eine Decke.
„Alles klar?“ fragte er die Frau.
„Nur etwas kalt.“
„Wie hast du das überhaupt herausbekommen?“ wollte Frank von Randy wissen.
„Sie.“ Randy sah die Putzfrau an, „hat zwar immer Handschuhe getragen, aber mit denselben Handschuhen ihre Arbeit erledigt. An einer der Wanzen waren Anheftungen von Benzol, Toluol und Xylol. Alles was ich tun musste, war herauszufinden wo diese Stoffe Verwendung finden. Es sind Putzmittel. Ab da war es dann sehr einfach.“
„Wer verdächtigt auch die Reinemachefrau.“ Meinte Frank bitter.
„Vielen Dank Frau Keller. Sie sollten Schauspielerin werden. Meine Stimme für einen Oskar haben sie. Das gleiche gilt für die Maskenbildnerin.“ Er grinste Caroline zustimmend an und wandte sich an die Wachfrau.
„Sie haben eine Woche Sonderurlaub den sie nehmen können, wann immer sie wollen, ich werde Decker Bescheid geben.“ Sagte er zu ihr, als Frau Keller die Kammer verließ.
Frank blickte hinter sich in Richtung Randy. Der verstand den Wink und schloss sich der Wachfrau an. Als sich die Tür geschlossen hatte, lastete eine schwere Stille in der Kammer.
Ich packte die Putzfrau, die noch immer erblasst und stocksteif dastand. Caroline trat vor sie und begann ihr die Kleider auszuziehen.
Die Schaller wehrte sich, doch eine Chance hatte sie keine. Nur Minuten später lag sie nackt auf dem X-Gestell und zusammen mit Caroline legte ich ihr die Riemen an, die sie fest darauf fixierten.
„Aber jetzt darf ich ihr zur Hand gehen?“ fragte ich Frank.
„Nein. Caroline wird das übernehmen. Wir verschwinden und lassen die beiden alleine.“
Als die Tür hinter uns zu war, stellte Caroline ihren Rolltisch mit all den Folterinstrumenten neben das Gestell. Im Halbdunkel schienen ihre roten Haare zu glühen. Ganz ruhig holte sie einen Schemel und setzte sich neben Frau Schaller.
***

„So meine Liebe, wir beide werden uns jetzt etwas unterhalten.“ Die Augen von Frau Schaller wurden immer größer, als Caroline sie mit einem diabolischen Grinsen anlächelte.
Am Tischende stellten sich Frau Schaller die Nackenhaare auf. Ich schaute ihr kaltlächelnd in ihre Augen, vergewisserte mich, dass die Lederbänder straff genug waren. Die Stirn fesselte ich mit einem weiteren Band, jetzt konnte sie sich nicht einmal zur Seite drehen. Als sie die dichte Augenbinde sah, wurden ihre Augen größer. „Die ist nur wegen der Blitze und der Dämpfe, die der kleine Racker hier absondert, ich will dich ja nicht zur Blinden machen, wenn ich die Haut versenge und es sieht blöde aus, wenn du nachher nicht mehr deine Unterschrift lesen oder schreiben kannst.“
„Da könnt ihr lange warten, beweist mir mal was!“ Begann sie sich heldenhaft zur Wehr zu setzen „Ähh …und deine komischen Drohungen kannst du dir sonst wo hinschieben.“
„Schön, ich liebe es, wenn sich meine Opfer wehren, das macht dann erst richtig Spaß – ich hasse das eintönige. Du weißt sicherlich, dass ich früher in der Südsee gearbeitet habe und dass die Tierwelt auf Soulebda weitaus gefährlicher ist, als die in Europa – ja das alles weißt du natürlich alles, denn du bist ja clever und man hat dich ja auf alles, was kommen kann vorbereitet. Also dann beginnen wir.“ Damit begann ich in meiner Ledertasche zu kramen.
„Blöde Blechdose. Au du verdammtes Vieh – doch nicht nicht mich beißen, sondern die da,“ und ich zog meine Hand aus der Tasche und der kleine Finger blutet. Ein dicker Blutstropfen hing an dem Finger „Du fieses kleines Miststück.“
Aus der Tasche drang ein scharrendes Geräusch, zwei, dreimal scharrte es in der Tasche…
Jetzt hatte ich die Aufmerksamkeit der Gefangenen und sie wechselt schlagartig die Gesichtsfarbe.
„Was ist das?“
„Keine Sorge mir musst du nichts beweisen, oder die Heldin spielen, bestenfalls diesen kleinen Tierchen da, die ich dir jetzt der Reihe nach vorstellen werde, du kennst sicherlich den Skarabäus auch Totengräberkäfer genannt aus der ägyptischen Geschichte. Die Käfer hat man dort bei den Beerdigungen mit in die Gräber gelegt. Die fressen sich ins Fleisch und lösen Muskeln und Sehnen ab. Wir auf Soulebda haben etwas anderes. Unsere Käferchen fressen das Fleisch und die Haut nicht, nein, die lösen sie nur ab und legen ihre Brut auf das rohe Fleisch. Die kleinen Larven aber, die fressen dann Haut und Fleisch, denn die wolle ja wachsen. Die Tiere haben wir zur Tierpräparation genutzt, die haben so wunderbar kräftige Kieferchen.“
Damit legte ich einen metallisch schwarzen Käfer von gut sechs cm Kantenlänge hinter ihren Kopf, die Geräusche, die der Käfer machten, waren leise aber sie waren unheimlich. „Als Nächstes die Sache mit dem Licht, aber dafür sollte ich dir die Augen schützen.“
Damit setzte ich meine rabenschwarze entspiegelte Sonnenbrille auf und bedeckte ihre Augen mit dem Augenschutz. Dann blitzte es bereits irgendwo auf und ein merkwürdiges Knistern drang durch den Raum. „Verdammt ist die Kleine heute wieder gierig…“ und legte einen knisternden Gegenstand auf die Haut der Gefesselten, sie schrie sofort laut auf. „Was ist das, was leuchtet da?“
„Willst du auch nicht wissen, die Kleine wird dich jetzt beginnen zu häuten.“ Kurz danach schrie die Gefesselte auf, als würde sie geschlachtet. „Tja Biolumineszenz ist nicht nur für den Leuchtkäfer schön, unsere Käferchen nutzen diese Kraft der Chemie zur Herstellung ihrer körpereigenen Säure.“ Dabei lachte ich kurz auf. „Na dann wollen wir mal, das wird jetzt aber wehtun Süße.“
Das krabbelnde Ding auf ihrem Bauch schien irgendwie Blasen zu werfen, es knisterte und brannte höllisch auf der Haut, das knistern wurde scheinbar lauter und Wellen von Schmerzen zogen durch den Körper. Ab da begann die Gefesselte ungehemmt zu schreien.
Draußen vor der Tür standen Frank und Peter und lauschten den Geräuschen aus dem Inneren. Die Schreie wurden immer wilder und greller, es wiederholte sich ab und zu und kletterte die Tonleiter rauf und runter. Nach einer halben Stunde kam nur noch ein brachiales Brüllen, Gurgeln und ein röchelndes Schreien aus dem Raum, dann herrschte eine gespenstige Ruhe. Aber anstatt, dass alles vorbei wäre, schrie die Frau erneut auf. „Ahhhhh, das brennt höllisch, was macht das Vieh da – ahhhhh… Nein, nicht…“
Ihre Schreie wurden langsam kraftloser, schließlich gingen sie in ein lautes Jammern über.
„Willst du etwa schon aufgeben, ich habe dir meine vier anderen Freunde ja noch gar nicht vorgestellt, da wäre der fleischfressende Tausendfüßler, dann die Schabe, die sich so am Bindegewebe vergnügen kann und ihre Eier ablegt, dann noch dieser fiese …“
„Aufhören, nein ich sage alles… bitte aufhören bitte, ahhhh…“
„Na gut – Rede!“
***

Eine halbe Stunde hörte man kein Geschrei mehr. Die Tür ging auf und ich winkte den beiden zu, sie mögen hereinkommen. Verwundert sahen sie, was sich da für ein Schauspiel ereignet hatte. Die Schaller zuckte am ganzen Körper und war offenbar kurz vor einem Schock. Die Augenbinde trug sie immer noch und aus ihrem Mund drang Schaum. Sie spuckte ein wenig Schaum und rang nach Atem.
Frank ließ den Arzt rufen und schaute mich fragend an. Ich winkte ab. Frau Schaller wurde auf der Rollliege gefesselt in den Krankensicherheitstrakt gebracht. Der diensthabende Arzt schaute mich entsetzt an und dann mit fragenden Blick zu Frank.
„Sind wir etwa wieder im Mittelalter??“ Der aber deutete nur mit dem Daumen zur Seite, der Wink war klar „Machen Sie ihre Arbeit.“ sagte der Wink aus.
„Wie zum Teufel hast du das wieder erreicht?“ Frank und Peter schauten mich fragend an.
„Mach deiner Gegnerin klar, dass nicht du ihr weh tun wirst, sondern überlasse es den wilden unbekannten Tieren ihrer Fantasie. Lass sie in dem Glauben, dass in deiner Wunderkiste Ungeheuer leben, die ihr nach Leben und Gesundheit trachten und lass sie in dem Glauben, dass das Feuer auch Feuer ist und keine Eiswürfel. Dazu noch ein paar kleine Ritzer in die Haut und zur Stimulierung moderne Chemie aus dem Beauty-Shop, da werden alle Menschen sehr schnell weich. Die Frau glaubt jetzt noch, dass kleine Maden in ihrem Fleisch sitzen und sich an ihr gütlich tun.“
Ich warf Frank einen kleinen schwarzen Gegenstand zu, eine kleine Fernbedienung annähernd im Käferformat mit einer Vibration Einstellung. Selbst Frank zuckte kurz zusammen.
„Die Hautverbrennung war anfangs echt, zumindest das Feuerzeug dazu, dann ein paar kleine Schnitte in die Haut mit einem feinen Papiercutter und etwas Nagellackentferner und dann nur noch etwas Brausepulver, sie war überzeugt, dass die tierische Säure sie bereits auffraß.
Fies sind aber diese da.“ Dabei reichte ich Peter zwei kleine Spielzeugpanzer aus Metall, sie sahen aus wie kleine Schildkröten. „Die bewegen sich langsam und mit wenigen Geräuschen aber man kann die Bewegungen auf der Haut nicht zuordnen und die feinen Härchen auf der Haut werden garantiert herausgerissen, die haben keinen Schutz um den Motor. Deswegen flogen die vor Jahren aus dem Spielwarensortiment. Das Gefühl ist aber so, als wenn sich ein fleischfressendes Monster durch die Haut frisst.“
Damit suchte ich etwas in meine Ledertasche „Schade nur um meine Kirsch Toffees, da brauche ich wohl neue. Die geben einen wunderbaren Blutstropfen ab, wenn man eines zerdrückt.“ Und damit zog ich die Reste eines Toffees aus der Tasche.
Frank schaute mich fragend an „Und wenn das alles nicht gewirkt hätte, was dann?“ Ich zog meine linke Augenbraue hoch. „Wenn alles andere versagt gibt es immer noch die Chemie und mit diesem Wunderwasser hier, hätte sie alles verraten, bis zurück zu ihrer Kindheit. So oder so, sie hätte auf jeden Fall geredet!“
Damit gab ich Frank eine schriftliche Notiz. „Diese drei Personen sollte man sich genauer ansehen und in all diesen Büros sind Wanzen versteckt. Außerdem ist das Personenkontrollsystem manipuliert und die Sicherheitskameras 1 bis 12 sollten besser getauscht werden.“
Während die drei Personen gefangengesetzt wurden, konnte sich Randy zum ersten Mal so richtig austoben. Er fand in den Räumen diverse Wanzen und anderes Abhörwerkzeug.
Noch in der Nacht wurden die Sicherheitskameras getauscht und das Personenkontrollsystem untersucht.
Später, in unserem Büro, schaute ich Peter fragend an, „Na haben die drei Hilfsmaulwürfe etwas neues gewusst?“
***

„Nein, viel Neues wussten sie nicht. Sie hatten den Auftrag unsichtbar zu bleiben, bis sie die Anweisung bekommen aktiv zu werden. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie muss es da um mehr gehen als um Beate.“
„Wenn es um Macht geht, sind Leuten wie Trommer alle Mittel recht.“
„Wahrscheinlich fragst du dich, warum du nicht in der Südsee geblieben bist.“
„Ja, der Gedanke kam mir in den letzten Tagen das ein oder andere Mal.“ Lachte Caroline.
„Würdest du denn wieder zurückwollen?“
„Oh ja, ganz bestimmt. Wenn du es schaffst, bis dahin zu überleben, nehme ich dich gerne mit, es ist dort wirklich herrlisch. Vielleicht würde dir Soulebda auch gefallen.“ Caroline setzte sich zu mir und ich legte meinen Arm um sie.
„Du bist sehr liebenswert.“ Entgegnete ich ihr. „Eigentlich hatte ich vor, dir heute eine Überraschung zu machen, aber unter diesen Umständen.“ Ich schaute beleidigt und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.
Caroline kam zu mir und setzte sich jetzt auf meinen Schoß. Sie umfasste fest mein Genick und schob mich ganz dicht an mich heran. Ich hielt sie fest und drückte sie gegen mich. Da gab sie mir einen langen Kuss und sagte danach diese Worte, die mir sehr gut klangen. „Ich wäre bereit, unseren Waffenstillstand in einen dauerhaften Frieden umzuwandeln.“ Dabei musterten mich ihre herrlichen Augen. Während sie mir das sagte, spürte ich ihre Wärme, roch ihren Duft, spürte das Kitzeln ihrer Haare und ihren Atem in meinem Gesicht. In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich diese Frau wirklich liebte. Ich liebte Caroline, weil sie Caroline war. Nicht weil ich Angst hatte einsam zu bleiben, nicht weil sie wie Vera rote Haare hatte, nicht wegen ihrer grünen Augen, und schon gar nicht, nicht weil sie einfach da war. Nein ich liebte diese Frau wirklich.
Bevor ich dazu etwas sagen konnte, kam Jessika durch die Tür. Caroline wich keinen Millimeter zurück und sah auch nicht auf. Sie hielt Blickkontakt zu mir und ich erwiderte ihn.
Alles was gesagt werden musste, sprach der Blick aus, den wir austauschen. Selbst Jessica wartete geduldig, bis wir uns voneinander lösten. Caroline erhob sich und setzte sich wieder an ihren Platz. Danach lächelte sie Jessica an. „Es gibt Arbeit, die nächsten 10 Urteile sind da.“
***

Damit war wieder die Arbeit auf dem Tisch, wir planten die Hinrichtungen der nächsten 10 Verurteilten. Auch hier hatten die Richter Tod durch den Strang auf öffentlichem Platz am Donnerstag um 13:00 Uhr festgesetzt. Auch hier wurde wieder Presse und jede Menge Publikum erwartet. Die Handwerker bauten bereits den Galgen um, damit alles klappte.
Zusammen mit Peter und Fransiska ging ich die Akten der Verurteilten durch. Die Richter hatten auf eine abschreckende Hinrichtung bestanden. Wir legten fest, dass die Leute paarweise gehenkt würden. Entsprechend den Vorgaben. Fransiska zeigte die Standpunkte der Hauptkameras und wir wurden uns schnell einig. Das TV bekäme seine Bilder, Trommer seine geliebte Bauchpinselung und die Richter ihre Abschreckungen. Dies würde eine ganz normale Hinrichtung am Donnerstagnachmittag werden, dessen waren wir uns sicher.
Leider waren wir uns dabei etwas zu sicher.
***

Im Besprechungsraum in Langley fällte der Direktor eine einsame, aber harte Entscheidung. „Colonel Poklani – Ihr Auftrag lautet: Schalten Sie mit Ihrem Team das Ziel aus. Sammeln oder vernichten Sie alle Beweise und treten Sie den örtlichen Behörden nicht noch mehr auf die Füße. Die diplomatischen Kanäle kochen jetzt schon!“
Colonel Poklani, über Video zugeschaltet, bestätigte den Auftrag, grüßte und verschwand aus dem Bereich der Kamera.
„Meine Damen und Herren jetzt ist der Befehl raus, in spätestens zwei Stunden haben unsere Leute den Verrückten ausgeschaltet und die Lage ist wieder im Griff. Dann ist in Deutschland – hmm – dann ich bei denen Donnerstag 14:00 und wir sind ein weiteres Problem los.“ Die Direktionskollegen nicken wissend und zustimmend. Ganz so, als wüssten sie was sich in Deutschland gerade zusammenbraut.
Und mit einem Nebensatz zu seinem Kollegen an seiner linken Seite flüsterte der Direktor:
„John, wie konnte das nur soweit kommen, wie konnte uns das nur so entgleiten, das mit Mc. Froody…“
***

