Die_Gewissensfrage

 

Die  Gewissensfrage

 

 

Hauptpersonen

Caroline Miles Protagonistin
Peter Stein Protagonist
Vera Müller Peters Lebenspartnerin
Jessika Dafore Peters Arbeitspartnerin
Beate Fischer Spielball eines Politikers
Sarah Schlosser Frau mit Vergangenheit
Gerhard Trommer Oberstaatsanwalt und Politikstern
Die Guten
Frank Brauer Leiter JVA
Wolfgang Decker Leiter Wach-Team
Hannes Meier Wach-Team JVA
Johann Brenner Wach-Team JVA
Bernd Gratzweiler Wach-Team JVA
Thekla Vorzimmereminenz
Randy Technik-Nerd
Dagan Meyr Geheimdienstchef
Benjamin Levi Mossad
David Lem Mossad
Soraya Davidson Mossad
Krischan Carolines Verlobter
Mike Smith CIA
Dave Miller CIA
Sally Clifford CIA
Die Bösen
Allister MacFroody III Ex CIA Direktor
Karl Worrowitz US-Söldner
Pierre Cardin Der alte Franzose / Söldner
Lt. Gilles Französischer Söldner
Lt. Souvier Französischer Söldner
Sergeant Dunant Französischer Söldner
Sergeant Müller Französischer Söldner

 

 

Vorwort

Peter Steins Leben als Justizbeamter ist nicht unbedingt spannend, denn sein Job besteht lediglich darin, dem Leiter der JVA Mainstadt Ärger vom Hals zu halten. Das ändert sich schlagartig, als der aufgehende Stern am Polithimmel, Oberstaatsanwalt Trommer, Peter zwingt, sich zwischen dem Gesetz und seinem Gewissen zu entscheiden.

Während sich über der JVA Mainstadt dunkle Wolken zusammenziehen, eröffnet am anderen Ende der Welt ein ehemaliger CIA-Direktor die Jagd auf Caroline Miles, eine ehemalige Mossad-Agentin.

Als sich die Wege von Peter und Caroline kreuzen, gerät Peters Leben völlig aus den Fugen, denn nicht nur er hat sich mächtige Feinde gemacht, Caroline ist ihrerseits auf einem erbitterten Rachefeldzug. Vereint im Kampf gegen gedungene Killer und Söldner kommen sich die beiden näher, doch ihre Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig…

 

Teil 1 – Beate

JVA in Mainstadt

Gibt es morgens nach dem Aufstehen etwas Geileres als den Geruch frischen Kaffees? Eindeutig nicht! Ich stand in meiner kleinen Küche und wartete geduldig, dass der Kaffee durchlief, während ich den angenehmen Duft genoss. Dann nahm ich die Tasse, verließ meine Wohnung… und stand im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes der JVA Mainstadt im wunderschönen Kreis Main-Spessart. Ja, ich arbeite und wohne freiwillig in der JVA…

An dieser Stelle sollte ich mich vorstellen. Mein Name ist Peter Stein, meine Heimat ist das schöne kleine Saarland, mittlerweile bin ich knapp über vierzig und arbeite seit mehr als zwanzig Jahren als Beamter in der JVA Mainstadt.

Da ich nach der Schule noch keine Ahnung hatte, wohin die Reise gehen sollte, beschloss ich erst einmal den Wehrdienst zu leisten, um mir Zeit zum Nachdenken zu erkaufen. Dabei klopfte die Zukunft sprichwörtlich an meine Autoscheibe. Als Stabsfahrer fuhr ich eines Abends meinen Batteriechef zu einem offiziellen Empfang des Oberbürgermeisters unserer Garnisonsstadt Mainstadt, wo ich ihn vor der Stadthalle absetzte. Ich hatte ein gutes Buch und gute Musik, also beschloss ich, im Auto zu warten. Um den Eingang im Auge behalten zu können, suchte ich nach einem Parkplatz in Sichtweite, doch da war keiner. Genau gegenüber dem Eingang hatte man allerdings mit zwei mobilen Halteverbotsschildern eine parkfreie Zone errichtet, vor und hinter der natürlich kein freier Platz war. Doch die Schilder waren mobil… ich schaute mich kurz um, sah niemanden und stellte mich vor das erste Fahrzeug in der Reihe. Danach stieg ich aus und rückte das Schild vor meinen Wagen, anschließend machte ich es mir bequem.

Ich schlug gerade mein Buch auf, als jemand an die Scheibe der Fahrertür klopfte. „Mist!“, fluchte ich und sah durch die Scheibe. Ich atmete erleichtert auf, als ich erkannte, dass es weder ein Polizist noch jemand von der Feuerwehr war, der am Auto stand, sondern ein Mann in Zivil, der den Kopf schüttelte. Um Ärger zu vermeiden, öffnete ich die Tür und stieg aus.

„Das war kreativ gedacht, aber mies ausgeführt“, sagte der Mann, der etwa dreißig Jahre alt war. „Sie haben sich umgesehen, aber nicht darauf geachtet, ob jemand in den Autos sitzt und wir waren direkt im Wagen hinter Ihnen.“ Dabei zeigte er auf einen zweiten Mann hinter sich.

Eigentlich hatte ich schon auf der Zunge liegen: „Was soll die Klugscheißerei?“, doch irgendetwas hielt mich zurück. Der Mann schien nicht darauf aus zu sein, mir auf die Nerven zu gehen oder mir meine „Unfähigkeit“ vorhalten. Vielmehr hatte ich den Eindruck, er wolle mir ernst gemeinte Tipps geben, also schluckte ich die Erwiderung herunter. „Ich werde es mir beim nächsten Mal zu Herzen nehmen.“, antwortete ich stattdessen.

„Wird es denn ein nächstes Mal geben?“

„Hmm… wahrscheinlich schon.“

Der Mann grinste und ging in Richtung Stadthalle, als er sich plötzlich umdrehte und zurückkam. „W12er?“, fragte er mich.

„Ja“, nickte ich.

„Haben Sie einen Job, mit dem es nach dem Bund weitergeht?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Einen Plan?“

„Mal sehen… vielleicht verlängere ich meinen Aufenthalt bei Y-Reisen oder ich drücke wieder die Schulbank. Um ehrlich zu sein… ich habe keine Ahnung.“

„Ok, falls Sie noch eine Möglichkeit in Betracht ziehen wollen, melden Sie sich bei mir, ich suche immer kreative Köpfe.“ Damit reichte er mir eine Visitenkarte, drehte sich um und ging zur Halle. Nun sah ich auch den zweiten Mann etwas genauer, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte. Er war ebenfalls um die Dreißig und hatte schon eine deutliche Halbglatze. Der Mann rollte mit den Augen, als er den Ersten anstieß. „Was soll das?“, fragte er ihn, „Der Typ wird uns nur Ärger machen…“ Den Rest hörte ich nicht mehr, also betrachtete ich mir die Karte. „Frank Brauer“ stand da und sonst nur eine Telefonnummer, die mir sagte, dass es sich um einen Amtsanschluss handeln musste.

Keine Ahnung warum, aber diese Visitenkarte war nun für die nächsten Monate mein Lesezeichen. Nach zehn Monaten Bund kam der Zeitpunkt näher, an dem ich mich entscheiden musste, wie es weitergehen sollte. Als ich im Warteraum des Wehrdienstberaters mein Buch aufschlug, hielt ich die Visitenkarte wieder in der Hand. „Warum nicht?“, fragte ich mich und rief mir den Mann vor der Stadthalle zurück ins Gedächtnis. Irgendwie hatte er mich beeindruckt, er strahlte etwas aus, das man am besten mit Vertrauen beschreiben konnte, also beschloss ich, ihn anzurufen.

„Können Sie sich vorstellen, in einem Gefängnis zu arbeiten?“, war die zentrale Frage.

„Klar, aber werden solche Stellen nicht ausgeschrieben?“, wollte ich wissen.

„Selbstverständlich werden unsere Stellen ausgeschrieben, also bringen Sie eine Bewerbung mit. Kommen Sie morgen um 17 Uhr in die Fernstraße 34“, teilte mir Frank kurz und knapp mit und legte auf.

Ich staunte nicht schlecht, als ich an der Pforte der JVA schon erwartet wurde. Franks Begleiter vom Abend unseres ersten Treffens, der Mann mit Halbglatze, stand mit den Armen vor der Brust verschränkt da und wartete auf mich.

„Wenigstens kennst du die Uhr, mein Name ist Decker!“, brummte er und schob hinterher: „Mir nach!“ Dann drehte er sich um und ging durch die Schleuse.

„Decker, gibt’s auch einen Vornamen?“

„Nein!“

„Ok, Decker, ich bin Peter.“

„Peter und wie weiter?“

„Nichts weiter, einfach Peter.“ Decker drehte sich zu mir und warf mir einen vernichtenden Blick zu, was mich zum Grinsen brachte.

„Ganz schön große Klappe“, zischte er böse.

Nach gefühlten 1.000 verschlossenen Türen kamen wir zu Franks Vorzimmer, wo eine Mittfünfzigerin mit zwei jungen Frauen, die beide in meinem Alter waren, an einem Schreibtisch saß und ihnen eine Akte zeigte.

Als wir das Zimmer betraten, sah die Frau auf und nickte Decker zu. „Jessika, Thekla, das ist Herr Decker. Herr Decker darf als Einziger ohne Anmeldung zum Chef, sagt ihm nur Bescheid, falls bereits jemand in Herrn Brauers Büro ist.“

Die zwei nickten eifrig und mir fiel sofort Jessika auf, die einen sehr wachen und intelligenten Blick hatte.

„Heute noch?!“, fragte Decker, der schon die Tür zu Franks Büro geöffnet hatte, während er mich ungeduldig ansah.

Ich verkniff mir eine Antwort und trat ein. Frank saß an einem großen Schreibtisch, stand auf, kam mir einen Schritt entgegen und reichte mir seine Hand.

„Hallo, Peter“, begrüßte er mich freundlich. „Woher zum Teufel kennt er meinen Vornamen?“, schoss es mir durch den Kopf, denn während unseres einzigen Telefongesprächs waren wir beim Sie geblieben. „Bewerbung?“, fragte er und streckte die Hand aus.

„Ähm, ja.“ Ich übergab ihm meine Unterlagen, die er ungelesen hinter sich auf den Schreibtisch legte.

„Ich will es kurz machen“, begann er, „das hier ist ein Gefängnis. Die Arbeit hier fordert von uns allen den höchsten Einsatz. Zum Schutz all meiner Mitarbeiter brauche ich eine funktionierende Verwaltung. Damit die richtig rund läuft, brauche ich einen Kern von fähigen Leuten, die ich sozusagen als Joker überall einsetzen kann. Wie ich schon vor der Stadthalle sagte, suche ich kreative Köpfe und du scheinst einer zu sein.“

„Na ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „ich gebe mir zumindest Mühe, nicht vorgefertigte Denkmuster von anderen zu übernehmen und meinen eigenen Weg zu gehen.“

Frank setzte ein Grinsen auf und meinte: „Ok, Ende September ist der Bund vorbei, am ersten Oktober erscheinst du hier und fängst bei uns an. Um die Bewerbung kümmere ich mich.“

„Ja… und was wäre meine Aufgabe?“, wollte ich wissen und Decker stieß ein Grunzen aus, während Frank milde lächelte.

„Deine Aufgabe ist die von allen Neuen… du beginnst eine Ausbildung, danach sehen wir weiter.“

 

***

 

So ging es dann auch weiter. Pünktlich zur angegebenen Zeit erschien ich am ersten Tag nach der Bundeswehr in der JVA Mainstadt und trat meine Ausbildung an. Sollte ich gedacht haben, dass ich durch Franks „Empfehlung“ einen Bonus bekam, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Nach ein paar Wochen rauchte mein Kopf von all den Inputs, die Franks Beamte und die Lehrer der Verwaltungsschule in meinen Kopf eintrichterten. Der einzige Lichtblick war Jessika, die gemeinsam mit Thekla ebenfalls die Ausbildung durchlief. Doch nach einem halben Jahr begann ich zu zweifeln, ob dieser Job der richtige war.

Darüber brütete ich in einem kleinen Büro der JVA nach, als Jessika dazu kam. Sie hielt zwei Tassen Kaffee in der einen Hand und mit der anderen Hand schloss sie die Tür hinter sich ab. Wortlos setzte sie sich mir gegenüber und schob mir eine Tasse herüber.

„Du siehst aus, als ob du ein Problem hast“, sagte sie, was eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage war.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Augen. „Ja“, stöhnte ich, „ich weiß nicht… irgendwie habe ich mir den Job anders vorgestellt… das ist alles sehr… trocken, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Trocken?“, lachte sie auf. „Du hättest also gerne etwas mehr Action?“

„Na ja, so könnte man es nennen.“

„Und du überlegst hinzuwerfen?“

„Nein… ja… ich weiß es nicht!“

Jessika schien zu überlegen, wie sie mir etwas scheinbar Klares und Unübersehbares mitteilen sollte und meinte nach einiger Zeit: „Also, wenn du Action willst, dann klemm‘ deine Arschbacken zusammen und sieh zu, dass du einen guten Abschluss bekommst, dann wirst du deine Action sicher bekommen.“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah ich sie fragend an und Jessika begann, geheimnisvoll zu grinsen. „Du musst lernen zuzuhören“, meinte sie, „wusstet du, dass Brauer hier erst vor eineinhalb Jahren das Kommando übernommen hat?“

„Nein“, gab ich zu.

„Und findest du nicht auch, dass jemand der Anfang dreißig ist, etwas jung für so einen Posten ist?“

„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

„Marlies, Brauers Sekretärin, sagte neulich, dass Frank plötzlich eines Tages dastand und der damalige Direktor ihm die Leitung übergab. Kein Mensch weiß, wo Frank herkam, oder was er früher gemacht hat oder welchen Posten er vorher hatte. Passenderweise war die Stellenbeschreibung so ausgeschrieben, dass nur Brauer die Stelle bekommen konnte. Was sagt dir das?“

„Dass Brauer die richtigen Leute kennt?“

„Genau, und diese Leute haben Brauer ganz sicher nicht umsonst hierhergesetzt und ihm auch noch Wolfgang mitgegeben.“

„Wer ist Wolfgang?“

„Decker!“, schüttelte sie den Kopf.

„Decker hat also doch einen Vornamen?“

„Du bist unmöglich“, tadelte sie mich. „Was immer Frank auch vorhat, er ist gerade dabei, sich einen Kern von Vertrauensleuten zu bilden und du stehst ganz oben auf der Liste. Du musst Frank nur zeigen, dass du lernfähig bist, also beweise es ihm in den nächsten eineinhalb Jahren.“ Damit zeigte sie auf die Unterlagen, die überall herumlagen.

So hatte ich das noch gar nicht gesehen und die Infos über Brauer waren sehr interessant. „Weißt du, bei dem einen oder anderen Thema könnte ich etwas Hilfe gebrauchen.“

„Das glaube ich gerne“, entgegnete sie mit einem verschmitzten Lächeln. „Heute Abend gehen wir beide Essen, dann machen wir eine Bestandsaufnahme und wir schauen, wo du meine Hilfe brauchst.“

 

***

 

Jessika hielt Wort und half mir dort, wo es nötig war, doch schon bei der ersten „Nachhilfestunde“ wurde mir etwas bewusst… Hände weg von Jessika! Jessika war einer der besten Menschen, die ich bisher kennengelernt hatte, und sie zu auch nur ansatzweise zu enttäuschen oder zu verletzen, war das Letzte, was ich wollte. So gab es nach ein paar Wochen eine unausgesprochene Übereinkunft. Wir waren beste Freunde, teilten alles miteinander und am Ende des Tages ging jeder in sein eigenes Bett.

Fand einer von uns zwei einen Partner, freute sich der andere und er tröstete ihn, wenn die Partnerschaft in die Brüche ging…

Mit Jessikas Hilfe (und dem neuen Blickwinkel auf Brauer) schaffte ich die Ausbildung zwar nicht mit Bestnote, lag aber noch im oberen Drittel.

Schließlich kam der Tag, an dem Jessika, Thekla und ich in Franks Büro standen, der uns unsere Urkunden überreichte. Als Frank Jessika zu einem Abschluss mit der Note 1,0 gratulierte, konnte ich das Augenzwinkern nicht sehen, mit dem er sie bedachte. Ich hörte, dass er sagte: „Das war sehr gute Arbeit!“, und hatte keine Ahnung, dass sich dies auf mich bezog. Ja, ich hatte noch viel zu lernen…

Aber ich lernte und Frank beschloss, dass Jessika und ich ein tolles Team seien, das er überall dort einsetzen konnte, wo es brannte. Zunächst übernahmen wir Abteilungen, die durch Krankheiten, Elternzeiten oder andere Ausfälle überlastet waren, oder wir arbeiteten neue Mitarbeiter ein… wir ackerten solange, bis wir den Verwaltungsablauf im Schlaf kannten, dann kam Stufe zwei.

„Ihr drei werdet ein duales Studium beginnen!“, teilte uns Frank in einer knappen Ansprache mit.

„Ähm, habe ich da etwas mitzureden?“, wollte ich wissen.

„Habe ich dich bisher nach deiner Meinung gefragt?“, kam die Gegenfrage.

„Nein.“

„Warum soll ich es dann jetzt tun?“

„Dual heißt zwar, dass wir hier weiterarbeiten und unsere Kohle bekommen, dennoch kostet Studieren eine Stange Geld und bei mir geht schon ein großer Teil vom Gehalt für die Miete drauf.“

„Da hat er nicht ganz Unrecht“, stellte sich Thekla auf meine Seite.

„Was ist mit dir, Jessika?“

„Ich habe eine eigene Wohnung in meinem Elternhaus, solange das Gehalt weiter fließt, habe ich keine Probleme.“

Für einige Sekunden schien Frank durch uns hindurch zu sehen, dann setzte er sein typisches Pokerface auf. „Dann zieht ihr zwei eben in eine günstigere Wohnung um.“

„Du hast gut reden“, entgegnete ich, „wir sind hier in Mainstadt, wo soll ich da eine billige Wohnung hernehmen?!“

„Zwei Zimmer, Küche, Bad, 55 Quadratmeter, für 250 Ocken Warmmiete.“

„Das wäre ein Angebot, das einfach zu schön wäre, um wahr zu sein. Ich würde mich sofort fragen, wo der Haken ist!“, hielt ich ihm entgegen.

„Der Haken sind Gitter an den Fenstern.“

„Das ist ein Witz! Du willst uns Zellen andrehen?“

„Natürlich nicht“, schüttelte Frank den Kopf. „Oben im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes wird gerade die halbe Etage leer. Die alten Lager und Archivräume kommen weg. Zellen kann ich im Verwaltungsgebäude nicht einrichten lassen und leer stehen sollen die Räume auch nicht. Ich lasse ein paar Schreiner und Klempner kommen und schon hat jeder von euch eine schöne und vor allem günstige Wohnung.“

Thekla und ich sahen uns zweifelnd an, bis wir Jessika im Hintergrund nicken sahen, also meinte ich: „Na ja, dann kann ich in Pantoffeln zur Arbeit gehen… das hat was. Ok, ich nehme das Angebot an.“

Nun sah Frank zu Thekla, die noch mit sich kämpfte und sich dann doch einen Ruck gab. „Also gut, ich nehme auch an“, entschied sie schließlich. „Aber nur, bis das Studium vorbei ist!“

 

***

 

Der Job

Das Studium ging vorbei und anders als Thekla, die kurz nach der Uni Marlies Posten übernahm und Franks neue Vorzimmereminenz wurde, heiratete und mit ihrem Mann ein eigenes Haus baute, lebe ich noch immer im dritten Stock der JVA.

Allerdings veränderte sich nach der Uni auch meine Tätigkeit. Zwar bildeten Jessika und ich noch immer ein Team, doch jetzt bestand unser Job darin, Frank den Rücken freizuhalten. Anwälte, die auf Krawall gebürstet waren, Ministeriumsmitarbeiter, die meinten, sich profilieren zu müssen, neue Ideen von Ministern, Öffentlichkeitsarbeit…

Wir waren der Schild für Franks Belegschaft. Egal, ob Sicherheitsbeamter, Verwaltungsangestellte oder Reinigungskraft, gab es Ärger, hatten wir ihn aus der Welt zu schaffen. Wir waren gut, was daran lag, dass Frank wohl der beliebteste Chef überhaupt war (und noch immer ist). Im Gegenzug hielt Frank seine schützende Hand über uns, ganz gleich, wer uns ans Leder wollte. Jetzt hatte ich meine Action und ich genoss das Leben so, wie es war.

Allerdings, so gut wir unseren Job auch machten, Decker blieb die einzige Person, die ohne Anmeldung und ohne anzuklopfen in Franks Büro marschieren konnte. So meldete ich mich brav bei Thekla an, als ich mit meiner Kaffeetasse zum täglichen Meeting bei Frank erschien.

„Guten Morgen, Thekla“, begrüßte ich sie und zeigte auf die Tür zu Franks Büros, „darf ich?“

„Er telefoniert gerade mit dem Ministerium, du kannst trotzdem reingehen.“

„Danke, übrigens, tolle neue Frisur.“

„Oh“, lächelte sie, „vielen Dank. Nicht einmal meinem Mann ist die neue Frisur aufgefallen.“

„Tja, Männer!“ Mit einem Augenzwinkern, das ich Thekla zuwarf, betrat ich Franks Heiligtum, der mir hinter seinem Schreibtisch sitzend zuwinkte, und mich aufforderte Platz zu nehmen, während er am Telefon weiterredete.

„Herr Staatssekretär, Sie werden sich bestimmt daran erinnern, dass wir Sie vor einer solchen Aktion gewarnt haben“, sagte er gerade mit einem Blick, der selbst durch das Telefon tödlich sein musste, während ich geduldig wartete, bis Frank das Gespräch beendete.

„Ich verstehe, Herr Staatssekretär. Ja. Auf Wiederhören.“

Frank legte den Hörer auf und sah mich vielsagend an.

„Du kannst dich bewerben, im Ministerium wird eine Dezernatsstelle frei.“

„Das heißt wohl, die Internetgeschichte ist tot?“

„Tot? Tot ist gar kein Ausdruck. Das grenzt schon an Leichenschändung. Und natürlich will es keiner gewesen sein, im Gegenteil, alle waren von Anfang an strikt dagegen.“

Die tote Internetgeschichte bezog sich auf den Vorschlag des Ministeriums, ähnlich wie in den USA ein öffentliches Strafregister zu erstellen, so dass man auf einer vom Ministerium bereitgestellten Landkarte bzw. einem Stadtplan sehen konnte, ob ein registrierter Straftäter in der Nachbarschaft lebte. Man hätte auch sehen können, welche Straftat der Nachbar begangen hatte.

Um festzustellen, dass eine solche Aktion in Zeiten der DSGVO schiefgehen musste, hätte man kein sündhaft teures Gutachten einholen müssen. Abgesehen davon, dass der Nutzen eines solchen öffentlichen Prangers – nichts anderes stellte ein solches Register dar – zweifelhaft war, hielt ich dessen Einführung für einen Fehler. Denn die Erfahrung lehrte uns, dass es in jeder Abteilung Vollpfosten gab, die Fehler machten und die falschen Leute in ein solches Register aufnahmen. Außerdem konnte ein guter Hacker praktisch jeden als Straftäter brandmarken und schon war man Ruf, Job und Freunde los, denn es würde immer heißen: „Irgendwas wird schon dran sein.“

Jetzt lag das Kind im Brunnen und man fragte sich, warum man für eine solche Sache über eine Million an Steuergeldern in den Sand gesetzt hatte.

„Es ist ja nicht so, dass wir diese Idioten nicht vorgewarnt hätten“, meinte ich zu Frank. So war es, denn auf der entscheidenden Konferenz hatten Frank und ich den Vorschlag des Ministeriums von Anfang an als Schnapsidee abgetan. Auch hatten wir wiederholt, dass man das Geld sehr viel besser investieren könnte, beispielsweise in neue Stellen. Nun, nach nur sechs Monaten, war das Internetprojekt gestorben, in das sündhaft viel Geld gesteckt wurde. Zum Glück hatten Frank und ich unsere Einsprüche gegen das Projekt schriftlich festgehalten, denn als jetzt ein Sündenbock gesucht wurde, blieben wir beide außen vor.

„Das Ministerium erwägt zukünftig, öffentliche Bekanntmachungen zu Straftätern einzuschränken, was immer das bedeuten mag. Warten wir mal ab, aber die Befürworter haben prominente Unterstützung.“

„Ja, wen denn?“

„Oberstaatsanwalt Trommer.“

„Trommer?“, fragte ich nach. „Hm, den kenne ich so gar nicht. Ich dachte immer, der steht mit beiden Beinen in der Realität.“

„Da steht er noch immer, der Großteil der Bevölkerung macht sich über so etwas wie ein Register keine Gedanken. Aber ein kleiner Teil schreit ganz laut nach einem solchen Pranger und derjenige, der am lautesten schreit, wird am ehesten gehört. Trommer will die Aufmerksamkeit nutzen, die die Debatte um das Register mit sich führt.“

„Nutzen?“

„Trommer will nach oben. Und jetzt rate mal wohin.“

„Generalstaatsanwalt?“

„Du hast es erfasst.“

Wow, das war starker Tobak. Der jetzige Generalstaatsanwalt würde in einem halben Jahr in Ruhestand gehen, doch die Stelle des Generals war eine politische Entscheidung. Bewerber gab es in den Parteien jede Menge und einige der Kandidaten hatten weit mehr Dienstjahre und mehr Freude in der Chefetage als Trommer. Wie zum Teufel wollte er an denen vorbeikommen? Da fiel mir nur ein Weg ein. Trommer musste die Öffentlichkeit für sich gewinnen.

„Na ja, wie du sagst, wir sollten abwarten.“

Das Telefon läutete und Frank schaute auf das Display. „Jessika“, teilte er mir mit und nahm ab. „Ja, er ist da“, antwortete er ihr und sah mich an. „Ich soll dich an den Gerichtstermin erinnern.“

„Der ist erst nächste Woche“, entgegnete ich.

Frank lauschte wieder und grinste, als er den Hörer auflegte. „Jessika sagt, heute ist die nächste Woche.“

Ich stöhnte auf… Verdammt, den Gerichtstermin hatte ich ganz vergessen, bei dem ich als Zeuge in einem Prozess gegen eine unserer Beamtinnen geladen war. „Mist, die Schiller-Sache. Ja, ich werde daran denken.“

„Tanja Schiller?“

„Ja.“

„Was lief da schief?“

„Tja, was lief schief…?“

Tanja Schiller arbeitete seit acht Jahren in Deckers Team der Wachbeamten, bis sie ihren Mann kennenlernte. Der saß bei uns wegen verschiedener Delikte ein und Tanja verliebte sich in ihn. Da bekannt war, dass man mit Frank über jedes Problem reden konnte, nahm sie das Angebot an und „beichtete“ Frank ihre Liebe zu einem Gefangenen. Frank wäre nicht Frank, hätte er nicht eine Lösung gefunden, also wurde Tanja in die Freigänger-Einrichtung versetzt, wo sie keinen direkten Kontakt zu dem Gefangenen hatte und dort blieb sie, bis dieser seine Strafe abgesessen hatte. Nach seiner Entlassung zogen die zwei zusammen, heirateten und Tanja kehrte zurück. Doch schon kurze Zeit später sah man den ein oder anderen deutlichen blauen Fleck an ihren Armen oder im Gesicht.

Frank brauchte mich erst gar nicht auffordern, mich der Sache anzunehmen, doch ich kam nicht an Tanja heran. Auch Jessikas Versuche schlugen fehl und Tanja lehnte alle Hilfsangebote dankend ab, auch als die blauen Flecken mehr und größer wurden. Sicher, wir hätten eine Anzeige erstatten können und Frank hätte die Mittel dafür zu sorgen, dass eine Einstellung des Verfahrens nicht in Frage kam, doch was dann? Wenn Tanja keine Aussage gegen ihren Mann machen würde, käme nichts dabei heraus und Tanja hatte klar gemacht, dass es keine Aussage geben würde! Ich spielte schon mit dem Gedanken Tanjas Mann im Dunkeln abzupassen, um ihm zu erklären, was es heißt, Respekt gegenüber seiner Ehefrau zu haben, als dieser plötzlich sehr krank wurde. Je schlechter es dem Mistkerl ging, umso mehr nahmen die blauen Flecken ab. Schließlich, nach drei Monaten schwerer Krankheit, verstarb Tanjas Mann und die Bombe platzte, als Tanja verhaftet wurde. Der Gerichtsmediziner hatte eine tödliche Dosis eines sehr üblen Giftes festgestellt und die Ermittler brauchten nicht lange, um Tanja als Schuldige auszumachen…

Was lief schief…? Darüber hatten Jessika und ich uns auch unsere Köpfe zerbrochen und die Antwort war tragisch einfach. Tanja hatte die Hilfe, die wir und alle anderen ihr anboten, nicht angenommen… und das Drama nahm seinen Lauf.

„Unangenehme Sache“, meinte Frank leise, denn auch er hatte sich mehr als einmal gefragt, was er hätte tun können, um die Tragödie zu vermeiden.

„Ja, zumal ich sie ausgebildet habe.“

„Beim Ausstellen deiner Aussagegenehmigung habe ich deinen Vorabbericht gelesen, du versuchst, sie herauszuhauen.“

„Natürlich will ich das, sie ist schließlich eine von uns.“

„Ich hoffe, du hast Erfolg. Und jetzt solltest du dich auf die Socken machen, nicht dass das Gericht auf seinen wichtigsten Zeugen warten muss.“

Ich lachte und erhob mich. Als ich kurz vor der Tür stand, sagte Frank. „Was deine Aussage angeht… Ich verlasse mich darauf, dass bei dir alles nach Vorschrift läuft.“

Frank wusste genau, dass ich das tat, was ich für richtig hielt, und er wusste auch, dass ich es weiterhin tun würde, also schaute ihn an und entgegnete selbstsicher: „Keine Sorge, ich habe alles im Griff.“

Hätte ich in diesem Moment gewusst, was die nächsten Tage und Wochen geschehen würde, hätte ich mir diesen Kommentar ganz sicher verkniffen.

 

***

 

Schicksal

Eine Stunde später saß ich wartend vor dem Gerichtssaal. Im Saal selbst lief die Verhandlung immer mehr auf die Frage hinaus, ob Tanja ihren Mann eiskalt ermordet hatte oder ob es eine Verzweiflungstat war. Die Verteidigung legte sich mächtig ins Zeug, doch sie hatte das Problem, dass es keine „Zeugen“ gab, die Tanja hätten helfen können. Tanja hatte leider immer behauptet, die blauen Flecken kämen von Unfällen. Dafür hatte die Staatsanwaltschaft gleich Dutzende Zeugen, die aussagten, dass der Verstorbene an einer tödlichen Dosis Gift langsam und qualvoll verstorben war. Es war klar, dass es nötig gewesen war, ihm über einen langen Zeitraum täglich eine Dosis zu verabreichen, was also eine spontane Tat ausschloss.

Tanja saß auf der Anklagebank und schwieg, denn ihre Verteidiger hatten ihr anscheinend strengstens davon abgeraten, eine Aussage zu machen.

Ich konnte mich genau an diese junge Auszubildende erinnern. Selbstbewusst und lebensfroh… Sie hatte den Beruf der Justizbeamtin gewählt, weil sie etwas völlig anderes tun wollte als das, was man vor ihr erwartete. Mit Stolz machte sie ihren Abschluss und bekam schon kurz darauf die Leitung einer kleinen Abteilung. Jetzt saß sie als gebrochene Frau vor dem Gericht.

Während ich darüber nachdachte, stellte ich mir die Frage, ob ich, wenn ich tatsächlich Tanjas Mann im Dunkeln abgepasst hätte, diesen tatsächlich nur mit Worten davon hätte überzeugen wollen, seine Frau nicht mehr zu misshandeln. Was wäre geschehen, wenn er „Leck mich“ gesagt hätte? Wäre es dann auch noch bei einem verbalen Schlagabtausch geblieben? Wahrscheinlich nicht…, musste ich mir eingestehen und die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihm ein paar Knochen gebrochen hätte, wäre sehr hoch gewesen. Dann wäre es gut möglich gewesen, dass ich heute hier als Angeklagter sitzen würde, denn auch ich hatte nicht das Recht, mir meine eigenen Regeln zu machen.

Über all das dachte ich nach, während sich dunkle Gewitterwolken über Tanjas Kopf zusammenbrauten.

Schließlich kam ich mit meiner Aussage an die Reihe.

„Kommen wir nun zum Zeugen Stein“, verkündete der Richter und sah mich an.

„Herr Stein, Ihren vollen Namen bitte.“

Da ich oft als Zeuge bzw. als Sachverständiger vor Gericht aussagen musste, kannte ich die Angaben, die ich machen musste und leierte sie herunter.

„Peter Stein, 41 Jahre, Beruf Justizbeamter, ladungsfähige Anschrift ist die hiesige Justizvollzugsanstalt, weder verwandt noch verschwägert mit der Angeklagten.“

„Herr Stein, Ihre Aussage!“

Nun berichtete ich über die Zeit, als mir die ersten blauen Flecken auffielen.

„Was sagte Frau Schiller, woher diese stammen?“

„Frau Schiller antwortete jedes Mal, dass sie sich gestoßen oder einen anderen Unfall gehabt hätte.“

„Haben Sie in Betracht gezogen, dass es die Wahrheit sein könnte?“

„Nicht eine Sekunde!“

„Erklären Sie das!“

„Bei meiner Arbeit werde ich oft mit Gewalt konfrontiert und die Verletzungen bzw. die Folgen von Gewalt sind immer dieselben.“

„Über welchen Zeitraum haben Sie diese Verletzungen festgestellt?“

„Eine Woche nach Frau Schillers Rückkehr in die Hauptstelle der JVA bis kurz vor dem Tod des Mannes, also viereinhalb Jahre lang.“

„Und Sie haben nichts unternommen?“

„Selbstverständlich haben wir Frau Schiller Hilfe angeboten, aber leider hat Frau Schiller diese Hilfe nicht angenommen.“ Jetzt war es Zeit, den ersten Einwurf zu machen. „Ich vermute, aus Angst vor ihrem Mann.“

„Wie kommen Sie zu dieser Annahme?“

„Nun, ich bin kein ausgebildeter Psychologe, dennoch ist Psychologie ein wichtiges Arbeitsfeld für uns in der JVA und unser Direktor, Herr Brauer, besteht auf regelmäßigen Schulungen. Deshalb bin ich der Meinung, dass ich die Anzeichen richtig deuten konnte. Frau Schiller hatte mit Sicherheit Angst vor ihrem Mann, der ja auch unter anderen wegen Gewaltdelikten bei uns zu Gast war.“

Damit gab sich der Vorsitzende erst einmal zufrieden und er sah nach links. „Herr Staatsanwalt, Fragen?“

„Ja. Laut der Akte haben Sie selbst die Angeklagte ausgebildet?“

„Das ist korrekt, wobei die Ausbildung nicht allein von mir durchgeführt wurde, ich überwachte die Ausbildung lediglich.“

An diesem Punkt übernahm der Richter wieder. Da er etwas unentschlossen schien, entschied ich mich, noch ein paar Zweifel zu streuen.

„Welche Verletzungen haben Sie denn konkret feststellen können?“

„Typische Verfärbungen am Oberarm, ich bin mir absolut sicher, dass diese von einem brutalen Festhaltegriff stammten. Dazu kommen Hämatome, die genau die Größe einer Faust hatten.“

„Herr Stein, Frau Schiller hat ja des Öfteren beteuert, dass diese Verletzungen von Unfällen stammen. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass es hier um einen Unfall handeln könnte?“

Ich atmete tief durch, denn jetzt kam es darauf an, bei der Wahrheit zu bleiben und das „Richtige“ zu sagen. „Ein Unfall, möglich… zwei Unfälle, vielleicht… Vier Jahre lang solche Unfälle, ausgeschlossen.“

Bevor ihr Verteidiger sie daran hindern konnte, sprang Tanja auf und schrie: „Ja! Es waren kein Unfälle! Dieser elende Scheißkerl hat mich über vier Jahre geschlagen und misshandelt! Ich habe dieses miese Stück Dreck mit voller Absicht umgebracht! Und ich habe es genossen, ihn leiden zu sehen, und ich hoffe, dass er in der tiefsten Hölle schmort!“ Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

Eine gute Minute lang war es totenstill im Gerichtssaal und niemand sagte auch nur ein Wort. Alle starrten Tanja an, während ich innerlich traurig den Kopf schüttelte. Verdammt! Ich hatte die Richter fast soweit gehabt… der Rest der Verhandlung war jetzt nur noch reine Formsache. Nachdem man Tanja nach den Plädoyers das letzte Wort gelassen hatte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück.

Ich wusste, wie das Urteil lauten würde, beschloss aber, mir das nicht anzutun und machte ich mich auf dem Rückweg, doch weit kam ich nicht. Als ich aus dem Saal ging, um zum Ausgang zu kommen, geriet ich in ein großes Gedränge. Ich kämpfte mich durch die Leute und hatte fast das Ende erreicht, als ich auf Mike traf, einen Mitarbeiter unserer Presseabteilung.

Zugegeben, wir beide hatten einen holprigen Start, doch nach anfänglichen Schwierigkeiten, Mike musste lernen mit meinem schwarzen Humor umzugehen, wurden wir doch Freunde. „Hallo Mike, was zum Teufel ist denn hier los?“

„Was? Bad-Man, weißt du denn gar nicht, was in der Welt geschieht? Heute ist der Fischer-Prozess.“

„Wer ist Fischer?“

„Der Messermord vor sechs Monaten, die Zeitungen waren voll davon.“

Angestrengt überlegte ich und langsam kam mir die Sache wieder ins Gedächtnis. Ich hatte gerade eine Woche Urlaub gehabt, als es geschah. Eine Frau hatte ihren Mann mit dem Messer umgebracht. Der einzige Grund, warum ich mich daran erinnerte, war der, dass es in unserer Stadt geschehen war.

„Da kommt die Fischer.“ Mike zeigte auf eine Frau, die von zwei Beamten durch die Menge geführt wurde.

Wow, was für eine Frau! Beate Fischer war 1,70 Meter groß, hatte eine perfekte Sanduhrenfigur, lange feuerrote Haare, ein freundliches, feminines Gesicht, das mit Sommersprossen geschmückt war, und herrliche smaragdgrüne Augen.

Sie trug einen schwarzen knielangen Rock mit hellen Nadelstreifen und den passenden Blazer, darunter eine weiße Bluse und ein paar schwarze Nylons und schwarze Pumps. Hätte sie nicht Hand und Fußschellen getragen, hätte niemand in ihr eine Mörderin gesehen. Als ich sie jetzt sah, fielen mir auch einige Artikel aus den Zeitungen wieder ein, denn die Presse hatte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, diese schöne Frau auf ihren Seiten zu bringen.

Soweit ich mich erinnerte, war es eine Familientragödie gewesen. Fischer hatte ihren Mann mit übrig vierzig Messerstichen umgebracht, dennoch schaffte es ihr Verteidiger, mit Hilfe von Psychologen eine Anklage zu erreichen, die „nur“ auf Totschlag lautete.

Dennoch! Vierzig Messerstiche!

Die meisten Morde werden im Affekt begangen, wenn man nicht wie Tanja seinen gewalttätigen Ehemann mit einer Menge Gift um die Ecke bringt. Ein Schuss, ein Schlag mit einem schweren Gegenstand, auch mal ein, vielleicht auch zwei Messerstiche. Aber vierzig! Vierzig Mal mit einem Messer auf jemanden einzustechen, dauert seine Zeit. Zeit, um zum Nachdenken und zur Besinnung zu kommen. Vierzig Mal zuzustechen bedeutet, dass sich ein unglaublicher Hass entladen haben muss.

Unterdessen hatten sich die Leute sich um die Angeklagte gescharrt und die Wachtmeister hatten alle Hände voll zu tun, um Fischer durch die Menge in den Saal zu bringen.

„Sie wird unsere Lebenslänglichabteilung um einiges verschönern.“

„Nein, wird sie nicht. Sie ist nur wegen Totschlag angeklagt, dafür bekommt sie höchstens 10 Jahre.“

Mike lachte leise auf, während er mich von der Seite her spöttisch ansah.

„Weißt du etwa mehr als das Gericht?“

„Siehst du die blonde Schönheit dort hinten?“ Er zeigte auf eine Frau, die abseits des Pulks stand.

„Ist kaum zu übersehen.“

„Das ist Petra Strass, sie war die Geliebte des Opfers“, erklärte er mir, also sah ich mir die Frau etwas genauer an. Petra Strass war ein Traum in Blond, hochgewachsen, schmal, lockige Haare bis unter die Schulterblätter und ein Dekolleté, das fast nichts der Fantasie überließ. Sie trug ein schwarzes Designerkleid mit schwarzen hochhackigen Schuhen, die Beine steckten in schwarzen Seidenstrümpfen. Der dezente Schmuck, den die Strass trug, kostete wahrscheinlich so viel wie ein Kleinwagen. Ihre arroganten und kalten blauen Augen musterten die Leute um sie herum sehr abwertend. Diese Frau war der klassische Vamp.

Die Wachtmeister hatten es geschafft, einen Durchgang zum Saal freizumachen, und Mikes Kollegen der Presse wanden sich nun der Strass zu.

„Jetzt pass mal auf!“, flüsterte Mike.

Von einer Sekunde auf die andere wurden die kalten, arroganten Augen tieftraurig und füllten sich mit Tränen. Die Schulter fiel nach unten, der Blick wanderte zu Boden und alles an dieser Frau schrie: „Ich bin ein Opfer.“

„Eine beeindruckende Leistung, findest du nicht auch?“, fragte Mike.

„Ja, sehr beeindruckend. Dennoch, Totschlag ist Totschlag.“

„Die Anklage kann jederzeit erweitert werden, das weißt du genau. Und da kommt die Anklage!“, antwortete Mike und zeigte zur Treppe.

Ich blickte zur Treppe und da kam der Staatsanwalt mit seinem Gefolge. Es war Oberstaatsanwalt Trommer! Spontan fiel mir die Unterhaltung mit Frank ein, die wir vor wenigen Stunden geführt hatten. Trommer war das, was man einen „harten Hund“ nennt. Konsequent, knallhart, aber auch Realist. Er wusste, welche Strafe er wann fordern und wie er sie bekommen konnte.

„Warte noch einen kleinen Moment.“

Die Menge teilte sich, um die Prozession der Staatsanwaltschaft vorbei zu lassen, und als Trommer an Petra Strass vorbeikam, fand zwischen den beiden für einen Sekundenbruchteil ein intensiver Blickkontakt statt, dann war Trommer im Saal verschwunden.

Beate Fischer wurde jetzt ebenfalls in den Saal geführt, doch da sie in ihren Fesseln nur kleine Schritte machen konnte, dauerte das etwas länger. Während die Menge in den Saal strömte, blieb Petra Strass stehen und schaute ihr entgegen. Als Beate Fischer an ihr vorbeikam, blickten sich die zwei Frauen an und in beiden Gesichtern lag der pure Hass. Ich glaube, der Hass den Frauen gegeneinander hegen können, ist der Größte, den es auf der Welt gibt.

„Ich wette mit dir um eine Flasche teuren Single Malt, dass Trommer lebenslang fordert, und um eine weitere, dass er es bekommt.“

„Ok, die Wette gilt, sag mir, wie es ausgegangen ist“, nickte ich und strebte dem Ausgang entgegen, während Mike sich den Zuschauern anschloss.

 

***

 

Ohne es zu wissen, hatte ich gerade eine Begegnung mit dem Schicksal. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Tag mein Leben und das Leben all meiner Freunde für immer auf den Kopf stellen sollte. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich in naher Zukunft Dinge tun würde, die ich jetzt noch als völlig absurd und unmöglich betrachtete. Ich ahnte auch nichts von dem Drama, das sich gerade in der fernen Südsee auf einer Insel namens Soulebda anbahnte, und wodurch diese einzigartige Frau zu mir führen würde, die ich mehr lieben sollte, als ich es mir je vorstellen konnte.

 

***

 

Wie alles begann

Caroline Miles – so lautet der Name in meinem Ausweis. Ich bin sicherlich kein schlechter Mensch, dennoch bringe ich Menschen um, weil es mein Job ist, denn ich bin eine staatlich bestellte Henkerin.

Meine Heimat ist Israel. Dort wurde ich schon als Kind durch die Gewalt des Alltags geprägt. Gewalt, die mir meine Eltern und Geschwister vor meinen Augen nahm, und mich nur das beherzte Vorgehen eines Mannes wieder zurück in die richtigen Bahnen lenkte.

Dieser Mann wurde zu meinem Mentor und Ersatzonkel. Er selbst legte keinen Wert darauf, dass ich ihn bei seinem richtigen Namen rief und so nannte ich ihn einfach nur mein „Onkelchen“. Seinen Namen, Dagan Meir, bekam ich erst später zu hören.

Dass dieser Mann eine lebende Legende im Geheimdienst war, wusste ich damals noch nicht. Mit ihm hatte ich seinerzeit, als junges Mädchen von gerade 11 Jahren, einen Förderer gefunden und er kümmerte sich in Israel um mich, nachdem ich meine Eltern verloren hatte. Mein Onkelchen sorgte dafür, dass ich die richtigen Schulen besuchte, bemühte sich um meine Ausbildung und kümmerte sich fürsorglich um mich.

Er nannte mich immer Mischka, das heißt kleiner Bär. Das lag einerseits an meinem damaligen burschikosen Auftreten und andererseits an meiner Art, bei Gefahren nicht zurückzuweichen, sondern der Gefahr beherzt entgegenzutreten. Mein Onkelchen sah in mir etwas Besonderes und sorgte dafür, dass ich die besten Internate besuchen und recht früh beim Militär Fuß fassen konnte. Da Onkelchen dem Geheimdienst vorstand, konnte ich diverse Spezialeinheiten besuchen und viele Kurse in Selbstverteidigung belegen.

So wuchs ich beim Militär auf. Mit gerade einmal 22 Jahren hatte ich bereits eine gut gefüllte Militärakte und reichlich Einsatz-Abzeichen auf meiner Uniform. Meinem Onkelchen war es allerdings auch immer wichtig, dass ich auf dem Boden der Tatsachen blieb und nicht verrückt wurde. Er verstand es immer wieder, mich zu zur Erde zurückzuholen, wenn ich am Abheben war.

Mit 23 Jahren durchlief ich in den Vereinigten Staaten einige Spezialausbildungen und durfte als jüngstes Mitglied in einem Einsatzteam an Life-Einsätzen teilnehmen. Meine Schießkünste über große Distanzen begeisterten die Leiter in Fort Benning, Georgia, und ich wurde auch hier weiter gefördert.

Mein Förderer hieß hier General Oldfield, von allen nur „Daddy Langbein“ genannt, weil er gerne und so gut wie Fred Astaire tanzte. Durch ihn erfuhr ich auch die Vorteile der größeren Munitionsarten und fand schließlich meinen Favoriten, eine Barrett M82A1 Kaliber 50.

Mit 25 Jahren kam ich nach Israel zurück und blieb dort für drei Jahre in einem der besten Einsatzteams. Mit 28 Jahren wurde ich zurück in die Vereinigten Staaten nach Fort Benning, Georgia, gerufen. Dort unterrichtete ich die angehenden Scharfschützen an der United States Army Sniper School als damals jüngste Trainerin. Da dies anfangs nur ein Drei-Tages-Job pro Woche war, hatte man mir über die Verwaltung das Angebot gemacht, im Strafvollzug die Ausbildung zum Henker zu durchlaufen, da ich für diesen Job als hart genug eingestuft wurde. Seitdem erledigte ich diese Aufgaben, wenn ich dazu eingeteilt wurde.

Heute Abend hatte ich einen Außentermin. Der Fahrer einer dicken Limousine stand vor meiner Tür und bat mich, im Wagen Platz zu nehmen. Es ging zu einem vor Tagen vereinbarten Termin.

Wir fuhren in das beste Villenviertel und rollten schließlich durch die mit Gitterstäben eingefasste Einfahrt eines alten englischen Herrenhauses. Das riesige Anwesen hatte einen eigenen Park, zu beiden Seiten der Auffahrt standen hohe Birken und alles im Park war perfekt gepflegt. Prächtig erhob sich das Hauptgebäude und der Wagen hielt am Portal. Der englische Baustil der Gründerzeit ließ sich nicht leugnen, dennoch war alles um mich herum topmodern.

In dem altehrwürdigen Haus wurde ich gebeten, im Empfangsbereich Platz zu nehmen und zu warten. An den Wänden hingen mächtige, uralte, gerahmte Ölbilder. Eine schwarz gekleidete Maid wuselte durchs Haus und führte die Straußenfedern gekonnt in alle Ecken und Ritzen im Kampf gegen imaginäre Spinnweben und Staub.

An den Ecken standen einige durchtrainierte, sonnengebräunte Herren mit dunklen Sonnenbrillen und Knöpfen im Ohr. Sie hielten die Arme verschränkt, dabei konnte man deutlich sehen, dass eine Hand in der Jacke ruhte – sicherlich an der Dienstwaffe. Allem Anschein nach war mein Ruf bis hierher vorausgeeilt…

Dann traf mein Gastgeber ein, nein, er erschien.

Ein älterer Herr, ich schätzte ihn auf Ende 60, sportlich gestählt, ungefähr 1,85 Meter groß, aber deutlich verlebt. Die grauen Haaransätze waren dunkel, aber erkennbar gefärbt, er trug einen sehr guten, sündhaft teuren Anzug von Brioni. Der Mann war eindeutig vom Clubleben verwöhnt und sehr reich. Leutselig begrüßte er mich wie eine langjährige Geschäftspartnerin.

„Ah, hallo Miss Miles, schön, dass Sie es einrichten konnten. Nehmen Sie doch bitte Platz.“ Dabei schenkte er sich einen Scotch ein, obwohl es noch nicht einmal Mittag war.

Die Ledermöbel dufteten nach teurem Material und allerbester Pflege.

„Darf ich Ihnen auch einen Drink anbieten?“

„Danke für das Angebot, aber nein. Darf ich den Grund der Einladung erfahren, Mr. …?“

„MacFroody, ich bin John Allister MacFroody III. Ich habe mein ganzes Leben für diesen Staat gearbeitet. Ich habe auch mit diesem Staat gearbeitet und dabei mein Vermögen in Telekommunikation und Dienstleistungen gemacht. Mir gehören drei der wichtigsten IT-Firmen im Land, vier Telefonfirmen in den Staaten und ich habe meine eigenen Satelliten da oben.“ Dabei deutet er in Richtung Decke.

„Sie sehen, ich weiß, wie man zu etwas kommt und wie man sein Geld macht. Ich weiß ganz bestimmt auch, wie man Macht bekommt und sie behält!“ Den letzten Satz schrie er mir fast zu.

„So bin ich bei der Agency gelandet. Heute, nach langen Jahren harter Arbeit, bin ich einer der Vizedirektoren dort. Aber nun zu Ihnen, Miss Miles.“ Er blickte mich streng an.

„Meine beiden einzigen Söhne sitzen im Todestrakt des Staatsgefängnisses ein. Die Hinrichtung soll am kommenden Montag sein. Die beiden Jungs sind gerade mal 30 Jahre alt. Nun, lassen Sie es mich so sagen, Sie können meine beiden Söhne nicht hinrichten, es sind meine einzigen Kinder!“

„Mr. MacFroody, nicht ich habe Ihre beiden Söhne zum Tod verurteilt, sondern der Staat Arizona. Der vorsitzende Richter nannte während der Verhandlung die Taten – ich zitiere wörtlich: <heimtückisch, niederträchtig, hinterhältig und äußerst abscheulich>. Zitat Ende. Der oberste Richter dieses Staates hat auch seinen Kommentar dazu abgegeben und das Urteil nochmals explizit bestätigt. Ich bin lediglich die beauftragte Vollstreckerin. Ich kann aber meinen Vorgesetzten darum bitten, dass ich von der Vollstreckung abgelöst werde.“

„Hören Sie zu, Kindchen, ich will auch nicht, dass irgendjemand andere Hand an meine Söhne legt.“ Nun beugte er sich zu mir und wurde sehr deutlich.

„Ich bin John Allister MacFroody III – Vizepräsident der CIA. Ich bin es gewohnt, dass man zu mir „Ja, Sir“ sagt, und meine Anweisungen schnellstens ausführt. Genau das erwarte ich auch von Ihnen, denn ich stehe hier für die CIA. Gerade Sie sollten wissen, wir verschaffen uns immer das nötige Recht – zur Not mit Gewalt und das auch überall auf der Welt!“

MacFroody stand auf und brüllte mich fast an. „Lassen Sie gefälligst Ihre Hände von meinen beiden Söhnen“, er bebte innerlich. „Das gilt auch für die anderen Henkersleute. War das jetzt deutlich genug für Sie?“

„Mr. MacFroody, ich denke, das war eine deutliche Aussage und ich muss mich jetzt verabschieden. Aber ich stehe nicht über dem Gesetz und ich muss mich an das Recht halten. Ich danke Ihnen für den netten Abend und wenn Sie den Wagen kommen lassen könnten, wäre ich ihnen sehr dankbar, ich nehme aber auch gerne ein Taxi.“

Er gab Anweisungen und zwei Leute verschwanden, dann kam auch schon die Limousine. MacFroody ging mit mir bis zur Tür.

„Sie können meine beiden Kinder nicht bestrafen! Ich kann und werde das nicht zulassen, denken Sie an meine Worte und nun gehen Sie!“, gab er mir noch mit und sah mich vielsagend an. Anschließend brachte mich einer der Wachleute zur Limousine und es ging heimwärts.

 

***

 

Ja, so begann es damals. Ich ließ diesen ehrenwerten CIA-Vize-Direktor rasch hinter mir und machte Meldung bei meinem Direktor, einem ergrauten Mann, der kurz vor dem Ruhestand war.

„Miss Miles, ich habe den Vorfall notiert und werde dies an die entsprechenden Stellen weitergeben. Aber MacFroody steht nicht über dem Gesetz, wenn er das auch ab und an übersieht. Sie müssen sich da keine Gedanken machen.“

„Herr Direktor, mir kam dieser MacFroody aber nicht so vor, als ob er sich von ein paar Gesetzen aufhalten ließe.“

„Miss Miles, die Gesetze gelten für alle Bundesbeamten, auch ein MacFroody muss sich an Gesetze halten.“

Mich beruhigte die Einstellung unseres Direktors überhaupt nicht. Er war aus einem anderen Holz geschnitzt und hielt sich immer an die definierten Spielregeln, etwas, das ich bei der CIA jedoch nicht feststellen konnte.

Schon an den folgenden Tagen kam es mir so vor, als tauchten ständig neue Gesichter in schwarzen Anzügen um mich herum auf. Beim Lauftraining blickten mir Leute in schwarzen Autos nach, die offensichtlich in versteckte Mikros sprachen und eindeutig nicht in dieses Viertel gehörten.

Während des Schießtrainings am nächsten Tag auf dem Combat Campus beobachteten uns deutlich mehr Menschen durch Feldstecher, um meine Ergebnisse genau anzusehen.

Tags drauf war ich mit zwei Kollegen beim Kampfsport und auch da verfolgten uns Männer mit einem Ohrlautsprechern bis zum Eingang. „Hey, Caroline, schau dir mal die beiden Typen da in dem Wagen an. Die gehören doch garantiert zur Agency. Seit wann interessiert sich die CIA für unsere Schießergebnisse?“

„Marlene, keine Ahnung. Aber die sind so unauffällig auffällig, dass die nach CIA stinken. Lasst uns mal sehen, ob wir die besser getarnten auch entdecken.“

Philipp war der Erste, der etwas bemerkte. „Da vor uns: der Eisverkäufer trägt nagelneue Lackschuhe und die Armbanduhr ist sauteuer.“ Marlene fand den zweiten: „Dort die Oma auf der Parkbank, die auf dem Handy herumtippt. Habt ihr schon einmal eine Oma gesehen, die so schnell ist?“

Wir waren uns einig, dass hier die CIA eine Überwachung durchführte. Wenn der Auslandsgeheimdienst intern einen anderen Dienst überwacht, dann ist immer Vorsicht geboten und wir machten daher bei unserem Direktor Meldung.

Unser betagter Direktor notierte sich alles sorgsam, aber er versuchte wieder, uns zu beruhigen. Schließlich entließ er uns mit seinem Segen.

Dann kam der Hinrichtungstag.

An diesem Tag saßen in der Gästekabine 10 Zuschauer, aber zwei Stühle in der ersten Reihe blieben leer. Als das Urteil vollstreckt war und der Arzt den Tod der beiden jungen Männer feststellte, drang unter großem Lärm John Allister MacFroody ein und machte einen wilden Aufstand, der erst durch mehrere Wachen gestoppt werden konnte.

„Ich habe Sie gewarnt, Miss Miles, lassen Sie die Hände von meinen Söhnen. Jetzt haben Sie es doch gewagt und mir meine Kinder genommen.“ Für einen kurzen Augenblick hatte ich mit MacFroody Blickkontakt und seine Augen schworen Rache! Die Augen funkelten und in MacFroody war etwas zerbrochen, seine beiden Söhne, seine einzigen Erben hingen hier leblos in den Schlingen. „Dafür werde ich Sie zur Rechenschaft ziehen! Verlassen Sie sich drauf, Ihr Leben ist keinen Pfifferling mehr wert!“ MacFroody schrie den letzten Satz und die Sicherheitskräfte mussten ihn mit Gewalt aus dem Raum bringen.

Als ich zu unserem Direktor kam, waren dort zwei weitere Beamte, die sich als „Interne Ermittler“ vorstellten. Unser Direktor saß an seinem Schreibtisch und hatte einen hochroten Kopf.

„Herr Direktor, wir schlagen Ihnen vor, Miss Miles schnellstmöglich über den sicheren Weg außer Landes zu bringen. Dieser MacFroody ist ein Fersenbeißer, dem man nicht trauen kann.“

„Aber meine Herren, das Gesetz besagt doch ganz klar…“ Der ältere der beiden Internen unterbrach unseren Direktor höflich, aber bestimmt. „Sehen Sie, dieser CIA-Mann hält sich nicht an das Gesetz und die globalen Spielregeln. Das ist die Agency, die nehmen das Recht gern in die eigene Hand und das ist gefährlich. Miss Miles muss außer Landes, so schnell wie möglich.“

Als die beiden Herren gegangen waren, bat mich der Direktor, noch kurz zu bleiben. „Miss Miles, Caroline, bitte vergeben Sie mir. Ich habe bis eben nicht geglaubt, dass MacFroody soweit gehen würde. Die internen Untersuchungen haben Recht, Sie müssen weg von hier, in Sicherheit. Bitte verzeihen Sie mir, Caroline.“

Bei unserem Abschied standen die Tränen im Gesicht unseres Direktors.

Am Folgetag brachten mich zwei Sicherheitsleute unseres Institutes heimlich und still zum Flughafen. Sie steckten mich schnell über den VIP-Service in eine bereitstehende Sondermaschine, mein Gepäck und alles würde ich später nachgeschickt bekommen. So verließ ich die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Land, dem ich die letzten Jahre gut und gerne gedient hatte.

Man hatte mich quasi hinausgeworfen, weil ich mich an das Recht hielt und meine Arbeit gut machte. Ab diesem Zeitpunkt waren die USA für mich nicht mehr das Land der unbegrenzten Freiheit, ein Zustand, der sich nicht mehr ändern sollte.

 

***

 

Karibik

Mein erstes Ziel waren die Bahamas, dort traf ich auf einen Vertrauten von früher: John Phillips, einen Agenten des Mossad. „Hallo Caro, wie wäre es mit einem kühlen Eistee? Ich freue mich auf ein Gespräch mit der kleinen Lady von früher.“

„John, mein Freund, gerne, da vorne ist frei. Die Leute am Nebentisch sind steinalt und betrachten die Urlaubsbilder der schwulen Söhne. Sie versuchen ihre Enttäuschung über ihre Kinder mit Whisky herunterzuspülen.“

„Unglaublich und ich dachte schon, du hättest alles verlernt, was dir dein alter Lehrmeister beigebracht hat. Aber ich sehe, es ist alles noch da. Ich soll dich übrigens von Dagan grüßen, er wird sich um dein Gepäck kümmern. Deine weitere Route führt dich nach St. Vincent auf die Antillen. Du kennst doch noch Gerome, unser Bastelgenie?“

„Aber klar doch, Gerome, der Dioden-Schreck! Wie ich hörte, hat er jetzt eine kleine Ladenkette.“

„Oh ja, Gerome wollte immer ein Geschäft, jetzt hat er eine kleine Kette und ich habe ihn bereits instruiert, er freut sich auf dich. Ach ja, wir sollten uns beeilen, dein Flieger geht in 45 Minuten.“

Gerome ließ mich am Flughafen abholen, Karah, das Mädchen, das mich abholte, hatte mich sofort erkannt und fiel mir um den Hals. „Caroline, meine Lieblingsschwester, endlich sehen wir uns wieder!“ Schon lagen wir uns in den Armen und küssten uns wie zwei Schwestern, die sich lange nicht gesehen hatten.

„Schön, dich zu sehen, Geschwisterliebe ist hier nicht tabu“, flüsterte sie mir zu und wir verschwanden im bereitstehenden Wagen. „Das ist Margot aus München, sie ist die Niederlassungsleiterin hier und Gerome hat ihr vermutlich alles erzählt, was sie über dich wissen muss.“ Dabei rollte Karah verführerisch mit den Augen und Margot musste laut lachen. „Na, so schlimm war es dann doch nicht, hallo Caroline, schön, dich endlich einmal persönlich kennenzulernen. Gerome hält wirklich sehr viel von dir und ich glaube, er ist immer noch ein bisschen in dich verliebt.“

So gelange ich nach St. Vincent, eine der schönsten, aber auch kleinsten Inseln der Karibik. In der Niederlassung des Elektronikfachhandels übernahm ich mit Michelle die Reparaturwerkstatt.

 

***

 

Neuzugänge

Zwei Tage nach Tanjas Gerichtsverhandlung saß ich gegen Abend noch in meinem Büro und ging ein paar Akten durch. Feste Arbeitszeiten hatte ich längst abgelegt und solange ich meinen Job tat, interessierte es Frank auch nicht, wann, wie lange und an wie vielen Tagen der Woche ich arbeitete. Außerdem genoss ich die Stille im Verwaltungsgebäude nach Feierabend.

Heute Vormittag hatte man Tanja in unsere JVA verlegt, was Frank dazu veranlasst hatte, die Dienstpläne umzustellen. Denn einige von Tanjas engen Freunden und Kollegen hatten darum gebeten, nicht bei der Prozedur ihrer Einlieferung dabei sein zu müssen. Zu lebenslanger Haft wegen Mordes aus Heimtücke hatte sie das Gericht verurteilt. Zwar hatte ihr Anwalt Berufung eingelegt, doch die Bestätigung ihres Urteils war eine reine Formsache. Da sich jemand darum kümmern musste, hatte ich mich bereit erklärt, Tanja „zu begleiten“ bzw. mich um alles zu kümmern. Wieder einmal stellte ich fest, dass es bei einer Einweisung unglaublich viel Papierkram zu erledigen gab.

Als die Tür aufging, sah ich auf und Jessika kam mit Tanjas Akte in der Hand zu mir, denn natürlich wollte ich wissen, wie das Urteil begründet wurde.

„Hier, die wurde gerade per Kurier gebracht. Schade, ich habe sie sehr gemocht. Weshalb hat sie sich nicht helfen lassen?!“, schimpfte sie leise, während sie mir die Akte reichte. „Glaub mir, diese Frage habe ich mir mehr als tausend Mal gestellt“, brummte ich und warf einen Blick in die Akte. „Warum hat sie nicht einfach den Mund gehalten?!“, fügte ich im Stillen dazu.

„Am besten verlegen wir Tanja in Haus B, dort hat sie am wenigsten Kontakt zu ihren ehemaligen Kollegen. Die meisten Beamten in Haus B kamen, als Tanja in der Freigänger-Einrichtung gearbeitet hat.“

„Gute Idee, ich werde morgen früh alles in die Wege leiten“, nickte sie und sah zur Couch, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Dort lag Vera, meine Lebensgefährtin, die tief und fest schlief. Vera hatte ich hier in der JVA kennen gelernt, als sie eine Stelle bei Dr. Schemmlein bekam, unserem leitenden Arzt der Krankenstation. Den Luxus einer eigenen Krankenabteilung besaßen nur die wenigsten Gefängnisse und diesen hatte Frank gegen alle Widerstände aus dem Ministerium durchgesetzt.

Vera war eine junge Assistenzärztin mit mehreren Zusatzausbildungen. Sie hatte vorher bei der Bundeswehr im medizinischen Dienst gearbeitet und sie war auch an mehreren Auslandseinsätzen beteiligt. Die 28-jährige, rotblonde Schönheit und ich hatten sehr schnell einen Draht zueinandergefunden, so dass das anfänglich dienstliche Verhältnis sich in ein privates änderte. Vera wusste von meinem Job und hatte anders als die meisten ihrer Vorgängerinnen kein Problem damit. Die meisten Beziehungen, die ich im Laufe der letzten Jahre hatte, gingen wegen des Jobs bzw. meiner Wohnsituation in die Brüche. Denn einfach eine Bekanntschaft zu einer Tasse Kaffee mit in die Wohnung nehmen war nicht drin, von meinen Arbeitszeiten ganz zu schweigen. Umso erfreuter war ich, dass Vera mich dennoch liebte und es jetzt schon zwei Jahre mit mir aushielt.

„Hatte sie wieder Zusatzdienst?“, wollte Jessika wissen und wies auf Vera.

„Ja, Schemmlein hatte ein paar Notfälle.“

„Willst du ihr nicht eine Decke besorgen?“

Mein Blick schweifte bei der Suche nach einer Decke ergebnislos durch das Büro. „Hm, du hast nicht zufällig in deinem Büro eine liegen?“

„Nein! Verdammt, deine Wohnung ist nur ein Stockwerk höher und ihr zwei werdet mich aus eurem Leben heraushalten. Ich habe auch so schon genug mit euch zu tun.“ Sie drehte sich um und ging wieder hinaus, doch ich konnte sie schmunzeln sehen, als sie sich umdrehte.

Auch ich lächelte, bis Jessika das Büro verlassen hatte, dann schlug ich die Akte auf und las mir das Urteil durch. „Lebenslange Haft! Warum hast du nicht den Mund gehalten!“, seufzte ich nochmals und warf die Akte resigniert auf den Schreibtisch, als das Telefon klingelte.

„Stein.“

„Du schuldest mir zwei Flaschen erstklassigen Whiskey“, meldete sich Mike am anderen Ende der Leitung.

„Sie haben sie wirklich zu lebenslang verurteilt?“

„Nicht nur das! Trommer hat die Anklage noch erweitert, und zwar auf Mord in zwei Fällen, Mord an ihrem Mann und Mord an ihrer Tochter Ella Fischer. Das heißt, lebenslang mit anschließender Sicherheitsverwahrung und das ohne Berufungsmöglichkeit.“

„Wow, hätte ich nicht gedacht.“

„Tja, sie sicher auch nicht. Fischer ist bei der Verkündung glatt zusammengebrochen.“

„Kann man ihr nicht verdenken.“

„Du hättest die Strass sehen sollen. Tief betroffen von dem harten Urteil beugte sie sich dem Willen des Staatsanwaltes.“

„Sie war sicher am Boden zerstört.“

„So kann man es auch nennen, jedenfalls lade ich dich auf einen schönen, gemütlichen Herrenabend ein und bring den Stoff mit.“

„Geht klar. Wir sehen uns.“

Ich saß noch eine Weile schweigend in meinem Sessel, während mir immer wieder Beate Fischer vor meinem inneren Auge erschien. Sie war mit Sicherheit eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte… Eine Überlegung, die Vera sicher nicht gefallen würde. Dennoch, diese smaragdgrünen Augen hatten etwas, das mir im Gedächtnis bleiben würde… und auch der Hass darin, als sie Petra Strass gegenüberstand. Etwas in meinem tiefsten Innersten sagte mir, dass es da mehr geben musste als das, was man oberflächlich wahrnehmen konnte. Ein Blick zur Uhr teilte mir mit, dass es Zeit war, für heute Feierabend zu machen, also fuhr ich den PC herunter, ging zur Couch und weckte Vera sanft auf. „Komm, Schatz, Zeit ins Bett zu gehen“, flüsterte ich ihr ins Ohr und brachte sie eine Etage höher in meine Wohnung.

 

***

 

Hoher Besuch

Am nächsten Tag kam ich vom morgendlichen Meeting mit Frank und war auf dem Weg in mein Büro, als ich sah, wie Beate Fischer von zwei Beamtinnen und Vera in die Untersuchungszelle gebracht wurde.

Jetzt trug sie eine Jeans, einen hellen Pullover und ein Paar Sneakers. Anders als im Gericht, wo sie mit erhobenem Haupt durch die Menge schritt, blickten ihre Augen glanzlos geradeaus. Statt Fesseln trug sie nun ihre Kleidung, Decken und ihren persönlichen Besitz, den sie behalten durfte.

Die Wachen drückten sie durch die Tür des Raumes und Vera bildete den Schluss, wobei sie ihre kleine Tasche trug, die ihr Stethoskop enthielt und alles, was sie sonst noch so brauchte, um eine Frau medizinisch zu untersuchen. Sie warf mir ein verliebtes Augenzwinkern zu und schloss die Tür hinter sich. Ich beneidete Beate Fischer für die nächste halbe Stunde nicht, schließlich nahm Vera ihre Arbeit hier sehr ernst. Vera würde sie sehr gründlich untersuchen, denn letztlich war sie für deren Gesundheit verantwortlich.

„Da bist du ja. Ich suche dich schon überall“, hörte ich Jessika, drehte mich um und sah sie auf mich zukommen.

„Was ist denn? Ich habe heute keine Termine.“

„Nein, du hast Besuch.“

„Wen?“

„Oberstaatsanwalt Trommer.“

„Trommer? Was will der denn?“

„Keine Ahnung! Er kam vor einer Viertelstunde und will mit dir reden“, teilte sie mir mit, während sie mit mir zurückging. „Was immer er will, ich denke, es ist nichts Offizielles, also werde ich mich erst einmal unsichtbar machen.“

„Ok, ich hör mir an, was ihn herführt, dann sehen wir weiter“, meinte ich zu ihr. „Hör dich mal um, ob der Knastfunk schon etwas Neues weiß“, bat ich sie, als wir in meinem Büro ankamen, wo Oberstaatsanwalt Trommer wie selbstverständlich auf meinem Stuhl hinter meinem Schreibtisch saß.

„Ich habe noch einiges zu erledigen“, sagte Jessika und warf mir noch einen warnenden Blick zu, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Ich ignorierte die Tatsache, dass Trommer auf meiner Seite des Schreibtisches saß, also machte ich es mir deutlich bequem auf meinen Besucherstuhl.

„Guten Tag, Herr Oberstaatsanwalt. Was kann ich für Sie tun?“

„Sie haben heute einen Neuzugang bekommen, Beate Fischer.“

„Hm, ich habe mir die Akten der heutigen Neuzugänge noch nicht angesehen. Aber wenn Sie es sagen, wird es sicher so sein.“

„Lassen wir den Quatsch, Sie waren gestern im Gericht und wissen genau, wen ich meine! Reden wir einmal, ohne auf die Förmlichkeiten zu achten. Sozusagen inoffiziell.“

„Autsch“, dachte ich, „das kann heiter werden.“ Denn die Erfahrung lehrt uns, dass inoffizielle Gespräche nie wirklich inoffiziell sind. Zumindest nicht dann, wenn sie anders verlaufen, als es sich das Gegenüber vorstellt.

„Beate Fischer wurde gestern zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Ich werde gegen dieses Urteil Revision einlegen, mit dem Ziel, ihr zumindest die Sicherheitsverwahrung und damit großzügigerweise die Zukunftslosigkeit zu ersparen.“

„Warum?“, fragte ich misstrauisch. Trommer war ein Profi und dass das Gericht seinem Antrag gefolgt war, bewies dies einmal mehr. Gegen das von ihm selbst geforderte Urteil Revision einzulegen, war mehr als ungewöhnlich, nein, das stank geradezu. Frank hatte mich darauf hingewiesen, dass Trommer seine Beliebtheit nutzen wollte, um bei der Bevölkerung Punkte zu machen. Das hatte er mit Beates Urteil erreicht, was also lief hier?!

„Ich möchte, dass Beate Fischer bis zur endgültigen Entscheidung des Gerichtes in den gelockerten Vollzug kommt.“

„WAS?“, musste ich nachfragen, denn ich glaubte, mich verhört zu haben.

„Sie haben mich genau verstanden! Bis zur endgültigen Entscheidung gilt auch bei Beate Fischer die Unschuldsvermutung. Durch das öffentliche Interesse an diesem Fall sollte die Justiz zeigen, dass es einen Unterschied zwischen rechtskräftig verurteilt und noch nicht rechtskräftig verurteilt gibt. Das ist übrigens, wie Sie genau wissen, so im Gesetz verankert.“

Das war ganz starker Tobak! Trommer wusste ebenso wie ich, wie der Hase im Knast lief! Beate war wegen Mordes an ihrem Kind verurteilt und hier hinter Gittern spielte es keine Rolle, ob das Urteil endgültig war oder nicht! Die Knasthierarchie bei den Frauen unterschied sich bei Kindesmord in ihrer Gnadenlosigkeit in keiner Weise von der der Männer! Kindermörder*innen waren die unterste Stufe der Hierarchie und Freiwild! Diejenigen, die im Knast wegen Mord an einem Kind einsaßen, hatten ein sehr „bescheidenes“ Leben. Das lag nicht etwa an uns Beamten, denn Frank hatte klar gemacht, dass er von jedem Einzelnen ein korrektes Verhalten erwartete, nein, es lag an den Mitgefangenen. Für Berufsverbrecher, die wegen Mord, Totschlag oder Raub einsaßen, boten Kindermörder die Chance, entweder in der Hierarchie aufzusteigen oder ihren Rang zu festigen. Das alles wusste Trommer nur allzu genau… Ich stand auf und ging zu meinem Schreibtisch, dort setzte ich mich vor Trommer auf die Kante.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Ich soll Frau Fischer nicht in den normalen Vollzug verlegen, sondern in den gelockerten Vollzug. Was Freigang, Aufschluss und Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen bedeutet.“

„Exakt.“

„Und das, obwohl Ihnen die Konsequenzen sicherlich bekannt sind.“

„Ich sehe, Sie haben mich verstanden, denn so sieht es das Gesetz im Strafvollzug vor.“

„Die Leitung der JVA hat für Verurteilte wie Frau Fischer spezielle Vorgehensweisen und Abläufe erstellt, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Ich wusste gar nicht, dass das Ignorieren meiner Vorschriften so in meinen Dienstvorschriften steht.“

„Kommen Sie mir nicht mit so einem Scheiß“, antwortete Trommer scharf, „ich weiß genau, was in den vier Wänden Ihres Knastes geschieht, spielen Sie also nicht den Saubermann. Sie und Frau Dafore biegen sich Weisungen und Verordnungen so zurecht, wie Sie es brauchen, um Brauer Ärger vom Hals zu halten.“

„Da ist schon etwas dran, schließlich lässt sich praktisch jeder Paragraf mit einem anderen Paragrafen widerlegen. Ich will mich ja auch nicht gegen Ihre Weisung sperren, mich interessiert lediglich das Warum.“

„Sagen wir einfach, es handelt sich um einen persönlichen Gefallen.“

Jetzt war ich ernsthaft erstaunt! Trommer nahm den Tod einer verurteilten Frau in Kauf und verpackte es als „persönlichen Gefallen“! Plötzlich sah ich Trommer wieder im Flur des Gerichtes, als er mit Petra Strass Augenkontakt hielt. SIE benutzte Trommer, um sich an Fischer zu rächen! „Sind wir immer noch inoffiziell?“, wollte ich wissen.

„Sicher.“

„Ihnen ist schon klar, dass Frau Strass Sie benutzt, um ihre Rache zu bekommen?“

Trommer lachte nur trocken auf, wobei er mich mitleidig anschaute und in diesem Moment wurde mir alles klar! Nicht Petra Strass benutzte Trommer… nein! Trommer benutzte Beate Fischer. Es war der perfekte Fall, sich zu profilieren und die Leiter nach oben zu steigen. In Beates Fall hatte er sich hart gezeigt, er hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert und bekommen. Gleichzeitig zeigte er sich nachsichtig, indem er der armen Verurteilten ein „für immer weggesperrt sein“ im Nachhinein ersparte. Gab das Gericht seiner Revision statt, wäre er der Mann, der Beate Fischer – der schönen, rothaarigen Frau, wie die Leute sie in Erinnerung behielten – doch noch eine Perspektive gab. Sollte ihr bedauerlicherweise etwas geschehen, würde die Öffentlichkeit ganz sicher nicht Trommer die Schuld geben, sondern Beate selbst. Allerdings wäre auch ich dann im wahrsten Wortsinn „der schwarze Peter“. Wie auch immer, Trommer war fein raus, dass ihm dabei Petra Strass ein paar schöne Stunden bescherte, war lediglich ein angenehmer Nebeneffekt für ihn.

Ich musste meinen Hut vor diesem Mann ziehen, doch gleichzeitig machte es mich vorsichtig. Eine innere Stimme riet mir, dass ich mir diesen Mann nicht zum Feind machen sollte, denn er würde mit Sicherheit eines Tages Minister werden… mindestens.

„An welchen Zeitraum genau haben Sie denn bei Frau Fischer gedacht?“

„Die Dauer wird von dem zuständigen Gericht abhängen, doch wie ich das OLG kenne, wird es eine geraume Zeit dauern.“

Ich fragte mich, was Frank dazu sagen bzw. was er von mir erwarten würde. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass er sagen würde: „Schaff den Irren hier raus, aber so, dass es niemand mitbekommt.“ Eigentlich hatte ich momentan nur eine Option… Zeit schinden, und die Zeit bekam ich nur, wenn ich hier und jetzt auf Trommers „persönlichen Gefallen“ einging. „Gut“ antwortete ich schließlich, „aber ich hätte da auch eine Bitte.“

„Ich bin ganz Ohr“, sagte er, während er mich fragend ansah.

„Meine ehemalige Kollegin, Tanja Schiller, sie wurde gestern zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihr Mann hat sie über Jahre misshandelt. Ich möchte, dass Sie bei der Berufungsverhandlung einen Blick in ihre Akte werfen.“

„Also gut“, nickte Trommer, „ich werde sehen, was sich machen lässt.“ Er stand auf und streckte mir die Hand entgegen. „Wir sind uns einig?“

„Ja, Herr Oberstaatsanwalt“, entgegnete ich, damit waren wir wohl wieder offiziell und Trommer verließ mein Büro, während ich mich in meinen Sessel sinken ließ. „Das werden interessante Wochen werden“, dachte ich, und beschloss, Frank erst einmal nichts zu sagen, denn was Frank nicht wusste…

 

***

 

„Und was wollte Trommer?“, fragte Jessika später.

„Er legt gegen sein eigenes Urteil Revision ein und will, dass Beate Fischer bis zur Entscheidung des Gerichtes in den gelockerten Vollzug kommt.“

„Er will was?!“

„Ja, ich war genau so erstaunt.“

„Ihm ist doch sicher klar, dass Beate dort keine zwei Wochen überlebt! Jeder weiß, dass wir eine neue Kindermörderin einsitzen haben und die harten Mädels sind schon ganz aufgeregt! Eigentlich müssten wir sie die erste Zeit in die TE-Abteilung (Terror-Abteilung, ein besonders gesicherter Bereich aus Einzelzellen) verlegen.“

„Ja, das weiß ich, was mir die meisten Sorgen macht ist, dass es Trommer als persönlichen Gefallen verpackt hat.“

„Wieso, aus seiner Sicht ist das genial, geschieht Beate etwas, ist es deine Schuld und nicht seine. Also was tun wir?“

Ich schaute zur Uhr und meinte: „Heute ist Freitag, bis seine Revision bei Gericht eingegangen ist und der Eingang bestätigt wird, dauert mindestens bis Dienstag, erst einmal tun wir gar nichts. Beate bleibt im normalen Vollzug, solange haben wir Zeit, uns etwas zu überlegen und mehr herauszufinden.“

„Ok“ nickte Jessika, „ich fange an zu graben und du besorgst dir die Fischer-akte und schaust sie dir an.“

 

***

 

Ein Kurier hatte die Akte am heutigen Montagmorgen gebracht und ich musste feststellen, dass ich lediglich eine verwässerte Abschrift bekam. Die eigentliche Ermittlungsakte wurde mir verwehrt, dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf, einen Hinweis zu finden, der Trommers „Gefallen“ erklärte, also studierte ich jeden Eintrag. Immer wieder sah ich Trommer vor dem Gerichtssaal mit Petra Strass Augenkontakt halten. Doch das war einfach zu offensichtlich! Ein Mann wie Trommer würde seinen Aufstieg an die Spitze nicht riskieren, nur um seiner momentanen Flamme ihre persönliche Rache zu geben. Beates Tod würde mächtige Wellen schlagen und natürlich würde man auch Trommers Rolle bei dem Drama durchleuchten. Dennoch riskierte er einen Skandal, es machte mir Sorgen, dass ich nicht hinter Trommers Pläne blicken konnte, als Jessika zu mir kam.

„Ich glaube, ich habe da etwas.“

„Hoffentlich, ich finde hier nämlich nichts und die Zeit arbeitet gegen uns.“

„Trommer hatte am Freitag noch einen Termin hier.“

„Jetzt mach es nicht spannend!“

„Er vernahm eine Insassin, Elvira Torres.“

„Torres?!“ Elvira Tores, 33, hatte zwar einen spanischen Nachnahmen, kam aber aus der tiefsten bayrischen Provinz, saß seit vier Jahren hier wegen Totschlags ein und hatte noch vier Jahre vor sich. Mindestens, denn Torres galt als Pulverfass, das ständig explodieren konnte. In den bisherigen vier Jahren ihrer Haft hatte Torres schon einige Disziplinarmaßnahmen wegen Gewalt gegen Mitgefangene erhalten und darum stand sie in der Knasthierarchie auch im oberen Viertel.

„Die sitzt hier schon vier Jahre, was will er von ihr?“

„Wollen wir wetten, dass Trommer sie gekauft hat, um Beate umzulegen?“

„Sag das laut und wir stehen auf jeder Abschussliste! Aber ja, das würde passen, Torres hätte kein Problem damit, Beate ein Messer in die Rippen zu stecken. Ich verstehe immer noch nicht, warum Trommer das in Kauf nimmt!“

„Ich auch nicht, trotzdem gehe ich die Wette ein und Trommer scheint es eilig zu haben, Beate umbringen zu lassen.“

„Wenn du Recht hast, muss sie eine Waffe haben.“ Da Torres als gewaltbereit galt, hatte Decker ihr den Zugang zu möglichen Waffen komplett verwehrt. Natürlich konnte sie auch mit der Klinge eines Einwegrasierers Schaden anrichten, doch kaum jemanden damit in Sekundenschnelle umbringen, denn mehr Zeit würde sie nicht haben.

Jessika sah auf die Uhr und meinte: „Torres ist noch eine halbe Stunde beim Freigang, durchsuchen wir ihre Zelle.“

„Guter Gedanke“, meinte ich und stand auf. „Soll ich Decker unterrichten?“

„Wenn du Decker einweihst, kannst du auch gleich Frank anrufen.“

Als ich eine Minute immer noch schwieg, stieß sie mich an. „Was geht in deinem Kopf vor?“

„Die ganze Sache stinkt zum Himmel. Ein Staatsanwalt bittet mich um einen Gefallen, der mit Sicherheit dazu führt, dass jemand umkommt! Das Problem dabei ist, dass er mich lediglich bittet, das Gesetz genau zu nehmen. Damit zwingt er mich, zu entscheiden, ob ich dem Gesetz oder den Anweisungen meines direkten Vorgesetzten folge, also Frank.

Ich kann Trommer nicht einmal greifen! Angenommen ich gehe zum Minister, was soll ich dem sagen?“ Mein Blick war ziemlich niedergeschlagen. „Trommer bittet mich, ich soll mich an das Gesetz halten, tun Sie was dagegen!“, schüttelte ich den Kopf. „Entweder ziehen wir hier und jetzt die Reißleine und gehen zu Frank oder…“

„Oder…?“

„Wenn ich zu Frank gehe, wird er dem Spiel schnell ein Ende setzten, doch Trommer wird Wege kennen, seinen Plan umzusetzen. Entweder wird Beate in eine andere JVA verlegt, wo Frank nicht das Kommando hat, oder es dauert eben etwas länger, bis Beate über die Klinge springt.

Ich will aber nicht, dass Beate stirbt! Selbst wenn ich davon ausgehe, dass sie tatsächlich in vollem Umfang schuldig ist. Aber eine Stimme in meinen Kopf sagt mir, dass da etwas faul ist, daher kann ich nicht einfach danebenstehen und zusehen. Wir sind hier nicht in den USA, hier gibt’s keine Todesstrafe und das ist verdammt gut so. Aber wenn ich Beates Tod verhindern will…“

„…dann musst du herausfinden, was Trommer bezweckt“, beendete Jessika meinen Gedanken.

„Ja. Bist du mit dabei?“

„Wir sind jetzt zwanzig Jahre ein Team, natürlich bin ich mit dabei!“

 

***

 

Die Entdeckung

Fünf Minuten später durchsuchten wir Torres‘ Zelle und wurden schnell fündig. Zwischen den Hygieneartikeln fand Jessika ein beidseitig geschliffenes Messer! „Warum denken Frauen eigentlich immer, dort würde man nicht suchen?“, fragte sie leise und rief mich zu sich.

„Hm“, brummte ich und sah einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem ein Messer lag, das klein genug war, um beim Tragen nicht aufzufallen, aber dennoch groß genug, um jemanden zu erstechen. Die Tatsache, dass es beidseitig geschliffen war, machte das Messer umso gefährlicher. „Das sieht wie ein normales Besteckmesser aus. Entweder hat Torres das Messer schon länger oder sie ist eine Weltmeisterin im Messerschleifen.“

„Die letzte unangemeldete Zellendurchsuchung in diesem Block war vor sechs Tagen. Deckers Leute hätten das Messer niemals übersehen“, meinte Jessika. „Das Messer ist brandneu, wie ist sie darangekommen?!“ Und als ich nach der Tüte greifen wollte, hielt sie mich zurück. „Sieh mal!“, sie hob eine Ecke eines zusammengelegten Handtuchs an und zeigte auf einen handelsüblichen weisen Einweggummihandschuh. „Weder das Messer noch der Handschuh sind aus der JVA! Damit wird es wohl Zeit, mit Torres ein paar Worte zu wechseln.“

 

***

 

Von der ersten Etage aus sahen Jessika und ich zu, wie Johann, einer von Deckers besten Männern, Torres beim Einrücken in den Zellentrakt abfing und sie unter dem Vorwand, sie müsse einen Drogentest machen, in das Untersuchungszimmer des Zellenblocks brachte. „Sieh dir das an!“, schüttelte Jessika den Kopf. „Erinnerst du dich an das Geschrei beim letzten Test?“

„Oh ja!“, antwortete ich und wahrscheinlich würde mir das Gezeter und der Aufstand, die Torres beim letzten unangekündigten Drogentest aufführte, ewig im Gedächtnis bleiben. Drei Beamte waren nötig gewesen, um bei Torres den Bluttest zu nehmen. Es war nicht so, dass Torres Drogen nahm. Tatsächlich wurden bei ihr noch nie Drogen nachgewiesen, aber es gehörte zu Torres‘ Grundeinstellungen zu rebellieren und den anderen Mitgefangenen zu zeigen, wie hart sie ist, aber jetzt ging sie ganz friedlich vor Johann her! Hätten wir das Messer nicht gefunden, wüssten wir spätestens jetzt, dass etwas nicht stimmte!

„Oh, oh“, flüsterte ich und zeigte mit dem Kopf leicht nach links, wo Decker auf der anderen Seite des Flures stand und die Szene ebenfalls mit schmalen Augen beobachtete. Kaum hatte Johann hinter Torres die Tür verschlossen, drehte Decker seinen Kopf und sah uns mit seiner typisch anklagenden Miene an. „Keine Sorge“, meinte Jessika, „ich lasse mir was einfallen.“

 

***

 

„Wow“, schnaubte Torres, als wir in das Untersuchungszimmer kamen. „Bad-Man und Wonder-Woman kommen persönlich, um mir Blut abzunehmen! Wo ist denn die Verstärkung, die ihr brauchen werdet?“

„Du kannst dein Blut behalten“, entgegnete ich entspannt, denn ich wusste, dass Provokationen bei Torres dazu gehörten.

„Ich bin wegen des Drogentests hier, soll ich vor euch ins Becherchen pinkeln…“, sie brach ab, als Jessika die Tüte mit dem Messer auf den Tisch warf. Einige Sekunden starrte sie das Messer an, dann sah ich, wie sie wieder Oberwasser bekam. „Das Teil habe ich noch nie gesehen.“

„Dann sei froh, dass wir es gefunden haben, es lag nämlich zwischen deinen Hygienebinden, so etwas kann zu hässlichen Verletzungen führen“, kommentierte Jessika die Lüge trocken.

In diesem Moment begannen meine Alarmglocken zu läuten! Torres war sich zu sicher! Allein die Tatsache, dass wir das Messer in ihrer Zelle gefunden hatten, müsste sie zumindest besorgt machen, was sie natürlich zu überspielen versuchen würde, doch Torres spielte nicht die Unsichere! Torres war sich sicher!

„Im Ernst, ich habe das Ding noch nie in der Hand gehabt.“

„Na klar!“, antwortete Jessika, „und eine Erklärung, wie das Messer in deine Zelle kam, hast du auch sicher.“

„Vielleicht ein Fehler beim Abpacken der Binden? Außerdem, wer sagt, dass das Messer in meiner Zelle war, vielleicht wollt ihr es mir ja auch unterschieben!“

Diesen Wortwechsel folgte ich nur mit einem Ohr, während meine Gedanken rasten. Das Messer stammte nicht aus der JVA, aber Messer hatten wir schon einige in den Zellen gefunden. Doch das Messer aus Torres‘ Zelle war das Erste, das in einem Plastikbeutel lag. Eine einfache Untersuchung würde Torres Fingerabdrücke bestätigen und sie der Lüge überführen, was das Unterschieben der Waffe betraf… und dennoch war sich Torres sicher, sehr sicher. Der Handschuh… plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Auf dem Messer waren keine Fingerabdrücke von Torres!

„Wessen Fingerabdrücke sind auf dem Messer?!“, fuhr ich dazwischen.

„Was?!“

„Ich will wissen, wessen Fingerabdrücke ich auf dem Messer finden werde!“

„Keine Ahnung, Mann!“

Jetzt da Jessika die Frage verstanden hatte und meinen Gedankengängen gefolgt war, setzte sie auf einen Bluff: „Die Fingerabdrücke von Oberstaatsanwalt Trommer werden es nicht sein, er hat dir das Messer schon in dem Beutel gegeben, nicht wahr?“

Nun konnte ich ein erstes unsicheres Aufflackern in Torres‘ Augen sehen, das auch Jessika nicht entging. Ja, Torres war ein hartes Mädel, aber eine lausige Pokerspielerin.

„Keine Ahnung, wovon du redest, Wonder-Woman.“

„Oh, ich denke doch“, grinste Jessika und wies zur Wand, wo eine Kamera hinter Panzerglas angebracht war, „sieh mal.“ Natürlich war es verboten, die Gespräche zwischen Mandanten und Anwalt bzw. der Staatsanwaltschaft abzuhören, doch das mussten wir Torres ja nicht auf die Nase binden. „Schon mal daran gedacht, dass Trommer dich gelinkt hat?“ Doch schon als die Frage in der Luft hing, kehrte die Selbstsicherheit zu Torres zurück. „Ich weiß immer noch nicht, wovon ihr da redet.“

„Dann helfe ich dir mal nach!“, meinte ich, denn mittlerweile hatte ich eins und eins zusammengezählt, „Trommer gibt dir das Messer, damit du Beate Fischer abstichst. Eine Kindermörderin abzustechen bereitet Elvira Torres keine Probleme. Was hat dir Trommer im Gegenzug versprochen? Haftverkürzung? Verlegung nach Wunsch? Was immer er versprochen hat, er wird es nicht halten können, denn wenn Beate etwas geschieht, wären alle deine Privilegien zum Teufel. Du würdest in den geschlossenen Vollzug kommen und auf die kommenden vier Jahre noch einige dazu packen.“

Da sich Torres nur mit einem verächtlichen Gesicht zurücklehnte, setzte Jes­sika zum Angriff an. „Weißt du, es gibt da ein kleines Problem, an dem Trommer nicht vorbeikommt, nämlich uns Beide. Wir können dir das Leben scheißschwer machen.“

„Ihr könnt mir nicht drohen.“

„Ich drohe dir nicht, denn du bist schließlich die harte Torres.“

„Da hast du verdammt Recht.“

„Hast du nicht die Erlaubnis, einmal die Woche mit deiner Tochter zu skypen?“, fragte Jessika und sofort kehrte die bekannte Wut in Torres Gesichtszüge zurück. Aber auch eine Spur Angst, denn dieses Privileg hatte Torres bei all ihrem rebellischen Verhalten nie aufs Spiel gesetzt. „Wem wird Brauer wohl glauben, wenn ich ihm mitteile, wo ich das Messer gefunden habe?“

„Ich warne dich, Wonder-Woman, wenn du es wagst…“

„Klappe, Torres!“, fuhr ich dazwischen. „Entweder sagst du uns, was Trommer dir versprochen hat oder du siehst deine Tochter erst wieder, wenn du hier rauskommst! Und nach dem Messerfund wird das nicht in vier Jahren sein, sondern eher in fünf!“

„Aber… vielleicht müssen wir dir ja auch gar nicht drohen“, schob Jessika nach, „auch wir können Privilegien geben oder garantieren…“ Jessika lehnte sich zurück und ließ die Worte bei Torres wirken, die schließlich einknickte.

„Verlegung in den Freigänger-Knast bei Freising“, flüsterte Torres leise. „Ich könnte die restlichen vier Jahre dort absitzen und meine Tochter zweimal die Woche treffen.“

Hinter Jessikas Stirn rasten die Gedanken ebenso wie in meinem Kopf. Eine solche Verlegung auf Antrag einer Insassin würde von der Staatsanwalt­schaft geprüft werden und Trommers Arm wäre sicher lang genug, dass diese dem Antrag zustimmen würde, doch wie sollte das nach einem Mord bzw. einem Mordanschlag gehen? Die Chance, dass Torres in U-Haft käme, wäre um einiges höher… plötzlich packte mich Jessika am Arm und zog mich ein paar Meter weiter in die Ecke des Raumes, wo Torres nicht hören konnte, was sie flüsterte. „Das Messer ist nicht aus der JVA! Jede Wette, es ist aus Fischers Haus! Deswegen die Tüte, deswegen der Handschuh! Auf dem Messer sind die Fingerabdrücke von Beate Fischer und sonst keine!“

„Scheiße!“, fluchte ich, „Das gibt Sinn! Wenn Torres sagt, Beate hätte sie angegriffen und sie hätte sich nur verteidigt, und wenn das Messer untersucht wird, auf dem nur die Abdrücke von Fischer sind, dann würde die Staatsanwaltschaft Torres als Zeugin einstufen und sofort verlegen, damit sie sich nicht mit anderen Zeugen absprechen kann! Verdammt clever!“ Wir drehten beide den Kopf zu Torres, die sichtlich geschrumpft war.

„Wie solltest du es drehen? Beim Aufschluss, von hinten zwischen die Rippen?“, wollte ich wissen.

„Bei der Essensausgabe“, antwortete sie, während ihr eine Träne über das Gesicht lief, die sie sofort wütend abwischte.

Das erklärte den Gummihandschuh, denn aus Hygienegründen mussten die Gefangenen, die das Essen ausgaben, Handschuhe tragen. Ein unübersichtliches Handgemenge anzuzetteln war für Torres ein Leichtes, das hatte sie schon mehrfach bewiesen und im Laufe der ersten chaotischen Sekunden Beate das Messer in den Leib zu rammen, würde sie sicher auch hinbekommen. Bis die Beamten die Lage unter Kontrolle brächten, wäre alles schon geschehen und niemand wüsste, was sich wirklich abgespielt hatte. Selbst wenn eine Mitgefangene den Anschlag mitbekam, würde sie ganz sicher den Mund halten, schließlich war Beate nur eine Kindermörderin! „Sitzenbleiben!“, befahl ich Torres und ging mit Jessika aus dem Raum heraus. „Was tun wir jetzt?“, fragte ich sie im Flur. „Sieh dich um, hier sind eine Menge Torres unterwegs. Wenn sie es nicht macht, tut es eine andere und wir haben absolut nichts, womit wir Trommer festnageln können, außer dem Wort von Torres, das jeder Ermittler oder Richter anzweifeln wird.“

„Dieser Staatsanwalt fängt an, mir gewaltig zu stinken“, nickte Jessika, „aber das ist unser kleinstes Problem! Wenn Trommer sich auf so ein riskantes Spiel einlässt, dann hat er seinen Plan gut durchdacht. Hinter dem Ganzen muss viel mehr stecken als das, was wir jetzt sehen.“

„Egal, wie wir es drehen, ob wir zu Frank gehen oder nicht, Trommer wird zum Zug kommen, wir können es nur verzögern.“

„Dann lassen wir ihn eben zum Zug kommen“, jetzt sah mich Jessika an.

Ich brauchte einige Sekunden, um den Satz zu verstehen, und starrte sie ungläubig an. „Du willst Beate umbringen lassen?“

„Genau das! Aber das muss verdammt gut geplant werden!“

Jetzt, da ich sie verstanden hatte, schaute ich noch ungläubiger. „Dir ist schon klar, dass Frank ausflippen wird.“

„Ja, das ist mir klar, deswegen sag ich ja, es muss gut geplant werden.“

 

***

 

„Na, Bad-Man, hast du schon den Traum in Rot gesehen?“, fragte mich Vera, als wir gegen Abend in unserer Wohnung waren.

„Fischer? Nicht genau, warum?“

„Ach, komm schon, du bist ein miserabler Lügner. Ich habe am Freitag genau gesehen, wie du Beate im Vorbeigehen angestarrt hast, deine Augen haben sie förmlich verschlungen.“

„Ja“, grinste ich, „sie sieht nicht schlecht aus.“

„Schade, dass nur ich sie nackt, ganz ohne Kleider, sehen konnte. Sie hätte dir ganz sicher gefallen“, neckte sie mich mit übertriebenem Bedauern.

„Ha, ha!“, erwiderte ich gespielt zähneknirschend, dann erzählte ich Vera von Trommers Auftauchen und seinem speziellen Wunsch. Denn um unseren Plan durchzuführen, brauchten wir Vera, die schon bei der Erzählung ganz blass wurde.

„Im Ernst, wir sollen sie in den gelockerten Vollzug lassen?“

„Ja.“

„Die anderen werden sie bei der ersten Gelegenheit umbringen! Warum denkst du, tut Trommer das?“

„Tja, er will nach oben. Dafür geht er buchstäblich über Leichen.“

„Ist es nicht gefährlich für ihn, Petra Strass ihre Rache zu geben? Irgendwann könnte sich das als Bumerang erweisen.“

„Das habe ich auch schon überlegt, aber ich komme nicht hinter seinen Plan… egal, wie sehr ich mich anstrenge! Trommer weiß, dass ich zu Protokoll geben würde, dass die Anweisung Beate in den gelockerten Vollzug zu verlegen von ihm kam und trotz aller Konsequenzen besteht er darauf. Wenn du die Karriereleiter aufsteigen willst, vermeidest du Ärger und suchst ihn nicht, das passt alles nicht zusammen.“

„Und Bad-Man, was hast du vor zu tun?“

„Ich habe vor, Trommers Plan zu durchkreuzen und Beate zu schützen. Das Ganze so, dass Frank keinen Herzinfarkt bekommt.“

„Warum gehst du nicht zu ihm?“

„Weil es mein Job ist, Ärger von ihm fern zu halten. Am besten, wir sperren sie in einen dunklen Keller, bis das Gericht zu einer Entscheidung gekommen ist.“

„Du willst Beate nicht wirklich in den dunklen Keller sperren, oder?“

„Sehe ich so aus?“

„Lass mich raten, du und Jessika habt einen Plan.“

„Ja, den haben wir und dafür brauchen wir dich!“

„Dann schieß los“, grinste sie verräterisch, doch das Grinsen verging ihr augenblicklich als ich ihr unseren Plan und dabei besonders ihren Part erklärte.

„Weißt du, die nennen dich hier zwar Bad-Man, aber dass du ernsthaft, und ich meine ernsthaft, über so etwas nachdenkst, macht mich wirklich sprachlos! Wie seid ihr auf so einen Schwachsinn gekommen?!“

„Schwachsinnig ist der Plan nur, wenn du nicht mitmachst.“

„Wenn ich nicht mitmache? Habt ihr eine Ahnung, was ich dabei riskiere?!“

„Dasselbe wie wir, wenn’s scheiße läuft, fliegen wir im hohen Bogen hier raus.“

Vera stand auf und ging einige Male in der Wohnung hin und her, bis sie stehen blieb und sagte: „Ich gehe unter die Dusche, und zwar alleine!“

Das tat sie, wobei ich wusste, dass Vera unter der Dusche nachdenken würde. Also ließ ich ihr die Zeit, die sie brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Nach einer guten Viertelstunde kam sie, in ein Handtuch gewickelt, wieder zu mir. „Als ich Beate untersucht habe, sie hat… was denkst du, hat sie ihre Kleine umgebracht, ist sie schuldig?“

„Das Gericht sagt, ja.“

„Das war nicht die Frage! Du hast die Akte gelesen, du hast die Berichterstattung mitbekommen, du hast sie im Gericht gesehen! Was denkst du?!“

„Ich weiß es nicht“, gab ich zu. „In den Akten steht so gut wie nichts und die Ermittlungsakte kenne ich nicht, die Berichterstattung ging bis zur Verhandlung an mir vorbei und im Gericht… Da ist etwas, das ich nicht greifen kann, eine innere Stimme, die mich warnt, aber ich weiß es nicht. Aber ob schuldig oder nicht, keinem von uns steht es zu, über ihr Weiterleben zu entscheiden. Unser Job ist es, das zu garantieren.“

„Ich glaube, sie ist unschuldig und ich will es beweisen, also mache ich bei eurem Schwachsinnsplan mit.“

„Dann müssten wir uns als Erstes überlegen, wann wir den Schwachsinnsplan umsetzen.“

„Am Samstag!“, antwortete Vera. „Am Wochenende hat Schemmlein frei und ich habe das Kommando.“

„Gut… dann bleiben noch drei Tage zur Vorbereitung. Apropos Vorbereitung“, ich zog ihr das Handtuch herunter, so dass sie nackt vor mir stand, „war das Duschen die Vorbereitung für eine Runde heißen Sex?“

„Wirklich! Du denkst jetzt an Sex?!“

„Wenn ich dich sehe, denke ich pausenlos an Sex.“

„Ich denke nicht, dass ich nach deiner Überraschung in Stimmung kommen wer…“

„Ich deute das als ja“, unterbrach ich Vera, packte sie, legte sie über meine Schulter und trug sie ins Schlafzimmer.

 

***

 

Freitag

„Ich habe gehört, dass du Besuch hattest“, fragte Frank ganz nebenbei beim morgendlichen Meeting am Freitag, nachdem wir unseren Entschluss gefasst hatten, Trommer in die Parade zu fahren. „Oberstaatsanwalt Trommer.“

„Ja, der war letzte Woche wegen der Fischer-Sache hier. Er wollte mir nur mitteilen, dass er gegen sein eigenes Urteil Revision einlegt.“

„Das hätte er auch schriftlich oder am Telefon machen können.“

„Ja, aber ich glaube, er hatte noch mehrere Termine hier, wahrscheinlich kam er deswegen persönlich vorbei.“

„Wusstest du, dass Trommer neben seinem ehrgeizigen Plan Generalstaatsanwalt zu werden, auch für den Vorsitz bei der PfR – Partei für Rechtsstaatlichkeit – kandidiert?“

„Diese mit braunen Streifen versetzte sogenannte Volkspartei?“, fragte ich angewidert. „Ich hätte nie gedacht, dass Trommer soweit sinken könnte.“

„Tja, genau das ist das Problem, er sinkt nicht! Da sich die Parteien unserer Landesregierung immer mehr selbst zerlegen, steigen die Werte der PfR. Die letzten Umfragen ergaben, dass die PfR gute Chancen hätte, zweitstärkste Kraft zu werden, wenn die Wahlen morgen stattfinden würden.“

„Ja, leider! Aber zum Glück sind morgen keine Wahlen, die gibt’s erst in drei Jahren und ich habe die Hoffnung, dass diese Scheiß-Partei sich bis dahin selbst erledigt.“

„Ich schätze deinen Optimismus, aber… das wird eher nicht geschehen. Außerdem, wenn Trommer dort tatsächlich das Ruder übernimmt, bezweifele ich, dass es erst in drei Jahren eine Wahl gibt.“

„Wann auch immer Wahlen sind, meine Stimme bekommen sie nicht. Apropos Wahl, hast du schon gewählt, wohin dich dein diesjähriger Hochzeitstagausflug bringt?“, versuchte ich möglichst unauffällig das Thema zu wechseln.

„Nein, Iris sagt immer, egal wohin, Hauptsache weit weg von Peter.“

„Was bitte habe ich deiner Frau angetan?“

„Irgendwas wird es schon sein, ich werde sie fragen, wenn wir weit von dir weg sind“, grinste Frank und ich stand auf. „Ok, ich wünsche dir ein schönes Wochenende“, verabschiedete ich mich und war froh, aus dem Büro zu kommen, bevor mich Frank festnageln konnte. Denn ihn zu belügen käme nicht in Frage!

Frank beobachtete, wie ich das Büro verließ, und wartete, bis ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Dann schüttelte er den Kopf. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Wochenende um einiges ruhiger sein wird als deines…“

 

***

 

Der Angriff

„Denkst du, Frank hat Lunte gerochen?“, fragte Jessika, als ich am Samstagmorgen in ihrem Büro stand und auf den Dienstplan schaute. Laut Plan hatten heute nicht Berrlinger und Eders Dienst in Haus D zu verrichten, wo Beate seit gestern zusammen mit Torres untergebracht war, sondern Hannes Maier und Bernd Gratzweiler, zwei von Deckers „Elite“-Beamten.

„Nein, Eders hat sich gestern Mittag krankgemeldet, für die springt Hannes ein und Gratzweiler hat selbst den Dienst getauscht, da er morgen mit dem Schützenverein unterwegs ist, das ist zumindest seine Version. Wenn Frank etwas wüsste, hätte er Torres von der Essensausgabe ausgeschlossen.“

„Wollen wir es hoffen, verdammt ausgerechnet Hannes und Gratzweiler, die riechen normalerweise Ärger meilenweit im Voraus.“

„Jetzt bleib cool, Torres wird das schon schaffen.“

 

***

 

Gegen 11.30 Uhr packten wir beide uns ein paar Alibiakten unter die Arme und gingen in Haus D, wo gerade die Warmhaltewagen mit den Tabletts von den eingeteilten Gefangenen durch das Haus gefahren wurden. Das Büro des diensthabenden Beamten war verschlossen und leer, da Hannes und Gratzweiler die Essensausgabe vorbereiteten. „Hätte nie gedacht, dass ich mal sowas Verrücktes mache“, meinte ich und schaute durch die Panzerglasscheibe des Büros zum Flur, wo Torres und eine weitere Mitgefangene begannen, die Wagen zu öffnen und erste Essen verteilten. Dabei ging Gratzweiler voraus, schloss zwei Zellentüren auf, die Gefangenen traten heraus, nahmen ihr Essen in Empfang und Hannes schloss zwei Türen hinter Torres wieder die Türen. Da die meisten Zellen mit zwei Gefangenen belegt waren, standen auf diese Weise oft vier bis fünf Insassinnen gleichzeitig im Flur. Doch da im Haus D Gefangene im offenen Vollzug untergebracht waren, lag die Sicherheitsstufe nicht so hoch. Gegen 11:50 Uhr war die Essensausgabe im ersten Stock abgeschlossen und der Vorgang wiederholte sich eine Etage höher, wo Beate untergebracht war.

„Es geht los“, teilte ich Jessika mit, die die Tür aufschloss, einen Stapel Akten nahm und sich in Richtung der Zellen in Bewegung setzte, während ich Vera das Startzeichen gab.

„Verdammt, Torres!“, schimpfte ich leise, „nicht so auffällig!“ Denn Torres starrte sehr angestrengt nach vorne und vermied jeden Blickkontakt. Gratzweiler schloss gerade die Zelle auf, die zwei Türen vor Beates Zelle lag, als ich auf den Flur trat. Als Gratzweiler Beates Zelle aufschloss, ließ sich Torres unter dem Vorwand zurückfallen, dass der Essenswagen ihr Probleme bereitete. Gratzweiler schloss in der Zwischenzeit zwei weitere Zellen auf, bevor er bemerkte, dass Torres am Wagen hantierte, der sich scheinbar nicht mehr gut lenken ließ. Nun standen sechs Zellen offen und fünf Gefangene standen zwischen Gratzweiler und Beates Zellentür. Hinter Beates Tür standen vier weitere Insassinnen auf dem Flur mit ihren Tabletts, als Beate aus der Zelle kam, um ihr Essen entgegenzunehmen. Als die zweite Gefangene der Essensausgabe das Tablett aus dem Wagen zog, schob Torres den Wagen quer in den Flur, so dass er zwischen Hannes und Beate stand.

Gratzweiler fuhr herum, als laut scheppernd Teller und Tabletts zu Boden fielen und Torres laut „Hilfe!“ schrie. Innerhalb von Sekundenbruchteilen bildete sich ein unübersichtliches Gewühl um Torres und Beate, durch das sich sowohl Gratzweiler als auch Hannes erst durchkämpfen mussten. Hannes stieß den Warmhaltewagen aus dem Weg, während Gratzweiler von der anderen Seite kommend die Gefangenen zwischen sich und der laut schreienden Torres zur Seite riss. Als er das Gewühl endlich durchdrungen hatte, riss Gratzweiler Torres von Beate weg, die völlig blutüberströmt dastand und ein Messer in der Hand hielt. „Sie hat mich angegriffen!“, schrie Torres, die mehrere Schnittwunden an den Armen hatte. Hannes, der Beates Messerarm gepackt hatte und herumriss, konnte sie gerade noch auffangen, als deren Beine unter ihr nachgaben. „Scheiße!“, brüllte er, als er sah, dass Beates Kleider völlig blutgetränkt waren. „Zwei Verletzte durch Stichwunden! Haus D, erster Stock!“, brüllte er ins Funkgerät, dann hatten Jessika und ich die Gruppe erreicht. „Ihr schafft die Gefangenen in die Zellen!“, schrie ich, packte Torres und drückte sie gegen das Geländer des Ganges, während Jessika die taumelnde Beate aus Hannes Armen riss, um sie einige Meter weiter auf den Boden gleiten zu lassen.

Mittlerweile hatte der ganze Block mitbekommen, dass etwas geschehen war, so dass Hannes und Gratzweiler alle Hände voll zu tun hatten, um wieder Ordnung in das Chaos zu bringen und die Gefangenen auf dem Gang in ihre Zellen einzuschließen. Noch während das Geschrei im Flur anhielt, erreichte Vera den Flur, die sich mit ihrem Notfallkoffer sofort neben Jessika warf, um Beate zu untersuchen. „Peter?!“, rief sie, ohne aufzublicken.

„Schnittwunden am Arm, blutend aber nicht bedrohlich!“

„Verdammt!“, schrie Torres, „die Scheiß-Schlampe hat mich angegriffen! Alle haben es gesehen! Die Kindermörderin wollte mich abstechen!“

Hannes beugte sich, nachdem alle Zellen geschlossen waren, zu Vera herunter. „Wie sieht‘s aus?“

„Kann ich noch nicht genau sagen, sie muss sofort auf die Notstation!“

„Ok“, antwortete Hannes, drehte sich zu Gratzweiler und stellte fest, dass dieser schon einen Schritt weiter war. Er hatte aus dem Büro schon eine Transporttrage besorgt und kam zur Gruppe gerannt.

„Auf mein Kommando“, rief Vera, als die Trage neben Beate lag, die immer mehr in die Bewusstlosigkeit abglitt. „Jetzt!“

Gemeinsam hoben Jessika, Hannes und Bernd Beate hoch und legten sie auf die Trage, mit der Hannes und Gratzweiler sofort losliefen, begleitet von Vera und Jessika. „Los, Torres!“, scheuchte ich diese vor mir her in Richtung Krankenstation.

 

***

 

„Auf den Tisch, bei drei! Eins, zwei, drei!“, schon lag Beate auf dem Behandlungstisch der Notstation und Gritt, die diensthabende Krankenschwester, kam in den Raum. „Gritt, kümmere dich um Torres!“, wies Vera ihre Kollegin an und begann, mit einer Schere Beates Kleider aufzuschneiden. „Ihr wartet draußen!“, befahl sie Hannes, der zusammen mit Gratzweiler den Raum verließ. „Das wird ein scheiß-langer Bericht!“, konnte ich Hannes fluchen hören, als ich mich an ihm vorbei in den Raum drückte. „Gratzweiler, warte bei Torres!“, sagte ich zu ihm und er nickte: „Ok.“

Nun waren Jessika, Vera und ich mit Beate allein, die mit letzter Kraft noch einmal den Kopf hob und auf die blutverschmierte Kleidung schaute, die Vera aufschnitt. „Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht…“, flüsterte sie, dann fiel ihr Kopf nach links auf die Seite.

 

***

 

Als die Tür mit einem deutlichen Knall zufiel, hatte Vera die Kleidung ganz aufgeschnitten und schob sie zur Seite, um die Verletzungen sehen zu können, doch… da waren keine Schnittwunden oder Einstiche, von einem kleinen Einstich einer Kanüle abgesehen. „Dass so wenig Blut eine dermaßen große Schweinerei anrichten kann, ist doch immer wieder erstaunlich“, grinste ich. Dabei zog ich die Überreste eines blutigen Kondoms aus meiner Tasche, das mir Torres zurückgegeben hatte – zusammen mit der Spritze, die sie Beate bei ihrem „Anschlag“ verpasst hatte. Vera hatte ihr außer dieser Spritze, in der sich ein starkes Betäubungsmittel befand, noch ein mit etwa 200 ml Blut gefülltes Kondom gegeben. Das Blut hatte mir Vera kurz zuvor abgezapft und Torres hatte es im Ärmel ihres Overalls verborgen. Mitten im Chaos hatte Torres Beate die Spritze verpasst, mit dem Messer das Kondom zerschnitten, so dass das Blut sich über sie und Beate verteilte und sich schließlich selbst zwei Schnittwunden am Arm zugefügt, die man sicher als Abwehrverletzungen werten würde. Zuletzt hatte Torres Beate, bei der das Betäubungsmittel schon wirkte, das Messer in die Hand gedrückt und um Hilfe gerufen.

„Ich werde mich um die anderen kümmern“, sagte Jessika und ging nach draußen, wo Gritt der Torres schon Verbände anlegte. Hannes, der Gratzweiler bei Torres zurückgelassen hatte, war zurück ins Haus D gelaufen, um dort das Kommando zu übernehmen. Denn durch den Alarm hatten alle Beamte, die im Dienst waren, ihre Sektionen abgeriegelt und warteten auf Informationen.

„Was ist mit Torres?“, wollte Jessika von Gritt wissen.

„Zwei mittlere Schnittwunden und zwei leichte Schnitte, die mittleren habe ich klammern können, scheint so, als ob Torres Glück hatte.“

„Ich? Die Schlampe hatte Glück! Ich gebe ihr das Tablett, da sehe ich, wie sie mich abstechen will! Nur durch Zufall konnte ich ihre Hand mit dem Tablett ablenken, sonst hätte sie mich voll erwischt.“

„Und weiter?“

„Weiter?! Nichts weiter! Ich habe versucht, ihr das Messer aus der Hand zu nehmen, aber sie hat einfach weiter auf mich eingestochen, da habe ich ihr eine verpasst!“

„Und dabei hast du Fischer ihr eigenes Messer in den Bauch gesteckt?!

„NEIN! Ich habe das Messer nicht angerührt! Wenn, dann hat sich die Schlampe das Messer selbst in den Wanst gerammt!“

„Na klar!“, schüttelte Jessika den Kopf und sah zu Gratzweiler.

„Ich habe den Angriff nicht gesehen, aber als Hannes die Fischer packte, hatte diese das Messer in der Hand.“

„Na, schön“, nickte sie und meinte dann zu Bernd: „Du kannst zu Hannes gehen, ich bleibe hier und bringe Torres zurück, wenn sie fertig ist.“

„Ok“, bestätigte Gratzweiler und machte sich auf zu Haus D. Als Gritt sich herumdrehte, um den Verband zu befestigen, nickte Jessika Torres zu: „Gut gemacht“. Diese schloss erleichtert kurz die Augen.

 

***

 

Leichenschau

Im Behandlungsraum nebenan schaute ich Vera zu, die Beate ihre Kleidung auszog.

„Etwas Hilfe wäre nicht schlecht“, zischte sie und so half ich ihr, Beate zu entkleiden.

„Tja, Bad-Man, ich wette, so hast du dir es nicht vorgestellt, sie mal nackt zu sehen.“

„Nicht ganz“, bestätigte ich. „Was machen wir mit den Klamotten?“

„Die sind Beweismittel, also packen wir sie in eine Tüte.“

„Wird man nicht feststellen, dass es nicht Beates Blut ist?“

„Eine DNA-Untersuchung würde uns auffliegen lassen, aber warum sollte man das tun?“

„Keine Ahnung, ich bin kein Ermittler.“

„Dann solltest du jetzt ganz schnell einer werden, denn jetzt, wo du Trommer die Stirn bietest, musst du herausfinden, wozu er das alles tut.“

„Ich werde einen Crashkurs belegen“, brummte ich. „Ok, was jetzt?“, wollte ich wissen, als Beate nackt auf dem Tisch lag. „Wie lange wirkt das Zeug?“

„Sechs Stunden. In fünf Stunden werde ich ihr eine weitere Narkose verpassen, bis dahin wird die Leichenschau hoffentlich beendet sein.“

„Leichenschau?“

„Peter! Sie ist tot! Was denkst du, ist hier gleich los?! Frank, die Polizei und eine Menge andere Leute werden die Leiche sehen wollen!“

„Aber…“ Scheiße, soweit hatte ich gar nicht gedacht! Ich bin davon ausgegangen, dass sich das Interesse auf die Torres konzentrierte, nachdem Vera den Totenschein ausgestellt hätte. „…wir haben aber keine Leiche zum Anschauen!“

„Dann solltest du mir helfen, aus Beate eine Leiche zu machen. Keine Angst, ich habe beim Bund immer die Verletzten geschminkt, ich weiß, wie eine Leiche aussieht.“

 

***

 

Weniger als eine Stunde, nachdem der Alarm ausgelöst wurde, bretterte Frank durch die Schleuse, wo er schon von Decker erwartet wurde.

„Was ist los?!“

„Es gab einen Messerangriff im Haus D. Torres war mit dabei, die andere war Fischer.“

„Beate Fischer?“

„Ja, angeblich hat Fischer die Torres angegriffen.“

„Wo sind die beiden jetzt?“

„Torres wird auf der Krankenstation behandelt, Fischer ist bei Vera auf der Notstation… tot!“

„Tot?!“

„Ja, Vera sagt, sie konnte nichts mehr für sie tun.“

„Verdammte Scheiße! Wer war alles dabei?“

„Hannes, Gratzweiler, und welche Überraschung… Jessika und Peter.“

„Schaff die Bande in mein Büro, bevor sie mit irgendwelchen Ermittlern reden, und sieh zu, dass die Polizei ihre Arbeit machen kann.“

 

***

 

„Nur ein Stich?“, fragte ich zweifelnd, als Vera ihr „Werk“ betrachtete. Beate lag noch immer nackt auf dem Tisch, bloß mit dem Unterschied, dass sie nun eine scheinbare klaffende Wunde im Bauchbereich hatte, die täuschend echt aussah.

„Ja, das reicht völlig aus, dort ist nämlich die Bauchschlagader, das erklärt auch das ganze Blut.“

„Wo hast du das gelernt?“ Verdammt, die Wunde sah so echt aus, dass selbst mir ein Schauer über den Rücken lief.

„Da gibt’s extra Lehrgänge, die du belegen kannst. Beim Bund hielt ich es für eine gute Idee, alle angebotenen Kurse zu nutzen. So… fertig.“

„Und jetzt?“

„Ich mache die Bilder und du kümmerst dich um die Papiere!“

 

***

 

Während Vera mit einer Kamera um Beate herum ging, dabei Dutzende Bilder aus allen möglichen Winkeln von ihr machte, setzte ich mich an den Computer und begann, die nötigen Frachtpapiere zu erstellen. Wir hatten eine Leiche und die Staatsanwaltschaft würde zwingend eine Obduktion anordnen, also musste die Leiche in die Gerichtsmedizin, wo sie natürlich nicht ankommen durfte!

Da es bei mehr als 600 Insassen immer wieder vorkam, dass jemand in Haft verstarb, gab es selbstverständlich eine vorgeschriebene Handlungsanweisung. Ein Bestattungsunternehmen wurde von uns, der Verwaltung, mit der Überführung der Leiche beauftragt, diese entweder in die Gerichtsmedizin oder bis zur Bestattung in das zuständige Bestattungsinstitut zu überführen. Des Weiteren gab es den „Einlieferungsbeleg“ der Gerichtsmedizin, der bestätigte, dass die Leiche dort angekommen war. Von allen diesen Papieren hatte ich Blankobelege gespeichert, die ich nun ausfüllte. Lediglich den Beleg der Gerichtsmedizin musste ich „anpassen“, doch ein von Jessika eingescanntes Dokument eines früheren Vorgangs hatte ich in ein neues Blankodokument umgewandelt. „Cool“, dachte ich, als ich die Dokumente erstellte, „früher wäre das „Anpassen“ solcher Dokumente nicht so einfach gewesen“.

„Fertig!“, rief ich und druckte die Dokumente aus, unterschrieb sie, um sie dann in einer Schublade verschwinden zu lassen.

„Ich bin auch so weit. Durch die Bilder werden sie sich die Leiche hier nicht genau ansehen wollen, ich denke, wir kommen damit vorerst durch. Was machen wir nachher mit ihr? Hierbleiben kann sie nicht.“

„Nein, in ihrer Zelle kann sie aber auch nicht bleiben, es sei denn wir weihen Decker und sein Team ein.“

„Keine gute Idee. Jessika hält doch immer für Notfälle ein paar Zellen frei, wie wäre es damit?“

„Ich weiß nicht… nein, sie muss essen und wir können sie auch nicht einfach auf Dauer dort hineinstecken, ohne dass es jemand bemerkt…“

„Wir nehmen meine Wohnung.“

„Deine Wohnung?“

„Ja, die ist perfekt!“

Noch während ich über ihren Vorschlag nachdachte, musste ich ihr Recht geben. Veras kleine Wohnung lag am Ende desselben Flures, in dem auch meine eigene Wohnung lag. Sie war lediglich etwas kleiner und Veras Wohnung stand zurzeit mehr oder weniger leer, da sie die meiste Zeit bei mir verbrachte.

Die Idee, Beate dort unterzubringen, hatte natürlich Vor- und Nachteile… Die Wohnung lag abgelegen und die dicken Wände des ehemaligen Archives würden keinen Laut nach draußen dringen lassen, auch die Fenster waren – wie alle Fenster im Gebäude – vergittert, Schwachstelle war lediglich die Tür… Aber da würde sich sicher eine Lösung finden lassen. Je länger ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir die Idee.

„Ok, jetzt… wie bekommen wir sie dort hinein? Und wie sorgen wir dafür, dass sie friedlich bleibt?“

„Sie weiß doch noch nichts von dem geplanten Anschlag auf sie?“

„Nein, sie weiß noch nichts von ihrem Glück“.

„Dann weihen wir sie ein! Wenn sie erfährt, dass ihr Leben in Gefahr ist, wird sie sicher mit uns zusammenarbeiten.“

„Hm, da ist was dran… ok, wir warten bis heute Abend, wenn die Nachtschicht begonnen hat, solange musst du sie bewusstlos halten.“

„Kein Problem“, nickte sie selbstbewusst, als sie mich plötzlich am Arm festhielt. „Hast du gehört, was sie sagte?“

„Ja, habe ich. Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht.“

„Ich glaube nicht, dass jemand, der denkt, er stirbt, in diesem Moment lügt!“

Ja, diese Worte hatten sich in mein Gehirn eingebrannt, doch bis jetzt fehlte mir die Zeit, darüber nachzudenken. „Ja, ich habe es gehört!“ Doch auch jetzt konnte ich mir darüber keine Gedanken machen, denn Franks Stimme donnerte durch die Luft. „Was gibt’s hier herumzustehen?! Macht euch auf den Weg zu euren Stationen, und zwar sofort!“

„Los, hilf mir“ flüsterte Vera und bedeckte Beate völlig mit einem Laken. Kaum lag das Laken über Beate, riss Frank auch schon die Tür auf. Ohne ein Wort zu verlieren, zog er das Laken von Beates Gesicht und schaute dann zu Vera.

„Ein Schnitt in die Bauchschlagader. Sie ist innerhalb von zwei Minuten verblutet.“

Frank nickte und hob das Laken soweit an, dass er den „Einstich“ sehen konnte, dann richtete er das Laken wieder ordentlich, ja, beinahe liebevoll, über Beate. Anschließend drehte er den Kopf zu mir und zischte: „In mein Büro! Jetzt!“

 

***

 

„Das interessiert mich einen Scheiß!“, hörte ich Frank zu einem Ermittler des LKA sagen, der in seinem Vorzimmer stand. „Meine Beamten werden mit Ihnen reden, nachdem ich mit ihnen geredet habe und weiß, was vorgefallen ist! Solange können Sie sich es bequem machen, ich werde es Sie wissen lassen, wenn ich fertig bin!“

Wir, das waren Jessika, Hannes, Gratzweiler und ich, standen in Franks Büro, als der Kommissar versuchte, in Franks Büro vorzudringen, um uns zu vernehmen. In derselben Zeit sahen sich weitere Polizisten den Flur im Haus D an, machten Bilder und befragten die Gefangenen, die sich zur Tatzeit auf dem Flur aufhielten. Da der Ermittler Franks „Bitte“ zu warten nicht allzu ernst nahm, teilte dieser ihm nun unmissverständlich mit, wer hier das Sagen hatte! Frank ließ ihn stehen, kam ins Büro zurück und warf die Tür hinter sich zu. „Ich gehe nicht davon aus, dass ich euch einzeln befragen muss! Also! Auf der Krankenstation liegt eine verdammte Leiche, was zur Hölle ist passiert?!“

Hannes wollte gerade antworten, als die Tür aufging und Decker dazu kam: „Ich habe Johann abgeordnet, die Polizei zu unterstützen.“ Was hieß, Johann würde Decker alles berichten, was die Polizei tat, denn ohne einen Beamten mit Schlüssel konnten sie ihre Arbeit nicht machen.

„Also?“, fragte Frank nach.

„Torres und Saar haben die Essen verteilt, als Torres plötzlich um Hilfe rief. Sie gibt an, dass Fischer versucht hat, mit einem Messer auf sie einzustechen.“

„Hast du das gesehen?!“

„Nein, der Wagen mit den Tabletts stand zwischen mir und Torres, aber als ich Fischer erreichte, hatte sie ein Messer in der Hand.“

„Bernd?“

„Ich habe es scheppern hören, dann rief Torres um Hilfe. Auch ich habe den Angriff selbst nicht gesehen, da zwischen Torres und mir sechs Gefangene standen, die sich natürlich sofort um die beiden scharrten. Aber auch ich habe gesehen, wie die Fischer das Messer in der Hand hielt.“

„Was ist mit euch?“

„Wir waren zufällig im Flur“, begann Jessika, „ich stand etwa zehn Meter entfernt und kam erst dazu, als Hannes und Bernd die Fischer von Torres trennte.“

„Was ist mit dem Messer?“

„Das habe ich erst gesehen, als es im Flur lag“, antwortete ich. „Ich habe Torres geschnappt und festgehalten, damit Hannes und Gratzweiler die Lage im Flur unter Kontrolle bringen konnten.“

„Also hat Fischer die Torres angegriffen?“

„So sieht es zumindest aus.“

„Und wieso liegt dann Fischer tot auf der Krankenstation?!“

„Keine Ahnung! Ich habe das Messer nur kurz gesehen, aber es schien beidseitig geschliffen zu sein. Vera sagt, dass sie durch einen einzigen Stich ums Leben kam, der ihre Bauchschlagader traf. Gut möglich, dass sich Fischer im Handgemenge selbst verletzt hat.“

„Wie kam Fischer an das Messer?!“

„Weiß ich nicht.“

„Hat einer von euch eine Idee, woher das Messer kam?“ Frank sah die anderen nacheinander an und alle schüttelten den Kopf. „Na schön! Sonst noch etwas, dass ich wissen sollte, bevor die Polizei übernimmt?“

„Nein.“

„Dann ab mit euch!“

Wir verließen Franks Büro und nur Decker blieb zurück, der sich mit steinerner Miene auf einen Stuhl setzte.

„Was denkst du?“, fragte ihn Frank.

„Das ist Bullshit! Elvira Torres, der Kessel, der ständig zu explodieren droht, soll das arme Opfer sein? Ich könnte beinahe darüber lachen. Fischer ist erst ein paar Tage hier, woher soll sie das Messer haben?“

„Du meinst, Torres hatte das Messer?“

„Natürlich hatte sie es! Aber Torres Zelle wurde erst kürzlich unangemeldet durchsucht, da hatte sie definitiv noch kein Messer!“

„Fest steht, dass ein Messer im Spiel war, Fischers Leiche beweist das! Außerdem sagen Hannes und Gratzweiler übereinstimmend, dass Fischer das Messer in der Hand hielt.“

„Für die beiden würde ich meine Hand ins Feuer legen, wenn sie sagen, dass Fischer das Messer hatte dann war es auch so. Doch eines steht fest, das Messer ist nicht aus der JVA, es wurde eingeschmuggelt! Irgendjemand hat es der Fischer zugesteckt, und zwar erst kurz zuvor! Die Frage lautet, wer war der Schweinehund!“

„Jessika und Peter sagen auch das Gleiche.“

„Ja“, schnaubte er, „natürlich sagen beide dasselbe, die beiden steckten schon immer unter einer Decke!“

„Du glaubst nicht ernsthaft, dass die Zwei damit etwas zu tun haben?“

„Ich finde es nur reichlich seltsam, dass sie zufällig gemeinsam vor Ort waren.“

„Gehen wir mal davon aus, dass alle vier die Wahrheit sagen und das will ich ihnen Gott-verdammt-nochmal raten, dann ist Torres unsere Schlüsselfigur. Schaff‘ sie in das Besprechungszimmer…“ Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, als einer seiner Beamten den Kopf durch die Tür steckte.

„Sorry, Chef, die Staatsanwaltschaft ist da!“

„Soll warten!“

„Nein, nicht hier, ich meine hier in der JVA und der zuständige Staatsanwalt will sofort die Hauptzeugin Torres vernehmen.“

„Wer ist der zuständige Staatsanwalt?“, fragte Frank, obwohl er die Antwort schon kannte.

„Oberstaatsanwalt Trommer.“

Decker und Frank sahen sich besorgt an, denn Frank wusste, dass er keine Chance hatte, Trommer zuvorzukommen – das ging nicht wie bei dem Kommissar. Torres war eine Insassin und keine seiner Beamten… „Ok, lassen Sie Torres in das Besprechungszimmer bringen.“

„Sofort, Chef!“ Damit drehte sich der Beamte zackig um und lief los.

„Verdammt!“, fluchte Frank, sah Wolfgang an und der nickte nur: „Bin schon unterwegs!“

 

***

 

Ohne eine Miene zu verziehen stand Oberstaatsanwalt Trommer neben der Leiche von Beate Fischer und sah auf diese herunter, wobei sein Blick auf der klaffenden Wunde hängen blieb.

„Sie haben die Leiche nicht gereinigt?“, wollte er von Vera wissen und zeigte auf die Blutspuren.