Fransiska und Peter saßen mit mir beim Abendessen. Unsere unerschrockene Reporterin hatte bei den Vorbereitungen kräftig mitgeholfen. Sie hatte zusammen mit Reichert den Bau des Galgens überwacht und sich die „Arbeitsweise“ des Gerätes zeigen lassen. Nachdem sie wusste, wann welche Falltür sich öffnen würde, platzierte sie die Kameras neu. Auch ihrem Chef war aufgefallen, dass die Berichterstattung, die Fransiska bot, immer besser wurde. Im Internet hatten sich sogar schon Fransiska-Fanclubs gebildet. Jetzt saßen wir am Tisch und ließen uns von Fibi das Essen servieren.
„Irgendwie wir mir das alles fehlen. Nach diesem Donnerstag werde ich hier ausziehen müssen.“
„Du wirst doch sicher weiter über unsere Arbeit berichten?“ Fragte Peter sie.
„Das schon, aber wie oft gibt es schon Massenhinrichtungen. Öffentliche Hinrichtungen sind das, was das Volk sehen will.“
„Wenn Trommer weiterhin so hart durchgreift, wird es sicher öfter dazu kommen.“
„Wahrscheinlich schon. Dennoch, eine so Aktionsreiche Zeit, wird es sicher nie mehr geben.“
„Ach meine Liebe, du wirst sicher noch einige Abenteuer mit uns erleben.“ Caroline griff Fransiskas Hand und drückte sie. Die lächelte und die beiden gaben sich einen Kuss.
„Wisst ihr, anfangs hatte ich euch auf der Abschussliste. Trommer sagte mir, dass es euch nur um euren eigenen Vorteil geht und ganz besonders du“, dabei sah sie Peter an, „du wärst ein falscher Hund. Aber nach allem was ihr für mich getan habt, glaube ich eher, dass er der falsche Hund ist.“
Es legte sich ein Schweigen über den Tisch. Weder Peter noch ich sagten dazu etwas. Wenn wir ihr jetzt die Wahrheit sagen, würde die große Party morgen Früh platzen und das wäre eine Katastrophe. Nein wir mussten bis morgen Abend warten.
„Jedenfalls, wollte ich Danke sagen. Danke für alles.“
„Gern geschehen, komm zu uns, Fibi hat bestimmt schon den Tisch gedeckt.“
Als wir bei Fibi ankamen, freute sich die Kleine sichtlich und wir ließen sie zu uns. Wir gönnten uns mit ihr einen schönen Abend und wir ließen sie gewähren. Als sie sich mit Fransiska vergnügte nahm ich Peter an der Hand und zog ihn unter die Dusche. Nach einer herrlichen heißen Dusche drückte ich in an die Wand der Dusche.
„Können wir Fibi nicht als Maskottchen halten oder ins Inventar übernehmen, da muss es doch eine Möglichkeit geben ihre segensreichen Eigenschaften zu nutzen oder?“ Peter schaute mich mit einem leichten Grinsen an „Deine Art Maskottchen kenne ich nur zu gut, aber stell dich besser darauf ein, Fibi eines Tages zu verlieren, schließlich besteht ein rechtskräftiges Urteil und zaubern sollten wir besser den Profis oder deinem Onkelchen überlassen.“
Als wir aus der Dusche stiegen, hatten sich Fransiska und Fibi auf die Liege im hinteren Bereich des Raumes verzogen und ich zog Peter zu mir ins Bett. „Komm, heute ist etwas Ruhe angesagt, lass es uns diesmal ruhig und schön angehen genieße auch mal, es wird schnell genug wieder hektisch!“
Mit diesen Worten zog ich ihn an mich und ließ Peter einfach einmal etwas zur innerlichen Ruhe kommen, etwas was ihm eindeutig fehlte, wie ich sofort merkte. Aber Peter genoss auf einmal diese Ruhe, diese Möglichkeit, sich auch einmal fallen zu lassen, im Wissen, dass es da jemanden gibt, der ihn auffing.
Hin und wieder ein zarter Kuss und etwas Streicheln brachte schließlich sogar Peter zur Ruhe und irgendwann lag er entspannt und lächelnd in meinem Schoß und schlief. Endlich hatten wir etwas Ruhe.
***

Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde ich wach. Noch immer lag ich in Carolines Schoß, und ein tiefes Gefühl der Geborgenheit durchströmte mich. Wann hatte ich dieses Gefühl zum letzten Mal? Ich konnte mich nicht erinnern. Vera war eine leidenschaftliche Gefährtin gewesen, bei der kein Wunsch offengeblieben war. Doch erst Caroline, die eiskalte Killerin konnte mir dieses Gefühl der Geborgenheit zurückgeben. Und plötzlich begann ich über meine, NEIN, über unsere Zukunft nachzudenken.
Ich stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, was die Zukunft bringen würde. Das war eine ganz neue Erfahrung. Bisher hatte ich stets die volle Kontrolle über mein Leben gehabt. In all meinen Beziehungen war ich der der Alpha gewesen. Ich plante und handelte, so wie ich es für richtig hielt. Eine Absprache hatte es nie gegeben. Nun lag ich im Schoß eines Raubtieres, das für sich selbst entschied und auch selbstständig handelte.
Was würde die Zukunft bringen?
Würden wir zusammenbleiben? Würden wir hierbleiben, oder in die Welt ziehen? Würden? Würden? Würden…? Das waren mir eindeutig zu viel der Würde. War ich mir sicher, dass Caroline den Rest ihres Lebens mit mir verbringen würde? Nein!
Würde ich ihr dennoch mein Herz schenken? JA!
Zum ersten Mal In meinem Leben war ich bereit, jemanden an mein inneres zu lassen und ihm meine Seele zu öffnen. In diesem Moment war mir das alles egal. Ich war bereit, mit dieser Frau loszustürmen, ohne an morgen zu denken. Ich lachte in mich hinein. Das Leben ist seltsam. Vor ein paar Wochen wollte mir die Panterin den Hals brechen. Jetzt lag ich in den Armen des tödlichen Rautieres, das über mich wachte und schlief wieder mit dem tiefen Gefühl der Geborgenheit ein.
***

Die Abrechnung

„Heute schlagen sie zu!“
Lem, der mittlerweile persönlich anwesend war, leitete die Besprechung.
Dagan, Levi der die Leitung von Team 7 übernommen hatte und Ariel als Teamleiter von Team 8 waren anwesend, ebenso wie Mike Smith und Dave Miller. Wie immer machte Lem seinem hervorragenden Ruf alle Ehre. Lem war ein Genie, wenn es um Details ging, an die sonst keiner dachte.
Als die Besprechung zu Ende war, und sich die israelischen Teams, sowie die Amerikaner auf ihren Einsatz vorbereiteten, schubste Dave Mike an. „Was hältst du von denen?“
„Ganz ehrlich, von denen können selbst wir noch etwas lernen. Wir sollten sie uns warmhalten.“
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Hinrichtungstag

Peter kontrollierte sein Team, ich kontrollierte den Galgen und vergewisserte mich, ob der Funktion der Falltüren. Ja alles bestens. Der Bereich war wieder weiträumig abgesperrt. Die Sicherheitskontrollen waren schon lange nicht mehr so hoch. Die ersten Würstchenverkäufer heizen ihre Stände an. Schrecklich mitanzusehen, wie eine Hinrichtung zum Jahrmarkt Ereignis verkam. Ich konnte Peter ansehen, wie er mit seinem Job immer mehr haderte. Hinrichtungen waren schon hart, aber wenn diese dann noch als Jahrmarktattraktion verkauft wurden, dann verstand ich ihn. Nach getaner Arbeit trafen wir uns im Regiewagen der Presse, wo Fransiska ihre Leute instruierte. „Denkt daran, dass neulich Attentäter da waren, das kann heute auch wieder der Fall sein, wenn Sie also etwas sehen, informieren Sie die Leitung über Sonderkanal U1 verstanden?“
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Irrtum

Ein scheinbar verlassener Bauernhof im Mecklenburgischen Land wurde von zwei Seiten durch Kräfte des BKA und der Bundespolizei umkreist. Im Innern des Hauptgebäudes waren Sicherungskräfte des Verfassungsschutzes dabei alle Schränke und Tische zu untersuchen, auf der Suche nach Beweismittel für die angebliche Aktion der Fremdenlegionäre.
Einem der Wachposten des BfV fielen die Bewegungen draußen auf und er schlug Alarm. Er sah einige Männer in Zivil, die sich Sturmhauben überzogen und wegdrehten. Entweder hatten sich Kollegen zu dumm verhalten und die Ausrüstung vergessen, oder und das schien dem BfV’ler glaubhafter, da draußen machten sich die „Bösen Buben“ bereit zum Sturm. Folgerichtig nannte er das Codewort für „bevorstehender Überfall.“ Die Beamten im Inneren machten sich kampfbereit.
Im Vorfeld wurden Aktivitäten aus dem Inneren des Objektes gemeldet, die Stürmung wurde vorbereitet. Der Austausch Verbindungsmann zur Zentrale, Sven Haegarsund, bestätigte nochmals, dass von keiner Polizeieinheit ein Einsatz hier bekannt sei Es sollten keine unschuldigen Menschen zu Schaden kommen und es sollten möglichst viele Gefangene gemacht werden.
Um 11:05 erklang über Funk das Wort „Zugriff“ und es ging los. Kurz danach fielen die ersten Schüsse…
***
„Hier steht der Helikopter, wir wissen, dass die Verrückten vier Raketen angebracht haben. Da will Mc. Froody hin und wir wissen, dass er selber schießen wird, er hat seine Leute dezimiert und er will sich dieser Aufgabe selber stellen.“
„Was bedeutet das“ fragte Dagan.
„Das bedeutet, er muss sich niedrig halten um nicht vom Radar erfasst zu werden und das bedeutet, es gibt nur eine einzige Route für ihn. Er muss hier entlang, an diesem Waldrand vorbei, über diesen Fluss und dann hier entlang zur Stadt.“
Dagan stand auf, nahm den Laserpointer und beleuchtete einen Punkt auf der Karte. „Mc. Froody kommt von hier. Er muss genau hier vorbeikommen, einen anderen Weg kann er nicht wählen, ohne entdeckt zu werden. Da oben ist die Kaserne, auf der anderen Seite steht das Radar des Flughafens. Er kann nur hier unten durch. Und genau da kriegen wir ihn.“
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Rheinland-Pfalz

Auf dem US Stützpunkt UW-X3 ging aus unerklärlichen Gründen um 11:10 ein laufender 500 kVA Generator durch und fiel Feuer und Flammen spuckend aus. Irgendwie hatte sich der Regulator der Einspritzpumpen verstellt und die Enddrehzahl auf unendlich gestellt, ein Zustand, den keine Turbine der Welt halten konnte. Ehe die Notabschaltung greifen konnte, war es bereits zu spät. Der Turbinenkomplex brannte lichterloh, die Feuerlöschsysteme sprangen aber zum Glück an und schäumten den Bereich mit Löschschaum ein. Da der Generatorblock kein geschlossener Raum war, konnten keine Löschgase eingesetzt werden. Die Schaumwogen traten aus den Lüftungsschlitzen aus und verbreiteten sich.
Dummerweise gerieten einige der Schaumwogen in die Luftansaugung der nebenan stehenden Dieselaggregate. Ab dem Zeitpunkt lief alles schief, was nur schieflaufen konnte. Dass eine große Abdeckklappe zum Luftreiniger offenstand, wurde erst später bemerkt, aber da war es bereits zu spät. Vier große Reservegeneratoren, alles 12 Zylinder Dieselmotoren, versuchten, die Leistung des ausgefallenen Turbinen Generators auszugleichen, waren aber bereits jetzt an der Leistungsgrenze. Ein Kolbenfresser des ersten Diesels infolge des Feuerlöschschaums setzte eine Kettenreaktion in Gang, in dessen Lauf die drei nachgeschalteten Generatoren ebenfalls nacheinander infolge Überhitzung ausfielen.
Jetzt lief die Satelliten Kommandozentrale nur noch über das öffentliche Stromnetz. An den Anzeigen blinkten einige Anzeigen auf „Diesel Power fail“ und nebenan leuchteten die Anzeigen bei „Commercial Power“. Die Techniker lasen die Anweisungen und informierten die Leitstelle in Ramstein über den Dieselmotoren Ausfall. Sollten sich doch die Techniker darum kümmern.
Vom nahen Versorgungsstützpunkt wurden vier große Trucks mit angehängten Notgeneratoren losgeschickt, um wenigstens die lebensnotwendigen Aggregate zu versorgen. Aber heute hatten die Truppen keinen guten Tag. Ein Unfall innerhalb eines der unzähligen Tunnel blockierte die Trucks, und ein Zurückfahren war ausgeschlossen, denn zwei Hölländische Wohnwagen Gespanne fuhren auf und blockierten den Ausgang.
Das wäre noch keine Katastrophe gewesen. Aber das Glück hatte die US Truppen heute verlassen. Ein schwerer LKW, vollbeladen mit Druckerpapier hatte einen Bremsschaden und konnte den Berg hinab nicht mehr rechtzeitig anhalten. Das nahe Notfall Bremsbecken war noch im Bau und so sah der Fahrer nur einen Ausweg, er fuhr in einen kleinen Parkplatz hinein und rettete sich mit einem kühnen Sprung aus dem Fahrerhaus.
Der führungslose Truck aber raste in eine Reihe, dichter Buschreihen, die den Anfang einer Powerstation verdeckten. Hier erfolgten die Stromeinspeisungen des öffentlichen Netzes in die US Systeme. Der Truck donnerte durch die Büsche und kleinen Bäume und mähte die kleinen Häuschen um. Danach ging der schwere Laster durch eine Hochenergieentladung in Flammen auf. Jetzt belieferte nur noch eine einzige Power Station den gesamten US Komplex mit Strom aus den Überlandleitungen.
***

11:15 Pünktlich auf die Minute rollte die neue Aufklärungsdrohne „Sperber 1“ auf das Rollfeld 07R in Manching. Im Tower und an den Kontrollen waren alle beteiligten hochkonzentriert. Die beiden Piloten im Simulator nickten sich ein letztes Mal zu, dann gab der Erste Pilot Gas und beschleunigt die Drohne. Mit fauchendem Düsentriebwerk hob der Global Hawk ab und stieg auf in die Wolken. Alle waren sie begeistert von dem vorbildlichen Start der Drohne.
Der Vertreter von Boeing stellte sich vor das Fenster und pries dieses Produkt der modernen amerikanischen Ingenieure über alles. Wenn die Amerikaner eines konnten, dann eine fette PR hinlegen.
Knapp 15 Minuten später hatte die Drohne die Dienstgipfelhöhe erreicht und war auf dem Weg in die Test Aera 10, da meldete der Pilot Probleme mit der Steuerung und eine Minute später wurde es hektisch, die Drohne war nicht mehr steuerbar und flog alleine. Hektik brach aus. Die Ingenieure der Amerikaner übernahmen, gaben geheime Codes ein, aber es gab keine Reaktion. Stattdessen wurden all die geheimen Codes automatisch an Bord der Drohne aufgezeichnet.
Eine „geliehene“ Global Hawk flog jetzt herrenlos über Deutschland und reagierte auf keine der Rückrufsignale. Die Radardaten zeigten, dass die Drohne über 35.000 Fuß flog. Da störte sie keinen Verkehrsflieger. Immerhin hatte sie für zwei Tage Treibstoff an Bord. Über die Kursänderungen konnten sich die Analysten aber nicht klar werden, was zum Teufel machte die Drohne da und wer steuerte sie?
***

Um 11:30 geriet ein Lkw mit Flüssiggas ins Schleudern, als er einem Kleinwagen ausweichen wollte, durchbrach den Zaun einer US Anlage und kollidierte mit dem Haupttransformator des Satelliten Kontrollzentrums.
Der Fahrer konnte sich mit letzter Kraft und Mühe mit einem wagemutigen Sprung retten und weglaufen. Kurz danach explodierte die Ladung mitsamt dem Transformator. Ein Feuerpilz schoss in den Himmel. Auf dem gesamten Kontrollzentrum fiel der Strom aus. Die Lichter der Satellitencontainer erloschen. Nichts ging mehr. Da die Notstromdiesel bereits ausgefallen und die Notbatterien keine Kapazitäten mehr frei hatten, kam es zur Überlastkaskade und die Transformatoren fielen der Reihe nach aus. Jetzt kehrt ein neues Geräusch auf dem US Stützpunkt ein: Die Stille.
***

11:35 Durch einen geplatzten Schlauch lief Kühlflüssigkeit aus einem der Hochleistungsrechner der ESOC, dem Europäische Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt. Die darunterliegenden Serverracks waren für vieles ausgelegt, aber die Menge Kühlflüssigkeit war zu viel. Einer nach dem anderen fuhren die Server herunter. Die Europäischen Satelliten, über die die ESOC wachte, waren kurzfristig ohne Kontrolle. Überall hupte es und rotes Blitzlicht leuchtete. Die Systemingenieure setzten alles daran, die Systeme so schnell wie möglich wieder online zu bringen. Die Zeit arbeitete gegen sie.
***

11:40 Ein größeres einsames Wochenendhaus im Schwarzwald. Neben den alten Stallungen liefen in gut zehn großen Container mehrere Dieselgeneratoren unter Volllast. Die beiden großen Tankwagen würden für die nächsten Tage genug Diesel liefern, falls nötig. Dicke schwarze Kabel liefen in das Wohnhaus. Drinnen in dem Haus sah es aus wie bei der NASA im Kontrollzentrum, nur deutlich feiner, kleiner und moderner. Von überall her summten irgendwelche Server. Kein Geschrei, es schien alles bestens organisiert. Es lief alles ruhig und kontrolliert. Dann wurden leise einige Kommandos gerufen:
„Verbindung bestätigt auf Leitstrahl Epsylon. Hauptsystem ist jetzt offline, das Online Backup wird eingespielt. Das System bootet noch.
Uplink OK. Downlink OK. Alle Daten OK. Alles OK – wir übernehmen, 5-4-3-2-1 und wir sind drin. Wir haben es übernommen!“ Einer der jüngeren Ingenieure lächelt zu seinem Nachbarn.
„Siehst du Elim, das nenne ich mächtiges IT Kung-Fu!“ Die Satelliten hoch über den Köpfen hatten wieder eine Leitstelle und funktionierten weiter. Eine sehr hochfliegende Drohne kreiste einsam über Deutschland und übertrug Unmengen an Daten. Das Ganze hat knapp weniger als zehn Minuten gedauert.
***