„Selbstverständlich nicht, schließlich ist sie praktisch ein Beweisstück, zudem habe ich eine Menge Fotos gemacht, nachdem ich den Tod festgestellt habe“, antwortete Vera, die innerlich tausend Tode starb. Zwar hatte sie aus nachvollziehbaren Gründen nur Beates Bauch frei gelassen und Unterleib sowie Gesicht und Oberkörper abgedeckt, doch in Wahrheit diente dies dazu, die minimalen Atembewegungen zu verschleiern. Sollte Trommer auf die Idee kommen die „Leiche“ ganz aufzudecken, würde alles auffliegen. Dennoch stand sie selbstsicher neben dem Staatsanwalt und sagte: „Wenn es Sie interessiert, auf dem Computer können Sie sich alle Bilder anschauen. Ich leite sie auch gerne an Ihre Mail-Adresse weiter.“

Trommer riss sich schließlich von dem Anblick los und nickte. „Natürlich werde ich eine Obduktion anordnen, die Ihre Untersuchung sicher bestätigen wird.“

„Selbstverständlich, Herr Oberstaatsanwalt, ich werde die Leiche von Frau Fischer schnellstmöglich in das gerichtsmedizinische Institut überführen lassen.“

 

***

 

„Ich konnte ausgiebig mit Frau Torres reden, sie scheint zu bestätigen, was bisher über den Vorfall bekannt ist. Daher wird Frau Torres unverzüglich in eine andere JVA verlegt“, teilte Trommer Frank mit. „Sie ist eine zu wichtige Zeugin und daher kann ich nicht riskieren, dass sie ihre Aussagen mit anderen Insassinnen im Nachhinein abspricht.“

„Dazu muss sie nicht in eine andere JVA, wir haben durchaus die Möglichkeit, sie in einem anderen Haus unterzubringen.“

„Nein! Sie wissen genau, wie der Knastfunk funktioniert. Wenn sich zwei Gefangene absprechen wollen, werden sie es nicht verhindern können. Es sei denn, Sie stecken sie in den BgH (Besonders gesicherter Haftraum) und das würde bei Torres über das Ziel hinausschießen, schließlich scheint der Angriff nicht von ihr ausgegangen zu sein.“

„Ich bezweifele diese Version, anders als Torres schien Fischer wenig gewaltbereit zu sein.“

„Wie meinen Sie das?“

„Kommen Sie! Fischer saß wegen Kindesmord ein, also war sie Freiwild! Doch das wissen Sie ja alles bereits, schließlich war es Ihre Idee, Fischer in den gelockerten Vollzug zu verlegen!“

„Das sehen Sie völlig falsch. Es war nicht meine Idee, es steht so im Gesetz, werfen Sie mal einen Blick in die Bücher, die hinter Ihnen stehen“, antwortete Trommer gelassen und wies auf das Bücherregal an der Wand. „Nach den ersten Vernehmungen zu urteilen, scheinen Ihre Beamten sich korrekt verhalten zu haben, daher sehe ich keinen Anlass, Verfahren gegen diese einzuleiten. Sie brauchen sich also keine Sorgen um Ihre Leute zu machen. Natürlich muss von Amts wegen ein Verfahren wegen eines Tötungsdeliktes gegen Unbekannt eröffnet werden.“

„Was ist mit Torres?“

„Sie wird nach Freising verlegt, veranlassen Sie bitte das Nötige.“ Damit stand Trommer auf und ließ Frank in seinem Büro zurück.

Kaum hatte der Staatsanwalt die Tür hinter sich geschlossen, kam Decker zurück.

„Und?“, wollte Frank wissen.

„Keine Chance, Trommer wusste, dass wir zuhören! Er hat die Befragung von Torres genau nach Drehbuch abgehalten. Torres hat laut und deutlich ihre Version wiederholt, Fischer hat sie angegriffen und sich im Handgemenge selbst verletzt.“

„Was, wie du so schön festgestellt hast, Bullshit ist.“

„So ist es! Also, was tun wir jetzt?“

„Wir? Wir beide tun erst einmal gar nichts, Jessika und Peter sollen sich darum kümmern.“

„Was?! Die beiden hängen doch bis über beide Ohren in der Sache mit drin!“

„Eben! Sie haben die Suppe eingebrockt, also sollen sie diese auch auslöffeln.“

„Das ist eine Scheiß-Idee.“

„Ich weiß nicht… vielleicht sollten wir ihnen vertrauen. Schließlich haben sie die letzten zwanzig Jahre auch gewusst, was sie tun.“

„Ich sag es nochmal fürs Protokoll! Das ist eine Scheiß-Idee!“

„Zur Kenntnis genommen!“

 

***

 

Vera schloss die Tür zum Flur auf und schaute nach rechts und links. Es war gegen 22 Uhr und die Flure lagen verlassen da, nachdem sich die Aufregung gelegt hatte. Es war wieder Routine eingekehrt, als die Polizei ihre Tatortuntersuchungen abgeschlossen, das Messer sichergestellt und die Zeuginnen befragt hatten. Gegen 20 Uhr, die Polizei war seit einer Stunde weg, war ein Leichenwagen in die JVA gefahren, der den Transportauftrag bekam, einen versiegelten Transportsarg und eine verschlossene Transportbox mit Proben in das gerichtsmedizinische Institut Mainstadt bzw. nach Frankfurt zu überführen.

Vera und ich luden den Sarg selbst in den Leichenwagen, gaben dem Fahrer die Probe, zusammen mit den nötigen Papieren und dieser verließ die JVA wieder. Nun war die Leiche von Beate Fischer also offiziell nicht mehr in der JVA.

„Alles klar“, nickte sie und stieß die Tür auf. Da überall in der JVA Kameras installiert waren, hatten wir Beate in einen größeren Transportsack aus der Kleiderkammer gesteckt und auf das untere Blech eines Rolltisches gelegt. Auf dem oberen Blech lagen Kleider und Gegenstände, die wir in das Verwaltungsgebäude fuhren. Hier gab es nur am Eingang eine Kamera, also konnten wir Beate zum Aufzug und in den dritten Stock bringen.

Zusammen schoben wir den Rolltisch vor Veras Wohnung, die diese schnell aufschloss. Als die Tür hinter uns geschlossen war, atmete ich erleichtert auf, dass alles glatt gegangen war. „Dass eine Leiche so schwer sein kann“, brummte ich, während wir den Transportsack auf das Bett hoben und Beate herausholten. „Ich brauche eine Schüssel mit Wasser und Seife“, sagte Vera und begann, Beate das Blut abzuwaschen und ihr die „Wunde“ abzunehmen. Da ich damit beschäftigt war, den Transportsack zusammenzulegen und frisches Wasser zu holen, sah ich Veras Blick nicht, als sie Beate das Gesicht säuberte. Schließlich war Vera fertig und Beate lag sauber auf dem Bett. „Da hinten im Schrank muss ein Schlafanzug sein.“ Vera zeigte auf einen Schrank in der Ecke, aus dem ich einen Schlafanzug holte, den Vera Beate überzog.

„Das war es, jetzt heißt es warten“, meinte Vera und wir setzten uns gemeinsam auf das Sofa, das in Sichtweite des Bettes stand und warteten.

Beate lag friedlich im Bett und ihre feuerroten Haare leuchteten auf dem hellen Kissen. Ich legte meinen Arm um Vera und betrachtete Beate, während immer wieder der Satz auf mich einhämmerte, den Beate für ihre letzten Worte hielt.

„Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht.“

Und eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte: „Was, wenn das wahr ist?“

 

***

 

„Ich glaube, sie kommt zu sich“, flüsterte ich leise, als Beate sich leicht bewegte. Die kurz eingenickte Vera war sofort hellwach, denn jetzt kam der heikelste Moment.

Sie stand auf und setzte sich neben Beate auf die Bettkante, wo sie ihre Hand liebevoll in ihre nahm.

Beate öffnete kurz die Augen und blinzelte, schloss die Augen wieder, dann riss sie die Augen panisch auf und begann sofort ihren Bauch abzutasten.

Als Beate losschreien wollte, legte Vera den Arm um sie.

„Ruhig, ganz ruhig. Ich habe dich ganz fest!“ Sie beugte sich zu ihr und nahm Beate fest in ihre Arme.

Beate hatte mittlerweile erfasst, dass sie nicht tot war, sondern irgendwo zusammen mit fremden Menschen in einer völlig fremden Umgebung. Ihre Blicke wanderten panisch durch den Raum und blieben an mir hängen. Jetzt brach die Angst durch und sie fing an zu schreien.

Vera schickte mich mit einem Wink aus der Sichtweite, also setzte ich mich in die Essecke der kleinen Wohnung. „Bitte versuche, dich zu beruhigen. Dir ist nichts passiert.“ Vera streichelte ihr den Kopf und strich Beate über die Wange.

„Was ist passiert? Wieso? Wo bin ich?“

„Es tut mir leid, dass wir dich nicht vorwarnen konnten. Wir haben deinen Tod nur vorgetäuscht. Du bist bei mir in meiner Wohnung.“

Nun fing Beate an, hemmungslos zu weinen. „Warum quält ihr mich so?“, schluchzte sie. „Warum…?“

„Deinetwegen!“, sagte ich mit harter Stimme, trat hinter Vera hervor und sah sie mit festem Blick an. „Ich will eine Antwort! Deine letzten Worte waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht.> Ich will wissen, ob das stimmt!“

Beate liefen die Tränen über das Gesicht, als sie mit ihren smaragdgrünen Augen direkt in meine sah.

„Ich habe versucht, sie zu retten“, sagte sie tränenerstickt. „Ich habe alles versucht. Ich habe gesehen, wie er sie gewürgt hat und riss ihn weg, aber ich konnte ihr nicht mehr helfen. Ich weiß nicht mehr, was ich alles getan habe, um sie zu retten, aber ich höre noch immer dieses schreckliche Lachen. Die ganze Zeit hat sie gelacht und mich verhöhnt. Dann habe ich das Messer genommen…“

„Wer hat gelacht?“

„Petra Strass!“, presste sie hervor und der Hass kehrte in ihre Augen zurück.

In den zwanzig Jahren, die ich nun schon mit Menschen in der JVA arbeitete, hatte ich mir eine gesunde Menschenkenntnis angeeignet und wusste, wann mich jemand anlog und wann er die Wahrheit sagte. Was Beate sagte, war die Wahrheit und in meinem Kopf legte sich ein Schalter um. „Das war es mit deinem Plan, Trommer!“

Vera sah mich nur mit schmalen Augen an. Sie hatte während Beates Erzählung die Lippen zusammengepresst und ihre Augen fingen an zu blitzen.

„Ich will dich nicht anlügen, vor ein paar Tagen kam Trommer zu mir und hat deine Verlegung in den offenen Vollzug angeordnet, obwohl ich ihn auf die Gefahr eines Angriffs auf dich hinwies. Er bat mich, es als persönlichen Gefallen zu sehen! Genau das waren seine Worte. Ich bin auf diesen Gefallen eingegangen, um Zeit zu schinden, denn tatsächlich steht dir das Recht zu, bis zum endgültigen Urteil im gelockerten Vollzug zu sein. Dann haben wir konkrete Hinweise auf einen Anschlag auf dich bekommen. Um mehr herauszufinden und um dein Leben zu schützen, haben wir deinen Tod vorgetäuscht. Der musste leider sehr echt wirken, daher konnten wir dich nicht vorher einweihen. Jetzt, da du tot bist, müssen wir herausfinden, warum Trommer will, dass du stirbst.“

„Der Staatsanwalt? Warum macht er das? Er hat mich zu lebenslang verurteilen lassen! Warum will er mich umbringen lassen?“

„Tja, gute Frage. Da gibt es wohl mindestens zwei verschiedene Gründe. Erstens, er hat ein Verhältnis und will sich dieses bei Laune halten.“

„Ein Verhältnis? Mit wem?“

„Petra Strass.“

Beate, die sich aufgesetzt hatte, riss die Augen auf, denn jetzt schien ihr klar zu werden, warum Trommer dieses Urteil für sie gefordert hatte. „Nein“, keuchte sie. „Nicht noch einmal. Das kann er nicht tun. Nicht für diese Schlampe.“

„Der wahre Grund ist viel schlimmer.“

„Schlimmer, als dass die Frau, die dein Kind umbringt, auch noch dich töten lässt? Das glaube ich kaum!“

„Oh, doch. Trommer nimmt das nur als Vorwand. Jeder soll genau das glauben. Der wahre Grund ist, er benutzt dich. Dich und deinen Fall.“

„Ich verstehe nicht. Mein Fall ist abgeschlossen und ich wurde verurteilt. Warum soll er mich töten lassen?“

„Um ehrlich zu sein, ich weiß es noch nicht, aber Trommer tut das sicher nicht ohne Grund. Und den werde ich herausfinden müssen. Wenn du Trommer eins auswischen und dafür sorgen möchtest, dass Petra Strass nicht ungeschoren davonkommt, dann tust du, was wir dir sagen. Was das ist, wird dir Vera erklären. Aber ich warne dich! Wenn du auch nur eine einzige Dummheit machst, schleppe ich dich zurück in Haus D und das wirst du das zweite Mal sicher nicht lebend verlassen! Hast du mich verstanden?“

Sie starrte mich eine halbe Minute schweigend an. Der traurige und entsetzte Ausdruck in ihren Augen war mittlerweile einer festen Entschlossenheit gewichen. Nein, Beate würde keinen Ärger machen, Beate würde alles tun, um sich an Petra Strass zu rächen, und wenn es das Letzte wäre, was sie auf dieser Welt tun würde.

„Ja, ich habe dich verstanden.“

„Ok, wir sehen uns morgen, schlaf etwas, morgen früh reden wir“, nickte ich ihr zu und ging zur Tür. Da sagte sie: „Entschuldige …“ und sah sie Vera hilfesuchend an.

„Peter.“

„Entschuldige, Peter, du hast gesagt, anfangs hättest du es nur getan, um Zeit zu gewinnen. Und warum tust du es jetzt?“

„Wenn das stimmt, was du mir gesagt hast, dass die Strass am Tod deiner Tochter schuld ist, werde ich dich heraushauen… Ich kann bei einem solchen Unrecht nicht einfach wegschauen.“ Ich hatte die Tür fast erreicht, als sie mich fragte: „Wann hast du diese Entscheidung getroffen?“

Ohne den Kopf zu drehen, blieb ich noch einmal kurz stehen und brummte wahrheitsgemäß: „Vor zwei Minuten!“

 

***

 

„Verflucht, auf was habe ich mich da eingelassen?!“ Es war weit nach Mitternacht und ich saß grübelnd auf meiner Couch. An Schlaf war nicht einmal ansatzweise zu denken, denn immer mehr Fragen kamen in meinem Kopf auf. Das Wichtigste, Beate war offiziell tot! Sie konnte nicht „einfach“ wiederauftauchen, wie sollte sie plötzlich wieder lebendig werden?

Selbst wenn Trommer… und der hatte sicher kein Interesse, dass Beate von den Toten auferstand. Oder? Die Frage blieb… Warum wollte Trommer wirklich, dass Beate verschwand?

Die Geschichte mit der Strass war vorgeschoben, da war ich mir sicher. Die hatte er mir erzählt, damit ich genau dies denken sollte. Doch sich so zu gefährden, nur um seine Liebschaft bei Laune zu halten, dafür war Trommer zu schlau. Trommer wollte ein Medienspektakel, er wollte einen Aufhänger für… ja, aber für was? Das wusste ich noch nicht, aber es stand im Gegensatz zu dem, was Frank mir erzählt hatte. Nämlich, dass Trommer sich bei der breiten Öffentlichkeit beliebt machen wollte, um auf diese Weise auf Stimmenfang zu gehen. Aber man bekam keine Wählerstimmen, wenn man mit dem Tod einer Gefangenen in Zusammenhang gebracht wurde!

Vor zehn Minuten war die Pressemitteilung herausgegangen, in der stand, dass Beate Fischer am gestrigen Tag bei einer Auseinandersetzung getötet wurde.

Der Fall Fischer machte derweil noch immer Schlagzeilen, die Zeitungen brachten Beates Bild auf der Titelseite. Welchen Nutzen hatte eine tote Beate für ihn? Das war die 1-Million-Euro-Frage!

Tief in Gedanken versunken hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, wie Vera in die Wohnung kam. „Sie schläft.“

„Wenigstens eine von uns“, brummte ich.

„Peter. Ich bin stolz auf das, was wir getan haben.“

„Wir haben unsere Köpfe selbst in die Schlinge gelegt, darauf bin ich nicht unbedingt stolz.“

„Du weißt genau, was ich meine. Sie ist unschuldig!“

„Unschuldig oder nicht, ein ordentliches Gericht hat sie verurteilt. Wenn die Sache schief geht, können wir ohne Umweg für den Rest unseres Lebens zum Jobcenter laufen.“

Vera schwieg eine Weile, dann flüsterte sie. „Sie wäre es wert.“ Dann blickte sie zu mir und fragte mich. „Wie gehen wir weiter vor?“

„Wir reden mit Trommer. Er wird sehr schnell merken, dass er keine Leiche hat, also wird er uns aufsuchen. Dabei lassen wir ihn weiterhin im Glauben, dass wir es nur für ihn tun, zu seinem persönlichen Gefallen. Wir können ihn hinhalten und den Preis für Beates Leiche nach oben schrauben. Mal sehen, wie weit Trommer mitgeht, vielleicht verrät er sich ja irgendwie, aber wir können keinen Krieg gegen ihn führen, der wäre nicht zu gewinnen.“

„Wow, das hast du dir in so kurzer Zeit ausgedacht? Nicht schlecht.“

„Kommt daher, dass wir einige Erpresser hier einsitzen haben“, versuchte ich zu grinsen, doch irgendwie gelang mir das nicht richtig.

Vera hatte begonnen, sich auszuziehen, ging ins Bad und machte sich bettfertig, dann kam sie zu mir, stellte sich nackt vor mich und lächelte. „Sagtest du nicht neulich, du musst immer an Sex denken, wenn du mich siehst? Beweis es und komm jetzt ins Bett, du Retter unschuldiger Frauen. Morgen wird es hoch her gehen.“

„Oh, je“, dachte ich, „gerettet ist Beate noch lange nicht und wir schon gar nicht!“ Aber in einem Punkt hatte Vera absolut Recht… heiß hergehen würde es morgen ganz sicher!

 

***

 

Der erste Auftrag

Eines Tages klingelte bei mir das Telefon. Mein Onkelchen, besser gesagt Dagan Meir, war am Apparat. Da ich gerade abkömmlich war, hatte er einen Job für mich. „Mischka, meine geliebte kleine Mischka. Wir haben ein kleines Problem. Bitte schau in das spezielle Postfach. Ich habe dir etwas geschickt, wir reden danach weiter.“

„Michelle, ich ziehe meine Pause vor.“ Michelle winkte mir zu und prüfte eine defekte elektronische Schaltung.

„Ja, Onkelchen, ich schau gleich nach. Weißt du schon etwas Neues wegen meiner Dinge, die noch in den Staaten geblieben sind? Meine ganzen Kleider und die guten Spielsachen fehlen mir hier.“

„Keine Angst, meine geliebte Mischka, das ist alles bereits geregelt. Ich habe die Kleider und deine Spielsachen an eine sichere Adresse senden lassen. Damit sie nicht etwa verloren gehen. So etwas soll in den USA schon einmal vorkommen.“

„Gut, ich habe die Datei geladen, bei Fragen melde ich mich bei dir.“

„Sehr schön, wie immer wünsche ich dir gutes Gelingen und eine perfekte Arbeit.“ Damit verabschiedete sich mein Gönner und ich ging den aktuellen Fall durch.

 

***

 

Auf der Antilleninsel St. Vincent hatte sich ein ehemaliger Agent der CIA seinen Alterssitz errichtet. Bereits zwei Teams der Amerikaner waren dabei gescheitert, ihn aus dem „Dienst“ zu entfernen. Einen versteckten Luftangriff konnte man nicht fliegen, da rings herum bewohnte Häuser standen und der Anflug nur aus der Richtung der hohen Berge möglich war. Dort aber warteten Raketen auf ungebetene Gäste: gegen Tiefflieger gab es modernste tragbare Raketen, sogenannte Manpads (Man Portable Air Defence System). Die beiden Radaranlagen zum Schutz der Villa waren hochmodern und würden sogar kleine Angriffsdrohnen erkennen.

Aus den verschlüsselten Datensätzen ging hervor, dass Albert Horastonian, so lautete sein wirklicher Name, Bestechungsgelder für Afghanistan umgeleitet hatte und zwei größere Lieferungen Opium damit bezahlt hatte. Damit wollte er das große Geld in den Staaten machen, unter Verwendung eines ganz unmenschlichen und gemeinen Tricks.

Er beauftragte seine Leute, junge, unbekannte Mädchen zu entführen und umzubringen, ließ sie dann tiefgefroren aus Afghanistan in die Staaten zur Einäscherung und Beisetzung überführen. Die wichtigsten Stationen wurden dabei bestochen, die armen Mädchen waren innerlich ausgeweidet und aufgefüllt mit Drogen. Die Mädchen, die dabei starben, bedeuteten Horastonian keinen Cent.

Da mein Freund Gerome in Kingstown eine Niederlassung hatte, wo ich in der Reparaturwerkstatt arbeitete, war ich problemlos auf die Insel gekommen. Horastonian überwachte nämlich jeden, der die Insel betrat und sie wieder verließ. Meine Elektronik-Kenntnisse waren in dem Geschäft natürlich sehr nützlich, denn eines Tages, als Michelle außer Haus war, erschienen drei Männer in der Niederlassung und checkten mich ab.

„Sagen Sie, kann man diesen Sender auch an jede Stabantenne anschließen?“

„Oh, das sollten Sie tunlichst lassen, der sendet mit maximal 250 Watt. Das sollten Sie keiner Stabantenne zumuten, nehmen Sie diese Anpassung mit, ideal wäre ein Dipol, bei einem Langdraht ist die Abstimmung schwieriger.“

„Oh, danke, gut zu wissen. Wie lange kann ich das in meinem Pkw betreiben, wenn der Motor steht?“

„Sender, Empfänger und Verstärker ziehen heftig, da sind Sie schnell bei 8 Ampere. Aber mit zwei LKW-Batterien im Kofferraum sollten Sie locker zwei Stunden Betrieb hinbekommen.“

So ging es noch eine Weile. Am Ende verkaufte ich ihnen zwei Wanzen und drei Aufspürgeräte, reparierte einen defekten kleinen KW-Sender und einen modernen. Natürlich waren das Testkäufer, das war mir klar und ich verkaufte mich gut als Nerd.

Schließlich bekam ich eine Einladung in seine „Villa“, wie man das Anwesen nannte. Es war eine riesige Anlage zwischen St. George im Osten, Questellas im Westen und Dubiois im Norden der Insel.

Von Onkelchen wusste ich, das Horastonian auf spröde, gutaussehende Mädchen stand. Offensichtlich war die Beschreibung seiner Gorillas, die sie von mir abgaben, auf seinen Geschmack zutreffend. Die Villa war regelrecht in einen Berg hineingebaut und sehr schön, aber aus den bereits genannten Gründen aus der Luft nahezu unangreifbar.

„Durchsucht die Kleine, ich will nachher keine Überraschungen“, wies Horastonian am Eingang seine Leibwächter an, kaum dass ich die Villa betreten hatte.

„Ja, Boss. Ihr zwei, mitkommen und die kleine Caroline Fletcher abchecken, seid vorsichtig und macht sie nicht kaputt. Ihr wisst ja, wie Horastonian mit Leuten umgeht, die seine Spielsachen beschädigen!“

Die beiden Wachen kamen auf mich zu. „Hey, Kleine, Arme hoch, wir mögen keine versteckten Waffen und sonstigen Dinge, also sei brav, dann sind wir es auch.“

Die Untersuchung war schnell, aber sehr gründlich. Horastonian hatte sich gute Leute ausgesucht. Schließlich kam er durch die Tür in Begleitung zweier hochhackiger Blondinen und seines Leibwächters. Dann begann er mich auf raffinierte Weise auszuhorchen.

„Hallo Caroline, ich darf doch Caroline sagen? Ich bin Horastonian, der Hausherr. Meine Leute in der Stadt waren mit Ihnen sehr zufrieden, der Sender arbeitet bestens. Dieser Gerome ist von Ihnen ja auch sehr überzeugt. Ist er nicht gerade auf einer Elektronik-Messe in Fonds Panier?“

„Die Elektronik-Messe ist Fort de France auf Martinique, in Fonds Panier sind wir in zwei Wochen, da ist eine Messe für Messgeräte. Ich hoffe, dass er gute Neuigkeiten mitbringt.“

„Sehr schön, sicher waren Sie da auch schon bei José, dem Argentinier im Lotissement la Sérenité?“

„Oh ja, das Angus, das er zubereitet, ist tatsächlich eines der besten, das ich je gegessen habe.“

„Genau das bekommt er von einem meiner Leute geliefert. Wissen Sie, ob die Baustelle da an der Ostseite des Flughafens noch besteht, ich will dort demnächst hin?“

„Ja, die N5 und N6 sind da immer noch einspurig, das scheint noch eine Weile zu dauern.“

„Danke für den Tipp, dann fahren wir dort doch erst etwas später vorbei. Sie sind ja vielseitig interessiert. Waren Sie schon einmal in Fonds Saint Denis? Da gibt es dieses bekannte Restaurant mit einem chinesischen Koch, der Mann zaubert in seiner Küche.“

„Nein, noch nicht, ich hörte aber, dass man dort extra für ihn eine neue Gasleitung gelegt hat, damit er seinen Wok auch richtig befeuern kann. Wir wollen demnächst einmal vorbeigehen.“

So ging es eine Weile, Horastonian wusste genau, wie man Fragen stellt, und horchte mich sehr ausführlich aus. Er war Experte darin, welche Fragen zu stellen waren, um die gewünschten Antworten zu bekommen.

„Lassen Sie uns in den Salon gehen, da ist eine feine Leckerei gerichtet. Trinken Sie eigentlich lieber Sekt oder Champagner?“

Er führte mich in ein sehr schön eingerichtetes Zimmer. Die beiden hochgewachsenen Blondinen verließen jetzt das Zimmer zusammen mit einem der Leibwächter.

Zurück blieben sein persönlicher Leibwächter und zwei seiner Aufpasser.

„Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Horastonian setzte sich neben mich und wir redeten noch ein wenig Belangloses. Aber plötzlich ließ er die Maske des Gentlemans fallen und griff mir an meine Knie. Elegant und Verwirrung heuchelnd wich ich ihm aus. „Aber bitte, Horastonian…“ Das war aber bereits nicht mehr in seinem Sinn.

„Hank!“, war ein kurzes Kommando und einer der Wächter, der hinter mir stand, hielt meine Hände fest. „Paolo, die Beine, pass auf die Kleine auf, die ist bissig!“ Die beiden versuchten mich schnell festzuhalten, aber ein Tritt in Paolos Unterleib brachte ihn rasch zu Fall.

„Das reicht jetzt, du rote Zora, du hast mich den ganzen Abend angemacht, jetzt will ich sehen, ob du überall rote Haare hast. Hank, schnapp sie dir!“

Hank war eindeutig ein brutaler Mensch. „Hör auf, Püppchen, dann tut’s auch nicht so weh, wenn er dich…“ Weiter kam Hank nicht. Ich drehte mich um und zerkratzte sein Gesicht derart, dass er sofort abließ und ich freikam.

Noch ehe ich alles zusammenschreien konnte, hatte Horastonian mir eine Serviette in meinen Mund gestopft und sein persönlicher Leibwächter hielt mich fest.

„Horastonian, die wird schreien, denk an die Gäste oben!“, erinnerte ihn sein Leibwächter und tatsächlich dachte er kurz nach.

„Schade, ich hätte dich so gerne hier auf dem Tisch vernascht, aber du hast heute Glück, meine Süße. Bringt sie nach Hause. Und du, rote Zora, sag Gerome, dass ich in einer Woche am Freitagmittag zu ihm komme und die Rechnung bezahle. Jetzt raus mit ihr.“

Der Telefonanruf kam wie angekündigt eine Woche später. Gerome war am Telefon. „Hallo Horastonian, was darf ich für Sie tun?“

„Gerome, mein Freund, ich bin auf dem Weg zu dir in dein Büro Lager II, um meine Schulden zu begleichen. Ist deine rothaarige Angestellte auch da, ich würde sie gerne mit an den Strand nehmen?“

„Sie wird da sein, ich erwarte Sie dann im Büro, der Hintereingang ist für Sie geöffnet.“

„Gut, dann bis gleich, Gerome.“

Die Überprüfung meiner Person hatte demnach nichts ergeben, Onkelchen hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Als Übergabepunkt war das Lager II der vorbereiteten Fabrik vereinbart, südlich von Fort Charlotte im Clare Valley.

Als die beiden Wagen an den Hintereingang rollten, stieg Horastonian aus und wies seine Leibwächter an: „Sichert die Umgebung ab!“ Mit einem Blick zu seinem Leibwächter murmelte er: „Du kleine rote Zora, ich hoffe für dich, du bist für mich bereit!“ Dabei grinste er seinen Leibwächter breit an. „Du bleibst abfahrbereit im Wagen, ich denke, Gerome ist so klug, dass er diese Frau zu mir bringt.“

Mit diesen Worten stieg er aus. Als sich Horastonian langsam umdrehte, drang eine Kugel in seinen Kopf ein und beendete seine Drogenkarriere abrupt. Eine zweite Kugel schaltete seinen Leibwächter aus, dieser fiel mit dem Kopf auf das Lenkrad.

Der Rest gehörte den Geiern der Staatsmacht. Sie trieben die übrigen kleinen Gangster zusammen und verhafteten alle, das war es dann mit dem Drogenhandel für den Moment. Am Abend besprach ich mit Dagan den Abschluss der Aktion. „Meine liebe Mischka, die Federales haben auf der Insel die Drogen sichergestellt und dabei noch einige gefangene Mädchen befreit, dieser Horastonian war ein ganz übler Bursche.“

„Ja, dann war die Aktion also ein voller Erfolg.“

„Ja, sicherlich, ich gratuliere dir zu deinem Schuss. 1,2 Kilometer ist schon eine Ansage, und es ist gut zu wissen, dass du es noch immer kannst. Aber es gibt auch etwas anderes zu besprechen. Mir sind zwei meiner Agenten aus dem Raum Ozeanien umgekommen. Das Flugzeug hatte Motorschaden und die Landung lief schief. Jetzt brauche ich dich dort. Du hast die Erfahrung, kennst die Sprache und der Pazifik ist sowieso dein Wunschgebiet gewesen.“

„Danke, Onkelchen, gibst du mir noch die Unterlagen, damit ich mich einlesen kann? Ich packe und wann geht mein Flug?“

„Bereits morgen Abend um 21:30 Uhr und am Ziel erwarten dich deine neuen Kolleginnen und Kollegen.“ Zusammen mit mehreren anderen Agentinnen waren wir für den riesigen Bereich Ozeanien, also den Südpazifik, zuständig. Mein neuer Bereich war Australien und Neuseeland.

 

***

 

Ruhe vor dem Sturm

Am Montagmorgen beherrschte Beate die Titelseiten. Es gab keine Zeitung im Land, die nicht über sie und die Umstände ihres Todes berichtete.

Auch ein zweites Bild war auf den Titelseiten zu sehen… das Bild von Oberstaatsanwalt Trommer!

Warum er der Mörderin den gelockerten Vollzug erlaubte? Das war eine zentrale Frage. Nicht, warum Beate dort umkam! Trommers Antwort war umso erstaunlicher!

Er tat es, da es Beates Recht gewesen sei, doch das wolle er nicht weiter kommentieren, da er Beates Tod nicht für sich als Plattform nutzen wolle. Doch tat er genau das! War ich denn der Einzige, dem das auffiel?

Zugegeben, Trommer war ein sehr charismatischer Mensch, ein begnadeter Redner, der es sehr gut verstand, den Leuten das zu vermitteln, was sie glauben sollten.

Er besaß die ungewöhnliche Gabe, sich in die Persönlichkeit seines Gegenübers hineinzuversetzen. Trommer könnte problemlos einer armen Oma eine sündhaft teure Heizdecke verkaufen und gleichzeitig harte Strafen für solche Betrüger fordern und alle Beteiligten, sowohl Oma als auch Betrüger, würden ihm applaudieren.

Dieser Mann war auf dem Weg nach oben und er war skrupellos. Der Moment, in dem er noch hätte gestoppt werden können, war längst vorbei.

Mit Beates Fall hatte er sich der Öffentlichkeit präsentiert und die Leute fingen an, ihn zu lieben.

Die wichtigste Erkenntnis von all dem war, Beates Leben war für ihn völlig belanglos!

 

***

 

„Stein“, meldete ich mich zwei Tage später am Telefon.

„Bernkamp, Gerichtsmedizinisches Institut Mainstadt“, hörte ich eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Herr Stein, ich habe hier die Papiere für eine Tote mit Namen Fischer, die am Samstagabend aus der JVA zu uns überstellt wurde.“

„Ja, und?“

„Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion der Leiche angeordnet, aber ich habe keine Tote mit Namen Fischer, sondern lediglich ein paar Gewebeproben, die zur Untersuchung abgegeben wurden.“

„Was heißt, Sie haben keine Tote?“

„Genau das, hier im Institut ist keine Frau Fischer, weder tot noch lebendig.“

„Warten Sie, ich hole die Papiere aus der Akte“, sagte ich, legte den Hörer zur Seite und zog Beates „Frachtpapiere“ hervor.

„So, ich habe hier die Bescheinigung des Bestatters, der die Überführung durchführte. Und hier die Bestätigung, dass der Leichnam bei Ihnen… verdammt, was ist das denn für ein Mist?“, fluchte ich laut genug, so dass Bernkamp es hören musste.

„Warten Sie!“ Ich raschelte mit den Papieren und sagte: „Anscheinend wurden die Institute vertauscht. Die Probe sollte nach Frankfurt und die Leiche zu Ihnen. Mist, Frau Fischer wurde wohl in die Gerichtsmedizin nach Frankfurt überstellt.“

„Oh, das erklärt die Probe, damit konnte nämlich niemand etwas anfangen.“

„Gut, ich werde die Rückverlegung von Frau Fischer nach Mainstadt veranlassen.“

„Vielen Dank, Herr Stein, ich hatte schon befürchtet, dass sich die Leiche selbstständig gemacht hat.“

„Keine Ursache… und falls Sie mal eine Tote sehen, die sich erhebt und selbstständig macht, rufen Sie mich bitte zuerst an.“

„Haha, guter Witz, Herr Stein. Auf Wiederhören.“

„Ja, du mich auch“, dachte ich und legte auf. Nun begann sich das Karussell zu drehen…

 

***

 

„Ja, wir haben laut den Papieren eine Probe erhalten, die mit dem Vermerk Fischer gekennzeichnet ist, aber die Probe selbst oder gar eine Tote mit dem Namen haben wir nicht“, antwortete Frau Zappf, eine Mitarbeiterin der Gerichtsmedizin Frankfurt.

„Hören Sie, wir haben aber eine Bestätigung Ihres Institutes, dass ein Bestattungsunternehmen Ihnen am Samstagabend eine Leiche überführt hat, die eigentlich nach Mainstadt gebracht werden sollte.“

„Haben Sie die Bestätigung vorliegen?“

„Selbstverständlich, das Aktenzeichen ist die F/78-12-6-34“, teilte ich ihr mit und konnte das Eintippen des Aktenzeichens hören. „Tatsächlich! Am Samstag wurde ein versiegelter Sarg aus der JVA Mainstadt überstellt… versiegelt? Warum war der Sarg versiegelt?“

„Die diensthabende Ärztin wollte sichergehen, dass keine Beweise an der Leiche verunreinigt oder verfälscht werden.“

„Oh, wären doch alle Ärzte so gewissenhaft… also gut, der Sarg ist da, doch wo ist Frau Fischer?“

„Keine Ahnung, aber eine Leiche kann sich nicht in Luft auflösen und die Rechtsmedizin in Mainstadt bittet um die Überführung nach dort.“

„Herr Stein, ich werde nochmal alle Neuzugänge überprüfen, vielleicht liegt ja auch nur eine Verwechselung vor.“

„Vielen Dank, ich werde das den Kollegen in Mainstadt mitteilen.“

 

***

 

Detektivarbeit

„Na, Sherlock, wie geht es dir?“, begrüßte ich KHK Meyer in der Kantine des Landgerichtes, der dort allein an einem Tisch saß und auf einem Brötchen kaute.

„Hallo, Bad-Man. Lange nicht gesehen“, antwortete er und drückte mir die Hand.

Meyer war einer der dienstälteren Ermittler des LKA und ganz zufällig traf ich ihn nicht, denn aus Beates Akte wusste ich, dass er in diesem Fall ermittelt hatte. Ich kannte Meyer schon eine geraume Zeit und im Laufe der letzten Jahre sind wir uns im Gericht oder in der JVA öfter über den Weg gelaufen, beispielsweise wenn er dort eine Vernehmung durchführte und so verstanden wir uns mittlerweile recht gut. Ich setzte mich neben ihn und stellte eine Tasse Kaffee vor ihn, die er dankbar anschaute.

„Danke, ich habe nur kurz Zeit und an der Kaffeebar ist ein riesiger Andrang.“ Dabei zeigte er auf eine lange Schlange, die sich an der Kaffeeausgabe gebildet hatte.

„Du musst dich mit dem Personal gut halten, dann musst du auch nicht anstehen“, grinste ich. „Was treibst du heute hier?“

„Ich muss in der Raubmordsache aussagen. Du weißt schon, die beiden Frauen die sich als Pflegekräfte ausgegeben haben, um hilflose Rentner zu erleichtern.“

Ja, daran erinnerte ich mich. Das Duo hatte einige Zeit sein Unwesen getrieben, dann war ein Rentner, der etwas rüstiger war, misstrauisch geworden und hatte die beiden erwischt, wie sie seine Sachen durchsuchten. Daraufhin hatte eine der Frauen ihn mit einem Stuhl niedergeschlagen und der Mann starb.

„Das Gericht wird dir die zwei wohl als Kundschaft schicken.“

„Ach ja, die Sache… aber sag mal… warst du nicht auch in den Fischer-Fall involviert?“

Meyer wurde sofort misstrauisch. „Ja, warum?“

„Nichts, es interessiert mich einfach. Du hast doch sicher gehört, was passiert ist.“

„Ja, natürlich.“

„Ich war dabei und habe gesehen, wie sie starb, daher mein Interesse an der Sache.“

„Tut mir leid, wahrscheinlich werde ich paranoid.“

„Was bitte soll so einen gestandenen Ermittler wie dich paranoid werden lassen?“ Ich versuchte, es lustig rüberzubringen, doch meine Nackenhaare sträubten sich und es begann mir kalt den Rücken herunter zu laufen. Ich konnte es nicht fassen, aber Meyer schaute sich tatsächlich um, ob jemand zuhörte!

„Das war eine verdammt üble Sache!“

„Kann ich gut verstehen, eine Familientragödie ist immer schlimm, besonders wenn Kinder unter den Opfern sind.“

„Nein, das meine ich nicht.“ Wieder schaute er sich um. „Die Ermittlungen… wir mussten…“

„He, ist hier noch frei?“ Einer von Meyers jüngeren Kollegen kam an unseren Tisch, setzte sich dazu und Meyer verstummte sofort.

„Sie sind doch der Kerl aus dem Knast? Wie nennt man Sie, den Bad-Man! Cooler Name.“

Damit war der Typ bei mir unten durchgefallen. Er hatte ein arrogantes Gehabe und die Art, wie er meinen Spitznamen benutzte, klang ziemlich abfällig.

„Ja, so nennt man mich, aber das Recht, mich so zu nennen, muss man sich erst verdienen!“

Wir taxierten uns gegenseitig mit festem Blick und ich gab nicht nach. Schließlich brummte der Arsch etwas Unverständliches und kümmerte sich um seinen Kaffee. Meyer sagte kein Wort mehr, doch seine Augen sagten mir etwas ganz anderes.

„Wir sehen uns, Sherlock“, verabschiedete ich mich von Meyer, stand auf und ging.

„Blöder Arsch.“, hörte ich noch den Jungen murren und normalerweise hätte ich mir den Typ sofort vorgeknöpft und mit ihm den Boden aufgewischt, doch ich hatte gerade ganz andere Sorgen.

 

***

 

Beate lebte nun seit zwei Wochen in Veras Wohnung. Wie sie es versprochen hatte, machte sie keinen Ärger und achtete darauf, dass niemand etwas von ihrer Anwesenheit bemerkte. Vera verbrachte unterdessen mehr und mehr Zeit mit Beate. Die beiden schienen Freundinnen zu werden. Ich versuchte, Vera klar zu machen, dass über uns und ganz besonders über Beate, Trommers Damoklesschwert hing, doch meine Warnung schien an ihr vorbei zu gehen.

Warum Trommer Beates Leben unbedingt beenden wollte, war mir noch immer schleierhaft, denn ich machte mir keine Illusionen darüber, dass er Beates Urteil korrigieren wollte. Nein, er stellte nur zwei Tage nach seinem Besuch hier in der JVA den Antrag, das Verfahren gegen Unbekannt einzustellen, und bestritt seine „Beteiligung“ an Beates Tod in keiner Weise.

Doch Vera schien sich dieser Tatsache zu verschließen. Für Vera war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Beate wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnte. Ich fragte mich unterdessen, ob Beate das überhaupt wollte. Jetzt lebte sie für ihre Rache, die Gelegenheit sich an Petra Strass zu rächen, doch angenommen, sie würde ihre Rache bekommen… was dann? Ihre Familie gab es nicht mehr! Ich glaubte nicht, dass Beate oder Vera soweit vorausdachten.

Während der nächsten Tage wurde Beates Bild auf den Titelblättern immer kleiner und verschwand schließlich auf Seite 5, dafür wurde Trommers Bild immer größer und die Artikel über ihn umfangreicher.

Trommer hatte es geschafft, zum Selbstläufer zu werden. Man hätte glauben können, er wäre ein Politiker, der vor der Wahl noch einmal alles gibt, um wiedergewählt zu werden. Er griff ganz nebenbei Themen auf, die seine Person ins richtige Licht brachte und schaffte es, so in den Schlagzeilen zu bleiben. Natürlich war er klug genug, niemanden persönlich anzugreifen, doch nach und nach schaltete er einen möglichen Bewerber für den Posten als Generalstaatsanwalt nach dem anderen aus.

Dabei hatte er noch nicht einmal das Wort „Bewerbung“ oder „Generalstaatsanwalt“ in den Mund genommen. Nein, er spielte einfach nur den besorgten Staatsdiener! Mit dieser Methode machte er sich allerdings auch jede Menge Feinde, doch die waren ganz klar in der Minderheit. Und wenn sich jemand tatsächlich erdreistete etwas gegen Trommer zu sagen, brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Das konnte ein Shitstorm in den sozialen Medien sein oder die Zeitungen gruben etwas aus und zerrten eine Leiche aus dem Keller des Anklägers.

So kam es, dass nach und nach Trommers Gegner verstummten oder zum Schweigen gebracht wurden. Aber auch die, die nur passiv auf einen Fehler warteten, waren nicht sicher. Ein Wort der Kritik an der falschen Stelle kostete in diesen Wochen einige Karrieren. Mir wurde indessen immer klarer, dass ich mehr über Beates Fall herausfinden musste und dazu musste ich nochmals mit Meyer reden. Die Sache fing an zu stinken … Ich kannte Meyer. Er war einer, den nichts erschüttern konnte, und plötzlich hatte so einer Angst! Wenn Meyer schon Angst hatte… Dann musste da eine ganz große Sauerei am Laufen sein!

Ich schaute auf die Uhr, dann suchte ich seine Nummer heraus und rief ihn unter seiner Durchwahl an.

„Meyer.“

„Hier ist Stein. Hättest du Interesse an einem guten Mittagessen?“

Meyer schwieg am anderen Ende, wahrscheinlich wurde ihm gerade klar, dass meine Frage neulich keine reine Neugier war.

„Morgen Mittag um 12 Uhr im Schiller.“ Schon war das Gespräch beendet.

Ich starrte den Hörer ungläubig an und legte schließlich auf. „Da läuft etwas ganz gewaltig schief“, dachte ich und einmal mehr hatte ich das Gefühl, als würde ich nachts ohne Licht über die Autobahn rasen.

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, klingelte das Telefon erneut.

„Ja?!“

„Herr Stein, hier ist noch einmal Zappf vom Gerichtsmedizinischen Institut Frankfurt. Ich rufe erneut wegen der Sache Fischer an.“

„Fischer? … Ah ja, wurde Frau Fischer nach Mainstadt überführt?“

„Nein, deswegen rufe ich ja an, wir konnten Frau Fischer nicht finden.“

„Das ist ein Witz, oder?“

„Nein, das ist leider kein Witz. Wir haben den von Ihnen gelieferten Sarg, aber keine Leiche darin.“

„Hören Sie, der Sarg war versiegelt, es muss doch ein Protokoll geben, wer das Siegel geöffnet hat!“, sagte ich scheinbar sauer, denn ich wusste, dass es ein solches Protokoll nicht geben konnte. Vera hatte das Siegel angebracht, es dem Bestattungsunternehmer gezeigt, der hatte unterschrieben. In der Zeit, die der Bestatter brauchte, um das Formular auszufüllen, hatte ich das Siegel wieder entfernt, in der Hoffnung, dass dies am Samstagabend in Frankfurt nicht kontrolliert wurde. Soweit war meine Rechnung aufgegangen! Am Samstagabend hatte sich niemand in Frankfurt die Mühe gemacht, das Siegel zu überprüfen, denn das wäre uns sofort mitgeteilt worden. Jetzt, nach zwei Wochen war es so gut wie unmöglich nachzuvollziehen, wer das Siegel entfernt haben könnte. Ich jedenfalls hatte eine amtliche Bestätigung, dass der Sarg mit Beate als Inhalt versiegelt in Frankfurt angekommen war!

„Leider scheint jemand den Sarg geöffnet zu haben, ohne auf das Siegel zu achten und ein entsprechendes Protokoll auszufüllen.“

„Heißt das etwa, die Leiche von Frau Fischer ist Ihnen abhandengekommen?!“

„Wir versuchen noch zu rekonstruieren, wo Frau Fischer abgeblieben ist.“

„Was wäre denn der schlimmste Fall?“

„Dass Frau Fischer mit einer freigegebenen Leiche vertauscht und bereits eingeäschert wurde.“

„Dann muss es doch eine andere herrenlose Leiche geben? Was ist denn da bei Ihnen los?“

„Die ursprüngliche Verwechslung lag auf Ihrer Seite!“

„Ja, das ist schon richtig, aber Fakt ist, dass die Leiche von Frau Fischer bei Ihnen ankam und jetzt verschwunden ist!“

„Nur um alle anderen Möglichkeiten auszuschließen, hat mein Abteilungsleiter mich beauftragt, bei Ihnen nachzufragen, ob die Leiche von Frau Fischer auch tatsächlich in dem Sarg war.“

„Warten Sie… jetzt wo Sie es erwähnen… hier riecht es in den letzten Tagen so seltsam…“

„Es gibt keinen Grund sarkastisch zu werden, Herr Stein!“

„Verdammt! Wir sind eine JVA! Hier liegen keine Leichen herum!“

„Es war auch lediglich eine Nachfrage. Ich werde dies so ausrichten und wir suchen weiter.“

„Gut! Wenn Sie Frau Fischer gefunden haben, geben Sie mir umgehend Bescheid!“ Damit knallte ich den Hörer auf und musste zum ersten Mal seit zwei Wochen herzhaft lachen.

 

***

 

Die andere Wahrheit

Am nächsten Tag machte ich mich auf, um ins Schiller zu gehen, ein kleines verwinkeltes Restaurant in der Altstadt. Am Wochenende brauchte man dort erst gar nicht ohne Reservierung hinzugehen, doch mitten in der Woche um die Mittagszeit hatte man meistens Glück.

Meyer saß in einem der Winkel, von dem er das Restaurant überblicken konnte und wartete auf mich.

„Hallo, Sherlock“, begrüßte ich ihn und dieses Mal ignorierte er meine Hand, die ich ihm entgegenstreckte.

„Hallo Mister, es interessiert mich einfach.“

Ich setzte mich und Meyer dirigierte mich in eine Ecke, von der aus ich von der Straße nicht gesehen werden konnte, falls jemand am Restaurant vorbeiging.

„Was ist bloß los mit dir? Wieso hat ein so erfahrener Ermittler wie du Angst?“

Bevor Meyer antworten konnte, wurde unsere Bestellung aufgenommen und er wartete, bis die Bedienung wieder weg war.

„Bevor ich auch nur ein Wort sage, will ich wissen, wieso dich das interessiert.“

„Die letzten Worte von Beate Fischer waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht>. Wenn das stimmt und ich glaube es, wurde sie zu Unrecht verurteilt. Das hört sich jetzt vielleicht abgedroschen an, doch es ist etwas, mit dem ich schlecht leben kann und das ich nicht hinnehmen werde. Ich will den wahren Mörder!“

„Sie war eine Mörderin. Sie hat ihren Mann mit 40 Messerstichen praktisch filetiert.“

„Er soll die gemeinsame Tochter erwürgt haben. Wenn ich Kinder hätte und jemand würgte sie, könnte er froh sein, wenn er mit nur 40 Messerstichen davonkommt.“

„Woher weiß du das?“

„Was?“

„Dass ihr Mann die Kleine erwürgt hat! Das steht weder in der Akte noch in einem Bericht.“

Verdammt, Meyer hatte mich ertappt! Ich hatte mich zu sehr auf Beates Bericht verlassen und die Akte weniger genau gelesen… als Ermittler war ich wohl ein blutiger Anfänger.

„Von Beate. Sie hat erzählt, dass sie dazu kam, als ihr Mann die kleine Ella würgte. Sie hätte versucht, die Tochter zu retten, aber es war zu spät.“

„Das sind ziemlich viele letzte Worte!“

„Scheiße! Also gut, ich habe mit ihr geredet, bevor sie in den gelockerten Vollzug kam, schließlich musste ich eine Bedrohungsanalyse vornehmen.“

„Und du hast es trotzdem getan? Ich meine die Verlegung in den gelockerten Vollzug.“

„Was hätte ich denn tun sollen? Laut Gesetz stand ihr das Recht zu! Unser Job ist es dafür zu sorgen, dass so etwas nicht geschieht… tja, da habe ich ganz klar versagt… aber ich habe Beate versprochen, den wahren Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.“

Meyer schwieg eine Zeit lang und blickte mich nicht an, als er anfing zu erzählen. „Ich war als einer der ersten Ermittler am Tatort. Die Kollegen hatten Beate Fischer schon in Handschellen abgeführt. Laut der Zeugin Strass hatte diese mit Beates Mann und der kleinen Ella Kaffee getrunken, um nachträglich den ersten Schultag zu feiern. Es hätte wegen vorheriger Probleme zwischen Fischer und Strass eine klare Absprache zwischen Beate und ihrem Mann gegeben. Jedes zweite Wochenende würde Petra Strass zu ihrem Freund kommen und Beate würde in der Zeit außerhalb des Hauses bleiben. Das hätte man so vereinbart, da es zwischen den Frauen Handgreiflichkeiten gegeben haben soll, die, ebenfalls nach Aussage von Strass, ausschließlich von Beate ausgegangen sind. Mit dieser Regelung wäre man dann drei Monate gut gefahren. Dennoch hätte Beate sie immer wieder bedrängt und auch verbal angegriffen. Auch Telefonterror hätte Petra Strass erdulden müssen.“

„Verflucht hart dieses Abkommen.“

„Schließlich kam der Tag, an dem der Streit eskalierte. Petra Strass sagte aus, Beate sei trotz der Übereinkunft in das gemeinsame Haus gekommen und hätte ihr in der Küche eine Szene gemacht. Dabei sei es zum Streit zwischen Beate und ihrem Mann gekommen. Im Laufe des Streites hätte der Mann damit gedroht, sie aus dem Haus zu werfen und dafür zu sorgen, dass sie das Sorgerecht für Ella verliert. Daraufhin wäre Beate durchgedreht, hätte die kleine Ella gepackt und ihr die Hände um die Kehle gelegt.

„Wenn ich sie nicht bekomme, bekommt sie keiner!“, soll sie geschrien haben. Ihr Mann soll Beate von Ella losgerissen und zu Boden geworfen haben, doch der Kehlkopf der kleinen Ella war bereits zerquetscht.

Während der Ehemann sich am Boden kniend um Ella gekümmert hätte, nahm Beate das Messer und stach auf ihren Mann ein. Petra Strass sagt weiter, sie hätte versucht, Beate davon abzuhalten, doch Beate hätte sie zur Seite geschleudert und sie sei mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen. Anschließend sei sie aus dem Haus geflüchtet und hätte die Polizei gerufen. Soweit die Aussage von Petra Strass.“

„Und? Wie ist es deiner Meinung nach wirklich abgelaufen?“

„Meiner Meinung nach? Wen interessiert meine Meinung schon!“

„Mich, verdammt nochmal. Und dich selbst!“

Wieder schwieg Meyer einen Moment, dann fuhr er fort. „Das erste was mir auffiel, waren die Würgemale am Hals der kleinen Ella. Die passten nicht zu Beates Händen. Auch war an der Kleinen kein Blut. Wäre es so gewesen, wie die Strass sagte, dass der Mann sich um Ella kümmerte, als Beate mit dem Messer auf ihn losging, hätte die Kleine mit Sicherheit einiges abbekommen. Also haben wir uns die Leiche von Beates Mann genauer angesehen.

Hast du schon mal jemanden erstochen? Das ist gar nicht so einfach, es kostet nämlich einiges an Kraft. Beate hat das Messer 44 Mal in ihren Mann gerammt. Die ersten Stiche waren tief und drangen bis zum Heft in ihn ein, die Letzten waren nur noch halb so tief.

Doch die tiefen Einstiche waren nicht im Rücken! Strass sagte aber, Beate hätte ihrem Mann von hinten angegriffen, als er sich um das Kind kümmerte. Die tiefen Stiche waren alle auf der Vorderseite! Genau 17 Stiche. Dann wurde Beate kraftloser und die letzten 5 Stiche waren nur noch oberflächlich. Nur diese waren auf dem Rücken. Für mich stand sofort fest, dass die Aussage der Strass von vorne bis hinten erlogen war.“

Als ich das hörte, war ich zutiefst geschockt. Beate war, nein, Beate ist unschuldig. Der ganze Prozess und damit Beates Urteil beruhten auf einer Falschaussage. Verfluchter Mist!

„Wenn ihr das wusstet, warum habt ihr nichts getan? Ihr habt zugesehen, wie eine Unschuldige zu lebenslanger Haft verurteilt wurde!“

„Glaubst du ernsthaft, wir hätten nichts gemacht?! Verdammt! Ich war noch vor Ort, als Trommer erschien. Er ließ sich einen vorläufigen Bericht geben und verschwand. Während wir unsere Berichte schrieben, besuchte er Petra Strass und ließ sich ihre Version erzählen. Kaum waren unsere Berichte zur Staatsanwaltschaft gegangen, wurden wir zu ihm bestellt, nein, wir wurden nicht bestellt, wir wurden herbeizitiert! Trommer teilte uns mit, dass wir unsere Ermittlungen an den Aussagen von Petra Strass ausrichten sollen. Sie wäre schließlich die einzige Augenzeugin. Wir waren völlig perplex. Natürlich haben wir ihre Aussage in Erwägung gezogen, doch da gab es einige Ungereimtheiten. Wir machten Trommer darauf aufmerksam und Trommer bat uns die Ergebnisse der Untersuchungen der Rechtsmedizin abzuwarten und diese ihm vorab mitzuteilen. Wir waren einverstanden, schließlich war er für den Fall zuständig.

Nach drei Wochen kamen die Ergebnisse, es war genau, wie wir vermutet hatten. Petra Strass hatte gelogen. Beate hat zwar ihren Mann umgebracht, das gab Beate ja auch zu, aber die Würgemale deuteten auf den Ehemann als Mörder von Ella hin. Auch die Messerstiche bestätigten, dass Beate ihren Mann frontal anging. Mit diesem Ergebnis unter dem Arm sind wir zu viert zu Trommer. Er ließ sich alles haarklein darlegen und dachte nach. Dann sagte er, dass er die Version der Strass für plausibler halte und wir diese als Ermittlungsbasis nehmen sollten.

Wir dachten, dass wir uns verhört hatten. Trommer saß ganz ruhig da und verlangte von uns, die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken. Natürlich haben wir abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll. Dabei war ich noch der freundlichste von uns.“

„Was ist dann passiert? Ihr vier wart euch einig, dass Petra Strass lügt und dennoch wurde das in der Verhandlung nicht ein einziges Mal erwähnt.“

„Ein paar Tage später gab es einen versuchten Einbruch. Die Meldung besagte, ein angetrunkener Jugendlicher würde versuchen, die Sicherheitsglasscheibe eines Juweliers einzuschlagen. Einer von uns vier hatte gerade Dienst und fuhr hin.“

„Und?“

„Der Betrunkene hat ihn niedergeschossen. Eine Woche später wurde der Zweite von uns von hinten niedergeschlagen und liegt seitdem im Koma.“

Meyer schwieg.

„Und der Dritte?“

„Der hat Trommers Version geschrieben, in die Akte gepackt und ist jetzt drei Gehaltsstufen höher als Chef einer Sondergruppe.“

„Was ist mit dir?“

Meyer schwieg wieder. Was sollte er auch sagen? Dass er zu feige gewesen war, Trommer die Stirn zu bieten? Dass er zu viel Anstand hatte, Trommers Angebot anzunehmen? Die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen.

„Ich habe noch zwei Jahre und keine Lust, schon vorher zu sterben. Also halte ich die Klappe. Beate hat ihren Mann umgebracht. Ganz unschuldig war sie also nicht.“

„Du machst es dir ganz schön einfach.“

„Tue ich das? Ich erzähle dir mal was. Falls du dich mit Trommer anlegst, dann pass gut auf dich auf, wenn du nachts unterwegs bist. Hast du nicht diese rothaarige Freundin? Ich an deiner Stelle würde sie nicht mehr aus den Augen lassen.“

„Das würde sich nicht mal Trommer wagen.“

„Ach ja?“, grunzte er. „Neulich wollte ich meinen Enkel an der Kita abholen, da wurde mir gesagt, dass er schon abgeholt sei. Ich habe sofort Alarm geschlagen, und weißt du was? Er war zu Hause und niemand weiß, wie er dorthin kam! So viel zu dem, du machst es dir einfach.“

Mein Kopf fing an, sich zu drehen. Dass Trommer ein Mistkerl war, das wusste ich ja mittlerweile schon, aber was für ein Mistkerl, das wurde mir erst jetzt langsam bewusst.

Mein Plan, Trommer mit irgendwelchen Ermittlungsergebnissen dazu zu bringen, Beate zu rehabilitieren war jedenfalls gestorben. Meyer würde kein Wort verlieren. Gleichzeitig geriet ich in Rage. Rage? Das war gar kein Ausdruck für die Wut, die in mir hochstieg!

Ich arbeite in einem Rechtsstaat. Gerichtsurteile, an deren Umsetzung ich beteiligt bin, werden von unabhängigen Gerichten gesprochen und dieser Mistkerl hat das Gericht dazu benutzt, seinen schmutzigen Plan in die Tat umzusetzen. Schlimmer noch! Trommer hatte nicht nur das Gericht benutzt, er hatte MICH benutzt. Gut, wir konnten die Umsetzung dieses Verbrechens an Beate verhindern, doch nun wurde mir klar, dass ich mich mit ihrer Rettung selbst in eine Sackgasse begeben hatte, aus der es keinen Ausweg mehr gab, … außer… Beate starb. Natürlich kam das nicht in Frage, doch eine Lösung schien jetzt noch unerreichbarer als vor zwei Wochen!

„Überleg es dir gut, ob du einen Kreuzzug gegen Trommer startest. Und falls ja, dann mach dir keine Hoffnung. Du stehst allein!“

Mit diesem Satz fischte Meyer einen Geldschein aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und verschwand.

Ich blieb noch ein paar Minuten sitzen und ordnete meine Gedanken. Als Erstes musste ich meine Wut unter Kontrolle bringen, dann erst konnte ich mich auf den Rückweg machen. Zwanzig Jahre Berufserfahrung hatten mich gelehrt, dass dies eine gute Idee ist. Als ich zu meinem Wagen kam, standen dort zwei Männer am Auto und warteten scheinbar auf mich.

„Sieh mal an, der Bad-Man“, meinte der eine. Es war der Hundesohn aus der Kantine mit einem zweiten Kerl. Beide waren in Zivil und die beiden waren sicher nicht dienstlich an meinem Wagen interessiert.

„Tu dir selbst einen Gefallen und verschwinde“, riet ich dem Idioten.

„Du triffst dich mit den falschen Leuten, Bad-Man. Ich dachte, ich weise dich vorsichtshalber darauf hin.“

Obwohl ich meine Wut unterdrückt hatte, brodelte in mir noch immer eine riesengroße Portion Hass. Ich merkte, wie sie begann, von mir Besitz zu ergreifen.

„Und ich weise dich vorsichtshalber darauf hin, dass ich dir in fünf Sekunden die Fresse poliere, wenn du nicht abhaust!“

Diese Warnung nahm der Typ nicht ernst und kam einen Schritt auf mich zu, dabei setzte er sogar noch einen obendrauf, indem er freundschaftlich seinen Arm um mich legte.

„Hör zu, Bad-Man. Damit das klar ist…“

Weiter kam er nicht. Mein linker Fuß krachte auf sein Knie und gleichzeitig packte ich ihn in den Haaren, zerrte seinen Kopf nach unten und mein Knie nach oben. Es traf ihn mitten ins Gesicht, bei dem die Nase knirschend nachgab. Noch während er zusammenklappte, hatte ich ihm seine Pistole aus dem Halfter gerissen und hielt sie seinem Kollegen unter die Nase.

Der hatte auch die Hand an seiner Waffe, doch er war so überrascht, dass er sie noch nicht gezogen hatte. Deutlich hörbar entsicherte ich die Waffe.

„Ich würde es nicht darauf anlegen!“, sagte ich mit eiskalter Stimme, dabei hielt ich die Waffe ohne das geringste Zittern. „Die Pfoten weg von der Waffe!“

Ganz langsam nahm er die Hand von seiner Waffe und hob die Hände schön so, dass ich sie sehen konnte.

„Jetzt klemm dir die Pfeife unter den Arm und verschwinde! Und bevor ihr Blödsinn macht, beim nächsten Mal kommt ihr nicht so gut davon!“

Ich hielt die Pistole weiter auf ihn, bis er das Arschgesicht in ihr Auto gepackt hatte, dann deutete ich ihm die Seitenscheibe herunterzufahren. Als die Scheibe offen war, warf ich das Magazin aus der Pistole, entlud sie und warf Waffe und Magazin durch die offene Scheibe in den Innenraum. Arsch Nr. 2 gab Vollgas und verschwand, während ich in mein Auto stieg und zur JVA zurückfuhr.

Was für eine Scheiße! Ich machte mir zwar keine Gedanken, dass die beiden eine Anzeige schreiben würden, aber irgendjemand überwachte mich. Wer das war, darüber musste ich nicht rätseln. Trommer! Und die beiden Pfeifen würden sicher bereits mit ihm reden. Na ja, reden würde wahrscheinlich nur einer der beiden. Immer noch kochend vor Wut saß ich später im Büro. Langsam erkannte ich das Netz, in dem ich mich verfangen hatte. Was immer Trommer für einen Plan hatte, ich hatte keine andere Wahl, als mitzumachen. Beate war tot. Wie sollte ich erklären, dass sie noch lebte? Wer würde mir glauben?

Niemand! Es war, wie Meyer gesagt hatte, ich stand allein da.

 

***

 

„Na, du Ermittler?“, grinste Vera. „Ich muss gleich auf die Krankenstation und wollte nur kurz vorbeischauen.“ Meinte sie und setzte sich auf das Sofa gegenüber vom Schreibtisch.

„Hm“, grunzte ich.

„Mach es nicht so spannend, was hast du herausgefunden?“

Ich erzählte Vera alles, was ich von Meyer erfahren hatte und auch, was im Anschluss geschehen war. Vera wurde blass, als sie die Wahrheit über Beates Fall erfuhr.

„Endlich, jetzt wissen wir was wir machen müssen, um Beate zu helfen!“

„Hast du nicht zugehört? Trommer wird niemals zulassen, dass wir ihn kompromittieren. Womit auch? Beate ist tot, hast du das schon vergessen? Wenn wir da irgendwie rauskommen wollen, gibt es nur einen Weg! Wir lassen die Bombe platzen und gehen zu Frank. Mit etwas Glück behalten wir unseren Job, Beate wird von den Toten auferstehen und kommt in den geschlossenen Vollzug. Dann muss sich Trommer etwas Neues ausdenken.“

Als die Worte bei Veras Gehirn ankamen, wich alle Farbe aus ihr.

„Nein!“, flüsterte sie. „Nein, das darfst du nicht!“

„Vera…“

„Nein!“ Vera war aufgesprungen und schrie fast. „Das werde ich nicht zulassen!“

„Vera, du weißt besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt, dass mir das keinen Spaß macht, aber…“

Da geschah etwas, was mich fassungslos machte.

Vera ging vor mir auf die Knie!

„Ich flehe dich an, tu es nicht!“

Sie sah mir direkt in die Augen. In diesem Blick lag wirklich alles! Der Blick sagte mir, dass sich Vera unsterblich in Beate verliebt hatte.

Die Angst, diese Liebe zu verlieren und die Bereitschaft für diese Liebe zu kämpfen, koste es, was es wolle.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Nein, ich war … keine Ahnung! Völlig schwindelig kniete ich mich zu Vera und nahm sie in den Arm, als sie anfing zu weinen und dabei bebte, während ich sie hielt.

„Versprich es mir! Versprich mir, dass du sie beschützt!“, flehte sie tränenüberströmt.

Was sollte ich nun tun? Vera war der wichtigste Mensch für mich auf dieser Welt.

„Ich verspreche dir, dass ich nicht zu Frank gehe, egal was geschieht, ich beschütze sie.“

„Ich muss zum Dienst. Sieh mir in die Augen und sag mir, dass du dein Wort hältst.“

Mit der Hand griff ich unter Veras Kinn, hob ihren Kopf und sah ihr in die Augen. „Ich verspreche es.“

Noch immer weinend ging sie heraus und ich blieb erschüttert zurück.

Jetzt war es keine „unpersönliche“ Sache mehr. Vera liebte Beate! Seltsamerweise kam kein Funken Eifersucht in mir auf, obwohl mir bewusst war, dass ich Vera verloren hatte. Nun war Veras Schicksal mit dem von Beate verbunden. Wenn Beate unschuldig in Haft käme und dabei war es sehr wahrscheinlich, dass es früher oder später einen neuen Anschlag gab, würde Vera das nie überwinden. Das kam nicht in Frage, weder heute noch an einem anderen Tag.

Genau jetzt, an diesem Punkt hatte ich die Wahl. Was war mir wichtiger? Veras Sicherheit ober aber das Wort, das ich ihr vor wenigen Sekunden gegeben hatte?

NEIN! ICH HATTE KEINE WAHL! Niemals könnte ich Vera hintergehen und mein Wort zu brechen, kam für mich erst recht nicht in Frage! Vielleicht würden wir alle draufgehen, aber dann, verdammt nochmal, gingen wir kämpfend unter!

 

***

 

Übersee-Einsatz

Mein Onkelchen meldete sich einige Wochen später erneut bei mir, um meine Hilfe bei einem besonderen Fall einzufordern. Sein Anruf begann stets mit den gleichen lieblichen Worten: „Mischka, meine Kleine, wir haben da ein Problem!“

„Ich schick dir über den anderen Kanal eine Datei, melde dich, wenn du Fragen hast, ja?“ Damit begann ein weiterer interessanter Einsatz für meinen lieben Onkel. Die gesicherten Daten ergaben, dass sich ein Verräter nach Perth absetzen wollte und dass diese Person die geheimsten Pläne der US-Verteidigung verraten wollte. Das Dumme an der Angelegenheit waren zwei Dinge: Man wusste im Moment nicht genau, wer der Verräter war, und auch nicht, was als Übergabemedium gewählt wurde – also Film, Datenspeicher oder was auch immer.

Eines aber wusste man genau, welchen Fluchtweg der Verräter gerade nahm. Damit kam ich ins Spiel. Beide als Verräter in Betracht gezogene Personen waren auf Mikronesien ausfindig gemacht worden, aber dann in Richtung Nauru und den Solomon-Inseln entkommen. Das war mein Gebiet und ich machte mich auf den Weg nach Honiara. Der Flughafen Lungga hatte von seiner herrlichen Lage noch immer nichts eingebüßt. Ich stand bereit und wartete auf neue Informationen, als mein Handy summte. Endlich kamen die Neuigkeiten, auf die ich so dringend wartete.

„Mischka, wir haben es jetzt. Der Verräter hat detailliertes Wissen über die US-Alarmierungskette in Luft- und Wasser. Er kennt den Platz jeder Sonarsonde und auch die versteckten in den Sektoren B07 bis B09.“

Der eigentliche Spion war also enttarnt. John Mercury, so nannte sich der Mann, die Bilder zeigten einen attraktiven Mann. Unter den Merkmalen stand „sexuell aktiv, eidetisches Gedächtnis“, er war also ein Mann mit fotografischem Gedächtnis, der nichts anbrennen ließ.

Endlich, eine Stunde vor der Landung der Maschine, kam die Bestätigung von Onkelchen, dass dieser Mann tatsächlich in der Maschine wäre und definitiv der Verräter war.

Die Übergabe würde in Perth stattfinden, ich musste also vorher an ihn herankommen. Die Informationen lauteten, dass er die Nacht hier in einem guten Hotel verbringen wollte und am Morgen weiter nach Australien fliegen wollte. Ich musste also schnell handeln.

 

***

 

John Mercury hatte seine Augen überall, als er die Boeing verließ. „Auf Wiedersehen, ihr Hübschen!“, rief er noch und die Stewardessen lächelten ihm dankbar zu.

Heimlich prüfte er seine Umgebung und war sich sicher, dass er noch nicht aufgefallen war. Deswegen hatte er diesen abgelegenen Flughafen gewählt. Nach der Zollabfertigung huschte er eilig um eine Ecke und rannte dabei eine Frau um, als er sich gerade wieder einmal hektisch umsah. Eine Frau? Aber was für eine Frau! Das enganliegende, teure Kostüm war zerdrückt, das sah er auf den ersten Blick, und einer der sündhaft teuren Manolos war am Absatz gebrochen. Die attraktive Frau blickte verwirrt vom Boden zu ihm auf.

„Entschuldigen Sie bitte tausendmal, ich habe Sie völlig übersehen! Ich war auf der Suche nach meinen Flugdaten, sind Sie verletzt?“

„Mein Kopf schmerzt, ich glaube, ansonsten bin ich in Ordnung. Oh, mein Fuß tut auch weh und ich kann nicht aufstehen. Nein, mein Schuh ist auch noch kaputt!“

„Oh, ich befürchte, der ist hinüber, hier bitte halten Sie sich an mir fest beim Aufstehen.“ Ganz galant half er der Frau in dem eleganten Kostüm auf. Sie betrachtete kurz die Manolos. „Der ist wohl nicht mehr zu retten.“ Ohne viel zu reden, zog sie den anderen Schuh ebenfalls aus.

„Verzeihen Sie bitte, Miss …?“

„Mellow, Yasmin Mellow, und Sie sind?“

„John Mercury, es tut mir unsäglich leid und selbstverständlich übernehme ich all Ihre Auslagen, die Sie jetzt durch mich haben.“

Im Laufe des Gespräches erfuhr Mercury, was er wissen musste. Sie war jung und ledig, aber durch den Zusammenprall etwas angeschlagen. Offenbar hatte sie Angst, im Leben noch etwas zu verpassen, gab sie John Mercury das Gefühl. Also ließ er sich auf das Spiel ein.

Rasch hatte er ihr ein paar Drinks spendiert und diese zeigten ihre Wirkung. In einem luxuriösen Schuhgeschäft versorgte er die hübsche Frau mit ihren langen, roten Haaren und tollen Brüsten mit neuen Markenschuhen. Danach schlenderten sie durch die Hotelanlage. Yasmin ging neben John und sie betrachteten diese und dann jene Auslage in den vielen Geschäften.

„Wann müssen Sie weiter, Yasmin? Mein Flieger geht erst morgen zur Mittagszeit?“

„Ich habe auch noch einige Zeit, mein Flug steht für 14:30 Uhr auf dem Plan.“

„Darf ich Sie zu einem gemütlichen Abendessen einladen, quasi zur Wiedergutmachung? Hier gibt es einen wunderbaren Italiener, der zaubert die besten Pizzen dieser Region.“

„Ich liebe italienisches Essen und habe einen Bärenhunger. Bitte!“ Damit hakte sich Yasmin bei John am Arm ein und sie gingen zusammen los. Das Abendessen war sehr gut und es floss reichlich Wein. Daher hielt es John Mercury für sehr vorteilhaft, dass er Yasmin mit in sein Hotelzimmer nehmen konnte.

 

***

 

Nach einer Weile und reichlich Rotwein lag sie in seinen Armen und nach einer wilden Nacht erwachte John, deutlich von den Anstrengungen der Nacht gezeichnet. Yasmin Mellow hatte ihm alle Wünsche erfüllt. Dennoch überprüfte er ihren Ausweis und die sonstigen Dinge in ihrer Handtasche. Aber alles sah so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Eine erfolgreiche, junge Geschäftsfrau, die einfach nur leben wollte. Vielleicht ergab es sich nochmal, dass er Yasmin treffen konnte.

Ein prüfender Blick in das Bett, ihr wunderschöner Körper lag da und er wusste, dass er sich frisch machen musste, schließlich wollte er danach noch einen weiteren Termin bei ihr haben. Schnell stieg er unter die Dusche und der heiße Dampf umgab ihn. Die Dusche war erfrischend heiß und brachte ihm seine Lebensgeister wieder zurück.

Beschwingt entstieg er der Dusche, suchte im Dampf das Badetuch und rutschte plötzlich auf einem Stück Seife aus. Unglücklich stürzend fiel er mit dem Kopf auf einen Hocker, der an einem ungünstigen Platz stand. Mit einem leisen Knacken brach sich John dabei sein Genick.

Die Tür öffnete sich nun vollständig und die Dame aus dem Bett trat in die Dusche ein. Aus Yasmin Mellow war wieder Caroline Miles geworden, die eiskalt berechnend ihrem Job nachging.

Sie löste ein dünnes Seil vom Hocker und prüfte die Reaktion der Pupillen des Gestürzten mit einer kleinen Taschenlampe. John Mercury war eindeutig tot! Offensichtlich beim Liebesspiel im Bad unglücklich gestürzt. Mit einem raschen Drehen seines Kopfes versicherte sich Caroline, dass er tatsächlich nicht mehr erwachen würde. Daraufhin ließ sie den Dampf abziehen und schoss zwei Bilder des Verräters mit ihrem Handy, mailte die Bilder über eine besonders gesicherte Leitung und löschte sie anschließend wieder von ihrem Handy.

Nach einem kurzen Reinemachen verließ sie das Bad und anschließend völlig neu eingekleidet auch das Hotel. Kurz darauf flog sie in einer Privatmaschine hinaus auf die offene See und verschwand.

Als der Zimmerservice schließlich John Mercury fand, lief alles nach Plan. Das erschrockene Zimmermädchen schrie nach Herzenskräften und einer der Hotelgäste kam zu ihr. „Meine Gute, was haben Sie denn, kann ich Ihnen helfen?“

„Da drinnen in der Dusche! Schrecklich, der Mann liegt mit offenen Augen in der Dusche.“

„Bitte rufen Sie die Polizei, ich bin Internist, ich warte, bis die Polizei kommt, vielleicht kann ich ja helfen.“

Die Polizei untersuchte den Fall. Es gab keine Aufregung und nur die örtliche Presse schrieb später vom „Letzten Liebesspiel eines Galans“ und machte eine richtige Lovestory mit einer schönen Unbekannten daraus.

Dass der Verstorbene ein Verräter war, würde auf der kleinen Insel niemand erfahren. Mein Onkelchen hatte die Daten bereits, als ich ihm vom erfolgreichen Abschluss des Auftrages berichtete. Er informierte mich, dass der Mann sogar ein Doppelagent war und in Australien Geschäfte mit den Chinesen und Russen zugleich machen wollte.

Sein Wissen über die US-Alarmierungskette in Luft- und Wasser wären dabei sehr wertvoll gewesen. Die Daten, die er im Kopf hatte, waren brisant gewesen. Aber jetzt kam niemand mehr an diese Daten heran. Die Geheimnisse waren wieder sicher.

In Perth warteten einige Agenten aus unterschiedlichen Ländern vergeblich auf einen Mann und lasen später von dem Liebesunfall. Spätestens da war ihnen klar, dass ihr Spion nicht mehr kommen würde und sie zogen ab.

 

***

 

Konsequenzen

Zwei Tage war der Vorfall mit Trommers Arschgesichtern nun her und Trommer hatte sich noch immer nicht gemeldet, obwohl die beiden Pfeifen ihm mit Sicherheit alles gesteckt hatten.

Vera hatte Beate berichtet, was ich herausgefunden hatte und wohl auch, was für Konsequenzen uns allen drohten. Gestern Abend, als Vera Dienst hatte, saß ich bei Beate und wir sprachen über Meyers Entscheidung, den Mund zu halten. Sollte Vera Beate auch erzählt haben, dass ich in Erwägung gezogen hatte, die Notbremse zu ziehen, um Trommers Plan zu vereiteln, verbarg sie es gut. Irgendwann stand sie auf, kam zu mir und setzte sich auf dem Zweisitzer-Sofa neben mich.

„Peter, ich liebe Vera. Ich weiß, es ist völlig verrückt… meine Familie… und dennoch liebe ich sie mehr als alles andere, was mir auf dieser Welt geblieben ist. Vera gibt mir etwas, das ich nach dem Tod von Ella für immer verloren glaubte… bedingungslose Liebe. Sie gibt mir den Glauben an das Gute in uns und sie gibt mir Hoffnung! Falls es Vera schützt, dann geh zu deinem Chef und beende die Sache!“

Schweigend saß ich neben ihr und schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Gestern wollte ich es tun, da ich keinen anderen Weg sah, aber Vera hat mich angefleht, es nicht zu tun. Ich gab ihr mein Wort, es nicht zu tun. Warum?… Ich habe ihre Augen gesehen… Trommer will, warum auch immer, deinen Tod! Doch wenn du stirbst und das könnte ich nur verhindern, wenn wir dich in Einzelhaft stecken, dann wird Vera für immer gebrochen sein. Das werde ich nicht zulassen! Darum werde ich kämpfen, auch wenn es mein Untergang ist.“

Beate sah mich an und drehte mein Kinn in ihre Richtung. Zum ersten Mal sah ich diese schöne Frau aus dieser Nähe. Die Gesichtszüge waren sehr fein gezeichnet, ihr Mund hatte genau die richtige Größe und ihre wunderschönen smaragdgrünen Augen funkelten wie kleine Diamanten. Kein Wunder, dass sich Vera in Beate verliebt hatte. Sie nahm meine Hand in ihre und sagte dann zu mir: „Wir kämpfen zusammen. Für Vera!“

„Für Vera“, schwor ich ihr.

Beate lehnte sich gegen mich und ich legte meinen Arm um sie. Über eine Stunde saßen wir so zusammen und keiner wollte den anderen loslassen, bis sie mich schließlich fragte: „Bist du mir nicht böse wegen Vera?“

„Böse? Nein! Vor Vera hatte ich nie eine längere Beziehung, erst als sie in mein Leben trat, wusste ich, was es bedeutet, jemanden wie sie an der Seite zu haben. Sie verdient es, glücklich zu sein, genau wie du.“

 

***

 

Jetzt saß ich hier und hatte noch immer keine Ahnung, wie ich meinen Kampf zu führen hatte, als Jessika in mein Büro kam. In der linken Hand trug sie zwei Kaffeetassen und in der rechten den Generalschlüssel. Sie schloss die Tür, steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch und sperrte die Tür hinter sich ab.

Mit einem fragenden Gesicht reichte mir Jessika eine der Tassen und setzte sich mir gegenüber auf den Besucherstuhl.

„Also?“, wollte sie wissen.

„Also, was?“

„Ich habe diesen Blick in deinen Augen schon einmal gesehen. Vor über 20 Jahren, du warst verzweifelt und wusstest nicht weiter. Es ist genau derselbe Blick wie damals.“

Ich grinste verlegen. Ja, Jessika kannte mich besser als ich mich selbst. Ihr reichte ein kurzer Blick in mein Gesicht und schon wusste sie einfach alles. Natürlich hatte ich Jessika über die Entwicklung informiert und ihr jede Neuigkeit mitgeteilt, doch von meinem inneren Kampf wusste sie nichts.

„Peter, wir hatten doch ausgemacht, dass wir das zusammen durchstehen, was soll also diese Lonely-Ranger-Nummer?“

„Ganz ehrlich?“

„Du erwartest hoffentlich keine Antwort darauf!“

„Ich habe Angst um dich und ich habe Angst um Vera. Wir haben Trommer von Anfang an unterschätzt und nicht annähernd mit einer solchen Skrupellosigkeit gerechnet. Als wir die Idee hatten, Beate zu retten, kam mir der Gedanke, diesem Mistkerl in die Suppe zu spucken, echt toll vor. Im Gegenteil, ich hielt es für genau die Action, die ich schon immer wollte. Aber jetzt, wo ich damit konfrontiert werde, dass vielleicht die wichtigsten Menschen in meinem Leben dadurch in Gefahr geraten, kommt mir die Idee nicht mehr so großartig vor.“

„Es ist etwas spät, sich darüber Gedanken zu machen, oder?“

Da ich nicht antwortete, fuhr Jessika einfach fort. „Angenommen, nur mal angenommen, wir hätten genau gewusst, was für ein Schweinehund dieser Staatsanwalt ist… denkst du wirklich, wir hätten uns anders entschieden?! Wir hätten genau dieselbe Nummer durchgezogen und Vera hätte ebenfalls keinen Rückzieher gemacht! Also, hör auf zu jammern, pack die Ellbogen aus und fang an zu kämpfen! Oder muss ich dich daran erinnern, wieso du hier im Knast Bad-Man genannt wirst?!“

Wieder einmal hatte Jessika den richtigen Ton getroffen und ich sah sie dankbar an. „Nein, Wonder-Woman, das musst du nicht“, grinste ich. Unsere „Team-Namen“ hatten wir schon vor vielen Jahren bekommen und mittlerweile waren sie Programm. Ich, der Bad-Man, hatte kein Problem damit, einem Möchtegern, ob Anwalt oder Ministeriumsfuzzi seine Grenzen aufzuzeigen. Ging mir so einer gegen den Zeiger, ließ ich ihn schon einmal ins offene Messer laufen, was mir eine Menge Feinde, Anzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden eingebracht hatte. Jessika, die Wonder-Woman, fand dagegen immer einen Weg Vorschriften, Gesetze oder Anweisungen so auszulegen, dass Frank keinen Ärger hatte. Damit stellten wir einfach das perfekte Team da. „Du hast Recht, es ist Zeit die Ellbogen auszupacken!“

 

***

 

Ein Freund namens Krischan

Einer meiner Lieblingskollegen hieß Krischan. Er war ein waschechter Kasache und hatte recht früh die Heimat mit seinen Eltern verlassen. Mit ihm hatte ich meine ersten Missionen im Kampfeinsatz. Später kamen noch einige weitere dazu. Wir lernten uns besser kennen und wurden ein heimliches Liebespaar. Mein Onkelchen hatte da bereits seine Hand schützend über mich gehalten und er war sich sicher, dass ich trotzdem weiter lernte und Erfahrungen sammelte.

„Dagan, das ist nicht gut, wenn eine so junge Agentin sich in einen erfahrenen Kommandoführer verliebt, das wissen Sie genau“, hatte der Truppführer zu Dagan gesagt, aber dieser beruhigte ihn. „Lassen Sie die Kleine machen, ich vertraue ihr vollkommen. Sie wird hier viel lernen und sich dabei ihre Hörner abstoßen. Ich habe mich mit Krischan unterhalten und wir wollen das weiterlaufen lassen.“

„Gut, Sie sind der Boss, ich halte diesen rothaarigen Wirbelwind aber für ein paar Nummern zu sexy.“

„Danke, Ferdinand, aber diese Kleine ist besser als Eleonore Finkally, vertrauen Sie mir.“

„Eleonore Finkally, die war bi und eine Spitzenagentin. Sie hat Mann und Frau geleichermaßen vernascht und umgekehrt oder sie eben erledigt.“

„Sehen Sie, Caroline wird noch besser als sie, merken Sie sich meine Worte!“ Dagan wusste eben, dass ich ein kleine Wilde war und das galt auch für das private Leben. Krischan konnte mich immer wieder zügeln und mir meine Grenzen aufzeigen, er war mein Ausbilder und Freund und Liebhaber dazu. Die Härte des Jobs sollte ich recht schnell und brutal erfahren.

Damals waren wir in der Karibik eingesetzt. Wir hatten auf einer Insel einen Auftrag und sollten eine Familie befreien, die den dortigen Machthabern als Druckmittel und Geiseln diente. Krischan war der Kommandoführer und ich seine Stellvertreterin, Scharfschütze und Funker. Unser dritter Mann, Herale Livingston, war der Sprengstoffexperte, Sanitäter und als begnadeter Nahkämpfer nahezu unbesiegbar. Krischan wies uns nochmals in die Lage ein.

„Herale und ich erkunden hier diese Gebäude, hier, hier und das da. Caroline, du gibst uns von hier oben aus Feuerschutz. Sammelpunkt ist dieser Stall da unten. Die Aufständischen sind garantiert randvoll mit Drogen und fackeln nicht lange. Caroline, du hältst Kontakt zur Einsatzzentrale. Unser Auftrag ist eindeutig. Rettung der Bürger und der Kinder. Keine Feind­handlungen, ist das allen klar? Funkkanal 13, Backup ist 31, die Luftretter sind dieses Mal Jellyfish 1 und 2. Noch Fragen?“ Dann kam die verhängnisvolle Stunde, als Krischan und Herale die Häuser erkundeten.

Unser Befehl lautete: verdeckt die Lage aufklären, einen Rettungsweg auskundschaften und sichern, keine Kampfhandlungen ausführen. So lautete damals der Befehl, heute würde das anders aussehen.

Als Krischan und Herale von den Aufständischen überrascht wurden, erhielten ihre Funkgeräte Treffer infolge von Splittern. Dadurch war ich taub und ohne Informationen und konnte nur warten. Plötzlich ging die Schießerei los und ich konnte nicht einordnen, ob meine Freunde dabei waren oder nicht. Ich wusste nur, dass unsere Schutzpersonen zwei Häuser weiter nördlich waren und auf uns warteten.

Doch leider waren wir alle drei verraten worden.

Unser ganzer Plan war offengelegt worden und nur die Tatsache, dass ich meine Positionsänderung selbstständig durchführte und das Haus wechselte, rettete mein Leben. Der Dachstuhl jedenfalls, in dem ich liegen sollte, ging kurz darauf durch zwei Handgranaten in Flammen auf.

Sie hatten Krischan und Herale gefesselt und trieben sie aus dem Haus auf die Straße. Die Terroristen würden sie für alle gut sichtbar aufhängen, das war mir klar. Und ich, ich hielt mich damals an meine Befehle, und die hießen: keine Kampfhandlungen. Ich wartete also auf meine Chance. Aber die Chance kam nicht. Verstärkung hatte ich bereits zweimal angefordert, aber auch sie kam nicht.

Stattdessen hatten die fünf Terroristen meine Freunde gefangen, zogen die beiden Kinder unserer Schutzpersonen aus dem Haus und stellten sie genau vor Krischan und Herale.

Offenbar wussten die Terroristen auch von mir, nur waren sie sich nicht ganz sicher, ob ich in dem brennenden Dachstuhl umgekommen war. Der Suchtrupp traute sich nicht in das brennende Haus hinein.

Jetzt hatte ich vor mir die beiden Kinder, dahinter meine Freunde und insgesamt fünf verrückte und zugedröhnte Terroristen, die alle und jeden ermorden würden.

Über Funk forderte ich erneut Verstärkung an, aber es gab keine und es hieß nur: „Halten Sie sich an Ihre Befehle!“

Unten auf der Straße tobten die Terroristen und schrien wirre Kommandos. Die Lage drohte aus dem Ruder zu laufen. Schließlich zog einer der Terroristen den Vater der Familie aus dem Haus, ließ ihn vor den Kindern hinknien und schrie ihn an.

Der Anführer baute sich vor dem zitternden Mann auf: „Du Volksverräter, du hast einen Pakt mit den Gringos gemacht. Wieso hast du für uns nicht die Drogen geschmuggelt? Du bist ein Verräter und Verräter dulde ich hier nicht!“

Dann erschoss er den Vater vor den Augen der heulenden Kinder. Anschließend drehte er sich wie ein Verrückter bei einem Veitstanz und schoss mehrfach in die Luft. Die Kinder schrien und rissen sich los. Auch wenn es noch so grausam war, das war meine Chance. Meine einzige Chance.

Noch nie in meinem Leben hatte ich so schnell dreimal hintereinander geschossen und akkurat getroffen. Von den Terroristen fielen fünf getroffen zu Boden, vier der Terroristen hatte ich glatt paarweise durchschossen, weil sie hintereinanderstanden. Den einzelnen, der den Vater aus dem Haus gezogen hatte und wie verrückt tanzte, hatte ich als letzten getroffen.

Aber es gab Opfer. Der Vater der Familie lag erschossen am Boden und Herale war schon vorher an der Lunge verwundet worden und spuckte Blut. Er starb auf dem Heimflug an einer Embolie in meinen Armen.

Mit Tränen in den Augen starrte ich Krischan fragend an. „Wieso haben die mich nicht schießen lassen, ich hatte sie alle im Visier. Ich hätte sie ausgeschaltet und Herale würde noch leben, ich habe versagt!“

„Nein, Caroline, Schatz, komm her zu mir, da setz dich. Du konntest nicht anders, unsere Befehle waren nun einmal so. Das ist manchmal ein verdammt dreckiger, harter Job, aber hier sind noch zwei unserer Agenten versteckt und die wären womöglich dann aufgeflogen. Das war wichtiger. Herale war mein Freund, einer meiner besten Freunde sogar, aber auch er kannte das Risiko.“ Ich sah in seine wunderbaren Augen, die mich anfunkelten.

„Schatz, du hast dich ganz hervorragend verhalten. Du hast die restliche Familie und die beiden Agenten und mich gerettet. Also komm her, weine dich aus, aber unser Job verlangt ab und zu Blutzoll!“

„Verdammt, ich sehe den Vater noch genau vor mir“, sagte ich zu Krischan und er lächelte mich an. „Ja, ich kenne das, mein Liebling. Das geht dir nie wieder aus dem Kopf, also erinnere dich daran, damit du dir immer die vollen 100% der Leistung abverlangst.“ Auf dem Flug zurück erzählte er mir, wie auch sein erster Einsatz mit Verlusten abgelaufen war und ich erkannte in seinen Augen, dass diese Erinnerungen unvergessen blieben.

„Weißt du, Caroline, ein guter Soldat hat mir einmal folgendes gesagt: von Zeit zu Zeit muss der Boden der Gerechtigkeit mit dem Blut von Helden getränkt werden.“

„Ja! Aber es tut so weh.“ Krischan umarmte mich erneut und drückte mich zart, dann küsste er mich sanft und streichelte mir durch meine Haare. „Ja, es tut weh und das ist gut so, das zeigt dir, dass du da drinnen Mensch geblieben bist.“

So musste ich immer wieder an den erschossenen Vater denken. Sein Bild ging mir lange nicht aus dem Kopf. Krischan gelang es, mich wiederaufzubauen und mir klarzumachen, dass so etwas geschah und man einige Dinge nicht ändern konnte. Dafür liebte ich ihn. Einen besseren Freund und Ausbilder hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Ganz abgesehen davon war er auch ein begnadeter Liebhaber.

 

***

 

Erkenntnisse

Es war die erste Krisensitzung, an der Beate teilnahm. Da wir es nicht riskieren konnten, Beate über den Flur gehen zu lassen, beschlossen wir, die Sitzung in Veras Wohnung abzuhalten, als Vera noch Dienst auf der Krankenstation hatte. Während Beate auf dem Bett saß und ich auf und ab ging, saß Jessika am Tisch und machte sich Notizen.

„Also“, sagte ich, „Trommer erscheint und besteht auf gelockertem Vollzug. Er kauft sich Torres, um dich“, ich sah zu Beate, „abstechen zu lassen…“

„Peter!“, wandte Jessika ein. „Bitte!“

„…um dich töten oder zumindest schwer zu verletzen“, verbesserte ich mich.

„Danke“, nickte Beate und zwinkerte Jessika zu.

„Wir wissen weiterhin, dass dein Prozess auf einer Falschaussage basiert.“

„Das passt“, warf Jessika ein. „Trommers Ziel war, Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, denn im geschlossenen Vollzug wäre ein Anschlag um ein vieles schwieriger. Es wäre zeitlich nicht abzusehen gewesen, wann dieser erfolgen würde. Um Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, musste gegen das Urteil zwingend eine Revision vorliegen. Wahrscheinlich hat Trommer damit gerechnet, dass Beates Anwalt sofort Revision einlegt. Da dieser es aber nicht direkt im Anschluss an die Urteilsverkündung tat, musste er selbst dafür sorgen. Wäre das Gericht seinem Revisionsantrag nicht gefolgt, hätte er mit neuen Erkenntnissen, die durch die Falschaussage entstanden, dem Gericht gar keine andere Wahl gelassen, als die Revision zuzulassen.“

„Hm, das macht irgendwie Sinn… aber wir wissen auch, dass Trommer Generalstaatsanwalt werden will… Wie passt das ins Bild?“

Jessika hatte ihren Stift auf den Tisch gelegt und rieb sich die Schläfen. Ich konnte ihre Gedanken rasen hören. Sie sah Beate an, schließlich sagte sie: „Das gehört alles zu seinem großen Plan!“

„Zum großen Plan?“, fragte Beate und auch ich war stehen geblieben.

„Hier geht es nicht darum, dass Trommer Generalstaatsanwalt wird, hier geht es um viel mehr! Um General zu werden, brauchst du nur genug Freunde mit dem richtigen Parteibuch. Aber wenn du höher hinauswillst und ich meine viel höher, dann musst du die Öffentlichkeit für dich gewinnen, und zwar die breite Öffentlichkeit! Trommer konnte nicht wissen, wie die Leute reagieren. Hätten Meyer und die anderen Ermittler die Öffentlichkeit informiert, oder die ganze Sache mit der Falschaussage wäre durchgesickert, hätte er mit Sicherheit einen Weg gefunden, um Beate öffentlich rehabilitieren zu können. Trommer, der große Retter! Aber angenommen, zwischen Prozessende und seiner Bewerbung zum Generalstaatsanwalt würde die Stimmung in der Öffentlichkeit umschlagen, oder einer der früheren Ermittler packte im Nachhinein aus, hätte er ein ernstes Problem! Also musste Beate so schnell wie möglich sterben! Meyer und die anderen Ermittler sehen sich auf diese Weise mit der Tatsache konfrontiert, dass sie eine gehörige Portion Mitschuld an Beates Tod tragen, also halten sie die Klappe.

Seit der Verhandlung und besonders nach Beates Tod hat Trommer das Scheinwerferlicht und die Auftrittsbühne, die er von Anfang an wollte. Seit ihrem Tod reden die Leute über ihn, dabei muss es nicht unbedingt nur Gutes sein, nein, das interessiert ihn einen Dreck, denn solange die Leute über dich reden, solange bist du in ihrem Gedächtnis!“ Sie sah Beate direkt ins Gesicht, als sie fortfuhr. „Ob tot oder lebend, verurteilt oder freigesprochen, du hast ihm das gegeben, was er wollte, eine ganz große Bühne! Genau das war von Anfang an sein Masterplan!“

„Scheiße!“, fluchte ich laut. „Dieser Schweinehund!“ Gleichzeitig war das eine gute Nachricht, oder? Was würde geschehen, wenn wir Trommer damit drohten, Beate der Öffentlichkeit zu präsentieren?

„Ich weiß, was du denkst“, warf Jessika ein, „nein, das funktioniert nicht. Nicht, solange Meyer und die anderen dichthalten.“

„Meyer ist der Schwachpunkt in Trommers Plan“, meinte ich und begann erneut auf und ab zu gehen, „wenn wir Meyer dazu bringen auszupacken, fliegt alles auf.“

„Nein!“, ergriff Beate das Wort. „Das kommt nicht in Frage!“

„Was?!“

„Du hast gesagt, Meyer wollte seinen Enkel an der Kita abholen und jemand anderes hatte das Kind schon aus der Kita geholt. Ich habe selbst…“ sie unterbrach sich und schluckte schwer, „…ich hatte ein Kind! Ich kann die Ängste, die Meyer in diesem Moment ausstehen musste, sehr gut nachvollziehen. Und wenn das alles stimmt, was ihr über Trommer herausgefunden habt, wird er nicht zulassen, dass Meyer auch nur ein Wort sagt. Also denke ich, dass das Kind in ernster Gefahr ist. Das werde ich auf keinen Fall zulassen, eher springe ich vom Dach!“

Sprachlos sah ich zu Beate, dann zu Jessika und auch deren Blick sagte, dass Beate hier ein reales Szenario aussprach. Nein, ich hatte keine Kinder, doch allein der Gedanke, dass Trommer ein Kind in Gefahr brachte… nein, dass WIR ein Kind in Gefahr brachten, ließ mich erschauern.

„Beate hat Recht“, meinte Jessika. „Es muss einen anderen Weg geben und die Zeit arbeitet gegen uns. Heute Morgen, eine Stunde vor Fristende hat Trommer seine Bewerbung als Generalstaatsanwalt bekannt gegeben. Er wird schon bald merken, dass er keinen Obduktionsbericht von Beate vorliegen hat und das wird ihn bestimmt verunsichern. Sein erster Gang wird ihn hierher zu uns führen.“

„Ja, das wird wohl so sein… ich denke, es wird wenig Sinn haben, ihn mit der Verwechselung der Institute hinzuhalten.“

„Nein, die wird er schnell durchschauen und auch wenn er es nicht mit Sicherheit beweisen kann, so wird er doch annehmen, dass Beate noch am Leben ist. Peter, es ist an der Zeit, den Bad-Man herauszuholen.“

„Den was?“, fragte Beate und ich sah sie lächelnd an.

„Den Bad-Man! Das ist sozusagen mein anderes Ich.“

„Und was hat der Bad-Man vor?“

„Ich werde Trommer fragen, wieviel ihm deine Leiche wert ist. Mal sehen, wie weit er mitgeht.“

„Du willst ihn erpressen?! Er wird wissen, dass du bluffst, warum sollte er darauf eingehen.“

„Ganz einfach. Er ist so weit gekommen, also wird er jedes Risiko vermeiden. Trommer wird sich eher auf einen Deal mit mir einlassen, als jetzt einen Krieg zu riskieren, auch wenn er nur zum Schein darauf eingeht.“

Einen Moment schwieg Beate, dann schüttelte sie den Kopf. „Es ist ein Scheißgefühl, wenn um dein Leben gepokert wird, besonders wenn du weißt, dass dein Blatt ein Bluff ist…“ Nun hob sie den Blick und meinte: „…aber es ist ein schönes Gefühl, dass es jemanden gibt, der bereit ist, dein Blatt zu halten.“ Nun sah sie mich direkt an und ihre Augen sprachen eine klare Aufforderung aus.

„Ähm ja… Da ist noch etwas, das du vielleicht wissen solltest“, sagte ich zu Jessika.

Die zog ihre Augenbrauen zusammen, während sie mich aus schmalen Augen ansah. „Wieso habe ich bloß das Gefühl, dass ich mich gleich fürchterlich aufregen werde?!“

„Es geht um Vera“, sagte ich nur. „Vera liebt Beate und Beate liebt Vera.“

„Was?!“

„Glaub mir, mich hat es auch überrascht. Wir müssen eine Lösung finden, aber Vera ist emotional völlig durcheinander. Auf keinen Fall dürfen wir sie tiefer in den Plan einbinden, Vera würde Fehler machen und Fehler sind jetzt buchstäblich tödlich.“

Jessika schloss die Augen und dachte nach.

„Lass uns allein!“, sagte sie nach einigen Augenblicken zu mir, also erhob ich mich und verließ die Wohnung. Als ich die Tür von außen geschlossen hatte, forderte Jessika Beate auf, sich zu ihr zu setzen. Jessika wartete, bis Beate Platz genommen hatte, dann sah sie Beate in ihre grünen Augen.

„Hör mir gut zu. Peter und Vera sind meine Familie. Ich liebe sie und werde alles tun, um sie zu schützen. Ich will das nur klarstellen, denn wenn ich dir helfen soll, erwarte ich, dass du alles tust, was ich dir sage. Sofort und genauso wie ich es anordne. Sind wir uns einig?“

„Ja, ich habe meine Familie verloren, ich werde deine nicht in Gefahr bringen.“ Jessika und Beate sahen sich lange in die Augen, dann ergriff Jessika Beates Hand. „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Trost, doch vielleicht hilft es wenigstens etwas, um dein Leid zu lindern, du hast jetzt eine neue Familie.“

„Ich werde und kann meine neue Familie nicht mit meiner alten Familie vergleichen und will es auch nicht, aber es ist ein schönes Gefühl zu einer so tollen Familie dazuzugehören. Und ich werde, genau wie du alles tun, um meine neue Familie zu schützen.“

„Das wirst du auch müssen. Aber keine Sorge, ich denke mir was aus.“

„Ich weiß“, lächelte Beate, „du bist die Wonder-Woman. Danke.“

„Bedanke dich nicht zu früh. Egal, wie sich die Dinge entwickeln, eines ist sicher. Beate Fischer… wird sterben!“

 

***

 

„Du musst uns Zeit verschaffen!“, sagte Jessika ein wenig später zu mir. „Das Ganze ist eine Nummer größer, als wir zu Beginn dachten und Trommer wird ab jetzt sicher jeden unserer Schritte genau beobachten. Wir müssen ihn lange genug hinhalten, um unseren nächsten Coup zu planen.“

„Ich werde mein Bestes tun, aber es ist, wie Beate sagte: mein Blatt ist ein Bluff und Trommer weiß das.“

„Nein, wir bluffen nicht, wir halten einen Royal Flash in der Hand und wir gehen all in! Wir lassen ihm keine Wahl, entweder er geht mit und er setzt alles, oder wir lassen ihn die Karten auf den Tisch legen.“

„Wow… ein Royal Flash…. Cool! Scheiße, wir haben überhaupt nichts und wir haben auch nichts, was wir setzen können.“

„Oh doch, Bad-Man, und der Einsatz wird dir gefallen… Wir haben Petra Strass!“

 

***

 

Neues Ziel Soulebda

Einige Wochen nach dem John-Mercury-Fall rief mich mein Onkelchen an, um mir eine vakante Stelle schmackhaft zu machen. „Mischka, meine liebe kleine Mischka. Du hast diesen letzten Fall wunderbar gelöst, ich möchte dir gerne einen Arbeitsplatz in der Südsee anbieten, der könnte dich sehr ansprechen.“

So begann damals die Vorstellung meines Gönners und Förderers. „Schau dir diese Daten auf dem anderen Kanal an, diese Inselgruppe nennt sich Soulebda, sie ist wundervoll und geheimnisvoll zugleich. Hier leben moderne Menschen, die zugleich stolz auf ihre über 4.000 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Was dich interessieren könnte, auf dieser Insel gilt das Matriarchat und die Regentin ist eine sehr integre Frau. Schau dir doch die Daten und auch gleich diese Insel an. Für mich ist sie von Interesse, da sie sehr zentral im Südpazifik liegt. Noch eine Bitte, gib mir deine Antwort bis kommenden Montag.“

Damit verabschiedete sich mein Onkelchen und auf meinem Notebook blinkte das Mailsymbol auf. Die geschützte Datei enthielt die genaue Lokation in der Südsee und eine Menge an Informationen, die ich mir ansehen sollte. Die Hauptinsel dehnte sich in Ost-West-Richtung mit zwei aktiven Vulkanen aus. Um die Insel herum befanden sich vier größere Inseln, die bewohnt waren und eine Vielzahl kleiner und kleinster Inselchen. Diese schienen jedoch weitgehend unbewohnt zu sein.

Die nächsten Nachbarn im Pazifik waren im Norden Nauru, im Osten Tuvalu, südlich gesellten sich die Fidschi-Inseln dazu, im Südwesten lag Vanuatu und im äußeren Westen befanden sich schließlich die Salomonen. Für mich lag diese Inselgruppe inmitten des riesigen blauen Pazifiks.

Soulebda, diese geheimnisvolle Insel, war sehr alt. Offenbar lag die Inselgruppe weit genug im Süden, sodass keine der größeren Mächte je in diese Richtung gefahren war, oder es gab keine Aufzeichnungen mehr darüber, dachte ich mir. Durch die fehlende Christianisierung blieben die uralten Lehren und Riten erhalten und schienen bis zum heutigen Tag noch gelebt zu werden.

Mir fiel positiv auf, dass die Regentin hier das Sagen hatte, ihr Mann als Regierungspräsident jedoch der Repräsentant war. Der Staat Soulebda hatte die Gerichtsbarkeit über das riesige Seegebiet bis zu den jeweiligen Nachbarn. Das hatte zur Folge, dass schwere Verbrechen direkt auf der Insel verhandelt und abgeurteilt wurden. Daher auch die Stellenbeschreibung. Gesucht wurde eine Henkerin oder ein Henker, der den verstorbenen, altgedienten Henker ablöste.

Die Inseln setzten sich folgendermaßen zusammen:

Im Nordosten lag Ni’jamong, der Name bedeutete auf Soulebdahea, der Sprache dieser Menschen, „Riesenschildkröte“. Genauso sah diese Insel aus. Der Kopf befand sich dabei im Westen der kleinen Insel.

Im Nordwesten befanden sich mehrere sumpfige Inseln, die zu einer Gruppe gehörten. Diese abgelegene und unwirtliche Gegend wurde Ma’ninkal genannt, was „Rabeninsel“ bedeutete und für die Gefräßigkeit der frechen Vögel stand, die hier brüteten. Über eine Besiedelung stand in dem Bericht nichts.

Im Südwesten lag Ka’lhlih, das bedeutete in der Sprache der Einwohner „Singender Papagei“ und war wohl eine Insel voller Wunder. Hier nisteten Abertausende seltener Vögel und anderer Tiere. Der westliche Teil der kleinen Insel ähnelte einem Papageienschnabel.

Schließlich gab es da noch im Süden Poa’holh. Der Name bedeutet „Der lachende Kakadu“ und es handelte sich um eine schöne, naturbelassene Insel mit dichten Wäldern, frischen Bächen und leicht zu besteigenden Höhen.

 

***

 

Die Zusage

Soulebda klang für mich sehr interessant. Ein abgelegenes Gebiet mit einer riesigen Ausdehnung, dazu die sichere Anstellung als staatliche Angestellte. Rasch machte ich die Online-Bewerbung fertig und informierte mein Onkelchen noch am gleichen Tag.

„Das ist gut für dich, eine solche Stellung bringt dich auf andere Gedanken und du kannst da vielleicht Dinge lernen, die unsere Leute dir nicht beibringen können. Schick mir deine Bewerbung, ich sorge dafür, dass sie auch ankommt.“

„Onkelchen, wenn du mich auf diese Südseeinsel schickst, dann muss es gute Gründe dafür geben.“

„Oh ja, das wirst du schnell erfahren, wenn du erst einmal dort unten bist.“ Was interessierte mein Onkelchen so sehr, dass er mich auf dieser Insel haben wollte? Ich las weiter und begann, mich langsam zu wundern. Diese Kultur dort war uralt. Mehrere tausend Jahre und damit viel weiter, als unsere Aufzeichnungen oder jene der Christen reichten. Bestenfalls die Chinesen hatten Aufzeichnungen, die vielleicht noch älter waren, aber diese galten inzwischen eher als Legenden. Das hier aber war verbrieft. Die Abgeschiedenheit hatte die Menschen geschützt. Jetzt machte eine kluge Politik der Regentin alles richtig, das Wissen der Altvorderen wurde erhalten und neues Wissen wurde integriert. Ich war überrascht, dies über einen Inselstaat zu lesen, der so weit im Nirgendwo lag.

Zwei Tage später hatte ich bereits die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Eine Videokonferenz wurde geschaltet und ich stellte mich den Fragen.

„Hallo Miss Miles, ich bin General Nassadir Chalis. Sie würden mir unterstellt sein. Ich bin auf Soulebda das ranghöchste Militärmitglied.“ Wir unterhielten uns recht ungezwungen, der General stellte einige Fragen, die ich beantwortete, und er war ganz offensichtlich schnell zufrieden. Nach gut einer Stunde lächelte er mich an und ich hatte meine neue Stelle auf dieser Insel Soulebda. Wieder einmal packte ich meine Sachen und flog in eine neue Zukunft.

 

***

 

Der Landeanflug auf die Insel war fantastisch. Ich konnte die Inseln über die Bordkamera gut sehen. Nach einer seidenweichen Landung überraschten mich die tropischen Temperaturen. Die unangenehme Feuchtigkeit, mit der ich gerechnet hatte, war nicht vorhanden, es war einfach nur sehr warm. Bei der Passkontrolle wurde ich auf die Seite gebeten und von zwei Polizistinnen begrüßt. „Miss Caroline Miles, Sie wurden uns zugeteilt, wir begrüßen Sie auf unserer Insel. Wenn Sie uns bitte folgen, Ihr Gepäck wird bereits zum Wagen gebracht.“

Einer Reisenden im teuren Kostüm gefiel das ganz und gar nicht. Schnippisch reagierte sie: „Das ist wieder mal typisch, die jungen Frauen werden bevorzugt und wir aus der Business-Klasse müssen hier anstehen. Lassen Sie mich gefälligst auch durch die Kontrollen!“

Die ältere Polizistin mit höherem Dienstgrad schaute sich den Reisepass der Businessdame an und lächelte sie an. „Oh, Frau Dr. Ninnetaka, Sie sind wieder bei uns im Land, das freut mich. Gerne können Sie mitfahren, sobald die Kontrollen abgeschlossen sind. Übrigens ist die junge Dame hier unsere neue Henkerin. Ich denke, Sie wollen Ihren Ehemann im Gefängnis besuchen?“

Die aufgetakelte Frau blieb schockiert stehen und schaute mich mit großen Augen und offenem Mund an. „Die da ist die neue Henkerin?“

„Ja, in der Tat, wir bringen sie gerade zur Regentin. Wollen Sie immer noch mit uns fahren?“

Jetzt wechselte die Frau die Gesichtsfarbe und stellte sich anstandslos wieder in der Reihe an. Dass sie dabei einige Plätze in der Warteschlange verloren hatte, interessierte sie nicht mehr.

„Gehen wir, die bleibt jetzt friedlich.“

„Wirke ich so abstoßend auf Geschäftsleute?“, fragte ich die Polizistinnen und beide mussten kichern.

„Nein, gewiss nicht, aber ihr Ehemann ist ein verurteilter Mörder und er wird einer Ihrer ersten Kunden werden. Das wurde ihr jetzt schlagartig klar. So, da ist bereits unser Wagen.“

Wir stiegen in einen zivilen Wagen und fuhren los. „Miss Miles, wir haben noch etwas Zeit bis zum Termin mit der Regentin, gestatten Sie uns, dass wir Ihnen einiges von unserer Stadt zeigen.“ Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die Polizistinnen kannten nicht nur ihre Stadt, was nicht anders zu erwarten war, aber sie waren auch perfekte Fremdenführerinnen.

„Die Bibliothek, die müssen Sie einmal besuchen, die Bücher und Aufzeichnungen, die Sie hier finden, sind teilweise Tausende Jahre alt und reichen geschichtlich bis zu den alten Ägyptern.“

Wir fuhren weiter. Mir fiel auf, dass ich Gebäude mit maximal zwei Stockwerken sah, aber nichts, was höher war. Die Polizistinnen stellten mir weitere Punkte vor, die interessant waren, ich sah auch diverse Statuen. Dann fuhren wir auf ein breit auslaufendes Gebäude mit vielen Anbauten zu.

„Das ist die Technische Universität, dahinter befinden sich die Fakultäten für Medizin. Die Fakultät für Stammeswissenschaften ist nicht viel kleiner.“

„Stammeswissenschaften?“

„Das werden Sie noch ausführlicher erfahren, wir haben hier auf Soulebda nicht nur die konventionellen Wissenschaften, wie ihr Europäer das nennt, sondern noch deutlich ältere Naturwissenschaften, die über 4000 Jahre zurückreichen.

Dieses Wissen ist nie verloren gegangen und wird hier weiter erhalten und ausgebildet. Tatsächlich wissen unsere Stämme Dinge, für die die westliche Wissenschaft noch nicht einmal einen Namen hat.“

Wir fuhren weiter und kamen zum Zentralkrankenhaus, das auf unserem Weg durch die Stadt lag. Es hatte große Ausmaße, war aber auch nur zwei Etagen hoch.

„Einige der Einrichtungen werden demnächst erneuert. Wie so oft war lange Jahre der Etat begrenzt, aber das ist heute anders. Was das genau bedeutet, werden Sie auch noch erfahren.“

„Da vorne kommt der Regierungsbereich. Hier sehen Sie den alten Regierungssender. Der wird jetzt aber abgebaut und an einen anderen Platz neu errichtet. Die Satellitenanlage steht auf einem anderen Platz, diese sehen wir von hier aus nicht. Gleich daneben ist der neue Internetknoten untergebracht.“

„Ah, Sie haben hier einige Internetleitungen, gut zu wissen.“

„Nun, Miss Miles, Soulebda besitzt sogar einen eigenen CIX Internetknoten. Nicht so groß wie der DE-CIX in Deutschland, aber der SUL-CIX kann sich sehen lassen.“ Dabei grinste die jüngere der beiden breit. Offenbar war sie vom Fach.

Ich lachte: „Oh, ich entschuldige mich und freue mich zugleich. Ich glaube, dies hier ist ein Inselstaat mit unglaublichen Möglichkeiten und Geheimnissen.“

„Miss Miles, solange Sie uns mit offenen Augen und ehrlicher Freude begegnen, ohne Lügen und Heimtücke, solange werden Sie von uns alles erfahren und erhalten.“

Die beiden schauten mich abwechselnd an und lächelten sich zu. „Vielen Dank, ich versuche alles, was mir möglich ist und freue mich auf das Neue und Unmögliche, das ich hier noch sehen werde.“ „Oh, seien Sie versichert, da ist noch vieles zu erleben. Da vorne kommt der Palast. Da müssen wir hin.“

 

***

 

Die Regentin

Der Regierungspalast befand sich am Rand der Stadt auf einer Anhöhe. Umringt von einem wunderschönen Palmenhain und von prächtigen Gärten umgeben fuhren wir auf ein edles Granitbauwerk zu. Die filigranen Arbeiten wirkten wie von Kinderhänden geformt. Zentral befand sich eine mächtige Kuppel, die Einzige, die ich bisher gesehen hatte, die sich über drei Stockwerke erstreckte. Irgendwie wirkte der Palast eindrucksvoll, aber nicht protzig. Vor dem Gebäude sahen wir einige Wachen in Uniform, Frauen und Männer paarweise und sie schienen bestens zurechtzukommen.

Lediglich die Bewaffnung war für eine Palastgarde nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ich erkannte nur die alten 45’er Colts 1911 Modelle. Dafür trugen die Wachen noch ein starkes Kampfmesser, das sah deutlich besser aus als die Pistole.

Wir hielten an einem bestimmten Punkt und wurden sogleich von Wachen begrüßt. „Bitte folgen Sie uns in den Palast, dort stellen wir Sie dann der Regentin vor.“

Vor mir ging die dienstgradhöchste Polizistin und die jüngere Beamtin folgte mir. Im Palast war es deutlich kühler und wir hörten Mädchenstimmen, die sich unterhielten. Dazwischen tönten hin und wieder angenehm klingende Frauen- und ab und zu auch Männerstimmen. Aus einem der unzähligen Türen trat eine junge Frau, die mir sofort ins Auge fiel. Eine solche Südseeschönheit hatte ich noch nie gesehen, aber ehe ich sie genauer betrachten konnte, verschwand sie durch eine andere Tür.

„Wer war denn diese junge Frau?“

„Das war die Tochter der Regentin, sie bereitet sich auf die anstehenden Prüfungen vor. Sie heißt Penelope, ist 28 Jahre jung und studiert an der hiesigen Universität Wirtschaftswissenschaft, Sport und Geschichte. Dabei wird sie in keiner Weise bevorzugt. Sie muss schon zeigen, dass sie ihr Wissen hart erarbeitet hat. Aber glauben Sie mir, sie ist wirklich sehr gut.“

„Wie spreche ich die Regentin überhaupt an, einfach nur Hoheit oder wie ist der Titel?“ „Sprechen Sie sie einfach mit Regentin an. Alles andere hält sie für veraltet oder fehl am Platz. Mit Regentin verbindet sie, dass sie für das Volk da ist.“

Eine mächtige Tür öffnete sich, zwei Wachen traten hindurch, dann folgte ein Offizier, der uns kurz mit Blicken überprüfte. Mit einem Nicken übernahm er die Verantwortung für mich. „Danke für alles“, verabschiedete ich die Polizistinnen und der Offizier schaute mich strafend an. „Ruhe bitte!“ Mehr sagte er nicht, da öffnete sich eine andere Tür und vor mir stand die Regentin. Zwei Schritt hinter ihr folgte ihr Gatte, der Regierungspräsident.

„Seien Sie gegrüßt, Miss Miles, ich freue mich, Sie kennenzulernen! Darf ich Sie Caroline nennen?“

Das Lächeln der Regentin war ehrlich und entwaffnend. Sie hatte mich mit diesem einen Satz bereits für sich gewonnen. Selten hatte ich einen Menschen mit einer so starken Ausstrahlung erlebt.

„Selbstverständlich, Regentin.“ Wir unterhielten uns zwanglos. Heylah ai Youhaahb, so ihr Name, war Regentin in der vierten Generation. Ihr Gatte, Sheramoh ai Youhaahb, war ein studierter Wirtschaftsökonom und Militär. Zusammen besaßen die beiden alles, was zum Regieren benötigt wurde: Wissen, Intelligenz und die Fähigkeit, Gefahr im Anzug zu spüren. Die beiden schienen sich perfekt zu ergänzen. Aus einer der Seitentüren huschte erneut Penelope, die Tochter der Regentin, musterte mich kurz mit einem Lächeln und war wieder verschwunden.

„Das war meine Tochter, Penelope, Sie werden sie sicherlich noch zu sehen bekommen.“ Danach folgte eine kurze Einweisung in meine Aufgaben, die Besonderheiten und nach einer knappen Stunde wurde ich an einen Oberst der Garde verwiesen, der mich genauer einweisen würde. Die Verabschiedung aus dem Palast erfolgte sehr freundlich.

Mit dem Oberst und einigen Verwaltungsangestellten fuhren wir vom Palast in ein gehobenes Villenviertel. Hier befand sich die Wohnung, in der ich leben und arbeiten würde. Wohnung war der falsche Ausdruck, es handelte sich um eine von mehreren Villen. Jede besaß einen sehr großzügigen Park- und Gartenbereich. Die Villa hatte ebenfalls zwei Etagen. Ich staunte über die gute Ausstattung.

Der Oberst führte mich dann in den eigentlichen Arbeitsbereich. Hierher würden die verurteilten Menschen überstellt und schließlich hingerichtet werden. Neben einigen Räumen war auf der Terrasse auch ein freistehender Galgen aus massivem Hartholz. Ich überzeugte mich von der Funktion und es war alles bestens gewartet. Die diversen Seile und Stricke, die mir zur Verfügung standen, waren erlesen. Die Maß- und Gewichttabellen, aus denen man die Fallhöhe und den Seiltyp entnehmen konnte, waren auch auf dem aktuellen Stand. Unnötig leiden müssten die Verurteilten hier also nicht. Das Material, das mir zur Verfügung stand, war das Beste.

So trat ich meinen neuen Job auf Soulebda an. Als Verwaltungsbeamtin war ich in das Palastleben eingebunden. Dazu zählten auch sehr viele sportliche Veranstaltungen.

 

***

 

Penelope

Penelope ai Youhaahb und ich trafen zum ersten Mal bei Wettbewerben der Universität aufeinander. Wie jedes Jahr wurden hier ausgiebige Spiele veranstaltet, so wie man auf Soulebda generell viel Wert auf Sport und Bewegung legte. Sie hatte einen wunderschönen, gebräunten Körper, ihre schlanken Beine waren sehr lang und verliehen ihr ein gazellenhaftes Aussehen. Die Mandelaugen harmonierten mit dem Kussmund und ihr schulterlanges Haar rundete das Gesamtbild ab.

Als das Los Penelope und mich im Staffellauf zusammenbrachte, funkte es sofort zwischen uns. Ab da waren wir häufig zusammen und bereits nach einem halben Jahr waren wir untrennbar und wurden palastintern schon als „das dynamische Duo“ bezeichnet. Penelope war eine junge Frau, der man nichts vormachen konnte, kritisch hinterfragte sie alles und stritt gerne mit ihren Professoren. Diese trieben sie immer weiter zu Höchstleistungen an, forderten sie, aber förderten sie auch, wo es nur ging. Dass sie die Tochter der Regentin war, spielte für die Professoren keine Rolle. Penelope wurde auf die gleiche Weise behandelt wie die anderen Studierenden auch. Andererseits behielt die Regentin uns beide zunächst im Auge. Aber als sie sah, dass ich ihre Tochter zu weiteren Leistungen motivierte und da sie mich auch als normalen Menschen und nicht als Henker betrachtete, wurde klar, dass sie uns beiden vertrauen konnte.

In der großen Universitätsbibliothek saßen wir eines Tages an einem freien Platz, umgeben von Schriften und Büchern und wir erkundeten die Geschichte dieser einzigartigen Insel.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich für die Soulebdalesen so interessieren könnte. Das kulturelle und medizinische Wissen geht viel weiter zurück, als ich anfangs dachte. Die unterschiedlichen Stämme, die heute noch hier leben, bewahren Geheimnisse, die ich für unfassbar hielt.“

„Ja, mein Volk wurde nicht von den monotheistischen Religionen verseucht. Diese Religionen, deren Gott als erstes Gesetz die Regel hatte, du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Egal ob Christ, Protestant, Jude, Muslim oder was auch immer, sie alle sind in etwa gleichgestrickt. Alte bärtige Männer geben den Ton an und wir Frauen haben zu schweigen. So wurden viele Völker vernichtet. Frauen, die klug waren, wurden eingesperrt oder gleich verbrannt, nur damit eine Kirche ihre Macht nicht wanken sah und die katholische Kirche war dabei die Schlimmste!“

So war Penelope, sie sah das große Ganze und hatte ihre klare Meinung zu den Fehler von anderen. Hier auf Soulebda hatte es diese religiöse Entwicklung und damit systematische Unterdrückung nicht gegeben. Nach und nach lernte ich auch die Sprache, die an das Polynesische erinnerte und entwickelte ein Gefühl für ihre Nuancen. Penelope war mir dabei eine vorzügliche Lehrerin.

Glücklicherweise waren die Bräuche hier auf Soulebda nicht so wie in vielen der angeblich so aufgeklärten westlichen Staaten und so erhielten wir von der Regentin sogar den mütterlichen Segen. Dadurch galten wir als „Ohm’Jouh“, also als Lebenspaar, eine Tradition, die hier noch verbreitet war. Auf diese Weise wurden Penelope und ich ein Liebespaar.

 

***

 

So verging die Zeit auf Soulebda. Im Laufe der Monate wurde ich im Palast als Respektsperson angesehen, meine Ideen wurden mit Interesse gehört. Auf mein Urteilsvermögen konnte man sich immer verlassen und Heylah ai Youhaahb, die Regentin, unterhielt sich sehr gerne mit mir. Ihr Gatte bewunderte mich eigentlich nur wegen zwei Dingen. Das waren einmal mein Aussehen, genauer gesagt mein Busen, und zum anderen meine erstklassigen Schießergebnisse bei den Wettkämpfen.

Ja, das Aussehen und die Kleidervorschriften, das hatte mir am Anfang etwas Kopfzerbrechen bereitet. Im Regierungspalast waren nur traditionelle Kleider erlaubt, für Männer einen blauen Stoffrock und die Damen mussten in kurzen, knappen Uniformen erscheinen, die mehr zeigten, als sie verbargen. Im Traditionsbüro achtete man peinlich genau auf diese uralten Sitten. Das war ein alter Brauch. Es war früher einmal wohl etwas vorgefallen, das dazu führte, dass heute das Verstecken von Waffen durch diese Kleidungsvorschriften unmöglich gemacht wurde.

Ich war jedenfalls sehr erleichtert, als meine roten Haare endlich lange genug waren, um meine Brüste zu bedecken. Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich aber auch an diese kurzen Kleider und die Sonne verwöhnte unsere Haut dafür mit einer fast nahtlosen Bräune.

 

***

 

Tel Aviv

Wie jeden Tag ließ sich der General des Mossad, Dagan Mayr, von seinen Abteilungsleitern einen genauen Lagebericht geben. Da er die Männer und Frauen, die seine Abteilungen führten, sehr sorgfältig auswählte, wusste er, dass er sich auf die gelieferten Informationen absolut verlassen konnte.

„Also, ich fasse zusammen“, meinte er, nachdem alle Bericht erstattet hatten, „die Welt ist ein gefährlicher Ort.“ Darauf gaben alle ein höfliches Lachen von sich. „Vielen Dank.“ Damit löste der General das Briefing auf und die Abteilungsleiter verließen den Konferenzraum, bis auf die zwei Majore, Benjamin Levi und David Lem, sowie Hauptmann Soraya Davidson, die auf ihren Plätzen blieben. Dagan wartete geduldig, bis der Letzte die Tür geschlossen hatte, dann lehnte er sich etwas bequemer zurück und auch die anderen wurden etwas lockerer. Jetzt saß hier kein General mit seinen Untergebenen am Tisch, sondern vier sehr gute Freunde waren beisammen, die einiges zusammen er- und überlebt hatten.

„Ben?“, wandte sich Dagan zuerst an Levi. „Wie weit ist Krischan?“

„Krischan kam vorgestern in Alexandria an. Er nahm dort Kontakt zu einem Werber des alten Franzosen auf. Wie es scheint, treibt dieser Halunke sein Unwesen zurzeit in unserer Nachbarschaft. Aufgrund Krischans hervorragenden Referenzen wies ihn der Werber an, erreichbar zu bleiben.“

„Dass die Referenzen ausgezeichnet sind, glaube ich sofort! Wie hast du das gedreht?“

„Wir hatten das Glück, einen irakischen Attentäter zu schnappen, bevor er sich selbst umbringen konnte. Sein Name ist Kata ben Hali. Er arbeitete lange Zeit auf eigene Rechnung, bis er merkte, dass seine Dienstleistungen sehr gut bezahlt werden. Allerdings stand er noch am Beginn einer Karriere, als wir ihn schnappten. Zu unserem Glück ist Halis Gesicht weitgehend unbekannt, also dachten wir, ersetzen wir ihn doch durch einen unserer Leute und schauen nach, wer Interesse an einem Attentäter hat. Und siehe da, prompt kam ein Angebot aus Kairo.

„Der alte Franzose in Kairo…“, brummte Dagan, „das gefällt mir nicht.“

„Unseren ägyptischen Freunden gefällt das sicher auch nicht. Es ist aber gut möglich, dass Kairo nicht das Ziel, sondern nur der Sammelpunkt für eine andere Aktion ist. Das ist noch nicht klar.“

Mayr, der Levi gut kannte, zog die Augenbrauen zusammen. „Wo drückt dich der Schuh?“

„Caroline.“

„Caroline? Caroline ist auf Soulebda, was hat sie…? Caroline?!“

„Die beiden stehen sich schon immer nah. Aber… in letzter Zeit stehen sie sich näher als sonst.“

„Caroline und Krischan sind beide Profis, die wissen, was sie tun.“

„Ich weiß! Ich will ihnen auch nicht unterstellen, dass sie unprofessionell oder gar unvorsichtig sind, aber… wir wissen alle, wie gefährlich es für uns da draußen ist. Jede Ablenkung und sei es nur ein Gedanke zur falschen Zeit, kann dich dein Leben kosten. Ich … ich habe bei der Sache einfach ein mieses Gefühl.“

Das weckte Dagans Aufmerksamkeit! Wenn Levi ein mieses Gefühl hatte, war es besser, darauf einzugehen. „Wie weit ist die Operation?“

„Zu weit. Entweder wir ziehen es durch oder wir riskieren es, Krischan auffliegen zu lassen.“

„Was denkst du?“

„Wir lassen den Einsatz weiterlaufen. Die Chance, den alten Franzosen zu erwischen, steht zu gut, um sie jetzt aufzugeben.“

„Lem?“, wandte sich Dagan an diesen.

„Ja… auch ich würde Krischan im Einsatz lassen. Der alte Franzose wiegt das Risiko auf.“

Dagan ließ sich die Meinungen durch den Kopf gehen, als Soraya sich zu Wort meldete, „Ich weiß, keiner wird mich nach meiner Meinung fragen, aber ich würde Krischan von dem Auftrag abziehen, bis er seinen Kopf wieder frei hat.“

Levi schmunzelte leicht, denn genau wie Lem wusste er, dass Dagan Soraya ganz sicher nach ihrer Meinung gefragt hätte. Aber sie genoss es einfach zu sehr, einem General unaufgefordert ihre Meinung zu sagen. Denn Sorayas Ideen und Überlegungen hatten schon zu viele Leben gerettet, als dass Dagan sie ignorieren würde.

Nun lag die Entscheidung bei ihm…

„Wir lassen den Einsatz weiterlaufen“, entschied er schließlich und sah anschließend zu Levi. „Sonst noch etwas, das ich in Bezug auf Caroline wissen müsste?“

„MacFroody sucht sie noch immer, glücklicherweise ist er noch nicht auf die Idee gekommen, in der Südsee zu suchen. Allerdings wird er Caroline irgendwann aufspüren. Wir sollten ihm zuvorkommen.“

„Der Mann ist, nein, er war, Vizedirektor der CIA, wir können ihn also umlegen, ohne dass unsere Freunde hinterm großen Teich verrückt werden.“

„Wenn ich richtig liege, wird die CIA selbst dafür sorgen, dass MacFroody verschwindet, bevor er Schaden anrichten kann. Fest steht, dass wir Caroline auf Soulebda nicht so beschützen können, wie wir es hier tun könnten.“

„Da ist was dran. Lem?“

„Wir sollten uns einen Plan zurechtlegen. Sobald MacFroody weiß, wo Caroline ist, muss sie von dieser Insel verschwinden. Soulebda ist nicht unser Spielplatz und wir sollten dafür sorgen, dass Froody zu uns kommen muss.“

„Hierher wird er sich niemals wagen.“

„Natürlich wird er das nicht, also lassen wir ihn in dem Glauben, dass er den Spielplatz wählt.“

„Was schwebt dir vor?“

„Deutschland, dort wird sich MacFroody sicher fühlen.“

„Deutschland… Hm, gibt’s was Neues aus Deutschland?“

„Momentan gibt es keine akuten Bedrohungen, aber da ist eine Sache, die uns etwas Kopfschmerzen bereitet, oder besser gesagt, jemand, der uns vielleicht einmal Kopfschmerzen bereiten könnte. Gerhard Trommer! Seines Zeichen Oberstaatsanwalt in Mainstadt und auf dem steilen Weg nach oben. Wir beobachten ihn erst seit kurzem und so wie es aussieht, wird er in Mainstadt der nächste Generalstaatsanwalt werden. Doch eine Analyse lässt mich zu dem Schluss kommen, dass er ein Ministeramt oder noch mehr anstrebt.“

„Sehr schön, weiter.“

„Normalerweise ist das ja nichts Ungewöhnliches, doch um seine Ziele zu erreichen, scheint sich Trommer der PfR-Partei zu bedienen, deren Parteimitglieder, wie wir wissen, nicht unsere Freunde sind. Ich stelle mir die Frage, benutzt dieser Trommer die Partei nur, da diese verblendeten Idioten jedem hinterherlaufen, solange er ihre Klischees bedient, oder teilt er deren Gedankengut? Dieser Fall wäre für uns der schlimmere.“

„Ich hasse diese Nadelstreifen-Nazis!“, fauchte Levi. „Da sind mir diese hohlköpfigen Glatzköpfe in ihren Springerstiefeln tausendmal lieber.“

„Da bin ich ganz bei dir!“, meinte Soraya.

„Du hast Recht, diese Sache müssen wir im Auge behalten. Ah, ich verstehe… du willst Caroline nach Mainstadt schicken. So kann sie Trommer beobachten und wir können gleichzeitig MacFroody in unsere Arena locken.“ Dagan blickte in die Runde und alle drei nickten ihm zu. „Mainstadt“, lächelte Dagan und auch die anderen grinsten verschwörerisch, „ich kenne da zwei gute alte Freunde, die uns in dieser Sache sicherlich weiterhelfen können.“

 

***

 

Washington / Dulles Airport

„Ich rieche wie ein Ziegenbock“, dachte Mike Smith, während er einer Sicherheitsbeamtin seinen Ausweis entgegenhielt. „Wenigstens stinkt Dave genauso.“ Colonel Mike Smith und Lt. Colonel Dave Miller waren vor wenigen Minuten nach einem Langzeitflug von einem geheimen Auftrag aus Pakistan zurückgekehrt. Ihre Dienstränge und ihre Tätigkeit für die CIA garantierten, dass sie schnellstmöglich durch die Kontrollen kamen und den Ausgang erreichten, wo ein Fahrer bereitstand, um sie zu ihren Wohnungen zu chauffieren.

„Hör mal, Mike“, sagte Dave, bevor sie in den Wagen einstiegen, „du sollst wissen, dass ich voll hinter dir stehe. Ich meine, der Chef wird ausrasten, wenn er mitbekommt, was wir da gedreht haben, aber ich werde dich nicht hängen lassen.“

Mike, der mit Dave schon eine Ewigkeit zusammenarbeitete und den er besser kannte als sich selbst, nickte. Ja, der Chef würde bestimmt durchdrehen… Vor drei Wochen waren sie nach Pakistan geflogen, um ein Abkommen mit einem der Warlords im afghanischen Grenzgebiet abzuschließen. Dabei ging es hauptsächlich darum, gegen einen nicht ganz geringen Geldbetrag den Opiumschmuggel im Gebiet des Warlords zu unterbinden. Doch als Mike die Chance sah, durch ein gelegentliches Zudrücken seiner Augen gefangene US-Soldaten der Taliban freizubekommen, änderte er eigenmächtig die Verträge. „Mach dir mal keine Gedanken“, antwortete er Dave, „Jetzt ist es Samstagabend, morgen ist Sonntag und bis am Montagmorgen habe ich mir etwas überlegt, das ich dem Boss erzähle…“ Er brach ab, als sein Handy vibrierte. Mit einem Seufzen las er die Nachricht, sich sofort zu melden. „Scheint so, als ob ich schneller denken muss.“

„Nein, scheint so, als ob wir uns beide schnell etwas überlegen müssen“, meinte Dave, hielt sein Handy ebenfalls hoch und stieg ein.

 

***

 

Dreißig Minuten später traten Mike und Dave aus einem Waschraum, nachdem ihnen ein Offizier vom Dienst, der sie am Eingang schon erwartete, fünf Minuten gewährt hatte, sich etwas frisch zu machen. Nun führte sie der Offizier am Büro ihres Abteilungsleiters vorbei und steuerte die massive Flügeltür des Direktors an. „Ach, du dickes Ei, hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist.“ Bisher hatte Mike öfter seine Befehle gedehnt oder angepasst, je nachdem wie es die Situation erforderte, doch bisher hatte sein Boss ihm den Rücken freigehalten, da er Erfolg damit hatte, doch wenn sie zum Direktor mussten…

„Uff“, stöhnte auch Dave, als er erkannte, auf welche Tür sie zusteuerten. Dort angekommen klopfte der Offizier an und wurde sofort aufgefordert, hereinzukommen. Er öffnete die Tür, trat zur Seite und ließ Mike und Dave eintreten, bevor er die Tür wieder von außen schloss.

Im Büro saß hinter seinem Schreibtisch der Direktor der CIA, neben ihm auf einem Stuhl saß Trout, der stellvertretende Chef der Abteilung Nachrichtenauswertung, und im Hintergrund sein Boss Kivel, Chef der Nachrichtenbeschaffung.

„Smith, Miller, reinkommen!“, befahl Direktor Burnside. Mike versuchte, im Gesicht seines Bosses zu lesen, wie schlimm es stand, doch der hatte ein Pokerface aufgesetzt, also beschloss Mike, die Initiative zu ergreifen. „Angriff ist die beste Verteidigung!“, sagte sich Mike, stellte sich stramm vor den Schreibtisch Burnsides und meldete: „Sir, ich möchte Sie bitten, keine dienstlichen Schritte gegen Lt. Colonel Miller einzuleiten. Das Abändern des Abkommens entstand allein durch meine Initiative. Ich habe die Möglichkeit, das Leben von US-Bürgern zu retten, gegen gelegentliche Drogenlieferungen im Grenzgebiet ab gewägt und mich für das Leben unserer Leute entschieden. Ich betone nochmals, dass ich diese Entscheidung allein getroffen habe.“

Das ließ Dave allerdings nicht gelten! Ohne auf Mikes warnenden Blick zu achten, baute er sich neben Mike auf und sagte: „Sir, das stimmt nicht! Wir haben die Entscheidung gemeinsam getroffen!“

Burnside sah die zwei ausdruckslos an, dann blickte er an ihnen vorbei zu deren Abteilungsleiter: „Kivel, wovon reden diese Schwachköpfe?“

„Die Colonels Smith und Miller kommen gerade aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Smith sollte ein Abkommen mit einem der örtlichen Warlords treffen. In seinem Vorabbericht meldete Smith, dass er eigenmächtig den Vertrag mit dem Warlord änderte.“

„Hören Sie, Kivel, Pakistan geht mir gerade am Arsch vorbei!“, sagte der Direktor und schaute dann zu Mike und Dave, die noch immer strammstanden. „Seid ihr fertig? Wenn ja, dann halten Sie Ihre Klappe, packen Sie Ihren Arsch auf einen Stuhl und hören Sie zu!“

„Was zum Teufel ist hier los?!“, zischte Dave, als er Mike anschaute, während sie auf zwei Stühle zusteuerten.

„Keine Ahnung, aber der Laden scheint zu brennen. Was sollte das gerade, willst du auch gefeuert werden?“

„Ich habe…“

„Sind Sie fertig mit Ihrem Schwätzchen?!“, donnerte Burnside.

„JA, SIR!“, riefen die zwei gleichzeitig.

„Schön! Trout, setzen Sie diese Spezialisten ins Bild!“

„Sir“, nickte Trout, erhob sich und schaltete einen Beamer ein, der das Bild eines Mannes zeigte. Sofort verschlug es Mike den Atem! Nun wusste er, wieso sie im Büro des Direktors saßen! Das Bild zeigte John Allister MacFroody III, Trouts Boss! „Ich sehe, Sie wissen, wer das ist“, kommentierte Trout Mikes Reaktion trocken. „Wie Sie sich sicher erinnern, wurden die Söhne von MacFroody vor nicht allzu langer Zeit im Staatsgefängnis von Phoenix hingerichtet.“

„Ja, Sir ich erinnere mich. Ich muss sagen, obwohl ich ein Gegner der Todesstrafe bin, rechtfertigte die Abscheulichkeit der von den beiden Mistkerlen begangenen Verbrechen ein solches Urteil.“

„MacFroody sah das etwas anders. Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seine Söhne freizubekommen. Pech für ihn, dass die Eltern des Opfers mehr Einfluss auf den Gouverneur hatten als er.“

„Was eine eindeutige Schwäche unseres Systems ist! Wäre das Opfer eine namenlose Prostituierte gewesen, hätte MacFroody sicher keine Probleme gehabt, seine missratenen Bälger freizubekommen.“

„Das mag sein, doch es ist nicht Gegenstand unserer Unterredung!“, wies ihn Trout zurecht und warf ein neues Bild an die Wand. Das Bild zeigte eine sehr attraktive rothaarige Frau mit einem kühlen Blick. „Das ist die Frau, die das Urteil vollstreckte. Ihr Name ist Caroline Miles, sie ist israelische Staatsbürgerin und absolviert in Fort Benning eine Spezialausbildung, dazu arbeitet sie nebenberuflich im Strafvollzug.

Falls Sie wissen wollen, wieso sie als nicht US-Bürgerin als Henkerin arbeitet, die Anzahl von Freiwilligen, die diesen Beruf ausüben wollen, ist sehr beschränkt. Nach Vollstreckung des Urteils musste das FBI eingreifen und Miles außer Landes bringen, seitdem ist sie spurlos verschwunden. MacFroody hat seinen Abschied genommen, sich in Phoenix niedergelassen und all seine Energie darauf verwendet, Miles zu finden. So wie es aussieht, ist MacFroody fündig geworden, denn er hat sein gesamtes Vermögen zu Geld gemacht und ist abgetaucht. Egal, wie exzentrisch und korrupt MacFroody auch sein mag, er war nicht umsonst Chef der Nachrichtenauswertung. Er hat das Handwerk von Anfang an gelernt und hat unzählige Kontakte und Informanten, die ihn auch jetzt noch mit Informationen und Logistik unterstützen. Ihr Job ist es, finden Sie MacFroody, bevor er Miles findet!“

„Sir?“, fragte Mike und Trout nickte. „Wie konnte Miles spurlos verschwinden? Ich meine, selbst wenn das FBI sie außer Landes gebracht hat, konnte es doch kein Problem für MacFroody sein, sie ausfindig zu machen. Besonders da er, wie Sie selbst sagen, noch zum Teil über die Ressourcen der CIA verfügt.“ Zu Mikes Verwunderung antwortete nicht Trout auf seine Frage, sondern Burnside, „Miles ist nicht irgendeine israelische Staatsbürgerin“, sagte er finster, „Caroline Miles ist das Protegé von diesem Mann!“

„Ach, du Scheiße!“, flüsterte Dave, der das Gesicht ebenfalls erkannte, das Trout an die Wand warf. Das Bild zeigte Dagan Mayr, General und Legende des Mossad. Der Mann, der wahrscheinlich nach dem Papst mehr Geheimnisse kannte als sonst jemand in der Welt.

„Sie kennen bestimmt die Gerüchte über Dagans geheimnisvolle Sonderabteilung, seinen Nichten und Neffen, und ich kann Ihnen versichern, sie sind alle wahr“, übernahm Trout wieder. „Miles ist die Nichte Nr. 1! Ich muss Ihnen wohl nicht erklären, was es bedeuten würde, sollte MacFroody die Miles umbringen. Der Mossad würde Amok laufen und selbst, wenn nicht die CIA als solches Ziel der Vergeltung sein wird, wäre die Zusammenarbeit mit dem Mossad auf unbestimmte Zeit irreparabel geschädigt und das zu einer Zeit, in der wir im Nahen Osten zwingend auf deren Mithilfe angewiesen sind.“

„Normalerweise wiederhole ich mich nicht“, sagte Burnside, „aber finden Sie MacFroody und ziehen Sie ihn schnell aus dem Verkehr, bevor er Miles findet.“ Er hob einen versiegelten Umschlag hoch und hielt ihn Mike entgegen, der aufsprang und den Umschlag ergriff. „Vom Präsidenten persönlich. Sie sind ermächtigt alle Machtmittel einzusetzen, um MacFroody als Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes auszuschalten. Kivel, übernehmen Sie!“

„Ja, Sir! Los, ihr zwei, mitkommen!“ Kivel stand auf und verließ mit Mike und Dave Burnsides Büro und ging in sein eigenes.

 

***

 

Der Auftrag

„Was für eine Scheiße, Boss“, fluchte Mike, als sie in Kivels Büro angekommen waren.

„Das können Sie laut sagen.“

„Wieso wir?“, fragte Mike. „Ich meine, Trout hat doch sicher genug Spezialisten, die MacFroody besser kennen als wir, und die wissen, wie er denkt.“

„Genau das ist Trouts Problem. MacFroody ist ein hervorragender Networker, Trout weiß nicht, mit wem MacFroody noch in Kontakt steht. Burnside hat euch aus zwei Gründen gewählt. Erstens: ihr seid zurzeit die einzigen, denen Burnside traut.“

„Und zweitens?“

„Zweitens“, schnaubte Kivel, „Zweitens: Burnside kennt dich und deine Methoden ganz genau. Denkst du, er weiß nicht, dass du im Einsatz deine Befehle so auslegst, wie du es für richtig hältst? Bis jetzt hattest du lediglich Glück, dass deine Eigenmächtigkeit zu einem guten Ergebnis geführt hat. Du hast einen Freibrief vom Präsidenten bekommen, fängst du MacFroody und Miles geschieht nichts, bist du Burnsides Mann der Stunde. Legst du MacFroody um oder Miles beißt ins Gras, bist du der Idiot, der seine Befehle missachtet hat.“

„Das ist Bullshit!“

„Nein, Mike“, antwortete Kivel, ohne eine Miene zu verziehen, „das ist Politik. Und jetzt ab nach Hause mit euch, ihr stinkt wie eine Herde Alpakas.“

 

***

 

Deal or no deal?

Am folgenden Tag ging ich über den Flur, als ich eine bekannte Stimme hörte.

„Hallo, Herr Stein.“ Es war Trommer, der „zufällig“ im Flur meines Büros erschien. „Ich hatte gerade hier zu tun. Hätten Sie wohl eine Minute Zeit für mich?“

„Selbstverständlich, Herr Oberstaatsanwalt. Am besten gehen wir in mein Büro“, lächelte ich scheinbar ahnungslos und schloss die Tür auf. Trommer trat ein und ich erwartete, dass er sich erneut auf meinen Stuhl setzte, doch Trommer nahm dieses Mal betont locker auf dem Sofa Platz. „Ob du hier auch so locker sitzen würdest, wenn du wüsstest, dass ich vor weniger als vier Stunden hier eine heiße Nummer Sex hatte?“, schoss es mir durch den Kopf, denn da hatten Vera und ich eine durchaus leidenschaftliche BDSM-Session auf dem Sofa genossen. Daran hatte auch Veras Liebe zu Beate nichts geändert, doch ich hielt lieber den Mund.

„Ich möchte mich trotz all der Unannehmlichkeiten, denen Sie ausgesetzt waren, dafür bedanken, dass Sie Frau Fischer entgegen Ihrer Bedenken in den gelockerten Vollzug verlegten.“

„Ihnen ist schon zu Ohren gekommen, dass Frau Fischer dort erstochen wurde?“

„Ja, das war eine unschöne Sache.“

„Unschön?! Nein, das ist scheiße! Unser Job ist es, die Sicherheit der uns überantworteten Menschen zu gewährleisten, dabei spielt es keine Rolle, ob diese Menschen schuldig sind oder nicht.“

„Was wollen Sie hören? Dass es mir leidtut, dass ich einer Frau das Recht zukommen ließ, das ihr zustand? Das ich mir vorwerfe, mich an das Gesetz zu halten? Kommen Sie von Ihrem Thron herunter, Stein! Wenn Sie nicht in der Lage sind, unsere Gesetze und Ihre Aufgaben in Einklang zu bringen, suchen Sie sich einen anderen Job. Aber bitte“, Trommer hob beschwichtigend die Hände, „ich bin nicht hier, um mit Ihnen zu streiten. Ich habe ein Problem, bei dem ich hoffe, dass Sie mir helfen können.“

„Wenn es in meiner Macht steht, gerne.“

„Herr Stein, ich bin etwas verwirrt“, begann Trommer, „ich habe eine Obduktion der Leiche von Frau Fischer angeordnet und bekam keine Ergebnisse. Als ich beim Institut für Rechtsmedizin nachfragte, sagte man mir, dass die Leiche von Frau Fischer dort nicht ankam.“

„Ja, da gab es wohl eine Verwechslung. Frau Fischer wurde nach Frankfurt gebracht und dort scheint man sie mit einer anderen Leiche verwechselt zu haben.“

Ich konnte sehen, dass mir Trommer kein Wort glaubte, also holte ich die Unterlagen der Institute aus meinem Schreibtisch hervor. „Hier habe ich die Unterlagen von Frankfurt, die die Überstellung belegen.“

„Ja, ich habe die Kopien der Institute gesehen… doch ich bitte Sie! Rote, lange Haare, perfekte Figur, grüne Augen… eine Frau wie Fischer würde sicher jedem Mitarbeiter im Gedächtnis bleiben. Doch niemand scheint Frau Fischer in Frankfurt gesehen zu haben… das macht mich nachdenklich.“

„Nun, wie Sie sicher annehmen, würde eine derartige Erscheinung auch hier auffallen. Daher bin ich sicher, dass Frau Fischer auch nicht mehr hier ist, zumal es für Tote in unserer JVA nur sehr wenige Lagerplätze gibt. Eigentlich gibt es dafür überhaupt keine Lagerplätze bei uns.“

„Ja, da stimme ich Ihnen zu, eine tote Frau Fischer würde sicherlich auffallen…“

Damit teilte er mir wohl mit, dass er mir Beates Tod nicht mehr abkaufte und eröffnete so die Verhandlungen. „Ich habe mit dem Bestatter geredet, und dessen Handydaten belegen seine Aussage, dass er von Mainstadt nach Frankfurt fuhr, ohne anzuhalten. Er sagte auch, dass nicht er, sondern dass Sie und Frau Müller den Sarg in den Transporter schoben und dass dieser recht leicht war.“ Nun war der Spaß vorbei, denn er sah mich scharf an. „Wo ist die Leiche?!“

Jetzt legte ich mich bequem zurück, als ich antwortete: „Ich habe da ein kleines Problem. Sie werden es kaum glauben, aber auch ich habe ein Rechtsempfinden. Ja, manchmal kotzt es mich an, wenn ich sehe, wie Abschaum, der einen großen Namen trägt, hier nach ein paar Jahren wieder herausspaziert, während kleine Fische die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Ich finde es scheiße, wenn Mörder hier im Warmen sitzen, während die Opfer sehen müssen, wo sie abbleiben! Aber mit all dem habe ich zu leben gelernt, womit ich nicht klar komme ist, dass Beate Fischer unschuldig ist, was den Mord an Ella betrifft. Wissen Sie, Beate hat ihre Kleine nicht umgebracht.“

„Was soll das?“, fragte er drohend.

„Ich dachte nur, Sie sollten das wissen.“

„Lassen Sie den Quatsch. Ich weiß, dass Sie mit Meyer geredet haben und herumschnüffeln. Also, wollen Sie sich mit mir anlegen?“

„Ja, am liebsten würde ich dir eine in die Fresse hauen!“, dachte ich mir, aber ich blieb ganz ruhig. „Nein, ich will mich keinesfalls mit Ihnen anlegen, ich dachte nur, Sie könnten mir vielleicht auch einmal einen Gefallen tun.“

„Ich habe mich Ihrer Kollegin Tanja Schiller angenommen. Die obere Instanz wird sich mit Totschlag und 3 Jahren zufriedengeben. Das war der Deal und ich habe ihn erfüllt. Jetzt sind Sie dran.“

„Der Deal war, Beate in den gelockerten Vollzug zu verlegen, trotz der Gefahr, die ihr drohte. Den habe ich genauso erfüllt wie Sie Ihren Part. Jetzt aber geht es darum, eine Unschuldige auszuliefern! Ich schätze, da ist ein neuer Deal nur angemessen.“

Trommer stand auf, holte sich einen der Besucherstühle und stellte ihn vor mich, dann setzte er sich mir gegenüber.

„Reden Sie!“

„Ich will Petra Strass.“ Ich ging davon aus, dass er mich fragen würde, ob ich verrückt sei, doch er dachte ganz in Ruhe nach und forderte mich anschließend auf, weiterzureden.

„Sehen Sie, ich persönlich glaube nicht, dass ein Mann wie Sie sich mit dem Posten eines kleinen Generalstaatsanwalts zufriedengeben wird. Ich denke, Sie sind auf den Weg nach ganz oben. Ich weiß, dass Meyer und die anderen mit ihrer Falschaussage Ihnen den Weg geebnet haben und das könnte fatale Auswirkungen für diese Leute haben. Doch grundsätzlich bin ich ein Fan von Ihnen, also schlage ich Ihnen eine Zusammenarbeit vor.“

„Und wie soll die aussehen?“

„Ich könnte es so drehen, dass wir, um Beates Leben zu schützen, ihren Tod vorgetäuscht und sie sozusagen in Schutzhaft genommen haben, das würde ihr wundersames Auftauchen erklären. Im Gegenzug sorgen Sie dafür, dass die wahre Schuldige, Petra Strass, zur Verantwortung gezogen wird.“

Trommer lehnte sich gedankenverloren nach hinten und schien über das Angebot nachzudenken. Mit Sicherheit überlegte er sich, wie er Beate und Petra Strass umlegen konnte, denn eines war klar! Beate durfte auf keinen Fall reden! „Also gut. Lassen Sie Beate von den Toten auferstehen und ich kümmere mich um Frau Strass.“

„Ich werde Beate auferstehen lassen, sobald Frau Strass ihre gerechte Strafe erhalten hat.“

Wir fixierten uns gegenseitig und keiner gab nach. Schließlich stand er auf, ohne den Blick von mir abzuwenden.

„Ich warne Sie, wenn Sie versuchen, mich hereinzulegen, werde ich Sie fertig machen.“

„Keine Sorge, Herr Oberstaatsanwalt, ich betrachte das als Gentleman-Agreement. Sie bekommen Beate und ich die Strass. Und wer weiß… vielleicht können wir auch in Zukunft ähnliche Arrangements treffen.“

„Das wird sich zeigen, wenn wir diese Geschichte hinter uns gebracht haben. Guten Tag, Herr Stein!“

Trommer marschierte aus meinem Büro und ließ mich zurück. „Das wird ein Wahnsinns-Showdown werden“, dachte ich mir. Danach ging ich sofort zu Jessika, um ihr von dem neuen Deal mit Trommer zu berichten.

„Was denkst du, wird er machen?“, wollte ich von ihr wissen.

„Trommer wird die Strass abschießen, und zwar mit einem Riesenrummel. Schätze, wir haben ihm gerade zum neuen Generalstaatsanwalt gemacht.“

 

***

 

Aufstand der Häuptlinge

Leider gab es auf Soulebda nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Einige Jahre zuvor waren seltene Erden auf Soulebda gefunden worden und diese stellten einen unglaublichen Wert dar. Die Verwertung war geregelt und die Gewinne wurden durch die Regierung verwaltet und aufgeteilt. Aber auf zwei der größeren Nachbarinseln lebten und herrschten Häuptlinge, die sehr machthungrig waren. Sie waren mit der Gewinnverteilung nicht einverstanden und wollten die größten Anteile, obwohl sie auf ihren Inseln nichts zum Gewinn beigetragen hatten.

Im Norden, auf Ni’jamong, war das Häuptling Kazt’taeel und im Südwesten, auf Ka’Ihlih, handelte es sich um Häuptling Nick’Takk. Sie konkurrierten mit den Häuptlingen der anderen, kleineren Inseln und wollten schließlich sogar die Regentschaft auf Soulebda anfechten. Das konnte nicht ungestraft bleiben und die beiden Häuptlinge wurden zur Anhörung einbestellt. Aber anstatt sich bei ihrer Regentin zu melden, brachen sie einen Streit vom Zaun, der sich zu einem blutigen Aufstand entwickelte.

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich mit Penelope auf der Schießbahn des Palastes, wo wir für die anstehenden Wettbewerbe trainierten. Plötzlich rannten zwei Mädchen der Leibgarde zu uns in den Raum.

„Penelope ai Youhaahb, Miss Miles, wir wurden alarmiert. Eine Revolte ist ausgebrochen und oben vor dem Palast wird geschossen. Penelope, wir bringen Sie in den sicheren Raum. Wollen Sie uns begleiten Miss Miles?“

„Nein, bleiben Sie bei Penelope zur Sicherheit, ich werde mich oben nützlich machen.“ Die Leibgarde begleitete Penelope in den sicheren Schutzraum. Mit ihren .45 Colts sahen die Mädchen der Leibgarde schlecht bewaffnet aus, aber mehr hatten sie damals einfach nicht zur Verfügung.

Lediglich zum Sport wurden die 9mm Parabellum Pistolen eingesetzt. Rasch sammelte ich alle Magazine und Munition, die ich fand und machte mich auf den Weg zum Kommandopunkt. Dort befanden sich bereits hinter dicken Schutzwällen einige Soldaten und ein Oberst der Garde, die mit der Absicherung beschäftigt waren. Ihre alten .45 Colts waren keine besonders gute Hilfe, aber es war nun einmal die Standardwaffe der Garde.

„Miss Miles, was machen Sie hier? Sie sollten besser im sicheren Raum bei Penelope bleiben, hier wird scharf geschossen. Unteroffizier, geleiten Sie Miss Miles zurück in den sicheren Raum zu …“ Der Oberst wollte mich gerade aus dem Gefahrenbereich entfernen lassen, da ging die Schießerei los.

Aufständische durchbrachen die Glasdecke und seilten sich schießend an den Wänden ab, andere stürmten nach vorne und schossen, was die Waffen hergaben. Die Angreifer waren glücklicherweise nicht darauf trainiert, im Laufen zu schießen. Um uns herum schlugen die Kugeln ein. Ich drückte einer Gardistin, die neben mir stand, die Patronen und Magazine in ihre Hände. „Bitte helfen Sie mir.“ Sie begann sofort, die Magazine zu befüllen und ich selbst fing an zu schießen.

Die Distanz der Angreifer war etwa so groß wie auf dem Schießstand und so rannten die Revoltierenden direkt in ihr Verderben.

Als der erste Ansturm vorbei war, standen die Soldaten mit offenen Mündern da und vor uns lagen gut zwanzig tote Revoluzzer auf dem Boden. Ab diesem Zeitpunkt war der Oberst froh, mich bei sich zu haben. „Miss Miles, ich wusste gar nicht, dass Sie so gut schießen. Danke, Sie haben uns sehr geholfen.“

Er teilte mir die Frau, die mir bereits die Munition nachgeladen hatte, fest zu und wir zogen uns in den sicheren Schutzbereich der Präsidentenfamilie zurück, um sie zu beschützen. Auf dem Weg dorthin schossen wir uns den Weg frei.

Dort angekommen, luden wir erneut die Magazine nach. Aus einigen Ecken stürmten bereits die nächsten Widersacher und schossen auf uns. Wir wehrten uns mit wirkungsvollen Schüssen.

Ich ließ meine Beretta heiß laufen und meine Leibgardistin lud die Magazine ständig nach. Meine 9mm hatte einen enormen Hunger. 15 Schuss waren schnell verbraucht und meine Gardistin befüllte die Magazine erneut. Ich schoss fast nur Doubletten und die trafen. Ich erinnere mich noch gut an den erschrockenen Koch, der von einem Aufständischen als Schutzschild gehalten wurde. Aber zwei Schuss stoppten den Angreifer und der Koch sah zwar erschrocken aus, dafür aber sehr dankbar zu mir herüber.

Endlich im Zentrum der alten Bibliothek angekommen, wurde der Ansturm der Revoluzzer blutig gestoppt. Fast wäre es den Angreifern gelungen, die Regentin zu umstellen, aber wir waren die Kavallerie und befreiten die Regentin und ihren Mann. Anschließend hielten wir sie immer sicher abgeschirmt von den Angreifern.

Auf diese Weise eliminierten wir die Eindringlinge nach und nach. Die Bibliothek wurde gerade umgebaut. Dadurch stapelten sich dicke Bücher auf Paletten mehrere Meter hoch, was für uns günstig war, denn Papier stoppt Kugeln sehr gut.

„Da oben, Miss Miles!“, rief der Oberst. Über die Deckenfenster drangen immer wieder neue Angreifer ein. Da wir die Türen der verlassenen Räume verbarrikadiert hatten, blieb den Angreifern nur noch der Angriff über das Dach.

„Es sind so viele, die vom Dach kommen“, rief eine junge Gardistin verzweifelt. „Nur die Ruhe, einen nach dem anderen anvisieren, dann schießen. Danach ausatmen und weitermachen, das machen Sie gut!“, motivierte ich die Frau. Sie schoss zwei Angreifer vom Dach und zielte auf den nächsten. „Danke, Miss Miles, das hilft, einen nach dem anderen!“

„Miles, die Tür vorne links!“, rief der Oberst. Doch da fielen bereits die ersten Angreifer von meinen Kugeln getroffen zu Boden. „Ich habe sie!“, rief ich zurück und der Oberst nickte nur. Durch diese Tür traute sich keiner mehr herein. Die Angreifer in den Fluren waren deutlich weniger als jene, die über das Dach kamen. Aber die Angreifer waren schlecht organisiert und ungeschickt. Vom Dach kommend waren sie gut zu sehen und jeder Getroffene stürzte sofort herab. Die Angreifer fielen wie reife Früchte von der Decke auf den Steinboden. Wer von ihnen nicht gleich tödlich getroffen wurde, starb beim Aufprall auf den harten Boden. Inzwischen ging die Munition der Gardisten langsam zu Ende und ich musste nach allen Seiten absichern. Jetzt luden bereits zwei Mädchen die Magazine nach und ich konnte so schneller und effektiver schießen.

„Es kommen nun weniger Angreifer vom Dach, aber vom Hauptflur kommen jetzt die Elitekämpfer. Miss Miles, ich brauche Sie jetzt für die am Boden! Das müsste dann der Rest der aufständischen Truppe sein.“ Die letzten beiden Angreifer schoss ich noch vom Dach, lud die Waffen nach und wir erwarteten die letzten Elitekämpfer.

Am Ende stürmte noch eine Gruppe Widersacher mit einem Häuptling als Anführer die Bibliothek, es war deren letztes Aufgebot. Wir schossen, was die Waffen hergaben. Der Häuptling selbst war voller Adrenalin und die Wachen schossen scheinbar vergeblich auf ihn. Erst durch zwei Schüsse in den Kopf konnte ich den Häuptling stoppen. Ein solcher Ablauf war uns in der Ausbildung beigebracht worden, diese Adrenalin-getränkten Angreifer schossen auch noch nach einem Herztreffer. Die Mediziner nannten das „die Minute des toten Mannes“.

Als sich der Überfall zu Ende neigte und das Schießen aufgehört hatte, stand ich da, inmitten unserer kleinen Burg aus zerschossenen Büchern, verschwitzt und schmutzig. Ein Streifschuss hatte meine Schulter blutig gefärbt. In beiden Händen eine rauchende Waffe und um mich herum lagen leere Magazine. Der Boden war übersät mit verschossenen Hülsen.

Dann stürmten endlich die Regierungssoldaten die Bücherei. Mit Freudengeschrei fielen sich die Soldaten und Gardistinnen gegenseitig in die Arme und der Oberst machte vor seinem General Meldung.

Vor mir erhob sich die Regentin, Heylah ai Youhaahb, und kam auf mich zu. Sie rief etwas in der Sprache, die ich noch nicht ganz verstand, und die Anwesenden begannen einen lauten Singsang. Danach machte Heylah einige Bilder mit ihrem Handy und lächelte mich an. Mit beiden erhobenen Händen wies sie auf mich und begann ein Jubelgesang. Die Umstehenden sangen laut und klatschten mit. Mehr und mehr kamen dazu und machten mit. Jubelrufe und Freudenschreie waren neben dem Geklatsche zu hören. Erst da bemerkte ich, dass diese Ehrerbietung mir galt.

 

***

 

Die Ehrung

Am nächsten Tag wurden beim Säubern der Räume 180 erschossene Angreifer und drei erschossene Mädchen der Leibgarde gezählt. Angeblich hatten mehr als die Hälfte der Angreifer kleinere Löcher als jene, die von den 45er Kugeln der Gardisten stammten. Die darauffolgenden Autopsien der Angreifer bestätigten diese Aussagen. Diese Erkenntnis trug man offenbar auch der Regentin vor.

Als wieder Ruhe eingekehrt war, wurde im Palast eine große Siegesfeier abgehalten und ich wurde von der Regentin persönlich eingeladen.

In einer großen Zeremonie wurden den Opfern gedacht und die überlebenden Soldatinnen und Soldaten des Angriffs wurden ausgezeichnet. Ganz am Ende wurde auch ich aufgerufen.

„Zum Abschluss des heutigen Freudentages rufe ich nun Miss Caroline Miles auf. Miss Miles, bitte.“

Der große Empfangssaal im Palast war voll, nur der Gang in der Mitte wurde freigehalten. Über einen roten Teppich musste ich jetzt gehen, genau wie die anderen vor mir. Irgendwie fühlte ich mich dabei doch etwas unwohl. All die lächelnden Gesichter auf beiden Seiten und ich in meiner offiziellen Tracht, nur meine langen roten Haare bedeckten meine Brüste. Ich trat vor die Regentin und verbeugte mich, so wie es mir Penelope gesagt hatte. Der Gemahl der Regentin schaute ganz genau, ob ich mich auch tief genug verbeugte, was er wirklich sehen wollte, war mir aber klar.

„Erheben Sie sich, Miss Miles!“ Damit trat ich neben die Regentin und sie lächelte mich mit freundlichem Blick an, nickte kurz und ihre Tochter Penelope trat vor mich. Unser beider Lächeln fiel allen im Saal auf. Dass wir beide zusammen waren, stellte auf Soulebda ja kein Problem dar.

Penelope nahm einen Orden von einem Samtkissen, das ihr eine Gardistin entgegenhielt, und legte ihn mir um. Dann trat sie neben mich an meine Seite und berührte sanft meine Hand mit ihrem kleinen Finger.

„Hiermit verleihe ich Ihnen, Miss Caroline Miles, den Orden Kahlscha’daar, das ist eine ganz besondere Auszeichnung. Sie, Miss Miles, haben sich während des Aufstandes als tapfere Heldin erwiesen und unerschrocken Ihr Leben für uns alle, die wir hier stehen, eingesetzt. Sie sind ein wahres Vorbild für uns.“

Mit einem tosenden Beifall ging allerdings auch ein Gemurmel einher, das ich nicht einordnen konnte, und daher dachte ich, das sei, weil ich Ausländerin war. Erst später erfuhr ich, dass diese Auszeichnung für die Menschen auf Soulebda noch sehr viel mehr bedeutete. Sie enthielt einen Ehrenstatus, der mich als absolute Vertrauensperson der Regentin definierte.

Ab diesem Zeitpunkt war ich auf Soulebda so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wo ich war, erkannte man mich und grüßte sehr höflich. Ich selbst merkte, dass das von der Bevölkerung ehrlich gemeint war, denn die Regentin wurde von allen geliebt und ich hatte immerhin ihr Leben gerettet. Das Leben ihrer Regentin.

Meine geliebte Penelope bedankte sich auf ihre einzigartige Weise dafür, dass ich ihre Familie gerettet hatte. Außerdem überreichte sie mir ein großes, eingerahmtes Bild, es zeigte mich inmitten der Bücher stehend, mit den beiden Pistolen im Anschlag, verschwitzt und angeschossen. Das Bild, das damals die Regentin noch selbst geschossen hatte, war hervorragend ausgearbeitet und hätte für jede Action-Kinowerbung herhalten können.

Penelope und ich betrachteten an einem Sonntagabend das Bild, das in der Dienstvilla einen guten Platz gefunden hatte, als mein Handy summte. Penelope reichte es mir mit einem Grinsen im Gesicht. „Dein Freund Krischan ist da dran.“

Krischan erzählte mir, dass er wieder für eine längere Zeit auf einen Einsatz gehen würde und es daher keine Kommunikation zu mir gäbe. Inzwischen wusste Penelope auch, dass ich noch für mein Onkelchen arbeitete und auch, dass Krischan bei ihm in Lohn und Brot stand. „Zwei Monate Funkstille, pass nur auf, dass du wieder in einem Stück und vor allem gesund heimkommst.“

Penelope grinste, als sie mich erröten sah, und als das Telefonat beendet war, fielen wir beide uns in die Arme. „Ich sehe, wenn sich ein Mensch freut! Ich glaube, dieser Krischan sollte sich nicht so oft in der Welt herumtreiben und dich schnellstmöglich zum Altar führen.“

„Oh, Penelope, ich fürchte, dass er sich für seinen Staat noch ein paar Jahre da draußen herumtreibt.“ Sie kam nah zu mir heran und wir umarmten uns ganz fest. „Wie auch immer, meine geliebte Caroline, ich werde dich auch immer lieben, vergiss das niemals.“ Danach küssten wir uns innig.

 

***

 

Polizeipräsidium Mainstadt

KHK Kurt Meyer saß an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.

„Meyer.“

„Hier Trommer! Kommen Sie in mein Büro!“, erklang eine eindeutige Aufforderung, der Meyer sofort nachkam. Der Tod von Beate Fischer fraß sehr an ihm und zum tausendsten Mal fragte er sich, warum er den Mund gehalten hatte. Doch jedes Mal, wenn er sich dies fragte, wusste er auch die Antwort darauf… die hatte genau jetzt ihren Spaß in der Kita!

Mit einem mulmigen Gefühl machte sich Meyer auf den Weg zur Staatsanwaltschaft, dennoch nahm er sich vor, diesem Scheißkerl Trommer dieses Mal die Stirn zu bieten! Als er an Trommers Tür klopfte, saß der an seinem Schreibtisch.

„Kommen Sie herein und setzen Sie sich“, forderte er Meyer auf.

Als Meyer saß, legte Trommer die Ermittlungsakte Fischer auf den Schreibtisch und schob sie Meyer hin.

„Ich möchte, dass Sie sich die Akte nochmal vornehmen und sich einige Ungereimtheiten ansehen. Frau Strass scheint in einigen Passagen ihrer Aussage die Unwahrheit gesagt zu haben. Klären Sie das. Ihre Ergebnisse werden Sie ausschließlich mir zukommen lassen. Haben Sie das verstanden?“

Meyers Hände zitterten, als er völlig überrascht die Akte an sich nahm. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, Trommer zu sagen, was er ihn könne… Doch hier und jetzt hatte er die Gelegenheit ein Unrecht wieder gut zu machen, wenn auch zu spät für Beate… oder für sich selbst.

 

***

 

Vorbereitungen

Mit einem Pling teilte mir mein Computer mit, dass ich eine neue Mail erhalten hatte. Da ich mit den Gedanken sowieso nicht bei der Sache war, klappte ich die Akte vor mir zu und öffnete das Mailprogramm. Die Nachricht kam von Jessika und lautete: „Sieh dir mal den Gefangenen aus Zelle 19 Trakt 4 an.“

Auch wenn Trakt 4 nicht in „meinem Haus“ lag, habe ich dennoch Zugriff auf alle Daten, da Richard Facher, der Leiter des Traktes 4, und ich uns gegenseitig vertraten.

Der Gefangene Nr. 19 saß wegen Mord, Raub und Dokumentenfälschung in lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Ich besorgte mir Zugriff auf die Prozessunterlagen – der elektronischen Akte sei Dank – und studierte die Akten der Nummer 19, dessen richtiger Name Jarvis Dunkowski lautete. Ich beschloss gedanklich, bei 19 zu bleiben.

Das Hauptgeschäft von Dunkowski war die Besorgung von gefälschten Reisepässen für eine Mafia-ähnliche Organisation. Dazu suchte sich Dunkowski Personen aus, die den zukünftigen Benutzern der Pässe äußerlich ähnelten und stahl ihnen ihre Pässe. Diese wurden dann nur auf das Nötigste abgeändert und die Mafia benutzte jeden Pass immer nur einmal.

Um sicherzugehen, dass nicht die Pässe vor der Benutzung als gestohlen gemeldet wurden, brachte Dunkowski die Besitzer der Pässe um.

Offiziell verbuchte Dunkowski acht Morde, davon drei Frauen. Ich sah mir die Bilder der Opfer an… Dunkowski schien eine Leidenschaft für Blondinen zu haben. Jessika hatte Recht, Dunkowski war genau der Mann, den ich brauchte, dennoch zögerte ich… durfte ich mit so einem Kerl Geschäfte machen? Heiligte der Zweck die Mittel? Wie weit würde ich ohne ihn kommen? Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht sehr weit ohne professionelle Hilfe kommen würde, also schluckte ich die Kröte herunter und setzte mich an den Computer. Zunächst musste ich die „Bezahlung“ klar machen, denn auch hier – gerade hier – hinter Gittern war nichts umsonst.

Ich durchsuchte die Vollstreckung und Führungsakte und fand, was ich suchte. Dunkowski hatte strengstes Post- und Einkaufsverbot, außerdem hatte seine Freundin schon mehrfach einen Besucherantrag gestellt, den das Gericht jedes Mal abgelehnt hatte. Perfekt! Wenige Klicks und ein paar anders gesetzte Häkchen und schon durfte Dunkowski seine Freundin sehen, Briefe erhalten und auf Einkauf gehen. Als ich fertig war, begab ich mich in den Trakt 4 zu Dunkowski, inständig hoffend, dass mir Richard nicht über den Weg lief. Ich hatte Glück, niemand sah mich und wer mir über den Weg lief, interessierte sich nicht für mich. Dann ein schneller Blick und ich schlüpfte in Dunkowskis Zelle.

„Oh, hoher Besuch, der Bad-Man persönlich. Haben sie dich von deiner Station verjagt?“

„Nein, Jarvis, mich verjagt niemand, denn ich bin der Beste in meinem Job. Ich bin sogar so gut, dass niemand weiß, wo ich gerade bin.“

„So, so, und was willst du hier bei mir?“

„Ich brauche Hilfe und du bist genau der Mann, den ich suche.“

„Ich? Hört sich an, als ob du ziemlich verzweifelt bist, wenn du mich schon um Hilfe bitten musst.“

„Verzweifelt nicht, Jarvis, es gibt genug Passfälscher hier im Trakt, die ihr Handwerk verstehen, aber du sollst angeblich der Beste sein.“ Ich hatte gelernt, dass Schmeicheleien meistens bei Verbrechern funktionierten, wenn man etwas von ihnen wollte. Auch Dunkowski sprang darauf an.

„Das stimmt! Wegen meiner falschen Pässe sitze ich nicht hier. Scheiße, meine Ausweise sind überall durchgekommen.“

„Ja, ich habe es gelesen. Du hattest das Pech, das dein Boss erwischt wurde und einen Deal mit dem Staatsanwalt gemacht hat, er hat dich verpfiffen und seinen eigenen Hintern gerettet. Schöner Boss.“

Als Antwort spuckt Dunkowski auf den Zellenboden.

„Jetzt zu meinem Anliegen. Ich brauche echte Ausweise und Papiere für jemanden, der nicht existiert. Wie komme ich da ran?“

„Eigentlich ganz einfach. Du nimmst einen falschen Reisepass, gehst zu einem Einwohnermeldeamt einer großen Stadt. Dort sagst du, dass du die letzten Jahre im Ausland gelebt hast und möchtest jetzt wieder hier leben. Alle deine Papiere außer dem Reisepass sind im Ausland leider verloren gegangen. Ist der falsche Pass gut, bekommst du einen vorläufigen Ausweis, bis der Neubeantragte fertig ist. Wenn alles gut geht, bekommst du den neuen echten Personalausweis innerhalb einer Woche und mit dem kannst du dann die anderen echten Papiere anfordern. Alles, was du brauchst, ist ein gut gefälschter Reisepass.“

„So einfach geht das?“

„Jede Bürokratie hat ihre Schwächen, Bad-Man.“

„Also gut, reden wir nicht weiter Drumherum. Ich brauche einen deiner hervorragenden Pässe, was musst du dafür haben?“

„Was springt für mich dabei heraus? Komme ich hier raus?“

„Nein. Erstens ist das hier ein privater Auftrag und zweitens ist das, was ich vorhabe, nicht ganz legal.“

„Warum sollte ich dir dann helfen?“

„Ich habe in deiner Akte gelesen, dass deine Freundin schon drei Anträge auf Besuch gestellt hat, aber alle wurden abgelehnt und es scheint so, als ob du sie nie mehr sehen wirst. Ich habe, als Zeichen meines guten Willens, die Anweisung abgeändert. Wäre dir nächste Woche Samstag recht?“

Dunkowski biss die Zähne zusammen, während er mich anstarrte. „Wenn du mich verarschst, leg ich dich um, Bad-Man!“

„Ich verarsche dich nicht, es ist mein voller Ernst. Außerdem habe ich deine Postsperre aufgehoben, verlasse mich aber darauf, dass deine Briefe privater Natur bleiben. Also was ist, haben wir einen Deal?“

„Wie lange darf sie bleiben?“

„10 Stunden, von 10 bis 20 Uhr.“

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Jarvis musste tatsächlich kämpfen, um seine Tränen zurückzuhalten.

„Also gut, wir sind im Geschäft, Bad-Man. Ich brauche ein originales Dokument, wenn möglich von einer Person, die dem neuen Inhaber ähnlichsieht, auch was Alter und Größe betrifft, Bilder und wenn es geht, ein paar unterschriebene Dokumente.“

„Geht klar. Wie lange wird es dauern.“

„Eine Woche, außer meine Zelle wird gefilzt, dann war’s das.“

„Keine Sorge, das wird nicht geschehen. Gut, sobald ich den Ausweis habe, sorge ich auch dafür, dass du auf Einkauf gehen kannst, der erste geht dann auf mich. Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass dieses Gespräch nie stattgefunden hat?“

„Welches Gespräch?“

Ich ließ Dunkowski wieder allein und schaffte es ungesehen wieder aus Trakt 4 herauszukommen. Gut, Punkt eins in Angriff genommen. Zurück im Büro gab ich Jessika Bescheid, dass der Ausweis in Arbeit war. Schnell ging ich eine Etage höher in meine Wohnung, wo die meisten Unterlagen von Vera lagen, suchte ihren Reisepass sowie ein paar Dokumente mit ihrer Unterschrift und wurde schnell fündig. Aus Beates Akte entfernte ich das Passfoto und ersetzte es durch ein Foto einer schon entlassenen Frau, die ihr halbwegs ähnlich sah. Jetzt musste ich nur noch einen passenden Namen finden, was gar nicht so einfach war. Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir etwas Gutes einfiel. Oh ja, … Der Name passte… Alle Unterlagen, die Bilder und den neuen Namen packte ich in einen Umschlag auf dem „Verteidigerpost“ vermerkt war und ließ ihn über die Hauspost Dunkowski zukommen.

 

***

 

„Hast du Hunger?“, fragte Vera und schaute zur Tür herein.

Jetzt, wo sie mich fragte, stellte ich fest, dass ich einen Mordshunger hatte, außerdem war es schon ziemlich spät. Also beschloss ich, Feierabend zu machen.

„Ja, ich habe einen Riesenhunger. Wollen wir was bestellen?“

„Ich habe da eine andere Idee“, zwinkerte sie mir zu, „komm mal mit.“

Sie brachte mich zu ihrer Wohnung und schob mich zur Tür hinein.

Ich traute meinen Augen nicht! Auf dem Tisch stand ein Menü, das selbst den besten Sternekoch blass aussehen ließ. Dazu waren im Kerzenlicht vier Gedecke aufgetragen und Jessika saß schon am Tisch.

„Ich weiß, es ist nicht viel, aber es soll ein kleines Dankeschön sein, das ihr für mich kämpft“, sagte Beate und bat mich, Platz zu nehmen. Hm, allein der Duft des Essens war unglaublich gut, das Essen selbst war fantastisch und der Wein perfekt dazu gewählt. All das führte dazu, dass wir es tatsächlich schafften, einen schönen Abend zu verbringen und unsere Sorgen für einen kurzen Moment zu vergessen.

Während wir aßen, hielten Beate und Vera Blickkontakt wie zwei verliebte Teenager. Sie hielten auch Händchen, strichen sich gegenseitig über den Arm und ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden auch unter dem Tisch Kontakt hatten.

Jessika sah mich grinsend an und verdrehte ihre Augen, was mir sagen sollte: „Nimm‘s nicht so schwer!“ Und ich? Einerseits wurde mir hier deutlich vor Augen geführt, dass ich Vera als Partnerin verloren hatte, andererseits freute ich mich für sie.

Nachdem wir mit dem Essen fertig waren und unsere Gastgeberinnen den Tisch abgeräumt hatten, verabschiedete sich Jessika. „Danke für den schönen Abend. Wir sehen uns morgen.“ Sie stand auf und sowohl Vera als auch Beate verabschiedeten sie mit einem Kuss.

Da ich mir sicher war, dass heute Abend zwischen den beiden rothaarigen Schönheiten noch die Post abgehen würde, beschloss ich, die Beiden nicht länger mit meiner Anwesenheit zu stören, also stand auch ich auf und verabschiedete mich ebenfalls. „Ich werde dann auch mal die Biege machen, bis morgen, ihr zwei.“ Doch Vera hielt mich am Arm fest und zog mich vom Tisch weg in Richtung des Betts.

„Weißt du, Bad-Man“, sagte Vera und schubste mich aufs Bett, „wir zwei hätten da noch ein ganz bestimmtes Dankeschön für dich.“

 

***

 

Personalfragen

War das eine Nacht!

Wo ich diese Energie hergenommen habe, weiß ich nicht, doch meine beiden Frauen hatten das Letzte aus mir herausgeholt. Beate hatte mich damit überrascht, dass sie eine von Veras Gerten unter dem Kissen hervorzog, mir diese mit beiden Händen entgegenhielt und gemeinsam mit Vera vor mir auf die Knie ging, was die Nacht zu einem unvergesslichen Erlebnis machte.

Ein Blick auf meinen Terminplaner sagte mir, dass ich heute Vormittag noch einen Termin bei einem Abteilungsleiter hatte. Ich beschloss aber, diesen auf den Nachmittag zu verschieben.

Um mich etwas zu erholen, packte ich mich auf das Sofa im Büro, doch an Schlaf war nicht zu denken, denn zu viele Gedanken spukten in meinem Kopf herum. Irgendwann fielen mir dann doch die Augen zu, bis mich der Duft von frischem Kaffee weckte. „Meine“ Jessika hatte an mich gedacht und mir einen großen Becher auf den Schreibtisch gestellt – und daneben lag ein Stapel Akten. Auch das ist typisch für Jessika. Die Arbeit schläft eben nie.

Kaum hatte ich an sie gedacht, kam Jessika auch schon herein und fragte mich, ob alles in Ordnung sei.

„Ja, warum?“

„Du hast Augenringe und siehst aus, als ob du die ganze Nacht nicht geschlafen hast.“

„Tja, Bad-Man sein ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja erledigen“, grinste ich, was Jessika genervt aufstöhnen ließ. „Scheint wohl so zu sein. Hier liegen übrigens die Akten der neuen Bewerber.“

„Welche neuen Bewerber?“

„Da Tanja jetzt hier im Gefängnis einsitzt, wurde ihre Stelle neu ausgeschrieben. Frank will, dass wir uns die Bewerber ansehen und eine Vorauswahl treffen. Während sich der Bad-Man von der Nacht erholen musste, habe ich schon mal ein paar Kandidaten ausgesucht, jetzt komm in die Gänge, da sind die Bewerbungsunterlagen. Du hast drei Stunden dafür, dann hast du einen Termin mit Frank im Konferenzsaal.“

„Auch das noch“, dachte ich. Bis jetzt hatte ich gehofft, einen Termin mit Frank umgehen zu können. Zumindest bis die Sache mit Beate erledigt war, denn wenn einer Lunte roch, dann Frank. Wir kannten uns seit Ewigkeiten und Frank war nicht einfach mein Chef, nein, er war auch mein Freud, der sich darauf verließ, dass ich ihm jeglichen Ärger vom Hals hielt. Momentan tat ich aber eher das Gegenteil davon.

Mit seiner Stelle als Direktor hatte er einiges an Verantwortung zu tragen, doch er ließ mir in allen Belangen freie Hand, die einzige Bedingung war, dass es keinen Ärger gab. Dennoch, er kannte mich gut, und ich durfte ihn nicht unterschätzen und schon gar nicht ein falsches Wort fallen lassen.

Also machte ich mich über die Akten her. Es waren sechs Bewerber, davon zwei Frauen. Anscheinend hatte die Emanzipation in diesem Job noch nicht vollständig Fuß gefasst.

„Was war das?“, fragte ich mich, als ich die Akte der zweiten Frau vom Stapel nahm, denn die Akte hatte einen Knick im Deckel, was absolut ungewöhnlich für Jessika war. Ich schlug die Akte auf und mein Herz bekam einen Aussetzer.

„Verdammt, Jessika, ich liebe dich!“, schoss es mir durch den Kopf, als ich ihren Gedanken begriff und ich grinste in mich hinein. Jessikas Plan war genial und gefährlich zugleich…

Ein grober Überblick reduzierte die Auswahl auf zwei Bewerber.

Von den vier Aussortierten waren zwei Bewerber eindeutig Spinner, die keine Vorstellung hatten, was auf sie zukommen würde.

Die andere Frau kam aus dem medizinischen Bereich und würde sich sicher mit Vera einen Konkurrenzkampf liefern, was unsere Belegschaft als Letztes gebrauchen konnte.

Der Letzte der vier war gerade erst volljährig geworden und ich glaubte nicht, dass er dem psychischen Druck, den der Job hier forderte, auf Dauer standhalten würde.

Somit blieben ein ehemaliger Armeeangehöriger und eine Frau übrig.

Der Armee-Typ hatte das Zeug dazu, sich im Gefängnisalltag zu behaupten, er war mehrmals im Auslandseinsatz gewesen und hatte haufenweise Belobigungen. Die Frau war nach einem längeren Bildungsaufenthalt, der sie durch mehrere Länder geführt hatte, wieder im Land. Sie war als Verwaltungsangehörige eine Zeitlang durch die Staaten getingelt, hatte in verschiedenen Staatsgefängnissen gearbeitet und sogar einen Abstecher nach Singapur gemacht, um den dortigen Justizbehörden über die Schulter zu schauen.

Sie wurde schnell mein Favorit, also schaute ich mir die Akte genauer an.

Sarah Schlosser, 35 Jahre, keine Familie, und bis jetzt bei sieben amtlichen Behörden im Ausland beschäftigt gewesen.

Fairerweise schaute ich mir die Akte des Armeetyps noch einmal an. Wenn ich Frank etwas ablenken wollte, musste ich ihm schon mehr als einen Kandidaten bieten und so beschloss ich, alle Akten mit in die Besprechung zu nehmen.

Pünktlich stand ich im großen Besprechungssaal des Verwaltungsgebäudes. Außer Frank waren noch Abgeordnete des Ministeriums, Mitglieder des Personalrates sowie die Frauenbeauftragte anwesend.

„Gut“, dachte ich, „eine Verbündete habe ich schon mal“. Mir war aber klar, dass ganz egal, was die einzelnen Teilnehmer anführen würden, entscheiden würde letztlich Frank. Ihn musste ich überzeugen. Die Konferenz begann und wie üblich hatte jeder Teilnehmer seinen Favoriten.

Schnell stellte sich heraus, dass das Rennen zwischen dem Armee-Typ und der Medizinerin stattfinden sollte, wobei der Armee-Typ deutlich mehr Anhänger hatte. Ich hielt mich noch zurück und erst, als Frank mich aufforderte, meine Meinung zu äußern, tat ich das.

„Also, ich schlage Sarah Schlosser vor“, warf ich in den Raum und alle sahen mich verwundert an, denn deren Name war bisher noch gar nicht gefallen. Das heißt, nicht wirklich alle waren verwundert, Frank lächelte in sich hinein.

Nach einer kurzen Stille brach ein wirres Stimmengewitter über mich herein.

Ich wartete, bis sich der Sturm gelegt hatte, dann erklärte ich meine Entscheidung.

„Ich sehe bei Sarah den klaren Vorteil, dass sie diese Tätigkeit mit einer gewissen Leidenschaft ausübt. Der Mann, der von der Armee kommt, sieht in diesem Job lediglich eine gut bezahlte Arbeit. Dasselbe gilt für die andere Frau. Doch beide sind es nicht gewohnt die zweite Geige zu spielen, in einem gewissen Maß ist das auch ok, doch hier brauchen wir keine großen Egos oder Karrieremenschen, sondern Teamspieler.“ Es schadete sicher nicht, an den besonderen Geist in unserer JVA zu appellieren. „Dass es hier so gut läuft, ist der Verdienst von uns allen und von unserer Einstellung zueinander.“

Wieder wurde eine laute Diskussion geführt, aus der Frank und ich uns heraushielten. Er zog die Augenbrauen zusammen, als er sich zu mir herüberbeugte. „Warum?“

„Ich habe einfach ein gutes Gefühl bei ihr.“

Seine Augen durchbohrten mich beinahe, während er mich lange und nachdenklich ansah.

Unglaublich, Peter, der abgebrühte Bad-Man, schwitzte innerlich und hoffte, dass sein Chef es nicht bemerkte.

„Also gut“, sagte er schließlich leise zu mir. „Ich vertraue deinem Urteil und nehme die Schlosser.“

„Ich bin sicher, sie wird dich nicht enttäuschen“, nickte ich zuversichtlicher, als ich tatsächlich war, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen.

Frank dagegen hatte seinen Blick noch nicht von mir abgewandt, als er meinte: „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“

Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, dann gab Frank seine Empfehlung an die einzelnen Abteilungen und niemand widersprach seiner Wahl.

Als die anderen gegangen waren, hielt mich Frank zurück.

„Ich hörte, du hast jetzt einen neuen Freund, Trommer.“

„Naja, ich würde Trommer nicht als Freund bezeichnen, und ich glaube auch nicht, dass Trommer diesen Begriff kennt.“

„Trommer und ich haben zusammen studiert. Er war schon immer rücksichtslos, wenn es darum ging, ein Ziel zu erreichen. Sei vorsichtig, mach ihn dir ja nicht zum Feind.“

„Habe ich nicht vor.“

„Gut, “ lächelte er, dann froren seine Gesichtszüge ein, als er mit eisiger Stimme fortfuhr, „ich habe heute Morgen übrigens einen Bericht aus Freising bekommen. Elvira Torres wurde bei ihrem ersten Freigang zu ihrer Tochter bei einem Verkehrsunfall getötet. Ein LKW hat sie erfasst und über hundert Meter mitgeschleift. Die Leiche soll ziemlich mitgenommen aussehen. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag.“

Wahrscheinlich konnte man mir das Entsetzen ansehen, das ich empfand, doch Frank war schon gegangen. Wie vor den Kopf geschlagen taumelte ich zum nächsten Stuhl und ließ mich hineinfallen. „Trommer, du Schwein!“, war der erste Gedanke, der sich in mein Gehirn einbrannte! Der zweite lautete: „Auf was hast du dich da eingelassen?!“ Dann kam ein dritter Gedanke, ein Gedanke, den ich niemals für möglich gehalten hätte: „Ich bringe dich um!“ Das Erschreckende an diesem Gedanken war, ich meinte ihn ernst! TODERNST!

 

***

 

Zwei Tage später

„Stein“, meldete ich mich übel gelaunt am Telefon. Die Nachricht von Torres‘ Tod hatte uns völlig aufgewühlt. Besonders Vera nahm es sich schwer zu Herzen. Beate tröstete sie, so gut es ging. Zwar sagte ich mir, dass – wenn wir nicht eingegriffen hätten – Beate jetzt tot wäre und die Wahrscheinlichkeit, dass Trommer Torres auch in diesem Fall hätte umbringen lassen, sehr hoch war, doch es half wenig – wir fühlten uns mehr als schuldig.

Da ich bis zur Fertigstellung des Passes zur Untätigkeit verdammt war, vergrub ich mich in der Arbeit, bis mich das Telefon herausriss.

„Hallo Mister, es interessiert mich einfach. Heute Mittag im Schiller“, erklang Meyers Stimme und direkt danach hatte er auch schon wieder aufgelegt.

Mit einem mulmigen Gefühl verließ ich kurz vor Mittag die JVA und schaute mich mehrmals um. „Du wirst paranoid“, sagte ich mir, doch wie sagt man so schön, Vorsicht ist besser als Nachsicht, und siehe da, Arschgesicht und sein Kumpel waren tatsächlich in meiner Nähe. Die beiden Pflaumen benutzten denselben Wagen wie neulich und hatten augenscheinlich noch nicht genug! Anscheinend war meine Lektion von neulich nicht ganz angekommen und insgeheim hoffte ich, dass mir die beiden Gelegenheit gaben, dies zu verdeutlichen.

Dieses Mal war ich zuerst im Schiller, Meyer kam pünktlich und setzte sich zu mir. Ich musste nicht, wie beim letzten Mal, in die Ecke rutschen und Meyer sah um einiges besser aus als bei unserem vorherigen Zusammentreffen.

„Was hast du mit Trommer gemacht?“, fragte er ohne Umschweife.

„Wie kommst du denn darauf?“

„Seit ein paar Tagen bearbeite ich wieder den Fischer-Fall. Diesmal will ich gleich wissen, wohin die Reise geht. Was hat Trommer vor?“

„Wir wollen die Strass zur Rechenschaft ziehen.“

„Wir? NEIN! Das willst DU. Aber Trommer will etwas anderes. Was?“

„Ich vermute, dass er sie medienwirksam abschießen wird. Er wartet nur auf den richtigen Moment.“

„Jetzt sagst du mir, was du weißt, oder ich lasse eine Riesen-Bombe aus Scheiße hochgehen. Und die wird gewaltig stinken.“

„Auf einmal bist du wieder der Alte! Wieso hat das solange gedauert? Wusstest du, dass deine Kollegen mich überwachen?“

„Die beiden Witzfiguren? Ja, die habe ich gesehen. Du hast die beiden ganz schön fertig gemacht. Dein Freund hatte eine gebrochene Nase und einen Jochbeinbruch.“

„Hat er verdient und falls er mir nochmal dumm kommt, gibt’s einen Nachschlag.“

„Zurück zu dir. Pack aus!“

„Es ist so, wie die Fischer sagte: Die Strass hatte ihren Mann angestiftet, die kleine Ella umzubringen. Sie hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen, denn er hatte er weniger Geld für sie, weil er Unterhalt zahlen musste. Also musste die Kleine weg. Da Beate arbeitete, musste er ihr keinen Unterhalt zahlen, nur der Unterhalt für Ella kostete ihn eine schöne monatliche Summe. Also brüteten sie detailliert den Plan aus, den die Strass dann der Polizei erzählte. Beate kam genau eine Minute zu früh, oder zu spät, je nachdem wie man es sieht. Zu früh, was den Plan der Strass angeht, zu spät, um Ella zu retten. Beate konnte Ella nicht mehr retten und rastete aus. Den Rest kennst du. Das heißt nicht ganz. Beate hat zuerst alles versucht, um Ella wiederzubeleben und die Strass hat sie dabei verhöhnt, dann erst hat Beate zum Messer gegriffen.“

„Weiter.“

„Das war´s.“

„Nein, das war nur die Hälfte! Woher weißt du das alles?“

„Hör zu, Meyer. Du bist mein Freund und ich will dich nicht anlügen. Ich schwöre dir, dass es genauso gelaufen ist. Reicht das? Falls ja, hast du Gelegenheit, das Wunder einer wahren Auferstehung zu erleben.“

„Ach, du Scheiße…“, Meyer sah mich völlig sprachlos an, nur langsam dämmerte es ihm, dass er nicht am Tod einer unschuldigen Frau schuld war. Plötzlich stahl sich ein Ausdruck von Erleichterung in sein Gesicht! „Du… Du! Also gut, du Wahnsinniger. Ich werde mir noch einmal die DNA-Beweise vornehmen. Ich glaube, an der Leiche der kleinen Ella wurden welche von der Strass gefunden. Mal sehen, wie sie das erklärt.“

„DNA von Strass an Ella? Das wusste ich ja gar nicht.“

„Nein, das weiß noch keiner.“

„Denkst du, du bekommst genug für eine Anklage zusammen?“

„Kein Problem, und dieses Mal muss ich nichts fingieren.“

„Wie lange wird das dauern?“

„Ich schätze, Trommer wird in zwei Wochen die Bombe platzen lassen. Wie ich unseren geschätzten Oberstaatsanwalt kenne, wird er das Gericht schnell überzeugen und der Prozess wird ein buchstäblicher kurzer Prozess werden. In ungefähr drei Wochen wird Strass in einer deiner Zellen sitzen.“

Ich hatte also drei bis dreieinhalb Wochen bis zum Showdown. Nicht gerade viel, aber besser als nichts.

„Danke, dass du mich informiert hast.“

„Pass bloß dich auf“, warnte mich Meyer eindringlich, „die Witzfiguren folgen dir nicht umsonst.“

„Ach, mit denen komme ich schon klar.“

 

***

 

Die Verlegung

Ich versuchte, mich so sanft wie möglich aus Veras Arm zu lösen, ohne sie aufzuwecken. Tatsächlich gelang es mir und Vera drehte sich im Schlaf zu Beate um und schmiegte sich fest an diese. Eigentlich müsste mir das einen Stich in mein Herz geben, doch ich freute mich für die beiden, zumal sie mich bereitwillig in ihr neues Leben aufgenommen hatten.

In Veras Gesicht lag ein tiefer innerer Frieden und auch Beate schien im Schlaf ihre neue Liebe für immer festzuhalten. Der Stich ins Herz kam erst jetzt bei dem Gedanken, dass ich vielleicht nicht die anbahnende Katastrophe verhindern konnte, dass mein Plan vielleicht scheiterte und dass Beate tatsächlich sterben musste. Nein, so durfte ich nicht denken, ich musste den Kopf frei bekommen und diese Gedanken verbannen! Das ging am besten mit einer guten Tasse starken Kaffee, also braute ich mir eine.

Während Vera und Beate fest schliefen, lag ich noch wach, da sich mein Gedankenkarussell drehte. Einmal hatte ich in einem Buch den Satz gelesen: „Wer nur reagiert, verliert.“ Trommer hatte die Initiative an sich genommen und ich reagierte bloß, das musste sich ändern, also beschloss ich, aktiver zu werden. Mit der Tasse in der Hand begab ich mich ins Büro. Um halb sechs war ich allein auf dem Gang, sah man von Decker und seinen Leuten ab, die sich auf den Schichtwechsel vorbereiteten.

Erneut dachte ich an Vera. Vera durfte auf keinen Fall etwas von unserem Plan mitgekommen. Wir hatten nur den einen Versuch und ich konnte keinesfalls riskieren, dass ihre Hormone uns in Gefahr brachten. Wenn der Showdown begann, musste Vera… Tja, das wusste ich noch nicht.

Ich musste diesen Punkt mit Beate bereden und das unter vier Augen. Sie musste mir dabei helfen, Vera im richtigen Augenblick loszuwerden.

„Sie haben Post“, verkündete der Rechner. Ich öffnete mein Postfach und sah, dass es neue Aufgaben von Jessika gab.

„Gefangene 33 in Trakt 3.“

Ich öffnete die Personalakte der angegebenen Frau und schaute sie mir an. Luise Pleitz, 56 Jahre, saß wegen Heiratsschwindel.

Heiratsschwindel? Ich wollte Jessika schon zurückschreiben, ob es ein Scherz sei, dann erst verstand ich, was Jessika beabsichtigte.

Also begab ich mich in Zelle 33, Trakt 3. Dort saß Luise Pleitz an ihrem Tisch, hatte ihr Frühstück vor sich und hörte sich mein Problem an. Anders als bei Dunkowski konnte ich Luise Pleitz für ihr Entgegenkommen einiges an Hafterleichterung verschaffen, etwas, auf das Luise sofort ansprang.

„Was Ihre Frau braucht, ist eine Legende. Sie kann nicht einfach auf einem Passamt aufschlagen und sagen: „Hallo, hier bin ich, leider habe ich alle meine Papiere verloren.“ Auch nicht, wenn sie hier eine Wohnung sucht. Sie hat Nachbarn, die Fragen stellen werden, irgendwann kommen neue Bekannte, die wissen wollen, was sie vorher getan hat und wo sie war. Sie muss eine schlüssige Geschichte haben und darf sich auch Jahre später nicht verraten. Am besten bleibt sie so nahe an der Wahrheit wie möglich.“

„Sie hat ihren Mann mit einem Messer filetiert und ihr Kind verloren.“

„Oh…, “ seufzte Luise, „das kann man dann wohl nicht nehmen.“

„Nein“, antwortete ich und umriss ihr meine Idee, ohne auf Einzelheiten einzugehen.

„Sehr gut“, lobte sie mich, „das wäre Plan B. Etwas, das völlig anders ist als die Realität. Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken befasst, in meiner Branche tätig zu werden? Sie hätten Zukunft.“

„Ich fessle die Frauen lieber anders an mich.“

„Ist es die Frau aus den Nachrichten?“, fragte sie mich plötzlich.

Da ich keine Antwort gab, lächelte sie still und verriet mir augenzwinkernd: „Ich habe nie geglaubt, dass sie ihr eigenes Kind umgebracht haben soll. Wenn dieser Mistkerl Hand an mein Kind gelegt hätte… also, wenn ich ihr helfen kann, dann gerne. In ein paar Tagen haben Sie eine hieb- und stichfeste Legende.“

„Super“, dachte ich, „jetzt hatte Beates Fanclub schon eine Vorsitzende.“ Eigentlich sollte ich aufpassen, dass der Deckel auf der Sache blieb, dies hier trug sicher nicht dazu bei. Eine Stunde später musste ich mir von Jes­sika bittere Vorwürfe anhören, dass ich eine weitere Mitwisserin geschaffen hatte.

„Als ich sagte, dass du dir die Person ansehen sollst, habe ich nicht daran gedacht, dass du sie einweihst. Ich dachte, du kommst von allein auf den Punkt.“

„Tut mir leid, aber in so etwas bin ich Amateur.“

„Ein blutiger noch dazu. Hast du vergessen, was mit Torres geschah?!“

„Nein! Mist, was tun wir mit Luise jetzt?“

„Das, was du ihr versprochen hast. Ich sorge für eine Verlegung. Nachdem sie die Legende fertig hat, kommt sie in eine andere Anstalt in der Hoffnung, dass Trommer keinen Verdacht schöpft! Aber ab jetzt keine Mitwisser mehr. Falls nötig, sprich erst mit mir.“

„Ich verspreche es.“

„Was macht ihr neuer Pass?“

„Jarvis sagte, er braucht eine Woche, also noch drei Tage.“

„Jarvis können wir nicht verlegen, er darf mit niemandem reden.“

„Sobald er den Pass hat, bekommt er seine Bezahlung. Anschließend wird er ganz sicher mit keinem reden, Jarvis wird seine neuen Freiheiten bestimmt nicht aufs Spiel setzen.“

„Du willst ihn wirklich seine Freundin sehen lassen?“

„Warum nicht. Ich denke nicht, dass er Probleme macht, und Decker weiß nur, dass Besucher- und Einkaufsperre aufgehoben ist. Ich habe Jarvis und seiner Freundin die Verheirateten-Zelle gebucht“, grinste ich, „Außerdem ist morgen Einkauf. Ich habe ihm ein Sonderkonto eingerichtet und ihm ein Limit von 1000 Euro gegeben. Das sollte reichen.“

„Hauptsache, er hält anschließend den Mund.“

„Das wird er garantiert.“

„Gut, denn auch meine Macht ist begrenzt, ach ja, bevor ich es vergesse, zwei Dinge noch. Vera muss mit Beate heute auf die Krankenstation. Frauenangelegenheiten, also frag erst gar nicht. Schemmlein ist nicht da und Vera hat das Kommando, es wird also keine Probleme geben. Das Zweite, die Malinowski wird heute verlegt. Decker ist schon instruiert und er hat ein Sonderkommando bereitgestellt, das dafür sorgen soll, dass Malinowski keinen Ärger macht.“

Mist, mir gefiel es überhaupt nicht, dass Beate hier im Gefängnis herumlief, aber auch Vera kannte das Risiko und wenn sie beschloss, es einzugehen, war es sicher wichtig.

Die Malinowski bereitete mir da mehr Kopfschmerzen. Diese Frau war einfach nur böse. Ein Hannibal Lecter im Körper einer 130 Kilo schweren und 1,95 Meter großen Frau. Malinowski hatte aus purer Mordlust mehr als 10 Menschen umgebracht und 5 weitere schwer verletzt. Mehrere Gutachter hatten ihre volle Schuldfähigkeit bescheinigt und bestätigt, dass es ihr nur ums Töten ging. Während ihrer Zeit in der Untersuchungshaft hatte sie mehrfach die Beamten angegriffen und einige davon schwer verletzt. Heute sollte sie von der U-Haft in den geschlossenen Vollzug verlegt werden und Decker hatte schon eine Mannschaft eingeteilt, die ausschließlich für die Malinowski zuständig war. Teamchef war Hannes, ein 1,90 Meter Hüne, der trotz seiner Arbeit hier immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte. Hannes war der Typ, auf den man sich verlassen konnte, wenn es rund ging. Um zwei Uhr sollte Malinowski hier ankommen, bis dahin waren es noch sechs Stunden.

„Ok. Hoffen wir, dass alles gut geht.“

 

***

 

Pünktlich trafen Decker, Hannes und vier weitere Beamte ein, um die Verlegung durchzuführen. Würde es nach mir gehen, hätte ich die Malinowski in eine kleine Metallbox mit Rollen gesperrt und selbst gefahren, so aber wurde sie in Hand und Fußschellen gefesselt, in den Lastenaufzug gesteckt und in „meinen“ Flur gebracht. Ich erwartete die Gruppe am Aufzug und als die Tür aufging, sperrte ich den Mechanismus, um zu verhindern, dass der Aufzug sich im falschen Moment schloss. Meier trat als erster heraus, dann die Malinowski flankiert von zwei Beamten, danach kamen Decker und die restlichen zwei Wachleute. Wir mussten zwar bis zum Ende des Flures, aber da konnte eigentlich nicht mehr viel geschehen.

Die Prozession setzte sich in Bewegung, ich hielt mich vorne neben Hannes auf und die Malinowski trabte scheinbar friedlich hinter uns her.

Wir hatten etwa ein Drittel des Flures passiert, da kamen uns Vera und Beate entgegen.

„Verfluchter Mist! Ausgerechnet jetzt!“, dachte ich. Andererseits war es die perfekte Zeit. Niemand, auch Decker nicht, würde auf Vera und ihre Begleitung achten. Vera hatte Beate so unkenntlich gemacht, wie sie nur konnte. Die Haare waren unter einem Kapuzenshirt verborgen, das Gesicht halb verdeckt und der Blick nach unten gerichtet. Um es so normal wie möglich aussehen zu lassen, hatte sie Beate am Arm gefasst und führte sie wie jede andere Gefangene.

Um sich nicht an uns vorbeidrücken zu müssen, hielt Vera Beate an einem Verbindungsgang an, um uns passieren zu lassen. Vera lächelte freundlich, als Hannes und ich an ihnen vorbeigingen, während Beate zu Boden schaute, um ihr Gesicht nicht zu zeigen.

„Hallo“, sagte einer der Beamten, die die Malinowski führten, zu Vera und nickte ihr zu. Das war genau die Sekunde Unaufmerksamkeit, auf die Malinowski gewartet hatte! Sie rammte den Beamten dermaßen fest in die Seite, dass dieser buchstäblich zur Seite flog. Krachend gaben seine Knochen nach, als er gegen das Geländer des Ganges geschleudert wurde. Der zweite Beamte war allein kein Gegner für dieses Kraftpaket. Sie warf ihn förmlich gegen Decker, der in dem engen Flur zwischen den sichernden Beamten und Malinowski stand und dadurch zu Boden fiel. Vera stand der Malinowski am nächsten und sie packte Vera an ihrer Kehle.

Sofort sprang ich die Malinowski an, doch mir erging es nicht anders als Decker. Sie schubste mich gegen Hannes, doch bevor einer von uns wieder auf die Beine kam, sprang Beate die Malinowski an. Die Kapuze war von Beates Kopf gerutscht und ihre feuerroten Haare wirbelten durch die Luft. „Hände weg von ihr!“, kreischte sie und ließ ihre Stirn gegen die der Malinowski krachen und stach ihr dann einen Finger direkt ins Auge.

Die Malinowski schrie auf und ließ Vera los, um sich Beate zu schnappen, doch Hannes, Decker und ich waren wieder auf den Beinen und ergriffen die wütende Frau. Beate, die sich losreißen konnte, kümmerte sich um Vera, die auf dem Boden lag und sich die Kehle hielt. Hannes versuchte, die Malinowski zu Boden zu zwingen, doch die wehrte sich mit Erfolg. Selbst zu dritt hatten wir erhebliche Mühe, die Oberhand zu gewinnen. Als einer der sichernden Beamten dazukam, schaffte es die Malinowski, einen Arm frei zu bekommen und griff nach dessen Reizgasgerät.

Das reichte! Ich drehte mich zu Hannes, der mir am nächsten stand, zog ihm den Teleskopschlagstock aus dem Holster und schlug der Malinowski auf beide Knie. Brüllend, wie ein angeschlagener Ochse, ging sie zu Boden und schrie wie verrückt. Ich schob den Schlagstock zusammen und steckte ihn Hannes zurück in den Holster, dann sprang ich schnell zu Vera, die noch immer am Boden saß.

„Bring sie weg!“, raunte ich Beate zu und gab ihr meinen Generalschlüssel.

Spätestens jetzt würde Frank durchdrehen, denn ich gab einer Gefangenen den Generalschlüssel des Gefängnisses! Beate zog sich schnell wieder die Kapuze über und half Vera beim Aufstehen. Sie versuchten es, genauso zu machen wie vorhin, doch diesmal sah es eher so aus, als ob die Gefangene führte. Davon hatten die anderen glücklicherweise nichts mitbekommen. Hannes hatte die Malinowski im Würgegriff und hielt sie am Boden, während Decker sich um den bewusstlosen Beamten kümmerte. Malinowski wütete noch immer, doch mit zerschlagenen Knien hatte sie keine Chance mehr.

Ich griff nach meinem Handy und rief Decker zu: „Ich rufe Schemmlein!“ Der nickte nur, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.

„Was ist?“, meldete sich Schemmlein am anderen Ende. „Ich habe frei! Halt dich an deine Freundin.“

„Wir haben einen Notfall. Es gibt mehrere Verletzte, Vera ist ebenfalls verletzt!“

„Fünf Minuten!“ Das Gespräch war beendet.

„Schemmlein kommt!“, sagte ich zu den anderen.

„Was machen wir mit der Furie?“, wollte Hannes wissen.

„Warte, ich habe eine Idee.“ Ich lief zur nächsten Abstellkammer und holte eine metallene Rollliege, die recht stabil sind. Diese rollte ich zu Hannes und zu viert schafften wir es die Malinowski darauf zu legen und mit Hand und Fußschellen daran zu fesseln.

Jetzt war die Lage unter Kontrolle und Schemmlein kam um die Ecke gerannt. Er schaute sich erst den bewusstlosen Beamten an, dann die Malinowski.

„Was ist mit Vera?“

„Sie konnte zur Krankenstation gehen.“

„Gut, hast du noch so ein Teil?“, fragte er und klopfte auf die Liege.

„Klar.“

Erneut lief ich zur Abstellkammer und holte eine weitere Liege, auf die wir den bewusstlosen Beamten legten. Beide wurden zur Krankenstation gebracht, wo Vera schon alles für die Notfälle bereit gemacht hatte.

„Vera, wie geht’s dir?“, fragte Schemmlein.

„Geht schon wieder“, krächzte sie heiser.

„Komm her und lass mich nachsehen!“

Schnell schaute sich Schemmlein sich ihren Hals an und meinte: „Ganz schön gequetscht, geht es?“

„Keine Sorge, ich schaffe das.“

Nach und nach trafen die benachrichtigten Helfer ein und kümmerten sich um die Verletzten. Wir gingen aus dem Weg und verließen die Krankenstation.

„Mann, das war vielleicht was“, sagte Hannes. „Ähm, Bad-Man, was ist mit dem Bericht über die verbotenen Schläge auf die Knie?“, fragte er.

„Lass ihn den Bericht schreiben“, sagte Decker zu Hannes. „Er musste ja auch unbedingt zuschlagen.“

Hannes grinste. „Wer war bloß diese Gefangene? Habt ihr gesehen, wie sie die Malinowski angesprungen hat, um Vera zu helfen? Das war verdammt mutig.“

„Ja!“, brummte Decker und trat einen Schritt näher. „Eigentlich sollten wir doch jeden hier drinnen kennen, oder?!“

Bevor ich dazu etwas sagen konnte, kam Schemmlein heraus und gab Entwarnung. Der Beamte hatte zwar ein paar Knochenbrüche, sonst aber keine schwereren Verletzungen. Decker bedankte sich aufrichtig bei Schemmlein und ließ mich stehen.

Erleichtert machte ich mich auf den Weg zu Beate, die schon aufgelöst in Veras Wohnung wartete und sofort auf mich zustürmte.

„Wie geht’s Vera?“

„Alles ok. Sie ist nicht ernstlich verletzt.“

„Ein Glück, ich dachte…“

Beate fing an zu reden und erzählte die Dinge aus ihrer Sicht und während sie erzählte, schweiften meine Gedanken ab. Ich musste mir eingestehen, dass mir Beate wichtiger geworden war, als ich zugeben wollte. Ich hatte wirklich Angst um BEIDE Frauen gehabt. Beate hatte sich wie eine Löwin vor Vera geworfen, ohne sich Gedanken um die eigene Sicherheit zu machen. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, dass Beate ihren Mann mit dem Messer in Scheiben geschnitten hatte. Wahrscheinlich hatten weder er noch Petra Strass und schon gar nicht Beate selbst geahnt, was für eine Bestie in ihr schlummerte und nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Beate würde das, was sie liebte, immer verteidigen und das mit allen Mitteln. Vera konnte sich glücklich schätzen, so eine Liebe gefunden zu haben, denn nicht viele hätten es gewagt, die Malinowski anzuspringen. Das alles brachte meine Gedanken zurück auf das Wichtigste. Wenn mein Plan nicht funktionierte, würde Beate sehr wahrscheinlich sterben und Vera daran zerbrechen.

„Und ich?“, fragte ich mich selbst. „Ich selbst würde nicht zerbrechen, oder?“ Ich beschloss, es erst gar nicht darauf anzulegen, unser Plan musste klappen! Es würde keinen Plan B geben und es wurde Zeit, die nächste Phase des Plans umzusetzen.

 

***

 

Legendenbildung

Von Luise Pleitz bekam ich gegen Nachmittag Beates Legende. Noch in ihrer Zelle las ich mir ihren neuen Lebenslauf durch, er stimmte perfekt. Nicht nur, dass er schlüssig war, nein, er war auch so einfach gehalten, dass er glaubhaft und zudem leicht zu merken war. Die Orte, an denen Beate gelebt haben soll, gab es wirklich und alle waren Großstädte, die jeder schon einmal gesehen hatte oder zumindest aus dem Fernsehen kannte. Zwar bestand die Wahrscheinlichkeit, dass sich Dritte tatsächlich zur selben Zeit am selben Ort aufgehalten hatten, doch in einer Stadt wie London oder New York machte das keinen Unterschied. Luise Pleitz hatte sich mit ihrer Arbeit selbst übertroffen. Damit sollte Beate klarkommen. Als ich mich bedankte und ihre Zelle verlassen wollte, hielt sie mich einen Moment zurück.

„Sagen Sie der Frau, dass ich ihr alles Gute wünsche.“

„Ich richte es ihr aus, versprochen.“

Schon am nächsten Tag wurde Luise Pleitz in eine Freigänger-Einrichtung am anderen Ende der Republik verlegt und nicht nur Jessika war sehr erleichtert, als der Bus mit Luise als Mitwisserin das Gefängnis verlassen hatte. Mit den Unterlagen von Pleitz suchte ich im Anschluss Dunkowski auf. Jarvis hatte den Pass beinahe fertig, alles, was er noch brauchte, waren die Orte, an denen Beate bzw. die Frau, auf die der Pass ausgestellt war, sich aufgehalten hatte.

„Brauchst du noch etwas?“

„Nein, das reicht. Und danke für den Einkauf. Es tat richtig gut, sich mal wieder was Gutes leisten zu können. Die Frau muss dir einiges bedeuten.“

Ich schwieg kurz. „Ja, sie bedeutet mir sehr viel.“

„Kein Problem. In zwei Tagen hat sie ihren Pass. Was ist mit meiner Bezahlung?“

„Die wartet auf dich am Samstag. Ich habe für euch die Ehe-Zelle gebucht.“

„Dann werde ich mir richtig Mühe geben und keine Sorge, ich werde mich wie ein Gentleman benehmen.“

„Das will ich hoffen.“

„Du wirst es nicht glauben, aber mir ist klar, dass ich diesen Knast nie mehr verlassen werde. Ich habe vor, mich zu ändern und der Pass soll der erste Schritt sein. Vielleicht bekomme ich ja einen Bonus… später.“

„Du hilfst, ein großes Unrecht aus der Welt zu schaffen und bekommst ganz sicher einen Bonus dafür… später.“

„Ich hoffe, du hast Recht, Bad-Man. War schön, mit dir Geschäfte zu machen.“

Ich nickte ihm zu und verließ seine Zelle. Im Büro setze ich Jessika von Beates neuem Lebenslauf in Kenntnis. Da ich es versprochen hatte, informierte ich sie vorab über meine Absicht, Randy zu kontaktieren und erklärte ihr auch, was ich von Randy wollte.

Randy war unser Computer-Fachmann und ein Experte für alles Technische. Ok, er war ein Nerd, der die Welt am liebsten von seinem Monitor aus betrachtete, aber er war der Einzige, der mir meiner Meinung nach beim großen Finale helfen konnte. Bei der Sache mit dem öffentlichen Strafregister hatte er auf meine Bitte hin die Server so manipuliert, dass sich bei den Kommentaren die Begeisterung in Grenzen hielt und die Kritik lauter erschien, als sie tatsächlich war. Ihm war ein solcher Pranger genauso zuwider wie Frank und mir und so half er uns bereitwillig, dafür zu sorgen, dass es nun kein Register gab. Damit hatte Randy bewiesen, dass er durchaus im Stande war „ein Ding zu drehen“.

Jessika gab mir ihr Einverständnis und ich musste mir überlegen, wie ich Randy dazu bringen konnte, mir zu helfen. Der heutige Abend war dazu ideal, denn heute Abend hatte Mike zu unserem Herrenabend eingeladen, bei dem auch der Whisky aus meiner verlorenen Wette ausgeschenkt wurde. Es war einer der Abende, an dem Probleme aus der Welt geschaffen wurden, bevor sie überhaupt zum Problem werden konnten. Es war allerdings auch der Abend, an dem ich gegen Trommer in die Offensive gehen würde!

 

***

 

Randy

Mike, Frank, Randy und ich machten uns über die zwei Flaschen Scotch Single Malt her, die mich ein kleines Vermögen gekostet hatten. Obwohl ich ein großer Liebhaber dieses wunderbaren Gesöffs war, musste ich mich zurückhalten, um nicht eine unbedachte Äußerung fallen zu lassen, denn Frank, der Falke, würde sie nicht einfach überhören.

Ein paar Stunden später saßen wir in einem vollgequalmten Zimmer, rauchten teure Zigarren und leerten die Whiskeyflaschen.

„Ich habe gehört, dass es mit der Malinowski Ärger gegeben hatte.“

Typisch Frank, wahrscheinlich wusste er schon von dem Vorfall, bevor wir die Krankenstation erreicht hatten. „Eine geheimnisvolle rothaarige Gefangene soll Vera Müller gerettet haben. Decker erzählte, dass die Gefangene schneller war als du.“ Wobei er mich grinsend ansah. Natürlich gab es dazu jede Menge bissige Kommentare, auf die ich gar nicht einging. Ich fragte stattdessen nach dem verletzten Beamten.

„Er wird noch eine geraume Zeit dienstunfähig sein, aber es sah wohl schlimmer aus, als es ist.“

„Ich hätte die Malinowski mit einer kleinen Box in ihre Zelle fahren sollen, dann wäre das nicht passiert.“

„Das wäre Verschwendung von Justizmitteln. Solche Personal-Boxen sind teuer.“

„Haha.“

„Morgen wird es offiziell, Sarah Schlosser wird zum nächsten Ersten eingestellt.“

„Danke, dass du meiner Empfehlung gefolgt bist.“

Kurz verfinsterte sich seine Miene, als er mich von der Seite anschaute. „Hast du sie schon getroffen?“, fragte er.

„Nein, sie kommt erst in ein paar Tagen hier an und meldet sich bei mir, sobald sie in der Stadt ist.“

„Wie ist sie denn, auch so ein geiles Teil wie Tanja?“, fragte Randy.

„Bis jetzt kenne ich nur das Bild aus der Bewerbung. Aber das sieht nicht schlecht aus.“

So zog sich der Abend weiter hin. Wir plauderten, qualmten Zigarren und genossen den Whisky, bis schließlich Trommer zur Sprache kam.

„Trommer wird in ein paar Tagen bekannt geben, dass er sich als Generalstaatsanwalt beworben hat“, erzählte Mike, „ich schätze, er hat gute Chancen.“

„Wow, das nennt man Karriere“, meinte Randy.

Ich spürte Franks Blick auf mir, als Randy weitersprach: „Ich wette, der marschiert direkt zu einem Ministerposten weiter.“

„Gut möglich“, sagte ich nur. „Ich finde es nur unglaublich, dass er dafür diese braune Kackpartei benutzt.“

Dann wurde auch Mike auf Franks Blick aufmerksam.

„Habe ich was verpasst?“, fragte er und stellte sein Whiskyglas ab. „Was ist los? Ich kenne euch zwei, da ist doch was im Busch!“

„Wusstet ihr, dass an der Leiche der kleinen Ella DNA-Spuren von der Strass gefunden wurde?“, fragte ich in die Runde.

Plötzlich wurde es sehr still und selbst Randy bemerkte, dass es hier um etwas Großes ging.

„Im Ernst? Petra Strass war am Mord der Kleinen beteiligt?“, fragte Mike ungläubig. „Wieso weiß das noch niemand?“

„Bevor die Leiche der Kleinen beerdigt wurde, hat ein gewissenhafter Ermittler noch einmal die ganze Leiche nach DNA untersucht. Er konnte die gefundene DNA nicht zuordnen und hat sie mit der großen Datenbank abgeglichen, aber es gab keinen Treffer. Doch anscheinend wurde die Strass vor zwei Wochen wegen einer Alkoholfahrt registriert und ihr wurde eine Blutprobe entnommen. Jedenfalls hat der Computer plötzlich ihren Namen ausgespuckt.“

„Das ist der Hammer“, staunte Mike. „Trommer schläft mit einer Verdächtigen, wenn das rauskommt…“ Mike und Randy fingen sofort eine lebhafte Diskussion über die Folgen an, während Frank sich zu mir beugte.

„Hast du eine Ahnung, was das bedeutet?“, fragte mich Frank leise.

„Ja, ich weiß genau, was das bedeutet.“

„Trommer wird Amok laufen! Gnade dir, wenn du mit dieser Wendung etwas zu tun hast.“

„Nein, das glaube ich nicht, dass ich das Ziel seiner Rache sein werde. Er weiß es nämlich schon.“

„Er weiß es und schläft mit der Alten immer noch?“ Mike schaute mich ungläubig an.

„Was ist mit der Fischer? Was sagt sie dazu?“

„Beate Fischer wurde vor ein paar Wochen erstochen“, antwortete ich, während Frank mich durchdringend ansah, nein, er durchbohrte mich fast mit seinem Blick.

„Du spielst mit dem Feuer, pass auf, dass du dich nicht verbrennst!“, flüsterte er leise und fügte hinzu: „Du bist mein Freund, aber wenn das schief geht, kann dir niemand mehr helfen.“

Das war deutlich und Frank beließ es damit. Nach einer weiteren Flasche Whisky aus Mikes Beständen beendeten wir den Abend gegen zwei Uhr nachts. Als wir uns von Mike verabschiedeten, bestiegen wir übrigen drei ein Taxi, das zuerst Frank absetzte. Etwa 500 Meter vor Randys Wohnung, ließ ich den Taxifahrer anhalten und bezahlte ihn. Randy, der wusste, dass es bei mir ab und zu eine Überraschung gab, sagte nichts und stieg mit mir aus.

„Es muss dir sehr am Herzen liegen“, schmunzelte er, während er neben mir herging.

„Was?“

„Dein Problem. Du hast dich heute Abend sehr zurückgehalten und den guten Whisky den anderen überlassen. Dauernd hattest du mich im Blick und da dachte mir, dass du etwas von mir willst. Also hielt ich es für besser, auch etwas weniger zu trinken.“

„Randy, für dein junges Alter bist du verdammt clever.“

„Hast du deinen PC wieder mal geschrottet und ich muss alles neu installieren?“

„Ich glaube, mein Anliegen ist dieses Mal etwas komplizierter.“

Wir schlenderten zusammen in Richtung seiner Wohnung und auf dem Weg dorthin erzählte ich ihm alles. Ja, ALLES, denn wenn Randy helfen sollte, dann musste er wissen, um was es ging und besonders musste er wissen, was auf dem Spiel stand. Als alle Fakten auf dem Tisch lagen, dachte er so lange nach, bis wir seine Tür erreichten, dann schüttelte er den Kopf und meinte: „Peter, das, was du vorhast, ist technisch gesehen kein Problem. Das eigentliche Problem wird Trommer sein. Er wird sich rückversichern. Du weißt, was ich meine.“

„Ja, ist mir klar.“

„Ihre Chance liegt bei 50%. Bestenfalls!“

Ich hatte es geahnt, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Beates Chance zu überleben lagen gerade einmal bei mageren 50%! Umso klarer wurde mir, dass ich Vera auf gar keinen Fall in den Plan einweihen konnte.

„Tja, 50 %, das muss eben reichen“, murmelte ich. „Wirst du mir helfen?“

„Klar, allein schon wegen Vera.“

„Danke, du hast was gut bei mir.“

„Ich werde es mir merken und irgendwie glaube ich, es wird nicht das Einzige sein, was du mir die nächsten Jahre schulden wirst.“

 

***

 

Um dieselbe Zeit ritt Petra Strass wild auf Trommer ihrem Höhepunkt entgegen. Stürmisch und rücksichtslos fickte Trommer Petra Strass durch. Dieses Mal hielt er sich nicht zurück und nahm dabei auch keine Rücksicht auf sie.

Er nahm sich, was er wollte. Aber auch Petra Strass hielt sich nicht zurück. Sie bohrte ihm ihre Krallen in den Rücken und es entwickelte sich ein richtig hartes Liebesspiel. Schließlich lagen beide erschöpft nebeneinander.

„Gerhard, das war unglaublich. Man könnte meinen, es wäre das letzte Mal, dass wir es miteinander treiben“, sagte Petra Strass und besah sich die Spuren, die sie auf Trommer hinterlassen hatte. „Daran wirst du morgen deinen Spaß haben“, dachte sie innerlich grinsend.

„Quatsch, ich wollte nur mal was Neues.“

Zwei Stunden später verließ Petra Strass die Wohnung von Trommer und fuhr zu ihrer eigenen zurück. Als sie die Haustür aufsperren wollte, sprach sie ein Mann an, der mit einer jüngeren Frau auf sie wartete.

„Frau Petra Strass?“

„Ja, bitte?“

„Kurt Meyer, Kriminalpolizei Mainstadt! Ich nehme Sie wegen Mordverdacht an Ella Fischer fest.“

Fassungslos stand Petra Strass da und starrte Meyer an. Der fackelte nicht lange und legte Petra Strass Handschellen an.

 

***

 

Kairo

Krischan lebte noch… doch aus einem Schnitt quer über seine Kehle lief in Strömen das Blut auf den staubigen Boden.

Sein Mörder, Pierre Cardin, der alte Franzose, stand neben dem zuckenden Körper und schaute zu, wie das Leben den Mann verließ, während der Werber, der ihm Krischan als „Top-Mann“ angepriesen hatte, bewusstlos neben dem sterbenden Mossad Agenten lag und einem weit schlimmeren Tod als Krischan entgegensah.

 

***

 

Vor zwei Wochen war Krischan alias Kata ben Hali in Alexandria eingetroffen, nachdem ihm Fillier, der Werber, der für verschiedene Söldner arbeitete, eine „Einladung“ geschickt hatte. Fillier war auf Hali schon im Irak aufmerksam geworden, nachdem er vor drei Monaten ein paar unliebsame Lokalpolitiker umgebracht hatte, also begann er zu recherchieren. Über seine Kanäle und auch das Internet informierte sich Fillier über Hali, bis er dessen „Lebenslauf“ auch ins kleinste Detail nachvollziehen konnte. Hali hatte eine Vorliebe für Langwaffen, was bedeutete, dass er kein Fanatiker war, dessen Ziel es ist, sich mit Sprengstoff zwischen anderen Menschen in die Luft zu jagen, sondern jemand war, der seine Anschläge überleben wollte. Dazu kam, dass er es schaffte, sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen. Hali schien ein Gewinn zu sein… Jung, nicht zu fanatisch, formbar und billig! Dass Fillier bei seinen Recherchen in Levis Falle tappte, ahnte er nicht und so schickte Fillier Hali per Boten ein dickes Bündel Euros sowie die Aufforderung, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Als dies geschah, musste Fillier nur noch einen „Abnehmer“ für Hali finden und den hatte er! Fillier wusste, dass der alte Franzose in Kairo ein Team für einen Einsatz zusammenstellte und der würde Hali bestimmt nehmen, da dessen „Gehaltsforderungen“ sicher weit unter dem üblichen Sold lagen. Nachdem Hali sich mit Fillier zum ersten Mal getroffen hatte, wies er ihn an, nach Alexandria zu gehen und dort zu warten. Nun musste Fillier nur noch den alten Franzosen überzeugen und seine Provision kassieren…

 

***

 

„Wie Sie selbst sehen, mon Colonel“, Fillier übergab Pierre Cardin ein Dossier über Hali zusammen mit einem Bild, das dieser durchlas. „Selbst General la Grande hat sich in einer Mail an General Voult anerkennend über Hali ausgelassen.“

Der alte Franzose – tatsächlich war Cardin aber erst Anfang fünfzig – las sich die Mail mit unbeweglicher Miene durch. Er war einer der wenigen Söldnerführer, der seit über zwanzig Jahren im Geschäft war und noch immer lebte. Dies hatte er nicht geschafft, indem er leichtfertig alles glaubte, was man ihm vor die Nase hielt. Nein, er lebte noch, weil er die Gabe hatte Situationen, Lagen, Nachrichten und seine Möglichkeiten genau zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Das führte dazu, dass er allenfalls einen von zehn Aufträgen annahm, diesen aber auch bis zum Ende durchführte. Dies hatte ihm nicht nur zu einem der teuersten Söldnerführer, sondern zur Legende gemacht! „Nimmt der alte Franzose deinen Auftrag an, musst du tief in die Tasche greifen, aber dafür wird dein Auftrag auch erfüllt“ – von diesem Ruf lebte der alte Franzose und er war sehr bemüht, dieses Mantra zu erhalten. Nun hatte er einen interessanten Auftrag angenommen, der ihn und seine Männer nach Deutschland führen würde und für diesen Auftrag stellte er ein Team von Söldnern zusammen. Wichtig für diesen Auftrag war es nicht, eine große Gruppe zusammenzustellen, sondern eine kleine, aber sehr schlagkräftige Gruppe. Was Pierre Cardin brauchte, waren Spezialisten und wie in allen Berufsgruppen hatten auch die Spezialisten unter den Söldnern einen hohen Preis. Daher war Filliers Argument sich einen talentierten Burschen anzuschauen, der auch noch billig war, nicht von der Hand zu weisen.

„Wo ist der Mann jetzt?“

„Im Hotel Rha.“

„Sagen Sie ihm, er soll dort warten, bis ich es mir überlegt habe.“

„Sicher, mon Colonel“, nickte Fillier und verstand den Wink des alten Franzosen, also verließ er diesen.

Cardin betrachtete das Bild von Hali… irgendetwas störte ihn… es war sein Bauchgefühl, das ihn warnte. Sicher, eine „Empfehlung“ von General la Grande war schon nicht schlecht, der Mann schien clever zu sein, das hatte er bewiesen, indem er sich den Behörden entziehen konnte und er war günstig zu haben… und doch störte ihn etwas, ohne dass er dieses Gefühl greifen konnte. „Sergeant Dunant!“

Weniger als drei Sekunden nach dem Ruf salutierte ein Mann vor ihm. „Colonel?“, bellte Sergeant Dunant, ein Soldat, der seinen Chef schon aus den Tagen der Fremdenlegion kannte.

„Sergeant“, Cardin überreichte Dunant das Bild von Hali, „das ist ein neuer Bewerber. Er ist im Hotel Rha abgestiegen und Fillier empfiehlt ihn uns. Irgendetwas stört mich an dem Kerl, sehen Sie sich den Typ mal genauer an. Falls er sauber ist, will ich ihn treffen, falls nicht… will ich ein Treffen mit ihm und Fillier.“

„Oui, mon Colonel!“ Dunant salutierte erneut und verließ zackig den Raum.

 

***

 

Acht Tage, nachdem Dunant den Auftrag erhalten hatte, erstattete er seinem Colonel Bericht. „Hali scheint sauber zu sein. Ich habe ihn acht Tage lang beschatten lassen und bestimmt eintausend Bilder von ihm gemacht. Als erstes habe ich das Bild von Hali, dass uns Fillier gegeben hat, mit unseren eigenen Bildern unter Zuhilfenahme einer Gesichtserkennungssoftware verglichen. Es ist dieselbe Person! Dann habe ich unsere Bilder von Hali in den Sucher eingegeben. Dabei wird sein Gesicht mit anderen Bildern aus Berichten und Nachrichten abgeglichen. Sein Bild taucht öfter auf und passt genau zu Filliers Dossier.“

„Wie genau?“

„Ich weiß nicht… sehr genau, beinahe schon zu genau.“

„Können Sie die Suche ausweiten?“

„Sicher, aber es gibt Milliarden Bilder im Netz, das dauert seine Zeit, zumindest mit den Mitteln, die wir hier zur Verfügung haben.“

„Was brauchen Sie dafür?“

„Einen Hochleistungsrechner, aber den bekommt man hier nicht.“

„Bon… ich werde ein Wort mit dem hiesigen Botschafter Italiens reden… der schuldet mir noch einen Gefallen. Machen Sie sich bereit, Ihre Suche dort fortzuführen.“

„Oui, Colonel.“

 

***

 

Weitere acht Tage später wurde Fillier ungeduldig. Sicher, ihm war klar, dass man Hali überprüfen würde und dieser hatte bis jetzt allen Untersuchungen Stand gehalten. Aber auch dem alten Franzosen lief die Zeit durch die Finger. Cardins Vorbereitungen waren beinahe abgeschlossen, sein Team bereit und sein Auftragsgeber erwartete ihn in wenigen Tagen. Dennoch hatte Cardin beschlossen, den heutigen Abend abzuwarten, denn Dunant war ein letztes Mal in die italienische Botschaft gegangen, um deren Hochleistungsrechner für seine Suche zu benutzen.

Gegen 23 Uhr sahen er und Dunant sich Tausende Bilder an, die eine zumindest grobe Übereinstimmung mit der Zielperson hatten. So lief seit Stunden ein Bild nach dem anderen durch den Beamer, bis Cardin „STOP!“ rief. „Zurück!“

Dunant hielt die Wiedergabe an und ging ein Bild zurück. „Noch ein Bild zurück!“ Dann starrte der alte Franzose auf einen Strand. „Wo ist das?“ „Laut den Metadaten Tel Aviv im Juli vor drei Jahren.“

„Zurück!“

Ein weiteres Bild zurück sahen sie denselben Strand, allerdings als Ausschnittsvergrößerung. In der Mitte des Bildes saß eine gutaussehende rothaarige Frau in einem schwarzen Badeanzug und am Bildrand ein Mann, der Hali glich.

„Abgleichen!“

Dunants Finger flogen über die Tastatur, dann bestätigte er, was Cardin schon wusste. „Es ist Hali.“ Er starrte das Bild an und wusste, was er sah! Hali schien zufällig neben der Frau zu liegen und zu dieser hinzusehen, doch es waren seine Augen, die ihn verrieten!

„Seltsam“, meinte Dunant, „hier steht das Bild wurde vom palästinensischen Geheimdienst gemacht. Ziel war aber offensichtlich nicht Hali, sondern die Rothaarige… ich kann aber nicht sagen, wer das ist.“

Der alte Franzose kniff die Augen zu schmalen Schlitzen, während er die Rothaarige anstarrte. „Ich weiß, wer das ist!“

 

***

 

Zufrieden sah Fillier auf den dicken Umschlag, der auf dem Tisch vor ihm lag, da in diesem Gewerbe Barzahlungen üblich waren. Selbstverständlich würde Fillier das Geld nicht in Anwesenheit von Cardin zählen, denn dies wäre ein deutliches Zeichen von Misstrauen.

„Wie immer haben Sie nicht zu viel versprochen, Monsieur Fillier“, lobte Cardin den Werber und nickte dann Hali zu. „Willkommen im Team.“ Der nahm Haltung an und salutierte. Cardin schob den Umschlag Fillier zu und rief: „Leutnant Gilles! Sergeant Dunant!“

Nachdem die Gerufenen vor ihm standen wies er sie an: „Leutnant, Sie geleiten Monsieur Fillier nach draußen. Sergeant, Sie bereiten die Einsatzbesprechung vor! Besprechung in fünf Minuten!“

„Colonel!“ Gilles und Dunant salutierten und während Gilles den Werber Fillier herausbrachte, startete Dunant seinen Laptop, stellte eine Verbindung zum Beamer her und befahl anschließend dem gesamten Team anzutreten. Pünktlich, fünf Minuten später, standen neben Hali die Sergeanten Mueller und Dunant und acht weitere Söldner in zwei Reihen im Raum, lediglich Gilles war noch abwesend.

„Dunant, fangen Sie an“, befahl der alte Franzose, erhob sich und ging hinter den Männern auf und ab, während Dunant den Einsatz erklärte. „Ziel dieses Einsatzes ist es, einen Geheimdienst zu schwächen, der unserem Auftraggeber feindlich gesonnen ist. Um eine Beteiligung des Auftragsgebers zu verschleiern, werden die Zielpersonen nicht in dessen Land, sondern in Drittstaaten angegriffen.“

An dieser Stelle warf Cardin ein: „Hauptsächlich werden die Zielpersonen in Europa ausgeschaltet, es versteht sich also von selbst, dass wir die Ziele sehr diskret beseitigen müssen. Dunant!“

„Ihr habt es gehört, vornehmlich sollen die Aufträge als Unfälle behandelt werden.“

Cardin war schräg hinter Hali stehen geblieben und ergriff wieder das Wort: „Unser Ziel ist es, die Agenten mit Unfällen auszuschalten, bevor deren Geheimdienst weiß, was wirklich geschieht. Dunant, das erste Ziel!“

„Oui, Colonel.“ Dunant warf ein Bild an die Wand… es war das Bild von Caroline! Als Krischan das Bild sah, wusste er, dass er aufgeflogen war und wirbelte herum, doch es war zu spät! Suviér, der hinter ihm gestanden hatte, hatte ihn schon gepackt und hielt ihn unerbittlich fest, während Cardin ihm ein Messer quer über die Kehle zog. Krischan, der wusste, dass er sterben würde, versuchte noch seine verdeckte Waffe zu ziehen. Doch Mueller, der neben ihm stand, packte seine Hand, entriss ihm die kleine Pistole und steckte sie ein. Schließlich gaben Krischans Beine unter ihm nach und er brach zusammen.

„Gilles!“, bellte der alte Franzose und Gilles schleppte den bewusstlosen Fillier in den Raum, wo er ihn neben dem zuckenden Krischan auf den Boden fallen ließ.

„Suviér, lassen Sie wegtreten.“

 

***

 

„Wie konnte dieser Scheißspitzel so lange unentdeckt bleiben?“, wollte Gilles später wissen. Bevor Cardin Fillier eine Kugel verpasste, hatte dieser ihnen unter einer wohldossierten Folter alle seine Schritte zur Rekrutierung Halis erzählt und der alte Franzose konnte sie nachvollziehen. „Er hatte hervorragende Referenzen. Jetzt wissen wir, dass alle gefälscht waren, da kann nur ein Einziger dahinterstecken… Dagan Mayr! So etwas darf nie wieder vorkommen. Ab sofort wird jeder Neue bis auf die Knochen durchleuchtet. Verstanden?“

„Oui, mon Colonel!“

„Gilles, lassen Sie die Männer wieder antreten und den eigentlichen Auftrag bekanntgeben, wir müssen von hier verschwinden, bevor Dagans Leute hier auftauchen.“

„Gehen wir wirklich nach Deutschland, Colonel?“

„Ja, Suviér, nicht weit weg von zu Hause, nicht wahr, Leutnant?“

„Non, mon Colonel.“

„Dann bereiten Sie alles für den Aufbruch vor“, befahl der alte Franzose und schaute auf die zwei Leichen. „Dagan, du gerissener Hund. Irgendwann werde ich mich um dich und deine vielen Nichten und Neffen kümmern müssen!“

 

***

 

Passkontrolle

„Wow, der sieht aus wie echt. Jarvis, ich bin beeindruckt.“

„Ja, ich würde sagen, das ist mein Meisterstück.“

Dunkowski hatte mir den gefälschten Pass übergeben und ich blätterte durch die einzelnen Seiten. Die Stempel und Einträge stimmten absolut mit der Legende überein, die Luise geliefert hatte. Beate musste die einfache Geschichte nur noch auswendig lernen. Aufgewachsen in Berlin, in München zur Uni gegangen und dann begann der von Luise gelieferte Teil. Perfekt!

„Mit dem kommt sie überall durch. Sagen Sie ihr aber, dass sie nicht länger als vier Wochen warten soll, sonst fragt noch jemand nach, warum sie so lange gewartet hat.“

„Ich werde darauf achten und noch ein zweites Treffen mit deiner Freundin sowie einen weiteren Einkauf arrangieren.“

„Ich sagte ja, schön, mit dir Geschäfte zu machen.“

 

***

 

„Der Pass ist da“, berichtete ich Jessika.

„Zeig her“, meinte sie, streckte die Hand aus und schaute sich den Pass genau an. „Sehr gut“, sagte sie, als sie ihn durchblätterte. „Eine wirklich gute Arbeit. Ich hoffe, Jarvis hält bis zum Schluss den Mund.“

„Ich denke schon. Er wird den zweiten Besuch von seiner Freundin nicht aufs Spiel setzten.“

„Gut. Du hast gleich einen Termin mit Sarah Schlosser, sie ist heute angekommen und wartet auf dich.“

„Ok, dann werde ich Sarah mal auf den Zahn fühlen. Ich hoffe, sie ist wirklich die Richtige.“

„Das wirst du sicher herausfinden“, grinste Jessika.

Das tat ich. Ich traf mich mit Sarah Schlosser und sprach über zwei Stunden mit ihr, in denen ich ihr erklärte, was Frank und was vor allem ich von ihr erwartete.

Sarah machte auf mich einen ruhigen und guten Eindruck. Als sie mir in die Augen sah und sagte, dass sie mich nicht enttäuschen würde, war ich mir sicher, dass ich mit Sarah Schlosser die richtige Wahl getroffen hatte. Auch das teilte ich Jessika mit, bevor sie nach Hause ging. „Wunderbar! Hier, ich habe dir noch die Akten von zwei Insassen auf den Schreibtisch gelegt. Sieh sie dir mal an, ich denke, du wirst verstehen, warum ich die beiden ausgesucht habe. Aber fall nicht wieder gleich mit der Tür ins Haus“, warnte sie mich und hob drohend den Zeigefinger.

„Keine Sorge. Ich bin lernfähig und sehe mir die Akten sofort an“, grinste ich und sie trat einen Schritt auf mich zu. „Das hoffe ich für dich und ich hoffe es für uns alle.“ Danach drehte sie sich um und ging. Als Jessika das Büro verlassen hatte, schaute ich mir wie versprochen die beiden Akten an. Ja, ich verstand, was Jessika mir mitteilen wollte. Das würde ein sehr hektisches Finale geben. Ich warf den Rechner an und informierte mich im Internet, was die beiden Frauen für ihre Aufgabe brauchten, und besorgte alles online, so gut es ging. Bei mehreren Artikeln war die Lieferzeit allerdings eindeutig zu lang, also musste ich diese selbst besorgen. Hätte ich doch mehr Zeit… Aber Zeit war Luxus! Ich hatte nur einen einzigen Versuch und konnte nicht mitten im Finale losziehen, um noch etwas zu besorgen, was ich vergessen hatte.

Die Utensilien für eine der Frauen waren unproblematisch, was diese für ihre Arbeit brauchte, wusste sogar ich, und das musste ich nicht groß beschaffen, das meiste davon hatte Vera in unserer Wohnung liegen.

Bei der Zweiten war das schon schwieriger. Ich musste sie also wohl oder übel vor dem Finale informieren. Jessika war davon nicht begeistert, verstand aber auch mein Problem.

Die zwei Insassinnen saßen beide im Frauentrakt und ich suchte sie in ihren Zellen auf. Das erste Treffen war so unproblematisch, wie ich gehofft hatte, doch die zweite wurde zur eiskalten Erpresserin.

Für ihre Hilfe verlangte sie die Zusage, in eine Freigänger-Einrichtung verlegt zu werden, sowie 1000 Euro in bar vor dem Finale und 1000 Euro, die sie von mir bekommen sollte, sobald sie verlegt wurde. Ich hatte weder die Zeit noch das Verlangen, mit ihr zu feilschen und sie bekam, was sie verlangte.

„Gut, haben Sie was zum Schreiben?“, fragte sie und diktierte mir eine Einkaufsliste mit den Utensilien, die sie für ihren Job brauchte. Außerdem erklärte sie mir, wo ich das Ganze bekam. Soweit, so gut, das Problem bestand darin, dass die Geschäfte schon geschlossen waren, und so musste ich wohl oder übel tags darauf losziehen. Verdammt, noch ein Tag weniger, fuhr es mir durch den Kopf. Ich setzte mich ins Büro und schaute mir den Terminkalender für morgen an. Am Vormittag hatte ich zwei Termine, die ich nicht verlegen konnte, dann einen gegen Nachmittag, doch um 16 Uhr sollte ich fertig sein, dann konnte ich losziehen, um die Sachen zu besorgen. Ich legte mir einen Einkaufsplan zurecht, als mich Randy unterbrach.

„Hi, Bad-Man, hast du eine Minute?“

„Sicher, komm rein.“

Er setzte sich zu mir und sagte: „Ich habe über dein Problem nachgedacht und glaube, ich weiß, wie wir vorgehen sollten.“

„Schieß los.“

Randy setzte sich und erklärte mir, wie er das Finale gestalten würde. „Wichtig wäre, richtig Maß zu nehmen.“

„Maß nehmen?“

„Ja, also pass auf…“, Randy erläuterte die Einzelheiten, was und warum er es wissen musste.

„Hast du dir das selbst ausgedacht?“, fragte ich ihn ungläubig,

„Um ehrlich zu sein, den einen Teil habe ich in einem Film gesehen, der andere Teil ist sozusagen meine Erfindung. Jetzt verstehst du sicher, warum ich Größe und Gewicht exakt wissen muss.“

„Das lässt sich machen!“ Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass Vera noch eine gute halbe Stunde auf der Krankenstation arbeiten würde, also gingen wir gemeinsam zu Veras Wohnung und ich schloss die Wohnungstür auf. Beate hatte sich, als sie das Türschloss hörte, ins Bad begeben, damit man sie nicht vom Flur aus entdecken konnte, und ich klopfte gegen die Tür.

Als Beate aus dem Bad trat, starrte Randy sie wie einen Geist an. „Reicht das?“, fragte ich etwas bissig.

„Sorry, nein, ich müsste es etwas genauer wissen.“

„Beate, das ist Randy, unser Genie für alles, Randy, das ist Beate.“

„Sie waren das! Sie haben doch die Malinowski angesprungen … Wow, das war sehr mutig.“

„Lassen wir das mit dem Sie. Ich bin Beate“, lächelte sie, trat auf ihn zu und Randy wurde tatsächlich verlegen, als er Beate die Hand reichte.

„Hör zu, Beate, Randy braucht ein paar Angaben.“

„Ok, was musst du denn wissen?“

„Ich… Ähm…“

„Er braucht deine Größe und dein genaues Gewicht“, sprang ich Randy bei.

„Oh. Wie genau?

„Ähm…“ Randy wurde knallrot und stammelte sich etwas zurecht.

„Aufs Gramm genau“, half ich ihm. „Erklär es ihr!“, forderte ich Randy auf und der erläuterte Beate den Plan für das Finale.

„Ich habe den Film gesehen und bin auch darauf hereingefallen, aber das andere, wie sicher bist du, das es klappt?“

Randy wandte sich mit einem hilfesuchenden Blick an mich und ich antwortete ehrlich. „Fifty-fifty. Und das auch nur, wenn du es genauso machst, wie es dir Randy sagt.“

„Sowas habe ich noch nie gemacht und üben ist sicher auch nicht drin, oder?“

„Nein“, sagte Randy, „Aber wir können es am Computer üben. Ich habe alles durchgerechnet und eine Simulation erstellt, theoretisch muss es klappen.“

„Theoretisch?“, brauste sie auf und wieder einmal konnte ich die Bestie in Beate erahnen und entschloss mich einzugreifen. „Was erwartest du?“, fragte ich und stellte mich vor sie. „Keiner von uns hat je damit gerechnet, einmal in dieser Situation zu sein. Wir alle versuchen, deinen süßen Hintern zu retten, obwohl wir dabei drauf gehen können! Ja, fifty-fifty ist voll beschissen, aber mehr haben wir nicht!“

Genau in diesem Augenblick erschien Vera. Sprachlos stand sie in der Tür und starrte uns an und Randy wollte sofort die Flucht ergreifen.

„Wäre das nun geklärt?!“, wollte ich wissen und sowohl Randy als auch Beate nickten.

„Ja“, murmelte Randy.

„Danke, Randy, tut mir leid, ich weiß es zu schätzen“, sagte Beate und sah dann zu Vera.

„Ähm, ja, gerne geschehen. Tschüss, Beate. Hallo Vera.“ Als er sich an Vera vorbei schob, hielt die ihn fest.

„Was zur Hölle ist hier los?“, zischte sie Randy an. Beate schaute mir für einen Sekundenbruchteil in die Augen und sie verstand, dass ich Vera nicht in den Plan eingeweiht hatte. Noch wichtiger, sie verstand auch, warum ich Vera nicht eingeweiht hatte. Mit einem Mal veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. War er vor einer Sekunde noch hart und eiskalt, wurde er nun weich und sie zeigte mir deutlich, dass sie damit einverstanden war, Vera nicht einzuweihen.

„Ich will wissen, was hier los ist!“

„Lass ihn los!“, sagte ich zu Vera.

„Nicht bevor…“

„Loslassen!“ Ich war zu ihr getreten, sah sie fest an und Vera ließ Randy los, der sich sofort verdrückte.

„Also?“, fragte sie, als Randy die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Ich erwarte eine Antwort.“

„Randy muss was für mich erledigen und Beate war die Bezahlung!“

„Die Bezahlung?“, fauchte sie mich an. „Du mieses Schwein…“

„Vera!“ Beate, trat zwischen uns. Sie sah zu mir und bat mich, sie mit Vera allein zu lassen.

Mit einem warnenden Blick und einem echt miesen Gefühl in der Bauchgegend ließ ich Beate und Vera allein. Verdammt, ich liebte Vera und sie so übel zu belügen, das tat mir sehr weh. „Du tust es für Vera!“ Diesen Satz wiederholte ich wie ein Mantra, während ich mich in meine eigene Wohnung verzog und darauf wartete, bis Vera nach einer guten halben Stunde zu mir kam.

„Ich bin immer noch sauer“, sagte sie „Beate sagt mir nicht, was los war, und du wirst es sicher auch nicht tun. Damit das klar ist, Beate ist keine Ware! Sie ist… Sie ist mein Leben.“

„Vera, ich liebe dich und ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal sage, aber ich liebe Beate auch. Hör zu, du musst mir vertrauen. Wenn du Beate helfen willst, dann musst du mir vertrauen, egal, wie schwer es dir fällt.“

Vera liefen die Tränen über das Gesicht, als sie sich in meine Arme warf. „Das tu ich doch immer“, schluchzte sie. „Ich will Beate nicht verlieren. Ich will auch dich nicht verlieren.“

„He, zusammen kommen wir da durch.“ Wie sollte ich ihr beibringen, dass für uns alle nur eine 50-50-Chance bestand? Denn eines war klar, wenn Trommer mitbekam, was ich hier durchzog, würde es nicht bei Beates Tod bleiben.

 

***

 

Endlich gefunden

In der großen Dienstvilla nahe Langley, Virginia, tobte ein älterer Mann mit grauem Haar durch die Wohnung. Gefolgt von seiner Frau, die ein paar Fotos in den Händen hielt und damit immer wieder auf ihren Mann einschlug.

„Das ist die Schlampe, das ist die Schlampe, wir haben sie gefunden, das ist die Schlampe! Du musst die endlich umbringen lassen, die hat unsere Söhne auf dem Gewissen!“, brüllte sie ihren Mann an.

John Allister MacFroody III, CIA Vize-Direktor und kurz vor dem Ruhestand, hatte Tränen in den Augen. Das lag nicht an den Schlägen seiner Frau, sondern am Umstand, dass ihm seine beiden einzigen Söhne vor einigen Zeit von dieser rothaarigen Frau auf dem Bild genommen wurden. „Dieses Miststück! Sie hat meine beiden Söhne aufgehängt und sie tanzt, als wäre nichts geschehen.“

Er schaute auf ein Bild in seinen Händen, es zeigte eine lächelnde Frau, der es offenbar gut ging. Sie war von jungen Menschen umgeben, sie tanzte, lachte und freute sich des Lebens – während die toten Körper seiner beiden Söhne in der Erde langsam verrotteten und von Würmern gefressen wurden.

Sein Hass wurde unermesslich. Er zerknüllte das Bild und warf es mit einem lauten Schrei in den brennenden Kamin. Seine Frau stand neben ihm, ihr Mund und ihre Augen waren weit geöffnet. Sie wartete, dass er endlich etwas sagte.

„Diese Henkerin muss dran glauben, ja, die wird leiden. Liebste Irina, ich werde die leiden lassen, wie kein anderer Mensch zuvor gelitten hat. Das schwöre ich dir. Wo habt ihr die rothaarige Schlampe ausfindig gemacht?“

„Auf Soulebda, dieser Urlaubsinsel in der Südsee, wo wir unsere Filiale eröffnet haben. Dort arbeitet sie im Strafvollzug. Ich fliege am Montag hin, gib mir ein paar deiner CIA-Killer mit, ihr habt doch sicher so etwas…?“

MacFroody schaut seine Frau eindringlich an.

„Gut, Irina. Flieg schon voraus nach Soulebda und melde dich von dort unten, dann sind meine Leute schnell bei dir. Ich komme mit einem Trupp meiner Männer nach. Dann wird diese elende Schlampe leiden und keiner soll sie vermissen! Ja, Schatz, und nun pack deine Sachen für den Flug!“

Mit blankem Hass im Gesicht packte die Frau ihre Reiseutensilien und fuhr zum Flughafen. Am kommenden Tag würde sie in Soulebda landen und dann würde sie schon sehen, wie es weiterging. MacFroody aber griff sich das Telefon und begann die entsprechenden Fäden zu ziehen.

 

***

 

Weitere Vorbereitungen

Beate gelang es, die Wogen zwischen Vera und mir zu glätten, und sie baten mich, auch über Nacht zu bleiben. Anders als bei der ersten Nacht mit den beiden Frauen kuschelten sich beide an mich und wir sanken aneinander gepresst in einen tiefen Schlaf. So begann ein neuer Abschnitt in unserer seltsamen Gemeinschaft. Von diesem Tag an lebten wir zu dritt in Veras kleiner Wohnung, während meine große Wohnung leer stand. Ich konnte es selbst nicht glauben, doch ich liebte Beate tatsächlich ebenso wie ich Vera liebte. Doch auch wenn mich die zwei in ihr Leben aufgenommen hatten, Vera und Beate waren die Seelenpartnerinnen, die ein Herz und eine Seele bildeten.

Am nächsten Tag fuhr ich los, um die Besorgungen zu erledigen.

„Scheiße!“, fluchte ich, als ich im Rückspiegel das Auto der beiden Aufpasser sah, die mir noch immer folgten. Auf gar keinen Fall durften diese Idioten erfahren, wo ich hinfuhr oder was ich tat.

„Ok, ihr Wichser, mal sehen, wie gut ihr seid!“, fluchte ich, als ich auf die Autobahn fuhr, die den Südring um Mainstadt bildete. Dort trat ich auf Gaspedal und beschleunigte. Mir war klar, dass die beiden für Trommer spionierten, doch der konnte mich nicht aus dem Verkehr ziehen, denn er brauchte mich noch und ich nahm mir vor, das auszunutzen.

Ich trat das Gaspedal meines Golf-R voll durch und ließ den Hund von der Kette. Anscheinend hatte ich die zwei überrascht, denn sie brauchten einige Sekunden, um wieder zu mir aufzuschließen. Ok, ich war kein Rennfahrer und die Tage als hormongeplagter Teenager hinter dem Steuer waren auch schon lange vorbei, doch ich kannte meine Kiste und wusste, wo ihr Limit lag.

Mit 210 zog ich über den Beschleunigungsstreifen der Autobahn und fuhr auf die Westspange des Rings. Dabei war ich mir ziemlich sicher, dass die Idioten keine Verstärkung rufen würden, denn sonst müssten sie ja erklären, wieso sie hinter mir her waren.

Auch wenn es mir schwerfiel, musste ich zugeben, wer immer von diesen beiden Pfeifen am Steuer saß, er war gut, denn er blieb hart an mir dran. So donnerte ich durch den zum Glück nicht allzu dichten Verkehr und mein Verfolger ließ sich nicht abschütteln. Doch dann kam die Ausfahrt zum westlichen Industriegebiet. Zwei dicke Brummer von LKW fuhren auf der rechten Spur und ich zog auf der ganz linken Spur vorbei. Erst in der allerletzten Sekunde riss ich den Lenker herum, schoss zwischen den LKW durch und entkam durch die rettende Ausfahrt.

Die Aufpasser 1 und 2 wurden dermaßen überrascht, dass sie die Ausfahrt verpassten und mich aus den Augen verloren.

„Ha, Amateure. Und sowas will Verbrecher fangen“, grinste ich und zeigte ihnen den Mittelfinger, auch wenn sie das nicht mehr sehen konnten.

Schnell verließ ich das Industriegebiet und steuerte die angegebene Adresse an, um meine Besorgungen zu machen.

 

***

 

Immer mitten in die Fresse rein

Es war schon dunkel, als ich mich auf den Rückweg machte. Irgendwie war ich mir sicher, dass die beiden Backpfeifen sich nicht einfach geschlagen gaben. Um sicherzugehen, dass ich nicht doch von einem Einsatzkommando gefilzt wurde, hatte ich meine Besorgungen in ein Paket gestopft und an meine Dienstadresse in der JVA geschickt. Als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstellte, stellte ich fest, dass ich mit meiner Vermutung Recht hatte. Kaum war ich ausgestiegen, öffnete sich ein anderer Wagen und meine zwei Aufpasser stiegen aus.

„Wen haben wir denn hier, Bad-Man, den Rennfahrer? Du hältst dich für ganz schön schlau, oder?“, meinte mein Freund mit der noch immer geschwollenen Nase.

„Auf jeden Fall bin ich schlauer als ihr zwei Idioten.“

„Hat er uns gerade als Idioten bezeichnet?“, fragte sein Kollege, der zusammen mit Aufpasser 1 auf mich zukam.

„Tja, eine freundlichere Bezeichnung ist mir gerade nicht eingefallen“, antwortete ich und blieb ungerührt stehen.

„Der braucht dringend eine Lektion“, meinte Aufpasser 2.

„Hört mal, ihr zwei Wichser, ich habe euch das letzte Mal so richtig den Hintern aufgerissen, wie kommt ihr darauf, dass es heute besser für euch läuft?“, wollte ich wissen, als wie auf ein Kommando sich die Türen von drei weiteren Wagen öffneten, aus denen je zwei Männer ausstiegen.

Die acht Kerle bildeten einen weiten Kreis um mich und ich schaute mich um. Verdammt! Acht waren etwas mehr, als ich schaffen konnte. Die acht Gestalten kamen immer näher und näher. Ok, ein paar würde ich mitnehmen können, bevor ich k.o. ging und ich nahm mir vor, dass meine beiden Freunde darunter sein würden.

„Gibt es hier ein Problem, Bad-Man?“, fragte eine Stimme im Halbdunkel. Ich drehte mich um und sah Hannes in den Lichtkreis einer Laterne treten und hinter ihm kamen Gratzweiler und Johann. „Oh,“ grinste ich böse, „jetzt ist das Verhältnis schon deutlich besser.“

„Verpisst euch, das hier geht euch nichts an“, meinte mein spezieller Freund drohend zu Hannes.

„Das sehe ich aber anders“, antwortete Hannes und ließ demonstrativ einen Teleskopstock ausfahren, während meine anderen Freunde seinem Beispiel folgten.

In einer Linie kamen Hannes, Johann und Gratzweiler auf den Kreis zu, in dessen Mitte ich stand.

„Was würde Decker tun?“, fragte ich mich. Er würde dafür sorgen, dass es eine gerade „Frontlinie“ gab, also schnappte ich mir den Kerl, der zwischen Hannes und mir stand und schon ging die Keilerei los.

Die Bösen waren alle Polizisten, doch wir hatten einen klaren Vorteil! Wir hatten Decker, der uns hart trainierte.

Hannes hatte schnell kurzen Prozess mit seinem Gegenüber gemacht und auch meine beiden anderen Freunde fackelten nicht lange. Nach nur einer Minute lagen vier der Gestalten am Boden und wir waren noch nicht mal richtig warm. Als Nächstes schnappte ich mir meinen Jochbeinfreund. Der wehrte sich, aber auch diesmal hatte er keine Chance gegen mich. Meine Wut auf Trommer, seine Schläger und seine miesen Machenschaften bahnte sich den Weg nach draußen.

Jochbein war das Ventil, das dieser Wut eine Richtung gab und so bezog er von mir eine richtige Tracht Prügel, bis mich Hannes Stimme in die Wirklichkeit zurückriss. „Peter, PETER!“, schrie er mich an, bis ich wie aus einer Art Trance erwachte.

Der Kerl hing noch immer halb bewusstlos in meinem Griff und blutete aus Mund und Nase. „Lass gut sein!“, sagte Hannes zu mir und fasste mich am Arm. „Er hat genug!“ Ich atmete tief durch, ließ den Verlierer einfach fallen und stieg über ihn hinweg.

Dabei wurde mir schlagartig klar, dass mich Trommer nun ganz nach oben auf seine Abschussliste setzen würde. „Pfeif drauf, er kann mich schließlich nicht umbringen,“ dachte ich mir. Dass ich damit völlig falschlag, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht ansatzweise.

„Danke, Freunde“, sagte ich zu den anderen, als wir zur Pforte gingen.

„Bedank dich bei Decker. Er sah die Typen herumschleichen und dachte sich, dass die nur auf dich warten können.“

„Wieso das denn?“

„Weißt du, ich glaube, Decker kennt dich besser, als du dir vorstellst“, grinste Hannes.

 

***

 

Tel Aviv – Trauer

Dagan saß mit versteinerter Miene da und lauschte dem Vortrag von Major Lem. Hinter Lem, auf einer Leinwand, erschienen nacheinander Tatortfotos aus Kairo, auf denen Krischan mit durchschnittener Kehle zu sehen war. Sachlich und ruhig schilderte Lem Dagans versammelten Stab, was auf den Bildern zu sehen war.

„Die Behörden in Kairo waren außerordentlich bemüht, mit uns zusammenzuarbeiten, auch wenn es hauptsächlich daran liegt, dass sich einige frühere Aktionen des Franzosen gegen ihre Regierung richteten. Ich möchte trotzdem herausstellen, dass das nicht selbstverständlich ist. Krischan wurde gestern gegen 13 Uhr Ortszeit ermordet. Wie unschwer zu erkennen ist, wurde ihm die Kehle durchtrennt. Da er keinerlei Kontakt mit uns aufgenommen hat, wissen wir nicht, was zu seiner Enttarnung geführt hat. Die zweite Leiche ist noch nicht identifiziert, da ihr die Hände und die Kiefer entfernt wurden. Allerdings liegt der Schluss nahe, dass es sich um den Werber Fillier handelt, der Krischan angeworben hat. Fest steht lediglich, dass Cardin sofort nach dem Mord an Krischan Ägypten verlassen hat, der alte Franzose wusste nur allzu gut, dass er aus unserer direkten Reichweite wegmusste. Das legt den Schluss nahe, dass er wusste, wer Krischan war und für wen er gearbeitet hat. Das erklärt auch, warum Krischan nicht wie Fillier unkenntlich gemacht wurde. Es ist eine Botschaft an uns.“

Levi, der Soraya genau gegenübersaß, sah wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen, während sie regungslos dasaß.

„Danke, Major Lem. Ich danke Ihnen allen. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass wir Krischans Mörder finden.“ Damit löste Dagan die Stabsbesprechung auf und die zehn Männer und Frauen standen auf, um den Raum zu verlassen und nur Lem, Levi und Soraya blieben wieder sitzen.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, schleuderte Soraya die Unterlagen, die vor ihr auf dem Tisch lagen zu Boden. „Verfluchte Scheiße!“

Lem, der den Sachverhalt geschildert hatte, legte seine Hand auf ihre Schulter und sie griff dankbar danach, dann hob Lem die Unterlagen vom Boden auf und legte sie frustriert auf den Tisch zurück. Er hatte die Fakten zwar nüchtern geschildert, doch in ihm brodelte es gewaltig. Krischan war einer von ihnen gewesen, ein guter Freund.

„Verdammter Mist“, fluchte er leise und Levi nickte zustimmend. Alle, mit Ausnahme Sorayas, hatten sich dafür entschieden, den Einsatz weiterlaufen zu lassen… und er war in einer Katastrophe geendet. Da half auch kein „Sowas passiert eben“ oder „Wir mussten es versuchen“, es war scheiße und auch Soraya würde es nicht besser gehen mit dem Spruch: „Wir hätten auf dich hören sollen“.

„Wir werden ihn kriegen!“, schwor Dagan ihnen. „Wissen wir, wer den Franzosen engagiert hat?“, fragte er Lem.

„Nein, Wir wissen nur, dass der Anruf aus Deutschland kam.“

„Deutschland? Ich kann mir in Deutschland keine Aufgabe für eine Söldnertruppe vorstellen“, brummte Levi. „Ich gehe nicht davon aus, dass jemand dort einen bewaffneten Umsturz plant, selbst diese Idioten der PfR nicht.“

„Vielleicht ein Bandenkrieg?“, fragte Soraya.