Punkt 12:00 Uhr
In mehreren Kontrollstellen läuteten die Sirenen, Hupen jaulten und jede Menge roter Lichter spielten ihr Lied. Wegen des Ausfalls in Darmstadt startete bereits um 11:45 Uhr in Geilenkirchen eine Boeing E4B, die einzige in Europa stationierte Maschine dieser Art mit einem komplexen Funksystem, um als Relais und Satellitenfunkstelle einzuspringen. Die alte Maschine war verfügbar und sollte nach Nebraska überführt werden, nun machte sie einen Abstecher über Deutschland. Ihr Rufzeichen lautete „Radio Centry Alpha“.
***

Gegen 12:32
Nach und nach kehrte Ruhe in Darmstadt ein und die Hektik ließ vielerorts nach. Die Backup Systeme liefen. Dass einige wichtige Satellitenverbindungen manipuliert waren, fiel noch keinem auf. Die Lämpchen zeigten „GRÜN“. Endlich hat man so langsam wieder die vermeintliche Kontrolle. Die „Radio Centry Alpha“ Boeing erhielt den Befehl zum Rückflug. Die Krise war vorbei. Alles war wieder scheinbar normal.
***

12:45
Der Marktplatz bei Mainstadt war zum Brechen voll. So viele Schaulustige waren noch nie da. Peter und wir bestiegen das Hochgerüst, wir sahen die Menge. Irgendwo dudelt Musik, Pommes Geruch lag in der Luft. Peter und ich schauten uns an „Das sollte eigentlich eine Massenhinrichtung sein?“
Peter sah man an, das ihn das immer wieder anwiderte. „Die sind schlimmer, wie Aasgeier, die kämen nur, weil sie müssten. Aber dieses geile Volk will mit Blut unterhalten werden. Ekelhaft, wie im alten Rom.“
„Ja ich komme mir vor wie auf dem Jahrmarkt.“ Aus dem Lautsprechersystem kam kratzend eine Durchsage, die Musik verstummte, dann begann Generalstaatsanwalt Trommer mit seiner Rede an das Volk.
„Hör dir den an, das ist wie bei der Rede an die Nation.“, murrte Peter. Wir sahen uns um, alles sah ganz normal aus.
***

12:47
Ein Bell Long Ranger mit ziviler Kennung flog recht niedrig in Richtung der Stadt, er war noch knapp 20 Kilometer entfernt. Seitlich waren je zwei Raketenwerfer angebracht, mit scharfen Raketen. An Bord befanden sich drei Männer, der Pilot, im Heck ein verschwitzter Techniker und auf dem Co-Pilotensitz saß ein älterer Mann mit wirrem Blick, in seinem Schoß lag das Steuergerät, mit dem er die vier Raketen gleich auf den Marktplatz und auf seine Erzfeindin verschießen würde. Vorne an den Armaturen klebten die Bilder seiner Söhne und das seiner Frau.
„Schön niedrig und ruhig fliegen, ich will nicht, dass uns irgendwer bemerkt!“ Wie Mc Froody den Piloten an. Gleich war es soweit! Gleich würde er seine langersehnte Rache bekommen! Mc. Froody atmete schwerer und sein Herz schlug stärker. Sein Blick fiel auf das Bild seiner Frau. „Schatz, gleich ist es soweit, gleich werden wir sehen, wie diese Schlampe in Millionen Stücke zerrissen wird und Elends verbrennt.“
***

Weit über dem kleinen Hubschrauber hatte die Hochleistungsoptik der Global Hawk den Flug genau verfolgt und die Bodentruppe von Dagan informiert. Gleich musste der entscheidende Punkt kommen. Der Hubschrauber näherte sich den Hochspannungskabeln.
„Alles bereitmachen. Es geht los!“
***

„Hey, nicht in die Hochspannungsleitungen, passen sie doch auf!“ Fauchte Mc. Froody den Piloten an. Ehe der Hubschrauber die Überlandleitung queren konnte, flogen aus einem alten neben einem Gartenhäuschen stehenden VW-Bus fächerförmig kleine Pfeile mit Carbon Fasern hinauf zu dem Hubschrauber und wickeln sich um den Heckrotor, dann überflog der Hubschrauber die 36 Kilovolt Überlandkabel.
Die Carbon Fasern kamen den Überlandstromkabeln zu nah und leiteten einige armdicke Blitze zu dem alten VW-Bus am Boden, der sofort in Flammen aufging. Gleichzeitig aber fing sich ein anderer armdicker Blitz den Hubschrauber ein, hüllte diesen ein und mit einem lauten Knall ging der Hubschrauber in Flammen auf. Ein armdicker Blitz schien zwischen dem Hubschrauber, den Überlandkabeln und dem brennenden Fahrzeug zu stehen. Der Hubschrauber fing kurz an zu leuchten, dann spie er Funken und stürzte brennend ab. Als er auf dem Boden aufschlug, explodierten die vier Sprengkörper und zerrissen die brennenden Reste am Boden. Einem mächtigen Feuerwerk gleich brannte der Haufen, der einst ein Hubschrauber war knisternd aus. In diese Rauch und Dampfwolke schlugen noch immer einige Blitze aus der Überlandleitung ein.
Ein einsamer Bauer, der ein halben Kilometer entfernt auf dem Feld war, würde später zu Protokoll geben, dass der Hubschrauber offenbar vom Blitz getroffen wurde. Tage später würde allerdings die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung lapidar etwas anderes feststellen: Pilotenfehler infolge Alkohol und sie würden den Fall abschließen.
***
12:50
Auf dem alten Herrenlandsitz schien Ruhe eingekehrt zu sein. Hektisch sammelten die noch verbliebenen Techniker ihre Habseligkeiten ein und verstauten sie in einigen Bussen. Ihr Auftrag war erledigt, sie wollten nur noch so schnell als möglich weg von hier. Da fielen dumpfe Schüsse und nach und nach gingen 12 Menschen zu Boden. Schon stürmten drei Gruppen Soldaten den Landsitz. Weitere gedämpfte Schüsse fielen, dann herrschte Ruhe.
„Zehn Minuten!“ rief der Leitende und alle arbeiteten so schnell wie nur möglich.
Einige Fahrzeuge fuhren vor, eine Menge Material wurde schnell eingeladen.
„Fünf Minuten!“ Die Leute beluden die restlichen Fahrzeuge.
„Zwei Minuten!“ war das nächste Kommando, da schlossen sich bereits die LKW Türen. Schon fuhr ein Kastenwagen vor und die Leichen wurden verladen. Nachdem alles gesichert, und beladen war, zeigte ein prüfender Blick des Verantwortlichen vor Ort, dass gerade einmal eine knappe Stunde vergangen sein, dann lag der alte Herrenlandsitz wieder verschlafen in der Region.
„Abfahrt!“ war das letzte Kommando. Ruhe kehrte ein, wenn auch nur für kurz.
Dass hier ein ehemaliger CIA Vizedirektor sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, erkannte man nicht mehr, lediglich einige leere Whiskeyflaschen aus Texas könnten darauf schließen lassen.
***

12:55
Auf dem Bauernhof im mecklenburgischen Land hatte sich eine Tragödie zugespielt. Als sich die Lage beruhigte und beide Seiten erkannten, dass sie eigentlich zur gleichen Seite gehörten, stellten sie sofort das Feuern ein, jedoch hatte man im Hof bereits 7 Tote und 5 Verletzte Beamte und draußen 5 Tote und 12 Verletzte zu vermelden.
Als die Berichte in den einzelnen Leitstellen eingingen, brach dort das Chaos aus. Diese Fehler würden Konsequenzen haben. Es sollte sich herausstellen, dass die Einsätze zweier Bereiche vergessen wurden, ihren Einsatzplan in das gemeinsame Leitsystem einzutragen. Daher hatten die einzelnen Teams keine Informationen von den anderen.
Die Schuldigen würden später gesucht, aber außer zweier Unterabteilungsleiter wurde keiner verurteilt oder entlassen.
Die Krähen hackten sich gegenseitig immer noch keine Augen aus.
***

Auf den Dächern am Festplatz tummelten sich die gedungenen Franzosen, sie suchten die Ziele und markierten diese. Eine rasche Überprüfung der Umgebung verlief gut, sie waren scheinbar alleine auf dem Dach. Ein Dutzend Augenpaare beobachteten den Marktplatz und die Gewehre mit Schalldämpfern suchten sorgfältig ihre Ziele.
***

Auf dem gegenüberliegenden Dach regte sich nichts. Eine straff gespannte Plane verdeckte jedoch das, was sich darunter verbarg.
„Alles klar, wir haben sie alle im Blick, du kannst anrufen.“ Am anderen Ende klingelte leise ein Telefon.
Die in Stellung liegenden französischen Legionäre auf dem mittleren Haus hatten ihre Ziele im Blick, gleich würden sie zuschlagen. Dass sich auf ihren Rücken und Köpfen Lichter abzeichneten, die man nur mit Spezialbrillen sehen konnte, entging ihnen.
***

Auf dem dritten Dach robbten wenig später vermummte Bundespolizisten mit ihren Präzisionsgewehren langsam an die Brüstung.
„Ziele bestätigt, wiederhole bestätigt. 12 Personen.“ Funkte der Kommandoführer der Einheit an die Leitstelle. Hier standen einige Beamte und die waren äußerst nervös.
„Verdammt, wie konnte der Anrufer nur wissen, dass die da oben auf dem Dach sind, sollen wir Trommer verständigen?“
„Nein, Trommer können wir nicht herausholen, aber der ist in seiner Kabine auch relativ sicher. Die sollen sich auf dem Dach bereitmachen.“
„Tango Team, bereitmachen.“
„Verstanden.“
***

13:00 Uhr
Es war so weit. Die Verurteilten wurden in Ketten auf das Podest gebracht und unter die Henker Seile gestellt. Eine letzte Kontrolle ob auch wirklich jede und jeder dort steht wo er oder sie stehen sollte, fand statt, dann verlas Trommer nochmals die Urteile.
Peter und ich legten den 10 Leuten den Strick um den Hals und zogen die Schlaufen zu, kontrollierten so den rechten Sitz. Dann traten wir hinter die Gefangenen zurück. Peter schaute mich an und meinte, „Dein Einsatz Caroline“ und ich lächelte ihn an, „du meinst unser Einsatz.“
Generalstaatsanwalt Trommer gab das Zeichen und die ersten beiden Verurteilten fielen in den Strick und begannen ihren vergeblichen Kampf um die Atemluft. Die Kameras fingen die grausamen Bilder in Zeitlupe und HD ein. Als der Tanz der Gehängten endete, fielen bereits die nächsten in die Seile. Am Ende hingen die zehn Verurteilten in den Seilen und drehen sich langsam um sich selbst. Die Arbeit war getan.
Gerade als Trommer seine Entlassungsrede begann, fielen hoch oben auf dem Dach des mittleren Hochhauses die ersten gedämpften Schüsse und hier auf dem Podest spritzen die Holzsplitter. Hinter den Häusern aber ging ein großes Feuerwerk hoch und zauberte herrliche Lichter in den Himmel.
***

„Attention – Adieu Burreaux…“ kam es aus dem Funk der Franzosen, da schlug ihnen von der linken Seite heftiges Feuer entgegen und die meisten der eigenen Schüsse waren verrissen. Ein Späher ging zu Boden.
„Merde“ schrie der Kommandoführer und zeigte nach links, da krachten von rechts auch schon die Kugeln der Polizisten und nacheinander gingen die Franzosen zu Boden. Von ganz links aber kam nichts mehr, kein Schuss, keine Bewegung.
***

Sowohl Peter als auch ich fingen uns diverse Holzsplitter ein, dazu noch zwei Streifschüsse. Wir sprangen mit letzter Kraft vom Podest und so außerhalb der Sichtweite der Dächer. Dann wurde das Feuer von den beiden gegenüberliegenden Dachseiten eröffnet, ebenfalls schallgedämpft und nach und nach verstummte das Feuer auf dem Mittleren Dach.
Auf dem Festplatz hatte man aber nur mitbekommen, dass sich die Henker mit einem Hechtsprung von der Tribüne verabschiedet hatten, mehr nicht. Was der Grund für diese Sprünge war, blieb unklar, es spielte aber auch keine Rolle, die Leute schauten sich das Feuerwerk an. Mit einem Getöse und mit herrlichen Farben brannte irgendwer hier ein sündhaft teures Feuerwerk ab. Es war die schönere Darbietung und die Leute erfreuten sich an den herrlichen Lichtern, die Hinrichtung war vorbei, jetzt galt es Party zu machen.
***

Später stellt sich bei der Untersuchung heraus, dass auf der linken Dachseite Polizeikräfte zu unserer Rettung beigetragen hatten und auf der rechten Seite fand die Polizei lediglich einige Schleifspuren unter einer Plane, konnte sich aber nicht erklären, wo genau diese herkam oder was hier eigentlich geschehen war.
In der Dachmitte indes sah es ganz anders aus. Hier hatte es ein Gemetzel gegeben, es fanden sich diverse erschossene Verdächtige, einige mit eindeutig militärischer Herkunft. Die Waffen waren französische Modelle. Von den verantwortlichen Leitern fehlt allerdings jede Spur. Am Ende zählt die Polizei 9 Erschossene, vermutlich genau wie die Waffen französischer Herkunft.
Eine Tage später würde man bei der Obduktion feststellen, dass neben der Munition der Bundespolizei auch andere Munition genutzt wurde.
***

Die Schießerei auf den Dächern ging im Tagesfeuerwerk unter, das am Ende der Hinrichtung abgebrannt wurde. Wer das Feuerwerk gesponsert hatte, ließ sich nicht eindeutig nachweisen. Die Vermutung lief in Richtung chinesische Geschäftsleute.
***

14:00 Uhr. Zurück in Medizinischen Abteilung hatte uns Dr. Schemmlein bereits genau untersucht und diverse Splitter entfernt. Ich hatte mir einen Streifschuss am linken Arm eingefangen und Peter gleich zwei, einen am Oberschenkel und den anderen am linken Arm.
„Hört mal Ihr zwei“, sagte Schemmlein zu uns, „wenn ihr so weiter macht, stelle ich euch die Kosten für das Verbandsmaterial in Rechnung.“
Reichlich gepflastert und verbunden, verließen wir Dr. Schemmlein und zogen uns zurück.
Fibi kümmerte sich herzlich um uns beide. Ich fand die Kleine ja so süß und wir legen uns dann ins Bett, um endlich etwas zu entspannen.
„Peter, danke dass du mich vom Podest geschubst hast.“
„Oben stehen lassen konnte ich dich ja nicht, wie hätte das ausgesehen“ sagt er und küsste mich.
***

Als pünktlich um 14:00 eine US Herkules die Truppen von Colonel Poklani an Fallschirmen absetzte, fanden die Spezialeinheiten nur noch Fußabdrücke von Armeestiefeln, wie sie auch in Israel getragen wurden. Sonst aber war das Lager wie geputzt.
In den Sicherungsgräben vor dem Herrensitz fanden sich diverse Blutflecken, hier hatten anscheinend einige Kämpfer ihr Leben blutig ausgehaucht. Die Patronenhülsen, die sich fanden, waren alles Amerikanische.
Entweder hatten das Angriffsteam nicht geschossen, oder sie hatten fein säuberlich alle Hülsen aufgesammelt.
Die Kehlen durchschneiden, schnell und lautlos, so dass sich trainierte Soldaten nicht wehren konnten, das wurde nur in wenigen Geheimdiensten gelehrt und durchgeführt, das war Poklani sofort klar. Als er Meldung machte, tobte sein Gegenüber zwar, instruierte ihn dann aber zu einer letzten Aufgabe: „Suchen und finden Sie Mc. Froody.“
***

Bei den Israelis im Camp

„Den haben wir uns verdient!“ rief Mike und ließ den Korken einer Sektflasche knallen. Er saß mit Dave und Sally am Tisch, neben Levi und Lem und Ariel. Noch während er ausschenkte, öffnete Dave schon die nächste Falsche. Froody war erledigt und Mike hatte seinen Auftrag erfüllt. Nicht nur das, sie hatten dem Team, dass extra eingeflogen wurde um Froodys Herrensitz zu stürmen, eine lange Nase gedreht. Mike Smith war der Sieger; nicht die Hampelmänner aus den Staaten!
„Wo ist Dagan?“ fragte Mike.
„Dagan hält sich von solchen Feiern immer fern.“ Erklärte ihm Levi. „Er ist sicher schon wieder am planen.“
„Die Franzosen?“
„Ja, wir haben nur die halbe Truppe erwischt. Der alte Franzose war nicht darunter.“
„Denkst du, er wird trotz der Schlappe, die er erlitten hat, weiter versuchen Miles oder Stein zu töten?“
„Der alte Franzose hat noch nie einen Auftrag abgebrochen! Er lebt von seinem Ruf, aus diesem Grund, kann er die Preise für seine Dienste diktieren und muss nicht verhandeln. Nein, der alte Franzose wird nicht aufgeben. Er wird seine Kräfte sammeln und zuschlagen, wenn wir es am wenigsten erwarten.“
Mike sah Dave an. Die beiden hatten in vielen Jahren unzählige Einsätze miteinander erlebt und kannten sich gut genug, um zu wissen, was der andere dachte oder um sich wie jetzt mit einem einzigen Blick abzusprechen.
„Hört mal, ihr habt uns geholfen, jetzt helfen wir euch!“ Sally die von Mikes Ansage überrumpelt wurde, begriff schnell, dass sich hier eine Zusammenarbeit anbahnte, die länger Bestand haben könnte.
„Also!“ Mike stellte die Sektgläser zur Seite und machte Platz für Lem.
„Major Lem“, fragte Mike förmlich, „wie schätzen sie die Situation ein?“
***
In einem Wochenendhaus im Wald