„Möglich. Es gibt einige rivalisierende Organisationen, die um die Vorherrschaft im Drogengeschäft ringen, aber das sind meistens Motorradgangs… die brauchen keine ausländischen Söldner.“

„Ich weiß auch nicht“, meinte Dagan. „Der Preis, den man für den Franzosen für einen Auftrag zahlen muss, ist gewaltig und würde einiges von dem Gewinn auffressen, den man vielleicht erringt. Wir alle wissen, dass der Franzose teuer ist und seine Preise nicht verhandelbar sind.“

„Dazu kommt, dass die deutschen Behörden absolut nichts zu wissen scheinen. Mohrle, unser Verbindungsmann zum BND, hat nichts verlauten lassen. Er weiß, dass wir den alten Franzosen schon viel länger im Visier haben, und würde uns sicher informieren, wenn er Kenntnis davon hätte.“

„Lem, sag Mohrle, dass er eine Laus im Pelz hat.“

„Tue ich. Morgen Abend gibt es in der deutschen Botschaft einen Empfang, dann werde ich ihn zur Seite ziehen.“

„Mit Verlaub, Herr General“, sagte Soraya und stand auf. „Ich werde jetzt kotzen gehen.“ Sie stand auf und Dagan nickte Lem zu, der sich ebenfalls erhob, um Soraya zu begleiten.

Nachdem Soraya mit Lem den Raum verlassen hatte, saßen Dagan und Levi schweigend da, bis Levi schließlich fragte: „Weiß Caroline schon, was geschehen ist?“

„Nein.“

„Ist sie noch immer auf Soulebda?“

„Ja, sie und Penelope haben jetzt ihre eigene Insel. Sie nennen sie Nr. 42.“

Levi lachte kurz auf. „Die Antwort auf alle Fragen… Ich wünschte, es wäre so einfach. Unsere Nachrichtenabteilung hatte Hinweise auf einen bevorstehenden Aufstand der Häuptlinge der großen Nachbarinseln.“

„Ich weiß und habe ihr eine Warnung zukommen lassen.“

Wieder schwiegen die Beiden. Levi wusste, dass es sinnlos war, Dagan zu fragen, ob er Caroline an seiner Stelle anrufen sollte und insgeheim war er froh darüber. Caroline und Krischan waren durch mehr als nur Freundschaft verbunden gewesen.

„Ich beneide dich nicht um deine Aufgabe, mein Freund.“ Benjamin legte die Hand auf Dagans Schulter und ließ ihn allein. Dagan saß noch eine Weile still da, dann schaute er auf die Uhr. Auf Soulebda war es jetzt 8 Uhr. Er holte sein Handy aus der Tasche und drückte die erste Kurzwahltaste.

Auf der anderen Seite der Welt, vibrierte Caroline Miles‘ Handy. Sie sah verwundert auf das Display und nahm den Anruf an.

„Hallo, Lieblingsonkel.“

„Guten Morgen, meine kleine Mischka.“

„Was hält dich denn mitten in der Nacht wach? Die Warnung über den möglichen Aufstand?“

„Nein… Caroline… Ich muss dir etwas sagen…“

 

***

 

Der Anruf

Der Frühstückskaffee dampfte in der Tasse und versprach, dass es ein guter Tag werden könnte. Am meinem Frühstückstisch saß auch Penelope und biss genüsslich in ihr knuspriges Brötchen. Ihr linker Fuß berührte meinen rechten und unsere Zehen spielten miteinander, während ich mir ein Croissant schmierte.

Da summte mein Handy. Ein kurzer Name erschien im Display „Dagan“. Penelope erkannte, dass es wichtig war und zog sich auf ihren Stuhl zurück. Mit beiden Händen umfasste sie dabei ihre dampfende Kaffeetasse und nippte daran. Ihre Augen beobachteten mich genau, als ich das Gespräch annahm: „Hallo, Lieblingsonkel.“

Penelope sah nach der kurzen Begrüßung und meinen Fragen, wie ich jedes Wort aus dem Telefon aufsaugte. Dabei hielt ich das Messer noch in meiner Hand und wollte eben Butter auftragen, als mir langsam eine Träne aus den Augen rollte. Dann folgte nur noch ein leichtes Schniefen: „Ja, danke… Nein – ist gut, … ja, ich habe dich auch lieb …“, danach legte ich auf.

Ich saß eine Weile stumm da und war wie erstarrt, ich war zu keiner Bewegung fähig. Penelope betrachtete mich sehr aufmerksam, aber abwartend. Die Knöchel meiner Hand, die das Frühstücksmesser hielt, wurden weiß und mit einem lauten Aufschrei schmetterte ich das Messer auf das Dartboard an der gegenüberliegenden Tür, wo es zitternd stecken blieb. Penelope sprang auf und hielt mich fest in ihren Armen: „Liebes, was ist, erzähl – bitte?“ Dabei drehten wir uns und sie konnte genau sehen, dass das Messer mitten im Bulls Eye steckte. Ich versank in Penelopes Armen. „Krischan wurde ermordet!“, schluchzte ich. Penelope kannte Krischan von den Bildern, die ich ihr gezeigt hatte. Sie schloss mich in ihre Arme und wir weinten daraufhin gemeinsam…

 

***

 

Nach und nach kam ich wieder zu mir und aus den Tränen der Verzweiflung wurden Tränen der Erinnerung. Schluchzend erzählte ich ihr, was mir mein Onkel vom Mossad berichtet hatte: mein Verlobter Krischan war bei einem geheimen Einsatz brutal umgebracht worden. Dagan kannte sogar den Mann, der ihn umgebracht hatte.

Man nannte ihn „den alten Franzosen“, er war eine Legende im Geschäft der Geheimdienste. Dieser gewissenlose Killer hatte meinen Verlobten brutal abgeschlachtet. Eines war mir sofort klar, das würde der Franzose bereuen.

„Woran denkst du, Schatz?“ Ihre Augen blickten tief in die meinen. „Im Moment denke ich an zwei Menschen, an Krischan und an den alten Franzosen!“

„Oh, Caroline, dass du an Krischan denkst, das verstehe ich, aber weshalb an den alten Franzosen?“

„Weshalb? Ganz einfach. Er hat meinen Verlobten ermordet, das lasse ich nicht ungestraft in der Welt stehen! Ich weiß einiges über den Mann, er gilt als Legende, er geht kalt lächelnd über Leichen und würde seiner eigenen Mutter das Herz herausschneiden. Ich bin vor zwei Jahren einmal auf seine Arbeit gestoßen, sie war sauber, brutal und sehr effektiv.“

„Du willst dich aber nicht mit ihm messen, oder Schatz?“ „Nein, aber wir werden uns wiedersehen!

 

***

 

Aber erst einmal kehrte wieder Ruhe auf Soulebda ein und mein fünftes Jahr begann. Von den beiden aufständischen Häuptlingen war einer bei der Revolte umgekommen und der zweite Häuptling wurde seinem Stamm übergeben, sie bestraften ihn auf ihre Art und Weise. Kurz danach wurde ein neuer Häuptling gewählt, ein ehrenvoller Mann, der keinen aufständischen Gedanken nachhing.

Eine Zeit des Abschieds kam nun immer näher. Bald würde Penelope die Insel verlassen, um in England weiter zu studieren.

Bei einem Fest mit den Stammeskriegern sah ich auch erstmals einige der altehrwürdigen Häuptlinge. Über diese Krieger erzählten sich die alten Bewohner fast unglaubliche Geschichten. Nur die Tatsache, dass ich bereits seit einiger Zeit mit Penelope zusammenlebte und die Auszeichnung, den Orden Kahlscha’daar, trug, ermöglichten es mir, mich mit diesen sagenhaften Menschen zu treffen. Ihre Sprache verstand ich noch nicht, selbst Penelope konnte sie nicht ganz verstehen. Aber wir hatten zwei gute Dolmetscher bei uns. Sie halfen uns, einige der Gedanken der Häuptlinge zu verstehen. Während eines Wettkampfes zweier Krieger wurde ich von einem Häuptling gebeten, mich auch einmal im Wettstreit mit den Kriegern zu messen. Penelope nickte mir eifrig zu und ich versuchte mein Glück.

Obwohl ich anfangs noch gut mithalten konnte, so wurde es ständig schwerer, den Stammeskriegern Paroli zu bieten. Schließlich zeigten sie mir ihr wahres Können und ich verlor ab diesem Zeitpunkt jeden Wettstreit. Aber anders als gedacht wurde ich nicht belächelt, sondern die Krieger erkannten in mir eine gute, wenn auch noch nicht voll ausgebildete Kriegerin. Sie wollten mich unbedingt in ihren Stamm aufnehmen und weiter ausbilden.

Leider musste ich das Angebot des Häuptlings ablehnen, eine Kriegerausbildung bei ihnen zu durchlaufen. Ich hatte im Moment nicht so viel Zeit. Dafür schenkte mir der oberste Häuptling eine Halskette. Der Dolmetscher hatte offenbar Probleme, das Geschenk richtig zu übersetzen, angeblich waren das nicht nur die Fangzähne und Krallen einiger Raubtiere, sondern auch Talismane ihrer Göttin. Ich bedankte mich überschwänglich und nahm das Geschenk voll Dankbarkeit an. Die Halskette sah sehr gut aus und gefiel mir sofort. Sie bestand aus drei Krallen, zwei normalen, kleineren Krallen und in der Mitte war die mächtige Kralle einer Harpyie. Über die Größe dieser Kralle war ich erstaunt.

Doch schließlich kam der Tag des Abschieds von Penelope. Ihr Studium in England brach an und wir umarmten uns mit Tränen in den Augen. Der Abschied tat uns beiden weh.

Wir telefonierten oft, sie schrieb mir regelmäßig und berichtete von ihrem Fortschritt. Das Leben in England gefiel ihr recht gut, das Essen nicht so sehr, was ich nachvollziehen konnte, aber sie vermisste die Südsee und die Sonne.

Mein Leben auf Soulebda ging inzwischen weiter.

 

***

 

Ein Orkan bricht los

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“, schnauzte mich Frank an. „Ihr vier habt acht Polizisten verprügelt! ACHT! Frag erst gar nicht, wieso die anderen jetzt nicht hier sind! Das Ganze ist dein Misthaufen! Hast du eine Ahnung, mit wem du dich da anlegst? Ich kenne Trommer seit dem Studium. Er ist ein eiskalter Killer, der jeden aus dem Weg räumt, der zwischen ihm und seinem Ziel steht.“

„Ich will gar nicht zwischen ihm und seinem Ziel stehen, aber er soll mich in Ruhe lassen. Ich meine, findest du es nicht auch seltsam, dass wir acht Polizisten verprügeln, ohne dass es eine Anzeige gibt?“

„Soll ich bei der Staatsanwaltschaft nachfragen, woran es liegt?“, fragte er sarkastisch.

„Es wird keine Anzeige geben, denn die Kerle arbeiten momentan für Trommer, nicht für den Staat.“

„Das kannst du knicken, er wird dich einen Kopf kürzer machen lassen. Peter, du bist dabei es zu übertreiben, also halt dich zurück. Seit Trommer hier bei dir erschienen ist, gibt’s Ärger. Zwei Insassinnen sind tot, eine erstochen, die andere überfahren und das stinkt mir gewaltig! Bis jetzt habe ich dir den Rücken freigehalten, aber wenn dein Mist mir hier den Laden versaut, werde ich dir von Decker die Haut abziehen lassen. Hast du das verstanden?!“

„Ich werde es mir zu Herzen nehmen.“

Wir fuhren herum, als die Tür aufgerissen wurde und Mike von der Presseabteilung hereinplatzte.

„Leute, das ist der Knaller. Die Polizei hat Petra Strass wegen Mordes an Ella Fischer festgenommen! Die Nachrichten überschlagen sich gerade.“

Frank setzte ein Gesicht auf, das ich noch nicht an ihm kannte, es war eine Mischung, aus Wut, Sorge und Entschlossenheit. „Jetzt bricht der Sturm los. Halt dich ja gut fest“, warnte er mich.

 

***

 

Frank hatte Unrecht. Es brach kein Sturm los, sondern ein Orkan. Die Nachrichten überschlugen sich und Trommer, der sich ja durch geschickte Äußerungen seit Beates Prozess im Gedächtnis der Öffentlichkeit gehalten hatte, erschien wieder auf den Titelseiten.

Wie schon bei Beate, ließ sich keine Zeitung Bilder der gefesselten Petra Strass entgehen, denn mit Petra Strass hatte die Republik jetzt eine neue Hassfigur.

Eine bösartige Hexe, die nicht nur einen unbescholtenen Mann anstiftete, sein Kind zu ermorden und dabei auch noch seelenruhig zusah, nein, sie hatte durch Manipulation der Medien dafür gesorgt, dass eine Unschuldige für diese Tat verurteilt wurde. Dazu kam, dass Beate auch noch von einer Mitgefangenen für die nicht begangene Tat erstochen wurde! Das war zumindest die Meinung der Öffentlichkeit und Trommer widersprach dem nicht. Im Gegenteil, da Torres auch tot war, förderte er diese Version, wo er nur konnte. Ganz nebenbei, wahrscheinlich fiel es anfangs nur mir auf, ganz nebenbei fiel der Satz, dass die Strass den Oberstaatsanwalt Trommer dafür benutzt hatte, Beate verurteilen zu lassen.

Ich konnte es nicht fassen! Glaubten die Leute das wirklich? Glaubten wirklich alle, dass dies der Plan von Petra Strass war? Anscheinend schon, denn niemand stellte eine kritische Frage an Trommer. Im Gegenteil, man präsentierte ihn als Opfer, das von der intriganten Petra Strass hintergangen wurde. Und Trommer? Trommer schwieg und gab dazu nicht das kleinste Sterbenswörtchen von sich, einzig die Begründung, den fairen Prozess gegen Petra Strass nicht beeinflussen zu wollen. Ich hätte darüber lachen können, würde ich nicht bis zum Hals in der Sache mit drinnen stecken.

War bei Beates Prozess das Interesse schon groß, so war es beim Prozess gegen die Strass mehr als gewaltig. Es meldeten sich dermaßen viele Prozessbeobachter an, dass der Prozess vom Gerichtsgebäude in die Kongresshalle verlegt werden musste, etwas das im Laufe der jüngeren Geschichte erst ein einziges Mal geschehen war, aber was wollte Trommer mehr? Eine größere Bühne konnte er nicht bekommen, denn die Verhandlung wurde als eine der ersten Gerichtsverhandlungen im Land live im TV übertragen.

Allein die Tatsache, dass das Gericht nur drei Verhandlungstage angesetzt hatte, sagte mir, dass das Urteil schon so gut wie feststand. Als ich allein in meinem Büro saß und vor mich hin grübelte, beschlich mich ein mieses Gefühl. Hatte ich mich übernommen? Konnte ich das wirklich durchziehen? Schaffte ich es, Beate und damit auch Vera zu retten? Oder hatte ich mir den falschen Gegner ausgesucht?

Glücklicherweise wurden meine Grübeleien unterbrochen, als Jessika hereinkam. „Du machst ein Gesicht, als ob du deine eigene Einlieferung vorbereiten musst.“

„So ähnlich fühle ich mich auch. Der Showdown rückt näher und ich habe keinen Plan, wie es ausgeht.“

„Wir werden gewinnen“, antwortete Jessika selbstsicher. „Wage es ja nicht, etwas anderes zu glauben!“

Ich musste einfach lachen. Jessika schaffte es immer wieder, einen aus dem Tief zu holen, doch dann wurde ich wieder ernst. „Jessika, wenn die Sache schief geht und Beate stirbt, werde bestimmt auch ich über die Klinge springen müssen. Vera wird dich brauchen, kümmere dich bitte um sie.“

„Was soll das Gejammer?“, fuhr sie mich an. „Glaubst du wirklich, ich kenne das Risiko nicht und würde Vera allein lassen? Verdammt, wenn du so an die Sache herangehst, hat Trommer schon gewonnen. Du wirst dich jetzt zusammenreißen und diesem miesen Typen zeigen, wer hier das Alpha-Tier ist! Hast du verstanden, Bad-Man!?“

Oh ja, das hatte ich. Ich stand auf und setzte mich neben Jessika, die es sich auf dem Sofa gegenüber vom Schreibtisch gemütlich gemacht hatte und nahm ihre Hand. „Du wusstest schon immer, wie du mit mir umgehen musst, und ich habe dir das nie wirklich gedankt.“

„Doch, Peter“, sie schaute mich durchdringend an und erwiderte den Druck meiner Hand, „doch, das hast du. Jeden verdammten Tag, seit wir zusammen sind. Du hast mich in über 20 Jahren nicht ein einziges Mal enttäuscht. Du hast mich nie angemacht oder in mir falsche Hoffnungen geweckt. Du bist meine Familie. Du, Vera und jetzt auch Beate. Ich lasse meine Familie nicht im Stich und das wirst du auch nicht, dafür kenne ich dich zu gut.“

„Darauf kannst du dich verlassen.“

„Ich weiß. Hier, du bist übrigens als Zeuge geladen, die Ladung muss da unter dem Aktenstapel liegen.“

Ich stand auf und schaute nach, tatsächlich fand ich die Ladung des Gerichts und schon kam wieder ein mulmiges Gefühl in mir auf. Was hatte ich mit der Sache zu tun? Da konnte nur Trommer dahinterstecken. Egal! Der Bad-Man würde es Trommer und allen anderen zeigen!

 

***

 

Gerichtstag

Ich war für den zweiten Verhandlungstag geladen und fuhr gemeinsam mit Mike, der als offizieller Prozessbeobachter zugelassen war, in einem Taxi zur Kongresshalle, denn die Aussicht, dort einen Parkplatz zu ergattern, war utopisch. Schon hundert Meter vor der Halle gab es für das Taxi kein Durchkommen mehr, also bezahlten wir den Fahrer und stiegen aus. Wir drückten uns durch das Gedränge und kamen schließlich zum Eingang, wo wir genauestens kontrolliert wurden.

„Was für eine Show“, meinte Mike dazu. „Sieh mal, da wird die Strass gebracht. Erinnert dich das an etwas?“

Und ob! Petra Strass wurde der Menge genauso präsentiert wie Beate bei ihrem Prozess, nur dass es diesmal keine Überraschung beim Plädoyer geben würde. In Handschellen und Fußfesseln wurde Petra Strass durch die Leute geführt und die Beamten mussten mehrmals eingreifen, um Handgreiflichkeiten gegen Petra Strass zu vermeiden. Als die Angeklagte in die Halle hereingebracht wurde, schloss sich Mike der hineinströmenden Menge an, während ich draußen wartete. Schließlich wurde der aktuelle Prozess aufgerufen und alle Beteiligten hereingerufen. Dort hatte man für die Zeugen eine Bank freigehalten, auf der ich nun neben Meyer saß. „Hallo Mister – es interessiert mich nur“, zischte er leise.

„Na, Sherlock, Riesenprozess, was?“

„Ich hoffe, du bist zufrieden mit dem, was du da losgetreten hast.“

„Kommt darauf an, was am Ende dabei herauskommt.“

Eine weitere Unterhaltung wurde unterbunden, als wir über unsere Zeugenpflicht belehrt wurden, anschließend wurden wir nach draußen verwiesen und ermahnt, keine Absprachen zu treffen. Seltsamerweise konnte ich Trommer nicht sehen, was mich etwas überraschte, zumal Mike mir erzählt hatte, dass Trommer schon am ersten Prozesstag nicht anwesend war.

Nach über einer guten Stunde wurde ich aufgerufen. Nachdem ich vor den Richtern Platz genommen hatte, blickte ich mich um. Ich hätte wetten können, dass sowohl die Richter als auch die beiden Staatsanwälte gute Bekannte von Trommer waren, denn alle waren im gleichen Alter wie er. Trommers Kritiker hatten allem Anschein nach aufgegeben und der Verteidiger tat mir leid, denn genau wie Beates Verteidiger hatte er von Anfang an keine Chance.

„Herr Stein?“, wurde ich durch die Stimme des Vorsitzenden wieder zurück in die Wirklichkeit gerufen. „Herr Stein, Sie sollen Hinweise bekommen haben, wonach Frau Strass am Mord von Ella Fischer beteiligt war. Woher haben Sie diese Hinweise und wie sehen diese Hinweise aus?“

„Aber hallo! So nicht, Herr Trommer“, dachte ich. Es war schon schlimm genug, dass ich in Beates Fall den Hals in der Schlinge hatte, ich würde mich hier nicht selbst belasten. „So kann ich das nicht bestätigen. Ich habe lediglich weitergegeben, was Frau Fischer zu mir sagte. Ich zitiere: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht>. Zitat Ende. Von einer Beteiligung von Frau Strass war nie die Rede.“

„Wann genau hat Frau Fischer das zu Ihnen gesagt?“

„Auf der Notfallstation der JVA, als wir ihre Verletzungen versorgten.“

Die Augen der Staatsanwältin blitzten böse auf, was der Richter bemerkte.

„Sie haben Fragen, Frau Staatsanwältin?“

„Nur ein paar, um sicherzugehen, dass ich Herrn Stein richtig verstanden habe.“

„Bitte.“

„Herr Stein, das sagte Frau Fischer auf der Notfallstation, während Sie erste Hilfe leisteten und die Verletzungen versorgten?“

„Ja.“

„Die Verletzungen, die zum Tod von Frau Fischer führten?“

Verdammt, bis jetzt hatte ich die Wahrheit gesagt, doch jetzt nagelte mich diese blöde Staatsanwältin fest. Hatte ihr Trommer gesteckt, dass er glaubte, Beate sein noch am Leben? Jetzt spielte es keine Rolle mehr, denn ein Zurück gab es nicht mehr.

„Ja.“

„Das heißt, die Worte, die Beate Fischer in diesem Moment sagte, waren ihre letzten Worte?“

„So ist es.“

„Wann verstarb Frau Fischer?“

Mein Herz pochte bis zum Hals, als ich ihr antwortete. „Am 12. Juni diesen Jahres um 12:22 Uhr.“

Jetzt hatte ich endgültig meinen Kopf unter die Guillotine gelegt. Mein Blut hämmerte in den Ohren, während ich darauf wartete, dass die Staatsanwältin oder der Richter die Justizwachtmeister auffordern würden, mich festzunehmen, doch nichts geschah.

„Weitere Fragen, Frau Staatsanwältin?“

„Nein, danke. Aber ich möchte, dass Herr Stein vereidigt wird.“

„Herr Stein, Sie haben es gehört, die Staatsanwaltschaft, beantragt Ihre Vereidigung. Bleiben Sie bei ihrer Aussage?“

„Selbstverständlich.“

Ich wurde vereidigt und entlassen, da der Verteidiger keine Fragen hatte.

Immer noch mit Herzklopfen setzte ich mich in den Zuschauerraum und Meyer wurde aufgerufen.

Er zählte dem Gericht die „neuen“ Erkenntnisse auf, die zur Festnahme von Petra Strass geführt hatten.

„Welche Verletzungen konnten sie an Ella Fischer feststellen?“

„Eine massive Quetschung am Hals, die zum Atemstillstand geführt hatte.“

„Hätte Frau Fischer diese Verletzungen hervorrufen können?“

„Eher unwahrscheinlich. Dazu waren die Verletzungen zu massiv und ihre Hände waren dazu zu schmal.“

„Welcher der drei Anwesenden an diesem Tag kommt Ihrer Einschätzung nach in Frage?“

„Herr Fischer.“

„Frau Strass sagte aus, dass Herr Fischer die ganze Zeit mit ihr zusammen war, also müsste Frau Strass den Mord an Ella Fischer mitbekommen haben?“

„Das wäre logisch.“

„Frau Strass sagte allerdings, dass Frau Fischer ihre Tochter erwürgt hat.“

„Das halte ich auf Grund der Beweislage für eine reine Schutzbehauptung.“

„Bitte erklären Sie das.“

„Laut der Aussage von Frau Strass kniete der Mann am Boden und kümmerte sich um seine Tochter, als er von Beate Fischer mit dem Messer attackiert wurde. Der untersuchende Pathologe hatte aber festgestellt, dass die massivsten Einstiche bei Herrn Fischer im Bauch und Brustbereich liegen. Frau Fischer hätte also um die Arme von Herrn Fischer herumgreifen müssen, um diese Verletzungen hervorzurufen. Wir haben das versucht nachzustellen, kamen aber zu dem Entschluss, dass Herr Fischer direkt vor Frau Fischer gestanden haben muss, als Frau Fischer auf ihn einstach.“

„Das heißt, dass die Aussagen, die Frau Strass gemacht hatte, alle unwahr sind?“

„Zu diesem Ergebnis sind alle Ermittler gekommen.“

„Fragen, Frau Staatsanwältin?“

„Nein, danke.“

„Herr Verteidiger?“

„Warum wurden diese Ergebnisse nicht schon im Prozess gegen Frau Fischer vorgetragen?“

„Durch die Manipulation der Staatsanwaltschaft sowie der Ermittler seitens Frau Strass gab es zum damaligen Zeitpunkt keine Zweifel an ihrer Aussage. Erst als DNA-Spuren von Frau Strass an der Leiche von Ella Fischer gefunden wurden, gab es erste Zweifel.“

„Wie sind Sie dazu gekommen, die Leiche von Ella Fischer erneut zu untersuchen?“

„Nun, die Leiche wurde schon direkt nach der Tat auf DNA-Spuren untersucht, dabei wurde auch eine fremde DNA festgestellt, doch es gab auf Grund der damaligen Beweislage keinen Abgleich mit Frau Strass. Erst durch die Aussage von Herrn Stein, der mir die letzten Worte von Frau Fischer mitteilte, kam es zu weiteren Untersuchungen.“

„Welche Rolle spielte Oberstaatsanwalt Trommer bei den Ermittlungen?“

„Als er davon erfuhr, bat er mich, auch gegen seine Person zu ermitteln und allen Hinweisen ungeachtet seiner Person nachzugehen.“

„Oh je, Meyer!“, fuhr es mir durch den Kopf, „jetzt hängst du genauso drin wie ich!“ Denn mit dieser Aussage war die einzige Möglichkeit für den Verteidiger vertan, seiner Mandantin zu helfen. Mit zusammengebissenen Zähnen verzichtete dieser auf weitere Fragen.

Das Gericht vertagte sich auf den Nachmittag und ich schob mich durch das Gedränge nach draußen. Für mich stand nicht nur fest, dass Petra Strass in Kürze in unsere JVA eingeliefert würde, nein, ich würde meine Hand dafür ins Feuerlegen, dass Trommer schon eine neue Torres gekauft hatte, um Petra Strass loszuwerden.

 

***

 

Der große Knall kam am Tag, bevor das Urteil über Petra Strass gefällt wurde. Ich arbeitete den immer größer werdenden Aktenstapel ab, als das Telefon klingelte. Es war Mike, der nur sagte: „Schalt mal den Fernseher ein. Du wirst sehen, was ich meine.“

Mit der Fernbedienung schaltete ich den Fernseher an und musste nicht lange suchen, denn auf fast allen lokalen Nachrichtenkanälen lief dasselbe: ein Interview mit Trommer.

„Herr Oberstaatsanwalt, Sie haben beschlossen, Ihre Kandidatur für den Posten als Generalstaatsanwalt zurückzuziehen. Bitte erklären Sie doch den Zuschauern diesen drastischen Schritt“, forderte eine Journalistin Trommer auf. Das Gesicht der Journalistin hatte ich schon einmal gesehen, aber ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern. Ihre Professionalität war ihr eindeutig ansehen, außerdem sah sie klasse aus, schien aber ein eiskalter Typ zu sein.

„Nun, Fransiska“, antwortete Trommer scheinbar gedemütigt, „ich schäme mich, das zu sagen, aber durch die Manipulation meiner Person wurde eine unschuldige Frau in der JVA getötet. Das ist ein nicht wiedergutzumachendes Unrecht.“

„Aber ist es doch so, dass Sie diese Manipulation nicht selbst vorgenommen haben“, warf Fransiska ein.

„Nein, natürlich nicht, doch dadurch, dass ich mit Frau Strass nach dem Prozess eine Beziehung eingegangen bin, habe ich einen schlimmen Fehler begangen.“

„Was denken Sie, wie der Prozess gegen Frau Strass enden wird?“

„Dazu möchte ich zu diesem Zeitpunkt nichts sagen, um keinen Einfluss auf das Urteil zu nehmen.“

Ich hätte lachen können, wäre die Lage nicht so ernst. Keinen Einfluss nehmen? Der ganze Prozess war auf seinem Mist gewachsen.

Nein, das stimmte nicht, hätte ich meine Augen zugedrückt, wäre Beate tot und es hätte keinen Prozess gegen Petra Strass gegeben. Wahrscheinlich wäre sie, genau wie Torres, irgendwann bei einem Unfall umgekommen.

„Prozessbeobachter sind sich einig, dass Petra Strass eine lebenslange Freiheitsstrafe erhalten wird. Wäre dann nicht der Weg für einen Neuanfang Ihrer Bewerbung frei?“

„Wissen Sie, Fransiska, das Amt des Generalstaatsanwaltes ist sehr verantwortungsvoll. Der Inhaber dieses hohen Amtes darf auf keinen Fall kompromittierbar sein. Durch mich ist eine Unschuldige ums Leben gekommen, ich kann nur versuchen, zukünftige Fehler zu vermeiden.“

„Aber dazu wäre doch der Posten als Generalstaatsanwalt am geeignetsten.“

„Leider ja. Ich hoffe daher, dass der Nachfolger unseres jetzigen Generalstaatsanwalts sein Bestes tut, um solche Fehlurteile zu verhindern.“

Mir lief es kalt den Rücken herunter.

Scheiße, ich hatte Trommer von Anfang an unterschätzt!

Dieser Auftritt würde in die Geschichte eingehen. Trommer verzichtete auf überhaupt nichts! Dieses Interview schoss ihn nach oben. Nichts kommt bei den Menschen und ganz besonders bei den verblendeten Idioten der PfR-Partei besser an als ein öffentlich eingestandener Fehler. Auf diese Weise sicherte sich Trommer die Liebe und Achtung der Massen und erhöhte so den politischen Druck auf die Regierung, ihn doch zu nominieren. Aber das war erst der Anfang. Trommer ging es nicht allein um den Posten des Generalstaatsanwaltes. Nein, dieser Job war lediglich das Sprungbrett ganz nach oben. Aber als Generalstaatsanwalt konnte er sich die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit sichern. Danach würde er als Minister weitermachen und sich auch damit noch nicht zufriedengeben.

Das alles konnte er tun, weil ich ihm einen „persönlichen“ Gefallen getan hatte. Ausgerechnet ich! Verdammt! Was jetzt?

„Herr Oberstaatsanwalt, es gibt Stimmen, die Sie dennoch als nächsten Generalstaatsanwalt sehen wollen. Viele meinen sogar, Sie sollten unser neuer Justizminister werden. Wie stehen Sie dazu?“

„Nun, sich jetzt darüber Gedanken zu machen, erscheint mir etwas verfrüht. Wir sollten erst einmal das Urteil von Frau Strass abwarten.“

„Nun“, lächelte Fransiska in die Kamera, „das Urteil wird nicht allzu überraschend sein. Das war Oberstaatsanwalt Trommer zu seinem Verzicht, als Generalstaatsanwalt zu kandidieren. Ich bin Fransiska Haufberger für ACP. Jetzt die neusten Nachrichten aus aller Welt.“

Das Bild wechselte zurück ins Studio und ein Nachrichtensprecher begann, die Nachrichten vorzulesen.

„Soulebda: Auf der Südseeinsel Soulebda wurde gestern ein blutiger Aufstand mehrerer Häuptlinge niedergeschlagen. Die Revolte drang sogar bis zum Palast vor, in dem einige Angreifer die Präsidentenfamilie selbst bedrohten. Maßgeblich an der Niederschlagung des Aufstandes beteiligt war eine junge Frau…“

Wütend schaltete ich den Fernseher aus, was ging mich die Südsee an? Mein Problem saß gerade 100 Meter entfernt in Veras Wohnung! Ein nichtwiedergutzumachendes Unrecht! Das war der Zaubersatz von Trommers Auftritt. Gleichzeitig war es eine Warnung an mich, wenn auch nur ich diese genau verstand. Ein Blick auf den Kalender zeigte mir den Tag für das große Finale. Genau heute, in einer Woche sollte, nein, MUSSTE Beate Fischer sterben.

 

***

 

Washington

„Schon mal in der Südsee gewesen?“, fragte Dave.

„Klar, schon zig Mal“, brummte Mike über einigen Berichten zu MacFroody.

„Hawaii zählt nicht, ich meine die echte Südsee.“

„Nein, nur in meinen Träumen.“

„Wie wäre es mit Soulebda?“

„Sou… Was?“

„Soulebda.“

„Das gibt’s gar nicht, das hast du gerade erfunden.“

Wortlos hob Dave einen Zeitungsartikel hoch und Mike verschlug es die Sprache. Das Bild zeigte Caroline Miles in einem verschwitzen T-Shirt, zwei Berettas in den Händen und könnte glatt aus einem neuen Black-Widow-Film stammen. – Rothaarige Heldin rettet Herrscherfamilie! – stand in fetten Buchstaben über dem Artikel. „Ist das wirklich die Miles?!“

„Jepp. Jetzt wissen wir, warum sie nicht gefunden wurde, sie war buchstäblich am Arsch der Welt.“

„Nun, das ist jetzt vorbei, ich denke, dass MacFroody auch Zeitung liest.“

„Wenn er Zeitung liest, dann hoffentlich auch, dass mehr als sechzig Angreifer auf Miles Konto gehen.“

„Zeig her!“, sagte Mike und nahm die Zeitung, um nachzulesen, was tatsächlich in dem Artikel stand. „Meine Güte“, flüsterte er. „Scheint so, als ob die Jungs aus Fort Benning einiges richtig gemacht haben. MacFroody hatte bestimmt keine Ahnung, mit wem er sich da einlässt.“

„Burnside sicher auch nicht. Was meinst du, eigentlich kann die Frau doch auf sich selbst aufpassen.“

„Gegen einen Schuss aus einhundert Metern Entfernung richtet auch die beste Ausbildung nichts aus. Los pack deine Sachen, wir fliegen in die Südsee.“

 

***

 

International Airport Soulebda (SUL)

„Sieht irgendwie anders aus als die Südsee, die man sich so vorstellt“, kommentierte Mike das Treiben am Soulebda-Airport. Hier rollten überall Planierraupen und andere große Baumaschinen durch die Gegend, um den Flugplatz zu vergrößern. Mehrere Frachtflugzeuge, hauptsächlich britische und französische, wurden gleichzeitig entladen. Dave, der einmal auf Niue gewesen war, hatte so etwas wie eine kleine Landebahn am Strand erwartet, doch das hier war weit davon entfernt.

„Ich habe gelesen, dass man hier seltene Erden gefunden hat“, brummte Dave, während sie in Richtung des Zolls gingen.

„Seltene Erden sind nicht selten“, gab Mike zu bedenken.

„Nein, das nicht, aber die Verarbeitung ist sehr aufwendig. Besonders, wenn man wenigstens halbwegs auf die Umwelt achtet.“

„Tja, hier scheint man das Problem nicht zu kennen oder irgendwie gelöst zu haben“, meinte Mike und zeigte auf einige Demonstranten, die abseits der Rollfelder demonstrierten. Plötzlich hielt ein Mannschaftswagen bei ihnen an, mehrere Sicherheitskräfte sprangen heraus und jagten die Demonstranten mit Knüppeln auseinander. „Das scheinen keine einheimischen Sicherheitskräfte zu sein.“

„Nein, die sehen ziemlich westlich aus. Ist dir aufgefallen, dass hier fast nur Flieger von den Tommys und Jaques stehen? Keine einzige chinesische oder US-Firma scheinen hier präsent zu sein.“

„Ja, und wenn man bedenkt, dass wir und die Chinesen Hauptabnehmer für seltene Erden sind, finde ich das schon seltsam…“, er brach ab, als sie die Zollkontrolle erreicht hatten. Hier waren zwar einheimische Beamte an den Schaltern, doch die vielen Europäer, die sich sichtbar im Hintergrund hielten, waren kaum zu übersehen.

„Mister Smith, was ist der Zweck Ihres Aufenthaltes?“, wollte die Beamtin wissen.

„Mein Partner und ich arbeiten für mehrere Firmen aus Silicon Valley, die sich für den Abbau von seltenen Erden interessieren und die Bedingungen dafür ausloten wollen.“

„Ich verstehe“, lächelte die Beamtin freundlich, während sie auf ihrer Tastatur einhämmerte. Als ihre Finger die Tasten berührten, sah Mike, wie einer der Europäer, der in einem Büro ebenfalls an einem PC saß, auf sie aufmerksam wurde, während sich mindestens zwei andere Europäer zu ihnen drehten. „Falsche Antwort, Idiot!“, dämmerte es ihm und auch Dave schüttelte kaum merklich den Kopf.

 

***

 

„Scheint irgendwie verlassen zu sein“, flüsterte Mike, der Caroline Miles‘ Anwesen beobachtete. „Sag mal, ist das, dass was ich denke?“

„Scheit so, das ist tatsächlich ein Galgen. Ich wusste gar nicht, dass es hier noch die Todesstrafe gibt.“

„Jedenfalls scheint man hier als Henker nicht schlecht zu leben. So eine Villa ist bestimmt auch hier schweineteuer“, kommentierte Mike, der das Gebäude mit dem Feldstecher absuchte, um einen Hinweis auf Miles zu entdecken.

„Da ist die Haushälterin wieder.“ Er sah, wie eine ältere Frau zum Eingang der Villa ging, kurz stehen blieb und genau zu ihnen hinsah. „Wir haben jetzt schon dreimal die Position gewechselt und die Alte schaut immer genau zu uns, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die weiß genau, dass wir hier sind.“

„Quatsch, wir sind über hundert Meter weg, die kann nicht wissen, wo wir sind“, zischte Dave, der die Villa ebenfalls mit einem digitalen Fernglas betrachtete, das mit einer Aufnahmefunktion ausgestattet war und damit hatte er sicher Recht. Das hier war nicht ihre erste geheime Mission und selbst ihre europäischen Aufpasser hatten das Nachsehen gehabt, als sich die zwei Spezialisten entschlossen, Miles‘ Villa zu überwachen.

„Trotzdem ist mir die Alte unheimlich. Da kommt jemand!“, sagte er, als ein Wagen heranbrauste, vor dem Eingang stehen blieb und eine Frau ausstieg. „Das ist Penelope ai Youhaahb, die Tochter der Regentin!“

Auch Mike sah, wie die Frau aus dem Wagen stieg und einem sichtbar verletzten Mann auszusteigen half. Gleichzeitig kamen die Haushälterin und ein Berg von Mann aus der Villa heraus. Der Mann stützte den Verletzten und es entbrannte eine heftige Diskussion. Schließlich schien Penelope einzulenken und der Hüne brachte den Verletzten zum Wagen zurück, stieg ebenfalls ein. Der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen los, während die Haushälterin Penelope in den Arm nahm.

„Ich hab’s aufgezeichnet, wenn wir in Langley einen Lippenleser auftreiben, wissen wir, was da ablief“, flüsterte Dave. „Zeit zu verschwinden, bevor die hier eine richtige Suchaktion nach uns starten.“

„Du hast Recht, lass uns abhauen“, nickte Mike und sah, wie die Präsidententochter mit der Haushälterin zurück in die Villa ging, allerdings nicht, ohne dass die Haushälterin noch einen Blick in ihre Richtung warf!

Statt zu ihrem Hotel zurückzugehen, begaben sich Mike und Dave zu den Abbaugebieten südlich der Hauptstadt. Dort wurden sie auch prompt von den Sicherheitskräften registriert und die Europäer atmeten erleichtert auf, als sie ihre „Schützlinge“ wiederfanden. Während sich Engländer und Franzosen am Abend damit beschäftigten, sich über die Absichten der Yankees klar zu werden, sendete Mike ihre Aufnahmen nach Langley, sobald sie in ihrem Hotel zurückgekommen waren.

„Scheint so, als ob jemand versucht, uns auszuspionieren“, stellte Dave nur Minuten später fest, als er am Laptop saß. Dieser war zum Schein in das WLAN-Netz des Hotels eingeloggt und jemand versuchte, sich darüber Zugriff zu verschaffen. Damit hatten die zwei Profis allerdings gerechnet und der Laptop „erlaubte“ den Zugriff auf die von Langley bereitgestellten Dateien, die belegten, dass Mike und Dave hier Bodengutachten erstellen sollten. Außerdem gab es Bilder, die zeigten wo sich die zwei heute bewegt hatten. Gleichzeitig aber hatte sich Mike über Satelliten und einer ultrasicheren Software mit Kivels Büro verbunden, wo die Aufnahmen ausgewertet wurden. „Das muss am euch lassen“, meinte Kivel, „die Aufnahme ist verdammt interessant. Der Verletzte ist niemand anderes als Soleab n’Amsala.“

„Amsala… den Namen habe ich schon gehört.“

„Soleab n’Amsala ist der Kopf der Umweltschutzorganisation Soulebdas. Er ist der Einzige, der es wagt, dem Präsidenten Sheramoh ai Youhaahb die Stirn zu bieten.“

„Dem Präsidenten? Ich dachte, hier herrscht das Mariachat?“

„Offiziell schon, wieso aber die Regentin Heylah ai Youhaahb in dieser Sache nichts unternimmt, wissen wir nicht.“

„Ergab das Gespräch wenigstens einen Hinweis auf Miles?“

„Ja, allerdings nur einen Satz, als der Hüne mit Soleab wegfährt. Zitat von Penelope ai Youhaahb: Ausgerechnet jetzt muss Caroline nach Hause zu ihrem Onkel.“

„Nach Hause zu ihrem Onkel… Israel!“

„So ist es“, bestätigte Kivel, „also Schluss mit dem Faulenzen in der Südsee, schwingt eure Ärsche hierher zurück!“

 

***

 

Das Urteil

„Petra Strass zu lebenslanger Haft verurteilt!“ – stand es auf den Titelblättern der ganzen Republik.

„Als ob das eine Überraschung wäre“, dachte ich bitter, als ich die Zeitung zusammenknüllte.

„Wegschließen, für immer“ – lautete die Schlagzeile einer beliebten Tageszeitung, die, wäre sie schon im Mittelalter erschienen, sicher „Verbrennt die Hexe“ geschrieben hätte.

Selbst eher zurückhaltende und seriöse Zeitungen verdammten Petra Strass als die größte Hexe der neueren Geschichte. Am dritten und letzten Prozesstag hatten die Richter gerade einmal drei Stunden gebraucht, um sich zu beraten. Nachdem die Zeugen alle ausgesagt hatten, gab es nichts mehr, was Petra Strass hätte retten können. Ihr Verteidiger, einer der besten und teuersten, die es gab, hatte alle Teilnehmer des Prozesses damit überrascht, indem er sich entgegen aller Annahmen wirklich sehr anstrengte und alles versuchte, das drohende Urteil abzuwenden. Doch obwohl er alle Register zog, das Urteil lautete genauso, wie es alle erwarteten… Lebenslange Haft wegen Mordes aus Heimtücke. Besonders clever war die Argumentation der Staatsanwältin, denn sowohl in ihrem Plädoyer als auch in der Urteilsbegründung des Gerichtes tauchte nirgendwo der Name „Beate Fischer“ auf.

Mike hatte mir von tumultartigen Szenen berichtet, als das Urteil verkündet wurde. Mehrere Dutzend Beamte waren nötig, um Petra Strass sicher aus der Kongresshalle herauszubringen, und als ich die Bilder im Fernseher sah, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Sicher, diese Frau hatte einen Familienvater dazu angestiftet, sein Kind umzubringen, und sie hatte nicht nur dafür gesorgt, sondern auch schweigend dabei zugesehen, wie Beate zu Unrecht verurteilt wurde und doch tat sie mir in diesem Moment leid. Denn jetzt wurde Petra Strass genauso benutzt wie Beate, sie wurde vorgeführt und gedemütigt, nur damit Trommer die Leiter nach oben klettern konnte. Diese Ungerechtigkeit hatte sie genau so wenig verdient wie Beate.

„Sie tut dir leid, oder?“, fragte Jessika, die in mein Büro gekommen war und sich die Bilder im Fernseher anschaute.

„Nein, wie kommst du darauf!“

„Du bist ein miserabler Lügner. Dir wäre es am liebsten gewesen, sie hätte gestanden und wäre still und leise in unsere JVA eingeliefert worden.“

„Habe ich dir schon mal gesagt, dass du mich viel zu gut kennst?“

„Nein, aber ich weiß, wie du tickst. Und dass du so tickst, macht dich umso besser.“

„Bin ich besser als Trommer? Das war mein Werk“, ich zeigte auf den Bildschirm, auf dem Petra Strass durch eine wütende Menge in den Gefängnisbus gebracht wurde.

„Du bist nicht wie er, du bist einer von den Guten! Was Petra Strass angeht, sie hat vielleicht nicht diese Behandlung verdient, doch das, was sie hier erwartet schon. Und jetzt zu unserem Plan…“

 

***

 

Neuzugang

An diesem Abend herrschte keine Hochstimmung oder Jubel. Im Gegenteil, wir drei saßen still und leise zusammen und hielten uns fest. Beates grüne Augen sagten alles. Hätte sie die Möglichkeit, alles ungeschehen zu machen, und wäre es zum Preis ihres Lebens, sie würde es tun!

Am nächsten Morgen übernahm ich die Malinowski auf der Krankenstation und brachte sie zurück in Haus B, wo schon Hannes, Bernd und Johann auf uns warteten. Durch die Verletzungen an den Knien, die mir eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingebracht hatten, konnte sie nicht selbst in ihre Zelle gehen, also wurde sie an einen Rollstuhl gefesselt, von Hannes übernommen und weitergefahren. Anschließend drückte er mir einen Stapel Papiere in die Hand, die ich im Büro ausfüllte, während er wartete. „Was für ein Mist“ brummte ich, während ich den Bericht über den Vorfall der Verlegung ausfüllte. JA, ich hätte ihr nicht die Knie zertrümmern dürfen, ja, ich hätte sie vor dem Einsatz des ESK warnen müssen…“Typisch!“, dachte ich, „die Bösen dürfen machen, was sie wollen, die Guten aber nicht“. Ich füllte den Bericht aus, blieb bei meiner Version, beschönigte nichts und übernahm die volle Verantwortung für mein Tun.

„He, Bad-Man, sieh mal“, sagte Hannes und wies zum Fenster, also stand ich auf und stellte mich neben ihn.

Hannes zeigte auf den Gefängnisbus, aus dem gerade Petra Strass ausgeladen und zur Aufnahmekammer gebracht wurde. „Ich werde mal nach unten gehen“, sagte ich zu ihm, denn ich bekam ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, während ich Hannes die Papiere zurückgab.

Frank hatte bereits gestern im Voraus in einem Rundschreiben allen für die korrekte Behandlung von Petra Strass gedankt. Wir alle wussten, dass wir uns besser daranhielten, denn Frank war ein Super-Chef, der keine Probleme damit hatte, sich auch für die Putzfrau mit dem Ministerium anzulegen, doch wehe er war angepisst, dann sollte man sich seinen Zorn besser nicht zuziehen.

 

***

 

Aber es gab eine Ausnahme… und die wartete schon sehnsüchtig auf Petra Strass. Ein Team von drei Beamten brachte Petra Strass in die Untersuchungszelle der Krankenstation. Dort wartete Vera…

Ich war der Prozession in einigem Abstand gefolgt und sah das teuflische Aufblitzen in Veras Augen.

Bevor Vera ebenfalls in die Zelle ging, fing ich sie ab. „Halt dich zurück. Wir können keinen Ärger gebrauchen! Wenn Frank Wind von unserem kleinen Geheimnis bekommt, geht eine Atombombe hoch.“

„Keine Sorge, mein Schatz“, beruhigte mich Vera und lächelte unschuldig, „ich werde es genau nach Vorschrift machen. Und glaub mir, Dienstvorschriften können toll sein, wenn man sie kennt“, dabei zog sie sich demonstrativ einen Gummihandschuh über und ließ das untere Ende gegen ihr Handgelenk schnappen. „Ich liebe diesen Job!“

Das beruhigte mich nicht wirklich, aber ich hoffte inständig, dass Vera sich im Griff hatte. Daher ging ich zurück ins Büro, um die Akte Malinowski endgültig zu schließen.

Vera betrat in der Zwischenzeit die Zelle und musterte die Strass. Beinahe freundlich lächelnd sah sie die drei Beamten an, die Petra Strass hergebracht hatten an und sagte: „Vielen Dank, wenn eine Beamtin nur für alle Fälle draußen warten könnte, wäre ich Ihnen dankbar. Wir wollen die Untersuchung nicht unangenehmer machen, als es sein muss.“

„Ich werde draußen warten“, sagte eine der Beamtinnen und alle verließen den Raum. Vera wartete geduldig, bis die drei die Zelle verlassen hatten und schloss dann die Tür ab.

„Mehr Privatsphäre kann ich Ihnen leider nicht bieten, Frau Strass. Ich muss eine medizinische Untersuchung bei Ihnen durchführen, bitte legen Sie Ihre Kleider ab.“

„Ich hatte schon damit gerechnet, dass man mir die Kleider vom Leib reißt“, antwortete die Strass bitter.

„Aber nein, wir sind doch alles erwachsene Menschen.“

„Glauben Sie mir, da habe ich in den letzten Tagen ganz andere Sachen erlebt.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen.“

Vera hatte sich zum Waschbecken gedreht und sah im Spiegel zu, wie Petra Strass ihre Kleider auszog.

Hätte die Strass sich umgedreht und Veras Augen gesehen, wäre sie sicher nicht so ruhig geblieben. Vera hatte ihre Tasche genommen und legte sich ihre Utensilien bereit, unter anderem Handschellen und mehrere volle Klistiere.

„Können wir es nun hinter uns bringen?“, fragte die Strass und stellte sich nackt vor Vera.

„Sicher, wir sind auch ganz schnell fertig…das heißt, normalerweise wären wir schnell fertig, aber leider gibt es hier ein Problem.“

„Ein Problem?“

„Ja, du hast die Kleine meiner Beate auf dem Gewissen.“

„Deiner Beate?“, fragte die Strass ungläubig.

„Ja, MEINER Beate. Willkommen in der Hölle!“

 

***

 

Ärger

Mit einem sehr befriedigenden Gesichtsausdruck saß Vera drei Stunden später in meinem Büro. „Es lief genau nach Vorschrift“, sagte sie nur, doch ihre Augen leuchteten noch immer.

Eine Stunde später saß Vera allerdings nicht mehr so selbstsicher und gelassen, sondern schweigend neben mir und ließ den Anschiss, den Frank uns verpasste, still über sich ergehen.

„VORSCHRIFTEN?!“, brüllte er uns an, „gerade ihr beide scheißt auf Vorschriften, wenn sie euch nicht in den Kram passen. Ich werde das nur ein einziges Mal sagen: Wagt es NIE WIEDER mich so in Verlegenheit zu bringen, sonst lasse ich euch von Decker vierteilen und anschließend werde ich euch feuern! Ihr werdet die Strass, bis sie irgendwann in vierzig Jahren im Leichenwagen liegt, mit Anstand und Respekt behandeln. Das Gleiche gilt für jeden weiteren Insassen! Habe ich mich klar und unmissverständlich ausgedrückt?“ Frank taxierte erst Vera scharf. „Frau Müller?!“

„Klar und deutlich“ flüsterte Vera leise.

Dann blickte er zu mir.

„JA.“

„Jetzt verschwindet, bevor ich euch sofort rauswerfe!“

Wir standen auf und gingen zur Tür, als Vera sich umdrehte.

„Frank, es tut mir leid. Ganz ehrlich. Keine Ahnung, was über mich gekommen ist… Ich… Nie wieder. Versprochen!“

Frank sah uns kalt an, als er antwortete. „Der Satz hat euch gerade den Arsch gerettet. Merkt euch eines: ich weiß genau, was in diesen Mauern geschieht.“

„Oh nein, das weißt du nicht, sonst würdest du nämlich komplett durchdrehen“, dachte ich, hütete mich aber davor, auch nur das Gesicht zu verziehen.

„Raus jetzt!“

Draußen wurde Vera richtig blass.

„Das wäre fast ins Auge gegangen“, brummte ich.

„Tut mir leid, ich hätte auf dich hören sollen, aber als ich die Gelegenheit hatte, da… verdammt!“

Statt Vera Vorwürfe zu machen, wurde mir wieder bewusst, warum ich Vera nicht in meinen Rettungsplan einweihte… und auch wenn es mir noch so schwerfiel, ich musste Vera im entscheidenden Augenblick loswerden.

Als wir an meinem Büro vorbeikamen, verabschiedete sich Vera von mir, da sie zum Dienst zurückmusste. „Tut mir wirklich leid“, sagte sie nochmal geknickt und ging mit gesenktem Blick zur Krankenstation.

Ich öffnete die Tür zum Büro und sah Jessika schon mit wütendem Blick auf mich warten.

„Was habt ihr euch dabei gedacht?“, fuhr sie mich an.

„Sorry, ich hätte sie stoppen sollen.“

„Ja, verdammt, das hättest du! Thekla hatte schon eure fristlosen Suspendierungen zur Unterschrift. Was hättet ihr dann getan? Beate im Koffer mitgenommen? Verdammt, ich gebe mir hier alle Mühe und ihr versaut es beinahe!“

„Du hast Recht… Die Sache gerät allmählich außer Kontrolle. Wir müssen es zu Ende bringen.“

„Das kannst du bald. Die Revision wurde vor drei Tagen abgelehnt, die Strass wird in vier Tagen rechtmäßig verurteilt sein. Das heißt, Beate wird in fünf Tagen auferstehen und anschließend werden Trommers Killer nicht lange fackeln. Was auch immer er plant, Trommer hat aus seinen Fehlern gelernt, denn wir haben nicht den geringsten Hinweis auf das, was uns erwartet.“

„Nicht nur das, wir müssen Vera im entscheidenden Moment aus dem Verkehr ziehen, sonst geht alles schief.“

„Das weiß ich, deswegen habe ich schon mal eine Kandidatin ausgesucht. Wenn es so weit kommt, dann ist sie unsere einzige Hoffnung“, sagte Jessika und warf eine Akte auf den Schreibtisch.

„Sie“ war die Gefangene Susanne Feites. Susanne hatte vor zwei Jahren ihren Mann umgebracht. Angeblich hatte es wiederholt Handgreiflichkeiten seitens des Mannes gegeben, und als diese eskalierten, warf Susanne ihn kurzerhand die Treppe herunter. Dabei brach er sich einige Knochen und verstarb, als die Notärzte ihn aus dem Geländer schnitten. Susannes Problem war, dass er noch lange genug lebte, um den Notärzten noch eine ganz andere Geschichte aufzutischen, bevor er das Zeitliche segnete. Ermittelt wurde nur oberflächlich und das Urteil, zehn Jahre Haft, war umstritten, dennoch scheiterte Feites‘ Anwalt mit der Berufung. Die letzte Chance von Susanne war ein Gnadengesuch, was sehr selten Erfolg hatte. Doch hier kam der Punkt, der Susanne interessant für uns machte. Trommer hatte, als Vertretung des eigentlich zuständigen Staatsanwaltes, die Sache bearbeitet. Trommer bot sich also hier erneut die Chance, sich beim Volk beliebt zu machen, man musste ihn eben nur mit der Nase darauf stoßen.

„Rede mit ihr.“

Ich wartete, bis abends alle Häftlinge in ihren Zellen waren und Deckers Mannschaft sich für die Nachtschicht bereit machte, dann ging ich zur Zelle von Susanne. Die saß am Tisch und las in einem Buch, als ich die Tür aufschloss und eintrat. Susanne sprang wie von einer Tarantel gestochen auf und wich in die hinterste Ecke ihrer Zelle zurück, was wohl eine natürliche Reaktion einer Gefangenen ist, die misshandelt wurde und in deren Zelle sich ein Mann „hereinschlich“.

Also hob ich beschwichtigend die Hände und blieb an der Tür stehen. „Wenigstens schreit sie nicht“, dachte ich.

„Was willst du?“, zischte sie.

„Reden. Darf ich?“, fragte ich und zeigte auf den Stuhl, der am Tisch stand. Widerstrebend und misstrauisch sah sie zu, wie ich mir den Stuhl nahm und mich gegenüber vom Bett hinsetzte.

„Bitte setz dich“, bat ich Susanne, die nur langsam und zögerlich meiner Aufforderung nachkam, mich aber nicht aus den Augen ließ.

„Was willst du von mir?“, wollte Susanne wissen, als sie sich an den unteren Bettrand gesetzt hatte.

„Ich will dir einen Handel vorschlagen.“

Immer noch misstrauisch, aber auch verwirrt schaute sie mich an und als ich diese Augen sah, wurde mir bewusst, dass Susanne ein Glückstreffer war. Denn diese Frau hatte beschlossen, nie wieder Opfer zu sein und sie würde mitspielen.

„Also, welchen Handel, kann der Bad-Man der JVA seiner Gefangenen vorschlagen?“

„Eine 50-50-Chance noch diese Woche hier rauszukommen.“

 

***

 

Eine Bitte

„Ich will dabei sein!“, sagte Beate unvermittelt zu mir. Nach meinem Termin bei Susanne Feites war ich in Veras Wohnung gegangen und fand eine gedrückte Stimmung vor. Beate wusste, dass das Finale näherkam, während Vera immer noch unter Franks Anschiss litt.

Ich musste erst gar nicht fragen, was Beate meinte und antwortete unwirsch. „NEIN!“

„Hör zu, ich habe alle Anordnungen befolg, was immer du gesagt hast, ich habe es getan, jetzt will ich auch etwas. Ich will der Mörderin meiner Tochter ins Gesicht sehen, wenn die Zellentür hinter ihr zufällt!“

„Wie stellst du dir das vor? Hast du vergessen, wo wir sind? Hier sind überall Kameras und, da muss ich Trommer leider recht geben, du bist jemand, der ins Auge sticht.“ Beates Augen wurden hart und erbarmungslos, so dass ich erneut die Bestie in ihr erkennen konnte, die sich anschickte hervorzubrechen und nur mit Mühe von Beate zurückgedrängt wurde. Das war etwas, dass Beate unbedingt unter Kontrolle bringen musste.

„Peter…“, sah mich Vera bittend an.

„Du hattest heute schon deinen Spaß, übertreibe es nicht.“

„Bitte, denk noch einmal darüber nach, du findest bestimmt eine Lösung.“

 

***

 

Was war Schlaf nochmal? Tatsächlich konnte ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal länger als ein paar Stunden am Stück geschlafen hatte. Wenn ich endlich einmal im Bett lag, konnte ich kaum ein Auge schließen… Ich konnte Beates Wunsch nur allzu gut verstehen, doch wie sollte das gehen? Schließlich waren wir in einer JVA und der Trakt, in den Petra Strass verlegt werden sollte, war der Hochsicherheitstrakt. Auch Frank hatte seine Lektion gelernt und beschloss, Petra Strass die erste Zeit keiner Gefahr auszusetzen. Allerdings bot sich auch die Gelegenheit, einen Testlauf zu absolvieren… wenn es Beate gelang, sich unerkannt in der JVA zu bewegen, dann… standen unsere Chancen vielleicht doch nicht so schlecht.

Gegen fünf Uhr in der Frühe warf ich Jessika aus dem Bett, um ihr meine Idee mitzuteilen. Keine halbe Stunde später, als sie im Büro war, hörte ich nicht wie erwartet von ihr: „Bist du bescheuert?“, sondern stattdessen: „Gar keine schlechte Idee. Wenn es hier funktioniert, dann auch draußen. Ich sehe nach, wer Dienst hat“, sagte sie und setzte sich an den PC, wo sie die Schichtpläne der JVA aufrief. „Eders, Belling und Gamrert haben Dienst“, überlegte sie und rief ein weiteres Programm auf. „Hier, Darsen aus Zelle vierzehn hat um zehn vor acht einen Termin auf der Krankenstation. Wir schicken Eders mit Darsen zu Schemmlein, dann sehen wir, ob unser Plan eine Chance hat.“

 

***

 

Kleine Rache

Um Punkt 00 Uhr des darauffolgenden Donnerstags wurde das Urteil gegen Petra Strass rechtskräftig. Das bedeutete, dass Petra Strass im Laufe des Tages von der U-Haft in den geschlossenen Vollzug verlegt wurde. Ein eigentlich völlig normaler Vorgang, der fast täglich stattfand. Doch dieses Mal, war das etwas anders! Frank hatte mir die Verantwortung für die Strass übertragen und eindringlich klar gemacht, dass ich dieses Mal besser keinen Mist baute.

Ich gab mir wirklich alle Mühe, Franks Zorn nicht weiter anzufeuern und stand pünktlich um 7:30 Uhr im Büro von Hamm, dem diensthabenden Beamten des U-Haftgebäudes.

„Wieso kommst du selber?“, fragte mich Hamm.

„Frank ist pissig auf mich wegen des Vorfalls zwischen Vera und der Strass. Er will sichergehen, dass so etwas nicht mehr vorkommt.“

„Ganz ehrlich, Vera hatte völlig Recht.“

„Sag das bloß nicht Frank.“

„Ich werde mich hüten, aber willst du die Strass wirklich alleine… ich meine… du weißt, was ich meine. Nicht, dass es nachher heißt…“

„Nein, keine Sorge, ich habe Verstärkung dabei“, antwortete ich und zeigte nach draußen, wo eine Beamtin mit einer Schirmmütze auf dem Kopf eine kleine Wolke ausblies, „sie wollte nur noch einen Zug rauchen.“

„Ok, dann habe ich hier eine Menge Papierkram für dich. Ich nehme an, du weißt, wie man die ausfüllt“, grinste Hamm und hielt mir einen Stapel Papiere entgegen.

„Sehr witzig“, brummte ich, schnappte mir die Papierbögen und füllte sie aus, während Hamm dafür sorgte, dass Petra Strass aus ihrer Zelle geholt wurde.

Wenig später übernahm ich Petra Strass, die ihre Sachen auf dem Arm trug und flankiert von der Beamtin marschierten wir zum Hochsicherheitsgebäude. „Sie sind doch der Typ, der gegen mich ausgesagt hat?“, meinte Strass und sah mich von der Seite her an.

„Ich habe nicht gegen Sie ausgesagt, ich habe lediglich Fakten widergegeben.“

„Aus meiner Sicht haben Sie das schon! Sie haben mich voll in die Scheiße geritten!“

„Falls Sie mich provozieren wollen, vergessen Sie es. Und dass ich an Ihrer Situation Schuld trage, ist lediglich Ihre Inselwahrnehmung, Sie haben sich selbst in die Scheiße geritten.“

„Ist die rote Schlampe wenigstens langsam verreckt?“

Ich hielt den Atem an, doch nichts geschah, also ging ich ganz ruhig weiter, ohne auf die Provokation einzugehen. Dabei sah ich, wie Eders Darsen in Richtung der Krankenstation führte, was mich aufatmen ließ.

Im Gebäude angekommen brachte ich die Strass zu ihrer Zelle, schloss sie auf und trat mit einer leichten Verbeugung zur Seite, so dass Petra Strass eintreten konnte.

„Arschloch!“, zischte sie, ging an mir vorbei und warf ihre Sachen auf das Bett.

Unbemerkt von ihr war die Beamtin ebenfalls in die Zelle getreten und ich stellte mich zwischen die beiden. „Übrigens, Frau Strass“, ich wartete, bis sie sich zu mir drehte, „die rote Schlampe ist nicht langsam verreckt.“

Darauf hatte Beate gewartet. Die ganze Zeit hatte sie jeden Blickkontakt mit Strass vermieden, hatte nicht ein Wort gesagt und ihre Haare verborgen. Jetzt zog sie das Cap aus, ihre feuerroten Haare fielen über ihre Schulter und ihre smaragdgrünen Augen blitzten auf. Für einen Moment stand die Zeit still, dann trat Beate einen Schritt vor. „Erkennst du mich, du Miststück? Ja, ich lebe noch und du wirst hier drinnen verfaulen!“

„Das ist unmöglich“, stotterte Strass und starrte Beate an. „Du bist tot!“

„In ein paar Wochen wärst du das sicher auch gerne und jetzt viel Spaß in deinem neuen Leben!“ Damit drehte sich Beate um, zog sich das Cap wieder über und trat aus der Zelle. Jetzt hatte auch Petra Strass begriffen, dass sie keinen Geist gesehen hatte und stürmte zur Tür, die ich ihr vor der Nase zuwarf und verschloss.

„Ihr Schweine!“, schrie sie und hämmerte gegen die Tür.

„Los, ab mit dir“, zischte ich Beate zu und kümmerte mich um die herbeieilenden Belling und Gamrert.

„Was ist denn los?“, wollte Belling wissen.

„Petra Strass ist mit der Gesamtsituation unzufrieden.“ Antwortete ich, während Beate das Gebäude verließ, ohne sich umzudrehen.

„Scheint so“ grinste Gampert, als die Strass, „Ich mache euch alle fertig“ schrie und weiter auf die Tür einschlug.

 

***

 

Der Tag danach

Als wir zurück in Veras Wohnung waren, war Beate in ein tiefes emotionales Loch gefallen, aus dem sie allein nicht mehr herauskam. Sie hatte ihre Rache bekommen und fühlte jetzt nur noch eine tiefe, schwarze Leere in sich. Vera tat alles, um diese Leere auszufüllen, Beate wieder einen Sinn zum Leben oder wenigstens ein bisschen Hoffnung zu geben, doch Hoffnung worauf? Beate wusste, dass sie dem Tod näher war als dem Leben. Die Einzige, die vor dieser Tatsache ihre Augen verschloss, war Vera. Sehr fürsorglich hatte sie sich Beate in der Nacht angenommen, sie festgehalten und selbst im Schlaf schützend ihre Arme um sie gelegt.

An Schlaf war für mich auch in dieser Nacht nicht zu denken. Im hellen Mondlicht saß ich die ganze Nacht am Fenster und betrachtete die beiden, wie sie im Mondschein eng umschlungen dalagen, war aber mit meinen Gedanken ganz woanders…

Jessika hatte mich vorgewarnt, dass sich Trommer heute um 14 Uhr angemeldet hatte und es war klar, dass Trommer nicht zu einem Schwätzchen kam. Nein, das große Finale hatte begonnen!!!

 

***

 

Frank hatte seinen Rechner heruntergefahren, um Feierabend zu machen, als das Telefon klingelte. „Typisch!“, dachte er, „immer in der letzten Sekunde!“ Den ganzen Tag hatte es Gespräche mit dem Ministerium gegeben, da er Sarah Schlosser gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte. Die Einzigen, die für Sarah stimmten, waren Jessika und Peter… damit stand Frank vor der Entscheidung zwischen diesen beiden und allen anderen… und dann musste Peter diese Nummer mit Beate Fischer durchziehen! Eine Aktion, die im Ministerium gar nicht gut ankam… „Wie kann eine Insassin ein beidseitig geschärftes Messer einsetzen und eine Mitgefangene niederstechen?“, hatte es ein jüngerer Ministeriumsmitarbeiter gewagt zu fragen. „Haben Sie ihren Laden noch im Griff?“ In normalen Zeiten hätte Frank den Hintern dieses Schnösels am nächsten Fahnenmast hochgezogen, doch musste er, um Sarah die Stelle zu verschaffen, leiser auftreten, schwor sich aber den Kerl bei passender Gelegenheit abzuservieren. „Wahrscheinlich der Minister selbst…“, seufzte er und griff zum Hörer. Als er dabei auf das Display sah und dort IRIS stand, war er sehr erleichtert. „Hallo, Schatz!“

„Hallo, mein Freund“, erklang eine ziemlich tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung, die eindeutig nicht von seiner Frau Iris stammte. Frank brauchte einige Sekunden, um die Stimme einer Person zuzuordnen, dann grinste er breit. „Hallo Freund, es ist lange her, dass ich etwas von dir gehört habe.“

„Ich weiß, aber keine Sorge, wir haben dich nicht vergessen. Wie geht’s dir und deiner Familie.“

„Uns geht’s gut, aber das weißt du sicher.“

„Und Wolfgang?“

„Wolfgang ist Wolfgang, dem geht’s immer gut. Du rufst doch sicher nicht an, um Smalltalk zu führen.“

„Direkt wie immer, schon damals in Yksekova warst du sehr direkt.“

„Um alte Kamellen aufzuwärmen rufst du sicher auch nicht an.“

„Mein Freund, wir machen uns etwas Sorgen bezüglich der PfR.“

„Ja, das glaube ich direkt, diese braundurchsetzte Bande bereitet nicht nur euch Kopfschmerzen.“

„Was ist mit diesem Trommer, er scheint sich der Partei zu bedienen.“

„Ich kenne Trommer schon seit dem Studium… bisher machte er auf mich nicht den Eindruck, zu weit rechts zu stehen. Er war zwar schon immer ein Mistkerl, aber kein antisemitischer Mistkerl.“

„Du verstehst sicher, warum wir uns Sorgen machen… ich würde jemanden, sagen wir mal vorbeischicken, damit sie sich Trommer näher anschaut. Könntest du uns da vielleicht etwas unterstützen?“

„Eine Sie?“

„Meine beste Sie! Halt bitte ein Auge auf sie, ich brauche sie noch.“

„Selbstverständlich! Sag mir einfach, was du brauchst!“

„Das werde ich zu gegebener Zeit tun, dann werde ich dir auch einen alten Bekannten vorbeischicken, der sich sicher freuen wird, dich zu sehen.“

 

***

 

Der Überfall

Ich kam aus meiner Dienstwohnung und fuhr in meinem Land Rover zu einem Treffen mit meinen Freunden. Wir hatten uns zum Kegelschießen draußen vor der Stadt verabredet. Dabei galt es, alte Bowling-Kegel von einem 25 Meter entfernt stehenden schweren Holztisch ganz herunter zu schießen. Das war recht einfach, wenn man gut und zentral traf, aber wenn der Kegel nur umfiel, brauchte es einige Kugeln mehr, bis der Kegel vom Tisch fiel. Sieger war, wer in der kürzesten Zeit und mit den wenigsten Schüssen alle 10 Kegel abräumte. Ich musste meinen Rekord verteidigen und war gut im Training, aber die jungen Schützen der Leibgarde und aus der Armee hatten auch gute Augen und es würde dieses Mal wohl eng für mich werden, das spürte ich.

Auf der Straße fiel mir eine schwarze Limousine schnell auf, die betont unauffällig fuhr, um mir nicht gleich ins Auge zu stechen. Als von vorne eine weitere Limousine desselben Typs versuchte, meinen Wagen zu rammen, schaltete ich in den Überlebensmodus.

Der Land Rover war hart im Nehmen und so konnte ich dem ersten Wagen gerade noch ausweichen, indem ich in das Dickicht fuhr. Aus dem Innenraum sah ich zwei Anzugträger mit Waffen, die mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet hatten. Der andere Wagen hinter mir versuchte auszuweichen, aber ich konnte meinen Wagen wenden und dann auf das zweite Fahrzeug zurasen. Die ersten Kugeln schlugen bei mir in der Scheibe ein, aber ich hatte meine Waffe auch parat und beschoss den Fahrer, bis dessen Wagen ausbrach. Anschließend nahm ich die Person im Fond unter Beschuss.

Inzwischen war ich aus meinem Wagen in das nahe Dickicht gesprungen und beschoss auch das zweite Auto. Da traf mich ein Schuss am Oberarm, der aus der Waffe einer älteren Frau aus diesem Fahrzeug kam. Ich reagierte automatisch und erledigte sie umgehend.

Endlich kehrte Ruhe ein und ich kontrollierte die Lage. In dem Verfolgerwagen lagen drei Menschen, zwei Männer mit Ohrstöpsel und schwarzen Anzügen sowie eine ältere Lady in teurer Kleidung mit einer MP5 mit Ladehemmung. Leider konnten keine Aussagen der Personen mehr aufgenommen werden, dafür waren meine Treffer zu präzise.

Über Funk rief ich die Polizei aus Soulebda herbei.

Diese zog auch aus dem anderen Fahrzeug zwei Anzugträger mit Ohrhörern. Ansonsten gab es keine Ausweise oder irgendwelche verräterischen Hinweise. Nur in der Handtasche der Frau waren einige zerknüllte Bilder von mir, die mich in Houston, vor dem Gericht und vor meiner alten Wohnung zeigten.

Das war für mich Anlass genug, mein weiteres Bleiben auf der Insel zu überdenken.

Im Palast wurde der Vorfall mit mir zusammen recherchiert. Dabei wurde schnell klar, dass diese Angreifer aus den USA kamen. Der Sicherheitschef ordnete den Anschlag der CIA zu.

Ich musste von der Insel verschwinden. Die Schergen MacFroodys hatten mich hier gefunden.

So beendete ich meine fünf schönen Jahre auf der Insel, verabschiedete mich von meinen geliebten Freunden und der Präsidentenfamilie. Ich verließ das Sonnenparadies Soulebda an Bord einer 747 in Richtung Europa. Mit meiner Sitznachbarin, einer Physikerin aus Süddeutschland, freundete ich mich rasch an und so verlief der lange Flug angenehm schnell.

 

***

 

Leider verloren

„Sorry, Mr. MacFroody, das ist alles, was unsere Leute herausgefunden haben. Ihre Frau hat sich nicht an die Anweisungen gehalten. Entgegen Ihren direkten Anweisungen ist sie mit zwei Teams losgefahren und wollte die Zielperson höchstpersönlich ausschalten. Unsere Warnung, dass die Zielperson schnell und sehr gut schießt, hatte sie nicht an die beiden Teams weitergegeben und damit letztendlich alle dem Untergang geweiht. Ich bin ziemlich sauer, jetzt weiß die Zentrale, dass ich für Ihre Zwecke auf eigene Rechnung gearbeitet habe. Schließlich hat die CIA vier Agenten verloren! Die Interne wird mich auseinandernehmen!“

„John, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, meine Frau ist von dieser Schlampe brutal umgebracht worden! Und Sie kommen mir mit der internen Ermittlung. Haben Sie vergessen, wer Ihnen den Job hier vermittelt hat?“

„Mr. MacFroody, das ist kein passender Ton! Ihre Frau hat das Leben von vier Agenten unnötig geopfert. Das kann ich unmöglich vertuschen. Außerdem finde ich es recht verwunderlich, weshalb Sie Ihre Frau nicht besser instruiert haben. Also ich muss das melden, am Montag lege ich meinen Bericht vor. Das ist die einzige Zeit, die ich Ihnen verschaffen kann. Was Sie damit anfangen, überlasse ich Ihnen. Jetzt entschuldigen Sie, ich muss zurück in die Agency.“

Als der Wagen des CIA-Mannes das großzügige Grundstück verließ, legten sich zwei elegante, schmale Hände um den verspannten Nacken von MacFroody.

„Oh, John, das tut mir ja so leid wegen deiner Frau. Hoffentlich ging es schnell und sie hat nichts gespürt.“

„Irina hat nie auf das gehört, was ich ihr sagte! Jetzt hat diese rothaarige Schlampe sie umgelegt, zuerst nimmt sie mir meine beiden Söhne und jetzt auch noch meine Frau. Komm jetzt her und zeig mir, was du mit der versprochenen Entspannung gemeint hast.“

Damit drehte sich eine schlanke, in schwarzes Leder gekleidete Raubkatze mit einer langen wasserstoffblonden Mähne zu John Allister MacFroody III um. Sie ging in die Knie und nestelte an dessen Hose herum. „Ja, komm mein starker Mann, ich zeige dir jetzt die wahre Entspannung…“

 

***

 

Der Aufbruch

MacFroody hatte sich die beiden vergangenen Stunden mit der wasserstoffblonden Frau beschäftigt und sich dabei gut amüsiert. Nun wurde sie zu einer Limousine geleitet, mit einem Bündel neuer, knisternder Dollarscheine in der Handtasche.

Mit neuer Kraft und Tatendrang trieb John Allister MacFroody seine Bediensteten an. Zwei Dutzend fleißige Helferlein verstauten Kisten und Koffer in bereitstehende Trucks. John Allister MacFroody war dabei, den USA den Rücken zuzukehren, bis er seine beiden Söhne gerächt hatte. Seine Karriere hier bei der CIA würde in einer Woche enden, dessen war er sich sicher. Folglich machte er das, was er gelernt hatte, er machte sich unsichtbar und aus dem Staub.

„Auf geht‘s, wir verlegen nach Europa, der nächste Halt ist der alte Herrensitz. Worrowitz! Haben Sie das Vorkommando schon instruiert?“

„Ja, Sir, Mr. MacFroody, die Besitzer wurden bereits gestern liquidiert, unsere Leute schalten bereits die Leitungen!“

 

***

 

Tel Aviv 23 Uhr Ortszeit

Die kleine Gulfstream-Maschine landete auf dem militärischen Teil des Flughafens Ben-Gurion und wurde von einer einzigen Person erwartet. Als Caroline Miles die Maschine verließ, nahm Dagan sie in die Arme und hielt sie ganz fest. Während der Zwischenlandung in Rom hatte Caroline die neuen Instruktionen erhalten, sich in Israel zu melden.

Jetzt, da sie in den Armen ihres Mentors lag, hielt ihre Maske, hinter der sich die Trauer über Kirschen verborgen hatte, nicht mehr. Eine Ewigkeit hielt Dagan die weinende Caroline, bis er sich umdrehte und seinem Fahrer den Wink gab, zu ihnen zu kommen. „Ich bringe dich nach Hause, morgen reden wir“, sagte Dagan zu ihr.

„Ich brauche mich nicht auszuruhen!“

„Meine kleine Mischka… ich weiß, aber das war keine Bitte, wir reden morgen früh!“

Der Fahrer brachte die beiden zu einem kleinen Strandhaus außerhalb der Stadt und Caroline sah sich verwundert um. „Du hast das Haus immer noch? Ich dachte, du wolltest es verkaufen.“

„Tja, weißt du… ich werde nicht jünger und langsam denke ich an den Ruhestand. Dieses Haus ist wie geschaffen für mich… später.“

„Du und Ruhestand, das glaube ich erst, wenn ich es selbst sehe.“

„Dann pass gut auf, du wirst es erleben, aber jetzt geh schlafen, morgen wird ein schwerer Tag für uns alle.“

 

***

 

Gegen sechs Uhr wurde Caroline von Kaffeeduft geweckt und obwohl ihr erst nach vier Uhr die Augen zugefallen waren, weckte dieser Geruch sofort ihre Lebensgeister. Zu ihrem Erstaunen fand sie Soraya in der Küche, die den Kaffee aufbrühte.

„Guten Morgen, Hauptmann.“

„Ich hab’s dir schon tausendmal gesagt, scheiß auf den Hauptmann, zumindest, wenn die anderen nicht dabei sind“, knurrte Soraya übel gelaunt.

Ohne sich davon provozieren zu lassen, legte Caroline Soraya von hinten die Arme um die Taille. „Ich habe den Bericht gelesen, du wolltest Krischan von dem Auftrag abziehen.“

„Das macht ihn auch nicht wieder lebendig.“

„Nein… komm lass mich den Kaffee machen.“

„Schon gut, irgendeiner muss den Kerlen ja Kaffee kochen. Wahrscheinlich bin ich deswegen überhaupt nur im Team… die Quotenfrau.“

„Sei nicht so bescheiden, Wir beide wissen, warum du in Dagans Team bist. Du bist keine Quote, du bist die Beste.“

Soraya blickte kurz aus dem Fenster zum Meer und meinte dann: „Nicht immer gut genug“. Dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Komm, bringen wir den Männern den Kaffee, sonst fallen sie noch um“, meinte Soraya, schnappte sich die volle Kanne und brachte sie mit Caroline auf die Veranda. Dort saßen neben Dagan noch Levi und Lem, die Caroline freundlich begrüßten. Nach einer Weile ließ Dagan, Levi Krischans Einsatz beschreiben. „Wir wissen nicht, wie der alte Franzose Krischan auf die Spur kam, aber feststeht, dass er nicht von uns verraten wurde.“

„Jetzt zu dir, meine kleine Mischka“, meinte Dagan und lächelte leicht und hielt das Bild aus der Zeitung hoch. „Du hast dich ja gut geschlagen. Mehr als sechzig Angreifer ausgeschaltet und das nur mit Pistolen.

„Um ehrlich zu sein, ich habe nicht nachgezählt.“

„Du bist zu bescheiden. Ich denke, eine Luftveränderung wird dir ganz guttun.“

„Eine Luftveränderung? Was ist mit Soulebda? Was ist mit Penelope? Was ist mit Cardin?!“

„Das MacFroody Zeitung lesen kann, hat er wohl mit dem Anschlag auf dich auf Soulebda bewiesen. Wir können dich auf Soulebda nicht beschützen…“

„Ich brauche keinen Schutz“, unterbrach ihn Caroline.

„Meine kleine Mischka“, sagte Dagan in einem Ton, der sofort jeden Widerspruch unterdrückte, „ich habe dich nicht durch die Welt geschickt, damit du ein abenteuerliches Leben führst. Der Zweck all deiner Ausbildung ist es, unseren Staat bestmöglich zu schützen. Tot nützt du uns nichts! Solange, bis MacFroody tot oder auf eine andere Art ausgeschaltet ist, wirst du dich schützen, und zwar so, wie ich es dir sage!“

Caroline, die wusste, wann sie besser den Mund hielt, nickte nur. „Ich habe verstanden.“

„Gut!“, antwortete Dagan wieder milder und nickte Lem zu.

„In Deutschland gibt es einen aufstrebenden Politiker. Sein Name ist Gerhard Trommer. Zurzeit ist er noch Oberstaatsanwalt, aber er wird jedoch in Kürze der neue Generalstaatsanwalt in Mainstadt werden. Alle Analysen bezüglich dieses Mannes sagen voraus, dass auch dieser Posten lediglich eine Durchgangsstation sein wird. Dieser Mann will Minister und mehr werden. Das Problem ist, das er dafür die Unterstützung einer Partei in Kauf nimmt, deren Mitglieder unverhohlenen Antisemitismus an den Tag legen. Wir müssen wissen, ob dieser Trommer die Partei benutzt, um sie anschließend abzuschießen, oder ob er deren Gedankengut mitträgt.“

„Ich soll so einen beschissenen Lokalpolitiker beobachten?“

„Das auch, aber der Hauptgrund ist folgender. Wir werden MacFroody wissen lassen, wo du bist. Er wird nach Deutschland kommen und wenn er eintrifft, werden wir ihn im Empfang nehmen.“

„Ihr nehmt mich als Köder?“

„Ach Mischka, das klingt so vorwurfsvoll. Du weißt, dass ich das nicht tun würde, gäbe es eine andere Möglichkeit, aber die gibt es nicht. Hierher nach Israel wird MacFroody niemals kommen und wir brauchen deine Fähigkeiten für unseren täglichen Kampf. Doch solange MacFroody nicht weg ist, können wir dich nicht so einsetzen, wie wir es gerne wollen.“

Lem sah Dagan fragend an und der nickte, also fuhr Lem fort. „Es gibt noch einen weiteren Grund, nach Deutschland zu gehen. Der alte Franzose ist auf dem Weg dorthin.“

„Cardin ist in Deutschland?!“ Augenblicklich wurden Carolines Augen schmal.

„Ja, soweit wir wissen, ist er dorthin unterwegs, was er dort will, entzieht sich unserer Kenntnis.“

„Es kann Zufall sein“, meinte Dagan, „denn für eine Söldnertruppe sehe ich in Deutschland keine Verwendung. Cardin muss also einen anderen Auftrag haben. Bis wir ihm auf der Spur sind, wirst du dich um Trommer kümmern. Ich will alles von diesem Mann wissen, was es zu wissen gibt! Dazu wirst du nach Mainstadt gehen und dich in der dortigen JVA als Beamtin melden.“

„In der JVA?!“

„Ja, der Leiter der JVA, Frank Brauer, wird dich als Beamtin in die Nähe von Trommer bringen und du kannst ungestört ermitteln.“

„Weiß dieser Brauer, wer ich bin?“

„Ja, Brauer weiß alles über dich, das Gleiche gilt für seinen Sicherheitschef, Wolfgang Decker. Solltest du irgendwelche Probleme haben, halte dich an diese beiden, du kannst ihnen vertrauen.“

„Diese Namen habe ich noch nie gehört… arbeiten sie für uns?“

„Nein, tun sie nicht.“

„Aber ich soll ihnen vertrauen? Du selbst hast mich gelehrt, nur den Menschen zu vertrauen, denen ich bedingungslos das Schicksal unseres Landes in die Hände legen würde.“ Zu Carolines Überraschung schienen Dagan, Levi, Lem und Soraya plötzlich für eine einige Sekunden in der Vergangenheit zu schweben, bis Dagan sagte: „Das Schicksal dieses Landes lag einmal in den Händen von Brauer und Decker. Mehr musst du darüber jetzt nicht wissen. Vertraue ihnen, wenn es zu einem Kampf mit Cardin kommt, wirst du ihre Hilfe brauchen!“

 

***

 

Sie muss sterben!

Es war acht Uhr, als ich den vorletzten Punkt meiner Liste abhakte. Randy hatte angerufen und mitgeteilt, dass er die „Speziallieferung“ bekommen hatte und diese vor Ort bearbeitete. Dabei nahm ich an, dass er auf unserem Parkplatz ganz schön ins Schwitzen kam, denn sollte er erwischt werden, würde er ganz bestimmt in Erklärungsnot geraten… egal, jetzt gab es kein Zurück mehr und ich sah zum eintausendsten Mal auf die Uhr. Vera hatte noch drei Stunden Dienst, als ich den letzten Punkt meiner Todo-Liste betrachtete.

– Beate Fischer muss sterben –

Mit einem Kloß im Hals ging ich zu Beate und berichtete ihr, dass Trommer am Nachmittag kommen würde. Ich musste Beate nicht sagen, warum er kam, oder was sie erwarten würde. Sobald sie „frei“ war, würde sie in kürzester Zeit dasselbe Schicksal ereilen wie Torres. Nein, Beate Fischer wusste, dass sie in den kommenden Tagen sterben würde und sie hatte sich mit dem Unvermeidlichen abgefunden.

„Jetzt ist es also soweit“, stellte sie nüchtern fest, „wir haben es auch lange genug herausgezogen. Machen wir der Sache ein Ende.“

„Ja. Beenden wir es.“

Beate trat an mich heran und wir nahmen uns in den Arm. Ich hätte nie gedacht, dass mir einmal dieser Frau so nah kommen könnte. Zwar waren Vera und ich schon lange ein Paar, doch Vera war eine völlig andere Frau als Beate. Vera war unabhängig und nicht auf meinen Schutz angewiesen.

„Danke, Peter. Danke für alles.“ Beate presste ihre Lippen ganz fest auf meine und küsste mich. Es war ein langer und ehrlicher Kuss, in dem alle ihre Emotionen lagen. Liebe, Leidenschaft Hoffnung und Angst. Ich drückte sie fest an mich, bis wir uns nach einer Ewigkeit voneinander lösten.

„Ich muss noch was erledigen. Bis nachher.“

„Bis später, mein Freund.“

 

***

 

In meinem Büro herrschte um 13:30 Uhr eine seltsame Stimmung. Vera war sichtlich gut gelaunt, ging hin und her, wobei sie Pläne für das gemeinsame Leben mit Beate machte. Angefangen von ein paar neuen Möbeln bis zur ersten gemeinsamen Urlaubsreise. Mir zerriss es beinahe das Herz, als ich Veras glückliches Gesicht sah. Dass Beate krampfhaft versuchte, ebenfalls ein glückliches Gesicht zu machen, wurde von Vera überhaupt nicht wahrgenommen. Mit einem traurigen Anblick in den Augen nahm Beate sie schließlich in den Arm.

„Ja, mein Schatz, ich freue mich auch auf ein neues Leben mit dir.“

Unglaublich, aber Beate war die Gefasstere von uns beiden und das, obwohl die Uhr schon 13:35 Uhr anzeigte.

 

***

 

Um 13:45 h hörten wir plötzlich einen fürchterlichen Tumult im Flur. Ich hörte Deckers Kommandos durch die Flure hallen und öffnete die Tür. Als ich auf den Flur trat, rannte mich beinahe Hannes über den Haufen, direkt hinter ihm kam ein laut fluchender Decker. „Woher zum Teufel hat sie das Messer?!“, fragte er Hannes.

„Keine Ahnung“, hörte ich noch, dann waren die beiden vorbei.

„Was ist da los?“, fragte Beate. Vera schaute an mir vorbei und sah noch, wie die beiden in eine der Zellen des Trakts rannten.

„Ich weiß es nicht, Schatz.“

Dann hörten wir Absätze über den Flur poltern und plötzlich lief Jessika auf uns zu.

„Vera, du musst sofort kommen! Susanne Feites aus Zelle 12 hat sich gerade die Pulsadern aufgeschnitten.“

„Komme!“ Vera wollte direkt loslaufen, blieb aber kurz stehen und gab Beate einen Kuss.

„Bis nachher, Liebes. Schemmlein wird mich im OP brauchen.“

„Geh, Liebes, ich warte hier auf dich.“ Beate küsste sie noch einmal und lächelte sie an.

Vera drehte sich um und rannte zur Tür. Dort angekommen, blieb sie noch einmal stehen und blickte mich an.

„Du passt auf sie auf. Ja?“

„Ja, versprochen.“ Dann war sie weg. Kaum war Vera in Zelle 12 verschwunden, packte ich Beate, die ihre Haare wieder unter einer Baseballmütze verbarg und lief mit ihr zur Abstellkammer, in die ich sie hineinstieß. Verwundert sah Beate, dass Randy bereits mit einer großen Tasche in der Kammer stand. „Du tust alles, was er sagt! Keine Widerrede oder Diskussion. Tu es für dich, vor allem, tu es für Vera!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ ich die beiden allein und rannte in mein Büro zurück, während Randy Beate musterte und dann verlegen murmelte. „Ähm, ok… los geht‘s!“

Im Büro hatte ich gerade Platz genommen, als Trommer erschien. Er hatte denselben sicheren und überheblichen Blick in seinen Augen wie beim letzten Mal, als wir uns sahen. Er hatte unsere Abmachung eingehalten und für mich war nun Zahltag!

„Hallo Herr Stein, ich musste heute bei einer Vernehmung im TE-Bereich dabei sein, und ich dachte, ich schau einmal bei Ihnen vorbei.“

„Oh, bitte, nehmen Sie Platz. Schön Sie zu sehen, besonders, da wir unsere Differenzen beigelegt haben.“

Trommer setzte sich und wir plauderten tatsächlich ein paar Minuten ungezwungen.

„Ich habe gehört, dass der amtierende Generalstaatsanwalt sowie der Justizminister, ja, sogar der Regierungschef, Sie gebeten haben Ihren Verzicht auf die Stelle des Generalstaatsanwaltes zurückzunehmen.“

„In der Tat. Ja, das ist das Schöne an einer Demokratie, ich beuge mich demütig der Mehrheit.“

„Dann steht ja einer weiteren Zusammenarbeit zwischen uns beiden nichts mehr im Wege.“

„Nun ja, beinahe nichts.“

„Ich verstehe… Ich habe mit Beate Fischer geredet. Sie freut sich darauf, hier endlich herauszukommen und wollte unbedingt die Gelegenheit nutzen, um sich bei Ihnen dafür zu bedanken, dass die wahre Mörderin ihrer Tochter hinter Gittern sitzt.“

„Dazu hätte ich eine Frage. Wie haben Sie es geschafft, Frau Fischer hier unentdeckt zu verbergen?“

„Ganz einfach, ich habe sie nicht versteckt. Beate Fischer saß die ganze Zeit in einer Zelle, lediglich unter einem anderen Namen.“

„Ohne dass die Leitung der JVA davon wusste?“

„Um ganz sicherzugehen habe ich, wie soll ich das sagen, die Leitung hintergangen. Nein, Herr Brauer hatte davon keine Ahnung.“

„Herr Stein, Sie überraschen mich.“

„Um ehrlich zu sein, ich überrasche mich selbst. Jetzt wollen Sie sicher Frau Fischer sehen?“

„Selbstverständlich, besonders da ich gute Nachrichten für sie habe. Auf meine Veranlassung hin bekommt Frau Fischer eine vorläufige Wohnung zugeteilt sowie eine finanzielle Zuwendung.“

„Ja, und jede Wette, Beates Mörder wohnt direkt nebenan“, dachte ich, aber sagte: „Das wird Frau Fischer bestimmt freuen. Gerade die letzten Tage waren besonders schwer für sie. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie und denke, Frau Fischer ist emotional völlig am Ende und sollte, um diese schlimmen Tage zu verarbeiten, professionelle Hilfe bei einem Psychologen suchen. Nicht dass sie noch eine Dummheit begeht.“

„Dummheit?“

„Ich befürchte, dass Frau Fischer an Suizid denkt, zumindest sind einige Anzeichen vorhanden. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber ohne Hilfe könnte es schon bald zur Katastrophe kommen. Doch die Entscheidung Hilfe anzunehmen, muss Frau Fischer allein treffen.“

Trommer schien zu überlegen, ob Beate ihm die Drecksarbeit abnehmen könnte, oder… ob ich ihn hinhalten wollte, also stand ich auf und wies zur Tür. „Ich habe Frau Fischer in das Verwaltungsgebäude gebracht, wenn Sie mir folgen wollen.“

Mit Trommer im Schlepp ging ich zum Verwaltungsgebäude, wo ich ihn zu dem kleinen Besprechungsraum im Erdgeschoss führte. Dort schloss ich die Tür auf und fand Randy, der stöhnend am Boden lag und sich den Kopf hielt.

„Was ist los?! Wo ist Beate?!“, fuhr ich ihn an.

„Sie hat mich von hinten niedergeschlagen, keine Ahnung, wo sie ist!“

„Was ist?“, bellte Trommer.

„Frau Fischer ist weggelaufen.“

„Weit sollte sie ja wohl nicht kommen!“, meinte Trommer bissig. „Das hier ist schließlich ein Knast.“

Ich nickte, als Randy blass wurde und in seine Tasche fasste. „Sie hat meinen Schlüssel!“

„Gib Alarm!“, wies ich ihn an, packte Trommer und zog ihn in Richtung Treppe hinter mir her.

„Wo wollen Sie hin?!“

„Hier gibt’s nur einen anderen Weg heraus! Das Dach!“, antwortete ich, als die Sirene durch das Gebäude hallte. Dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, bewies die erste offenstehende Tür zum Treppenhaus. Doch die Tür zum Dach war verschlossen, also holte ich meinen Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und wollte losrennen, doch Beate hatte die Tür mit einem Keil von außen gesichert. Selbst als ich mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür warf, gab diese nur einige Zentimeter nach.

„Öffnen Sie die verdammte Tür!“, brüllte Trommer.

„Was denken Sie, was ich hier mache?!“, fauchte ich und warf mich erneut gegen die Tür, die sich wieder einige Zentimeter öffnete. „Vielleicht helfen Sie mal!“

Gemeinsam schafften wir es in drei Anläufen, die Tür soweit zu öffnen, dass wir uns nacheinander durch den Spalt quetschen und auf das Dach stürmen konnten. Dort stand Beate am Rand und schrie: „STOPP! Keinen Schritt weiter!“

„Mach keinen Mist!“, rief ich und hob beruhigend die Hände. „Verdammt, du hast es überstanden! Es ist vorbei!“ Um zu verhindern, dass ein Insasse vom Dach sprang, war der Dachrand in einem Abstand von einem Meter durch einen drei Meter hohen Zaun umrandet, der zusätzlich mit Stacheldraht auf der Krone gesichert war. Doch für Wartung und Reparaturarbeiten gab es eine Gittertür, auf die ich langsam zuging. Als Beate das sah, sprang sie zur Tür und warf sie zu, um dann sofort wieder zum Rand zurückzuweichen. „Stehen bleiben, oder ich springe!“, sagte sie wieder.

„Was soll das?!“, fragte ich sie eindringlich, „du kommst jetzt hier raus, alles ist gut.“

„Alles ist gut?!“, schrie sie und blickte nach unten, „NICHTS ist gut! Mein Kind ist tot! Mein Mann ist tot, ALLE SIND TOT!“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Trommer sich auf die Tür zubewegte und versuchte Beate etwas abzulenken. „Dass du dich umbringst, macht deine Familie auch nicht wieder lebendig. Lass uns einfach reden, ok?“

„Ja, Frau Fischer“, sagte Trommer und griff demonstrativ zum Türgriff, „lassen Sie uns reden!“

Beate sah zu Trommer, dann noch einmal nach unten.

„Nein, tu es nicht!“, flehte ich.

 

***

 

Der Alarm hatte auch die Krankenstation abgeriegelt, wo Vera die Infusionen sowie die Monitore kontrollierte, an denen Susanne hing. „Das war ganz schön knapp“, meinte sie zu Gritt, die an ihr vorbei zum Fenster starrte.

„Was geht denn da ab?“, fragte Gritt und als Vera sich umdrehte, blieb ihr Herz stehen. Sie sah Beate auf dem Dach des vierstöckigen Verwaltungsgebäudes stehen und daran, dass es Beate war, gab es keinen Zweifel, denn ihre roten Haare wehten weithin sichtbar im Wind. Getrennt durch den Zaun sprach Peter auf sie ein und eine weitere Person, es konnte nur Trommer sein, war ebenfalls auf dem Dach.

„NEIN!“, schrie Vera, als Beate an den Rand trat. „BEATE!“, doch die konnte sie durch das geschlossene Fenster nicht hören.

 

***

 

Zu spät

„Beate, bitte… tu das nicht!“, flehte ich sie an, während Trommer versuchte, die Tür zu öffnen. Beate sah mich noch einmal mit ihren smaragdgrünen Augen an, dann ließ sie sich über den Rand fallen und stürzte in die Tiefe.

 

***

 

„NEIN!“ Vera sah, wie Beate sich vom Dach fallen ließ, dann war ihr die Sicht wegen des Gebäudes verdeckt. „NEIN!“, schrie sie wieder und drehte sich um und rannte los. Aber sie kam nicht weit, da der Alarm alle Türen verschlossen hatte. Laut schreiend riss sie ihre Schlüssel hervor, entriegelte eine Tür nach der anderen und rannte nach draußen.

 

***

 

„Stein! Die Tür!“, wütete Trommer und riss an dem Griff. Ich rannte zu ihm, wollte meinen Schlüssel in das Schloss stecken, als ich sah, dass Beate Randys Schlüssel stecken gelassen hatte. „Verdammt!“, fluchte ich, während ich meine Hand durch den schmalen Schlitz zwischen den Zaunrahmen durchsteckte, um den Schlüssel herauszuziehen, denn drehen konnte ich den Schlüssel so nicht. Trommer erkannte dies und zog mit allen Kräften an der Tür, um den Spalt zu verbreitern. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es, Randys Schlüssel herauszuziehen und konnte anschließend mit meinem die Tür öffnen.

Wir traten an den Rand und sahen nach unten… vier Stockwerke unter uns lag Beate auf dem Beton des Parkplatzes zwischen zwei Transportern der JVA und unter ihr bildete sich schon eine Blutlache.

Während Trommer mit ausdrucksloser Miene nach unten blickte, packte mich eine eiskalte Wut. Dieser Mistkerl hatte mit voller Absicht nach der Tür gegriffen und so Beate dazu gebracht zu springen! Für einen kurzen Moment wollte ich ihn Beate hinterherwerfen, doch dann wurde mir bewusst, dass wahrscheinlich hunderte Augenpaare auf uns gerichtet waren. Ich ließ ihn wortlos stehen und ging nach unten.

 

***

 

Ich war als einer der ersten auf dem Parkplatz und als Decker mit mehreren Beamten eintraf, wies ich ihn an, den Bereich, um Beate großflächig abzusperren.

„Du musst mir nicht sagen, was ich tun soll“, zischte Decker und gab seine Kommandos. „Los, das Absperrband da entlang! Keiner kommt näher, bis die Polizei hier fertig ist!“

„BEATE! AAAHHHHHH“, hörte ich Vera schreien und sah sie auf uns zu rennen, doch bevor sie uns erreichte, fing Jessika sie ab und hielt sie eisern fest. „Lass mich los!“, schrie Vera, während sie versuchte, sich aus Jessikas Griff zu befreien.

„Na los, Bad-Man“, fauchte Decker „Tu was!“

Ohne ihm eine Antwort zu geben ging ich zu Vera, die laut weinend versuchte, sich loszureißen, bis ich Jessika half. Als ich Vera in den Arm nehmen wollte, riss sie sich los. Sie stellte sich vor mich und sah mich mit völlig leeren Augen an. „Du hast es mir versprochen!“, flüsterte sie, dann drehte sie sich um und taumelte zurück.

„Ich mache das“, sagte Jessika mit tränenerstickter Stimme und folgte ihr.

Diesem Geschehen schaute Trommer seelenruhig zu. Er blieb genau wie ich und Decker, bis die Polizei kam, ihre Bilder machte und schließlich ein Leichenwagen Beate weg in das gerichtsmedizinische Institut brachte. Viel zu ermitteln gab es für die Polizei letztlich wenig, denn es hatte ja genug Augenzeugen gegeben, einschließlich des aufgehenden Sterns am Polithimmel… Trommer.

 

***

 

Rest in peace

„Sind Sie sicher, Mann? Die Flasche kostet 400 Mücken“, fragte der Barkeeper der Whiskybar zweifelnd, also legte ich ihm acht 50er Scheine auf die Theke und er gab mir dafür eine sündhaft teure Flasche Talisker Single Malt Scotch Whiskey. „Spielt das Ding auch anständige Musik?“, fragte ich und zeigte auf die Musikbox und als der Keeper nickte, packte ich einen weiteren 50er auf die Theke. „Nightwish, in Dauerschleife.“

„Geht klar.“

Mit meinem Whisky und zwei Gläsern verzog ich mich an einen kleinen Tisch in einer ruhigen Ecke der Bar.

Es hatte zwei Stunden gedauert, bis Beate in dem Leichenwagen lag. Zwei Stunden, in denen ich sehen musste, wie sie einfach dalag. Wir waren noch immer auf dem Parkplatz, als die ersten Nachrichten über Beates Selbstmord im Internet erschienen. Es gab Bilder von Beate am Rand des Daches und Trommer in ihrer unmittelbaren Nähe. Bald erhob Fransiska Haufberger Trommer zum tragischen Helden, der versuchte, die arme verwirrte Frau davon abzuhalten, in den Tod zu springen… und Trommer fügte sich „seinem Schicksal“ und bekundete vor der ganzen Republik sein Beileid… posthum.

Gegen diesen bitteren Geschmack half nur Whisky! Ich goss in beide Gläser etwas ein, stellte ein Glas mir gegenüber und prostete dem leeren Platz zu. „Auf dich Beate… ruhe in Frieden.“ Anschließend zündete ich mir, jedes Rauchverbot ignorierend, eine dicke, fette Zigarre an, legte die Beine auf den anderen Stuhl und hörte Tarja Turunens klare Stimme aus der Musikbox erklingen. Der Rauch der Zigarre passte hervorragend zu dem rauchigen Geschmack des Whiskys und dem Song „Nemo“. Ich genoss all das, als ich eine Stimme neben mir hörte. „Ich dachte mir, dass du dich in diesem Schuppen verkriechst“, sagte Frank und zeigte auf den leeren Stuhl am Tisch. „Darf ich?“

„Klar“, nickte ich und nahm die Beine vom Stuhl.

Frank setzte sich zu mir an den Tisch und ich schob ihm Beates Glas zu. Er nahm es, hielt das Glas kurz hoch, dann nippte er einen kleinen Schluck. „Verdammt gutes Zeugs. Hast du auch eine für mich?“, fragte er und zeigte auf die Zigarre.

„Sicher.“ Ich griff in meine Tasche und holte eine weitere Zigarre hervor, deren Spitze Frank abschnitt und anzündete. So saßen wir zusammen da, schwiegen und genossen Zigarren und Whisky. Nach einer Ewigkeit sah er mir in die Augen und fragte: „Warum?“

„Ich hielt es für eine gute Idee.“

Wir schwiegen wieder. Nach zwei weiteren Gläsern kam die nächste Frage.

„Woher wusstest du, dass Trommer Beate dazu bringt, in die Tiefe zu springen?“

„Ich wusste es nicht“, antwortete ich geradeaus starrend, dann hob ich den Blick, sah Frank an und grinste, so breit es nur ging. „Aber ich habe es gehofft.“

 

***

 

Sicherheit

Jessika führte Sarah Schlosser durch die Flure der JVA. Sarah hatte kurze brünette Haare, graublaue Augen und eine ansehnliche Figur. Am Auffallenden war allerdings ihr offenes und freundliches Wesen, das sofort jeden in seinen Bann zog, den Jessika ihr vorstellte, während sie Sarah ihren neuen Arbeitsbereich zeigte. Außerdem bekam Sarah die Leute vorgestellt, mit denen sie in Zukunft näher zu tun hatte und alle begrüßten sie sehr freundlich. Lediglich Decker betrachtete Sarah, ohne eine Miene zu verziehen.

Schließlich standen sie vor Veras Wohnung, in die nun Sarah einziehen sollte.

„Wie wir Ihnen schon mitgeteilt haben können wir Ihnen, bis Sie eine eigene Wohnung gefunden haben, diese Dienstwohnung zur Verfügung stellen. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“

„Ja, sicher doch. Irgendwie fühle ich mich hier schon wie zu Hause.“

Jessika schloss die Tür auf und sah Vera am Fenster stehen, die regungslos nach draußen starrte.

„Oh, das ist Frau Müller“, flüsterte Jessika, „Frau Müller hat heute ihre beste Freundin verloren und sie ist emotional sehr angeschlagen. Vielleicht können Sie ihr etwas helfen?“

„Das kann ich ganz sicher“, entgegnete Sarah selbstsicher, als Jessika leise an die Tür klopfte. „Vera?“, doch Vera rührte sich nicht.

„Vera, Sarah ist hier.“

Als sich Vera noch immer nicht bewegte, schob sich Sarah an Jessika vorbei, um zu Vera zu gehen. Bevor sie sie erreichte, griff sie zu ihren Augen, als ob sie etwas daraus entfernen würde. Dann als sie direkt hinter Vera stand, streichelte sie Vera sanft über das Haar. Und sie sagte nur ein Wort: „Liebes?“

Vera drehte sich um und sah fassungslos in die zwei unvergesslich smaragdgrünen Augen von Sarah. Lachend und weinend zugleich fielen sich die beiden in die Arme, als Veras Beine unter ihr nachgaben und zusammen ließen sie sich auf den Boden sinken. Vera stammelte nur, „Beate, Sarah, oh Schatz.“

Jessika schloss die Tür und ließ die beiden allein, denn was jetzt da drinnen geschah, ging niemanden etwas an.

 

***

 

Drei Stunden später und 800 Euro ärmer gingen Frank und ich zu Fuß zum Gefängnis zurück. Franks Handy brummte und er schaute sich die Nachricht an, die er bekommen hatte.

„Von Schemmlein. Susanne Feites Zustand ist stabil und sie hat überlebt“, informierte mich Frank. „Schemmlein hat bei der ersten Untersuchung alte Misshandlungsmerkmale gefunden und Trommer informiert, der hat den Fall übernommen und überprüft das Urteil. Solange steht Feites unter ärztlicher Betreuung und kommt aus der JVA. Schemmlein hat dafür gesorgt, dass sie in ein normales Krankenhaus verlegt wird.“

„Hm.“

„Weißt du, dass ich zwei Wochen gebraucht habe, um herauszubekommen, was da läuft?“

Ich blieb wie angewurzelt stehen, als ich das hörte. „Du wusstest es?“, fragte ich ungläubig.

Auch Frank blieb stehen und sah mich grinsend an. „Ich habe dir schon einmal gesagt, ich weiß, was hinter den Mauern meiner JVA vor sich geht.“

„Und du hast nichts gesagt?“

„Peter, du bist mein Freund. Ja, ich habe lange überlegt, was ich tun soll, aber bis jetzt waren deine Entscheidungen immer richtig, also habe ich dir vertraut.“

Ich schwieg, denn nichts, was ich hätte sagen können, wäre der ehrlichen Dankbarkeit, die ich gegenüber Frank empfand, auch nur annähernd gerecht geworden.

„Wie zum Teufel hast du das eigentlich gedreht?“, wollte er wissen. „Über hundert Leute haben gesehen, wie Beate vom Dach sprang. Sogar Decker war davon überzeugt, dass Beate tot auf dem Parkplatz lag, bis er Sarah mit eigenen Augen sah!“

„Schau dich um, wir leben und arbeiten in einem Gefängnis. Hier gibt es alles, was du brauchst. Passfälscher, Heiratsschwindler, Friseure, Visagisten, die machen einen völlig neuen Menschen aus dir. Wusstest du, dass Anke Plath als Stunt-Frau beim Film gearbeitet hat, bevor sie hier einsaß?

Eigentlich war das Ganze recht simpel. Plath erzählte uns von neuen Fall-Matten, die am Set benutzt werden. Die Dinger sind normal vier mal vier Meter breit und nur fünfzig cm hoch, da sie mit einem Wasser-Styropor-Gemisch gefüllt sind. Ich habe so eine Matte gekauft und Jessika hat sie umgeändert auf zweimal ein Meter, was dazu führte, dass die Matte gerade einmal dreißig Kilo wiegt. Die Matte hat Randy heute Nacht in den Transporter auf dem Parkplatz gelegt. Den Parkplatz haben wir gewählt, da der von außen nicht einsehbar ist, und nachdem Beate zum Dach lief, rannte Randy zum Parkplatz. Als Beate am Rand stand, hat Randy die Matte aus dem Transporter geholt und Beate musste nur noch springen. Das war der heikelste Teil, denn Beate musste die kleine Matte genau treffen. Sie hat es geschafft, rollte sich von der Matte und während die Matte im Transporter verschwand, hat sich Beate ein muskellähmendes Mittel gespritzt. Dasselbe Mittel, das ihr Vera bei ihrem „ersten Tod“ verabreichte, so konnte sie sich nicht bewegen. Am Schluss hat Randy noch einen Liter Kunstblut ausgeschüttet, sich im Transporter versteckt und alle dachten, Beate sei tot. Warte mal, Decker ist tatsächlich darauf hereingefallen?“

„Ich an deiner Stelle würde ihn nicht darauf ansprechen“, warnte mich Frank und fragte: „Und der Bestatter, was ist mit dem Leichenwagen?“

„Der war kein Bestatter, nur der Leichenwagen war echt. Der Fahrer ist ein Bekannter von Plath, der als Schauspieler arbeitet, der den Wagen mietete. Hat mich beides fünfhundert Euro gekostet.“

„Man kann Leichenwagen mieten? Aber das heißt doch, es gibt wieder kein Obduktionsergebnis? Trommer wird Amok laufen!“

„Doch er wird sein Ergebnis bekommen. Dazu musste sich Randy nicht mal anstrengen, da die Justiz auf denselben Generalserver zugreift. In drei Tagen wird Trommer ein Obduktionsergebnis inklusive Bilder bekommen, alle von Randys Computerschüssel hergestellt. In vier Tagen, wird die Staatsanwaltschaft Beates Leiche freigeben und heute in einer Woche wird die Meldung eingehen, dass Beates sterbliche Überreste verbrannt sind. Und so wie ich die Sache sehe, wird Trommer in der kommenden Woche zu beschäftigt sein, um sich darüber Gedanken zu machen.“

„Und wie geht es jetzt weiter? Was wird aus Sarah? Ich denke, du weißt selbst, dass dies erst der Anfang ist.“

„Ja. Es wird noch ein langer, harter Weg für sie, aber Sarah wird ihn gehen, zusammen mit Vera. Ich habe beide verloren… dafür haben die beiden ihre Liebe fürs Leben gefunden.“

 

***

 

Jessika steckte gerade mit einem selbstzufriedenen Lächeln ihre Todo-Liste in den Aktenvernichter. Damit war der letzte Beweis auf Beate Fischers weiteres Leben vernichtet, denn ein extra von Randy geschriebenes Programm hatte bereits alle E-Mails mit Bezug auf die Sache dauerhaft gelöscht.

Sie schaltete das Licht in ihrem Büro aus und schloss die Tür ab. „Zeit nach Hause zu gehen“, sagte sie sich, und verließ das Verwaltungsgebäude.

Draußen blickte sie nach oben zu Veras Wohnung, die nun hell erleuchtet war. Als sie zur Außenpforte ging, kam sie an Decker vorbei, der gerade seine Runde machte. „Gute Nacht, Wolfgang. Vielen Dank für… du weißt schon wofür.“

Decker nickte nur und rang sich tatsächlich ein Lächeln ab. „Gute Nacht Jessika. Ach ja, … Gut gemacht!“

 

***

 

Bonjour Mainstadt

„Die Unterkunft ist miserabel“, stellte Sergeant Dunant fest, während er sich umsah. Ihr jetziges „Hauptquartier“ lag in einem abgelegenen ehemaligen Reiterhof, der leer stand, aber noch über einen Strom- und Wasseranschluss verfügte. „Sogar in Ägypten hatten wir ein besseres Quartier, mon Colonel.“

„Hören Sie auf zu jammern, Sergeant!“, knurrte Cardin und forderte Dunant auf, sich an den Tisch zu setzen, der dem Befehl missmutig nachkam. „Hier“, Cardin schob dem Sergeanten eine Flasche Rotwein zu, „trinken Sie, das wird ihre Laune sicher heben.“

Sergeant Dunant setzte sich zu seinem Anführer und goss sich ein Glas Rotwein ein. „Nicht schlecht, Colonel“, meinte Dunant, nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte, „wenigstens bekommen wir hier anständigen Wein und nicht dieses Gesöff…“

„Sobald unsere Kameraden alle hier im Land sind, werden wir umziehen, Dunant. Sie werden morgen mit drei Männern ausschwärmen und uns ein geeignetes Quartier suchen. Ich will eine gut zu verteidigende und abgelegene Unterkunft, die schnell von der Stadt zu erreichen ist.“

„Oui, mon Colonel. Haben Sie denn schon gehört, welchen Auftrag wir hier durchführen sollen?“

„Nein, ich werde mich erst morgen mit unserem Auftraggeber treffen. Allerdings glaube ich kaum, dass es sich um einen Kampfauftrag handelt.“

„Hier bei den Boches, wohl kaum.“

„Sergeant, Sie müssen an Ihrer pro-europäischen Einstellung arbeiten! Die Boches und wir sind jetzt Freunde.“

„Die Frage ist doch, wie lange wir Freunde sind.“

„Wenn sie sich den Zustand der deutschen Armee anschauen, Dunant… noch für eine sehr lange Zeit“, lachte Cardin und Dunant fiel in das Lachen ein, als ein rasselndes Geräusch ihn unterbrach. Der Sergeant holte sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display. „Leutnant Gilles und seine Männer sind über die Grenze gekommen und auf dem Weg hierher.“

„Gut, dann fehlen nur noch Leutnant Suviér und Sergeant Mueller.“

„Glauben Sie, dass die Israelis ihren Mann schon gefunden haben?“

„Mit Sicherheit haben sie das. Der Nahe Osten wird für uns in der nächsten Zeit ein sehr heißes Pflaster sein, das wir meiden sollten. In Zukunft müssen wir bei der Auswahl neuer Kameraden genauer arbeiten. So eine Merde darf nie wieder geschehen.“

„Der Israeli wurde dem Werber selbst von General la Grande empfohlen. Wir haben uns zu sehr auf dessen Urteil verlassen.“

„Wenn dieser Auftrag hier ausgeführt ist, wird es Zeit, dass der General aus gesundheitlichen Gründen in Ruhestand geht!“ Was der alte Franzose damit meinte, war klar, es wurde Zeit für eine Beförderung.

 

***

 

Der Auftrag

Pierre Cardin, der alte Franzose, saß gelassen vor einem beliebten Straßencafé in Mainstadt und setzte bedächtig seine Tasse ab, während er sein Gegenüber sehr genau studierte. Wie immer war der erste Eindruck für ihn entscheidend, ob er den Auftrag letztlich annahm oder nicht. Doch Cardin musste zugeben, dass sein jetziger Auftraggeber um einiges seriöser wirkte als die meisten seiner Vorgänger in den letzten Jahren.

„Monsieur, die Gehälter meiner Mitarbeiter sowie mein eigenes Gehalt und auch die Summe, die ich für Aufwandsentschädigung berechne, sind in keiner Weise verhandelbar. Wie Sie sich sicher erinnern, habe ich Ihnen schon bei unserem ersten Gespräch deutlich gesagt, dass dies kein Verhandlungspunkt ist.“

Der Auftraggeber des alten Franzosen fixierte sein Gegenüber genauso fest wie Cardin ihn.

„Ich habe nicht die Absicht zu feilschen, lediglich den Umfang Ihrer Dienstleistungen möchte ich festlegen“, entgegnete der Mann ruhig.

„Was natürlich etwas ganz anderes ist“, lachte der alte Franzose, und auch sein Auftraggeber leistete sich ein leichtes Schmunzeln.

„Wie von Ihnen gefordert, habe ich die erste Tranche Ihrer Vergütung bereits auf das von Ihnen angegebene Konto überwiesen, ich nehme an, dass wir nun zu Ihren Aufgaben kommen können.“

„Monsieur, Sie gestatten?“, fragte der alte Franzose höflich, holte sein Handy heraus und loggte sich bei seiner Bank auf den Antillen ein. Einen Moment später hatte er das Ergebnis im Display, das ihm den Eingang des Geldes bestätigte. Cardin nickte zufrieden und steckte das Handy wieder zurück. „Sehr gerne, Monsieur.“

„Nun gut. Dann habe ich für Sie auch schon einen ersten Auftrag.“

 

***

 

„Sehr gut, Sergeant“, lobte Cardin, der mit einem Fernglas ein Haus auf einer Waldlichtung beobachtete, das Dunant „gefunden“ hatte.

Zwei Tage nach Cardins Auftrag hatten Sergeant Dunants Männer ein scheinbar geeignetes Objekt ausgemacht, in dem die Truppe ihr Hauptquartier aufschlagen konnte. Über Google Earth suchte Dunant die Gegend um Mainstadt ab und fand ein ehemaliges Lagerhaus eines Jagdpächters, das man mit viel Liebe zum Detail zu einem schönen Wohnhaus umgebaut hatte. Bei einer ersten Überprüfung vor Ort stellte sich heraus, dass die Bewohner, ein älteres Ehepaar, anscheinend wenig Kontakt zur Außenwelt hatten und sehr zurückgezogen lebten, denn in den folgenden Tagen der Beobachtung hatte es keinen Besucher gegeben. Wichtiger aber war noch, dass das Haus mehr als 1.000 Meter abseits der nächsten Straße mitten auf eine Waldlichtung lag, die mit halbhohen Sträuchern bewachsen war und so ein ideales Versteck bot! Verborgen durch den Wald, aber durch die Lichtung auch sehr gut zu verteidigen.

„Colonel, sie scheinen einkaufen zu gehen“, flüsterte einer von Dunants Männern.

Tatsächlich belud der Mann den Wagen vor der Tür mit Getränkekisten und die Frau kam mit einem Korb aus der Tür. Beide stiegen in den Wagen ein und fuhren über den Weg in Richtung Straße.

„Gut“, stellte Cardin nüchtern fest, „wir haben unser Quartier gefunden. Dunant, Sie warten, bis unsere Vermieter zurückkommen und kümmern sich um sie. Aber erledigen Sie die Angelegenheit draußen, ich will keine Sauerei im Haus, verstanden? Sobald Mueller hier ist, werden Sie für alle Fälle einen Fluchttunnel anlegen. Ich möchte, dass er ein gutes Stück hinter der Baumgrenze endet. Ausstattung wie üblich mit Schlitten, damit der Transport so schnell wie möglich läuft.“

„Oui, Colonel!“ Dunant wartete, bis der Wagen an ihnen vorbeigefahren war, dann ging er mit einem der Männer zu dem Haus und suchte sich eine geeignete Position, um die Hausbewohner bei ihrer Rückkehr abzufangen.

 

***

 

A3 Würzburg – Frankfurt

Andreas Baumann, erster Vorsitzender des PfR Bundesverbandes, und Landeschef Holger Bock stiegen um ein Uhr nachts nach dem Treffen mehrerer Landeschefs zufrieden in den Wagen von Bock.

„Ich bin sehr zufrieden mit dem Treffen“, meinte Baumann, der wartete, bis ihm ein Mitarbeiter des Hotels, in dem das Treffen stattgefunden hatte, die Wagentür aufhielt. „Die Umfragewerte sind hervorragend.“

„Umfragewerte bringen uns nicht weiter“, brummte Bock, dem man ebenfalls die Tür aufgehalten hatte und startete den Motor.

Ein leises Warnsignal erklang nach einigen Sekunden, da sich weder Baumann noch Bock angeschnallt hatten. Genervt von dem Warnton griff Baumann nach dem Gurt und wollte sich anschnallen, bekam aber das Gurtschloss nicht zu. „Da klemmt was! Der Gurt geht nicht zu.“

„Lass es einfach“, antwortete Bock, drückte auf einen Knopf an der Mittelkonsole und der Warnton erlosch. „Ich schnalle mich nie an. Höchstens, wenn die Bullen mich anhalten.“

„Ist das nicht dumm?“

„Was soll in der Karre schon geschehen?“, wollte Bock wissen, schließlich fuhr er nicht irgendeinen Wagen, sondern das neuste Oberklassemodell, das mit allen Schikanen und Sicherheitssystemen ausgestattet war. „Die Karre fährt praktisch von alleine und wahrscheinlich besser als die meisten Idioten es selbst könnten.“

„Wieso hast du eigentlich keinen Fahrer?“

„Fahrer haben Ohren, außerdem lasse ich doch nicht jeden an das Lenkrad von diesem teuren Schlitten.“

„Hm, was meintest du damit, Umfragen bringen uns nicht weiter?“

„Genau das! Was nützen uns die besten Umfragewerte, wenn wir vor keiner Wahl stehen? Klar, bei dieser tollen Sonntagsumfrage „Was würden Sie am Sonntag wählen?“ stehen wir auf Platz zwei, das Problem aber ist, am Sonntag sind keine Wahlen!“

„Du musst längerfristig denken, wir haben noch zwei Jahre, um den Laden auszumisten und auf Platz eins zu kommen.

„Das wird schwer. Die Regierungspartei ist uns weit voraus.

„Die sind nur so weit oben, weil ihr Koalitionspartner gerade am Abkacken ist. Aber, genau das meine ich, die Zeit arbeitet für uns.“

„Du hörst dich an wie dieser Schnösel aus Mainstadt“, fauchte Bock.

„Trommer?“

„Genau der!“

„Was hast du gegen ihn?“

„Der Typ ist mir suspekt.“

„Ja, ganz unrecht hast du nicht, aber die Leute lieben ihn. Seit dem Prozess Fischer–Strass steht er ganz oben auf dem Treppchen und einen Generalstaatsanwalt in den Reihen zu haben, beruhigt die Wähler, die bisher Bedenken hatten, uns zu wählen.“

„Wenn du mich fragst, Trommer will den Laden übernehmen und uns bei Gelegenheit abschießen.“

„Dazu müsste er an Zaun vorbei.“

„Schon mal daran gedacht, dass er mit Anke ein Bündnis eingehen könnte, um uns beide auszustechen?“

„Das wäre…“, Baumann brach ab, als Bock das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. „Verdammt Holger, was soll das?“

„Ich bin das nicht!“, schrie Bock völlig verwirrt und versuchte das Gaspedal zu lösen, doch das ließ sich ganz normal bedienen, dennoch beschleunigte der Wagen immer mehr. Schließlich trat Bock auf die Bremse, doch nichts geschah, der Wagen raste schneller und schneller über die A3.

„Ich kann nichts machen, das Auto lässt sich nicht bremsen!“

„Was ist das für eine Scheißkarre?! Bring sie zum Stehen!“

„Ich versuche es ja…“ Weiter kam Bock nicht, denn der sündhaft teure Oberklassewagen schoss mit über 280 km/h in die Ausfahrt 66 bei Wertheim, durchbrach die Leitplanken der Gegenfahrbahn und raste in eine Baumgruppe um den Aalbach. Bock bekam nicht mehr mit, dass der Airbag sich beim Durchbrechen der Leitplanken nicht öffnete, denn um ihn herum wurde schon vorher alles schwarz…

Auf einer Brücke der L2310 gegenüber der Unfallstelle drückte Leutnant Gilles ein letztes Mal die Enter-Taste, was die Airbags in Bocks Wagen auslöste. Dann klappte er den Laptop zu, mit der er Bocks Auto gehackt hatte und gab Sergeant Dunant das Zeichen loszufahren. „Sehen Sie, Leutnant“, meinte Dunant, „deswegen liebe ich meinen alten Citroën, da hacken Sie nichts“.

 

***

 

Mainstadt

Etwa vier Stunden vor dem Unfall, den weder Baumann noch Bock überleben würden, lag Anke Zaun, Vorsitzende des PfR Landesverbandes Frankfurt-Mainstadt, entspannt in ihrer Badewanne des ersten Stocks ihrer schicken Stadtvilla. Auch sie beschäftigte sich mit der Frage, wie sie ihre guten Umfragewerte bis zur nächsten Landtagswahl halten konnte.

Dabei dachte sie öfter an Gerhard Trommer, doch anders als Bock, sah sie Trommer nicht als Konkurrenten, sondern als Werkzeug, und zwar ihr Werkzeug. Der Mann hatte alles was sie, als erfolgreiche Frau hinter dem Thron brauchte. Trommer wusste, wie man die Menschen begeistern konnte, er hatte Charisma und er war ein begnadeter Redner. Ja… einige seiner Ansichten deckten sich nicht ganz mit ihren eigenen. Für Zaun war Trommer einigen Gruppen gegenüber eindeutig zu tolerant! Trommer fehlte der Biss, wenn es darum ging, die Sündenböcke dieser Gesellschaft offen zu benennen, doch das würde sie schon in den Griff bekommen…“Ich muss ihn nur…“ Zaun wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als sie ihr Handy klingeln hörte.

„Scheiß drauf“, dachte sie sich und blieb liegen, doch der Anrufer ließ nicht locker! Als es nach fünf Minuten immer noch läutete, stieg Zaun entnervt aus der Wanne, legte sich ein Handtuch um und wollte nach dem Handy greifen. Doch das lag im Erdgeschoss, also ging sie fluchend nach unten. Sie erreichte die zweite Stufe von oben, als sie auf der glatten Marmortreppe ausrutschte und sich mehrfach überschlagend die harten Stufen herunterfiel. Da sie dabei ihr ihr Badetuch verlor, blieb sie nackt und mit einigen gebrochenen Knochen am Fuß der Treppe liegen. Zaun hob stöhnend den Kopf und versuchte sich zu orientieren, als sie ein Paar Stiefel auf sich zukommen sah.

„Keine Sorge, Madame“, erklang eine seltsam gedämpfte Stimme und sie fühlte, wie der fremde Mann ihr die Arme um den Hals legte. „Es wird nicht weh tun“, hörte sie noch, dann brach ihr Leutnant Suviér geschickt das Genick, während Sergeant Mueller den Draht am Treppenabsatz abnahm und ein Wasser-Seifen-Gemisch auf der Stufe verteilte.

 

***

 

Sarah

„Was habe ich mir bloß dabei gedacht?“, fluchte ich, denn ich stand seit über einer halben Stunde in diesem blöden Stau. Statt uns ein Essen zu bestellen und liefern zu lassen, wollte ich selbst etwas Leckeres auf die Teller bringen. Da es uns noch zu heiß war, mit Sarah das Gefängnis zu verlassen und draußen herumzuspazieren, konnten wir nicht Essen gehen. Schließlich hatte Sarah noch keine Papiere, sondern lediglich den gefälschten Reisepass, der Jarvis für sie angefertigt hatte. Die Gefahr, dass sie eventuell in eine Kontrolle geriet, war zu groß, zumal noch immer Trommers Wachhunde um mich herumschlichen.

Jedenfalls mussten wir einen günstigen Moment abwarten, damit wir mit Sarah auf das Amt gehen und sie ihre neuen Papiere beantragen konnte.

Wieder ging es ein paar Meter vorwärts und langsam kündigten blaue und gelbe Blinklichter an, dass ich mich der Unfallstelle näherte. Erneut schweiften meine Gedanken zu Sarah und Vera ab. In der ersten Nacht hatte ich mich komplett zurückgezogen, um die beiden auf keinen Fall zu stören, denn ganz bestimmt kamen Vera und Sarah auch ohne mich in dieser Nacht aus. Als ich morgens dann in Veras Wohnung kam, saßen sie gemeinsam am Tisch. Sarah hatte wieder ihre farbigen grau-blauen Kontaktlinsen getragen, die Haare dunkelbraun gefärbt und ihr Gesicht mit Make-up so geändert, dass sie kaum noch Beate ähnelte. Während Sarah ein Lächeln aufsetzte, verfinsterte sich Veras Blick merklich. Sie stand auf, stellte sich vor mich und in ihren Augen loderte für einen Moment der pure Hass. Ihre Mundwinkel zitterten, als sie hervorpresste: „Du mieses Arschloch!“

„Vera!“, rief Sarah erschrocken und sprang auf sie zu.

„Weißt du, was ich durchgemacht habe?“, fuhr Vera mich an, „Du… Du… Nein, tut mir leid. Peter es tut mir leid!“ Jetzt fing Vera an zu weinen und umarmte mich.

„Schon gut, Schatz“, hielt ich sie fest. „Du hast alles Recht der Welt, sauer auf mich zu sein.“

„Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist…“

„Ich schon. Lass es gut sein Liebes. Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich dich nicht eingeweiht habe.“

„Es gibt nichts zu verzeihen. Ich werde ewig dankbar sein.“

„Nein“, sagte Sarah und umarmte uns beide, „wir werden dir ewig dankbar sein.“

„Das reicht jetzt!“, lachte ich, als ich mich von ihnen löste. „Ihr macht mich ganz verlegen.“

So begann eine neue Phase in unserem gemeinsamen Leben. Natürlich wurde unter den Bediensteten über das „lasterhafte Trio“ aus dem dritten Stock geredet, doch keinem fiel auf, dass Sarah nicht Sarah war… Da sich Sarah nicht mehr in der Wohnung verstecken musste, war die Anspannung um einiges gesunken und das ließen mich die beiden Frauen deutlich spüren, denn keiner meiner Wünsche im Bett blieb unerfüllt.

Mittlerweile war ich nur noch wenige Meter von der Unfallstelle entfernt, die unser teures Essen kalt werden ließ. Ich hätte schon längst die Unfallstelle passiert, würde der Fahrer vor mir nicht dauernd auf die Bremse treten, um zu gaffen. „Fahr, du Idiot!“, rief ich, obwohl er mich nicht hören konnte, aber es verschaffte mir etwas Luft. Schließlich konnte ich die Unfallstelle passieren und aufs Gas treten, um das Essen wenigstens halbwegs warm zu meinen beiden Frauen zu bringen. Hätte ich aber wie die anderen Fahrer vor mir das Geschehen an der Unfallstelle begafft, wäre mir wohl der Appetit vergangen.

 

***

 

Sichtlich geschockt saß der frisch gebackene Generalstaatsanwalt Gerhard Trommer in seinem Büro, als er vom Leiter des BKA die Hiobsbotschaften über den Tod von Baumann, Bock und Zaun bekam. Da alle Opfer hochrangige Parteimitglieder waren, lag die Zuständigkeit automatisch beim Generalstaatsanwalt. „Ich werde sofort eine Sonderermittlungsgruppe einsetzen und Sie schicken mir umgehend alle Informationen zu, die Sie bisher haben“, wies Trommer den LKA-Chef an.

Dann rief er bei seiner vorherigen Abteilung an. „Keiter, hier ist Trommer, schicken Sie mir bitte die Akte Beate Fischer per Kurier… ja, heute noch.“

Einige Stunden später besah sich Trommer das Obduktionsergebnis von Beate Fischer. Er selbst hatte gesehen, wie sie in den Tod sprang, also hatte er den Bericht des Gerichtsmediziners nicht gelesen, zumal die Woche nach Fischers Selbstmord ziemlich hektisch verlief. Da mehrere Bewerber für den Posten des Generals aus dem Rennen waren, nutzte Trommer die Plattform, die ihm Fransiska Haufberger bot und schaffte den Sprung nach oben. Jetzt hieß es, auf Nummer Sicher zu gehen.

Sehr sorgfältig las er den Obduktionsbericht und besah sich die dazugehörigen Bilder an. Alles war in Ordnung. Trommer stutzte aber, als er eine Anmerkung am Ende des Berichtes las: Freigabe der Leiche erfolgt. Dazu das Datum, das auf zwei Tage später lautete.

„Zwei Tage?“, fragte sich Trommer. Normalerweise dauerte die Freigabe einer Leiche erheblich länger, wieso hatte Keiter Fischers Leiche schon nach zwei Tagen freigegeben?

„Ich kann mich nicht erinnern, wann die Freigabe der Leiche erfolgte“, sagte Keiter am Telefon später. „Das Ganze ist schon Wochen her.“

„Es ist Ihre Unterschrift! Sie haben die Freigabe erteilt und Sie können sich nicht erinnern?“

„Hören Sie, Trommer, hier ist jede Menge los, täglich bringt sich jemand um, wird umgebracht, oder belastet meine Abteilung mit etwas anderem! Wenn ich die Leiche freigegeben und das Datum vermerkt habe, dann war es auch so.“

„Verstanden, danke für den Rückruf, Keiter.“ Trommer legte auf, während sich seine Gedanken überschlugen. Nach der Aktenlage war alles in Ordnung…

Aber… Er selbst hatte nach dem Tod seiner Mutter vier Wochen warten müssen, bis eine Einäscherung erfolgte und Beate Fischer war schon drei Tage nach Freigabe der Leiche ein Häufchen Asche! Das stank gewaltig, nein, das stank nicht nur… „Da verarscht dich jemand“, dachte er. Und da kam wohl nur eine einzige Person in Frage! Peter Stein!

 

***

 

Ein Unfall?

„Stein“, meldete ich mich am Telefon.

„Hallo Mister, es interessiert mich nur.“

„Sherlock“, antwortete ich, als ich Meyers Stimme erkannte, „wie geht’s dir?“

„Hast du Zeit?“

„Klar, für dich immer, wann?“

„Sofort!“

„Jetzt sofort?“

„JA, es sei denn du willst eine offizielle Ladung.“

Mein Magen krampfte sich zusammen, hatte irgendjemand Lunte gerochen? Wusste Trommer etwa, dass ich ihn gelinkt hatte? Ich versuchte, meine coole Stimme beizubehalten, als ich sagte, „Ja, sofort ist ok, im Schiller?“

„Ja, bis gleich“, gab Meyer zurück und legte auf.

Mit einem mulmigen Gefühl fuhr ich ins Schiller. Was wusste Meyer? Was wusste Trommer? Angenommen, Trommer wusste, dass ich ihn hereingelegt hatte. Was würde, was konnte er tun? Mich öffentlich anklagen? Wohl eher nicht, dann würde man sich die Frage stellen, wieso er als erfahrener Staatsanwalt mehrere Stunden neben einer Leiche stehen konnte, ohne zu bemerken, dass diese gar nicht tot ist. Trommer hatte auf dem Weg an die Spitze die Beileidsnummer bis zur Grenze des Erträglichen ausgereizt und konnte sich jetzt unmöglich als Betrugsopfer eines kleinen Beamten präsentieren, denn das würde seinen Ruf komplett zerstören. Die Tatsache, dass Meyer mich treffen wollte, bedeutete zumindest etwas Hoffnung. Denn Trommer hätte sicher seine beiden Wachhunde geschickt, die mich bestimmt mit Freude auseinandergenommen hätten.

Im Schiller saß schon Meyer und wartete auf mich. „Hallo Sherlock“, lächelte ich ihm zu.

„Hallo, Herr Stein.“

„He, das klingt so offiziell“, versuchte ich, meine Unsicherheit zu überspielen.

„Ich bin auch zumindest halboffiziell hier.“

„Was habe ich denn ausgefressen?“ Mein Herz raste wie verrückt, während mir der Schweiß in Strömen den Rücken herunterlief.

„Was hast du letzte Woche am Freitagabend um 19 Uhr angestellt?“

„Wenn das ein Witz ist, warst du auch schon mal besser.“

„Ich meine es ernst! Also?“

„Das ist fast zwei Wochen her, keine Ahnung… warte… Freitag letzte Woche…Hm, ich habe gearbeitet und habe dann etwa gegen 18 Uhr Schluss gemacht. Gegen 19:30 habe ich hier im Schiller etwas zum Essen bestellt, es abgeholt und bin anschließend nach Hause gefahren.“

„Hm“, sah mich Meyer durchdringend an, verzog aber keine Miene, als ich daraufhin sagte: „Und jetzt will ich wissen, was das soll!“

„Deine Handydaten sagen mir, dass du an der Unterführung zur Schnellstraße gewesen bist.“

„Klar war ich dort. Schließlich ist das der direkte Weg von der JVA zum Schiller. Ich habe das Essen hier abgeholt und stand anschließend über eine halbe Stunde dort im Stau. Und?“

„Zufällig der Stau hier?“

Meyer legte mir ein paar Bilder auf den Tisch, die den Stau an der Stelle zeigten, in dem ich vorgestern gestanden hatte.

„Ja, und weiter?“

„Sieh dir die anderen Bilder an!“

Ich nahm den Bilderstapel und schaute sie der Reihe nach durch.

„Das ist ein Stau wegen eines Unfalls. Ich verstehe immer noch nicht, was du von mir willst!“

„Schau dir die anderen Bilder an“, meinte er nur, also blätterte ich die Bilder weiter durch. Auf den nächsten war zu sehen, wie ein Kranwagen einen völlig zertrümmerten Wagen aus der Böschung hob. Die Heckpartie des Unfallwagens war noch ziemlich unversehrt und irgendwie kam mir der Wagen bekannt vor, aber es klingelte nicht, dennoch fingen meine Nackenhaare an, sich zu sträuben. Ich legte das Bild weg und sah auf das Nächste. Aus dem Fenster der Fahrerseite hing zur Hälfte ein Körper heraus und aus dem Beifahrerfenster ein Arm.

Das nächste Bild ließ mein Herz einen Aussetzer machen. Das Foto zeigte den Fahrer, der aus dem Fenster hing. Es war Trommers Wachhund! Und der Beifahrer war mein anderer Freund!

„Ich sehe, du erkennst sie.“

„Ja, die beiden hatten schon immer einen sehr miserablen Fahrstil.“

Meyer lachte trocken auf. „Ja, vielleicht, wäre da nicht ein kleines Detail. Die beiden waren schon vor dem Unfall tot!“

„Was? Ich meine, irgendwie sind sie ja bis hierhergefahren. Tote fahren im Allgemeinen nicht Auto.“

„Nein, das tun sie auch nicht. Das ist ein erstklassiger Mord, der nur durch Zufall entdeckt wurde, denn die beiden wurden schon einige Stunden zuvor umgebracht. Jetzt rate mal, wer auf meiner Verdächtigen-Liste ganz weit oben steht.“

„Scheiße! Das meinst du doch nicht ernst?! Ich war es nicht! Ok, ich habe die beiden vermöbelt, ja, sogar zweimal vermöbelt, aber umgebracht habe ich sie nicht!“

„Nun, der Gerichtsmediziner sagt, dass den beiden von einem Profi das Genick gebrochen wurde und du bist sozusagen den ganzen Tag von Experten umgeben. Einige deiner Insassen, würden dir bestimmt ein paar nützliche Tipps geben können, wie man das astrein hinbekommt.“

„Meyer, ich habe die zwei nicht umgelegt. Ich bin sicher, dass die Kameras im Gefängnis jeden meiner Schritte belegen können. Hier im Schiller war die süße Blonde, die mich bedient hat. Und der Stau war ja schon da, als ich zur Unfallstelle kam.“

„Ich werde mir die Videos holen und ansehen. Du hältst dich in Reichweite, verstanden?“ Ohne dass er eine Antwort abwartete, stand er auf, sammelte seine Bilder ein und ging.

„Scheiße!“, murmelte ich leise. War das Zufall? Mit Sicherheit nicht! Hatte der Mörder der beiden Idioten es nur auf Trommers Wachhunde abgesehen oder wollte man mir den Mord in die Schuhe schieben? Trommer war seit einem Monat der neue Generalstaatsanwalt und er hatte mit Sicherheit Lunte gerochen, konnte mir aber nichts beweisen, ohne dass die Öffentlichkeit davon Wind bekam. Er musste sich also etwas anderes überlegen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach würde er sicher nicht gleich eine Kraftprobe mit mir suchen und eine Eskalation herbeiführen. Nein, Trommer würde sich erst einen eigenen „Dunstkreis“ schaffen, sich mit Ja-Sagern und Speichelleckern umgeben und erst, wenn er fest im Sattel saß und nichts mehr zu befürchten hatte, dann würde er die offene Konfrontation suchen.

Blieb die Frage, wer und warum jemand Trommers Wachhunde ungelegt hatte?

 

***

 

Pressekonferenz

„Natürlich ist das eine Angelegenheit, um die sich der Staatsschutz kümmern muss“, antwortete Trommer auf die Frage eines Journalisten bei einer Pressekonferenz im völlig überfüllten Pressesaal der Staatsanwaltschaft. „Wenn drei Politiker gleichzeitig ums Leben kommen, ist die Möglichkeit eines Verbrechens gegen den Staat durchaus gegeben. Darum hat mich der Generalbundesanwalt mit der Aufklärung beauftragt.“

„Was genau ist geschehen? Die Chance, dass gleich drei Politiker einer Partei bei Unfällen umkommen, ist doch sehr unwahrscheinlich.“

„Ja, das war auch unser Gedanke“, bestätigte Trommer, „deshalb haben wir auch die besten Ermittler des LKA mit der Aufklärung beauftragt und diese haben mir dann gestern ihre Ergebnisse präsentiert. Um es vorweg zu nehmen, es waren tatsächlich zwei voneinander unabhängige Unfälle. Beginnen wir mit dem Unfall, bei dem Herr Baumann und Herr Bock umkamen: Die Auswertung der Fahrzeugdaten ergaben Folgendes: Herr Bock als Fahrer hatte die an der Unfallstelle herrschende Geschwindigkeitsbegrenzung ignoriert und war mit völlig überhöhter Geschwindigkeit gefahren. Die Messdaten aus dem noch auswertbaren Bordcomputer seines Wagens ergaben, dass er mit einer Geschwindigkeit von 280 km/h fuhr, dabei verlor er in der dortigen Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug und es kam zu dem Unfall.“

„Könnte es sich um eine technische Fehlfunktion oder gar eine Manipulation des Fahrzeuges handeln?“, bohrte der Journalist weiter.

„Die Techniker des LKA konnten keine Manipulation feststellen. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es bei verschiedenen Versicherungen die Möglichkeit, einen Rabatt zu erhalten, wenn Sie der Versicherung erlauben, Ihre Fahrerdaten auszuwerten. Von diesem Rabatt hat Herr Bock Gebrauch gemacht, dabei stellte sich heraus, dass sein Fahrverhalten öfter ein zu schnelles Fahren beinhaltete. Erschwerend für die Unfallfolgen kam hinzu, dass sowohl Herr Baumann als auch Herr Bock nicht angeschnallt waren, als das Fahrzeug durch die Leitplanken brach. Obwohl die Airbags auslösten, wurde Bock aus dem Wagen geschleudert und starb sofort, während Baumann im Inneren eingeklemmt wurde, wo er verstarb, bevor die Feuerwehr ihn befreien konnte.“

„Was ist mit Frau Zaun? Sie war doch einer der umstrittensten Personen der Parteiführung, die auch mehrere Drohungen bekommen hatte.“

„Drohungen, die das LKA sehr ernst genommen hat!“, stellte Trommer klar, und beantwortete dann die Frage. „Nach dem Obduktionsergebnis starb Frau Zaun etwa vier Stunden vor dem Unfall von Bock und Baumann. Allem Anschein nach nahm Frau Zaun ein Bad, als sie aus irgendeinem Grund beschloss, ihr Bad zu unterbrechen und in das Erdgeschoss zu gehen. Dabei tropfte wohl etwas Badewasser an ihr herunter auf die Marmorstufen ihrer Treppe. Frau Zaun rutschte darauf aus, fiel die Treppe herunter und brach sich dabei mehrere Knochen, unter anderem das Genick. Es konnte kein einziger Hinweis auf Fremdverschulden gefunden werden. Es war, wie ich vorhin schon sagte, ein tragisches Unglück.“

„Herr Generalstaatsanwalt!“, rief eine bekannte Stimme, und Trommer lächelte, als er der Frau zunickte. „Frau Haufberger?“

„Da jetzt der Landesverband der PfR führungslos ist, werden erste Stimmen laut, die Sie auffordern die Parteiführung innerhalb des Landes zu übernehmen, schließlich gehören Sie ja auch dem Parteigremium an.“

„Dazu kann ich jetzt noch nichts sagen.“

„Herr Generalstaatsanwalt, es ist kein Geheimnis, dass Zaun und Bock deutliche antisemitische Ansichten hatten, die Sie in keiner Weise teilten und Ihr Engagement darum in der PfR geringgehalten haben, doch jetzt hat sich das Problem gelöst. Ich denke doch, dass sich unter Ihrer Führung die Partei neu ausrichten könnte.“

„Nun, Fransiska, sollte… und ich sage ausdrücklich, sollte ich in die Parteispitze aufrücken, wird es für Ansichten, wie sie Bock und Zaun vertraten keinen Platz geben! Wir haben genug Probleme im Land und um diese zu beseitigen, brauchen wir die Mithilfe aller Bürger, es darf keine Ausgrenzung einzelner Gruppen geben! Doch das ist zurzeit noch reine Spekulation.“

„Ich denke, ich spreche für alle Zuschauer, wenn ich sage, wir sind sehr gespannt“, lächelte sie und drehte sich in die Kamera, „Das war Generalstaatsanwalt Trommer, ich bin Fransiska Haufberger, ACP. Zurück ins Studio.“

 

***

 

Sonderabzug

„Die Gebühr für Ihre letzte Dienstleistung wurde wunschgemäß auf Ihr Konto transferiert, Monsieur“, teilte Cardins Auftraggeber dem alten Franzosen mit.

„Das habe ich gesehen, doch leider habe ich auch festgestellt, dass Sie einen Betrag von 30% abgezogen haben“, stellte Cardin fest, der sofort bei seinem Auftraggeber anrief, als er die Kontomeldung erhalten hatte.

Cardin hatte mittlerweile seine ganze Truppe in dem Waldhaus versammelt und untergebracht, wo sich die Verhältnisse zwar etwas beengt waren, doch dafür waren sie abgeschieden genug, um nicht entdeckt zu werden.

„Der zuständige Gerichtsmediziner hat festgestellt, dass Ihre Kunden schon vor dem Unfall getötet wurden. Ich wollte einen einfachen Unfall, ohne große Ermittlungen, nun bin ich gezwungen umzudisponieren. Aus diesem Grund habe ich die 30% einbehalten. Ich hoffe, ich muss bei den folgenden Aufträgen nicht ebenfalls eine Summe abziehen.“

Der alte Franzose hielt den Hörer fest umklammert. Es stank ihm gewaltig, dass sein Auftraggeber so mit ihm redete, doch seine Möglichkeiten waren begrenzt. Als Söldner hatte er einen Vertrag zu erfüllen, ein Zurücktreten oder gar ein Scheitern würde seinen Nimbus zerstören und ihn aus dem Geschäft werfen, etwas, das es mit allen Mitteln zu verhindern galt.

„Nun, Monsieur, selbstverständlich sind die 30% gerechtfertigt. Ich bin jedoch sicher, dass Sie bei den nächsten Aufträgen völlig zufrieden sein werden.“

„Das will ich hoffen!“, antwortete sein Auftraggeber und beendete das Gespräch.

„Merde!“, fluchte Cardin, so etwas durfte nicht noch einmal geschehen! Um sich abzureagieren, bellte er nach Sergeant Mueller. „Wie weit ist der Tunnel?“

„Wir sind an der Baumgrenze, ich schätze noch einen Tag, dann beginnen wir mit dem Verlegen der Schienen.“

„Das muss schneller gehen!“

„Oui, Colonel!“, antwortete der Sergeant, dachte aber: „Du mich auch!“

 

***

 

Perfekt

Schließlich kam der Tag, an dem wir losziehen mussten, um Sarahs neue Papiere zu beantragen. Der Tag war ideal, denn die Sommerferien hatten begonnen. Außerdem war es ein Brückentag, die Sonne brannte und die Hälfte der Bediensteten würde entweder im Urlaub oder im Schwimmbad sein. Diejenigen, die trotz alledem im Dienst waren, würden nicht allzu großes Interesse daran haben, alles genau zu prüfen.

Auch die Uhrzeit hatten wir in unsere Berechnung einkalkuliert. 11:45Uhr, also kurz vor der Mittagspause, dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Noch immer schwebte mir die Frage durch den Kopf, wer Trommers Wachhunde umgebracht hatte. Gab es irgendeinen Zusammenhang mit Beate?

Nach einigen Tagen verneinte ich es, denn nach der Pressekonferenz, bei der Fransiska Haufberger Trommer praktisch zum Parteichef erklärt hatte, war dieser ziemlich beschäftigt. Dennoch war er mindestens einmal die Woche in der JVA, um Vernehmungen durchzuführen. Eigentlich eine Aufgabe, die der Generalstaatsanwalt an seine Abteilungsleiter delegierte, also nahm ich an, dass mir Trommer mit seiner Anwesenheit demonstrieren wollte, dass er mich nicht vergessen hatte.

Doch für heute hatte Jessika Entwarnung gegeben, denn selbst Trommer musste seine Anwesenheit vorher ankündigen, und heute stand sein Name nicht auf der Besucherliste. Zusammen mit Vera und Sarah gingen wir durch die Pforte zum Tor des Gefängnisses. Als der Türöffner ertönte und ich die Tür öffnete, zögerte Sarah, sie blieb stehen, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Vera fasste ihre Hand und zusammen verließ Sarah zum ersten Mal das Gefängnis, von dem sie dachte, dass sie es lebend nicht mehr verlassen würde. Für Sarah war es buchstäblich ein Schritt in ein neues Leben.

Wir fuhren zum Rathaus und suchten die Stelle, bei der Sarah ihren neuen Ausweis beantragen sollte. Wie erhofft, ging alles schnell und unkompliziert. Der Ausweis, den Jarvis hergestellt hatte, war erstklassig und überstand die Prüfung durch die Beamtin. Sarah wurde ein vorläufiger Personalausweis ausgestellt und bekam die Information, dass ihr neuer Pass in etwa zwei Wochen fertig wäre. Als wir das Passamt verließen und zum Wagen gingen, bat mich Sarah, kurz zu warten.

„Ich… Ich… Fahrt schon mal vor, ich komme nach.“

„Was ist Liebes?“, wollte Vera wissen.

„Ich weiß nicht…ich dachte, ich sterbe hinter den Mauern im Gefängnis…ich glaubte, ich sehe all das hier, nie wieder.“ Sarahs Augen wanderten durch die Umgebung. „Ich will es noch etwas genießen.“

Vera nahm wieder ihre Hand und fragte leise. „Darf ich dir Gesellschaft leisten, Schatz?“ Sarah lächelte sie dankbar an: „Das wäre schön.“

Ich wusste, wann ich überflüssig war, drehte mich um und ging zum Auto zurück. „Ok, ihr zwei Turteltauben, wir sehen uns zu Hause!“ Schließlich gönnte ich ihnen die Zeit zu zweit.

„Peter“, rief mich Sarah, als ich zum Auto gehen wollte. Ich drehte mich um und Sarah sah mir direkt in die Augen. „Danke.“

„Genießt den Tag, bis nachher“, ich musste tatsächlich schlucken. „Ich habe euch lieb.“

 

***

 

Verschwunden

„Was gibt es Neues vom alten Franzosen?“, fragte Dagan in die Runde.

Die einzelnen Abteilungsleiter berichteten über ihre neusten Erkenntnisse und langsam zeichnete sich ein Bild ab, das gar nichts sagte. Der Franzose und seine Truppe waren verschwunden! Sicher war lediglich, dass sie irgendwo in Deutschland untergetaucht waren.

Warum ausgerechnet Deutschland? Das fragte sich nicht nur Dagan. Auch Lem, Levi und Soraya hatten sich umsonst den Kopf zerbrochen. Welche Aufgabe gab es für eine Söldnertruppe in Germany? Einen politischen Umsturz schlossen alle aus und für einen Bandenkrieg war der Franzose zu teuer. Blieben allein ein oder mehrere Auftragsmorde. Doch wer sollte ermordet werden? In diese Phase der Ermittlungen platzte die Bombe, dass drei Politiker der PfR bei Unfällen ums Leben kamen. So etwas konnte kein Zufall sein und der Einzige, der von den Unfällen profitierte, war Trommer! Doch würde ein amtierender Generalstaatsanwalt eine Gruppe Auftrags­mörder engagieren? Das war die Eine-Million-Schekel-Frage, auf die niemand eine Antwort hatte.

Frustriert löste Dagan die Stabsbesprechung auf und entließ die Abteilungsleiter, während wie üblich Soraya, Levi und Lem noch blieben.

„Lem, hast du die Dossiers, um die ich dich gebeten habe?“

Lem nickte und legte eine dicke Akte und eine recht dünne Akte auf den Tisch. Die dicke schlug er zuerst auf.

„Ja, das ist das Dossier von Gerhard Trommer. Trommer strebt schon seit Jahren ein politisches Amt an und die Abteilung Europa hatte ihn die letzten Monate schon etwas genauer beobachtet, da er sich mit außenpolitischen Themen beschäftigt. Seit kurzem ist er neuer Generalstaatsanwalt, doch wie wir uns schon dachten, sind sich die Experten darin einig, dass dies nur eine Zwischenstation für ihn ist. Mit dem Posten als Generalstaatsanwalt kann er sich in kurzer Zeit beim Volk sehr beliebt machen und sich so den nötigen Rückhalt für eine politische Karriere sichern. Auf einer Pressekonferenz zum Tod der drei Politiker neulich hat er sich praktisch zum Parteichef gekürt und den Führungsanspruch der PfR für sich beansprucht.“

„Und was bedeutet das für uns?“

„Nun entgegen den Positionen von Zaun und Bock sind seine Aussagen, die er hinsichtlich unserer Politik bzw. der politischen Situation in unserer Region tat, mehr oder weniger neutral. Sie neigen eher zu unseren Gunsten, das Problem werden aber Teile der Parteibasis sein, die eher die Ansichten von Zaun teilten. Im Grunde ist die Rechnung einfach, Trommer wirft die Irren, die Zaun und Bock nachliefen, aus der Partei und bekommt dafür erheblichen Zulauf von anderen Wählern. Für ihn und die PfR eine Win-Win-Situation.“

Lem schob die Akte zur Seite und schaute kurz an die Decke. „Aber da ist etwas… etwas das nicht zu greifen ist. Trommer ist ein geradliniger Politprofi, der immer zu seinem Vorteil handelt. Er hat sich mit den richtigen Leuten umgeben und nach dem medienwirksamen Prozess gegen seine ehemalige Geliebte haben seine Beliebtheitswerte ungeahnte Höhen erreicht. Er ist jetzt genau dort, wo er nach seinen Plänen auch sein sollte. Doch irgendwie verhält er sich in letzter Zeit seltsam.“

„Seltsam?“

„Ja, er ist auf einem steilen Weg nach oben, dennoch kappt er einige Seilschaften, die ihm nützlich sein könnten, lässt Freunde versetzen und schottet sich ab. Zwar macht er sich noch immer beim Volk beliebt, doch er missachtet geradezu dilettantisch die Regel, dass man die richtigen Freunde braucht, um nach oben zu kommen und um dort zu bleiben, diese behalten muss. Irgendetwas ist mit Trommer in den letzten Wochen geschehen und wir wissen nicht was. Das einzige Ereignis, von dem wir wissen, in das er damals involviert war, ist der Fischer-Prozess, der ihn aber nach oben gebracht hat.“

„Danke, setz Caroline davon in Kenntnis und gib ihr die Berichte, wir müssen wissen, was auf uns zukommt.“

„Schon geschehen, sie hat den Bericht heute Morgen bekommen.“

„Gut, Ben, was macht denn unsere Wilde?“, fragte Dagan Levi.

„Nun, Caroline ist in Deutschland angekommen und im Hotel Mainschleife abgestiegen. Nach deinem Gespräch mit Brauer hat er ihr eine Stelle in seiner Sonderabteilung besorgt.“

„Sonderabteilung?“

„Tja, ich schätze, Frank hat bei uns abgekupfert. Er hat sich, seit er die Leitung der JVA Mainstadt übernommen hat, eine Abteilung aufgebaut, die ihm Ärger vom Hals hält und diverse Drecksarbeit erledigt. Frank hat uns die Personalakte von dem Mann geschickt, der mit Caroline zusammenarbeiten soll, Peter Stein.“

Er öffnete das dünnere Dossier, das Dagan in wenigen Minuten überflog, denn viel gab es auch nicht zu lesen. Stein ist als Beamter seit über zwanzig Jahren bei der Justiz, ignorierte gelegentlich Vorschriften, legte Dienstanweisungen aus, wie er sie brauchte und hatte einen Hang zu Sarkasmus. Außerdem war er in der Fischer-Angelegenheit beteiligt gewesen. Mehr gab es nicht über ihn zu berichten und Dagan besah sich ein Bild von Stein, das vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen wurde.

„Hm, das könnte Ärger geben.“

„Nun, der Mann scheint mit Frauen klar zu kommen, zumindest umgibt er sich gerne mit ihnen. Keine Sorge, den wickelt Caroline im Handumdrehen um den kleinen Finger.“

„Ich weiß nicht. Sieh dir die Augen von diesem Stein an, er ist es gewohnt, der Anführer zu sein, und Caroline wird sich ihm nicht unterordnen.“

„Um Caroline mache ich mir da keine Gedanken, um diesen Stein schon eher“, lachte Levi. „Entweder er arrangiert sich mit Caroline oder er geht unter.“

Darüber lachten auch die anderen, doch irgendein seltsames Gefühl beschlich Dagan, als er sich das Bild erneut ansah. Er konnte es nicht beschreiben, doch etwas sagte ihm, dass es dieses Mal nicht so einfach laufen könnte.

„Was mir weitaus mehr Sorgen bereitet“, fuhr Levi ernst fort, „ist, dass sich Caroline auf einen Kreuzzug begibt, den wir nicht unter Kontrolle haben. Der alte Franzose und Caroline im selben Land, das kann nicht gut ausgehen, dazu kommt, dass MacFroody untergetaucht ist und einen Rachefeldzug gegen Caroline führt. Die Amerikaner haben zwei Spezialisten, einen Colonel Smith und einen Lt. Colonel Miller beauftragt, MacFroody aus dem Verkehr zu ziehen. Sobald die CIA weiß, wo Caroline ist, und das wird sie ganz schnell herausfinden, werden MacFroody, Smith und Miller auch in Mainstadt auftauchen.“

Dagan nickte und ließ sich die Fakten noch einmal durch den Kopf gehen. „Colonel Smith und Colonel Miller, von denen habe ich schon einiges gehört und gelesen, das sind gute Leute.“ Dabei schaute er Levi an. „Benjamin, ich denke es wird Zeit, dass jemand vor Ort ein Auge auf Caroline hält. Jemand, auf den ich mich absolut verlassen kann und die Bühne für den Showdown vorbereitet.“

„Kein Problem“, grinste Levi, „bin schon unterwegs.“

 

***

 

Als Dagan allein war, sah er sich die beiden Dossiers noch einmal an. Ein aufstrebender Politikstern, der sein Verhalten ohne erkennbaren Grund ändert, und ein Mann, der plötzlich eine wichtige Rolle in Carolines Leben spielen sollte, und beide waren in denselben Fall verwickelt. Bestand da ein Zusammenhang? Etwas ließ seinen Spürsinn erwachen, doch er wusste nicht genau was. Fest stand nur, dass der Fischer-Prozess eine wichtige Rolle spielen musste.

Dagans Interesse war geweckt und er würde an der Sache dranbleiben.

 

***

 

Bevor Caroline nach Mainstadt aufbrach, arbeitete sie die Unterlagen, die für sie bereitlagen, mit Soraya durch. Dokumente über Trommer, die PfR und die JVA. Da befanden sich auch Belege von Trommer, die aus der frühesten Studienzeit stammten. Wieder einmal zeigte sich, dass Wissen Macht bedeuten kann, wenn man genügend Tatsachen beisammenhatte.

„Caroline, dieser Trommer ist ja ein ganz mieser Charakter. Der hat ja schon von jeher nach unten getreten, nach oben gebuckelt und ging immer rigoros für die eigenen Interessen vor.“

„Ja, ich sehe es gerade, dabei sieht der Kerl sogar noch ansprechend aus. Der kommt bei Frauen gewiss an.“

„Da schau dir die Berichte aus dem Studium an, der hat nicht nur mit seinen Professoren gestritten, wie es normal wäre, von zweien liegen sogar Anzeigen dabei. Der war auch nach dem Studium nachtragend.“

„Ein richtig fieses Schwein, wenn du mich fragst. Elegant und aalglatt. Diese Typen kommen nach oben.“

„Ja, auf Kosten anderer, wie du hier siehst.“

„Hm, in der JVA sind also zwei Vertraute. Was kannst du mir denn über die beiden sagen, Soraya?“

„Dagan sagte, ich soll schweigen.“

„Ok, keine weiteren Fragen zu den beiden, wer aber ist diese Frau neben dem Kerl da?“

„Moment, das ist Jessica Dafore, die rechte Hand dieses Herren, Peter Stein.“

„Der Kerl ist nicht uninteressant, aber die Frau ist interessant. Schau, wie sie diesen Peter Stein ansieht, wie jemand, der über einen guten Freund wacht und ihn leitet.“

„Jessica Dafore, die Frau solltest du dir merken.“

„Gut, was sagen die Organisatoren, welche Unterkünfte sind sicher?“

„Das habe ich dir alles zusammengestellt. Corne Meulendeiks bringt dich zum Flughafen und gibt dir die Unterlagen. Dein Flug geht über drei Zwischenstopps. Caroline, bitte pass auf dich auf, ich will dich nicht auch noch verlieren.“

„Schatz, komm mal her!“ Caroline nahm Soraya in die Arme und spürte, wie sie mit sich rang.

„Ich verspreche dir, dass ich sehr gut auf mich aufpasse.“

 

***

 

Verwaltungen

„Das interessiert mich einen Scheiß!“, sagte Frank recht unfreundlich ins Telefon, denn er hatte nun seine Chance bekommen, dem Schnösel aus dem Ministerium, der ihn neulich geärgert hatte, seine Grenzen aufzuzeigen. „Für mich zählt einzig die Leistung, die Frau Heller erbringt und diese ist hervorragend. Frau Heller ist seit Jahren hier beschäftigt und leistet weit mehr, als in ihrem Vertrag steht. Ich lasse nicht zu, dass Sie die Frau in eine Serviceeinheit stecken, wo sie nur die Hälfte verdient. Ende der Diskussion! Entweder Sie behalten den laufenden Vertrag bei oder ich finanziere das fehlende Gehalt aus Ihren Haushaltsmitteln.“

Frank lauschte in das Telefon und sprach anschließend mit gleicher Lautstärke weiter. „Das kann ich nicht? Und ob ich das kann, sehen Sie mal in die Haushaltsverträge und die Dienstvorschriften, haben Sie die denn nicht gelesen, bevor Sie hier anriefen?“

Dann folgte ein weiteres Schweigen, bis Frank sein Killerlächeln aufsetzte. „Ich sehe, wir verstehen uns. Ja, auf Wiederhören.“ Mit einem „Du mich auch!“ legte Frank den Hörer wieder auf.

„Dir geht’s wieder besser?“, grinste ich ihn an. „Was gab’s denn dieses Mal?“

„Die wollen unsere letzte Putzfrau kündigen, die noch bei uns angestellt ist, Hannelore Heller, um sie in eine Servicefirma zu übernehmen, wo sie viel weniger verdient. Nicht mit mir!“, teilte er mir mit. „Seit Jahren wird jede Reinemachefrau, die einen Vertrag mit dem Ministerium hatte und in Rente ging, durch eine Kraft ersetzt, die über eine Servicefirma eingestellt wurde. Heller ist die letzte „ihrer Art“ und hat mich um Hilfe gebeten.“

Tja, und Frank half! Das war es, das Frank zu einem sehr beliebten Chef machte.

„Zum Ersten werden übrigens zwei neue Reinigungskräfte im Verwaltungsgebäude anfangen.“

„Ok, gibt es für Decker auch neues Wachpersonal?“

„Ja, wir bekommen ein paar neue Leute. Decker hat so eine Art Casting veranstaltet und ein paar haben es tatsächlich ins Finale geschafft.“

„DSDSB, Decker sucht den Superbeamten“, grinste ich und versuchte mir Decker als Juror vorzustellen. Ich imitierte die Stimme eines bekannten Juroren: „Der kennt sicher nur einen Satz, Alter, du bist scheiße!“

„Schön, dass wenigstens du deinen Spaß hast, dafür werden wir in der Verwaltung ein paar Stellen nicht mehr neu besetzten können, das Übliche eben. Zum Glück haben wir noch Sarah und ihre Nachfolgerin einstellen können.“

„Sarahs Nachfolgerin?“, fragte ich ungläubig.

„Peter!“ Frank sah mich verständnislos, ja, schon fast wütend an. „Was soll das? Willst du eine Katastrophe herbeiführen? Sarah muss hier weg, und zwar so schnell es geht! Trommer ist der neue Obermacker und dauernd hier im Gefängnis unterwegs, um irgendwelche Vernehmungen durchzuführen. Was glaubst du, geschieht, wenn ihm Sarah über die Füße läuft und sie nur einen kleinen Fehler macht?“

„Aber…“

„Nichts aber! Du hast ein einmaliges Ding abgezogen, jetzt versau es nicht, nur weil du dich blöd anstellst!“

Frank hatte Recht. Ich wusste, dass seine Sorge, Trommer könnte Sarah erkennen, nur allzu berechtigt war. Trommer kam mindestens einmal die Woche im Gefängnis vorbei, um Verdächtige zu vernehmen, die im TE-Bereich saßen. Bis jetzt hatte uns Jessika immer rechtzeitig vorgewarnt und Sarah hatte sich unsichtbar gemacht. Doch was, wenn er einmal unangekündigt kam? Oder Sarah ihre Kontaktlinsen verlor oder vergaß? Da gab es tausend Dinge, die schief gehen konnten, doch das machte die Vorstellung, Sarah zu verlieren nicht besser. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was würde Vera tun? Würde sie bei mir bleiben? NEIN! Vera würde ihre Sarah nie mehr verlassen.

Sollte ich mit den beiden gehen? AUF GAR KEINEN FALL! Trommer würde mich immer mit Argusaugen beobachten und ich wusste, dass er nur auf die Gelegenheit wartete, mich abzuschießen. Ich würde Sarah und Vera also nur in Gefahr bringen.

„Peter“, fuhr Frank versöhnlich fort, „ich würde Sarah wirklich gerne hierbehalten, aber es geht nicht. Es wäre eine Katastrophe mit Ankündigung.“

„Ich weiß ja, dass du Recht hast, aber das macht es nicht leichter.“

„Hör zu, wir reden heute Abend darüber. Sag Jessika, sie soll auch kommen, sie weiß eh mehr als wir zwei zusammen.“

„Ok“, ich stand auf. „Bis heute Abend.“

Frank wartete, bis ich den Raum verlassen hatte, dann ging er in sein Vorzimmer, wo er Thekla und Jessika vorfand.

„Wonder-Women und Spider-Girl, die heiligen Schwestern der Fernstraße“, grinste er, holte seinen Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür zum Flur ab. Obwohl die zwei ihn fragend anschauten, schien Frank auf die offensichtliche Frage, warum er die Tür verschloss, nicht einzugehen.

„Also ihr zwei!“, begann er und sah sie verschwörerisch an. „Angenommen, ich habe eine Idee und ich will, dass jemand anderes glaubt, er hätte diese Idee selbst gehabt, dann wärt doch ihr beiden, genau diejenigen, die das hinbekommen, oder?“

Thekla und Jessika wechselten einen kurzen Blick und Jessika meinte dann: „Du meinst, wir reden mit ein paar Leuten und die geben das weiter und am Ende hat jemand eine Idee, die er sich als seine eigene verkauft.“

„Genau das meine ich.“

Die zwei Eminenzen grinsten sich gegenseitig an und Thekla antwortete: „Wenn jemand das hinbekommt, dann wir beide.“

„Sehr gut, ich wusste, dass ich mich auf euch verlassen kann.“

„Sagst du uns auch, was das für eine tolle Idee ist und wer das sein soll, der glaubt, eine geniale Idee zu haben?“

„Aber sicher, doch. Generalstaatsanwalt Gerhard Trommer soll auf die Idee kommen, Peter zu überwachen!“

 

***

 

Mainstadt, Keilstraße

„Hier sind Ihre Wohnungsschlüssel, Herr Becker.“

Benjamin Levi, alias Julius Becker, nahm die Wohnungsschlüssel von seiner neuen Vermieterin entgegen. Levi war gestern Abend in Mainstadt angekommen, nachdem er über das Internet eine passable Wohnung gemietet hatte. Die Wohnung lag in der Keilstraße, nur wenige Fußminuten von der JVA entfernt und war in einem großzügigen Apartmenthaus untergebracht.

„Beckers“ Gehalt als Abteilungsleiter einer größeren Firma, sein elegantes Auftreten, sowie eine in Echtzeit getätigte Überweisung der Kaution bzw. die Miete für die ersten drei Monate sicherte Levi die Wohnung. Obwohl sich dafür auch drei andere Wohnungssuchende interessiert hatten, denn das Apartment war voll möbliert, komplett eingerichtet und sündhaft teuer. Doch das spielte keine Rolle, denn als Levi aus dem Fenster sah, konnte er die Verwaltungsgebäude der JVA sehen.

 

***

 

Dankbarkeit

Vera hatte es an diesem Abend sichtlich am schwersten. Wir, das waren Sarah, Vera, Jessika, Frank und ich, saßen bis in die späte Nacht zusammen in Franks Büro. Am runden Tisch überlegten wir, wie es nun weitergehen sollte. Frank hatte natürlich nicht einfach dagesessen und Däumchen gedreht, auf sein Bitten hin, hatte Jessika ihre Kontakte genutzt und sich einen Überblick über die möglichen Stellen verschafft, die Sarah eventuell antreten konnte.

Wie es aussah, hatten wir Glück, denn da Tanja Schiller jetzt im Gefängnis saß, wurde ihre Stelle neu vergeben. Den Posten trat ein Beamter aus der Freigänger-Einrichtung am anderen Ende der Stadt an. Da es dort weit weniger „streng“ zuging als in der geschlossenen JVA, gab es dort auch weniger Personal. Frank musste nur den Richtigen seiner Freunde im Ministerium anrufen. Dieser Freund im Ministerium wusste ebenso wie Frank, war der Posten erst einmal weg, war die Stelle gestrichen, etwas das weder das Ministerium noch Frank wollten, dem die Außenstelle dienstlich unterstand, und so wurde der Posten für Sarah frei.

Immer wieder blickte ich zu Sarah. Auch wenn sie ihr Äußeres verändert hatte, für mich blieb sie Beate, die rothaarige Schönheit, in deren Inneren eine Bestie schlummerte, die nur darauf wartete, entfesselt zu werden, um das zu beschützen, was sie liebte. Ich musste nicht überlegen, wie sich Vera entscheiden würde, denn auch wenn sie sich sichtlich schwertat, würde sie am Ende mit Sarah gehen.

Seltsamerweise kam kein Funken Eifersucht in mir auf, denn ich liebte die beiden und der Gedanke, dass sie unglücklich wären, nur weil Vera glaubte, sie sei es mir schuldig hierzubleiben, kam nicht in Frage. Vera hatte den ganzen Abend kein Wort gesagt. Natürlich sah sie genau wie wir alle die Notwendigkeit, Sarah aus Trommers Reichweite zu bringen. Dennoch hieß es für sie, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Diese Entscheidung würde, ganz egal, wie sie ausfiel, für einen Menschen, den sie liebte, sehr schmerzhaft sein. Irgendwann weit nach Mitternacht, ließ Frank uns allein, es war alles gesagt und nun lag es bei uns.

Jessika blieb noch einen Moment länger als Frank und sagte: „Ich habe eine Freundin von mir angerufen. In der Außenstelle wird auch eine medizinische Fachkraft gebraucht. Die Stelle ist zwar nicht ausgeschrieben, doch das können wir drehen. Überlegt es euch.“ Sie erhob sich und ließ uns mit unseren Gedanken zurück. Als wir drei allein waren, sagte niemand von uns ein Wort, wir saßen schweigend da und keiner wagte es den anderen anzusehen. Schließlich brach Vera das Schweigen.

„Peter…“

„Nein“, unterbrach ich sie, „du musst dich nicht entschuldigen. Ihr liebt euch und ich werde eurem Glück ganz sicher nicht im Wege stehen. Im Gegenteil, ich freue mich wirklich, dass ihr euch gefunden habt. Sarah“, ich sah sie an, „seit Vera mit dir zusammen ist, blüht sie wirklich auf und ist viel glücklicher, als sie es mit mir jemals sein könnte. Und Vera“, ich wandte mich wieder ihr zu, „dein Herz hat längst eine Entscheidung getroffen. Akzeptiere sie, genau wie ich es tue. Werdet einfach glücklich miteinander.“

Es war das, was ich dachte, und ich meinte es auch so, wie ich es sagte, dennoch… das Gefühl, mir selbst das Herz herauszuschneiden, würde sich sicher genauso anfühlen. Sarah ergriff Veras Hand und drückte sie, sah aber mich an und da sie ihre Kontaktlinsen nicht trug, schimmerten ihre smaragdgrünen Augen feucht.

„Du wirst immer bei uns willkommen sein.“

„Himmel, ihr macht es einem aber auch nicht leicht“, versuchte ich zu lachen, was mir verdammt schwerfiel. „Schluss jetzt damit. Wir haben ja noch ein paar Tage und die werden wir nutzen. Ich erwarte, dass ihr eure Dankbarkeit im Bett zum Ausdruck bringt!“

Jetzt mussten die zwei lachen und Vera, die erst Sarah anschaute und dann mich, meinte nur: „Dann mach dich auf etwas gefasst, mal sehen, wieviel Dankbarkeit du standhältst.“

 

***

 

Washington

„Das ist nicht gut!“, fluchte Mike, der mit Dave auf einer Brücke über den Potomac stand und zusah, wie die Leiche eines Mannes aus dem Wasser geborgen wurde. „Das ist überhaupt nicht gut!“

„Kannst du laut sagen, das FBI wird ganz schön sauer auf uns sein.“

Das war sicher noch untertrieben. Vor drei Tagen hatte Trout den Tipp bekommen, dass MacFroody sich in Washington aufhielt. Sofort hatten Mike und Dave ihre Fühler ausgestreckt und tatsächlich konnte Mike über den Mail-Account eines Beraters von Trout eine Mailadresse ausfindig machen, die zu einem Anwesen nahe der Hauptstadt gehörte. Sobald Mike wusste, welches Anwesen es war, bezogen sie Stellung, um festzustellen, ob sich MacFroody tatsächlich in dem Anwesen aufhielt oder ob er lediglich auf den Account des Hausbesitzers zugriff.

„Ich bin nicht sicher, Sir“, sagte Mike zu Kivel bei einem Zwischenbericht. „Wir haben alle Gespräche, die aus dem Anwesen geführt wurden, aufgezeichnet… es gibt keinen Hinweis auf MacFroody, lediglich der Mailverkehr lässt darauf schließen, dass MacFroody sich im Anwesen aufhält. Aber die IT-Eierköpfe sagen, es wäre auch möglich, dass der Accountbesitzer nicht weiß, dass MacFroody seine Mailadresse nutzt. Wenn wir es genau wissen wollen, müssen wir da rein.“

„Haben Sie eine Ahnung wer da wohnt?“, fragte Kivel sichtlich sauer.

„Ja Sir, Tobias Strong, Senator und Mitglied des Geheimdienstausschusses.“

„Ich denke, das beantwortet die Frage! Sie werden das Grundstück nicht eher betreten, bis Sie genau wissen, das MacFroody da ist!“

„Darf ich einen Vorschlag machen, Sir?“

„Schießen Sie los!“

„Gehen wir mal davon aus, dass MacFroody den Account gehackt hat, dann muss er das entweder über die Serververbindung machen, also über die Telefonleitung, um von einem anderen Computer auf Strongs Computer zugreifen, oder er greift über Funk darauf zu. Greift er über Funk zu, muss der Sender im Haus von Strong sein und der lässt sich ganz einfach nachweisen. Wir schicken jemanden ins Haus, der einen Funkscanner trägt und alle Funksignale im Haus scannt. Wenn der Scanner anschlägt, wissen wir, dass MacFroody in der Nähe ist.“

Kivel dachte einen Moment nach und brummte schließlich: „Weiter!“

„Ich kenne jemanden beim FBI, der könnte einen Agenten zu Strong schicken, um ihm ein paar Unterlagen übergeben, die Strong nur persönlich entgegennehmen darf. Wir warten, bis Strong nach Hause fährt, unser Mann kommt fünf Minuten vor ihm an und wartet dann einfach auf ihn. Die Zeit wird ausreichen, um das Signal aufzufinden, ohne Verdacht zu erregen.“

„Sie wollen das FBI da hineinziehen?“

„Wir können es nicht riskieren, einen von uns zu nehmen, und das FBI sucht MacFroody schließlich auch, die werden bestimmt mitmachen.“

„Also gut, Smith, der Plan ist genehmigt.“

 

***

 

Nachdem Mike und ein paar seiner Freunde das FBI erreicht hatten, schilderte er diesen seinen Plan. Da das FBI ebenfalls sehr an MacFroody interessiert war, ging der zuständige Agent auf Mikes Plan ein, zumal es nicht unüblich war, dass sehr sensible Daten noch immer per Boten zugestellt wurden.

Von ihrem Beobachtungsposten aus sahen Mike, Dave und die Männer des FBI zu, wie ihr Mann kurz vor Strongs Ankunft von der Haushälterin in das Haus gelassen wurde. Wenige Minuten später erschien Strong, der ebenfalls das Haus betrat. Fünf Minuten später verließ der Wagen des FBI-Mannes das Anwesen wieder und fuhr zurück, doch seine Meldung blieb aus! Dank einer Handypeilung wurde der Agent schnell gefunden. Allerdings tot im Potomac!

 

***

 

Eine Stunde, nachdem die Polizei den FBI-Mann aus dem Potomac geborgen hatte, stürmten Einheiten des FBI und des Secret Service Strongs Anwesen.

Mike und Dave, die als Beobachter ebenfalls auf dem Anwesen waren, fanden Strong, dessen Frau und die Haushälterin tot im Haus verteilt.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte Mike, als er das Blutbad sah, das MacFroody hier angerichtet hatte. „MacFroody hat Strong sicher erpresst. Er ist hier eingedrungen und hat Strongs Frau als Geisel benutzt. Doch dann roch er Lunte, erschoss erst den FBI Mann, dann die Haushälterin und Strongs Frau. Danach wartet er, bis Strong nach Hause kam, knallte ihn ab und verschwand mit dem toten FBI-Mann in dessen Wagen… und dass alles innerhalb von Minuten.“

„Schätze, das wird dem Boss nicht gefallen…“, meinte Dave und hatte damit mehr als Recht!

 

***

 

„Der Kerl bringt einen Senator um und das direkt vor Ihren Augen?!“, brüllte Burnside sie wutschäumend an, als sie vor seinem Schreibtisch standen.

„Sie sollten MacFroody still und leise aus dem Verkehr ziehen und ihn nicht zum meistgesuchten Verbrecher Amerikas machen! Sie haben eine Vollmacht des Präsidenten und nutzen sie nicht?! Wieso nicht?!“

„Sir, wir mussten Rücksicht auf…“, weiter kam Mike nicht, denn Trout betrat unaufgefordert das Büro und legte Burnside eine Nachricht vor, der sie durchlas und Trout ansah. „Ist das sicher?“

„Ja, Sir.“

„Danke Trout“, nickte er diesem zu und wandte sich dann wieder Mike und Dave zu. „Miles ist in Deutschland, in Mainstadt, um genau zu sein, das heißt MacFroody wird auch nach Mainstadt gehen. Ich will MacFroodys Arsch an meiner Wand hängen haben, versauen Sie es nicht nochmal! Und jetzt geht mir aus den Augen, ihr Versager!“

 

***

 

„Dass das ein Schuss in den Ofen war, muss ich Ihnen wohl nicht sagen?“, meinte Kivel anschließend zu Mike.

„Sir, wir können MacFroody nicht mit den üblichen Methoden schnappen, dazu ist er viel zu gut vernetzt. Jede Wette, er wusste schon von dem Plan, bevor ich mit dem FBI geredet habe. Wenn wir ihn kriegen wollen, dann nur auf unsere Art! Wir bilden einen Kreis weniger Leute. Leute, die ich persönlich kenne und denen ich vertraue und mit denen gehen wir auf die Jagd, ohne Kontakt zur Zentrale, Trout oder Burnside.“

Kivel der Mike anstarrte, schüttelte den Kopf und meinte: „Das wird Burnside niemals genehmigen.“

„Das muss er auch nicht. Ich habe die Vollmacht des Präsidenten und mache das, was ich für richtig halte, so wie immer!“

„Nur. dass es dieses Mal nicht nur dich in den Abgrund reißen kann, Mike, sondern uns alle“, antwortete Mikes Boss. Aber er sagte schließlich resigniert: „Na, schön! Zieh dein Ding durch.“

„Danke, Boss. Jetzt zu Miles, was will sie in Germany?“

„Vor einer Woche haben die Israelis einen ihrer Männer in Kairo mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Es war ein Neffe Dagans und sein Mörder ist niemand anderes als Pierre Cardin.“

„Der alte Franzose!“

„Ja, genau der. Der Mossad hat die Spur Cardins bis nach Deutschland verfolgt und Dagan lässt seine gefährlichste Waffe von der Kette, Caroline Miles. Offiziell tritt sie einen Job in der dortigen JVA an.“

„Das heißt, der Leiter der JVA weiß über Miles Bescheid, wer ist das?“

„Frank Brauer, und bevor Sie fragen, nein, es gibt keinen Bezug zum Mossad oder einem anderen Geheimdienst.“

„Kommen Sie, Boss, das glauben Sie doch selbst nicht.“

„Wenn es da etwas gibt, dann ist es eines der bestgehüteten Geheimnisse des Mossad.“

„Der alte Franzose wird in Deutschland sicher keinen Urlaub machen, wissen wir etwas über seinen Auftrag?“

„Nein, wissen wir nicht. Aber es kann sich nur um einen Auftragsmord handeln.

„Das ist ein verdammtes Wespennest! Die Israelis werden Miles nicht allein arbeiten lassen, im Gegenteil! Ich wette, ein ganzes Killerkommando des Mossad wartet schon auf Cardin, dazu der BND und das LKA, die werden ebenfalls von Cardin wissen und dazu kommt jetzt noch MacFroody.“

„Tja, Mike, Sie wollten Ihr Ding allein durchziehen, dann mal ran, aber Sie sollten die Sache dieses Mal wirklich etwas geschickter angehen…“

 

***

 

Angekommen

„Ja, ich habe das Apartment gemietet“, meldete sich Levi am Abend bei Dagan.

„Gut, Ben, es gibt Neues von unseren amerikanischen Freunden. Wir haben erfahren, dass die CIA am Durchdrehen ist“, brachte Dagan Benjamin auf den neusten Stand. „MacFroody hat sich aus der Hauptstadt abgesetzt, nachdem er einen Senator, dessen Frau und die Haushälterin erschossen und einen FBI-Agenten, der der CIA helfen sollte, im Potomac versenkt hat. Die stellen gerade den ganzen Kontinent auf den Kopf, aber ich vermute, dass sich MacFroody schon in Deutschland befindet, denn Carolines Ankunft war kein großes Geheimnis. Irgendjemand bei der CIA scheint das auch zu glauben, denn diese Colonels Smith und Miller sind ebenfalls nach Deutschland unterwegs. Sobald wir wissen, wo sich die beiden aufhalten, werde ich dir Bescheid sagen.“

„Ok, wenn wir mit unserer Vermutung richtig liegen, dass MacFroody hinter Caroline her ist, wären die zwei Verbündete. Ich werde sie mir mal anschauen und gegebenenfalls kontaktieren.“

„Einverstanden, wenn es sich ergeben sollte, stelle ich es dir frei, mit Smith und Miller Kontakt aufzunehmen. Doch ich befürchte, denen geht es weniger um Carolines Sicherheit, sondern eher darum, MacFroody zu erwischen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Caroline als Köder benutzen, um MacFroody hervorzulocken.“

„Diesen Gedanken, werde ich ihnen austreiben. Hast du etwas von Mohrle gehört, was den alten Franzosen betrifft?“

„Nein, Cardin ist immer noch verschwunden. Allerdings wurden nach den Politikern noch zwei Polizisten ermordet. Irgendetwas sagt mir, dass das der alte Franzose war.“

„Das wäre ungewöhnlich für ihn, ein ermordeter Polizist ist wie ein Stich ins Wespennest. Gab es denn etwas Besonderes bezüglich der Polizisten?“

„Wir wissen lediglich, dass sie am Rande mit der Fischer-Sache zu tun hatten. Anscheinend sind die beiden mit Peter Stein, dem neuen Kollegen von Caroline, aneinandergeraten. Jedenfalls steht er auf der Verdächtigen-Liste ganz oben.“

„Glaubst du, er hat die zwei umgebracht?“

„Hm, nein. Keine Ahnung wieso, doch ich glaube es nicht. Aber behalte ihn dennoch im Auge, nicht dass Caroline in Gefahr läuft, zwischen die Fronten zu geraten.“

„Gut, ich werde mir ein Bild von diesem Stein machen und melde mich dann wieder.“

„Tu das, ich habe hier Team 7 aktiviert. Sobald du mich rufst, werde ich mit Lem und dem Team in sechs Stunden bei dir sein.“

 

***

 

Während Benjamin Levi und Dagan sich darüber Gedanken machten, ob Peter Stein die Polizisten umgebracht hatte oder nicht, wurde die JVA umzingelt, denn neben Levi wurden drei weitere Beobachtungsposten rund um das Gefängnis besetzt.

 

***

 

Noch ein Besucher

„Ich frage mich, wie viel so ein Konsul verdient?“, fragte Dave seinen langjährigen Freund Mike, als er aus dem Bad kam.

„Auf jeden Fall mehr als du“, antwortete Mike grinsend. Auch ihn hatte das geräumige Penthouse in der Mainstädter City überrascht. Jetzt stand er an der riesigen Fensterfront und sah sich mit dem Fernglas, das etwa zweihundert Meter Luftlinie entfernte Gefängnis an. Neben ihm stand noch ein elektronisches Teleskop mit Aufnahmefunktion da, um noch besser die Vorgänge im Gefängnis beobachten zu können. Ihr Hauptaugenmerk lag aber im Bereich vor dem Tor. Sollte MacFroody herkommen, dann würde er wahrscheinlich eher auf dem Parkplatz oder der Zufahrtsstraße erscheinen.

Da in Langley noch immer blanke Panik herrschte, rief der stellvertretende Direktor Kivel selbst bei Konsul Niles an. Dieser stellte sein Penthaus selbstverständlich zu Verfügung, aus dem Mike und Dave jetzt nach MacFroody Ausschau hielten.

„Hast du Kivel gefragt, wieso Miles ausgerechnet in der JVA arbeitet?“

„Habe ich, er weiß es nicht, aber es muss eine Verbindung zwischen Brauer und dem Mossad geben.“

„Jedenfalls ist es eine clevere Idee, solange sie dort drinnen ist, ist sie vor jedem sicher. Sie verlässt die JVA, geht auf die Jagd nach Cardin, und wenn sie zurückkommt, kann sie ganz beruhigt einschlafen. Nicht einmal MacFroody wird an sie dort drinnen herankommen. Wenn er an sie ran will, muss er aus seiner Deckung kommen.“

„Ich glaube allmählich, die Geschichten, die man sich über Dagan erzählt, stimmen alle.“

Als es klingelte, schaute Dave durch den Türspion und sah eine Frau und einen Mann, die ihre Ausweise hochhielten, also öffnete er die Tür.

„Agent Sally Clifford und Agent Will Share”, stellten sich die zwei vor. Dave, dem man schon in Washington die Akten der beiden gegeben hatte, ließ sie eintreten. Als sich die Tür hinter den beiden schloss und Mike sich vorgestellt hatte, ergriff Sally das Wort.

„Sir, was zum Teufel geht hier vor sich? Man hat uns mitten aus einer laufenden Operation herausgezogen! Wir haben einen Drogenring infiltriert und standen unmittelbar vor dem Zugriff. Die deutschen Behörden waren schon alarmiert und standen bereit. Aber jetzt wurde alles abgeblasen, mit der Weisung, wir sollen uns sofort bei Ihnen melden.“

„Nun ja, ich habe für meine Operation die besten Leute angefordert, die zu Verfügung stehen. Anscheinend sind Sie das.“

„Scheiße, Sir!“, entfuhr es Clifford. „Entschuldigung, aber ich habe über ein Jahr gebraucht, um in diesen Drogenring zu kommen. Ich habe mir den Arsch aufgerissen und jetzt ist alles umsonst gewesen! Was ist so verdammt wichtig, um das alles in die Tonne zu treten?!“

„Das werde ich Ihnen sagen! Dave, erkläre du es ihnen.“

 

***

 

MacFroody

Der von allen gesuchte MacFroody war ganz in der Nähe von Mike und Dave. Lediglich 500 Meter Luftlinie lagen zwischen ihm und der Wohnung des Konsuls, 400 Meter Luftlinie trennten ihn von Levi und 300 Meter Luftlinie lagen zwischen ihm und der JVA.

Nachdem er die Warnung eines Freundes erhalten hatte, war ihm klar, dass er aus Washington verschwinden musste. Allerdings hatte er nicht vor zu gehen, ohne einen Abschiedsgruß zu hinterlassen, und da kam ihm der Kerl vom FBI gerade recht. Dass Strong und seine Frau ebenfalls dran glauben mussten, war eben ein Kollateralschaden. Ursprünglich hatte MacFroody nicht vorgehabt, die Strongs umzubringen, doch ließ es sich eben nicht verhindern. „Pech gehabt“, mehr hatte MacFroody dazu nicht zu sagen.

Pech hatte auch der Besitzer seines jetzigen Unterschlupfs gehabt, der mit einem Einschussloch im Kopf in der Badewanne lag. Auch hier in Deutschland hatte er noch genug Kontakte, die für Geld einen guten Job machten. Nachdem er wusste, dass Miles in der JVA unterkommen sollte, hatten ihm seine Freunde eine passende Wohnung gesucht. Diese lag im obersten Stockwerk eines Hochhauses, dessen Gegend nicht zu den Touristenzielen gehörte. Hier kümmerte sich so gut wie niemand um seinen Nachbarn und dauernd zogen irgendwelche Leute hier ein und aus. Für den Experten MacFroody war es ein Leichtes, sich unerkannt unter diesen Menschen zu bewegen.

Genauso wichtig war, dass er hier in dieser Gegend schnell untertauchen konnte, denn er wusste, dass sich Smith und Miller an seine Fersen geheftet hatten und nun ebenfalls in der Stadt ihr Unwesen trieben. Die Frage war, wo die zwei sich aufhielten, doch das würde er auch noch herausfinden, denn in dieser Hinsicht war die CIA in der Regel ziemlich einfallslos.

Wahrscheinlich saßen sie in der Wohnung irgendeines Botschaftsangehörigen und da gab es nicht allzu viele, besonders wenn man bedachte, dass sie bestimmt ebenfalls die JVA beobachten wollten. Als Profi wusste er natürlich auch, dass die beiden damit rechneten, dass er das Gefängnis beobachtete. Daher würde man die Wohnungen sowie die Häuser, die neu vermietet bzw. gekauft wurden, zuerst unter die Lupe nehmen würden. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis jemand von der CIA hier an die Tür klopfte, doch das würde noch eine Zeitlang dauern, diese Gegend stand sicher am Ende von Smiths Liste.

Genau wie seine Gegner, hatte auch MacFroody ein Teleskop aufgebaut, mit der er das Tor zur JVA beobachten konnte und immer dann, wenn jemand durch das Tor des Gefängnisses trat, schaute MacFroody auf den Laptop, der das Bild des Teleskops zeigte. Da kam ein Rotschopf und sofort krampfte sich sein Magen zusammen. Doch es war nicht diese Mossad-Schlampe, die er erledigen würde, es war die Freundin von Stein, der mit Caroline Miles zusammenarbeiten würde. Er musste also nur diesen und diese Rothaarige im Auge behalten, und früher oder später würde Caroline Miles auftauchen und in ihr Verderben laufen.

 

***

 

Eindringlinge

Der dritte Beobachtungsposten hatte eine weniger spektakuläre Aussicht. Er lag in einer kleinen Gartenlaube versteckt unter Bäumen, dafür weniger als 30 Meter von der Mauer des Gefängnisses entfernt.

„Et voilà“, voller Stolz drehte Korporal Ballour den Bildschirm etwas, so dass Dunant einen Blick darauf werfen konnte.

Ballour hatte sich in das WLAN-Netz des Gefängnisses gehackt und sich Zugriff auf den Server beschafft. „Wer immer für die IT dort zuständig ist, er ist gut, hat aber sicher nicht mit einem Angriff auf das WLAN gerechnet.“

„Gut gemacht, Korporal, in welchen Bereich können wir eindringen?“

„Wir können nicht auf das Sicherheitssystem des Knastes zugreifen, das ist bestens geschützt. Also möglich wäre das schon, aber dafür bräuchten wir Wochen.“

„Das müssen wir nicht. Wir brauchen Zugriff auf bestimmte Akten.“

„Das ist kein Problem, warten Sie“, brummte Ballour und rief mehrere Ordner auf, „so, hier sind wir im Aktenarchiv.“

„Können Sie einen Filter benutzen?“

„Sicher Sergeant. Welche Suchwörter soll ich benutzen?“

„Urkunden- und Dokumentenfälschung, Benutzung falscher Identität, Betrug.“

„Das wird wohl die Hälfte der Insassen betreffen. Kann ich die Auswahl noch weiter eingrenzen?“

„Suchen Sie nach Häftlingen, die während der letzten sechs Monate entlassen wurden oder in den nächsten Wochen freikommen. Wichtig ist die Wohnadresse, die sie bei der Entlassung angegeben haben.“

„Gut, das dürfte zu schaffen sein“, meinte Ballour und machte sich an die Arbeit.

 

***

 

Ein heißes Eisen

„Hallo Mister, es interessiert mich nur.“

„Soll ich jetzt <Hallo Sherlock> oder <Guten Tag, Herr KHK Meyer> sagen?“

Meyer stand in der Tür zu meinem Büro und trat ein.

„Nimm Sherlock, tust du sonst auch.“

„Na dann, hallo Sherlock.“

„Ich habe dein Alibi auseinandergenommen. Sieht gut für dich aus, dein Chef hat uns alle Videos gegeben und die besagen, dass du tatsächlich bis um 17:35 Uhr hier gewesen bist, also auch zum Zeitpunkt des Todes der Pfeifen. Auch die niedliche Blonde aus dem Schiller erinnert sich an dich.“

„Habe ich dir doch gleich gesagt. Gibt es schon eine Spur außer mir?“

„Nein.“

„Macht dir Trommer die Hölle heiß?“

„Nein, und das bringt mich wieder zu dir.“

„Verstehe ich nicht.“

„Trommer hat die Nachricht über den Tod der beiden Arschlöcher kommentarlos aufgenommen. Er hat eine Sondergruppe beauftragt, die Fakten zusammenzutragen und jetzt rate mal, wer Leiter der Sondergruppe ist. Richtig: Trommers Schoßhund, der schon Beate Fischers Ermittlungsbericht geschrieben hat.“

„Das heißt, du bist raus, aus der Sache?“

„Exakt.“

„Und was treibst du jetzt hier bei mir?“

„Ganz einfach. Auch wenn die beiden Idioten waren, sie waren Polizisten, und ich mag es nicht, wenn Kollegen ermordet werden. Trommer, du und die zwei Wichser, ihr hattet etwas miteinander zu tun. Ich will wissen, was.“

„Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich die beiden vermöbelt habe, das ist alles.“

„Mich interessiert, warum Trommer dir die zwei Flachwichser auf den Hals gehetzt hat. Was hast du getan? Geht es um die Fischer-Sache?“

Jetzt kam ich wieder in Bedrängnis. Was sollte ich Meyer sagen? Klar geht es um Beate, doch ich konnte Meyer ja schlecht einweihen.

„Trommer wollte sichergehen, dass ich seine Karriere nicht gefährde, also hat er mir die beiden sozusagen als Warnung geschickt.“

„Und? Hast du seine Karriere gefährdet?“

„Ich bin doch nicht verrückt und lege mich mit dem Generalstaatsanwalt an. Nein, ich habe getan, was er wollte und das war es.“

„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du mich genauso anlügst wie Trommer. Ich behalte euch im Auge.“ Meyer stand auf.

„Sherlock“, sagte ich, als er die Tür erreicht hatte, „ich sag es dir nochmal, ich habe damit nichts zu tun. Doch wenn tatsächlich Trommer dahintersteckt, dann pass auf dich auf. Wer immer die zwei umgelegt hat, er wird auch vor dir nicht zurückschrecken.“

Meyer musterte mich nochmals, sagte aber kein Wort und ging hinaus.

Als ich allein war, überschlugen sich meine Gedanken. Verdammt! Wenn Trommer wieder die Ermittlungen in die falsche Richtung lenkte, wie er es bei Beate getan hatte, dann verhieß das nichts Gutes. Frank hatte Recht, Beate, nein, Sarah, musste so schnell wie möglich hier weg!

„Hallo Bad-Man, hast du eine Minute?“, riss mich Hannes aus meinen Gedanken. Ich schaute auf und sah meinen Freund in der Tür stehen.

„Klar.“ Ich schob meine Gedanken beiseite und forderte Hannes auf, näher zu kommen. „Was gibt´s?“

„In drei Tagen ist doch das Benefizspiel und ich wollte wissen, ob du vielleicht Zeit hast.“

„Das Benefizspiel?“, fragte ich nach und strengte meine grauen Zellen an, doch es fiel mir nichts dazu ein.

„Ja, schon vergessen? Es stand in der Rundmail neulich. Wir wollen der Familie helfen, die vor vier Wochen bei einem Hausbrand ihren Vater, das Haus und alles andere verloren hat.“

„Ach ja, ich erinnere mich.“ Jetzt fiel mir die Mail wieder ein. Vor drei Monaten gab es in der Stadt einen verheerenden Hausbrand, bei dem ein Angestellter der Verwaltung umkam. Aber auch andere Familien waren von dem Brand betroffen. Das Leid war unglaublich und da auch Radio und Presse darüber ausführlich berichteten, hatte man ein Benefizspiel organisiert, das die Betroffenen finanziell zumindest etwas unterstützen sollte. Ein Freund der Familie hatte seine guten Beziehungen zum Präsidenten des hiesigen Bundesligisten genutzt und zusammen hatte man ein Benefizspiel organisiert, bei dem Freunde und Bekannte der Familie gegen den FC Mainstadt spielten. Hannes war jedenfalls mit dabei und hatte mich gefragt, ob ich auch Zeit hätte.

„Sorry, ich habe an dem Tag ein paar Termine, die ich nicht verschieben kann.“

„Macht nichts“, meinte Hannes. „Wir haben noch genug Ersatzspieler.“

„Welche Position spielst du denn?“

„Sturm natürlich.“

„Oh je“, seufzte ich, die Verteidiger des FC taten mir jetzt schon leid, denn dieser Riese würde sich nicht einfach bremsen lassen. „Halt dich zurück, die Halbfinalspiele in der Pokalrunde stehen an. Wenn du die Spieler des FC platt machst, lynchen die Fans dich.“

„Ach, ich werde mich schon durchsetzen können, ohne dass ich sie von den Beinen hole. Ok, ich mach mich wieder zu Decker auf, nicht dass er mich suchen kommt.“

„Ich wünsch euch viel Glück und gewinnt! Moment“, ich fischte meinen Geldbeutel aus dem Schreibtisch, holte einen 50-Euro-Schein heraus und gab ihm Hannes, „wenn ich schon nicht mitspiele, helfe ich wenigstens so.“

„Wow“, Hannes schaute den 50er an. „Du bist viel zu gut für die Welt, Bad-Man“, bedankte sich Hannes und ging zum Dienst zurück.

War ich das? War ich zu gut für diese Welt? „NEIN, VERDAMMT! Ich bin Bad-Man, der Böse“, dachte ich und allmählich wurde es Zeit, den Bösen in mir wieder an die Oberfläche zu lassen. Trommer und Meyer versuchten, mich in eine Ecke zu drängen, in die ich nicht wollte. Es wurde Zeit, ihnen zu zeigen, dass sie sich mit mir besser nicht anlegen sollten! Doch zuerst musste Sarah hier weg, dann würde ich mir Trommer vornehmen!

 

***

 

Rüstige Rentner

Am Flughafen in Mainstadt angekommen, stellte ich fest, dass gerade zwei Gruppen von Demonstranten dabei waren, aneinanderzugeraten. Zwischen dem Terminal 1 am Flughafen waren das auf der einen Seite die PfR-Teilnehmer und auf der gegenüberliegenden Seite bei den Parkplätzen der Leihautos waren es deren Gegner.

Schon äußerlich sah man der Partei für Rechtsstaatlichkeit an, was für eine Einstellung sie innehatten. Springerstiefel, Jeans, Lederjacken und größtenteils Glatzköpfe waren hier anzutreffen, deren Gegröle so groß war wie die Alkoholfahne.

Ein Bereitschaftspolizist sah, dass ich zu den Mietwagen wollte und sprach mich an.

„Bitte passen Sie auf, da draußen sind die PfR-Typen, die sind gefährlich. Gerne können Sie auch über die untertunnelte Umgehung zu den Parkplätzen gelangen, das ist aber deutlich länger.“

„Vielen Dank, ich versuche, mich unauffällig zu verhalten.“

Ich kam gerade zwei Ecken weiter. Hinter einem parkenden Bus lehnte sich ein 2-Meter-Typ mit verschränkten Armen an den Bus und sein schmieriger Kumpel mit knappen 1,60 Meter hüpfte unruhig von einem Fuß auf den anderen. In seinen Händen hielt er einen ramponierten Baseballschläger und machte mich mit einer rauchigen Stimme an.

„Na, Püppchen, wo gehen denn diese Beine heute noch hin, hä?“ Worauf der 2-Meter-Mann einfiel, „Ich glaube, wenn da nix dazwischenkommt, direkt zum Parkplatz!“ Die beiden begannen laut zu lachen.

Ich lächelte sie gelangweilt an. „Ich will nur nach Hause und da kommt heute garantiert nix mehr dazwischen.“

„Hö hö, Latte, du hast die Pflaume gehört, nix mehr dazwischen, hö hö.“

„Ja, Streicher, aber das hat nicht sie zu entscheiden, sondern wir!“ Im selben Moment versuchte der Kleinere der beiden mich festzuhalten, während sich der Große vom Bus lösen wollte.

Rasch hatte ich mit einem harten Schlag in seine Testikel den Kleineren zu Boden gebracht, worauf dieser den Baseballschläger losließ. Mit einem schnellen Griff hatte ich mir diesen Holzschläger ergriffen und traf den 2-Meter-Typen damit voll zwischen die Beine. Ohne ein Wort klappte dieser zusammen und lag gekrümmt auf dem Boden. Der Kleine wollte nochmals nachsetzen, da hatte er den Baseballschläger erneut im Gemächt und er brach zusammen.

Erst jetzt sah ich ein älteres Paar, das einige Meter entfernt stand und das Ganze mitangesehen hatte. „Gemnse den beeden noch eenen mit, die hamse verdient!“, rief der Rentner im breiten Berliner Dialekt. Die beiden kamen auf mich zu und ich übergab dem Mann den Schläger und sagte: „Ich bin jetzt aber raus.“ Schon lief ich weiter und verschwand in der Masse der Fahrzeuge.

Der ältere, rüstige Mann aber holte aus und schlug mit seiner begrenzten Kraft auf die beiden PfR-Schläger ein. Das sah ein Reporter und drückte auf den Auslöser seiner Kamera.

Währenddessen war ich bereits in den Leihwagen eingestiegen und fuhr weg. Im Hotel angekommen lief bereits die Schlagzeile der Lokalpresse im Ticker: „Rüstiger Rentner erledigt zwei PfR-Schläger!“

„Das fängt ja gut an“, murmelte ich, überprüfte das kleine Hotelzimmer elektronisch auf Wanzen und baute meinen Rechner auf. Danach meldete ich mich in der Zentrale.

„Morgen geht’s in die JVA, mal sehen, was da auf mich wartet“, gab ich durch.

 

***

 

Beweise

„He, Meyer“, hörte dieser hinter sich rufen, als er auf dem Weg in sein Büro war und drehte sich um. „Warte mal!“, kam ihm Korn, einer seiner Kollegen aus dem Kriminallabor mit einem Umschlag in der Hand nachgelaufen. „Du fährst doch nachher zum Präsidium, könntest du das Bast geben?“, fragte er und hielt ihm den Umschlag entgegen. „Hm“, brummte Meyer. Eigentlich hatte er keine Lust, Bast zu sehen. Bast war Trommers Schoßhund, der schon im Fischer-Fall für Trommer die Ermittlungen frisiert hatte und der jetzt den Tod der zwei Arschlöcher untersuchte. Aber vielleicht war es ja wichtig. „Was hast du denn so Wichtiges?“

„Das Untersuchungsergebnis aus dem Labor. Hartmann hat das Wasser, auf dem Zaun ausrutschte, untersuchen lassen und das soll in die Akte. Da Hartmann tot ist und die Akte bei Bast liegt, muss er den Bericht abheften.“

„Na schön, gib her“, Meyer nahm den Bericht entgegen und schüttelte den Kopf. „Auf der Treppe ausrutschen, ein ganz schön beschissener Unfalltod.“

„Naja…“, meinte Korn, „der Bericht wird Bast sicher zu denken geben.“

„Wieso? Ich denke, Hartmann hat festgestellt, dass es eindeutig ein Unfall war?“

„Hartmann hat festgestellt, dass Zaun auf einem Wasser-Seifen-Gemisch ausrutschte, das an ihr herabtropfte.“

„Und?“

„Laut dem Labor war das Seifengemisch auf der Stufe sehr viel höher konzentriert als das in der Badewanne. Also, wenn sich Zaun nicht mit ihrer Badewannenseife eingerieben hat, wie kommt dann diese Konzentration auf die Stufe? Aber darüber soll sich Bast Gedanken machen“, meinte Korn, drehte sich um und ließ Meyer stehen, dessen Gedanken zu rasen begannen.

Mit dem Bericht setzte er sich an seinen Arbeitsplatz und rief die Einteilungsliste der laufenden Fälle auf. Hartmann, der Typ, dem Stein das Jochbein gebrochen hatte, untersuchte den Unfall von Zaun. Und was plötzlich keine Überraschung war, Dietmann der andere Kerl, der mit Stein aneinandergeraten war, hatte die Untersuchung des Unfalls Bock-Baumann untersucht. „Da läuft etwas aus dem Ruder“, sagte sich Meyer, dessen kriminalistischer Spürsinn erwachte. „Als erstes muss ich die Akten von Hartmann und Dietmann sehen.“

 

***

 

Meyer wartete bis um 20:30 Uhr, dann war er sicher, dass Bast Feierabend gemacht hatte und fuhr ins Polizeipräsidium. „Ist Bast noch da?“, fragte Meyer den Beamten an der Pforte.

„Nein, den hast du um eine Stunde verpasst, Meyer.“

„Nicht tragisch, ich habe nur einen Bericht für ihn und leg ihn auf seinen Schreibtisch.“

Anders als mittlerweile bei vielen Behörden waren die einzelnen Türen noch nicht mit elektronischen Schlössern gesichert, sondern mit normalen Schlössern. Meyer ging zum Schlüsselkasten, nahm den Schlüssel von Basts Büro und begab sich dort hin. Wie erhofft, lagen die Akten von Hartmann und Dietmann auf einem der vielen Aktenböcke, also schnappte sich Meyer die Ermittlungsakten von Hartmann bezüglich des Unfalls von Zaun und begann zu lesen. Nach Aktenlage schien Hartmann seine Arbeit ganz gut zu machen, bis Meyer auf ein Untersuchungsergebnis des Labors stieß, indem festgestellt wurde, dass das Wasser-Seifen-Gemisch auf der Treppe exakt dem in der Badewanne entsprach! „Scheiße!“, fluchte Meyer, dem klar war, dass einer der Berichte gefälscht sein musste, und er musste gar nicht lange überlegen, welcher Bericht das war!

Drei Politiker sterben bei Unfällen und Gewinner dieser Unfälle ist genau der Mann, der die Ermittler einsetzt, die für ihn Ergebnisse und Berichte fälschen!

Meyers Gedanken überschlugen sich. Warum hatte Hartmann einen Laborbericht gefälscht und dann im Nachhinein doch eine richtige Untersuchung durchführen lassen? Es dauerte bis weit nach Mitternacht, bis sich Meyer die wahrscheinlichste Antwort offenbarte.

Trommer hatte bei den Unfällen von Bock, Zaun und Baumann seine Finger im Spiel. Als der zuständige Generalstaatsanwalt beauftragte er Hartmann und Dietmann, seine Kettenhunde, die Todesfälle zu untersuchen, und die stellten genau das fest, was Trommer ihnen sagte. Tod durch Unfall! Doch zumindest Hartmann hatte sich einen Trumpf gesichert und ein weiteres Gutachten in Arbeit gegeben, das Trommer tief in Bredouille bringen könnte. Sehr wahrscheinlich wollte Hartmann von Trommer ein paar Extras haben, vermutlich wollte er ihn erpressen, doch dieser hatte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Hartmann und Dietmann hatten die Akten geschrieben, die er wollte, die Fälle waren abgeschlossen, und seine Helfer und Mitwisser mussten sterben.

Nur hatte der Mörder der zwei Idioten Mist gebaut und der vermeintliche Unfall von Hartmann und Dietmann wurde entlarvt. Dass er selbst davon wusste, lag einzig und allein an der Tatsache, dass er an dem Wochenende des Mordes diensthabender Abteilungsleiter und somit zuständig war, bis der Fall Bast zugeteilt wurde.

„Was zum Teufel tue ich jetzt?“, fragte sich Meyer und gab sich gleich die Antwort. Wenn er Bast den Bericht gab, würde der sicher annehmen, dass er herumgeschnüffelt hatte und Trommer unterrichten, also steckte Meyer den Bericht wieder ein. Vielleicht brauchte er ja selbst irgendwann ein Ass, mit dem er gegen Trommer vorgehen konnte.

Auf dem Rückweg ließ sich Meyer noch einmal alle Fakten durch den Kopf gehen und fragte sich, ob er vielleicht Gespenster sah. Ein Generalstaatsanwalt, der drei Politiker und zwei Polizisten umbringen ließ, nur um Karriere zu machen? So etwas gab’s doch nicht hier in Deutschland oder etwa doch?

 

***

 

Parteiausschluss

„Rüstiger Rentner verprügelt PfR-Schläger!“, donnerte Gerhard Trommer auf einer weiteren Pressekonferenz, bei der er dieses Mal nicht als Generalstaatsanwalt, sondern als frisch gebackener Landesvorsitzender der PfR teilnahm und schlug mit der flachen Hand auf die Zeitung vor sich. „Das ist eine Schande! Eine Schande für die PfR und eine Schande für jeden Bürger, der uns sein Vertrauen schenkt. Ab sofort werde ich alle Maßnahmen ergreifen, die eine Wiederholung dieser schändlichen Vorfälle verhindern werden!“

Wie schon bei der letzten Pressekonferenz platzte der Saal aus allen Nähten, denn Trommer selbst hatte dafür gesorgt, dass möglichst viele Journalisten anwesend waren. Mit dabei und selbstverständlich in der ersten Reihe war Fransiska Haufberger, die auch sofort das Wort ergriff. „Was werden das für Maßnahmen sein?“

„Bevor ich dazu komme, möchte ich mich bei den Herrschaften entschuldigen, die von den verwirrten Demonstranten angegangen wurden. Es tut mir sehr leid, dass diese Kerle sie bedrohten und das auch noch im Namen unserer Partei! Als Vorsitzender der PfR distanziere ich mich ausdrücklich davon und bitte sie um Verzeihung.“

„Herr Generalstaatsanwalt…“

„Bitte Fransiska, ich bin nicht als solcher hier, sondern in meiner Eigenschaft als Parteivorsitzender.“

„Selbstverständlich“, lächelte diese. „Herr Trommer, es ist leider kein Geheimnis, dass es rechte Tendenzen in der PfR gibt und dass solche, ich nenne sie einmal Chaoten, in der PfR ihre Heimat gefunden haben. Was gedenken Sie dagegen zu tun?“

„Als erstes möchte ich klarstellen, dass für rechte Tendenzen in der PfR kein Platz mehr ist! Wir sind eine bürgerliche Partei, eine Partei, die jede Herkunft, Religion oder Hautfarbe toleriert! Wem das nicht passt, hat in der PfR nichts zu suchen! Und jeder, der glaubt im Namen dieser Partei eine Straftat begehen zu können, der wird rigoros ausgeschlossen!“

„Sie verurteilen also nicht die Demonstration als solche?“

„Natürlich nicht! Die Menschen dürfen auf die Straße gehen, um ihre Meinung kundzutun. Doch wer für die PfR auf die Straße geht, der muss auch die Meinung der PfR teilen, nämlich dass wir alle Menschen dieses Landes brauchen, wenn wir eine stabile Regierung haben wollen, die für Wohlstand und Frieden steht.“

„Wenn Sie dieses Programm umsetzen, wird das sicher dazu führen, dass Sie sehr viele Wähler verlieren werden.“

„Das ist mir bewusst, doch ich hoffe, dafür mehr Wähler zu gewinnen als zu verlieren.“

 

***

 

Tel Aviv – Mobilmachung

„Was meinst du?“, fragte Dagan, der sich mit Lem die live übertragene Pressekonferenz anschaute.

„Eines ist doch wohl klar“, brummte Lem, „die Fragen dieser Haufberger sind mit Trommer abgesprochen. Die zwei arbeiten zusammen und Haufberger rückt ihn in das Licht, dass er möchte. Hast du gehört: <In meiner Partei!>? Mit dem Typ werden wir noch unsere Freude haben.“

„Meinst du, er macht ernst, was das Rauswerfen der Rechten angeht?“

„Wahrscheinlich schon. Er entschuldigt sich bei den Rentnern, so etwas kommt immer an, besonders wenn man sich vor Augen führt, dass die Rentner die größte Wählergruppe in Deutschland stellen. Viele von denen haben die PfR wegen Zaun oder Bock nicht gewählt, aber jetzt unter Trommer bleibt die Frage, ob er sein Programm auch durchzieht.“

„Wir werden es bald wissen. Caroline ist in Mainstadt angekommen und Levi ist auch schon auf seinen Posten.“

„Was machen MacFroody und die CIA?“

„Die CIA ist ebenfalls da und MacFroody sicher auch schon. David, du schnappst dir Ariel, Ronni sowie Team 6 und setzt sie in Bereitschaft. Ich will, dass das Team unter deiner Führung in wenigen Stunden vor Ort sein kann.“

„Geht klar.“

 

***

 

Der Abschied

Hand in Hand schlenderte ich mit Vera und Sarah durch den Stadtpark.

„Ich will unsere letzten gemeinsamen Stunden nicht hier verbringen“, hatte uns Vera mitgeteilt, „lasst uns draußen etwas unternehmen.“

Während der letzten Tage hatten die beiden schon fast ihre ganzen Sachen in ihr neues Zuhause transportieren lassen. Lediglich ihr Handgepäck und zwei kleine Koffer blieben noch übrig und die lagen schon im Kofferraum von Veras Wagen.

Heute hieß es Abschied nehmen. Auch wenn die zwei nur an das andere Ende der Stadt zogen, würden wir uns doch eine ganze Weile nicht sehen, denn wegen Trommer wollten wir jeden Kontakt zueinander vermeiden.

„Gehen wir doch im Park spazieren“, schlug Sarah vor und wir nahmen den Vorschlag mit Begeisterung auf. Als wir zum Parkplatz gingen, fuhr Hannes gerade zu seinem Benefizspiel los und winkte uns zu. „He, ihr zwei, seid ihr später gegen 20 Uhr noch da?“

„Leider nein, wir müssen noch eine Menge in der neuen Wohnung erledigen.“

„Schade“, brummte Hannes, stieg in seinem roten Trikot aus und umarmte die beiden nacheinander. „Ich vermiss euch jetzt schon. Aber ich denke, man sieht sich irgendwann wieder.“

„Bestimmt, mein Großer. Pass mir auf den da auf“, lächelte Vera und zeigte auf mich.

„Keine Sorge, der halben Portion passiert schon nichts, solange ich in seiner Nähe bin.“

„Gut zu wissen, mein Freund“, Vera gab ihm einen dicken Kuss und Sarah schloss sich an. In der Stadtmitte schlenderten wir zwischen den anderen Menschen durch und genossen unsere letzten gemeinsamen Minuten. Wie verliebte Teenager hielten Vera und Beate Händchen. Nein, korrigierte ich mich immer wieder, Vera und Sarah. Verdammt, ich hätte nie geglaubt, dass es mir so schwerfallen würde, die beiden ziehen zu lassen.

Unsere Beziehung, die als „ganz normale“ Einlieferung einer Gefangenen begann, hatte sich zu einer heißen Dreierbeziehung entwickelt, bei der kein Wunsch offenblieb. Besonders im Bett war es ein einmaliges Erlebnis gleich zwei Sklavinnen zu haben, die einen so richtig verwöhnten. Tja, und das alles war in wenigen Augenblicken vorbei.

„Einen Augenblick, Liebes“, Vera nahm mich an die Hand und zog mich etwas zur Seite.

„Danke, danke für alles.“

„Schon ok. Passt auf euch und besonders auf Sarah auf. Du musst ein Auge auf sie halten, denn so ein Coup gelingt nur ein einziges Mal im Leben. Sarah wird bei der einen oder anderen Situation an ihre Grenzen stoßen, hilf ihr, diese zu überwinden und halte die Bestie in ihr zurück.“

„Mach ich. Du kannst dich auf mich verlassen.“

„Ich weiß. Es war eine schöne Zeit mit dir. Und auch eine schöne Zeit mit euch.“

„Jetzt mach es nicht noch schlimmer, als es schon ist“, erwiderte sie und wischte sich weinend die Tränen weg. Auch Sarah kam nun dazu und weinte jetzt genauso wie Vera. „Ich liebe dich Peter. Danke.“

„Schon gut, das reicht. Haut endlich ab!“

Vera und Sarah liefen zusammen ein paar Meter, dann drehten sie sich ein letztes Mal um, winkten mir zu und liefen Hand in Hand in Richtung Parkplatz.

Zum tausendsten Mal fragte ich mich, ob ich begann, weich zu werden. Nein, nicht weich, sondern einsam. Niedergeschlagen machte ich mich auf den Rückweg zum Gefängnis und um den Kopf wieder frei zu bekommen, konzentrierte ich mich auf die kommenden Tage, denn das Problem Trommer würde sich nicht von allein lösen.

 

***

 

Das Unglück

Während ich in Gedanken versunken in Richtung Parkplatz zurückging, fielen mir irgendwann die vielen Martinshörner auf, die aus allen Richtungen zu kommen schienen. Anfangs hörte ich ein paar Rettungswagen, die am Park vorbeirauschten, dann folgten mehrere Streifenwagen.

„Wahrscheinlich ein Unfall“, dachte ich. Gerade die in der Nähe befindliche Unterführung zur Autobahn war ein Magnet für Idioten, die sich und ihre Fahrkünste überschätzten, da gab es beinahe jede Woche einen Einsatz von Rettungskräften. Dann dachte mir aber nichts weiter dabei, schließlich hatte ich selbst genug Probleme.

Kurze Zeit später brausten auch noch Feuerwehrwagen an mir vorbei und es wurden immer mehr. Zwischen dem An- und Abschwellen der Martinshörner hörte ich die Sirenen heulen.

„Dass es das noch im Zeitalter digitaler Alarmsysteme gibt“, dachte ich. „Es muss wohl ein ziemlich großer Unfall sein.“ Wie zur Bestätigung kamen LKWs, Transporter und andere Fahrzeuge des THW, DRK und jeder Rettungsorganisation der Stadt an mir vorbei und alle rasten in dieselbe Richtung!

Als ich in mein Auto stieg, kreisten schon mehrere Hubschrauber in der Luft und die Fahrt zurück zur JVA führte von einer Straßensperrung zur nächsten.

„Was ist denn los?“, fragte ich einen Polizisten, der mich an einer Kreuzung stoppte, um mehrere Einsatzwagen der Feuerwehr und des THW durchzulassen.

„Keine Ahnung, ich weiß nur, dass irgendetwas im Stadion passiert ist.“

„Wahrscheinlich haben die Amateure gewonnen“, brummte ich und erreichte nach einer Dreiviertelstunde unseren Parkplatz.

Ich stellte meinen Wagen ab, ging zur Schleuse und schaute freundlich in die Kamera. Normalerweise reichte das aus, um die Tür geöffnet zu bekommen, doch nichts geschah. Also drückte ich auf die Klingel und nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür. Ich schritt die 15 Meter bis zur zweiten Tür und musste erneut klingeln. Auch diese Tür öffnete sich und als ich mich umdrehte, sah ich, dass BEIDE Schleusentüren offenstanden.

„Wow“, fuhr es mir durch den Kopf, „wenn das Decker sieht, wird es aber einen Einlauf geben!“ Dann trat ich von der Tür weg und hämmerte gegen das Glasfenster. „Die Türen stehen beide offen!“

Mir stockte der Atem, als ich erkannte, wer in der Pforte stand! Es war Decker, der sich umdrehte und die Türen per Knopfdruck schloss, während weitere Kollegen um ihn herumstanden. „DECKER!?“

Ich holte meinen Generalschlüssel aus der Tasche, schloss die Tür zur Pforte auf und trat ein. Decker lief mit seinem Handy in der Hand hin und her. Der Rest der Mannschaft hatte sich an einem Laptop versammelt.

„Randy“, rief Decker in das Telefon, „es ist mir völlig egal, ob es legal ist oder nicht, versuche ihn zu erreichen!“

„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte ich Johann, der mit den anderen auf den Bildschirm starrte.

Er schaute kurz auf und zeigte auf den Laptop. Darauf sah ich Luftaufnahmen wie aus einem Kriegsgebiet: Rauch, Staub und jede Menge Blaulichter.

„Wo ist das?“

„Das Stadion. Die Tribüne ist eingestürzt!“

Bevor ich weitere Fragen stellen konnte, tönte Deckers Stimme durch den Raum. „Hannes! Ist dir was passiert? Was ist mit Gratzweiler? … Verdammt… verstehe… klar… verstanden… passt auf euch auf!“

Er legte das Handy hin und rieb sich erleichtert die Stirn, bis er bemerkte, dass wir ihn alle ansahen. „Es ist, wie sie es im Radio gesagt haben. Die ganze Westtribüne ist eingestürzt. Hannes und Gratzweiler waren gerade auf dem Spielfeld, ihnen ist nichts passiert. Sie bleiben vor Ort und unterstützen die Rettungskräfte.“

„Meine Güte! Gibt es Tote?“, fragte Johann.

„Eine ganze Menge… Und das wird erst der Anfang sein.“

„Der Anfang? Wovon?“, fragte ich ihn.

„Das wird eine Hexenjagd geben und wir alle werden eine Menge Arbeit bekommen!“

 

***

 

Hexenjagd

Decker sollte Recht behalten. Hexenjagd war eine sehr treffende Bezeichnung für all das, was folgen sollte. Die Katastrophe im Stadion brachte die Volksseele zum Kochen, da vierundachtzig Menschen beim Einsturz der Westtribüne ums Leben kamen.

Besonders schlimm war, dass es sich nicht einfach eine normale Sportveranstaltung gehandelt hatte, sondern um ein Benefizspiel. Die Veranstalter hatte kräftig die Werbetrommel gerührt, um der gebeutelten Familie zu helfen. Das Stadion war daher komplett ausverkauft und als die Tribüne einstürzte, waren viele der Opfer junge Eltern und Kinder.

Die Presse, allen voran die großen Boulevardblätter, lieferten die passenden Bilder und Berichte und schon einen Tag später ging ein Aufschrei durch das Land. Schuldige wurden gesucht und schnell gefunden. Vom Würstchenverkäufer bis zum Präsidenten des Bundesligisten standen alle unter Verdacht und es kam zu Übergriffen.

Um eine Lynchjustiz zu unterbinden, musste hart durchgegriffen werden. Denn nach gerade einmal drei Tagen, während die Untersuchungen noch in der Anfangsphase steckten, füllte sich unsere JVA mit Menschen, die selbst für Recht und Ordnung sorgen wollten. Ein besonders schrecklicher Fall von Selbstjustiz ereignete sich, als eine Gruppe von drei Männern das Auto des Sicherheitschefs des Stadions anzündete.

Das Schlimme daran war, dass dieser noch zusammen mit seiner Frau und ihren beiden Kindern im Auto saßen und alle dabei umkamen. Das war der Moment, an dem Generalstaatsanwalt Trommer eingriff!

Sofort wurden die drei Männer verhaftet und medienwirksam in einem Schnellprozess verurteilt. Diese Warnung saß! Es gab zwar noch Anfeindungen gegen verschiedene Personen, doch die blieben meistens verbal.

Allerdings war auch Trommer klar, dass es eine harte Reaktion der Justiz geben musste und so setzte er eine Sondergruppe ein, die die wirklichen Schuldigen ausfindig machen sollte.

Eine weitere Besonderheit ereignete sich zu diesem Zeitpunkt. Wahrscheinlich fiel nur mir es auf, da ich Trommer ständig misstrauisch beobachtete.

Fransiska Haufberger, die sich bei den Bildern und Berichten der Katastrophe sehr zurückgehalten hatte, schaltete sich erst nach einigen Tagen ein, als erste Ergebnisse vorlagen. Das Besondere aber war nicht die Berichterstattung, sondern dass Trommer in ihren Berichten sehr gut wegkam.

Wieder einmal nutzte Trommer die Stimme der Presse, um sich beim Volk beliebt zu machen. Er begann seine Stellung zu festigen, und ich nahm an, dass er erneut die Chance nutzen würde, um eine weitere Stufe der Karriereleiter zu erklimmen.

Sehr wirkungsvoll verzichtete Trommer darauf, die ersten Tage nach dem Unglück seine Meinung als Parteivorsitzender der PfR kundzutun. Während andere Parteien weniger Hemmungen hatten und aufeinander eindroschen, um sich zu profilieren, wobei die größte Schlammschlacht zwischen den beiden Regierungsparteien tobte, die sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschoben, lauerte Trommer mit der PfR im Hintergrund. Er wartete einfach ab, wer als angeschlagener Sieger vom Platz ging, um diesen dann zu erledigen. Das Volk wollte Blut sehen und Trommer, da war ich mir sicher, würde dem Volk das geben, was es wollte.

Für mich stellte sich die Frage, war das gut oder schlecht? Würde er seinen Aufstieg nicht gefährden und stillhalten oder würde er erst mich abschießen und dann…? Na ja, momentan hatte Trommer genug um die Ohren und kümmerte sich nicht selbst um mich, das überließ er anderen.

Während ich darüber nachdachte und versuchte, einige Akten zu bearbeiten, setzte sich Jessika zu mir. „Du hast morgen einen Anhörungstermin im Ministerium.“

„Was für eine Anhörung? Wieder ein Gutachten?“

„Nein, es geht um dich!“

„Beate?“, fragte ich ungläubig.

„Offiziell ist der Name nicht gefallen, aber ja, es geht um sie. Hör zu! Trommer wird es nicht hart auf hart kommen lassen. Nicht jetzt. Mach ihnen klar, dass sie dich sonst wo können.“

Ich musste lachen. „Ach Jessika… was würde ich ohne dich tun?“

„Untergehen!“, grinste sie. „Keine Angst, wir schaukeln das schon.“

 

***

 

Verwarnt

„Herr Stein, wir hätten ein paar Fragen an Sie.“

Ich saß zwei Männern und einer Frau gegenüber, die mich misstrauisch beobachteten. Auch wenn es sich nur um ein etwas größeres Büro handelte, ich saß da wie auf einer Anklagebank.

„Betreffen diese Fragen meine Person oder Handlungen meinerseits? Falls ja, würde ich das Heranziehen eines Rechtsbeistandes in Erwägung ziehen.“

„Nun, es betrifft die Vorgänge in der JVA, als Sie behaupteten, Beate Fischer wäre einer Messerattacke zum Opfer gefallen. Selbstverständlich steht es Ihnen frei, jederzeit einen Anwalt hinzuzuziehen.“

„Ach“, seufzte ich. „Was soll es? Schießen Sie los.“

„Wieso haben Sie vorgegeben, dass Frau Fischer starb?“

„Frau Fischer war als verurteilte Kindermörderin die Zielscheibe für Angriffe aller Art. Diese Übergriffe lassen sich im gelockerten Vollzug, auf den der damalige Oberstaatsanwalt Trommer bestand, nicht verhindern. Also haben wir dafür gesorgt, dass es keine weiteren Angriffe geben konnte.“

„Aber Sie haben die Leitung der JVA nicht über Ihr Vorhaben informiert, weder vor dem vermeintlichen Angriff noch danach?“

„Nein, ich wollte so wenig Mitwisser wie möglich.“

„Uns interessiert, wie es zu einer solchen Schlamperei kommen konnte! Es muss doch möglich sein, dass Insassen Ihrer JVA von den Beamten geschützt werden, ohne dass sie zum Schein sterben müssen!“

„Und mich interessiert, wieso mich niemand von euch auf meine unter Eid getätigte Aussage anspricht, in der ich im Prozess gegen die Strass erklärt hatte, dass Beate am 12 Juni gestorben war“, dachte ich. Die Antwort lag wohl auf der Hand. Dadurch, dass die Presse Beates „ersten Tod“ mehr als breitgetreten hatte, musste Trommer reagieren und einen kleinen Ausschuss bilden, der mit Sicherheit genau diese öffentliche Diskussion vermeiden sollte. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass der Hund vor mir keine Zähne hatte. Denn würde ich jetzt einen Anwalt hinzuziehen und erklären, dass diese Aussage mit Trommer abgesprochen war, käme der Ausschuss nicht daran vorbei, dem nachzugehen. Doch Trommer wusste auch genau, dass ich es nicht darauf anlegen und die Pille hier schlucken würde. Die Mistkerle hier würden mir einen bösen Finger zeigen, aber Trommer würde noch den Deckel auf der Sache lassen.

ABER! Das war die gute Nachricht dahinter, Trommer hatte keine Ahnung, dass ich ihn zweimal hereingelegt hatte. Wüsste er, dass Beate immer noch am Leben ist, würde ich in Handschellen hier sitzen. Also würde ich mitspielen…

„Selbst Profis wie mir unterlaufen Fehler. Allem Anschein nach hatte das Ganze größere Auswirkungen auf Frau Fischer, als ich dachte, was schließlich zu ihrem Suizid führte.“

„Sie geben also zu, dass Ihnen in dieser Sache ein grober Schnitzer unterlaufen ist?“

„Solange Sie es nicht „Vorsatz“ nennen, können Sie es bezeichnen, wie Sie wollen. Aber ja, ich habe es verbockt.“

„Dann bedanke ich mich für Ihre Bereitschaft, freiwillige Angaben zu machen, und bitte Sie einen Moment draußen zu warten“, warf mich der Vorsitzende des Ausschusses aus dem Zimmer. Also stand ich auf, verließ den Raum und nach weniger als 20 Minuten wurde ich wieder hereingebeten.

„Herr Stein, wir sind zu der Entscheidung gekommen, dass es durchaus menschlich ist, Fehler zu machen. Jedoch ist das Ausmaß dieses Fehlers hoch, denn immerhin nahm sich Frau Fischer das Leben. In Rücksprache mit Generalstaatsanwalt Trommer werden Sie hiermit offiziell gerügt. Die Rüge wird in Ihrer Personalakte vermerkt werden. Sie haben natürlich das Recht, gegen diese Entscheidung ein Rechtsmittel einzulegen.“

„Und ihr habt die Möglichkeit mich am Arsch zu lecken. Wenn ihr wüsstet…“, aber ich verkniff mir den Kommentar und sagte stattdessen: „Vergessen Sie den Einspruch. Machen Sie Ihren Eintrag und werden Sie glücklich damit. Sind wir fertig?“

 

***

 

Die Neue

Mit einer verdammt großen Wut im Bauch fuhr ich zurück zur JVA. Fast hätte ich einen roten Kleinwagen gerammt, als ich mit Schwung auf meinen Parkplatz zusteuerte und gerade noch rechtzeitig mein Auto zum Stehen brachte.

Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen! „So eine Scheiße!“, schimpfte ich lauthals los und sah eine gutaussehende Rothaarige, die aus einem Fenster der Verwaltungsgebäude auf mich heruntersah und sich darüber köstlich amüsierte.

Immer noch schimpfend suchte ich einen anderen Parkplatz, der natürlich am anderen Ende lag und ging zurück in mein Büro. Jessika war schon lange da und hatte mir den Schreibtisch voll mit Akten gepackt, aber mir auch eine Tasse Kaffee dazu gestellt.

Kaum saß ich am Tisch, die Tasse in der Hand, da wurde mir die Leere, die hier herrschte, erst richtig bewusst. Es war keine Vera mehr da… es war auch keine Vera da, die irgendwann im Laufe des Tages zu mir kommen und auch keine Sarah, die mit ihrem offenen Lachen hier vorbeisehen würde.

„Mir fehlen sie auch“, riss Jessika mich aus dem Grübeln, als sie sich ebenfalls mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu mir setzte.

„Was? Ah, die beiden. Egal, suche ich halt was Neues.“

„Schon klar, Bad-Man“, spottete sie. „Wie war die Anhörung?“

„Ich habe eine offizielle Rüge bekommen, sie geschluckt und ihnen gesagt, sie können mich mal.“

„Peter, ich bin stolz auf dich.“

„Wieso?“

„Du hast gelernt, wann es besser ist, den Mund zu halten, das war nicht immer so. Aber hier das Wichtigste für den heutigen Tag: Die Neue ist da und hat ihren Antrittsbesuch bei Frank absolviert, ihre Akte liegt auf dem Tisch. Bevor du zu ihr gehst, sollst du auch bei Frank vorbeischauen.“

„Die Neue?“

„Unsere neue Mitarbeiterin. Und ich meine UNSERE.“

„Was meinst du mit UNSERE?“

„Frank hat sie unserem Team zugeteilt.“

„Unser Team? Das Team besteht aus dir und mir!“

„Jetzt besteht das Team aus dir, mir und der Neuen.“

„Was habe ich Frank bloß angetan?!“

„Das fragst du nicht wirklich, oder?“

„Ach, Scheibenkleister! Na schön, ich werde mal bei ihm vorbeischauen.“

Ich holte die Akte von Miles und schaute sie noch durch, bevor ich in die Höhle des Löwen ging.

Caroline Miles, 32 Jahre, keine Familie. Soweit die Zahlen. Die letzten Jahre hatte sie auf einer Südseeinsel gearbeitet, deren Namen ich zweimal lesen musste. „So… Soule… Soulebda? Nie gehört! Wo zum Teufel liegt Soulebda?!“

„Eine Insel im Südpazifik.“

„War noch nie dort und werde sicher auch nie hinkommen“, brummte ich und las weiter. Das wichtigste war, Caroline Miles war fertig ausgebildet und brauchte sicher nur eine kurze Einarbeitungsphase. Gerade jetzt, wo Vera und Sarah weg waren, konnten wir etwas Unterstützung gebrauchen.

Decker schien Recht zu behalten, denn wenn man der Presse glauben konnte, würde Trommer in der Stadion-Katastrophe hart durchgreifen und uns eine Menge neuer Bewohner schicken, also war jede neue Kraft sehr willkommen. Auf dem letzten Blatt der Akte war ein Foto von Miles und unwillkürlich musste ich grinsen.

Das Bild in der Akte zeigte eine attraktive Frau mit rotem, lockigen Haar und grünen Augen, die einen leichten Graustich aufwiesen, und nicht so smaragdgrün wie die Augen von Beate waren. Doch auch wenn es ein typisches Bewerbungsfoto war, die Braut sah verdammt heiß aus.

„Stop“, sagte ich mir sofort, „gefällt sie dir nur, weil sie wie Vera und Sarah rothaarig ist, oder gefällt sie dir wirklich?“

Nein, Caroline Miles hatte zwar auch rote Haare und grüne Augen, doch das schien auch die einzige Gemeinsamkeit mit Vera oder Sarah zu sein. Ich versuchte Carolines Aussehen neutral zu bewerten und kam zu folgender Erkenntnis: Die Braut sah nicht gut aus. Nein, sie sah richtig geil aus!

Jessika, die mir zusah, während ich die Akte studierte, runzelte die Stirn, als ich sie zuklappte. „Was ist?“

„Sie ist keine Vera und auch keine Sarah!“

„Das weiß ich.“

„Ich erwähne es nur, weil ich dein Grinsen gesehen habe.“

„Ich habe nicht gegrinst.“

„Mir kannst du nichts vormachen, dazu kenne ich dich viel zu gut. Ich weiß nur zu genau, dass Caroline Miles genau dein Typ ist.“

„Ich gebe es ja zu, sie gefällt mir.“

„Das kann lustig werden“, seufzte Sie und schüttelte den Kopf. „Jetzt mach dich auf zu Frank, bevor er dich herbeizitiert!“

Seufzend kam ich Jessikas Aufforderung nach und machte mich auf den Weg zu Frank. Jessika hatte es erkannt. Caroline gefiel mir, doch irgendwie kam ich mir gegenüber Vera wie ein Verräter vor.

 

***

 

Eine Menge schlechter Neuigkeiten

„Eine Rüge?“, fragte Frank, der mit Sicherheit schon eine schriftliche Abschrift davon hatte.

„Ja.“

„Vergiss sie. Thekla hat sie, aus Versehen natürlich, in den Aktenvernichter gesteckt.“

„Danke. Aber ganz ehrlich… Frank, ich frage mich, wie lange ich den Job noch machen soll und ob ich dich nicht vielleicht um einen ruhigen Job in der Verwaltung bitten sollte. Dann wäre Trommer mich los und du würdest nicht zwischen die Fronten geraten.“

„Wenn du das in Erwägung ziehst, dann muss ich dir zum jetzigen Zeitpunkt eine Absage erteilen. In den nächsten Monaten wird einiges auf uns zukommen und ich kann dich jetzt nicht entbehren. Erstens muss Caroline Miles eingearbeitet werden, zum anderen bekomme ich nicht schon wieder Mittel, um eine neue Stelle zu besetzen. Je nachdem wie die Stadionsache ausgeht, können wir in ein paar Monaten wieder darüber sprechen.

„Gut. Ich gehe aber nicht davon aus, dass meine Wünsche der Grund für meine Anwesenheit sind.“

„Nein, ich hatte gerade das Vorstellungsgespräch mit der neuen Kollegin.“

„Caroline Miles?“

„Genau.“

„Und?“

„Sie ist keine Vera!“

„Himmel, fang du jetzt nicht auch noch an. Ich brauche kein Mitleid, weder von dir noch von sonst jemanden.“

„Ich will dich nicht bemitleiden, du Schwachkopf, ich will dich warnen.“

„Warnen? Wovor?“

„Vor ihr. Caroline Miles ist eine Killerin.“

„Könntest du Killerin etwas genauer beschreiben?“

„Was verstehst du denn daran nicht. Caroline Miles ist eine waschechte Henkerin, die schon eigene Urteile vollstreckt hat.“

„Das ist nicht dein Ernst?! Du kennst meine Einstellung zur Todesstrafe und verlangst von mir, auf eine Henkerin aufzupassen?“

„Die kann auf sich selbst aufpassen, du sollst sie nur einarbeiten! Irgendwelche Differenzen bezüglich eurer Weltanschauungen macht ihr gefälligst untereinander aus, und zwar so, dass es den Dienstbetrieb nicht beeinflusst. Denn wenn es das tut, werde ich euch meine Einstellung dazu zeigen! Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Ja, verdammt.“

„Sehr gut! Und noch etwas! Caroline Miles wird sich dir nicht einfach unterordnen, diese Frau ist ein Alpha-Weibchen und du bist da… nennen wir es mal so… wenig flexibel.“

Da musste ich auflachen. „Ok, ich werde mich bemühen, sie nicht gleich bei der ersten Gelegenheit umzubringen.“

„Die erste Gelegenheit, wirst du gleich haben. Ihr werdet auf Trommers Wunsch gemeinsam an einem Termin mit ihm teilnehmen.“

„Ein Termin mit Trommer?“

„Offiziell geht es um die zu erwartenden Urteile in der Stadion-Katastrophe, aber in dem Termin wird es noch um mehr gehen. Besonders im Anschluss daran.“

Ich schaute ihn an und hob fragend die Augenbrauen.

„Du bist nicht der Einzige, der Informanten hat. Caroline Miles wird im Anschluss noch ein Einzelgespräch mit unserem Generalstaatsanwalt haben, bei dem es um dich gehen wird.“

„Um mich?“

„Er wird sie beauftragen, dich im Auge zu behalten.“

„Warum sollte Trommer das tun?“

„Das weißt du genau. Es hat genug Gerüchte über Beate gegeben. Warum glaubst du denn, ist er bei dir aufgetaucht und wollte Beate selbst „entlassen“? Warum hat er dir durch den Ausschuss klar gemacht, dass er dich beobachtet? Er kann dir zwar nichts nachweisen, aber er traut dir auch nicht. Für ihn ist Caroline ein Geschenk. Sie kommt von außerhalb und hat keine Verbindungen zu irgendeinem von uns. Tu dir selbst einen Gefallen und mach dir Trommer nicht noch mehr zum Feind und sei nett zu Caroline.“

„Ich werde mein Bestes geben“, knurrte ich mürrisch, „noch etwas, dass ich wissen sollte?“

„Ja, und das hat es in sich!“ Er griff zum Telefon, und wählte eine Nummer. „Du kannst kommen.“ sagte er nur und legte auf. Eine Minute später erschien Mike von der Presseabteilung. „Hallo, Bad-Man. Na, wie ist das Single-Leben?“

„Könnte kurz sein, da ich einfahren könnte, weil ich einen Pressefuzzi erschlagen habe.“

Mike grinste nur breit und setzte sich. „Sagt dir der Name Fransiska Haufberger etwas?“

„Haufberger… Ja, und ob mir das etwas sagt. Sie ist doch die Pressetante, die Trommer so in den Himmel lobt.“

„Nicht nur das, sie ist auch Reporterin beim ACP. Ihre Spezialgebiete sind unter anderem Korruption und behördeninterne Schweinereien. Nach dem Brandanschlag mit den zwei Toten hat Trommer sie zu sich gerufen und arbeitet seitdem mit ihr zusammen. Sie treffen sich regelmäßig und tauschen sich untereinander aus. Und der Austausch verläuft sehr intensiv …“

„Du willst sagen, die Beiden haben was miteinander?“

„Offiziell bestätigen das weder Trommer noch Haufberger. Aber es ist durchaus möglich, denn es kam nie ein Wort der Kritik an Trommers Person in die Zeitung. Die Prozesse in der Stadionsache gegen die Baufirma und andere Beteiligte werden bald losgehen und wir alle wissen, wie die enden werden. Du und Richard werdet viel Arbeit bekommen. Fransiska wird euch dabei über die Schulter sehen, damit Trommer der ganzen Welt zeigen kann, wie konsequent die Justiz arbeitet.“

„Und dabei seine verseuchte Partei für die nächste Wahl in Stellung bringen mit freundlicher Unterstützung des ACP.“

„Du bist gut, schon mal überlegt, Politiker zu werden?“

Das konnte ja heiter werden. Meine zwei Frauen weg, kein Parkplatz, eine Henkerin als neue Kollegin, die damit Probleme hatte, sich unterzuordnen und mich zu allem Übel auch noch bespitzeln sollte, und eine Reporterin, die mit dem Generalstaatsanwalt was laufen hatte, der mich abschießen wollte. Kann der Tag denn noch besser werden?

Ja! Frank legte tatsächlich noch einen drauf! „Übrigens, Decker hat mir unter Zwang berichtet, dass du die letzten Termine für die Selbstverteidigung geschwänzt hast. Du weißt, was ich davon halte, ab jetzt kein Schwänzen mehr, klar?!“

„Klar.“

„Dann los, ab mit dir, damit unser hochgeschätzter Generalstaatsanwalt nicht warten muss.“

„Wieso glaube ich bloß, dass dir das hier Spaß macht?“

„Tja, du kannst auf dem Weg zu Trommer ja mal darüber nachdenken“, grinste Frank und warf mich aus seinem Büro heraus.

Auf den Weg in die Empfangshalle ließ ich mir noch einmal die ganzen Informationen durch den Kopf gehen, und ich nahm mir fest vor, es mir mit Caroline Miles nicht schon gleich zu Beginn zu verscherzen. Irgendwie erschien es mir wichtig, mit Caroline klar zu kommen. Doch gleichzeitig musste ich auf der Hut sein… Sie durfte nie hinter Beates Geheimnis kommen, schon gar nicht, wenn sie für Trommer spionieren sollte.

„Bleib cool und sei nett“, versuchte mich zu beruhigen. Wenn die Infos über Caroline tatsächlich stimmten, würde sie Trommer kaum nach dem Mund reden oder sich bei ihm einschleimen. Ich erreichte die Halle und fragte die diensthabende Beamtin, ob Caroline schon da wäre.

Die zeigte auf eine wartende Frau und ich erkannte die Rothaarige, die sich über meinen geklauten Parkplatz köstlich amüsiert hatte.

„War ja klar“, stöhnte ich innerlich auf, „egal, bleib freundlich.“

Ich seufzte noch einmal und setzte mein freundlichstes Lächeln auf, als ich auf sie zuging.

 

***

 

Teil 2 – Caroline

Justizministerium Mainstadt

„Caroline Miles? Ich bin Peter Stein, der Glückliche, der Sie im Namen unserer Leitung der JVA begrüßen darf. Willkommen in unserem kleinen Reich.“

Caroline war aufgestanden und musterte mich kühl, von oben bis unten, während sie meine Hand mit einem erstaunlichen Druck ergriff. Nichts hasste ich mehr als die Hand eines „toten Fischs“ zu schütteln, sprich, wenn mir jemand schlaff die Hand hinhielt, aber Carolines Händedruck war kräftig und selbstsicher. Frank hatte Recht, Caroline Miles hatte die Augen einer Killerin und diese Augen musterten mich kalt.

„Wow, was für eine Frau“, fuhr es mir durch den Kopf. Caroline war genau so groß wie ich, schlank, aber nicht dünn, mit Kurven an den richtigen Stellen. Sport war für sie bestimmt kein Fremdwort, sie war durchtrainiert und hatte trotz ihrer deutlich sichtbaren Oberweite einen drahtigen Körper.

Die gelockten Haare waren feuerrot und hingen über die Schultern hinab und nicht einmal Sarah kam an dieses Feuerrot heran.

Bekleidet war Caroline mit einem kurzen Rock sowie einer feschen Bluse und dazu elegante, aber bequeme Schuhe.

Alles in allem war sie eine Frau, die jedem Mann den Kopf verdrehen konnte.

„Genug gesehen?“, fragte sie bissig und riss mich aus meinen Gedanken, was mich zum Grinsen brachte. „Ich weiß nicht, ich könnte durchaus noch etwas länger hinsehen.“ Das brachte mir einen sehr finsteren Blick ein.

„Wir sollten gehen. Generalstaatsanwalt Trommer hasst es, wenn man zu spät kommt“, meinte ich. Dann schob ich freundlich hinterher: „Vielleicht können wir uns auf dem Weg zu ihm ja noch etwas besser kennen lernen“.

„Sie scheinen was Zuspätkommen betrifft, weniger Hemmungen zu haben, Sie sollten bereits vor einer Viertelstunde da sein“, tadelte sie mich. Das stellte meinen guten Vorsatz schon nach einer Minute auf eine harte Probe, alles zu versuchen, um mit Miles gut auszukommen. Doch ich atmete tief durch, blieb freundlich und sagte: „Dafür muss ich mich entschuldigen, aber da steht jemand auf meinem Parkplatz und ich musste mir erst einen anderen freien Platz suchen“. Dann wies ich freundlich in Richtung der Fahrstühle.

„Eine gute Ausrede hat noch nie geschadet“, antwortete sie, ohne eine Miene zu verziehen. Sie ging in Richtung der Fahrstühle. Als sie sich umdrehte, sah ich, dass sie sich neu eingekleidet hatte, denn auf ihrem Rücken hing noch ein kleines Preisschild. Ganz der Gentleman entfernte ich es, ohne sie darauf hinzuweisen.

„Bad-man, das wird nicht einfach!“, seufzte ich innerlich.

 

***

 

Der neue Start

Fünf lange Jahre war ich dem Inselstaat Soulebda als staatliche Henkerin verpflichtet gewesen, aber jetzt war es Zeit, eine andere Gegend zu besuchen, denn mein „Onkelchen“ hatte gleich drei Aufträge für mich.

Zuerst sollte ich einen Politiker überprüfen, der sich mit Hilfe einer sehr rechtsorientierten Partei an die Spitze schob. Meine Aufgabe bestand darin, zu prüfen, ob er die Partei zum Aufstieg nutzte oder ob er auch deren Ansichten teilte.

Zweitens sollte ich einen durchgeknallten ehemaligen CIA-Direktor nach Deutschland locken, damit dieser aus dem Verkehr gezogen wurde. Und daran, dass ich das beste Lockmittel war, bestand kein Zweifel. Allister MacFroody III wollte meinen Tod mehr als alles andere auf der Welt, denn ich war die Henkerin seiner beiden verkommenen Söhne gewesen.

Meine dritte Aufgabe war sehr heikel. Hier in Deutschland hielt sich Pierre Cardin, der alte Franzose, auf. Ein Söldner, der meinen Verlobten ermordet hatte! Ihn und seine Truppe auszuschalten, war bei dieser Aufgabe mein wichtigstes Ziel!

Doch weder Cardin noch MacFroody würden sich auf einen Kampf auf heimischen Territorium einlassen, also musste das Finale auf fremden Boden stattfinden. Warum aber hier in Mainstadt? Diese Frage hatte ich Dagan gestellt, doch eine Antwort hatte ich nicht bekommen. Er hatte lediglich durchblicken lassen, dass er hier in Mainstadt ein Ass im Ärmel stecken hatte, oder besser gesagt zwei Asse, denn die einzigen Hinweise waren der Leiter der JVA Brauer und sein Sicherheitschef Decker.

Dann eben Mainstadt… dieses Mal halt kein Sonnenbad, aber auch keine Mückenschwärme, die dir das Blut aus den Armen saugen und keine Tausendfüßler in Zigarrengröße.

Drei Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen, war selbst für mich nicht alltäglich und erforderte meine ganze Konzentration. Ehe es zum Vorstellungsgespräch ging, musste ich mich noch neu einkleiden, denn irgendwie waren meine Koffer auf dem Weg nach Ulan Bator umgeleitet worden. Ob ich diese jemals wiedersehen würde, war mehr als fraglich. Nach dem Einkaufstrip ging es dann endlich zur Verwaltung meines zukünftigen Arbeitgebers Frank Brauer.

Dichter Verkehr und Parkplatzmangel sollten wohl ab sofort zum Standard gehören, aber einen schönen Platz fand ich dann dennoch, stellte meinen gemieteten Mini Cooper ab und ich wurde im Eingangsbereich freundlich empfangen. Da ich etwas zu früh war, wartete ich in einer Sitzgruppe und entfernte noch eben zwei Preisschilder an meiner neuen Kleidung, die ich übersehen hatte. Dann schlenderte ich zum Fenster, dort fiel mir ein attraktiver Mann mittleren Alters auf, der sich aus seinem Wagen heraus lautstark über die Unsitte der Parkplatzräuberei ausließ, offenbar hatte es sich ein Besucher erlaubt, auf seinem doch deutlich ausgeschilderten Privatparkplatz zu parken. Dass ich mich darüber amüsierte, fiel ihm offenbar auf, und der Blick, den ich erntete, war recht böse.

Noch bevor ich in Frank Brauers Büro stand, bemerkte ich, dass hier nicht die typische Amtsatmosphäre herrschte. Ein Wachbeamter brachte mich in das Vorzimmer, wo mich eine nette Frau zu Brauer ließ, der mich freundlich empfing.

Das war also der Mann bzw. einer der Männer, die einmal mein Land vor großem Schaden bewahrt hatten! Er war einen halben Kopf größer als ich, hatte eine schmale, durchtrainierte Figur und helle, wache und intelligente Augen, die alles um ihn herum zu erfassen schienen. Dieser Mann strahlte eiserne Härte und großes Vertrauen gleichzeitig aus und ob ich es wollte oder nicht, ich fühlte mich in seiner Gegenwart sofort sicher und geborgen.

„Hallo, Frau Miles,“ lächelte er mich an.

„Caroline, bitte.“

„Hallo, Caroline“, grinste Brauer nun breit, „ich bin Frank, herzlich willkommen in Mainstadt.“

„Caroline, ich kenne Ihr Onkelchen sehr gut. Ich weiß, welche Aufträge Sie haben, und kenne die Risiken und Gefahren. Das mit Ihrem Verlobten tut mir sehr leid… ich weiß, das macht es nicht besser. Wenn Sie Hilfe brauchen, zögern Sie nicht, sich an mich oder Wolfgang zu wenden. Nun zu Ihrem ersten Auftrag, wenn Sie nachher ins Ministerium fahren, werden Sie einen meiner Beamten treffen. Sein Name ist Peter Stein, mit ihm werden Sie die nächste Zeit zusammenarbeiten. Warum es Peter ist, wird Ihnen klar sein, nachdem Sie mit Trommer geredet haben. Was Peter betrifft… lassen Sie ihn bitte am Leben, ich brauche ich noch.“

Mir war etwas unwohl, dass dieser Mann alles über mich wusste, während ich außer seinem Namen keine Ahnung von ihm hatte. Dennoch riet mir eine innere Stimme, diesem Mann zu vertrauen.

Nach meinem Vorstellungsgespräch sollte ich mit diesem Peter Stein zum Ministerium fahren, um den ersten Kontakt zu Gerhard Trommer herzustellen, den Politiker, den ich im Augen behalten sollte. Ich wartete wieder im Empfangsbereich, als der Mann hereinkam, der sich über seinen besetzten Parkplatz so echauffiert hatte.

Er sprach mit der Empfangsdame und sie zeigte auf mich, dann kam er direkt und recht forsch auf mich zu und stellte sich als Peter Stein vor. Das war also mein avisierter Gesprächspartner für heute.

Er entschuldigte sich für die Verspätung, aber irgendein Unmensch hätte sich doch tatsächlich auf seinen Mitarbeiterparkplatz gestellt und so musste er irgendwo, ganz weit weg einen anderen suchen. Auf dem Weg zum Aufzug zeigte er auf meinen Mietwagen und identifizierte ihn als den Übeltäter.

Ich stellte mich Peter als Caroline Miles vor und dabei gleich klar, dass ich nicht die CEO von Save-the-Children sei, sondern dass diese Frau nur den Namen mit mir teilte. Peter musterte mich aber sehr genau, so als ob ich für ein Casting angereist sei, und er versteckte seine Blicke keineswegs. Selbstsicher war er also auf jeden Fall.

„Habt ihr hier keine Parkplatzordner?“, wollte ich wissen und zeigte nach draußen. „Hier stehen auf den Gästeparkplätzen Fahrzeuge quer über zwei Flächen und blockieren diese für Gäste, da kann es rasch zu Überraschungen kommen.“ Dabei zog ich meine linke Augenbraue leicht hoch.

An seinem Blick war zu erkennen, dass Peter bereits grübelte, ob ich es ernst meinte oder ihn hochnahm. Ich war am überlegen, ob ich es wagen sollte, mal zu sehen, wie weit ich gehen konnte, doch ich entschied mich, es nicht gleich zu Beginn zu übertreiben.

Im Aufzug sah ich in den verspiegelnden Flächen, dass er an meinem Jackett offenbar noch ein Preisschild löste, das ich übersehen hatte. Ohne einen Ton zu sagen, löste er es ab. Es steckte offenbar doch ein Gentleman tief in ihm. Der Aufzug hielt in einem Zwischenstockwerk, einige Männer stiegen hinzu und ein junger Mann sprach Peter gleich an.

„Hey, Bad-Man, hast du die rothaarige Klassebraut gesehen, die sich auf deinen Parkplatz gestellt hat? Die war ja mal so was von scharf und…“ Da sah er erst mich, stotterte kurz, lief knallrot an und schwieg augenblicklich. Sein Blick blieb allerdings auf mir ruhen und er musterte mich. Irgendwie war der Junge süß. Sein knallrotes Gesicht hatte etwas Jungenhaftes und wurde noch röter, als ich ihn länger anblickte, dann sah ich zu Peter und sagte: „So viel zum Thema Parkplatzordnung.“ Ein leichtes Grinsen zeigte sich in Peters Gesicht. Na, wenigstens hatte er Humor…

„Batman?“ fragte ich ihn. „Der schwarze Ritter von Gotham?“.

„Nein, Bad-Man…der böse Kerl aus dem Knast“, antwortet er, ohne jedoch näher darauf einzugehen.

Einige Etagen später stieg der junge Mann aus und musterte mich nochmals komplett, bis sich endlich die Tür schloss.

Auf dem Parkplatz angekommen, drehte sich Peter zu mir um und meinte: „Sie können mit mir mitfahren.“ Dann grinste er und sagte: „Sie müssen sich halt gedulden, bis ich vom anderen Ende der Welt wieder auftauche …“

 

***

 

Neue Anweisungen

Peter fuhr sehr moderat und nach kurzer Zeit tauchte auch schon das graue Gebäude des Justizministeriums vor uns auf. Dort gab es glücklicherweise eine Tiefgarage für Besucher, so dass Peter nicht erneut um einen Parkplatz kämpfen musste.

Wir begaben uns zum Aufzug und meldeten uns am Empfang im Erdgeschoss an. Die Dame trug unsere Namen in eine Liste ein und lächelte Peter dann an: „Herr Stein, ich denke, Sie kennen den Weg?“ Peter nickte und führte mich zu einem anderen Aufzug, der den Zugang zu den oberen Stockwerken bildete. Nach wenigen Sekunden konnten wir den Fahrstuhl betreten.

Auf der nächsten Etage stieg eine junge, durchgestylte Blondine in Begleitung eines Angestellten des Hauses zu. Ich hörte aus dem Gespräch heraus, dass sie auch zu Generalstaatsanwalt Trommer wollte und sich als Vertreterin der überregionalen Presse dort melden sollte. Auf ihrem Namensschild stand zu lesen: „Fransiska Haufberger, Reporterin ACP“. Peter musterte die Dame nur kurz, setzte dabei allerdings ein Pokerface auf.

Ich selbst wurde von der Blondine sehr genau gemustert, sie suchte eine passende Schublade für mich, aber sie konnte mich noch nicht einordnen. Ihre genaue Musterung fiel mir natürlich auf und als ich sie ansprach, aus welchem Fachbereich der schreibenden Zunft sie sei, kam von ihr nur eine recht hochnäsige Antwort: „Verdeckte Ermittlungen und Spezialaufgaben, ich muss hier herausfinden, ob sich ein massiver Schwindel abspielt, doch was geht Sie das eigentlich an?“

Mit einem kurzen Blick zu Peter, der hinter ihrem Rücken mit den Augen rollte, meinte ich nur: „Nichts, aber wenn Sie verdeckte Ermittlungen durchführen, weshalb sagen Sie es dann ausgerechnet laut zu mir?“

Die Blonde war nun offenbar verschnupft und fuhr herum zu Peter, dessen Grinsen augenblicklich wieder seinem Pokerface wich. Jetzt zählte die Frau konzentriert die Nieten in der Verkleidung des Aufzuges. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet.

In der obersten Etage angekommen, wollte sie nach links, ihre Begleitung zog sie aber sanft in den rechten Gang: „Bitte hier entlang, Frau Haufberger!“

Wir folgten ihnen, da wir auch zu Herrn Trommer mussten. Vor der Tür zu Trommers Büro angelangt, drehte sich die Blonde genervt zu uns um: „Sagen Sie, folgen Sie mir etwa?“ Peter antwortete: „Nein, Sie gehen nur vor exakt uns her!“ Nun musste auch ich mein Pokerface aufsetzen. Peter Stein hatte gerade seinen ersten Pluspunkt erhalten. Dann traten wir in Trommers Büro ein und sofort schaltete ich in meinen Arbeitsmodus, dem auch nicht das kleinste Detail entging.

„Generalstaatsanwalt Gerhard Trommer“ – das riesige Türschild wies auf einen machtbesessenen Menschen hin. Die Schriftart war eindeutig mindestens eine Stufe größer als die restlichen Schriften im Haus, er hatte es also offenbar nötig, größer zu wirken. Der Raum war riesig und nobel ausgestattetet, er hatte erlesenes Mobiliar mit bequemen Sesseln und zwei Tischen. Ein Tisch war für große Besprechungen und der zweite bot bis zu 8 Personen Platz. Dieser Mann musste allen zeigen, dass er der Macher, der Boss, der Generalstaatsanwalt war und dass nur er alle Zügel in seinen Händen hielt. Hinter dem mächtigen Schreibtisch thronte Generalstaatsanwalt Trommer und davor saßen noch zwei Anzugträger der gehobenen Gehaltsklasse. Die Maßanzüge stammten aus gehobenen Bekleidungshäusern und bestimmt nicht aus irgendwelchen Billigversandhäusern.

„Ah, da sind Sie ja“, sprach Trommer, stand auf und kam auf uns zu.

Ganz gentlemanlike begrüßte er mich und wies uns die zugedachten Plätze am Konferenztisch zu. Allerdings wurde Peter mit einem kurzen, finsteren Blick bedacht und ansonsten ignoriert.

„Dann darf ich die Herrschaften miteinander bekanntmachen, hier zu meiner linken haben wir Herr Oberstaatsanwalt Keiter, meinen Nachfolger, und zur rechten Herrn Müller von der internen Ermittlung. Keine Sorge, wir haben nichts gegen Sie vorliegen“, lächelte er mich süffisant an. „Das hier ist Frau Fransiska Haufberger von der ACP, ihr Spezialgebiet sind Korruption und behördeninterne Aufklärungen.“ Frau Haufberger nickte kurz sachlich und setze sich dann brav.

„Last but not least möchte ich Ihnen noch unsere neu gewonnene Mitarbeiterin der JVA, Frau Caroline Miles, vorstellen. Sie war die letzten Jahre in den USA und in der Südsee als Henkerin eingesetzt. Es haben sich bei der Aktendurchsicht allerdings noch ein paar Ungereimtheiten ergeben, die wir hier und heute gerne mit Ihnen klären würden, Frau Miles.“

Alle Augen richteten sich auf mich, also stand auch ich kurz auf und grüßte die Anwesenden. Dabei konnte ich deutlich den ein oder anderen unverhohlenen Blick erkennen, der nicht mich, sondern die Henkerin in mir suchte. Die Ausnahme war Peter, der beim Wort „Henkerin“ leicht das Gesicht verzog.

Trommer fuhr fort: „Der Inselstaat Soulebda scheint Sie ja ganz schön gefordert zu haben. Gab es da zum Ende Ihrer Zeit, nicht auch einen Aufstand, der mit Gewalt zerschlagen wurde, und waren Sie bei dieser Zerschlagung nicht auch selbst beteiligt?“

Wieder wanderten die Augen zu mir.

„Das ist korrekt, in der Tat gab es im letzten Halbjahr einen Aufstand einiger größer Gruppen, die auch den Präsidentenpalast angegriffen hatten. Dabei gerieten auch die Regentin und der Präsident in Gefangenschaft, aus der sie dann aber rasch befreit wurden und…“

„Entschuldigen Sie, Frau Miles, ich lese hier im Statement des Präsidenten, dass er sie als die treibende Kraft bei seiner Befreiung bezeichnet“, entgegnete mir Oberstaatsanwalt Keiter und fuhr fort.

„Im Laufe der Befreiung wurden auf Seite der Angreifer über 128 Personen zu Tode gebracht – und über 60 starben wohl nachweislich durch Ihre Hand. Außerdem werden Sie hier als eine Art Kriegsamazone beschrieben, bitte erklären Sie das!“

„Kriegsamazone ist sicher übertrieben. Nun, die Sicherheitskräfte hatten bereits die meisten der Angreifer erschossen. Ich war zu der Zeit beim Präsidenten und seiner Gemahlin eingeladen und hatte nur mit einigen wenigen Kämpfern zu tun, die schnell ausgeschaltet werden konnten.“

„Frau Miles, hier steht aber, es gab 128 Tote unter denen, die den Palast angegriffen hatten, das ist mehr als eine ganze Kompanie und fast die Hälfte von ihnen starben durch Ihre Hand!“

„Ja, der Palast war eben gut zu verteidigen und die Angreifer waren offenbar keine so guten Kämpfer und Schützen, denke ich. Außerdem hatte ich gute Unterstützung, eine der Gardistinnen lud ständig meine Magazine nach.“ Die Männer, Peter war wieder die Ausnahme, wechselten einige Blicke und Trommer übernahm wieder.

„Frau Miles, der Präsident schreibt hier auch von fünf Angreifern, die zeitgleich zu Tode kamen und von drei weiteren, die Sie im Nahkampf ausgeschaltet hätten, hm, welchen Kampfsport üben Sie gerade nochmal aus?“

Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Krav Maga.“

„Seit wann betreiben Sie diesen aggressiven Sport?“

„Seit etwa 20 Jahren, ich stamme aus Israel, dort ist das eher eine Art Volkssport und nicht unbedingt sehr aggressiv.“

„Aha, also Volkssport, deswegen trainieren auch die besten Sondereinheiten bei Ihnen in Israel diese Kampfkunst. Nun gut. Wieso kamen die Angreifer eigentlich so schnell ums Leben?“

„Die ersten fünf haben sich abgeseilt und ich konnte sie recht schnell nacheinander erschießen und die restlichen drei habe ich dann im Nahkampf niedergestreckt.“

„Verstehe. Im Nahkampf. Wie ich hier lese, tragen Sie auch die goldene Nahkampfspange“, sagte Trommer und machte einen Haken auf seinen Notizen.

„Wo haben Sie eigentlich das Schießen gelernt, Frau Miles?“

„In meiner Heimat Israel, aber auch in Amerika, bei einer kleineren Sondereinheit.“

„Frau Miles, in Ihren Unterlagen steht, dass Sie als Ausländerin auch eine Ausbildung bei einer Special Forces Einheit durchliefen. Ist das so korrekt und wenn ja, bei welcher waren Sie?“

„Dazu möchte ich keine Angaben machen, wenn das öffentlich wäre, dann stünde es sicherlich auch in meiner Akte. Wenn nicht, dann sollte ich besser schweigen. Sie verstehen sicherlich, auch bei Ihnen gelten ja die Geheimhaltungsklauseln.“

Trommer hielt ein ziemlich dickes Pamphlet in den Händen, an vielen Stellen war es geschwärzt, es bestand fast aus mehr schwarzen Seiten als aus lesbarem Text und er fragte: „Diese Unterlagen hier? Ein Kilo geschwärzter Seiten. Da hat das Kohlepapier meiner Sekretärin ja mehr lesbaren Text.“ Damit warf er die Akte auf den Tisch. „Typisch Amerikaner, für die ist einfach alles geheim. Nun gut, geheim ist geheim.“ Dabei grinste er mich an.