„Ich denke nicht, dass noch einer unserer Männer kommt.“ Meinte Sergeant Dunant zu seinem Kommandant.
„Wie viele Männer sind noch da?“
„Mit uns insgesamt 14 Mann.“
„Trommer hat uns betrogen! Dieser Schweinehund hat uns ins offene Messer rennen lassen.“ Tobte der alte Franzose!
„AAHHH!“ brüllte er und warf wütend den Schreibtisch um. Papiere und alles was sich darauf befunden hatte, verteilten sich auf dem Boden.
Der Nachrichtenoffizier, des Franzosen, Leutnant Suviér, kam herein.
„Was ist da abgelaufen?“
„Wir wissen mittlerweile, dass es außer unseren Männern wohl noch mindestens eine oder zwei Gruppen Amerikaner gegeben hat. Dann hat die Bundespolizei auch mitgemischt. Unsere Männer gerieten zwischen die Fronten und wurden aufgerieben. Allem Anschein nach, wurden beiden Gruppen von den Israelis gegenseitig ausgespielt. Nach meiner Einschätzung waren es dieselben Israelis, die uns beim Zugriff auf die Zielperson dazwischen gefunkt haben.“
„Dagan! Ich hätte es wissen müssen. Dieser Scheißkerl mit seinen Nichten und Neffen! Dagan ist auf Rache aus, aber diesmal werde ich ihn fertig machen!“
Der alte Franzose ging nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab. Die auf dem Boden liegende Schreibtischlampe bekam einen Tritt und flog gegen die Wand.
„Dass Dagan hinter uns her ist, verstehe ich nur zu gut, aber die Zielperson? Welches Interesse haben die Israelis an unserer Zielperson?“
„Wir wissen nur, dass sie die Zielperson schützen. Aus welchem Grund konnten wir noch nicht in Erfahrung bringen. Aber …. Es kann nur mit unserem Auftraggeber zusammenhängen. Es kann kein Zufall sein, dass Dagan und Trommer zur selben Zeit, an derselben Person interessiert sind.“
Der Kommandant schleuderte ein Glas vom Tisch in die Ecke, wo es in Tausend Scherben zersprang. Wütend sah er Dunant und Suviér an.
„Ab jetzt spielen wir das Spiel nach unseren Regeln. Leutnant Suviér, als Erstes schnappen wir uns dieses Schwein von Trommer! Er hat uns das alles eingebrockt und ich will, dass er dafür zahlt! Sie werden mit einem Team zum Krankenhaus fahren und sich den Mistkerl kaufen. Treffpunkt ist hier.“
„Qui!“ Leutnant Suviér drehte sich um und verschwand mit drei der Überlebenden Söldnern.
„Warum ist der Mann von dieser Fischer so besessen?“ fragte der alte Franzose Sergeant Dunant. Warum will er sie haben? Wir müssen es herausbekommen!“
„Das werden wir ihn fragen, wenn wir ihn haben. Ich vermute aber, dass sie ihn, wie auch immer, angreifbar macht. Dieser Mensch liebt die Macht, und genau wie alle anderen fürchtet er nichts mehr, als diese Macht zu verlieren.“
„Es wird Zeit, mit diesem Stück Scheiße die Gehaltsverhandlungen neu aufzunehmen! Hier ist mein Plan! Sobald wir Trommer haben, schnappen wir uns auch die Fischer! Gibt es eine Möglichkeit an die Zielperson heran zu kommen?“
„Nein. Die Israelis bewachen sie wie die Bundeslade. Selbst mit einer vollen Kompanie würden wir sie nicht aus Dagans Klauen bekommen.“
„Verdammt. Es muss doch eine Möglichkeit geben! Dunant, denken sie nach!“
„Mein Kommandant, vielleicht denken wir einfach zu kompliziert. Ich glaube, ich weiß, was wir tun sollten. Wir müssen die Fischer dazu bringen, hierher zu uns zu kommen.“
Der Franzose sah Sergeant Dunant lange und eindringlich an. Er versuchte, selbst auf die Lösung zu kommen, doch was immer Dunant ausgeheckt hatte, es fiel ihn nicht ein.
„Weiter!“
„Die andere Frau, diese Vera Müller, sie scheint ein sehr intimes Verhältnis mit der Zielperson zu haben. Wenn wir die Müller in unsere Gewalt bringen, begeht die Fischer vielleicht eine Dummheit.“
Der alte Franzose, überschlug seine Möglichkeiten. Er musste zugeben, dass der Gedanke genial war. „Kommen wir an die Müller heran?“ fragte er Dunant.
„Vera Müller wird zwar auch bewacht, aber nicht so intensiv wie die Fischer. Wenn wir sie in unserer Gewalt haben, wird die Fischer mit Sicherheit zu uns kommen, natürlich wird sie dann ein paar Freunde mitringen, allerdings sollten wir mit denen leicht fertig werden. Schließlich wissen wir ja, dass sie kommen und können unsere Stellungen gut vorbereiten.“
„Dunant, sie sind mein bester Mann! Schicken sie ein Team los. Heute Abend will ich, dass Vera Müller mir Gesellschaft leistet!“
„Qui, Was machen wir mit Trommer, wenn er da ist?“
„Ich ziehe ihm persönlich die Haut in Streifen ab. Dieser Scheißkerl hat uns verraten! Niemand verrät meine Truppe ungestraft!“
„Ich hätte einen weiteren Vorschlag. Wir sollten auch diese Haufberger in unsere Gewalt bringen.“
„Warum diese zusätzliche Belastung?“
„Trommer wollte sie beseitigen lassen, das heißt, sie ist für ihn gefährlich. Entweder zahlt er für ihren Tod gleich, oder wir drohen ihm, die Haufberger mit alle Informationen über ihn laufen zu lassen. Natürlich lassen wir sie nicht wirklich laufen, aber das muss er ja nicht wissen, er muss es nur glauben. Außerdem ist sie eine wertvolle Geisel. Sollten wir entdeckt werden, wäre es nicht schlecht, sie als zusätzliches Faustpfand zu haben.“
Darüber musste der alte Franzose nicht lange nachdenken. Er hatte nicht Jahrzehnte dieses Geschäft überlebt, weil er unnötige Risiken einging. Ein zusätzliches Faustpfand zur richtigen Zeit, war Gold wert.
„Gut. Wir schnappen uns zuerst Trommer, dann die Haufberger und am Schluss die Müller. In der Zwischenzeit, sichern die restlichen Männer den Stützpunkt und bereiten alles auf das Eintreffen von der Fischer und ihren Freunden vor, ich will nicht überrascht werden.“
Sergeant Dunant salutierte und machte sich an die Arbeit, während der alte Franzose aus dem umgeworfenen Schreibtisch eine Flasche Cognac herausholte. Zum Glück ist dem guten Tropfen nichts passiert, dachte er, als er die Flasche öffnete und einen kräftigen Schluck aus der Flasche nahm.
***
Krankenhauseinsatz

Die gepanzerte Limousine fuhr direkt am Eingang des Krankenhauses vor.
Das vier Mann starke Personenschutzteam betrat das Krankenhaus und fragte nach, wo Generalstaatsanwalt Trommer gerade operiert wurde. Die freundliche Schwester am Empfang beschrieb den Weg und die vier Männer begaben sich auf dem Weg zu Trommer.
Auch wenn Trommer schwer verletzt war, er hatte nicht vor, lange hierzubleiben. Er war der Held der Stunde! Er hatte dafür gesorgt, dass alle Schuldigen, die für die Stadions-Katastrophe verantwortlich waren, ihre gerechte Strafe bekommen hatten. Das Volk liebte ihn und er würde dem Volk geben, wonach es verlangte, zumindest solange, bis er alle seine Ziele erreicht hatte.
Er schwor sich, sich diesen Triumph jetzt nicht nehmen lassen. Wer immer auf ihn geschossen hatte, er würde ihn finden und ihn genauso an den Galgen bringen, wie die restlichen Verbrecher!
„Setzten sie ihren Arsch in Bewegung und schaffen sie ein Personenschutz Team her.“ Hatte er noch ins Handy gebrüllt, bevor man ihn in den OP brachte.
„Und schicken sie ihre Leute zum Marktplatz! Räumen sie da ordentlich auf! Ich habe dort später noch eine Bekanntmachung zu geben!“
Geduldig warteten die Männer des Personenschutzes, bis die Ärzte einen erleichterten Blick aufsetzten. Dann fragte der Teamführer, ob es möglich wäre, den Generalstaatsanwalt in eine gesicherte Abteilung zu verlegen. Der Arzt erklärte dem Teamführer, dass es im Krankenhaus eine entsprechende Abteilung gebe und dass man sofort dafür sorgen würde, Trommer dorthin zu verlegen. Der Teamleiter wies den Arzt an, niemand ein Wort über den Verbleib des Generalstaatsanwaltes zu geben, bis das ganze Krankenhaus gesichert sei. Der Arzt versprach dafür zu sorgen und übergab Trommer der Schwester, die Trommer mit seinem Bett aus dem OP schob.
Die Personenschützer wichen nicht mehr von seiner Seite. Das französische Team hatte seinen ersten Punkt für heute gemacht.
***

Trommer erwachte und sah nur ein diffuses Licht über sich, nach und nach kamen die Farben, dann sah er über sich gebeugt Leute mit grünen OP Masken. Um sich herum Leitungen, Schläuche Lichter und über ihm piepte und ziepte etwas. Vom Hals abwärts fühlte er nichts, die Betäubung, die er bekommen hatte, saß. Erst jetzt sah er das Personenschutzteam und zählte die vier Leute durch und als er bei Nummer vier ankam, wurde ihm klar, dass da etwas nicht stimmte. Es sollten sechs Beschützer sein! Ein Team bestand IMMER aus sechs Leuten!
Er versuchte den Arzt zu informieren dass er in Gefahr war, aber er brachte nur „… keine Sechs …“ über die Lippen und die OP Schwester kicherte. Der Arzt meinte noch, „Keine Sorge die nächsten zwei Wochen werden Sie garantiert keinen Sex haben,“ da sackte der Arzt zu Boden und hinter ihm stand ein Mann in OP Kleidung.
Der hatte die Spritze noch in der Hand, während zeitgleich die OP-Schwester tot zu Boden sank. Der Mann mit der Maske beugte sich mit der Spritze über Trommer und sagte. „Bonjour Monsieur. So sieht man sich wieder.“ Sekunden später wurde es bei Trommer bereits wieder dunkel.
***

Tete a Tete

Nach einer Weile, oder ein paar Stunden, durch das abgebaute Adrenalin, war uns alles Zeitgefühl verloren gegangen, klopfte es leise an der Tür und Fibi öffnete. Fransiska trat ein und setzte sich zu uns ans Bett. „Habt ihr mitbekommen, auf dem Heimweg wurde auf Trommer geschossen?“
„Auf Trommer geschossen? Ist er verletzt?“
„Nein, er hat wohl Verletzungen an Schulter und Lunge, sagte ein Arzt, aber es besteht keine akute Lebensgefahr. Er wurde im Zentralkrankenhaus operiert. Ich sollte besser hinfahren und bei ihm sein.“
Damit ging Fransiska langsam aus dem Raum und wir schauten uns an, sprangen rasch unter die Dusche, jetzt würde es hektisch werden. Beim Ankleiden sahen wir uns flüchtig an. Was für ein erbärmliches Bild gaben wir doch ab. Mit Pflastern und Verbänden bedeckt und mit Augenringen, wie nach einem Metalfestival.
Peter schaute mich an. „Ich geh zu Frank und du versuchst, mit Onkelchen Kontakt aufzunehmen, vielleicht weiß er mehr.“
Schon war Peter aus dem Zimmer, ich ging online auf die gesicherte Plattform und schrieb Onkelchen die Neuigkeiten. Das Codieren und senden ging es hier deutlich schneller als am Handy und schon wenige Minuten später kam eine Antwort, die mich kreidebleich werden ließ „Isoliert ihn sofort! Gefahr! PQ22! Legion!“
Rasch bestätigte ich und trennte die Verbindung. Dann packe ich meine Sachen in meinen kleinen Rucksack und vergaß die Beretta mit der Ersatzmunition nicht. Dann raste ich zu Jessika.
„Ist Peter noch bei Frank?“ Sie nickt und ich raste erneut los, trommle kurz an die Tür und Frank ruft „Ja!“
„Trommer ist in Gefahr!“ Begann ich ohne Umschweife und die beiden sahen mir an, dass es ernst gemeint war, sie wechseln nur einen kurzen Blick.
„Mein Kontakt sagt, dass Trommer in Gefahr ist. Wir wissen, dass der „Alte Franzose“ dahintersteckt, der ist ein absoluter Profi und er lässt nicht locker, wir müssen was tun!“
Frank schaute Peter an „Trommer liegt bestimmt im Sicherheitstrakt der Klinik, da sollte er eigentlich geschützt sein, außerdem wurde für ihn ein Personenschutzteam abgestellt, wie sicher ist dein Kontakt?“
Ich sah Peter an und sagte nur ein Wort „Onkelchen!“ Das genügte Peter und er überzeugte Frank dass „Onkelchen“ auf jeden Fall über jeden Zweifel erhaben war. „Ihr Onkel hat mich über Trommers Vorgehen informiert und er weiß wirklich was da gespielt wird. Wir sollten auf ihn hören!“
Frank griff zum Telefonhörer und schickte uns raus, „Geht zu ihm! Sichert ihn, ich schicke euch Verstärkung.“
Damit waren wir raus und wir sprinteten in unser Büro. „He warte mal.“ Stoppte mich Peter. „Wieso liegt dir auf einmal so viel an Trommer? Von mir aus, kann ihn diese fiese Söldnertruppe in Stücke hacken.“
„Fransiska ist bei ihm!“
„Ok, das ist ein Argument!“ Peter nahm seine Waffe und Reservemunition, ich öffnete meine gesicherte Seekiste, entnahm zwei MP7 und die beiden Magazintaschen.
Peters Blick war Gold wert. „Frag nicht woher die sind, aber sie sind neu, gut eingeschossen und wir haben nur diese 20 Magazine, also beherrsche dich.“ Damit warf ich Peter seine Waffe zu. Gekonnt prüft er sie und murmelt etwas von „Schönes Werkzeug! Decker würde blass vor Neid werden, wenn er das wüsste.“ Dann sprinteten wir los. Zumindest Deckers Lauftraining zahlte sich gerade aus. Aus dem Funkgerät quäkte Frank. „Das Sicherungsteam wurde eben tot gefunden – beeilt Euch.“
Während der Fahrer die Reifen quälte, machten wir uns einsatzbereit, drei Mann konnte Frank abstellen, Johann, Gratzweiler und Hannes, unser Münchener Urgestein. Sie prüften ihre Waffen und die Funkgeräte, dann kamen wir vor das Zentralkrankenhaus. Hier herrschte die pure Hektik – Polizeikräfte überall, offenbar kamen wir zu spät.
Der Einsatzführer winkte uns zu sich. „Das hier haben wir oben im OP gefunden,“ und zeigte Peter eine angebrannte Spielkarte. Sie zeigte auf der Rückseite eine siebenflammige goldene Granate und vorne ein Pik As. „Was zum Teufel hat der Generalstaatsanwalt mit der Fremdenlegion zu tun?“ Er schaute uns an und legte noch einen nach. „Eine verbrannte Spielkarte bedeutet, dass er die Legion verraten hat.“
Wir sahen uns um, neben uns am Boden lagen nur die abgedeckten Leichen der Schwester und des OP Arztes. Wie üblich machten die Legionäre keine Gefangenen.
Ich zeigte dem Einsatzführer ein Handybild von Fransiska. „Haben Sie diese Frau hier gefunden?“ Er schaute kurz „Nein sein Mädchen haben wir hier nicht gesehen!“
Beim Rausgehen zum Wagen schaute ich Peter an „Verflixt die haben sie garantiert auch.“
***

Niedergeschlagen saßen wir in Franks Büro. Die Niederlage tat weh! Nicht der Verlust von Trommer, der konnte mich kreuzweise, und ich hoffte, dass der alte Franzose Trommer mit seinem Messer bearbeitete, aber Fransiska in dessen Klauen zu wissen. Verdammt! Das war schlimm!
„Verdammt, wie konnte das passieren?“ schimpfte ich laut. “Diese Idioten vom Personenschutz.“
Frank sah mich düster an. „Diese Idioten sind tot. Hab gefälligst etwas mehr Respekt, das waren gute Beamte.“
„Die können sich doch nicht in Luft auflösen. Irgendwo müssen sie ja einen Unterschlupf haben, den müssen wir einfach finden! Caroline, du bist eine Expertin in so etwas, was denkst du? Wo hat sich diese Bande versteckt?“
„Ich würde mein Hauptquartier mitten in der Innenstadt einrichten. Viele Menschen zwischen denen ich untertauchen kann. Allerdings, war ich bisher immer alleine unterwegs. Eine Gruppe Söldner wird kaum in der Innenstadt ihr Lager aufschlagen. Sie sind da irgendwo im Außenbezirk.“
„Das kann überall sein. Das bringt uns nicht weiter.“
„HHMM, das Gebäude muss versteckt liegen, aber auch leicht zu verteidigen sein. Also leichter Bewuchs zur Tarnung meiner Verteidigungsstellung, wenige Bäume die meinen Feuerbereich behindern, mehr Sträucher als Bäume eben… und mindestens 100 Meter freies Schussfeld.“
Es klopfte und Decker trat ein, und wie selbstverständlich setzte er sich dazu. Nein, nicht zu Caroline und mir, er setzte sich seitlich neben Frank an das Kopfende des Tisches. Er hatte sein „ich habe das Kommando-Gesicht“ aufgesetzt.
„Wolfgang?“ fragte Frank.
Ich dachte, ich hätte mich verhört. Hatte ihn Frank gerade mit seinem Vornamen angesprochen? Natürlich kannte Frank Deckers Vornamen, doch ich hatte noch nie gehört, dass Frank ihn je benutzt hatte. Für uns war Decker eben Decker. Erst setzte er sich neben den Chef und dann ließen beide die Förmlichkeiten weg. Hier zeigte es sich zum ersten Mal, dass es zwischen den beiden verheirateten Familienvätern mehr gab, als nur Chef und Leiter des Wachdienstes.
„Die Franzosen haben die Wanzen von Frau Miles entdeckt, die diese bei Frau Haufberger platziert hatte. Sie wurden zusammen mit Frau Haufbergers Kleidung gefunden.“
„Also keine Möglichkeit sie zu finden?“
„Nicht, ohne dass unsere Gegner einen Fehler machen. Randy hat sich auf meine Anweisung hin, bei den Servern der Polizei und beim Staatsschutz eingehackt. Sobald da etwas gemeldet wird, erfahren wir es.“
„Nur mal aus reiner Neugierde, ihr zwei habt schon früher ähnliche Sachen erlebt, oder?“ Fragte ich Frank.
„Habe ich dir je davon erzählt?“
„Nein.“
„Dann tue ich es jetzt auch nicht!“
Immerhin hatte ich jetzt eine leise Ahnung, was Decker nach unserem Ausflug mit dem Gefängnisbusses meinte, als er sagte,-es hat mich an alte Zeiten erinnert.-
Wir diskutierten über unser weiteres Vorgehen, als Carolines Handy summte. Sie schaute erst auf das Display und dann zu mir.
„Sorry.“ Sie ging an Fenster und nahm das Gespräch an.
„Hallo meine kleine Mischka, ich habe leider schlechte Nachrichten.“
Caroline hörte zu und wurde immer blasser. Ihr Blick fixierte mich und in mir begann sich alles zusammenzuziehen.
„Ich habe verstanden. Danke.“ Sie legte auf.
Auch Frank und Decker waren aufmerksam geworden und wir drei sahen sie erwartungsvoll an.
„Der alte Franzose hat Vera! Sie haben sie vor zwei Stunden entführt.“
In mir drehte sich alles. Jetzt wurde es persönlich. Ich schiss auf Trommer. Fransiskas Entführung war traurig, aber Vera!!! Das war zuviel. Frank und Decker wechselten einen Blick. Decker stand auf und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Mach dich jetzt bloß nicht verrückt! Die wollen etwas und werden ihr nichts tun. Die Entführer werden sich mit Sicherheit hier melden. Ich sage Randy Bescheid, er wird wissen, was er zu tun hat. Das muss klappen, wir werden nur einen Versuch haben.“
„Warte, ich komme mit.“ Caroline und Decker verließen das zusammen Franks Büro.
Mein Kopf hatte das Notprogramm gestartet. Ich würde nicht blind losstürmen und auch keine Dummheiten machen. Nein, jetzt war ich böse. So richtig böse.
Frank sah mich lange an.
„Du kannst dabei sein, aber Decker wird das Kommando haben! Verstanden?“
Ich nickte langsam.
„Ja klar.“
***

Caroline und Decker waren zwischenzeitlich bei Randy angekommen.
„Hör zu Genie, sie haben Vera entführt und werden sich hier melden.“
„Im Ernst? So eine Scheiße! Warum glaubt ihr werden die sich hier melden?“
„Sie wollen, dass wir jemanden zu ihnen bringen…“
„Ist dieser Jemand zufällig eine Frau mit grünen Augen?“
„Du hast Recht, er ist ein Genie.“ Meinte Caroline zu Decker.
„Ich glaube wir könnten etwas Hilfe gebrauchen. Ich meine, das sind Profis.“ Merkte Randy an.
Bei dem Wort Profi, zuckte Caroline wie bei einem elektrischen Schlag.
„Ich muss weg. Komme gleich wieder.“ Schon war sie aus der Tür.
***

„Wieso?“ fragte der Franzosen seinen Sergeanten.
„Wieso können wir die Haufberger nicht foltern, um Trommer zum Reden zu bringen.“
„Ihm liegt nichts an ihr. Er hat uns den Auftrag gegeben, sie zu töten. Wenn wir sie foltern, geben wir Trommer lediglich die Genugtuung, dass wir seine Arbeit doch noch erledigen. Er wird eher versuchen, sich mit uns finanziell zu einigen.“
„Ich will wissen, warum diese Fischer für ihn so wichtig für ihn ist. Holen sie diese Information aus ihm heraus.“
„Ich verpasse ihm ein Wahrheitsserum, dann wird er uns sicher alles erzählen.“
Der alte Franzose schwieg und dachte an Fransiska. Als Söldner hatte er nicht unbedingt Freude am Foltern, doch in diesem Geschäft war die Besorgung von Informationen lebenswichtig. Nur wer die besseren Informationen hatte überlebte! Und wenn man schon foltern musste, dann war eine schöne Frau wenigstens eine kleine Entschädigung.
„Aber…“ Sergeant Dunant sah seinen Kommandanten an.
„Aber?“
„Wir könnten die Haufberger foltern, um der Müller zu zeigen, was auf sie zukommt, wenn sie nicht kooperiert.“
„Sehr gut.“ Lobte der alte Franzose Dunant. „Fangen sie damit an!“
Einer der anderen Söldner trat hinzu und salutierte.
„Er ist wach.“
Zusammen mit Sergeant Dunant, ging der alte Franzose nach unten, wo er an Trommers improvisiertem Krankenbett trat.
„So, Herr Generalstaatsanwalt, schön dass sie wieder unter uns sind.“
Der Franzose stand vor Trommer und schaute auf ihn herunter.
Trommer lag im größten Zimmer des Hauses. Mittlerweile ging es ihm so weit besser, dass er wieder halbwegs klar denken konnte. Seine eigenen Söldner hatten ihn entführt. Das machte ihm noch die wenigsten Sorgen. Schließlich wollten sie Geld für ihre Arbeit. Es bestand also noch immer die Möglichkeit einer Einigung. Als sich seine Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten, schaute er sich im Zimmer um. Auf der einen Seite stand eine nackte Frau mit halblangen roten Haaren an Ketten. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, so dass er nicht ihr Gesicht sehen konnte. Besser gesagt, die Frau hing in den Ketten. Offensichtlich war sie bewusstlos.
„Oh Monsieur, beachten sie die Frau dort gar nicht, bitte richten sie ihr Augenmerk doch hier her.“ Bat ihn der alte Franzose.
Er trat zur Seite und Trommer konnte Fransiska sehen, die wie die andere Frau nackt an Ketten hing, nur dass sie nicht bewusstlos war.
„Was wollen sie von mir?“ krächzte Trommer.
Der Franzose gab Dunant einen Wink und dieser steckte eine Spritze in Fransiskas Hintern. Die schrie kurz auf, dann wurde sie bewusstlos.
„Keine Angst Monsieur, sie schläft lediglich etwas, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.“
Als Nächstes trat Leutnant Suviér zu ihm und hielt eine weitere Spritze in der Hand, mit der er sich zu ihm beugte.
Trommer wollte sich wehren, doch der Franzose, hielt ihn eisern fest. Schmerzhaft rammte der Offizier Trommer die Spritze in den Arm. Der Kolben wurde geleert.
„In zehn Minuten reden wir weiter.“, sagte der alte Franzose und drehte sich um. Trommers Blick verengte sich, dann schlief er erneut ein.
***

„Macht ihn wach!“ Zwei Schläge auf Trommers Wangen brachten ihn wieder zur Besinnung. Seine Pupillen weiteten sich bereits. Die Unterhaltung begann.
„Nun Monsieur, wir hätten da ein paar Fragen an sie…“
***

„Sie schulden mir was.“ Sagte Caroline zu Mike.
„Wir haben mehrfach ihr Leben gerettet und dabei einige unserer besten Leute verloren.“ Entgegnete der.
„So weit wäre es nie gekommen, wenn sie ihren Laden im Griff gehabt hätten. Also ich will ja nicht, dass sie offen in das Geschehen eingreifen, sie sollen uns nur technisch etwas unterstützen.“
„Tut mir leid Frau Miles. Unsere Arbeit hier ist getan.“
„Ich würde nur sehr ungern einen der Kongressabgeordneten, der für ihren Geheimdienst zuständig ist, über die Schlamperei hier informieren. Ein Anschlag auf eine große Menschenmenge die nicht sie, sondern nur der Zufall verhindert hat.“
„Wir wissen genau welcher „Zufall“ den Anschlag verhindert hat.“
„Das wird die Wogen noch eher höher schlagen lassen.“
„Sie wollen uns also erpressen?“
„Nein, ich bitte sie lediglich um Unterstützung.“
Mike am anderen Ende der Leitung schwieg, offenbar dachte er nach. Caroline wusste nicht, dass Mike längst den Entschluss gefasst hatte ihr und Dagan zu helfen, den alten Franzosen endgültig in den „Ruhestand“ zu schicken.
„Gut. Welche Hilfe brauchen sie Miss Miles?“
***

„Interessant. Sehr interessant.“
Der alte Franzose, Dunant und Suviér analysierten die Informationen, die sie von Trommer erhalten hatten. Nachdem Trommer seine Konten alle verraten und vor ihnen offengelegt hatte, waren sofort Überweisungen um die ganze Welt gegangen. Von einem Konto zum nächsten, bis man die Spur nicht mehr weiterverfolgen konnte.
„So ganz verstehe ich das nicht.“ Sagte Suviér „Trommer sagt, er hätte diese Fischer selbst erschossen, und doch sucht er sie.“
„Ich glaube, er ist davon überzeugt, dass ihn dieser Henker zusammen mit dieser Frau Müller hereingelegt hat und dass die Fischer noch am Leben ist.“ Entgegnete Dunant.
„Er hat uns doch zu dieser Schlosser geschickt, wäre es denn möglich, dass die Schlosser…?“
Der alte Franzose grinst teuflisch. Endlich hatten sie das, was sie suchten!
„Wir werden uns mit dieser Schlosser unterhalten, sobald sie hier ist. Das wird sicher interessant.“
***

Bei Randy ging ein akustisches Signal los. Er schaute auf das aufgehende Fenster und rief bei Frank an.
„Trommers Konten werden geräumt.“
Frank legte auf.
Randy war clever! Randy war klar, dass selbst das Gehalt eines Generalstaatsanwaltes nicht ausreichen würde, eine Söldnertruppe anzuheuern.
Trommer musste also noch andere Konten haben. Also hatte er sich Trommers Bank eingehackt und überprüfte alle Kontenbewegungen. Und siehe da, es gab Konten, auf denen Zinszahlungen von Geschäftskonten eingingen, deren Überprüfung sie als Briefkastenfirmen entpuppten. Ein grober Überblick brachte die stolze Summe von sieben Millionen zu Tage. Auf die Frage was er machen sollte, meinte Frank, dass Randy die Konten überwachen sollte und erst, wenn das erwartete Finale vorbei sei, könnte das Geld hier im Gefängnis, sicher einer sinnvollen Verwertung zugeführt werden. Jetzt war es soweit, alle überwachten Konten leerten sich!
„Sie räumen gerade Trommers Konten ab. Wenn sie das Geld sicher haben, werden sie die Endrunde einleiten.“ Teilte Frank Decker, Caroline und mir mit.
„Wann glaubst du, wird das sein?“ fragte ich ihn.
„Wolfgang?“
„Morgen früh.“ Antwortete Decker. „Für heute ist es schon zu spät. Bei einem möglichen Angriff ist die Dunkelheit ein Verbündeter für den Angreifer. Morgen haben sie den ganzen Tag für eine Aktion.“
„Wir sollen hier sitzen bleiben und bis morgen Früh Däumchen drehen? Das ist nicht euer Ernst!“
„Hast du einen besseren Vorschlag?“ fragte Decker.
Nein hatte ich nicht! Das war ja das Schlimme! Später war ich mit Caroline in der Wohnung und lief auf und ab. Caroline versuchte alles an Verständnis aufzubringen, dass sie aufbringen konnte, doch irgendwann reichte es ihr.
„Bitte Peter! Setz dich hin!“
„Verdammt. Tut mir leid.“
„Sie werden ihr heute nichts tun. Sie werden sie befragen und ausquetschen. Glaub mir, wir werden sie finden.“
„Wie konnten wir sie überhaupt verlieren? Ich dachte, dein Onkelchen passt auf sie auf. Ich soll ihm vertrauen… Verflixt nochmal.“
Carolines Augen wurden schmal.
„Dagan hat zwei Leute verloren, Leute, die ich gut kannte. Freunde von mir! Wage es ja nicht, so über sie zu reden!“ Diese Warnung saß.
Caroline hatte Recht. Ich hatte völlig vergessen, dass bei Veras Entführung zwei von Dagans Leuten erschossen wurden. Der Mann der das Haus von außen bewachte und die Frau die Dienst im Haus hatte, waren beim Versuch Vera zu schützen umgekommen.
„Du hast Recht. Tut mir leid. Ehrlich. Ich weiß, dass Dagan alles getan hat. Verdammt, es ist nur so, dass ich hier gar nichts tun kann.“
„Morgen werden wir klar denken müssen. Lass uns jetzt bitte nicht streiten.“
Ohne uns groß auszuziehen, legten wir uns aufs Bett. Fibi hatte sich unsichtbar gemacht, blieb aber wachsam in der Nähe. Wir hielten uns fest und verbrachten eine ziemlich schlaflose Nacht.
***

„Ich weiß wo sie sind!“ klingelte uns Randy aus dem Bett.
„Sie sind auf Martinique.“
„Was?“
„Naja, zumindest ihr Geld ist dort.“
„Wie hast du sie gefunden?“
„Sie haben ihre Spuren ganz gut verwischt, aber schließlich ist die Anzahl der geeigneten Länder für solche Transaktionen doch ziemlich gering. Ich musste mich nur auf die Lauer legen. Und da es Franzosen sind, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich eine französische Bank suchen sehr groß.
Alles was ich tun musste, war, die entsprechenden Beträge zu suchen, die von Trommers Konten verschwunden sind.“
10 Minuten später saßen wir bei Frank. Auf dem Weg dorthin, hatte Caroline etwas in ihr Handy eingetippt und keinen weiteren Kommentar gegeben.
„Wann ist die letzte Zahlung eingegangen?“
„Die letzte vor einer halben Stunde.“
Frank sah auf die Uhr. 7Uhr 56. „Um acht Uhr werden die anrufen! Die Fremdenlegion, steht auf Pünktlichkeit.
***

Trommer hatten sie ruhiggestellt. Er lag betäubt auf seiner Matratze und bekam nichts von dem mit, von dem mit, was um ihn herum geschah.
Der Franzose und sein Nachrichtenoffizier, waren zu der Erkenntnis gekommen, sollten sie Trommer töten, würde das eine der größten Hetzjagden der Geschichte auslösen. Er war der beliebteste Generalstaatsanwalt der jüngeren Geschichte. Brachten sie ihn um, würden sie nie wieder einen Auftraggeber finden. Sie hatten sich zwar das Geld, dass ihnen zustand gesichert, doch das war noch keine Einigung. Sie mussten verhindern, dass Trommer sie zum Abschuss freigab.
Das einzige Druckmittel, das sie hatten, war die eigentliche Zielperson. Diese Fischer war anscheinend die Einzige, die eine Gefahr für Trommer darstellte. Wenn sie diese in der Hand hatten, wären sie wieder im Geschäft. Seit einer halben Stunde musste Vera mit ansehen, wie Fransiska von einem Söldner namens Jaques mit Nadeln und einem kleinen Messer gefoltert wurde. Fransiska wurde die Gnade einer Bewusstlosigkeit mit Medikamenten und Pausen verweigert. Sie hing blutend in den Fesseln und sah Vera flehend an.
Dieser Jaques war eindeutig kein Sadist. Er ging ruhig und methodisch vor und gab Vera immer wieder Gelegenheit die einzige Frage zu beantworten, die er stellte.
„Wo ist Beate Fischer?“
***