„Aber egal, das betraf ja nur die militärische Schiene, nun zum zivilen Teil. Wieso besteht gegen Sie ein Einreiseverbot in die USA, Frau Miles?“

„Während meiner mehrjährigen Tätigkeit als Henkerin in den Staaten hatte ich auch die Söhne eines hohen Geheimdienstbeamten hinzurichten. Das Urteil war rechtsgültig und wegen der unglaublichen Brutalität und Schwere der Taten gefällt worden. Also führte ich die Weisung des obersten Gerichtes aus. Als die Söhne tot am Seil hingen, kam der Vater hinzu und drohte mir, dass, sobald er Minister wäre, die Jagd auf mich beginnen würde. Ich zog es dann vor, dieses ehrenwerte Land schnellstens zu verlassen. Einen Monat später wurde der Mann als Vizepräsident des Geheimdienstes entlassen und tauchte unter, der Rest steht in meiner Akte.“

„Verstehe“, sagte Trommer, schaute zu seinen beiden Beisitzern und als diese nickten, wurde sein Blick wieder deutlich freundlicher.

„Gut, Frau Miles, das passt zu unseren eigenen Erkenntnissen, ich begrüße Sie also nochmals recht herzlich in unseren Reihen.“ Trommer setzte sich wieder bequemer hin und wechselte das Thema.

„Nun zu etwas anderem. Wir hatten in der letzten Zeit mehrfach Gerüchte, dass es in unserem Strafvollzugssystem ein paar Ungereimtheiten gibt. Das prüfen wir und wollen dazu auch externe Kräfte hinzuziehen. Aus diesem Grunde hat sich Frau Haufberger hier eingefunden, sie wird uns die kommenden Jahre unterstützen, damit es keine weiteren Gerüchte mehr gibt. Frau Haufberger untersteht direkt mir und ich berichte dem Ministerium. In dieser Zeit wird sie in Ihrem Gebäudetrakt untergebracht.“ Dabei schaute er siegessicher Peter an, der im Gegensatz zu vielen anderen Menschen dieser Welt Trommers Blick gelassen standhielt und sich nicht einschüchtern ließ. Der Blick von Generalstaatsanwalt Trommer war eiskalt und berechnend. Egal, was zwischen ihm und Peter Stein stand, hier lag blanker Hass in der Luft, das spürte ich sofort.

Ein kleiner Blick zu Frau Haufberger und das Leuchten in ihren Augen bei Trommers Anblick machte mir auch noch etwas anderes klar. Da lief etwas zwischen den beiden. Die anderen Beamten schienen allerdings aufrichtig zu sein, aber auf jeden Fall bedeutete das, dass ich die Augen aufhalten musste.

In Peters Augen sah ich nur etwas Hartes, der Mann wusste sich offenbar zu wehren. Ich hatte leider keine Informationen, weshalb der Generalstaatsanwalt ausgerechnet ein Auge auf ihn geworfen hatte.

Dann wurde mir klar, dass er mein Grund war! Stein war die Gelegenheit, mich ohne Verdacht Trommer zu nähern! Sofort stellte ich mir die Frage, wusste Peter Stein, wer ich war? „Nein“, schoss es mir durch den Kopf. Stein verstellte sich nicht, er wusste tatsächlich nichts von mir. Also zweite Frage, opferte Brauer einen seiner Beamten, damit ich meine Aufgabe erledigen konnte? Brauer hatte einen sehr aufrichtigen Eindruck auf mich gemacht und ein solches Verhalten würde nicht zu ihm passen. Es musste also tatsächlich etwas zwischen Trommer und Stein stehen!

Aber noch ehe ich diese Gedanken in die eine oder andere Richtung verfolgen konnte, begann plötzlich der Routinebetrieb. Herr Keiter berichtete, was sich gerade so tat. Noch während Keiter sprach und die ersten Unterlagen verteilte, fielen mir einige Dinge auf. Trommer ließ seinen Blick immer wieder auf zwei Menschen ruhen, der eine war Peter Stein, die andere Person war die Reporterin Fransiska Haufberger.

Der zweite Ermittler, Herr Müller von der internen Ermittlung, war aufgestanden und sprach von einer schonungslosen Aufklärung und dass es kein Pardon gegeben würde. Außerdem brachte er diese Reporterin ins Rennen. Sie stand auf und da war er auf einmal, dieser verräterische Blick, ein Blick, den sich zwei Menschen zuwarfen, die sich nähergekommen waren und glaubten, dass die restlichen Menschen das nicht mitbekämen. Dieses kleine gemeinsame Funkeln in deren Gesichtern. Ich sah es genau und auch Peter Stein hatte, wie ich sah, das Gleiche erkannt.

Doch dann begann die Reporterin. „Ich werde selbstverständlich objektiv, aber auch schonungslos berichten. Sollte ich den Eindruck haben, dass hier etwas anders als rechtens abläuft, werde ich dieses unverhohlen offenlegen. Ansonsten freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen allen. Besonders Sie, Frau Miles, möchte ich noch einmal herzlich willkommen heißen.“

Wenn ich etwas hasste, dann ein solch offenes Schleimen, doch ganz Profi wollte ich höflich reagieren, aber es kam anders. Trommer stellte plötzlich eine Frage an Peter Stein und in dem Raum fiel die Temperatur urplötzlich um mindestens um 10 Grad.

„Was macht übrigens Ihre Kollegin, Frau Schlosser?“ Die beiden anderen Beamten vertieften sich in den Akten, dafür grub sich der Blick der Haufberger in Peter Steins Gesicht.

„Frau Schlosser hat ihre Einarbeitungszeit mit Bravour abgeschlossen. Zu meinem Bedauern wurde sie in unsere Außenstelle versetzt. Doch die Stelle, die Frau Schlosser jetzt betreut, musste dringend neu besetzt werden.“

Generalstaatsanwalt Trommer fixierte Steins Gesicht. Irgendetwas war da abgegangen, so spricht nur jemand, der etwas ahnt, der glaubte, dass man ihn hereingelegt hatte. Zwischen den beiden herrschte jedenfalls eine Eiszeit, das war klar und ich würde hierin verwickelt werden. Das konnte interessant werden oder ganz schnell wieder vorbei sein.

„Sagen Sie ihr einen schönen Gruß von mir und dass ich hoffe, Sie bald wieder zu sehen.“ Die Besprechung war damit beendet, man verabschiedete sich. „Frau Miles, wenn Sie noch einen Moment Zeit hätten?“, hielt mich Trommer zurück.

„Ich warte draußen“, kam von Peter Stein, in dessen Augen eine Mischung aus Hoffnung, Hass und etwas, das ich nicht einordnen konnte, lag. Ohne sich umzudrehen oder sich zu verabschieden, zog Stein die Tür hinter sich zu.

„Noch einmal Frau Miles, seien Sie bei uns herzlich willkommen. Wie Sie gesehen haben, gibt es auch bei uns Vorfälle, die man nicht immer mit der Waffe lösen kann. Sie lösen jetzt unsere bisherige Mitarbeiterin ab, Frau Schlosser, eine Frau, die auch ihre Geheimnisse hatte.“

Er musterte mich eine Zeitlang, kam aber zu keiner klaren Meinung über mich, das merkte man dem Mann an. Er war so etwas von sich überzeugt und gleichzeitig stank er förmlich vor Arroganz, der Mann war gefährlich, das war mir sofort klar. Damit stand der erste Teil meiner Beurteilung fest. Jetzt hieß es, herauszufinden, ob er für mein Land einmal eine Gefahr werden könnte.

„Frau Miles, ich möchte, dass Sie eine interne Bewertung über Ihren neuen Kollegen Stein erstellen. Das machen wir immer so, schließlich sind wir hier Profis und als solche erwarte ich eine professionelle Beurteilung von Herrn Stein durch Sie. Ist das ein Problem für Sie?“

„Nein, Sie können gerne eine professionelle Bewertung erhalten, verfügen Sie über passende Formulare oder hat das frei zu erfolgen?“

„Ich würde mich über freie Formulierungen freuen, das gibt eine gewisse Form der Stilfreiheit, wenn Sie verstehen. Bitte lesen Sie dieses Kurzmemo über diese beiden Frauen, das Memo verlässt den Raum allerdings nicht. Ich möchte auch, dass Sie sowohl Informationen über diese beiden Frauen als auch über Stein der Bewertung hinzufügen. Nun lesen Sie!“ Trommer verabschiedete die beiden Beamten und anschließend auch die Reporterin.

Während ich las, orientierte ich mich in dem großen Zimmer. Trommer stand am anderen Tisch und studierte vorgeblich einige Fallakten, tatsächlich checkte er einen der Bildschirme und ließ dort die Gesichter der beiden Frauen laufend vor- und zurücklaufen. Es hatte den Anschein, als suchte er etwas, schien es aber nicht zu finden.

Aus den großen Fenstern hatte man einen guten Blick auf die ganze Anlage, ich sah gut ausgebildete Wachen, aber aus zwei Häusern, die an das Ministerium grenzten, schauten Gesichter zu uns herüber. Diese Gesichte gehörten keinen Anfänger und hatten offensichtlich nichts mit uns hier zu tun.

Aus Soulebda hatte ich gelernt, schnell viel zu sehen und zu verstehen und hier kamen keine guten Bilder auf. Das Zimmer von Trommer schien zwar sauber, aber der Access Point an der Decke blinkte mir etwas zu heftig. Hier war noch etwas ganz Anderes am Laufen.

Nach einer knappen Viertelstunde verabschiedete mich Trommer überfreundlich und schloss die Tür hinter sich. Draußen stand Peter Stein auf und kam mit einem gequälten Lächeln auf mich zu.

„Wer ist Sarah Schlosser?“, war meine erste Frage an ihn.

„Eine Kollegin, die ich ausgebildet habe, sie war übrigens auch in den Staaten als Gefängnisbeamtin tätig.“ Das beeindruckte mich keineswegs, in den Staaten gab es Tausende davon.

„Und wer ist Beate Fischer?“ Dabei sah ich ihn genau an. Sein Gesicht war glatt, nicht heimtückisch, eher vorsichtig abschätzend. Peter Stein zögerte nicht einmal kurz bei der Antwort: „Beate war eine verurteilte Mörderin, die vor meinen Augen in den Tod sprang.“

Verdammt… ich sollte Trommer beobachten und geriet hier zwischen zwei Stühle, doch wie hatte schon mein Onkelchen gesagt: „Der Job war noch nie leicht“. Irgendetwas lief hier nicht rund, hier gab es zu viele Stolpersteine, mehr als üblich in einer solchen Anstalt, das war nun klar.

Stein hatte Geheimnisse, die Trommer mit meiner Hilfe aufdecken wollte. Dazu kam noch eine Reporterin, die ebenfalls herumschnüffeln sollte. Hier sollte ich also arbeiten? Nun gut, ich hatte schließlich eine Aufgabe zu erfüllen, also musste ich meine Position klarmachen, denn ich hatte keine Lust, mich von dieser Aufgabe ablenken zu lassen. „Damit das klar ist. Mir gefällt es hier. Und ich habe keine Lust Ärger zu bekommen, nur weil du irgendwelche krumme Dinger drehst.“

Peters Gesicht blieb freundlich, aber sehr beherrscht, als er antwortete. „Ich drehe keine krummen Dinger. Ich erledige lediglich meinen Job. Und ich bitte dich nur, dasselbe zu tun.“ In Peter Stein bebte es, das merkte ich, aber er hatte keine richtige Wut auf mich, da war noch etwas anderes. Dann versuchte er es freundlicher mit einer angenehmeren Stimme: „Lass uns zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.“

Der letzte Mensch, der mir so etwas gesagt hatte, versuchte eine Stunde später, meiner geliebten Penelope die Kehle aufzuschlitzen, also machte ich innerlich dicht.

„Ich arbeite nur für mich und wer mir im Weg steht, den mache ich fertig.“

Damit ließ ich ihn stehen und ging zum Aufzug. In der Zwischenebene stieg ich aus und schaute aus einem großen Fenster nach unten. Trommer stürmte mit seinen beiden Lakaien aus dem Gebäude, offenbar war er so richtig böse gelaunt.

Einige Bedienstete sahen ihm nach, das zeigte kein gutes Bild von ihm. Andere beachteten ihn gar nicht. Nach einer Minute kam Peter Stein aus dem Gebäude und ging zu seinem Wagen. Das war nicht der gute Start, den ich mir gewünscht hatte, doch egal, jetzt war ich hier und jetzt musste ich hier zurechtkommen.

 

***

 

Krieg

Als Caroline Miles im Aufzug verschwunden war, wurde mir klar, worum es hier ging. Hier ging es um mein Leben. Sollte Beates Geheimnis zu Tage treten, ging es sprichwörtlich ums Überleben. Doch trotz all des Ärgers begann in mir die Wut Oberhand zu gewinnen. Vor einer Stunde wäre ich noch bereit gewesen, meinen Platz zu räumen und mir einen ruhigen Job in der Verwaltung zu suchen, um dann langsam auf die Pension zuzugehen, doch jetzt wurde ich offen herausgefordert.

Dieser aufgeblasene Arsch hatte Torres, drei Politiker und zwei Polizisten umbringen lassen! Von Beate ganz zu schweigen… Ok, Torres war eine Straftäterin, die Politiker gehörten einer braun lackierten Partei an und die Polizisten waren korrupte Bullen gewesen, aber verdammt, ich konnte auch nicht jeden Arsch umbringen, der mir auf den Sack ging!

Auch dieser Kerl konnte nicht machen, was er wollte, nicht in meinem Land! So schwor ich mir, weder vor Trommer noch vor seiner hergelaufenen Reporterin oder anderen Ärschen den Schwanz einzuziehen. Sie alle sollten jetzt den bösen Bad-Man Peter kennenlernen.

Caroline schien mir noch das kleinste Problem. Dennoch… Was hatte sie getan? Einen Aufstand im Alleingang beendet? Wie viele Angreifer hatte sie niedergemacht? 128 oder nur 60? Nur 60, wie das wirkte. Welchen Kampfsport beherrschte sie. Krav Maga? Ja, sie kam aus Israel. Das fehlte mir gerade noch, eine Killeramazone.

Na ja, wenigstens würde Decker seine Freude an ihr haben. Doch Caroline schien auch sehr klug zu sein und sicherlich war ihr klar, dass die Haufberger auch über ihre Tätigkeit berichten würde. Sie würde sich also in dem Krieg, den mir Trommer gerade erklärt hatte, zumindest vorerst neutral verhalten.

Dennoch war sie ein gefährliches Raubtier, das auf Beute aus war. Diese Beute wollte sicher nicht ich sein. Hurra, der Tag hatte beschissen angefangen und wurde immer beschissener. Frank würde richtig begeistert sein, wenn ich das hier berichtete. Nicht nur, dass Beates Damoklesschwert über mir und damit auch zumindest teilweise über ihm schwebte, nein, jetzt sollte die Haufberger auch noch herumschnüffeln und über alles berichten. Das Schlimmste daran war, dass sie auch noch im Verwaltungstrakt einziehen sollte.

Mike hatte die Situation richtig eingeschätzt. Die Prozesse gegen die Schuldigen der Stadionskatastrophe waren meine letzte Schonfrist. In der Zwischenzeit würde die Haufberger genug Material sammeln, damit mich Trommer im Anschluss bequem loswerden konnte. Die Frage war lediglich, ob ich den Knast in Zukunft von außen oder von innen sehen würde.

Und Trommer? Ich sah sein schleimiges Gebaren von vorhin noch genau vor mir. Wie er sich vor Caroline als der große Generalstaatsanwalt angebiedert hatte. Mir wurde fast übel. So ein Widerling. Wenigstens schien es Caroline auch nicht zu gefallen, dass sich Trommer und die Haufberger dermaßen bei ihr einschleimen wollten.

Denn auch wenn sie freundlich lächelte, ihre Augen blieben sehr frostig. Trommer hatte der Haufberger sicherlich alles erzählt, vor allem seinen Verdacht, dass Beate noch lebte. Dazu kam dann diese kleine Anspielung.

„Was macht übrigens Ihre Kollegin, Frau Schlosser?“ Während Keiter und Müller unbeteiligt blieben, spürte ich die Blicke von Haufberger, also hatte Trommer ihr alles gesteckt, was er wusste oder zumindest annahm. Alles, was Trommer noch brauchte, um mich endgültig abzuschießen, war ein handfester Beweis.

Meine Bitte an Caroline um eine vernünftige Zusammenarbeit wurde ignoriert.

„Ich arbeite nur für mich und wer mir im Weg steht, den mache ich fertig.“

Damit hatte sie mich stehen gelassen. Genau das brauchte ich, einen Zweifrontenkrieg! Als ich in mein Büro kam, sah mich Jessika vorwurfsvoll an.

„Sag nichts!“, warnte ich sie. “ Ich habe es versucht.“

„Versuchen bringt uns nicht weiter!“, schüttelte sie nur den Kopf und ließ mich den Rest des Tages in Ruhe.

 

***

 

Routinebetrieb

Während ich die nächsten Tage versuchte, Caroline aus dem Weg zu gehen, hatte Jessica einen offenbar viel besseren Draht zu ihr gefunden. Jessica führte sie durch die JVA und stellte sie auch ihren Kolleginnen und Kollegen vor.

Caroline hatte eine gewinnende Art und kam sehr schnell mit allen anderen klar. Besonders Decker war von ihr begeistert, als er von ihren Taten auf Soulebda erfuhr. So eine Kampfmaschine hatte er sich schon immer in seinem Team gewünscht. Wahrscheinlich stellte er sich schon vor, wie Caroline aus seinen Beamtinnen eine richtige Amazonenarmee machte.

Jessica ging die Sache anders an. Irrte ich mich oder hatte sie ein seltsames Lächeln im Gesicht, wenn es um Caroline ging? Und wenn ja, was gab es da zu lächeln? Caroline war ganz eindeutig nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.

Ich wollte eine freundliche Kollegin und hatte eine Kriegeramazone bekommen. Obwohl ich zugeben musste, diese Amazone war verdammt gutaussehend.

Dass Caroline durchaus ihren Aufgaben gewachsen war, erlebte ich dann einen Tag später. Gerlinde Barutzler, eine unserer brutalen Mörderinnen, wurde von der medizinischen Abteilung in unseren Trakt zurückgeführt, als sich diese Frau losreißen wollte. Ihre Bewacher waren zwei starke Wachmänner mit Caroline als Frau an ihrer Seite.

„Verdammte Wächterbrut, ich mach euch beide nieder und dich, Püppchen, vernasch‘ ich danach!“ Mit einem kräftigen Rempler hatte sie den einen Wächter an einen Schrank gestoßen, so dass er sich am Arm verletzte.

„Aufhören!“, schrie der andere und wurde von Gerlinde fast umgehauen. Doch Caroline war auch noch da und drückte auf einen der Nervenknoten der Barutzler.

„Jetzt lässt du den Kollegen wieder los, sofort oder ich drücke weiter zu!“, sagte Caroline in einem Ton, der klarmachte, dass sie nicht zum Spielen aufgelegt war.

„Schlampe, lass mich los, oder… Aua!“ Weiter kam sie nicht. Der Beamte löste Alarm für die Abteilung aus und konnte seinem Kollegen am Boden helfen, denn Gerlinde Barutzler lag schreiend wie ein Kind auf dem Boden und zitterte. Caroline hatte sie mit einem einfach aussehenden Griff so gelähmt, dass sie nur noch zitternd daliegen konnte.

Inzwischen war die Verstärkung da und nahm die Barutzler in Handschellen mit.

„Schlampe, verdammtes Miststück, was für eine Scheiße war das denn? Du hast mich fast umgebracht!“

„Barutzler, mach so etwas nie wieder, dann muss ich dir auch nicht mehr wehtun.“

„Verdammt, die hat sich noch nicht mal anstrengen müssen, was für ein Dreck war das denn?“

„Tja, das ist unsere neue Kollegin, eine israelische Fachkraft, sagt man.“

Einige Zeit später hatte Decker den Bericht von Caroline erhalten und zufrieden durchgelesen. „War das ein Nervengriff?“ Caroline bestätigte: „Ja, der wirkt sofort auf den Hauptnervenstrang und macht jeden Angreifer unfähig, etwas zu tun.“

„Ja, die Häftlinge reden schon von Krav-Maga-Zauberei. Sollen sie ruhig, dann geben sie auch Ruhe. Heute Mittag steht das Waffentraining auf dem Plan, da möchte ich sehen, was man Ihnen beigebracht hat. Wir schießen hier auf Standardscheiben.“

Zusammen mit drei Kolleginnen und drei Kollegen stiegen wir in den Bus, ich saß am Steuer und fuhr den Bus zur Schießanlage. An der Kontrolle hielt er an.

„Hallo, Bad-man. Schön, dich mal wieder zu sehen und dein Team ist auch vollständig. Also denn, du kennst den Weg ja zum Pistolenplatz.“

„Ja, danke, Charly, mal sehen, ob ich dieses Mal besser treffe als beim letzten Wettkampf.“

Wir fuhren weiter. „Wettkampf?“, fragte Caroline und ich nickte.

„Ja, zweimal im Jahr finden Wettkämpfe statt. Wir treten gegen Teams der Bundespolizei, der Bereitschaftspolizei, den Amerikanern aus der Nachbarstadt und natürlich der Bundeswehr an.“

„Und wie schlagt ihr euch so?“

„Na, in der Regel landen wir auf Platz drei. Letztes Jahr sogar auf Platz vier. Das mochte Decker nun gar nicht. So, da vorne ist unser Platz, die Logistik ist schon da und die Amerikaner auch.“

Nachdem wir uns angemeldet hatten, machten wir uns schussbereit. Ich betrachtete Caroline, wie sie die Waffe prüfte und führte, kein Zweifel, sie wusste damit umzugehen.

Der Waffentrainer kam zu uns und wies uns ein. „Ihr seid heute auf Platz IV-A und IV-B, die Amerikaner neben euch auf IV-C und IV-D. Geschossen wird auf 25 Meter mit der Dienstwaffe der P9. Jeder bekommt eine Vier-Punkte-Scheibe, die er zu beschießen hat. Fünf Schuss, Magazinwechsel, dann wieder fünf Schuss, Magazinwechsel und acht Schuss, letzter Magazinwechsel und acht Schuss. Das Ganze geht auf Zeit und Treffer. Wir wollen das als Training für den Sommer sehen, oder?“

Während die Munitionsausgabe bei den Amerikanern recht gelassen ablief, wurden bei uns jedem Schützen die vier Magazine übergeben. Die Buchhaltung hatte auch hier den Finger drauf.

Unser Leiter stellte die Teams zusammen. Ob er besondere Anweisungen hatte, wusste ich nicht, aber ich kam in Team drei zusammen mit Caroline. Während wir anfingen zu schießen, beobachtete ich Caroline, sie hatte die Amerikaner im Blick, ganz so, als suche sie etwas.

„Wir sind die nächsten“ sagte ich ihr und ab da galt ihr Interesse der Schießbahn und unseren Ergebnissen. Selten hatte ich jemand so präzise und sicher schießen gesehen wie Caroline. Als sie bereits fertig war, hatte ich noch eine Scheibe vor mir. Erst dann ging es zur Trefferaufnahme.

„Mensch, Bad-man, du hast dich ja verbessert. Keine Fahrkarte und sogar alle in den richtigen Kreisen. Klasse, mach so weiter. Diesmal werden wir nicht die Vorletzten.“

Das tat gut, von seinem Schießtrainer gelobt zu werden, immerhin war ich mit der Pistole recht gut. Doch als er bei Caroline die Treffer aufnahm, merkte ich, dass er gelassener wurde. Ihre Treffer lagen deutlich enger beisammen und Caroline war schneller gewesen. Na, das konnte interessant werden.

„Frau Miles, Sie haben alles gut beschossen, die Wertung zählt und von der Zeit her sind Sie führend.“

„Gut gemacht, Kollegin, das wird Decker bestimmt freuen“, lobte ich Caroline und sie lächelte mich an.

„Darf ich dir einen kleinen Tipp geben, damit geht es etwas besser? Unterstütze die Schusshand durch einen der zwei Finger der anderen Hand, am besten hier unten. Das gibt dir Halt und die Führung wird besser. Versuche es beim zweiten Durchgang.“

„Danke, Caroline, ich werde es versuchen.“

„Nein, nicht versuchen, mach es oder lass es. Aber es nur zu versuchen, ist bereits der falsche Ansatz. Mach es einfach, du wirst sehen, es geht wirklich besser.“

In ihrem Blick war etwas Wissendes, nichts Lehrmeisterhaftes. Also schwor ich mir, es so zu machen und beim nächsten Durchlauf war mein Ergebnis tatsächlich deutlich besser.

„Na, Meister, was hat dich denn gepackt, diese Runden waren deine besten bisher und deine Zeit hat sich deutlich gebessert. Decker wird frohlocken, wenn er das sieht.“

„Was ist mit ihr?“

„Caroline? Keine Ahnung, beim wem sie das Schießen gelernt hat, aber sie ist ein Hauptgewinn. Die vier Gruppen hat sie in minimaler Zeit geschossen und ich kann mir nicht helfen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie noch schneller könnte.“

Als wir fertig waren, gingen wir zum Bus. „Danke, Caroline, meine Ergebnisse haben sich verbessert.“

„Na, das ist doch gut.“

„Ist dir aufgefallen, dass die Amerikaner neben uns Fotos gemacht haben, zumindest der eine Offizier?“

„Ja, leider, das war mir gar nicht recht.“

„Dir war es nicht recht? Er hat uns alle fotografiert, nicht nur dich allein.“

Ich dachte in diesem Moment, sie ist ganz schön von sich überzeugt anzunehmen, dass nur sie fotografiert würde. Hätte ich in diesem Augenblick gewusst, was noch auf uns zukommen würde, hätte ich diesen Gedanken nie gehabt.

Auf dem Heimweg sprach sie mit mir kein Wort. Die Mädchen aber hatten tausend Fragen an sie, die sie gern beantwortete. Alle drehten sich um das Thema Schießen und Treffen.

Die Mauer zwischen Caroline und mir aber stand immer noch und ich hatte das Gefühl, sie war aus Granit.

 

***

 

Trainingstag

Um Caroline eine Bleibe zu bieten, hatte Frank sich dazu entschlossen, ihr Veras Wohnung zur Verfügung zu stellen. Ich war wieder in meine etwas größere Wohnung nebenan gewechselt. Jetzt waren Caroline und ich auch noch Nachbarn! Wo Fransiska Haufberger untergebracht werden sollte, blieb zunächst noch ungeklärt. Doch Frank hatte schon angedeutet, dass er notfalls mich in ein Ausweichquartier stecken würde, um so Platz für Trommers Liebschaft zu schaffen, was mir gewaltig stank! Doch seit „Beate Gate“ gab es noch einige Gefallen, die Frank bei mir einfordern konnte, also hielt ich meine Klappe.

Anders als ich versuchte Frank nicht, Trommer das Leben schwer zu machen. Na ja, ich konnte es ihm nicht verdenken, denn auch wenn Frank viele Freunde im Ministerium hatte, Trommer war selbst für ihn ein ernstzunehmender Gegner. Aus diesem Grund war Frank über den Ausgang des Gespräches zwischen Trommer und mir auch nicht unbedingt glücklich.

„Bist du wahnsinnig geworden, Trommer offen herauszufordern?“, schiss mich er bei der nächsten Gelegenheit an. „Trommer wird alles unternehmen, um Beate zu finden. Du hast gerade ihr und dein Todesurteil zum zweiten Mal unterschrieben.“

„Das glaube ich nicht. Falls er es wirklich öffentlich macht, würden sicher Fragen gestellt werden. Solange er nichts Festes in der Hand hat, wird er stillhalten. Dazu kommt, dass außer dir und Decker nur Jessika und ich Bescheid wissen.“

„Und Randy. Verdammt, sei vorsichtig! Ok?“

„Versprochen.“

„Wie kommst du mit Caroline klar?“

Ich schwieg kurz und dachte nach, dabei schaffte ich es, meine persönliche Meinung über sie zurückzustellen und den Profi in mir Carolines bisherige Arbeit beurteilen zu lassen. „Sie ist wirklich klasse“, antwortete ich und Frank brach in schallendes Lachen aus.

„Klasse?“

„Ja, verdammt! Sie ist gut, nein, Caroline ist sehr gut. Sie beherrscht den Job und weiß, was sie tut. Sie hat die Barutzler mit nur einem Finger niedergemacht, wahrscheinlich hätte sie auch die Malinowski unter dem Arm getragen, ohne dass ich dieser die Knie hätte zertrümmern müssen. Sie kommt mit Jessika gut aus und alle sind zufrieden mit ihr, besonders Decker… ich glaube, Decker hat statt einem Pornomagazin Carolines Personalakte unter dem Kissen liegen.“

„Wenn Wolfgang das gehört hätte…“, grinste Frank, „weiter?“

„Was weiter? Die Frau hat in den letzten Monaten mehr Leute umgebracht, als ich Follower habe.“

„Der Hund meiner Frau hat mehr Follower als du! Was erwartest du? Die Frau kommt aus Israel, dort weiß man sich zu wehren. Und du, was ist mit dir?“

Wieder schwieg ich, was sollte ich Frank auch sagen? Dass ich sie nicht leiden konnte? Was gelogen wäre. Dass ich sie gerne im Bett hätte? Was eindeutig mein Wunsch war. Dass ich ein Problem mit einer dominanten, starken Frau hatte? Was der Wahrheit eindeutig am nächsten kam… Ganz egal, was ich sagen könnte, Frank wusste es schon. Es war, wie er neulich zu mir sagte, er wusste immer, was hinter den Mauern seiner JVA vor sich ging.

„Wir kommen miteinander aus“, sagte ich und hasste es abgrundtief, das Folgende auszusprechen. „Sie ist keine Vera.“

„Nein, ist sie nicht. Und, muss ich mir Sorgen um dich machen?“

„Ich denke, ich werde mich an sie gewöhnen, Caroline ist wirklich gut. Wenn du es genau wissen willst, als meine Nachfolgerin gäbe es keine bessere.“

„Peter, Peter… Ein größeres Lob vom Bad-Man gibt es nicht. Hauptsache, ihr bringt euch nicht gegenseitig um.“

„Bis jetzt konnten wir uns noch beherrschen“, grinste ich.

„Schön! Sorge dafür, dass es so bleibt. Und Peter, denk an dein Training heute Nachmittag.“

 

***

 

Nach dieser „freundlichen“ Erinnerung dachte ich an das Training und fand mich pünktlich in der Sporthalle ein. Da Decker wie immer das Training für alle angeordnet hatte, mussten auch alle, die nicht Urlaub oder Dienst hatten, zum Training erscheinen. Egal, wie sehr man Decker dafür hasste, sich zweimal im Monat die Knochen verbiegen zu lassen – was mich einschloss – es gab häufig Situationen, bei denen das hier Erlernte zum Einsatz kam. Neben den zwei Pflichtterminen gab es noch die Gruppe der „Selbstverteidigungsjunkies“ wie Hannes, Johann und Gratzweiler, die freiwillig öfter trainierten. Diese drei durften Decker dann bei den Pflichtterminen als Co-Trainer unterstützen.

Da alle wussten, dass Decker die Anwesenheit auch überprüfen würde, war die Halle entsprechend voll.

„Zier dich nicht so!“, brummte Gratzweiler und zog zum Aufwärmen an meinem linken Arm. „Au! Der ist angewachsen!“, gab ich zurück, als ein Raunen durch die Sporthalle ging. Ich blickte auf und sah, wie Caroline in die Halle kam. Nein, Caroline kam nicht, Caroline erschien! Ihr Sportdress bestand aus einem knappen Top und einer Sporthose, die schon als Hotpants durchgehen konnte, und die feuerroten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, so betrat sie die Halle.

Alle Augen richteten sich auf sie und ihren makellosen, muskulösen Körper und wären nicht ihre Killeraugen gewesen, hätte sie glatt als eine Aerobic-Lehrerin aus einem 80er-Jahre-Video durchgehen können. Ich konnte einige der jungen Kollegen voller Vorfreude grinsen sehen, jeder würde mit ihr trainieren wollen. „Tja, Jungs, viel Spaß. Ihr habt ja keine Ahnung, dass da eine Killeramazone zu euch gekommen ist, sie wird euch einzeln zerlegen“, dachte ich hämisch grinsend.

„Die wohnt jetzt echt neben dir?“, fragte Gratzweiler und wies mit dem Kopf auf Caroline.

„Ich konnte es nicht verhindern.“

„Bad-Man, allein in dieser Halle gibt es mindestens dreißig Kerle und bestimmt zehn Frauen, die direkt mit dir tauschen würden.“

„Dann warte mal noch eine halbe Stunde, glaube mir, das wird sich ganz schnell ändern, wenn die Jungs und Mädels erst mal unter ihr liegen und zum Aufgeben auf die Matte klopfen.“

„Von der lasse ich mich gerne auf die Matte hauen.“

„Noch so ein Spruch und ich stecke es deiner Freundin, dann wird ganz St. Deister um seinen Schützenkönig trauern.“

„Ich an deiner Stelle“, meinte Gratzweiler grinsend und bog meinen Arm recht bedenklich nach hinten, „würde mir solche Sprüche verkneifen.“

 

***

 

Ich hatte einiges an Trainings und sogenannten Trainern erlebt. Zwischen den wenigen Top-Leuten, wie z.B. meinem Trainer bei der israelischen Armee, hatten sich die meisten als „Flops“ erwiesen, doch Jessika hatte Decker in den allerhöchsten Tönen gelobt und Decker war eines von Dagans Assen in Mainstadt. Es würde also sehr interessant werden.

Die Temperaturen hier waren gut genug für kurze Kleidung, ein knappes Top und meine Lieblingssporthose, und schon ging es auf in die Sporthalle. Die Haare zum Pferdeschwanz straff nach hinten gebunden, trat ich ein und sofort ging ein Raunen durch den Saal.

Männer… Also gut, dann los.

Die testosterongetränkte Luft war greifbar und alle Kerle stierten mich an wie Freiwild. Dazwischen gab es die Frauen, die mich abschätzend ansahen und versuchten, sich zu vergleichen. Nach dem Aufwärmen ging es dann auch rasch los. Jeder wollte natürlich mich, das neue Püppchen, auf die Matte schicken. Wie ich das hasste! Die Folgen mussten die jungen Kolleginnen und Kollegen tragen, denn einen nach dem anderen schickte ich sie auf die Matte. Die weiblichen Kolleginnen waren dabei nicht nur besser, sondern deutlich besser sogar als ein Teil der Palastgarde auf Soulebda. Das zeigte mir, dass Decker als Trainer wirklich etwas auf dem Kasten hatte.

 

***

 

Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, gegen Caroline kämpfen zu müssen, hatte ich mich auf die andere Seite der Halle verzogen. Ob mich Caroline in der Menge nicht gesehen hatte oder mich bewusst ignorierte, wusste ich nicht und eigentlich war es mir auch egal. Jedenfalls war ich froh, dass ich nicht in „ihrer Ecke“ der Halle war, denn die Jungs dort gingen reihenweise mit schmerzverzerrten Gesicht zu Boden, doch da hatte ich die Rechnung ohne Decker gemacht.

„Wie ich sehe, hat mal wieder jeder seinen Kuschelpartner“, donnerte seine Stimme durch die Halle. „Ich weiß nicht, was schlimmer ist, die Tatsache, dass ihr die Nummer jedes Mal versucht, oder die Hoffnung, ich würde es nicht merken?! Also schön, zwei Kreise bilden, einen äußeren und einen inneren!“

Decker wartete bis sich jeweils zwei Partner gegenüberstanden und rief: „Ab jetzt wechselt der innere Trainingspartner nach einer Runde im Uhrzeigersinn zum Nächsten. Los!“

Ich stand im äußeren Kreis warf einen unauffälligen Blick zum anderen Ende der Halle, wo Caroline im inneren Kreis stand und so nahm das Unheil seinen Lauf.

Johann und Gratzweiler, die als Co-Trainer anwesend waren, verteilten sich in der Halle und nach den Aufwärmrunden begann das eigentliche Training, bei dem zunächst Zugriff- und Abwehrtechniken geübt wurden. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Caroline ohne große Anstrengung einen Trainingspartner nach dem anderen auf die Matte schickte. Dabei ging sie nicht gerade zart mit den armen Jungs um und die schmerzverzerrten Gesichter sprachen eine deutliche Sprache. Das war wohl ihre Art, den Jungs Respekt beizubringen. Natürlich betrachtete Decker Caroline mit großem Interesse, aber ich war mir sicher, dass er sie rein sportlich betrachtete und ihre Bewegungen genauestens analysierte.

Hatten die ersten Beamten noch gelacht, als ihre Kollegen aufschlugen, verging ihnen das Lachen ganz schnell, als sie selbst an die Reihe kamen. Unsere weiblichen Kolleginnen leisteten da schon erheblich mehr Widerstand. Ihre Augen klebten nicht an Carolines Busen und allein die Chance, es den Männern mal zu zeigen, spornte sie an, aber auch sie gingen eine nach der anderen zu Boden. Langsam machte sich Unmut unter den Kollegen breit, denn diese Amazone war nicht zu besiegen. Unterdessen kamen Caroline und ich uns durch das Rotationsystem immer näher.

 

***

 

Ich musste Decker Achtung zollen. Es waren gute Leute in der Mannschaft dabei, dazwischen einige Anfänger und ein paar harte Knochen. Doch selbst die Anfänger hatten einen sehr hohen Wissenstand und ich erkannte die eine oder andere Technik, die ich schon in Israel gelernt hatte.

Doch je mehr die Jungs versuchten, desto härter waren meine Würfe und Griffe. Fast bekam ich Mitleid mit den Jungs und Mädels, aber ich konnte natürlich nicht nachgeben, ich doch nicht. Dazu hatte ich zu viel erleben müssen. Außerdem nützte es niemandem, wenn ich freiwillig verlor! Decker, der mich mit Argusaugen beobachtete, würde es sofort erkennen, und da ich nicht wusste, welche Kanäle er zu Dagan hatte, kam so etwas nicht in Frage!

Schließlich kam Peter als mein Gegner an die Reihe und meine Augen blitzen gefährlich auf, als wir uns gegenüberstanden. Meine Mundwinkel zogen sich voller Vorfreude ein Stückchen weiter nach oben, als ich ihm gegenüberstand.

Da war er! Peter Stein, der Mann, der mir hier eventuell alles madig machen konnte, der Mann mit den vielen Geheimnissen. Peter Stein, der Kerl, der sich sogar mit dem Generalstaatsanwalt anlegte. Der Mann, der sich im Team als das Alphatier sah! Prima, genau der, auf den ich gewartet hatte. Ich hatte ihn schon die ganze Zeit, wann immer ein Moment frei war, im Auge gehabt und beobachtet. Jetzt war es soweit, er stand mir gegenüber.

 

***

 

„Wow, was für eine Frau!“ Wie eine heiß gelaufene Kampfmaschine stand Caroline vor mir und fixierte mich mit schmalen Augen, die unverhohlene Vorfreude ausdrückten. „Ich werde es dir nicht leicht machen“, schwor ich mir. Gratzweiler kam und zeigte den Umstehenden, welcher Griff geübt werden sollte, doch Caroline schaute gar nicht zu ihm hin und ich ebenso wenig. Meine Augen galten nur ihr, Caroline, meine neue Herausforderung und Kollegin.

 

***

 

Der Trainer, er hieß Bernd Gratzweiler, einer der wenigen, den ich als ernstzunehmender Gegner betrachtete, gab noch eine Anweisung, aber das beachtete ich gar nicht. Meine Aufmerksamkeit galt Stein, der mir irgendwie wie ein Stier erschien, der sich vor mir aufbaute und der auf seine Chance lauerte. Super, ein wilder Stier, der mich aufspießen wollte. Den Spaß würde ich ihm sicher nicht gönnen, denn wenn hier einer auf die Hörner kam, dann er…

 

***

 

Ich hatte Caroline genau im Blick. Kaum war das Kommando „Los“ gefallen, gingen wir aufeinander los. Ich hatte zwar nie eine Prüfung oder einen Gürtel gemacht, doch nach über 20 Jahren Selbstverteidigung wusste ich, wie man sich zur Wehr setzte. Natürlich sprang ich sie nicht sofort an, sondern ging langsam auf sie zu, während sie abwartend dastand, bis ich sie packte.

Es kam genauso, wie es kommen musste, kaum hatten wir Kontakt, lag ich auch schon auf dem Boden. Auch die kommenden Versuche endeten so wie der erste, sie warf mich auf die Matte, ohne sich auch nur anzustrengen. Doch mit jedem Aufschlagen wuchs in mir ein gefährlicher Zorn. Ich stand auf, versuchte es erneut und schon drehte sich die Welt, bis ich hart auf der Matte aufschlug, dann rief Gratzweiler: „Wechsel!“

Caroline reichte mir grinsend die Hand und half sie mir beim Aufstehen.

„Ich hoffe, der alte Mann hat sich nicht wehgetan“, witzelte sie und drehte sich von mir weg, um zum nächsten Trainingspartner zu gehen. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Ihre rechte Hand noch in meiner, trat ich ihr die Beine weg und sie landete zum ersten Mal auf der Matte!

„Keine Sorge, eine Tussi wie du schafft es nicht, mir weh zu tun“, entgegnete ich ruhig, denn die Wut in mir hatte nun endgültig die Kontrolle über mich erlangt. Ich war an dem Punkt angelangt, an dem mir alles andere egal war. Ich wollte Caroline zeigen, wo der Hammer hing und wenn es das Letzte war, was ich tun sollte.

Das Wort Tussi machte sie wohl ziemlich wütend, denn sie sprang auf und griff sofort wieder an.

„Das war eine ganz linke Tour!“, fauchte sie böse und stürzte sich auf mich. Doch ich hatte gelernt, ihr auszuweichen, um den richtigen Moment zu nutzen und so ging es hin und her, abwechselnd ging einer von uns zu Boden! Hier ging es nicht mehr um Haltegriffe oder Techniken, hier ging es ums Prinzip!

Sie gegen mich. Caroline, die wilde Panterin, gegen Peter, den alten Leitwolf. Mittlerweile hatten wir die Aufmerksamkeit der ganzen Halle auf uns gezogen, denn alle standen in einen weiten Kreis um uns herum.

„Nenn mich nie wieder Tussi“, fauchte sie, als sie gerade die Oberhand hatte. Dabei drückte sie meine linke Schulter hart zu Boden. Doch es war die Seite, die Gratzweiler vorhin schön gedehnt hatte, und so schaffte ich es, mich weit genug zu drehen und sie mit einem Tritt in die Knie von den Beinen zu holen und mich mit meinem ganzen Gewicht auf sie zu stürzen. Als ich sie auf die Matte presste, frage ich sie: „Was bitte ist eigentlich dein Problem mit mir?!“

„Ich will den Job haben.“

„Du hast den Job.“

„Ich will deinen Job haben. Ich will hier die Chefin sein und einem Chauvinisten wie dir ordne ich ganz sicher nicht unter.“ Schon hatte sie ihre schönen langen Beine um meinen Hals geschlungen und warf mich von sich herunter. Sofort waren wir wieder auf den Beinen und belauerten uns.

„Ich bin vielleicht viel, aber ein Chauvinist bin ich ganz sicher nicht!“, presste ich hervor, während ich einen Angriff abwehrte.

„Trotzdem will ich die Teamleitung!“

„Tja, da musst du bei der heutigen Rentenpolitik noch 22 Jahre warten.“

„Vielleicht breche dir einfach das Genick, dann geht’s schneller.“

Schon lag ich wieder unter ihr. Dieses Mal bekam ich ihren Pferdeschwanz zu greifen, bog ihren Kopf nach hinten und zog sie so weit nach unten, dass ich sie zu greifen bekam und mich aus ihrem Griff befreien konnte.

„Ja, Leute umzubringen, damit hast du ja ganz offensichtlich gar keine Probleme!“

„Wage es bloß nicht, über mich zu urteilen!“, zischte sie böse, als sie sich lösen konnte.

Gratzweiler hatte längst alle Versuche aufgegeben, uns zu trennen. Er stand genau wie Decker hilflos daneben, griff nicht ein und wahrscheinlich wurden auch schon Wetten auf das Ende des Kampfes abgeschlossen.

Nach ein paar weiteren unentschiedenen Runden hatte ich die Nase voll, also beschloss ich, den Krieg zu beenden. Ich ging einen Schritt zurück und sagte: „Ich schlag dir einen Deal vor, heute Abend regeln wir das unter uns, nur du und ich. Gewinnst du, ziehe ich mich nach den laufenden Prozessen zurück und du kannst tun, was immer du willst.“

Ich konnte genau sehen, wie Carolines Augen siegessicher aufblitzen, doch ich hatte noch eine kleine Überraschung für sie auf Lager. „Wenn ich gewinne, bekomme ich dich für eine ganze Nacht.“

Caroline schaute zuerst völlig ungläubig, dann lachte sie laut auf. „Und sowas will kein Chauvinist sein!“, schüttelte sie den Kopf. „Sieh dir diesen Körper gut an, BAD-MAN! Diesen Körper wirst du NIE bekommen, nicht einmal im Traum“, entgegnete sie höhnisch.

„Hat die große Amazone Angst?“, fragte ich provozierend.

Caroline durchbohrte mich mit ihren kalten Augen, während sie ihre Lippen zusammenpresste: „Wann und wo?“

„Um 19 Uhr im großen Konferenzsaal des Verwaltungsgebäudes.“

„Bestell dir schon mal einen Sarg, alter Mann“, zischte sie und drehte sich um.

„Ok, die Show ist vorbei, ich hoffe, ihr habt euch das nicht als Beispiel genommen!“, rief Decker und ließ das Training weiterlaufen.

„Bad-Man, Bad-Man“, seufzte Gratzweiler leise, der sah, wie ich schmerzverzerrt meine Gliedmaßen massierte, während Caroline sich einem anderen Gegner widmete, der noch viel unsanfter auf die Matte aufschlug als seine Vorgänger.

So ging das Training weiter, doch keiner konzentrierte sich mehr darauf und als Decker das Training offiziell beendete, verließ Caroline als erste die Halle, ohne sich umzusehen. Die einzigen, denen sie zum Abschied zunickte, waren Decker und Gratzweiler, dann war sie weg.

„Peter“, grinste Gratzweiler und schlug mir freundlich auf die schmerzende Schulter, „war schön, dich gekannt zu haben.“

„Ach, leck mich!“, fluchte ich und verließ die Halle.

Obwohl keiner der anderen etwas sagte, hatten doch alle mitbekommen, dass High Noon auf 19 Uhr verlegt war. Decker sah mich mit offenem Mund fast schon mitleidig an, als ich an ihm vorbei zum Ausgang eilte.

Tja… So hatte sich Frank das Training sicher nicht vorgestellt.

 

***

 

Neuigkeiten

„Sei gegrüßt, mein Freund“, begrüßte Dagan Levi am Telefon.

„Ich grüße dich auch, mein Freund.“ Levi bestätigte mit dieser Grußformel, dass sie ungestört reden konnten.

„Heute Morgen habe ich Caroline gesehen. Sie ist gut angekommen und hat ihren Job angetreten.“

„Wo ist sie abgestiegen?“

„Caroline hatte sich zuerst ein Zimmer im Gloria-Hotel genommen, ist aber nach zwei Tagen wieder ausgezogen. Sie wohnt jetzt im Gefängnis.“

„Ich dachte, man muss verurteilt werden, um dort hineinzukommen. Ich wusste nicht, dass man dort auch wohnen kann.“

„Hat mich auch gewundert, also habe ich mal etwas nachgeforscht. Anscheinend hat unser Freund Brauer einige Räume in seinem Verwaltungsgebäude an Mitarbeiter vermietet, die er für besonders vertrauenswürdig hält. Carolines neuer Teamchef wohnt übrigens auch dort.“

„Etwas Neues bezüglich MacFroody oder den Amerikanern?“

„MacFroody ist immer noch verschwunden, aber die Amerikaner sind ganz in der Nähe. Ich dachte mir, dass sie ebenfalls das Gefängnis beobachten und zufälligerweise wohnt der amerikanische Konsul Niles in der Nähe der JVA. So war es ziemlich leicht, sie zu finden. Es sind übrigens Smith und Miller, ich habe sie etwas genauer unter die Lupe genommen. Beide machen auf mich einen anständigen Eindruck.“

„Wissen sie auch von dir?“

„Nein, allerdings hatte ich heute Besuch von einem Mitarbeiter eines Energieversorgers, der unbedingt meinen Zählerstand ablesen wollte. Die Amerikaner suchen MacFroody mit Hochdruck.“

„Hast du etwas vom alten Franzosen gehört?“

„Nein, von ihm hörte ich nichts. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass hier eine große Sache am Laufen ist. In Mainstadt stapeln sich die Leichen! Nach den Politikern und dem Mord an den beiden Polizisten, gab es jetzt zwei weitere Tote. Ein obdachloser Junkie und ein Mitarbeiter der Presseabteilung der Justiz. Offiziell waren alles Unfälle, doch der Junkie hat mich stutzig gemacht. Er soll sich bei einem Sturz mit einer zerbrochenen Glasflasche so schwere Schnittverletzungen zugezogen haben, dass er verblutete. Ich habe mir letzte Nacht Zutritt zur Gerichtsmedizin verschafft und den Toten untersucht. Der Junkie wurde eindeutig gefoltert. Wer immer das war, er war ein absoluter Profi, denn für den Pathologen waren die Folterspuren nicht zu erkennen. Da musste man schon genau wissen, wonach man sucht. Also habe ich mir den anderen Unfalltoten angesehen. Der wurde zwar nicht gefoltert, aber auch von einem Profi ermordet.“

„Der Franzose?“

„Ich bin mir sehr sicher, doch es kommt noch besser. Der Pressemitarbeiter hatte genau wie die beiden ermordeten Polizisten enge Kontakte zu Generalstaatsanwalt Trommer.“

„Was ist mit dem Obdachlosen?“

„Bis jetzt konnte ich keinen Bezug zwischen Trommer und ihm herstellen. Er saß wegen gewerbsmäßigen Betrugs im Gefängnis und wurde erst vor drei Monaten entlassen.“

„Trommer und der Franzose? Das wäre beängstigend.“

„Aber es ergibt Sinn. Trommer hat den Franzosen gekauft, um seine Gegner aus dem Weg zu räumen. Ich wette, dass er, jetzt nachdem er den Vorsitz in der PfR hat, alle Hebel in Bewegung setzen wird, um Neuwahlen herbeizuführen und Cardin wird für ihn dabei die Drecksarbeit machen. Ich glaube, Caroline schlittert da in eine sehr böse Geschichte hinein, ohne eine Ahnung davon zu haben.“

„Wenn du Recht hast, müssen wir handeln. Ich werde dir Ariels Unterstützungsteam schicken. Ich selbst werde ein paar Tage später nachkommen. Versuche alles über Trommers Motiv herauszufinden. Welchen Grund könnte ein beim Volk hoch angesehener Generalstaatsanwalt haben, einen Pressemitarbeiter und einen Obdachlosen foltern und ermorden zu lassen und es auch noch als Unfall darzustellen?“

„Ich werde mit dem Pressemitarbeiter beginnen, sobald ich Ergebnisse habe, werde ich mich melden.“

„Bis dann, mein Freund“, beendete Dagan das Gespräch.

Während Levi wieder das Gefängnis beobachtete, hielt Dagan noch immer grübelnd den Hörer in der Hand.

Sein Instinkt sagte ihm, dass Levi Recht hatte, also rief Dagan umgehend bei Major Lem an.

„Lem, schick Ariels Team zu Levi nach Mainstadt und Ronnis Team soll sich bereitmachen, innerhalb einer Stunde zu folgen. Du und Soraya nehmt euch Trommer vor, ich will wissen, was Trommer im letzten Jahr getan hat. Ich will wissen, mit wem er sich getroffen hat und um was es ging, einfach ALLES!“

„Geht klar“, bestätigte Lem und machte sich sofort an die Arbeit, während Dagan weiter grübelte. Levis Instinkt hatte bisher immer Recht behalten und das hieß, Caroline schwebte in großer Gefahr!

 

***

 

Wut

Wütend auf Caroline, auf die ganze Welt und ganz besonders auf mich selbst, ging ich in meine Wohnung, um mich umzuziehen und frisch zu machen. Mir tat so ziemlich jeder Knochen weh, den ich hatte, und der „echte Fight“ stand mir noch bevor! Nachdem ich ausgiebig geduscht hatte, packte ich ein paar frische Sportsachen ein und besorgte mir aus dem Fundus unserer Sportgruppe zwei Paar Boxhandschuhe.

Alle Kollegen, an denen ich auf meinen Weg zwischen Sporthalle und Verwaltungsgebäude vorbeikam, sahen mich mit großen Augen an. Anscheinend funktionierte der Flurfunk bestens und die Neuigkeit über das bevorstehende Event hatte sich schon verbreitet.

Jessika schüttelte nur den Kopf, sah mich strafend an und schwieg. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, mich auf die Akten darauf zu konzentrieren, doch nach einer halben Stunde gab ich auf. Wütend warf ich die Akte auf den Tisch, zog die unterste Schublade auf und goss mir einen Whisky ein, wobei ich einen Blick auf die Uhr warf. „Scheiß drauf!“, dachte ich und genehmigte mir einen großen Schluck. Ich würde es Caroline zeigen! Ganz sicher würde ich nicht kampflos untergehen! Das schwor ich mir zum zweiten Mal an diesem Tag.

Tja… Vera hätte mich gebremst, aber Vera war nicht da. Mit Vera an meiner Seite wäre es überhaupt erst gar nicht so weit gekommen! Scheiße… hätte, hätte, Fahrradkette… egal. Ich würde, nein, ich musste lernen, auch ohne Vera klarzukommen.

Kurz vor 19 Uhr zog ich mir meine Sportkleidung an und bereitete mich darauf vor, mich meinem Schicksal zu stellen. Ich schnappte mir die Boxhandschuhe und als ich an Jessikas Büro vorbeikam, sah ich, dass die Tür zum Büro noch offenstand und Jessika noch immer dasaß. Allerdings war der Bildschirm ausgeschaltet und eine Akte lag auch nicht vor ihr.

„Noch kein Feierabend?“, wollte ich wissen.

„Ich muss noch ein paar Eilsachen erledigen.“

„Ja, schon klar“, grinste ich und wollte weitergehen.

„Peter!“

Ich blieb stehen und drehte mich zu Jessika um, die aufstand und zu mir kam

„Du… Ach, nichts. Halt die Ohren steif.“

„Keine Sorge“, grinste ich zuversichtlicher, als ich war. „Ich lasse sie an einem Stück!“ Damit verließ ich sie und begab mich auf den Weg zu Caroline.

Im Flur schien die gesamte Mannschaft Dienst zu haben. Normalerweise sah man nach 16 Uhr kaum noch jemanden im Verwaltungsgebäude, abgesehen von ein paar Ausnahmen, die ihre Gleitzeit bis zum Ende ausreizten. Sogar Decker versuchte, unauffällig in seinem Büro zu sitzen, lediglich im Flur des Konferenzraumes war keine Menschenseele zu sehen. Ich schloss die Tür auf und ließ sie angelehnt offen. Danach legte ich die Handschuhe bereit und machte ich mich daran, die Tische zur Seite zu schieben, schließlich brauchten wir Platz. Als ich fertig war und eine Fläche von 6 mal 6 Meter geschaffen hatte, holte ich mein Handy und verband es mit der Lautsprecheranlage. Ich suchte noch nach der passenden Musik, als ich Caroline hereinkommen hörte.

„Was dagegen, wenn ich etwas Musik mache?“, fragte ich, ohne mich umzudrehen.

„Solange es etwas Anständiges ist, kein Problem.“

Ohne darauf einzugehen, rief ich meine ACDC-Liste auf, als Caroline nachschob: „Was Rockiges, ACDC wäre toll.“

Nein! Es konnte unmöglich sein, dass wir denselben Musikgeschmack hatten! „Wenn nicht, nehme ich auch Metallica.“

Ok! Wir hatten denselben Musikgeschmack, doch das hieß gar nichts! Nachdem die Musik lief, drehte ich mich zu ihr um. Caroline war in denselben Kleidern gekommen, die sie zum Training getragen hatte.

„Sie sieht einfach geil in dem Fummel aus“, das war der erste Gedanke, den ich hatte, als ich sie sah. „Was? Idiot, sie wird dich killen!“, schrie das kleine Teufelchen in mir.

 

***

 

Das Ziel

MacFroody war sehr zufrieden. Heute Morgen hatte er Caroline Miles gesehen. Sie war durch das Tor der JVA gegangen und stand für drei Sekunden still, um sich umzusehen. Wenn er doch nur ein gutes Scharfschützengewehr gehabt hätte…

Mit ihrer Unterkunft im Gefängnis hatte Miles ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Er hatte darauf vertraut, dass sie irgendwo in der Stadt eine Wohnung beziehen würde. Nachdem er dann herausgefunden hätte, wo diese lag, hätte er einen Plan erarbeitet und ein Kommando zusammenstellt, um diese Wohnung zu stürmen. Mit seinen Mitteln hätte selbst Miles ihm nichts entgegensetzen können, doch in der JVA kam nicht einmal ein Selbstmordkommando an Miles heran.

Nun gut, es würde sich sicher eine neue Gelegenheit ergeben. Sein Geld, das er rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, erlaubte es ihm, seine angeworbenen Leute komfortabel und vor allem unsichtbar unterzubringen. Da ihm klar war, dass die CIA hier war und nach ihm suchte, hatte er seine Leute dezentral in verschiedenen Hotels einquartiert.

Jetzt, da er wusste, dass Caroline Miles hier war, konnte er damit beginnen, ihren Tod zu planen. Er würde es genießen, sie leiden zu sehen. John Allister MacFroody III hatte genaue Vorstellungen von Carolines Tod.

Sie sollte ihn um Gnade anflehen, während sie ganz langsam starb. Mit Gewalt riss er sich von seinen Gedanken los und konzentrierte sich auf seine Arbeit, denn jetzt gab es erst einmal anderes zu tun…

Sein „Vermieter“, der in der Badewanne lag, fing langsam an zu riechen und musste umziehen!

 

***

 

High Noon

Kommentarlos ging Caroline in die Mitte des Raumes und sah sich um, während ich zur Tür ging, diese abschloss und anschließend die Kameras im Raum deaktivierte, schließlich wollten wir keine Zuschauer.

„Bereit für deine Beerdigung?“, fragte sie kühl.

„Abwarten“, meinte ich bloß, holte die Handschuhe und reichte ihr ein Paar. „Nur, um den Deal noch einmal klar zu stellen, gewinnst du, räume ich den Posten als Teamleiter, sobald die Prozesse vorbei sind. Gewinne ich, bekomme ich dich für eine ganze Nacht, und zwar so wie ich es will. Verloren hat, wer liegen bleibt.“

Mit einem selbstsicheren Lächeln, das schon an Überheblichkeit grenzte, zog sie sich die Handschuhe an und nickte mir zu. „Der Deal gilt! Fertig, alter Mann?“

„Sicher, Tussi.“

Mit einem Aufschrei warf sie sich nach vorne, doch ich hatte mit einem heftigen Angriff gerechnet und blockte sie rechtzeitig ab.

Wir umkreisten uns langsam und immer wieder griff Caroline unvermittelt an. Die ersten Angriffe konnte ich noch leicht wegstecken, doch je länger der Kampf sich hinzog, umso klarer wurde mir, dass ich so nicht gewinnen würde. Also änderte ich meine Taktik und begann ebenfalls anzugreifen.

Nach guten zehn Minuten hatte sich noch keiner von uns einen echten Vorteil erkämpft und weitere fünf Minuten danach, blutete ich aus der Nase und mein linkes Auge brannte. Caroline dagegen lief Blut aus dem linken Mundwinkel und ihre rechte Augenbraue war aufgerissen. So wie es aussah, hatte sie sich ihren Sieg leichter vorgestellt.

„Gibst du auf?“, fragte sie, jedoch ohne den verächtlichen Ton zu Beginn des Kampfes.

„Keine Sorge, ich weiß, wann ich verloren habe, davon bin ich noch weit entfernt!“

„Wie du willst!“, meinte sie und griff wieder an, doch noch konnte ich ihre Angriffe parieren, allerdings standen meine Lungen in Flammen. Ewig würde ich dieses Tempo nicht durchhalten können und mit jeder Sekunde wurde mir bewusster, dass die Niederlage unaufhaltsam näherkam. Caroline war jünger und ausdauernder, dazu schnell und geschickt, aber sie war berechenbar. Diese Tatsache stellte den einzigen Grund dar, wieso ich noch nicht auf dem Boden lag. Ich konnte ihre Angriffe oft vorhersehen und mich darauf einstellen.

DAS IST ES! Durch den Nebel in meinem Gehirn erkannte ich plötzlich Carolines Schwachpunkt! Caroline war ausschließlich auf Angriff eingestellt, das Wort Verteidigung schien nicht in ihrem hübschen Kopf zu existieren. Wenn es mir gelang, ihre Abwehr zu durchbrechen, hätte ich eine Chance… Allerdings nur eine EINZIGE Chance.

In den nächsten Minuten versuchte ich, ein Muster zu erkennen und tatsächlich, immer wenn ich nach einem ihrer Angriffe zurückwich, setzte sie sofort nach und griff mich an, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Zweimal probte ich es und Caroline hielt sich an das Muster. Mein Test hatte mir allerdings auch weitere Treffer eingebracht und langsam wurde es eng, also beschloss ich alles auf eine Karte zu setzen! Jetzt oder nie!

Ich griff an, schlug zweimal zu, verfehlte sie und täuschte ein Zurückweichen an. Auch Caroline wollte dem Kampf jetzt ein Ende setzten und setze wild nach.

Doch diesmal ging ich nicht zurück! Mitten durch ihre wilden Angriffsschläge drang ich nach vorne. Sie landete zwei harte Treffer, dann war ich durch ihre Abwehr und verpasste ihr einen heftigen Schlag auf die Brust, den Caroline für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Konzept brachte. Das genügte mir! Mit aller Kraft, die ich noch hatte, schmetterte ich den rechten Handschuh gegen ihre Schläfe. Caroline blieb wie vom Donner gerührt stehen, sah mich für eine halbe Sekunde verwundert an, dann gaben ihre Beine unter ihr nach und sie fiel zu Boden.

Völlig fertig brach ich keuchend neben ihr zusammen. „Wenn du wüsstest, wie knapp das war!“, dachte ich. Der Raum drehte sich wie bei einem Vollrausch, aber der Trick, das Bein herauszustrecken, blieb in diesem Fall wirkungslos. Jede einzelne Faser in mir schmerzte höllisch und selbst mein Gehirn drohte zu explodieren. Als ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder bewegen konnte, drehte ich mich um und sah nach der noch immer bewusstlosen Caroline, die ruhig dalag und atmete.

„Ein Glück!“, ich hätte Frank nur ungern eine weitere Stellenausschreibung beschert. „Du musst aufstehen!“, schrie alles in meinem Kopf, doch das war leichter gedacht, als getan… ich schaffte es erst einmal nur auf alle Viere, dann nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich in einen halbwegs sicheren Stand. Als ich wieder stehen konnte, ohne mich festzuhalten, zog ich die Handschuhe aus und sammelte meine Kräfte wieder.

„Mann, war das ein Kampf!“ Caroline war tatsächlich eine wilde Kämpferin, die mich beinahe erledigt hätte. Allerdings wusste ich auch, dass sie den nächsten Kampf sicher gewinnen würde, denn zweimal würde sie ihren Fehler sicher nicht wiederholen.

„Und jetzt?“, fragte ich mich, denn ich konnte Caroline ja schlecht auf dem Boden liegen lassen, also beschloss ich, sie in ihre Wohnung zu bringen.

Als ich mir sicher war, nicht mehr umzufallen, hob ich Caroline vom Boden auf und legte sie mir über die Schulter, anschließend atmete ich noch einmal tief durch und ging los.

Ich schloss die Tür auf, trat aus dem Saal und stand vor einer Menschenmenge. Mindestens 30 Beamte und anderes Personal standen vor dem Konferenzsaal und warteten darauf, dass Caroline als Siegerin den Saal verließ. Ein böser Blick meinerseits reichte aus und alle machten sich schleunigst aus dem Staub, nur Jessika und Decker blieben stehen.

„Ich… Ich habe zu tun“, stammelte Decker, drehte sich fassungslos um, verschwand und ließ mich mit Jessika allein, die mit den Armen in der Hüfte gestützt dastand.

„Und jetzt?“, fragte sie.

„Ich bringe sie in ihre Wohnung.“

„Wenigstens funktioniert dein Kopf noch“, seufzte Jessika, ging vor und öffnete die Tür zu Veras Wohnung, in der ich Caroline auf das Bett legte.

„Du hast schon eine spezielle Art, mit Frauen umzugehen, Bad-Man“, tadelte mich Jessika, während sie sich ein Bild von Carolines Verletzungen machte, dann ging sie in das Badezimmer und brachte mir einen feuchten Waschlappen. „Hier, mach deine Sauerei selbst weg.“

Vorsichtig wischte ich Caroline das Blut aus dem Gesicht und schaute mir ihre Augenbraue an. Die Wunde war nicht schlimm, aber eine kleine Narbe würde sicher bleiben.

„Hat Vera noch ein paar ihrer Klammerpflaster dagelassen?“, fragte ich und zeigte auf den Badezimmerschrank, von dem ich wusste, dass er eine Erste-Hilfe-Tasche enthielt. „Nicht, dass sie eine wirklich eine dicke Narbe behält.“

„Warte, ich schau nach“, antwortete Jessika und wurde tatsächlich fündig. Sie holte die Tasche und brachte sie zum Bett. „Geh dich waschen, du siehst ja schlimm aus, ich mache hier weiter.“

„Du bist ein Schatz“, lächelte ich ihr zu, doch Jessika schüttelte den Kopf und begann Carolines Augenbraue zu versorgen. Im Bad wusch ich mir das Gesicht ab und betrachtete meinen geschundenen Körper. Verdammt, wie hatte mich dieses Teufelsweib zugerichtet… Und plötzlich… Zum ersten Mal spürte ich ein leichtes Kribbeln bei dem Gedanken an Caroline.

„Sei nicht blöd! Sie wird dich erledigen, sobald sie die Gelegenheit bekommt“, befahl ich meinem Gehirn, doch das Kribbeln blieb.

„Peter, sie kommt langsam zu sich“, rief Jessika mir zu.

„Gut! Ich komme.“

Ich verließ Carolines Wohnung und ging eine Tür weiter in meine eigene Wohnung. Dort kramte ich die Spielkiste hervor, mit der Vera, Sarah und ich viel Spaß gehabt hatten, aus der ich ein ledernes Halsband hervorkramte, an dem noch eine Leine befestigt war. Dieses Halsband brachte ich zu Caroline, die jetzt wieder voll bei Bewusstsein war. Sie lag noch auf dem Bett und starrte mich hasserfüllt an, als ich zurückkam. Einen kurzen Augenblick befürchtete ich, dass sie sich sofort wieder auf mich stürzen würde, doch sie blieb liegen, als ich ihr das das Halsband zu ihren Füßen auf das Bett warf.

„Am Freitagabend zur selben Zeit, mehr als das Halsband brauchst du nicht zu tragen!“ Damit drehte ich mich um, ließ sie mit Jessika allein und ging in meine Wohnung zurück, mit dem Gefühl, gleich ein Messer in den Rücken gebohrt zu bekommen.

Zum dritten Mal an diesem Tag ging ich unter die Dusche und zum zweiten Mal sortierte ich meine Knochen. Dabei überlegte ich, ob ich den Bogen überspannt hatte, was den Wetteinsatz betraf. Aber auch wenn Caroline eine kaltblütige Killerin war, sie würde ihre Ehrenschulden bezahlen, da war ich mir sicher. Diese Blöße würde sich Caroline Miles niemals geben.

Was der Tag morgen bringen würde, wusste keiner von uns, heute aber hatte der alte Wolf sein Revier verteidigt… Vorerst! Denn eines war klar, mein Sieg heute war eine gewonnene Schlacht, kein gewonnener Krieg. Dann hob ich den Kopf und grinste ich mich im Spiegel an. „Das wird am Freitag ein sehr interessanter Abend.“

Wie es dann weitergehen würde… davon hatte ich keine Ahnung, die Chance, am Freitag wie ein Spinnenmännchen nach dem Akt das Leben zu lassen, war durchaus denkbar… Aber scheiße, das war es mir wert!

 

***

 

Besiegt!

Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging, nachdem sich Jessika von mir verabschiedet hatte. Der alte Mann hatte mich besiegt! Sicher, einfach war es für ihn nicht gewesen, dazu hatte ich zu viel Routine, aber ich habe den Schlag nicht geahnt. Verflixt, den hätte ich aber ahnen müssen. Verdammt, der alte Mann war gut! Na ja, so alt ist er ja auch wieder nicht. Als ich in der Sporthalle während des Trainings auf ihm lag, da fühlte sich das eigentlich ganz gut an. Aber bei meinem Glück ist das dann doch nur wieder nur ein geiler, alter Knochen, mit dem man nichts anfangen kann.

Besiegt… das nagte immer noch an mir. Ich hätte mich nie auf einen Boxkampf einlassen dürfen!

Urplötzlich wurde mir klar, dass Peter Stein mich reingelegt hatte! In einem Krav-Maga-Kampf wäre er keine Minute auf den Beinen geblieben! Aber Stein war dabei, als Trommer dieser mich dazu befragte, und da wurde ihm sicher klar, dass er mir niemals das Wasser reichen konnte! Und in der Sporthalle kam Stein über ein Unentschieden nicht hinaus! All das wusste Stein nur zu genau! Er hatte mir einfach ein paar Boxhandschuhe gereicht und ich war darauf hereingefallen!

Von dieser Sekunde an sah ich Stein plötzlich in einem ganz anderen Licht! Der scheinbar plumpe „Bad-Man“ war nur eine Fassade, hinter der ein gerissener Gegner steckte. Ich hatte Stein unterschätzt und dafür die Quittung bekommen! Ein Fehler, den ich sicher nicht noch einmal machen werde!

Verdammt, ich konnte schon früher nicht so einfach nachgeben und das zog sich auch durch die diversen Schulen durch. Mein Flieger-Ausbilder an der US Air Force hatte mich immer als „Angelface“ bezeichnet, so kam ich dann auch zu meinem Funk-Rufzeichen. Angelface – das hatte was… und nun hat die Kleine einen Schnitzer an der Augenbraue und die Schläfe tanzt Samba mit mir. Rasch untersuchte ich meine Wunden, doch Jessika hatte hervorragende Arbeit geleistet und meinen Riss über dem Auge fachmännisch geklammert, so dass dieser in ein paar Tagen nicht mehr zu sehen sein würde.

Dann schaute ich mir an, was Peter mir vor die Füße geworfen hatte. Ein ledernes Halsband mit Leine. Er will mich sich demnach gefügig machen. „Na, wenn du wüsstest, auf was für ein gefährliches Spiel du dich da einlässt“, dachte ich mir und schaute das Halsband genauer an. Gutes Leder, stabile saubere Ausführung, die Messing-Beschläge von Tessera, also nicht mal gerade die Billigversion aus dem Sexshop, wenigstens hatte Stein Stil.

Aber gefügig machen… na, da gehören immer noch zwei dazu. Ich weiß nicht, ob sich Peter vorstellen konnte, welches Raubtier er sich da gefügig machen wollte. Immerhin kann er auch wie ein Straßenkämpfer denken und handeln, andernfalls wäre das anders ausgegangen. Außerdem war er für sein Alter noch recht schnell, ja, wieselflink, aus dem könnte ich einen wirklich guten Kämpfer machen. Egal.

„Ok“, sagte ich mir, „erst mal Ruhe bewahren und die kleine Angelface herauskehren.“

 

***

 

Beobachter

Am nächsten Morgen duschte ich und richtete mich, dann traf ich vorne im Verwaltungstrakt auf Jessika, die ich nach den Schlüsseln der Wohnung und den anderen Unterlagen fragte. Schließlich würde ich hier im Gebäude wohnen, recht nahe bei Peter. Prima… auch das noch!

„Der Generalschlüssel passt auf die Wohnungstür“, antwortete Jessika.

„Das heißt, jeder, der einen Generalschlüssel hat, kann in meine Wohnung?“, fragte ich ungläubig. „Wer hat denn alles einen Generalschlüssel?“

„Nun, Frank, Wolfgang“, sie reichte mir einen Schlüssel sowie ein neues Türschild und fuhr fort, „jetzt du, ich… und Peter.“

Nun, über Frank, Decker und Jessika machte ich mir keine Sorgen und Jessika schien meine Gedanken zu lesen. „Keine Angst, Peter würde nur im absoluten Notfall deine Wohnung unaufgefordert betreten.“

„Was wäre das denn für ein Notfall?“, fragte ich spöttisch.

„Um dein Leben zu retten, wäre das angemessen genug?“

Ich musste ziemlich erstaunt schauen, denn sie meinte: „Peter ist ein anständiger Kerl, gib ihm eine Chance.“

„Der anständige Kerl hat mich voll reingelegt und das nur, um mich ins Bett zu kriegen.“

„Dass du dich für so unbesiegbar gehalten hast, um auf die Wette einzugehen, ist deine eigene Schuld. Was den Freitagabend betrifft… keine Sorge, Peter kennt das Wort NEIN. Ja, Peter ist manchmal ein schwanzgesteuerter Testosteronbolzen, doch wenn man damit umgehen kann, kommt man ganz gut mit ihm aus. Jetzt zeig mal deine Wunde.“

„Der geht’s gut dank dir“, bedankte ich mich für ihre gute Versorgung und ging zurück in mein neues Zimmer, dabei hielt ich das ausgetauschte Türschild in meiner Hand. Ein Glück, dass ich heute und morgen noch frei hatte, so konnte ich mich zumindest einrichten. Beim Umstellen der Möbel musste auch der schwere Schrank etwas verrückt werden, dabei fiel mir ein Briefumschlag in die Hände. Der Schrank war offenbar zu schwer gewesen oder es wurde nur gut gereinigt, aber eben nur gut und nicht professionell.

Ich öffnete den Umschlag und sah ein paar Bilder, die zwei sehr schöne Frauen in eindeutig sexuell aktiver Stellung zeigten und die zwei sahen wirklich sehr vergnügt aus. Kein Zweifel, zwischen den beiden Mädchen da ging es wirklich ab. Die eine kannte ich, es war im Verwaltungsbereich ein Bild von ihr, das an der Wand hing. Das war ganz offensichtlich Vera Müller. Und die andere… auf einem der Bilder stand dann in schönster Handschrift: „Liebste Vera. Ich werde dich immer lieben und stets für dich da sein, auf eine ewige Liebe, Beate.“

Ich schaute sie mir erneut an, ein heißer Feger mit feuerrotem Haar, das war also Beate Fischer… Jetzt erkannte ich in ihr die Frau, deren Dossier mir Trommer gezeigt hatte. Sofort wurde mir der Sprengstoff bewusst, der in diesen Bildern lag. Die sollte besser keiner finden und wenn jemand wusste, wie man etwas verstecken musste, dann ja wohl ich. Schließlich machte ich mich fertig, sicherte die Wohnung und fragte bei Jessika nochmal nach, wo man hier eine Kleinigkeit essen und etwas Nettes trinken konnte. Da summte bereits mein Smartphone und es kam eine Nachricht von meiner netten Reisebekanntschaft aus dem Flieger. Sie war über Nacht in Mainstadt und fragte, ob und wo wir uns treffen könnten.

Nach einem hervorragenden Abendessen schlenderten wir an der Promenade entlang und sie fragte mich tatsächlich, ob wir noch etwas unternehmen wollten. Dabei hielt sie mir einen Hotelschlüssel vor die Nase. Es war das edle Vier-Sterne-Hotel Krone, das beste Hotel am Platz.

Während wir weiterschlenderten, fiel mir die moderne Limo mit zwei Anzugträgern auf. Dunkle Sonnenbrille, schwarzer Anzug, Knopf im Ohr. Wir wurden also beobachtet. Keine Panik, das waren nur Beobachter, das sah man sofort. Aber meine Aufmerksamkeit war wieder einmal geweckt. Meine neue Freundin hatte aber ganz andere Ideen, als irgendwelche Beobachter zu testen. Wir schlenderten zu ihrem Hotel. Unsere Sympathien hatten wir bereits auf dem Flug erkannt und konnten diese nun ausgiebig vertiefen. Der Sex mit ihr war so, wie ich ihn mochte – sehr gut, ausdauernd, hart und etwas schmutzig.

Am anderen Tag verabschieden wir uns und ich machte mich auf den Weg zurück. Wir würden uns sicher wiedersehen. Auf dem Rückweg fielen mir wieder Beobachter auf. Dieses Mal war es ein älterer Autotyp und es waren andere Typen. Kleine Kontrollen und prüfende Blicke von mir ergaben, dass hier tatsächlich zwei Teams am Werk waren.

Was wollten sie? Hatte man meine Spur aus Soulebda verfolgt oder was ging hier vor? Die wahrscheinlichste Möglichkeit bestand darin, dass die es die CIA war, die mich beobachtete, in der Hoffnung MacFroody zu erwischen.

Ich kehrte zurück zur JVA. Hinter mir verriegelte sich die Gefängnispforte, seltsam, dass man sich dahinter tatsächlich sicher fühlen konnte. Die Tür zu meinem neuen Zimmer war verschlossen, die Sicherung aber war gebrochen, jemand war also im Zimmer gewesen. Unauffällig prüfte ich die Wohnung und entdeckte zumindest eine Minikamera, die vorher nicht da war.

Da meine verlorengeglaubten Sachen endlich auch aus Ulan Bator eingetroffen waren, holte ich sie beim Empfang ab, anschließend zog ich mein Wanzenspürgerät heraus und untersuchte genauestens meine Wohnung. Ich fand eine Minikamera und zwei Funkmikrofone.

Mein Nagellackentferner war der Tod für die Minikamera, sie starb rasch und unauffällig, das Allheilmittel gegen solche Kameras. Die Wanzen prüfte ich mit Dagans Multi-Tool, einem Scanner der modernsten Reihe, und die Funkfrequenzen gaben zwei mögliche Länder zurück, Frankreich und Algerien. Diese Wanzen waren neu und sündhaft teuer, da waren also tatsächlich Profis im Spiel. Nach ein paar Aktenstudien über die älteren Fälle las ich mich in die anstehenden Verfahren ein. Ein paar Stunden später warnte der Wanzenfinder über Aktivitäten am Tischtelefon, offenbar hatte „jemand“ eine Telefonwanze aktiviert, die bisher inaktiv war. Gekonnt entfernte ich die Wanze und legte sie für zwei Sekunden in die Mikrowelle. Ich behielt diese nun tote Wanze vorsorglich als Beweis.

Nun stellte ich mir aber die Frage, wer hatte diese Wanzen in meiner Wohnung platziert? Jessika hatte mir alle Namen genannt, die einen Schlüssel zur Wohnung hatten! Außer mir hatten vier Menschen einen Schlüssel! Jessika, Frank, Decker und… Stein! Die ersten drei schloss ich gleich aus, blieb also nur Peter! Konnte das sein? Ich beschloss, mir Gewissheit zu verschaffen und ging sofort zu Frank Brauer. Wenn Dagan diesem Mann vertraute, dann sollte ich dies auch können.

 

***

 

„Hm!“ Frank besah sich die Wanze ganz genau und reichte sie an Decker weiter, den er dazu gerufen hatte. „Sieht ziemlich modern aus, jedenfalls nicht Made in Germany oder Israel“, brummte dieser.

„Darf ich fragen, woher Sie so viel Wissen über mein Land haben?“, fragte ich Decker.

„Ja, Schätzchen, fragen darfst du“, antwortete Decker, ohne aufzublicken, dann reichte er Frank die Wanze zurück, der mich amüsiert angrinste. Ok, ich würde also keine Antwort bekommen!

„Außer euch hat laut Jessika nur sie selbst und Peter Stein einen Schlüssel zu meiner Wohnung. War es Peter?!“

Die zwei sprachen sich nicht einmal mit einem Blick ab, bevor sie den Kopf schüttelten. „Nein, Peter hat ganz sicher nicht die Wohnung verwanzt. Wir müssen eine andere Laus im Pelz haben.“

Decker nickte und sagte: „Ich überprüfe alle Schlüssel und Möglichkeiten. Wer immer es war, es kann kein Außenstehender sein. Bevor wir den Maulwurf nicht haben, sollten wir die Schlösser nicht tauschen, sonst weiß er, dass wir von ihm wissen.“

Da Frank zustimmend nickte, fragte ich: „Und wenn derjenige heute Nacht mit einer Waffe kommt?“

„Möglich“, meinte Brauer, „aber unwahrscheinlich. Eine Wanze hier hereinzuschmuggeln ist eine Sache, eine Waffe aber etwas ganz anderes.“

„Es muss ja keine Schusswaffe sein, ein Messer reicht.“

„Das Risiko besteht, doch ob du es eingehst, musst du selbst entscheiden.“

„Ich kann ja im Notfall zu Peter flüchten“, antwortete ich etwas bissig, doch Frank nickte nur und sagte: „Das wäre nicht die schlechteste Option.“

Nach dieser Ansage verließ ich Brauers Büro und ging in meine Wohnung zurück. Was hatte ich erwartet? Das Leben als Dagans Nichte war gefährlich, selbst hinter Gittern!

 

***

 

Herrensitz in der Nähe von Mainstadt

Es gab zwei Söldner- bzw. Killertruppen in Mainstadt, die ihr Unwesen trieben, und beide wussten nichts voneinander. Nach Cardin, dem alten Franzosen, hatte nun auch MacFroody seine Truppe zusammengebracht.

„Worrowitz, sind die Leute angetreten?“, wollte MacFroody von seinem Teamführer wissen, der stramm vor ihm stand.

Über seine Kontakte kam MacFroody an Karl Worrowitz, einen ehemaligen SEAL, der genau wie Cardin seit einigen Jahren auf eigene Rechnung arbeitete. Worrowitz kannte einige vertrauenswürdige Leute, die wiederum andere vertrauenswürdige Leute kannten, und so brauchte MacFroody lediglich drei Wochen, um eine ansehnliche Truppe zusammenzubekommen.

„Ja, Mr. MacFroody, wir haben zwei alte Haudegen von Feldwebel von früher dabei, die übernehmen den Drill und die anderen waren in mindestens vier Einsätzen. Hier ist die Liste der angetreten Leute.“

Der alte Herrensitz, den MacFroodys Strohmänner ganz offiziell gekauft hatten, war riesig und schön abgeschottet, es hab keine Zulieferungen und kein Kundenverkehr. Hinter dem Haus stand der Bell Long Ranger und die Wagen parkten vor dem Haus. Der Herrensitz hatte die typische deutsche Gutsherrenbauform in Form eines Hufeisens. Vor dem Reitstall waren die 32 Leute angetreten und warteten auf die erste Abnahme. Allesamt waren es harte Kämpferinnen und Kämpfer, das sah man ihnen an. Worrowitz hatte gut gewählt.

„Ich bin der, der die Schecks unterschreibt. Mein Wort ist hier Gesetz und gilt sofort. War von Ihnen jemand 1983 in Fort Labino in Mexiko bei der Revolte dabei?“

Ein grobschnittiger Mann trat vor, breite Schultern und ein verschrammtes Gesicht zeichneten den Mann als erfahrenen Kämpfer aus.

„Jawohl, Sir. Ich war dabei.“

„Wo waren Sie da?“

„Kommandotrupp, wir stürmten das Fort und sicherten es.“

„Ok, kannten Sie die Kommandeurin der Mexikaner vor Ort?“

„Ja, Olivia Spatzlinsky oder so ähnlich, eine üble Frau.“

„Gut, stellen Sie sich da drüben hin.“

Der Mann ging gerade auf die andere Seite.

„Wie ist Ihr Name, Soldat?“

Das Muskelpaket drehte sich um und schaute in eine großkalibrige Pistole. Bevor das Muskelpaket antworten konnte, schoss MacFroody ihm direkt in den Kopf und der Mann fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Noch während der Mann fiel, sagte MacFroody verächtlich: „Olivia Spatzlinsky war meine Halbschwester.“

Ein prüfender Blick ging durch die Reihen, doch die angetretenen Söldner zuckten noch nicht einmal mit einer Miene, in ihren Reihen war es üblich, bereits am Anfang unverständlich klar zu machen, wer die Autorität innehat.

„Gut, Worrowitz, teilen Sie die Leute ein, ich sehe mir drinnen die Akten an.“

„Ja, Sir!“, antwortete Worrowitz und wies die Leute an „Conner und Freyth, schaffen Sie das tote Fleisch da weg. Die Truppführer zu mir!“

John Allister MacFroody III nahm im Haupthaus Platz und trank einen guten Schluck Tequila, dann nahm er sich die Akten der Söldner vor und ging jede einzelne genau durch Schließlich war er bekannt dafür, dass er seine Leute immer gnadenlos aussiebte. Bei ihm hatten Maulwürfe bisher keine Chance gehabt und das würden sie auch zukünftig nicht.

 

***

 

Tel Aviv

„WAS?“, fragte Dagan völlig entsetzt. Zum Glück war gerade niemand anwesend, der sah, wie er bei Levis Bericht vor Überraschung beinahe den Hörer fallen gelassen hatte. „Sag das nochmal“, forderte er Levi auf.

„Dieser Stein hat Caroline k.o. geschlagen.“

„Woher weißt du das?“

„In der Nähe des Gefängnisses gibt es ein beliebtes Bistro, das „Café de la Ville“, in dem viele der Angestellten der JVA ihre Mittagspause verbringen oder nach Feierabend noch etwas trinken. Ich sitze öfters dort und halte die Ohren offen, das tun die Amerikaner übrigens auch. Jedenfalls ist der Kampf gerade das Hauptthema.“

„Und wie kam es dazu?“

„Da gibt es mehrere Versionen. Die einen sagen, es sei eine Wette gewesen, andere behaupten, dem Kampf wäre vorher ein Streit vorausgegangen. Sicher ist nur, dass Caroline verloren hat.“

„Ich hätte nie gedacht, dass so etwas einmal passiert.“

„Ich glaube, das hat Caroline auch nicht, denn wenn das, was ich über die Wette gehört habe, stimmt…“

„Was war das für eine Wette?!“

„Nun… angeblich war Carolines Einsatz dabei…“, Levi tat sich offensichtlich schwer am Telefon. „Hör zu, es gibt einfach Sachen, die willst selbst du nicht wissen! Belass es bitte dabei.“

In Tel Aviv starrte Dagan den Hörer an und überlegte, ob er halluzinierte, hatte Levi das gerade tatsächlich zu ihm gesagt? Schließlich rang er sich dazu durch, auf Levis Rat zu hören. Er fragte nicht weiter nach, denn er konnte sich den Einsatz auch so genauestens vorstellen, und Levi hatte Recht, er wollte es gar nicht wissen!

„Schön! Ich will‘s nicht wissen! Was gibt es bei den Ermittlungen bezüglich deiner Vermutung gegen Cardin und Trommer?“

„Jetzt, wo ich weiß, wonach ich suchen muss, finde ich immer mehr Mordopfer. Es gibt zwei Kategorien von Opfern. Erstens die fingierten Unfälle, bei denen man die Spuren gut verwischt, und zweitens Morde, bei denen man die Ermittler auf die falsche Spur bringt. In den letzten zwei Wochen gab es sechs weitere Todesfälle. Vier getarnt als Unfall und zwei „offizielle“ Morde. Alle wurden von Profis verübt und ich kann mir nicht helfen, aber der Einzige, der dazu in der Lage wäre, ist der im Moment untergetauchte alte Franzose.“

„Hatten die Opfer einen Bezug zu Trommer?“

„Nein, und genau das macht mich stutzig. Keiner von ihnen hatte jemals mit Trommer zu tun, nicht einmal am entferntesten. Das Einzige, was die Opfer gemeinsam hatten, ist der Umstand, dass alle im Gefängnis saßen. In Carolines Gefängnis!“

„Lem analysiert Trommers Handel und Treffen in den letzten Monaten. Trommers Verhalten hat sich vor genau 10 Monaten geändert. Du musst herausfinden, ob die Opfer vor 10 Monaten noch einsaßen und wenn ja, was vor 10 Monaten im Gefängnis los war.“

„Ich werde mein Bestes geben. Aber das ist noch nicht alles, es geht noch weiter. Seit der Katastrophe im Stadion zerlegt sich die Landesregierung immer mehr selbst. Das Volk will Blut sehen und beide Regierungsparteien haben jeweils dem Koalitionspartner die Schuld gegeben. Seit Wochen überziehen sich die Parteien gegenseitig mit einer Schmutzkampagne nach der anderen. Jeden Tag gibt es irgendwelche Rücktrittsforderungen gegen Minister oder Amtsträger und wenn ich darauf wetten sollte, würde ich sagen, innerhalb eines halben Jahres gibt es Neuwahlen.“

„Was ist mit der PfR?“

„Trommer hat seine Ansage wahr gemacht und all die braunen Spinner aus der Partei geworfen, was natürlich zu einem erheblichen Mitgliederschwund geführt hat, aber seit ein paar Wochen bekommt die Partei wieder erheblichen Zulauf. Jeder, der eine Protestpartei wählen wollte, aber durch die Braunen abgeschreckt wurde, läuft nun zur PfR. Trommer muss überhaupt nicht poltern oder populistische Sprüche klopfen, um Wähler zu gewinnen. Er gibt sich als Stimme der Vernunft und der Ruhe, während sich die anderen zerfleischen. Wenn Trommer es schafft, Neuwahlen herbeizuführen, wird das ein Kopf-an-Kopf-Rennen und seine Chancen stehen verdammt gut, das Rennen zu gewinnen.“

„Hm, Caroline hatte in den letzten Wochen mehrfach zu Trommer Kontakt. Ihre Analyse von Trommer scheint zu bestätigen, dass Trommer diese braunen Idioten nur benutzt hat, um hoch zu kommen.“

„Ja, hurra, statt eines braunen Nazis steuert nun ein vorurteilsfreier und weltoffener Mehrfachmörder auf die Regierung zu, was den Menschen hier natürlich viel besser gefällt.“

„Ben, was schlägst du vor?“

Levi schwieg einen Moment. Sicher, einerseits war das hier nicht ihre Sache, andererseits stank es ihm, einen Mörder einfach unbehelligt zu lassen, zumal dieser mit dem Verbrecher zusammenarbeitete, der Krischan ermordet hatte. „Wir suchen Cardin und locken ihn heraus. In der Zwischenzeit sammeln wir so viele Beweise gegen Trommer, wie wir können und übergeben sie den richtigen Leuten.“

„Also schön… ich denke darüber nach und bespreche es mit Lem. Solange machst du weiter. Und Ben… pass mir auf Caroline auf.“

„Aber sicher doch, mach dir um die keine Sorgen, die CIA umschwärmt sie wie Motten das Licht. Sie kann kaum einen Schritt machen, ohne dass ihr nicht mindestens zwei Agenten an den Fersen kleben.“

Als Dagan den Hörer aufgelegt hatte, versank er in Gedanken. Levi hatte Recht, sie durften nicht einfach die Augen schließen. Doch je länger er nachdachte, umso mehr wurden seine Gedanken von etwas ganz anderem abgelenkt. Dagan stand auf und ging er zu seiner Ablage, wo er sich das Dossier von Peter Stein holte, das er dieses Mal sehr sorgfältig von vorne bis hinten durchlas. Schließlich kam er wieder zu dem Personalbild, das in der Akte klebte. Er schaute es mit zusammengekniffenen Augen an und flüsterte: „Wenn du meiner Caroline etwas antust, dann leg ich dich eigenhändig um!“

 

***

 

JVA Mainstadt am Freitagabend

Davon, dass Dagan genau zu dieser Zeit mein Foto anstarrte und schwor, mich im Fall des Falles eigenhändig umzulegen, wusste ich glücklicherweise nichts.

Einerseits schwebte ich auf Wolke 7. Da saß ein Teufelchen auf meiner Schulter, das mir sagte, dass mein Gewinn auf mich wartete und ich den rothaarigen Drachen nicht nur in mein Bett bekam, sondern mit ihr tun konnte, was immer ich wollte…

Andererseits saß da auch ein kleines Engelchen, das mich fragte, ob ich es tatsächlich nötig hatte, eine Frau auf diese Weise ins Bett zu bekommen. Doch bei jeder Bewegung, die mich wegen des Kampfes schmerzte, musste ich dem Teufelchen Recht geben, das mich darauf hinwies, dass ich mir meinen Spaß redlich verdient hatte.

Aber, um mein Gewissen zu beruhigen, beschloss ich, es nicht zu übertreiben.

Ich wollte gerade meine Wohnung verlassen, als mir wieder einfiel, was für eine Kampfmaschine Caroline war, also ging ich noch einmal zurück und steckte noch ein Paar Handschellen ein. Allerdings verbot es der Gentleman in mir, ohne ein Präsent zu Caroline zu gehen, und so hatte ich mir eine Flasche Whisky Likör besorgt und eine Schleife darumgebunden.

So ausgerüstet klopfte ich zur ausgemachten Zeit an Carolines Tür, die nur Sekunden nach meinem Anklopfen geöffnet wurde.

 

***

 

Wettschulden

Heute Abend sollte ich die versprochene Wette einlösen, nein, die verlorene Wette! Es nagte immer noch an mir, dass ich auf diesen plumpen Trick von Peter hereingefallen war. Auch wenn ich es hasste zuzugeben… Jessika hatte mir deutlich gesagt, dass ich nur „nein“ sagen musste und die Sache wäre erledigt, aber einen solchen Gesichtsverlust hinnehmen? Schließlich hatte Jessika Recht, dass ich mich für so unbesiegbar gehalten hatte… verdammt, ich hatte gewettet und verloren! Jetzt hieß es, zahlen oder kneifen, und kneifen kam für mich nicht in Frage, schon gar nicht bei Peter Stein!

Peter war die letzten zwei Tage auffallend freundlich und gab sich redlich Mühe, es mir recht zu machen, eben typisch Mann, der etwas von einer Frau wollte. Aber, auch das musste ich zugeben, er war ein fairer Gewinner, und erwähnte den Kampf mit keiner einzigen Silbe. Außerdem, was machte ich mir Sorgen, wenn ich richtig lag, würde das Ganze sowieso in wenigen Minuten vorbei sein. Ich wusste sehr genau, wo ich „Hand anlegen“ musste, um die Jungs zufriedenzustellen, da würde Peter Stein sicher keine Ausnahme machen.

Um das passende Outfit zu finden, war ich shoppen gegangen. Begleitet wurde ich dabei von mehreren „Schatten“, die mich auf Schritt und Tritt verfolgten. Zwar hatte Peter gesagt, ich bräuchte nur das Halsband zu tragen, doch so einfach wollte ich es ihm dann doch nicht machen. Wenn Peter dachte, dass ich mich ihm direkt nackt zeigte, hatte er sich geschnitten. So schnell schießen auch die Preußen nicht!

Pünktlich zur angegebenen Zeit klopfte es und ich ließ Peter in die Wohnung. Ich war bekleidet mit einem hauteng anliegenden, gelbschwarzen Sportdress, mit langen Beinen, langen Armen, hoch geschlossen, aber das Halsband brav angelegt. Nur die blöde Leine hatte ich entfernt. Kill Bill Vol. III würde Peter sicherlich denken, aber das sollte er ruhig. So schnell gab ich mich ihm nicht hin, eher würde ich ihm zeigen, dass ich, genau wie im Film, auch mit dem Katana umzugehen vermochte. Tja, und die Sache mit den Wanzen müsste er mir auch noch erklären.

 

***

 

Besuch bei Caroline

„Uma Thurman in Gelb!“, war mein erster Gedanke, als ich sie in dem schwarz-gelben, hautengen Dress sah.

„Sollte sie nicht nackt sein?“, fragte ich mich in Gedanken. Und mein Verstand antwortete: „Böses Mädchen!“ Aber genau das war sie, ein sehr böses Mädchen, doch immerhin trug sie mein Halsband, wenn auch ohne Leine und wieder gab es mir einen leichten Stich in der Herzgegend. Ich würde es ganz sicher nicht Liebe nennen, aber Caroline wurde interessant.

„Guten Abend, darf ich eintreten?“, fragte ich brav.

Caroline, die ihr Pokerface aufgesetzt hatte, ließ erst keine Regung erkennen, doch auf meine Frage hin lächelte sie sogar und tat so, als ob sie den Weg frei machen würde. Dann blieb sie aber stehen und sagte: „Selbstverständlich, es sei denn, du möchtest deinen Gewinn auf dem Flur entgegennehmen.“

„Nein“, entgegnete ich und zeigte auf die Kamera an der Wand gegenüber meiner Wohnungstür, „ich wette, dass der Server der Überwachungskameras kurz vor dem Kollaps steht und würde daher das Innere deiner vier Wände bevorzugen.“

Noch immer lächelnd trat sie zur Seite und ließ mich eintreten. Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass Caroline Veras Wohnung komplett umgeräumt hatte. Ich musste mich erst einmal orientieren. Alles war so sauber und ordentlich, dass man kaum glauben konnte, dass sie erst vor kurzem hier eingezogen war, da würde man eher ein Chaos vermuten.

Ich überreichte Caroline mein Präsent und sie bedankte sich aufrichtig, anscheinend hatte ich ihren Geschmack richtig eingeschätzt.

„Bitte, mach es dir bequem“, sagte Caroline und wies auf den Sessel, „möchtest du etwas trinken?“

„Ja, gerne“, antwortete ich und nahm Platz. „Wenn du wüsstest, was für einen Spaß ich schon auf diesem Sessel hatte…“, ging mir dabei durch den Kopf.

„Was ist?“, fragte mich Caroline, die mir ein Glas Whisky entgegenhielt.

„Bitte?“

„Du hast gerade sehr süffisant gegrinst.“

„Süffisant?“

„Ja, das war ziemlich eindeutig. ich hoffe, du hast dir meinen Empfang nicht anders vorgestellt.“

„Nein, ich war mit meinen Gedanken nur irgendwo anders gewesen.“

Caroline schien zu überlegen, ob ich sie anlog, fragte aber nicht weiter nach, sondern setzte sich mir gegenüber auf das Sofa.

Wieder schweiften meine Gedanken zu dem Sessel. Mir fiel ein, wie ich Beate darübergelegt hatte, während Vera sie festhalten musste, und ich Beate mit dem Rohrstock den Hintern versohlte.

„Das muss eine schöne Erinnerung sein“, meinte Caroline.

„Ja, das war sie“, brach ich das Thema schroffer ab, als ich es beabsichtigte und nippte am Whisky.

Mmm, verdammt, der war gut. „Hui, tolles Zeugs.“

„Ich habe Jessika gefragt und sie hat mir den Tipp mit dem Whisky gegeben.“, gestand Caroline und tatsächlich schafften wir es uns eine ganze Weile zu unterhalten, ohne uns anzufeinden. Wenn Caroline lachte, strahlte sie richtig und man hätte niemals eine Killerin oder Henkerin hinter diesem schönen Lachen vermutet. Unvermittelt wurde mir klar, dass Caroline ein freundliches Wesen besaß und die eisige Kälte, die sie den Leuten entgegenbrachte, lediglich ein Schutzpanzer war, wenn auch ein sehr dicker Schutzpanzer.

„Dein Musikgeschmack ist klasse“, meinte ich, als Meat Loaf im Hintergrund erklang. „Ich wollte beim Training übrigens nicht über dich urteilen.“

„Bitte?“

„In der Sporthalle, da sagtest du zu mir, ich solle es nicht wagen über dich zu urteilen. Das wollte ich nicht.“

„Oh, eigentlich hast du das schon… Zitat: Damit, Leute umzubringen, hast du ja offensichtlich keine Probleme. Zitat Ende. Ja, ich habe Menschen getötet, hast du damit ein Problem?“

„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht“, gestand ich ihr. „Ich rede nicht von den Angreifern, die die Herrscherfamilie auf Sul… Soulle…“

„Soulebda!“

„…Soulebda umbringen wollten, sondern… wie soll ich das sagen?“

„Du redest von meinem Job als Henkerin?“

„Ja, davon rede ich.“

„Wo liegt dein Problem?“

„In meinen Augen hat niemand das Recht, einen Menschen zu töten, auch nicht bzw. schon gar nicht der Staat. Ein Rechtssystem auf dieser Basis halte ich für barbarisch.“

„Weißt du, die Mehrheit der Menschen, für deren Rechtssysteme ich als Henkerin arbeitete, hält die Todesstrafe als gerechtfertigt und angemessen.“

„Amis… verstehe mich nicht falsch, ich mag die Amerikaner, aber in manchen Fragen, wie z.B. Waffenbesitz, Todesstrafe oder Religion sind sie einfach… nicht auf meiner Wellenlänge.“

„Das sind die Amerikaner nicht einmal untereinander. Aber was ist mit dir, ich nehme an, du hast noch niemanden getötet?“

„Natürlich nicht“, diese Wörter lagen mir schon auf der Zunge, als ich sie herunterschluckte… Torres! Nein, ich hatte sie nicht selbst umgebracht, das war Trommer bzw. ein von Trommer gekaufter Killer. Dennoch stellte ich mir die Frage, würde sie noch leben, hätte ich mich nicht eingemischt? Was wäre dann aber aus Beate geworden… diese Gedanken drehten sich immer im Kreis und ich kam nie zu einer Antwort! So druckste ich herum und kam zu keiner Antwort.

„Ich sehe, wir haben beide unsere dunklen Seiten“, meinte Caroline.

„Ist das so offensichtlich? Ich dachte immer, ich wäre ein guter Pokerspieler.“

„Wenn du beim Poker verlierst, stehst du auf und gehst pleite nach Hause, wenn du mit Menschenleben spielst, bleibt immer einer liegen. Ich sehe deutlich, dass bei dir jemand liegenblieb.“

„Machen wir einen Deal“, schlug ich vor, „ziehen wir einfach einen Strich unter die Leichen, die hinter uns liegen und sprechen nicht mehr von ihnen.“

„Einverstanden“, lächelte sie mir zu und hob das Glas. „Weißt du, ich werde nicht schlau aus dir.“

„Was gibt es da schlau zu werden? Ich bin ich.“

„Ich hatte eigentlich erwartet, dass du einfach über mich herfällst.“

„Na ja, das dürfte etwas schwierig werden, besonders in diesem Strampelanzug für Erwachsene.“

Caroline holte schon Luft und die Killer-Augen kamen wieder zum Vorschein, also hob ich beschwichtigend die Hände.

„War nur Spaß. Hör zu, ich habe einen tiefschwarzen Humor, nicht jedes Wort von mir ist ernst gemeint. Im Gegenteil, irgendwie hat diese Art von Humor dazu beigetragen, meinen Verstand zu erhalten.“

Caroline sah mich lange und eindringlich an und ich erwiderte ihren Blick, der abschätzte, ob ich die Wahrheit sagte. So wie es aussah, glaubte sie mir, denn ich sah die Killerin in ihren Augen wieder zurücktreten und so beschloss ich, den fragilen Frieden nicht zu gefährden. „Außerdem glaube ich nicht, dass du dabei einfach stillhalten würdest.“

„Nein, das würde ich ganz sicher nicht.“

„Das dachte ich mir.“

„Dann stecken wir in einer Zwickmühle oder verzichtest du auf deinen Gewinn?“

Zum ersten Mal seit Vera und ihre große Liebe weg waren, musste ich richtig lachen. „Wie kommst du denn darauf? Du weißt doch, wie sie mich hier drinnen nennen?“

„Ja, du bist der Bad-Man.“

„Stimmt, und was soll ich sagen, der Name ist Programm.“ Ich stand auf und holte aus meiner Hosentasche das Paar Handschellen hervor.

Carolines Augen funkelten wütend auf, doch irrte ich mich oder war da mehr? „Wettschulden sind Ehrenschulden, wenn ich also bitten darf… Falls du es bemerkt hast, hier sind überall Haken und Ösen an den Wänden und der Decke.“ Ich schaute durch den Raum und Caroline folgte meinen Blick. Mit Sicherheit hatte sie diese beim Aufräumen schon bemerkt und sich gefragt, was daran befestig war. Die Antwort lautete, Beate und Vera!

„An denen hingen keine Blumenampeln oder Kerzenhalter“, grinste ich und hielt ihr die Handschellen entgegen. Caroline kam langsam und widerstrebend auf mich zu. Wahrscheinlich hätte sie mir mit einer Hand das Genick brechen können und ein Teil in Caroline wollte das sicher auch tun, doch sie fügte sich. Sie hielt mir die Hände brav entgegen und ich ließ die Handschellen zuschnappen. Aus den Weiten meiner Tasche zauberte ich noch einen Karabinerhaken hervor und schon hing sie mit den Armen über dem Kopf an einem Haken der Wand. Ich trat einen kleinen Schritt zurück und wartete auf das „NEIN“, doch es kam nicht, auch nicht, als ihr direkt in die Augen sah.

In diesen Moment des Augenkontakts durchzuckte mich ein Blitz, mir wurde plötzlich klar, dass ich Caroline nicht nur ficken wollte, weil ich geil war, nein, ich begehrte diese Frau tatsächlich. Ich begehrte diese unbändige wilde Schönheit und wenn mir jemand das Genick brechen sollte, dann diese Frau.

Ich trat an sie heran, umfasste ihre Hüften und ließ meine Hände langsam von ihrem Pobacken über Rücken nach oben wandern. Am Kopf angekommen, fasste ich sie sanft in ihren Haaren und brachte ihre Augen vor meine. Dabei blitzten ihre Augen gefährlich auf und mit Sicherheit hätte sie mich trotz Handschellen fertig machen können, doch irgendwas hielt sie zurück. Somit war es an der Zeit für ein kleines Friedensangebot.

Geschickt öffnete ich das Halsband und zog es ihr aus. Wenn sie es jemals trug, dann nur, weil sie es freiwillig für mich trug, und nicht, weil sie eine Wette verloren hatte. Ich ließ das Halsband einfach zu Boden fallen und begann, ganz langsam den Reißverschluss des Overalls zu öffnen. Dazu benutzte ich meine rechte Hand. Die Linke ließ ich in ihren Haaren, ohne sie wirklich fest zu halten.

„Wow! Sie hat tatsächlich nichts darunter an“, stellte ich fest, als ich den Verschluss immer weiter nach unten zog.

Ohne gleich die Brüste frei zu legen, öffnete ich den Reißverschluss ganz, dessen Ende direkt über ihrer Scham lag. Mit Bedacht, diese nicht zu berühren, vollendete ich mein Werk. Als meine linke Hand sich von ihren Haaren löste und über ihren Hals glitt, zuckte sie leicht zurück, hielt dann aber weiter still.

Jetzt ließ ich meine Hände von ihren Schultern zu ihren Brüsten wandern und kaum erreichte ich diese, begannen sich ihre Brustwarzen recht deutlich durch den Stoff des Overalls zu drücken.

Ja, genauso hatte ich es mir in meinen Träumen ausgemalt, doch jetzt war ich in der Realität angekommen!

Mit einem Griff hatte ich den Karabinerhaken gelöst, die Handschellen aufgeschlossen und trat zurück.

„Was ist?“, fragte sie ungläubig.

„Was ist? Ganz ehrlich, ich will dich! Aber nicht auf diese Weise.“

„Es ist die einzige Gelegenheit, die du je haben wirst!“, fauchte sie.

„Ok… dann verzichte ich eben!“, antwortete ich, schnappte mir mein Glas, kippte den Whisky herunter und ging in Richtung Tür, als sie mich einholte.

„Du arrogantes Arschloch! Bin ich dir etwa nicht gut genug?“, warf sie mir an den Kopf, wobei der Overall noch immer offenstand.

„Arrogant? Ich nutze die Gelegenheit nicht aus, falle nicht über dich her, bloß weil du eine Wette verloren hat und bin arrogant? Du undankbares Miststück! Am liebsten würde ich dir den Arsch versohlen!“

„Versuch es doch, wenn du es wagst!“, forderte sie mich heraus.

Das reichte! Und ob ich es wagte! Schon hatte ich ihr die Handschellen wieder angelegt und trotz ihrer „Gegenwehr“ hing sie Sekunden später wieder mit den Amen nach oben an der Wand. Ich schob den Overall zur Seite und befreite ihre Brüste aus der Enge des Stoffes.

Carolines Brüste waren fest und perfekt geformt und als meine Finger zu ihren harten Nippeln kamen, um diese leicht zu zwirbelten, konnte sie ein kleines Stöhnen nicht unterdrücken. Doch sofort biss sie sich auf die Lippen und ihre Augen funkelten weiter. Nun begann ich mit ihr zu spielen und brachte sie in Fahrt. Dabei schob sich meine rechte Hand über ihren flachen Bauch nach unten, wo ich langsam das Ende des Reißverschlusses erreichte und jetzt auch tiefer ging.

Es war deutlich zu erkennen, dass in ihrem Kopf ein heftiger Kampf tobte, aber das machte das Ganze auch erst richtig spannend. Ich holte aus der anderen Hosentasche meinen zweitbesten Freund hervor, mein geliebtes, sehr scharfes Klappmesser und klappte die Klinge aus. Ein kurzes nervöses Aufflackern in ihren Augen zeigte, wie schwer es ihr fiel, still zu halten, doch sie blieb ruhig, als ich begann dem rechten Arm des Overalls aufzuschneiden. Ganz vorsichtig schnitt ich ihr den ganzen Anzug vom Leib, bis dieser in Fetzen auf dem Boden lag. „Wärst du nackt geblieben, wie ich es verlangt hatte, müsste ich den Anzug nicht zerschneiden“, ging mir rechtfertigend durch den Kopf.

Schließlich stand sie nackt in Handschellen vor mir. Was für ein Anblick! Ich musste offen zugeben, dass Caroline die schönste Frau war, die ich je gesehen hatte. Doch jetzt war es genug mit der zarten Nummer!

Ich löste den Haken, der Caroline an der Wand fixierte, und warf sie mit den Handschellen auf das Bett. Da das Bett Vera und mir ebenfalls als Spielwiese gedient hatte, besaß es wie die ganze Wohnung auch jede Menge praktische Ösen, an denen ich Caroline fesseln konnte. Schon waren die Handschellen wieder über ihrem Kopf am Bett gefesselt und das Spiel ging weiter.

Mit meinem Messer schnitt ich aus dem Overall Stoffstreifen, mit diesen band ich ihre Füße, die in modischen schwarzen Sneakers steckten, an den Bettpfosten fest, anschließend verband ich ihr die Augen und knebelte sie. Hart, jedoch ohne brutal zu sein, drang ich in Caroline ein, wobei ich nicht viel Widerstand überwinden musste. Egal, welchen Knopf ich bei Caroline gedrückt hatte, sie drückte sich mir leidenschaftlich entgegen.

Da ich nicht mehr damit rechnete, dass sie mich umbringen würde, zumindest nicht vor dem Ende des Liebesaktes, löste ich die Fesseln an ihren Füßen und dem Bettende. Die Handschellen aber ließ ich sie weitertragen, denn einerseits sah Caroline damit geil aus, andererseits sollten die Handschellen sie daran erinnern, wer hier im Bett der dominante Part war.

Was folgte, war ein heißes Liebesspiel, das dem Ringen in der Sporthalle kaum nachstand. Fast alle Möbelstücke in ihrer Wohnung dienten mir dazu, Caroline zu bändigen. Der Sessel, das Bett, das Sofa. Es gab nichts, was ich an meinen über zwanzig Jahren erlernten BDSM-Techniken ausließ, auch das sanfte Packen der Haare war jetzt vorbei und ich griff fest und bestimmend zu. Ich wollte die Panterin in ihr bändigen, doch das Raubtier hatte nicht aufgegeben, es setzte sich zur Wehr und holte sich, was immer es wollte. Wild und hemmungslos vögelten wir in der ganzen Wohnung. Dabei zerkratzte Caroline mir den Rücken, die Brust und alle Regionen, die sie mit den Handschellen erreichen konnte und ich packte sie ohne Rücksicht dorthin, wo ich wollte, was ihr einige blaue Flecken einbrachte.

Stunden später, als sich der „Kampf“ zum Ende neigte, packte ich sie, drückte sie auf den Fußboden und zwängte mich zwischen ihre Beine, während Caroline ihren gefesselten Händen in meinen Nacken schwang, sich daran festkrallte und sich mir entgegen zog. In dieser Stellung kamen wir fast gleichzeitig. Ich ließ ihr noch zwei Sekunden Vorsprung, dann kam auch ich. Wie eine Riesenwelle brachen die Höhepunkte über uns zusammen, bis wir völlig erschöpft gemeinsam auf dem Boden liegen blieben.

Erst jetzt fiel mir auf, dass während der gesamten Zeit kein einziges Wort gefallen war.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten wir uns voneinander und Caroline hielt mir ihre gefesselten Hände entgegen. „Vergiss es“, sagte ich und sammelte meine letzten Reserven. „Schon vergessen? Du gehörst mir die ganze Nacht!“

Für einen kurzen Moment kehrte die Wut in ihre Augen zurück, doch sie fügte sich „ihrem Schicksal“ und so brachte ich sie zum Bett zurück und die Nacht ging weiter.

Irgendwann am Morgen erwachte ich und der Platz neben mir war leer, bis auf die Handschellen, die auf der Decke lagen.

„Schön, sie hat dich nicht umgebracht. Das ist doch schon einmal ein Anfang“, dachte ich, als ich meine Beine aus dem Bett schwang und aufstand. „Au!“, stöhnte ich leise, denn mit dem Aufstehen kam auch der Schmerz. Im Badezimmer warf ich einen Blick in den Spiegel und schüttelte den Kopf. Ich bot ein schlimmes Bild, überall auf meinem Körper verteilt hatte ich Kratz- und Bisswunden, Schrammen und andere diverse Verletzungen. „Tja, das hat man davon, wenn man mit einer Panterin kämpft“, sagte ich zu meinem Spiegelbild und genau das war Caroline auch, ein gefährliches Raubtier. Aber das war mir egal! Diese Frau war jede Schramme wert!

Ich sammelte meine Kleider ein, begab mich in meine eigene Wohnung und machte mich nach einem längeren Aufenthalt im Bad auf den Weg ins Büro.

„Wie war dein Gewinn?“, fragte Jessika, nicht ohne Schadenfreude, als ich an ihrer offenen Tür vorbeikam und sie die Kratzwunden sah.

„Ich lebe noch“, meinte ich nur.

„Tja“, antwortete Jessika, „sie ist eben keine…“

„Sag es nicht!“

 

***

 

Als Peter in der Tür stand, war ich mir immer noch unschlüssig, wie weit ich mich auf das einließe, was kommen würde. Ganz gewiss würde ich mich nicht einfach wie eine nette Maus vernaschen lassen. Sollte er wie ein Berserker über mich herfallen, dann würde es garantiert tragisch für ihn enden. Ich hatte schon einmal einem Mann die Beine gebrochen, als er mich besteigen wollte, das war einfacher, als viele dachten. Also stand für mich die Frage im Raum, was kommt da heute durch diese Tür. Vielleicht wäre es ja der Prinz…

Da wurde ich durch ein zartes Klopfen aus meinen Gedanken gerissen und ich ließ ihn eintreten. Seine Begrüßung war tatsächlich freundlich und ich entdeckte sogar eine Spur Charme in diesem Raubein.

Hier im Haus nannten ihn alle den Bad-Man, weil er auch böse sein konnte, wenn er wollte. Na dann, willkommen im Club.

Doch irgendwie kam es ganz anders! Statt einfach über mich herzufallen, plauderten wir ohne die üblichen Feindseligkeiten und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass wir bei vielen Themen auf einer Linie lagen, bis wir auf meinen vorherigen Job als Henkerin zu sprechen kamen. Peter hatte also ein Problem damit, dass ich Menschen getötet hatte. Was würde er wohl sagen, wenn er von meinem eigentlichen Job beim Mossad wüsste? Ich wartete schon auf die Frage, ob mir das Töten Spaß machte, dann wäre der Abend sehr schnell zu Ende gewesen, doch sie kam nicht und Peter schaffte es, mit seinem Feinsinn diese Klippe zu umschiffen.

Nach einer Weile stellte er dann aber klar seine Forderungen und er würde seinen Wettgewinn auch einlösen, dessen war ich mir sicher.

Aber was dann kam, war für mich eine völlig unerwartete Entwicklung.

Nachdem Peter angefangen hatte, mich zu reizen, waren meine Signale klar. Meine Brüste sprachen eine deutliche Sprache und so schlimm würde das mit dem durchtrainierten Mann sicherlich nicht werden. Ganz im Gegenteil, langsam wurde er in meinen Augen interessant, was er sagte, hatte Hand und Fuß. Peter brachte sogar rabenschwarzen Humor mit, zugegeben nicht ganz meine Stärke, aber dann löste er die Fesseln und ließ mich stehen.

„Ich will dich, aber nicht auf diese Weise!“, kam er mir entgegen und diese Worte wirkten wie ein Schlag ins Gesicht. Jeder seiner Sätze regten mich mehr auf. War ich ihm nicht gut genug? Na, dann hast du eben Pech gehabt, mein kleiner Prinz, lieber esse ich dein Pferd, als den Prinzen zu nehmen. Wir erregten uns tatsächlich aneinander und es wurde mir klar, dass er auch das hatte, was wir Alphas alle hatten, eine irrsinnige Angst davor, allein da zu stehen.

Ein Wort gab das andere und wir beiden Alphas rieben uns aneinander und schneller, als ich es tatsächlich wollte, trug ich erneut Handschellen, mein Dress war zerschnitten und ich lag gefesselt auf dem Bett. Ah, jetzt endlich kam er zur Sache.

Ich konnte es kaum fassen, aber dieser Kerl hatte mich erregt, hatte mich an sich gefesselt und ich begann ihn zu spüren, das war ein richtiger Mann. Wo war mein Vorsatz, die Sache in wenigen Minuten zu Ende zu bringen? Jetzt war es dafür zu spät für mich, wollte ich ihn eben noch zerreißen, nun hätte ich ihm am liebsten die Kleider vom Leib gerissen. Was machte er? Er löste die Fesseln bis auf die Handschellen und es begann das heißeste Liebesspiel seit meiner ersten Nacht mit Penelope auf Soulebda.

Wir trieben es in allen Positionen und auf allen Plätzen in der kleinen Wohnung und ich saugte ihn regelrecht aus, ich aß seine Kraft und er fütterte mich mit dem, was ich gesucht hatte. Wie eine Panterin fiel ich über ihn her und ich wusste genau, dass er am Tag darauf nicht gut aussehen würde, aber auch ich musste Schmerzen hinnehmen. Wir waren wie zwei entfesselte Orkane, die sich getroffen hatten, und begannen uns gegenseitig zu verschlingen.

Entweder würden wir uns auflösen oder wir würden als ein einziger Hurrikan herausgehen. Als wir uns stundenlang unserer Lust ergeben hatten, da fiel mir auf, dass er kein Wort mehr gesagt hatte.

Doch als ich die Handschellen geöffnet haben wollte, lehnte er genau das ab. „… die ganze Nacht! …“, sagte er und seine Rede war Programm.

So trieben wir es bis in die frühen Morgenstunden, dann forderte das Training oder das Alter doch seinen Tribut bei Peter und er fiel mir in die Arme. So lag er halb auf, halb neben mir und es fühlte sich sogar richtig gut an. Ob sich da noch mehr entwickeln würde, ich konnte und wollte es noch nicht glauben, aber in der Löffelchenstellung schlief auch ich in seine Arme gekuschelt ein.

Am Morgen löste ich mich aus seiner Umklammerung und von seinen Handschellen, die kein wirkliches Problem darstellten, legte sie auf das Bett und deckte ihn mit einer Decke zu. Nach einer flüchtigen Dusche machte ich mich startklar, schlüpfte in einen neuen Trainingsanzug und grüßte Jessika, die eben das Haus betrat. Sie lächelte und ich lächelte zurück mit der leisen Bemerkung: „Er lebt noch.“ Dann verließ ich die JVA und begann meine Runden auf dem nahen Waldweg zu laufen. Dabei schweiften meine Gedanken immer wieder zu Peter.

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hatte Peter meine Pläne durchkreuzt! Sicher, kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt, aber verdammt… Peter hatte nicht nur das bekommen, was er wollte, er hatte es sich rücksichtslos genommen und ich hatte es ihm bereitwillig gegeben. Das Schlimme dabei war, es hatte mir unendliche Freude gemacht!

Wie sagte Jessika so gern: „Peter ist manchmal ein schwanzgesteuerter Testosteronbolzen“? Doch dieser besagte Bolzen hatte trotz all seiner Dominanz in erster Linie darauf Wert gelegt, dass ich auch in der letzten Nacht auf meine Kosten kam. Damit hatte Peter genau meinen Nerv getroffen, nicht einmal Krischan… abrupt brach ich diesen Gedanken ab, konnte ich Peter mit Krischan vergleichen?

NEIN! Und sofort baute ich wieder eine Mauer auf, die mich vor Peter schützen sollte, allerdings war diese Mauer allmählich einsturzgefährdet. Ob Peter dies auch beabsichtigt hatte? Wohl kaum! Als ich diesen Gedanken beiseiteschieben wollte, fiel mir Trommers Auftrag, Peter zu beobachten und eine Analyse zu erstellen wieder ein.

Die Analyse war eindeutig! Peter hatte viele Geheimnisse, ja, sogar dunkle Geheimnisse. Welche, das würde ich sicher noch herausfinden, doch ob ich diese Trommer preisgeben würde, stand erst einmal in den Sternen!

Doch ich rannte hier nicht durch den Wald, um zu grübeln, sondern um meinen Kopf freizubekommen, also schaltete ich ab und konzentrierte mich auf mein Lauftraining. Auf den ersten vier Kilometern war noch Ruhe, aber dann fanden sich deutlich mehr Sportler ein, als ich es gewohnt war. Irgendetwas war hier falsch und ich wurde wachsam. Auf der einen Bank hatten zwei Jogger eine Kamera gezückt und sie hatten offenbar mich im Sucher. Gegenüber fielen mir zwei marokkanisch aussehende, gut trainierte Sportler auf, die einen südfranzösischen Dialekt sprachen. Das waren eindeutig mehr Schatten als die typische CIA-Begleitung! Ich suchte nach einer Abkürzung und verließ den Pfad, rannte schnell weiter zur Pforte zurück und verschwand in den Räumen der JVA.

Ich war hier nicht allein, das wurde mir immer klarer und da musste etwas geschehen. Selbst der testosterongeplagte Peter würde irgendwann mitbekommen, dass hier etwas nicht stimmte.

Ich musste mit meinem Onkelchen Kontakt aufnehmen, er würde wissen, was zu tun war und er konnte und würde mir helfen. Ich wollte hier kein Blutbad anrichten, nur weil alle meine Sinne Angriff signalisierten. Doch bevor ich das tat, meldete ich meine Beobachtung Frank, der daraufhin diesen jungen Burschen aus dem Aufzug zu sich rief.

„Randy, du hast sicherlich schon Caroline kennengelernt?“

„Na klar, die Frau, die es wagte, Peter den Parkplatz zu klauen“, grinste dieser freche Bengel über das ganze Gesicht.

„Schön, dass du wenigstens etwas über mich weißt“, antwortete ich. „Wenn das auch nur die Sache mit dem Parkplatz ist.“

„Randy“, fuhr Frank dazwischen, „ich will, dass Caroline sich alle Videos der Außenkameras anschaut. Ich will einen Screenshot von jedem Gesicht, das in den letzten drei Stunden auf den Videos aufgetaucht ist.“

„Alles klar, Chef, ich mache mich sofort an die Arbeit.“

„Hat sich etwas bezüglich der Schlüssel ergeben?“, wollte ich wissen, nachdem Randy das Büro verlassen hat.

„Nein, Decker wertet noch immer Bild- und Videomaterial aus. Unser Maulwurf ist sehr geschickt, was das Verschleiern seiner Tätigkeit betrifft. Übrigens, am Montagmorgen um neun Uhr hast du einen Termin bei Trommer. Er erwartet deinen Bericht über Peter.“

„Gut, ich werde pünktlich sein“, bildete ich es mir ein, oder hatte Brauer leicht die Mundwinkel nach oben gezogen?! Na, toll! Jeder im Haus wusste über die letzte Nacht Bescheid und das, obwohl es erst Samstag war! Wie würde da erst der Montagmorgen werden?

Als ich in meiner Wohnung ankam, stellte ich fest, dass Peter alles perfekt aufgeräumt und sauber gemacht hatte, er hatte sogar die Gläser gespült und das Bett neu bezogen. Spontan fielen mir die Wanzen und Kameras ein. Gestern Abend hatte ich ganz vergessen, die Wohnung zu überprüfen, etwas das ich sofort nachholte und tatsächlich fand ich eine neu platzierte Wanze in der Nähe des Bettes. „Na ja“, dachte ich, „wenigstens hattet ihr auch etwas Spaß.“

 

***

Der erste Versuch

„Kontakt! Da ist sie.“ Sally Clifford bog auf dem Laufweg ab und schwenkte etwa fünfzig Meter hinter Caroline auf deren Weg ein, um ihr zu folgen.

„Warum hat uns keiner gesagt, dass diese Frau eine Marathonläufern ist?!“, fluchte Will Share, der zwischen Sally und Caroline auf einem Parallelweg lief. Da Caroline bei ihrem täglichen Lauftraining immer einen anderen Weg einschlug, mussten sich Mikes Agenten aufteilen, schließlich wussten sie ja nicht, welchen Weg Miles nahm. Mike hatte sich diesbezüglich mit Dave beraten und beide waren zu dem Entschluss gekommen, dass Miles als Profi jede Überwachung bemerken würde, also versuchten sie, diese erst gar nicht vor Miles geheim zu halten. Es ging schließlich darum, sie zu schützen und sie würde sicher klug genug sein, das zu verstehen. Wenn sie also immer von denselben Leuten beobachtet wurde, würde sie im Falle eines Angriffes wissen, wer der Feind war und wer nicht, also wurden Clifford und Share Carolines „hauptamtliche“ Schatten.

„Nach der nächsten Biegung bin ich wieder bei dir“, teilte Share Clifford mit und lief weiter. „Ok, Sally, ich bin jetzt hinter zwanzig Meter hinter dir.“

„Sally“, meldete sich Frings, die mit Chole das zweite Überwachungsteam bildete, „hier schleichen zwei Gestalten als Jogger herum, die mir verdächtig vorkommen.“

„Wo seid ihr?“

„Auf einer Bank etwa zweihundert Meter vor dir… Moment, ich habe Sichtkontakt mit Miles.“

„Was tun die Verdächtigen?“

„Sie machen eine Laufpause… Verdammt, die haben was vor, ich spüre es!“ Frings sah, wie sich die anderen „Sportler“ zu Miles umdrehten und strafften, als sie diese auf sich zukommen sahen.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen musste sich Frings entscheiden, Waffe ziehen? Angreifen? Miles warnen? Während Chole die Hand schon an seiner Pistole hatte, durchzuckte Frings ein Gedanke. Sie zog ihr Handy hervor, schaltete für alle gut sichtbar die Kamera ein und hielt diese auf die vermeintlichen Angreifer, als Miles näherkam schwenkte sie um auf diese. Als die anderen bemerkten, dass eine Kamera auf sie gerichtet war, veränderte sich ihr Verhalten schlagartig. Sofort blickte sich einer der beiden um und sah Clifford und Share auf sich zukommen.

 

***

 

„Merde!“, fluchte Jamal, einer der „Sportler“ gegenüber von Frings und Chole.

Worrowitz, der auf einem nahegelegenen Parkplatz wartete, hatte ihn und Gamlain zu den Laufwegen um die JVA beordert, um Miles Gewohnheiten zu überwachen und sollte sich die Gelegenheit ergeben, diese umzulegen. Da Miles die Uhrzeiten und Laufwege immer änderte, musste Worrowitz auf Glück vertrauen. Denn eine engere Überwachung der JVA kam nicht in Frage, da diese sofort erkannt und einen großflächigen Polizeieinsatz auslösen würde. Das wollte nicht einmal MacFroody riskieren, denn seine Chancen wären dann noch geringer, Miles zu erwischen. Außerdem wollte Worrowitz kein Blutbad unter den Agenten der CIA anrichten, die immer in Miles Nähe waren. Denn es war ihm bewusst, dass die CIA dann auch nach ihm suchen würde, was seine weiteren Aufträge sicher erheblich erschweren würde. Eine Meldung mit „Merde“ verhieß allerdings auch nichts Gutes. „Meldung Jamal!“, bellte Worrowitz ins Funkgerät.

„Miles kommt direkt auf uns zu, aber da sind mindestens vier Agenten der CIA, eine hält eine Kamera auf uns!“

„Könnt ihr Miles erwischen?“

Jamal warf einen letzten Blick zu Miles, die durch die Kamera längst Verdacht geschöpft hatte. „Nichts zu machen!“, gab er zurück, schubste Gamlain an und lief auf einem der Wege los, die von der JVA wegführten.

 

***

 

„Sie hauen ab“, rief Frings.

„Ich sehe es, schnapp dir Chole und folge ihnen, aber geht kein Risiko ein!“

Clifford erkannte, wie Miles durch Frings Geistesblitz gewarnt, vor den beiden „Sportlern“ abbog und zur JVA lief, während Frings und Chole den beiden Verdächtigen nachliefen.

Als Sally sah, dass Miles an der JVA ankam, blieb sie stehen und wartete auf Share. „Das hätte knapp werden können. Was denkst du?“

„MacFroody scheint ungeduldig zu werden. So nah an der JVA zuzuschlagen ist gefährlich. Ich denke, er wird es in den nächsten 48 Stunden erneut versuchen.“

„Schau mal da“, sagte Clifford und zeigte zur Straße, wo zwei schwarze SUV an der JVA vorbeifuhren, „wollen wir wetten, dass unsere zwei Jogger da drinnen sitzen?“

„Die Wette gewinnst du,“ japste Chole, der mit Frings zu ihnen gerannt kam, „sie liefen auf einen offenen Parkplatz, wo die beiden Wagen mit mindestens drei weiteren Männern warteten.“

„Ok, Will, du parkst auf dem Parkplatz der JVA und wartest mit Chole auf Miles. Frings, du sendest die Aufnahmen zu Smith, vielleicht erkennt er ja unsere Jogger.

 

***

 

Bodyguard

„Hier sind die Bilder“, Randy hielt Frank einen USB-Stick entgegen, der diesen in seinen PC steckte und sich ein Bild nach dem anderen anschaute.

„Konnte Caroline auf den Bildern jemanden erkennen?“

„Nein, sie hat niemanden erkannt… sagt sie zumindest.“

„Ok“, brummte Frank und zog den Stick wieder heraus, um ihm anschließend Randy zurückzugeben. „Du machst jetzt folgendes, du machst eine Kopie von dem Stick, schließt diesen in unseren Tresor ein und bringst die Kopie in die Keilstraße 16. Dort wirfst du den Stick in den Briefkasten, auf dem Becker steht. Anschließend kommst du her und löschst den Arbeitsspeicher in deinem Gedächtnis, was den heutigen Tag betrifft! Hast du das verstanden? Du hast keine Bilder gesehen, diesen Stick nicht kopiert und die Kopie nicht weggebracht! Wiederhole die Anweisung!“

„Keine Bilder gesehen, keine Kopie gemacht und nicht in der Keilstraße gewesen… ähm, bei welcher Hausnummer nochmal war ich nicht?“ Randy hob abwehrend die Arme und lachte: „War nur Spaß.“

Frank, der Randy strafend ansah, hob drohend den Zeigefinger und sagte ernst: „Das ist kein Spaß, sei vorsichtig und zu niemandem ein Wort! Besonders nicht zu Peter oder Jessika!“

 

***

 

„Diese beiden Nichtsnutze haben ihre Chance vertan!“, tobte MacFroody kurze Zeit später auf seinem Herrensitz. „Sie hatten Miles vor dem Lauf und haben gezögert!“ Voller Wut schnappte sich MacFroody seine 45er und lud sie durch. Für einen kurzen Moment dachte Worrowitz, MacFroody würde die Waffe auf ihn richten, doch der wollte nach draußen stürmen, wo Jamal und Gamlain standen.

Worrowitz wusste, dass er sich etwas einfallen lassen musste und rief: „Warten Sie, Mr. MacFroody! Ich habe die Anweisung gegeben, Miles laufen zu lassen.“

„Was?!“, fauchte MacFroody und fuhr herum, während er die Waffe hob.“

„Sie wollten Miles doch selbst töten und das Erschießen wäre für sie ein zu schneller Tod. So habe ich Ihre Anweisungen verstanden.“

MacFroodys Hand zitterte kein bisschen, während er auf Worrowitz zielte, dann hatte er sich wieder im Griff. „Das ist Bullshit, aber Sie haben Glück, dass mir der Bullshit gefällt, besonders der Teil, dass sie durch meine Hand stirbt.“ Damit senkte MacFroody die Waffe und Worrowitz atmete erleichtert auf. „Nochmal kommen Sie damit aber nicht durch! Der Grund, warum ich sie und diese zwei Idioten nicht einfach über den Haufen schieße, ist folgender: Ein gut bezahlter Informant innerhalb der JVA rief mich an und sagte, dass Miles am Montagmorgen um neun Uhr zum Ministerium muss. Die letzten Termine dort hat sie zu Fuß erledigt. Ich will in drei Stunden einen genialen Plan von Ihnen oder Sie sind Ihren Job los!“ Dabei hob er die 45er und machte klar, auf welche Weise Worrowitz seinen Job verlieren würde!