Frank behielt Recht.
Um Punkt acht Uhr läutete das Telefon auf Franks Schreibtisch.
„Brauer.“
„Sparen wir uns die Höflichkeiten.“ Meldete sich der alte Franzose. „Ich habe hier ein paar Gäste, unter anderem ihren Generalstaatsanwalt. Sie können alle drei Gäste von mir wiederhaben. Im Gegenzug will ich Frau Beate Fischer haben.“
„Frau Fischer ist tot. Trommer hat sie persönlich erschossen.“
„Er zweifelt daran, ich bin mir sogar sehr sicher, dass diese Frau noch am Leben ist.“
„Selbst wenn, dann ist sie untergetaucht und nicht auffindbar.“
„HHMM, ich wollte nicht auf solche Methoden zurückgreifen, doch sie lassen mir keine Wahl.“
Am anderen Ende der Leitung erklang der Schmerzensschrei einer Frau.
„Ich habe Frau Haufberger gerade eine Nadel durch die linke Brust gesteckt. Bei der nächsten falschen Antwort schneide ich ihr die Brust ab. Ich melde mich in einer Stunde wieder, dann will ich Antworten und Frau Fischer. Wir überwachen die Telefon und Nachrichtenverbindungen ihrer und die der anderen Behörden. Sollten sie eine der anderen Behörden informieren, sterben alle Geiseln.“
Das Gespräch brach ab, doch Frank behielt den Hörer oben. „Randy?“
„Kein Chance. Sie habe die Gespräche über dermaßen viele Umleitungen geschickt, dass es dauern wird, das Signal zurückzuverfolgen.“
„Wie lange?“
„Vier, vielleicht fünf Stunden.“
„Kann es stimmen, dass sie uns Überwachen?“
„Ich kann es nicht ausschließen.“
„Wir müssen dem Staatsschutz Bescheid geben.“
„Wenn die da auftauchen, legen sie alle um und hauen ab.“
Es begann eine hitzige Diskussion darüber, ob wir die anderen Behörden informieren sollten oder nicht, als Carolines Handy vibrierte. Sie schaute auf das Display und sagte laut:
„Ich weiß, wo sie sind! Wir haben sie gefunden!“
Sofort schwiegen alle.
***

Aufräumaktion

„Habe ich dir schon Mal gesagt, dass du klasse bist?“ fragte mich mein Geliebter auf der Fahrt zu einem verlassenen Parkplatz. Decker fuhr und Johann, Bernd und Hannes saßen hinter uns.
„Ich kann mich nicht erinnern, so etwas gehört zu haben.“
„Du bist klasse.“
„Ich weiß.“
„Wie hast du die Amis dazu bekommen mitzuspielen?“
„Diplomatie. Deswegen wirst du das Reden auch mir überlassen! Hast du das verstanden?“
„Selbstverständlich, mein Schatz.“
Wir fuhren auf den Parkplatz auf dem ein einzelnes Auto stand. Die Nr. 1 aus dem Fahrstuhl stand neben dem Wagen und die Nr. 2 stieg aus, als unser Bus neben dem Auto hielt. Die beiden stiegen zu uns in den Bus und die Fahrt ging weiter. Nr. 2 saß neben Peter und sah diesen feindselig an. Ich stieß Peter unauffällig an. Der drehte sich zu Nr. 2 hin und reichte Nr. 2 wortlos die Hand. Etwas misstrauisch sah der zu seiner linken Hand, die Peter in einer friedlichen Geste hochhielt. Dann grinste er und schlug ein.
Der nächste Halt war an einer Schranke, die zu einem Waldweg führte. Dort stand ein weiterer Bus. Dagan und drei seiner Männer erwarteten uns. Nr. 1 fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er Dagan wiedersah.
„Wow, ich hätte nie gedacht, sie noch einmal zu treffen.“
„Haben sie auch nicht. Ich bin schon gar nicht mehr hier.“ Darüber mussten beide lachen.
„Wo ist Beate?“ wollte Peter von Dagan wissen.
„Unterwegs. Sie musste eine Besorgung machen.“
Peter wollte gerade aufbrausen, doch dann fielen ihm die Leute ein, die umgekommen waren, als sie Vera beschützen wollten.
„Das mit ihren Leuten tut mir leid.“
Mein sonst so coole Onkelchen schluckte kurz und meinte nur.
„So was passiert!“
Wir stiegen alle aus und gingen zu Fuß weiter.
Ich hakte mich bei Dagan unter und hielt seine Hand. „Manchmal bist du ein miserabler Lügner, Onkel.“
„Merkt man mir das so an?“
„Ja, Aber ich mag dich so.“
„Denkst du Peter hat es auch bemerkt? Er hat keine Mine verzogen.“
„Der ist genauso ein Lügner und Schauspieler wie du, wenn es um Gefühle geht. Dass ihr Männer immer die gefühlskalten Machos heraushängen lassen müsst…. Schrecklich!“
„Ich habe einen Späher, der die Hütte beobachtet. Alles Weitere sehen wir, wenn wir dort sind.“ Wechselte Dagan das Thema. Dagan und seine drei Männer schlossen sich an. Langsam und im Gänsemarsch bewegten wir uns auf die Hütte zu. Ich schaute zur Uhr. Noch 21 Minuten bis zum nächsten Anruf. Noch bevor wir die Hütte sehen konnten, ließ Dagan uns halten. Sein Späher erschien aus dem Nichts und stand plötzlich vor uns.
„Sie erwarten uns. Ich konnte nicht genau erkennen wie viele, aber ich schätze 15 Mann.“
Wir bildeten einen Kreis und Onkelchen breitete ein vergrößertes Bild aus.
„Ich habe einen Mann hier entdeckt und glaube, dass einer hier ist.“ Der Späher markierte die entsprechenden Stellen auf dem Bild.
„Haben sie ein Tablett dabei?“ fragte Nr. 1
Dagan nickte einem seiner Männer zu und der zauberte ein Tablett aus seiner Tasche.
Nr. 1 tippte darauf herum und plötzlich erschien ein Satellitenbild, mit der Hütte in der Mitte, auf dem alle Söldner zu sehen waren.
„Wärmebilder die die mit einem Abgleich mit dem optischen Auge ein Bild ergeben.“ Flüsterte ich Peter zu.
„Ich zähle zwölf Mann dazu noch drei in der Hütte.“ Zählte Decker.
Onkelchen sah sich das Bild ebenfalls an.
„Wie werden sie uns unterstützen?“ Fragte Decker Nr. 1
„Wir werden die Kommunikation lahmlegen. Uns steht ein Iron Hawk zur Verfügung, der eigentlich nach Ramstein muss. Sobald ihr Angriff beginnt, werden sich die Burschen nicht mehr untereinander absprechen können.“
„Und sie Dagan?“
„Meine Scharfschützen werden ihnen Deckung geben. Aber wir können nicht direkt eingreifen.“
Decker kämpfte mit sich, dann rang er sich zu einem Entschluss durch.
„Es geht nicht, wir sind zu wenige.“
„Was?“ fragte Peter ihn fassungslos. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch, wir sind nur vier Mann, mit Caroline fünf. Selbst mit der Unterstützung der Scharfschützen reicht das nicht aus.“
„Erstens sind wir sechs und zweitens…“
Weiter kam Peter nicht. Decker packte Peter am Kragen und zerrte ihn zur Seite.
„Damit das klar ist“, Decker drückte Peter gegen einen Baum, „hier wird nicht diskutiert! Ich habe nicht vor die Männer sinnlos zu opfern. Wir sind zu wenige!“
„Vielleicht kann ich da weiterhelfen.“
Ich drehte mich um und sah in zwei smaragdgrüne Augen.
Sarah stand mit vier schwerbewaffneten Männern da. Sie hatte ihren eigenen „Decker“ mit drei Freiwilligen dabei.
„Vera muss sehr beliebt sein.“, stellte ich fest.
„Ja, das ist sie.“ Wir Frauen musterten uns gegenseitig und fanden sofort einen Draht zueinander. Sarah, oder sollte ich Beate zu ihr sagen, war mir gar nicht so unähnlich.
„Ich habe einmal eine Familie verloren.“ Sagte Sarah und trat zwischen Peter und Decker. „Diesmal nicht!“
„Gib ihr ein Messer, sie kann damit umgehen.“ Sagte Peter zu mir.
Einer von Dagans Männern grinste und reichte Sarah ein bösartiges Kampfmesser und sie steckte es in ihren Hosenbund.
„Haben sie noch ein Gewehr für mich? Fragte Nr. 2 Onkelchen.
„Sicher mein Freund.“ Dagan gab eine Anweisung und schon hatte Nr. 2 ein erstklassiges Scharfschützengewehr in den Händen.
„Und jetzt?“, fragte ich Decker.
„Könnte klappen.“ Schnell arbeitete er, zusammen mit Dagan, Mike, und Helmer, Sarahs Teamführer, einen Plan aus.
„Herr Decker, ich bin beeindruckt.“ Lobte ihn Dagan. „Ein guter Plan, der alle Ressourcen berücksichtigt. Sie haben nichts von ihren Fähigkeiten seit den 90´ern eingebüßt. Auch damals haben sie sich als guter Truppenführer einen Namen gemacht.“
„Das ist lange her. Und gut ausgegangen ist es nicht.“ Decker fragte erst gar nicht, woher Dagan seine Informationen hatte.
„Nun Herr Decker. Ich hätte die Aktion die sie und Herr Brauer damals durchgeführt haben zwar auch nicht gutgeheißen, doch ich hätte sie gedeckt.“
Peter sah mich fragend an. In seine Augen lag klar die Frage, -Was zum Teufel haben Decker und Frank damals für eine Nummer abgezogen? –
„Allem Anschein nach haben wir Glück.“ Kam Decker wieder auf den Plan zurück. Unsere Freunde scheinen darauf bedacht zu sein, Lärm zu vermeiden. Auf den Bildern ist zu sehen, dass alle Waffen schallgedämpft sind. Wenn wir ebenfalls Schalldämpfer einsetzen, können wir uns vielleicht näher an die Hütte kommen, bevor die dort drinnen merken, was draußen vorgeht.
Wir haben acht Gegner vor uns und vier sind hinter dem Haus.
Wir nähern uns im Halbkreis der Hütte und die Scharfschützen geben uns Deckung. Helmer, ihre Leute links, wir rechts. Wir machen den Weg frei, schalten die Gegner vor dem Haus aus und hindern die anderen vier einzugreifen.
Das Team Henker nimmt die „sechs Uhr Position“ ein und stürmt die Hütte. Caroline wird die Führung übernehmen.“
Mir die Führung zu überlassen und sich sozusagen hinter mir zu verstecken, war zwar nicht Ok für Peter, das konnte ich deutlich in seinem Gesicht ablesen, doch Decker hatte Recht, ich war der Profi und Peter der Amateur. Wichtig war aber, dass Peter es wusste und akzeptierte.
„Wie haben Kontakt.“ Sagte Nr. 1
Plötzlich hörten wir die Stimmen aus dem Inneren Hütte in unseren Kopfhörer.
Eindeutig zu hören war Fransiskas Weinen und Flehen.
„Bis jetzt habe ich deiner Freundin hier nicht wirklich Schaden zugefügt. Ich gebe dir jetzt ein paar Minuten Bedenkzeit, und wenn du dann nicht antwortest, schneide ich ihr den Kitzler ab. Falls du dann immer noch nicht redest, schlitze ich sie von der Fotze an nach oben hin auf. Anschließend bist du an der Reihe.
Also wo ist Beate Fischer!“
Sarahs Augen wurden ein Strich und auch Caroline bekam diesen eindeutigen Killerblick. Ein einziger Blick zwischen den Frauen reichte ihnen zur Absprache. Keine Gefangenen! Decker gab das Zeichen und die Männer schwärmten aus und bezogen Position. Die Scharfschützen suchten sich einen guten Platz und Mike wartete auf Deckers Befehl, die Kommunikation der Franzosen lahm zu legen.
„Hier, meine kleine Mischka. Vielleicht kannst du es brauchen.“ Dagan drückte Caroline etwas in die Hand.
„Danke.“ Sie wollte gehen, doch er hielt sie kurz zurück.
„Bitte pass auf dich auf.“
„Mach dir keine Sorgen, ich habe ja ein paar gute Beschützer.“
Es dauerte noch endlose drei Minuten, bis alle in Stellung waren.
„OK, Mister CIA, legen sie los.“
Mike tippte auf seinem Handy herum und Sekunden später brach die Kommunikation der Gegenseite zusammen, was aber nicht sofort bemerkt wurde, da es nichts zu reden gab.
„Alles klar, sie sind taub.“
„Dann los. Vorrücken!“
Der Halbkreis bewegte sich langsam auf das Haus zu. Ich ließ die Flügel etwas vorgehen, dann folgten wir ihnen.
Was jetzt kam, glich einer Hasenjagd.
Der erste französische Söldner bemerkte Team Sarah auf sich zukommen und versuchte die anderen zu warnen, bekam aber keinen Kontakt. Als er begann das Feuer zu eröffnen, hatte ihn das Team überrannt und ausgeschaltet.
Der Söldner der seiner Position am nächsten war, hob den Kopf um nachzusehen, was vor sich geht und wurde von einem der Scharfschützen erledigt. Auf der rechten Seite hörte man das Ploppen schallgedämpfter Waffen und dann der erste Schrei.
***

„Was ist da draußen los?“ fragte der der alte Franzose. Sergeant Dunant versuchte, die Männer zu erreichen, hörte aber nur Rauschen. Dunant wusste sofort, was das hieß.
„Sie sind da!“
***

Aus dem Funk kam vom Mike die Information, „Sie wissen, dass wir da sind!
„Los – Los – Los!“ lautete Deckers Kommando.
Wir waren noch knappe 70 Meter von der Tür entfernt. „Kacke! Los gehts!“ Fluchte Caroline und spurtete los.
Sarah und ich rannten hinter ihr her, wie ein V mit Caroline an der Spitze, stürmten wir zur Tür. Das Haus war gut zu sehen, doch davor standen mehrere halbhohe Büsche und hinter jedem konnte ein Söldner laueren.
Rechts und links hörte ich Kampflärm, Schüsse und Schreie. Das Decker und Helmer wussten, wo die Söldner lagen, war ein unbezahlbarer Vorteil. Die Söldner konnten sich nicht gegenseitig unterstützen und gleichzeitig konnten unsere Teams geballt zuschlagen und eine Stellung nach der anderen ausheben. So schien niemand auf uns zu achten.
20 Meter vor der Tür, verließ uns unser Glück. Aus den Büschen sprangen uns drei Söldner an. Warum sie nicht geschossen hatten, wurde mir erst später klar. Sie sollten Beate gefangennehmen, aber ZWEI rothaarige Frauen liefen auf sie zu. Sie konnten nicht wissen, welche davon Beate war, also wollten sie uns im Nahkampf überrumpeln. Doch da hatten sie die Rechnung ohne Caroline gemacht! Der Söldner der sie Angriff, war ein Schrank von einem Kerl, doch Caroline machte kurzen Prozess mit ihm. Noch während mich mein Angreifer ansprang, hatte Caroline schon die Oberhand gewonnen.
Ich war keine rothaarige Frau, und mein Gegner schien nur darauf bedacht zu sein, nicht eine Frau zu verletzten. Als er sicher sein konnte, dass er weder Caroline noch Beate treffen konnte, zog er seien Pistole und legte auf mich an.
Diese Situation hatte Decker bis zum Exzess mit uns geübt.
„Las ihn nicht zum Schuss kommen! Greif an! Ran an den Feind!“ waren seine Worte und ich handelte. Mit einem Sprung war ich an den Söldner heran und schlug auf ihn ein. Der war überrascht, doch ein geübter Nahkämpfer. Er verpasste mir einen Tritt, der mich zurücktaumeln ließ. Als ich zwei Meter vor ihm Stand, hob er die Waffe erneut.
ZISCH- die Kugel aus meinem Rücken sauste so nah an meinem Ohr vorbei, dass ich den Lufthauch spüren konnte. Sie traf genau die Stirn des Mannes und schleuderte ihn zurück. Dave hatte aus über 100 Meter einen verdammt guten Schuss gelandet und grinste zufrieden.
Sarah wurde ebenfalls von einem Mann angegriffen und ein Tritt ließ ihre Waffe aus der Hand fliegen. Ihr Gegner versuchte sie zu greifen und als Schutzschild gegen die Scharfschützen zu benutzen. Doch, anstatt sich zu wehren, hielt Sarah für eine Sekunde ganz ruhig, dann warf sie ihren Kopf nach hinten und zertrümmerte das Nasenbein des Mannes, schon ging sie in die Hocke. Bevor der Legionär sich wieder erholen konnte, hatte Dave auch ihn ausgeschaltet.
KKRRKK machte es als Caroline das Genick des Schrankes brach und dieser wie eine Puppe zu Boden fiel. Der ganze Kampf hatte nur wenige Sekunden gekostet, doch die konnten entscheidend sein. Wir mussten schnellstens in die Hütte gelangen.
„LOS IN DIE HÜTTE!“ trieb Caroline uns an und stürmte weiter.
Jetzt, da Stille nicht mehr wichtig war, trieben unsere Männer die Legionäre mit lautem Gebrüll vor sich her, genau auf die hungrigen Scharfschützen zu. Von drei Seiten aus wurden die Legionäre beschossen und sie fielen einer nach dem anderen.
Wir kamen an der Tür an und Ariel, einer von Dagans Leuten setzte seine Pump Gun an, um das Schloss zu sprengen. Caroline hatte eine Granate in der Hand und gab dem Mann mit der Flinte ein Zeichen. Zwei schnelle dumpfe Schüsse und die Tür flog auf, Carolines Flash-Bang flog hinein und die Tür wurde zugezogen. Dann knallte es von innen ein paar Mal.
***

Der alte Franzose wusste genau, was das bedeutet. Dagans Sturmtrupp war da und sie würden keine Gnade kennen. Aber er wäre nicht der alte Franzose, wenn er nicht bereits an einen Rettungsplan gedacht hätte und schon war der alte Franzose im Rettungsschacht verschwunden, ein kurzer Ruck und er war aus der Hütte. Er hatte den Schacht, wie immer, anlegen und tarnen lassen, es gab nichts Wichtigeres als den letzten Rettungsweg. Das hatte er immer wieder bewiesen und war so aus vielen Fallen entkommen.
Doch diesmal war etwas anders, der kleine Rettungsschlitten stoppte nach nicht einmal 10 Metern und steckte fest. Der Franzose zog am Seil, doch das war auf einmal ohne Zug und er hatte ein fein säuberlich durchtrenntes Ende in der Hand. Er saß in der Falle.
***

Als wir die Hütte stürmten hechtete Caroline wie eine Bodenturnerin in die Hütte und rollte sich über die Schulter ab.
Jaques Schüsse gingen daneben, als ihm Caroline ihn mit einem Tritt zurücktaumeln ließ. Noch im zurücktaumeln gab Jaques einen Schuss ab, der meine Schutzweste traf.
Die Kugel konnte zwar die Schutzweste nicht durchdringen, doch sie warf mich nach hinten. Ich stolperte, verlor mein Gleichgewicht und landete auf dem Rücken.
Im Liegen sah ich Sergeant Dunant auf der Balustrade stehen und auf Caroline zielen. Ohne nachzudenken, leerte ich mein ganzes Magazin in seine Richtung.
Dunant wurde zurückgeschleudert und landete von Kugeln durchsiebt vor Caroline. Ein Tritt von ihr und sein Genick brach krachend.
Jaques hatte sich wieder gefangen und griff an. Caroline hob ihre Waffe, doch als sie abdrückte, war nur ein KLICK zu hören. Eine Sekunde späte hatte Caroline genau wie Sarah ihr Messer in der Hand.
Doch Jaques stand mit einem Kampfmesser und einem fiesen Tactical Tomahawk bewaffnet da und ging zum Angriff über. Die beiden Mädchen standen vor ihm, links und rechts eine und er würde beide erledigen, dessen war er sich sicher. Sarah schaute Caroline kurz an. Gleichzeitig griffen sie von beiden Seiten Jaques an, doch der konnte nur einem Angriff ausweichen. Schon flog der Tomahawk aus seiner Hand, in eine Ecke. Dann traf ihn das erste Messer.
Die Messerattacken der beiden Mädchen kamen schnell, präzise und wie bestens abgestimmt. Von beiden Seiten kamen die Schnitte, sie liefen Jaques kreuzförmig über Brust und Bauch, zwei Rechts-Links Kombinationen und nach der dritten fiel Jaques schreiend auf die Knie.
„Du willst wissen, wo Beate Fischer ist?“ zischte Sarah und brachte ihre smaragdgrünen Augen direkt vor seine. „Ich bin hier!“ dann zog sie ihr Kampfmesser über Jaques Kehle. Sterbend fiel Jaques zu Boden.
***

„Achtung, einer fehlt!“ Kam Mikes Meldung an Decker und Helmer.
Die beiden Teamführer waren mit ihren Männern an der Hütte vorbei gestürmt und hatten die Söldner hinter der Hütte angegriffen. Die konnten zwar nicht mehr überrascht werden, doch Decker und Helmer wussten, wo ihre Positionen waren und ließen ihre Scharfschützen die Arbeit erledigen.
Gratzweiler, Johann und Gerd Teller aus Helmers Team belegten die Stellungen mit Dauerfeuer und trieben die Söldner aus ihrer Deckung heraus, wo Dave und die anderen Scharfschützen sie erledigten.
Dann kam Mikes Meldung. Einer fehlte!
„Was ist mit IHM!“ fragte Dagan. „Ben, Levi?“
Ariel, der die Tür aus den Angeln gehoben hatte und Levi der direkt hinter mir in die Hütte gestürmt war, besahen sich sofort die Leichen in der Hütte.
„Er ist nicht in der Hütte!“ meldete Levi.
„Sucht Ihn!“
***

„Mike, haben wir die Gespräche aufgezeichnet?“ fragte Dave.
„Klar, bin schon dabei!“
Mike ließ die aufgezeichneten Gespräche aus der Hütte ablaufen und glich die gegebenen Kommandos mit den Satellitenbildern ab.
„Achtung, der Franzose muss noch in der Hütte sein, die letzte Anweisung von ihm kamen definitiv aus der Hütte. Die Satellitenbilder zeigen, dass niemand nach dem Angriff die Hütte verlassen hat. Er muss noch drinnen sein!“
***

„Ben! Er ist noch da!“
„Ariel, Ronni, ihr übernimmt den ersten Stock!“ befahl Levi.“ Adi, Daniel, seht nach, ob es einen Keller gibt! Aber Vorsicht, nicht einfach hineingehen!“
Die Israelis schwärmten aus und suchten den alten Franzosen. Jeder von ihnen hatte noch eine Rechnung mit ihm offen…
***

Draußen war die Schießerei vorbei Decker und Helmer sammelten ihre Leute und halfen ihre Verletzten zu versorgen.
Decker sah sich um, er hatte sehr wohl mitbekommen, dass die Israelis nach dem Anführer suchten.
„Was denkst du?“ fragte er Helmer. „Wir sind doch sowas wie Experten, wenn es ums abhauen geht.“
„EIN TUNNEL!“, kam es wie aus einem Mund.
Sofort schauten sich die beiden die Umgebung an. Einen Tunnel zu graben war alles andere als einfach. Einen Tunnel musste man abstützen, auskleiden und begehbar machen. Auch die Länge des Tunnels, war ein entscheidender Faktor. Das Ende des Tunnels durfte nicht im freien Feld liegen, da man sonst entdeckt wurde, nein das Ende musste also im Wald liegen.
Vor und hinter der Hütte erstreckte sich die Lichtung über etwa 100 Meter, gut für ein freies Schussfeld, schlecht für einen Tunnelausgang. Blieben die Baumgrenzen rechts und links neben der Hütte, beide waren nur 50 Meter entfernt.
„Rechts oder links“ fragte Helmer.
„Rechts! Links ist es zu nass, beinahe sumpfig. Nein, der Schweinehund ist rechts von uns!“
Die beiden liefen zum Waldrand und suchten den Ausgang.
Nach nur drei Minuten hatte Helmer den Ausgang gefunden. „Wolfgang, Hier!“
Decker suchte die direkte Linie zwischen Haus und Ausgang und legte sich wie ein Indianer, mit dem Ohr auf dem Boden auf die Lauer.
„Da kommt jemand!“ flüsterte er und beide versteckten sich hinter Bäumen.
Da kam er, der alte Franzose! Der Schlitten hatte versagt und er musste den ganzen Weg kriechend zurücklegen, doch er schaffte es. Er schob sich aus dem engen Loch und schaute sich um. Als er sich aus dem Loch herausgedrückt hatte und aufstehen wollte, bemerkte er, dass jemand hinter ihm stand.
DAGAN, war sein erster Gedanke, doch als er sich umdrehte, stand da ein Mann ca. 50 Jahre alt, 1,75 Meter groß, normale Figur, Halbglatze und einen stahlharten Blick. Zwei Meter hinter ihm stand ein weiterer Unbekannter.
„Wohin so eilig? Willst etwa deine Truppe im Stich lassen und desertieren? Was für ein beschissener Anführer bist du denn?“ Fragte Decker im einwandfreien Französisch.
„Heißt es nicht, -Honneur et Fidélité- Von Abhauen ist da nicht die Rede!“
Anscheinend hatte Decker einen wunden Punkt bei dem alten Franzosen erwischt, denn der sprang ihn mit einem wütenden Schrei an.
Im Handgemenge schaffte es der alte Franzose seine Pistole zu ziehen, doch Decker ließ ihn nicht zum schießen kommen. Zwei gebrochen Finger später hatte ihm Decker die Waffe aus der Hand geschlagen.
Als Helmer eingreifen wollte, hielt ihn Decker zurück. „Dieser Scheißhaufen hat versucht, meine Freunde umzulegen, der gehört mir.“
Langsam umkreisten sich die Kontrahenten. Decker ließ den Franzosen angreifen und wartete auf seine Gelegenheit.
Dem alten Franzosen war klar, dass er nur noch Sekunden hatte, wenn er entkommen wollte. Er musste den Mann vor sich und den anderen erledigen und das in den nächsten Sekunden. Der Franzose sprang vor und griff mit aller Wucht an, täuschte einen Schlag an und setzte zu einem Tritt an.
Das Ergebnis war, dass Decker ihm die Kniescheibe heraustrat.
„Merde!“ sofort, den Schmerz ignorierend, griff er wieder an und schaffte er es sogar Decker zu überraschen und einen harten Schlag anzubringen.
„Der war gut.“ Mit diesen Worten wischte sich Decker das Blut aus dem Mundwinkel.
Wieder umkreisen sich die beiden, belauerten sich, warteten auf die richtige Gelegenheit. Aus den Augenwinkeln sah der alte Franzose, wie sich ein Mann aus dem Tunnel schob und drei weitere Männer, zu dem warteten Mann, gerannt kamen. Einer von ihnen war sein alter Freund Dagan!
Er hatte verloren! Dem Franzosen war klar, dass er diesen Platz nicht lebend verlassen würde, doch er beschloss, zumindest sein Gegenüber mitzunehmen. Ein letztes Mal sollte Dagan sehen, was er mit seinen Leuten anstellen konnte!
„Na was ist?“ fragte sein Gegner. „Gibst du auf? Erst desertieren und dann ergeben?“ Decker spukte verachtend auf den Waldboden.
Das brachte das Fass zum überlaufen. Der alte Franzose griff an und zog alle Register, doch sein Gegner war immer einen Schritt voraus. Zwar konnte er ein paar Treffer anbringen, doch ausschalten konnte er Decker nicht. Schließlich als er und Decker ineinander verkeilt waren, bekam er eine Hand frei und zog sein Messer. Als er damit zustoßen wollte, hebelte Decker seine Hand herum, entwand ihm die Klinge und ergriff sie selber. Mit einer Bewegung stieß Decker zu und durchschnitt dem Franzosen Gürtel und die Hose seines Kampfanzuges.
Das überraschte den alten Franzosen dermaßen, dass er für einen Sekundenbruchteil unaufmerksam war. Das genügte! Decker und er stieß mit dem Kopf zu, griff in die aufgeschlitzte Hose, umfasste die Eier des Franzosen und schnitt sie mit einem Aufschrei dessen heraus.
Vor Schmerzen schreiend ging der alte Franzose auf die Knie und fasste sich in den Schritt, während das Blut zwischen seinen Händen herauslief.
„Hier!“ Decker zwang ihn, mit einem Griff zwischen die Kiefer den Mund zu öffnen, und stopfte dem Franzosen seine Eier in den Mund. Dann trat er hinter ihn und brach im mit einer flüssigen Bewegung das Genick. Mit starrem Blick, die blutenden Testikel im Mund, fiel der alte Franzose rückwärts um.
Schweigend standen Decker, Helmer, Dagan, Mike Dave und Ariel um die Leiche des alten Franzosen und starrten sie an. Schließlich trat Dagan zu Decker und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Wolfgang, im Namen meines Neffen Kirschan danke ich ihnen. Sie haben sich gerade sehr viele Freunde gemacht. Falls sie irgendwann einmal Hilfe brauchen, egal um was es auch immer geht, sie wissen, wo sie mich finden.“
„Gern geschehen. Danke, gut zu wissen, dass man solche Freunde hat. Was ist mit den anderen?“ Fragte Decker und blickte zur Hütte.
„Die sind alle unverletzt. Lassen sie uns zu ihnen gehen.“
-Ja-, dachte Decker, -bevor noch einer Blödsinn macht.- und dachte dabei an jemand ganz bestimmten.
***

„Bist du Ok?“ Fragte mich Caroline in die lähmende Stille. Ich nickte nur und wir schauten nach Vera und Fransiska. Caroline hatte ihre Waffe neu geladen, machte sich daran Fransiska zu befreien, während sich Sarah um Vera kümmerte. Caroline nickte und mit je einem Schuss durchtrennte sie die beiden Ketten. Der Kreuzbalken mit Fransiska fiel auf den Boden und Fransiska stöhnte kurz auf, war aber jetzt außer Gefahr.
Sarah hatte Vera schon erreicht und befreite sie von ihren Ketten.
„Ich habe gewusst, dass du kommst.“ Heulte sie, als Sarah sie fest umarmte.
„Natürlich komme ich zu dir. Du bist meine Familie.“ Die beiden setzten sich zusammen auf den Boden und hielten sich gegenseitig fest. In der Zwischenzeit half ich Caroline, Fransiska zu befreien und wir legten sie vorsichtig auf den Boden.
„Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Meinte Caroline nach einem ersten Überblick. Die Schießerei draußen hatte nun auch aufgehört und ich sah mich um. Trommer lag noch immer bewusstlos auf seiner Matratze.
– Alles wegen dir, du Arsch.- ging mir durch den Kopf. Hier und jetzt hatte ich die Gelegenheit das Ganze zu beenden! Ich hob die MP, doch es war zu spät. Decker und Helmer kamen in die Hütte gestürmt und als Decker meinen Gesichtsausdruck sah, stellte er sich ganz sicher nicht zufällig, zwischen Trommer und mich. -Mach keinen Blödsinn!- sagten seine Augen.
***

Als die ersten Helikopter ankamen, waren Dagan und Mike, sowie ihre Leute längst verschwunden.
Wir hatten drei Verletzte zu beklagen. Hannes hatte einen Schuss in den Oberschenkel bekommen und einer von Sarahs Männern einen Streifschuss am Kopf, jedoch war keine Verletzung lebensgefährlich. Ein weiterer Mann aus Sarahs Team hatte sich im Nahkampf den Arm gebrochen.
Caroline und ich brachten die verletzte Fransiska zu einem der Rettungshubschrauber und kümmerten uns anschließend um Vera und Sarah. Sarah saß noch immer in der Hütte und hielt ihre Vera fest. Irgendjemand hatte für Vera Kleider organisiert, die Sarah ihr angezogen hatte.
Beate, nein Sarah ließ Vera nicht mehr aus den Augen. Sie hielt sie fest und ließ sie auch nicht los, als die Ärzte Vera untersuchten. In Sarahs smaragdgrünen Augen stand deutlich die Erleichterung, diesmal ihre Familie gerettet zu haben.
Trommer wurde kurz wach, als die Ärzte ihn durchcheckten. Er schaute sich im Raum um und sah Sarah.
„Da ist sie! Das ist Beate Fischer! Nehmt sie fest! Erschießt sie!“ Brüllte er die Polizisten an, die im Raum waren und zeigte auf Sarah. Trommer begann zu toben. „Erschießt sie, erschießt sie!“
Die anwesenden Polizisten schauten irritiert zwischen Trommer und Sarah hin und her.
„Herr Trommer scheint völlig durchgeknallt zu sein.“ Caroline trat zwischen die Polizisten und Sarah. Ich hielt die Luft an und mein Herz setzte aus. „Das ist meine Kollegin, Frau Schlosser. Hier gibt es keine Beate Fischer.“
Trommer schrie uns nur noch an, er schien Gift und Galle spucken zu wollen.
„Wahrscheinlich ist er völlig im Delirium.“ Sagte Decker zu den Beamten. Auch die Ärzte waren der Auffassung, dass Generalstaatsanwalt Trommer einen Nervenzusammenbruch hatte und dringend in psychologische Behandlung musste. Auf einer Trage festgeschnallt, brachen sie den immer noch schreienden Trommer aus der Hütte. Der begleitende Arzt setzte Trommer eine Spritze und endlich kehrte Ruhe ein.
„Denkst du, wir haben alle?“ Fragte ich Caroline.
„Wahrscheinlich schon.“
„Danke! Danke für eben…“
„SSCCHT!“ Caroline legte mir den Finger auf die Lippen.
„Wie sollten die beiden jetzt nach Hause bringen.“ Sagte sie zu mir und zeigte auf Vera und Sarah.
Caroline hatte Recht, Zeit nach Hause zu gehen, also zog ich los, um einen Wagen zu organisieren. Decker und Helmer bestiegen gerade den Bus und rückten mit ihren Leuten ab und zusammen feierten sie eine berauschende Siegesfeier. Im Nachhinein hörte ich, dass der Sieg dermaßen begossen wurde, dass alle, alle außer Decker natürlich, zwei Tage nicht in der Lage waren, Dienst zu tun.
Ich beschlagnahmte kurzerhand einen Wagen der Presse und wir brachten Sarah und ihre Vera zu uns nach Hause.
„Du hast ein paar gute Treffer gelandet. Aus dir wird noch ein richtiger Profi.“ Sagte Caroline auf dem Heimweg und legte mir ihre Hand aufs Bein. Ich spürte die Wärme, die von Carolines Hand ausging und konnte Vera und Sarah im Rückspiegel lächeln sehen. Sie sahen uns an und lächelten sich dann zu. „Er hat eine, die auf ihn aufpasst.“, grinste Vera.
***