 

***

 

„Harte Nacht gehabt?“, fragte mich Frank so ganz nebenbei, als ich ihm in seinem Büro gegenübersaß.

„Nö, wieso?“

„Du hast Augenringe wie ein Hush Puppy… tja, bist halt keine zwanzig mehr.“

„Ich bin immer noch jünger als du und meine Augenringe sind hart erarbeitet, wenn du als verheirateter Mann verstehst, was ich meine.“

„Du bewegst dich gerade auf dünnem Eis… sehr dünnem Eis.“

„Kommt auch noch was Wichtiges oder bin ich hier, weil die ganze Belegschaft der JVA weiß, dass ich Sex hatte?“

„Es geht um deinen Sex.“

„Bitte?!“

„Hör zu, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll… wie du sicher schon bemerkt hast, ist Caroline eine Frau mit vielen Facetten.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, du willst mir sagen, ich soll die Finger von ihr lassen?“

„Nein, du Idiot! Ich will dich warnen, Caroline Miles ist nicht die Frau, für die du sie hältst. Solltest du beschließen, dich mit Caroline auf eine Beziehung einzulassen, mach dich auf eine Überraschung gefasst. Das hast du NIE gehört, denn ich lehne mich gerade verdammt weit aus dem Fenster!“

„Warum tust du es dann?“

„Weil du mein Freund bist und weil ich dich noch brauche, um den Laden hier zu schmeißen. In wenigen Tagen beginnt der erste Prozess zur Stadion-Katastrophe, da wird es heiß hergehen. Hier!“ Frank hatte seine Schreibtischschublade aufgezogen und reichte mir eine Bescheinigung.

„Was ist das?“

„Eine Genehmigung, jederzeit eine scharfe Schusswaffe zu tragen und diese auch im Notfall benutzen zu dürfen. Du gehst zu Wolfgang und lässt dir eine Pistole geben, die du ab sofort trägst, sobald du die JVA verlässt.“

„Ich soll mit einer Knarre herumlaufen?“, fragte ich völlig verwundert, denn ich wusste, wie selten eine solche Bescheinigung war, die in der Regel nicht einmal Richter oder Staatsanwälte bekamen. „Wer zum Teufel ist diese Frau, Black Widow?!“

„Würde doch zum Bad-Man passen, oder? Die Antwort, wer Caroline ist, kann nur sie dir geben. Was dich angeht, solange Caroline hier ist, erwarte ich von dir, dass du ihr den Rücken freihältst. Und das meine ich genauso, wie ich es gerade gesagt habe, verstanden?“

„Na schön… weißt du, es wäre hilfreich, wenn ich wüsste, vor wem ich Caroline den Rücken freihalten soll.“

„Na schön, du Dickschädel, wie du wohl mitbekommen hast, hat Caroline die Söhne eines Ex-CIA-Direktors gehenkt. Der ist jetzt hinter ihr her und will sie umlegen und da du Caroline ja jetzt… näherstehst… wirst du ein Auge auf sie halten.“

Das alles wusste ich ja alles schon, also was meinte Frank mit: „Sie ist nicht die Frau, für die du sie hältst?“ Ich wollte Frank gerade auffordern, die Karten auf den Tisch zu legen, doch ich schluckte es hinunter. Frank verhielt sich so, wie ich mit Beate verhalten hatte. In Sachen Beate hatte er mir vertraut, jetzt lag es an mir, ihm zu vertrauen. Außerdem… „meiner“ Caroline würde kein dahergelaufener CIA-Arsch etwas antun! Und was ihre Geheimnisse anging… irgendwie machte mich der Gedanke an, eine schöne geheimnisvolle Frau zu beschützen. Frank schien meine Gedanken zu lesen und sah mich warnend an.

„Peter, das hier ist bitterer Ernst! Pass auf Caroline auf und falls möglich, auch auf dich!“

 

***

 

Worrowitz hatte seine Haut noch einmal gerettet. Pünktlich zur angegebenen Zeit besprach er seinen Plan mit MacFroody. Dazu hatte Worrowitz eine Luftaufnahme von der Gegend um die JVA an die Wand geworfen und mit einem Laserpointer erklärte er seinem Auftragsgeber seinen Plan.

„Von der JVA“, der rote Punkt des Pointer umkreiste die JVA, „bis zum Ministerium“, der Punkt wanderte zum Ministerium, „ist es ein Fußmarsch von gut 45 Minuten. Normalerweise würde ich erwarten, dass Miles einen Wagen nimmt, doch die Spaziergänge dienen sicher dazu, sich besser in der Stadt zu orientieren zu können. Sobald sie die Stadt kennt, haben wir diesen Vorteil verspielt. Wie beim Joggen nimmt Miles auch hier immer einen anderen Weg zum Ministerium, doch es gibt einen kleinen Unterschied.“ Der Laserpointer fuhr von der JVA die Fernstraße entlang. „Bis zu dieser Kreuzung ist der Weg immer derselbe.“ Worrowitz markierte einen Zebrastreifen, an der die Fernstraße in einer Einmündung zur Hauptstraße endete. „Hier, gute vierhundert Meter vom Eingang der JVA entfernt, mündet die Fernstraße in die Hauptstraße. Gegenüber diesem Fußgängerüberweg ist das Bistro „Café de Ville“. Ab hier gibt es mehrere Wege, die Miles zum Ministerium nehmen kann, wir müssen sie also hier erwischen. Da der Termin um neun Uhr ist, wird Miles kurz nach acht Uhr hier an dem Übergang sein. Mit etwas Glück wird sie die Straße überqueren, um sich im Bistro etwas zu Essen zu holen. Ich schlage jedoch vor, schon auf der Seite der JVA zuzuschlagen. Miles‘ „Schatten“ werden wie üblich in Sichtweite hinter ihr bleiben, also wird Miles zu uns kommen, ohne Verdacht zu schöpfen. Wir schlagen mit drei verschiedenen Teams zu…“

 

***

 

Montagmorgen

„Was hältst du davon?“, wollte ich von Jessika wissen. „Was zum Teufel bedeutet das, Caroline ist nicht die Frau, für die ich sie halte?!“

„Du hast noch nicht bemerkt, dass Caroline Geheimnisse hat?“

„Natürlich ist mir das aufgefallen, verdammt, ich war dabei, als Trommer ihre Akte vorlas und die klang besser als ein Actionroman! Sie war bei der Armee und hat für die USA nebenberuflich Leute umgebracht. Jetzt ist sie hier und mein Chef drückt mir eine Knarre in die Hand und sagt, ich soll auf sie aufpassen! Das ist ganz eindeutig nicht das, was ich als Kollegin erwartet habe.“

„Ich habe mir die Ausschreibungen angesehen, Carolines Stelle wurde nie öffentlich ausgeschrieben. Frank hat sie sozusagen in einer Nacht- und Nebelaktion eingestellt und jetzt kommt der Hammer! Das Amt für Zentrale Dienste weiß gar nicht, dass sie hier arbeitet und so überweist es auch kein Gehalt.“

„Du meinst, sie arbeitet umsonst? Wohl kaum, oder?!“

„Irgendwoher fließt das Geld, aber der Einzige, der weiß, woher das Geld kommt, ist Frank.“

„Also weiß Frank auch, wer Caroline wirklich ist!“

„Frank weiß alles, schon vergessen? Jetzt rück schon damit heraus, wo drückt der Schuh?“

„Sie hat das ganze Wochenende nicht mit mir geredet“, stellte ich fest, während Jessika sich um einige tiefere Kratzer auf meinem Rücken kümmerte und mit Pflaster verhinderte, dass ich das ganze Büro vollblutete.

„Was erwartest du von ihr, Peter?“

„Was ich erwarte? Ich erwarte… keine Ahnung, was ich erwarten soll… ich dachte…“

„Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass Caroline wirklich nur ihre Wette eingelöst hat?“

Klar, war mir dieser Gedanke gekommen, aber hören wollte ich ihn nicht! Ich bildete mir ein, in Carolines Augen die Bereitschaft zu sehen, zumindest einen Versuch mit mir zu wagen…

„Hast DU denn versucht, mit ihr zu reden?“

„Selbstverständlich habe ich das, ich wollte sie am Samstagmorgen zum Brunch einladen. Doch sie war nicht da und kam erst spät am Abend zurück, da wollte ich nicht mehr stören und am Sonntag war es dasselbe.“

„Du stalkst sie doch nicht etwa?!“

„Natürlich nicht, aber wenn so lange niemand neben dir gewohnt hat, bekommst du automatisch mit, wenn jemand da ist und wann nicht. Verdammt, ich mag sie eben. Nein, das ist gelogen! Ich bin über beide Ohren in Caroline verliebt! Und ich Idiot ziehe das Ding mit der Wette auch noch durch… denkst du, ich habe es übertrieben oder…?“

„PETER!“

„Was?“

„Hör auf, dich verrückt zu machen! So kenne ich dich ja gar nicht! Nicht einmal als du mit…, wie hieß deine erste Freundin? Carmen… in Urlaub fliegen wolltest, warst du so aufgeregt. Caroline ist alt genug zu wissen, mit wem sie ins Bett geht!“

„Jessika… ich will sie nicht nur im Bett haben, ich will mehr, ich will das volle Programm!“

„Dann mach Caroline doch ein Friedensangebot und kaufe ihr einen schönen Strauß Blumen.“

„Blumen? Die Frau ist eine Killerin!“

„Ja, aber sie ist auch eine Frau und jede Frau freut sich über Blumen. Und bevor du fragst, nein, ich habe keine Zeit, mich um dein Liebesleben kümmern, geh selbst die Blumen kaufen. Ich habe ihre Augen gesehen, als wir über dich sprachen, sie mag dich, also gib dir Mühe beim Aussuchen der Blumen!“

„Ihr redet über mich?!“

„Wir sind Frauen! Ja, wir reden über Kerle, auch über dich.“

„Und sie mag mich? Hat sie das gesagt?“

„NEIN.“

„Woher willst du es dann wissen?“

„Du hast sie mit einer Wette ins Bett bekommen und lebst noch, das sagt doch alles!“, meinte sie grinsend.

Na ja, von dieser Warte hatte ich es noch nicht betrachtet, aber Jessika hatte Recht, ich lebte noch. Das war zumindest kein so schlechter Start in eine Beziehung und da heute Morgen keine Termine anstanden, konnte ich mich auf den Weg machen, um Jessikas Rat in die Tat umzusetzen. Ich zog mein T-Shirt wieder über und wollte gerade losgehen, als mir das Schießeisen einfiel, das ich ab jetzt draußen tragen sollte. „So ein Quatsch!“, fuhr es mir durch den Kopf, doch verdammt, Frank hatte es sozusagen befohlen, also steckte ich das Teil eben ein. Bei der Auswahl hatte ich mich für eine Sig entschieden, da ich mit dieser beim Training das beste Ergebnis erbrachte, außerdem war sie recht handlich und nicht allzu groß. Schließlich wollte ich nicht wie „Dirty Harry“ herumlaufen. „Hm“, brummte ich, als ich mich im Spiegel mit dem Holster betrachtete, so konnte ich ja kaum durch die Stadt laufen, also suchte ich etwas zum Überziehen. Ich fand eine passende Weste von KISS, die die Waffe verbarg und ging los.

 

***

 

Der Blumenladen lag in der Hauptstraße gleich um die Ecke. Da kein Feiertag vor der Tür stand, hielt sich der Betrieb in Grenzen und ich suchte in Ruhe etwas Passendes. „Welche Blumen würden einer geheimnisvollen Frau wohl gefallen?“, fragte ich mich. Tja, eigentlich gab es nur eine Sorte Blumen, die das ausdrückten, was ich Caroline sagen wollte… rote Rosen! Also ließ ich die Floristin einen schönen Strauß zusammenstellen.

„Antrag oder Entschuldigung?“, fragte die junge Floristin frech und zwinkerte mit einem Auge.

„Irgendwie beides“, antwortete ich grinsend.

„Ah, verstehe. Soll ich die Blumen einpacken?“

„Nein, danke, ich werde sie gleich verschenken.“

„Wollen Sie vielleicht noch eine Karte hinzufügen?“, fragte die Floristin und zeigte auf einen Ständer mit verschiedenen Grußkarten.

„Nein, danke, ich werde meine Gedanken mündlich formulieren.“

„Dann viel Glück“, lächelte sie mich an und ich verließ den Blumenladen.

Mit dem Strauß in der Hand machte ich mich auf den Rückweg zur JVA und kam zur Einmündung, wo die Fernstraße in die Hauptstraße führte, und an der eine Fußgängerampel den Verkehr regelte. Ich war etwa 50 Meter davon entfernt, als ich den feuerroten Haarschopf erkannte, der am Übergang auf die andere Seite wollte, und darauf wartete, dass die Fußgängerampel grün wurde.

„Warum nicht?“, fragte ich mich und dachte an Jessikas Rat, Caroline ein Friedensangebot zu machen. „Jetzt oder nie. Lade sie auf einen Kaffee ein.“ Idealerweise lag auf der anderen Straßenseite das Bistro „Café de Ville“, das gerne von unseren Leuten besucht wurde. Sogar vernünftigen Kaffee konnte man dort bekommen und vielleicht gelang es mir ja, Caroline von meinen ernsten Absichten ihr gegenüber zu überzeugen… Ich beschloss, mein Glück zu versuchen und ging auf Caroline zu, als sich plötzlich meine Nackenhaare sträubten.

Gefahr!!! Irgendetwas ließ meine Sinne auf Hochtouren laufen, mein Magen zog sich zusammen und warnte mich vor etwas… ich hatte zwar keine Ahnung, wovor mich mein Bauch warnte, doch im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, meinem Gefühl zu vertrauen.

Schnell blickte ich mich um, sah aber außer Caroline nur eine Frau am Übergang stehen, die verzweifelt mit einem Stadtplan kämpfte. Da trat plötzlich ein Mann direkt vor mir aus einem Hauseingang und ging ungefähr sieben oder acht Meter vor mir schnell auf die beiden zu.

„Du siehst Gespenster. Die Sache mit Trommer lässt dich paranoid werden“, dachte ich mir und ging weiter. Ich hielt auch weiterhin die Augen offen, konnte aber absolut keine Gefahr erkennen. Doch das Gefühl der unmittelbaren Gefahr verstärkte sich mit jedem Schritt. Ich war noch etwa zwanzig Meter vom Übergang entfernt, da fasste sich die verzweifelte Frau ein Herz und wandte sich an Caroline, die ihr wohl zeigen sollte, in welche Richtung sie gehen musste. Da Caroline selbst neu in der Stadt war, brauchte sie einige Sekunden, um sich auf dem Plan zu orientieren und den eigenen Standort zu finden.

Der Mann hatte die Frau mit dem Stadtplan bis auf zehn Meter Entfernung erreicht, als ich hinter mir ein seltsames Rasseln hörte, das ich allerdings nicht einordnen konnte.

Caroline hatte indessen ihren Standort gefunden und drehte sich etwas, um der Frau die Richtung zu zeigen, als der Mann an der fremden Frau vorbei ging und genau in Carolines Rücken stand. Ich konnte die Bewegung mehr erahnen als sehen, doch ich sah, wie ein bösartig aussehendes Messer aus seinem Ärmel in die rechte Hand rutschte und riss meine Waffe aus dem Holster. Der Mann holte aus und wollte zustoßen, als ihn meine Kugel in den Rücken traf, gegen Caroline schleuderte und zusammenbrechen ließ.

Caroline fuhr herum und sah mich mit der Pistole auf sie zielen, diese kurze Zeitspanne reichte der Frau aus, um ebenfalls ein Messer zu ziehen, das sie Caroline in den Bauch stoßen wollte. Doch deren rasche Auffassungsgabe registrierte jetzt die Gefahr, so dass sie den Angriff gerade noch abwehren konnte. Allerdings standen die beiden nun so nahe beieinander, dass ich keinen sicheren Schuss abzugeben konnte. Dann registrierte ich zwei Sachen gleichzeitig! Rechts von mir splitterte eine Autoglasscheibe und ein Mann sowie eine Frau sprangen mit gezogenen Waffen aus einem Wagen, während gleichzeitig ein anderes Auto mit quietschenden Reifen auf Caroline zuraste.

Caroline war es gelungen, die Frau in Schach zu halten, doch diese kam ihrem Ziel näher, denn Caroline wurde von dem Auto abgelenkt, das auf sie zuraste.

Ohne nachzudenken sprintete ich los, die Blumen fest in einer Hand, die Pistole in der anderen. Fast zeitgleich erreichten das Auto und ich die Frauen. Der Wagen versuchte, Caroline niederzufahren, als ich mitten in das Gewühl hinein hechtete. Ich erwischte Caroline an der rechten Schulter und riss sie herum. Da Caroline noch immer mit der Angreiferin kämpfte, wurde diese automatisch mit herumgezogen und landete direkt vor dem Kühler des heranrasenden Autos. Mit einem lauten Aufprall wurde sie auf die Motorhaube und dann mit ihrem Kopf genau in die Windschutzscheibe geschleudert. Diese zersplitterte in Tausend kleine Teile, als ihr Kopf die Scheibe durchbrach, während ich schmerzhaft den Außenspiegel in die Hüfte bekam. Der Körper der Angreiferin wurde wie eine Puppe über das Autodach und weiter in die Luft geschleudert, bis sie schließlich auf die Straße aufschlug. Während die Frau regungslos mit leeren Augen auf dem Asphalt liegenblieb, bog das Auto quietschend um die Ecke.

Dann fielen mir die bewaffneten Insassen des anderen Autos wieder ein, also packte ich Caroline und zerrte sie hinter die Hausecke. „Bist du ok?“, fragte ich Caroline und als sie nickte, wies ich um die Ecke. „Da sind noch zwei!“ Caroline spähte um die Ecke und erkannte Clifford und Share, die Deckung suchend hinter einem Auto kauerten. „Die sind ok!“, sagte sie zu mir. „Was heißt, die sind ok?“, wollte ich wissen, als die ersten Schreie ertönten, da Passanten die Leichen und das ganze Blut auf der Straße sahen. Auch aus dem Bistro kamen nun Leute aufgeregt auf die Straße gelaufen, gestikulierten wild und riefen mit dem Handy die Polizei.

Ich hatte während des Sprungs meine Waffe verloren und rannte auf die Straße zurück, um sie aufzuheben. Dabei sah ich schräg vor uns eine Gestalt mit einem Hund, die mit einer Pistole auf uns zielte. Doch bevor er schießen konnte, wurde der Mann von einer geräuschlosen Kugel mitten in die Stirn getroffen und zurückgeschleudert. Irgendjemand aus der Menge vor dem Bistro musste ihn erschossen haben, ich wirbelte herum, sah aber niemanden.

„Irgendwer schießt hier Leute über den Haufen!“

„Wer immer es ist, er beschützt uns, lass uns abhauen!“

„Wollen wir nicht auf die Polizei warten?!“ “

„NEIN! Wer weiß, wie viele Killer hier noch herumlaufen“, meinte sie, sah sich um und entdeckte Frings und Chole, die auf die Einmündung zu rannten und dabei ihre Waffen in den Händen hielten. Da Caroline die beiden nicht als Bedrohung ansah, verfiel auch ich nicht in Panik. Caroline hatte Recht, was immer hier lief, es war höchste Zeit abzuhauen! Ein unsichtbarer Schutzengel hatte den Kerl erschossen, der auf Caroline angelegt hatte, und ich war mir nicht sicher, ob es die Bewaffneten bei dem zerschossenen Auto waren. Caroline lief los in Richtung JVA und hinkend rannte ich hinter ihr her.

„Was zum Teufel war das gerade?“, wollte ich von Caroline wissen, während ich ihr folgte.

„Ich erkläre es dir später!“

Dann erst sah Caroline die roten Rosen, die überall verteilt auf der Straße und der toten Frau lagen. „Oh, rote Rosen, waren die etwa für mich?“, fragte sie und lächelte mich dabei an. Trotz meiner Schmerzen tat mir dieses Lächeln verdammt gut. „Ja, die waren für dich, sorry, ich besorg dir einen neuen Strauß“, hustete ich und lief weiter.

 

***

 

Jede Menge Verkehr

„Miles ist unterwegs“, hörte Worrowitz von Jamal, seinem Beobachter, der als Hundehalter getarnt in der Nähe der JVA seinen extra für diesen Job gekauften Dackel ausführte. „Sie geht zur Hauptstraße, die Amis hängen sich an sie ran.“

„Verstanden, bleib hinter ihr und den Amis“, wies er Jamal an. „Hinz, sie kommt auf euch zu, wo sind die anderen Amis?“

Hinz, der von der Fernstraße kommend links der Einmündung in einem Wagen saß, meldete: „Die sitzen in einem Auto, etwa einhundert Meter südlich der Einmündung, zwanzig Meter von mir entfernt.“

„Kannst du sie ausschalten, ohne sie umzulegen?“

„Kein Problem, ich muss nur den Wagen ausschalten. Zu Fuß sind die zum Eingreifen zu weit entfernt.“

„Halt dich bereit! Sobald Miles an der Einmündung ist, legst du los!“ Dann rief Worrowitz das Team, das an der Einmündung selbst in Aktion treten sollte. „Manou?“

„Habe Sichtkontakt mit Miles und werde zur selben Zeit wie sie den Übergang erreichen.“

„Gut! Jean?“

„Ich sehe Manou, aber nicht Miles, kann aber den Übergang in fünf Sekunden erreichen. Sobald Manou mir das Zeichen gibt, gehe ich los.“

„Verstanden! Achtung, ich sehe Miles kommen, Einsatz in dreißig Sekunden!“

„LOS!“, rief Worrowitz in sein Funkgerät und der Anschlag auf Caroline Miles begann!

Worrowitzs Plan funktionierte wie am Schnürchen. Sie erwischten Miles genau mit den paar Sekunden Vorsprung gegenüber den CIA-Fuzzis, die sie für die Durchführung des Plans brauchten. Diesen Plan so durchzuführen, wäre ohne die Info, dass Miles genau zu dieser Zeit hier auftauchen würde, sicher unmöglich gewesen, doch alles lief nun reibungslos.

Worrowitz sah von seinem Beobachtungspunkt zwanzig Meter neben dem Bistro, wie Miles auf Manou zuging, die Jean sein Einsatzzeichen gab. Der trat auf die Straße und ging ebenfalls auf Miles zu, die von Manou abgelenkt wurde. Gleichzeitig durchsiebte Hinz den Reifen des CIA-Teams. Nun stand Jean genau in Miles Rücken und Worrowitz grinste bereits voller Vorfreude. In diesem Moment begann sein perfekter Plan völlig schief zu gehen. Ein Schuss peitschte auf und bevor Worrowitz wusste, wer geschossen hatte, wurde Jean in den Rücken getroffen.

Manou wollte die Chance nutzen und Miles niederstechen, doch die hatte nun begriffen, was gespielt wurde und setzte sich zur Wehr.

„Hinz! Fahr sie über den Haufen!“, schrie Worrowitz in sein Funkgerät. „Jamal! Die Amis aufhalten!“

Jamal, der schräg hinter Clifford stand, ließ die Hundeleine fallen, riss seine Waffe hervor und ballerte auf das Auto der CIA-Agenten, während er an deren Wagen vorbei zur Einmündung lief. Dabei schoss er immer wieder auf das Fahrzeug, bis er die Einmündung erreicht hatte und sich in einen Hauseingang zurückzog.

Von dort konnte er sehen, wie Hinz auf Miles zufuhr, doch dann sprang ein Kerl mit Rosen in der Hand Miles an und nicht diese, sondern Manou wurde von Hinz überfahren!

Jamal blickte auf die andere Straßenseite, wo Worrowitz stand und ihm zu verstehen gab, Miles sofort zu erschießen. Also jagte er noch zwei Kugeln in Richtung der Amis, um diese weiter in Deckung zu zwingen, dann verließ er den Hauseingang, um ein besseres Schussfeld zu haben. Doch als er auf Miles anlegte, wurde Jamal von einem erstklassigen Kopfschuss getroffen.

Sofort wirbelte Worrowitz herum, denn der Schuss konnte nur vom Bistro auf seiner Straßenseite abgefeuert worden sein, vor dessen Tür sich eine Menschentraube gebildet hatte. Er versuchte herauszufinden, wer von den Bistrobesuchern geschossen hatte, doch wer immer es war, er musste ein Profi sein, denn er war in der Menge untergetaucht, aber nicht verschwunden. Worrowitz war sich bewusst, dass er sich verraten würde, sollte er jetzt verschwinden, also blieb er stehen und spielte ebenso den Gaffer wie die Bistrobesucher.

Alles hatte nur wenige Sekunden gedauert und doch schien es eine Ewigkeit zu sein.

„Scheiße!“, fluchte er leise, als er Miles zur JVA laufen sah, während drei seiner Leute tot am Boden lagen. „MacFroody wird ausrasten!“

 

***

 

„Da ist dieser Stein“, sagte Will und zeigte auf Peter Stein, als dieser die JVA verließ, um zum Blumenladen zu gehen. „Was denkst du über das, was man von dieser ominösen Wette hört, hat es dieser alte Knochen tatsächlich geschafft, Miles zu besiegen?“

„Die eigentliche Frage ist doch“, antwortete Clifford grinsend, „stimmt das, was Mike in den Café über den Wetteinsatz gehört hat.“

„Glaubst du wirklich, Miles würde auf so etwas eingehen?“

„Sieh dir den Kerl an“, meinte Sally, als er am Parkplatz an ihnen vorbeiging. „Ihr Kerle seid alle gleich, der schwebt wie auf Wolken, ich gehe mit dir jede Wette ein, dass er seinen Gewinn kassiert hat.“

„Hast du schon mal auf diese Weise gewettet? Ich meine…“

„Soll ich dich erschießen?“

„Das heißt wohl, nein“, grinste Will und rutschte wieder etwas tiefer in seinen Sitz, bis ihn Sally eine Viertelstunde später anstieß. „Da ist Miles.“

„Dann auf ein Neues“, meinte Will und startete den Wagen, um Miles zu folgen.

„Ich hoffe, Miles rennt nicht schon wieder durch die halbe Stadt“, brummte Chole, der mit Frings an der Einmündung darauf wartete, welchen Weg Miles einschlug. „Dass wir nichts mehr von MacFroodys Killern gesehen haben, macht mich irgendwie nervös.“

„Da gebe ich dir Recht, dieses Warten macht einen ganz schön fertig. Sally, wissen wir, wohin Miles geht?“

„Nein“, hörten sie Clifford, „wenn wir Glück haben, holt sie sich nur ein Frühstück. Haltet die Augen offen, ich kann MacFroodys Killer riechen.“

„Hm“, meinte Frings, schaute sich um und sah lediglich auf der anderen Straßenseite eine Frau mit einem halb ausgeklappten Stadtplan an ihrem Auto vorbei in Richtung Fußgängerüberweg gehen. „Dass es sowas heute noch gibt?“, meinte sie zu Chole und zeigte auf die Frau. „Heute benutzt du doch dafür dein Handy.“

„Ich schau auch lieber auf einen Plan als auf ein Handy“, antwortete Chole. „Sally, da kommt eine Frau mit Stadtplan, sonst sehe ich niemanden, außer im Bistro, da sind einige Leute drinnen.“

Clifford, die sich umsah, während Will im Schritttempo hinter Miles herfuhr, konnte auch keine verdächtigen Personen sehen. Nur einen Mann mit Hund, der zehn Meter hinter ihnen ebenfalls in Richtung Einmündung ging.

Nun näherten sich zwei Personen Miles, die Frau mit dem Stadtplan und der Hundebesitzer, der allerdings hinter ihnen war… Eigentlich schien alles in Ordnung… dann erfolgte die fatale Sekunde Ablenkung! „Da kommt jemand aus dem Blumenladen! Entwarnung, es ist Stein“, funkte Frings. „Wow! Rote Rosen, das muss eine wirklich tolle Nacht gewesen sein.“

Während Chole breit grinste und Sally den Kopf schüttelte, trat Jean aus einem Hauseingang nur wenige Meter vom Übergang entfernt auf die Straße und ging die wenigen Meter zum Fußgängerüberweg.

Zwanzig Meter hinter Chole und Frings entsicherte Hinz seine schallgedämpfte MAC 10, fuhr aus seiner Parklücke und öffnete das Fenster.

Frings, die auf dem Beifahrersitz saß, sah aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Außenspiegel, als ein vorbeifahrender Wagen neben ihr stehen blieb. Doch bevor sie reagieren konnte, hielt der Fahrer eine Maschinenpistole aus dem Fenster, entleerte das ganze Magazin auf das rechte Vorderrad und raste los.

Chole sah das Aufblitzen der Waffe und riss seine Waffe hervor, aber der Wagen raste schon weiter in Richtung Miles.

„SALLY!“, rief Frings, „ACHTUNG! DER WAGEN!“

Clifford schaute in Frings Richtung und sah einen Wagen auf Miles zurasen, die am Übergang mit der Frau mit dem Stadtplan redete, als die Scheibe ihres Autos in tausend Stücke barst. Will realisierte als Erster, dass jemand auf sie schoss, packte Sally und zerrte sie hinter sich aus dem Wagen in Deckung. Während Share den unsichtbaren Schützen suchte, erklang ein lauter Schuss. Voller Entsetzen sah Sally Clifford, wie ein Mann neben Miles zusammenbrach und ein Auto mit Vollgas auf Miles zuraste, die plötzlich mit der Frau kämpfte.

„Miles wird draufgehen! Du hast Scheiße gebaut!“, war Cliffords einziger Gedanke!

Sally und Share zogen ihre Köpfe ein, als weitere Kugeln in das Auto einschlugen, dann erreichte das Auto Miles, doch mit einem Sekundenbruchteil Vorsprung sprang Stein in das Gewühl, riss Miles herum und die Angreiferin mit dem Stadtplan wurde überfahren.

Miles wurde von Stein zur Hausecke gezerrt und nun erkannte Clifford ihren Angreifer! Es war der Mann mit Hund, er hatte den Hund laufen lassen und sich gegenüber dem Bistro verborgen, wo er auf Miles anlegte.

„WILL!“ Sally zeigte auf den Mann und brachte ihre Waffe in Anschlag, als der Mann bereits von einer Kugel in den Kopf getroffen zusammenbrach. Doch weder sie noch Will oder Stein hatten geschossen! Es musste also noch einen Schützen geben!

Das Heulen der Sirenen kam schnell näher und Clifford hielt es für das Beste, nicht mit einer Pistole in der Hand dazustehen, wenn die Polizei eintraf. Also steckte sie ihre Waffe weg und befahl auch Frings, Chole und Share ihre Schießeisen wegzustecken.

„Miles ist anscheinend unverletzt“, sagte Frings und zeigte auf Peter und Caroline, während diese zur JVA liefen.“

„Das wird oben nicht gut ankommen!“, meinte Share.

„Sehen wir das Positive, Miles lebt noch“, brummte Chole

„Scheiße!“, seufzte Sally, als der Dackel des jetzt toten Schützen an ihrem Auto verbeilief und am Hinterrad das Bein hob. „Die reißen uns den Arsch auf!“

 

***

 

Benjamin Levi saß im Bistro und hielt die Ohren auf, allein schon, weil er wissen wollte, ob es in der Geschichte zwischen Caroline und Peter etwas Neues gab. Außerdem war der Kaffee, der hier noch von Hand aufgebrüht wurde, wirklich gut und so genoss er sein Frühstück, als er durch das große Fenster Caroline auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen sah. Levi machte sich so unsichtbar, wie er konnte und hoffte, dass Caroline nicht gerade jetzt Lust auf eine Tasse Kaffee hatte.

Als Levi die Frau mit dem Stadtplan sah, die sich an Caroline wandte, schrillten bei ihm sofort alle Alarmsirenen. Es war das klassische Ablenkungsmanöver. Einer lenkte ab, der andere schlägt zu! So schnell wie er konnte, ohne dass er die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zog, stand Ben auf, warf einen Geldschein auf den Tisch und verließ schnell das Bistro.

„Zu spät!“, fuhr es ihm durch den Kopf, als er auf die Straße trat. Ein Mann stand genau in Carolines Rücken und holte mit einem Messer aus!

„Ca…“, schrie Benjamin, dann ging der Rest im Knallen eines Schusses unter.

Der Mann mit dem Messer wurde getroffen und gegen Caroline geschleudert. Levi wirbelte herum und zehn Meter neben Caroline stand Stein mit der Waffe in der Hand, der auf die Frau mit dem Plan zielte, doch nicht schießen konnte, ohne versehentlich Caroline zu treffen. Bevor Levi seine Waffe ziehen konnte, heulte der Motor eines Wagens auf und raste auf Caroline zu. Bens erster Impuls war loszulaufen, doch der Profi in ihm wusste sofort, dass er es nicht rechtzeitig schaffen würde, Stein aber schon. Sein zweiter Gedanke war, dass es mit Sicherheit eine weitere „Sicherung“, also einen zusätzlichen Killer geben musste, den er ausschalten musste.

Dann war das Auto herangerast und Stein sprang Caroline an, riss sie vor dem heranbrausenden Auto weg, während die Frau mit dem Stadtplan von dem Wagen erfasst und getötet wurde.

Der Profi in Levi hatte längst das Handeln übernommen. Die Gefahr lauerte jetzt nicht mehr in der Nähe von Caroline, sondern ihr irgendwo gegenüber. Irgendwo, da war Ben sicher, lauerte ein weiterer Killer. Er zog seine Waffe und setzte den Schalldämpfer auf, während er zwischen zwei Müllcontainer sprang, um sein Ziel zu suchen. Caroline und Stein waren mitten auf der Straße einem Schützen schutzlos ausgeliefert, als Ben den weiteren Killer erspähte. Während die ersten Leute panisch schrien und fassungslos herumstanden, schoss der Mann immer wieder auf ein Auto, das zwanzig Meter von ihm entfernt stand. Sofort erkannte Levi das Auto von Carolines CIA-Schatten. Der Killer zwang die Agenten dort in Deckung, dann legte er auf Caroline an, als sich Stein bückte, um seinen Pistole aufzuheben. In Levi lief ein Automatismus ab, es war eine tausendmal geübte Bewegung, die Pistole entsichern, das Ziel anvisieren und abdrücken, schon hatte der Mann ein kleines Loch im Kopf und fiel wie ein gefällter Baum um. Noch bevor der Mann auf dem Boden lag, hatte Levi die Waffe gesichert, weggesteckt und war in der Menge vor dem Bistro untergetaucht. Gerade noch rechtzeitig, denn die „guten“ Amerikaner, die die Straße hochrannten, erreichten ebenfalls die Einmündung.

Mit einer großen Erleichterung sah Benjamin, wie Caroline, Stein hinter sich herziehend, zur JVA lief.

 

***

 

„Komm runter von der Straße, die haben da meist noch einen weiteren Präzisionsschützen in Reserve“, rief ich und half Peter beim Aufstehen. Ein letzter Blick auf die Frau – starrer Blick und offene Pupillen, dazu sickerte Blut aus einer Kopfwunde, ja, die Frau war hinüber – und dann nichts wie weg, um die nächste Gebäudewand herum in Richtung JVA. Ein prüfender Blick zu meinen Schatten, die die Einmündung sicherten und dann kümmerte ich mich auf dem Weg zur Pforte um Peter. „Danke, du Held, das war echt knapp, die lernen dazu – und jetzt zeig mal deine Seite.“ Damit zog ich sein Hemd seitlich aus der Hose und prüfte kurz die Verletzungen.

„Hmm, das sieht nach einer Beckenprellung aus. Das da oben, also etwa hier“, ich drückte leicht zu und Peter zuckte zusammen und versuchte tapfer, die Schmerzen zu erdulden.

„Ja, da sind vermutlich zwei Rippen durch. Lass dich besser mal beim Arzt röntgen, du kannst ja sagen, dass das die Spätfolgen unseres Trainings waren.“ Während Peter wieder das Hemd in die Hose stopfte, prüfte ich kurz die Lage.

„Verdammt, die haben an der Einmündung auf mich gewartet. Wir müssen zurück in die JVA, dort sind wir sicher.“ Ohne uns weiter um das Geschehen zu kümmern, verließen wir schleunigst den Ort.

„Willst du nicht auf die Polizei warten?“, erkundigte sich Peter.

„Nein!“ Ich hatte jetzt keine Zeit, Peter das Grundwissen eines Außenagenten beizubringen. Ob sich die Polizei sich über die tote Frau mit den verstreuten Blumen über ihren Körper wundern würde? Sicherlich, so etwas sahen sie auch nicht jeden Tag. Wir erreichten die Pforte, als hinter uns die Martinshörner erklangen, und ich wollte in diesem Moment ganz sicher nicht in der Haut der CIA-Agenten stecken!

In Peters Wohnung schaute ich mir nochmal die Wunden an und zog einen kleinen Teil eines Aufklebers von seiner Brust ab.

„Objects in mirror are closer…“, las ich vor, legte den Aufkleber weg und sah Peter an. „Waren das etwa Amerikaner?“, fragte er und ich nickte ihm zu.

„Ok, ich denke, es wird Zeit für die ganze Story aus den Staaten!“, forderte mich Peter auf. „Ich hole uns was zu trinken und dann packst du aus!“ Ich wartete, bis uns Peter etwas zu trinken gebracht hatte und begann. Natürlich würde ich den Teil weglassen, der meinen Job beim Mossad betraf…

„Also, die Sache mit den Söhnen, die ich gehenkt habe, ehe der werte Herr Papa seine Hebel im Außenministerium spielen lassen konnte, hast du ja gehört. Was du nicht weißt, ist, dass der Mann früher der Vizepräsident der CIA war und deswegen musste ich schnellstens aus dem Land. Weißt du, wenn es gegen ihre eigenen Interessen geht, nehmen die Amis Recht und Demokratie nicht wirklich ernst. Da lassen die schon mal hunderte Leute oder sogar ganze Dörfer verschwinden.“

Peter schaut mich nachdenklich an. „Das ist schon eine Zeitlang her, wenn der noch immer hinter dir her ist, muss noch etwas vorgefallen sein – wer zum Teufel waren die anderen Bewaffneten, die zwei am Auto und die, die mit Knarren auf uns zuliefen?!“

„Das war auch die CIA.“

„Was? Du meinst CIA und CIA legen sich gegenseitig um?“

„Na ja, im Grunde schon, die einen wollen mich umbringen, die anderen passen auf mich auf.“

„Irgendwie verstehe ich überhaupt nichts mehr, los raus damit, ich will jetzt ALLES wissen!“

Da schaute ich ihn eiskalt an und sagte: „ALLES wirst du von mir nicht erfahren, aber so nah wie jetzt, wird kein anderer Mensch je wieder an die Wahrheit herankommen. Also pass auf.“ Ich nahm einen tiefen Schluck von seinem Whisky, ließ die Zunge darin kreisen, um den Geschmack aufzunehmen und erzählte weiter.

„Der Möchtegern-Vater, dessen Söhne gehenkt wurden, ist ausgerastet. Er hat einen Senator, dessen Frau und eine Bedienstete umgebracht. Anschließend ist er untergetaucht und hat begonnen, auf eigene Faust einen Krieg gegen mich und die CIA zu führen. Seine Frau war in einer höheren Position in einem Industrieunternehmen und sie war es, die mich später auf Soulebda aufspürte. Sie hatten dort eine Niederlassung aufgezogen und so liefen wir uns über den Weg.

Ich kannte sie nicht, aber sie wusste genau, wer ich war. Irgendwann gab es dann einen Unfall, weil mein Wagen plötzlich keine Bremsen mehr hatte. Ich konnte mich gerade noch retten, aber es gab unschuldige Tote.“

Peter hörte mir gebannt zu.

„Zwei Männer aus dem Sicherheitsteam der Firma wurden schließlich als Täter ermittelt. Die Botschaft der USA schaffte die Leute sofort aus dem Land, aber die Frau trat dann nochmals in Erscheinung, als sie mich in meiner Freizeit überfallen wollte. Mit zwei Fahrzeugen wollte man mich erledigen, aber die verhielten sich nicht sehr professionell. Daher trat die Frau dann die Heimreise in einem Zinksarg an. Zusammen mit vier Ex-CIA-Agenten, die ihr Mann bezahlt hatte. Dann war ein Jahr lang Ruhe und ich dachte schon, es sei vorbei. Jetzt bin ich hier und die heutigen Attentäter waren ganz klar Profis mit einem Auftrag von oben. Ach ja, ich denke, dass das hier“, ich legte meine gefundenen Wanzen vor Peter auf den Tisch, “ wohl nicht aus euren Beständen stammen wird. Preisfrage, wer hat Zutritt zu meiner Wohnung? Ich sage es dir, Frank, Wolfgang, Jessika und du! Frank und Wolfgang schließe ich kategorisch aus, Jessika zu 99,99 Prozent, bleibst noch du! Jemand wusste ganz genau, dass ich heute um genau diese Zeit und genau an diesem Ort sein würde! Bis vor wenigen Minuten warst du mein Hauptverdächtiger, aber ohne dich wäre ich jetzt tot, also streiche ich dich von der Liste. Doch wenn nicht du oder einer der anderen drei die Wanze platziert hat, wer von den Leuten der JVA macht mit den Attentätern gemeinsame Sache?“

„Warte mal! Du hast MICH verdächtigt, mit deinen Killern unter einer Decke zu stecken, und gehst trotzdem…?“

„Peter! Wenn du jemals wieder eine Sekunde deines Lebens mit mir verbringen willst, hältst du jetzt den Mund!“

Ich konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, den Rest des Satzes herunterzuschlucken, doch er schaffte es. Ja, trotz meiner Bedenken war ich mit Peter ins Bett gegangen und dieser Kerl hatte es geschafft, dass ich mehr von ihm wollte. Dabei hatte ich noch keine Ahnung, wie ich meine Gefühle und mein Leben als Dagans Nichte unter einen Hut bringen sollte, also beschloss ich, es erst einmal damit bewenden zu lassen.

Ich erzählte ihm von den beiden anderen Wanzen und dass es Profiwerkzeug war. Peter sah sich die Telefonwanze an. „Darf ich?“, fragte er und nahm sich eine kleine Lupe zur Hilfe.

„Randy kennt sich da aus, der kann uns vielleicht dazu etwas sagen, aber dazu bräuchte er das Teil für einen Tag?“

Ich schob ihm die Kassette zu. „Du hast mich heute gerettet, also hast du was gut bei mir. Jetzt aber genug von der Arbeit! Lass mich nochmal deine verletzten Rippen ansehen.“

Während sich Peter oben frei machte, kramte ich in meinem Medic-Kit und nahm einen der speziellen Schnellverbände heraus. Peter sah sich das Logo an. Ein gebeugter Adler auf einem Anker mit einem quer liegenden Dreizack und einer Waffe. Er machte große Augen, das Logo der SEALS kannte er also.

„Wie zum Teufel kommst du an solches Equipment?“, schaute er mich staunend an und ich entgegnete ihm lächelnd.

„Durch gute Freunde. Jetzt lass die Medizin eines sehr guten Freundes ihre Wirkung auf dich tun“, ich lächelte ihn dabei leicht an.

„Das kann aber nur die Prellung lindern, die Rippchen müssen heilen.“ Ich klebte den Verband auf und ich sah in seinen Augen, dass er Schmerzen hatte. Aber ich wusste, dass die im Verband eingearbeiteten Mittel schnell Wirkung zeigten.

„Jetzt ist die Lende dran – runter mit der Hose und komm mir nicht auf dumme Gedanken!“ Schonend brachte ich die zweite Lage auf der Lendenseite an, berührte mit dem Ellbogen versehentlich sein Glied und nahm vergnüglich das Zucken wahr. Dieser alte Rammler, dachte ich mir. Eben noch im Feuergefecht und schon war er wieder geil.

„Ok, das heilt jetzt bestimmt besser“, sagte ich und klatschte mit der flachen Hand auf seinen Po. Nicht zu fest, aber anerkennend. Ehe er noch etwas sagen konnte, stand ich auf, sah ihm genau ins Gesicht und drückte ihm einen langen, festen Kuss auf die Lippen.

„Das war ein kleiner Dank für deinen heutigen Einsatz, ich denke, du bist doch nicht so falsch, wie Trommer behauptet.“

 

***

 

Neue Regeln

„Was steht zwischen dir und Trommer?“, fragte Caroline mich, während sie in meinem Arm lag. Nachdem sie mich verarztet hatte, fielen wir erneut übereinander her, wenn auch etwas vorsichtiger als beim ersten Mal. Caroline nahm so viel Rücksicht, wie sie konnte. Doch auch wenn sie sich zügelte, blieb sie ein Raubtier, das sich nahm, was es wollte. Das stellte einen Umstand dar, mit dem ich umzugehen lernen musste.

Im täglichen Leben sah ich meine Partnerinnen immer auf gleicher Augenhöhe, doch im Bett war ich es gewohnt, die Frauen zu dominieren, und ich hatte nicht vor, auf die passive Seite zu wechseln.

Natürlich bemerkte Caroline schnell, worauf dieses Spiel hinauslief. Genau wie beim Kampf im Konferenzraum, wo es um den Job ging, würde es irgendwann im Bett darum gehen, wer von uns beiden dort „die Hosen anhatte“. Heute aber hielt sich Caroline zurück und verwöhnte mich, ohne mir weitere Wunden zuzufügen. Umso überraschter war ich, als sich Caroline nach dem Liebesspiel an mich kuschelte. Eine Ewigkeit lagen wir einfach da und hielten uns aneinander fest. Sollte diese Killerin etwa auch einsam sein?

Mir war klar, dass mir Caroline vorhin allenfalls die halbe Wahrheit über ihre Vergangenheit erzählt hatte, doch wollte ich überhaupt mehr wissen? Wollte ich mit neugierigen Fragen den sehr labilen Frieden zwischen uns gefährden? Niemals!

Was immer Caroline für Geheimnisse auch hatte, sie würden Caroline sicherlich früher oder später wieder von hier (und von mir!) wegführen. Es sei denn… Doch wollte sie das überhaupt? Das war die Frage, die ich mir stellte. Bevor ich mit Vera zusammenkam, war es mir egal, ob jemand sein Leben oder das Bett auf Dauer mit mir teilte. Ich hatte meinen Spaß im Bett und es war mir bei jeder neuen Beziehung von Anfang an klar, dass mein Job sie früher oder später beenden würde, also stellte ich mich gleich auf eine kurze Beziehung ein.

Dann kam Vera und mit ihr trat auch Beate in mein Leben und alles wurde anders. Ich hatte zwei Menschen gefunden, die mich so liebten, wie ich war und denen es gleich war, womit ich mein Geld verdiente oder wo ich wohnte. Doch kaum hatte ich das schönste Leben, das man sich vorstellen konnte, brach Trommer über uns herein, und ich war wieder so einsam wie zuvor. Nur dass ich die Einsamkeit dieses Mal viel bewusster wahrnahm.

Jetzt lag ich hier mit einer Frau, die genau so einsam war wie ich, und weder wusste der eine etwas über die Geheimnisse der Vergangenheit des anderen, noch wussten wir, was die Zukunft bringen würde.

Dann kam die Frage, auf die ich schon gewartet hatte. Bis jetzt kannte Caroline lediglich Trommers Version und das, was der Klatsch so sagte, also wurde es Zeit, meine Sicht der Dinge darzulegen. „Trommer ist ein Machtmensch. Er benutzt alle, um nach oben zu kommen. Für ihn ist der Posten als Generalstaatsanwalt nur eine Zwischenstation ganz nach oben. Was mich betrifft, ist dieser Kerl einfach sehr nachtragend. Er hat mich genau wie viele andere benutzt und ich habe ihm dafür ans Bein gepinkelt. Zumindest dachte ich, dass ich ihm eins auswischen könnte, aber irgendwie ging das Ganze nach hinten los.“

„Es geht um diese Beate, oder? Wer war sie?“

„Beates Mann hatte für seine Geliebte ihr gemeinsames Kind umgebracht, dafür hat ihn Beate mit dem Messer niedergemacht. Die Geliebte hat sich Trommer geschnappt und die zwei haben den Mord an der Kleinen dann Beate in die Schuhe geschoben. Trommer hat diesen Prozess benutzt, um sich nach oben zu kämpfen. Um seine Bewerbung als Generalstaatsanwalt gegen alle Eventualitäten abzusichern, bat er mich, Beate bis zum Urteil in den gelockerten Vollzug zu verlegen.“

„Und das hast du getan?“

„Ja. Verdammt, er hat mich vor die Wahl gestellt, Vorschriften und Gesetz gegen mein Gewissen. Ich habe mich für mein Gewissen entschieden. Trommer wusste genau, was im offenen Vollzug geschehen würde und hat sich eine Insassin gekauft, die Beate umlegen sollte. Jessika und ich haben davon Wind bekommen und die Sache vereitelt.“

„Ich höre an deiner Stimme, dass da noch mehr kommt.“

„Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass es nur einen Weg gab, ihren Kopf zu retten, Beate musste sterben.“

„Was nicht geschehen ist.“

„Nein, Vera und ich haben Beates Tod vorgetäuscht. Trommer, der glaubte, sein Ziel erreicht zu haben, hat seine gekaufte Killerin in eine Freigängereinrichtung verlegen lassen, wo sie schon eine Woche später bei einem „Unfall“ ums Leben kam. In der folgenden Zeit, während wir Beate versteckten, hatte sich Vera unsterblich in diese verliebt. In den nächsten Wochen konnten wir beweisen, dass Trommers neue Liebschaft, Petra Strass, am Mord von Beates Tochter Ella beteiligt war. Trommer hat, ohne mit der Wimper zu zucken, seine Liebschaft hier zu uns in den Knast geschickt. Natürlich nicht, ohne den Medienrummel wieder zu nutzen, um weiter nach oben zu klettern. Tja, und jetzt ist er Generalstaatsanwalt.“

„Was wurde aus Beate?“

„Trommer hat sie dazu gebracht, vom Dach des Verwaltungsgebäudes zu springen.“

„Sie ist also tot?“

„Ja.“

„Und Vera?“

„Vera hatte ihre große Liebe verloren und wollte nicht hierbleiben. Sie packte ihre Sachen und ist mit Sarah Schlosser, einer Kollegin, weggezogen. Sarah hatte irgendwie einen Draht zu ihr gefunden und passt auf, dass Vera keine Dummheiten macht, bis sie Beates Tod überwunden hat.“

„Eine traurige Geschichte“, sagte sie und drückte sich gegen mich. Ihre Stimme hatte einen sehr aufrechten Klang und sie schaute mich dabei eher nachdenklich an. War Caroline wirklich traurig, schließlich kannte sie weder Vera noch Sarah, doch vielleicht hatte sie ja etwas Ähnliches erlebt? Hatte auch Caroline jemanden verloren, der ihr nahestand? Dann packte ich meinen Mut zusammen und fragte: „Glaubst du, wir zwei könnten einen Waffenstillstand schließen?“

„Damit ich nicht den – Feind im Bett – habe?“

„Ich will nicht dein Feind sein“, verdammt, warum schaffte ich es nicht, ihr zu sagen, was ich sein wollte? Ihr Partner! „Trommers Schoßhündin, diese Haufberger, wird in den nächsten Tagen hier ankommen. Auch wenn sie es auf mich abgesehen hat, wird sie sicher auch dich im Auge behalten, allein schon, um sicherzustellen, dass ich dich nicht einwickele. Trommer ist nämlich sehr misstrauisch. Lass uns bis zum Ende der Prozesse zusammenarbeiten, dann sehen wir, wie es weitergeht. Einverstanden?“

„Gut. Waffenstillstand bis zum Ende der aktuellen Prozesse.“

„Besiegeln wir das mit einem Kuss?“

„Ok, EINEN EINZIGEN Kuss.“

Aus dem einen Kuss wurde eine weitere heiße Runde im Bett, in der die Panterin mit ihrer Beute spielte. Es tat zwar höllisch weh, aber es war dennoch herrlich.

 

***

 

Der Gegner

Ben wusste, dass er nicht den Tatort verlassen konnte, bevor seine Aussage aufgenommen wurde, wie die der anderen Bistrobesucher auch. Also nutzte er die Zeit, sich die anderen Personen genau anzusehen. Denselben Gedanken schien auf der anderen Straßenseite auch die leitende Agentin der CIA zu haben, denn einer von Carolines Schatten machte unauffällig mit einer verborgenen Kamera Aufnahmen von allen Anwesenden. Der Polizei entging das, doch Levi erkannte es und plötzlich wurde ihm die Chance bewusst, die sich hier bot. Ben glaubte noch immer, dass es einen Koordinator des Anschlags geben musste, der sich hier ebenfalls unter den Passanten verbarg. Dieser würde das Tun der CIA-Agenten sicher ebenfalls bemerken und ganz bestimmt nicht wollen, dass sie sein Gesicht aufnahmen.

Um den Pulk besser im Auge zu haben, trat Levi aus der Menge heraus, und tat so, als ob er mit einem der Beamten sprechen wollte. Als die Kamera des Agenten sich auf die Leute richtete, beobachtete er genau, wer sich davor verbergen wollte. Da war tatsächlich ein Mann, der am Rand der Menge stand und versuchte, sich hinter anderen Bistrobesuchern zu verstecken. Um sicher zu gehen, dass seine Beobachtung stimmte, behielt er den Mann genau im Auge. Sein Verdacht bestätigte sich, der Mann war sehr bemüht, allen Aufnahmen aus dem Weg zu gehen. Der erfahrene Außenagent in Levi sagte ihm, dass dieser Mann der Koordinator des Anschlags sein musste, also tat er das, was die Amis auch taten. Er zückte sein Handy, was nicht weiter auffiel, da die meisten Gaffer filmten oder fotografierten, und machte ein Foto von dem Mann.

Keine halbe Stunde später waren die Bilder in Tel Aviv bei Dagan. „Ich brauche hier sofort Unterstützung!“, teilte Levi ohne Einleitung Dagan mit. „Die Lage gerät außer Kontrolle. MacFroody hat versucht, Caroline umzubringen, und die Leute, die er dafür angeheuert hatte, waren keine Amateure. Die Vorgehensweise lässt auf einen Geheimdienst oder freiberufliche Profis schließen.“.

„Was denkst du, war es MacFroody oder der alte Franzose?“

„Mit Sicherheit steckt MacFroody dahinter. Ein solches Vorgehen passt nicht zum alten Franzosen. Ich wette, die Toten sind ehemalige amerikanische Agenten oder Ex-Angehörige von Spezialeinheiten. Außerdem muss MacFroody einen Informanten in Carolines Nähe haben, denn die Kerle wussten genau, wann Caroline heute an diesem Ort stehen würde.“

„Was ist mit diesem Stein, könnte er vielleicht…“

„Definitiv nein! Er hat Caroline gerettet und für einen Amateur hat er heute einen verdammt guten Einsatz gezeigt.“

„Also gut! Ariel wird mit Team 7 in zwei Stunden bei dir sein. Übrigens, Lem hat Trommers Aktivitäten ausgewertet. Es gibt nur einen Vorgang, ab dem sich sein Handeln änderte. Der Fischer-Prozess! Versuche, etwas darüber herauszufinden.“

 

***

 

Randy

Am Montagmorgen ging ich mit einer Flasche Whisky und einer Schachtel Zigarren in der Hand als erstes zu Günther, unserem Hausmeister. Anders als die meisten meiner Kollegen hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm und seinen Leuten wie auch zu den Reinigungskräften. Ein freundliches Wort konnte sehr viel bewegen und so bekam ich auch immer recht zeitnah, was ich brauchte oder was ich wollte. Mein nächster Gang führte mich zu unserem IT-Genie Randy. Seit seinem erfolgreichen Einsatz bei Beates Rettung war er viel selbstsicherer, ja, fast schon erwachsen geworden. Na ja, zumindest etwas erwachsener, denn Randy besah sich noch immer die Welt am liebsten von seinem Monitor aus.

„Guten Morgen, Bad-Man. Sorry, falls ich dich neulich im Aufzug in Verlegenheit gebracht habe. Du weißt schon, die Sache mit dem Parkplatz.“

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich daran zurückdachte. „Schon ok. Du hattest ja Recht, sie ist eine klasse Braut.“

„Ich habe gehört, Caroline ist scharf auf deinen Job.“

„Wir sind uns einig geworden.“

„Ja, das habe ich auch gehört“, grinste er so richtig von einem Ohr zum anderen.

Ich ignorierte das süffisante Grinsen in seinem Gesicht und schluckte eine Erwiderung herunter, wahrscheinlich musste ich mir bis zu meiner Pensionierung solche Sprüche anhören und… Randy war halt Randy. Dieser Junge hatte es faustdick hinter den Ohren, aber er war ein verlässlicher Partner, der immer da war, wenn ich seine Hilfe brauchte. Er war unser Technikspezialist, der immer neben einem coolen Spruch auch die richtige Lösung für ein Problem parat hatte.

„Kannst du dir das einmal ansehen?“, fragte ich und gab ihm die Wanze aus Carolines Wohnung. Er nahm sie in die Hand und schaute sich das Teil genau an. „Wow, Bad-Man, wo hast du das üble Teil her?“, flüsterte er, als ob die Wanze noch aktiv wäre.

„Die ist aus Carolines Wohnung! Was ist denn mit dem Teil?“

„Aus Carolines Wohnung?! Echt jetzt?!“

„Ja. Frag mich nicht, wie es dahin kam. Ich weiß es nicht, aber du kannst das doch sicher herausfinden, oder?“

„Wenn du mir Zeit gibst, kein Problem.“

„Gut, geh mal davon aus, dass ich keine Ahnung von diesen Dingern habe, was der Wahrheit ziemlich nahekommt. Jetzt erkläre mir, wieso du beim Anblick von dem Teil so aufgeregt bist.“

„Das Teil ist so neu, dass es dieses Ding noch gar nicht geben darf, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Nicht wirklich.“

„Dieses Abhörgerät stellt die neuste Generation dieser Hochleistungswanzen dar. So etwas bekommt man nicht im Handel, die sind unglaublich teuer und geheim dazu.“

Jetzt verstand ich, wer immer diese Wanze versteckt hatte, es waren Leute, die an SEHR geheimes Material herankamen. Wenn sie an diese Technik kamen, würde sie sicher auch an sonstige Informationen kommen. „Kannst du dich schlaumachen, wer solche Dinger herstellt und wer sie im Sortiment hat?“

„Dauert etwas, sollte aber nicht allzu schwierig sein, ich kenne da ein paar Leute…“

„Lass mich raten, die sind genau solche Nerds wie du?“

„Normalerweise würde ich beleidigt sein, Bad-Man, aber ich weiß, dass Nerd bei dir ein Kompliment ist.“

„Gibt’s denn auch eine andere Bedeutung?“, grinste ich. „Danke, du hast was gut. Bei nächster Gelegenheit revanchiere ich mich.“

„Deine Liste mit Wiedergutmachungen wird immer länger. Aber für dich mache ich das immer wieder gerne. Was machen denn unsere zwei Turteltauben Vera und Sarah?“

„Denen geht’s gut.“

„Sag ihnen einen schönen Gruß.“

„Werde ich. Sei bitte vorsichtig. Wer weiß, ob das die einzige Wanze ist, die sich hier versteckt.“

„Keine Sorge, ich passe schon auf“, antwortete Randy und sah mir zu, wie ich sein Büro verließ. „Was zum Teufel geht hier vor?!“, fragte er sich. Er dachte an Franks Auftrag, einen USB-Stick in einen fremden Briefkasten zu werfen und es anschließend zu vergessen, was natürlich nicht geklappt hatte. Erst Franks Auftrag, jetzt Peters Wanzen aus Carolines Wohnung… wer braucht da noch Spionageromane?

 

***

Langley, VA

„SMITH, WAS ZUR HÖLLE IST BEI IHNEN LOS?!“, brüllte Direktor Burnside, der mittels Videokonferenz in der Wohnung des amerikanischen Konsuls zugeschaltet war. Dabei sah er Mike und Dave weniger fragend, sondern eher fassungslos und wütend an. Während Mikes Boss Kivel im Hintergrund stand und inständig betete, dass Mike jetzt nicht Falsches sagte.

„MacFroody hat zugeschlagen, mehr wissen wir noch nicht.“

„MacFroody hat zugeschlagen, das ist alles? Machen Sie Witze? Verdammt, da draußen liegen drei tote ehemalige Agenten! Scheiße, Smith, tote, ehemalige AMERIKANISCHE Agenten! Der BND, der MAD, das BKA, das LKA und, was weiß ich wer noch alles mit drei Buchstaben, laufen da draußen herum und fragen sich, was die CIA hier für eine komische Nummer abzieht!“

„Es lag nicht in meinem Ermessen, die hiesigen Behörden über unseren Einsatz zu informieren.“

„Nein, verdammt, Sie sollten MacFroody aus dem Verkehr ziehen und nicht in die Welt posaunen, dass wir einen irren Vize-Direktor suchen, aber dank Ihnen weiß es jetzt jeder! Ich gebe Ihnen einen guten Rat, schnappen Sie ihn, bevor sich so etwas wiederholt!“

Das Bild erlosch, Burnside drehte sich wutschnaubend um und fragte sich, warum ausgerechnet er es immer mit Stümpern zu tun hatte. Viele Gedanken konnte er sich allerdings nicht darüber machen, wichtiger war, sich zu überlegen, was er den deutschen Behörden für eine Geschichte auftischen sollte. „Kivel!“, schnaubte er sauer.

„Sir?“

„Haben Sie einen guten Draht zu jemandem vom BND?“

„Ja, in Mainstadt gibt es eine Außenstelle des BND, deren Leiter ich einigermaßen gut kenne, Heiner Mohrle. Ich schlage vor, mit ihm in Verbindung zu treten, und Colonel Smith anzuweisen, Mohrle aufzusuchen. Auch wenn das hier ein Fehlschlag war, haben seine Leute es immerhin geschafft, Miles Rückzug zu decken. Smith hat einiges an diplomatischem Geschick, vielleicht gelingt es ihm, die Wogen zu glätten.“

„Hoffentlich! Die Deutschen machen uns die Hölle heiß.“

„Sir, bei allem Respekt, dass MacFroody es uns nicht einfach machen würde, war zu erwarten.“

„Ich will keine schlauen Sprüche, ich will MacFroodys Kopf! Sagen Sie diesen beiden Pfeifen in Mainstadt, noch so eine Nummer und ich werde sie nach Grönland versetzen!“

 

***

 

Mainstadt

Als das Bild im Laptop erloschen war, setzte sich Mike seufzend hin. Außer Dave waren noch die Agenten Sally Clifford und Will Share, Frings und Chole im Raum.

„Vorschläge?“, fragte Mike in die Runde.

„Eines ist sicher, MacFroody muss einen Insider haben, es war kein Zufall, dass seine Leute Miles abpassen konnten“, stellte Dave klar. „Das heißt, entweder hören sie Miles im Gefängnis ab, oder jemand in ihrem direkten Umfeld arbeitet mit MacFroody zusammen.“

„Gut, Dave, versuch herauszubekommen, welche Mitarbeiter direkt mit Miles zusammenarbeiten. Was wissen wir über die Toten?“

„Tja, Burnside hat leider recht. Manou Carie, 35, vor zwei Jahren aus dem Dienst der CIA ausgeschieden. Sie hatte einen Bürojob, allerdings absolvierte sie ein erfolgreiches Training zur Außenagentin und hat die letzten drei Jahre für MacFroodys Abteilung gearbeitet.

Jamal Hurié, 33, ehemaliger ATF. Er hatte sich schmieren lassen und wurde vor einem Jahr gefeuert.

Dder dritte Tote ist Jean Naster, 36, Ex-Ausbilder bei den Special-Forces. Hat sich vor vier Monaten für ein halbes Jahr freistellen lassen.“

„Das klingt gar nicht nach einem kleinen Exekutionsteam“, meinte Mike und dachte nach. „Dieser Anschlag war perfekt vorbereitet, drei Tote, einer, der mit dem Auto entkam, und mindestens ein Kontakt in der JVA. MacFroody muss ein großes Team haben und er wird seine Verluste ausgleichen können, das geht nicht ohne einen Koordinator! Und der war mit Sicherheit am Ort des Angriffs. Ergaben die Bilder vom Anschlagsort etwas?“

„Wir haben von allen Personen dort Bilder gemacht, hier!“ Frings reichte ihm ein Tablet und Mike sah sich die Aufnahmen darauf an. Einige Gesichter kannte er von seinen Besuchen im Bistro, es waren Gäste, die wie er öfter dort saßen. Blieb die Frage, saß der eine oder andere dort wegen des guten Kaffees oder aus demselben Grund wie er? Dann fiel ihm eine Gestalt auf, die immer versuchte, sich vor der Kamera zu verbergen. „Der Kerl da“, Mike hielt das Tablet so, dass alle es sehen konnten. „Jedes Mal, wenn die Kamera auf die Leute schwenkt, versteckt er sich, hat ihn einer von euch genau gesehen?“

„Nein“, antwortete Share und auch die anderen schüttelten die Köpfe. „Ok… Chole, ruf bei der NSA an und frag nach, ob sie herausfinden können, welche Handys zur Zeit des Anschlags dort eingeschaltet waren. Ich denke zwar, dass ein Profi kaum so blöd ist und sein eigenes Handy benutzt, aber wissen kann man es ja nie… sonst noch eine Idee?“

„Wir müssen MacFroody hervorlocken“, meinte Sally, „wir sollten mit Miles reden. Wenn sie mitarbeitet, schaffen wir es vielleicht, MacFroody zu einer Aktion zu verleiten, nur dass dieses Mal WIR schon an Ort und Stelle sind.“ Sally warf ihren Vorschlag in den Raum und alle starrten sie an.

„Clifford, das ist völlig… Nein, das ist überhaupt nicht verrückt, das hat was“, fing Mike an zu grübeln.

„Wir müssen uns überlegen, wie wir an sie herankommen, ohne dass jemand etwas mitbekommt“, übernahm Dave Sallys Gedanken.

„Diese Miles weiß, dass Amerikaner hinter ihr her sind, sie hat uns immer wieder gesehen. Aber ob sie uns soweit traut, glaube ich irgendwie nicht“, brummte Chole.“

„Dann schnappen wir sie einfach und überzeugen sie“, schlug Share vor.

„Caroline Miles ist eine Top-Frau des Mossad und hat eine Ausbildung bei den Special-Forces durchlaufen, wir können es also vergessen, sie einfach so zu schnappen. Da müssen wir schon subtiler vorgehen… Dave, besorge uns einen Plan vom Gerichtsgebäude, vielleicht erwischen wir sie ja dort, denn dort erwartet sie uns garantiert nicht.

 

***

 

Umbau

Eine Stunde später trugen zwei Leute des Hausmeisters einen weiteren Schreibtisch in mein Büro und stellten diesen Tisch an die Stirnseite meines Schreibtisches, so dass Caroline und ich uns nun gegenübersaßen. Dafür musste das Sofa aus dem Raum entfernt werden.

„Schade“, seufzte ich leise, als die Helfer es hinaustrugen, „auf dem Teil hatte ich so viel Spaß gehabt…“

Längere Zeit zum Trauern hatte ich allerdings nicht, denn Caroline kam herein und schaute sich ihre neue Arbeitsstätte an. Sie hatte zwei Tassen Kaffee dabei und stellte mir eine davon hin. „Jessika meinte, du brauchst noch etwas von der Brühe.“

„Davon bekomme ich nicht genug“, lachte ich und nahm die Tasse.

„Darf ich?“, fragte sie und schaute sich im Büro genauer um.

„Sicher, schließlich arbeitest du ja hier“, meinte ich, während sie sich die Bilder und Urkunden an der Wand betrachtete. Dann sah sie das Bild auf meinem Schreibtisch, auf dem Vera und eine brünette, lebenslustige Frau mit dunkelblauen Augen abgelichtet waren. Das Bild hatte ich in der Innenstadt vor einem Brunnen aufgenommen und die beiden warfen mir lachend eine Kusshand in die Kamera.

„Für den liebsten Bad-Man der Welt“ stand unter dem Bild.

„Das ist Vera“, sagte Caroline und sah mich fragend an, „von der hängen überall Bilder, wer ist die andere Frau?“

„Sarah Schlosser, die Beamtin, die ich ausgebildet habe.“ Mein Ton drückte wohl aus, dass ich nicht weiter darüber sprechen wollte. Sie schaute sich erst das Bild an, dann mich und ohne einen weiteren Kommentar stellte sie das Bild zurück auf seinen Platz, da kam Jes­sika hinzu.

„Schön, dass ihr zwei euch nicht weiter die Köpfe einschlagen wollt. Jetzt, da ihr euch in einem Raum aufhalten könnt, ohne euch gegenseitig an die Gurgel zu gehen, könntet ihr euch ja zur Abwechslung mal auf euren Job konzentrieren. Die Prozesse in der Stadion-Katastrophe stehen an, da wird es eine Menge zu tun geben. Caroline, pass auf! Peter gibt den unliebsamen Papierkram gerne an andere weiter.“

Caroline lachte auf. „Oh, keine Sorge, ich lasse mich nicht über den Tisch ziehen.“

„Gut so! Also, ich schlage vor, wir teilen uns die Arbeit, um die Presse werde ich mich kümmern und Termine für Interviews bereitstellen, Frank wird sicher ein viel zitierter Mann werden. Peter kümmert sich darum, dass das Ministerium uns nicht als Spielball benutzt, wenn die deinen Namen hören, will eh keiner mit uns reden. Du, Caroline, kümmerst dich um die Anwälte, die Ärger machen. Hier habt ihr schon einmal einen Vorgeschmack.“

Jessika packte uns einen Stapel Papier und Schriftsätze auf den Tisch und ließ uns allein, also fingen wir an, den Papierkrieg abzuarbeiten, doch in Gedanken war ich ganz woanders. Ich wollte wissen, aus welchem Holz Caroline geschnitzt war. Dass sie eine Killerin ist, hatte sie schon unter Beweis gestellt. Ob sie auch eine verlässliche Partnerin war? Im Job bestimmt! Was aber war privat? Warum hatte diese großartige Frau keinen Mann, Freund oder Verlobten? Oder war das eines ihrer Geheimnisse? Eines war mir klar, so schnell würde sie diese vor mir nicht offenlegen… Ob ich wollte oder nicht, immer wieder wanderte mein Blick zu ihr und sie schien ganz vertieft in die Akten vor zu sein. Irrte ich mich oder hatte sie diese Akte gar nicht vom Stapel genommen? Als sie sich ein paar Notizen machte, sah sie kurz auf, lächelte mich an und arbeitete weiter. „Das musste ja eine verdammt interessante Akte sein…“, dachte ich und versuchte weiterzumachen.

 

***

 

Technik-Randy

Die Akte, die ich las, war tatsächlich alles andere als langweilig. Eigentlich war es keine Akte aus der JVA, sondern nur eine leere Hülle. Dagan hatte einen ersten Bericht über den Anschlag und die Beteiligten erstellt und mir heute Nacht verschlüsselt zukommen lassen. Ich hatte ihn entschlüsselt und einfach an einem unserer „Autobots“ in der Verwaltung ausgedruckt. Da ich noch immer nicht wusste, wer sich zu meiner Wohnung Zutritt verschaffte, ließ ich ihn natürlich nicht liegen und versteckte ihn dort, wo ihn niemand vermuten würde – in einer „normalen“ Akte. Nun sah ich die Dossiers der Attentäter und Dagan machte mir klar, dass er sich um mich sorgte und mich treffen wollte. In der Zusammenfassung las ich außerdem, dass zwei der Toten von der CIA und dem ATF kamen, der Dritte, den Peter erledigt hatte, sogar von den Special Forces kam. Des Weiteren hatte Levi den Koordinator des Anschlags ausfindig gemacht. Dessen Name war Al Worrowitz, ein ehemaliger Seal.

Ben und Dagan waren sich darin einig, dass die drei Mann, die MacFroody verloren hatte, nur die Spitze des Eisberges darstellten und schnell ersetzt wurden. Darüber machte ich mir Sorgen, denn es hieß, dass ich auch weiterhin niemandem trauen konnte. Nein, ich musste mich verbessern, Brauer, Decker und Jessika vertraute ich beinahe blind, Randy traute ich weitgehend und Peter? Irgendetwas in meinem tiefsten Inneren sagte mir, dass ich diesem Kerl mehr trauen konnte als allen anderen zusammen!

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Peter immer wieder zu mir hinschaute und innerlich musste ich lächeln. Der Bad-Man benahm sich fast wie ein verliebter Teenager und ob ich es wollte oder nicht, auch meine Gedanken schweiften immer wieder zu Peter. Ob er wusste, dass er einen Ausbilder der Special Forces erschossen hatte? Gesagt hat er jedenfalls nichts. Klar ließ er den harten Macho heraushängen, dem es nichts ausmachte, jemanden zu erschießen. Doch Jessika hatte mir anvertraut, dass Peters Nerven am Tag danach ziemlich angeschlagen waren. Er hatte getötet und musste nun damit leben! Aber… Peter schien mit diesem Umstand klarzukommen, da er wusste, dass er mir das Leben gerettet hatte. Das wiederum riss erneut ein paar Steine aus der Brandschutzmauer, die ich zwischen uns errichtet hatte… ich machte mir einige Notizen, hob meinen Kopf und Peter lächelte mich an.

„Verdammt!“, schimpfte ich mich selbst. „Konzentrier dich auf den Bericht!“ Zum Schluss noch zwei Sätze in einem handgeschriebenen uralten Hebräisch, das kaum noch ein Mensch lesen konnte. Dagan hatte es mir in den ersten Jahren beigebracht und immer wieder betont, dass es den Funksprüchen der Navajo-Indianer im letzten Weltkrieg entspräche, die auch keiner übersetzen konnte. Nach und nach verstand ich, was er meinte, denn diese Sprache war sehr außergewöhnlich.

Diese beiden Sätze hatten es aber in sich und wenn Peter gewusst hätte, was mein Onkelchen wiedergab, ich glaube, er wäre nicht mehr so ruhig neben mir eingeschlafen. Jedenfalls war klar, ich sollte mich mit Dagan treffen und der Termin stand fest. „He“, riss ich Peter aus seinen Gedanken, „wollen wir für heute Schluss machen?“

„Sehr gute Idee“, lobte er mich strahlend.

„Meinst du, Randy hat schon etwas herausgefunden bezüglich der Wanzen?“

„Fragen wir ihn doch“, schlug Peter vor, also gingen wir ein paar Türen weiter zu ihm.

„Hallo, Randy“, begrüßte ich ihn. „wie geht’s dem großen Computergenie?“

„Als Genie würde ich mich zwar nicht bezeichnen, aber es kommt der Sache ziemlich nah“, grinste er mich frech an. „Übrigens ist es mir eine Ehre, die einzige Frau kennenzulernen, die es gewagt hat, Bad-Man den Parkplatz zu klauen, und noch am Leben ist.“

Darüber lachten wir alle außer Peter.

„Schluss mit dem Gesülze“, fuhr Peter gespielt beleidigt dazwischen, „was hast du herausgefunden?“

Nun wurde Randys Blick ernst. „Ich habe einen Freund bei… einer Behörde. Wir haben zusammen studiert und noch immer Kontakt zueinander. Ich habe mal vorsichtig angefragt, ob er sich umhören könnte, was es mit der Wanze auf sich hat. Wie ich schon gedacht habe, das Modell wird von Profis benutzt, von welchen konnte er mir nicht sagen. Aber die Amis haben drei Leute verloren, es wäre also wahrscheinlich, dass sie es waren.“

Naja, das wussten wir auch und das war nichts Neues. Nein, das war Bullshit. Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Als Randy uns in die Augen schaute, wusste ich, dass mein Gefühl mich nicht trog, während Peter völlig ahnungslos blieb. Offenbar wusste Randy etwas, wollte es aber vor mir verbergen, was ihm nicht ganz gelang. Da kam es wie gerufen, dass jemand an die Tür klopfte und Jessika hereinschaute.

„Entschuldigung, Caroline, ich bräuchte noch ein paar Unterschriften. Peter hat dich bei den heutigen Anfragen als leitende Beamtin eingetragen und die Protokolle müssen abgezeichnet werden.“

„Leitende Beamtin?“, ich sah Peter fragend an, der mich angrinste.

„Ich dachte, wir teilen uns die Stelle der Teamleitung, an den ungeraden Tagen bist du jetzt offiziell die leitende Beamtin. Ich fand, bei dem kommenden Prozess solltest du schon eine bessere Position begleiten als die einer „einfacher Beamtin“. Dafür darfst du jetzt die Akten unterschreiben.“

„Danke für die Mehrarbeit“, schüttelte ich den Kopf und zusammen mit Jessika ging ich in ihr Büro. „Ich habe dich gewarnt, er wird versuchen, dir den Papierkram zuzuschieben.“

„Keine Sorge, ich weiß, dass er es gut meint.“ Es war immer wieder interessant, wie vorbildlich man in diesem Land alles organisierte. Ich seufzte leise, als ich den Berg sah, um den ich kümmern sollte.

„Komm, wir machen das gemeinsam“, meinte Jessika und setzte sich zu mir.

Da der Verwaltungsbereich sich inzwischen geleert hatte und nur noch Jessika und ich in deren Zimmer saßen, konnten wir nebenher unsere Frauengespräche führen. Jessika kannte Peter tatsächlich besser als er sich selbst und Jessika hatte echt eine Antenne für zwischenmenschliche Beziehungen. Aber ich erkannte in ihren Augen auch eine heimliche Liebe für Peter, das war aber eine andere Ebene, nicht die Sexuelle, das konnte ich genau fühlen. Wenn Peter jemanden gebraucht hätte zum Pferdestehlen, Jessika wäre die absolute Nummer Eins gewesen.

 

***

 

Randys Geheimnis

Randy wartete, bis die Tür geschlossen war und sah mich nun an. „Habt ihr eine Ahnung, in welches Wespennest ich da gestoßen bin? Die Amis spielen total verrückt. Drei tote CIA-Agenten, dazu vier lebende CIA-Agenten, alle bewaffnet, was einen eklatanten Verstoß darstellt und jetzt das hier! Unser Geheimdienst läuft gerade Amok und alle Drähte über den Teich sind am Glühen. Und das ist noch gar nichts! In Virginia sind sie total aus dem Häuschen. Offiziell weiß niemand, was da vorgeht, aber die Amis suchen nach diesem durchgeknallten ehemaligen Vize-Direktor, der die Aktion hier bezahlt hat. Sie haben den BND sogar offiziell um Hilfe gebeten. Nachdem die Toten auf der Straße lagen, konnten sie ja auch schlecht so tun, als sei nichts gewesen. Aber mein Freund glaubt, dass die „Offiziellen“ wirklich keine Ahnung haben, was da tatsächlich vor sich geht. Keiner weiß was Genaues und alle laufen kopflos durch die Gegend.“

„Warum konntest du das mir nicht erzählen, solange Caroline hier war?“

Jetzt zeigte sich echte Angst in Randys Gesicht.

„Darum“, sagte er und zeigte auf die Wanze.

„Was ist damit?“

„Ich nehme an, du weißt, wie eine Wanze funktioniert.“

„Im Großen und Ganzen schon.“

„Eine Wanze ist nichts anderes als ein kleines Funkgerät. Es gibt Wanzen, die zeichnen das Gespräch auf, und du sammelst sie später wieder ein, oder solche, die das Gespräch zu einem Empfänger übertragen. Diese hier überträgt die Gespräche.“

„Komm zum Wesentlichen!“

„Um die Aufzeichnungen zu übertragen, braucht man Strom in Form von Batterien. Je größer die Sendeleistung ist, umso geringer ist die Lebensdauer.“

„Randy, du stellst meine Geduld auf eine harte Probe.“

„Gib mir mal ein Blatt Papier“, forderte er mich auf und wies auf den Drucker. Ich zog ein Blatt heraus, reichte es ihm und Randy fing an, einen groben Plan von der JVA zu zeichnen. „Also, wie du weißt, ist das Gefängnis an sich etwa quadratisch. Wir sind hier im Verwaltungstrakt, der ist so ziemlich in der Mitte steht. Um uns herum sind die verschiedenen Gebäude, wie das U-Haft-Gebäude oder der Hochsicherheitstrakt sowie der Parkplatz an unserer Rückseite, dazu Pforte, Küche, Werkstätten, Wäscherei und die Sicherheitszentrale. Der Knackpunkt ist folgender, die nächsten Wohngebäude sind mindestens 250 Meter Luftlinie von Carolines Wohnung entfernt.“

Peter lief es kalt den Rücken herunter, denn langsam ahnte er, auf was Randy herauswollte.

„Das Teil hier hat eine maximale Reichweite von 80 Meter. Wer auch immer das Teil hier platziert hat, er sitzt hier im Gefängnis.“

Jetzt war mir klar, warum Randy Angst hatte. Randy war an Beates Rettung mit beteiligt und anders als Frank, der auf Grund seiner Position und seinen Freunden unangreifbar war, würde Randys Kopf rollen, sollte Beates Geheimnis herauskommen.

Niemand wusste, wie lange die Wanze schon in Carolines Wohnung war, und was die Wanze alles verraten hatte. Wer den Auftrag gegeben hatte, schien zunächst klar, es war sicher dieser MacFroody. Aber was, wenn es Trommer war? Wenn die Wanze schon angebracht war, bevor Caroline einzog… als Vera und Beate noch hier lebten?! Dann lautete die Frage, wie viel wusste er? Und wen hatte MacFroody oder Trommer hier als Spitzel im Gefängnis?

„Wenn Trommer konkrete Fakten hätte, wären wir schon lange tot, aber wir müssen vorsichtig sein“, meinte ich. „Kannst du die anderen Räume und das Büro überprüfen?“

„Kein Problem, jetzt, wo ich weiß, wonach ich suchen soll.“

„Dann tu das und überprüfe auch Franks Büro.“

„Geht klar.“ Randy verschwand und Peter ging ins Büro zu Jessika und Caroline.

„Hätte ich geahnt, wie groß der Verwaltungsaufwand hier ist, wäre ich in Soulebda geblieben, da war das alles sehr viel einfacher. Der Präsident zeigte im Gerichtssaal mit dem Finger auf einen verurteilten Mörder, sagte Todesstrafe, und ich habe den Verurteilten aufgehängt. Da gab es keine störenden Akten oder Protokolle“, stöhnte Caroline.

„Tja, dafür bekommst du hier auch Geld, wenn du in Rente bist“, lachte ich.

„Was hat Randy noch gesagt?“

„Nur, dass die beiden Toten keinen offiziellen Auftrag hatten, dich zu killen.“

„Dann ist klar, dass der böse Papa sich rächen will.“

„Fertig hier?“

„Ja.“

„Dann komm bitte mit.“

 

***

 

Ausrüstung und Unterkunft

„Wo gehen wir hin?“

„Zu Decker, er erwartet uns in der Waffenkammer. Frank hat beschlossen, dass du nach diesem unschönen Vorfall ebenfalls eine Waffe tragen solltest. Frag mich nicht, wie er es schafft, diese Bescheinigungen zu besorgen, aber er scheint die richtigen Leute zu kennen.“

„Tja, dieses Problem hätte er in den USA nicht.“

„Ja, da sind wir wieder bei den unterschiedlichen Ansichten. Ist es nicht krank, dass es dort Jahre gibt, in denen mehr Schüler durch Schusswaffen sterben als Soldaten?! Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass ich mal mit einem Schießeisen herumlaufen, geschweige denn es einsetzen muss.“

„He, mein Held, du hast mir damit mein Leben gerettet.“

„Und das war alles wert.“

„Du kannst ein ganz schöner Schleimer sein“, grinste ich, als Peter ihr die Tür zu Deckers Reich aufhielt.

„Hallo, Herr Decker“, begrüßte ich ihn und der schüttelte den Kopf. „Wolfgang“, antwortete er. „Frank hat schon Bescheid gegeben. Ich habe schon eine kleine Auswahl vorbereitet.“

Er zeigte mir verschiedene Modelle kleinkalibriger Handtaschenartillerie. Ich schaute ihn ungläubig an. Das war einfach lächerlich, einige Cal. 22 Modelle bis zu den .38 Modellen. Diese Spielsachen waren nett für das Tontaubenschießen, aber ich war etwas mit ein wenig mehr Durchschlag gewöhnt. Ich sah ihn verständnislos an, schüttelte kurz den Kopf und griff mir eine 9 mm Beretta, als er erneut eine Schublade öffnete. Genau das Modell, das mir so lag, ein Modell 92 FS in 9 mm Luger, jenes Modell, das ich in- und auswendig kannte.

„Gute Wahl“, lobte mich Decker und nahm ein Magazin aus dem Safe. „Also gut, auf zum Schießstand.“ Zu dritt gingen wir zum Stand und Decker spannte drei IPSC-Papierscheiben ein und ließ sie an die Wand zurückfahren.

Ich machte mich bereit, prüfte die Waffe, setzte den Gehörschutz auf und schoss die Waffe leer. Während ich die Sicherheit herstellte, fuhr Decker die Scheiben wieder zu uns her und sah die 15 Treffer. Alle waren sie in der Zone A gelandet, also in der letalen Zone. Decker war ehrlich beeindruckt und beschloss wohl, mich zukünftig in das Schützenteam aufzunehmen.

„Du schießt sehr gut, welche Waffen nutzt du sonst noch?“, wollte er wissen.

„Die Brünner M75, die nenne ich meine Damenpistole, die ist mit ihrem feststehenden Lauf etwas eleganter und auch sehr griffig. Aber auf die Beretta kann ich mich immer verlassen.“

In der Waffenkammer bekam ich von Decker die passende Zusatzausrüstung und wir gingen zurück in unser Büro, wo wir auf Jessika trafen.

„Frau Haufberger wird heute hier Quartier beziehen. Frank hat es mir überlassen, wo ich sie unterbringe und da ihr zwei euch ja jetzt in einem Raum aufhalten könnt, ohne dass ihr euch gleich gegenseitig umbringt, werde ich ihr Carolines Wohnung geben. Du, Liebes, kannst dir aussuchen, ob du dir außerhalb eine Bleibe suchst, oder mit deinem Retter und Verehrer eine Wohnung teilst.“

„Verehrer?“, fragte ich Jessika und schaute Peter von der Seite an. Irgendwie hatte ich gerade den Wunsch, Jessika langsam mit einer Handgarotte zu erwürgen. Denn ich konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Peter versuchte, völlig überrascht zu schauen, aber das Image des tapsigen Bad-Mans zog bei mir nicht mehr. Denn ich wusste, dass Peter sehr viel cleverer war, als er vorgab. Ich würde jede Wette eingehen, dass Peter Jessika solange bearbeitet hatte, bis sie seinem Wunsch nachgekommen war. „Ich kann mir vorstellen, dass du Bedenken hast, aber… wie soll ich das sagen, du hast irgendwie einen guten Einfluss auf Peter. Seit du hier aufgetaucht bist, macht er lauter verrückte Dinge, die er vorher nie getan hätte, wie zum Beispiel Rücksicht auf andere nehmen…“

„Ok, das reicht jetzt“, fuhr Peter dazwischen und ich musste laut lachen.

„Ich denke, ich wähle den Griesgram da, obwohl… hast du die Haufberger gefragt, ob sie vielleicht mit mir das Bett teilen will, ich meine, da sie sehr viel besser aussieht als er.“

 

***

 

In der Nähe von Mainstadt

Gerd Fetkert weinte vor Angst und Schmerzen wie ein kleines Kind. Er saß mit nacktem Oberkörper an einen Stuhl gefesselt und schaute flehend die zwei Männer an, die sich ebenfalls in dem halbdunklen Kellerraum aufhielten. Eine der Männer saß ihm auf einem Stuhl gegenüber und musterte ihn genau, der andere stand einen Meter abseits neben einem kleinen Tisch, auf dem mehrere Spritzen und auch Folterwerkzeuge der neueren Art lagen.

Dass keiner der beiden eine Maske trug, ließ den Kleinkriminellen Gerd nichts Gutes ahnen.

„Gut… noch einmal von vorne, Monsieur, überlegen Sie bitte ganz genau.“

„Nein… Bitte…“

„Erzählen Sie mir noch einmal, was Sie gehört und gesehen haben.“

„Ich habe nichts gesehen. Es gab nur Gerüchte“, weinte Gerd.

„Was für Gerüchte?“

„Angeblich hat einer harten Jungs aus dem Hochsicherheitstrakt einen Pass angefertigt.“

„Haben Sie das selber gesehen?“

„Nein, die Häftlinge, die Essens- oder Reinigungsdienst hatten, haben erzählt, dass sie Unterlagen bei Jarvis gesehen haben. Ich selbst habe das alles nur gehört.“

„Auf wen war der Pass ausgestellt?“

„Das weiß ich nicht!“

„Wer hat den Pass in Auftrag gegeben?“

„Keine Ahnung! Sie müssen mir glauben, ich weiß es nicht!“

„Wer waren diese Häftlinge? Wer hat ihnen was und wann erzählt?“

„Das weiß ich nicht mehr! Das ist Monate her, ich hielt es nicht für wichtig. Bitte…“

Der Mann gegenüber von Gerd schwieg und schien die Informationen zu überdenken, die er nun zum vierten Mal von Fetkert gehört hatte.

„Mon ami“, seufzte er schließlich, “ ich glaube, da ist noch mehr. Sie müssen sich nur anstrengen, um sich zu erinnern.“ Er winkte dem zweiten Mann zu, der eine der Spritzen nahm und zu Gerd trat.

„NEIN… ich weiß nicht mehr! BITTE!“

Mit der Routine eines Profis legte der Mann einen Gürtel um Gerds gefesselten Arm, staute kurz das Blut an und verpasste ihm die Spritze. Gerd zuckte wild in seinen Fesseln. „Hhmmmiuuuhhhhmmmmm“, kam mit reichlich Schaum über seine Lippen, dann sackte er bewusstlos zusammen.

Pierre Cardin, der alte Franzose, der Gerd gegenübersaß, sah Korporal Tellier fragend an. Dieser prüfte Fetkerts Puls und nickte zufrieden: „In einer halben Stunde können wir weiter machen, Colonel.“

„Bon.“ Als erfahrener „Befrager“ wusste Cardin, dass Folter sehr gezielt eingesetzt und genau dossiert werden musste. Wenn Fetkert die Zeit zur Erholung brauchte, war es besser, sie ihm zu geben, also beschloss der Colonel, die Wartezeit zu nutzen, und rief Sergeant Dunant zu sich.

„Der Mann ist jetzt schon der zweite, der uns einen Hinweis auf diesen ominösen Pass gegeben hat… Wir sollten der Sache nachgehen.“

„Wenn die Annahme unseres Auftraggeber richtig ist, wäre ein falscher Pass die logische Schlussfolgerung“, meinte dieser.

„Ja“, überlegte Cardin laut, “ aber man kann nicht einfach einen falschen Pass nehmen, der dazu noch leer ist und zu einer Behörde gehen, um andere Papiere zu beantragen. Schon gar nicht hier in Deutschland! Man braucht Einträge, Stempel… man braucht eine… Legende! Dunant, nehmen Sie sich noch einmal die Akten der Insassen vor. Wir suchen Personen, die Profis im Erfinden von Lebensläufen sind, und zwischen den Prozessen Fischer und Strass freikamen, verlegt wurden oder wie auch immer die JVA Mainstadt verließen!“

 

***

 

Feierabend?

Es war 19 Uhr, als wir zusammen die Abschlussprotokolle des heutigen Tages schrieben.

„Ah, ihr seid noch da?“ Jessika blickte in mein, nein, in unser Büro herein.

„Eben hat das Büro von Frau Haufberger angerufen. Sie würde morgen vorbeikommen, um sich ein „erstes Bild“ von der Lage zu machen.“

„Die hat uns noch gefehlt“, murmelte ich resigniert.

„Peter, ich weiß, dass es dir gegen den Strich geht, besonders da sie von Trommer geschickt wird. Aber wir müssen versuchen, sie für uns zu gewinnen.“

„Die lässt sich von mir niemals einwickeln.“

„Überlass das Einwickeln mir“, sagte Caroline. „Ich bin da etwas geschickter als du.“

„Caroline hat recht“, nickte Jessika, „keine Sorge, ich habe schon alles arrangiert, was ihren Einzug hier betrifft. Fransiska Haufberger wird sich bei uns wie zuhause fühlen. So und jetzt habe ich Feierabend, gute Nacht, ihr beiden.“

„Gute Nacht, Jessika, du bist ein Schatz.“

„Vergiss das nicht wieder, wenn du die nächste Beurteilung schreibst“, zwinkerte sie mir zu und ging.

„Wo hast du Jessika eigentlich her?“, wollte Caroline wissen.

„Wir haben hier zusammen angefangen und uns sofort gemocht. Sie hat mich unter die Fittische genommen und mehr als einmal dafür gesorgt, dass ich Franks Anforderungen gerecht wurde. Nach der Ausbildung hat uns unser Chef beschlossen, dass wir als Team mehr ausrichten können als jeder für sich allein und seitdem arbeiten wir zusammen.“

„Hast du sie…?“

„Nein!“

„Warum nicht? Sie liebt dich sehr, ich kann es in ihren Augen sehen.“

„Eine Beziehung birgt immer ein Risiko… besonders am Arbeitsplatz. Es gibt nur sehr wenige Menschen, denen ich niemals wehtun oder die ich niemals enttäuschen möchte, und Jessika steht an erster Stelle.“

„Die Liste dieser Menschen ist wohl ziemlich kurz?“

„Auf der Liste stehen genau drei Namen.“

„Ich stehe sicher nicht darauf, oder?“

„Nein, zumindest noch nicht. Aber wenn du es genau wissen willst, du stehst auf den Anwärterplätzen ganz oben.“

Caroline lachte, als sie den Kopf schüttelte. „Das mag ich an dir, deinen Charme.“

Darüber musste ich lachen, doch dann wurde Caroline ernst. „Wir hatten eine Menge Spaß im Bett, aber was ist, wenn ich es schaffe, in die Liste zu kommen? Endet der Spaß dann, weil das Risiko zu groß ist?“

Mein Herz pochte wie wild, als ich vorsichtig eine Antwort formulierte, denn jetzt würde ein falsches Wort eine Menge Schaden anrichten. „Vielleicht führe ich für dich eine separate Liste ein, bei der Herz, Verstand, Spaß und Risiko zusammen aufgeführt sind.“

„Oh, Mann“, seufzte Caroline, „du bist eindeutig schon zu lange hier drinnen!“ Sie wollte wohl noch etwas sagen, als die Tür wieder aufging und Jessika, die schon ihren Mantel trug, hereinschaute. „Frank hat angerufen, ihr sollt sofort zu ihm kommen!“

„Er hat wirklich das „S-Wort“ benutzt?“

„Ja, und das mit Nachdruck.“

„Dann sollten wir ihn nicht warten lassen“, sagte ich zu Caroline. „Frank benutzt das „S-Wort“ sehr selten, aber wenn, dann meint er es auch so.“

 

***

 

Wanzen und anderes Ungeziefer

„Würdest du mir bitte erklären, warum Randy hier durch mein Büro lief und alles mit seltsamen Geräten abgesucht hat?“

„Warum fragst du ihn nicht selber?“, entgegnete ich. Frank sah uns finster an, also erzählte ich ihm von meinem Verdacht, dass es noch mehr Wanzen geben könnte. „Aber hast du nicht mal gesagt, du weißt immer, was hinter deinen Mauern vorgeht? Komm schon, das wird dich doch kaum überraschen.“

Franks Augen wanderten zwischen Caroline und mir hin und her, dann sagte er: „Peter, lass uns allein, aber warte draußen!“

Den Ton in Franks Stimme kannte ich nur allzu gut und beschloss, besser nichts zu sagen. So verließ ich sein Büro, Caroline zurücklassend, nicht ohne ihr vorher noch einen warnenden Blick zuzuwerfen.

„Randy hat noch einige Wanzen mehr gefunden“, teilte Frank ihr mit, nachdem ich die Tür geschlossen hatte. „Deswegen wusste MacFroody, wann du an der Kreuzung stehst.“

„Soweit bin ich mit meinen Überlegungen auch gekommen. Aber… als Randy mir das mit den Wanze mitteilte, sah ich deutlich, dass er etwas vor mir verschweigen wollte! Wenn es da etwas gibt, sollte ich es wissen!“

„Es wäre denkbar, dass mehr als eine Person hier Wanzen angebracht hat. Jemand der nicht hinter dir, sondern hinter Peter her ist.“

„Trommer?!“

„Als Generalstaatsanwalt hätte er die Ressourcen und die nötigen Kontakte eine solche Abhöraktion durchzuführen.“

„Aber es wäre im höchsten Maße illegal, selbst für einen Generalstaatsanwalt! Was hat Peter getan? Hat er öffentlich auf Trommers Bild uriniert?“

„Dagan hat dir doch den Auftrag erteilt, festzustellen, ob Trommer eine Gefahr für Israel darstellt, und eine Analyse von ihm zu erstellen, Wie fällt sie aus?“

Für eine Sekunde konnte Caroline ihr Pokerface nicht beherrschen, Dagan hatte Brauer ihren Auftrag mitgeteilt?! Nicht einmal andere Abteilungsleiter des Mossad wurden in laufende Aufträge seiner Nichten und Neffen eingeweiht! Wer war dieser Brauer?! Doch dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

„Meine Analyse besagt, dass Trommers Partei durchaus Gefahr für uns ist. Er hat die PfR sozusagen unterwandert, um sie in eine Partei umzuwandeln, die ihn braucht, um weiter existieren zu können. Einerseits hat er uns einen Gefallen getan, in dem er eine eindeutig braune Partei sozusagen vom Markt genommen hat, andererseits lässt sein Führungsstil auf eine autokratische Ausrichtung der Partei schließen. In der Folge hieße das, dass bei einer Regierungsbeteiligung demokratische Strukturen unterwandert werden.“

Frank Brauer nickte, als ob er das alles schon wüsste. „Trommer wird die folgenden Prozesse nutzen, um seine Anhänger zu mobilisieren. Er wird den kleineren Koalitionspartner der Regierung angreifen und Neuwahlen erzwingen, um seine PfR in die Regierung zu bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihm das auch gelingen wird. Alles was zwischen ihm und dem Erfolg steht ist… eine Frau!“

„Du redest von Beate Fischer, die Frau, die tot ist, da sie vom Dach des Verwaltungsgebäudes sprang!“

„Ja, genau! Du hast die Bilder aus dem Internet gesehen, als Beate von Dach in den Tod sprang. Es standen drei Personen auf dem Dach: Beate, Trommer und Peter. Was immer sich in diesem Moment dort abgespielte, nur Trommer und Peter wissen davon. Aber was immer es auch war, Trommer scheint Peter seitdem als Bedrohung zu sehen.“

„Weißt du, Frank, ich bin auch nicht erst seit gestern in diesem Geschäft! Da ist ein erfolgreicher Politstar, der alles daransetzt, um an die Macht zu kommen. Ein angesehener Generalstaatsanwalt, der auch noch beim Volk sehr beliebt ist, und auf der anderen Seite steht ein, ich übertreibe mal, „kleiner Beamter“. Normalerweise würde ich sagen, dass Peter kein ernsthafter Gegner für einen Generalstaatsanwalt darstellt, aber mittlerweile habe ich Peter durchschaut. Peter ist ein fairer Mann, der mehr Anstand, Gewissen und Ehrgefühl hat als viele andere, doch wenn er sauer ist, verwandelt sich der liebeswürdige Peter in den Bad-Man. Der ist ein knallharter Kerl, der rücksichtslos und verschlagen kämpft und dem jedes noch so unfaire Mittel Recht ist, um zu gewinnen. ABER! Selbst in der kurzen Zeit, die ich Peter nun kenne, weiß ich, dass Peter diese Eigenschaften nur einsetzt, um etwas zu schützen, was ihm sehr wichtig ist. Also frage ich mich, was ist Peter so wichtig, dass ein Generalstaatsanwalt das Risiko einer illegalen Überwachung auf sich nimmt? Und da Peter nicht rachsüchtig ist, steht eines ja wohl fest… hier geht es nicht um die TOTE Beate Fischer!“

Frank sah Caroline an, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Das ist deine Schlussfolgerung, aber… die Presse hat Trommer als Held gefeiert, der auf dem Dach versuchte, Beate Fischer zu retten. Dass ihm dies nicht gelang, machte ihn zu einem tragischen Helden. Stell dir die Frage, was geschehen würde, sollte sich deine Annahme als wahr erweisen. Trommers Glaubwürdigkeit wäre mit einem Schlag dahin.“

„Eine Gefahr, die Menschen wie Trommer nicht einfach hinnehmen. Aber selbst ein Generalstaatsanwalt kann hier nicht machen, was er will, ohne dass kritische Fragen gestellt werden. Jemand müsste ihn bei der Abhöraktion unterstützen. Wenn er Peter oder Beate ausschalten will, reicht es nicht, sie verhaften zu lassen. Er müsste sie schon umbringen lassen, dazu bräuchte Trommer die Hilfe eines absoluten Profis.“

„Du sagst es… und nun, Caroline Miles, hier kommt meine Schlussfolgerung! Wem… bist du hierher nach Deutschland gefolgt?“

Als Caroline verstand, was Frank da sagte, wurde sie blass vor Wut! „Der alte Franzose!“

 

***

 

Die Unterredung dauerte über eine Stunde, bis Caroline leichenblass aus dem Büro kam. „Du sollst wieder reinkommen.“

„He, ist alles in Ordnung?“, wollte ich wissen, legte ihr die Hand auf den Arm und erschrak, als ich ihren Blick sah. Ein Blick, der mir einen kalten Schauer den Rücken herunterjagte, so eisig waren ihre Augen. „Ja!“

Ich hielt es für besser, nicht nachzufragen, und folgte ihr zurück in Franks Büro, der ernst hinter seinem Schreibtisch saß. Er wartete, bis wir ihm gegenübersaßen, dann legte er seine Stirn in Falten. „Jeder von euch hat schon bemerkt, dass der andere ein Geheimnis hat, wann ihr euch diese gegenseitig anvertraut, ist eure eigene Sache. Mein Job ist es, den Laden hier zu schmeißen, und dafür brauche ich euch beide! Von nun an werdet ihr gegenseitig auf euch aufpassen. Ich erwarte, dass ihr euch zusammenreißt. Peter!“, er sah mich streng an. „von dir erwarte ich, dass du Caroline den Rücken freihältst. Solange MacFroody hinter ihr her ist, wird dieser weiterhin versuchen, sie zu töten. Also keine Alleingänge unternehmen, bis die Sache ausgestanden ist. Du, Caroline, wirst Peter unterstützen, um ihn gegen Angriffe von Trommer schützen, damit meine ich nicht nur verbalen Angriffe. Sollte einer von euch ein Problem damit haben, will ich es jetzt wissen. Ein Später wird es nicht geben!“

Caroline biss zwar die Zähne zusammen, sagte aber nichts.

Und ich?

Vor wenigen Tagen wollten wir uns gegenseitig den Kopf einschlagen. Doch je länger ich mit Caroline zusammen war, umso größer wurde dieses seltsame Gefühl in meiner Brust… Ja, es war eindeutig Liebe! Caroline weckte eine Seite in mir, die ich noch nicht kannte. Ich begehrte sie, ich liebte sie, ich wollte für immer mit ihr zusammen sein! Nein, sie war keine Vera und auch keine Beate. Caroline war eine wilde Kriegerin und brauchte mich nicht, schon gar nicht als Beschützer. Dass ich sie an dem Fußgängerüberweg gerettet hatte, war reiner Zufall, das nächste Mal würde sie auf der Hut sein und ich würde ihr sicher eher im Weg stehen, dennoch schwieg sie und fügte sich. Alles was an Gefühlen auf mich einstürmte, ließ mich nur an eines denken! Ich wollte Caroline nie mehr verlieren! Schon gar nicht gegen an so ein paar dahergelaufene Amis. NEIN!!! Diese Frau gehörte mir! Ich würde für sie kämpfen! Ich würde jeden umlegen, der es wagte, Hand an sie zu legen! Also sah ich Frank an und sagte ihm genau das: „Es ist alles gut zwischen uns!“ Mit einer großen Erleichterung sah ich aus den Augenwinkeln, dass auch Caroline nickte.

„Gut, ihr zwei traurigen Gestalten, seit einer Stunde wartet meine Frau mit dem Essen auf mich und wird mir dafür die Hölle heiß machen. Damit ihr euch schon mal darauf einstellen könnt, wenn ich heute Abend einen Anschiss von ihr bekomme, werde ich den an euch bei passender Gelegenheit weitergeben. Also verschwindet!“

Nach dieser freundlichen Aufforderung verließen wir sein Büro so schnell es ging und machten uns auf den Rückweg.

„Er ist ein wirklich guter Chef, ich denke, seine Frau weiß, was sie an ihm hat und wird ihm keine Vorwürfe machen.“

„Da kennst du Iris aber schlecht“, grinste ich.

Doch der Tag war noch nicht zu Ende. Wir räumten Carolines persönliche Sachen wieder aus ihrer Wohnung und brachten sie in meine. Nach Veras Auszug hatte ich sowieso mehr Platz, als ich brauchte. Schließlich war auch das geschafft, so dass wir es uns gegen 22 Uhr etwas gemütlich machen konnten.

Wie schon zu Beginn unseres ersten Abends, den ich mit Caroline verbrachte, schafften wir es, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Schließlich musste keiner von uns eine Wette einlösen und es musste keiner dem anderen zeigen, wer das Alphatier war.

„Wollen wir etwas zu Essen bestellen? Ich habe gehört, dass es in der Altstadt ein tolles Restaurant geben soll, das auch liefert“, fragte Caroline. „Ich habe nämlich einen Mordhunger.“

„Nein, ich habe eine bessere Idee“, antwortete ich und öffnete den Kühlschrank.

Mit großen Augen bestaunte Caroline den Inhalt, dann wurden ihre Augen schmal.

„Bevor du etwas sagst… nein, das Kochen übernehme ich“, beruhigte ich sie. „Du darfst mir aber solange etwas über die Südsee erzählen. Wie ist das Arbeiten unter Palmen?“

„Nicht viel anders als hier. Nur wärmer“, begann Caroline über ihre Zeit auf Soulebda zu reden, doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab… allein ihre Stimme steigerte das Verlangen nach ihr und nur mit Mühe konnte ich mich auf das Zubereiten unseres Abendessens konzentrieren. Letztlich sollte das erste Menü, das ich für sie zauberte, weder verbrannt noch angeschmort oder versalzen sein!

„Wirklich gut!“, meinte Caroline später zwischen zwei Bissen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut kochen kannst.“

„Was soll ich sagen, die Kantine hier ist nicht schlecht, aber… Entweder du gibst dich damit zufrieden oder du lernst selber kochen.“

Schließlich war es spät geworden und jeder hatte eine halbe Flasche Wein getrunken, als ich ein Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte. „Zeit fürs Bett“, sagte ich. „Morgen wird ein ziemlich langer Tag.“

Während Caroline sich in das Bad begab, um sich bettfertig zu machen, zauberte ich weitere Kissen sowie eine zweite Decke aus dem Schrank. Als sie wieder herauskam, trug sie ein knielanges, schwarzes Nachthemd mit kurzem Arm, bei dessen Anblick ich lachen musste.

„Was ist?“

„Hm, ich hatte mir etwas anderes vorgestellt. Etwas kürzer und mit Spitze.“

„Hast du dir das nur vorgestellt oder erhofft?“

„Völlig egal“, grinste ich ihr zu, „denn keine Frau, die in dieses Bett steigt, wird irgendetwas tragen.“

„Ich soll nackt mit dir in einem Bett liegen?“, fragte sie provozierend. Doch ich war mir sicher, dass sie mich nur necken wollte und es nicht auf eine neue Kraftprobe anlegte. „Nein, natürlich nicht“, beruhigte ich sie und schlug die Bettdecke zur Seite. Neben mir auf dem Bett lagen zwei weiße, weiche Baumwollstricke, beide zwei Meter lang.

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Und ob das mein Ernst ist, mein Bett, meine Regeln!“

Caroline kämpfte einen Moment mit sich, doch sie war genauso neugierig wie ich und wollte wissen, wohin das wohl noch führen würde. Dazu kam, dass der Wein seine Wirkung tat.

„Also gut, mein Retter und Verehrer, wenn du besser schlafen kannst, wenn du die Raubkatze anbindest, dann tu es. Aber ich warne dich, Frank hat gesagt, dass du mich beschützen sollst. Wenn du die Situation ausnutzt, verpetze ich dich bei ihm.“

Damit zog sie provozierend langsam ihr Nachthemd aus und ließ es einfach zu Boden fallen, kam zu mir und setzte sich auf das Bett, um mir ihre Hände entgegenzuhalten.

Ich band ihr die Hände vor ihren wundervollen nackten Körper, ließ sie sich hinlegen und fesselte dann ihre Füße zusammen. So verschnürt lag sie da und ich genoss den Anblick Was für eine tolle Frau! Ihre feuerroten Haare schienen das Bett in Brand zu setzen. Ich deckte sie artig zu und legte mich neben sie. Sanft legte ich meinen Arm um sie.

„Nein, Frank hat gesagt, ich soll dir den Rücken freihalten, und glaub mir, das tue ich jetzt. Niemand wird dazwischenkommen!“

Schon hatte ich sie gepackt und drang in sie ein. Wir trieben es erst in der Löffelstellung, dann musste sie sich auf den Bauch legen. Das bereitliegende Gleitgel war überflüssig, wie schon zuvor schien dieses Spiel Caroline zu gefallen, denn sie drückte sich von unten gegen mich. Es war das erste Mal, dass sich Caroline von mir dominieren ließ und ich genoss es!

Ihre devote Haltung war ein Geschenk, dass ich sehr wohl zu würdigen wusste. Als wir beide erschöpft nebeneinanderlagen, zog ich die Decke über sie und wagte es, sie erneut in den Arm zu nehmen. Sie ließ es geschehen und drückte sich gegen mich. In dieser Stellung schliefen wir ein und ich hielt sie die ganze Nacht fest…

Die Sonne weckte mich schon vor dem Wecker und neben mir lagen nur die Stricke im Bett, aber keine Caroline.

Hm, die Raubkatze hatte sich befreit, aber ich lebte immer noch…

 

***

 

Mainstadt

„Das, was wir hier gerade erleben, ist ein handfester Skandal!“, urteilte Fransiska Haufberger in die Kamera, während sie und ein Kamerateam vor der Parteizentrale des kleinen Koalitionspartner der Landesregierung stand und eine Liveschaltung sendete. „Dem ACP wurden vertrauliche Dokumente zugänglich gemacht, die belegen, dass die Bauaufsicht des Landes auf Drängen des Finanzministers bei den Sicherheitsauflagen während des Baus der West-Tribüne geradezu verbrecherisch seine Pflicht verletzt hat. Laut den Dokumenten hat der Finanzminister Einsparungen in Millionenhöhe gefordert, da sonst die Finanzaufsicht die komplette Modernisierung des Stadions untersagt hätte. Hier in der Parteizentrale will niemand etwas von diesen Machenschaften wissen und eine schriftliche Anfrage blieb unbeantwortet. Aus Ermittlerkreisen hieß es, dass man ein Verfahren gegen alle Beteiligte geprüft würde. Im Gedenken an die vielen Opfer der Katastrophe kann ich nur hoffen, dass, sollte es zu einer Anklage kommen, der richtige Ankläger eingesetzt wird. Ich bin Fransiska Haufberger, für ACP.“

 

***

 

Tel Aviv

„Scheint so, als ob unser Freund Brauer mit seiner Einschätzung Recht hatte“, meinte Dagan zu Lem, als sie die Sendung im Fernsehen mitverfolgten. „Trommer macht Druck und strebt Neuwahlen an.“

„Ja, das hier ist erst der Anfang. Ich habe Soraya gebeten, uns eine Abschrift der Dokumente zu besorgen, die der ACP „zufällig“ zugespielt bekam. Trommer wird dafür sorgen, dass man ihm die Anklage zuteilt. Dazu muss er als neutrale Person auftreten und nicht als Parteichef der PfR.“

„Wie wird er das machen?“

„Trommer wird die PfR an der kurzen Leine halten. Von denen wird nicht einmal das Wort „Anklage“ oder „Neuwahl“ kommen. Er wird ein paar Trolle beauftragen, die Stimmung anzuheizen und die breite Öffentlichkeit wird ihm dann die Arbeit abnehmen.“

„Hm“, Dagan wurde unterbrochen, als Soraya mit einem Stapel Papiere in der Hand in Dagans Büro kam. „Hier, ich musste nicht mal graben, der ACP hat die Dokumente auf seiner Webseite hochgeladen.“ Sie verteilte zwei Exemplare an Dagan und Lem, während sie ebenfalls eines behielt.

„Die Dokumente sind ein Witz“, urteilte Lem wenige Minuten später, „das eine ist ein ganz normales Schreiben, in dem der Bauleiter dem zuständigen Amt mitteilt, dass die Baukosten den vorgesetzten Rahmen überschreiten, was wohl bei jedem Großbauprojekt so üblich ist. Das ist übrigens eine Methode.“

„Methode?“, fragte Soraya nach.

„Ja, ich gebe dir ein Beispiel“, erklärte Lem. „Du willst ein neues Stadion bauen und die tatsächlichen Kosten belaufen sich auf zwanzig Millionen. Das ist so teuer, dass dir klar ist, dass du niemals eine Mehrheit und damit eine Genehmigung dafür bekommst. Also sagst du, das Stadion kostet „nur“ fünf Millionen und besorgst dir die passenden Kostenvoranschläge sowie Gutachten, in denen so ziemlich alle Risiken herausgerechnet sind. Mit der Summe von fünf Millionen kommen alle klar und du beginnst zu bauen. Dann wird es „etwas teurer“ und später noch etwas „mehr“. Schließlich kommt der Punkt, wo alle nervös werden, da die Kosten explodieren und jetzt schon die zehn Millionenmarke geknackt haben. An diesem Punkt sagst du dann: „Wenn wir jetzt aussteigen, sind alle Gelder, die wir investiert haben, futsch.“ Zähneknirschend bekommst du dann den Rest des Geldes. So läuft das bei den Deutschen, bei uns und überall auf der Welt.“

„Lem…“, unterbrach ihn Dagan und zeigte auf die Dokumente.

„Sorry, also der Bauleiter teilt mit, dass die Kosten etwa dreißig Prozent über der vereinbarten Summe liegen werden. Darauf erfolgte ein Schreiben des Finanzministers, der ein Gutachten in Auftrag gab, das ermittelte, wo Kosten eingespart werden können. Schließlich einigt man sich auf eine neue europaweite Ausschreibung beim Ausbau der Tribüne, die ein Unternehmen bekommt, dass alle anderen unterbietet und damit zehn Prozent einspart.“

„Wo sieht die Haufberger den Skandal?“

„Es ist die Auslegung der Schreiben. Mit Sicherheit hat das neu beauftragte Unternehmen deswegen die anderen Bewerber unterbieten können, weil sie massiv getrickst haben. Die Haufberger stellt es allerdings so da, als ob der Finanzminister das so gewollt und durch sein Eingreifen die Katastrophe herbeigeführt hat.“

„Nein“, warf Soraya ein, „sie sagt es nicht, sie stellt es nur in den Raum.“

„Stimmt“, nickte Lem. „Damit ist der Nährboden für Trommers Trolle gelegt und die werden ab jetzt die öffentliche Meinung beherrschen und aufpeitschen.“

„Wie steht es um die Koalition und wie wahrscheinlich sind Neuwahlen?“

„Seit der Katastrohe geht ein deutlicher Riss durch die Koalition, ich schätze Trommers Erfolgsaussichten auf Neuwahlen mit siebzig Prozent ein.“

„Dieser elende Mistkerl“, murrte Soraya, „Chef, ich finde es wird Zeit, diesen Kerl etwas unter Druck zu setzen, vielleicht macht er ja einen Fehler.“

Dagan ließ sich Sorayas Vorschlag durch den Kopf gehen und sah Lem an, der zustimmend nickte. „Gut, Soraya, ruf Ben an, er soll in Aktion treten.“

 

***

 

Polizeidirektion Mainstadt

Als KHK Meyer am Morgen zu seinem Arbeitsplatz kam, lag dort ein Umschlag mit dem Vermerk „Bundesamt für Statistik – KHK Meyer – Angeforderte Statistik“.

„Angeforderte Statistik?“, fragte sich Meyer, der sich nicht erinnern konnte, eine Statistik angefordert zu haben. Andererseits arbeiteten allein im Präsidium zwei andere Meyer, doch keiner von ihnen war KHK, also beschloss er, den Umschlag zu öffnen und traute seinen Augen nicht, als er die „Statistik“ las….

Hans Lauer, geb.…, verstorben…, offizielle Todesursache Herzversagen, tatsächliche Todesursache: Verabreichung eines Giftes mittels Spritze im Nackenbereich.

Jamil Hassan, geb.…, verstorben…, Todesursache laut gerichtsmedizinischem Gutachten vom… Massive Verletzungen durch Verkehrsunfall. Tatsächliche Todesursache: gezielte Gewalteinwirkung auf den Kopf, nach vorangegangener Folter.

Herbert Nachtbaum, geb.…

Es folgten noch sechs weiteren Namen mit offizieller und tatsächlicher Todesursache in der „Statistik“, die Meyer aus dem Umschlag geholt hatte. „Was zum Teufel…“, starrte Meyer die Liste an, wobei ihm der letzte Name besonders ins Auge fiel, Franz Klausen.

Klausen, gelernter Elektriker, war bei Schwarzarbeiten an einer Starkstromleitung durch einen Stromschlag umgekommen, da er nicht die Sicherung ausgeschaltet hatte. Meyer selbst wurde zum Fundort der Leiche gerufen und fand Klausen mit den typischen Verbrennungen an den entsprechenden Körperteilen vor.

Alles passte zu der Unfalltheorie und aus eigener Erfahrung wusste Meyer, dass es eine Menge Elektriker gab, die aus Gründen der Bequemlichkeit darauf verzichteten, bei Arbeiten die Sicherung auszuschalten… An den Haaren herbeigezogen war der Unfall nicht, allerdings würde der Rechtsmediziner sowieso einen Blick auf die Leiche werfen. Der hatte ihm dann auch vor zwei Tagen bestätigt, was offensichtlich war. Klausen starb, weil er sich blöd angestellt hatte… Doch nun soll auch Klausen erst mit Strom gefoltert und dann mit einer tödlichen Injektion in den Nacken getötet worden sein.

Was Meyers Spürsinn erwachen ließ, war der Satz, der am Ende stand. „Finden Sie heraus, was die Opfer gemeinsam haben, dann werden Sie wissen, wer die Morde in Auftrag gab.“ Natürlich war das Schreiben nicht unterzeichnet außer mit „Ein Freund“.

Als sich Meyer die Liste erneut durchlas, kamen ihm zwei der neun Namen bekannt vor, also öffnete er das Zentralregister und wurde schnell fündig. Gegen Lauer hatte er vor einigen Jahren wegen Urkundenfälschung ermittelt, was diesem letztlich drei Jahre eingebracht hatte, den anderen, Jörg Hannisch, hatte Meyer als Mitglied einer SOKO wegen gewerbsmäßigen Betrugs mit Dokumenten hinter Gitter gebracht…

Schnell zeichnete sich ein Muster ab, alle neun Männer der Liste hatten Vorstrafen, saßen eine Zeit in der JVA Mainstadt und wurden alle im Laufe der letzten acht Monate entlassen. Bemerkenswert waren die Strafen, weswegen sie in der JVA einsaßen, sie waren Fälscher oder handelten mit Fälschungen. „Also kein Bandenkrieg!“, stellte Meyer fest, außerdem war keiner der Toten wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Meyer saß mindestens zehn Minuten vor der Liste und ließ seine Gedanken kreisen… konnte es sein, dass die Liste die Wahrheit sagte? Falls ja, wer hatte die neun Männer ermordet und warum? Hatten die neun vielleicht einen sehr reichen Kunstsammler über das Ohr gehauen, der sich jetzt rächte?

Aber Lauer hatte Dokumente gefälscht… und Profifälscher, die kaum vom Original zu unterscheidende Bilder herstellten, arbeiteten meistens allein, denn zu viele Mitwisser waren schlecht fürs Geschäft… Schließlich griff Meyer zum Telefon und rief in der Gerichtsmedizin an.

„Gerichtsmedizinisches Institut Mainstadt“, meldete sich eine freundliche Stimme.

„Meyer, Kriminaldienst. Eine Frage: vor drei Tagen wurde doch die Leiche Klausen von Dr. Haiz freigegeben?“

„Klausen… ach ja, der Starkstromunfall.“

„Genau der, ist die Leiche noch bei Ihnen?“

„Moment, ich schaue nach…“ Meyer hörte die Tasten einer Tastatur klappern, dann meldete sich die Stimme wieder. „Ja, die Leiche ist noch da und soll morgen abgeholt werden.“

„Vielen Dank“, Meyer legte auf und überlegte nicht lange. Er fuhr in das Institut und bat darum, sich die Leiche noch einmal ansehen zu können. Wer immer auch die Liste erstellt hatte, hatte auch genau beschrieben, wo Klausen die tödliche Injektion bekommen hatte, Dort begann Meyer gleich zu suchen. Da Klausen ziemlich dichtes Haar hatte, dauerte die Suche etwas, aber nach einer Viertelstunde wurde Meyer belohnt, indem er tatsächlich einen Einstich im Nackenbereich fand. „Verdammte Scheiße!“, fluchte Meyer…

 

***

 

Redaktion des ACP

Nicht alle Journalisten des ACP teilten Fransiska Haufbergers Euphorie bezüglich des Generalstaatsanwalts und neuen Vorsitzenden der PfR, Trommer. Es gab auch einige kritische Stimmen unter ihnen, eine davon war die Stimme von Melissa Nablik. Ihr war der kometenhafte Aufstieg von Gerhard Trommer einfach zu steil. Nicht dass sie etwas persönlich gegen ihn hatte, aber… dieses „aber“ konnte sie nicht genau benennen, dieser Trommer war einfach zu aalglatt. Dazu kamen die mysteriösen Unfälle, die Trommer zum Vorsitzenden der PfR werden ließen. Das passte alles einfach zu gut und eine so glatte Laufbahn sagte Melissa, dass irgendwo zumindest eine Leiche im Keller liegen musste. Doch momentan war Trommer der Star, den man sehr vorsichtig durchleuchten musste, wie sollte sie vorgehen?

Darüber dachte Melissa nach, als sie mit einem „Hallo Melissa“ aus ihren Gedanken gerissen wurde. Der Hausbote brachte ihr einen Umschlag, der an sie adressiert war. „Hat wohl noch keine E-Mail“, grinste der Bote und ging weiter, während Melissa den Umschlag öffnete und las:

„Guten Tag, Frau Nablik,

der amtierende Generalstaatsanwalt Gerhard Trommer hat folgende Menschen ermorden lassen:

Hans Lauer, geb.…, verstorben…, Todesursache Herzversagen, tatsächliche Todesursache: Verabreichung eines Giftes mittels Spritze im Nackenbereich.

Jamil Hassan, geb.…,

Auch ließ Trommer zwei Polizeibeamte ermorden, die ihn zuvor bei illegalen Tätigkeiten unterstützten und ihn damit erpressen wollten. Fragen Sie bei KHK Meyer nach, er leitete die Untersuchungen, bis Trommer dafür sorgte, dass er von diesem Fall abgezogen wurde.

Ein Freund…“

„Das glaube ich nicht“, flüsterte Melissa, „das glaube ich einfach nicht!“

 

***

 

Polizeipräsidium

„Sie hatten Recht, Klausen wurde vergiftet“, teilte Dr. Haiz KHK Meyer am Telefon mit. Man hat ihm eine tödliche Dosis Nikotin verabreicht.“

„Nikotin?!“

„Ja, und da Klausen offensichtlich durch einen Stromschlag starb, hat man lediglich Bluttests bezüglich Alkohols oder anderer Drogen gemacht, die alle negativ ausfielen. Zurück zu Klausen! Wie Sie sicher wissen, ist Nikotin ein Gift, aber nicht jeder, der eine Zigarette raucht fällt tot um. Auch wenn man Nikotin konzentriert verabreicht, ist es nicht einfach, jemanden damit umzubringen. Klausens Mörder war ein Experte, der Nikotin mit Stoffen gemixt hat, die der Körper sehr schnell aufnimmt und so das Gift zur Wirkung bringt.“

„Also niemand, der das Gift zu Hause im Kochtopf angerührt hat?“

„Nein, es muss ein Profi gewesen sein. Ich habe die Freigabe der Leiche selbstverständlich zurückgezogen und werde noch genauere Tests durchführen. Sobald ich die Laborergebnisse habe, melde ich mich.“

„Vielen Dank“, Meyer legte auf und holte seine Liste wieder hervor. Mittlerweile bekam seine Theorie, dass hier ein Kunstbetrug in die Hose ging, deutliche Risse. Vier der neun Toten waren nach ihrer Entlassung aus Mainstadt weggezogen und hatten keine Verbindung mehr nach hier. Drei waren verheiratet gewesen und zwei der Witwen waren sich sicher, dass ihre Männer nach der Entlassung keine krummen Dinger mehr gedreht hätten…

Aber wenn es nicht um Kunst ging, worum ging es dann?!“ Darauf wusste Meyer keine Antwort und ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er heute auch keine mehr finden würde. Also beschloss er, für heute Schluss zu machen. Morgen, sagte er sich, würde er mit der Liste und dem Ergebnis von Dr. Haiz zu seinem Chef gehen, dann könnte der entscheiden, wie es weitergehen würde.

Nachdem er das Präsidium verlassen hatte und über den Parkplatz ging, kam eine Frau auf ihn zu. „Kriminalhauptkommissar Meyer?“, fragte die Frau.

„Ja.“

„Melissa Nablik. Guten Tag, Herr Meyer. Ich arbeite als Reporterin für den ACP und möchte, wenn es Ihnen recht ist, ein paar Fragen stellen.“

Meyer war ziemlich überrascht, denn normalerweise fragten die Reporter nicht erst, ob sie Fragen stellen durften, also beschloss Meyer, erst einmal freundlich zu bleiben. „Am besten wenden Sie sich an die Pressestelle, die werden Ihnen gerne behilflich sein“, antwortete er und ging weiter.

„Herr Meyer, bitte! Die Pressestelle wird mir bestimmt nicht weiterhelfen. Das können nur Sie!“

„Das glaube ich kaum.“

„Ich habe gehört, dass Sie der leitende Ermittler im Mordfall der zwei getöteten Polizisten waren.“

„Kein Kommentar.“

„Trommer hat dafür gesorgt, dass Sie von dem Fall abgezogen wurden.“

„Kein Kommentar!“

Melissa, die Meyer nachgelaufen war, überholte ihn und blieb direkt vor ihm stehen. „Wussten Sie, dass es noch mehr Morde gab, die als Unfall getarnt wurden?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Sie sind ein ziemlich schlechter Lügner, lassen Sie uns miteinander reden.“

„Da gibt es nichts zu bereden! Wenden Sie sich an die Pressestelle!“

„Na schön, aber sehen Sie sich das an!“, bat ihn Melissa und hielt ihm eine Liste unter die Nase. Zu seinem Erstaunen war es DIE LISTE! „Wir sind beim ACP nicht alle Fans von Trommer und wenn das wahr ist, was hier steht, müssen wir ihn stoppen! Falls Sie doch mit mir reden wollen, Sie erreichen mich jederzeit unter meiner Handynummer.“ Melissa gab Meyer eine Visitenkarte und ließ ihn stehen.

 

***

 

Verdammt, sollte das Schreiben ein Fake sein? Wollte jemand Trommer bloß schaden? Melissa saß noch eine Zeitlang in ihrem Auto und ließ das kurze Gespräch Revue passieren. Nein! In Meyers Haltung lag eindeutig, dass er nicht reden WOLLTE. Nicht nur das! Melissa arbeitete schon lange genug in dem Geschäft, um Angst beim Gegenüber zu riechen. Meyer schien eine Scheißangst zu haben!

Zurück in der Redaktion überlegte Melissa, wie sie weiter vorgehen sollte. Sie beschloss, Trommer etwas auf den Zahn zu fühlen, doch an diesen war momentan schlecht heranzukommen. Da kam ihr eine Idee und sie klopfte bei Fransiska an. „Hi, Fransiska. Kann ich dich um einen Gefallen bitten?“

„Sicher! Was kann ich für dich tun?“

„Du triffst dich doch ab und an mit Trommer.“

„Ja, ich recherchiere gerade in einer Sache, die zum Himmel stinkt. Ich muss dafür sogar für eine Zeitlang im Gefängnis wohnen. Wenn aber stimmt, was ich gehört habe, wird das ein handfester Skandal. Aber zurück zu dir. Was kann ich für dich tun?“

„Ich gehe der Sache mit den getöteten Polizisten nach. Es scheint noch mehr Todesfälle zu geben. Kannst du mal vorsichtig bei ihm anfragen, ob ich ihm ein paar Fragen stellen kann? Bei den Ermittlern und dem Ministerium blitzen meine Anfragen ab.“

„Sicher meine Liebe. Sobald ich ihn sehe, frage ich ihn. Deine Nummer habe ich ja.“

„Danke. Du bist ein Schatz und viel Spaß im Gefängnis.“

„Ein Spaß wird das, fragt sich nur für wen.“

 

***

 

In der Nähe von Mainstadt

„Colonel, wir haben ein Problem!“

Leutnant Gilles, der als Nachrichtenoffizier der Truppe fungierte, kam zu Cardin, der gerade dabei war, mit Gerd eine neue Fragerunde zu starten.

„Ich höre, Leutnant Gilles.“

„Der Polizist, KHK Meyer, den wir auf Bitten unseres Auftraggebers beobachten, wurde von einer Reporterin kontaktiert und über die Toten unserer ersten Aufträge befragt. Sie hat angedeutet, dass es noch weitere Morde geben könnte.“

„Nun, das ist nicht gut. Ich werde unseren Auftraggeber informieren und um Anweisungen bitten. Allerdings weiß ich mit Bestimmtheit schon, wie diese lauten werden.

Veranlassen Sie das Nötige, um die Reporterin und ihren Kontakt stumm zu schalten.“

„Oui, mon Colonel.“

 

Keilstraße

„Die Listen sind angekommen“, teilte Ben Team 7, das unter der Leitung von Ariel stand, und Team 8 mit, das Ronni leitete. Die sechzehn Männer und Frauen saßen in Bens Wohnung in der überall Karten und Fotos von der JVA und Umgebung sowie Stadtpläne hingen.

Ben hatte sich Zugang zur Gerichtsmedizin verschafft, was für ihn kein allzu großes Problem dargestellt hatte. Der Eingang wurde durch ein Kartenlesegerät gesichert, das die Experten des Mossad vor keine große Herausforderung stellte. Bei seiner Ankunft brachte Ariel ein Lesegerät mit, das nicht dicker war als eine Karte selbst. Dieses klebte Ben einfach nachts mit schwarzem Panzertape an der Seite des Türöffners fest und entfernte es sofort wieder, nachdem eine Mitarbeiterin des Reinigungsdienstes das Gebäude betreten hatte. Schon konnte er die Daten des Lesegerätes auf eine leere Karte übertragen.

Da auch die Gerichtsmediziner festen Arbeitszeiten nachgingen kam Ben nachts in das Institut und kümmerte sich um die „Unfälle“, die er dann selbst genau untersuchte. Auf diese Weise konnte Levi eine Liste mit neun Namen erstellen, die er im Anschluss an Meyer und Nablik weiterleitete.

Kaum hatte Nablik die Liste bekommen trat sie auch direkt in Kontakt mit Meyer. Doch für Ben war etwas anderes interessant… nicht nur Ariels Leute hatten das Treffen beobachtet! Meyer wurde überwacht! Da dieser auf Trommers Abschussliste stand und die „Unfälle“ von Profis durchgeführt wurden, musste Ben kein Hellseher sein, um eins und eins zusammenzuzählen. Sie hatten endlich eine Spur zu Cardin, dem alten Franzosen, gefunden! Kaum hatte er Dagan seine Erkenntnis mitgeteilt, saß Ronni mit ihrem Team in einem Flieger nach Mainstadt und nun hatte Ben zwei Teams zur Verfügung, um dem alten Franzosen eine Falle zu stellen.

„Lem, Soraya und ich werden erst kommen, wenn es notwendig ist, sonst würde unsere Abwesenheit Cardin nur vorzeitig warnen“, meinte Dagan. „Du musst dich mit Caroline treffen und sie informieren. Aber nicht in deiner Wohnung, Ich denke, die werden wir noch länger als sichere Unterkunft brauchen“, sagte Dagan

„Kein Problem, ich werde mich mit Caroline im Falkensteiner Hotel treffen, dort wird uns Cardin niemals vermuten.“

„Das Falkensteiner?“

„Ja, dort ist man Diplomaten und Staatsgäste gewohnt und die Sicherheitsvorkehrungen sind erstklassig. Ich steige im Hotel als amerikanischer Ölbaron ab, der mit seiner Frau in Frankfurt auf Einkaufstour war. Natürlich muss Caroline ihre Amis, die sie immer im Schlepptau hat, abhängen.“

„Das sollte für sie kein Problem sein… Gut, triff dich mit ihr und Ben… ich will diesen Scheißkerl sobald wie möglich tot sehen!“

 

***

 

Erwischt

„Wir sollten die Haufberger freundlich begrüßen“, meinte Jessika, die mit Caroline und mir zusammen in der Kantine einen Kaffee trank, während wir uns berieten, wie wir mit Franziskas Anwesenheit am besten umgehen könnten. Als Jessika mein gequältes Gesicht sah, gab sie mir einen deutlichen Warnschuss vor den Bug. „Wir wollen doch nicht, dass sie irgendeinen Ansatz findet, oder?“

„Schon gut, ich werde mir ja Mühe geben“, knirschte ich.