Endlich angekommen legten wir unsere Sachen ab und machten rasch die Duschen unsicher. Meine Wohnung und Peters Wohnung wurde eine einzige große verbundene Spielwiese. Es war ein göttliches Schauspiel Sarah und Vera unter der einer Dusche und Peter duschte mit mir ausgiebig unter der anderen. Dann traten wir vor die Duschen, triefend vor Wasser.
Ich trocknete mich kurz ab und holte etwas aus meinen Sachen. Lächelnd schaute mich Sarah an. „Du bist also die Neue, herzlichen Dank für alles.“, damit fiel sie mir um den Hals und Vera folgte ihr.
„Hier ihr Lieben, ich habe ein paar süße Bilder von Euch, die hatte ich sicher verwahrt, als ich sie am ersten Tag in dem Briefumschlag fand.“ Dabei zwinkerte ich Peter zu.
„Passt besser auf sie auf.“, und gab die Bilder mit den beiden Liebenden weiter.
„Da sind die also geblieben, wir haben sie gesucht, das waren unsere schärfsten Aufnahmen… Danke dass die gerettet wurden!“ Die beiden waren glücklich und umarmten mich.
Drei wunderbare Mädchen hingen sich eng umschlungen, küssend aneinander und Peter stand da außen vor, doch er genoss den Anblick von uns drei nackten, tropfenden Frauen sichtlich.
Alle drei schauten wir an ihm herunter und luden ihn lächelnd in unseren Kreis ein. „Ja Peter, das wird eine harte Nacht für dich“ sagte Vera und wir anderen Mädchen lachten zusammen mit Peter.
Aus unserer Mitte tauchte wie aufs Kommando Fibi auf bewaffnet mit Gläsern und einer kalten Flasche bestem Champagner.
„Die kam vorhin an, mit einer Karte von einem gewissen Onkelchen.“ Berichtete sie. Lachend nahmen wir uns je ein Glas und auch Fibi durfte in der Runde bleiben. Sie freute sich offensichtlich sehr. Nun schaute ich Peter an. „Soeben sind die Anforderungen erneut gestiegen – oder?“ und wiederum lachten wir alle.
Schon war Fibi wieder verschwunden, und kam kurz danach mit Fransiska wieder zurück. Frisch aus dem Krankenhaus entlassen zögerte sie keine Minute, zog sich aus und stand auch blank wie alle bei uns.
Lächelnd bekam auch sie ein Glas und endlich war die ganze Rasselbande beisammen.
„Trommer haben sie gerade in die geschlossene Psychiatrie gesteckt, der zählt gerade rosa Elefanten.“ lachte Fransiska los und wir prosteten uns zu.
Peter ging aus dem Kreis und erhob nochmals nachdenklich sein Glas. „Auf uns und unsere Freunde – Wo auch immer sie gerade sind.“
Die fünf nackten Schönheiten, eine hübscher als die andere, standen da in Reih und Glied und hatten ihr Glas gehoben. „Auf unsere Freunde!“
Peter schaute sie genau an Vera, Beate nein Sarah, Caroline, Fransiska und die kleine Fibi, dann trank er einen kräftigen Schluck.
„Verdammt, das wird eine richtig harte Nacht!“, und alle lachten wir und fielen uns einander in die Arme. Ja das würde eine lange Nacht werden, die wir alle so schnell nicht vergessen würden. Es wurde tatsächlich die herrlichste Nacht seit langem. Die Mädchen waren am nächsten Morgen alle höchst zufrieden, nur Peter lag auf dem Rücken im Bett. Irgendwer hatte im in der Nacht die Kraft geraubt.
***

Die Ereignisse lagen nun sechs lange Wochen hinter uns. Mittlerweile hatte sich alles wieder etwas beruhigt und der Alltag hatte, zumindest im Ansatz, Einzug gehalten. Randy hatte Frank mit einem Sonderkonto, auf dem die stolze Summe von mehr als 21 Millionen Dollar verbucht war überrascht.
„Verdammt, woher hast du das Geld?“ fragte Frank mit offenen Mund.
„Naja, ich habe doch Trommers Konten überwacht und gesehen wohin die Söldner das Geld überwiesen haben. Nachdem Decker dem Anführer die Eier… da dachte ich, die Söldner brauchen das Geld nicht mehr. Also habe ich mich selbst ermächtigt diese Konten zu kündigen und es einer zweckmäßigen Verwendung zuzuführen.“
„Randy…. Habe ich schon einmal gesagt, dass du ein verdammter Krimineller bist?“ Frank grinste dabei aber von einem Ohr zum anderen.
„Vielleicht können wir jetzt den Bus, den Peter kaputt gemacht ersetzen.“
Frank grinste breit. „So weit kommt es noch! Den Bus soll Peter gefällig selbst bezahlen!“
Frau Heller, für die sich Frank beim Ministerium stark gemacht hatte, leerte gerade vor Franks Tür den Mülleimer, als sie von drinnen ein dröhnendes Lachen hörte.
***

Caroline und ich gingen unserer täglichen Arbeit nach, was Jessika ungemein freute, denn endlich wurden die Aktenberge kleiner und abends in unserer Wohnung, hatten wir unseren Spaß mit Fibi.
Fibi war immer zur Stelle und sichtlich bemüht all unsere Wünsche zu erfüllen. Wenn der Tag einmal bescheiden verlaufen war, ging es sofort, wenn man in Fibis treue Augen blickte, ein Stück besser. Ich hatte an diesem Abend ein zauberhaftes Menü gezaubert, das ich Caroline im Kerzenschein servierte.
„HHMMM, der Wein ist vorzüglich. Wo hast du den her?“ Fragte Caroline.
„Randy musste heute was für mich in der Stadt erledigen, und ich habe ihm den Auftrag gegeben einen guten Tropfen mitzubringen. Ich habe ihm gesagt, dass du ihn killst, wenn der Wein nicht gut ist.“
„Du bist ganz schön gemein. Hast du eigentlich kein schlechtes Gewissen, so ein Genie wie Randy für Botengänge zu benutzen?“
Und ob ich gerade ein schlechtes Gewissen hatte. Das war sogar ziemlich untertrieben. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Aber das hatte nichts mit Randy zu tun!
„Nein, seinem Genie schadet es nicht, wenn er ab und an seinen Rechner verlässt.“
Nach dem Essen brachte ich meine Geliebte ins Bett. Leidenschaftlich und ohne Fesseln liebten wir uns. Fibi kniete erwartungsvoll in der Nähe und nach einer Zeit winkte Caroline sie zu sich.
„Bring den Wein mit. Wäre zu schade für das gute Gesöff.“ Bat ich Fibi. Zu dritt ging es weiter. Abwechselnd saßen Caroline und Fibi auf mir, bis Fibi glücklich in Carolines Arm lag. Als wir alle drei zufrieden im Bett lagen, machte sich die Belastung der letzten Wochen bemerkbar. Caroline zumindest glaubte, dass es an den Ereignissen lag, und schlief in meinem Arm ein.
Jetzt brach das schlechte Gewissen in mir durch.
***

Ein paar Stunden zuvor, saß ich bei Dr. Schemmlein, der mich entsetzt ansah, als er hörte, was ich von ihm wollte.
„Bist du verrückt? Peter, wenn sie das herausbekommt, wird sie uns beide umbringen.“
„Ja, könnte passieren.“
„Warum um alles in der Welt willst du das tun?“
Als ich Schemmlein erklärte, warum ich Caroline betäuben wollte, schaute er mich traurig an.
Schemmlein dachte eine Zeit lange nach, dann ging er zu seinem Medikamentenschrank und füllte eine kleine Menge weißes Pulver in einen Glasbehälter, den er mir übergab.
„Weißt du, mich wird sie wahrscheinlich nur erschießen, aber in deiner Haut möchte ich nicht stecken.“
„Ich auch nicht. Glaub mir. Wie wirkt es?“
„Ich nehme an, sie soll nicht sofort umfallen und merken, dass du sie betäubst.“
„Nein, wenn möglich soll sie es überhaupt nicht merken.“
„Das kannst du knicken, Caroline wird es wissen, sobald sie aufwacht! Also, das Zeug hier ist ein starkes Schlafmittel. Die Menge ist aber so gering, dass es eine Zeitlang dauert, bis es wirkt. Am besten tust du es in Rotwein, es ist geschmacksneutral, und durch die Verzögerung, wird sie es hoffentlich nicht mit dem Wein in Verbindung bringen.“
„Wie lange dauert es, bis es wirkt?“
„Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.“
„Und wie lange wirkt es?“
„Die Menge hier reicht für ca. sieben bis acht Stunden tiefen Schlaf.“
Ich dachte nach. Ja, sieben Stunden… das würde ausreichen!
***

Nun lag meine Geliebte in meinem Arm und schlief tief und fest, während mich mein schlechtes Gewissen auffraß.
Der Grund für alles lag in Carolines anderen Arm. – Fibi -.
Vor vier Wochen, war die Nachricht eingegangen, dass Fibis Todesurteil auch in der Berufung bestätigt war. Es hatte kein Happy End für die kleine Fibi gegeben. Schon eine Woche danach, war die erste Anfrage des Gerichtes gekommen, ob die Hinrichtung von Fabienne erfolgt wäre. Mittlerweile waren es vier Anfragen, und die letzte war ziemlich ungehalten. Unter drei Ausrufezeichen wurde mir angedroht meinen Vorgesetzten zu informieren. Frank würde davon nicht wirklich begeistert sein. Jessica, die wusste, wie sehr Fibi Caroline ans Herz gewachsen war, hatte die Anfragen abgefangen und an Caroline vorbei, an mich weitergeleitet.
Wochenlang hatte ich überlegt, wie ich es Caroline beibringen soll, dass Fibi nicht zu retten war, hatte verzweifelt nach einer Lösung gesucht…
Was sollte, was konnte ich tun? Fibi war Caroline mehr als nur ans Herz gewachsen und auch mir selber war Fibi nicht egal. Außer Caroline und mir interessierte sich niemand für die kleine Fibi, auch das Gericht hatte nicht wirklich Interesse an ihr. Es wäre ein leichtes gewesen, eine Hinrichtung vorzutäuschen. Anfrage nehmen, Stempel drauf – Hinrichtung vollzogen – und fertig! Fibi wäre offiziell tot.
Aber was dann?
Sie auf ewig in der Wohnung halten? Ich konnte mich noch sehr gut an die Anspannung erinnern, als wir Beate versteckt hatten. Abgesehen davon, würde Frank durchdrehen, wenn er es erfahren würde. Wahrscheinlich würde er selbst Fibi erschießen und mir dann von Decker, wie er es auch schon mehrfach angedroht hatte, die Haut abziehen lassen.
Nein, Fibi war nicht zu retten. Sie war keine Beate. Beate konnte sterben und als Sarah wieder auferstehen. Beate konnte töten. Beate hatte aus Hass, aus Rache und aus Liebe getötet und jetzt als Sarah, tötete sie, um selbst zu leben. Aber Fibi? Sie würde niemals einer Fliege etwas zu Leide tun. Fibi war Fibi. Eine lebensfrohe und treue Seele mit unendlicher Loyalität. Ein Leben unter falscher Identität war für Fibi keine Option.
Nein, Fibi hatte hier keine Zukunft! Und so würde das Schicksal Fibi heute Nacht einholen.
Ich wartete noch eine halbe Stunde, um sicher zu sein, dass Caroline wirklich weggetreten war, dann löste ich mich so sanft wie möglich von ihr.
Ich stieg aus dem Bett und weckte Fibi. Sie hatte keinen Rotwein getrunken und so kein Schlafmittel bekommen.
Sie drehte sich zu mir um und lächelte mich an, was einen Stich im Herz zur Folge hatte.
Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen und wies sie an aus dem Bett zu steigen.
Sie tat, was ich sagte und wir setzten uns zusammen an den Tisch.
„Fibi“, begann ich, „Es tut mir leid, aber dein Urteil wurde bestätigt, deine Zeit hier ist zu Ende.“
Ihre Augen wurden traurig, als sie begriff, was ich ihr gerade gesagt hatte. Sie versuchte, tapfer zu wirken, doch das war schlecht geschauspielert.
„Danke, für die schöne Zeit.“ Ihr liefen die Tränen über das Gesicht. Sie riss sich aber tapfer zusammen. „Hier war es viel besser als in der Todeszelle. Ich habe beide gemocht. Wann?“
„Jetzt!“
„Soll ich mir etwas Bestimmtes anziehen?“
„Du darfst tragen, was du möchtest.“
„Dann möchte ich das durchsichtige weiße Kleid. Caroline hat es sehr an mir geliebt.“
Ich nickte und Fibi zog das durchsichtige Kleid an.
„Ich bin soweit.“ Sagte sie mit brüchiger Stimme, als sie sich fertig angekleidet hatte.
Ich legte ihr die Kette an den Halsreif an, die eine sehr kurze Querkette zwischen den Hände und eine nicht ganz so kurze Kette zwischen den Füßen hatte, die ich an den Hand und Fußschellen befestigte.
Als ich ihr die Lederhaube überziehen wollte, fragte sie mich:
„Kann ich mich vorher von Caroline verabschieden?“
„Sicher.“
Sie ging in kleinen Schritten zum Bett und beugte sich über die schlafende Caroline. Sanft küsste sie Caroline auf den Mund, dann kam sie zu mir.
Ohne ein weiteres Wort, zog ich ihr eine Kapuze über den Kopf und brachte sie hinaus.
***

Fünf Tage später stellte ich einer immer noch sehr wütenden Caroline eine Tasse Kaffee auf den Schreibtisch.
Als Caroline morgens erwachte und Fibi nicht da war, wusste sie sofort, was ich getan hatte. Ein einziges Mal noch blitzte sie mich noch wütend an, dann wandte sie ihre Augen von mir ab. Seitdem hatte sie kein Wort mit mir geredet, nein sie hatte mich nicht einmal angesehen. Sie schlief von mir abgewandt und jeder Versuch, mich ihr zu nähern, wurde wütend abgestraft.
Nach drei Tagen hatte ich die Hoffnung, dass sich Caroline wieder beruhigte aufgegeben. Nach vier Tagen war ich mir sicher, dass unsere Liebe zerbrochen war. Das traf mich bitter und machte mich tief traurig. Ich hatte wirklich mit den besten Absichten gehandelt und doch hatte ich das Gefühl, Caroline verraten zu haben. Ich wusste, dass ich sie verloren hatte, zumal sie, wie jetzt auch, offen die Stellenangebote durchsah.
Genau das tat Caroline gerade, als im unteren Bildrand ein kleines Fenster erschien.
– Sie haben Post –
Caroline öffnete das Mailprogramm und schaute nach. Sie wollte die Mail schon als Spam löschen, als sie das Anagramm im Absender erkannte.
Onkelchen.
-Wenigstens ein kleiner Lichtblick- dachte sie sich und öffnete die Mail.

Erlösung?

„Meine über alles geliebte kleine Mischka,
Leider konnte ich mich nicht richtig von dir Verabschieden. Du hast sicherlich Verständnis dafür, doch ich hielt es für besser, nicht öffentlich in Erscheinung zu treten. Ich glaube fest daran, dass Kirschan jetzt in Frieden ruhen kann und hoffe, dass auch du, mit dem Tod es alten Franzosen, ein Stück Frieden findest.
Ich für meinen Teil, habe mich in mein kleines Haus am Meer zurückgezogen und versuche dort, so gut es geht, den Ruhestand zu genießen. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du mich irgendwann einmal besuchen würdest.
Bis dahin pass bitte auf dich auf.
Dein Onkelchen.
P.S. Ich habe gehört, dass dir der Mistkerl gegenüber ein Messer ins Herz gerammt hat. Ich hatte ihn gewarnt, dir niemals weh zu tun, doch bevor du ihn umbringst, richte ihm bitte etwas von mir aus:
Sein Geschenk ist heute Nacht wohlbehalten angekommen. Ich habe einen guten Platz dafür gefunden und ich werde es Ehren halten.
Im Anhang findest du ein Bild davon.“
Der Anhang zeigte Dagan am Strand und neben ihm lächelte Fibi.
***

Ich hörte die Tasse zu Boden fallen, dann hatte mich Caroline gepackt, aus dem Stuhl gerissen und mich zu Boden geworfen.
Sie saß auf mir, wie eine Panterin zum Todesbiss bereit und hielt mich an der Kehle gepackt. Ihre blitzenden Augen waren direkt vor mir.
„Du bist ein elender Scheißkerl!“
Dann löste sich eine Träne aus ihrem Auge.
„Aber du bist der liebenswerteste Scheißkerl der Welt.“ Dann drückte sie ihre Lippen auf meine und küsste mich mit aller Leidenschaft.
Ich hatte meine Caroline wieder….
Ein Blick auf ihren Rechner löste das Rätsel. Das Bild zeigte Dagan am Strand und neben ihm lächelte Fibi.
***

Zweihundert Kilometer entfernt, säuberte ein Mitarbeiter des Straßenbauamtes einen Rastplatz. Er hob einen Müllsack aus der Tonne und wunderte sich, dass der Sack so schwer war, obwohl leer erschien.
Er kippte den Inhalt auf den Boden und rief seinen Kollegen.
„Sie dir das da einmal an.“
Sein Kollege kam und wunderte sich auch. Kopfschüttelnd sahen sie auf die Gegenstände, die auf dem Boden lagen.
„Da ging wohl ein Liebesspiel in die Hose.“ Meinte der Erste, der die Sachen gefunden hatte.
Auf dem Boden lag ein durchsichtiges, weises Kleid, eine lederne Kapuze, und ein durchgesägtes Halseisen mit einer Kette, an der Hand und Fußschellen befestigt waren, die ebenfalls durchgesägt waren.
Kopfschüttelnd warf er die Sachen wieder in den Müllsack.
„Weißt du was? Die Welt ist voller Verrückter.“

 

*** Ende dieser Geschichte ***