„Schön, dann los, sie kommt in weniger als einer halben Stunde! Empfangt sie gleich an der Pforte und bringt sie am besten zu mir. Ich übernehme sie dann und mache erst einmal einen Rundgang mit ihr.“

Wir standen auf und verließen die Kantine, um uns in Richtung der Pforte zu begeben. Denn Jessika hielt es für keine gute Idee, die Haufberger dort warten zu lassen.

„Gibt es denn „Ansätze“, die die Haufberger finden könnte?“, wollte Caroline wissen.

„Na ja, wenn man sucht findet man auch was. Manchmal sind eben Vorschriften eine Sache der Auslegung.“

„Eine Sache der Auslegung? So wie bei Beate?“

„Ich weiß! Aber ich pfeife drauf. Ich mache den Job und ich mache ihn so, wie ich es für richtig halte.“

„Deswegen hat dich Trommer also auf dem Kicker, du biegst dir deine Vorschriften so, wie du sie brauchst?“

„Ja, manchmal schon! Und ja, bei Beate habe ich die Vorschriften nicht nur gebogen, ich habe sie gebrochen.“

„Peter… Ohne unseren Waffenstillstand gefährden zu wollen, ich verstehe deine Beweggründe, aber bitte lass den Blödsinn, solange die Haufberger hier ist. Ok?

„Geht klar“, nickte ich „Alles streng nach Vorschrift!“

Caroline sah mich von der Seite her an und blickte dann zu Jessika. „Wieso glaube ich ihm das nicht?“

„Aus demselben Grund wie ich, du kennst ihn langsam und magst ihn dennoch.“

„Ja, das wird es wohl sein“, schüttelte Caroline den Kopf und grinste, doch im gleichen Augenblick riss sie die Augen auf! Auf meiner Jacke wanderte ein grüner Punkt zur Brust und schon lag ich auf dem Boden. Caroline hatte Jessika einen Stoß verpasst und mich in Windeseile zu Boden und dann in Deckung der Mauer gerissen, als ich noch völlig perplex war. An der Stelle, an der ich gerade noch gestanden hatte, spritzten Dreckfontänen hoch und Querschläger jaulten über den Hof. Sofort sprang Caroline auf, packte mich mit der einen Hand und Jessika mit der anderen und gemeinsam rannten wir in den Schutz zweier Wäschecontainer.

„Ein Scharfschütze!“, rief Caroline laut einer Wache im Hof zu, die auch zu unserer Deckung rannte und verzweifelt versuchte, das Funkgerät aus der Jacke herauszuholen. Unterdessen schlugen immer wieder Kugeln in die Container ein, der nur ein begrenztes Maß an Schutz bot, denn einige Kugeln durchschlugen das Blech und die darin befindliche Wäsche einfach.

Ohne lange zu fragen, riss Caroline ihm das Funkgerät aus den Händen. „Wolfgang! Ein Scharfschütze belegt den Süd-Hof mit Feuer und nagelt uns hier fest.“

„Kannst du ihn ausmachen?!“

„Typisch Decker!“, schimpfte ich an Jessika gewandt. „Fragt erst gar nicht nach, als ob es alltäglich wäre, dass jemand auf uns schießt!“

Caroline kroch ein Stück weiter und besah sich die Einschläge der Kugeln, die mich treffen sollten, errechnete daraus die ungefähre Richtung des Schützen und blickte dann zwischen den Containern durch. „Süd-Südwest! Mittleres Hochhaus! Rechts 300!“ Mehr musste Caroline nicht sagen. „Verstanden, haltet die Köpfe unten!“

Nur Sekunden später sah ich, wie Decker und die unverwechselbare Gestalt von Gratzweiler jeweils mit einem Gewehr in der Hand im Schutz der Hofmauer auf den Süd-Turm zu rannten, dann kam Deckers Stimme aus dem Funkgerät. „Ok, auf mein Kommando lauft ihr zum Eingang des U-Haft-Gebäudes.“ Automatisch blickten wir drei und die Wache nach links, wo der Eingang etwa 30 Meter weit entfernt lag.

„Achtung… LOS!“, befahl Decker und wir rannten los. Ich hörte eine Kugel an uns vorbeizischen, dann erklang das Bellen eines Gewehres. Gratzweiler hatte den Schützen ausgemacht und gab uns Deckung. Zwei Schuss gab der Schütze noch auf uns ab, dann konnte Decker beobachten, wie auf dem Dach des Hochhauses 300 Meter entfernt eine Gestalt zusammenbrach und eine weitere flüchtete. „Guter Schuss!“, lobte er Gratzweiler, der nur meinte, „Naja, allzu schwer haben sie es mir nicht gemacht.“

Unten im Eingang des U-Haft-Gebäudes rief ich: „Jessika!“ Sie antwortete sofort: „Bin ok!“

„Caroline?!“

„Alles klar, was ist mit dir?“, fragte mich Caroline und ich murmelte: „Habe keine zusätzlichen Löcher, verdammt, was war das?! Scheiße, ich habe einen Splitter in meinem Hintern!“ Caroline und Jessika brachen in schallendes Lachen aus und Caroline meinte nur: „Lass mich das heute Abend ansehen, Cowboy.

„Verdammt, war das dieser durchgeknallte MacFroody?“, wollte Jessika wissen.

„Da bin ich mir nicht sicher“, antwortete Caroline, legte ihre Stirn in Falten und sah mich an. „Ich glaube, der Schütze wollte etwas von DIR!“

„Von MIR? Wer zum Teufel…?“ Ich brach ab, denn die Antwort hämmerte auf mich ein. Trommer! Er wusste ja, dass jemand versuchte, Caroline umzubringen, also warum nicht mich umlegen und es dann einfach den Amis in die Schuhe schieben, die Caroline umbringen wollten? Scheiße, ich hatte den Mistkerl schon wieder unterschätzt. So viel Abgebrühtheit hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut!

„Vielleicht war er auch nur ein miserabler Schütze“, sagte ich wenig überzeugend und konnte sehen, dass Caroline mir nicht glaubte. „Wir reden nachher darüber!“, meinte sie, als Jessikas Handy brummte. „Die Haufberger kommt. Ich gehe zur Verwaltung und ja kein Wort bei ihr über die Schießerei, das wird noch schnell genug publik!“

Wir erreichten die Außenpforte, als Fransiska Haufberger gerade von Hannes durch die Schleuse geführt wurde.

„Schön, dass endlich jemand erscheint, um mich abzuholen. Was sollen diese Sirenen und Hupen?“, waren ihre ersten Worte.

„Du hast es Jessika versprochen! Bleib freundlich!“ Ich wiederholte den Satz in meinem Gehirn wie ein Mantra und sagte: „es gab einen kleinen Zwischenfall in einem der Innenhöfe. Sie werden schnell merken, dass solche Alarme nicht selten, aber meist wenig dramatisch sind.“

„Das heißt wohl, dass Sie ziemlich schnell den Alarmknopf betätigen? Was sagt denn der Leiter, Herr Brauer, dazu?“

„Herr Brauer hat die Leitlinien selbst für den Alarm verfasst, lieber ein Alarm zu viel als einer zu wenig…“

„Frau Haufberger, wollen wir das nicht mit Herrn Brauer selbst besprechen?“, warf Caroline dazwischen. Die Haufberger schnaubte nur: „Ja, wäre wohl das Beste!“

„Dann bitte hier entlang“, presste Caroline hervor und zeigte ihr die Richtung.

„Sie sind doch der Mann, der auch vor ein paar Wochen bei Generalstaatsanwalt Trommer war? Haben Sie etwa vor, die ganze Zeit neben mir herzulaufen?“, fragte sie mich auf dem Weg zur Verwaltung.

„Sie verstehen sicher, dass wir nicht jedem Besucher einen Generalschlüssel geben können.“

„Das werde ich bei Herrn Trommer zur Sprache bringen müssen! So geht das nicht, schließlich soll ich unabhängig arbeiten können!“

„Selbstverständlich“, schaltete sich Caroline in das Gespräch ein. „So lange bleiben Sie bitte neben uns, nicht dass Sie in einer Schleuse hängen bleiben und auf Hilfe warten müssen.“

„Ganz sicher nicht!“, fauchte die Haufberger, als wir die Verwaltung erreichten, wo eine freundlich lächelnde Jessika sie begrüßte.

„Herzlich willkommen, Frau Haufberger, Herr Brauer hat mich als Ihre persönliche Ansprechpartnerin bestellt. Bitte folgen Sie mir.“

 

***

 

Abends, nachdem alles andere erledigt war, lag ich geduscht auf dem Bett und Caroline schaute sich meinen Po an. Den Splitter hatte sie rasch gefunden, aber dann drehte sie mich auf den Rücken und verwöhnte mich erstmals ohne Seil und Handschellen.

„Kein Muckser! Heute bist du mein Spielzeug, morgen sehen wir weiter!“

Einmal versuchte ich noch, mein männliches Dominanzgehabe anzubringen, aber nur kurz! Denn ein kräftiger Druck auf einen Nervenkreuzpunkt überzeugte mich schmerzhaft, dass ich heute besser genießen sollte. Caroline kannte offenbar viele solcher Punkte. Nach ein paar Runden heftigem, gutem Sex lagen wir nebeneinander angekuschelt. „Sag mal“, fragte ich Caroline, „war der Laser eigentlich rot oder grün?“

 

***

 

Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Schießerei eine Menge Staub aufwirbeln würde. Immerhin gab es einen Großeinsatz der Antiterrorabteilung, die das Dach des Hauses stürmte, von dem die Attentäter auf uns geschossen hatten, doch es folgte lediglich eine kurze Befragung aller Beteiligten. Selbst Gratzweiler, der einen der Schützen erwischt hatte, gab lediglich zu Protokoll, dass er eingreifen musste, da die Wäschecontainer keinen ausreichenden Schutz boten und damit wurde er entlassen. Der Grund dafür lag auf der Hand, Trommer als Generalstaatsanwalt führte in diesem vermuteten Terrorangriff die Ermittlungen und wollte erst gar keinen großen Rummel. Und Trommer wusste, wie er diesen vermeiden konnte…

„Liebe Zuschauer“, meldete eine ernst schauende Fransiska Haufberger in den Nachrichten, „wir stehen hier mit mehr als eintausend Menschen vor dem Rathaus in Mainstadt, wo Angehörige der im Stadion Umgekommenem eine spontane Gedenkfeier organisiert haben. Einer der Organisatoren ist Herr Bach,“ die Kamera schwenkte auf einen Mann, der neben Fransiska stand, „Herr Bach, warum haben Sie die Gedenkfeier organisiert?“

„Wir, die Hinterbliebenen, empfinden das Verhalten der Verantwortlichen als geradezu verachtend! Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte es noch niemand nötig, uns den tatsächlichen Grund für die Katastrophe zu nennen, oder auch nur ein Wort des Mitgefühls. Alles, was die da oben machten, war, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben! Ich bin der Meinung, man sollte das ganze Politikerpack aus der Regierung jagen!“

Nun schwenkte die Kamera wieder zu Fransiska, „Tatsächlich hat es bisher noch keine offizielle Mitteilung der Regierung an die Opfer gegeben. Aus dem Landtag war lediglich zu hören, dass es am ersten Sonntag des Monats, mehr als acht Monate nach der Katastrophe, eine zentrale Trauerfeier geplant sei. Wir werden gespannt sein, ob jemand aus der Regierung endlich bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen. Fransiska Haufberger, für ACP.“

 

Maulwürfe

Ich saß in meinem gemütlichen Sessel auf einer himmlischen Wolke, um mich herum waren überall hellblaue Nebelwolken und ich genoss Carolines Zungenspiel. Nackt, nur in schwarzen halterlosen Seidenstrümpfen und schwarzen Pumps kniete sie demütig und doch stolz vor mir. Ihre Hände waren auf dem Rücken mit einem weißen Strick gefesselt, während sie mich mit ihrer Zunge verwöhnte. Jetzt, da Caroline wusste, dass die Fesseln mehr meinem Fetisch statt der „Sicherheit“ dienten, ließ sie sich bereitwillig von mir in Fesseln legen. Mit ihren wunderschönen Augen hielt sie mit mir Blickkontakt und ich konnte sehen, dass auch sie Spaß daran hatte mich zu verwöhnen…

„PETER!“

Die blauen Nebelwolken lichteten sich schlagartig, als mich Franks Stimme brutal wieder in das Hier und Jetzt zurückriss. „Schön, dass ich wieder deine Aufmerksamkeit habe“, sagte er bissig.

Seit zwanzig Minuten saßen Caroline und ich vor seinem Schreibtisch und bekamen einen Anschiss der ersten Klasse. Ich sogar einen Doppelten!

Einerseits hatte ich Fransiska Haufberger verärgert, die natürlich sofort zu Trommer gelaufen war und sich dort beschwert hatte, wir würden ihre Arbeit behindern.

Die Folge war, dass Trommer Frank die Hölle heiß gemacht hatte und er es sich verbot, die Berichterstattung weiter zu behindern. Als Frank ihm aber anbot, er würde auf eine vom Generalstaatsanwalt ausgestellte Sondergenehmigung und dessen Verantwortung hin Fransiska Haufberger einen Generalschlüssel geben, machte Trommer allerdings einen Rückzieher. Dennoch spitzte der Vorfall die Situation weiter zu.

Dann hatte Caroline Frank nicht sofort berichtet, dass es der Schütze auf dem Dach nicht auf sie, sondern höchstwahrscheinlich auf mich abgesehen hatte.

Schließlich bekam ich meinen Anschiss, weil ich Frank nichts von der geringen Reichweite der Wanze erzählt hatte. Auch das sonst bewährte Mittel, ein betroffenes und ernstes Gesicht zu machen und Besserung zu loben, funktionierte bei Frank dieses Mal nicht. Erstens kannte er mich viel zu gut, um darauf reinzufallen, und zweitens war er trotz alldem einer meiner besten Freunde.

Jetzt hatte er sich ausgetobt und sah uns an.

„Also, um das Ganze nochmals zusammenzufassen. Da draußen sind zwei verschiedene Gruppen Irrer unterwegs. Die Amis, die dich umlegen wollen“, dabei sah er Caroline an, „und ein paar Unbekannte“, seine Augen wanderten zu mir, „die dich um die Ecke bringen wollen. Sehe ich das richtig?“

„Ja“, kam es wie aus einem Mund.

„Bei Caroline wissen wir ja, wer sie umlegen will, aber bei dir? Hast du irgendeine Idee?“

„Mir fällt nur einer ein. Trommer.“

„Trommer? Warum sollte er das tun?“

„Wegen Beate. Meiner Meinung nach dreht Trommer komplett durch. Ihm ist die Sache so zu Kopf gestiegen, dass er nicht mehr weiß, was er tut.“

„Hat denn die Überprüfung des toten Scharfschützen etwas ergeben?“, fragte Caroline dazwischen.

„Nein. Nur dass er in unserem Strafregister völlig unbekannt ist. Den einzigen Hinweis geben ein paar Tattoos. Anscheinend hat er früher einmal in der Fremdenlegion gedient. An diese Akten kommt niemand heran.“

„Nicht gerade viel. Viele freie Söldner haben dort gedient.“

„Wie auch immer. In Zukunft erwarte ich, dass ihr die Haufberger auf Händen tragt und versucht, euch nicht umbringen zu lassen. Verstanden?“

„Ja“, Wieder antworteten wir unisono.

„Verschwindet jetzt!“

Schon Sekunden später standen wir wieder draußen vor seinem Büro.

„Wow, letztes Mal war er nicht so drauf.“

„Das ist noch gar nichts, du solltest ihn mal erleben, wenn er wirklich wütend ist.“

„Heißt das, der spielt heute nur den Bösen?“

„Der ist noch nicht mal wirklich sauer.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Genau das, was er gesagt hat. Wollen wir losen, wer von uns mit der Haufberger auf Kuschelkurs geht?“

Caroline lachte. „Lass gut sein. Hier braucht es Charme und Einfühlungsvermögen. Nichts, was du auch nur ansatzweise besitzt.“

„Danke für das Kompliment“, grinste ich zurück.

Wir teilten uns auf und mein Weg führte mich zu Randy, den ich, wo auch sonst, in seinem Büro fand. Wie üblich herrschte hier überall Chaos, eines, das nur ein Genie überblicken konnte.

„Na, klingeln die Ohren noch?“, fragte er grinsend.

„Wir haben es überlebt. Du musst etwas für mich überprüfen.“

„Schieß los.“

„Ich brauche eine Liste von allen Mitarbeitern, die in den letzten acht Monaten hierher versetzt wurden.“

„Du suchst einen Maulwurf?“

„Ganz genau.“

Randy zog die Tastatur zu sich und begann in die Tasten zu hämmern. „Woher weißt du, dass er hierher versetzt wurde und nicht schon länger da ist?“

„Das weiß ich nicht, aber eine bessere Idee habe ich nicht.“

Ich setzte mich in einen freien Stuhl und ließ ihn machen. Nach einer halben Stunde hatte er alle Sicherheitsschranken umgangen und rief mich neben sich.

„Also wir haben in den letzten acht Monaten acht neue Mitarbeiter bekommen.

Vier Wachleute, eine Köchin, zwei Verwaltungsangestellte und eine Reinigungskraft.“

„Kannst du die Personalakten aufrufen?“

„Klar.“

Sekunden später sahen wir uns die Akten gemeinsam durch.

„Hm, alles ganz normale Leute, ohne einen Bezug auf Trommer“, murmelte ich.

„Irgendwas übersehen wir…“, meinte Randy. „Warte mal, dass hier ist seltsam…“

„Was?“

„Siehst du das hier“, er zeigte auf eine Zahlenreihe am unteren Bildschirmrand, „irgendjemand hat sich Zugriff auf die Akten eines Großteils der Insassen verschafft.“

„Was genau hat er sich angeschaut?“

Randy begann einen Filter zu installieren und konnte so feststellen, welche Art von Delikten für den Eindringling interessant gewesen waren.

„Hm, was er sich nicht angeschaut hat, waren Räuber, Mörder und Diebe. Er hatte es auf Fälscher und Schwindler aller Art abgesehen.“

„Fälscher?“, die Sirenen gingen bei mir sofort an.

„Fälscher aller Couleur. Passfälscher, Urkundenfälscher, Betrüger eben.“

„Wen genau hat er sich angesehen.“

„Alle.“

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Einer der Insassen, Jarvis, hatte Beates Pass gefälscht und Sarah ins Leben gerufen. Doch Jarvis saß noch ein und konnte nichts verraten haben. Anders sah das bei Luise Pleitz aus. Sie hatte Beates Legende geliefert und war mittlerweile aus der Haft entlassen. Das Ganze war sehr beunruhigend!

„Kannst du feststellen, wer der Eindringling war?“

„Können Fische schwimmen?“

Er bearbeitete die Tastatur etwas und schon hatte er den Eindringling gefunden.

„Schon gefunden. Der Typ hat sich nicht mal große Mühe gegeben, seine Identität zu verstecken. Noch eine Sekunde, dann haben wir seine IP-Adresse.“

Auf dem Monitor rasselten die Namen nur so herunter, dann erschien der Name des Eindringlings ganz fett auf dem Bildschirm:

peter.stein@jva.mainstadt.de und dahinter stand die IP-Adresse.

„Scheiße, der Kerl ist gut“, fluchte Randy. „Er ist über deine IP ins Netz eingedrungen.“

Mir kam aber ein ganz anderer Gedanke. Was, wenn der Eindringling gar nicht verdeckt über meine IP ins Netz vorgedrungen war, sondern tatsächlich meinen Rechner benutzt hatte?

Wer hatte Zugang zu meinem Computer? Natürlich Jessika und jetzt auch Caroline.

„Versuch festzustellen, ob er wirklich eingedrungen ist, oder ob er tatsächlich meinen PC genutzt hat.“

„Werde ich tun. Ich melde mich, wenn ich was herausgefunden habe.“

„Danke, du hast wieder mal was gut bei mir.“

Auf dem Weg zurück überschlugen sich meine Gedanken. Könnte Caroline diejenige sein? Da sagte mein Kopf ganz klar nein. Sagte er das, weil ich sie begehrte? Nein! Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass sie mich heimlich hinterging. Allerdings musste ich zugeben, dass meine Urteilsfähigkeit gerade sehr getrübt war. Es gab nur einen einzigen Menschen, mit dem ich reden konnte.

„Caroline?“, fragte mich Jessika.

„Ich weiß es nicht. Ich mag sie. Noch mehr, ich begehre sie, ja verdammt, ich liebe sie! Ich genieße ihre Nähe und möchte mit ihr zusammen sein.“

„Du hattest schon immer einen speziellen Geschmack, was Frauen angeht. Jetzt willst du von mir wissen, ob du ihr trauen kannst?“

„Ja, deswegen frage ich dich. Du hast die beste Menschenkenntnis, die man haben kann. Außerdem… mit wem außer dir könnte ich reden?“

„Wenigstens muss ich deine Angebetete diesmal nicht retten. Eher dich.“ Sie lehnte sich zurück und dachte nach.

„Caroline ist eine eiskalte Killerin. Sie will die erste Geige spielen, aber ich glaube auch, dass sie ehrlich und direkt ist. Wenn, dann wird sie dich offen herausfordern, aber keine linke Tour drehen. Sie kann dir eine treue und gute Begleiterin sein. Ob sie das wird, hängt von dir ab. Bis jetzt hat sie dich noch nicht umgebracht, es besteht also Hoffnung für dich.“

„Denkst du…?“

„Peter, ich weiß es nicht… Aber ich gebe dir einen Rat. Falls sie sich jemals ernsthaft mit dir einlässt, dann halte sie fest! Eine bessere Gefährtin wirst du niemals bekommen!“

„Danke. Übrigens, pass bitte auf dich auf. Wer immer dahintersteckt, wird wissen, dass wir beide ein Team sind.“

„Ich werde schon auf mich achten.“

Nachdem sie gegangen war, rief ich bei Decker an, und bat ihn, dass einer seiner Leute Jessika zukünftig von zu Hause abholte und auch wieder nach Hause brachte. Meine Gedanken aber wanderten wieder zu Caroline. Es lag also an mir… Tja, dann sollte mir besser etwas einfallen.

 

***

 

Fibi

Heute hatte ich keine Zeit zum Kochen, also musste das Essen aus der Kantine als Mittagessen genügen. Caroline und ich waren gerade auf dem Rückweg, als Jessikas Stimme über den Hof hallte.

„PETER! HIER! SCHNELL!“, rief sie und zeigte auf den Eingang von Haus A, in dem die „schweren Mädels“ einsaßen.

Jessika führte uns durch einen Pulk von Personen, der sich im Flur vor der Gemeinschaftszelle gebildet hatte und der immer noch größer wurde.

„Was ist los?“, fragte ich sie und schob mich mit Jessika durch die Menge.

„Fibi!“

Als ich mich an den Leuten vorbeigedrängt hatte, sah ich, wie Fibi im Gesicht blutend und hysterisch weinend in einer Ecke des Gemeinschaftsraumes saß.

„Eine Gruppe Gefangener ist über sie hergefallen und hat sie zusammengeschlagen.“

„Verdammt!“ Ich war bemüht, mich unsichtbar zu machen. Der letzte, der Fibi jetzt beruhigen würde, wäre ich als Mann.

Fibi hieß eigentlich Fabienne Mehringer und war ein junges unerfahrenes Mädchen mit herrlichen rotblonden Haaren und einem Gesicht zum Verlieben. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden, als ihr Freund Pavel sie überredete, mit ihm zusammen die große Welt zu erobern. So fuhren sie mit einem dicken Wagen los, den Pavel erst kurz zuvor gestohlen hatte. Sie kamen bis zu einer Tankstelle. Während sich Fibi frisch machte, schlug Pavel den Tankstellenpächter nieder und raubte ihn aus. Mit dem Geld und vollem Tank brausten die beiden weiter.

Fibi hatte bis dahin nichts von dem Überfall mitbekommen. Über eine Nebenstrecke gelangten die beiden nach Polen und fuhren weiter auf der A2. Nahe Sidice übernachteten sie in einer besseren Baracke, frühstückten und tankten am Morgen mit dem letzten Geld und fuhren weiter gen Osten. Pavel überredete Fibi, mit ihm zu einem guten Bekannten zu fahren, der im Nachbarland lebte, und Fibi dachte sich nichts dabei. Sogar die Grenze nach Belarus passierten die beiden noch ohne Probleme. Aber Pavel machte den Fehler und raubte eine kleinere Tankstelle an der A2 aus. Wieder war Fibi auf der Toilette, als sie Tumult aus dem Verkaufsraum hörte und gerade dazukam, als Pavel den Tankwart mit dessen Waffe aus der Kasse erschoss. Bei der Flucht wurden noch zwei weitere Menschen getötet, ein Mann mit seiner schwangeren Frau.

Fibi schrie wie von Sinnen, als sie erkannte, was da geschehen war. Aber Pavel sperrte sie auf die Rücksitzbank, versetzte ihr ein paar Schläge, so dass sie dort weinend zusammengekauert liegenblieb. Mit quietschenden Reifen brauste Pavel davon.

Die Jagd auf die beiden brutalen Mörder aus dem Westen war nur kurz, aber knallhart. Mit zerschossenen Reifen drängten die Beamten Pavels Wagen in einen Graben ab. Als Pavel mit gezogener Waffe aus dem Wagen fliehen wollte, erschossen die Sicherheitspolizisten ihn kurzerhand mit ihren Maschinenpistolen. Fibi wurde brutal von dem Rücksitz gezogen und wie eine Schwerverbrecherin behandelt.

Erschwerend kam dazu, dass die schwangere Frau, die bei dem Überfall starb, die Schwester eines hohen Funktionärs war. So wurde schnell ein Urteil über Fabienne gesprochen. Aufgrund der Schwere der Tat wurde das Erwachsenenrecht verwendet. Fibi wurde schuldig befunden und sollte hingerichtet werden. Irgendwann hätte man sie erschossen und begraben, damit wäre der Fall Fibi abgeschlossen gewesen.

Eine Nachrichtenagentur bekam jedoch Wind von der ganzen Sache und brachte die Story groß heraus. Aus der Schwerverbrecherin Fibi wurde das arme kleine Mädchen, das in ihrem kurzen Leben mit dem falschen Mann zusammen war und auch noch Pech hatte. Just zu diesem Zeitpunkt tagten die Innenminister einiger europäischer und russischer Länder und eine Reporterin trug dabei den Fall Fabienne vor.

Wider Erwarten wurde der Fall tatsächlich diskutiert und man suchte eine einfache Lösung. So kam es, dass nach langen Diskussionen ein Kompromiss gefunden wurde. Fibi wurde aus Belarus nach Deutschland überstellt unter der Auflage, dass die Höchststrafe hier Verwendung fand. Daraufhin wurde sie zur JVA nach Mainstadt überstellt. Hier war Fabienne oder Fibi, wie sie von allen genannt wurde, das Küken im Trakt und alle Insassen wollten etwas von ihr. Als sich Fibi jedoch wehrte und sich nicht ihren Mithäftlingen anbot, zog sie sich den Zorn einiger „schwerer“ Mädels zu.

„Was war der Anlass?“

„Eine Mitgefangene hat behauptet, Fibi würde für dich spionieren.“

Ich stöhnte auf. „Was ist das denn für ein Schwachsinn?“

„Mir ist klar, dass es Schwachsinn ist, aber du weißt, was das heißt!“

Klar wusste ich das. Auch wenn die Geschichte erfunden war, Spitzel waren Freiwild und Fibi würde immer wieder zusammengeschlagen werden. Jetzt hatte sich auch Caroline bis zur Tür durchgekämpft.

„Wer ist sie?“

„Fabienne. Irgendeine Insassin hat behauptet, sie wäre ein Spitzel.“

Endlich kam Decker mit mehreren Beamten, unter denen auch Hannes und Johann waren, um die Ecke.

„Decker, schaff die Gefangenen zurück in ihre Zellen!“

„Ihr habt es gehört“, donnerte seine Stimme über den Flur. „Der Aufschluss ist beendet!“

Sofort begannen Decker und sein Team, die Gefangenen zu ihren Zellen zu bringen.

„Ruf Schemmlein“, bat ich Johann.

Während sich das Gewühl auflöste, ging Caroline in die Zelle und setzte sich neben Fibi in die Ecke. Als sie ihren Arm um sie legen wollte, schlug Fibi heftig um sich, doch Caroline ließ sich nicht davon abbringen und schaffte es, sie in den Arm zu nehmen. Tatsächlich beruhigte sich Fibi etwas, ließ sich von Caroline festhalten und fing laut und hemmungslos an zu weinen.

Decker hatte die Gefangenen weggeschlossen und nur er, Jessika, Hannes und ich standen noch da, wobei ich mich außerhalb der Zelle aufhielt, damit mich Fibi nicht sah, als Schemmlein ankam. Man musste ihm nichts erklären, er kannte das Geschäft, machte sich an seine Arbeit und untersuchte Fibis Verletzungen.

„Sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte er, als er wieder zu uns kam. „Prellungen und Abschürfungen. Sie hat Glück gehabt.“

„Muss sie auf die Krankenstation?“, fragte ich ihn.

„Nein. Aber ihr solltet sie im Auge behalten.“

„Danke.“

Schemmlein nickte und ging zurück auf seine Station.

„Was machen wir jetzt mit ihr?“, fragte ich in die Runde.

„Auf keinen Fall können wir sie zu den Aufschlusszeiten draußen etwas tun lassen. Keine Gemeinschaftsveranstaltungen und auch kein Umschluss mehr“, antwortete Hannes.

„Verlegen wir sie in den TE-Bereich“, schlug Decker vor.

„Wolfgang!“, sagte Jessika aufgebracht. „Wir können sie doch nicht in die Terrorabteilung stecken. Das geht doch nicht!“

„Dort ist sie aber sicher!“, entgegnete Decker.

„Einzelhaft kommt nicht in Frage“, entschied ich.

„Wenn du eine bessere Idee hast, dann bitte raus damit.“

„Ich übernehme das!“, sagte Caroline bestimmend. Wir drehten uns alle zu ihr um. Caroline stand mit einer zitternden Fibi da und hielt diese fest im Arm.

„Und wie…?“, wollte ich wissen.

„Sie bleibt bei uns! Sorge für ein sicheres Schloss an der Tür“, wies sie mich an, dann sah sie zu Decker. „Ich übernehme die volle Verantwortung.“

Mein Herz begann zu rasen. „OH NEIN! NICHT NOCH EINMAL!“, fuhr es mir durch den Kopf, das war etwas, was ich auf keinen Fall wollte.

Decker war hin und her gerissen, doch Carolines Augen ließen keinen Widerspruch zu. Dennoch war Decker nicht der Typ Mann, der sich einschüchtern ließ. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Jessika ihm einen leichten Schubs gab.

„Also gut! Auf deine Verantwortung!“, gab er danach widerwillig nach.

Verdammt! Das war die schlechteste Idee überhaupt, besonders jetzt, wo die Haufberger hier herumschnüffelte! Doch um ehrlich zu sein, eine bessere Idee hatte ich selbst auch nicht. Also das Ganze noch einmal! Caroline ging mit Fibi an uns vorbei und brachte sie zu unserer Wohnung. Decker drehte sich kopfschüttelnd um und winkte Hannes und Johann zu, ihm zu folgen.

„Keine Sorge Peter, Caroline weiß, was sie tut“, beruhigte mich Jessika.

Das sagte ich mir selbst auch, nur glaubte ich es?

„Was ist, wenn Fibi doch noch verurteilt wird? Lebenslang mit anschließender Sicherheitsverwahrung! Ich kann sie doch nicht bei mir wohnen lassen und dann einfach in den geschlossenen Vollzug zurückschicken! Spätestens in drei Tagen weiß jeder Insasse hier, dass Fibi ein Spitzel sein soll, und in einem Monat weiß es jeder Insasse, egal wo er einsitzt! Denkst du, Caroline würde das wirklich fertigbringen, sie einfach wieder abzuschieben?“

Jessika legte mir die Hand auf den Arm und meinte sanft: „Was sagst du immer zu mir, wenn ich mit solchen Fragen komme? Zitat: <Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist.> Zitat Ende. Also tu es diesmal auch!“

Jessika hatte gut reden, doch bis jetzt hatte sie Recht behalten. Vielleicht entschieden die Richter im zweiten Prozess doch anders. Also ging ich zur Schlosserei des Gefängnisses.

„Fuchs, Sie alter Gauner, wie geht’s?“, begrüßte ich einen der dort arbeiteten Männer.

„Soweit kann ich nicht klagen, also was kann ich für den Bad-Man tun?“

„Können Sie mein Schloss an der Wohnungstür mit einem Zellenschloss versehen?“

„Klar kein Problem. Wollen Sie sich selbst einliefern?“

„So etwas Ähnliches. Wie lange brauchen Sie dafür?“

„Zwei Tage.“

„Wie lange brauchen Sie, wenn Sie beim nächsten Einkauf einen Bonus von 100 Euro bekommen?“

„Zwei Stunden.“

„Das ist ein Wort. Wenn Sie in zwei Stunden fertig sind, bekommen sie einen Bonus von 150 Euro.“

 

***

 

Ich streichelte Fibi wie ein kleines Kind. Fibi hing an meiner Schulter, als wäre sie daran festgewachsen. Sie ließ nicht los und weinte still vor sich hin. Also setzte ich mich mit ihr auf dem Schoß auf das Bett und begann sanft und langsam ihre Haare zu streicheln. Einfach nur streicheln, ohne ein Wort zu sagen.

Es dauerte gute 10 Minuten, dann erst löste sich die Kleine von mir und schaute mich mit ihren großen verweinten Augen an.

„Die Schweine haben mir wehgetan.“ Ich streichelte weiterhin ihre Haare, nahm eine Bürste und ordnete ihre Frisur. Die Bürste sorgte für ein gleiches monotones Geräusch und ich schaute in Fibis Gesicht und zu den Haaren, dann wieder in ihr Gesicht. Fibi begann, ganz langsam wieder zu lächeln. Nach und nach trocknete sie ihre Tränen und schaute mich genauer an.

„Warum tust du das? Du bist doch eine Schließerin, eine, die uns Gefangenen einsperrt, warum tust du das also? Ich meine, es fühlt sich gut an und ich mag es, aber ich verstehe es nicht.“

„Ich tue es, weil du in erster Linie ein liebenswerter Mensch bist, dem kein Leid geschehen soll. Solange nicht alle Rechtsmittel erschöpft sind, bist du nun mal keine Mörderin, und ich sehe dir an, dass du keine bist.“

„Woher hast du das, ich meine diese Erkenntnis, das steht doch nicht auf meiner Nase, oder?“

Ich lächelte sie an und erstmals begann auch Fibi, mich freundlich anzulächeln. „Woher ich das weiß? Nun, meine Süße, ich war nicht immer nur eine Beamtin mit dieser Berufung. Ich war schon früher draußen in der wilden Welt und habe Menschen in wirklich bösen Situationen erlebt. Ich habe liebe, gute und böse, ja, sogar sehr böse Menschen erlebt und du, kleine Fibi, du bist keine Mörderin. Ich denke, du hast Potential für Dinge, an die du niemals glauben würdest, aber nicht für den Mord.“

„Und all das siehst du in mir, in meinem Gesicht, in meinen Augen?“

„All das sehe ich in deinen Augen, ja, die sprechen eine klare Sprache, die jeder lesen kann, der das auch lesen will. Und ich kann in den Menschen lesen.“

„Sag, mal“, und Fibi schaute mich von unten mit ihren großen Augen an, „darf ich deine Freundin sein, ich meine, bis die da etwas anderes entscheiden?“

„Fabienne? Du bist meine Freundin, ich werde dich rückhaltlos beschützen, wenn du bei uns bist.“

„Und wenn die beschließen, dass ich doch, ich meine, wenn die mich für immer wegzuschließen?“

„Dann werde ich das tun! Verstehst du? Ich helfe dir, am Leben zu bleiben, verteidige dich gegen jeden Angreifer, aber bei einem Schuldspruch wirst du für den Rest deines Lebens einsitzen.“

Sie schaute mich lange an, eine einsame Träne rollte über ihre Wange. Ich fing diese eine Träne mit meinem kleinen Finger auf, sie leuchtete im Licht wie ein kleiner Diamant.

„Meine Süße, komm, jetzt musst du erst einmal unter die Dusche, so geht das ja gar nicht, wie du aussiehst!“

Als Peter mit einem Karton in das Zimmer kam, war ihm gleich klar, dass sich Fibi duschte. Er gab mir den Karton mit Fibis Wäsche, schaute mich etwas zögerlich an und ich streichelte seine Wange.

„Ist schon gut, jetzt geh, das Wasser wird eben abgestellt. Ich weiß nicht, wie sie auf dich reagiert.“ Peter verließ leise das Zimmer.

Ich stand auf und ging ins Bad. Da stand dieses hübsche, junge Mädchen und trocknete sich mit einem viel zu großen Badetuch ab. Ich musste zwangsläufig lächeln. Irgendwie erinnerte sie mich an meine Mitbewohnerin Jenny aus den Staaten.

Oh ja, die liebe Jenny, sie hatte etwa das gleiche Gemüt wie Fibi und dennoch konnte sie knallhart sein. Sie konnte herrlich lieben und kurz danach hammerharte Entscheidungen treffen. Genau das sah ich auch in Fibi.

Tja, Jenny kam später bei einem Luftnotfall ums Leben, als ihr Fallschirm sich nicht öffnete. Nun stand diese kleine Fibi da und schaute mich lächelnd an. Sie kam auf mich zu und ließ das Badetuch sinken.

„Schau mal die blauen Flecken, die haben echt zugehauen diese doofen Weiber.“

Ich streichelte zart über die blauen Flecken. Ja, die Abdrücke würden noch lange zu sehen sein, aber etwas anderes übersah ich auch nicht.

Die niedliche Fibi hatte zwar nur einen relativ kleinen, festen Busen, aber ihre Nippel standen ab und sprachen so eine klare, unmissverständliche Sprache.

„Ich glaube, du bist da am Rücken noch nicht ganz sauber! Komm, lass mich dich einseifen, dann geht das besser.“ Fabienne schaute mich für einen Moment an, zitterte ein wenig und war mit einem Sprung unter der Dusche verschwunden, dann kam ihre Hand hervor und winkte mir zu.

Ehe ich zu Fibi unter die Dusche stieg, sah ich Peter, wie er zurückkam und sich an den Tisch setzte. Sein Blick war tatsächlich etwas traurig oder sogar enttäuscht, da zog ich die Scheibe zu und seifte die kleine Fibi ein. Als ich ihr die Haare einseifte und durchknetete, lehnte sie ihren Kopf auf meinen Busen. Mit langsamen, kräftigen Handbewegungen wusch ich ihre Haare und sie öffnete sich mir immer mehr.

„Du hast ein starkes Herz, ich kann es hören.“ Dann wusch ich ihr die Haare sauber, sie stellte sich auf ihre Zehen und näherte sich meinem Mund. Ich ließ sie gewähren und erhielt einen herzhaften, liebevollen Kuss. Nach einer Stunde unter der Dusche war Fibi geschafft. Schön abgetrocknet verbrachte Fibi den Rest des Tages auf der Schlafcouch, dick und warm eingewickelt. Sie entspannte sich endlich. Rasch zeigten ihre tiefen Atemzüge, dass sie fest schlief. Ich nahm Peter in den Arm und schaute ihn an, ein seltsames Funkeln war darin zu sehen. Ich konnte es nicht einordnen und brachte es mit Fibi in Verbindung.

„Also, damit eines klar ist, wenn sie einsitzen muss, dann sitzt sie, ist das klar?“ Peter nickte nur leicht.

Hinter Peters Stirn schienen die Gedanken zu rasen, dann war er wieder bei mir und lächelte mich an. „Selbstverständlich, das versteht sich doch von selbst, dass eine Verurteilte auch ihre Strafe antreten muss.“ Dabei hatte er einen leicht fragenden Blick im Gesicht.

Ob ich ihm von den gefundenen Bildern erzählen sollte? Nein, dachte ich, dafür ist es noch zu früh. Peter unterbrach mich in meinen Gedanken: „Was machen wir mit der Haufberger?“

„Wir müssen dafür sorgen, dass sie zu mir Vertrauen aufbaut, dann erfahren wir mehr. Die hat noch ganz andere Quellen, diese Informationen bekommen wir aber nur, wenn ich ihr über die Gefühlsebene näherkomme!“ Peter schaute mich fragend an.

„Ach nein, und der Bad-Man kann das alleine nicht aufbauen, oder?“ Sein Grinsen war so breit wie schon lange nicht mehr.

„Nein, zu Fransiska Haufberger kommst du nicht über diese schwanzgesteuerte Weiche.“ Dabei griff ich ihm zwischen die Beine. „Die Haufberger muss weichgekocht werden und das klappt nur, wenn ich den Weg bereite. Sie weiß etwas und dieses Wissen brauchen wir früher oder später.“

Peter schaute mich nachdenklich an und meinte: „Bei unserem Glück eher früher als später.“

„Viel früher“, begann ich und reichte Peter eine Mail, „muss ich mich aber mit diesem Mann treffen. Er ist aus der israelischen Botschaft und hat etwas für mich, das uns auch weiterbringen könnte. Ich kann ihn im Falkensteiner Hotel treffen, du kennst doch diese Absteige für Diplomaten und anderes schützenswerte Volk.“

„Wer ist das?“, fragte Peter.

„Tja“, dachte ich, „das ist Benjamin Levi, einer von Dagans besten Männern, und ein absoluter Top-Mann des Mossad. Falls das nicht reicht, um dich zu überraschen, er arbeitet auch noch mit mir zusammen.“ Natürlich konnte ich Peter das nicht sagen, also beschloss ich das Thema zu umgehen.

„Nenne ihn Ephrath. Er sagte mir vor Jahren, sein Name sei überflüssig und ich solle ihn Ephrath nennen. Bis ich dann erfuhr, dass der Name Überfluss bedeutet. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht und will ihn nicht kennen, aber ich vertraue ihm jederzeit mein Leben an.“ Ok, das musste genügen.

„Gut, aber du fährst nicht allein, ich komme mit!“

„Peter, vergiss es, das Falkensteiner ist eine Hochsicherheitszone, du kommst nicht mal in die Nähe des Hotels ohne Sicherheitsüberprüfung.“ Aber Peter hatte Recht, ohne es zu wissen. Meine CIA-Schatten würden mir folgen, und sobald sie ahnten, wohin ich fuhr, würden sie alle Gäste des Hotels überprüfen. Die CIA hätte durchaus die Mittel, Ben ausfindig zu machen, aber dann wäre er „verbrannt“ und könnte nicht mehr Undercover arbeiten, zumindest nicht in Europa und schon gar nicht mehr in Amerika… ich musste also meine Schatten unbedingt loswerden!

„Ich gebe Decker Bescheid und er stellt dir einen Fahrer zur Seite.“

Ich schaute ihn von der Seite her an. „Du meinst einen Aufpasser?“, grinste ich und musste innerlich lachen, Peter hatte eine verdammt gute Idee, auch wenn er nicht wusste, welche.“

Peter zuckte mit der Schulter. „Du kennst die Anweisungen von Frank!“

„Ja, aber der Typ soll mir nicht im Weg stehen.“ Damit kleidete ich mich an und verließ die Wohnung, während Peter das mit der Begleitung klärte.

 

***

 

Der Fahrer

Kurze Zeit später brauste der Dienstwagen vor.

„Hereinspaziert, Frau Miles, ich bin Hans der KvD. Wohin soll‘s denn gehen?“

Ich stieg hinten ein, und legte mich lang über den Rücksitz. „Fahren Sie erst einmal aus der Anlage und stellen Sie keine dummen Fragen!“

„Wie Sie wollen.“ Meinte Hans, schüttelte den Kopf und fuhr aus der JVA in Richtung Hauptstraße. Erst als der Wagen auf der Straße war, erhob ich mich und gab Hans das Ziel bekannt. „Wow, das Falkensteiner, da fahre ich sonst nur vorbei, mehr kann ich mir nicht leisten, aber das wird sich demnächst ändern.“

„Hat heute nicht Michael Zengler Dienst als KvD?“, fragte ich, denn dieser Kommentar hatte sofort alle meine Sinne geweckt.

„Nee, Michael hat mit mir getauscht, seine Frau bekommt ihr drittes Kind. Wissen Sie, immer diese Weiber“, murmelte er etwas vor sich hin.

Ich begann intensiv, etwas in meiner Handtasche zu suchen. Vor der Auffahrt zur Autobahn befand sich ein Tunnel, und Hans brachte den Wagen darin plötzlich auf einem Seitenstreifen zum Stehen. Dann lehnte er sich über den Fahrersitz nach hinten. Als ich fragen wollte, was das sollte, blickte ich in eine .45’er Automatikpistole.

„So, Püppchen, nun mal Butter bei die Fische. Du hast ein paar Leute zu viel aufgeknüpft und dafür soll ich dir eine Kugel in.…“

Da bellte ein Schuss auf und der Fahrer schaute überrascht, als sein Blut an die Scheibe spritzte.

„Verflixt“ sagte ich leise zu mir. „Wieder ein Kostüm ruiniert.“ Dabei schaute ich auf das Loch, das meine Beretta in den Wagen gerissen hatte. Jetzt musste ich aussteigen, den „Freizeitkiller“ aus dem Wagen ziehen und ihn in den Kofferraum packen. Dabei hoffte ich inständig, dass nicht gerade jetzt eine Polizeistreife vorbeikam. Die Glassplitter aus dem Sitz zu fädeln dauerte aber wesentlich länger, als „Hans“ in den Kofferraum zu wuchten. Dann ging die Fahrt weiter zum Falkensteiner Hotel.

Das war kein einfaches Hotel. Hier wurden häufig Diplomaten untergebracht, entsprechend hoch war der Absicherungsgrad. Über Benjamin hatte ich einen Sonderausweis bekommen und durchquerte damit problemlos die ersten drei Sperren. Unten in der Tiefgarage erfolgte dann eine vierte, wirklich gute Untersuchung, hier waren echte Profis am Werk. Dann konnte ich passieren. Mit dem Sonderausweis hielt der Fahrstuhl nur an einer ganz speziellen Etage und die Leibwächter brachten mich zu dem Zimmer. Levi hatte ein wunderschönes Zimmer, als ich die Tür leise schloss, drang aus dem Nebenraum seine wohlklingende Stimme. „Hallo Caroline, schön dich zu sehen.

„Ja, Benjamin, das tut wirklich gut.“

„Na, dann komm schon!“ lächelte er und wir umarmten uns, dann öffnete sich eine Seitentür und Ariel kam mit Ronni dazu.

„Wir müssen einiges besprechen. Du kennst Ariel und Ronni?“

„Aber sicher.“ Ich nickte den beiden zu und Ben fuhr fort. “Wie ich sehe, war die Fahrt nicht so ruhig wie gedacht. Sollen unsere Leute etwas aufräumen?“

„Ich wäre dir sehr dankbar, wenn ich nachher zurückgebracht werden könnte, auf dem Fahrersitz liegen vermutlich noch kleine Glassplitter. Der Schütze liegt im Kofferraum.“ Dabei übergab ich ihm den Wagenschlüssel, der sie an Ariel weitergab.

Endlich konnten wir uns unterhalten. Nach gut zwei Stunden fuhr mich der Fahrservice des Hotels zurück. Der beschädigte Dienstwagen mitsamt des Inhalts war von der Polizei in Empfang genommen worden. An der Pforte schauten die Jungs nicht schlecht, als ich aus einem Panzerwagen des Hotels ausstieg. Doch da waren die Information über meinen Ausflug bereits bekannt und ich sollte mich mit Peter sofort bei Frank melden.

 

***

 

Der Maulwurf

Wieder hatte Frank einen Tobsuchtsanfall und wir saßen brav vor seinem Schreibtisch. Allerdings hatten wir dieses Mal Verstärkung. Decker hatte jedes Angebot, sich zu setzen, abgelehnt und stand aufrecht und stramm neben Peter und mir.

„Wie konnte so etwas passieren?“

„Wir wissen es noch nicht. Im Moment sind wir noch dabei, alle Fakten zusammenzutragen. Alles, was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass Hans Sacker vor fünf Monaten hierher versetzt wurde.“

„Was ist mit Zengler? Hast du seine Geschichte überprüft?“ wollte Frank von Decker wissen.

„Zengler war mit seiner Frau gestern im Kreißsaal. Sie haben ihr drittes Kind bekommen und ich nehme nicht an, dass der Plan, Caroline zu ermorden, so sorgfältig geplant war.“

Frank verzog keine Miene und funkelte mich böse an, als ich unweigerlich grinste.

„Verdammt, ich erwarte, dass so eine Schweinerei nicht noch einmal vorkommt. Überprüfe jeden einzelnen unserer Männer und vergiss die Frauen nicht!“

„Tut mir leid, aber diese Anweisung werde ich nicht ausführen.“

Hatte ich mich gerade verhört? Hatte Decker tatsächlich Frank eine Abfuhr erteilt?

Eine seltsame Stille lag im Raum.

Frank fixierte Decker mit festem Blick. „Ok, bitte erkläre mir das!“

„Die Männer und Frauen, die hier Dienst tun, sind einem immensen Druck ausgesetzt. Frauen wie Fabienne sitzen zum Teil monatelang hier in der Haft. Ob man will oder nicht, man baut zu diesen Menschen eine Beziehung auf. Einen solchen Menschen schließlich in die Sicherheitsverwahrung zu bringen, führt meine Leute oft an die Grenze ihre Psyche. Es ist schwer genug, diese Arbeit zu tun, ohne dass wir offenes Misstrauen gegen unsere Leute zeigen.“

Frank schwieg. Was hätte er auch sagen sollen, Decker hatte Recht.

„Vorschlag?“

„Die zwei Chaoten da“, er zeigte auf uns, „müssen eben vorsichtiger sein. Ich habe einen „harten Kern“. Leute wie Hannes, Johann und Gratzweiler oder Helmer auf der Außenstelle, auf die ich mich 100% verlassen kann. Ich werde diese, soweit es geht, zum Schutz der beiden abordnen. Allerdings, wie wir alle wissen, beginnen morgen die speziellen Prozesse und es wird schwierig sein, eine vollständige Überwachung zu garantieren.“

Frank nickte leicht und schaute uns der Reihe nach an.

„Vorerst sorgst du dafür, dass deine sicheren Leute die Abendfahrten durchführen. Tagsüber werden die beiden schon auf sich aufpassen können.“

Ich schaute zu Peter, er sah zurück und warf mir ein leichtes Nicken zu.

„Ok, Wolfgang, du bleibst noch, ihr zwei verschwindet.“

Als wir die Tür hinter uns geschlossen hatten, seufzte Decker resigniert. „Die wussten schon wieder, wann Caroline unterwegs sein würde.“

„Unser wanzenabringender Freund scheint einen unermesslichen Vorrat an diesen Abhörgeräten zu haben. Randy findet beinahe jeden Tag welche und noch immer haben wir keinen Anhaltspunkt, wer hier drin die Dinger verteilt! Die Wanzen, die Randy findet, sind ausschließlich im Verwaltungsgebäude, nicht in den Haftgebäuden. Wer hat Zugang zur Verwaltung, aber nicht zu den Zellen?“

„Das ist schwierig“, meinte Decker, „Der irre Mac Froody ist hinter Caroline her und die ist hier in diesem Gebäude. Aber jeder, der einen Schlüssel hat, kommt in das Verwaltungsgebäude. Selbst wenn wir jeden durchsuchen, der hier hereinkommt, ist eine so kleine Wanze leicht zu übersehen, selbst für einen Profi.“

„Kann Randy denn kein Zaubergerät bauen, der die Wanze findet, bevor sie hier drin ist?“

„Nein, Randy sagt, eine ausgeschaltete Wanze mit einem Detektor aufzuspüren, ist unmöglich, wir müssen den Kerl auf frischer Tat ertappen.“

 

***

 

Fransiska Haufberger

Wir verließen Franks Büro und gingen zurück, Peter wollte noch bei Randy vorbeisehen und ich ging in Gedanken versunken zu Jessika.

„Hi Liebes, gibt es etwas Neues?“

„Oh ja, die Haufberger ist im Anmarsch, ich habe ihr einen Stapel Berichte zu den Fehlalarmen gegeben, die sie durchsehen möchte. Anscheinend will sie überprüfen, ob ihr bei ihrer Ankunft die Wahrheit gesagt habt.“

„Danke für die Warnung, dann werde ich jetzt mal die Charmeoffensive starten“, grinste ich, schnappte mir einen Stapel Akten und schon war ich unterwegs.

Vor der Tür der Haufberger stießen wir beide – zufällig – zusammen. Unsere Unterlagen flogen durch den Gang und sie half mir beim Zusammensuchen. „Oh, tut mir leid!“, seufzte ich und bückte mich, um die Akten wieder aufzuheben. „Normalerweise sind hier sonst keine weiteren Aktenträger unterwegs.“

„Ja, tut mir leid, ich habe auch nicht aufgepasst“, murmelte sie und meine Sinne schlugen Alarm. Das war nicht mehr die überhebliche Fransiska Haufberger, die mit hocherhobener Nase durch die Pforte geschritten war, also beschloss ich, die Chance zu ergreifen.

„Da haben wir aber ein ziemliches Durcheinander angerichtet“, meinte ich. Als Fransiska verwirrt schaute, wies ich auf die Akten. „Ich meine die Akten.“

„Da sind auch noch welche von mir dabei, lass uns die drinnen sortieren“, sagte sie, als ich eine ihrer Akten in meinen Stapel steckte.

Gesagt, getan. Wir legten die Akten auf den Schreibtisch und ich stellte fest, dass die Haufberger im Zimmer nichts verändert hatte. Entweder hatte sie keine Zeit oder keine Kraft gehabt, etwas umzugestalten. Erst jetzt bemerkte ich, dass ihr hübsches Gesicht Tränenspuren zeigte. Wir blickten uns kurz an und sie schaute weg.

„Hey, so können wir die Papiere aber nicht trennen, die werden ja ganz nass“, sagte ich mit einem leichten Lächeln in der Stimme und tupfte mit einem Papiertaschentuch weitere Tränen aus ihrem Gesicht. Zu dem feinen Lächeln zeigte sich jetzt auch eine leichte aufkommende Röte auf ihrem Gesicht ab. Sie hauchte ein leises „Danke“. Sanft und sachte tupfte ich ihr die Tränen ab.

„Das kann nur ein Mann getan haben, wenn es weh tut, ist meistens ein Kerl daran schuld…“, sinnierte ich so leise vor mich hin, dass sie mich gerade noch verstehen konnte und sie schluchzte leise.

Interessiert drehte sie ihren Kopf und schaute mich nachdenklich an.

„Willst du drüber reden?“, fragte ich sie und wartete auf ihre Antwort. Sie griff meine Hand mit dem Taschentuch und flüsterte mir zu: „Das tut gut…“ Dann lächelte sie mich an.

„Nein, nicht mein Freund – kennst du das? Du reißt dir den Arsch auf, um weiterzukommen. Dann wirft dir so ein Depp beleidigt die Tür vor der Nase zu, nur weil er selbst nicht schnell genug nach oben kommt?“

Ich reichte ihr meine andere Hand auch noch. „Na du – komm mal, ich sagte ja, da muss ein Kerl im Spiel gewesen sein, ist doch immer so. Hat er dich geschlagen?“

„Nein, ach wo, kein Freund, ich habe es nicht so mit Standardbeziehungen und einem Freund…“ Sie schüttelte leicht den Kopf, dabei nahm sie meine andere Hand und drückte sie zärtlich.

„Einen Freund habe ich nicht und eine Beziehung ist für mich in der Redaktion nicht möglich, das gäbe Zickenkrieg. Der Mann, mit dem ich bis eben zusammen war, hat mich nur als Betthäschen gesehen, um sich abzulenken. Ich war ihm als Mensch völlig egal. Ich habe es halt nicht so mit den Kerlen, ich mag es etwas feinfühliger.“ Dabei küsste sie meine Hand und sah mich mit ihren großen verweinten Augen tiefgründig an.

Ich schaute sie mit meinem lieblichsten Lächeln an und küsste auch ganz zart und zärtlich ihre Hand. Sie dankte es mir, indem sie meine Hand fester hielt, so, als würde sie diese nie mehr loslassen wollen. Unsere Köpfe kamen näher und ich lächelte sie an, ihr Lächeln wurde etwas zuversichtlicher. Wir streichelten uns sanft und ich liebkoste ihre Wange.

Eineinhalb Stunden später saßen wir bei einem guten Glas Wein auf dem Sofa. Wir führten die intimsten Frauengespräche und lachten gemeinsam.

„Danke, das tut gut, Caroline“, sagte sie. Ich erwiderte: „Gern, Fransiska, weißt du, an meinem alten Arbeitsplatz hatte ich eine richtig gute Freundin. Wir hatten so eine ehrliche, gute Frauenbeziehung und teilten alles miteinander und das hatte uns beiden geholfen. Außerdem war sie eine unheimlich gute Liebhaberin. Wir passten einfach wunderbar zusammen.“

Fransiska schaute mich nun neugierig an „Du meinst so richtig… mit Sex und allem, was dazugehört?“ Ich lächelte sie verwegen und tiefgründig blickend an „Ja, so richtig, mit allem, was Spaß macht. Sie war eine Südseeschönheit und gemeinsam waren wir ein großartiges Paar.

Weißt du, ich mag auch Frauen, das steht ja sogar in meiner Akte. Diese Frau aber, sie war meine beste Freundin und eine wunderbare Geliebte zugleich. Kein Mann konnte mich so verstehen und so zufriedenstellen wie sie.“

Fransiska rutschte etwas näher zu mir heran und fühlte sich noch immer etwas unentschlossen. Ich merkte deutlich, dass etwas in ihr arbeitete. Offensichtlich versuchte sie, sich innerlich zu entscheiden, was sie nun tun sollte. Schließlich schaute sie mich, immer noch meine Hand haltend an.

Ich erzählte weiter von meinen Erlebnissen und wir öffneten die zweite Flasche Wein. Dazu zauberte Fransiska kleine Käsecracker aus einem der Schränke. Inzwischen hielten wir Händchen und streichelten uns.

„Ich habe hier und auf der Arbeit keine richtigen Freunde und erst recht keine – hm – Freundin.“ Dabei schaute sie mich an, wie ein junges Mädchen beim ersten Rendezvous und erneut rollte eine dicke Träne langsam über ihre Wange herunter. Ich fing sie mit meinem kleinen Finger auf, hielt sie langsam ins Licht, so dass sie glitzerte.

„Weißt du, Fransiska, jede Träne ist verlorene Lebensenergie und die sollte nicht auf ewig weg sein.“ Das sagte ich Fransiska ins Gesicht und leckte dann die Träne mit der Zunge ab. Da begann Fransiska auf einmal entspannt und ehrlich zu lächeln.

„Ich dachte, du seist so eine herzlose, karrieregeile Henkersfrau…“ Jetzt streichelte ich über ihre zarte Wange und flüsterte ihr zu: „… und erst jetzt merkst du, dass in der karrieregeilen Frau auch eine warme Seele steckt, die genau solche Sehnsüchte und Gefühle hat, wie jeder andere Mensch auch?“

„Ja, genau, so in etwa“, antwortete Fransiska und rutschte ganz dicht neben mich heran, dichter und dichter, ja, sie hing schon halb auf meinen Schoß.

Dann begann sie leise: „Du?“

„Ja, Liebes?“ Ich schaute sie an und spürte, dass sie sich gerade öffnete.

„Mit fehlt die Liebe! Mir fehlen die Menschen, mit denen ich lieben und leben kann, und mir fehlt ganz besonders der gute Sex, den ich so sehr vermisse. Dazu das Kuscheln, einfach nur im Arm halten und sich einmal fallen lassen können, ohne die Gefahr, dass ich tief falle, das fehlt mir so.“

Ich nickte ihr zu, streichelte ihr Gesicht zart und sanft glitt meine Hand über ihre Wange. Daraufhin öffnete sie sich noch weiter.

„Einmal sich sicher fühlen. So richtig entspannt sich fallen lassen können. Dabei genau zu wissen, da gibt es jemanden, der da ist und dich auffängt. Das habe ich schon so lange nicht mehr gehabt. Ständig muss ich mich absichern, dass ich nicht falle, und ich sehne mich so nach Rückhalt.“

Ich drehte mich zu ihr, schaute sie mit meinen großen verführerischen Augen an und flüsterte: „Oftmals ist das Gute näher, als man denkt, es wird halt in der Liebe nicht geklingelt.“

Damit küsste ich sie langsam und ganz leicht auf ihre Wange, danach ebenso langsam auf die Stirn und dann erstmals leicht und zärtlich auf ihren Mund.

Sie hielt stand da, wich nicht aus, ihr Mund öffnete sich ein wenig. In ihren Augen kam dieses leuchtende, fordernde Glitzern, das dann erscheint, wenn man sich auf etwas ganz Besonderes freut. Es wurde mucksmäuschenstill. Sogar die leichte Musik schien zu verstummen.

Erwartungsvoll schaute sie mich an, öffnete ihren Mund ein wenig, nahm meine Zunge etwas entgegen. Ganz langsam begegneten sich unsere Zungen, wir umarmten uns dabei ganz leicht und endlich ließ sie mich in ihren Mund.

Der erste Zungenkuss löste jede Schranke zwischen uns.

Als hätte der Kuss ihren Gordischen Knoten gelöst, ging sie auf einmal ab wie Blücher und wir streiften uns unsere Klamotten ab. Schon fielen wir auf das Bett und ergaben uns im wunderbaren, ehrlichen, schönen Sex. Wir liebkosten uns, streichelten uns und trieben uns gegenseitig in immer höhere Wonnen.

Fransiska konnte sich endlich von ihren Sorgen lösen und ließ sich in meinen Arm fallen. Nach einer angenehmen, langen Dusche spielten wir noch eine Weile gemeinsam mit unseren Körpern und liebten uns danach noch mehrmals. Oh ja, sie war wirklich ausgehungert und ich stillte ihren Hunger auf jede Art und Weise, die sie suchte und verlangte.

Als sie bei mir später in den Armen lag und ich ihr Haar langsam durchkämmte, plauderte sie auf einmal los: „Weißt du, als ich hierherkam, sollte ich deinen Kollegen ausspionieren und dich gleich mit überwachen, weil der neue Boss euch beiden nicht traute und vor deinem großen Chef sogar Angst hat.

Aber jetzt erst erkenne ich, dass mein Auftraggeber vielleicht der eigentliche Schurke und nur an seiner eigenen Karriere interessiert ist. Ich glaube, der geht dabei sogar über Leichen.

Der Mistkerl hat mich heute tatsächlich zusammengestaucht, weil meine Reportagen nicht den gegenseitigen Interessen dienen würden. Mit gegenseitigen Interessen meint er natürlich nur seine eigenen. Der will nur schnellstmöglich Minister werden, mehr nicht.

Von dir wollte er eigentlich nur, dass du diesen Peter Stein ablöst, dann hätte er ihn schneller abschießen können. Irgendwie hat das mit einer gewissen Beate zu tun, aber die ist vor seinen Augen hier vom Dach in den Tod gesprungen. Was weißt du von dieser Beate?“

„Ich weiß nur, dass sie sich umgebracht hat, dann verbrannt wurde, es gibt wohl Zeugen und Belege, die all dies bestätigen, mehr weiß ich nicht.“

Schließlich wollte Fransiska noch meine Nummer und fragte auch, ob sie mich jederzeit besuchen oder anrufen könne. „Selbstverständlich, du darfst jederzeit durchrufen oder kommen.“ Ehe ich das Zimmer verließ, umarmte sie mich nochmals, küsste mich heftig und fragte: „Caroline, meine Liebste, darf ich deine Freundin sein, deine beste Freundin und auch deine Geliebte? Von mir wird keiner erfahren, dass wir uns lieben.“

„Oh Fransiska, ich würde mich sehr freuen, deine beste Freundin zu sein.“ Dabei gab ich ihr einen dicken Kuss. Nach meiner Versicherung ging ich aus dem Zimmer und hörte beim Weggehen von drinnen noch einen leisen Jubelruf: „Hurra, endlich wieder guten Sex.“

Dass während der ganzen Zeit unserer Zweisamkeit neben meinem Handy ein anderes ebenfalls handygroßes Gerät lag, das alle Funksignale störte und alle Aufzeichnungen blockierte, wusste Fransiska nicht und das würde sie auch von mir niemals erfahren.

Ich ging mit einem Lächeln im Gesicht zurück zu Peter. Auf dem Flur traf ich auf Jessika. Sie schaute mich freundlich an und lächelte dabei. „Na, welche Variante hast du gewählt, um sie gefügig zu machen?“

„Die Variante, die Peter neidisch machen wird“, grinste ich, als ich die Tür aufschloss. Jessica lächelte wissend in sich hinein und ich verschwand im Zimmer.

„Wie war’s, werden wir gefeuert, oder befördert?“, wollte Peter sofort wissen, als ich in die Wohnung kam.

„Warte es einfach ab.“

„Ich hasse es zu… warte mal! Du riechst nach Sex!“

Verwundert hob ich etwas den Arm und tat so, als ob ich tatsächlich an mir schnuppern würde. „Ja, du hast Recht, ich sollte unter die Dusche.“

„Du… du hast sie… du hast mit Fransiska Haufberger… Scheiße! Wir werden gefeuert!“

„Ach Peter“, seufzte ich, „keine Sorge, wir werden nicht gefeuert.“

„Was macht dich da so sicher?!“

„Ganz einfach, ich bin gut im Bett.“

„Auch bei Frauen?“

„Ganz besonders bei Frauen“, zwinkerte ich ihm zu, ließ ihn stehen und begab mich ins Bad.

 

***

 

Gedankengänge

„Sherlock“ Meyer fuhr zu dieser Zeit nach Hause.

Eine Stunde, nachdem Melissa Nablik ihn auf dem Parkplatz abfing, hatte er ihr eine SMS geschickt, in der er sie um ein Treffen bat. Bis jetzt hatte Meyer gehofft, dadurch nicht in Trommers Fokus zu rücken, indem er einfach „nicht auffiel“ und sich unsichtbar machte. Denn wer würde ihm, dem kleinen Ermittler, Glauben schenken?

Wenn jemand Trommer zu Fall bringen konnte, dann nur diejenigen, die ihn auch nach oben gebracht hatten. Die Presse! Doch Nablik hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, Trommer musste gestoppt werden, doch wie?! Die Tatsache, dass Klausen umgebracht wurde, hieß noch lange nicht, dass Trommer tatsächlich hinter dem Mord stand.

Dass er und Trommer nicht die besten Freunde waren, wusste so ziemlich jeder. Also war es logisch, dass derjenige, der Trommer schaden wollte, ihm eine solche Liste zukommen lassen würde. Sollte er zur Staatsanwaltschaft gehen, um Ermittlungen gegen Trommer einzuleiten, und es würde sich herausstellen, dass die Liste ein Fake war, wäre er am Ende und Trommer würde unangreifbar sein, egal was er tun würde.

Allerdings sagte sein Instinkt, dass die Liste kein Fake war, doch leider stellte sein Instinkt keinen Beweis dar. Da Trommer mit den herkömmlichen Methoden nicht zu schlagen war, beschloss Meyer, sich mit Nablik zu treffen. Immerhin hatte sie dieselbe Liste bekommen, was ganz sicher kein Zufall war. Vielleicht hatte sie eine gute Idee, wie man gegen Trommer ermitteln konnte, ohne dass dieser es mitbekam. Mitten in diesen Gedankengängen erinnerte sich Meyer an die Warnung, die Peter Stein ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Wer immer die beiden korrupten Arschlöcher umgelegt hatte, würde vor ihm nicht Halt machen.

Aber jetzt war es zu spät! Meyer hatte die Schnauze voll davon, wegzusehen. Dass er sich damit in Gefahr begab, war ihm klar, doch er hatte nicht vor, einfach ohne Kampf unterzugehen. Als er an einer Kreuzung vorbeikam, sah Meyer nur noch zwei helle Scheinwerfer, die ihn blendeten, dann fuhr ein anderes Auto mit großer Wucht mitten in seine Fahrerseite.

Als die ersten Streifenwagen an der Unfallstelle ankamen, konnten die Polizisten und der herbeigerufene Notarzt, nur noch den Tod beider Fahrer feststellen. Bei dem Fahrer des Wagens, der den Unfall verursachte, Gerd Fetkert, wurde später in der Gerichtsmedizin ein Wert von 2,58 Promille Blutalkohol festgestellt. Dazu kam, dass der Fahrer nicht angeschnallt war und durch die schweren Verletzungen keine Überlebenschance gehabt hatte. Auf die Idee, nachzufragen, ob der Fahrer häufig Alkohol trank, kam keiner der Ermittler. So wurde das Ganze als Alkoholfahrt mit doppelter Todesfolge in den Akten notiert.

 

***

 

Betroffenheit

„Hat Frank euch erzählt, dass Hans einer der Neuen war, die in den letzten Monaten eingestellt wurden?“, wollte Randy von mir wissen.

Nachdem Caroline meine Hilfe beim Duschen freundlich abgelehnt hatte, ging ich am darauffolgenden Morgen zu Randy, um zu erfahren, ob es in Bezug auf den Maulwurf oder dessen Wanzen etwas Neues gab. Als ich in sein Chaos eintrat, kaute er gerade genüsslich an einem Burger und hatte eine Tüte Fritten neben der Tastatur liegen.

„Es ist morgens halb sieben und du stopfst Fastfood in dich hinein?“, fragte ich ihn.

„Nach meiner Zeitrechnung ist es 2 Uhr Nachmittag, außerdem habe ich einen Mordshunger. Ich sitze hier nämlich schon seit 6 Stunden.“

„Ok, dann lass es dir schmecken“, sagte ich lakonisch. „Was denkst du, war er der Maulwurf?“

„Definitiv nein“, Randy schüttelte energisch den Kopf.

„Wieso?“

„Laut Caroline sagte Hans <Das Falkensteiner, da fahre ich sonst nur vorbei, mehr kann ich mir nicht leisten, aber das wird sich demnächst ändern.> Also habe ich mich bei der Bank eingehackt, auf die sein Gehalt überwiesen wurde.“

„Du hast dich bei einer Bank eingehackt?! Wie zum Teufel machst du so etwas?“

„Ist ein Hackergeheimnis, aber wenn du die passende Software hast, ist das kein Problem.“

„Kaufst du die im Internet?“, fragte ich ironisch.

„Ja“, antwortete er verwundert, da ich allem Anschein nach nicht wusste, woher man die passende Software bekam, um eine Bank zu hacken, „im Darknet bekommst du alles, was du für gutes Hacken brauchst.“

„Ich fasse es nicht, du bist doch ein so großes Genie! Kaufst du nur, oder verkaufst du auch?“

„Kein Kommentar, aber so ist nun mal der Markt, Bad-Man, Angebot und Nachfrage.“ Randy öffnete ein anderes Fenster auf dem Bildschirm und winkte mich heran. „Hans hatte bis vor fünf Wochen mindestens 5.000 Miese auf dem Konto. Hier“, er zeigte mir Hans Kontoauszüge, die ich überflog. Randy hatte Recht. Die Ausgaben waren eindeutig in der Überzahl und das Konto hielt sich immer am Überzugslimit. „Erst vor vier Wochen gingen dann Woche für Woche Zahlungen von 9.950 Euro auf sein Konto ein.“

„Da werden jede Woche 10.000 auf ein Konto überwiesen und niemand fragt nach?“

„Nein, der Betrag liegt unter der 10.000 Grenze. Daher interessiert das niemanden.“

„Und wieso kann Hans nicht der Maulwurf sein?“

„Wenn er es gewesen wäre, hätte er sicher schon vorher Geld bekommen.“

„Da ist was dran… außerdem hat Caroline gesagt, dass er sich ziemlich amateurhaft angestellt hat“, fiel mir ein. Randys Überlegungen hatten Hand und Fuß. Die Wanzen wiesen auf Profis hin und waren sicher schon angebracht, bevor Hans jede Woche 10.000 Euro bekam. Das hieß aber, der Maulwurf saß noch immer in unserem Garten.

„Danke. Du weißt ja…“

„Ja, ich habe schon eine Liste aufgestellt mit den Gefallen, die du mir schuldest und die wird länger und länger… Übrigens tut mir leid, das mit deinem Freund.“

„Meinem Freund?“

„Ja, dieser Polizist, der öfter hier war… Meyer.“

„Was ist mit Meyer?“, fragte ich, während sich mein Magen anfing zusammenzuziehen.

„Oh, du wusstest es noch nicht? Meyer ist gestern Abend bei einem Unfall umgekommen.“

„Ein UNFALL???“

„Ja, irgendein besoffener Ex-Knacki ist mit über zwei Promille in seinen Wagen geknallt. Meyer war sofort tot.“

Ich hatte das Gefühl, dass sich der ganze Raum um mich herumdrehte! Ein Unfall?! Scheiße! Das war alles, nur kein Unfall! Trommer hatte den letzten seiner Mitwisser erledigt! Den Letzten? Nein! Ich war noch am Leben, doch jetzt stellte sich die Frage, wie lange noch! Ich konnte nicht mal um Schutz bitten. Was sollte ich denn sagen? Etwa, dass ich Trommer hereingelegt hatte und mich der Generalstaatsanwalt deswegen umbringen will? Jetzt war ich mir sicher, dass der Anschlag auf dem Gefängnishof tatsächlich mir und nicht Caroline gegolten hatte. Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Trommer erneut zuschlagen würde!

„Danke, Randy“, murmelte ich und ließ ihn in seinem Reich zurück.

 

***

 

Achtung Aufnahme

„Was für eine miese Tarnung“, brummte Sally, während sie an sich herunterschaute.

„Ich finde, du siehst perfekt aus“, grinste Dave zuversichtlich.

Kaum hatte die Polizei den Wagen mit MacFroodys Freizeitkiller Hans im Kofferraum sichergestellt, wusste auf der anderen Seite des Atlantiks ihr Auftraggeber Burnside auch schon über den zweiten Anschlag auf Caroline Bescheid. Das zog einen neuerlichen Wutanfall und einen gewaltigen Anschiss für Mike nach sich.

„Wir müssen mit Miles reden!“, stellte Dave nüchtern fest.

„Leicht gesagt“, entgegnete Mike, „irgendwie schafft es MacFroody, Miles in der JVA abzuhören. Sobald er mitbekommt, dass wir mit Miles reden, ist der Köder nutzlos. Wir müssen sie erwischen, ohne dass es jemand mitbekommt.“

„Schließt das diesen Stein mit ein, der seit einiger Zeit immer an ihrem Rockzipfel hängt?“, wollte Share wissen.

„Ja, Stein hat Miles zwar neulich gerettet, aber das muss nicht unbedingt etwas heißen. Er könnte immer noch derjenige sein, der Miles innerhalb der JVA bespitzelt.“

„Was ist mit dem Prozess am Montag?“, fragte Sally, „jede Wette, dass Miles als Beobachterin den Prozess um das Stadion besucht. Am ersten Prozesstag wird im Gericht die Hölle los sein, Sicherheitskontrollen, Medien und Gedränge. In dem Chaos werden Mac­Froodys Killer niemals an Miles herankommen.“

„Ja, wir aber auch nicht“, meinte Chole trocken.

„Das käme auf uns an“, blickte Clifford zu Mike.

„Sally hat Recht!“, antwortete Mike, „verdammt, wir sind Profis und sollten es doch schaffen, in dem Gewühl unerkannt in das Gericht zu kommen und mit Miles zu reden!“

„Bleibt immer noch Stein“, warf Dave in den Raum, „er wird die ganze Zeit mit Miles zusammen sein.“

„Den überlasse ich dir“, lachte Mike, „überrede ihn mal, aufs Klo zu gehen, dort wird er bestimmt ohne Miles hingehen.“

„Oder auch nicht“, grinste Share, „ich meine, nach allem was man so über die beiden hört…“

Nun saßen Dave und Sally in einem Übertragungswagen eines großen amerikanischen Nachrichtensenders, während Mike, Chole und Share draußen die Augen offenhielten. Sally trug das typische Outfit einer Reporterin. Graues Kostüm mit knielangem Rock und die passenden Pumps. Dazu kam, dass Dave Sallys Aussehen verändert hatte, denn Miles kannte Sallys Gesicht mittlerweile. Wenn Miles Sally erkennen würde, wüsste sie sofort, was die Stunde geschlagen hatte und das Überraschungsmoment wäre dahin.

So schlecht wie Sally glaubte, war die Tarnung nicht, denn vor dem Gericht standen mindestens dreißig Übertragungswagen aus aller Welt. Schließlich hatte die Katastrophe im Stadion weltweit für Aufsehen gesorgt und nicht wenige Städte hatten daraufhin ihre Stadien überprüfen lassen, um eine ähnliche Katastrophe zu verhindern.

„Typisch Mann!“ Sally sah Dave strafend an. „Wie soll ich in den Dingern hier rennen?“

„Wenn es nach Plan läuft, musst du nicht rennen.“

„Mal ehrlich! Nachdem, was wir mit Miles erlebt haben, wird es kaum nach Plan laufen!“

Die Tür des Wagens ging auf und Mike kam herein. „Ist Will auf Position?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Dave. „Er hat die Scharfschützen auf den Dächern verteilt und passt auf, dass die deutschen Schützen, die ebenfalls die Dächer belagern, sie nicht sehen. Falls MacFroody tatsächlich heute zuschlagen will, hat er schlechte Karten.“

„Hm…“ Mike glaubte nicht, dass MacFroody heute zuschlagen würde, er wollte Caroline Miles nicht einfach erschießen, nein, Mike war sicher, MacFroody wollte den Tod von Miles genießen… „Ok. Lasst uns reingehen. Jetzt ist der Andrang noch nicht so groß.“

Mit Dave, Sally und ihrer „Ausrüstung“ begab sich Mike zum Eingang des Gerichtsgebäudes, Chole und Share blieben draußen. Natürlich wurden die drei gründlich durchsucht, als sie das Gericht betraten. Doch Mike und Dave waren Profis, die keine Probleme hatten, ihre Waffen in das Gebäude zu schmuggeln.

 

***

 

Weitere Beobachter

Unbemerkt von den CIA-Agenten, saß Benjamin Levi in der Wartezone des Gerichtes und sah zu, wie Mike mit den anderen das Gericht betrat. Er hockte scheinbar uninteressiert auf einer Bank und schien sich mit einem Spiel auf seinem Handy zu beschäftigen. „Die Amerikaner sind eingetroffen“, gab er an das Team 7 weiter.

Team 7 bestand aus acht hervorragenden Agenten, die wussten, wie man sich unsichtbar machen konnte und sich im Gericht verteilt hatten. Diese Männer und Frauen hatten sich in Krisen bewährt und gezeigt, dass sie ihren Verstand gebrauchen konnten. Dazu kam, dass bei diesem Einsatz alle hoch motiviert waren, denn Caroline war eine von ihnen!

„Verstanden. Gut, die werden Caroline beschatten und nach MacFroody Ausschau halten.“

„Ronni?“, fragte Ben die Leiterin von Team 8.

„Wir sind auf Position, du glaubst nicht, wie viel hier oben los ist. Auf fast jedem Dach ist einer! Entweder ein Deutscher oder ein Ami, würde mich nicht wundern, wenn die sich gegenseitig über den Haufen schießen.“

„So schlimm?“

„Es geht, die Deutschen suchen nach Attentätern, glauben aber, dass nichts passieren wird. Die Amis suchen MacFroodys Killer, wir liegen einfach still dazwischen.“

„Ich denke auch nicht, dass MacFroody hier zuschlägt, aber haltet dennoch die Augen auf.“

„Das war unnötig, uns darauf hinzuweisen“, tadelte ihn Ronni.

„Du hast Recht, sorry“, grinste Ben und blickte über das Handy wieder zu Mike, der sich den Aufzügen näherte. Auch außerhalb des Gerichtgebäudes wurden die Israelis fündig!

 

***

 

Am Tag zuvor hatten Lichttechniker des Fernsehens Leitungen gezogen und jede Menge Kabel verlegt. Dass heute zwei andere Techniker als am Vortag am Gericht tätig waren, fiel nicht auf, denn die Ausweise waren echt. Kein Wunder, denn die Techniker lagen einige Straßen weiter tot in Mülltonnen versteckt.

Im Gericht und dem Vorhof des Gebäudes waren über versteckte zwanzig Kameras. Die einen sendeten direkt an die Zentrale von MacFroody, die anderen sendeten an die französische Zentrale im nahen Wäldchen. In dem Gewusel fielen die Techniker nicht auf, zumal alle Ausweise korrekt waren. Gegen Abend wurden die Arbeiten weniger, es wurde ruhiger.

Im dichten Gedränge der über 30 Übertragungswagen stand auch ein weiterer unauffälliger Wagen mit einfachen Senderkennungen. Die Parabolantennen auf dem Dach waren ausgerichtet und einige weitere Stabantennen kamen noch dazu. Einer der Techniker brummte andauernd über die schlechte Bezahlung und schraubte eine Antenne nach der anderen auf das Dach. Als Letztes kurbelte er einen Mast hoch, an dessen oberem Ende ein dunkler Kasten befestigt war. Endlich schien auch der unterbezahlte Mann zufrieden und verkroch sich im Inneren des Übertragungswagens.

Im Inneren schaute er in die zufriedenen Gesichter zweier Kollegen. „Ariel, die Signale sind gut, wir haben da aber noch was anderes gefunden. Hier sind mindestens noch zwei andere Dienste vertreten und schau einmal, was ich da ausgegraben habe.“ Gleichzeitig bediente er auf einer Konsole einige Knöpfe und auf den Bildschirmen leuchteten Bilder mit einer ungewöhnlicher Perspektive auf.

„Das sind die Amis, die haben hier offenbar mehr Kameras versteckt, als das hiesige Fernsehen auf Lager hat. Aber das da“, wieder schaltete der Kollege auf dem Pult umeinander, „das da, ist interessanter, die verwenden eine ältere Codierung als die, die wir vor einigen Jahren in Algerien auffingen. Dies scheinen Franzosen zu sein und die haben mit dem Staatsfernsehen garantiert nichts zu tun. Wir lokalisieren gerade die Senderichtung, um die beiden Standorte zu finden, das Außenteam ist noch mit der Peilung beschäftigt.“

Auf der anderen Monitorwand leuchtete auf einmal ein Landkartenausschnitt der Region auf und zwei, nein, drei rote Linien überschnitten sich im nahen Wäldchen. „Ziel 1 gefunden, das sind die Amis, wir suchen weiter nach den Franzosen.“ Kurz danach flammten drei grüne Linien auf „Aha, die Franzosen sind also tatsächlich auch da.“ Der Antennenmonteur nickte leicht. „Gut gemacht“, lobte Ariel die Techniker, „ich informiere Levi.“

 

***

 

Gerichtstermin mit Überraschung

Eine Stunde später saßen Caroline und ich im Auto und fuhren zum Gericht. Heute war Prozessauftakt und die ersten Angeklagten waren die Besitzer der Baufirma, ein Ehepaar und eine Angestellte der Rechnungsabteilung. Ihnen wurde vorgeworfen, die Abrechnungen gefälscht und auf diese Weise weniger Stahl und Beton, als vom Architekten bzw. der Statiker berechnet wurde, verbaut zu haben. Auf diese Weise soll es der Firma möglich gewesen sein, alle anderen Firmen zu unterbieten. Wie erwartet war der Andrang riesig, denn schon als wir ankamen, hatte sich vor dem Eingang eine lange Schlange gebildet. Ich ging mit Caroline an der Schlange vorbei bis zum Eingang. Dort standen acht Polizeibeamte, die jeden genau kontrollierten.

Als wir durchgehen wollten, wurden wir von einem der Beamten recht schroff an das Ende der Schlange verwiesen. Auch das Vorzeigen meines Dienstausweises konnte die Beamten nicht überzeugen, uns durchzulassen. Als ob das nicht schon genug wäre, fing eine Frau zwei Meter hinter uns an, laut zu schimpfen. „Da kann jeder kommen. Los nach hinten. Da ist das Ende der Schlange!“

Caroline wollte schon etwas erwidern, doch ich nahm sie einfach an der Hand und zog sie weiter weg vom Eingang.

„Lass sie einfach, ich habe einen Plan B“, meinte ich und zusammen ging ich mit ihr, noch immer ihre Hand haltend, um die Ecke. Dort war eine mächtige Stahltür mit Kamera und Klingel.

„Was ist das hier?“

„Hier werden die Gefangenen aus der JVA hergebracht, die Tür führt zum Zellentrakt des Gerichts“, erklärte ich, klingelte und lächelte in die Kamera. „Weißt du, es lohnt sich immer, freundlich zu den Leuten zu sein.“

Einige Sekunden später ging die Tür auf und ein Beamter des Gerichts lachte mich an. „Peter, der Bad-Man. Was geht ab, alter Schwede?“, fragte der Beamte.

„Hallo, Harald“, begrüßte ich den Mann, „darf ich vorstellen, meine neue Kollegin, Frau Miles. Hör mal, die wollen uns vorne nicht durchlassen, ohne uns zu filzen, und die Schlange ist endlos lang, dürfen wir bei dir durch?“

„Klar, kommt rein.“ Harald trat zur Seite und ließ uns in den Zellentrakt eintreten. Stolz erklärte er Caroline die einzelnen Funktionen der Zellen und öffnete auch nicht besetzte Zellen, damit Caroline einen Blick hineinwerfen konnte. Schließlich brachte uns Harald zum Ausgang und wir standen in dem großen Eingangsbereich des Gerichts.

„Wie es aussieht, werden dir die Richter wieder einiges an Kundschaft schicken. Hast du die Liste der Angeklagten gesehen?“, wollte Harald wissen.

„Ja, die ist ziemlich lang. Und du, pass gut auf sie auf.“

„Du kannst dich auf uns verlassen“, verabschiedete sich Harald und schloss die Zugangstür hinter uns.

„Unglaublich“, meinte Caroline, “du kannst ja richtig nett und freundlich sein.“

„Ich bin nett!“

„Nein, bist du nicht!“, grinste sie.

„Was meinst du, wir haben noch etwas Zeit, lass uns noch einen Kaffee in der Kantine trinken“, schlug ich vor.

„Gute Idee.“

Da die Kantine im vierten Stock untergebracht war, gingen wir zum Aufzug. Auf halbem Weg kamen wir an der Frau vorbei, die sich lauthals über unseren Versuch, an der Schlange vorbeizukommen, beschwert hatte. „Auch schon da, was hat Sie denn so lange aufgehalten?“, grinste ich die Frau an.

Sie funkelte wütend, fing wieder an zu schimpfen und ihre Gekeife ertönte immer noch, als sich die Aufzugtüren bereits hinter uns schlossen.

„Ich sag es doch, du bist nicht nett.“

 

***

 

Wie immer an solchen Tagen, wurde der Aufzug von einem Beamten bewacht, um sicherzustellen, dass es auch hier keine Zusammenstöße zwischen den Beteiligten gab. Die Beamtin, die den Fahrstuhl bewachte, nickte uns freundlich zu.

„Guten Morgen, Julia.“

„Guten Morgen, Bad-Man, sorry, ich meine, guten Morgen, Herr Stein.“

„Lass dieses <Herr Stein>“, grinste ich, „das ist meine neue Kollegin Caroline Miles. Caroline, Julia ist eine der guten Seelen hier im Gericht“, stellte ich die beiden sich gegenseitig vor. Dann grinste ich Caroline an: „Siehst du, ich bin doch nett.“

Wir fuhren nach oben und betraten die Kantine, wo der Betrieb im Moment noch im erträglichen Bereich lag. Wir besorgten uns eine Tasse Kaffee und schauten uns nach einem freien Platz um, als Caroline mich anstieß. „Da drüben sitzt Fransiska Haufberger. Überlass das Reden mir!“, mahnte mich Caroline und schickte sich an, zu Fransiska zu gehen.

Diese saß an einen Ecktisch und las in der Zeitung. „Bandenkrieg? Neun Kriminelle in acht Monaten getötet“, lautete der Aufmacher. „Wenn die Kriminellen so weitermachen, brauchen sie uns Justizbeamte nicht mehr“, dachte ich mir, als ich die Schlagzeile las.

„Hallo, Fransiska“, begrüßte Caroline ihre neue Freundin. Die Haufberger sah auf und lächelte Caroline an, dann sah sie mich und ihr Lachen wurde deutlich dünner.

„Guten Tag, Herr Stein“, sagte sie mit eisiger Stimme. Es schien so, als ob Fransiska Trommers Meinung über mich einfach übernommen hatte. Doch Carolines Augen sagten mir, dass ich mich zurückhalten sollte, also erwiderte ich einfach freundlich ihren Gruß und setzte mich ohne einen weiteren Kommentar hin.

„Ich würde dir gerne einen Kuss geben, aber hier sind überall Fotografen, du bekommst ihn nachher“, dabei legte Caroline ihre Hand auf die von Fransiska. „Keine Sorge, Peter kann den Mund halten, wenn es darauf ankommt.“

Fransiska schaute mich abschätzend an und ich tat so, als ob ich ihre Hand, in der von Caroline nicht sehen würde, während ich meinen Blick über die Leute um uns herumschweifen ließ.

„Kommt ihr auch, um den Prozess zu beobachten?“, fragte Fransiska Caroline.

„Ja, wir wollen uns ein Bild von den Angeklagten machen“, antwortete sie.

Die Frauen fingen an zu plaudern, während ich die Leute in der Kantine beobachtete. Die meisten hatte ich schon einmal gesehen, Leute, die hier im Gericht arbeiteten, Polizisten, die sich an Kontrollen erinnern sollten, die über ein Jahr zurücklagen, Reporter… aber es gab auch fremde Gesichter. Irrte ich mich oder sah die Frau an der anderen Wand ab und an zu uns?

„Peter?“, riss mich Caroline wieder zurück und sah mich an.

„Ja?“

„Fransiska wollte wissen, ob du dir immer die Angeklagten ansiehst?“

„Oh sorry, ich war mit meinen Gedanken woanders. Nein, nicht immer, bei solchen Ereignissen allerdings schon. Ich weiß gerne vorher, was mich erwartet, denn meistens beginnt die – ich nenne es mal so – juristische Schlammschlacht erst nach der Einlieferung in die JVA.“

„Wann waren Sie das letzte Mal hier“, fragte Fransiska.

„Letztes Mal war ich als Sachverständiger hier, bei diesem Termin ging es um eine ehemalige Kollegin.“

„Tanja Schiller?“

„Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“

„War das nicht auch der Tag, an dem Beate Fischer verurteilt wurde?“, bohrte sie weiter.

„Ich glaube ja, doch war ich bei diesem Prozess nicht dabei.“

„Was ist mit Frau Fischer passiert?“

„Sie wissen es. Ihr Freund hat sie dazu gebracht, vom Dach zu springen! Ende der Geschichte.“

„Er glaubt Ihnen nicht, im Gegenteil! Herr Trommer ist davon überzeugt, dass diese Fischer noch lebt und er ist auch nicht mein Freund.“

„Nun, er selbst hat sie von Dach springen sehen und anschließend zwei Stunden neben ihrer Leiche gestanden, während Sie und die anderen Vertreter der Presse ihn als tragischen Helden gefeiert haben. Mehrere Beamte und Mitarbeiter haben gesehen, wie man Frau Fischers Leiche abtransportiert hat. Ein Untersuchungsausschuss hat sich des Todes von Frau Fischer angenommen und mir dabei nachträglich noch einen Einlauf verpasst. Aber wissen Sie was? Hier geht es nicht um Beate Fischer.“

„Ach ja? Um was geht es denn?“

„Sagt Ihnen der Name Petra Strass etwas?“ Natürlich wusste Fransiska Haufberger, wer Petra Strass war. Schließlich hatten sie und ihre Kollegen von der Presse durch ihre Berichterstattung dazu beigetragen, dass Petra Strass zur meistgehassten Frau der Republik wurde. Dennoch tat die Haufberger so, als ob sie nachdenken müsse.

„War die nicht auch an dem Prozess beteiligt?“

„Petra Strass hatte Beates Mann angestiftet, sein eigenes Kind umzubringen. Dummerweise hatte sie mit diesem Plan auch ihren Geliebten verloren. Um sich zu rächen, hat sie sich einen neuen „Liebhaber“ gesucht.“ Ich ließ die Worte einen Moment wirken.

„Der neue „Liebhaber“ hat Beate dann verurteilen lassen. Als sich später herausstellte, dass Beate unschuldig und die Strass beteiligt war, hat Trommer seine Geliebte abgeschossen, ohne zu zögern. Er hat sie wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilen lassen, und ich wette, Trommer hatte bei der Urteilsverkündung eine riesengroße Latte. Um seine Beteiligung zu vertuschen, hat er danach Beate dazu gedrängt, vom Dach zu springen. Das alles nur, um schnell weiter nach oben zu kommen.

Statistisch gesehen ist ein sehr großer Teil der Beteiligten dieser Vorgänge in den letzten Monaten ums Leben gekommen. Sie sollten also bei der Wahl Ihrer Freunde vielleicht etwas vorsichtiger sein!“

Fransiska, die während meiner Rede immer blasser wurde, starrte mich böse an, während ihre Hände zu zittern begannen. Schnell hielt Caroline ihre Hand, während mich ihre Augen anklagend ansahen. Das hieß wohl, dass es Zeit war, etwas freundlicher zu werden.

„Hören Sie, Fransiska, Sie halten mich wahrscheinlich für ein unsensibles Arschloch, weil ich Ihnen so etwas erzähle, aber ich schwöre, genau so war es.

Bitte… seien Sie einfach vorsichtig und passen Sie gut auf sich auf. Gutaussehende Reporterinnen wie Sie, die dazu auch noch richtig gute Artikel schreiben können, gibt es nicht allzu oft.“

Fransiska liefen die Tränen über das Gesicht, allerdings konnte ich nicht sagen, ob es Wut oder Trauer war. „Ich muss mich wieder zurecht machen. Wir sehen uns unten“, krächzte sie mit brüchiger Stimme, stand auf und Caroline ergriff nochmal ihre Hand.

„Ich werde heute Abend bei dir vorbeischauen, wenn ich darf?“, fragte sie Fransiska, die nur nickte.

„Gerne, bis später“, Fransiska zog ihre Hand zurück und ging in Richtung der Toiletten.

„Wie kann ein so unsensibles Arschloch wie du nur so ein Schleimer sein?“, klagte mich Caroline an. „War das wirklich notwendig?“

„Ja, das war notwendig. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich glaube, sie ist in Gefahr. Ja, was soll ich sagen, ich bin eben ein vielseitiges Arschloch und ich bin nett.“

„Du glaubst wirklich, dass Fransiska in Gefahr ist?“

„Caroline… ja, das glaube ich. Trommer ist ein Mistkerl, der keine losen Enden gebrauchen kann. Sie hat sich mit ihm eingelassen und wenn Trommer sie nicht mehr braucht, oder schlimmer, wenn sie für ihn irgendeine Bedrohung darstellt, dann ist sie in großer Gefahr.“

„Ok, ich denke, es wird Zeit, dass wir beide uns einmal richtig unterhalten! Das mit Fransiska werde ich heute Abend schon wieder hinbekommen und hör auf damit, du bist nicht nett!“

 

***

 

Ich schaute auf die große Wanduhr, es waren noch zwanzig Minuten, dann würde es losgehen. „Wir sollten uns auch auf den Weg nach unten machen“, schlug ich vor und gemeinsam standen wir auf und brachten das Geschirr zurück, als ich mich erneut an die nun sehr kurze Schlange bei der Kaffeeausgabe anstellte.

„Was tust du?“, fragte Caroline.

„Ich hole Julia einen Kaffee. Du weißt schon, immer freundlich sein.“

Caroline schüttelte den Kopf und wartete, bis der Automat den Kaffee ausgespuckt hatte, anschließend gingen wir zum Aufzug und ich drückte auf den Knopf.

Mit einem leise klingelnden Geräusch kündigte sich der Aufzug an, als er in der vierten Etage hielt. Die Türen öffneten sich und wir stiegen ein. „Hier, ich denke, du kannst das brauchen“, reichte ich Julia den Becher. Sie bedankte sich freundlich: „Oh, Bad-Man, danke, du weißt gar nicht, wie recht du hast.“

Eine Sekunde, bevor sich die Tür schloss, trat die Frau von der Wand gegenüber ein, die der Kleidung nach eindeutig eine Reporterin war. Sie lächelte uns kurz freundlich zu und stellte sich vor die Innentür neben Julia, mit dem Rücken zu uns, so dass wir ihr Gesicht nur für wenige Sekundenbruchteile sehen konnten.

Gerade, als der Aufzug das dritte Stockwerk erreichte, brach Julia plötzlich zusammen! Der Becher mit dem Kaffee fiel ihr aus der Hand und landete auf dem Boden, wo der Kaffee eine große Lache bildete. Ich versuchte noch, Julia aufzufangen, als die Tür aufging und zwei Männer eintraten. Das alles war zeitlich perfekt abgestimmt und bevor Caroline ihre Waffe ziehen konnte, schauten wir beide in die Mündungen von drei Waffen.

Die Frau hatte eine Waffe direkt auf Carolines Kopf gerichtet, der erste Typ auf ihre Brust, während der Zweite mit seiner Kanone direkt auf mich zielte. Der Aufzug fuhr an, doch bevor der Aufzug den zweiten Stock erreichte, drückte der erste Mann den Not-Halt.

„Ganz ruhig, Frau Miles, wir wollen nur mit Ihnen reden“, teilte uns einer der Kerle mit. „Dazu haben wir das Notsignal des Aufzugs geblockt, auf dem Schaltpult wird kein Not-Halt angezeigt. Wir sind also ganz unter uns.“

Der Erste fasste unter Carolines Blazer und zog ihre geliebte Beretta aus dem Holster.

Der Zweite war deutlich grober mit mir, als er mir die SIG abnahm.

„Ich rede ungern mit einer Waffe im Gesicht“, entgegnete Caroline kühl.

„Also schön“, der Wortführer gab den anderen ein Zeichen. Diese senkten ihre Waffen etwas, allerdings ohne sie wegzustecken, sie zielten nur nicht mehr auf unsere Gesichter. „Das ist nicht persönlich gemeint, aber wir kennen Ihre Ausbildung.“

„Was ist mit der Beamtin?“, wollte Caroline wissen.

„Sie ist nur betäubt und wacht in 15 Minuten wieder auf.“

„Und was jetzt?“

„Unten in der Tiefgarage steht ein Wagen, in den werden wir vier jetzt einsteigen“, er nickte Nr. 2 zu, der eine Spritze aus der Tasche zog.

Vier?! Da ich nicht glaubte, dass einer der drei hierbleiben würde, hieß das wohl, dass ich nicht mitkommen sollte und dass die Spritze für mich bestimmt war. Caroline schien meine Gedanken zu lesen.

„Wie stellen Sie sich das vor? Unten stehen Hunderte von Leuten und jede Menge Polizisten. Glauben Sie im Ernst, dass Sie da ungesehen durchkommen?“

„Ja, denn Ihr Kollege wird keinen Laut von sich geben.“

„Wollen Sie mir die Spritze verpassen?“, fragte ich dazwischen.

„Das ist der Plan, keine Sorge, ich gebe Ihnen mein Wort, dass Sie lediglich für eine Viertelstunde ausgeschaltet sind. Nebenwirkungen gibt es auch keine.“

„Wissen Sie was, Sie sagten, Sie wollten mit uns reden. Ich würde vorschlagen, ich komme einfach mit.“

„Nein!“

„Das was Sie bereden wollen, betrifft auch sicher dienstliche Belange. Als Chef von Frau Miles bestehe ich daher darauf mitzukommen.“

Der erste sah den zweiten an, der mir daraufhin die Spritze geben wollte. Doch ich wehrte seinen Arm ab und so verpasste er mir einen heftigen Schlag ins Gesicht. Obwohl ich den Schlag vorausgeahnt hatte, konnte ich nicht ganz ausweichen, und fiel mit aufgeplatzter Lippe nach hinten auf Julia. „Sie machen es sich nur unnötig schwer!“, sagte Nr. 1 der Fremden.

Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit auf Caroline, um sie am Eingreifen zu hindern, und die Waffen zielten wieder auf unsere Gesichter. Das war ein böser Fehler! Ich war kein Agent oder Spion, aber ich war angepisst! So etwas ging immer schlecht für meinen Gegner aus!

Langsam stand ich wieder auf. „Gutes Argument, um dabei zu bleiben.“ Jetzt stand ich wieder vor der Nummer 1 und wischte mir mit der linken Hand das Blut vom Mund ab.

„Halten Sie jetzt still?!“

„Nein! Ich habe eine bessere Idee!“

KLICK!

Es war das hässliche Klicken einer Waffe, die entsichert wurde.

Beim Zurückfallen hatte ich mich absichtlich auf Julia fallen lassen. Als mein Körper diesen Arschlöchern dann die Sicht versperrte, hatte ich Julias Pistole aus dem Seitenholster gezogen und die drückte ich dem Ersten jetzt fest in seine Eier. Der erstarrte und die Frau beging den Fehler, nicht auf Caroline zu achten, sondern in den Spiegel der gegenüberliegenden Fahrstuhlwand zu schauen.

Weniger als eine halbe Sekunde später bohrte sich eine kleinkalibrige Pistole, die Caroline aus ihrem Ärmel gezogen hatte, mitten in ihre Nase.

„Wenn wir beide draufgehen, dann nehmen wir euch alle drei mit. Klarer Punktsieg!“, sagte ich zu dem Ersten.

Eine unendlich lange Minute sagte keiner etwas, dann richtete der Erste seine Waffe ganz langsam auf den Boden, sicherte sie und steckte sie unter sein Sakko. Das war wohl das Zeichen für die anderen beiden, denn sie folgten seinem Beispiel. Als Erstes holten sich Caroline und ich unsere Waffen zurück.

„Bitte, Frau Miles, wir wollen wirklich nur reden“, presste Nr. 1 hervor. „Wir jagen MacFroody und brauchen dabei dringend Ihre Hilfe.“

MacFroody, der Mistkerl, der Caroline am Übergang ermorden wollte. und der Hans gekauft hatte? Dann waren das also diese CIA-Fuzzis!

„Gut, vergessen wir den Wagen in der Tiefgarage und gehen wir ein Stück zu Fuß“, schlug Caroline vor.

Die Amis verständigten sich untereinander und Nr.1 nickte. „Wie Sie wollen, Frau Miles.“

„Herr Stein, kommt selbstverständlich mit uns, also entleeren Sie die Spritze auf den Boden!“

„Auch das geht in Ordnung“, nickte Nr. 1 seiner Nr. 2 zu, der den Inhalt der Spritze gegen die Wand sprühte und anschließend die leere Spritze fallen ließ.

„Gut, dann werden wir uns sicher verstehen“, lächelte Caroline kalt und gab durch eine Bewegung ihres Kopfes zu verstehen, dass der Aufzug wieder in Betrieb zu setzen war. Wir stiegen im ersten Stock aus und verließen das Gericht über eine Seitentür. Draußen angekommen gingen die drei vor uns her, die Hände gut sichtbar an den Seiten. So wie es aussah, hatten sie tatsächlich eine Heidenangst vor Caroline.

Zusammen gingen wir an das nahegelegene Flussufer des Mains. Als wir eine freie Fläche erreichten, hakte sich Caroline zwischen Nr. 1 und der Frau, die rechts von ihm ging, unter, denn so würde ein Scharfschütze keine freie Schussbahn haben. Mein spezieller Freund, Nr. 2, ging zwei Schritte vor mir. Decker hatte uns immer eingetrichtert, welcher Abstand zu einem Gefangenen der Beste war, und dieses Mal hielt ich mich eisern daran. Nach ein paar Minuten erreichten wir eine einzelne Bank, die frei genug stand, um dort nicht überrascht zu werden.

„Hinsetzen!“, befahl Caroline den Amerikanern, die artig Platz nahmen.

„Ich gehe davon aus, dass gerade ein Scharfschütze auf mich anlegt?“, fragte Caroline.

„Eigentlich sind es drei… auf jeden von euch.“

Das war nicht gerade beruhigend und automatisch suchte ich nach grünen oder roten Punkten auf mir, sah aber keine…

 

***

 

Scharfschützen

Was Nr. 1, Mike, nicht wusste, war, dass auch ein Scharfschütze auf ihn angelegt hatte. Eine Agentin von Team 7 hatte ebenfalls in der Kantine gesessen und Alarm geschlagen, als Sally zu uns in den Aufzug stieg, der dann Sekunden später zwischen zwei Etagen stehenblieb. Sofort waren die Israelis ausgeschwärmt, und als sich die Seitentür öffnete, hatten vier Israelis bereits auf die Amerikaner angelegt, doch Levi behielt einen kühlen Kopf. Als er sah, wie die Amerikaner vor Caroline hergingen, wusste er, dass diese die Lage unter Kontrolle hatte.

„Achtung! Kein, ich wiederhole KEIN Zugriff! Abwarten!“

Als sich herausstellte, dass die Gruppe zum Flussufer ging, hatte Ronni ihre Scharfschützen neu positioniert.

„Uri, sie kommen in deinen Erfassungsbereich.“

„Ich habe sie“, bestätigte der und visierte die Brust von Nr. 1 an.

„Ido?“

„Ich habe die Frau im Fadenkreuz“, meldete sich der.

„Alles klar, dann nehme ich den Kerl, der vor Carolines Kollegen hergeht“, sagte Ronni und visierte Nr. 2 an.

„Was ist mit Stein? Sollen wir den auch?“

„Nein!“, entschied Levi. „Mit dem wird Caroline sicher allein klarkommen. Yael, nimm dir Team Alpha und scanne die Gegend ab, ich möchte nicht überrascht werden.“

 

***

 

Casablanca

„Also? Worüber wollen Sie reden?“, fragte Caroline.

„Sie wissen sicherlich, wer Sie töten will und warum.“

„Ja, ich weiß es nur allzu genau. John Allister MacFroody III, stellvertretender Direktor der CIA.“

„EHEMALIGER stellvertretender Direktor“, korrigierte Nr. 1. „Frau Miles, wir stecken in einer schwierigen Lage. Der Vater der Hingerichteten, war, wie schon gesagt, stellvertretender Direktor. Er war es auch, der den ersten Anschlag auf Sie in Auftrag gegeben hatte. Wie Sie sich vorstellen können, waren sowohl die deutsche als auch unsere Regierung wenig erfreut, als der Vorfall bekannt wurde.

Besonders die Regierung der Vereinigten Staaten war, nennen wir es, einfach fassungslos. Wir wurden, das muss ich leider zugeben, überrascht und überrumpelt. Als wir dann reagierten, war es zu spät und Herr Stein“, er schaute zu mir, „hatte die Situation und damit Sie gerettet. Leider besteht die Bedrohung gegen Sie noch immer.“

„Sagen Sie mir einfach, wo MacFroody ist, dann regele ich das selbst!“

Nr. 1 schaute unbehaglich drein, als er antwortete. „Nun ja… nachdem er einen Senator und dessen Frau umgebracht hat, ist er untergetaucht und momentan nicht auffindbar.“

Was??? Das konnte ich nicht glauben. Diese Typen waren von der CIA und die wussten doch alles, oder etwa doch nicht? Waren etwa alle Geschichten über die Allmacht der CIA übertrieben?

„Aber… ihr seid der verdammte amerikanische Geheimdienst!“, sagte ich fassungslos. „Ihr seid die allmächtige CIA! Ihr müsst doch in der Lage sein, euren durchgeknallten Ex-Chef zu finden.“

Das Gesicht von Nr. 1 wirkte für einen Moment beinahe amüsiert, dann wurde es tatsächlich traurig, als er mich ansah und in dieser Sekunde war er mir sogar etwas sympathisch.

„Im Gegensatz zu dem, was man sich so über die CIA erzählt, sind wir leider oder zum Glück nicht allmächtig. Dieser Mann hat viele Kontakte und er weiß diese zu nutzen. Dazu kommt, dass MacFroody sehr, sehr viel Geld hat. Er kennt das Geschäft und die richtigen Leute. Wenn er keinen Fehler macht, wird es sehr schwer sein, ihn zu finden. Außerdem hat dieser Mann nichts mehr zu verlieren, denn Frau Miles hat ja auch seine Frau auf Soulebda ausgeschaltet. Im Leben von MacFroody gibt es nur noch ein Ziel! Frau Miles zu töten.“

Caroline, die längst verstanden hatte, um was es hier ging, schüttelte abfällig den Kopf. „Sie wollen mich also als Lockvogel benutzen?“

„Lockvogel… Ein hässliches Wort, aber es ist zutreffend. Wir würden Sie rund um die Uhr überwachen und so auch für Ihre Sicherheit sorgen.“

„So wie die ganze Zeit, ich will ja keine Kritik üben, aber Sie haben es vermasselt und das gleich zweimal!“

„Das liegt leider daran, dass MacFroody es schafft, Sie innerhalb der JVA abzuhören.“

Caroline überlegte und sagte schließlich: „Gut, aber damit das klar ist. Sollte etwas geschehen, stehen Sie mir dabei nicht im Weg!“

Nr. 1 griff langsam in seine Jackentasche und holte eine Visitenkarte hervor, auf der nur eine Handynummer stand.

„Sie erreichen mich unter dieser Nummer. Zu jeder Zeit. Sie haben mein Wort, wir werden jede Aktion genau mit Ihnen absprechen und bitte… tun Sie das auch mit uns.“

„Abgemacht! Wir sehen uns“, meinte Caroline nur, als Nr. 1 aufstand und ihr die Hand reichte, die Caroline nach einem Zögern ergriff und sich anschließend wegdrehte. Ich konnte nicht anders! Ich ergriff die Hand von Nr. 1 und drückte sie lächelnd. „War schön, mit Euch zu plaudern“, sagte ich, ließ die Hand von Nr. 1 los und reichte sie der Frau. „Das ist wie in Casablanca, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, grinste ich und als Nr. 2 meine Hand ergriff, Scharfschützen hin oder her, schmetterte ich ihm die linke Faust auf die Nase, die knirschend nachgab.

„Jetzt sind wir quitt.“

Mit ein paar schnellen Schritten hatte ich Caroline eingeholt und ging neben ihr her. Schließlich raffte ich meinen Mut zusammen und nahm sie an die Hand. Caroline zog ihre Hand nicht zurück, ging neben mir her und lächelte mich von der Seite an: „Ich sagte es ja, du bist nicht nett.“

 

***

 

„He Leute, habt ihr das gesehen?“ fragte Ido, die Frau noch immer in Fadenkreuz.

„Oh ja“, antwortete Ronni. „Dieser Stein wird mir immer sympathischer.“ Durch die Übertragung des angelegten Teleobjektivs sah Levi im Gericht auf dem Handy, wie Peter Stein Hand in Hand mit Caroline entlang des Mainufers ging. Levi lächelte leicht, dann klickte die Kamera. „Ok, alle zurück auf Tauchstation!“

 

***

 

Über den Dächern lagen zwei Dreiergruppen amerikanischer Scharfschützen, die Caroline und Peter in der Zieloptik hatten, daneben die Spotter für die Zielansprachen.

Auf anderen Dächern lagen weitere Zweiergruppen, dieses Mal Israelis, und diese hatten die Amerikaner im Visier. Ein einziger Befehl und die beiden Dreiergruppen wären nicht mehr am Leben. Das war Ronni klar. Denn ihr Team suchte nach weiteren Verdächtigen. Sie waren so aufgestellt, dass sie für die Eigensicherung ein eigenes Team hatte, die mögliche weitere gegnerische Sniper aufspüren und ausschalten konnten.

 

Als Peter Stein Nr. 2 die Nase einschlug, zuckten die Amerikaner kurz zusammen und erhielten unmittelbar danach den Abzugsbefehl. Unauffällig zogen sich die Amerikaner zurück. Ronni aber ließ seine Gruppe noch in der Deckung, sie war eine alte Füchsin. Sie wusste, wenn es eine Überraschung gab, dann würde sie diese jetzt bemerken.

Tatsächlich meldete ein Team kurze Zeit später Bewegung von einem der Nachbarhäuser.

„Auf Juliet 22 Bewegung, zwei Personen tragen eine PGM Hécate weg. Ziele sind Franzosen, ich wiederhole Franzosen. Sonst keine Bewegungen.“

„Hier Alpha, verstanden, wir rücken ab.“

Levi staunte nicht schlecht bei der Erkenntnis, dass da Franzosen mitspielten, aber dieser Information war wichtig, sollte es etwa der alte Franzose sein? Wenn ja, hinter wem war er her?

Kurz danach war wieder die gewohnte Ruhe über den Dächern eingekehrt.

 

***

 

Der Prozess

Zurück im Gericht kamen wir gerade rechtzeitig, um zu hören, wie Julia, die schon wieder halbwegs fit war, zu einem der herbeigerufenen Ärzte sagte, sie hätte wohl eine Kreislaufschwäche erlitten, sonst könnte sie sich ihren Blackout nicht erklären. „He, geht’s wieder?“, wollte ich von ihr wissen.“

„Ja, danke Bad-Man, muss wohl an der schlechten Lüftung im Fahrstuhl liegen.“

„Hauptsache, dir geht’s wieder gut“, nickte ich ihr zu und ging zum Gerichtssaal zurück, um die Anklage anzuhören. Die drei Angeklagten saßen auf ihren Plätzen und hörten zu. Während die Angestellte weinend zuhörte, schaute der Chef gelangweilt im Saal umher. Die Chefin empörte sich dagegen über die Ungeheuerlichkeit, dass man es überhaupt wagte, sie anzuklagen. Die Frau war schlank, etwa 50 Jahre alt, hatte kurze schwarze Haare und trug ein asiatisch geschnittenes Kostüm. Ihr Benehmen war sogar dem Verteidiger peinlich und alle Bemühungen seinerseits, sie ruhig zu stellen, scheiterten.

„Die gehört dir“, sagte ich lachend zu Caroline.

 

***

 

Zweiter Prozesstag

Der Andrang der Öffentlichkeit am zweiten Prozesstag war genauso groß wie am ersten. Die Liste mit den Namen der Angeklagten war lang und interessant.

Der Chef, 55 Jahre alt, Dr. Ing. Hans van Streupen, war ein ergrauter fetter Kahlkopf, der seine besten Zeiten hinter sich hatte. Er schien es vorzuziehen, Videos anzusehen, anstatt selbst noch etwas zu unternehmen.

Seine Frau, 50 Jahre alt, Dr. Inge van Streupen, war eine wilde Furie, die meisterlich ihre eigene Inkompetenz so gut zur Schau stellte wie auch ihre Kleiderauswahl. Ihrer persönlichen Sekretärin, Linda Creech, eine Mittvierzigerin, sah man an, dass sie sowohl die Sexgespielin von Inge van Streupen, als auch absolut bestechlich war.

Daneben saß da die Architektin, 44 Jahre alt, Dr. Greetebrecht Helsing, die ein aufstrebenden Typ war, aber wohl nicht nein sagen konnte und daher mit den falschen Menschen gespielt hatte.

Die leitende Ingenieurin, 42 Jahre alt, Ing. FH Tabea Ruminault, wurde von der Chefin nur „die El Ih“ genannt. Diese hatte wohl zu oft „Das Boot“ gesehen, die Ingenieurin wirkte dagegen kompetent und intelligent, aber wie oft war der Reiz des Geldes stärker als die Vernunft.

Dann gab es die fesche Sicherheitsexpertin, 38 Jahre alt, Ing. FH Manuela Nauringers, die vermutlich bi und eine wirklich sexy Braut war. Wie sie ins Bild passte, konnte ich mir noch nicht erklären.

Außerdem noch der Qualitätsmanager, 46 Jahre alt, Gernot Proofbinder, der ein Versager vor dem Herrn zu sein schien. Vorschriften folgte er wohl getreu bis zum Exzess und war ebenso käuflich, wenn der Preis stimmte. In manchen Gesichtern konnte man so klar lesen.

Es folgte ein weiterer typischer Versager, Bauleiter Nummer 1, 52 Jahre alt, Dr. Peter Bauschler, der eine eigentlich ehrliche Haut zu sein schien, aber sicherlich mit genug Geld gelockt wurde, bis er nachgab. Bestechlichkeit zahlte sich noch nie aus.

Dann folgte der versagende Bauleiter Nummer 2, 48 Jahre alt. Frank-Walter Steinwender, stockschwul und er lief lieber der neusten Mode hinterher als auf seine Aufgaben zu achten.

Dann gab es Bauleiter 3, 44 Jahre alt, Jerome Kittelsberger, der wohl große Träume hatte, aber nie zu Geld kam.

Der Abschnittsleiter, 52 Jahre alt, Hannes Kalowski, schien bestechlich und zweifellos ein Sadist wie aus dem Buche zu sein.

Noch ein Abschnittsleiter, 49 Jahre alt, Ferno Babelsrieder, wohl ebenso gierig wie schleimig. Der hatte sich aber schon die Haare gerauft, vermutlich ging ihm die Katastrophe doch ziemlich nahe.

Es folgten die Vorarbeiter Günther Hegeler, 48 Jahre alt, Vorarbeiter Egon Krantzler, 45 Jahre alt, und Vorarbeiter Edgar Ruthlersberg, 44 Jahre alt. Allesamt schienen geldgierig zu sein, wie an ihrem Gebaren abzulesen war. Sie spielten ständig an ihren Uhren und Kugelschreibern herum. Das Leben anderer war ihnen egal, solange der eigene Sportwagen lief.

Interessanter wurden dann die weiteren Angeklagten, aber die waren heute noch nicht vorgeladen. Dabei handelte es sich um jene, die bei der Ausschreibung ihren Reibach gemacht hatten, und lieber den Beton zu Hause verbaut hatten als in den Wänden des Stadions. Ja, doch bereits die heute Anwesenden hatten genug Schuld auf sich geladen, das hatten die Untersuchungen bereits erbracht. Jetzt wurden die Beweise gegen sie vorgelegt, und dann war abzuwarten, wie die Urteile ausfallen würden.

Zu Peter sagte ich nur: „Die werden wohl alle bei uns einziehen, vielleicht gibt es bei der einen oder anderen ein interessanteres Ergebnis, aber die meisten werden mindestens zehn Jahre bekommen!“

Peter hatte meiner Beurteilung stillschweigend zugehört und ab und zu leicht gegrinst. Dann meinte er: „Du bist doch sicher auf diese Manuela Nauringers scharf, die überlasse ich deiner Obhut. Schau dir ihren Verteidiger an, solange der sein Geld bekommt, wird er dir die Hölle heißmachen.“

Ich lächelte nickend: „Kein Problem, ich glaube der zappelt ganz gut, sobald wir ihm den Geldhahn zudrehen.“ Ich grinste ihn frech an. „Schau dir die Chefin an, die hat den ganzen Laden gemanagt und garantiert die Strippen gezogen, aber jetzt würde sie am liebsten alles auf ihren Mann abwälzen.“

Nach gut zwei Stunden wurde für eine Stunde vertagt und ehe wir zum Aufzug kamen, stand Fransiska Haufberger mit einem besorgten Gesicht neben uns.“

„Was hast du Liebes?“, wollte ich wissen.

„Ich habe gerade gehört, dass es morgen auf dem Marktplatz eine Demonstration geben soll, ich hoffe, es bleibt alles friedlich…“

 

***

 

Der Marktplatz

„Das ist übel!“, meinte Peter, „Da steckt sicher Trommers Partei dahinter.“

„Was soll das denn heißen?!“, fauchte Fransiska.

„Dein Lover ist hier der Chefankläger und jetzt rate mal, wer bei einem Schuldspruch die Lorbeeren bekommt? Und ganz „zufällig“ gibt es eine Demo, die die öffentliche Meinung so richtig anheizen wird!“

„Die öffentliche Meinung braucht man nicht anzuheizen! Falls du es nicht bemerkt hast, die Leute stehen bereits auf Seiten der PfR!“

„Eben, und deswegen wird man morgen auch sicher hören, dass die Regierung zurücktreten soll, damit Trommer endlich das Ruder übernehmen kann.“

„Was nicht das Schlechteste wäre!“

„Weißt du, ich könnte kotzen über so viel Verlogenheit! Siehst du das nicht?! Trommer manipuliert dich, genau wie alle anderen!“

„Niemand manipuliert mich!“

„Ach ja, da findet eine Demonstration für die Opfer statt und du findest es in Ordnung, wenn diese dafür genutzt wird, politisches Kapital daraus zu schlagen?!“

„Die Demonstration morgen ist keine politische und die PfR wird daraus kein Kapital schlagen!“

„Ja, klar!“, schnaubte ich abfällig. „Die sind alle nur total betroffen und besorgt.“

„Du kannst dich ja selbst davon überzeugen, ich lade euch persönlich dazu ein, an dem Trauerzug teilzunehmen.“

„So sehe ich auch aus…“

„Wir kommen selbstverständlich!“, schaltete sich Caroline in den Streit ein.

„Was?!“ fuhr ich dazwischen. „Ich werde mich auf keinen Fall mit diesen scheinheiligen Ärschen der…“

„Wir kommen!“

„Danke, Caroline“, lächelte Fransiska, sah mich finster an und stieg in den Fahrstuhl ein.

„Was soll das?“, wollte ich wissen.

„Ich bin der Lockvogel, schon vergessen? Die bösen Amerikaner werden auf so einen Auftritt nicht vorbereitet sein, daher improvisieren sie und geben den guten Amis eine Chance, sie zu schnappen.

„Sage ich doch, auf so etwas haben die doch nur gewartet: ringsherum hohe Häuser und du direkt im Rampenlicht.“

„Gut, dann haben unsere neuen Freunde Zeit für ihre Vorbereitungen. Wer weiß, was die alles auffahren werden, dieses Mal könnte das interessant werden. Aber jetzt muss ich mir mal eben mein Näschen pudern, besorgst du uns noch zwei Tassen Kaffee, ich treffe dich dann hier wieder?“

Schon war Peter unterwegs zum Automaten und ich verschwand auf der Toilette. Am Waschbecken zog sich eine schöne Frau mit dunklem Haar den Lippenstift nach, als ich neben ihr stand. Wir lächelten uns kurz zu und die Frau legte ein Streichholzheftchen in meine Hand. „Grüße vom Onkel, du sollst dich wieder mal sehen lassen.“ Ich steckte das Heftchen ein, wusch meine Hände und gab ihr eine Serviette. „Grüße zurück, ich habe ihn lange nicht besucht, es wird Zeit.“ Damit trennten wir uns und ich lief zu Peter, der mit dampfend heißen Kaffee auf mich wartete.

Als wir den Kaffee tranken, besprachen wir, was Trommer sich wohl ausgedacht hatte, dann fuhren wir zurück. Über die Schnellstraße kommend sahen wir, als wir die große freitragende Brücke überquerten, den großen Marktplatz mit seinen angrenzenden Freiflächen.

Normalerweise fanden hier Jahrmärkte statt oder Feste wurden gefeiert und Feuerwerke abgebrannt. Der Platz war sehr groß und ideal für Trommer und alle anderen durchgeknallten Idioten, die irgendwelche Anschlagspläne hatten. Die nächsten hohen Häuser waren über achthundert Meter entfernt, die Schnellstraße, auf der wir fuhren, weniger als einen halben Kilometer. Sonst gab es keine Punkte für Scharfschützen. Peter schaute mich fragend an und ich nickte ihm zu: „Das hier ist ein Platz für Scharfschützen, genau hier.“

 

***

 

Der Plan

„Das ging ja verdammt schnell!“ brummte Mike, als er Carolines Nachricht las, morgen beim Trauerzug in der ersten Reihe neben Fransiska Haufberger zum Markplatz zu marschieren.

Die „guten“ Amerikaner staunten über die Platzwahl. Aber Dave, der eine entsprechende Ausbildung durchlaufen hatte, war sofort klar, als er die Luftbilder der Umgebung des Marktplatzes betrachtete, dass es nur einen Platz für Scharfschützen gab.

„Aber das ist ja schon morgen“, staunte Sally, “wie sollen wir da eine vernünftige Planung durchspielen?“

„Eben das ist unser Vorteil, wenn wir kaum Zeit zum Planen haben, dann werden die anderen auch keine Zeit haben“, entgegnete Mike. „Wir müssen es dieses Mal besser machen und nicht vermasseln.

 

***

 

Auch John Allister MacFroody III betrachtete die Luftbilder und die Landkarte. Zu seinem Planer Worrowitz schaute er fragend auf: „Der Platz ist Kacke, kein Haus oder Turm, der nahe genug ist, lediglich diese Autobrücke.“

„Sir, das reicht uns aus, wir haben da schnell eine Baustelle eingerichtet und arbeiten dann an der Beleuchtung der Brücke.“

„Tun Sie das, ich will die Miles publikumswirksam sterben sehen und ihre Hinrichtung soll im TV kommen.“

Jetzt zeigten sich wieder das Können und die Beziehungen von Mac Froody. Innerhalb eines halben Tages lagen die Nachmeldungen der genehmigten Baustelle bei Polizei und anderen Stellen vor. Das war das Schöne an einer solchen Verwaltungswut. Sobald die Papiere vorlagen, fragte keiner mehr nach Sinn und Zweck der Baustelle, sie war ja im Vorfeld geprüft worden, denn sonst hätte es ja keine Genehmigung gegeben.

 

***

 

Demonstrationstag

Der Marktplatz hatte sich verwandelt. Absperrungen und Markierungen trennten die Besucherbereiche untereinander ab. Hinter einer schmalen langen Mauer befanden sich die Parkplätze für die riesige Menge der Besucher, die man erwartete. An den Laternen waren Lautsprecher montiert worden und in der Mitte des Platzes stand ein gut 30 Meter breites Podest. Das Geländer war schmal genug, damit die Sicht nicht versperrt war und etwa 10 Meter seitlich stand ein Teleskopwagen mit Kabine. Trommer hatte wie immer für sich den besten Platz besorgt.

Am frühen Nachmittag ging es los. Mittlerweile hatten sich Abertausende auf dem riesigen Marktplatz versammelt. Die breite Zufahrt war freigehalten und über diese fuhr nun der Tross der Politprominenz mit den üblichen Begleitfahrzeugen vor. Oben auf der Plattform des Podestes begannen Techniker mit ihren letzten Überprüfungen, jeder Scheinwerfer wurde einzeln getestet und die Mikrofone ausprobiert.

Jetzt flammten die ersten Scheinwerfer auf, das Fernsehen hatte sich dazu geschaltet und die Kamera schwenkte auf den Trauerzug, der von der Innenstadt kommend, in Sicht kam.

 

***

 

Auf der Brücke hatte die Baustelle relativ wenig Aufsehen erregt. Oben in der zentralen Aufhängung war ein Zelt für die Monteure befestigt und ein kleines Fenster öffnete sich. Langsam wurde ein großes, schweres Scharfschützengewehr herausgeschoben, das den Marktplatz absuchte.

 

***

 

Wie Caroline es Fransiska versprochen hatte, marschierten wir in der ersten Reihe des Trauerzuges. Genau wie ich war Fransiska ziemlich wütend, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Während ich sauer auf die Ärsche der PfR war, die mit ihren lauten Rufen nach einem Regierungswechsel keinerlei Rücksicht auf die Angehörigen der Toten nahmen, war Fransiska sauer, weil ich mit meiner Vorhersage, dass genau dieser Umstand eintreten würde, Recht behalten hatte.

Als Fransiska von einer anderen Journalistin abgelenkt wurde, zog mich Caroline zur Seite. „Leg nicht den Finger in die Wunde! Sie merkt gerade, dass Trommer falschspielt und das gibt uns die Gelegenheit einen Keil zwischen die beiden zu treiben. Zeig also lieber etwas Verständnis und bleib freundlich.“

„Alles klar, ich habe verstanden“, nickte ich.

So kamen wir am Marktplatz an, wo schon eine Menge Leute auf den Trauerzug warteten.

Generalstaatsanwalt Trommer stand schon auf dem Podest und ergriff sofort das Wort, doch er überraschte mich! Anders als erwartet, zeigte er Verständnis für die Angehörigen und deren Trauer. Er versprach der Menge, dass er als Ankläger für Gerechtigkeit sorgen würde. Doch er machte auch klar, dass sein Job als Staatsanwalt gleichzeitig darin bestand, jeden für die Angeklagten entlastenden Umstand genau zu prüfen, schließlich hätte er darauf einen Eid geleistet. Trommer verlor kein einziges Wort über einen Regierungswechsel und nahm das Wort Neuwahl nicht einmal in den Mund!

Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Fransiskas Augen schmal wurden. Jetzt schien ihr klar zu werden, was Trommer hier abzog und wie er sie bis zu diesem Punkt benutzt hatte!

Der ganze Trauermarsch war sein Werk und nach diesem Tag würde die jetzige Regierung wohl keine drei Monate mehr im Amt sein!

Hin und hergerissen, ob sie diesem Mann weiter die Treue halten sollte, beschloss sie, auf jeden Fall in seiner Nähe zu bleiben. Denn sollte Trommer tatsächlich so falschspielen, wie Peter Stein es sagte, musste sie es herausfinden!

 

***

 

Keiner achtete auf das Schleppschiff, das gute 300 Meter stromaufwärts der Brücke vor Anker lag. Unter einer Abdeckung öffnete sich beidseitig ein Vorhang. Ein langes, dickes Rohr schob sich langsam nach draußen. Der mächtige Schallabsorber war auf einem Gewehr mit mehreren Optiken befestigt. Von einem Schützen war nichts zu sehen.

Die Schützin saß in einer Kabine des Schiffes und hatte drei Bildschirme vor sich, einen mit der Fernsehübertragung der Trauerfeier, einen mit Tageslicht und allen Farben und einen anderen mit Restlichtverstärkung. Neben ihr standen zwei Männer mit Teleskopen, sie unterhielten sich leise. Die Frau steuerte mittels Joysticks die festgeschraubte Waffe. Auf dem Bildschirm mit eingeblendetem Fadenkreuz waren das Zelt in der Brückenmitte und die Schützen gut zu sehen. Mit einigen roten Punkten wurden die Ziele markiert und auf dem Computer abgespeichert. Zwei Markierungen wiesen auf den Schützen, zwei auf den Beobachter, eine auf die Waffe und zwei weitere auf das zentrale Halteschloss, mit dem das Zelt in der Brückenhalterung eingeklinkt war.

Nebenan auf der Uferpromenade fuhr ein großer Traktor und zog einen schwer beladenen Wagen. In diesem Moment sah man in der TV-Ansicht, wie Trommer unter Beifall seine Rede beendete.

„Jetzt!“ Mehr war nicht nötig. Unter dem lauten Geknatter des schweren Traktors feuerte die gedämpfte Waffe los.

 

***

 

„Ich habe die Miles im Visier.“ sagte der von Worrowitz eingewiesene Scharfschütze. „Halt dich bereit, sobald die Menge klatscht, schießt du.“ Der Schütze atmete langsam weiter und betrachtete genau, was sich da auf dem Platz abspielte. Als Trommer vom Mikrofon zurücktrat, entsicherte er die Waffe.

Dann brach das Grauen über sie herein.

Von schweren Kugeln durchsiebt starben die beiden Schützen und sie bekamen gerade noch mit, wie es auch ihre Waffe zerfetzte. Das Zelt riss sich los und stürzte in die Dunkelheit. Schließlich schlug es kurz am Brückengeländer auf und fiel weiter in den Fluss. All das bekam niemand mit. Der Lärm auf dem Marktplatz und der donnernde Traktor übertönten das, was vom Bord des Schiffes ausgelöst wurde. Im Fluss trieb das Zelt noch eine Weile und versank schließlich.

 

***

 

Später in den Abendnachrichten berichtete Fransiska Haufberger ausführlich von dem Trauermarsch und vergaß auch nicht, die herausragenden Leistungen von Herrn Generalstaatsanwalt Trommer zu würdigen. Die Sendung wurde natürlich überregional ausgestrahlt und Trommer strahlte sichtlich über das ganze Gesicht, als er den Organisatoren zu der gelungenen Veranstaltung gratulierte. Doch war dieses Lachen echt?

Später klopft es an die Wohnungstür und Fransiska Haufberger schaute zu uns herein.

„Ich wollte euch nur sagen, dass Trommer einen Anruf vom Ministerium bekommen hat. Er wurde wegen seiner versöhnlichen Rede beglückwünscht, allerdings muss ich zugeben, dass ich Zweifel bekomme. Auf dem Weg zum Marktplatz haben die Leute der PfR die Stimmung aufgeheizt und am Marktplatz war kein Wort von Neuwahlen zu hören. Das muss tatsächlich jemand steuern.“

Als ich meinen Blick hob, verschränkte sie abwehrend die Arme vor der Brust. „Das heißt aber nicht, dass Trommer das steuert“, stellte sie klar.

Ein Blick von Caroline ließ mich meine Erwiderung herunterschlucken und ich überließ ihr das Feld.

„Hört mal, ihr zwei, könntet ihr euer Kriegsbeil für heute vielleicht begraben, ich habe nämlich Hunger?“

 

***

 

„Verdammter Bullshit, Wor